Leitlinienprogramm OnkologieKomplementärmedizin

7. Biologische Therapien – Komplementärmedizin

Version 2.0 · Mai 2024 · AWMF 032-055OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

Zum Komplex der biologischen Therapien gehören Vitamine, die Spurenelemente und Mineralstoffe Selen und Zink, Carnitin, Krebsdiäten und Amygdalin (welches fälschlicherweise auch als Vitamin B17 bezeichnet wird).

Es sei darauf hingewiesen, dass Vitamin- und Spurenelementprodukte nur bei Indikation eines Mangelzustands verabreicht werden. Über alle Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente hinweg gelten bei Substitution die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) und insbesondere der S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ [310]. Auch die European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) hat eine Leitlinie zu diesem Thema herausgegeben [311]. Für weitere Informationen verweisen wir auf die Erläuterungen unter 7.5 Vitamine.

Des Weiteren wurden in dieses Kapitel pflanzliche und tierische Enzyme, verschiedene Heilpflanzen (Phytotherapeutika; z.B. Aloe Vera, Granatapfel, Mistel) und sekundäre Pflanzenstoffe (d.h. extrahierte Pflanzenstoffe, wie z.B. Curcumin aus Kurkuma, Lycopin vorwiegend aus Tomatenprodukten etc.) eingeschlossen.

7.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2020

Eine Bestimmung des Serumspiegels sollte bei den folgenden Bestandteilen von Supplementen und Substituten vorgenommen werden: Vitamin B12, D, Selen. Ferner sollte eine Serumspiegel-Bestimmung erfolgen, sofern im Rahmen der Supplementation die empfohlene Dosis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gezielt überschritten wird oder eine langfristige Einnahme vorgesehen ist.

Konsens
Starker Konsens

7.1 Ketogene Diäten

7.2 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen ein systematisches Review zu Fallserien und Fallberichten und die Daten aus 3 RCTs zum Gewichtsverlauf unter einer ketogenen Diät vor. In allen Studien kommt es zu einem Gewichtsverlust, der den Kriterien des Screenings der Mangelernährung entspricht. Eine ketogene Ernährung soll nicht bei normalgewichtigen und untergewichtigen Patienten empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[312] [313] [314] [315]
Evidenztabellen (4)Erickson et. al. (2017); Cohen et. al. (2018); Freedland et. al. (2020); Khodabakhshi et. al. (2019)
7.3 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegt eine offene randomisierte Studie zur ketogenen Diät bei Patientinnen mit Ovarial- oder Endometriumkarzinom mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensqualität vor. Die Patientinnen hatten keine laufende Therapie und waren nicht untergewichtig. Es trat keine Verbesserung der Lebensqualität auf. Eine ketogene Diät sollte nicht mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensqualität empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[314]
7.4 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegt eine offene randomisierte Studie zur low carb Diät bei Patienten mit Prostatakarzinom mit biochemischem Rezidiv nach lokaler Behandlung mit dem Ziel der Beeinflussung des Progresses vor. Eine low carb Diät sollte nicht mit dem Ziel der Verlangsamung der Krankheitsprogression bei Prostatakarzinom empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens
Literatur
[312]
Evidenztabellen (1)Freedland et. al. (2020)
7.5 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegt eine offene randomisierte Studie zur ketogenen Diät bei Patientinnen mit Mammakarzinom unter neoadjuvanter oder palliativer Chemotherapie zur Machbarkeit und der Verbesserung des Überlebens vor. Eine Aussage zum Überleben ist aufgrund des kurzen Follow-ups und der kleinen Subgruppen nicht zu treffen. Eine ketogene Diät sollte nicht bei Patientinnen mit Mammakarzinom mit dem Ziel der Verbesserung des Überlebens empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[313]

Die Ketogene Diät ist eine sehr fettreiche, kohlenhydratarme (≤20 g pro Tag), eiweißbilanzierte Ernährung. Diese Diät führt dazu, dass der Energiestoffwechsel der Zellen auf die überwiegende Nutzung von Fettsäuren anstelle von Glukose umgestellt wird. Um weiterhin eine optimale Versorgung des Gehirns zu gewährleisten wandelt die Leber einen Teil der Fette in leichter „hirngängige“ Ketone um. Die zur Ketonbildung nötigen Fettsäuren können aus körpereigenen Fettpolstern oder aus der Nahrung gewonnen werden. Sind diese Ketone in Blut oder Urin nachweisbar, befindet sich der Körper in Ketose. Um eine ketogene Diät umzusetzen wird von der Aufnahme von Getreiden, Obst und stärkehaltigen Gemüse abgeraten. Die Forschung untersucht, ob eine ketogene Diät das Tumorwachstum beeinflussen kann. So wird die Theorie erforscht, dass durch die verringerte Aufnahme von kohlenhydratreichen Lebensmitteln weniger Glukose als „Treibstoff“ für das Krebswachstum zur Verfügung steht, als es durch eine kohlenhydratreiche Ernährung der Fall wäre. Es tritt zudem eine Senkung des Blutzucker- und Insulinspiegels ein, was erwünscht ist. 

Bei einer korrekt durchgeführten isokalorischen ketogenen Diät ist es trotz weitgehendem Verzicht auf Kohlenhydrate das Ziel, weiterhin genug Energie zuzuführen, um einen ungewollten Gewichtsverlust zu vermeiden. Dies ist aber in den meisten Studien nicht der Fall und ein Gewichtsverlust bei hypokalorischen Formen sogar intendiert. Die ketogene Diät ist einerseits wegen dieses Gewichtsverlustes, zum anderen aufgrund des weitgehenden Verzichtes auf Obst und Getreideprodukte und dem Risiko für einen Mangel an Mikronährstoffen umstritten. Ein Gewichtsverlust ist nach vielen Studien mit einer schlechteren Prognose assoziiert, es sei denn, er wird bewusst bei stark übergewichtigen Patienten intendiert und überwacht. Auch eine Exsikkose aufgrund von Diäten kann auftreten.

Die Recherche ergab 3 randomisiert-kontrollierte Studien, welche in diese Empfehlungen eingeschlossen werden [314][312][313]. Die untersuchten Endpunkte waren Lebensqualität bei Ovarien- und Endometriumkarzinom Patientinnen, PSA-Verdoppelungszeit bei Prostatakarzinompatienten und Gesamtüberleben bei Mammakarzinompatientinnen. Zur Formulierung einer allgemeinen Empfehlung wurde zusätzlich das systematische Review von Erickson et al. (2017) über Fallserien und Fallberichte herangezogen [315].

Allgemein

Lebensqualität bei Ovarial- und Endometriumkarzinompatientinnen (zu Empfehlung 7.3)

In der Studie von Cohen et al. (2018) wurden 73 Patientinnen mit Ovarien- und Endometriumkarzinom, von denen 45 die Studie beendeten in 2 Gruppen randomisiert [314]. Diese hielten sich für 12 Wochen an eine ketogene Diät (70[≥125g]:25[≤100g]:5[<20g] pro Tag Energie von Fett, Protein und Kohlenhydrate) oder an die American Cancer Society diet (ACS; ballastoffreich, wenig Fett). Untersucht wurde die Lebensqualität gekennzeichnet durch mentale und physische Funktionalität und das Energielevel, welches als Indikator für Fatigue betrachtet wird. Nach 12 Wochen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich mentaler Funktionalität und dem Energielevel/ Fatigue. Es zeigte sich jedoch eine bessere körperliche Funktionalität in der Gruppe der ketogenen Diät im Vergleich zur ACS-Gruppe (p = 0.04). Jedoch verschwindet dieser Effekt unter Berücksichtigung des Fettverlustes in der Analyse, was daraufhin weisen könnte, dass dies als Folge der Diät den Effekt moderiert hat. Insgesamt ist die Studie sehr übersichtlich dargestellt, jedoch verursacht durch die fehlende Angabe wichtiger Rahmenbedingungen und demographischen Variablen der Probanden, unter anderem das Krebsstadium. Statistisch gesehen ist aufgrund der fehlenden Korrektur für multiples Testen die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse anzuzweifeln. Es ist zudem ein hoher Drop-out bei fehlendem Einsatz einer Intention-to-Treat Analyse zu erwähnen.

Krankheitsprogression (zu Empfehlung 7.4)

In der Studie von Freedland et al. (2020) wurden 57 Patienten mit Prostatakarzinom in 2 Gruppen randomisiert [312]. Eine Gruppe hielt sich dann über 6 Monate an eine kohlenhydratarme Diät, während die andere Gruppe keine Veränderungen in der Ernährung durchführen sollte. Untersucht wurde die PSA- Verdoppelungszeit. Der PSA-Wert ist ein Laborparameter welcher als Indikator für den Krankheitsprogress beim Prostatakarzinom herangezogen wird. PSA-Verdoppelungszeit und Krankheitsprogress können jedoch nicht vollständig gleichgesetzt werden.

Bei einer Interim-Analyse wurden Daten von 45 der 57 Patienten ausgewertet. Es zeigte sich nach 6 Monaten kein Unterschied zwischen den Gruppen für die PSA-Verdoppelungszeit (Diät-Gruppe: 21 vs. Kontrollgruppe: 15 Monate, p = 0.446). In einer Post-Hoc Analyse wurde das Modell an demographische Variablen und eine mögliche Hämokonzentration, welche nach Ansicht der Autoren die Messung des PSA-Wertes im Sinne eines scheinbaren Anstiegs des PSA-Wertes beeinflusst haben könnte angepasst. Nur in dieser Analyse konnte dann ein Vorteil für die Diätgruppe im Sinne einer langsameren PSA-Verdoppelungszeit gefunden werden. Die Grundannahme dieser Hämokonzentration ist bei einer langfristigen Einhaltung einer ketogenen Diät wissenschaftlich nicht belegt und auch nicht in der Studie dokumentiert. Außerdem handelt es sich um eine post-hoc Analyse, welche also nicht auf vorher formulierten Hypothesen beruht, sodass das Ergebnis auch aus diesem Grund keine Beweiskraft hat. Insgesamt ist auch die Stichprobe als klein zu betrachten. Abschließend ist zu betonen, dass der Gewichtsverlust von im Schnitt 12kg bei diesen Patienten als negative Konsequenz, also Nebenwirkung der Behandlung zu betrachten ist.

Überlebenszeit (zu Empfehlung 7.5)

In der Studie von Khodabakhshi et al. (2020) wurden die Daten von 77 neoadjuvanten Patienten oder Patienten mit metastasierendem Brustkrebs ausgewertet [313]. Diese wurden zuvor in zwei Gruppen randomisiert, so dass 40 Patientinnen über 3 Monate eine Mittelkettige Triglyceride (MKT) basierte-ketogene Diät (6% Kalorien von Kohlenhydraten [CHO], 19% Protein, 20% MKT, 55% Fett; Patienten bekamen 500ml MKT-Öl von “Nutricia Company” alle 2 Wochen) und 37 Patientinnen eine Standarddiät (55% CHO, 15% Protein, und 30% Fett) über 3 Monate anwandten. Nach 3 Monaten zeigten die Patienten in der ketogenen Diät ein verringertes Körpergewicht, einen verringerten BMI und eine höhere Abnahme im Körperfett als die Probanden in der Standarddiätgruppe (p < 0.001, p < 0.001, p = 0.03). Die Studie zeigt auch eine höhere Gesamtüberlebenszeit für die 44 neoadjuvanten Patienten (p = 0.04, keine genauen Angaben zu Zeiträumen im Text gegeben, kann nur aus Abbildung abgelesen werden). Es werden keine Ergebnisse für die gesamte Stichprobe gegeben. Insgesamt liefern die Ergebnisse wenig verallgemeinerbare Ergebnisse, insbesondere aufgrund einer sehr groben Beschreibung der Rahmenbedingungen. Dies fällt insbesondere in Anbetracht des Follow-ups zur Bestimmung der Überlebenszeit auf. Der Zeitpunkt des Follow-ups ist in der Studie nicht explizit benannt. Aus der Studie geht jedoch hervor, dass bis Oktober 2018 Patientinnen rekrutiert wurden, der Artikel jedoch schon im Februar des Folgejahres eingereicht wurde. Somit waren einige Probanden nur wenige Monate in der Studie und die neoadjuvante Therapie in kurativer Absicht bei frühen Stadien teilweise erst gerade abgeschlossen. Damit ist das Gesamtergebnis der Studie als fragwürdig zu bezeichnen.

Nebenwirkungen der ketogenen Diät:

Es wird in 4 Einzelstudien und 5 systematischen Reviews von Nebenwirkungen der ketogenen Diät berichtet.

Eine der häufigsten Nebenwirkungen der ketogenen Diät ist der damit einhergehende Gewichtsverlust, wenn in der Ernährung nicht mehr genug Energie enthalten ist, um den täglichen Kalorienbedarf zu decken. Ein Gewichtsverlust kann schwerwiegende medizinische Folgen für die Patienten haben. Die in den Publikationen berichteten Gewichtsabnahmen liegen alle im Bereich der Definition der Mangelernährung bei Tumorpatienten. Eine Mangelernährung ist nachweislich mit einer schlechteren Verträglichkeit der Tumortherapie und einer teilweise deutlichen Verschlechterung der Prognose assoziiert.

Insbesondere in der Studie von Freedland et al. (2020) ist mit im Schnitt 12kg in der Diätgruppe vs. 0.5kg (p < 0.001) ein deutlicher Gewichtsverlust zu verzeichnen (Prostatakarzinompatienten) [312]. Weitere zumeist milde Begleiterscheinungen wie moderate Übelkeit, Erbrechen, Diarrhöe, Verstopfung, Kopfschmerzen, Fatigue und Asthenie traten sowohl in der Diätgruppe, als auch in der Kontrollgruppe auf. Allerdings stiegen diese Begleiterscheinungen von anfänglich 19 Fällen in der Diätgruppe kurzzeitig auf 30 Fälle an, während es in der Kontrollgruppe nur von 18 auf 19 anstieg. Insgesamt kam es in der Diätgruppe zu mehr Verstopfungen und Fatigue nur Mitte der Studie (nach 3 Monaten) als in der Kontrollgruppe. Diese Anhäufung von Fällen sank aber zum Ende der Studie wieder auf das Ausgangsniveau.

In der Studie von Cohen et al. (2018) fand ebenfalls ein Gewichts- und Körperfettverlust statt (Ovarial- und Endometriumkarzinom) [314]. In der Publikation gibt es keinerlei Informationen zu dessen Höhe oder einen Vergleich zwischen den Gruppen. Es wurden auch keine weiteren Neben- oder Wechselwirkungen beschrieben bzw. erfasst. In einer zusätzlichen Publikation zu der Stichprobe von 2019 über die Durchführbarkeit der ketogenen Diät bei Krebspatienten berichten Cohen et al. dann von geringen Nebenwirkungen der ketogenen Diät: Hunger (5x), Verstopfung (3x), Fatigue (2x), Muskelkrämpfe (2x), Diarrhöe (1x), und kalte Extremitäten (1x). Die Patientinnen der Kontrollgruppe, welche die American Society Diet befolgten, berichteten ebenfalls nur von geringen Nebenwirkungen: Hunger (2x) und Fatigue (2x).

In der Studie von Khodabakhshi et al. (2020) wurde nach 3 Monaten einer auf mittelkettigen Triglyceriden (MCT) basierten ketogenen Diät eine signifikant höhere Abnahme an Gewicht, BMI und Körperfettanteil im Vergleich zur Standarddiätgruppe gefunden (p < 0.001, p < 0.001, p = 0.03) [313]. Obwohl die folgenden Symptome von den Autoren der Studie nicht eindeutig als Nebenwirkungen der Intervention gewertet werden, waren sie dennoch Gründe für den Ausstieg der Probanden: Schwächegefühl und Hunger (3x), Schwindel und Hypoglykämie (2x), Energieverlust und hoher Ölanteil der Diät (2x). Es werden keine weiteren Angaben zu möglichen Komplikationen gemacht, jedoch berichtet, dass keine schwerwiegenden Komplikationen auftraten.

Martin-McGill et al. (2020) untersuchten in ihrer Studie die Durchführbarkeit von ketogenen Diäten bei Glioblastom-Patienten [316]. Es wird von fünf Fällen mit leichten Nebenwirkungen (CTCAE Grad 1) und 3 mit laut Autoren schwerwiegenden Nebenwirkungen (CTCAE Grad 2 und 3) berichtet. Nebenwirkungen waren: Hypokaliämie (2x), Hypernatriämie (1x), Hypokalzämie (1x) und ein partieller Krampfanfall (1x). Schwerwiegende Nebenwirkungen waren post-operative Wundinfektion (1x, CTCAE Grad 3 mit Ausstieg aus Studie), Krampfanfall (1x, CTCAE Grad 2) und Rückenschmerzen (1x, CTCAE Grad 2), von denen keine mit der Intervention assoziiert war.

Nebenwirkungen wurden zudem berichtet im systematischen Review von Erickson et al. (2017) dieses schloss 15 Fallberichte und klinische Studien ein (5 Fallberichte, 8 prospektive Studien [6x einarmig, 1x einarmig mit Crossover-Design, 1x 3-armig mit parenteraler Ernährung] und 2 retrospektive Studien) [315]. Des Weiteren im systematischen Review von Klement et al. (2020), welches 13 klinische Studien einschloss (gastrointestinale, neurologische, gynäkologische Tumore und andere Tumore) [317]; im Review von Maisch et al. (2018), das 9 Publikationen mit einer Fallserie und 8 prospektiven Fallserien bzw. Kohortenstudien einschloss (verschiedene Krebsarten) [318]; im Review von Winter et al. (2017) mit Patienten mit bösartigen Hirntumoren, dass 6 Artikel einschloss (3 Fallberichte, 2 Kohortenstudien, 1 einarmige Studien) [319] und das Review von Sremanakova et al. (2018) mit 11 eingeschlossenen Publikationen mit insgesamt 102 Patienten mit Hirn-, Rektalkrebs oder gemischten Krebsarten (3 einarmige Studien, 3 Kohortenstudien, 1 retrospektives Review, 4 Fallberichte) [320].

Die am häufigsten berichtete Nebenwirkung war Gewichtsverlust: In 4 inkludierten Studien aus Erickson et al. (2017), davon trat in einer Studie bei den Patienten ein Gewichtsverlust von durchschnittlich 4% bis 6% in 28 Tagen auf [315]. Des Weiteren in 2 inkludierten Studien aus Maisch et al. (2018), davon war der Gewichtsverlust in einer 1 Studie bei den meisten Patienten gering, nur bei 2 Patienten war der Gewichtsverlust gravierender: 1x 12,25kg (aufgrund von vorherigem Übergewicht war dies beabsichtigt) und 1x. 20,87kg (unter kalorienreduzierter ketogener Diät) [318].

Weitere häufige Nebenwirkungen waren Diarrhöe oder Verstopfung (Erickson et al., 2017 in 2 Studien [315]; Maisch et al., 2018 in 2 Studien [318]; Klement et al., 2020 in 5 Studien [317]; Sremanakova et al., 2018 in 8 und 12 von 50 Patienten über 8 Studien [320]) und Fatigue (Erickson et al., 2017 in 2 Studien [315]; Maisch et al., 2018 in 2 Studien [318]; Sremanakova et al., 2018, 16 von 50 Patienten [320]).

Weitere Nebenwirkungen waren Erbrechen (Sremanakova et al., 2018, 4 Patienten [320]); Hypoglykämie (Erickson et al., 2017, 1 Studie [315]; Klement et al., 2020, 1 Studie [317]; Sremanakova et al., 2018, 2 Patienten [320]); tiefe Beinvenenthrombose (Erickson et al., 2017 [315]; Maisch et al., 2018 [318] und Sremanakova et al., 2018 [320], je 1 Studie), Nephrolithiasis (Erickson et al., 2017, 1 Studie [315]); Hyperurikämie (Erickson et al., 2017, 1 Studie [315]; Klement et al., 2020, 1 Studie [Grad 4] [317]; Sremanakova et al., 2018, 8 von 50 Patienten [320]); Hypercholesterinämie (Klement et al., 2020, 1 Studie [317]); niedriger Carnitinspiegel (Klement et al., 2020, 1 Studie [317]); Alopezie während Radiotherapie (Maisch et al., 2018, 1 Studie [318]); Beinkrämpfe (Maisch et al., 2018, 1 Studie [318]); niedrige Lymphozytenzahl (Erickson et al., 2017, 1 Studie [315]) und Hunger, sowie starkes Verlangen nach Zucker (Klement et al., 2020 [317] und Sremanakova et al., 2018 [320], gleiche 1 Studie). Das Review von Sremanakova et al. (2018) berichtet zudem von Hyperkaliämie und Hypokaliämie bei 2 Patientinnen, zudem erlebten zwei PatientInnen Leukozytopenie [320]. Nebenwirkungen wie Ösophagitis, Anämie, Hypomagnesiämie, Knöchelödeme und Mundgeruch wurden über die Studien hinweg jeweils nur einmal berichtet. Alle in den Reviews berichteten Nebenwirkungen waren zumeist leicht bis mittelschwer.

Im dem im Review von Erickson et al. (2017) [315] eingeschlossenen Fallbericht von Nebeling und Lerner (1995) [321] (2 Fälle von fortgeschrittenem [bösartigem] Astrozytome) schlussfolgern die Autoren, dass die Diät nicht ratsam ist wenn eine Radiotherapie oder Chemotherapie durchgeführt wird, sowie bei Patienten mit Nahrungsaversionen, Nieren- und Leberproblemen, Schwindel oder Erbrechen. In der prospektiven einarmigen Pilotstudie von Rieger et al. (2014) geben die Autoren an, dass ketogene Diäten sicher sind und relativ gut vertragen werden. Allerdings haben 3 von 20 Patienten die Studie aufgrund Nebenwirkungen verlassen (rezidiviertes Glioblastom) [322].

Das systematische Review von Klement et al. (2020) konnte insgesamt mit Ausnahme einer Studie, welche einen sehr radikalen Diätansatz mit nur 8% Protein verfolgte, was zu einer Hyperurikämie führte, in keiner Studie schwerwiegende Nebenwirkungen der kohlenhydratarmen Diät feststellen [317].

Im Review von Winter et al. (2017) wurde geschlussfolgert, dass in allen eingeschlossenen Studien keine schwerwiegenden Nebenwirkungen für Krebspatienten gefunden werden konnten. Potentielle Risiken für Patienten mit relevanten metabolischen Störungen wie Diabetes mellitus, Dyslipidämie, oder Kachexie müssten hingegen noch untersucht werden [319].

Das Review von Mansoor et al. (2016), welches 11 RCTs einschloss, allerdings keine Stichprobe von Krebspatienten, schlussfolgerte als mögliche Gefahr einen Gewichtsverlust und erhöhten LDL (Low-density Lipoprotein) - Cholesterin Wert, welches einen Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen darstellen kann [323].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Ketogene Diäten wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.2 Folsäure

7.6 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 3 RCTs zur Wirksamkeit von Folsäure zur Verlängerung der Überlebenszeit oder der Vermeidung von Rezidiven bei onkologischen Patienten vor. Folsäure soll nicht zur Verlängerung der Überlebenszeit oder Vermeidung von Rezidiven bei diesen Patienten mit Folsäurespiegel im Normbereich empfohlen werden.

Für Patienten unter Pemetrexed gelten die Empfehlungen zur Gabe von Folsäure und Vitamin B12.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[324] [325] [326]
Evidenztabellen (2)Tomaszewski et. al. (2014); Tu et. al. (2018)

Folsäure beschreibt eine vitaminähnliche Substanz, die vor allem in Getreideprodukten, Leber, Brokkoli, Kartoffeln, Spinat, Erbsen und Hefe steckt. Es zählt als Vitamin aus dem B-Komplex. Folsäure kann vom Menschen selber nicht hergestellt werden, weswegen es über die Nahrung aufgenommen werden muss. Es spielt eine wichtige Rolle bei der DNA-Synthese. In der Krebsforschung wird ein Einfluss von Folsäure auf das Tumorwachstum oder das Wiederauftreten von Krebserkrankungen vermutet.

Die vorliegende Evidenz umfasst drei Kohortenstudien [324][325][326]. Hierbei wurde in jeder Studie die Folsäureeinnahme innerhalb eines Jahres vor der Diagnose einer Krebserkrankung und deren Zusammenhang mit der Mortalitätsrate oder dem Fortschreiten bzw. des Wiederauftretens der Krebserkrankung in einem Follow-up betrachtet.

Mortalität und Fortschreiten/ Rezidiv der Krebserkrankung

In der Studie von Sellers et al. (2002) wurden rückblickend die Daten von 177 Brustkrebspatientinnen untersucht, welche anfänglich 1986 (vor der eigentlichen Diagnose) einen Fragebogen über ihren Hintergrund und ihre Ernährungsgewohnheiten ausfüllten [324]. Die Studie berichtet Ergebnisse aus dem Jahr 1999. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 80 Todesfälle verzeichnet, davon 67 aufgrund des Brustkrebses. Andere Todesfälle waren begründet durch andere Krebsarten, anderweitige Krankheiten, sowie Unfälle. In der Betrachtung des Zusammenhangs der Folsäureeinnahme vor der Diagnose und dem späteren Versterben konnten keine Unterschiede gefunden werden zwischen Frauen, welche eine hohe oder niedrige Menge Folsäure zu sich nahmen. Dieses Ergebnis bleibt auch gleich, nachdem für mögliche Einflussfaktoren wie Alter, Alkoholkonsum, Krankheitsstadium, absolute Kalorienzufuhr und Östrogenrezeptor Status kontrolliert wurde. Die Gruppe im höchstem Tertil hat ein Relatives Risiko von 0.88 (95% KI: 0.44-1.76) bzw. 0.85 (mit bzw. ohne Vitaminsupplementierung) im Vergleich zur Gruppe im niedrigsten Tertil (Relatives Risiko: 1.00). Ein zusätzlicher Vergleich der Überlebenskurven mittels Log-Rank zeigte ebenfalls keine Unterschiede (p = 0.72).  Die Autoren schlussfolgern, dass die Höhe der Folsäureinnahme vor der Diagnose keinen Einfluss auf die Überlebenschancen von Brustkrebspatientinnen hat. Die Studie überzeugt durch eine gute Kontrolle für verschiedene Einfluss- und Störfaktoren, sowie einer Kontrolle der Vergleichbarkeit der beiden Gruppen (Überlebende und Verstorbene). Die Unterteilung der Höhe der Folsäureeinnahme und weiteren Einflussfaktoren in Kategorien ohne zusätzliche Angabe von Mittelwerten führt zu einem gewissen Informationsverlust, welcher allerdings in Anbetracht der sonstigen Sorgfalt der Studie zu verschmerzen ist. Allerdings gibt es keine weitere Erhebung der Folsäureeinnahme nach der Diagnose, so dass die Höhe dessen nicht in die Betrachtung miteinbezogen werden kann.

Aufgrund einer Studie kann keine fundierte Aussage über die Wirkung von Folsäure getroffen werden. Das Ergebnis der Studie von Seller et al. (2002) weist allerdings darauf hin, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Höhe der Folsäureeinahme ein Jahr vor der Krebsdiagnose und der Mortalitätsrate gibt.

In der Studie Tu et al. (2018) wurde rückblickend die Menge der Einnahme von Folsäure vor der Diagnose bei 619 Patienten ausgewertet, die an Blasenkrebs erkrankt waren [326]. Hierbei wurde untersucht, ob eine niedrige, mittlere oder hohe Einnahme von Nahrungsfolsäure (natürlich vorkommend in Nahrung), Zugesetzter Folsäure in Lebensmitteln, sowie Vitaminsupplementen oder die Gesamtmenge (Nahrungsfolsäure + Zugesetzte Folsäure + Vitaminsupplementen) einen Einfluss auf die Rückkehr oder das Fortschreiten der Krebserkrankung hat. Die Daten der Patienten wurden im Schnitt nach etwa 5.2 Jahren untersucht. Insgesamt trat der Tumor bei 303 Probanden wieder auf, während er bei 108 Probanden fortschritt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine mittlere/hohe Einnahme von zugesetzter Folsäure/Supplementen vor der Diagnose im Vergleich zu einer niedrigen Einnahme mit einem erhöhten Rezidiv-risiko (72% und 80%) der Erkrankung zusammenhängt (mittlere vs. niedrige Zufuhr: Hazard Ratio: 1.72; 95% KI: 1.20, 2.48; p = 0.003; hoch vs. niedrige Zufuhr: Hazard Ratio: 1.80; 95% KI: 1.14, 2.84; p = 0.01). Eine mittlere bis hohe Einnahme von Nahrungsfolsäure ist nicht mit einem erniedrigten Risiko (33% und 31%) des Fortschreitens assoziiert (mittel/hoch vs. niedrig: Hazard Ratio: 0.68; 95% KI: 0.44, 1.04; p = 0.08; nicht signifikant). Bezüglich der Gesamtaufnahme von Folsäure ist eine mittlere im Vergleich zu einer niedrigen Menge assoziiert mit einem 67% erhöhtem Rezidiv-Risiko der Krebserkrankung (HR: 1.67; 95% KI: 1.16, 2.38; p = 0.005) und einem 83% erhöhtem Progressionsrisiko (Hazard Ratio: 1.83; 95% KI: 1.02, 3.26; p = 0.04), jedoch wird kein Zusammenhang mit einer hohen Einnahmemenge von natürlicher Folsäure zu den beiden Endpunkten gefunden. Schlussfolgernd wird somit ein umgedreht U-förmiger Zusammenhang zwischen der Gesamtaufnahme von Folsäure und dem Fortschreiten bzw. Rezidiv der Erkrankung vermutet. Die Studie überzeugt mit statistischer Sorgfalt und Einbezug bzw. Kontrolle vieler Störfaktoren oder möglicher Einflüsse auf das Ergebnis und einer detaillierten Ergebnisdarstellung. Hingegen ist die Ergebnisberichtung der Autoren teilweise irreführend, so beschreiben sie auch statistisch nicht bedeutsame Effekte als wichtige Ergebnisse, wodurch man hier schnell falsche Schlüsse zieht. Die anfängliche nicht Vergleichbarkeit der Gruppen in vielen Charakteristika ist teilweise bedingt durch den Zusammenhang von Ernährungsstil (erhöhte Folsäureeinnahme oder nicht) und Lebensstil. Außerdem ist kritisch anzumerken, dass die Einnahme von Folsäure nur vor der Diagnose erfasst wurde, der Einfluss der darauffolgenden Ernährung wird nicht betrachtet, wodurch nicht auszuschließen ist, dass der Effekt auch mit Ernährungsmustern nach der Diagnose in Zusammenhang stehen könnte. Auch wenn anzumerken ist, dass die meisten Vorfälle bereits in dem ersten Jahr nach Diagnosestellung auftraten. Aufgrund des Aufbaus der Studie kann keine Ursache-Wirkungsaussage getroffen werden.

Bei Tomaszewski et al. (2014) wurden rückblickend die Daten von 1153 Patienten ausgewertet, die später mit einem Prostatakarzinom diagnostiziert wurden [325]. In der Studie sind Patienten, welche eine radikale Prostatektomie (73%), eine perkutane Strahlentherapie (9%) oder einer Brachytherapie (18%) erhielten. Es wurde der mögliche Einfluss von Folsäureeinnahme im Jahr vor der Diagnose auf das Fortschreiten oder Rezidiv der Krebserkrankung nach im Schnitt 34 Monaten (± 20 Monate) untersucht. Zum Follow-Up trat bei 101 Probanden damit nur 8.76% der Stichprobe eine Progression auf. Es wurden keine Zusammenhänge zwischen der Gesamt-Folsäureeinnahme (709 ± 326µg), der Folsäureaufnahme mit der Nahrung (442 ± 177µg) und der errechneten diätischen Folsäureeinahme (Nahrungsfolsäure + 1.7x die Menge zugesetzter Folsäure [1058 ± 578µg]) und dem Rezidiv/Fortschreiten gefunden (für Kovariaten adjustiertes Ergebnis). Bei der Betrachtung des Fortschreitens zeigten sich nur Ergebnisse für Patienten, welche eine radikale Prostatektomie erhielten. Hierbei fanden die Autoren, dass Patienten mit einer niedrigen Aufnahmemenge von Folsäure mit der Nahrung im Vergleich zu Patienten mit einer hohen Aufnahmemenge ein 2,6-fach erhöhtes Risiko für ein Rezidiv/Fortschreiten der Krebserkrankung zeigten (HR 2.56, 95% KI 1.23–5.29, p = 0.01). Dieser Zusammenhang fand sich nicht für Gesamtfolsäureaufnahme oder diätische Folsäureaufnahme oder insgesamt für eine der anderen beiden Subgruppen. Methodisch ist eine wenig detaillierte Beschreibung der Rahmenbedingungen zu erwähnen. Es gibt keine klare Definition der einzelnen Ergebnisse, auch wenn biochemisches Rezidiv als Progression gewertet wird ist unklar inwiefern klinisches Rezidiv in die Ergebnisberichtung einzuordnen ist. Die Ergebnisse sind wenig generalisierbar und beruhen auf statistischen Analysen welche auf einer Progressionsrate von nur 8.76% (101 Personen von 1153) gründen, damit nur ein sehr kleiner Teil der Stichprobe. Durch die hohe Anzahl an Probanden können allerdings trotzdem Analysen durchgeführt werden. Nur bei der Analyse der Gruppen mit einer Strahlen- oder Brachytherapie reicht die Stichprobenanzahl für einzelne Analysen nicht mehr aus.

Insgesamt liefert nur die Studie von Tu et al. (2018) signifikante, generalisierbare und reliable Ergebnisse, welche darauf hindeuten, dass ein umgekehrt U-förmiger Zusammenhang zwischen der Gesamtfolsäureaufnahme und dem Fortschreiten und Rezidiv einer Krebserkrankung besteht [326]. Der dargestellte Zusammenhang von Nahrungsfolsäure und dem Fortschreiten verpasst knapp die Signifikanz, wohingegen die Aufnahme von zugesetzter Folsäure und Supplementen in hohem bis mittlerem Maße im Vergleich zur niedrigen Aufnahme mit einem erhöhten Rezidiv-Risiko der Erkrankung assoziiert wird. Die Studie von Tomaszewski et al. (2014) liefert keine signifikanten Zusammenhänge für die Gesamtstichprobe, sondern nur innerhalb einer Subgruppenanalyse für Patienten nach einer radikalen Prostatektomie [325]. Für diese Subgruppe zeigte sich ein erhöhtes Risiko des Wiederauftretens bzw. Fortschreitens in Zusammenhang mit einer niedrigen Folsäureaufnahme.

Schlussfolgernd kann aufgrund der Evidenz der Studie von Tu et al. (2018) nur ein vager Hinweis für einen Zusammenhang getroffen werden.

Nebenwirkungen

Keine der in diese Empfehlung eingeschlossenen Studien macht eine Aussage zu Nebenwirkungen von Folsäure.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Folsäure wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.3 Carnitin

7.7 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2024

Es liegen widersprüchliche Daten aus einem Review mit Metaanalyse und zwei RCTs zur Wirksamkeit von Carnitin zur Reduktion von Fatigue bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin zur Reduktion von Fatigue gegeben werden.

Anmerkung: Carnitin sollte nicht in Kombination mit einer taxanbasierten Therapie gegeben werden.

Evidenzlevel
1
Konsens
Starker Konsens (97.2%)
Literatur
[327] [328] [329]
ÄnderungshinweisEs liegen heterogene Daten aus einem Review und einer RCT zur Wirksamkeit von Carnitin zur Reduktion von Fatigue bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin zur Reduktion von Fatigue gegeben werden. Anmerkung: Carnitin sollte nicht bei Patienten mit Polyneuropathie oder bei Einsatz einer Therapie, die eine Polyneuropathie induzieren kann, gegeben werden.
Evidenztabellen (3)Marx et. al. (2017); Sun et. al. (2016); Hershman et al. (2018) Carnitin
7.8 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2024

Es liegen Daten aus 3 RCTs und einer Follow-up Studie zur Wirksamkeit von Carnitin zur Verbesserung der peripheren Neuropathie bei onkologischen Patienten vor. Carnitin soll nicht zur Verbesserung der peripheren taxaninduzierten Neuropathie bei diesen Patienten gegeben werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (97.1%)
Literatur
[330] [331] [328] [329]
ÄnderungshinweisEs liegen Daten aus 3 RCTs zur Wirksamkeit von Carnitin zur Verbesserung der peripheren Neuropathie bei onkologischen Patienten vor. Carnitin soll nicht zur Verbesserung der peripheren taxaninduzierten Neuropathie bei diesen Patienten empfohlen werden.
Evidenztabellen (4)Hershman et. al. (2013); Mondal et. al. (2014); Sun et. al. (2016); Hershman et al. (2018) Carnitin
7.9 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen nicht ausreichende Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Carnitin auf die Gewichtszunahme bei onkologischen Patienten mit Tumorkachexie vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin zur Gewichtszunahme bei diesen Patienten gegeben werden.

Anmerkung: Carnitin sollte nicht in Kombination mit einer taxanbasierten Therapie gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[332] [333]
Evidenztabellen (2)Kraft et. al. (2012); Mantovani et. al. (2010)
7.10 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen widersprüchliche Daten aus 5 RCTs zur Wirksamkeit von Carnitin zur Steigerung der Physischen Aktivität/ Funktionalität/ Performance Status bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin bei onkologischen Patienten zur Steigerung der Physischen Aktivität/ Funktionalität/Performance Status gegeben werden.

Anmerkung: Carnitin sollte nicht in Kombination mit einer taxanbasierten Therapie gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[334] [335] [330] [333] [328]
Evidenztabellen (5)Cruciani et. al. (2009); Cruciani et. al. (2012); Hershman et. al. (2013); Mantovani et. al. (2010); Sun et. al. (2016)
7.11 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen nicht ausreichende Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von Carnitin zur Steigerung der Muskelkraft/ Griffstärke bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin bei onkologischen Patienten zur Steigerung der Muskelkraft/ Griffstärke gegeben werden.

Anmerkung: Carnitin sollte nicht in Kombination mit einer taxanbasierten Therapie gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[333]
Evidenztabellen (1)Mantovani et. al. (2010)
7.12 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen Daten aus einem systematischen Review über 3 RCTs zur Wirksamkeit von Carnitin zur Steigerung der Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin bei onkologischen Patienten zur Steigerung der Lebensqualität gegeben werden.

Anmerkung: Carnitin sollte nicht in Kombination mit einer taxanbasierten Therapie gegeben werden.

Evidenzlevel
1a
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[327]
Evidenztabellen (1)Marx et. al. (2017)
7.13 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2024

Es liegen Daten aus einem RCT zur Wirksamkeit von Carnitin auf die Verkürzung des Krankenhausaufenthaltes nach Leberteilentfernung bei Patienten mit Leberzellkarzinom und Gallengangskarzinom vor. Carnitin kann präoperativ zur Verkürzung des Krankenhausaufenthaltes nach Leberteilentfernung mit dem Ziel der Senkung der Komplikationsraten bei diesen Patienten erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (97%)
Literatur
[336]
Evidenztabellen (1)Okabayashi et al. (2020)
7.14 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Frage der Wirksamkeit von Carnitin auf die Ejektionsfraktion nach Anthracyclin-Chemotherapie bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Carnitin mit dem Ziel, die Ejektionsfraktion positiv zu beeinflussen bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (97.1%)
Literatur
[337]
Evidenztabellen (1)Zalat et al. (2020)

Carnitin beschreibt einen Co-faktor im Stoffwechsel und wird vom Körper selbst gebildet, weshalb es in der Regel ausreichend vorhanden ist. Es dient als intrazellularer Energiespeicher, stabilisiert die zellulären Membranen, ist ein Radikalfänger und hat protektive Wirkung auf die Mitochondrien. Untersuchungen an Krebspatienten zeigten, dass es während einer Chemotherapie zur Abnahme des Carnitin-Spiegels kommt, weswegen die Wirkung einer zusätzlichen Gabe von Carnitin getestet wird. In Tierversuchen erwies sich Carnitin als protektiv in Hinblick auf hepatozelluläre Karzinome und die Entstehung von Hauttumoren. Aktuelle Studien untersuchen den Einfluss von Carnitin auf vielfältige Prozesse wie Fatigue (Erschöpfung/ Müdigkeit), Gewichtsverlust, Lebensqualität und medikamentös verursachte Periphere Polyneuropathie.

Als Grundlage für die Empfehlungen in dieser Leitlinie diente ein systematisches Review über den Einfluss von L-Carnitin auf Fatigue bei Krebspatienten, welches 12 Studien einschloss [327]. Nur 5 von diesen 12 Studien waren randomisiert-kontrollierte Studien und werden deshalb in die Empfehlung einbezogen [334][335][330][332][333]. Von diesen Studien nutzten 4 eine Placebo-Kontrollgruppe und 2 Studien verwendeten zusätzlich ein Cross-Over Design [334][335]. Die Studie von Mantovani et al. (2010) schließt keine Kontrollgruppe sein, sondern beinhaltet nur Interventionsarme [333]. Die Dauer der Studien lag zwischen 4 Wochen und 6 Monaten mit einer täglichen Carnitingabe zwischen 2g und 4g. Zudem wurde aus den 3 qualitativ hochwertigsten dieser 5 Studien, eine Metaanalyse berechnet [335][330][332]. Die aus dem Review ausgewählten 5 RCTs hatten alle Fatigue als primären Endpunkt, erhoben aber auch weitere primäre und sekundäre Endpunkte wie Lebensqualität, BMI oder körperliche Funktionalität. Zusätzlich zu dem systematischen Review wurden 4 randomisiert-kontrollierte Einzelstudien in die vorliegende Empfehlung einbezogen [338][339][331][328]. Von diesen Studien nutzten 2 eine Placebo-Kontrollgruppe [338][328], eine Studie eine passive Kontrollgruppe [339] und eine Studie keine Kontrollgruppe, sondern nur Interventionsarme [331].

In der Aktualisierung wurden 3 randomisiert kontrollierte Studien gefunden [329][336][337]. Davon ist eine Studie ein Follow-up einer Studie aus dem Jahr 2013 [329][340]. Eine Studie führt am Ende der Studie keinen direkten Gruppenvergleich durch [337]

Fatigue (zu Statement 7.7)

Der Einfluss von Carnitin auf die krankheitsbedingte Fatigue wurde in dem systematischen Review [327], als auch in zwei randomisiert-kontrollierten Einzelstudien untersucht [328][329]. Die im Review eingeschlossenen Studien untersuchten Fatigue als primären Endpunkt, während die Einzelstudie von Sun et al. (2016) Fatigue als sekundären Endpunkt im Rahmen einer physischen Untersuchung erfasste [328]. In nur einer der 5 Studien im systematischen Review wurde eine Verbesserung der Fatigue durch Carnitin in der Interventionsgruppe im Vergleich zu einer Kontrollgruppe gefunden [334]. Bei der Studie von Cruciani et al. (2009) ist zu beachten, dass die einbezogenen Patienten ein Carnitindefizit hatten, womit diese Stichprobe nicht vergleichbar ist mit anderen Studien, bei denen Probanden kein nachgewiesenes Defizit haben [334]. Zudem nutzte die Studie ein abgewandeltes Cross-Over Design und der signifikante Unterschied zwischen Interventions- und Placebogruppe (p = 0.03; adjustiert; FACT-An) zugunsten der Interventionsgruppe trat erst am Ende der 2. Phase der Studie auf. Nach den ersten 2 Wochen der Studie (1. Phase) wurde entblindet und auch die Kontrollgruppe erhielt für die weiteren 2 Wochen Studiendauer (2. Phase) Carnitin in der gleichen Dosis wie die ursprüngliche Interventionsgruppe. Die Autoren beschreiben in der Diskussion, dass aufgrund der besonderen Situation in der der Effekt gefunden wurde, dieser nicht als Hinweis für die positive Wirkungsweise von Carnitin auf Fatigue betrachtet werden kann. In der Studie von Cruciani et al. (2012) wurden Daten von 209 Patienten ausgewertet, trotz der hohen Stichprobenzahl konnte aber kein Gruppenunterschied gezeigt werden, da sich sowohl die Interventions- als auch die Kontrollgruppe signifikant verbesserten (IG: SMD = -1.0; 95% KI: -1.3, -0.6; KG: SMD = -1.1; 95% KI: -1.4, 0.8; p = kA; FACIT-FI) [335]. Bemerkenswert ist zudem, dass über 60 Probanden aus der Studie ausschieden, da sie die Intervention verweigerten (in der Interventions- als auch Kontrollgruppe). Die Studie von Mantovani et al. (2010) zeigte nur eine signifikante Verbesserung der Fatigue (MFSI-SF) für die Gruppe, die eine Kombinationsintervention (Carnitin + MPA oder MA + Thalidomid + EPA) erhielt (p = 0.047) [333]. Eine Gruppe, die nur Carnitin erhielt, zeigte keinerlei Verbesserung. Es zeigte sich sogar ein signifikanter Unterschied für die Veränderung über die Zeit zwischen der Carnitin-Einzelintervention und der Kombinationsintervention (p = 0.004), zugunsten der Kombinationsintervention. Die Studie schloss neben den zwei Interventionsgruppen mit Carnitin, noch 3 weitere Arme ein, welche die zusätzlichen Präparate aus der Kombinationsinterventionsgruppe einzeln erhielten – die Daten zu diesen Gruppen werden in dem systematischen Review allerdings nicht weiter berücksichtigt. Die Studien von Kraft et al. (2012) [332] und Hershman et al. (2013) [330] zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen Gruppen und/ oder Zeitpunkten (BFI, FACIT). Kraft et al. (2012) verzeichnete im Laufe der Studie eine hohe Ausfallrate für seine Probanden, wodurch zum Studienende nur noch 16 Probanden teilnahmen [332]. Dies ist auf das hohe Sterberisiko und andere krankheitsbedingte Symptome der Stichprobe mit Stadium 4 Pankreaskrebs zurückführbar. Die Studie von Hershman et al. (2013) zählt mit 6 Monaten zu den am längsten durchgeführten und mit 409 Brustkrebspatientinnen auch zu den größten Studien im Review [330]. In der noch nicht in das Review eingeschlossenen 2-Jahres-Follow-up-Studie von Hershman et al. (2018) zeigten sich weiterhin keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Fatigue [329]. 

Die Einzelstudie von Sun et al. (2016) zeigte hingegen eine signifikante Verbesserung der Fatigue in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe nach 8 Wochen (IG:33,7%, KG:18,5% Verbesserung; p = 0.014) und 12 Wochen (IG: 41,1%, KG: 25%; p = 0.015) [328]. Auch der Unterschied zwischen den Veränderungen der beiden Gruppen wurde signifikant (p = 0.0135). Bei dieser Studie ist allerdings kritisch anzumerken, dass wenig Informationen über die Stichprobe gegeben werden, weshalb nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Gruppen sich bereits zum Studienanfang in einigen Merkmalen unterschieden. Der Unterschied in der Fatigue wurde zudem nur für die Per-Protocol Analyse signifikant, nicht jedoch für die Full Set-Analyse, auch wenn der Drop-Out mit 36 von 239 Probanden vertretbar gering war.

Die Autoren des systematischen Reviews [327], insbesondere bestärkt durch die durchgeführte Metaanalyse vertreten die Einschätzung, dass Carnitin keinen Einfluss auf Fatigue nimmt. Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass sie nur 3 Studien in diese Metaanalyse eingeschlossen haben, wodurch die Aussagekraft gering ist. Gleichzeitig ist eine sehr große und qualitativ hochwertige Studie von Hershman et al. (2013) eingeschlossen worden, deren Ergebnisse als vertrauenswürdig betrachtet werden können [330]. Der einzig signifikante Gruppenunterschied, welcher im Review berichtet wird, ist aufgrund der simultanen Entblindung in der Studie als kritisch zu betrachten [334]. Die Autoren des Reviews berichten am Ende, dass die meisten eingeschlossenen Studien mit geringer methodischer Qualität bzw. einem hohen Bias Risiko einen Effekt von Carnitin zeigen konnten (diese wurden aus dieser Empfehlung ausgeschlossen), während qualitativ hochwertige Studien, mit geringem Bias den Effekt nicht zeigen konnten. Bezüglich der Einzelstudien zeigt nur die Studie von Sun et al. (2016) einen Effekt von Carnitin, auch im Vergleich zu einer Placebo-Kontrollgruppe [328]. Es ist anzumerken, dass die Probanden in dieser Studie alle unter peripherer Neuropathie litten und die Studienergebnisse zeigen eine Verbesserung der Neurotoxizität, welche einen Einfluss auf Fatigue haben kann. Zudem wird Fatigue über eine nicht näher beschriebene physische Untersuchung erhoben. Dadurch ist die Art der Messung schwer nachvollziehbar und möglicherweise nicht objektiv.

Aufgrund der vorliegenden Evidenz kann nicht eindeutig von einer Wirkungsweise von Carnitin auf Fatigue ausgegangen werden.

Periphere Neuropathie (zu Empfehlung 7.8)

Periphere Neuropathie ist eine Schädigung der peripheren Nerven, welche als Nebenwirkung bei einigen Krebsmedikamenten und Chemotherapien auftreten kann. Sie umfasst verschiedene Syndrome, die in unterschiedlicher Ausprägung durch sensorische Beeinträchtigung, Schmerz, Muskelschwäche und –atrophie, abgeschwächte Muskeleigenreflexe und vasomotorische Symptome, allein oder in Kombination, charakterisiert sind. Es gibt bisher keine gängigen Medikamente zur Behandlung von peripherer Neuropathie. Aktuell werden auch Nahrungsergänzungsmittel wie L-Carnitin als mögliche Behandlungsmethoden bzw. als Möglichkeit zur Reduzierung/ Verzögerung der Medikamentenverursachten peripheren Neuropathie und den damit verbundenen Symptomen untersucht.

Die Empfehlung für die Leitlinie basiert auf 3 kontrolliert-randomisierten Studien und einer Follow-up Studie (Einzelstudien: [331][328][329]; aus dem Review von Marx et al., 2017 [327]: Hershman et al., 2013 [330]).  Die Studie von Mondal et al. (2014)  zeigt keine Verbesserung der Symptome der peripheren Neuropathie bzw. konnte keinen Vorteil zu anderen Präparaten zeigen [331]. In der Studie von Sun et al. (2016) wurde eine Verbesserung der Neurotoxizität gefunden [328] , wohingegen Hershman et al. (2013) eine Verschlechterung bzw. eine erhöhte periphere Neuropathie durch Carnitingabe finden konnten [330].

Mondal et al. (2014) untersuchten den Einfluss von Carnitin auf die einzelnen Komponenten der peripheren Neuropathie (Sensorik, Motorik und Schmerz) [331]. In dieser 4-armigen Studie mit insgesamt 90 ausgewerteten Patientendaten, wurden den Gruppen entweder zusätzlich zur Chemotherapie Vitamin B12 Methylcobalamin, Vitamin E, Acetyl-L-Carnitin (ALC) oder Glutamin für 6 Zyklen der Chemotherapie verabreicht. Die Ergebnisse zeigen sensorische und motorische Verbesserung und eine schmerzlindernde Wirkung bei der Einnahme von Vitamin B12 Methylcobalamin und Vitamin E, mit signifikanter Überlegenheit zu ALC und Glutamin (Sensorisch: B12 vs. ALC p = 0.002, Vitamin E vs. ALC p = 0.013, B12 vs. Glutamin p = 0.001, Vitamin E vs. Glutamin p < 0.001; Motorisch: B12 vs. ALC p < 0.001, Vitamin E vs. ALC p < 0.001, B12 vs. Glutamin p < 0.001, Vitamin E vs. Glutamin p < 0.001; Schmerz: B12 vs. ALC p < 0.001, Vitamin E vs. ALC p < 0.001, B12 vs. Glutamin p < 0.001, Vitamin E vs. Glutamin p < 0.001). Leider zeigt diese Studie einige methodische Mängel. So ist ein sehr hoher Drop-Out von 70 Patienten zu verzeichnen, welcher nicht eingehend beschrieben wird. Auch die Analyse ist wenig durchsichtig. Im Gegensatz zu Mondal et al. (2014) wurde in der Studie von Sun et al. (2016) eine Verbesserung der Neurotoxizität um ein Grad mit den Common Toxicity Criteria des National Cancer Institute (NCI-CTC) gefunden und dies nach nur 4 Wochen Intervention mit 3g ALC täglich im Vergleich zu einer Placebo-Kontrollgruppe (IG: Interventionsgruppe, PKG: Placebo-Kontrollgruppe; IG:26,6%, PKG:13,8% Verbesserung; p = 0.016), ebenso nach 8 Wochen Intervention (IG:50,5%, PKG:24,1% Verbesserung; KI. 14.1‑38.5%; p < 0.001) und 12 Wochen nach Beginn der Studie bzw.  4 Wochen nach Beendigung der Intervention (IG:57,8%, PKG:39,7% Verbesserung; p = 0.007) [328]. Zusätzlich wurde der Unterschied zwischen der Veränderung über die Zeit zwischen den beiden Gruppen signifikant (p < 0.05). Die Studie umfasste 239 Patienten, wovon 225 in die Analyse eingingen. Kritisch anzumerken ist, dass es kaum Beschreibungen der Stichprobe gibt und keine Angabe der Gründe für Drop-Outs/Attrition. Obwohl die Ergebnisse vielversprechend sind, ist die Studie schwer nachvollziehbar. Im Gegensatz dazu zeigte Hershman et al. (2013) einen negativen Einfluss von Carnitin [330]. Die Studie umfasste 409 Brustkrebspatientinnen und untersuchte den Einfluss von Carnitin auf eine durch Taxane-basierte-Chemotherapie verursachte periphere Neuropathie. Die Studie lief für 6 Monate und zeigte nach 12 Wochen noch keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Gruppen (Interventionsgruppe: -5,2 Punkte vs. Kontrollgruppe: -4,5 Punkte auf der Neurotoxicity (NTX) FACT-Skala [höhere Abnahme steht für mehr Symptome]).  Nach 6 Monaten allerdings, zeigt sich ein Gruppenunterschied für die Höhe der Toxizität zugunsten der Kontrollgruppe (IG: -5,3 Punkte vs. KG:  – 3,6 Punkte; MD = 1,8; 95% KI: -3.2, -0.4); p = 0.01). Aus den Ergebnissen wird deutlich, dass die IG sich von 12 Wochen zu 24 Wochen nicht weiter verschlechtert, die KG sich allerdings wieder bessert und dadurch der Unterschied signifikant wird. Die körperliche Funktionalität unterscheidet sich ebenfalls nach 6 Monaten, mit besseren Werten für die Kontrollgruppe (Differenz IG und KG = 3,5 Punkte; 95% KI, -6.5, -0.4); p = 0.03). Beide Gruppen hatten sich nach 12 Wochen zunächst gleich stark körperlich verschlechtert, aus der Berichterstattung zu Woche 24 wird allerdings nicht klar, wodurch der signifikante Unterschied entsteht. Damit ist dieses Ergebnis nicht vollständig interpretierbar. Die Studie zeigt zudem eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für die IG sich nach 24 Wochen auf der NTX Skala um mehr als 5 Punkte zu verschlechtern, was laut Autoren als klinisch relevant einzustufen ist. Hierbei ist zusätzlich zu beachten, dass die NTX mit einem Selbstberichtfragebogen erhoben wurde. 

In einer Follow-Up Studie werden die Daten dieser Patienten nach 2 Jahren erneut analysiert und berichtet [329]. Die Follow-up Daten über diese Zeit zeigen weiterhin stärkere Symptomen in der Carnitingruppe (niedrigere Werte im NTX; mittlere Differenz –1.39 Punkte, 95% KI = –2.48, –0.30; p=0.01), mit besonders großen Unterschieden zu Woche 24 (–1.68, 95% KI = –3.02, –0.33), 36 (–1.37, 95% KI = –2.69, –0.04) und 52 (–1.83, 95% KI = –3.35, –0.32). Jedoch zeigen sich nach 104 Wochen (etwa 2 Jahre) keine Unterschiede mehr. Allerdings zeigen zu diesem Zeitpunkt 39.5% in der Carnitingruppe und 34.4% in der Kontrollgruppe eine 5-Punkte Senkung bezüglich Neuropathie mit der FACT-Taxane Skala (10%) im vgl. zur Baseline, was von den Autoren als klinisch signifikant angesehen wird. Auf den funktionalen Skalen des FACT-TOI zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede. Die Studie ist methodisch gut durchgeführt und zeigt nur wenige Schwächen. So wurde keine Intent-To-Treat Analyse durchgeführt (nach 2 Jahren Drop-Out Interventions- und Kontrollgruppe je n=41) und im Endpunkt Neuropathie wurde nicht zwischen sensorischer, motorischer oder autonomer Neuropathie differenziert. Sie zeichnet sich insgesamt durch eine große Stichprobe und eine detaillierte sowie klare Berichtsqualität aus.

Insgesamt liefern diese Studien sehr unterschiedliche Ergebnisse. Mondal et al. (2014) finden einen positiven Effekt zugunsten anderer Präparate [331]. Die Studie von Sun et al. (2016) zeigt eine Verbesserung der Neurotoxizität bei Patienten mit peripherer Neuropathie, geht  aber nicht auf die Verbesserung einzelner Symptome ein [328]. Einzig die Studie von Hershman et al. (2013) und deren Follow-up zeigen einen möglichen schädlichen Effekt von Carnitin [330].

Insgesamt kann aufgrund der Evidenz nicht von einer positiven Wirksamkeit ausgegangen werden, die Studien zeigen hingegen ein mögliches Gefährdungspotential.

Erektile Dysfunktion

Da zu diesem Endpunkt keine sichere Aussage getroffen werden kann, wurde keine Empfehlung oder ein Statement formuliert, stattdessen werden die Ergebnisse zu diesem Endpunkt im Folgenden ausgeführt.

Bezüglich der Besserung erektiler Dysfunktion (aufgrund einer bilateral nervenschonenden radikalen Prostataoperation bei Patienten mit Prostatakarzinom) konnte bei der Recherche zu Carnitin eine randomisiert-kontrollierte Studie ausgemacht werden. Die Studie von Cavallini et al. (2005) umfasste 3 Arme mit 29 bis 35 Patienten pro Arm [338]. Die Wirkung von Acetyl-L-Carnitin (ALC) und Propionyl-L-Carnitin (PLC) wurde mit der Einnahme eines Placebos verglichen. Diese beiden Gruppen hatten zusätzlich die Möglichkeit bei Bedarf Sildenafil zu erhalten. Zusätzlich wurde eine Placebo-Kontrollgruppe eingeschlossen, welche kein zusätzliches Sildenafil erhielt. Allerdings ist anzumerken, dass trotz den angegebenen optionalen 100mg Sildenafil in den ersten beiden Gruppen, die genaue Menge der tatsächlichen Einnahme unzureichend beschrieben wird. Die Ergebnisse mit dem International Index of Erectile Function zeigen eine Verbesserung der erektilen Funktion für die Carnitin-Gruppe erhielt mit Überlegenheit zur Placebogruppe welche wiederum der Placebo-Kontrollgruppe überlegen war (Mittelwert (SD) = 27,3 (4,6) > 21,7 (6,8) > 11,7 (3,7); p = kA). Auch zeigten diese Probanden bessere Werte für die Zufriedenheit mit der sexuellen Aktivität, dem Orgasmus und dem generellen sexuellen Wohlbefinden gegenüber der Placebogruppe, welche wiederrum bessere Werte zeigte als die Placebo-Kontrollgruppe (Mittelwert(SD) = Zufriedenheit: 8,9 (4,7) > 4,8 (2,5) > 3,1 (0,6); Orgasmus (8,8 (2,6) > 5,9 (2,9) > 3,0 (0,6)); sexuelles Wohlbefinden (8,6 (2,0)> 5,4 (2,7) > 2,8 (0,7); p = kA). Per semi-strukturiertem Interview vor der Therapie und 4 Monate danach wurde noch einmal exklusiv die Zufriedenheit mit der sexuellen Funktion erhoben, hierbei zeigte sich eine höhere Zufriedenheit in der Carnitin-Gruppe (87,5%) im Vergleich zur Placebogruppe (51,3%; p < 0.05) und in beiden Gruppen im Vergleich zur Placebo-Kontrollgruppe (6,8%; p < 0.01). Alle berichteten Nebenwirkungen (vorwiegend abdominale Schmerzen, Kopfschmerzen und Rötungen) wurden laut Autoren von Sildenafil verursacht. Die Carnitin-Gruppe und die Placebogruppe zeigten deutlich mehr Nebenwirkungen als die Placebo-Kontrollgruppe (p < 0.01). Die Studie hat methodisch gute Eigenschaften, so war das Design doppelt verblindet angedacht, die Gruppen randomisiert und gemacht, es wurde eine aktive und eine passive Placebo-Kontrollgruppe verwendet und die Einnahme der Präparate wurde kontrolliert. Auch wenn die statistische Darstellung der Ergebnisse etwas ausführlicher sein könnte, sind die Ergebnisse aus methodischer Sichtweise vertrauenswürdig.

Die Studie von Cavallini et al. (2005) zeigt methodisch hochwertig einen positiven Einfluss von Carnitin, mit Überlegenheit zur einzelnen Einnahme von Sildenafil oder einem Placebo [338]. Allerdings ist die fehlende Mengenangabe von Sildenafil als Einschränkung in der Interpretation der Ergebnisse anzumerken, zudem ist davon auszugehen, dass den Probanden in der Placebo-Kontrollgruppe ihre Zuordnung aufgrund der fehlenden zusätzlichen Gabe von Sildenafil und den damit verbundenen Nebenwirkungen bewusst war.

Ernährungsstatus und Appetit (zu Statement 7.9)

Mangelernährung und Untergewicht sind häufige Begleiterscheinungen bei einer Krebserkrankung. Zwei aus den ausgewählten 5 Studien aus dem systematischen Review untersuchten den Einfluss von Carnitin auf den BMI von Patienten als Endpunkt [332][333]. Gemessen wurde der BMI in der Studie von Kraft et al. (2012) mit dem BIA, dabei wird sowohl Körperfettanteil als auch Muskelmasse einbezogen [332]. Mantovani et al. (2010) nutzten die Bioimpedanzanalyse (BIA), Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DEXA) und CT zu L3 zur Identifikation von Muskel- und Fettgewebe [333]. Hierbei zeigen beide Studien unterschiedliche Effekte. Kraft et al. (2012) gaben den Patienten in der Interventionsgruppe 4g Carnitin täglich über 3 Monate. Die Vergleichsgruppe erhielt ein Placebo über denselben Zeitraum [332]. Die Studie hatte einen hohen Drop-Out von über 50% zu verzeichnen, welcher allerdings über beide Gruppen gleichverteilt ist und durch die hohe Mortalitätsrate bei Pankreaskarzinomen bedingt ist. Die Autoren fanden bei der Messung mit dem BIA einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen zugunsten der Interventionsgruppe (p < 0.018). Wichtig anzumerken ist, dass der höhere BMI in der Interventionsgruppe und damit das höhere Gewicht einzig durch eine Erhöhung des Körperfettanteils charakterisiert waren. In der Studie von Mantovani et al. (2010) nahmen über 300 Patienten teil und sie umfasste insgesamt 5 Arme [333]. Der Einfachheit halber betrachtete das Review nur 2 dieser Arme. Eine Gruppe erhielt L-Carnitin allein, während eine andere Gruppe eine Kombinationsintervention (Carnitin + MPA oder MA + Thalidomid) über einen Gesamtzeitraum von 4 Monaten erhielt. Sowohl die Erfassung mit dem DEXA als auch mit dem CT zeigte eine signifikante Erhöhung des LBM in der Gruppe mit der Kombinationsintervention (p = 0.0148; p = 0.001), allerdings zeigte sich keine Veränderung für die Erhebung mit dem BIA.  Zusätzlich konnte für die Erhebung mit dem DEXA ein signifikanter Gruppenunterschied zugunsten der Kombinationsinterventionsgruppe gezeigt werden (p < 0.001). Anzumerken ist, dass die Autoren im Gegensatz zu Kraft et al. (2012) [332] eine Erhöhung der fettfreien Körpermaße feststellen konnten. Mantovani et al. (2010) erfassten zusätzlich den Appetit der Patienten als Endpunkt und konnten zeigen, dass sich dieser über den Studienzeitraum signifikant in der Kombinationsinterventionsgruppe verbesserte (p = 0.00037) [333]. Diese Studie wurde von den Autoren des Reviews mit einem moderaten Bias-risiko bewertet. Durch die Verbesserung der Werte in der Kombinationsinterventionsgruppe ist nicht eindeutig feststellbar, welches Präparat den größten Nutzen gezeigt hat. Das Fehlen einer Placebo-Kontrollgruppe erschwert zudem die Interpretation der Größe des Effekts für die Gruppe mit der Kombinationsintervention. Das größte Problem der Studie ist allerdings, dass die Erhebung mittels DEXA, welche den signifikanten Gruppenunterschied zeigte, nur an 144 der 332 Patienten durchgeführt wurde – also nur ein Bruchteil der Gesamtstichprobe. Es ist unklar wie diese 144 Patienten auf die Gruppen verteilt waren und warum nicht alle Patienten mit dem DEXA erhoben wurden. Auch wenn der DEXA als verlässlicheres Messinstrument im Vergleich zum BIA zählt, ist die Ergebnisinterpretation durch die selektive Stichprobe stark eingeschränkt.

Insgesamt ist die Evidenzlage nicht eindeutig. Vor allem da eine Gewichtszunahme wie in der Studie von Kraft et al. (2012) allein durch einen höheren Fettanteil weniger erstrebenswert ist, als eine Zunahme des Muskelanteils [332]. Der Gruppenunterschied in der Studie von Mantovani et al. (2010) ist nicht eindeutig nachvollziehbar, da nur eine Subgruppe der Gesamtstichprobe für die Messung eingeschlossen wurde [333]. Die Studie gibt keine Informationen für diese Subgruppe und keinen Nachweis, dass diese Subgruppen noch vergleichbar sind. Aufgrund des Nachweises der Wirkung einer Kombinationsintervention kann auch keine Wirkungsweise von Carnitin allein betrachtet werden. Die vorliegenden Studien geben eine Tendenz zur positiven Wirkung von Carnitin, eine eindeutige Wirksamkeit kann allerdings nicht geschlussfolgert werden.

Physische Aktivität/ Funktionalität/Performance Status und Muskelkraft/ Griffstärke (zu Statement 7.10 & 7.11), Lebensqualität (zu Statement 7.12)

Insgesamt 3 RCTs aus dem systematischen Review von Marx et al. (2017) [327] erfassten Lebensqualität bei Krebspatienten [334][332][333]. Hierbei erfasste Kraft et al. (2012) die Lebensqualität mit dem EORTC-QLQ-C30 (global health status sub-group) bei Pankreaskarzinompatienten im Stadium 4 (N ausgewertet = 26) [332]. Die Autoren fanden nach 6 Wochen einen Gruppenunterschied zugunsten der Interventionsgruppe, welche täglich 4g Carnitin erhielten, auf der Subskala Kognitive Funktion (p < 0.034) und einen Gruppenunterschied nach 3 Monaten für die Subskala globaler Gesundheitsstatus (p < 0.041) zugunsten der Interventionsgruppe. In der Studie von Cruciani et al. (2009) fand sich ebenfalls ein signifikanter Gruppenunterschied zugunsten der Interventionsgruppe [334]. Diese erhielt nur 2g Carnitin täglich über 4 Wochen und der Unterschied zur Placebo-Kontrollgruppe zeigte sich nur für die Subskala Funktion (p = 0.002; adjustiert). Der Unterschied entstand durch eine Verschlechterung der KG und Gleichbleiben der Werte für die IG und ist möglicherweise von dem bestehenden Carnitindefizit der Stichprobe beeinflusst, wodurch sie einen Sonderfall zu anderen Studien ohne nachgewiesenes Defizit darstellt. Die Autoren erhoben die Lebensqualität der Patienten auch auf den Skalen physisch, sozial/Familie und emotional. Auf diesen Skalen zeigte sich allerdings kein Unterschied. Mantovani et al. (2010) nutzten ebenfalls den EORTC-QLQ-C30  und zusätzlich den EQ-5Dindex sowie die EQ-5D visual analogue scale (EQ-5D VAS) zur Erfassung der Lebensqualität, konnten aber keine signifikante Veränderung innerhalb der Gruppen über 4 Monate feststellen [333]. Die Autoren führten keinen Gruppenvergleich zwischen der Interventionsgruppe (4g Carnitin täglich) und der Kombinationsinterventionsgruppe (Carnitin + MPA oder MA + Thalidomid) durch.

Insgesamt sind die Ergebnisse gemischt und die methodisch hochwertigen Studien finden nur eine bessere Lebensqualität durch den Einfluss von Carnitin auf einzelnen Subskalen der Erhebungsinstrumente. So zeigt die Studie von Cruciani et al. (2009) nur einen Effekt auf einer von 4 Sub-Skalen [334]. Die groß aufgezogene Studie von Mantovani et al. (2010) mit über 300 Patienten zeigte keine Veränderungen innerhalb der Interventionsgruppen und hat keine statistischen Gruppenvergleiche durchgeführt [333]. Die Studie von Kraft et al. (2012) zeigt Ergebnisse, welche insbesondere in Anbetracht der eingeschlossenen Probanden, welche sich in einem fortgeschrittenen Krebsstadium befinden, bemerkenswert sind [332]. Allerdings weist sich insbesondere diese Studie durch eine wenig detaillierte und wirre Bericht- und Ergebniserstattung aus. Wodurch das statistische Vorgehen nicht vollständig nachvollzogen werden kann und im Besonderen die Ergebnisse der eingesetzten Fragebögen nicht ausreichend berichtet werden.

Die Wirkungsweise von Carnitin auf die Lebensqualität ist aufgrund der aktuellen Studienlage nicht abschätzbar, da die Studien im Design sehr heterogen sind und teilweise statistische und/oder methodische Mängel aufzeigen.

Die Physische Funktionalität bzw. der Performance Status wurde in den vorliegenden 5 Studien mit verschiedenen Instrumenten erhoben. Zwei Studien nutzten den Karnofsky Performance Status mit einem Scoring von 0 bis 100 [334][328].

Cruciani et al. (2012) [335] und Mantovani et al. (2010) [333] nutzten den ECOG. Hershman et al. (2013) [330]  hingegen nutzten den FACT-Taxane Trial Outcome Index.

Vier von fünf Studien finden eine Verbesserung der physischen Aktivität für Patienten, die Carnitin erhielten. Cruciani et al. (2009) fanden einen signifikanten Unterschied zwischen der Interventions- und Placebo-Kontrollgruppe nach 4 Wochen (p = 0.002; adjustiert) mit einer Verbesserung der Interventionsgruppe um im Mittel 6 Punkte (M = 64.2 ± 9.0) und einer Verschlechterung der Placebo-Kontrollgruppe um im Mittel  7 Punkte (M = 50.0 ± 15.5) [334]. Auch Sun et al. (2016) fanden einen signifikanten Unterschied, mit häufigeren Verbesserungen in der Interventionsgruppe nach 8 Wochen (29.3%) im Vergleich zur Placebo-Kontrollgruppe (13%; p < 0.022) [328]. Leider werden von den Autoren keine genauen Daten mehr zu diesem Zeitpunkt gegeben. Hierbei ist zu beachten, dass die Patienten in der Studie von Cruciani et al. (2009) [334] an einem Carnitindefizit und die Patienten in der Studie von Sun et al. (2016) [328] an peripherer Neuropathie litten. Mantovani et al. (2010) fanden eine Verbesserung in beiden Gruppen (p ≤ 0.001), in dieser Studie erhielten sowohl die Interventionsgruppe als auch die hier betrachtete Vergleichsgruppe Carnitin über 4 Monate (Carnitin allein, oder in Kombination mit MPA oder MA + Thalidomid + EPA) [333]. Die Patienten in dieser Stichprobe litten unter tumorbedingter Anorexie. Zu guter Letzt konnte auch die die groß aufgezogene Studie von Hershman et al. (2013) mithilfe des FACT nach 6 Monaten einen Unterschied von 3,5 Punkten zwischen der Interventionsgruppe und der Placebo-Kontrollgruppe finden (p = 0.03) [330]. Der funktionale Status beider Gruppen wurde laut Protokoll schon nach 12 Wochen erhoben, das Review gibt aber keine genauen Daten zu diesem Zeitpunkt und auch in der Studie selbst fehlen einige zeitliche Daten. Einzig die Studie von Cruciani et al. (2012) konnte keinen Effekt von Carnitin auf die physische Funktionalität zwischen den Gruppen oder Zeitpunkten zeigen [335]. Im Gegenteil, die Ergebnisse zeigten eine Tendenz für eine höhere Verbesserung in der Kontrollgruppe (64%) im Vergleich zur Interventionsgruppe (18%) nach 8 Wochen, der Unterschied zwischen den Gruppen wurde aber nicht signifikant. Hierbei ist das besondere Cross-Over Design zu beachten, die IG erhielt 8 Wochen Carnitin, während die KG dies erst nach und dann für 4 Wochen erhielt. Die sehr überraschende bessere Tendenz der KG könnte mit diesem Design zusammenhängen.

Die vorliegende Studienlage weist insgesamt auf eine Wirksamkeit von Carnitin hin, allerdings ist zu beachten, dass die Patienten in den vorliegenden Studien sich durch einige Besonderheiten auszeichnen, wodurch die Effekte nicht auf alle Stichproben generalisiert werden können. Diese Besonderheiten der Stichproben sollten in der Interpretation berücksichtigt werden.

Die Muskelkraft wurde über die Griffstärke bei Mantovani et al. (2010) erfasst [333]. Diese wurde nach 4 Monaten zwischen der Interventionsgruppe (Carnitin) und einer Kombinationsinterventionsgruppe verglichen (MPA oder MA + Thalidomid + Carnitin). Ein Gruppenvergleich wurde nicht durchgeführt. Da Griffstärke nur als sekundärer Endpunkt erhoben wurde, ist die Berichterstattung in der Studie dementsprechend kurz und beschränkt sich auf einen Satz und keine Zusatzinformationen.

Depressivität

Die depressive Stimmung nach 4 Wochen Carnitin-Intervention wurde mithilfe der Centre for Epidemiologic Studies Depression Scale bei über 300 Patienten von Cruciani et al. (2012) erfasst [335]. Es zeigte sich dabei kein Unterschied zur Placebo-Kontrollgruppe (p = 0.093).

Verlängerung der Überlebenszeit bzw. progressionsfreiem Leben

Insgesamt 2 Studien aus dem Review von Marx et al. (2017) [327], erfassten Progression Free Survival und/ oder Overall Survival als Endpunkt [332][333]. Keine der Studien findet einen Unterschied zwischen den Interventions- und den Kontrollgruppen und damit einen Einfluss von Carnitin auf die Überlebenszeiten von Krebspatienten.

Kraft et al. (2012) zeigten zwar eine tendenzielle Verlängerung des Überlebens, der Unterschied wird allerdings nicht signifikant (IG: Median 519 ± 50 Tage vs. KG: Median 399 ± 43 Tage) [332]. Das Hauptaugenmerk der Studie lag auf der Erhöhung des Gewichts der Patienten, welches nachgewiesen wurde. Mantovani et al. (2010) geben in ihrer Studie an, dass kein reliabler Vergleich zwischen den Armen bezüglich der Überlebensraten gemacht werden kann, da nicht alle Patienten ihre Chemotherapie gleichzeitig begonnen haben und sie damit nicht vergleichbar wären [333]. Dennoch machen sie einen groben Gruppentest, welcher keine Unterschiede zwischen der Einzel-Carnitin-Gruppe und der Kombinationsinterventionsgruppe bezüglich Überlebenszeitraten oder Progression Free Survival zeigt.

Insgesamt spricht die Evidenzlage nicht für eine Wirksamkeit von Carnitin auf die Überlebensraten und Progression Free Survival. Die Studienlage ist allerdings sehr heterogen.

Komplikationen nach Operation

Die Studie von Koyama et al. (2017) schloss 16 Patienten nach einer Operation für Magen- oder kolokteralem Karzinom ein, welche eine periphere parentale Ernährung erhielten [339]. Die eine Hälfte der Patienten erhielt zusätzlich Carnitin für 4 Tage. Gemessen wurden die Komplikationen 1-7 Tage nach der Operation. Es konnten zwischen den Gruppen keine Unterschiede in der Anzahl der Komplikationen (in beiden Gruppen jeweils bei 2 Patienten; p = 0.715) oder der Art der Komplikation gefunden werden (p > 0.05).

Leberfunktion nach Hepaktektomie (zu Empfehlung 7.13)

In der Studie von Okabayashi et al. (2020) wurden 202 Patienten (Leberzellkarzinom und Gallengangskarzinom) eingeschlossen, die einer Hepatektomie unterzogen wurden [336]. Komorbiditäten der Patienten waren Hepatitis B (n=73), Hepatitis C (n=104), Alkohol (n=95) und nichtalkoholische Steatohepatitis (n=24). Die Patienten wurden in 2 Gruppen randomisiert, wovon die Interventionsgruppe (IG) über 2 Wochen Carnitin (30mg/kg Körpergewicht) und die Kontrollgruppe (KG) keine zusätzliche Maßnahme erhielt. Nach der OP zeigte sich ein leicht kürzerer Krankenhausaufenthalt in der IG im Vergleich zur KG (Median in KG 12 Tage (Range: 5-144 Tage) und 10 Tage in KG (Range: 7-157 Tage), p=0.048). In Hinsicht auf postoperative Morbidität/Komplikationen (Clavien-Dindo Klassifikation, posthepatisches Leberversagen, 50-50 Kriterium, allg. Komplikationen) konnten keine signifikanten Unterschiede gefunden werden. Die Autoren geben wenig Informationen über den Ablauf der Studie, sowie die Methodik - so gibt es keine Informationen zur Randomisierung oder den genauen Ablauf der Intervention.

Ejektionsfraktion nach Anthracyclin-Chemotherapie (zu Statement 7.14)

Die Studie von Zalat et al. (2020) wertete Daten von 83 Patienten aus (Brustkrebs, Hodgkin-Lymphon, Non-Hodgkin Lymphom) [337]. Randomisiert in 3 Gruppen, erhielt die erste Interventionsgruppe (IG1) zusätzlich zu der Anthracyclin-Chemotherapie Carnitin (3g ein Tag vor Chemotherapie Zyklus und 1g/Tag an den 21 darauffolgenden Tagen), die zweite Interventionsgruppe (IG2) erhielt zusätzlich Silymarin (Silymarin Kapseln 140mg täglich während Chemotherapie Zyklus) und die Kontrollgruppe (KG) erhielt keine zusätzlichen Maßnahmen. Nach 6 Monaten Chemotherapie wurde die Ejektionsfraktion gemessen. Es zeigte sich eine signifikante Verschlechterung in der KG (p = 0.00), eine signifikante Verbesserung in der IG1 (p = 0.002) und keine Änderung in der IG2 (p = 0.817). Am Ende der Studie wurden keine direkten Vergleiche zwischen den Gruppen durchgeführt. Die Studie gibt wenig Informationen über die Methodik und den Ablauf. Des Weiteren ist das Consort Diagramm uneindeutig, vor allem in Hinsicht auf den Zeitpunkt der Randomisierung, wodurch die Zuteilung der Gruppen nicht genau nachvollzogen werden kann.

Nebenwirkungen von Carnitin

In den Studien finden sich Nebenwirkungen, welche mit Carnitin in Verbindung gebracht werden [334] oder in denen Carnitin einen negativen Einfluss nimmt [330]. Cavallini et al. (2005) untersuchte Probanden nach einer BNSRRP aufgrund eines Prostatakarzinoms [338]. Die verzeichneten Nebenwirkungen werden von den Autoren dem Medikament Sildenafil zugeordnet. In der Studie werden allerdings keine genauen Informationen zur Menge des eingenommenen Sildenafils geliefert. In der Studie von Sun et al. (2016) wird der Einfluss von Carnitin auf Nebenwirkungen der Chemotherapie untersucht und mögliche Nebenwirkungen mit dem CRF erfasst [328]. Hierbei zeigen sich keine Gruppenunterschiede zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe für Nebenwirkungen (19,5% vs. 15,3%; p > 0.3903), weshalb davon ausgegangen wird, dass diese nicht vom L-Carnitin ausgelöst werden. Es wird erwähnt, dass keine der schwerwiegenden Nebenwirkungen von L-Carnitin ausgelöst wurde, allerdings hat ein Proband die Studie verlassen, da er Nebenwirkungen erlebte, welche dem L-Carnitin zugeordnet werden können. Leider wird diese Nebenwirkung nicht genauer benannt. In Anbetracht der 239 Teilnehmer (Interventionsgruppe 109, Placebo 116) ist die Anzahl der Nebenwirkungen vergleichsweise gering. Auch in der Studie von Kraft et al. (2012) wurden die Nebenwirkungen (vorwiegend Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) der Chemotherapie zugeordnet [332]. Die Autoren geben keinen konkreten p-Wert an, beschreiben aber, dass es keine Unterschiede zwischen dem Carnitinarm (4g täglich) und dem Placeboarm gefunden wurden. Es ist bei der Studie von Mantovani et al. (2010) trotz fehlenden signifikanten Gruppenunterschieds erwähnenswert, dass in dieser 5-armigen Studie nur in 2 Armen Grad 3 und 4 Nebenwirkungen auftraten (erhoben mit CTCAE). Dies waren die Arme die entweder nur Carnitin (2x 2g täglich) oder ein Kombinationspräparat, welches Carnitin enthielt über 4 Monate, bekamen. Es zeigten sich dabei in beiden Armen je 2 Fälle von Diarrhöe Grad 3/4. Insgesamt nahmen 332 Probanden an der Studie teil (je 88 in beiden Armen).

In der Studie von Cruciani et al. (2009) nahmen 29 Probanden teil, davon nahmen 17 Probanden für 2 Wochen täglich 2g L-Carnitin und die Kontrollgruppe ein Placebo, woraufhin für weitere 2 Wochen auch die Kontrollgruppe L-Carnitin erhielt [334]. Die Autoren berichten, dass die Probanden bei jedem Kontakt mit dem Studienpersonal nach Nebenwirkungen gefragt wurden. Es gab einen Fall von Verstopfung und einen Fall von Diarrhöe, welche in Verbindung mit Carnitin gebracht werden. Alle weiteren Nebenwirkungen oder Probleme werden dem Fortschreiten der Krankheit oder anderen Medikamenten zugeschrieben.

Die Studie von Hershman et al. (2013) stellt einen Sonderfall in Bezug auf Nebenwirkungen da. So zeigten sich zwar grundsätzlich nur ein Fall von Erbrechen Grad 3 in der Interventionsgruppe (3g Carnitin täglich über 6 Monate, NW erhoben mit CTCAE) und ein Fall von Grad 3 Schlafstörungen in der Kontrollgruppe, aber das wirklich Bemerkenswerte ist der Einfluss von Carnitin auf die periphere Neuropathie, welche bei den über 400 Probanden durch Taxane ausgelöst wurde [330]. Die durch Taxane verursachte Neuropathie trat im Grad 3-4 in der Interventionsgruppe 8x im Vergleich zu nur 1x in der Kontrollgruppe auf (p = 0.46). Nach 24 Wochen finden sich signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen für Neuropathie-Symptome (p = 0.01; siehe Carnitin und Periphere Neuropathie für weitere Informationen). Die Autoren raten aufgrund der Ergebnisse von der Gabe von Carnitin ab. Alle Nebenwirkungen unter Grad 3 zeigen augenscheinlich keine Unterschiede zwischen den Armen.

In der Studie von Cruciani et al. (2012) wurden die Nebenwirkungen systematisch mit dem CTCAE erfasst. Es zeigten sich einige Nebenwirkungen verursacht durch die Chemotherapie bzw. Radiotherapie [335]. Die insgesamt eingeschlossenen 376 Probanden, wurden in 2 Gruppen randomisiert und erhielten entweder täglich 2g Carnitin oder ein Placebo für 1 Monat, darauffolgend dann auch die Placebogruppe Carnitin für einen weiteren Monat erhielt. Die Nebenwirkungen des Grades 5 (Todesfälle) unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Armen (p = 0.64), womit nicht von einem Einfluss von Carnitin ausgegangen werden kann. Auch die Nebenwirkungen niedrigerer Grade unterschieden sich augenscheinlich nicht zwischen den beiden Armen.

Neben randomisiert-kontrollierten Studien, welche in diese Empfehlung eingeschlossen wurden, berichten auch Studien niedrigerer Evidenzklassen von Nebenwirkungen bzw. haben diese erfasst.

Die nicht-randomisierte Studie von Callander et al. (2014) untersuchte die Toxizität von Bortezomib [341]. Dabei erhielt eine Gruppe während der Chemotherapie Bortezomib (1.3 mg/m2, Tag 1, 4, 8 und 11) Doxorubicin (15 mg/m2; Tag 1 und 8) und Dexamethasone (20 mg, Tag 1, 4, 8 und 11) und eine andere Gruppe erhielt zusätzlich Acetyl-L-Carnitin (ALC, 2x 1,5g täglich) für bis zu 8 Zyklen. Dabei zeigten sich zahlreiche Nebenwirkungen, welche größtenteils hämatologischer Natur waren (44% [8/19] in der Gruppe ohne Carnitin und 46 % [6/13] in der Gruppe mit Carnitin entwickelten > Grad 3 hämatologische Toxizität). Weiterhin entwickelte ein Großteil der Patienten gastrointestinale Symptome wie Diarrhöe (41% gesamt). Es gab zudem einen Fall von einer Grad 4 Infektion mit CMV in der Gruppe ohne Carnitin. Die Autoren führen keinen Gruppenvergleich durch, augenscheinlich unterscheiden sich die Häufigkeiten zwischen den Gruppen allerdings nicht. So das nicht davon auszugehen ist, dass die aufgetretenen Nebenwirkungen von Carnitin, sondern von Bortezomib verursacht wurden. Die Studien von Bianchi et al. (2005) [342] und von Maestri et al. (2005) [343] stellen beide einarmige Studien dar. Es wurde also keine Vergleichsgruppe in die Studie einbezogen. Bianchi et al. (2005) fanden nur zwei Fälle von Übelkeit (Grad 1, erhoben mit NCI-CTC) [342]. Die 25 Probanden erhielten 1g ALC 3x täglich für 8 Wochen und hatten alle eine Paclitaxel oder Cisplatin Therapie durchlaufen und litten dadurch an peripherer Neuropathie. Maestri et al. (2005) gaben ihren Probanden, welche in einem ähnlichen Kontext erhoben wurden, 1g ALC pro Tag für insgesamt 10 Tage [343]. Sie verzeichneten nur einen Fall von Schlafstörung, nach der ersten Infusion. Dieser Proband verließ daraufhin die Studie. Die Autoren geben an, dass diese Nebenwirkung durch die Behandlung mit ALC in Verbindung steht. Es wurden keine weiteren Nebenwirkungen berichtet. Campone et al. (2013) berichtet in seiner Studie, dass nur wenige Probanden Nebenwirkungen berichteten, welche mit ALC in Verbindung gebracht werden können [344]. Gibt aber keine weiteren Informationen dazu an.

Weitere Studien berichten von keinen Nebenwirkungen oder haben diese nicht explizit erhoben ([Carnitindosis, Dauer]; Mantovani et al., 2008 [345] [2x2g täglich, 4 Monate]; Gramignano et al., 2006 [346] [3x 2g, 4 Wochen]; Cruciani et al., 2004 [347] [3g täglich, 1 Woche]; Breitkreutz et al., 2000 [348] [2g täglich, 5 Tage]); Okabayashi et al., 2020 [336] [30mg/kg Körpergewicht für 2 Wochen]).

Insgesamt finden die meisten Studien keine Nebenwirkungen. Nur die randomisiert-kontrollierte Studien von Cruciani et al. (2009) [334] und Hershman et al. (2013) [330], sowie die einarmigen Studien von Bianchi et al. (2005) [342] und von Maestri et al. (2005) [343] finden Nebenwirkungen, welche mit Carnitin in Verbindung gebracht werden können. Hierbei handelt es sich zumeist um Symptome wie Erbrechen und Diarrhöe und zweimal um Schlafstörungen. Die Studie von Hershman et al. (2013) zeigt zudem einen möglichen negativen Effekt von Carnitin auf periphere Neuropathie [330]. Es ist wichtig anzumerken, dass sich die Dosis in allen 4 Studien voneinander unterscheidet (1-3g täglich). In deren Follow-Up Studie zeigt sich 1 Jahr nach der eigentlichen Studie (und damit Einnahme von Carnitin) im Vergleich zur Kontrollgruppe weiterhin eine verstärke Neuropathie im Interventionsarm [329]. Dieser Unterschied verschwindet erst ein weiteres Jahr später (2 Jahre Follow-up). 

Zusammenfassend berichten 4 Studien inklusive 1 Follow-up-Erhebung von Nebenwirkungen, 5 Studien berichten keine Nebenwirkungen und 5 Studien schließen den Zusammenhang von Carnitin mit den erhobenen Nebenwirkungen aufgrund eines Gruppenvergleichs aus.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Carnitin wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.4 Selen

7.15 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2024

Es liegen Daten aus zwei randomisiert kontrollierten Studien zur protektiven Wirkung von Natriumselenit/ Selenium auf radiotherapieassoziierte Nebenwirkungen bezüglich der oralen Mukosa bei Patienten mit Kopf-Hals Tumoren vor. Natriumselenit kann zur Protektion von radiotherapieassoziierten Nebenwirkungen bei Patienten mit Kopf-Hals Tumoren und Selendefizit erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[349] [350]
ÄnderungshinweisEs liegen Daten aus einer randomisiert kontrollierten Studie zur protektiven Wirkung von Natriumselenit auf radiotherapieassoziierte Nebenwirkungen bezüglich der oralen Mukosa bei Patienten mit fortgeschrittenen Kopf-Hals Tumoren mit Selendefizit vor. Natriumselenit kann zur Protektion von radiotherapieassoziierten Nebenwirkungen bei diesen Patienten erwogen werden.
Evidenztabellen (2)Büntzel et. al. (2008); Laali et al. (2020)
7.16 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2024

Es liegen Daten aus einer randomisiert kontrollierten Studie in 2 Publikationen zur protektiven Wirkung von Natriumselenit auf radiotherapieassoziierte Nebenwirkungen bezüglich der Darmschleimhaut bei Patientinnen mit Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs mit Selendefizit vor. Natriumselenit kann zur Protektion von radiotherapieassoziierten Nebenwirkungen, insbesondere radiotherapieassoziierte Diarrhoe, bei diesen Patientinnen erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[351] [352]
ÄnderungshinweisEs liegen Daten aus einer randomisiert kontrollierten Studie in 2 Publikationen zur protektiven Wirkung von Natriumselenit auf radiotherapieassoziierte Nebenwirkungen bezüglich der Mukosa des Beckenbereichs bei Patientinnen mit Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs mit Selendefizit vor. Natriumselenit kann zur Protektion von radiotherapieassoziierten Nebenwirkungen, insbesondere radiotherapieassoziierte Diarrhoe, bei diesen Patientinnen erwogen werden.
7.17 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen Daten aus einer randomisiert kontrollierten Studie zur protektiven Wirkung von Natriumselenit auf die chemotherapieinduzierte Mukositis bei Patienten mit akuter lymphatischer oder myeloischer Leukämie mit Selendefizit, unter Behandlung mit hochdosierter Chemotherapie und anschließender allogener Stammzelltransplantation vor. Das Setting der Studie kann nicht auf die modernen Standards dieser Therapie in Deutschland übertragen werden. Somit liegen keine ausreichenden Daten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Natriumselenit bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[353]
Evidenztabellen (1)Jahangard-Rafsanjani et al. (2013)
7.18 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirkung von Natriumselenit auf die Infektionsrate und die kardiale Ejektionsfraktion während einer Chemotherapie (CHOP) bei Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphom mit unbekanntem Selenspiegel vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Natriumselenit bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[354]
Evidenztabellen (1)Asfour et. al. (2006)
7.19 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirkung von Natriumselenit auf die Regenerierung der Neutrophilen und Thrombozyten nach allogener Stammzelltransplantation und Komplikationen der Transplantation bei Patienten mit akuter lymphatischer oder myeloischer Leukämie mit Selendefizit vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Natriumselenit bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[353]
Evidenztabellen (1)Jahangard-Rafsanjani et al. (2013)

Selen ist ein Mikronährstoff und lebenswichtiges Spurenelement, das in verschiedenen organischen (als Selenomethionin, Selenocystein, Methylselenocystein) und anorganischen (als Selenit bzw. Natriumselenit, Selenat) Verbindungen in der Natur vorliegt. Selen wird im Körper in Enzyme abgebaut, die antioxidativ wirken und Giftstoffe abbauen, weswegen es eine bedeutungsvolle Rolle in der Krebsprävention spielt. Die Substitution mit Selen aktiviert das Selen-abhängige Enzym Glutathionperoxidase, welches wichtig ist zum Abfangen freier Radikale. Die Forschung untersucht daher den Einfluss von Selen auf die Nebenwirkungen von Therapien, welche freie Radikale freisetzen, z.B. Radio- oder/und Chemotherapie. Insgesamt wird Selen auch mit einer verbesserten Immunantwort in Verbindung gebracht. Es wurden bisher keine Hinweise auf einen negativen Einfluss von Selen auf das Gesamtüberleben gefunden. Es gibt Hinweise, dass sowohl eine Selenunter- wie eine –überversorgung negative Folgen haben. Es ist wichtig anzumerken, dass die Selenkonzentration in den Studien auf unterschiedliche Weise gemessen wurde. Es muss differenziert werden zwischen Serumkonzentrationen und der Vollblutkonzentrationen. Die Analyse der Serumkonzentration wird in der Literatur oft als kritisch angesehen, entspricht jedoch dem klinischen Alltag. Vollblutkonzentrationen werden zumeist nur im Rahmen von Studien gemessen. Es ist zudem in jeder Studie zu betrachten, ob der Selenspiegel überhaupt erhoben, bzw. ein Selendefizit vor Supplementierung festgestellt wurde und/oder der Spiegel im Verlauf kontrolliert oder die Spiegel zwischen den Gruppen (Interventions- und Kontrollgruppe) verglichen wurden. Folgende Werte werden als Referenz-/Normalwerte angenommen: Plasma: 0,8-1 μmol/l (6,3-7,9 μg/dl, 80-120ng/ml), Vollblut: 0,9-1,8 μmol/l (7,1-14,2 µg/dl, 100-140ng/ml) und Urin: 0,05-0,2 μmol/l (4-16 μg/l). Schätzungen für eine tägliche Selenzufuhr bei erwachsenen Personen liegen bei etwa 60µg (weiblich) bzw. 70μg (männlich [Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.]).

Zu unterscheiden ist zwischen organischem und anorganischem Selen. In den Studien wird entweder Selenhefe bzw. Selenmethionin (organisch) oder Selenit bzw. Natriumselenit (anorganisch) verabreicht. Bei der Gabe von Selenhefe kann es zu einer Überdosierung kommen, da der Körper bei der Aufnahme keine regulativen Maßnahmen einsetzt. Natriumselenit kann im Körper weniger gut gespeichert werden als organische Verbindungen. Deshalb führen zu hohe Supplementierungen nicht so schnell zu einer Überdosierung.

In diese Empfehlung wurden 11 RCTs, mit insgesamt 8 verschiedenen Stichproben eingeschlossen, welche die verschiedensten Endpunkte untersuchten. Vorrangig wurden der Einfluss von Selen auf die radiotherapie-assoziierten Nebenwirkungen, sowie die Krankheitsfreie-, Progressionsfreie Zeit und das Gesamtüberleben von Krebspatienten betrachtet. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Studien einzeln beschrieben.

In der Aktualisierung der Suche wurde eine Studie gefunden, welche organisches Selenium als Intervention einsetzte und Patienten ohne Selendefizit einschloss [350].

Linderung von Radiotherapieassoziierten Nebenwirkungen durch Natriumselenit/ Selenium

Mukosa des Mundes (zu Empfehlung 7.15)

Insgesamt zwei RCTs untersuchten den Einfluss von Selen auf radiotherapie-induzierte orale Mukositis.

In der Studie von Buntzel et al. (2008) wurden 39 Probanden mit fortgeschrittenen Kopf-Hals Tumoren und einem nachgewiesenen Selendefizit zufällig in 2 Gruppen eingeteilt [349]. Eine Gruppe (n = 22) bekam 500µg Natriumselenit 2 Tage vor Beginn der Radiotherapie und an Tagen der Radiotherapie und 300µg Natriumselenit an Tagen ohne Radiotherapie und eine andere Gruppe (n = 17) erhielt nichts Zusätzliches zur Radiotherapie. Untersucht wurde, ob die Selengabe die Nebenwirkungen der Radiotherapie beeinflussen kann. Dies wurde nach den Kriterien der Radiotherapy Oncology Group, kurz RTOG bewertet, welche den Schweregrad der Nebenwirkungen einschätzen. Am Ende der Radiotherapie konnten für die Radiotherapie-verursachten Symptome keine Unterschiede zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe gefunden werden (maximale Toxizität: Dysphagie 22.7% vs. 35.3%, Ageusie 22.7% vs. 47.1%, Xerostomie 22.7% vs. 23.5%, und orale Mukositis 36.4% vs. 23.5%.). Nur bei der Dysphagie gab es in Woche 7 und damit der letzten Woche der Radiotherapie signifikante Unterschiede (Mittelwerte 1.533 vs. B 2.167; p = 0.05). Auch die Gesamtzahl der aufgetretenen Fälle von Nebenwirkungen unterschied sich nicht zwischen Interventions- und Kontrollgruppe (23 schwere Nebenwirkungen vs. 22; p = 0.476). Insgesamt gibt die Studie eine sehr übersichtliche Beschreibung des Ablaufs und auch der Ergebnisse. Allerdings werden wichtige demographische Angaben wie Nikotin- oder Alkoholkonsum, Komorbiditäten oder Tumorstadium der Patienten nicht angegeben und können deshalb auch nicht in der Analyse berücksichtigt werden. Der Randomisierungsprozess ist unklar und wird insbesondere fraglich, da die Gruppengrößen ungleich groß sind. Da kein Placebo eingesetzt wurde, konnte zudem keine Verblindung der Probanden oder der Prüfärzte oder Studienleiter durchgeführt werden.

In der doppelblinden Studie von Laali et al. (2020) wurden 84 Patienten mit Hals-Kopf Tumoren in zwei Gruppen randomisiert [350]. Die Interventionsgruppe (A, n=42) erhielt über die Zeit der 7-wöchigen Radiotherapie täglich 2 Tabletten mit je 200mcg Selenium und die Kontrollgruppe ein Placebo (B, n=42). Beide Gruppen erhielten zusätzlich die Einweisung für die Verwendung von Kochsalzlösung zur Mundspülung und die richtige Mundhygiene. Etwa die Hälfte aller Patienten erhielt eine Radiochemotherapie, die übrigen nur eine Radiotherapie. Ausgewertet wurden jedoch nur 71 Patienten (A n=37, B n=34). Zum Ende der Studie zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen im Auftreten (in Wochen MW±SD: A 1.61 ± 0.83 vs. B 1.70 ± 1.05, p=0.31), Dauer (in Tagen Grad 1-4: A 46.97±20.26 vs. B 50.44±17.56; p=0.27; Grad 3 oder 4: A 10.97±11.49 vs. B 14.00±13.67; p=0.34) und Entwicklung schwerer oraler Mukositis (Grad 3 oder 4 A 25 und B 20 Patienten, Log-Rank p=0.78), sowie der kumulativen Inzidenz (A: 97.3%, B: 100%; p=0.79) über den Studienverlauf. Einzig bei der Inzidenz schwerer oraler Mukositis zeigte sich ein signifikanter Unterschied zu Woche 3: A 9.8% vs. B 42%; p=0.017. Zum Ende der Studie zeigte sich zusätzlich kein Unterschied in dem Selenspiegel zwischen den beiden Gruppen (p=0.24). Die Autoren geben zudem an, dass es eine Assoziation zwischen einem Selenspiegel unter 65mcg/l vor Radiotherapie und erhöhter/früherer Inzidenz von oraler Mukositis gibt (p=0.04), jedoch wird diese Analyse nicht weiter ausgeführt. Die Berichtqualität der Studie ist sehr oberflächlich und wirft methodische Fragen auf. So stimmen die Zahlen des Drop-Outs zwischen Text und Flowchart nicht überein (ausgewertet im Text A n=37, Flow Chart A n=33, Angabe von Gründen nur für n=5). Zwar geben die Autoren die Vergleichbarkeit der Gruppen zu Beginn an, jedoch wird kein Hinweis auf eine statistische Analyse gegeben und keine Info zum Krebsstadium der Patienten. Analysen mit Kaplan-Meier Kurve, Log-Rank und Assoziationen zwischen Selenspiegel und Inzidenz von oraler Mukositis scheinen post-hoc Analysen zu sein, da diese weder in der vorherigen Methodik angekündigt noch genau erläutert werden.

Darmschleimhaut (Diarrhöe) (zu Empfehlung 7.16)

Die Autoren Mücke et al. veröffentlichten 2 Publikationen Daten zum Endpunkt Diarrhoe als radiotherapieinduzierte Nebenwirkung [355][351]. Die Studie von 2010 bildet die Basis. In die Studie wurden 81 Patientinnen mit Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs eingeschlossen. Randomisiert in zwei Gruppen erhielten sie entweder zusätzlich zur Radiotherapie 500µg Selen in Form von Natriumselenit (selenase®) bzw. 300 µg an Tagen ohne Radiotherapie oder keine zusätzlichen Präparate. Alle Probanden hatten zu Beginn der Studie ein nachgewiesenes Selendefizit. Es zeigte sich eine geringere Häufigkeit von Radiotherapie-verursachter Diarrhoe in der Selengruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe (Grad 1 - 3 Diarrhoe zur Hälfte der Radiotherapie; p = 0.01; Gesamtauftreten: Diarrhoe Grad 2 20.5% vs. 44.5%; p = 0.04). In der Studie von 2013 wurde die Gruppe geteilt, in jene mit einem großen Zielvolumen und jene mit einem kleinen. Hierbei zeigte sich, dass die Reduzierung der Diarrhoe durch Selen nur noch signifikant in der Gruppe mit einem großen Zielvolumen ist (PTV ≤ 1302 ml (n = 41) mind. Grad 2 Diarrhoe in Interventionsgruppe 22.3% (4/18 Patienten) vs. 34.8% (8/23 Patienten); p = 0.50; bei PTV > 1302 ml (n = 40) in Interventionsgruppe 19.1% (4/21 Patienten) vs. 52.6% (10/ 19 Patienten); p = 0.046). Die Studien überzeugen durch eine übersichtliche Darstellung der Ergebnisse und einer Prüfung der Selenkonzentration der Probanden. Allerdings werden über Krankheits- und Selenstatus hinaus wenige Informationen zu den Patientinnen gegeben. Im Ganzen kann die Studie aber als methodisch solide betrachtet werden.

Linderung von Chemotherapieassoziierten Nebenwirkungen durch Natriumselenit

Mukositis bei Patienten mit akuter lymphatischer oder myeloischer Leukämie (zu Statement 7.17)

Jahangard-Rafsanjani et al. (2013) untersuchten den Endpunkt chemotherapieassoziierte Mukositis [353]. In der Studie wurden 77 Patienten mit akuter lymphatischer oder myeloischer Leukämie (CR1, CR2, CR3) eingeschlossen, welche sich einer hochdosierten Chemotherapie (BU 4 mg/kg p.o. in geteilten Dosen täglich für 4 Tage (Gesamtdosis 16 mg/kg) gefolgt von CY 60 mg/kg einmal täglich i.v. für 2 Tage (Gesamtdosis 120 mg/kg)) und anschließend einer allogenen Stammzelltransplantation unterziehen. Die Probanden wurden in 2 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe (n = 38) erhielt während der 6-tägigen Chemotherapie und bis 14 Tage nach der Transplantation jeden Tag 2x täglich 200 μg Selen und die andere Gruppe ein Placebo. Insgesamt gab es keine Unterschiede über den Beginn, die Häufigkeit oder die Dauer der Mukositis nach der Transplantation zwischen der Interventions- und der Placebogruppe (Beginn: 6.16 ± 1.57 vs. B: 6.27 ± 1.8 Tage; p = 0.81; kumulatives Auftreten (Grad 1-4) 83.8% vs. 81.1%, p = 0.76). Auch die Dauer zwischen den Gruppen war vergleichbar (p = 0.048), nur die Entwicklung der objektiven Mukositis von Grad 2 zu 4 und zurück war signifikant kürzer in der Interventionsgruppe (3.6 ± 1.84 Tage) als in der Placebogruppe (5.3 ± 2.2 Tage; p = 0.014). Es gab zudem bedeutsam weniger schwere Fälle von Mukositis in der Selen-Gruppe (Mukositis Grad 3-4: 10.8%) im Vergleich zur Placebogruppe (35.1%); p = 0.013 (Häufigkeit Grad 4: 2x in B, 0x in A). Die Studie ist methodisch gut durchgeführt, gibt aber wenig Informationen über die einbezogene Stichprobe (wenig demographische Angaben) und macht trotz Ankündigung im Einleitungsteil keinerlei direkte Aussage über einen Selenmangel der Patienten. Es kann jedoch in Anbetracht der gegebenen Werte ein geringes Defizit angenommen werden (Baseline Serum-Selenspiegel Selengruppe: 6.47 ± 1.53 μg/dL, Kontrollgruppe: 7.13 ± 1.70 μg/dL, p = 0.08). Auch der Einsatz von Medikamenten zur generellen Mukositisprävention könnte den direkten Einfluss von Selen auf die Mukositis beeinträchtigt haben. Es wurde keine Überprüfung der Compliance oder des Erfolges der Verblindung durchgeführt. Aufgrund der sehr spezifischen Stichprobe und den sehr spezifischen Umständen kann dieses Ergebnis nicht auf andere Patientengruppen übertragen werden.

Linderung von Radiochemotherapieassoziierten Nebenwirkungen durch Selenomethionine

Mukositis

Auch die Studie von Mix et al. (2015) untersuchte den Endpunkt Mukositis, diesmal aber als Resultat einer Radiochemotherapie [356]. Es wurden 18 Patienten mit Plattenepithelkarzinom des Kopf-Hals-Bereiches ohne nachgewiesenes Selendefizit (Interventionsgruppe: 80.2 ng/mL, Placebogruppe: 105.1 ng/mL; p = ns), welche sich einer Chemo- und Radiotherapie  unterziehen (Radiotherapie: 70 Gy bei 2 Gy per Fraktion in 35 täglichen Behandlungen, 5 Tage die Woche für 7 Wochen, CTx: Cisplatin dosiert mit  100 mg/m2 intravenös über 3h in 1000mL Kochsalzlösung an Tagen 1, 22, und 43 der RTx) in zwei Gruppen randomisiert, in der sie entweder 3600 μg/m2 (in 800 μg Tabletten) Selen (Selenomethionine) 2x täglich 7 Tage vor der Chemotherapie, 1x täglich während der Chemotherapie und dann weiterhin 1x täglich für 3 Wochen nach der Chemotherapie bekamen oder ein Placebo. Die Autoren fanden keine Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich Grad 3 oder 4 Mukositis (Grad 3 Interventionsgruppe 2x, Placebogruppe 3x, kein Grad 4). Es wurden keine statistischen Gruppenvergleiche für die weiteren erhobenen Nebenwirkungen durchgeführt: Hör-Dysfunktionalität je 1x in beiden Gruppen, 1x erhöhte Kreatininwerte in der Placebogruppe; Myelosuppression: 1x Anämie in Placebogruppe, Leukopenie in 3x in Interventions- und 2x in Placebogruppe; Dermatitis 2x Interventionsgruppe; trockener Mund 2x Placebogruppe; Dysgeusie 2x Interventions- und 1x Placebogruppe; Odyno-/dysphagie 1x Interventions- und 2x Placebogruppe; orale-/Halsschmerzen 2x Placebogruppe; Schleim/ Auswurf: 3x Interventions- und 1x Placebogruppe. Ohne die Durchführung statistischer Vergleiche können keine Schlüsse über den Effekt von Selen gezogen werden. Insgesamt ist die Stichprobe sehr klein und die Berichterstattung sehr oberflächlich in Anbetracht der allgemeinen Studienbeschreibungen/ Rahmenbedingungen und insbesondere der Ergebnisbeschreibung. Es ist zudem anzumerken, dass die Selenkonzentration der Placebogruppe über den Studienverlauf leicht sinkt, während die Konzentration in der Interventionsgruppe auf 890.4ng/mL (Range 475.0-1104.7) steigt. Was in Anbetracht eines durchschnittlich angenommenen Normwertes zwischen 60-175ng/mL und einer optimalen Versorgung bei 160-175ng/mL als sehr hoch anzusehen ist und im Rahmen einer Überdosierung toxische Konsequenzen haben kann.

Insgesamt zeigen die Studien keine durchgängigen Vorteile für Selen in der Reduktion der Radiotherapie-, Chemotherapie oder Radiochemotherapie-assoziierten Nebenwirkungen. Auch im Vergleich der Studien mit Probanden mit Selendefizit zur Baseline vs. Probanden mit Werten im Normalbereich zur Baseline können keine übergreifenden Schlüsse zur Besserung der Radiotherapienebenwirkungen durch Selengabe gezogen werden. Insgesamt konnten nur kleine Vorteile in Bezug auf die Schwere von Chemotherapieassoziierter Mukositis in einer Studie (Jahangard-Rafsanjani et al., 2013 [353], mit geringem Selendefizit zur Baseline) bei einer sehr spezifischen Stichprobe gefunden werden. Und eine Verringerung der Radiotherapie-assoziierten Diarrhoe in einer Studie. Diese gibt Hinweis, dass bei ausreichend großem Zielvolumen der Bestrahlung eine Protektion von Schleimhaut im Beckenbereich erreicht werden könnte (Mücke et al., 2010 und 2013 [355][351], mit Selendefizit zur Baseline). Bei der Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich im Sinne einer Protektion der Mundschleimhäute zeigen sich ähnliche Hinweise, jedoch weniger eindeutig [349]. 

PSA-Wert (Selenomethionine)

Der Einfluss von Selen auf den PSA-Wert wurde in einer RCT von Stratton et al. (2010) untersucht [357]. In dieser Studie wurden die Daten von 140 Männern mit niedrig-gradigem nicht metastasierendem Prostatakrebs eingeschlossen, welche sich gegen eine aktive Therapie und stattdessen für eine „Active Surveillance-Therapie“ entschieden haben. Es lag zur Baseline kein Selendefizit vor. Die Probanden wurden in 3 Gruppen randomisiert, in denen sie entweder täglich 200 μg oder 800 μg Selen (Hefeselen) bekamen, oder ein Placebo. Untersucht wurde, ob sich der PSA-Wert als Indikator für die Entwicklung des Prostatakrebses der Probanden über die kommenden Jahre verändert. Nach 5 Jahren konnte weder zwischen den Selen-Gruppen und der Placebo-Gruppe (200 μg und 800 μg vs. Placebo, p = 0.32), noch zwischen den beiden Selen-Gruppen 200 μg vs. 800 μg, p = 0.61 ein Unterschied bezüglich der Höhe des PSA-Wertes festgestellt werden. Es konnte allerdings gezeigt werden, dass Männer, welche schon zu Beginn der Studie einen hohen Selen-Plasma-Wert hatten und dann über die Zeit der Studie täglich 800 μg zu sich nahmen, nach 5 Jahren einen signifikant höheren PSA-Wert aufwiesen als die Placebo-Gruppe (p = 0.018). Doch hier handelt es sich um eine sehr kleine Subgruppe der ursprünglichen Stichprobe, weshalb das Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren ist. Insgesamt wartet die Studie mit großer statistischer und planungsmäßiger Sorgfalt auf, versäumt hingegen wichtige Informationen über den Randomisierungs- und Verblindungsprozess zu liefern, womit die Rahmenbedingungen der Studie in Frage gestellt werden könnten. Zudem konnten die Probanden neben der Studie immer noch etwa 50μg Selen zu sich nehmen, wodurch eine Einnahme von Selen auch in der Placebogruppe nicht ausgeschlossen werden kann. Es zudem anzumerken, dass die Selenkonzentration der Probanden zur Baseline bereits im Mittel (SD) bei 134.5 (41.5) ng/mL im oberen Normalbereich liegt. Unabhängig davon kann eine Gabe von 200 oder sogar 800µg als eine Überdosierung von Selen gewertet werden.

Trotz aller Kritik kann eine mögliche Gefährdung, im Sinne einer Erhöhung des PSA-Wertes bei einer überhöhten Gabe und der daraus folgenden Ansammlung von Selenomethionine im Körper nicht ausgeschlossen werden.

Infektionsrate und kardiale Ejektionsfraktion (Natriumselenit) (zu Statement 7.18)

Der Einfluss von Natriumselenit auf die Infektionsrate und die kardiale Ejektionsfraktion während einer Chemotherapie (CHOP) wurde in einer RCT von Asfour et al. (2006) erhoben [354]. In dieser Studie wurden 30 Probanden mit Non-Hodgkin-Lymphom (mittel- und hochgradig, keine Angabe zu Selendefizit zur Baseline) 2 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe bekam oral 0.2 mg/kg/d Natriumselenit an Tag 3 bis 7 der Chemotherapie (750 mg/m2 am ersten Tag des Zyklus (D1) intravenös Cyclophosphamid, 50 mg/m2 intravenös D1 Doxorubicin, 1.4 mg/m2 intravenös D1 Vincristin, 100 mg D1 zu D5 Prednison) und eine antiemetische Medikation, laut den Autoren zur Reduktion von möglichem Selen-induziertem Erbrechen. Es ist unklar, ob die Kontrollgruppe ebenfalls eine antiemetische Medikation bekam. Die Infektionsrate und die kardiale Ejektionsfraktion waren zum Ende der Studie bedeutsam besser in der Gruppe, welche während der Chemotherapie Selen erhalten hatte im Vergleich zur Kontrollgruppe (Infektionsrate: Interventionsgruppe 20% vs. Kontrollgruppe 67%, p <0.05; Ejektionsfraktion [Mittelwert ± SD] Interventionsgruppe 63 ±  6% vs. Kontrollgruppe 69 ± 6%, p < 0.05). Der Schwerpunkt der Studie liegt auf Laborparametern, welche für diese Leitlinie nicht relevant sind und deshalb an dieser Stelle nicht beschrieben werden. Dies merkt man in der Beschreibung der beiden anderen Endpunkte, welche nur kurz angerissen und wenig beschrieben werden. Insgesamt fehlen in der Studie viele einzelne Informationen wie das Alter der Probanden, der Ablauf des Randomisierungsprozesses, der genaue Zeitraum der Erhebung oder die genaue Anzahl der aufgetretenen Nebenwirkungen. Es ist zudem anzumerken, dass die durchgeführte Analyse sehr vereinfacht ist und in keinerlei Richtung einen möglichen Einfluss von Drittvariablen, wie den demographischen Variablen berücksichtigt. Dies kann insbesondere in Anbetracht der sehr geringen Stichprobenanzahl das Ergebnis verzerren, wodurch ein direkter Einfluss von Selen auf die Veränderung der Endpunkte angezweifelt werden könnte. Auch die zusätzliche antiemetische Medikation wird nur unzureichend beschrieben, da diese eigentlich zur Verminderung der Nebenwirkungen der Chemotherapie eingesetzt wird. Als besondere Einschränkung ist die fehlende Angabe der Selenspiegel zu betrachten, da hiermit keine Aussage über ein mögliches Selendefizit der Probanden gemacht werden kann, oder die Probanden entsprechend ihrem Spiegel verglich werden können. Hierbei ist insbesondere die sehr hohe Dosis von 0.2 mg/kg/d zu beachten.

Insgesamt kann aufgrund einer Studie kein eindeutiger Schluss zur Wirkung von Selen auf die Infektionsrate und die Ejektionsfraktion während einer Chemotherapie gezogen werden.

Regenerierung der Neutrophilen und Thrombozyten nach allogener Stammzelltransplantation und Komplikationen der Transplantation (zu Statement 7.19)

In der Studie von Jahangard-Rafsanjani et al. (2013) wurden 77 Patienten mit akuter lymphatischer oder myeloischer Leukämie eingeschlossen, welche sich einer hochdosierten Chemotherapie und anschließend einer allogenen Stammzelltransplantation unterzogen [353]. Ziel der Studie war es herauszufinden, ob die Einnahme von Selen das Auftreten von Mukositis beeinflussen kann, dies wird in einem anderen Abschnitt erläutert. Es wurden zudem weitere Laborparameter und Symptome der Patienten erhoben. Die Probanden wurden in 2 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe (n = 38) erhielt während der 6-tägigen Chemotherapie und bis 14 Tage nach der Transplantation jeden Tag 2x täglich 200 μg Selen (IG) und die andere Gruppe ein Placebo (PG). Es zeigten sich am Ende der Studie keine Unterschiede bezüglich der Regenerierung der Neutrophilen und Thrombozyten (p = 0.32; p = 0.87). Es zeigten sich auch keine Unterschiede bezüglich Länge des Krankenhausaufenthaltes ([Mittelwert ± SD in Tagen] Interventionsgruppe: 26.92 ± 6.26 vs. Placebogruppe: 25.81 ± 4.33 Tage; p = 0.38), Dauer des Fiebers während der neutropenischen Phase (Fieber über 38.3°C bei 72 Patienten (97.3%), Dauer Interventionsgruppe [Mittelwert ± SD in Tagen]: 3.81 ± 1.96 vs. Placebogruppe: 3.83 ± 2.93; p = 0.98) oder der Häufigkeit der akuten GvHD (p = 0.35), sowie weiteren nicht-hämatologischen Laborparametern  (Leber- oder Nierenfunktion: Erhöhung Serumkreatinin: p = 0.31; Erhöhung Aspartat-Aminotransferase (ALT) oder Alanin-Transaminase (AST): p = 0.62). Die Studie ist methodisch gut durchgeführt, gibt aber wenig Informationen über die einbezogene Stichprobe (wenig demographische Angaben) und macht trotz Ankündigung im Einleitungsteil keinerlei direkte Aussage über einen möglichen Selenmangel der Patienten. Es kann jedoch in Anbetracht der gegebenen Werte ein geringes Defizit angenommen werden (Baseline Selenspiegel Selengruppe: 6.47 ± 1.53 μg/dL, Kontrollgruppe: 7.13 ± 1.70 μg/dL, p =  0.08). Es konnte zudem eine signifikante Erhöhung des Serumselenspiegels und der Plasma Glutathion-Peroxidase Aktivität an Tag 7 und 14 nach der Transplantation im Vergleich zur Baseline in der Interventionsgruppe und an Tag 14 im Vergleich zur Placebogruppe festgestellt werden. Die Ergebnisse dieser Studie sind als sehr spezifisch für die Stichprobe zu betrachten und können nicht auf andere Patientengruppen übertragen werden.

Rezidive (Selenomethionin)

In der Studie von Karp et al. (2013) wurden 1561 Probanden mit reseziertem nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom eingeschlossen [358]. Diese wurden in 2 Gruppen randomisiert und sollten über die kommenden Jahre der Studie jeweils jeden Tag 200 µg Hefeselen in Tablettenform (IG; n = 1040) oder ein Placebo (PG; n = 521) zu sich nehmen. Die Autoren geben an, dass die Selenspiegel der Probanden zu Studienbeginn größtenteils im Normalbereich lagen. Die Studie wurde allerdings frühzeitig abgebrochen, da sich in einer Interim-Analyse abzeichnete, dass kein Vorteil für die Selengruppe erzielt werden könne, stattdessen zeigte sich ein positiver Trend für die Placebogruppe. In der abschließenden Analyse zeigten sich dann keine signifikanten Unterschiede bezüglich des Auftretens von sekundären Tumoren, Lungenkrebs oder Rezidiven (252 sekundäre Tumore bei 224 Patienten, davon 98 (von 97 Patienten) Lungenkrebs (38.9%); Lungenkrebs und andere Krebsarten (SPT) in der IG: 1.62 und 3.54 pro 100 Personen im Jahr, vs. PG: 1.30 und 3.39 pro 100 Personen im Jahr; p = 0.294). Das krankheitsfreie Überleben (DFS) über 5 Jahre zeigte in der Interventionsgruppe eine Rate von 74.4% vs. 79.6% in der Placebogruppe, p = 0.69 und damit ebenfalls keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Gleiches gilt für das Gesamtüberleben zwischen den Probandengruppen (5-Jahres Overall Survival (OS) Interventionsgruppe 76.8% (SE, 1.6%) vs. Placebogruppe 79.9% (SE, 2.1%); p = 0.154. In einer Subgruppenanalyse zeigte sich allerdings, dass Personen, die nie geraucht haben, eine höhere Überlebenszeit nach 3 und 5 Jahren hatten (3 Jahres OS von 90% (SE, 2.8%) und 5-Jahres OS von 83.6% (SE, 3.6%), als Probanden die aktuell rauchten, oder erst im letzten Jahr aufgehört hatten (3-Jahres OS: 85.5% (SE, 1.7%) und 5-Jahres OS 74.9% (SE, 2.4%); p = 0.027). Dieser Unterschied konnte nicht für das DFS gefunden werden; p = 0.245. Die Studie vernachlässigt dabei aber grundlegende Rahmenbeschreibungen. Eine Subgruppenanalyse zwischen verschieden hohen Selenkonzentration und deren Auswirkungen auf das tumorfreie Zeitintervall bzw. die Häufigkeit des Wiederauftretens bleibt ohne statistische Datenangaben und kann damit nicht eindeutig interpretiert werden.

Performance-Status (ECOG) und Lebensqualität

Diese beiden Endpunkte wurden in 2 Studien zusätzlich zu den primären Endpunkten erhoben.

In der Studie von Mücke et al. (2010) wurden 81 Patientinnen mit Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs eingeschlossen [351]. Sie wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt und erhielten entweder zusätzlich zur Radiotherapie 500µg Selen in Form von Natriumselenite (selenase®), oder keine zusätzlichen Präparate. Alle Probanden hatten zu Beginn der Studie ein Selendefizit. Es konnten keine Unterschiede im Performance status, erhoben mit dem ECOG, zur Baseline, zur Hälfte der Radiotherapie (etwa 4 Wochen), zum Ende der Radiotherapie oder 6 Wochen nach der Radiotherapie festgestellt werden.

Lebensqualität wurde in zwei Studien erhoben (Mix et al., 2015 [356] [Plattenepithelkarzinom des Kopf-Hals-Bereiches, erhoben mit EORTC C-30 Version 3, EORTC QLQ – H, N35 Module]; Mücke et al., 2010 [351] [Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs, erhoben mit VAS]). Beide Studien fanden keine Unterschiede zwischen der Selen- und der Placebo- bzw. der Kontrollgruppe.

Prüfung potentieller Beeinflussung des Tumoransprechens (Complete response CR), Reccurence Free Interval/Disease Free Survival, Progressionsfreiem Intervall und dem Gesamtüberleben

In den meisten Studien wurden zusätzlich zu den primären Endpunkten noch Daten zu Rezidiven oder dem Gesamtüberleben der Patienten erhoben. Dies kann eher als zusätzliche Information betrachtet werden bzw. als Prüfung, ob Selen diese Endpunkte negativ beeinflusst. Es konnte in keiner der Studien ein negativer Effekt auf das Überleben gefunden werden.

In der Studie von Mix et al. (2015) wurden 18 Patienten mit Plattenepithelkarzinom des Kopf-Hals-Bereiches ohne nachgewiesenes Selendefizit, welche sich einer Chemo- und Radiotherapie unterziehen in zwei Gruppen randomisiert, in der sie entweder Selen 7 Tage vor, während der Behandlung und 3 Wochen danach bekamen oder ein Placebo [356]. Die Ergebnisse nach 7 Wochen zeigen keine Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des Tumoransprechens auf die Behandlung. Insgesamt erreichte nur ein Patient aus der Interventionsgruppe die CR nicht und verstarb.

Die Autoren Mücke et al. veröffentlichten zwei Publikationen mit den zusätzlichen Endpunkten 5-Jahres Disease-Free Survival und Overall Survival [352][351]. Die Studie von 2010 bildet damit die Basis. In die Studie wurden 81 Patientinnen mit Gebärmutter- oder Gebärmutterhalskrebs eingeschlossen. Randomisiert in zwei Gruppen erhielten sie entweder zusätzlich zur Radiotherapie 500µg Selen in Form von Natriumselenit [Selenase©) bzw. 300 µg an Tagen ohne Radiotherapie oder keine zusätzlichen Präparate. Alle Probanden hatten zu Beginn der Studie ein nachgewiesenes Selendefizit. Nach etwa 7 Wochen und damit dem Ende der Radiotherapie zeigte sich eine signifikant höhere Selenkonzentration in der Selen-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe (Studienmitte Interventionsgruppe: 93.2µg/L vs. Kontrollgruppe 67.3µg/L; Studienende Interventionsgruppe 90.9 ± 19.9 µg/L vs. Kontrollgruppe 61.4 ± 15.5 µg/L; p < 0.001). Es konnten allerdings keine Unterschiede bezüglich des Gesamtüberleben (Median Follow-Up 51 Monate (Range 6–75): 5-Jahres OS in Interventionsgruppe A 91.9% vs. 83.1% in Kontrollgruppe; p = 0.34) oder dem Krankheitsfreien-Überleben nach 5 Jahren festgestellt werden (Median Follow-Up 49 Monate (Range, 0–75): 5-Jahres DFS in Interventionsgruppe 80.1% vs. 83.2% in Kontrollgruppe; p = 0.74). Die Studie überzeugt durch eine übersichtliche Darstellung der Ergebnisse und einer Prüfung der Selenkonzentration der Probanden. Allerdings werden über Krankheits- und Selenstatus hinaus wenig Informationen zu den Patientinnen gegeben und dementsprechend können auch keine in die Interpretation der Ergebnisse einbezogen werden. Im Ganzen kann die Studie aber als methodisch solide betrachtet werden. Die Follow-Up Studie von 2014 zeigt, dass auch nach 10 Jahren kein Unterschied zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe bezüglich des Gesamtüberlebens (55.3% vs. 42.7%; p = 0.09) oder dem krankheitsfreien-Überlebens (80.1% vs. 83.2%; p = 0.65) besteht. 

In der Studie von Mix et al. (2015) wurden 18 Patienten mit Plattenepithelkarzinom des Kopf-Hals-Bereiches ohne nachgewiesenes Selendefizit (Interventionsgruppe: 80.2 ng/mL, Placebogruppe: 105.1 ng/mL; p = ns), welche sich einer Chemo- und Radiotherapie unterzogen, in zwei Gruppen randomisiert, in der sie entweder 3600 μg/m2 (in 800 μg Tabletten) Selen (Selenomethionin) 2x täglich 7 Tage vor der Chemotherapie, 1x täglich während der Chemotherapie und dann weiterhin 1x täglich für 3 Wochen nach der Chemotherapie bekamen oder ein Placebo [356]. Es zeigen sich keine Unterschiede im Gesamtüberleben oder dem Progressionsfreien-Überleben nach 12 Monaten. Insgesamt ist die Stichprobe sehr klein und nicht auf Überlebensdaten gepowered. Insgesamt ist die Berichterstattung sehr oberflächlich in Anbetracht der allgemeinen Studienbeschreibungen/ Rahmenbedingungen und insbesondere der Ergebnisbeschreibung.

In der Studie von Jahangard-Rafsanjani et al. (2013) wurden 77 Patienten mit akuter lymphatischer oder myeloischer Leukämie (CR1, CR2, CR3) eingeschlossen, welche sich einer hochdosierten Chemotherapie und anschließend einer allogenen Stammzelltransplantation unterzogen [353]. Eine Gruppe (n = 38) erhielt während der 6-tägigen Chemotherapie und bis 14 Tage nach der Transplantation jeden Tag 2x täglich 200µg Selen und die andere Gruppe ein Placebo. Ein 3-monatiges Follow-Up der Transplantationspatienten zeigte keine Unterschiede bezüglich der Mortalität. Es wird angegeben, dass vorherige Studien des Autors zeigen, dass diese Stichprobe (hochdosierte Chemotherapie + Stammzelltransplantation) generell ein Selendefizit zeigen. Es wird zwar keine direkte Aussage bezüglich eines Defizits in der vorliegenden Stichprobe gemacht, jedoch kann in Anbetracht der gegebenen Werte ein geringes Defizit angenommen werden (Baseline Selenspiegel Selengruppe: 6.47 ± 1.53µg/dL, Kontrollgruppe: 7.13 ± 1.70 µg/dL, p =  0.08).

Die Studienlage gibt keinen Hinweis darauf, dass die Einnahme von Selen das Gesamtüberleben, das Krankheitsfreie oder das Progressionsfreie Überleben negativ beeinflusst oder das Wiederauftreten des Krebses im Allgemeinen fördert oder hindert.

Nebenwirkungen von Natriumselenit

Asfour et al. (2006) notierte als Selenit-assoziierte Nebenwirkungen bei Patienten mit Non-Hodgkin Lymphom (oral 0.2 mg/kg/d Selenit an Tag 3 bis 7 der Chemotherapie, keine Angabe zu Selendefizit zur Baseline): Gastrointestinale Beschwerden mit Schwindel und gelegentlichem Erbrechen [354]. Diesen wurden schon zu Beginn der Studie mit antiemetischen Medikamenten entgegengewirkt. Eine genaue Anzahl der Vorfälle wird nicht genannt.

In der Studie von Mücke et al. (2010) wurden keine Neben- oder Wechselwirkungen von Selen während der Supplementierung festgestellt [351].

Nebenwirkungen von Selenhefe

In der Studie von Stratton et al. (2010) mit Patienten mit niedrig-gradigem nicht metastasierendem Prostatakrebs (kein Selendefizit zur Baseline), die entweder täglich 200μg, 800μg Selen (Hefeselen) oder ein Placebo zu sich nahmen wurden spröde Haare und Nägel (Grad 1 oder 2) 10x (21.7%) in Placebogruppe, 6x (12.8%) in der 200µg, und 8x (17.0%) in der 800µg Gruppe festgestellt (p = 0.51) [357]. Diese Nebenwirkungen werden von den Autoren als „möglicherweise bis definitiv“ mit der Behandlung assoziiert eingeschätzt. Gleiches galt für das Auftreten von Knoblauch-Mundgeruch und Leber-/Nierenfunktionsstörungen (Grad 1; 5x [10.9%], 0 [0.0%], und 4x [8.5%]; p = 0.05).

In der Studie von Goossens et al. (2016) (nichtinvasives Harnblasenkarzinom; über etwa 3 Jahre entweder täglich 200 µg Hefeselen [n = 151] oral oder Placebo, keine Angabe zu Vorliegen eines Selendefizits) wurde von Nebenwirkungen berichtet [359]. Diese traten 7x in der Interventionsgruppe und 10x in der Placebogruppe auf (alle Grad 1 bis auf 1x Grad 2 in Interventionsgruppe). Die erfassten Nebenwirkungen waren Schmerzen, Veränderung der Nägel, Rücken- und Nackenschmerzen, Obstipation, Schlafstörungen, Schwindel und Arthralgie. Ein Patient berichtete über Übelkeit, Schmerzen und Magenprobleme, ein anderer Patient über Schwindel und Diarrhoe. Die Nebenwirkungen waren in beiden Gruppen gleichverteilt und es wird nicht berichtet, inwiefern diese mit Selen in Zusammenhang stehen.

In einem Langzeit-Follow-up der Studie von Karp et al. (2013) an 1561 Probanden mit reseziertem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom wurden in der Interventionsgruppe (200µg Hefeselen) 26 und in der Placebogruppe 12 neue Diabetes Diagnosen festgestellt [358]. Die Studie von Algotar et al. (2010) [360], welche die Stichprobe aus der Studie von Stratton et al. (2010) [357] umfasst, untersuchte einen möglichen Zusammenhang von erhöhten Blutzuckerspiegeln als Indikator für die mögliche Entwicklung von Diabetes Typ II und der Selensupplementation. Sie konnte allerdings nach 5 Jahren keine Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des Glukosespiegels feststellen.

Die anderen in die Empfehlung eingeschlossenen Studien berichten nicht von Neben- oder Wechselwirkungen.

In der Studie von Duffield-Lillico et al. (2003) wurden die abschließenden Ergebnisse zum „The Nutritional Prevention of Cancer Trial“ mit 1312 Patienten mit einer Vorgeschichte von Nicht-Melanom-Hautkrebs (mind. 2x Basalzellkarzinom oder mind. 1x Plattenepithelkarzinom der Haut) ausgewertet und in Zusammenhang mit den Charakteristika der Stichrobe gesetzt [361]. Es zeigte sich dabei, dass eine Selensupplementierung (Selenhefe) zwar nicht signifikant assoziiert war mit dem Risiko für Basalzellkarzinome (Hazard Ratio [HR] = 1.09, 95% KI = 0.94, 1.26), allerdings war sie assoziiert mit einem signifikant erhöhten Risiko für Plattenepithelkarzinome (HR = 1.25, 95% KI = 1.03, 1.51) und insgesamt mit nicht-Melanom Hautkrebs (HR = 1.17, 95% KI = 1.02, 1.34). Es zeigten sich keine moderierenden Effekte von Alter, Geschlecht oder dem Raucherstatus, jedoch ein negativer Zusammenhang mit hohen Selenwerten zur Baseline (≥122.4 ng/mL): Hautkrebspatienten, welche im Laufe der Studie weiterhin Selenhefe zu sich nahmen, mit Baseline Plasmaselenspiegeln im oberen Terzil haben eine 60% erhöhte Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer erneuten Hautkrebserkrankung. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch für Probanden, welche zur Baseline Selen-Werte im mittleren Bereich zeigen (105.6–122.0 ng/mL). Es werden in der Studie keine Selenwerte zum Ende der Studie angegeben.

Mortalität

In einem Review wurde die Toxizität von anorganischem Selen erfasst (Hadrup und Ravn-Haren, 2020 [362]). In diesem Review wurden zwölf verschiedene Fälle dargestellt, in denen die Einnahme von Selenit, Selendioixid, seleniger Säure und Selenat zum Tode der Personen geführt hat. Aus den Berichten leiten die Autoren ab, dass eine Dosierung von 10 mg/kg Körpergewicht und darüber hinaus mit einem Mortalitätsrisiko verbunden ist. Hierbei sei allerdings angemerkt, dass schon eine tägliche Selen-Dosis von 1mg/kg Körpergewicht, dem einhundertfachen der empfohlenen Tagesdosis entspricht und Risiken- und Nebenwirkungen somit nicht ausgeschlossen werden können.

Die meisten tödlichen Fälle sind mit der Einnahme von Waffenblau (Brüniermittel) verbunden, welches oft selenige Säure sowie andere potenziell toxische Chemikalien enthält. Keiner der Fälle von akuter Toxizität wurde mit der Einnahme von organischem Selen in Form von Selenocystein oder Selenomethionin in Verbindung gebracht. Die Autoren vermuten, dass dies teilweise dadurch zu erklären ist, dass organisches Selen meist in Lebensmitteln vorkommt, von denen man wahrscheinlich keine toxische Dosis aufnehmen kann.

Zusatz:

Selen zur Prävention von Tumoren

Die weltweit größte Untersuchung zur Nutzung von Selen als Schutz vor einer Tumorerkrankung dürfte der SELECT-Trial sein, an dem bei einer knapp 6-jährigen Nachbeobachtung 35533 Männer in den USA teilnahmen. Primärer Endpunkt war das Erkrankungsrisiko an Prostata-Karzinom, sekundäre Endpunkte waren das Risiko eines Bronchialkarzinoms bzw. eines allgemeinen Krebsrisikos. Eingesetzt wurden als Nahrungsergänzung 200 µg Selenhefe und 400 IU Vitamin E pro Tag, wobei in verschiedenen Gruppen Placebo-kontrolliert untersucht wurde.

Weder alleine noch in Kombination aus beiden Stoffen ließ sich ein präventiver Effekt nachweisen. Hauptkritikpunkt dieser Studie ist allerdings, dass bei Einschluss der Teilnehmer der Selenspiegel nicht gemessen und alle Teilnehmer substituiert wurden. Eine nachträgliche Auswertung der Selenwerte um Einschluss in die Studie zeigt, dass ein Teil der Teilnehmer bereits bei Einschluss normale bis hoch normale Selenwerte hatte und dass durch beim ca. doppelten des Tagesbedarfs liegende Gabe von Selenomethionin (also der sich im Körper anreichernden Verbindung ein zu hoher Wert erreicht wurde. Patienten mit einem bei Einschluss schon hohen Wert hatten ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines high grade Karzinoms [363][364][365]. Für Studien aus den USA muss davon ausgegangen werden, dass auf Grund der dort häufig Selen-reichen Böden kein Mangel in der Studienpopulation vorliegt.

Selen zur Tertiärprävention von Tumoren nach Abschluss der Therapie (Patienten mit nicht definiertem Stadium der Krebserkrankung):

In der Studie von Goossens et al. (2016) wurden 292 Probanden mit einem nichtinvasivem Harnblasenkarzinom in zwei Gruppen randomisiert und es wurde ihnen über etwa 3 Jahre entweder täglich 200 µg Hefeselen (n = 151) oral gegeben oder sie bekamen ein Placebo (n = 141) [359]. Es wird keine Aussage über das Vorliegen eines Selendefizits zur Baseline gemacht (Durchschnittswerte Interventionsgruppe: 83.8mg/dl (21.5), Placebogruppe: 82.9 mg/dl (14.9)). Relevant waren die Auswirkungen auf die Rückkehr der Tumorerkrankung oder deren Fortschreiten. Es wurde eine Intention-to-Treat Analyse durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen weder bezüglich des Wiederauftretens (Interventionsgruppe n = 43: 28%; 95% KI, 0.21-0.35 und Placebogruppe n = 45: 32%; 95% KI, 0.24-0.40), HR: 0.85 [95% KI, 0.56-1.299]; p = 0.44) noch bezüglich der progressionsfreien Zeit (Interventionsgruppe 15x, Placebogruppe 14x, HR: 0.97 [95% KI, 0.47-2.00; p = 0.939]) einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Auch eine Kontrolle der durchgeführten Analyse für wichtige demographische Variablen oder der Ausschluss von Patienten, die die Studie verlassen hatten, machte keinen Unterschied. Insgesamt war der Prozentsatz für das Wiederauftreten und die Progression sehr gering. Obwohl die Stichprobe groß war, blieb sie unter der berechneten Stichprobengröße der Poweranalyse. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass ein möglicherweise vorhandener Effekt nicht gefunden werden konnte. Insgesamt hat die Studie abgesehen von der fehlenden Berücksichtigung der Selenspiegel bei Einschluss eine hohe methodische Qualität, eine detaillierte Beschreibung des Ablaufs und eine sehr sorgfältige Durchführung.

Nephrotoxizität durch Cisplatin (verschiedene Krebsarten)

Es wurden zwei randomisiert kontrollierte Studien zur protektiven Wirkung von Selen bei Cisplatin-Chemotherapie mit dem Endpunkt der Nephrotoxizität gefunden. Aufgrund geringer methodischer Qualität konnten diese Studien nicht in der Leitlinie und damit für die Formulierung einer Empfehlung berücksichtigt werden. Aufgrund der Wichtigkeit der Thematik werden sie dennoch im Folgenden beschrieben.

In der Studie von Ghorbani et al. (2013) wurden 122 Patienten (Altersrange 14-82 Jahre) in zwei Gruppen randomisiert [366]. Die Interventionsgruppe erhielt eine Tablette mit 400µg Selenium und die andere Gruppe ein Placebo ein Tag vor Beginn der Cisplatin-Chemotherapie. Als Endpunkte wurden die Kreatinwerte untersucht, im Sinne einer Steigung des Kreatinwertes um 1.5 mg/dl in Männern und 1.4mg/dl in Frauen, eine Steigung des Plasma Kreatinlevels um mehr als 50% ab Baseline oder eine Urinflussrate geringer als 0.5ml/kg/h. Gemessen wurde zur Baseline und am 5. Tag nach der Cisplatin Therapie. Insgesamt 7 Patienten in der Placebogruppe zeigten Anzeichen einer akuten Nierenschädigung im Vergleich zu keinem Patienten in der Interventionsgruppe (p = 0.013). Die Studie ist sehr oberflächlich beschrieben, es gibt kaum demographische Angaben und keine detaillierte Beschreibung der Rahmenbedingungen. Insbesondere die Ergebnisbeschreibung ist knapp und gibt keinerlei statistische Parameter zu den zuvor angekündigten Laborwerten. Eine selektive Berichterstattung ist deshalb nicht auszuschließen und die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse muss angezweifelt werden. In der Studie von Hu et al. (1995) wurden 41 Patienten in zwei Gruppen randomisiert [367]. Die 1. Interventionsgruppe erhielt 4000µg Selen (Seleno-Kappacarrageenan) von Tag 4 vor CTx bis 4 Tage nach CTx im ersten Zyklus und dann kein Selen mehr im zweiten Zyklus. Die 2. Interventionsgruppe begann ohne Selen und bekam es dann im zweiten Zyklus. Die Ergebnisse zeigen, dass die peripheralen WBC an Tag 14 nach Beginn der CTx in den Interventionsgruppen signifikant höher war als in den Kontrollgruppen (3.35 ± 2.01 vs. 2.31 ± 1.38[x109L])/L, p < 0.05). Andererseits war der Verbrauch von G-CSF (Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor) signifikant geringer in der Kontrollgruppe (110.1 ± 82.2 vs. 723.6 ± 192.6 IU, p < 0.05). Auch Bluttransfusionen waren geringer in der Interventionsgruppe. Die Nephrotoxizität durch Cisplatin wurde durch Urinenzyme gemessen. Die Enzyme NAG (N-Acetylglucosaminidase), GGT (Gamma-Glutamyl-Transferase), AAP (Alanin-Aminopeptidase) und ALP (Alkalischen Phosphatase) waren nach der CTx signifikant geringer im Vergleich zur Kontrollgruppe. 

Zusammenfassung:

Vor allem die fehlende Klärung der Ausgangsspiegel von Selen bei den Probanden und die gezielte Substitution nur bei Patienten mit Selendefizit ist ein erhebliches Defizit der meisten Studien. Die Datenlage spricht dafür, dass ein zu hoher Selenspiegel schädlich ist. Nur wenige Studien haben konsequent eine Selensubstitution mit Spiegelkontrolle bei Selenmangel durchgeführt und die Auswirkung dieses Vorgehens auf definierte Endpunkte untersucht, Ein blindes oder einheitliches Vorgehen kann dazu führen, dass einige Probanden die passende Supplementierung erhalten, um die Werte in den Normalbereich zu heben, einige eine zu geringe Supplementierung und anderen eine Überdosierung erhalten, was die Studienergebnisse verzerren kann. Die vorliegenden Studien zeigen Hinweise auf einen protektiven Effekt bei der Mukosa des Rektums (Mücke et al., 2010 [351]), und weniger eindeutige Hinweise auf eine protektive Wirkung der oralen Mukosa bei Patienten mit Selendefizit zur Baseline. Die Studien geben zudem keine Hinweise auf einen negativen Einfluss von Selen auf Rezidive oder das Gesamtüberleben der Krebspatienten.

Um zuverlässige Aussagen über die Effekte von Selen zu gewinnen, sollte ein Normbereich in den Studien angegeben werden und jeder Proband auf das Vorliegen eines Defizits getestet werden. Eine Selensubstitution sollte nur bei nachgewiesenem Mangel erfolgen.

In den vorliegenden Studien ist insgesamt zu beachten, dass Sponsor oft die Herstellerfirma Biosyn war. Hier kann nicht bei allen Arbeiten ausgeschlossen werden, dass die Auswertung der Ergebnisse beeinflusst wurde.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Selen wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.5 Vitamine

7.20 · Konsensbasiertes Statement 2020

Für die Substitution von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen gelten die Empfehlungen der S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“.

Konsens
Konsens
Literatur
[310]

Da Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sowohl in Form von Nahrungsergänzungsmitteln als auch als Arzneimittel verkauft werden, soll im Folgenden kurz auf deren Unterscheidung eingegangen werden. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gehören Nahrungsergänzungsmittel zu den Lebensmitteln und dienen der Ergänzung von Ernährung. Deswegen gilt für sie das Lebensmittelrecht (Lebens- und Futtermittelgesetzbuch – LFGB und die Nahrungs-ergänzungsmittelverordnung – NemV) und sie müssen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angezeigt werden. Es ist kein Vorabnachweis der Wirksamkeit oder Sicherheit gegenüber einer Behörde erforderlich, sondern die Hersteller sind selbst für die Sicherheit verantwortlich. Mengenangaben auf der Verpackung können bis zu 50% von der tatsächlichen Menge im Produkt abweichen und es ist keine Höchstmenge der Inhaltsstoffe festgelegt (es gibt nur Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)).

Arzneimittel dagegen werden eingesetzt, um Krankheiten und Beschwerden zu heilen, lindern, verhüten und erkennen oder auch die Beschaffenheit, den Zustand oder die Funktionen des Körpers oder seelische Zustände zu beeinflussen. Für sie gilt das Arzneimittelrecht (Arzneimittelgesetz – AMG; Arzneibücher etc.). Zugelassen werden sie in einem Prüfverfahren durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte oder bei der Europäischen Zentralbehörde. Hersteller müssen im Zulassungsverfahren klinische Studien vorlegen, die Wirksamkeit und Sicherheit der Mittel belegen. Mengenangaben auf der Verpackung dürfen höchstens um fünf Prozent von der tatsächlichen Dosierung der Wirkstoffe abweichen. Dosierungen aller Inhaltsstoffe werden im Rahmen des Zulassungsverfahrens geprüft und exakt festgelegt.

Eine Expertenkommission des BLV und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) befasst sich mit der Abgrenzung zwischen Nahrungsergänzungs- und Arzneimitteln.

Medizinische Vitaminprodukte werden nur bei Indikation eines Mangelzustands verabreicht. Über alle Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente hinweg gelten bei Substitution die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) und insbesondere der S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ [310]. Auch die European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) hat eine Leitlinie zu diesem Thema herausgegeben [311]. Es ist wichtig zu beachten, dass es keine spezifische Ernährung für Krebspatienten gibt, sondern dass allgemeinen Ernährungsempfehlungen gelten. Bei Krebspatienten muss man vor allem unterscheiden, ob diese bereits die kurative Therapie abgeschlossen haben (Survivors), ob es sich um eine therapiebegleitende Ernährung handelt oder ob Mangelernährung vermieden/ behandelt werden soll. Für Survivors wird vom World cancer research fund (WCRF; https://www.wcrf.org/) neben einer ausgewogenen Ernährung auch regelmäßige körperliche Belastung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) hat Referenzwerte zur Nährstoffversorgung (https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/) sowie Empfehlungen für eine „vollwertige“ Ernährung (https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/) zusammengestellt.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamine wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.6 Vitamin A

7.21 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 7 RCTs zur Wirksamkeit von Vitamin A und dessen Derivate vor. Vitamin A und dessen Derivate sollen nicht mit dem Ziel empfohlen werden, tumortherapeutisch oder in der Sekundärprävention das Gesamt- oder progressionsfreie Überleben von onkologischen Patienten zu verlängern oder Nebenwirkungen der Therapie zu senken.

Eine Ausnahme bildet der therapeutische Einsatz der All-trans-Retinolsäure (ATRA) bei der Akuten Promyelozyten-Leukämie.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[368] [369] [370] [371] [372] [373] [374]
Evidenztabellen (6)Ehrenpreis et. al. (2005); Jyothirmayi et. al. (1996); Margalit et. al. (2012); Mayne et. al. (2001); Toma et. al. (2003); Van Zandwijk et. al. (2000)

Vitamin A ist ein fettlösliches Vitamin, was besonders in Orangen, Karotten, Brokkoli, Spinat, aber auch Fisch, Leberprodukten, Eigelb und Milchprodukten vorkommt. Dort liegt es noch in seiner Vorstufe β-Carotin vor, bevor es im Körper zu Vitamin A umgewandelt wird. Vitamin A verringert durch eine positive Beeinflussung der Haut und Schleimhäute die Infektionsanfälligkeit und stimuliert die weißen Blutkörperchen sowie die Produktion von Antikörpern. Es ist außerdem an verschiedenen Stoffwechselprozessen, wie dem Protein- oder Fettstoffwechsel beteiligt und hat Auswirkungen auf Nachtsehen. Vitamin A spielt des Weiteren eine Rolle bei der Synthese von Östrogen und Testosteron.

Bei Vitamin A wurden die Ergebnisse von insgesamt sieben randomisiert kontrollierten Studien eingeschlossen, die entweder die Wirksamkeit von Vitamin A oder von Betacarotin bei verschiedenen Krebspatienten untersuchten. 

Davon untersuchten fünf jeweils zweiarmige Studien den Effekt von Betacarotin bzw. Vitamin A auf das Gesamtüberleben. Margalit et al. (2012) [369] und Mayne et al. (2001) [370] verglichen jeweils einen Betacarotin-Arm mit einem Placebo-Arm. Toma et al. (2003) [372] betrachtete neben dem Betacarotin-Arm stattdessen einen Kontrollarm, der nichts bekam. Die Betacarotin-Dosis variierte zwischen 50 und 75mg. Mayne et al. (2001) [370] und Toma et al. (2003) [372] untersuchten Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren. In beiden Studien zeigten sich keine Effekte von Betacarotin auf das Gesamtüberleben (Mayne et al., 2001 [370]: N = 264; 10 Jahres-Überlebensrate: Betacarotin: 85.9%, Placebo: 80.9%, p = 0.20, HR = 0.86 (95% KI 0.52–1.42); Toma et al., 2003 [372] (N = 214): Anzahl Todesfälle: Betacarotin: 9, Nichts: 15; RR = 0.60 (95% KI 0.26; 1.38), nur Tumor assoziierte Todesfälle: RR = 0.84 (95% KI 0.25; 1.38)). Bei Mayne et al. (2001) waren die Nebenwirkungen zwischen den Armen vergleichbar, außer dass bei den Betacarotin-Patienten (Dosis: 50 mg) mehr Fälle von Gelbfärbungen der Haut auftauchten als bei den Kontrollpatienten (Betacarotin: 18%, Placebo: 6%) [370]. Hinsichtlich der mit Betacarotin assoziierten Nebenwirkungen (Dosis: 75mg) berichteten Toma et al. (2003) von vier Patienten mit Hauttoxizität und einem Patienten mit Mukositis [372]. Margalit et al. (2012) untersuchte 214 Prostatakrebspatienten, die Betacarotin bzw. das entsprechende Placebo zusätzlich zur Radiotherapie eingenommen hatten [369]. Auch hier unterschied sich der Betacarotin-Arm nicht vom Placebo-Arm hinsichtlich des Zeitraums bis zum Tod oder Metastasen (Anzahl Tod/Metastasen: Betacarotin: 22, Placebo: 31; HR: 0.72 [95% KI 0.42-1.24], p = 0.24). Da diese Daten aus einem großen Datensatz mit Prostatakrebspatienten entstammten, konnten die Autoren diese Fragestellung zusätzlich in einer Vergleichsstichprobe betrachten, die statt Radiotherapie Prostatektomie erhalten hatte. Bei letzteren Patienten tauchten im Betacarotin-Arm signifikant mehr Todesfälle und Metastasen auf (Betacarotin: 35, Placebo: 17; HR: 1.92 [95% KI, 1.08-3.43]; p = 0.03). Kontrolliert für Alter, Gleason Score, PSA und Stadium verschwand dieser signifikante Unterschied jedoch (HR = 1.54; [95% KI, 0.86-2.78]; p = 0.15).

In den beiden anderen Studien wurde statt Betacarotin Vitamin A verabreicht. In der sehr großen Untersuchung von van Zandwijk et al. (2000) mit insgesamt 2548 Patienten (Kopf-Hals-Tumor oder Lungenkrebs) wurden vier verschiedene Therapiearme betrachtet, die alle nach der Tumoroperation Radiotherapie erhielten (jeweils täglich zwei Jahre lang: Arm A: Retinylpalmitat; Arm B: N-Acetylcystein (NAC); Arm C: Kombination aus Retinylpalmitat und NAC, Arm D: nichts) [373]. Beim Vergleich zwischen den Armen mit (Arm A und C) und ohne Vitamin A (Arm B und D) wurden beim durchschnittlichen Überleben keine signifikanten Unterschiede gefunden (Anzahl Todesfälle innerhalb 5 Jahren: mit Vitamin A: 318/1290, ohne Vitamin A: 314/1283, p = 0.925, Kaplan-Meier-Kurve: p > 0.05). NAC hatte keinen Einfluss auf diesen Zusammenhang. Zuletzt ist bei dieser Studie wichtig zu erwähnen, dass in den Vitamin A-Armen signifikant mehr Nebenwirkungen als im NAC-Arm berichtet wurden (mit Vitamin A: 45%, nur NAC: 24% p [Meyskens, F. L., Jr. et al. 1995] untersuchte 124 Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML), von denen eine Hälfte Busulfan und täglich das Vitamin A-Präparat Aquasol A (bis 1982 Retinol, danach Retinylpalmitat) einnahm und die anderen Hälfe nur Busulfan erhielt. Während in der unkontrollierten Analyse keine signifikanten Unterschiede im Überleben festgestellt wurden (Median in Monaten: Vitamin A: 51, Nichts: 44; HR = 1.33 (95% KI 0.89-1.97), p = 0.081), war das Sterberisiko kontrolliert für Alter, Lymphozyten-Prozentsatz und absolute polymorphonukleare Leukozyten-anzahl im Kontrollarm um 60% höher als im Vitamin A-Arm (HR = 1.60 (95% KI 1.05-2.43), p = 0.014). Im Vitamin A-Arm berichteten die Patienten jedoch über signifikant mehr Grad 2-Nebenwirkungen als Patienten im Kontrollarm (Vitamin A: 13/56, Nichts: 3/67, p = 0.002).

Progressionsfreies Überleben oder Inzidenzraten zweiter Primärtumore bzw. Rezidive wurde in sechs der eingeschlossenen Vitamin A-Studien untersucht, wobei sich diese mehrheitlich mit den Studien zur Mortalität überschneiden [374][370][371][372][373]. In beiden Studien mit Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, die Betacarotin untersuchten, fanden sich keine signifikanten Unterschiede. Bei Mayne et al. (2001) hatten der Betacarotin- und Placebo-Arm vergleichbare kombinierte Inzidenzen von Lokalrezidiven und zweiten Primärtumoren (HR = 0.69 (95% KI 0.39–1.25), Zeitraum bis zum Auftreten: p = 0.59) [370]. Auch bei der getrennten Betrachtung zeigten sich keine Unterschiede (Lokalrezidive: HR = 0.72 (95% KI 0.37–1.39); zweite Primärtumore: HR = 1.20 (95% KI 0.59–2.45)). Wenn auch nicht signifikant, war vor allem das Auftreten zweiter Primärtumore in der Lunge im Betacarotin-Arm häufiger als im Placebo-Arm (Anzahl: Betacarotin: 13, Placebo: 25; HR = 1.44 (95% KI 0.62–3.39)). Bei Toma et al. (2003) unterschieden sich Betacarotin- und Kontrollarm nicht hinsichtlich progressionsfreien Überleben (Anzahl mit Progression: Betacarotin: 15 (14.4%), Nichts: 14 (12.7%); 10-Jahres-DFS-Rate: Betacarotin: 75.7%, Nichts: 74.3%, p = 0.56, RR = 1.08 (95% KI 0.52; 2.25)) und relativen Risiken für Rezidive und zweite Primärtumore (Rezidiv: RR = 1.14 (95% KI 0.28; 3.44); zweiter Primärtumor: RR = 0.99 (95% KI 0.28; 3.44); Kopf-Hals-Rezidiv oder zweiter Primärtumor: RR = 1.05 (95% KI 0.43; 2.59)) [372].

Auch die folgenden Ergebnisse der Studien, die direkt Vitamin A untersuchten, sprechen größtenteils für einen fehlenden Effekt von Vitamin A auf die Verlängerung des progressionsfreien Überlebens. Bei Jyothirmayi et al. (1996) wurden 106 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren verglichen, die entweder ein Jahr lang Retinylpalmitat oder ein Placebo einnahmen [374]. Laut Angabe der Autoren tauchten in dieser Studie keine mit Vitamin A assoziierten Nebenwirkungen auf. Beide Arme wiesen eine vergleichbare 3-Jahres Inzidenzrate von Rezidiven (Anzahl: Vitamin A: 11/56 (20%); Placebo: 5/50 (10%)) oder zweiten Primärtumoren (Anzahl: Vitamin A: 0, Placebo: 2, Lokalisation: Zunge und Mundhöhle) auf. Analog dazu fanden auch van Zandwijk et al. (2000) keine signifikanten Unterschiede bei der Anzahl erster Ereignisse (Rezidiv, zweiter Primärtumor, Tod) innerhalb von fünf Jahren (mit Vitamin A: 465/1290, ohne Vitamin A: 451/1283, p = 0.672) und Anzahl zweiter Primärtumore nicht signifikant (mit Vitamin A: 115/1290; ohne Vitamin A: 96/1283, p = 0.173) [373]. Ähnlich wie bei der Mortalität fanden Meyskens et al. (1995) bei den CML-Patienten in der unkontrollierter Analyse ebenfalls keine Unterschiede hinsichtlich progressionsfreien Überlebens (Median in Monaten: Vitamin A: 46, Placebo: 38; HR = 1.26 (95% KI 0.86-1.86), p = 0.11), aber kontrolliert für Alter, Lymphozyten-Prozentsatz und absoluter polymorphonuklearen Leukozytenanzahl gab es in der Kontrollgruppe ein 53% höheres Progressionsrisiko (HR = 1.53 (95% KI 1.01-2.31), p = 0.022) [371].

Über alle Studien hinweg war die methodische Qualität in den vorgestellten Studien zum Gesamt- und progressionsfreien Überleben relativ gut. Zum Beispiel hatten die meisten Studien eine ausreichend große Stichprobengröße. Trotzdem gab es in allen Studien mehr oder weniger viele Kritikpunkte. Unter anderem konnten zu Beginn in der Mehrheit der Studien Gruppenunterschiede zwischen den Armen nicht ausgeschlossen werden [369][371][373]. Zusätzlich dazu hatte die Studie von Meyskens et al. (1995) eine zu kleine Stichprobe und eine sehr hohe Dropout-Rate, was eine Verzerrung der Ergebnisse sehr wahrscheinlich macht [371]. Fasst man alle Ergebnisse zusammen, weisen diese auf eine fehlende Wirksamkeit von Betacarotin bzw. Vitamin A auf das Gesamt- und Progressionsfreie Überleben hin. Einzige Ausnahme stellte die Studie von Meyskens et al. (1995) dar, die bei CML-Patienten positive Effekte fand [371]. Doch aufgrund der methodischen Mängel und eher schwachen Evidenz dieser Studie lassen sich daraus noch keine abschließenden Aussagen treffen.

In der letzten sehr kleinen Studie von Ehrenpreis et al. (2005) mit 17 unterschiedlichen Krebspatienten erforschten die Autoren die Wirksamkeit von Vitamin A zur Verbesserung chronisch strahleninduzierter Proktopathie [368]. Ein Studienarm bekam nach der Radiotherapie 90 Tage lang zweimal täglich Retinylpalmitat und der andere stattdessen ein Placebo. Die beiden Arme unterschieden sich nicht signifikant hinsichtlich der Anzahl an Patienten, die mindestens zwei 2 Proktopathie-Symptome weniger hatten, vor (Vitamin A: 7/9; Placebo: 2/8, p = 0.057), aber die Symptome verbesserten sich im Durchschnitt im Vitamin A-Arm stärker als im Placebo-Arm (Vitamin A: 11 ± 5; Placebo: 2.5 ± 3.6, p = 0.013). Trotz dieses positiven Ergebnisses kann aufgrund der starken methodischen Mängel dieser Studie daraus keine Empfehlung abgeleitet werden. Neben der schon erwähnten kleinen Stichprobengröße müssen in dieser Hinsicht vor allem die mangelnde Vergleichbarkeit der Studienarme zu Beginn der Erhebung und die fehlenden Validierungsangaben der verwendeten selbstentwickelten Instrumente genannt werden.

Alles in allem sprechen diese gesammelten Ergebnisse dafür, dass Vitamin A oder dessen Derivate nicht mit dem Ziel eingesetzt werden sollen, Gesamt- oder progressionsfreies Überleben von Krebspatienten zu verlängern oder die Nebenwirkungen der Tumortherapie zu vermindern. Eine Ausnahme ist der therapeutische Einsatz der All-trans-Retinolsäure (ATRA) bei der Akuten Promyelozyten-Leukämie. Bei dieser Krebsform stellt ATRA standardmäßig einen festen Bestandteil der Tumorbehandlung dar.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin A wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.7 Vitamin B1

Vitamin B1 (Thiamin) befindet sich am stärksten in Bierhefe, Weizenkeimen und Sesam- und Sonnenblumenkernen und ist ein wasserlösliches Vitamin, das zur Verbrennung von Kohlenhydraten benötigt und verbraucht wird, um sie in Energie umzuwandeln. Zusätzlich nimmt Vitamin B1 entscheidenden Einfluss auf die Funktion des Nervensystems.

Zur Wirksamkeit der isolierten Gabe von Vitamin B1 in der komplementären Krebsbehandlung wurden Studien aller Evidenzebenen durchsucht, aber keine relevanten Studien gefunden.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin B1 wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.8 Vitamin B6

7.22 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer Metaanalyse und 3 weiteren RCTs zur Wirkung von Vitamin B6 vor. Vitamin B6 soll nicht mit dem Ziel empfohlen werden, tumortherapeutisch oder in der Sekundärprävention das Gesamt- oder progressionsfreie Überleben von onkologischen Patienten zu verlängern.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1a
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[375] [376] [377] [378]
Evidenztabellen (2)Chen et. al. (2013); Newling et. al. (1995)
7.23 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Beurteilung der Wirksamkeit von Vitamin B6 gegen das Hand-Fuß-Syndrom bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von Vitamin B6 bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2a
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[375] [379] [380] [381]
Evidenztabellen (4)Chen et. al. (2013); Braik et. al. (2014); Ota et. al. (2014); Yap et. al. (2017)

Vitamin B6 gehört zu den wasserlöslichen Vitaminen und kann in vielen Lebensmitteln, wie Fleisch, Fisch, Vollkornprodukten, grünen Bohnen, Linsen, Bananen oder Nüssen gefunden werden. Vitamin B6 ist an einer Reihe zentraler Abläufe im Stoffwechsel beteiligt, wie dem Eiweiß- oder Fettstoffwechsel. Ebenso hat es Auswirkungen auf das Immunsystem.

Zur Untersuchung der Wirksamkeit von Vitamin B6 in der Krebsbehandlung wurde in diese Leitlinie eine Metaanalyse [375] und vier zusätzliche randomisiert kontrollierte Studien eingeschlossen [379][378][380][381].

In zwei Einzelstudien wurde der Zusammenhang zwischen Vitamin B6 und Überleben untersucht [376][378]. Es fanden sich keine signifikanten Unterschiede sowohl in der kleinen Studie von Chalermchai et al. (2010) mit 56 Kolorektal- oder Brustkrebspatienten während der Capecitabin-Chemotherapie (Median in Monaten: 400mg Pyridoxin/Tag: 30.4, 200mg Pyridoxin/Tag: 27.5, p = 0.70) [376], als auch bei Newling et al. (1995) mit 252 Blasenkrebspatienten nach der Tumoroperation (Arm A: Pyridoxin, Arm B: Placebo; p = 0.53) [378]. Analog dazu wurden ebenfalls keine bedeutsamen Unterschiede hinsichtlich progressionsfreien Intervalls (PFS) bzw. krankheitsfreien Intervalls (DFS) gefunden. Dieser Endpunkt wurde primär in der Studie von Newling et al. (1995) [378] und sekundär in einer weiteren Studie von Corrie et al. (2012) [377] betrachtet, in der insgesamt 106 Kolorektal- oder Brustkrebspatienten zusätzlich zum Capecitabin basierten Chemotherapieregime entweder 3 Mal täglich 50 mg Pyridoxin oder ein Placebo erhielten (Corrie et al., 2012 [377]: PFS (Median in Monate): Pyridoxin: 7.4, Placebo: 9.9, HR = 1.62 (95% KI 0.91–2.88), p = 0.095; Newling et al., 1995 [378]: Anzahl Pat. mit Rezidiv: Pyridoxin: 82/126, Placebo: 77/126, p = 0.30; DFS: Median nicht angegeben, nur Kaplan-Meier-Kurve, Rezidivrate pro Jahr: Pyridoxin: 0.72, Placebo: 0.72, p = 0.992).

Auch wenn es an diesen Studien zahlreiche methodische Kritikpunkte gibt (z.B. unklarer Randomisierungsvorgang bei Chalermchai et al., 2010 [376] bzw. Corrie et al., 2012 [377] und fehlende intention-to-treat-Analyse bei Newling et al., 1995 [378]) und zumindest Mortalität nur als sekundärer Endpunkte betrachtet wurde, weisen sie doch auf eine fehlende Wirksamkeit von Vitamin B6 auf das Überleben und progressions- bzw. krankheitsfreie Intervall hin. Deswegen soll Vitamin B6 in der Tumortherapie oder als Sekundärprävention nicht mit dem Ziel eingesetzt werden, Gesamt- oder progressionsfreies Überleben von onkologischen Patienten zu verlängern.

Die meisten Studien (1 Metaanalyse und zusätzlich drei randomisiert kontrollierte Studien jeweils mit unterschiedlichen Krebspatienten) gab es zur Toxizität von Chemotherapie (in über 90% der Studien Capecitabin) und im Speziellen zum Auftreten des Chemotherapie-induzierten Hand-Fuß-Syndroms [379][375][380][381]. Auch hier stellten die Autoren mit einer Ausnahme keine signifikanten Unterschiede fest. In den drei Einzelstudien wurde jeweils eine vergleichbare Inzidenz des Hand-Fuß-Syndroms während der Chemotherapie im Pyridoxin-Arm im Vergleich zu einem Placebo- bzw. reinen Chemotherapie-Arm gefunden (Braik et al., 2014 [379]: N = 77, Pyridoxin: 10/38 (26%), Placebo: 8/39 (21%), p = 0.547; Ota et al., 2014 [380]: N = 60, Inzidenz ≥ Grad 2: Pyridoxin: 18 (60%), Nichts: 18 (60%), p = 1; Yap et al., 2017 [381]: N = 210, Inzidenz ≥ Grad 2: Pyridoxin: 33/105 (31.4%, 95% KI 22.6%-40.3%), Placebo: 39/105 (37.1%, 95% KI 27.9%-46.4%), p = 0.38). Bei Ota et al. (2014) gab es abgesehen davon auch keine signifikanten Unterschiede bezüglich anderer Chemotherapie-induzierter Nebenwirkung [380] und Braik et al. (2014) berichteten in beiden Armen von einer vergleichbaren Anzahl an Patienten, bei denen eine Dosisreduktion nötig war (Pyridoxin: 24%; Placebo: 21%) [379].

Analog dazu fanden sich auch in der Metaanalyse, die in 5 randomisierten zweiarmigen Studien 612 Krebspatienten betrachtete, bei der Analyse der vier Studien mit einem Vergleich zwischen einem Vitamin B6-Arm und einem Placebo- bzw. reinen Chemotherapie-Arm [377][382][383][384] keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Inzidenz des Hand-Fuß-Syndroms (Pyridoxin: 191/297, Placebo/nichts: 196/272, RR = 0.96 (95% KI 0.86–1.06), p = 0.40; Inzidenz ≥ Grad 2: Pyridoxin: 74/191, Placebo/nichts: 76/196, RR = 0.95 (95% KI 0.73–1.24), p = 0.28), als auch hinsichtlich der Zeit bis dessen Auftretens  (Median in Monaten: Pyrodoxin: 87, Placebo/nichts: 61, p = 0.44). Zudem benötigten bei Corrie et al. (2012) in beiden Armen nach 12 Wochen Behandlung eine vergleichbare Anzahl an Personen keine Dosisreduzierung (Pyridoxin: 37% , Placebo: 23%, RR: 0.59 (95% KI 0.29, 1.20), p = 0.152), wenn auch die Zeit bis zur Dosisveränderung im Pyridoxin-Arm signifikant länger war (HR = 0.512 (95% KI 0.31, 0.84), p = 0.008) [377]. In der zweiten Analyse verglichen die Autoren der Metaanalyse anhand der Studie von Chalermchai et al. (2010) die Inzidenzrate zwischen hoher und niedriger Vitamin B6-Dosis [376]. In diesem Fall war die Rate bei der hohen Dosis signifikant geringer als bei der niedrigen (Inzidenz ≥ Grad 2: 400mg/Tag: 11/28, 200mg/Tag: 20/28, RR = 0.55 (95% KI 0.33–0.92), p = 0.02).

Obwohl sowohl die Einzelstudien, als auch die Metaanalyse teilweise starke methodische Mängel aufwiesen (z.B. kleine Stichprobegröße; unklarer Randomisierungsvorgang etc.), kann wegen der Homogenität der Befundlage von einer fehlenden Wirksamkeit von Vitamin B6 bezüglich des Hand-Fuß-Syndroms ausgegangen werden. Zudem wird beim Auftreten des Hand-Fuß-Syndroms standardmäßig eine wirksame Dosisreduzierung der Zytostatika durchgeführt. Nur im Falle, dass dies aus wichtigen Gründen nicht in Betracht gezogen wird, bieten die Ergebnisse von Chalermchai et al. (2010) erste Hinweise, dass eine orale Gabe von Vitamin B6 (in der Dosierung von 400mg/Tag) zur Verminderung des Hand-Fuß-Syndroms erwogen werden kann) [376]. 

Zusätzlich zu den bereits vorgestellten Ergebnissen wurden in einigen Studien sekundär noch zwei weitere Endpunkte, nämlich Tumoransprechen und Lebensqualität, untersucht. Diese waren jedoch keine Grundlage für Empfehlungen und Statements, weil sie entweder nur sehr knapp beschrieben wurden oder ein anderweitiges starkes Verzerrungsrisiko aufwiesen. Der Vollständigkeit halber werden sie im Folgenden kurz aufgeführt. Tumoransprechen wurde in drei Einzelstudien betrachtet, in denen sich mehrheitlich keine signifikanten Unterschiede zeigten (Corrie et al., 2012 [377]: Tumoransprechrate: Pyridoxin: 9/46, Placebo: 9/36, OR = 1.37 (95% KI 0.475–3.96), p = 0.56; Newling et al., 1995 [378]: Anstieg T-Kategorie: Pyridoxin/Placebo: n = 17 (6%)). Nur bei Chalermchai et al. (2010) gab es je nach Dosis signifikante Unterschiede hinsichtlich des partiellen Tumoransprechens (400mg: 57.9%, 200mg: 20%, p = 0.038, RR = 5.5 (95% KI 1.56–26.14)) [376]. Die Verbesserung der Lebensqualität war sekundärer Endpunkt in der Metaanalyse von Chen et al. (2013) [375], der in zwei der fünf eingeschlossen Studien beleuchtet wurde, und in der Studie von Yap et al. (2017) [381]. In allen Studien wurden die Ergebnisse sehr knapp und ohne bedeutsame Unterschiede berichtet.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin B6 wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.9 Vitamin B12

7.24 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Beurteilung der Wirksamkeit isolierter Gabe von Vitamin B12 gegen Polyneuropathie bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von Vitamin B12 bei diesen Patienten gegeben werden.

Davon ausgenommen sind Patienten mit Substitutionsbedarf aus anderer Indikation.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[331]

Vitamin B12 ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Molekülen, die auch als Cobalamine bezeichnet werden. Es ist wasserlöslich und kommt in Lebensmitteln, wie Hering, Eier, Milch oder Leber meist gebunden an Eiweiße vor. Vitamin B12 wird ausschließlich von Mikroorganismen synthetisiert und in der Leber gespeichert. Es spielt eine wichtige Rolle bei verschiedenen Stoffwechselvorgängen, wie v.a. der Bildung von DNA und dem Abbau von Fettsäuren. Außerdem unterstützt Vitamin B12 die Blutbildung.

Bei Vitamin B12 wurde nur eine randomisiert kontrollierte Studie in die Evidenztabellen aufgenommen [331]. Es konnten keine weiteren Studien auch von niedrigeren Evidenzstufen wie z.B. Kohortenstudien oder Fallserien ermittelt werden, die die Wirksamkeit von Vitamin B12 in der komplementären oder alternativen Krebsbehandlung untersuchten. Es wurden lediglich weitere Studien gefunden, die Vitamin B12 in Kombination mit anderen Vitaminen analysierten und deswegen erst im Kapitel 7.14 (Vitaminkombinationen) betrachtet und diskutiert werden.

In der vierarmigen Studie von Mondal et al. (2014) wurde primär der Zusammenhang zwischen Vitamin B12 und peripherer Neuropathie während und nach der Chemotherapie untersucht [331]. Sensorische, motorische und Schmerzsymptome wurden getrennt analysiert. Insgesamt wurden 90 Patienten mit Bronchialkrebs, Brustkrebs und Eierstockkrebs betrachtet, von denen Arm A während bis ein Monat nach der Chemotherapie zusätzlich 3 Mal täglich 500μg Methylcobalamin, Arm B im gleichen Zeitraum täglich 400mg Vitamin E, Arm C jeweils sieben Tage pro Chemotherapie-Zyklus täglich 250 mg Acetyl-L-Carnitin (ALC) und Arm D zwei bis fünf Tage pro Zyklus 3 Mal täglich 20mg Glutamin einnahm. Über alle vier Arme hinweg gab es einen signifikanten Unterschied hinsichtlich des Symptombeginns (Arm A vs. Arm B vs. Arm C vs. Arm D: p < 0.001), aber die Unterschiede wurden nicht paarweise für die Arme untersucht. Abgesehen davon unterschieden sich die Arme ebenfalls hinsichtlich des Symptomverlaufs. Post-hoc-Analyse ergaben, dass in allen drei untersuchten Bereichen der Vitamin B12-und Vitamin E-Arm vergleichbare Verläufe vorwiesen, aber Vitamin B12-Patienten jeweils einen besseren Verlauf als der ALC- und Glutamin-Arm berichteten (Sensorik: Vitamin B12 vs. Vitamin E: p = 0.446, Vitamin B12 vs. ALC: p = 0.013, Vitamin B12 vs. Glutamin: p = 0.001; Motorik: Vitamin B12 vs. Vitamin E: p = 0.227, Vitamin B12 vs. ALC: p < 0.001, Vitamin B12 vs. Glutamin: p < 0.001; Schmerzen: Vitamin B12 vs. Vitamin E: p = nicht signifikant, Vitamin B12 vs. ALC: p < 0.001, Vitamin B12 vs. Glutamin: p < 0.001). 

An dieser Studie gibt es zahlreiche Kritikpunkte. So wurde unter anderen nur eine sehr kleine Stichprobe je Arm untersucht, die Arme waren nicht verblindet, es gab eine hohe Dropout-Rate (insgesamt 44%) und mögliche Gruppenunterschiede hinsichtlich der untersuchten Variablen z.B. des Schmerzempfindens wurden zur Baseline nicht untersucht und kontrolliert. Davon abgesehen ist die Aussagekraft dieser Studie eingeschränkt, da es keinen richtigen Kontrollarm gab, der z.B. nur ein Placebo erhalten hat, um die Wirksamkeit von Vitamin B12 im Vergleich zum natürlichen Auftreten von Chemotherapie assoziierter peripherer Neuropathie zu untersuchen. Aus diesem Grund kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von Vitamin B12 bei peripherer Polyneuropathie gegeben werden.

An dieser Stelle ist es jedoch noch wichtig zu beachten, dass es in der Praxis unabhängig davon wichtig ist, auch bei Krebspatienten einen Vitamin B12 Mangel zu erkennen und zu substituieren. In diesem Fall gelten die Ernährungstherapie-empfehlungen (s. Einführung in 7.5 Vitamine).

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin B12 wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.10 Amygdalin/ « Vitamin B17 »

7.25 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen keine Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Amygdalin/ Laetrile/ Aprikosenkerne („Vitamin B17“) vor. Jedoch liegen Daten aus einem systematischen Review und 2 einarmigen Studien zu den Nebenwirkungen von Amygdalin/ Laetrile/ Aprikosenkernen („Vitamin B17“) vor.

Amygdalin/ Laetrile/ Aprikosenkerne („Vitamin B17“) soll/en aufgrund der potentiell lebensbedrohlichen Nebenwirkungen nicht gegeben werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Konsens
Konsens
Literatur
[385] [386] [387]

Amygdalin wird häufig fälschlicherweise als „Vitamin B17“ bezeichnet. Es ist kein Vitamin, sondern eine cyanogene Glykosid-Pflanzenverbindung, die in den Kernen vieler Früchte und in zahlreichen Pflanzen der Gattung Prunus vorkommt. Oral verabreichtes Amygdalin wird vermutlich durch menschliche Verdauungsenzyme über mehrere Zwischenstufen in Benzaldehyd und Cyanid umgewandelt, was im Verdacht steht, toxisch zu wirken. In den 1950er Jahren wurde eine intravenöse Form von Amygdalin eingeführt und als Laetrile bezeichnet, eine Abkürzung für laevorotatory und mandelonitrile. In den USA wird damit eine halbsynthetische Verbindung aus D-Glucoronsäure und Mandelonitril bezeichnet, während in Mexiko hergestelltes Laetril aus zerkleinerten Aprikosenkernen aus Amygdalin besteht. In einigen Ländern ist Laetril wegen mangelnder Wirksamkeitsnachweise, Verunreinigungen oder möglicher Toxizität nicht zugelassen, dennoch wird es von Befürwortern als ein "natürliches Krebsheilmittel“ beworben.

Studien zur Wirksamkeit

In der systematischen Recherche wurde auf der ersten Evidenzebene keine randomisierten Studien, sondern nur ein systematisches Review von Cochrane gefunden [385]. In dieser Arbeit wurde ebenso eine ausführliche Suche auf den Datenbanken Central, Medline, Embase, Amed, Scirus, Cinahl und CAMbase, als auch das MetaRegister und National Research Register durchgeführt. Auch diese Suche nach (quasi) randomisiert-kontrollierten Studien verlief ergebnislos. Die Autoren schlussfolgern, „die Behauptungen, dass Laetril oder Amygdalin positive Auswirkungen auf Krebspatienten haben, werden derzeit nicht durch solide klinische Daten gestützt“ [385].

Die Recherche wurde daher auf die zweite Evidenzebene ausgeweitet. Es wurden keine kontrollierten Studien bezüglich der Wirksamkeit von Amygdalin/Laetrile („Vitamin B17“) gefunden. 

Nebenwirkungen

Die Autoren des genannten Cochrane-Reviews raten wegen potentieller Nebenwirkungen ab: „Es besteht ein erhebliches Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen einer Cyanidvergiftung nach Laetril oder Amygdalin, insbesondere nach oraler Einnahme.  Das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Laetril oder Amygdalin zur Behandlung von Krebs ist daher eindeutig negativ“ [385].

In einer einarmigen Studie wurden 178 Patienten mit verschiedenen Krebserkrankungen für 21 Tage mit Amygdalin (intravenös 4,5- 7 g pro m2 Körperoberfläche, anschließend oral 1,5 g) sowie Enzymen und Vitaminen behandelt [387]. Es konnten keine positiven Effekte auf die Lebensdauer oder Entwicklung der Krebserkrankung beobachtet werden. Stattdessen zeigten sich bei elf Patienten Cyanid-Blutwerte über 2µg per ml (bis zu 4µg per ml), fünf davon erlitten eine Cyanid-Vergiftung. 30% der Teilnehmer litten zudem unter Übelkeit und/oder Erbrechen, 7% unter Schwindel und/ oder Kopfschmerzen. Beides ließ nach Beendigung der Amygdalin-Einnahme sofort nach. Bei einer Patientin kam es zu einer Tachykardie mit Dyspnoe und bei vier Patienten zu Dermatitis. Die Autoren vermuten einen Zusammenhang zum Wirkstoff.

Auch eine aktuelle Studie zeigte den Zusammenhang zwischen oraler und intravenöser Amygdalin-Einnahme mit dem Cyanid-Blutspiegel [386]. Bei 55 Patienten mit einer Tumorerkrankung, die täglich oral 1g Amygdalin pro Tag zu sich nahmen, bekamen zusätzlich ein bis fünf Amygdalin- Injektionen (6-18 mg) im Abstand von 4-6 Tagen. Dabei zeigte sich eine signifikante Erhöhung des Cyanid-Blutspiegels nach jeder Injektion (Mittelwert Prä: 34.74 μg/L, Post: 66.20 μg/L, p = 0.00001). 

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Amygdalin/“Vitamin B17“ wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.11 Vitamin C

7.26 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer Metaanalyse zu Wirkung von oralem Vitamin C vor. Orales Vitamin C in höheren Dosierungen soll nicht bei onkologischen Patienten mit dem Ziel empfohlen werden, tumortherapeutisch oder in der Sekundärprävention das Gesamt- oder progressionsfreie Überleben zu verlängern oder die therapieassoziierte Toxizität zu senken.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2a
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[388]
Evidenztabellen (1)Jacobs et. al. (2015)
7.27 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Beurteilung der Wirksamkeit von hochdosiertem intravenösem Vitamin C vor, tumortherapeutisch oder in der Sekundärprävention das Gesamt- oder progressionsfreie Überleben zu verlängern oder die Toxizität bei onkologischen Patienten zu senken. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von hochdosiertem intravenösem Vitamin C bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2a

/1b-

Konsens
Starker Konsens
Literatur
[389] [390]

Das auch als Ascorbinsäure beschriebene Vitamin C findet man in besonders hoher Konzentration in Acerola-Kirschen, Hagebutten, Sanddorn und schwarzen Johannisbeeren, aber auch in anderem Obst und Gemüse. Es ist ein wasserlösliches Antioxidans und Radikalfänger. Vitamin C wird im Körper für zahlreiche Stoffwechselfunktionen benötigt und ist unter anderem am Aufbau von Eiweißstoffen und Bindegewebe beteiligt.

Zur Untersuchung der Wirksamkeit von Vitamin C in der Krebsbehandlung konnten insgesamt zwei randomisiert kontrollierte Studien und ein systematisches Review [388] ermittelt werden. Insgesamt wurden in dieses Review 34 Studien mit unterschiedlichen Studientypen eingeschlossen, davon waren jedoch nur vier randomisierte Studien, die primär Vitamin C analysierten [391][392][390][393]. Um eine hohe methodische Qualität für die der Empfehlung zugrundeliegenden Studien zu gewährleisten, wurden gemäß dem stufenweisen Vorgehen bei der Studienauswahl (s. Leitlinienreport Abschnitt 5.3.3.) nur diese vier Studien (N = 278) des systematischen Reviews in die Evidenztabelle und damit in die Hintergrundstudien der Empfehlungen eingeschlossen. Bei Vitamin C unterscheidet man zwischen zwei Hauptapplikationsarten, oral oder intravenös, deren Ergebnisse im Folgenden getrennt dargestellt werden.

Zuerst soll auf die orale Applikation eingegangen werden, die in drei der Studien des systematischen Reviews (Creagan et al., 1979 [391]; Goel et al., 1999 [392]; Moertel et al., 1985 [393]) und bei Liu et al. (2010) [394] betrachtet wurde.

Ein wichtiger Endpunkt des systematischen Reviews von Jacobs et al. (2015) war die Verbesserung der Mortalität [388]. In beiden Studien zur Mortalität, die jeweils die orale Einnahme von Vitamin C (Dosis: 4x täglich 2.5g Ascorbat) mit einer Placebo-Einnahme bei fortgeschrittenen Krebspatienten verglichen, fanden sich keine signifikanten Unterschiede (Creagan et al., 1979 [391]: N = 123, keine Daten berichtet, nur Kaplan-Meier-Kurve; Moertel et al., 1985 [393]: N = 100, Median in Monaten: Vitamin C: 2.9, Placebo: 4.1, p = nicht signifikant). Zusätzlich dazu wurde in einer der eingeschlossen Studien des systematischen Reviews mit Brustkrebspatientinnen (N = 30) primär Tumoransprechen in der Brust untersucht [392]. Laut der Autoren war das Tumoransprechen im Vitamin C- Arm, der für 84 Tage neben der Chemotherapie zweimal täglich 5g Ascorbat einnahm, höher als im Kontrollarm (Vitamin C: 60%, Nichts: 33.3%). Es war jedoch kein p-Wert angegeben und es fehlten die genauen Kriterien für Tumoransprechen. Auch bei der Mittelwertveränderung der Tumordiameter gab es keine Angaben zum Gruppenvergleich. Stattdessen berichteten die Autoren lediglich die Ergebnisse der Vitamin C Gruppe (vor Chemotherapie: 3.53 cm (SD = 0.73), nach Chemotherapie: 1.93 cm (SD = 0.77)) mit dem Hinweis im Text, dass sich der Vitamin C Armer stärker verbesserte als die Kontrollgruppe. Abgesehen davon wurde in dem systematischen Review zuletzt sehr knapp die nichtsignifikanten Studienergebnisse von Creagan et al. (1979) [391] und Moertel et al. (1985) [393] hinsichtlich Lebensqualitätsverbesserung berichtet.

In der Studie von Liu et al. (2010) wurde der Einfluss von Vitamin C auf die Anreicherung von Radiojod im Speichel oder den Speicheldrüsen beim Schilddrüsenkrebs untersucht [394]. Insgesamt wurden in dieser vierarmigen Studie 72 Patienten mit Schilddrüsenkrebs betrachtet, die alle nach der Operation Radiojodtherapie (RJT) und sechs Tage lang alle vier Stunden 100mg Vitamin C erhielten. Je nach Therapiearm war der Zeitpunkt, zu dem nach Beginn der RJT Vitamin C gegeben wurde, verschieden (1, 5, 13, 25 Stunden nach RJT). Jeweils für die Glandula parotis, als auch für die Glandula submandibularis zeigten sich zwischen den Therapiearmen keine signifikanten Unterschiede bezüglich Dosimetrie und kumulierter Aktivität im Speichel. Kritikpunkte an dieser Studie sind die kleine Stichprobe und die fehlende Vergleichsstichprobe ohne Vitamin C.

Insgesamt ist die dargestellte Evidenzlage hinsichtlich oralem Vitamin C wegen der Heterogenität der untersuchten Endpunkte und der teilweise starken Kritikpunkte der eingeschlossenen Studien (z.B. kleine Stichprobengrößen, unklarer Randomisierungsvorgang, sehr schlechte Berichtsqualität der Ergebnisse etc.) eher schwach. Da jedoch in keinen Studien vertrauenswürdige Ergebnisse zugunsten einer oralen Vitamin C-Behandlung gefunden wurden, kann trotzdem die Empfehlung geschlussfolgert werden, dass orales Vitamin C in höheren Dosierungen bei onkologischen Patienten nicht mit dem Ziel eingesetzt werden soll, tumortherapeutisch oder in der Sekundärprävention das Gesamt- oder progressionsfreie Überleben zu verlängern oder die therapieassoziierte Toxizität zu senken.

Im Gegensatz dazu wurde die intravenöse Anwendung nur in zwei Einzelstudien betrachtet. Zum einen in der, in das systematischen Review eingeschlossenene, randomisiert kontrollierten Pilotstudie von Ma et al. (2014) [395] und zum anderen in der Studie von Jeon et al. (2016) [389].

In der Studie von Ma et al. (2014) wurden Eierstockkrebspatientinnen (N = 30) zusätzlich zur Chemotherapie Ascorbat intravenös verabreicht (Dosis: von initialen 15g bis zu einem therapeutischen Range von 75 bis 100g pro Infusion) [395]. Die Kontrollgruppe dagegen bekam nur Chemotherapie. Hinsichtlich Gesamtüberlebens zeigte sich in der Kaplan-Meier-Kurve ein positiver Trend in Richtung des Vitamin C- im Vergleich zum Kontrollarm, es wurden aber keine Zahlen berichtet. Keine signifikanten Unterschiede hingegen berichteten die Autoren beim progressionsfreien Intervall (Median in Monaten: Vitamin C: 25.5, Nichts: 16.75, p > 0.05).  Zuletzt wurden pro Arztbesuch im Vitamin C-Arm weniger Grad 1-2 Nebenwirkungen als im Kontrollarm berichtet. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Vitamin C-Patienten mehr Arztbesuche bekamen als die Kontrollpatienten, was dieses Ergebnis höchstwahrscheinlich verzerrt. Abgesehen davon können weitere methodische Verzerrungen dieser Pilotstudie unter anderem wegen der sehr kleinen Stichprobe und der sehr knappen, unzureichenden Berichterstattung nicht ausgeschlossen werden. Somit reichen die positiven Ergebnisse nicht für eine Empfehlung, sondern diese müssen erst in zukünftigen größeren Studien weiter untersucht und bestätigt werden.

Die andere Studie von Jeon et al. (2016) untersuchte 97 Patienten mit kolorektalem Karzinom, die während ihrer elektiven laparoskopischen Kolektomie intravenös entweder Ascorbinsäure (50mg/kg gemischt mit Kochsalzlösung, Injektionsvolumen: 50ml) oder ein Placebo (50ml Kochsalzlösung) erhielten [389]. Primärer Endpunkt waren die subjektiv eingeschätzten Schmerzen 2, 6 und 24 Stunden nach der Operation. Zu allen Messzeitpunkten klagten Patienten aus dem Vitamin C-Arm im Ruhezustand über weniger Schmerzen als im Kontrollarm (jeweils p < 0.05). Kein signifikanter Unterschied zeigte sich jedoch, wenn die Patienten die Schmerzen einschätzen sollten, während sie husteten. Abgesehen davon wurde im Kontrollarm zwei Stunden nach der Operation durchschnittlich signifikant weniger Morphin verabreicht (p < 0.05). In den nachfolgenden Zeitpunkten war die Menge in beiden Armen vergleichbar. Ein sekundärer Endpunkt dieser Studie war die Wirksamkeit von Vitamin C zur Verbesserung der Fatigue. Zu keinem der Zeitpunkte gab es signifikante Unterschiede bei der Fatigue. Zuletzt wurde die Toxizität der Operation anhand des zusätzlichen Bedarfs an Opiaten, der Übelkeit und dem Erbrechen nach der Operation und anhand der Hospitalisierungsdauer bewertet. Mit der Ausnahme des Bedarfs an zusätzlichen Opiaten, welcher im Durchschnitt im Vitamin C-Arm signifikant geringer war (Vitamin C: 0.8 (SD = 0.8), Placebo: 1.4 (SD = 1), p = 0.00), zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Armen. Auch die Studie von Jeon et al. (2016) besitzt wegen gravierender methodischer Mängel eine eingeschränkte Validität (u.a. zwischen den Armen möglicherweise Unterschiede zur Baseline bzgl. Schmerzempfinden, multiples Testen, schlechte Berichtsqualität z.B. Zahlen teilweise nur aus Grafik schätzbar). Deswegen reichen die Ergebnisse noch nicht für die allgemeine Empfehlung, dass intravenöses Vitamin C perioperativ als Koanalgetikum erwogen werden kann. Zudem ist die klinische Relevanz dieser Empfehlung in Bezug auf die Versorgung nicht deutlich.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin C wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.12 Vitamin D

7.28 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2024

Zum Erkennen von Mangelzuständen bei onkologischen Patienten sollten Spiegelmessungen von 25-OH-Vitamin D durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
ÄnderungshinweisZum Erkennen von Mangelzuständen sollten bei onkologischen Patienten 25-OH-Vitamin D Spiegelmessungen durchgeführt werden.
7.29 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2024

25-OH-Vitamin D Spiegelkontrollen sollten durchgeführt werden

  • zur Erfolgskontrolle nach Substitution eines nachgewiesenen Vitamin D Mangels
  • bei Substitution mit hohen Dosen (über 4.000 I.E. pro Tag)
  • und/ oder bei eingeschränkter Nierenfunktion.
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[396]
7.30 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2024

Es liegen keine ausreichenden Daten aus SRs/RCTs zur Wirksamkeit von Vitamin D auf Mortalität, Morbidität/Toxizität und Lebensqualität bei onkologischen Patienten ohne Spiegelmessungen vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Vitamin D Gabe über die Kompensation eines Mangels hinaus bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[397] [398] [399] [400] [401] [402] [403] [404] [405] [406] [407] [408] [409] [410] [411] [412] [413] [414] [415] [416] [417] [418]
ÄnderungshinweisEs liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Vitamin D auf Mortalität und Morbidität/Toxizität bei onkologischen Patienten und normalem Vitamin D Spiegel vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Vitamin D Gabe über die Kompensation eines Mangels hinaus bei diesen Patienten gegeben werden.
Evidenztabellen (9)Hackshaw-McGeagh et. al. (2015); Attia et. al. (2008); Beer et. al. (2007); Khan et. al. (2017); Nasser et. al. (2017); Rastelli et. al. (2011); Scher et. al. (2011); Shapiro et. al. (2016); Walsh et. al. (2010)

Vitamin D hat eine Sonderstellung unter den Vitaminen, da es im Körper unter Einfluss von UV-Licht in der Haut in aktive Form überführt werden muss. Diese im menschlichen Körper aktive Form ist Vitamin D3 (Calcitriol). In Lebensmitteln kommt es hingegen nur in wenigen, wie Lachs oder Hering, Leber, Eigelb oder Speisepilzen vor. Vitamin D zeigt antiinflammatorische Wirkung und ist besonders für den Knochenstoffwechsel wichtig. In Laborexperimenten konnte gezeigt werden, dass Vitamin D Aktivitäten in der Krebszelle bedingt, die den Zelltod begünstigen.

Die Bestimmung des Vitamin-D-Status erfolgt durch die Messung von 25-Hydroxyvitamin-D kurz 25(OH)D, im Blutserum. 25(OH)D ist ein Vorläufer des aktiven Vitamin D, es kann in den Einheiten nmol/l oder ng/ml angegeben werden (für die Umrechnung von nmol/l in ng/ml teilt man den Wert durch 2,5) [419].
In einer repräsentativen Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS 1), die zwischen 2008 und 2011 durchgeführt wurde, leiden 15,2% der 6.995 Teilnehmenden (Alter: 18 bis 79 Jahren) an einer mangelhaften Vitamin D Versorgung mit einer 25(OH)D-Serumkonzentrationen unter 30 nmol/l (unter 12 ng/ml). Zusätzlich dazu hatten 40.8% der Erwachsenen eine suboptimale Versorgung mit Serumwerten zwischen 30 und 50 nmol/l (12 und 20 ng/ml) [420]. Trotz dieses hohen Anteils an Erwachsenen mit Vitamin D Mangel, wird die Vitamin D-Substitution generell von den Krankenkassen meist nicht übernommen. Durch die Tumortherapie kann ein weiterer Abfall des Vitamin D-Spiegels begünstigt werden, z.B. wenn Patienten sich nicht mehr so viel im Freien bewegen oder intensiveren Sonnenschutz nutzen. Aus diesem Grund sollte zum Erkennen von Mangelzuständen bei onkologischen Patienten eine 25-OH-Vitamin D-Spiegelmessungen, sowie darauffolgend Spiegelkontrollen zur Prüfung der Wirksamkeit der Dosierung oder Verabreichungsform durchgeführt werden. Ebenso können dadurch Überdosierungen oder pathologisch erhöhte Werte erkannt werden.

Hinsichtlich des Einsatzes von Vitamin D bei Therapie assoziierter Osteoporose wird auf die S3-Leitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen Patientinnen“ verwiesen [421]

In die Evidenztabellen wurden insgesamt ein systematisches Review [399] und neun randomisiert kontrollierte Studien eingeschlossen [397][398][418][400][401][402][403][404][405], die die Wirksamkeit von Vitamin D in der Krebsbehandlung betrachteten. Alles in allem waren die Studien sehr heterogen und untersuchten viele verschiedene Endpunkte.

In der Aktualisierung der Recherche wurden 12 randomisiert kontrollierte Studien gefunden [406][407][408][409][410][411][412][413][414][415][416][417]. Zusätzlich wurden der Vollständigkeit halber 4 Post-Hoc Studien betrachtet [422][423][424][425], welche jedoch nicht als Evidenz zur Erstellung von Empfehlungen/ Statements herangezogen wurden, da sich diese auf sehr spezifische Untergruppen beziehen und aufgrund der Natur von Post-Hoc Analysen ein hohes Verzerrungsrisiko zeigen. 

Zur Formulierung von Empfehlungen/ Statements wurden die Studien nach Spiegeln bzw. Spiegelmessungen sortiert, eine suboptimale Versorgung wurde für eine 25(OH)D-Serumkonzentration <20ng/ml formuliert. Eine Übersicht der Studienergebnisse findet sich in am Ende dieses Kapitels.

Studien mit Spiegeln von prä-Intervention unter Normbereich zu post-Intervention Normbereich (in Interventionsgruppe)

In einer Studie mit Brustkrebspatientinnen wurde der Einfluss von Vitamin D3 auf die Lebensqualität, bzw. Fatigue untersucht. In dieser randomisiert kontrollierten Studie von Jacot et al. (2016) wurden 195 Brustkrebspatientinnen betrachtet, von denen eine Gruppe sieben bis zwölf Monate nach der Chemotherapie mehrmals 100000 IU Vitamin D3 erhielt (IG) und die Kontrollgruppe täglich nur 400 IU (KG) [418]. Da in dieser Studie primär die Normalisierung des Vitamin D Spiegels untersucht wurden, lagen ausführliche Daten zur Entwicklung des Spiegels vor. In der IG normalisierte sich der Spiegel bei 30% der Patientinnen und in der KG nur bei 12,6% (p = 0.003; 25OHD-Spiegel in ng/ml: Median (Range): IG: 28.1 (7.3–51.8), KG: 24.2 (8.1–39.2), p < 0.001). Die durchschnittliche Lebensqualität (EORTC QLQ-C30-Fragebogen) verschlechterte sich im Laufe der Studie bei hochdosierten Patientinnen in mehr Bereichen (körperliche und kognitive Funktionsfähigkeit; Fatigue; Dyspnoe und Diarrhö) als in der KG (nur Diarrhö). Sowohl unter anderem die schlechte Berichtsqualität und die zu Studienbeginn berichteten Unterschiede zwischen den Gruppen in einigen Lebensqualitätsaspekten, machen eine Verzerrung in den Ergebnissen der beiden Studien sehr wahrscheinlich. Deswegen reichen sie nicht aus, um finale Aussage zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und Lebensqualität auszusprechen. 

Progressionsfreies Überleben und allgemeines Überleben

In der Studie von Ng et al. (2019) wurden 139 Patienten mit inoperablem, lokal fortgeschrittenen oder metastasiertem Adenokarzinom des Kolons oder Rektums unter Oxaliplatin (mFOLFOX6) plus Bevacizumab Chemotherapie eingeschlossen [410]. Randomisiert in 2 Gruppen erhielt die Interventionsgruppe (IG) zunächst 8000 IE/Tag (2 Kapseln je 4000 IE) Vitamin D3 für den 1. Zyklus, gefolgt von 4000 IE/Tag für die nachfolgenden Zyklen und die Vergleichsgruppe (PG) erhielt täglich 400 IE Vitamin D3 (1x 400-IE-Kapsel plus 1x Placebo-Kapsel während Zyklus 1). Die Intervention wurde so lange fortgeführt, bis eins der folgenden Kriterien eintrat: Fortschreiten der Krankheit, nicht tolerierbare Toxizität oder Widerruf der Einwilligung. Nach dem Ende der Intervention wurden die Patienten jedoch noch für Überlebensanalysen weiter beobachtet. Etwa 91% der Probanden hatten ein Vitamin D Defizit. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 22.9 Monate (IQR, 11.8 – 34.5 Monate). Bezüglich medianem PFS mit einer Log Rank Analyse konnten keine signifikanter gefunden werden (IG: N = 49, 13.0 Monate (95% KI, 10.1 bis 14.7 Monate); PG: N = 62, 11.0 Monate (95% KI, 9.5 bis 14.0 Monate); p = 0.07), jedoch zeigte sich ein signifikantes multivariables HR für PFS oder Tod (0.64, einseitiges 95 %-KI, 0 bis 0.90; p = 0.02). Bezüglich objektiver Tumoransprechrate konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen IG 58 % (95 % KI, 45 % – 70 %) und PG (63 % (95 % KI, 50 % – 75 %,) gefunden werden (Mittlere Differenz –5 % (95 %-KI, –20 % bis 100 %); p = 0.27). Ebenso wie für Gesamtüberleben (Median, IG 24.3 Monate vs. PG 24.3 Monate; Log-Rank p = 0.43). Positiv ist der Ansatz einer Intention-To-Treat Analyse, sowie die Kontrolle der Adhärenz, welche sehr gut ausfiel (median 98% Tabletten eingenommen in beiden Gruppen). Negativ anzumerken ist, dass die Analysen zur Tumoransprechrate und Gesamtüberleben nicht für multiples Testen kontrolliert wurden. Zudem wurde nach Absetzen der Intervention (zB. durch Progression) nicht mehr überwacht, ob die Patienten andere Mittel einnahmen oder Behandlungen außerhalb der Studie durchführten, was den Endpunkt Gesamtüberleben beeinflussen könnte. Des Weiteren sollten zahlreiche Interessenskonflikte der Autoren und Mitwirkenden in der Interpretation berücksichtigt werden.

In einer weiteren Publikation zum selben Datensatz untersuchten Brown et al. (2020) [408] während 8 Chemotherapiezyklen für 105/139 Patienten die Wirkung vom hochdosierten Vitamin D (IG) im Vergleich zur Standarddosis (KG) auf den Aufbau der Skelettmuskulatur und das Fettgewebe und ob Veränderungen in diesen Körpermaßen den in Ng et al. (2019) [410] gefundenen positiven Zusammenhang zwischen Vitamin D und PFS erklären können. In den Ergebnissen zeigten sich jedoch weder signifikante Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollarm hinsichtlich der Körperkomposition (jeweils mittlere Veränderung IG - KG [95% KI]; Gewicht (kg): -0.7 [-3.5, 2.0)], p = 0.61, BMI (kg/m²): -0.2 [1.2, 0.7]; p = 0.63, Muskelbereich (cm²): -1.7 [-9.6, 6.3], p = 0.68 Muskelschwächung (HU): -0.4 [-4.2, 3.2], p = 0.81, Viszerales Fettgewebe (cm²): -7.5 [-24.5, 9.6), p = 0.39], subkutanes Fettgewebe (cm²): -8.3 [35.5, 18.9], p = 0.55) noch waren Veränderungen dieser Werte signifikante Mediatoren des Zusammenhangs zwischen hochdosiertem Vitamin D3 und PFS (Jeweils HR [95% KI]: Gewicht: 0.69 [0.40, 1.18], BMI: 0.69 [0.40, 1.17], Muskelbereich: 0.62 [0.35, 1.11], Muskelschwächung: 0.73 [0.42, 1.25)], Viszerales Fettgewebe: 0.77 [0.44, 1.36], Subkutanes Fettgewebe: 0.76; [0.44, 1.33]).

In der Studie von Johansson et al. (2021) wurden 104 Patienten mit operativ entfernten Melanomen eingeschlossen [406]. Gleichmäßig in 2 Gruppen randomisiert, erhielt die Interventionsgruppe alle 50 Tage 100.000 I.E. Vitamin D3 über 3 Jahre und die Vergleichsgruppe ein Placebo. Untersucht wurde die Zeit bis zu einem Rückfall. Etwa 80% der eingeschlossenen Patienten hatten ein Vitamin D Defizit. Am Ende der Studie konnten keine Unterschiede für PFS zwischen den Gruppen gefunden werden. In Subgruppenanalysen konnten nur Vorteile gefunden werden für Patienten mit einer geringen Tumordicke (Breslow Dicke < 3mm, p = 0.04) allein und in Kombination mit einem mittleren/hohen Serum Vitamin D Wert nach 12 Monaten Supplementierung (p = 0.02). Unklar ist, warum die meisten berichteten Ergebnisse der Studie „nach 12 Monaten Supplementierung“ berechnet wurden, obwohl die Intervention über 3 Jahre stattfand. Auch werden die Gruppengrößen in den Subgruppenanalysen nicht berichtet.

Schmerz

In einer Studie von niedriger methodischer Qualität untersuchten Hajimohammadebrahim-Ketabforoush et al. (2019) bei 60 Patienten mit Gehirntumoren und einer Plasma (OH) D Konzentration ≤ 20ng/dL die Wirkung von hochdosiertem Vitamin D3 vor der Tumoroperation auf die subjektive Schmerzwahrnehmung und den Schmerzmittelgebrauch nach der Operation [407]. Jeweils 3 Tage nach der Operation zeigten sich zwischen Patienten, die 2-14 Tage (Median: 5 Tage) vor der Operation intramuskulär 300,000 IU injiziert bekamen und den Kontrollpatienten keine bedeutsamen Unterschiede hinsichtlich subjektiver Schmerzwahrnehmung und Schmerzmittelgebrauch. In der Studie wurden keine Angaben zur Intervention in der Kontrollgruppe gemacht. An dieser Studie lassen sich zahlreiche Kritikpunkte nennen, z.B. bedeutsame Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollarm zum Beginn der Studie, unzureichende Beschreibungen der Interventionen in Interventions- und Kontrollarm, sowie unklare Berechnungen (z.B. keine Angabe der Kontrollvariablen in Regressionsanalysen). Aus diesem Grund können die Ergebnisse dieser Studie nur mit Vorsicht interpretiert werden.

Schmerz, Fatigue und Lebensqualität unter palliativer Versorgung

In der Studie von Helde Frankling et al. (2021) wurden 244 Patienten mit Vitamin D Defizit in zwei Gruppen randomisiert [409]. Die Patienten litten unter fortgeschrittenem Krebs und befanden sich in palliativer Versorgung (Versorgung ohne Ziel der Heilung, etwa 1/3 keine aktive Behandlung; ansonsten Chemotherapie, Hormontherapie, zielgerichtete Therapie). Die Interventionsgruppe (IG) erhielt täglich 4000 IU Vitamin D3 für 12 Wochen und die Vergleichsgruppe ein Placebo (PG). Erhoben wurde die Veränderung der Opioiddosis als Indikator für Schmerz, Fatigue, Lebensqualität und Menge der Antibiotika als Indikator für Häufigkeit/ Länge von Infektionen. Wurden alle Patienten in die Analyse einbezogen (Intention to Treat Analyse), so zeigten sich keine Unterschiede für die mittlere Opioiddosis (Beta Koeffizient -0.60; 95% KI -1.21; 0.02; p = 0.06). Wurden jedoch nur die Personen eingeschlossen, die die 12 Wochen abgeschlossen hatten (Per Protocol Analyse mit n=150), so zeigte sich ein Vorteil für die IG, mit niedrigeren Opioiddosen im Vergleich zur PG (Beta Koeffizient -0.56; 95% KI -1.07; -0.05; p = 0.03: 0.56 µg weniger Fentanyl/h pro Woche in IG). In der Per Protocol Analyse zeigten sich keine Unterschiede für Lebensqualität oder Menge der Antibiotika. Es zeigten sich jedoch geringere Fatiguewerte in der IG im Vergleich zur PG erhoben mit dem ESAS (-1.1 Punkte; p < 0.01), jedoch nicht mit EORTC QLQ-C15-PAL. Eine Post-Hoc Überlebensanalyse zeigte keinen Unterschied im Überleben zwischen den Gruppen nach 4 (p = 0.36), 8 (p = 0.09) oder 12 Wochen (p = 0.08). Die Studie zeichnet sich durch eine sehr detaillierte Berichterstattung aus. Aus methodischer Sicht ist die Intention to Treat Analyse aussagekräftigere, da diese weniger durch Verzerrungen beeinflusst wird. Betrachtet man nur diese Ergebnisse, so gibt die Studie keinen Hinweis auf eine Wirksamkeit von Vitamin D auf die Menge der Opioidaufnahme. Zu beachten ist, dass es Änderungen zum Protokoll gab, so dass Patienten eingeschlossen wurden, die auch außerhalb der Studienintervention bis zu 400IE Vitamin D pro Tag zu sich nahmen. Zudem zeigte sich ein leicht erhöhter Drop-Out in der IG im Vergleich zur PG nach 4 und 8 Wochen (p=0.02) durch „nicht mehr weiter teilnehmen wollen“. Analysen zeigten, dass Personen im Drop-Out höhere Opioidwerte zur Baseline aufwiesen.

Studien mit Spiegeln von prä-Intervention Normbereich zu post-Intervention Normbereich

Aromatasehemmer assoziierte muskuloskelettale Symptome (AIMSS)

Drei randomisiert kontrollierte Studien betrachteten primär Aromatasehemmer assoziierte muskuloskelettale Symptome (AIMSS) bei Brustkrebs (Khan et al., 2017 [400]; Rastelli et al., 2011 [402]; Shapiro et al., 2016 [404]). Alle drei Studien verglichen während der Aromatasehemmertherapie jeweils ein Interventionsarm, der zusätzlich zur Vitamin D Standardbehandlung hochdosiertes Vitamin D einnahm mit einem Kontrollarm, der stattdessen Placebos bzw. nichts weiter bekam (Khan et al., 2017 [400]: N = 147; 24 Wochen lang 300000IU Vitamin D3/Woche vs. Placebo; alle Patientinnen: täglich 1200mg Calcium, 600 IU Vitamin D und 2.5mg Letrozol; Rastelli et al., 2011 [402]: N = 58; je nach 25OHD-Spiegel entweder 8 oder 16 Wochen lang wöchentlich 50000IU Vitamin D2 vs. Placebo; alle Patientinnen: Aromatasehemmer-Therapie in Kombination mit 400 IU Vitamin D3 und 1000mg Kalzium; Shapiro et al., 2016 [404]: 6 Monate 4000IU Vitamin D3/Tag und 1000mg Kalzium vs. 600IU Vitamin D3/Tag und 1000mg Kalzium; alle Patientinnen: Aromatasehemmern).

Khan et al. (2017) fanden keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Verschlechterung der AIMSS-Symptome (erhoben mit HAQ-II, CPIS, Letrozol–Abbruch; Vitamin D3: 26 (SD = 37), Placebo: 39 (SD = 51), p = 0.069), hinsichtlich der Stärke des Händedrucks (beide Arme: 6 (SD = 9), p = 0.98). und bezüglich Lebensqualität und Fatigue nach der Menopause (Mittelwert Fatigue (BFI): Vitamin D3: 19 (SD = 29), Placebo: 28 (SD = 38), p = 0.26; QoL (FACT-B, MENQOL(): keine Werte angegeben) [400]. Nur in einer post-hoc Analyse, in der die Autoren statt der CIPS-Skala die BPI-Schmerzintensität-Skala zur Erhebung der AIMSS-Symptome verwendeten, war die Verschlechterung der AIMSS-Symptome im Kontrollarm signifikant höher als im hochdosierten Vitamin D3-Arm (Vitamin D3: 27 (39), Placebo: 43 (56), p = 0.024).

In der Studie von Rastelli et al. (2011) berichteten Patienten im Vitamin D2-Arm nach zwei Monaten über weniger AIMSS-Schmerzsymptome (jeweils Mittelwert (Standardabweichung): FIQ-Schmerz: Vitamin D2: 3.3 (2.2), Placebo: 4.6 (2.0), p = 0.0045; BPI: Schlimmster Schmerz: Vitamin D2: 3.6 (2.1), Placebo: 5.1 (2.1), p = 0.041, Durchschnittlicher Schmerz: Vitamin D2: 2.7 (2.1), Placebo: 3.7 (1.8), p = 0.0067; Schmerzintensität: Vitamin D2: 2.7 (1.9), Placebo: 3.5 (1.5), p = 0.04; Schmerzinterferenz: Vitamin D2: 1.8 (1.7), Placebo: 2.5 (1.7), p = 0.034; HAQ-DI: Vitamin D2: 0.5 (0.5), Placebo: 0.7 (0.6), p = nicht signifikant) [402]. Dieser Unterschied verschwand jedoch nach vier und sechs Monaten. Gemittelt über die gesamte Studiendauer fanden sich keine Unterschiede zwischen den Armen bei Patientinnen mit einem höheren 25OHD-Ausgangsspiegel (20-29ng/ml), aber Vitamin D2-Patientinnen mit einem niedrigeren Ausgangspiegel (10-19ng/ml) berichteten über weniger Schmerzen als die Kontrollpatientinnen. Die Knochenmineraldichte erhoben mit Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DEXA) unterschied sich nicht zwischen den beiden Armen.

In der letzten Studie von Shapiro et al. (2016) fanden sich nach sechs Monaten Behandlung keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der AIMSS Symptome (BCPT-MS und körperlichen Subskalen von AUSCAN/ WOMAC, PROMIS, HGST) [404]. Unabhängig davon gab es auch keine signifikanten Veränderungsunterschiede zwischen den beiden Armen hinsichtlich der Östron-, Östradiol-, Testosteron-, freies Testosteron- und SHBG-Entwicklung. Positiv an diesen Studien war, dass alle Angaben zur Entwicklung der Vitamin D Spiegels machten Wie jedoch an den dargestellten Ergebnissen ersichtlich, bestand bezüglich der Operationalisierung von AIMSS eine große Heterogenität, was eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert. Da es abgesehen davon in den einzelnen Studien weitere Kritikpunkte gab, wie zum Beispiel multiples Testen, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von Vitamin D zur Prävention von AIMSS getroffen werden.

In der Aktualisierung wurde eine Studie von Niravath et al. (2019) eingeschlossen, die 93 Patienten mit Hormonrezeptor-positivem Brustkrebs und Aromatasehemmer-Therapie untersuchte [426]. Randomisiert in 2 Gruppen erhielt etwa die Hälfte der Patientinnen hochdosiert Vitamin D3 (IG, 50.000 I.E. 1x wöchentlich für 12 Wochen, dann 2000 I.E. tgl. für 40 Wochen), während die andere Gruppe eine Standarddosis erhielt (KG, 800 I.E. 1x tgl. für 52 Wochen). Erhoben wurden Symptome eines Arthralgiesyndroms mit dem HAQ-II. Nach 12 und 52 Wochen zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen (AIA-Entwicklung IG: 54 % vs. KG: 57 %; kein p-Wert und 63 % vs. 55 %; p=0.4487). Aufgrund des Fehlens des Effektes nach 12 Wochen wurden keine weiteren Patienten rekrutiert, was in Anbetracht einer vorherigen Poweranalyse zu einer zu kleinen Stichprobe geführt hat. Die Studie hat zudem viele fehlende Daten von Patienten, da diese nicht zu jedem Zeitpunkt die Fragebögen ausgefüllt haben (Rücklaufquote nach 12 Wochen in IG 54% und KG 57%, nach 52 Wochen in IG 63% und KG 55%). In den Analysen der Compliance zeigt sich, dass nur 14 Patienten komplette Datensätze vorzuweisen hatten. Positiv ist der Ansatz der Intention-To Treat Analyse zu sehen. Problematisch zu betrachten ist, dass Patienten, die nach 12 Wochen keine Angaben in Fragebögen gegeben hatten, als „AIA-positiv“ gewertet wurden. Somit wurden womöglich einige Patienten ohne das Syndrom trotzdem als positive Fälle gewertet.

Progressionsfreies Überleben (RFS) und allgemeines Überleben (OS)

In dem RCT von Akiba et al. (2018) handelt es sich um eine doppelblinde Studie, welche bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) durchgeführt wurde [412]. Die Dosis der täglichen Supplementierung in der Interventionsgruppe betrug 1.200 IE Vitamin D über den Zeitraum von 12 Monaten (IG, n=77), während die Vergleichsgruppe ein Placebo erhielt (PG, n=78). Es zeigte sich, dass eine Vitamin-D-Supplementierung RFS und OS in der gesamten Studienpopulation nicht verbesserte (Rückfall: n = 40 (28%); 5-Jahres-RFS IG: 65 %, PG: 57 % (HR 1.15; 95 % KI, 0.64–2.05; p = 0.64), Tod: n = 24 (17%), 5-Jahres-OS Arm IG: 76 %, PG: 78 % (HR 1.22; 95 %-KI 0.54–2.79; p = 0.63)). Die Studie zeigt in Anbetracht der vorherigen Poweranalyse eine zu geringe Probandenanzahl, des Weiteren zeigt die Flow Chart Unstimmigkeiten – dort bekamen alle 78 Patienten in der PG das Placebo, jedoch wird auch notiert, dass 8 es nicht erhielten.

Rückfallfreies Überleben (RFS) und allgemeines Überleben (OS) nach Stammzelltransplantation bei Hodgkin Lymphom, Non Hodgkin Lymphom und multiplen Myelom unter Calcitriol

Die Studie von Raoufinejad et al. (2019) schloss 80 Patienten mit Hodgkin Lymphom, Non Hodgkin Lymphom und multiple Myelom ein, die auf eine Stammzelltransplantation mit autologem peripherem Blut warteten [427]. Randomisiert erhielt die eine Hälfte in den 30 Tagen nach dem Eingriff 3x täglich 0,25 μg Calcitriol (IG) und die andere Hälfte ein Placebo (PG). Erhoben wurden verschiedene immunologische Werte, Auftreten, Stärke und Länge von Mukositis, sowie rückfallfreies Überleben und Gesamtüberleben. Die mediane Follow-up Zeit für Überlebende betrug 29.34 (3.34 - 36.46) Monate in der IG und 29.05 (7.67 - 35.97) Monate in der PG. Rückfälle traten auf bei 8/40 in der IG und 18/40 in der PG.  Die Analyse des zweijährigen RFS zeigte einen Vorteil für die IG (77.0 %, SE = 7.0%) im Vergleich zur PG (59.0 %, SE = 8.0 %; p=0.03). Während der Studienlaufzeit kam es zu Todesfällen bei 6/40 in der IG (Ausnahme: 4 vor Entlassung aufgrund von HSCT-Komplikationen) und 5/40 in der PG. Die Todesursache konnte in jedem Fall auf den Rückfall der primären Erkrankung zurückgeführt werden. Die Analyse des Zwei-Jahres-OS zeigte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen (IG 87.0 %, SE = 5.0 %; PG: 92.0 %, SE = 4.0 %; p=0.72). Bezüglich Mukositis konnten keine Unterschiede gefunden werden für Auftreten (IG: 60 %; PG: 67.5 %; p = 0.49), Mittlere Dauer in Tagen (IG: 10.17 ± 5.20; PG: 7.85 ± 3.54; p=0.07), Inzidenz Grad 3–4 (IG: 10.0 %; PG: 17.5 %; p=0.33), Mittlere Dauer Grad 3–4 in Tagen (IG: 9.25 ± 6.08; PG: 5.67 ± 1.63; p = 0.33) oder Schweregrad (p=0.88). Des Weiteren konnten keine Unterschiede gefunden werden für Auftreten und Dauer von Fieber, Dauer einer schweren Neutropenie, Dauer des Krankenhausaufenthalts (Transplantation bis Entlassung), Antiinfektiva (ATC-Klassifikation: J) zusätzlich zur üblichen Behandlung und Dauer der gesamten parenteralen Ernährung. Positiv ist die Umsetzung einer Intent-To-Treat Analyse und die Durchführung einer Poweranalyse. In Anbetracht der vielen Endpunkte und Vergleiche ist es jedoch höchst kritisch anzusehen, dass keine Kontrolle für multiples Testen vorgenommen wurde und damit die Gefahr für einen Alpha-Fehler (falsch-positiv) sehr hoch ist.

Progressionsfreies Überleben und Überleben - AMATERASU Trials

Die Arbeitsgruppe um Urashima et al. (2019) veröffentlichte insgesamt 5 Artikel. Die erste Publikation von 2019 bildet hierbei die Grundlage und untersuchte den Einfluss von Vitamin D auf progressionsfreies Überleben und Sterberaten bei Patienten mit Karzinomen in den Verdauungsorganen [414]. Weitere 4 Publikationen sind Post-Hoc Analysen, in denen verschiedene Subgruppenanalysen an der ursprünglichen Stichprobe durchgeführt wurden. Post-Hoc Analysen sind stark Bias-anfällig und sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Die Autoren geben zusätzlich selber an, dass in den Analysen nicht für multiples Testen korrigiert wurde und die Patientenzahlen in den Subgruppen sehr klein sind. Im Sinne der Vollständigkeit werden die Ergebnisse dieser 4 Post-Hoc Analysen kurz berichtet, jedoch nicht als Grundlage für Empfehlungen herangezogen.

In der Originalstudie von Urashima et al. (2019) wurden 417 Patienten nach erfolgter OP mit Karzinomen des Verdauungstrakts eingeschlossen (Speiseröhrenkrebs 10%; Magenkrebs 42%; kolorektales Karzinom 48%). Knapp die Hälfte hatte mittlere und etwa die Hälfte niedrige Vitamin D Level zur Baseline [414]. Diese wurden in 2 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe erhielt täglich 2000 IU Vitamin D (IG) und die andere Gruppe ein Placebo (PG, Start 2-4 Wochen nach OP bis Ende der Studie). Es wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen gefunden für Rückfallfreies Überleben nach 5 Jahren (HR 0.76; 95% KI, 0.50-1.14; p = .18) oder allgemeinem Überleben (HR 0.95; 95% KI, 0.57-1.57; p = .83). Eine Analyse von Patienten mit einem Vitamin D Spiegel im mittleren Bereich zum Studienbeginn zeigte Vorteile beim 5-Jahres Rückfallfreien Überleben für die Gruppe, die zusätzlich Vitamin D erhielt (85% in IG und 71% in PG: HR 0.46; 95% KI, 0.24-0.86; p = 0.02). Unklar ist, wie lang die Patienten Vitamin D erhielten. Etwa 10% der Patienten stoppten während der Studie die Einnahme, jedoch wurden bis auf einen Patienten alle bis zum Ende der Studie nachbeobachtet. 

Post-Hoc Analysen

In einer weiteren Publikation wurden Untergruppen gebildet und diese verglichen [423]. Die Patienten wurden untersucht in Hinsicht auf das p53 Gen. Dies ist das am häufigsten mutierte Gen, in etwa der Hälfte aller Krebsarten. Eine Analyse der Daten zeigte, dass p53 positive Patienten mit zusätzlicher Gabe von Vitamin D (IG) ein erhöhtes 5-Jahres PFS zeigen als Patienten ohne Vitamin D (PG; 79% vs. 57%; HR, 0.52; 95% KI, 0.31–0.88; p= 0.02). Die Chance für einen Rückfall war geringer in der IG für p53 positive Patienten im Vergleich zur PG (HR, 0.54; 95% KI, 0.30–0.98; p=0.04). Eine weitere Subgruppenanalyse nach Krebsart zeigte ein geringeres Risiko für Rückfall oder Tod in der IG für p53 positive Magenkarzinom Patienten (HR, 0.36; 95% KI, 0.14–0.95; p=0.04). Subgruppenanalysen nach VDR-Expressionslevel zeigen, dass Patienten mit hohem VDR Level (>272.5) eine sign. verringerte Todesrate haben (HR, 0.30; 95% KI, 0.09–0.96; p=0.04). Eine Post-Hoc Analyse nach Ki-67 zeigte keine sign. Effekte.

In einer weiteren Studie mit einer Subgruppenanalyse nach Immunantwort nach Tumor Stroma für RFS und OS zeigte sich in der höheren Gruppe von CD56+, dass die Rückfallrate signifikant geringer war in der IG (7.4%) als in der PG (20.5%, subdistribution hazard ratio (SHR), 0.35; 95% KI, 0.15–0.82), jedoch vergleichbar in der unteren Gruppe [422]. Es zeigten sich keine Unterschiede für weitere Untergruppen nach CD3+, CD4+, CD8+ oder CD45RO+. Auch bezüglich Rückfall oder Tod zeigten sich nur in der höheren Gruppe von CD56+ sign. geringe Häufigkeiten in der IG im Vergleich zur PG (11.1% vs. 24.4%, HR, 0.42; 95%KI, 0.20–0.87). Alle anderen Parameter zeigten keine Effekte, ebenso zeigte sich keine Effekte bezüglich Todesfällen allein.

In einer Subgruppenanalyse nach PD-L1 zeigte sich eine sign. Erhöhung von PD-L1 von Baseline zum Ende der Studie im untersten Quartil (Q1, p=0.0008) und eine sign. Reduktion im höchsten Quartil (Q5, p=0.0001) [424]. Die Autoren fanden sign. Vorteile für Tod in Q5 in der IG im Vergleich zur PG (HR, 0.34; 95% KI, 0.12–0.92) und Rückfall/Tod (HR, 0.37; 95% KI, 0.15–0.89), jedoch keine Effekte für Rückfall allein.

In einem weiteren Artikel mit einer Subgruppenanalyse entsprechend Bioavailable 25(OH)D auf RFS und OS, zeigte die Gruppe mit niedrigem Wert (Median < 1.71ng/mL, n=177) bezüglich 5-Jahres RFS bessere Ergebnisse in der IG als in der PG (77 vs. 58%, (HR, 0.54; 95% KI 0.31–0.95; p = 0.03). Es zeigte sich keine Unterschiede für die hohe Gruppe (Median >1.71ng/mL, n=178). Es wurden keine Effekte für das 5-Jahres OS gefunden [425].

Studien mit gemessenem Ausgangsspiegel, jedoch ohne Messung des Endspiegels

Physische Funktion, Phasenwinkel und fettfreie Masse bei Prostatakarzinom unter Androgen-Deprivations-Therapie (ADT)

Die Studie von Inglis et al. (2021) [415] ist eine explorative Analyse der Studie von Peppone et al. (2017) [428], jedoch wurde von diesem Artikel nur ein Abstract veröffentlicht, so dass dies nicht in die Leitlinie eingeschlossen wurde. Inglis et al. (2021) verglichen den Einfluss von hochdosiertem Vitamin D (Vitamin D 50.000 I.E./Woche) und der Einnahme von einem Multivitamin (600 I.E./Tag Vitamin D + 210 mg/Tag Kalzium und Kalzium -Supplement 800 mg/Tag, IG) mit der Einnahme eines Placebos und dem Multivitamin (PG) für 24 Wochen auf physische Funktion bei älteren (>60 Jahren) Prostatakarzinompatienten mit Vitamin-D Spiegeln unter 32ng/ml unter ADT [415]. Die Ergebnisse zeigen signifikant breitere Phasenwinkelwerte in der IG als in der PG nach 12 (5.80 ± 0.13 vs. 5.34 ± 0.12; p = 0.014; 95 % KI 0.824, 0.098) und 24 Wochen (5.90 ± 0.15 vs. 5.40 ± 0.14; p = 0.018; 95 % KI 0.922, 0.090). Es wurden keine Unterschiede gefunden für physische Funktion, gemessen mit Griffstärke, 6 Minuten Gehen, Beinstreckung und der Short Performance Physical Battery (SPPB). Die Studie ist doppelt verblindet und überprüft die Adhärenz mit Tabletten zählen. Jedoch hat die Studie auch eine kleine Stichprobe und es gibt keine Angaben zu einer Poweranalyse. Auch werden keine Informationen zum Vitamin D Spiegel zum Ende der Studie gegeben. Es ist somit unklar, ob Vitamin D hier über den Supplementierungseffekt hinaus aufgenommen wurde.

Progressionsfreies Überleben und allgemeines Überleben

In der offenen Studie von Antunac Golubić et al. (2018) wurde die Wirksamkeit der Behandlung des metastasierten Kolorektalen Karzinoms (mCRC) mit alleiniger Standard-Chemotherapie (KG, n= 34) und der Standard-Chemotherapie in Kombination mit Cholecalciferol 2000 IE täglich verglichen (IG, n = 37) [413]. Alle bis auf einen Patienten hatten ein Vitamin D Defizit. Die Ergebnisse nach 46 Monaten zeigten, dass 2.000 IE Vitamin D täglich keinen Einfluss auf das progressionsfreie Überleben (für beide Arme im Median 10,5 Monate) oder das allgemeine Überleben (im Median: IG 39 vs. KG 40 Monate, Mortalität: HR = 1.0064, 95% KI = 0.3882, 2.609, p = 0.9895) hatte. Die Studie hat eine kleine Stichprobengröße und die Compliance war schlecht, weshalb keine Messungen zur Veränderung des Vitamin D Spiegels durchgeführt wurden. Insgesamt geben die Autoren sehr oberflächliche Beschreibungen in der Studie, insbesondere bei der Präsentation der Ergebnisse.

Studien ohne Spiegelmessung

Die Wirksamkeit von Vitamin D bezüglich Gesamt- oder progressionsfreien Überlebens wurde in drei zweiarmigen Studien mit Prostatakrebspatienten [397][398][403]und in einer kleinen Studie mit Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren untersucht. In der Aktualisierung wurde noch die Studie von Akiba et al. (2018) mit Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) ergänzt [412].

Bei Attia et al. (2008), bei denen die Wirksamkeit von Vitamin D2 zusätzlich zur Docetaxelbehandlung betrachtet wurde, zeigten sich sowohl beim Gesamt-, als auch progressionsfreien Überleben keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen (N = 70; jeweils Median in Monaten: OS: 10μg Vitamin D2-Analog/Tag: 17.8 (95% KI 14.9-23.6), Placebo: 16.4 (95% KI 11.9-23.8), p = 0.383; PFS: Vitamin D2 Analog: 6.17 (95% KI 4.20-10.17), Placebo: 6.20 (95% KI 4.83-9.07), p = 0.764) [397]. In dieser Studie war bei vier Patienten eine Vitamin D-Dosisveränderung aufgrund von Nebenwirkungen nötig (Grad 4 Hyperkalzämie: n = 1, Grad 2 Hyperkalzämie: n = 3). Die anderen beiden Studien untersuchten den Vitamin D3 Analog DN-101. Bei Beer et al. (2007) lebten die Patienten im Interventionsarm (Docetaxel + 45µg DN-101/Woche, 6 Zyklen jeweils 3 Wochen lang) durchschnittlich länger als im Kontrollarm, deren Patienten statt Vitamin D Placebos erhielten  (N = 125, HR = 0.67 (95% KI 0.45, 0.97), p = 0.04) [398]. Keine signifikanten Unterschiede fanden sich beim progressionsfreien Überleben (Median in Monaten: DN-101: 7.9, Placebo: 7.6, p = 0.7). Aufgrund des positiven Ergebnisses hinsichtlich Gesamtüberlebens, welches in der Studie nur sekundär betrachtet wurde, führte die Autorengruppe noch eine weitere Studie mit DN-101 durch, bei der das Überleben primär untersucht wurde [403]. Diese Studie (N = 953) betrachtete zwei Arme, wobei ein Arm zusätzlich zu Docetaxel (wöchentlich, Dauer: 3 Wochen) und Dexamethasone den Vitamin D3 Analog DN-101 (Häufigkeit: Tag 1, 8 und 15 des 28-Tage Zyklus) erhielt und der zweite Arm zusätzlich zu Docetaxel (Häufigkeit: Tag 2 des 22-Tage Zyklus) und Dexamethasone zweimal täglich 5 mg Prednison einnahm. In dieser Studie fanden die Autoren im Widerspruch zur vorherigen Studie einen signifikanten Unterschied zugunsten der Patienten im Kontrollarm (Median in Monaten: Vitamin D: 17.8 (95% KI 16.0-19.5), Prednison: 20.2 (95% KI 18.8-23.0), p = 0.002). Die Hyperkalzämie war im Vitamin D-Arm höher als im Kontrollarm, es wurden jedoch keine p-Werte angegeben (Hyperkalzämie insgesamt: Vitamin D3: 5.9%, Prednison: 0.6% Grad ≥ 3: Vitamin D3: 0.8%, Prednison: 0.2%). Da jedoch bei Scher et al. (2011) beide Arme unterschiedliche Therapieregime für die Chemotherapie bekamen, kam der Überlebensnachteil im Vitamin D-Arm höchstwahrscheinlich durch die konventionelle Behandlung zustande und nicht durch den Einfluss von Vitamin D [403]. Wegen dieses gravierenden Mangels an der Studie, können deren Ergebnisse nicht als Grundlage für Aussagen zur Wirksamkeit von Vitamin D herangezogen werden. In der Studie von Walsh et al. (2010) wurden schließlich 32 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren hinsichtlich progressionsfreien Überlebens betrachtet [405]. Der Interventionsarm bekam drei Wochen vor der Tumoroperation 3 Wochen lang 4µg Vitamin D3 (pro Woche jeweils 3 Tage täglich, dann vier Tage Pause) und der Kontrollarm nichts. Im Vitamin D3 Arm dauerte die Zeit bis zum Rezidiv signifikant länger als im Kontrollarm (Median in Tagen: Vitamin D3: 620. Nichts: 181, p = 0.048).

Zusammenfassen lässt sich wegen der Heterogenität der Befundlage und wegen den teilweise starken methodischen Mängeln aus diesen Ergebnissen keine Empfehlung ableiten. So wurden in keiner der Studien Angaben zur Entwicklung des Vitamin D Spiegels als Kontrolle der Intervention berichtet. Andere Kritikpunkte waren unter anderem die sehr kleine Stichprobe bei Walsh et al. (2010) [405] und natürlich die oben erwähnten unterschiedlichen Chemotherapieregime bei Scher et al. (2011) [403]. Aus der Grundlagenforschung gibt es Hinweise auf Unterschiede (Polymorphismen) bei den Rezeptoren, deren Bedeutung aber noch unklar ist. Möglicherweise haben sie einen Einfluss auf die Vitamin D-Wirkung und damit auf die Ergebnisse von Studien.

Tumoransprechen beim Prostatakrebs, insbesondere PSA-Ansprechen, analysierte das systematische Review und zwei randomisiert kontrollierte Studien als primären Endpunkt [397][398][399]. In das systematische Review von Hackshaw-McGeagh et al. (2015) [399] wurden insgesamt 44 randomisiert kontrollierte Studien eingeschlossen, wobei nur drei der Studien mit zusammen 134 Patienten (Beer et al., 2004 [429]: N = 37; Gee et al., 2013 [430]: N = 31 und Wagner et al., 2013 [431]: N = 66) als Intervention Vitamin D betrachteten. In allen drei Studien nahmen die Patienten im Zeitraum vor der Operation täglich entweder Vitamin D2 bzw. D3 oder Placebos ein (Beer et al., 2004 [429]: 4 Wochen 0.5μg Calcitriol pro kg vs. Placebo; Gee et al., 2013 [430]: 4 Wochen 10 μg Vitamin D2 vs. keine Intervention; Wagner et al., 2013 [431]: 3-8 Wochen Vitamin D3: 400 IU vs.  10000 IU vs. 40 000 IU). Über alle drei Studien hinweg zeigten sich so gut wie keine signifikanten Unterschiede zum PSA-Ansprechen. Kritikpunkte an diesem systematischen Review sind, dass die drei eingeschlossenen Studien sehr heterogen waren, unter anderem betrachteten die Studien teilweise nur den Zeitraum vor der Operation [430][431], während Beer et al. (2004) den PSA-Spiegel nach der Operation zwischen den Armen verglich [429]. Zudem fanden sich in keiner Studie Angaben zum Vitamin D Spiegel und alle drei eingeschlossenen Studien hatten nur kleine Stichprobenzahlen teilweise ohne Poweranalyse. Attia et al. (2008) und Beer et al. (2007) stellten ebenfalls keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich PSA-Ansprechen fest (Attia et al., 2008 [397]: Vitamin D2: 46.7%, Placebo: 39.4%, p = 0.560; Beer et al., 2007 [398]: Vitamin D3-Analog: 63%, Placebo: 52%, p = 0.07). Keine Gruppenunterschiede wurden auch bei der Tumoransprechrate nach den WHO-Kriterien (Attia et al., 2008 [397]: Partiellem Tumoransprechen: Vitamin D2: 812.5% (3 Pat.), Placebo: 8.7% (2 Pat.), p = 0.672;  stabile Krankheit: Vitamin D2: 70.8% (17 Pat.), Placebo: 60.9% (14 Pat.), p = 0.471; Progression: Vitamin D2: 16.7% (4 Pat.), Placebo: 30.4% (7 Pat.), p = 0.265) und bei der Ansprechrate nach den RECIST-Kriterien gefunden (Beer et al., 2007 [398]: Anzahl mit Tumoransprechen: A: 29%, B: 24%, p = 0.51). Zusammengefasst weisen diese Ergebnisse zum Tumoransprechen auf eine fehlende Wirksamkeit von Vitamin D beim Tumoransprechen hin. Die Validität der zusammengefassten Ergebnisse ist jedoch wegen der Heterogenität jeweils im Studienaufbau und der methodischen Mängel eingeschränkt.

Vaginale Atrophie bei Brustkrebspatienten unter Tamoxifen

Keshavarzi et al. (2019) schlossen 96 Brustkrebspatientinnen ein [411]. Diese wurden in 3 Gruppen randomisiert: die erste Gruppe erhielt Vaginalzäpfchen mit Vit. D (IG, n = 32, 2 g der Grundsubstanz + 1000 IE Vitamin D (0,025 mg), Dosierung: 1 Zäpfchen / Tag), die zweite Gruppe erhielt Vaginalzäpfchen mit Vit. E (VG, n=32, 2g Grundsubstanz + 1 mg Vitamin E) und die dritte Gruppe ein Placebo-Zäpfchen (PG, 2g der Grundsubstanz). Alle Probanden nutzten ein Zäpfchen täglich zur Nacht für 8 Wochen. Es wurden keine Messungen der Vitamin Spiegel vorgenommen, so dass keine Aussage getroffen werden kann, ob ein Defizit zum Studienbeginn vorlag. Über den Lauf der Studie zeigte sich für Vaginalatrophie (gemessen mit VMI mit Kontrolle für Zeit des Tamoxifens) ein sign. Verbesserung in der IG und der VG (p‘s<0.001), jedoch nicht für die PG (p=0.074). zum Ende der Studie fanden die Autoren einen sign. Unterschied zwischen den Gruppen (p<0.001, keine Einzelvergleiche gegeben), dabei auch für Superficial und parabasal cells (p’s<0.001), jedoch nicht für intermediate cells (p=0.343). Bezüglich des pH-Werts zeigte sich schon zur Baseline ein sign. Unterschied zwischen den Gruppen (p=0.008, keine Einzelvergleiche gegeben, augenscheinlich höher in der IG und VG im Vergleich zur PG). Von Baseline zum Ende der Studie zeigte sich eine Reduktion in der IG und VG, sowie Anstieg in der PG (p<0.001) und ein sign. Unterschied zwischen den Gruppen zum Ende der 4. und 8. Woche (p=0.011, p<0.001, keine Einzelvergleiche gegeben). Gemessen mit dem Athrophy Fragebogen (niedrige Werte= besser), zeigte sich von Baseline bis Ende der 8. Woche eine sign. Reduktion in der IG und VG (p’s<0.001), jedoch nicht für die PG (p=0.564). Es zeigten sich sign. Unterschiede zwischen den Armen zum Ende der 2., 4. und 8. Woche (p=0.017, p<0.001, p<0.001, keine Einzelvergleiche gegeben). Es werden keine Vergleiche zwischen den einzelnen Gruppen durchgeführt, sodass statistisch unklar ist, ob sich die IG und VG signifikant unterscheiden. Zusätzlich gibt es keine Daten zu den einzelnen Skalen des Atrophie Fragebogens. Auffällig ist, dass schon sehr kleine Unterschiede signifikant werden (z.B. Anstieg pH in der PG nur 0.05 und hochsignifikant geworden). Die Autoren haben trotz sehr vieler Tests nicht für multiples Testen korrigiert, sodass hier die Gefahr für falsch-signifikante Ergebnissen nicht ausgeschlossen werden kann.

Toxizität

Abgesehen von den bereits vorgestellten Endpunkten wurde in vielen Studien die Toxizität der konventionellen Behandlung analysiert [397][398][399][403]. In den Studien des systematischen Reviews von Hackshaw-McGeagh et al. (2015) wurden über alle Studien hinweg höchstens Grad 1 Nebenwirkungen berichtet und es gab keine Todesfälle aufgrund von Nebenwirkungen [399]. Über die Studien von Attia et al. (2008), Beer et al. (2007) und Scher et al. (2011) hinweg gab es eine große Heterogenität in den Befunde zur Wirksamkeit von Vitamin D auf die Toxizität von Docetaxel (jeweils Anzahl: Attia et al., 2008 [397]: Grad 3 Diarrhö: Vitamin D2: 6, Placebo: 0, p = 0.025, Grad 3 Neutropenie: Vitamin D2:1, Placebo: 8, p = 0.012; Rest nicht signifikant; Beer et al., 2007 [398]: Grad 3/4 Nebenwirkungen: Vitamin D3: 22%, Placebo: 28%; schwerwiegende Nebenwirkungen: Vitamin D3: 27%, Placebo: 41%, p = 0.023; Scher et al., 2011 [403]: keine signifikanten Unterschiede).

In einer anderen Studie mit 23 Brustkrebspatientinnen wurde untersucht, inwiefern eine Creme mit dem Vitamin D3 Analog Calcipotriol (Daivonex) im Vergleich zu einer Kontrollcreme (Aqua Creme), die Radiodermatitis verringern kann [401]. Dafür wurde bei den Patientinnen während der gesamten Radiotherapie eine Hälfte der Brust mit der Vitamin D3-Creme und die andere Hälfte der Brust mit der Aqua-Salbe eingestrichen. Nach klinischer Einschätzung zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Cremes (Kein Unterschied: 20/23 (87%) der Patienten; Vitamin D3 schlechter: 2/23 (9%) der Patienten; Vitamin D3 besser: 1/23 (4%)). Aus dieser sehr kleinen Einzelstudie kann noch keine Empfehlung von Radiodermatitis geschlussfolgert werden.

Wie schon bei den einzelnen Bereichen beschrieben, liegen zum jetzigen Zeitpunkt über alle Studien zur Toxizität der schulmedizinischen Behandlung hinweg noch keine ausreichenden Ergebnisse für oder gegen eine Wirksamkeit von Vitamin D vor.

Nebenwirkungen

Die meisten Studien berichten keine Nebenwirkungen oder assoziierten diese nicht mit der Intervention.

In Helde Frankling et al. (2021) werden folgende Nebenwirkungen berichtet: 1 Fall von Nierenversagen in der IG, je n=2 in IG und PG milde Hyperkalzämie, Gastrointenstinale Symptome (milde Diarrhöe, Übelkeit und Bauchschmerzen) IG n=2 und PG n=1, erhöhte Kreatinlevel in IG n=1, Kurzatmigkeit in PG n=1. Es werden keine Angaben gemacht ob diese interventionsassoziiert sind [409].

In Ng et al. (2019) wurden folgende Neben-/Wechselwirkungen (CTCAE) berichtet, die laut Autoren möglicherweise im Zusammenhang mit Vitamin D3 standen: Hyperphosphatämie (n = 1 in hochdosierter Vitamin D Gruppe) und Nierensteine (n=1 in Standard Dosisgruppe) [410].

In Raoufinejad et al. (2019) wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen für das Auftreten von Nebenwirkungen gefunden [427]. Jedoch geben Sie an, dass von den 27.5 % in der Interventionsgruppe, die Hyperphosphatämie entwickelten, 20 % möglicherweise im Zusammenhang mit der Intervention stehen (bei 7.5 % unwahrscheinlich). Die Fälle von Hyperkalzämie in der Interventionsgruppe (2.5 %) waren wahrscheinlich nicht im Zusammenhang mit der Intervention. Alle gemeldeten Ereignisse waren „nicht schwerwiegend“ und „leichter Grad 1“. Nur bei 2.5 % der Patienten in der IG und 7.5 % der Patienten in der PG, die als „leichte Stufe 2“ eingestuft wurden, musste die Intervention vorübergehend für einige Dosen ausgesetzt werden, um Serum-Kalzium und -Phosphor erfolgreich zu senken.

Die Studie von Urashima et al. (2019) berichtet von Frakturen in 3 Patienten in der IG (1.3%) und 5 in der PG (3.4%), Harnsteine in 2 Patienten in der IG (0.9%) und 0 in der PG, und keiner Entwicklung von erhöhtem Kalziumspiegel (Hyperkalzämie) [414]. In der Studie von 2020 [425] wird ebenfalls von diesen Ereignissen berichtet: In der Subgruppe mit niedrigem bioavailable 25(OH)D traten Frakturen auf in der IG n=1 und PG n=5 (p=0.04); in der Subgruppe mit hohem bioavailable 25(OH)D traten Frakturen auf in der IG n=2 und PG n=1 (p=0.94). Es wurden keine Unterschiede für andere Ereignisse berichtet (Harnsteine, andere Tumore, Nebenwirkungen, die zur Einweisung führten). Es wird jedoch keine klare Assoziation mit der Intervention berichtet.

Nebenwirkungen hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel

Das Bundesinstitut für Risikobewertung [432] gab im Dezember 2023 eine Stellungnahme zu Hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitamin D und dessen Gefährdungspotential heraus. Anhand der vorliegenden Daten kann angenommen werden, dass zusätzlich eingenommene hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel mit 4.000 IE (100 µg) Vitamin D oder mehr im Vergleich zu niedriger dosierten Präparaten keinen größeren Nutzen haben [433][434]. Stattdessen erhöhen sie bei langfristiger Anwendung, insbesondere bei vulnerablen Gruppen das Risiko für unerwünschte Ereignisse.

In randomisiert kontrollierten Studien wurde bei älteren Frauen (mit Ausgangs normalem Vitamin Spiegel, sowie suboptimaler Versorgung mit Serum 25OHD < 20 ng/ml bzw. < 50 nmol/L) nach langfristiger Vitamin-D-Supplementierung von 4.000 IE (100 µg) oder mehr pro Tag im Vergleich zu niedrigeren Dosen eine dosisabhängige Abnahme der Knochendichte sowie eine erhöhte Sturzrate beobachtet [435][436].

Eine weitere Studie zeigte, dass die Einnahme von 4.000 IE (100 µg) pro Tag über drei Jahre bei Personen mit Herzkrankheiten und einem initialen mittleren 25OHD Level von <40 nmol/L zu einer Verschlechterung der Herzfunktion führen kann [437].

Ebenso wurde eine leichte Zunahme von Hyperkalzämie beobachtet, d. h. erhöhte Calcium-Serumspiegel, nach Einnahme von 4.000 IE (100 µg) Vitamin D pro Tag im Vergleich zu niedrigeren Dosen oder Placebo bei Personen mit Ausgangs normalem Vitamin Spiegel und Spiegeln unterhalb von 40 nmol/L [438][437]. Die Hyperkalzämien wurden zwar häufig im Zusammenhang mit einer hohen Calciumaufnahme beobachtet, jedoch zeigte sich für die Häufigkeit eine Dosis-Wirkungsbeziehung zur Vitamin-D Zufuhr. Eine andauernde Hyperkalzämie kann zu Nierensteinen, Nierenverkalkungen und letztendlich zu einer Beeinträchtigung der Nierenfunktion führen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung schlussfolgert, dass diese potenziellen Risiken zusätzlich im Zusammenhang mit dem wachsenden Markt für mit Vitamin D angereicherte Lebensmittel betrachtet werden müssen.

Tabelle 4: Studienergebnisse Vitamin D

Autor, Jahr

Endpunkte & Ergebnisse

 Studien mit Spiegeln von prä-Intervention unter Normbereich zu post-Intervention Normbereich (in IG)

Brow, et al. (2020)

Körperkomposition: alle n.s.; Sensitivitätsanalysen: analoge Ergebnisse; Korrelation zw. Veränderung Plasma (OH) D Konzentration und Körpermaßen n.s.

Körperzusammensetzung als Mediator hinsichtlich PFS: IG 1 geringeres Risiko für Krankheitsprogression oder Tod als IG 2; Änderung in Körperzusammensetzung keine sign. Mediatoren innerhalb 8 CTx-Zyklen

Frankling et al. (2021)

Schmerz in mittlerer Veränderung der Opioid Dosis: ITT Unterschied n.s.; PP sign. Vorteil für IG: 0.56 µg weniger Fentanyl/h pro Woche als PG

Infektion in Tagen mit Antibiotika: PP: Unterschied n.s.

Fatigue: PP sign. geringer in IG vs. PG mit ESAS, jedoch nicht mit EORTC QLQ-C15-PAL

QoL: PP Unterschied n.s.

Zusatz: Post-Hoc Überlebensanalyse: Unterschied n.s.

Haji et al. (2019)

Intensität Schmerz: alle Unterschiede n.s

Schmerzmittel-gebrauch: alle Unterschiede n.s

Jacot et al. (2016)

N mit 25OHD-Spiegel- Normalisierung (≥30 ng/ml) nach 6 Monaten: sign. Unterschied zugunsten IG 1; Analysen nach Jahreszeit: sign. Unterschied zugunsten IG 1 in Herbst, keine Effekte für Winter; Frühling/ Sommer

Prozentzahl mit 25OHD-Spiegel- Normalisierung (≥30 ng/ml) nach 6, 12, 18, 24 Monaten: keine Angaben

Spiegelnormalisierung in der Crossover-Stichprobe: p < 0.001

QoL nach 6, 12, 18, 24 Monaten: IG 1 sign. Verschlechterung für körperl. und kogn. Funktionsfähigkeit; Fatigue; Dyspnö und Diarrhö, in IG 2 Verbesserung für Diarrhö; andere n.s.

Johansson et al. (2021)

DFS:  Median 3 Jahren: Unterschied n.s.

Ng, K. et al. (2019)

Medianes PFS: n.s.; sign. multivariable HR für PFS oder Tod 0.64; Subgruppenanalyse für IG 1: größere Effekte auf PFS für Patienten mit niedrigeren BMI, mehr Metastasen und KRAS-Wildtyp-Tumoren

ORR: n.s.

OS: n.s.

Post-Hoc Analysen: PFS stratifiziert für ECOG Status: sign. Unterschied

Studien mit Spiegeln von prä-Intervention Normbereich zu post-Intervention Normbereich

Akiba et al. (2018)

      1.       5-Jahres RFS: Unterschiede n.s.

  2.       5-Jahres OS: Unterschiede n.s.

Hackshaw-McGeagh et al. (2015)

SR

Karzinomentwicklung (Gleason Wert, PSA): Wagner (2013): Veränderung im Serum zw. Armen n.s., PSA niedriger in der kombinierten Gruppe (IG 2 und 3) im Vergleich zu IG 1: p < 0.02

Klinische Messungen zur Entwicklung des Karzinoms: in eingeschlossenen Studien nicht untersucht

Khan et al. (2017)

Verschlechterung AIMSS (Symptome, Schmerzintensität, Letrozol -Abbruch): Unterschiede n.s.; nur in Post-Hoc Analyse sign. 

Stärke des Händedrucks (-6.2kg): Unterschied n.s.

Fatigue: Unterschied n.s.

QoL Menopause: Unterschied n.s.

Niravath et al. (2019)

AIA mit HAQ-II und deskriptive Griffstärke: Unterschiede n.s.

Compliance mit AI-Therapie: für n=6 in IG 1 und n=8 in IG 2; Compliance 98.1%;  96.5%

Raoufinejad et al. (2019)

2-Jahres RFS: in IG sign. höher als in PG; p=0.03

2-Jahres OS: Unterschiede n.s.

Orale Mukositis Inzidenz, Dauer und Schweregrad: Unterschiede n.s.

Auftreten und Dauer von Fieber: Unterschiede n.s.

Dauer einer schweren Neutropenie: Unterschiede n.s.

Dauer des Krankenhausaufenthalts: Unterschiede n.s.

Antiinfektiva: Unterschiede n.s.

Dauer der gesamten parenteralen Ernährung: Unterschiede n.s.

Rastelli et al. (2011)

Muskel-Skelett-Schmerzen: nach 2 Monaten Stratum A + B sign. Vorteil für Gruppe IG (vs. PG) mit FIQ, p = 0.0045; BPI schlimmster, durchschnittl. Schmerz, Schmerzintensität und -interferenz p = 0.041, p = 0.0067, p = 0.04, p = 0.034; n.s. für HAQ-DI; alles n.s. nach 4 und 6 Monaten; gemittelt über alle Zeitpunkte Stratum A und B einzeln: Gruppenunterschiede n.s für Stratum A, sign. Vorteil für IG in Stratum B für FIQ, p=0.04; für BPI durchschnittl. Schmerz, Schmerzintensität und – interferenz, p=0.03, p=0.03, p=0.04

Knochenmineraldichte (BMD): n.s.

Shapiro et al. (2016)

AIMSS: n.s. über 6 Monate

VitD3-Anastrozol/ Letrozol-Interaktion: n.s.

Aromatasehemmer- Compliance: > 97% über alle Teilnehmer

Wirkung auf Spiegel der Geschlechtshormone: n.s.

Urashima et al. (2019)

RFS: Unterschiede n.s.

OS: Unterschiede n.s.

Subgruppenanalyse 25(OH)D < 20ng/mL; 20-40ng/mL; >40ng/mL: 5-Jahres RFS für mittlere Gruppe: sign. Unterschied; niedrige Gruppe: Unterschied n.s.; OS mittlere Gruppe oder niedrige Gruppe: Unterschiede n.s.; keine Analyse mit Subgruppe „hoch“

Kumulative Inzidenz für Rückfall: Unterschiede n.s.; Subgruppe mit mittleren 25(OH)D Leveln: kumulative Inzidenz sign. geringer in IG als in PG 

Post-Hoc Analysen: Kumulative Inzidenz für Rückfall oder Tod, adjustiert nach Alter: sign. geringer in IG als in PG; keine sign. Effekte für Tod allein, keine sign. Effekte für Adjustierungen für verschiedene Eigenschaften

Keine/ fehlende Messung Ausgangs- oder Endspiegel

Antunac et al. (2018)

OS (über 4 Jahre): Unterschiede n.s.

PFS: Unterschiede n.s.

Attia et al. (2008)

PSA-Ansprechen: in % n.s.; Zeit bis zum Ansprechen n.s.

Obj. Tumoransprechen: n.s.

PFS: n.s.

OS: n.s.

Beer et al. (2007)

PSA-Ansprechen (≥ 50% PSA-Reduktion), prozentual nach 6 Monaten Gruppenunterschied n.s.; insgesamt n.s.

Tumoransprechen RECIST-Kriterien: n.s.

PFS: n.s.

Überlebenszeit ohne Skelettereignisse: Gruppenunterschiede n.s.; Subgruppenanalyse (Patienten mit/ohne Zoledronsäure), keine p-Werte gegeben

OS kontrolliert für Baseline Hämoglobin und ECOG-Status: Verbesserung für IG (vs. PG) mit sign. HR, p = 0.04; Sensitivitätsanalyse mit unkontrolliertem HR zeigt Vorteil für IG; p = 0.07

Hackshaw-McGeagh et al. (2015)

SR

Karzinomentwicklung (Gleason Wert, PSA): Beer 2004: nach OP p=kA; Gee (2013): Vgl. Unterschiede zur Baseline zw. Armen n.s. zu Tag 15, sign. geringer in IG vs. KG zu Tag 21 (p=0.024), n.s zu Studienende

Klinische Messungen zur Entwicklung des Karzinoms: in eingeschlossenen Studien nicht untersucht

Inglis et al. (2020)

Phasenwinkel und fettfreie Masse: nach 12 und 24 Wochen sign. breitere Phasenwinkelwerte in IG als in PG, p = 0.014; p = 0.018; Lean Mass nach 12 Wochen sign. geringer in IG als in PG: p=0.036; nach 24 Wochen n.s.

Veränderungen der physischen Funktionen mit Griffstärke, 6 Minuten Gehen, Beinstreckung, SPPB: Zu Studienbeginn Trend zu geringerem Gleichgewicht im Stehen in IG (p = 0.057), weitere Zeitpunkte Unterschiede n.s.

Keshavarzi et al. (2019)

 

Vaginalatrophie: VMI mit Kontrolle für Zeit des Tamoxifens über 8 Wochen sign. Anstieg in IG Vit. D und IG Vit. E (p‘s<0.001), jedoch nicht für PG, sign. Unterschied zwischen den Armen (p<0.001, keine Einzelvergleiche gegeben); pH-Wert: zur Baseline sign. Gruppenunterschied (p=0.008, keine Einzelvergleiche, augenscheinlich IG Vit. D und IG Vit. E > PG); über 8 Wochen Reduktion in IG Vit. D und IG Vit. E, Anstieg in PG (p<0.001), sign. Gruppenunterschied zu Woche 4 und 8 (p=0.011, p<0.001, keine Einzelvergleiche); Atrophie Fragebogen: sign. Reduktion in IG Vit. D und IG Vit. E (p’s<0.001), nicht für CPG; sign. Gruppenunterschied zu Woche 2, 4 und 8 (p=0.017, p<0.001, p<0.001, keine Einzelvergleiche)

Nasser et al. (2017)

RTX assoziierte Dermatitis (RTOG) über 7 Wochen: keine stat. Vergleiche

Scher et al. (2011)

OS: Median (Monaten) sign. Vorteil für Prednison (vs. Vit. D), p = 0.002; Multivariate Analyse kontrolliert für relevante Parameter, HR=1.33; p = 0.019

Häufigkeit thromboembolischer Ereignisse: n.s.

Walsh et al. (2010)

Zeit bis zum Wiederauftreten des Karzinoms: sign. Vorteil für IG (vs. KG), p = 0.048

Spezifische Abk.: IG: Interventionsgruppe (Vitamin D Gabe), PG: Placebogruppe, KG: Kontrollgruppe (keine zusätzliche Intervention), IG 1 und IG 2: Gruppe hochdosiertes Vit. D und Gruppe Standarddosis Vit. D

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin D wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.13 Vitamin E

7.31 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 3 RCTs (4 Publikationen) zur Wirksamkeit von Vitamin E auf das Gesamt- bzw. progressionsfreie Überleben bei onkologischen Patienten vor. Vitamin E soll nicht bei onkologischen Patienten zur Beeinflussung des Gesamt- bzw. progressionsfreiem Überleben empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens
Literatur
[439] [440] [441] [442] [443]
Evidenztabellen (5)Bairati et. al. (2005a); Bairati et. al. (2005b); Bairati et. al. (2006); Ferreira et. al. (2004); Mazdak et. al. (2012)
7.32 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 9 RCTs (10 Publikationen) zur Vorbeugung und Therapie von Vitamin E auf die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie bei onkologischen Patienten vor. Vitamin E soll nicht bei diesen Patienten zur Vorbeugung und Therapie von Chemotherapie-induzierter Polyneuropathie empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[331] [444] [445] [446] [447] [448] [449] [450] [451]
Evidenztabellen (8)Afonseca et. al. (2013); Argyriou et. al. (2006a); Argyriou et. al. (2006b); Kottschade et. al. (2011); Pace et. al. (2003); Pace et. al. (2010); Salehi et. al. (2015); Shamsaei et. al. (2017)
7.33 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von Vitamin E auf Hitzewallungen bei Brustkrebspatientinnen vor. Vitamin E soll nicht zur Verbesserung von Hitzewallungen bei diesen Patienten empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens
Literatur
[452]
Evidenztabellen (1)Barton et. al. (1998)
7.34 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von Vitamin E auf eine cisplatininduzierte Ototoxizität bei onkologischen Patienten vor. Vitamin E soll nicht zur Vorbeugung cisplatininduzierter Ototoxizität bei diesen Patienten empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[453]
Evidenztabellen (1)Villani et. al. (2016)
7.35 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 2 RCTs zur Wirksamkeit von Vitamin E auf chemotherapieinduzierte Mukositis bei onkologischen Patienten vor. Vitamin E sollte nicht zur Prävention und Therapie von Mukositis bei diesen Patienten empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[454] [455]
Evidenztabellen (2)Azizi et. al. (2015); Ghoreishi et. al. (2007)
7.36 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 3 RCTs zur Wirksamkeit von Vitamin E auf therapieinduzierte Mukositis bei Kopf-Halstumorpatienten unter Strahlentherapie vor. Vitamin E soll nicht zur Prävention und Therapie von Mukositis bei Kopf-Halstumorpatienten empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[442] [454] [455]
Evidenztabellen (3)Azizi et. al. (2015); Ferreira et. al. (2004); Ghoreishi et. al. (2007)
7.37 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 3 RCTs zur Wirksamkeit von Vitamin E auf die Chemotherapie Toxizität bei onkologischen Patienten vor. Vitamin E soll nicht zur Verbesserung der „Chemotherapie-induzierten Toxizität“ bei diesen Patienten empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[444] [439] [442]
Evidenztabellen (3)Afonseca et. al. (2013); Bairati et. al. (2005a); Ferreira et. al. (2004)

Vitamin E gibt es in unterschiedlichen Formen, die unter dem Fachbegriff Tocopherole zusammengefasst werden. Sie sind fettlöslich und stecken besonders in Pflanzenölen, Weizenkeimen, Eiern und Nüssen. Die wichtigste Wirkung von Vitamin E im Körper ist eine antioxidative Eigenschaft und der Schutz der Körperzellen vor freien Radikalen.

Insgesamt wurden in die Leitlinie 21 randomisiert kontrollierte Studien eingeschlossen [444][445][446][455][439][440][441][452][456][457][442][454][443][331][449][448][450][451][458][453]. Von diesen 21 Studien nutzten 14 eine Kontrollgruppe mit Placebo, 6 eine Kontrollgruppe ohne Placebo und in einer Studie wurde keine Kontrollgruppe eingeschlossen [331].

Vitamin E und Gesamt- bzw. progressionsfreies Überleben (zu Empfehlung 7.31)

Gesamt- bzw. progressionsfreies Überleben wurde in drei Studien untersucht. In der ersten Studie mit Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, die sich aus drei Publikationen zusammensetzte, wurde ursprünglich eine Kombination aus Betacarotin und Vitamin E zusätzlich zur Radiotherapie untersucht [439][440][441]. Die Betacarotin-Intervention wurde jedoch wegen Hinweisen auf eine schädliche Wirkung abgebrochen und nur noch Vitamin E (dl-α-Tocopherol) (400 IU/Tag; Dauer: Tag 1 Radiotherapie bis drei Jahre nach der Radiotherapie) im Vergleich zu Placebo verabreicht. Die folgenden dargestellten Ergebnisse beziehen sich nur auf die 384 Patienten, die Vitamin E allein bzw. Placebo erhalten haben. Innerhalb der ersten 3,5 Jahre nach der Randomisierung wurde im Vitamin E- im Vergleich zum Placebo-Arm eine höhere Inzidenz von Zweittumoren festgestellt, was in dieser Studie primär untersucht wurde (Vitamin E: 38/194, Placebo: 14/190; HR = 2.88 (95% KI 1.56, 5.31)). Zusätzlich dazu gab es in diesem Zeitraum im Vitamin E -Arm insgesamt mehr Ereignisse wie Rezidive oder Zweittumore (Vitamin E: 73/194, Placebo: 42/190; HR = 1.86 (95% KI 1.27, 2.72)) und über die gesamte Studiendauer hinweg wurden im Vitamin E -Arm mehr Todesfälle berichtet (Vitamin E: 65/194, Placebo: 47/190; HR = 1.43 (95% KI 0.98, 2.07). Erst 3,5 Jahren nach der Randomisierung war die Inzidenzrate von Zweittumoren und andere Ereignisse im Vitamin E Arm geringer (nur Zweittumore: Vitamin E: 6/105, Placebo: 17/129; HR = 0.41 (95% KI 0.16, 1.03), Ereignisse allgemein: Vitamin E: 10/89, Placebo: 18/119; HR = 0.71 (95% KI 0.33, 1.53)). In einer zweiten Studie ebenfalls mit Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren (N = 54) fanden die Autoren keinen signifikanten Gesamtüberlebensunterschied zwischen dem Interventionsarm (400mg Vitamin E [Ephynal, Produtos Roche Quimicos e Farmaceuticos, Sao Paulo, SP, Brazil]; 2xtäglich; Dauer: gesamte Radiotherapie) und dem Placebo-Arm (Median in Monaten: Vitamin E: 8.5 (Range: 2–24); Placebo:12.5 (Range: 2–23); p = 0.126) [442]. In der Studie von Mazdak und Zia (2012) mit 46 Blasenkarzinompatienten nach der Tumoroperation wurden im Vitamin E-Arm (Dosis: 400 IU/Tag) signifikant weniger Rezidive als im Kontrollarm gefunden (Vitamin E [E‑Zavit Kapseln, Iran]: 19%, Nichts: 36%; RR = 0.53 (95% KI 0.19 – 0.92); OR = 0.42 (95% KI 0.19 – 0.92), p = 0.04; davon im ersten Jahr: A: 66.7%, B: 75%) [443]. Die Dauer bis zum Rezidiv war jedoch vergleichbar zwischen den Armen (Mittelwert in Monaten: Vitamin E: 9 (SD = 8.1), Nichts: 8.33 (SD = 6.1), p = 0.9), auch wenn man den Raucherstatus kontrollierte.

Zusammenfassend kann aufgrund der Studienlage nicht von einer positiven Wirkung ausgegangen werden. Die Studien von Bairati et al. (2005a, 2005b, 2006) zeigt zunächst sogar einen zeitlichen begrenzten Nachteil der Einnahme von Vitamin E, bevor eine positive Wirkung auftritt [439][440][441]. Insgesamt traten zudem mehr Todesfälle im Interventionsarm auf. Weitere Studien zeigen keinen oder einen positiven Effekt, welcher aber nicht das zeitliche Auftreten verzögert [442][443].

Vitamin E und periphere Polyneuropathie (zu Empfehlung 7.32)

Die meisten eingeschlossenen Studien untersuchten primär die Wirksamkeit von Vitamin E, die Toxizität der schulmedizinischen Behandlung vorzubeugen oder zu verringern. In insgesamt neun Studien wurde Chemotherapie induzierte Polyneuropathie (CPIN) betrachtet [444][445][446][331][449][448][450][451][447]. Signifikante Unterschiede zwischen Vitamin E- und Kontrollarm wurde in fünf Studien davon gefunden. In beiden Studien von Argyriou et al. (2006a, 2006b), die verschiedene Krebspatienten in die Stichprobe einschlossen, bekam der Interventionsarm während und dann bis drei Monate nach der Chemotherapie (je Studie unterschiedlich basiertes Regime: Argyriou et al., 2006a [445]: Paclitaxel; Argyriou et al., 2006b [446]: Cisplatin) zweimal täglich 300mg Vitamin E (dl-α-Tocopherol; Eviol soft gelatin capsules, G.A. Pharmaceuticals, Athen, Griechenland) und der Kontrollarm stattdessen nichts). Unabhängig vom untersuchten Chemotherapie-Regime tauchten in der Intention-to-Treat-Population jeweils im Vitamin E Arm signifikant weniger Fälle von Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie (CIPN, ermittelt über einen CIPN-Score basierend auf elektrophysiolog. Werten und selbstberichteten Symptomen) auf als im Kontrollarm (Argyriou et al., 2006a [445]: N = 37; 5/18 (27.8%); Nichts: 13/19 (68.4%), p = 0.032; Argyriou et al., 2006b [446]: N = 35; Vitamin E: 5/16 (31.25%); Nichts: 13/19 (68.4%), p = 0.03). Auch bei Pace et al. (2003, 2010), die Cisplatin betrachteten, wurde im Vitamin E (α-Tocopherol, Rigentex, Bracco, Milan, Italien) Arm jeweils weniger CIPN (Score auf Basis neuropathischer Anzeichen/Symptome und elektrophysiolog. Veränderungen (TSN)) als im Kontrollarm berichtet (jeweils Mittelwert: Pace et al., 2003 [448]: N = 27; 300mg/Tag Vitamin E: 2.1 (SD = 2.1); Nichts: 4.7 (SD = 2.9), p < 0.01); Pace et al., 2010 [449]: N = 41; 400mg Vitamin E/Tag: 1.4 (SD = 1.5); Placebo: 4.1 (SD = 4.5), p < 0.01); Anzahl TNS Grad > 3: Vitamin E: 1/17 (5.9%); Placebo: 10/24 (41.7%), p < 0.01, RR = 0.14 (95% KI 0.02; 1.00), p < 0.05). In der letzten signifikanten Studie von Mondal et al. (2014) hatten Patienten, die zusätzlich zur Chemotherapie (Paclitaxel) Vitamin E (nicht näher bestimmt) einnahmen zwar einen vergleichbaren CIPN-Symptomverlauf mit Patienten, die Vitamin B12 bekamen, aber einen signifikant besseren Verlauf im Vergleich zu Patienten, die Acetyl-L-Carnitin (ALC) oder Glutamin erhielten (400 mg Vitamin E/Tag vs. 500 μg Vitamin B12/3xTag: Sensorik: p = 0.446; Motorik: p = 0.227; Schmerzen: nicht signifikant, p nicht berichtet; Vitamin E vs. 250 mg ALC/Tag (je 7 Tage pro Chemotherapie-Zyklus) bzw. Vitamin E vs. 10 mg Glutamin/3xTag, je Tag 2-5 pro Zyklus: Sensorik/Motorik/Schmerzen: jeweils p < 0.01) [331].

Im Gegensatz dazu unterschieden sich in den übrigen Studien Interventions- und Kontrollarm kaum oder gar nicht. Die vorliegende Studienlage gibt Hinweis auf einen positiven Effekt von Vitamin E auf periphere Polyneuropathie. In 4 Studien wurden signifikante Unterschiede zugunsten des Vitamin E-Arms gefunden im Vergleich zum Kontrollarm gefunden [445][446][449][448]. Allerdings liefern diese Studien unzureichende Informationen über die Stichprobe und letztere Studie hat einen sehr hohen Drop-Out zu verzeichnen (beide Studien von Pace et al. >40%). Weitere 4 Studien [444][447][450][451]finden hingegen keinen Unterschied zwischen dem Interventions- und dem Kontrollarm und eine Studie [331] findet bessere Werte für Neuropathie im Interventionsarm im Vergleich zur Einnahme von Acetyl-L-Carnitin und Glutamin, aber keinen Unterschied zur Einnahme von Vitamin B12. In dieser Studie wurde kein Kontrollarm ohne Einnahme eines Präparates eingeschlossen, so dass keine Aussage zur einzelnen Wirkung gemacht werden kann. Die hohe Heterogenität, auch in den Rahmenbedingungen und den daraus resultierenden Ergebnissen sollte bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.

Vitamin E und Hitzewallungen in der Mammakarzinombehandlung (zu Empfehlung 7.33)

In der Studie von Barton et al. (1998) wurden zwei Gruppen von Brustkrebspatientinnen untersucht, von denen die eine Hälfte zuerst vier Wochen lang täglich Vitamin E (Succinate) erhielt und anschließend vier Wochen lang ein Placebo und die andere Hälfte genau anders herum erst ein Placebo und dann Vitamin E erhielt [452]. Sowohl innerhalb der ersten vier Wochen, als auch innerhalb der zweiten vier Wochen zeigten sich keine bedeutsamen Gruppenunterschiede zwischen den beiden Studienarmen (1. Phase: Häufigkeit pro Tag: A: 25%, B: 22%, p = 0.90; Schwere: A: 28%, B: 20%, p = 0.68 vs. 2. Phase Cross-Over: Häufigkeit pro Tag: A: 0.04%, B: 17%, p = 0.32; Schwere: A: 0.03%, B: 25%, p = 0.24). Betrachtet man die Unterschiede zwischen Placebo und Vitamin E innerhalb jeweils einer Patientin, zeigte sich im Durchschnitt ein bedeutsamer Unterschied zwischen Vitamin E und Placebo. Laut den Ergebnissen dieser Studie war die Abnahme der Hitzewallungen um eine Hitzewallung pro Tag stärker im Vitamin E-Arm im Vergleich zum Placebo-Arm. Dieser Unterschied war jedoch laut der Autoren klinisch marginal. Bei der Frage nach der Präferenz bevorzugte nur ein Drittel der Patientinnen Vitamin E (Vitamin E: 32%, Placebo: 29%, keine Präferenz: 38%). Positiv an dieser Studie war die große Stichprobe mit doppelter Verblindung. Negativ war jedoch die relativ hohe Ausfallrate. Zudem können weitere Risiken für Verzerrungen durch die schlechte Berichtsqualität nicht ausgeschlossen werden.

Aufgrund einer Studie kann keine abschließende Aussage zur Wirkung von Vitamin E auf Hitzewallungen getroffen werden.

Vitamin E und Ototoxizität (zu Empfehlung 7.34)

In der Studie von Villani et al. (2016) wurden zwei Gruppen von Krebspatienten untersucht, die alle Chemotherapie erhielten [453]. Ein Arm nahm zusätzlich zur Chemotherapie täglich 400mg Vitamin E (Rigentex–Bracco, Milan, Italien) ein und der Kontrollarm stattdessen Placebos. Untersucht wurde die Wirksamkeit von Vitamin E, die Nebenwirkung der Chemotherapie auf das Innenohr, insbesondere die Sinneszellen des Hör- und Gleichgewichtsorganes, oder den zugehörigen Hirnnerven abzumildern. Sowohl im 2000 Hz, als auch im 8000 Hz-Bereich wurde die Hörfähigkeit der Patienten im Kontrollarm bedeutsam schlechter (2000 Hz: Rechtes Ohr: A: p = ns; B: p = 0.05; Linkes Ohr: A: p = ns, B: p = 0.04; 8000 Hz: Rechtes Ohr: A: p = ns; B: p = 0.04; Linkes Ohr: A: p = ns, B: p = 0.03; kA von Werten, nur ungenaue Grafik, keine Gruppenunterschiede getestet), während sich im Vitamin E-Arm keine Unterschiede zeigten. Ansonsten fanden sich keine bedeutsamen Unterschiede. An diese Studie gibt es zahlreiche Kritikpunkte. Vor allem die hohe Ausfallrate im Laufe der Studie von über 70% der Patienten in jedem Arm macht eine starke Verzerrung der Ergebnisse sehr wahrscheinlich. Aufgrund weniger demographischer Variablen und der geringen Stichprobengröße kann nicht zweifellos von einer Vergleichbarkeit der Gruppen durch die Randomisierung ausgegangen werden.

Aufgrund der qualitativen Mängel der Studie und dem fehlenden Gruppenvergleich kann aufbauend auf dieser Studie keine Aussage zur Wirksamkeit von Vitamin E auf die Hörfähigkeit getroffen werden.

Vitamin E und RTX induzierte Fibrose

Da in der folgenden Studie keine reine Vitamin E Gabe stattfand, kann keine Empfehlung formuliert werden und die Studie wird nur im Hintergrundtext erwähnt.

Die Studie von Delanian et al. (2003) untersuchte die Wirksamkeit von unter anderem Vitamin E (nicht näher bestimmt), eine strahleninduzierte Fibrose bei Brustkrebspatientinnen zu lindern [456]. Über einen Zeitraum von sechs Monaten wurden vier verschiedenen Studienarme untersucht, von denen ein Arm zusätzlich zur Radiotherapie eine Kombination aus Vitamin E und Pentoxifyllin, ein Arm Pentoxifyllin und ein Placebo, ein Arm nur Vitamin E und ein Placebo und der Kontrollarm stattdessen zwei Placebos erhielt. Da, sowohl bezüglich der Oberflächenreduktion, als auch der Volumenreduktion der Fibrose der Vitamin E/Placebo-Arm vergleichbare Werte wie der Kontrollarm (Reduktion in % [SD] nach 6 Monaten Oberfläche: Vitamin E: 40,0 [32,0] vs. Placebo: 42,6 [17,4]; Volumen: Vitamin E: 52,8 [29,4] vs. Placebo: 50,8 [23,9]) und ungünstigere Werte wie die Kombination aus Vitamin E und Pentoxifyllin zeigte (Reduktion in % [SD] nach 6 Monaten Oberfläche: 60,2 [10,7]; Volumen: 73,0 [7,2]), kann nicht von einem alleinigen Effekt von Vitamin E auf die Radiotherapie assoziierte Fibrose ausgegangen werden. Positiv an dieser Studie waren die doppelte Verblindung und der geringe Dropout. Negativ war die kleine Stichprobe (vor allem gewählten statistischen Methoden). Zusätzlich dazu können weitere Verzerrungen wegen der schlechten Berichtsqualität nicht ausgeschlossen werden (z.B. keine Angaben zu paarweisen Gruppenvergleichen). 

Anmerkung: Es gibt Hinweise darauf, dass eine erhöhte Gabe von Vitamin E während der Krebsbehandlung die Wirkung der Chemo- oder Radiotherapie entgegenwirken könnte.

Vitamin E und Mukositis (zu Empfehlung 7.35 & 7.36)

Insgesamt 3 Studien erfassten den Einfluss von Vitamin E auf die Entwicklung von Mukositis, davon fanden 2 Studien einen signifikanten Effekt zugunsten der Intervention mit Vitamin E. Die Studie von Ferreira et al. (2004) untersuchte bei 54 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren die aufgetretene Anzahl und Dauer von Mukositis [442]. Die Probanden erhielten entweder 2x täglich 400mg Vitamin E [Ephynal, Produtos Roche Quimicos e Farmaceuticos, Sao Paulo, SP, Brazil] ab dem Beginn der Chemotherapie (A) oder ein Placebo (B). Es zeigten sich signifikante Unterschiede bzgl. Anzahl an Mukositis-Ereignissen (A: 36 (21.6%), B: 54 (33.5%); Relative Risk [RR] = 0.643, 95% KI = 0.42–0.98, p = 0.038) und Anzahl an Patienten mit Schmerzen/Esseinschränkungen (A: 3 (10.7%); B:14 (53.8%); p = 0.0001). Hingegen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich Dauer der Mukositis (Median in Wochen: A: 1 (Range: 0-5), B: 2 (Range: 0-5), p = 0.102) und bezüglich des Gewichtsverlusts (in kg: (Mittelwert Baseline - Mittelwert während RTx): A: 4.9, B: 5.5, p = 0.249). Positiv anzumerken ist die doppelte Verblindung und die durchgeführte Intention-To-Treat-Analyse. Die Studie liefert allerdings auch keine Angaben zum Drop-Out und eine insgesamt schlechte Berichtsqualität. In der Studie von Azizi et al. (2015) schloss insgesamt 76 Probanden randomisiert in 3 Gruppen ein (A: CTx + Vitamin E-Paste, 1g, 2xtäglich; Dauer Tag -2 CTx bis 20 Tage nach Ende des CTx Zyklus, 4 CTx Zyklen vs. B: CTx + Vitamin E-Tablette, oral, 200mg, Rest: s.o. vs. C: CTx + Placebopaste [Präparat nicht näher bestimmt]) [455]. Hierbei zeigten sich nach dem 3. und 4. Zyklus signifikante Unterschiede bezüglich der Anzahl der Patienten mit Grad 3-4 Mukositis (Nach 3. Zyklus: A: 21.7%, B: 33.3%, C: 31.8%, p = 0.01; Nach 4. Zyklus: A: 26.3%, B: 43.7%, C: 42.8%, p = 0.01) zugunsten des Vitamin E-Paste-Arms. Zusätzlich wurden ab diesem Zeitpunkt auch Unterschiede bezüglich der Stärke der selbsteingeschätzten Schmerzen gefunden (jeweils Mittelwert: nach 3. Zyklus: A: 2.43, B: 3.8, C: 4.4, p = 0.05; nach 4. Zyklus: A: 2.9, B: 4.33, C: 4.86, p = 0.001), ebenfalls zugunsten des Vitamin E-Paste-Arms. Es fand ein hoher Drop-Out statt und die Berichtsqualität ist als schlecht anzusehen. Eine mögliche Verzerrung der Ergebnisse durch diese und weitere Mängel ist nicht auszuschließen. In der Studie von Ghoreishi et al. (2007), in der Leukämiepatienten vor und nach einer Knochenmarktransplantation untersucht wurden, fanden sich keine Gruppenunterschiede (n = 60; A: CTx + OP + Vitamin E [nicht näher bestimmt], 400mg 2xtäglich; Dauer: Tag -7 OP bis Tag 28 OP vs. B: CTx + OP + Placebo) bezüglich des Mukositis-Grad [454]. Die statistische Vorgehensweise ist in dieser Studie nicht ganz sauber.

Die Studienlage gibt Hinweis auf einen positiven Einfluss von Vitamin E auf die Häufigkeit von Mukositis und damit verbundenen Schmerzen bzw. Essstörungen. Insbesondere gibt die Studie von Azizi et al. (2015) Hinweis auf eine besser Wirkungsweise von Vitamin E bei topischer Anwendung im Vergleich zur oralen [455]. Aufgrund der teilweise gravierenden methodischen Mängel können die Ergebnisse nicht vollends ohne Einschränkungen interpretiert werden. 

Vitamin E und Neutropenie

Da die Durchführung der Behandlung in der folgenden Studie nicht mehr den aktuellen Standards der Medizin entspricht, wird auf Grundlage der Studie keine Empfehlung zum Endpunkt Neutropenie formuliert.

In der Studie von Ghoreishi et al. (2007) wurden verschiedenen Leukämiepatienten vor der Knochenmarktransplantation in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt [454]. Eine Gruppe begann sieben Tage vor der Operation bis 28 Tage danach zusätzlich zur Chemotherapie noch Vitamin E (nicht näher bestimmt) einzunehmen, während die andere stattdessen nur ein Placebo erhielt. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht hinsichtlich der durchschnittlichen Dauer von Neutropenie (p = 1). Kritikpunkte an dieser Studie sind, dass nicht berechnet wurde, ob die Stichprobengröße ausreichend ist, um statistisch aufzudecken, dass Gruppenunterschiede zum Beginn der Studie nicht ausgeschlossen sind und allgemein die schlechte Berichtsqualität. So gab es z.B. keine Angaben zur Ausfallrate in den beiden Gruppen und es gibt z.B. jeweils keine Angaben zur Inzidenz der untersuchten Variable, sondern es wird nur die Dauer untersucht und berichtet.

Obwohl aufgrund einer Studie keine eindeutige Aussage über Wirkung getroffen werden kann, gibt die vorliegende Studie keinen Hinweis auf eine positive Wirkung von Vitamin E auf die Dauer von Neutropenie.

Vitamin E und Speichelfluss beim Schilddrüsenkarzinom

Aufgrund der fehlenden Aussagekraft der folgenden Studien wurden aufbauend keine Empfehlungen formuliert, sondern die Ergebnisse der Vollständigkeitshalber nur im Hintergrundtext berichtet.

Die zwei eingeschlossenen Studien fanden beide einen signifikanten Effekt von Vitamin E auf den Speichelfluss bei Schilddrüsenkarzinom-Patienten [457][458]. Erstere Studie schloss 36 Probanden ein, diese wurden in zwei Gruppen randomisiert (A: Radiojodtherapie (RJT) + Vitamin E [nicht näher bestimmt] oral, 800 IU/Tag; Dauer: ab Woche -1 RJT 5 Wochen lang vs. RJT + Placebo) und fand einen signifikanten Unterschied bezüglich Radiojoduptake (FUR) bei der linken Glandula parotis (Mittelwert T0-T1 (SD): FUR: A: 0.39 (95% KI 0.97; –2.88, 0.97); B: 0.09 (95% KI 0.47; –0.84, 1.06), p = 0.04) und Exkretionsfraktion (EF) bei der rechten Glandula parotis (Mittelwert T0-T1 (SD): EF: A: 0.43 (95% KI 9.48; –15.16, 23.57); B: 11.15 (95% KI 22.49; –13.7, 60.9), p = 0.04). Zudem fanden die Autoren einen signifikanten Unterschied bezüglich der Anzahl der Speicheldrüsen mit mehr als 15% Abnahme hinsichtlich der Exkretionsfraktion (A: 3/38 (7.9%), B: 9/34 (26.5%), p = 0.035). Upadhyaya et al. (2017) fanden bei ihren 82 Probanden (A: RJT + 100 mg Vitamin E [nicht näher bestimmt], oral; Dauer: Woche -1 RJT bis Woche + 4 RJT vs. B: RJT + 200 mg Vitamin E; Rest: s.o. vs. C: RJT + 300 mg Vitamin E; Rest: s.o. vs. D: RJT) signifikante Unterschiede bezüglich Uptakefraktion der linken Glandula submandibularis submandibularis (p < 0.05), des Uptakeindex der rechten Parotis (p < 0.05) und beider Glandula submandibularis (p < 0.01) und der Exkretions-Ratio der linken Parotis (p < 0.05) zw. A vs. B vs. C vs. D. In beiden Studien werden die Drop-Outs nicht ausreichend berichtet, es wurde keine Kontrolle für multiples Testen durchgeführt und letztere Studie zeichnet sich insbesondere durch fehlende Intergruppenvergleiche und schlechte Berichtsqualität aus [458].

Beide Studien geben Hinweis auf eine positive Wirkung von Vitamin E auf die Speichelproduktion/-fluss bei Patienten. Die Studie von Fallahi et al. (2013) bietet hierbei ein doppelt verblindetes Design und grundsätzlich vertrauenswürdige Ergebnisse [457]. Die Studie von Upadhyaya et al. (2017) weist hingegen methodische Mängel auf aufgrund der insgesamt geringen Anzahl von Studien, kann nicht eindeutig von einer positiven Wirkung gesprochen werden [458].

Vitamin E und Allgemeine Chemotherapietoxizität (erhoben als Endpunkt) (zu Empfehlung 7.37)

In der Studie von Afonseca et al. (2013) wurde bei Darm- und Magenkrebspatienten die Wirksamkeit von Vitamin E (nicht näher bestimmt) hinsichtlich der Prävention von peripherer Neuropathie (eine häufige mit Chemotherapie assoziierte Nebenwirkung) während der Chemotherapie und bezüglich der Linderung der allgemeinen Chemotherapie assoziierter Nebenwirkungen untersucht [444]. Hinsichtlich allgemeiner Nebenwirkungen fanden sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen der Gruppe, die Vitamin E erhielt, und der Placebo-Gruppe. Die Autoren geben aber einen Trend in Richtung vermehrter Diarrhöe im Vitamin E-Arm an (p = 0.06). Man kann jedoch kritisieren, dass nur eine sehr kleine Stichprobe untersucht wurde (34) und dass durch die schlechte Berichtsqualität wichtige Informationen fehlen (z.B. konnten man teilweise die Ergebnisse nur aus einer Grafik ablesen). Auch bei Ferreira et al. (2004) [n = 54, Kopf-Hals-Tumor] fanden sich keine Unterschiede bezüglich der Anzahl von Komplikationen zwischen der Gruppe, welche während der RTX 2x täglich 400mg Vitamin E erhielt und der Gruppe, welche ein Placebo enthielt (p = 0.216; Keine: A: 10 (35.7%), B: 9 (34.6%); leichte Übelkeit: 12 (42.8%), B: 10 (38.5%); Erbrechen: A: 4 (14.3%), B: 5 (19.2%); Fieber: A: 4 (14.3%), B: 1 (3.8%); Candidiasis: A:  2 (7.1%), B: 4 (15.4%); Blutungen: A: 2 (7.1%), B: 9 (34.6%)) [442]. Zu diesem Ergebnis kamen auch Bairati et al. (2005) (während RTX: OR = 0.92 (95% KI 0.62, 1.38); nach RTX: OR = 1.06 (95% KI 0.70, 1.60); 1 Monat nach RTX: OR = 1.17 (95% KI 0.78, 1.74) [440]. Die Autoren untersuchten 384 Patienten, von denen die eine Hälfte Vitamin E und die andere Hälfte ein Placebo während der Chemotherapie erhielt (bis zu 3 Jahre; für weitere Vergleiche zu dieser Studie sei auf 7.14 Vitaminkombinationen verwiesen).

Nebenwirkungen von Vitamin E

Die meisten Studien berichten, dass sie keine Nebenwirkungen von Vitamin E finden (keine signifikanten Unterschiede bzgl. Kopfschmerzen, Übelkeit, Fatigue und sonstige Symptome zwischen Vitamin E und Placebo; jeweils p>0.05 [445][446][452]; Unwohlsein (u.a. Hitzewallungen, Übelkeit, Asthenie, Kopfschmerzen, Schwindel): 45% aller Pat. (Anzahl mit NW je Arm: A: 2/5; B: 4/5, C: 0/6, D: 4/6), keine Gruppenunterschiede, p = kA [456][447][449][448]). Bairati et al (2005a, 2005b und 2006) geben an, dass im Interventionsarm mit Vitamin E bei 6% und im Placeboarm bei 8% der Probanden Nebenwirkungen auftraten [439][440][441]. Es wird kein statistischer Vergleich zwischen den Häufigkeiten durchgeführt und bei der Angabe der Nebenwirkungen ist unklar, welche auf Vitamin E und welche noch auf die vorherige Gabe von Beta-Carotin zurückführbar sind. Die Studie(n) zeigen zudem eine höhere Rezidivrate und mehr Todesfälle im Arm mit Vitamin E (siehe Vitamin E und Gesamt- bzw. progressionsfreies Überleben). Weitere Studien geben keine Angaben zu Nebenwirkungen [444][455][457][442][454][443][331][450][451][458][453].

In die Auflistung der Nebenwirkungen werden auch Studien ohne kontrolliert-randomisiertes Design einbezogen. Im systematischen Review von Cheema et al. (2007) beschreiben die Autoren, dass sie bei der systematischen Suche nach Studien, welche Vitamin E einsetzten die Nebenwirkungen Diarrhöe und Abdominale Schmerzen fanden [459]. Es werden keine Informationen gegeben, aus welcher Studie diese Nebenwirkungen extrahiert wurden. Das Review von Ladas et al. (2004) [460] berichtet im Diskussionsteil von einer Studie, welche fand, dass Vitamin E den Metabolismus von Doxorubin beeinflusst [461]. Sie geben keine genauen Angaben zur Art der Beeinflussung, schreiben aber, es würde nicht die Wirkungsweise senken. Im Review von Schloss et al. (2013) [462] wird angegeben, dass laut Zitation in der Studie von Kottschade et al. (2011) [447] zwei Probanden einen Monat nach Beginn der Studie aufhören, es wird aber kein Grund angegeben. Allerdings sind diese zwei Probanden in der Studie nicht eindeutig identifizierbar, da es grundsätzlich einen sehr hohen Drop-Out in der Gruppe gab. Es ist fraglich, ob wirklich diese Studie gemeint wurde. Im Review von Sweet et al. (2013) wird von einer Fallstudie berichtet, in der eine Brustkrebspatientin nach einer OP extrem starke Nachblutungen hatte, wodurch eine Notfall-OP notwendig wurde und eine Hämatomausräumung [463]. Diese Patientin hatte eine lange Vorgeschichte von KAM-Nutzung mit Vitamin C, B12, und E 800IU täglich über 10 Jahre und Einnahme von Gingko (Gingko Biloba), Ginseng und Huang Qi und mindestens 4-monatiger Einnahme von Chininsulfat und Sertralin Hydrochlorid [464]. In der Einzelstudie von Argyriou et al. (2005) fanden sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich der Nebenwirkungen, welche typisch waren für die Einnahme von Cisplatin und Paclitaxel [465]. Weitere Studien und systematische Reviews geben keine Angaben zu Nebenwirkungen.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitamin E wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.14 Vitaminkombinationen

7.38 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von Vitamin E und Beta-Carotin auf das Auftreten sekundärer Primärtumore und das krankheitsfreie Intervall bei onkologischen Patienten vor. Kombinationen aus Vitamin E und Vitamin A sollen nicht bei diesen Patienten zur Verringerung des Auftretens sekundärer Primärtumore oder der Verlängerung des krankheitsfreien Intervalls empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[440]
Evidenztabellen (1)Bairati et. al. (2005b)
7.39 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von Vitamin E und Beta-Carotin auf die Verträglichkeit der Radiotherapie und die Lebensqualität bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren vor. Kombinationen aus Vitamin E und Vitamin A sollen nicht bei diesen Patienten zur Verbesserung der Verträglichkeit der Radiotherapie oder zur Verbesserung der Lebensqualität empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[439]
7.40 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von Vitamin E und Beta-Carotin auf die Verlängerung der Überlebenszeit bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren vor. Kombinationen aus Vitamin E und Vitamin A sollen nicht bei diesen Patienten zur Erhöhung der Überlebensdauer empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[441]
Evidenztabellen (1)Bairati et. al. (2006)
7.41 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit der Kombination aus Vitamin B1 und Vitamin B6 auf das Auftreten bzw. die Schwere von Neuropathie bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die kombinierte Gabe von Vitamin B1 und Vitamin B6 zur Verzögerung des Auftretens oder zur Reduktion der Schwere von Neuropathie gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[466]
Evidenztabellen (1)Rostock et. al. (2013)
7.42 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer RCT zum chemotherapiebegleitenden Einsatz von Vitamin B12 und Folsäure mit dem Ziel der Verlängerung der Überlebenszeit/ der Verbesserung von Neutropenie und/oder der Verbesserung der Lebensqualität bei Lungenkarzinom- und Mesotheliompatienten (im fortgeschrittenen Stadium) vor. Vitamin B12 und Folsäure sollten nicht chemotherapiebegleitend bei Lungenkarzinom- und Mesotheliompatienten (im fortgeschrittenen Stadium) mit normwertigen Vitamin B12/Folsäure-Spiegeln mit dem Ziel der Verlängerung der Überlebenszeit/ der Verbesserung von Neutropenie und/oder der Verbesserung der Lebensqualität empfohlen werden.

Für Patienten unter Pemetrexed gelten die Empfehlungen zur Gabe von Folsäure und Vitamin B12.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[467]
Evidenztabellen (1)Minchom et. al. (2014)
7.43 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer RCT zur Vorbeugung von strahlentherapieinduzierter Xerostomie/ die Wirkung auf das Gesamtüberleben und das krankheitsfreie Intervall durch die zusätzliche Supplementierung mit der Kombination von Vitamin C und Vitamin E bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren vor. Vitamin C und Vitamin E sollten nicht zusätzlich in Kombination bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren zur Vorbeugung von Xerostomie/ der Verlängerung des Gesamtüberlebens und des krankheitsfreien Intervalls empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[468]
Evidenztabellen (1)Chung et. al. (2016)

Übersicht über die Evidenz:

Insgesamt wurden sechs Studien gefunden, die sich mit der Wirkung verschiedener Vitaminkombinationen auseinandersetzten. Drei von ihnen bezogen sich auf die gleiche Untersuchung  zur Einnahme von Vitamin A und E mit dem Schwerpunkt auf unterschiedlichen Endpunkten [439][440][441]. Eine Studie erhob die Wirkung von Vitamin B1 und B6 [466] und eine weitere von Vitamin B12 und Folsäure [467]. Chung et al. (2016) untersuchten in ihrer Studie den Einfluss von Vitamin C und E [468].

Vitamin E und Vitamin A

Auftreten sekundärer Primärtumore, das krankheitsfreie Intervall (zu Empfehlung 7.38),

Auswirkungen auf die Verträglichkeit der Radiotherapie und die Lebensqualität (zu Empfehlung 7.39) und die allgemeine Überlebensdauer (zu Empfehlung 7.40)

Die von Bairati et al. (2005b) durchgeführte Untersuchung umfasste 540 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren im ersten oder zweiten Tumorstadium [440]. Die Studie wurde multizentrisch in fünf Krankenhäusern in Kanada durchgeführt, die Patienten befanden sich jedoch alle in Behandlung durch Radiotherapie. Durch randomisierte Aufteilung bekam ein Arm zu Beginn der Untersuchung Vitamin E und Betacarotin und der andere Arm entsprechende Placebos. 1996 kam es durch andere Studienergebnisse zu Bedenken bzgl. möglicher, von Betacarotin ausgelöster, Nebenwirkungen, was dazu führte, dass die Gabe dieses Stoffes eingestellt wurde und Patienten im Interventionsarm ab diesem Zeitpunkt nur noch Vitamin E erhielten. Analysen fanden im Anschluss zusammen und getrennt nach Interventionen statt. In drei verschiedenen Veröffentlichungen wurden anhand der Stichprobe, die von 1994 bis längstens 2003 verfolgt wurde, verschiedene Endpunkte betrachtet und analysiert. Es ging um das Auftreten sekundärer Primärtumore, das krankheitsfreie Intervall [440], die Auswirkungen der Vitaminkombination auf die Verträglichkeit der Radiotherapie sowie die Lebensqualität [439] und die allgemeine Überlebensdauer [441]. Die Ergebnisse zeigten, dass durch die Einnahme von Vitamin E und A in den ersten 3.5 Jahren der Studienteilnahme häufiger zweite Primärtumore auftraten (Interventions-Arm: 10/79, Placebo-Arm: 7/77, HR = 1.51 (95% KI 0.58, 3.98)), in den darauffolgenden 3.5 Jahren das Auftreten jedoch verringert wurde (Interventions-Arm: 9/57, Placebo-Arm: 12/64; HR = 0.80 (95% KI 0.34, 1.90)). Die Hinzunahme des Raucherstatus als Variable zeigte keinen bedeutsamen Einfluss. Das gleiche Ergebnismuster fand man das krankheitsfreie Intervall betreffend (bis 3.5 Jahre nach Randomisierung: Interventions-Arm: 28/79, Placebo-Arm: 23/77; HR = 1.27 (95% KI 0.73, 2.21), ab 3.5 Jahre nach Randomisierung: Interventions-Arm: 11/49, Placebo-Arm: 10/51; HR = 1.11 (95% KI 0.47, 2.61)). Die Interventionsgruppe zeigte weniger durch die Radiotherapie ausgelöste Nebenwirkungen (OR (95% KI): T1: 0.38 (0.2, 0.74), sign., T2: 0.33 (0.17, 0.65), sign., T3: 0.98 (0.52, 1.87)), dies war besonders für den Larynx zu beobachten (T1: 0.38 (0.21, 0.71) sign., T2: 0.42 (0.23, 0.77), sign., T3: 0.61 (0.32, 1.17)). Die Lebensqualität verbesserte sich durch die Vitamingabe im Allgemeinen nicht. Schlafstörungen traten im Interventions-Arm zwar seltener auf, jedoch kam es zu häufigeren Klagen über Diarrhö (Mittelwertsunterschied, 95% KI: Schlafstörungen: 4.05 (0.37, 8.48), p = 0.07, Diarrhö: -2.74; (-4.54, -0.93); p = 0.003). Es fiel außerdem auf, dass im Interventions-Arm häufiger Lokalrezidive auftraten (Interventions-Arm vs. Placebo-Arm: HR = 1.56 (95% KI 0. 79, 3.07), was die Frage aufwarf, inwiefern die Kombination aus Vitamin E und A die Wirkung der Radiotherapie verringert hat. Für die allgemeine Überlebensdauer fand man einen signifikanten Unterschied zugunsten des Placebo-Arms (Todesfälle Interventions-Arm: 102, Placebo-Arm: 77, p = 0.033). Es ist anzumerken, dass nur die Studie 2005b eine Berücksichtigung des Raucherstatus der Patienten vornimmt und damit nur kein Einfluss des Raucherstaus auf das Auftreten von zweiten Primärtumoren gezeigt werden konnte. In den anderen Studien ist unklar, inwiefern der Raucherstatus das Überleben, die Verträglichkeit der Radiotherapie und die Lebensqualität negativ beeinflusst oder maßgeblich moderiert.

Vitamin B1 und Vitamin B6

Auftreten bzw. Schwere von Neuropathie (zu Statement 7.41)

In der Studie von Rostock et al. (2013) wurde der Zusammenhang von Vitamin B1 und B6 und dem Auftreten bzw. der Schwere von Neuropathie untersucht [466]. Die 59 teilnehmenden Patienten wurden randomisiert in vier Behandlungsarme aufgeteilt. Sie befanden sich alle in einem Rehabilitationsprogramm nach Chemotherapie, hatten aber unterschiedliche Krebsdiagnosen. Über drei Wochen hinweg bekamen die Patienten, je nach zugeteiltem Arm entweder Elektroakupunktur, hydroelektrische Bäder, die Vitaminkombination aus Vitamin B1 und B6 oder ein Placebo. Für die beiden letzteren Arme war die Studie verblindet, für die beiden ersteren offen. Man fand keine signifikanten Unterschiede zwischen den Untersuchungsgruppen – weder die von den Patienten beurteilte Schwere der peripheren Neuropathie (d = -0.3, KI: -1.4-0.8, p = 0.705) noch den durch einen Neurologen bestimmten Neuropathie-Wert betreffend. Auch die Untersuchung durch elektroneurographische Tests, die Beurteilung der neuropathischen Beschwerden durch einen Neurologen und die Angaben zur Lebensqualität ergaben keine signifikanten Unterschiede und hatten somit über das Placebo hinaus keine Wirkung auf die periphere Neuropathie der Patienten. Hauptkritikpunkt dieser Studie ist die geringe Stichprobengröße und die schon von zu Beginn geringen Beschwerden der Patienten. Dies kann dafür gesorgt haben, dass eine Verbesserung der Symptome kaum möglich war und Unterschiede aus diesem Grund nicht entdeckt werden konnten (Bodeneffekte). Außerdem wurden die Patienten parallel medikamentös und durch Therapien, wie bspw. Psycho- oder Sporttherapie betreut, sodass hier unklar bleibt, welchen Effekt diese auf die Ergebnisse und das Wohlbefinden der Patienten hatten und insgesamt nur schwer auf die tatsächliche Wirkung der Kombination von Vitamin B1 und B6 geschlossen werden kann.

Anmerkung: Bei begrenzter Anwendung der Kombination von Vitamin B1 und Vitamin B6 ist kein Schaden für Patienten zu erwarten.

B12 und Folsäure

Erhöhung der Überlebenschancen/ der allgemeinen Überlebensdauer/ Neutropenie/ Lebensqualität (zu Empfehlung 7.42)

Minchom et al. (2014) widmeten sich der Untersuchung der Wirkung von Vitamin B12 und Folsäure im Zusammenhang mit Neutropenie 3. und 4. Grades und den Überlebenschancen der Patienten innerhalb der ersten 30 Tage der Chemotherapie [467]. Es wurden 77 Patienten in die Analysen eingeschlossen, die an einem Bronchialkarzinom oder Mesotheliom im fortgeschrittenem Stadium erkrankt waren. Über blockrandomisierte Aufteilung erhielten 36 der eingeschlossenen Patienten die Vitaminkombination, wobei die anderen 41 Patienten als Kontrollgruppe dienten und kein Placebo oder Alternativpräparat bekamen. Die Untersuchung fand über die Dauer der Chemotherapie bis 3 Wochen nach deren Abschluss statt. Neben den beiden anfangs beschriebenen Endpunkten wurden außerdem die allgemeine Überlebensdauer, die Lebensqualität und die Toxizität der Vitaminkombination analysiert. Die Ergebnisse zeigten, dass Vitamin B12 und Folsäure keine signifikanten Auswirkungen auf die Endpunkte hatten. Neutropenie 3. und 4. Grades und die Überlebenschancen innerhalb der ersten 30 Tage unterschieden sich nicht signifikant voneinander (Interventions-Arm: 36% (95% KI: 26-48%), Kontroll-Arm: 37% (95% KI: 22-53%), p = 0.966). Auch die Lebensqualität und das allgemeine Überleben betreffend fanden sich keine Unterschiede zwischen den Armen. Kritisch an dieser Untersuchung sind ihr offenes Design und die fehlende Placebo-Kontrolle. Außerdem konnten die Patienten über den Verlauf der Erhebung weitere supportive Maßnahmen in Anspruch nehmen, deren Wirkungen allerdings außer Acht gelassen werden.

Vitamin C und Vitamin E

Xerostomie und Gesamtüberleben und krankheitsfreies Intervall (zu Empfehlung 7.43)

Die Studie von Chung et al. (2016) widmete sich der Untersuchung von Vitamin C und E im Zusammenhang mit Xerostomie, dem Gesamtüberleben der Patienten und ihrem krankheitsfreien Intervall [468]. Für die Analysen wurden 45 Patienten über einen Zeitraum von durchschnittlich drei Monaten beobachtet. Über randomisierte Aufteilung bekamen 25 der Patienten neben der Radiotherapie eine Kombination aus Vitamin C und E verabreicht und die anderen 20 Patienten ein Placebo. Die Patienten waren alle an einem Kopf-Hals-Tumor erkrankt und befanden sich im ersten bis vierten Tumorstadium. Xerostomie wurde über Selbstbericht, Fremdbeurteilung und Speichel-Szintigrafie erhoben. Anhand der eigenen Angaben zeigte sich, dass die Xerostomie sich bei den Patienten der Interventionsgruppe einen Monat nach der Radiotherapie verschlechterte, sich sechs Monate später aber signifikant verbessert hatte (Interventions-Arm: Mittelwert (Standardabweichung): vor RTX (T0): 5.4 (4.3), 1 Monat post-RTX (T1): 8.1 (4.2), 6 Monate post-RTX (T2): 5.4 (4.0), T0-T1: p = 0.02, T1-T2: p = 0.007). In der Placebo-Gruppe zeigte sich ebenfalls eine Verschlechterung der Xerostomie einen Monat nach der Therapie, jedoch unterschieden sich die Ergebnisse sechs Monat nach der Behandlung nicht signifikant von denen nach einem Monat, was deutlich macht, dass die Patienten dieses Armes ihr verschlechtertes Level beibehielten und keine Verbesserung erfuhren. Diese Ergebnisse wurden auch durch die Beobachter bestätigt, die eine zweite Quelle der Beurteilung darstellten (Interventions-Arm: T0: 2.8 (2.3), T1: 5.0 (2.8), T2: 3.7 (3.9), T0-T1: p = 0.004, T1-T2: p = 0.008, Placebo-Arm: T0: 1.7 (1.4), T1: 3.9 (2.4), T2: 3.3 (2.3), T0-T1: p = 0.004, T1-T2: p = 0.47). Ergebnisse der Speichel-Szintigrafie ergaben keine Unterschiede in der maximalen Akkumulation (MA) oder Ejektionsfraktion zu beiden Follow-Up Messungen zwischen den beiden Gruppen (MA: T1: p = 0.86, T2: p = 0.15; EF: T1: p = 0.57, T2: p = 0.68). Arm A zeigte insgesamt bessere Werte vor der Stimulation (p = 0.01), als auch nach der Stimulation (p = 0.009) einen Monat nach der Radiotherapie, verglichen mit Arm B. Kritisch an der Ergebnispräsentation ist, dass sie sich auf die Verläufe der Xerostomie in den einzelnen Gruppen konzentrierten und keinen Vergleich zwischen den Gruppen einschließen. Damit deuten die Ergebnisse höchstens auf einen Effekt hin, jedoch ist der Einsatz von Radikalfängern (Vitamin C und E) während einer Radiotherapie in Gänze in Frage zu stellen und es kann vermutet werden, dass diese den Effekt der Bestrahlung verringert haben und damit eine verringerte Xerostomie erreicht wurde. Bezüglich des Gesamtüberlebens der Patienten und des krankheitsfreien Intervalls fanden sich keine signifikanten Unterschiede. Die Gruppen waren in dieser Studie zu Beginn zwar vergleichbar, jedoch haben über den Verlauf der Untersuchung im Interventions-Arm deutlich mehr Patienten die Studie beendet, als in der Placebo-Gruppe (Interventions-Arm: 23%, Placebo-Arm: 4%). Gründe für diese Tatsache werden nicht näher erläutert. Es sei an dieser Stelle auch noch mal auf die Ergebnisse der Studie von Bairati et al. (2005b) verwiesen, bei der ein möglicher moderierender Effekt vom Raucherstatus der Patienten nicht auszuschließen ist [440].

Nebenwirkungen

Von Nebenwirkungen wurde in zwei Studien berichtet, die diese systematisch erfassten, um Rückschlüsse auf die Verträglichkeit der jeweils untersuchten Vitaminkombinationen ziehen zu können [440][467]. Bairati et al. (2005b) verabreichten 79 Patienten über eine Dauer von 21-609 Tagen einmal täglich 30mg Betacarotin (Vitamin A) und 400 IU α - Tocopherol (Vitamin E) [440]. Von den behandelten Patienten litten 42% an Nebenwirkungen, die zumeist in einer Gelbfärbung der Haut bestanden. Schweregrade dieser Symptome lagen bei Grad (n = 1) und Grad 2 (n = 6). Hingegen klagten in der Placebo-Gruppe, bestehend aus 77 Patienten, nur 16% über Nebenwirkungen.

Minchom et al. (2014) gaben 36 ihrer eingeschlossenen Patienten 400 µg Folsäure täglich, verbunden mit einer intramuskulären Injektion Vitamin B12 von 1mg aller neun Wochen [467]. Diese Prozedur dauerte über die Länge der Chemotherapie der Patienten bis 3 Wochen nach deren Abschluss. Nebenwirkungen, wie Übelkeit und Erbrechen, Infektionen, Durchfall oder Verstopfung traten in beiden Gruppen vergleichbar oft auf und unterschieden sich nicht signifikant voneinander.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Vitaminkombinationen wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.15 Spurenelement Zink

7.44 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer Metaanalyse, basierend auf 5 RCTs vor, dass Zink keinen Einfluss auf die Chemotherapiebedingte Mukositis hat. Zink soll nicht zur Prävention oder Therapie der Chemotherapiebedingten Mukositis empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1a
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[469]
Evidenztabellen (1)Tian et. al. (2018)
7.45 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 7 RCTs vor, von denen fünf einen positiven Einfluss einer Zink-Supplementation auf die Bestrahlungsinduzierte Mukositis zeigen. Die Datenqualität ist mäßig. Eine Zink-Supplementation kann zur Prävention der radiogenen Mukositis erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens
Literatur
[470] [471] [472] [473] [474] [475] [476]
Evidenztabellen (7)Ertekin et. al. (2004); Gorgu et. al. (2013); Lin et. al. (2006); Lin et. al. (2010); Moslemi et. al. (2014); Sangthawan et. al. (2013); Watanabe et. al. (2010)
7.46 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen nicht ausreichende Daten zur Prävention von anderer Toxizitäten durch eine Zinksupplementation vor. Es kann deshalb keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz von Zink im Zusammenhang mit Prävention weiterer Toxizitäten gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[477] [471] [472] [475] [476] [478] [479] [480] [481] [482]
Evidenztabellen (10)Arbabi-kalati et. al. (2012); Gorgu et. al. (2013); Halyard et. al. (2007); Lin et. al. (2006); Lyckholm et. al. (2012); Najafizade et. al. (2013); Ribeiro et. al. (2017); Ripamonti et. al. (1998); Sangthawan et. al. (2013); Watanabe et. al. (2010)

Zink ist ein Spurenelement mit Bedeutung für das Zellwachstum und das Immunsystem. Es kommt in tierischen Produkten, wie Innereien oder in Hartkäse, Kernen, Nüssen, Haferflocken und Linsen vor. Viele Patienten nehmen Zink während der Therapie, um ihr Immunsystem zu stärken. Mehrere Studien haben Hinweise für die immunstärkende Wirkung von Zink gefunden. Eine Studie mit gesunden Probanden zeigte, dass die Einnahme von Zink die Länge der Erkältung verringern kann [483]. Eine Metaanalyse von Wang et al. (2018) zeigte positive Effekte für Pneumonie [484]. In Bezug auf Krebs konnten mehrere in vitro und in vivo Studien positive Effekte auf das Immunsystem durch die Aktivierung von Makrophagen zeigen. Zink moduliert oxidativen Stress und kann möglicherweise zur Prävention von Krebs beitragen [485].

Nach systematischer Recherche der bestehenden Literatur wurden insgesamt eine Metaanalyse und 17 randomisiert kontrollierte Studien (RCTs) zum Thema Zink extrahiert. Die Metaanalyse von Tian et al. (2018) umfasst fünf RCTs und beschäftigte sich mit den Auswirkungen von Zink auf orale Mukositis bei Patienten, die ausschließlich durch Chemotherapie behandelt wurden [469]. In sieben anderen RCTs standen ebenfalls verschiedene Parameter der Mukositis im Zusammenhang mit der Gabe von Zink im Fokus der Untersuchungen, wobei die Patienten in diesen Studien alle durch Radiotherapie behandelt wurden und von Karzinomen im Kopf- und Hals-Bereich betroffen waren [470][471][472][473][474][475][476]. Neben der Mukositis wurde außerdem in zwei Studien der Endpunkt Xerostomie untersucht [477][476], wobei die Studie von Arbabi-kalati et al. (2012) aus der Metaanalyse von Tian et al. (2018) entnommen ist. Fünf weitere RCTs beschäftigten sich mit Veränderungen des Geschmacks bzw. des Geruchs in Verbindung mit Zink [478][479][480][481][476] und drei beschrieben die Überlebensdauer, das krankheitsfreie Intervall,  die Zeitspanne ohne Wiederauftreten lokaler oder entfernter Metastasen und das Zeitintervall, in dem das Wiederauftreten der Erkrankung verhindert werden konnte [486][487][488]. Eine RCT befasste sich mit dem Zusammenhang von Zink und Fatigue sowie dem Zusammenhang von Zink und Lebensqualität [482], dem sich auch Arbabi-kalati et al. (2012) und Halyard et al. (2007) zusätzlich widmeten. In den beiden bisher noch nicht aufgeführten Studien ging es bei Iovino et al. (2018) [489] um die Immunantwort nach Pneumokokken Impfung, die durch Zink unterstützt werden sollte, und in Braga et al. (2015) [490] um die Toxizität von Zink. Mit letzterem Endpunkt setzten sich auch die fünf Studien von Halyard et al. (2007) [478], Lin et al. (2015) [472], Ripamonti et al. (1998) [481] sowie Sangthawan et al. (2013, 2015) [475][488] auseinander. Weitere Endpunkte, die in den hier eingeschlossenen Studien berichtet wurden, waren der Einfluss von Zink auf Schmerzen [477][475][476] und Morbiditäten wie Ösophagistis [471], Dermatitis [491], Pharyngitis [475] und die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme [476]. Auch das Gewicht der Patienten war ein Endpunkt, der in mehreren Studien Beachtung fand [470][478][482][475]. 

Zink und Mukositis (zu Empfehlung 7.44 & 7.45)

Unter Chemotherapie

Die von Tian et al. (2018) durchgeführte Metaanalyse führte eine systematische Suche auf drei Datenbanken durch und umfasste anschließend fünf randomisiert kontrollierte Studien, die gemeinsam 352 Patienten einschlossen (pro Studie: 30-140, Median: 60) und alle doppelt verblindet waren [469]. Die Indikation der Patienten wurde nicht näher beschrieben, jedoch galt es als Voraussetzung, dass sich die Patienten in einer Chemotherapie-Behandlung befanden und in den untersuchten Armen entweder Zinksulfat oder ein identisch aussehendes und schmeckendes Placebo erhielten. Berechnet werden sollten der Effekt der Zinkeinnahme auf das Auftreten, den Beginn und die Schwere oraler Mukositis. Analysen an jeweils drei RCTs ergaben keine signifikanten Unterschiede im Auftreten oraler Mukositis (RR = 0.52, 95% KI = 0.17-1.64, p = 0.27, I2 = 92%) [492][493][494], ebenso wenig wie in ihrer Schwere. Berechnungen anhand zweier RCTs zeigten keine Unterschiede zwischen den Armen bzgl. moderater und schwerer Mukositis (RR=0.62, 95% KI = 0.11-3.56; p=0.60; I²=65%) [492][493] und auch die schwere Form der Mukositis allein betreffend wurden die Ergebnisse der Analysen mittels dreier RCTs nicht signifikant (RR = 0.70, 95% KI = 0.29-1.71, p = 0.44, I2 = 0%) [477][492][493]. Daten zum Beginn des Auftretens von Mukositis ließen keine Analysen zu, wobei Ergebnisse von Rambod et al. (2018) darauf schließen ließen, dass auch in diesem Punkt keine signifikanten Unterschiede auffielen (t = -0.95, p = 0.34). Insgesamt sprechen die Aussagen und Ergebnisse dieser Metaanalyse gegen eine positive Wirkung von Zink auf orale Mukositis. Allerdings wurden die Berechnungen auf Grundlage einer sehr begrenzten und zum Teil stark heterogenen Datenmenge durchgeführt, was insbesondere bei den Analysen zum Auftreten oraler Mukositis sichtbar wird. Die Qualität der einzelnen eingeschlossenen Studie wurde zwar überprüft, fand in den beschrieben Ergebnissen letztendlich aber keine Beachtung mehr.

Unter Radiotherapie

Mit der Wirkung von Zink auf orale Mukositis beschäftigten sich noch sieben weitere RCTs [474][470][472][473][471][475][476]. Fünf von ihnen fanden signifikante Ergebnisse, die entgegen der Metaanalyse auf eine positive Wirkung von Zink schließen würden. Die hierbei untersuchten Patienten hatten alle eine Diagnose eines Kopf-Hals-Tumors und wurden mit Radiotherapie behandelt.

In der Studie von Ertekin et al. (2004) wurden 27 Patienten eingeschlossen und über einen Zeitraum bis zu 13 Wochen untersucht [470]. Endpunkte waren die Dauer, Schwere und der Beginn oraler Mukositis. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Mukositis im Zink-Arm später einsetzte (Zink-Arm: Median: Woche 3, Placebo-Arm: Woche 2, p < 0.05), erst bei höherer Strahlungsdosis entstand (Zink-Arm: Median (Range): 3600 (2400-4400), Placebo-Arm: 2000 (1800-2800), p < 0.01), weniger schwer war (Zink-Arm: Median: 1, Placebo-Arm: 3, p < 0.05) und weniger lange anhielt, als im Placebo-Arm (nach 6 Wochen: Zink-Arm: 6.7%, Placebo-Arm: 83.3%, p < 0.01). Jedoch weist diese Studie nur eine geringe Stichprobengröße auf. Lin et al. (2006) konzentrierten sich in ihrer Studie vorrangig auf die schwereren Formen der Mukositis 2. und 3. Grades, wobei sie Zink mit einem Placebo aus Sojaöl verglichen [472]. Bei 97 Patienten untersuchten auch sie den Zeitpunkt des ersten Auftretens und die Schwere oraler Mukositis und fanden signifikante Unterschiede zwischen den Armen. Die Mukositis trat im Placebo-Arm früher auf, als im Zink-Arm (Grad 2: p = 0.017, Grad 3: p = 0.0003) und war in letzterem weniger schwer, als im Placebo-Arm (p = 0.003). Nach Beenden der Radiotherapie zeigten sich in beiden Gruppen ähnliche Verbesserungen. Anhand dieser Studie kann man insgesamt auf eine positive Wirkung von Zink während Radiotherapie schließen. Eine später folgende Subgruppenanalyse der bereits beschriebenen Studienstichprobe [472] schloss ausschließlich Patienten mit Nasopharynx- (N = 40) oder Oralkarzinom (N = 43) ein. Dabei konnten Lin et al. (2010) die Ergebnisse nur für die Subgruppe der Patienten mit Oralkarzinom replizieren, in der die Mukositis im Zink-Arm später begann (p < 0.001) und kürzer dauerte (Zink-Arm: 3.12 Wochen, Placebo-Arm: 5.14 Wochen, p = 0.001), nicht aber für die an Nasopharynx-Karzinom erkrankten Patienten (Dauer: Zink-Arm: 3.68 Wochen, Placebo-Arm: 4.10 Wochen, p = 0.462) [473]. Diese Ergebnisse schränken die Verallgemeinerbarkeit der zuvor getroffenen Aussagen bezüglich einer Zinkeinnahme zwar ein, jedoch muss beachtet werden, dass die Subgruppen geringere Patientenzahlen beinhalteten und in Lin et al. (2010) der Eindruck entstand, dass die Autoren sehr selektiv berichteten und den Fokus mal auf den Vergleich zwischen Interventions- und Kontrollgruppe und an anderer Stelle wiederum auf den Vergleich der beiden Subgruppen legten [473]. Zwei weitere RCTs, die signifikante Unterschiede zugunsten von Zink fanden waren zum einen von Moslemi et al. (2014) [474] und zum anderen von Watanabe et al. (2010) [476]. Moslemi et al. (2014) rekrutierte eine Stichprobe von 37 Personen, wobei sich zeigte, dass Patienten im Zink-Arm weniger früh von Mukositis betroffen waren (Prävalenz in 1. Woche: Zink-Arm: 40%, Placebo-Arm: 70.5%, p < 0.0001) und dass sie, wenn sie auftrat, in ihrer Intensität geringer war, als im Placebo-Arm (p < 0.003) [474]. Allerdings wurde in dieser Studie nicht die Vergleichbarkeit der Zinkspiegel zu Beginn zwischen den beiden Gruppen untersucht. Zuletzt stärkten Watanabe et al. (2010) mit ihrer Studie die Position, dass Zink das Auftreten oraler Mukositis positiv beeinflussen kann [476]. Sie untersuchten 31 Patienten über einen Zeitraum von 10 Monaten und gaben den Patienten randomisiert entweder eine Polabrezinc- oder Azulen-Lösung. Sie fanden, dass im Zink-Arm signifikant seltener Mukositis ≥ 2. Grades auftrat, als im Azulen-Arm (Zink-Arm: 40%, Kontroll-Arm: 86.7%, p = 0.009). Es muss jedoch betont werden, dass auch in dieser Studie einige methodische Fragen offenblieben und die Anzahl der untersuchten Patienten gering war.

Unter den gefundenen RCTs gab es zwei, deren Analysen keine signifikanten Ergebnisse lieferten und somit entsprechend der Aussagen der Metaanalyse gegen eine Wirkung von Zink sprechen. Hierbei ist zum einen die Studie von Gorgu et al. (2013) zu nennen [471]. Innerhalb einer Stichprobe von 40 Patienten, von denen 16 Patienten über eine nicht angegebene Dauer Zink erhielten, fanden sie keine Gruppenunterschiede im Auftreten von Mukositis (Grad 0, 1, 2, 3 im Zink-Arm: n = 12, 7, 5, 0, im Kontroll-Arm: n = 3, 6, 6, 1, X2 = 5.174, p = 0.159) im Vergleich zu den übrigen 24, die nur durch Radiotherapie behandelt wurden, obwohl der Zinkspiegel im Interventionsarm nach der Behandlung signifikant höher war, als im Kontroll-Arm (p = 0.05). Kritisch zu sehen ist, dass die Studie weder verblindet noch Placebo kontrolliert war. Außerdem entsprach die Stichprobengröße nicht den Voraussetzungen für die berechneten Analysen, wodurch die Ergebnisse mit größerer Wahrscheinlichkeit fehleranfällig geworden sind. Des Weiteren unterschieden sich die beiden Gruppen schon zu Beginn in ihren Charakteristika und es fehlten Angaben zur Dauer der Intervention und dem Vorgehen der Randomisierung. Diese Befunde unterstützend zeigten aber auch Sangthawan et al. (2013) in ihrer methodisch gut durchgeführten Studie an 144 Patienten in keiner der Wochen während der Radiotherapie signifikante Unterschiede im Auftreten oraler Mukositis [475]. Über eine Dauer von zwei Monaten, in denen die Hälfte der Patienten Zinksulfat und die andere ein Placebo erhielt, war auch die schwere Form der Mukositis 3. Grades zwischen den Armen vergleichbar (p = 0.54). Dies deutet darauf hin, dass Zink nicht dazu dient, das Auftreten oder die Schwere von Mukositis während einer Radiotherapie zu verringern.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die Datenlage zu Zink und Mukositis sehr heterogen ist. Insgesamt sprechen von der Quantität der Studien mehr RCTs für eine positive Wirkung von Zink, gemessen daran, dass die Mukositis durch Zink später einsetzte, leichter ausfiel und kürzer anhielt, wenn Zink eingenommen wurde. Die einbezogene Metaanalyse und zwei weitere RCTs zeigen jedoch das Gegenteil in dem sie keinen positiven Einfluss von Zink auf Mukositis nachwiesen. Auch die beiden methodisch am besten bewerteten RCTs [472][475]. Aufgrund dieser Tatsache lassen sich keine allgemeinen und zuverlässigen Aussagen zum Zusammenhang von Zink und oraler Mukositis treffen.

Zink und (progressionsfreies) Überleben

Da die Datenlage unzureichend ist und das Überleben in den Studien als sekundärer Endpunkt betrachtet wird, werden die Ergebnisse im Folgenden erläutert, bieten aber keine Grundlage für eine Empfehlung oder Statement. 

Die Endpunkte Gesamtüberleben und die Zeitintervalle bis zu einem lokalen bzw. entfernten Wiederauftreten der Erkrankung untersuchten Sangthawan et al. (2015) [488], Lin et al. (2008) [486] und Lin et al. (2009) [495] in ihren randomisiert kontrollierten Studien. Sangthawan et al. (2015) beobachteten 72 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren und Behandlung durch Radiotherapie und teilten diese randomisiert in eine Zink- oder Placebo-Gruppe ein [488]. Sie fanden mithilfe ihrer Analysen keine signifikanten Unterschiede in der allgemeinen Überlebensdauer in Verbindung mit der Gabe von Zink (p = 0.55). Auch das Fortschreiten der Erkrankung ließ sich durch Zink nicht aufhalten (p = 0.39). Da die Studie methodisch gut gemacht ist, kann man auf ihrer Grundlage zu der Aussage kommen, dass Zink zwar keinen positiven Einfluss hatte, den Patienten aber auch nicht schadete (siehe dafür auch Nebenwirkungen von Zink). Die beiden Studien von Lin et al. (2008) [486] und Lin et al. (2009) [495] basieren beide auf der Stichprobe der Untersuchung von Lin et al. (2006) [472], es wurden also keine neuen Patienten für die Analysen erhoben. Entsprechend den Ergebnissen von Sangthawan et al. (2015) [488] fanden auch Lin et al. (2008) [486] keine signifikanten Unterschiede, weder im Gesamtüberleben (Hazard ratio (95% KI) = kA, p = 0.19), der Dauer bis zu einem lokalen Fortschreiten des Tumors (Hazard ratio (95% KI) = 1.64 (0.92-2.93), p = 0.092) oder bis zum Auftreten entfernter Metastasen (kA, p = 0.35), noch in der krankheitsfreien Zeitspanne (kA, p = 0.54). Allein das lokale Wiederauftreten des Tumors konnte durch Zink tendenziell verzögert werden, wobei dies v.a. für Patienten mit Krebs im III-IV Stadium und gleichzeitig zur Radiotherapie stattfindender Chemotherapie galt. Dementsprechend lassen sich die Ergebnisse dieser Studie nur sehr beschränkt verallgemeinern, da viele Analysen für ganz bestimmte Subgruppen berechnet wurden. Inwiefern diese vergleichbar waren und welche Größe sie jeweils umfassten bleibt unklar. In der Untersuchung von Lin et al. (2009) wurden aus der ursprünglich 97 Patienten umfassenden Stichprobe gesondert die 34 Patienten mit Nasopharynxkarzinom im III oder IV Stadium analysiert [495]. Diese Berechnungen ergaben signifikante Unterschiede. Nach 68 Monaten waren im Zink-Arm weniger Patienten gestorben (Zink-Arm: 29%, Placebo-Arm: 65%, p = 0.044), erneut erkrankt (Zink-Arm: 41%, Placebo-Arm: 76%, p = 0.033) und hatten seltener ein lokales Fortschreiten des Tumors gezeigt, als im Placebo-Arm (Zink-Arm: 18%, Placebo-Arm: N = 59%, p = 0.007). Das Auftreten lokaler Metastasen unterschied sich zwischen den Armen nicht signifikant voneinander (Zink-Arm: 35%, Placebo-Arm: 53%, p = kA). Ähnlich, wie in der vorangegangenen Studie sind auch hier methodische Defizite zu benennen, wie die Größe der Stichprobe. Da es sich um eine Subgruppenanalyse handelt ist unklar, inwiefern man den von den Autoren geschlussfolgerten Effekt von Zink auch auf andere Krebsarten übertragen kann. Alle der drei hier zusammengefassten Studien untersuchten, wie gut Zink von den Patienten über die Zeit der Behandlung aufgenommen werden konnte. Es zeigte sich durchweg, dass der Zinkspiegel in den Interventions-Armen signifikant anstieg (p`s < 0.05).

Insgesamt sprechen die Daten der Untersuchungen an größeren Stichproben laut diesen Studien eher gegen einen Effekt von Zink auf das Gesamtüberleben oder die Verlängerung der Zeitintervalle bis zu einem lokalen bzw. entfernten Wiederauftreten der Erkrankung. Dies könnte für spezielle Subgruppen bzw. unterschiedliche Krebsarten jedoch variieren, worauf die Ergebnisse von Lin et al. (2009) hindeuten [495].

Zink und Lebensqualität

Da die Datenlage unzureichend ist und die Lebensqualität in den Studien als sekundärer Endpunkt betrachtet wird, werden die Ergebnisse im Folgenden erläutert, bieten aber keine Grundlage für eine Empfehlung oder Statement. 

Die Auswirkungen von Zink auf die Lebensqualität der Patienten wurde in drei RCTs untersucht [477][478][482], wobei keine einen signifikanten Zusammenhang fand. Ribeiro et al. (2017) schlossen in ihrer Studie 24 Patienten mit kolorektalem Adenokarzinom in den Stadien II bis IV ein und untersuchten über einen Zeitraum von ca. 16 Wochen, in denen die Patienten mit Chemotherapie behandelt wurden, die Auswirkungen von Zink oder einem Placebo auf die Lebensqualität [482]. Ihre Analysen ergaben keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen (p = kA), wobei sie gleichzeitig deutlich machten, dass der Zinkspiegel im Interventions-Arm am Ende ihrer Untersuchung signifikant höher war, als im Placebo-Arm (p = kA). Der Placebo-Arm verschlechterte sich über die Dauer der vier Chemotherapie-Zyklen signifikant (T1: Mittelwert (SD) = 126 (16), T4 = 116 (27), p = 0.02), weshalb die Autoren vermuten, dass Zink davor schützen kann, dass sich die Lebenszufriedenheit bei Patienten mit kolorektalem Karzinom verschlechtert. Allerdings hatte diese Studie eine hohe Attritions-Rate und aus diesem Grund am Ende nur eine kleine Stichprobe, wodurch die Aussagekraft der Ergebnisse eingeschränkt ist. Auch die Studien von Arbabi-kalati et al. (2012) [477] und Halyard et al. (2007) [478], die ebenfalls keine signifikanten Effekte von Zink auf die Lebenszufriedenheit finden konnten, sind, wie bereits oben beschreiben, methodisch zu kritisieren und lassen abschließende Beurteilungen deshalb nur sehr bedingt zu.

Zink und Schmerzen

Da die Datenlage unzureichend ist und der Endpunkt Schmerz in den Studien als sekundärer Endpunkt betrachtet wird, werden die Ergebnisse im Folgenden erläutert, bieten aber keine Grundlage für eine Empfehlung oder Statement. 

Bezüglich der Untersuchungen zum Einfluss von Zink auf Schmerzen der Patienten fanden zwei von drei RCTs signifikante Unterschiede. Arbabi-kalati et al. (2012) berichteten signifikante Unterschiede zwischen den Armen von der 6. bis zur 20. Erhebungswoche (Woche 6: Zink-Arm: Mittelwert (95% KI) = 5.56 (5.097-6.02), Placebo-Arm: 7.48 (7.04-7.91), p = 0.003, Woche 20: Zink-Arm: 4.00 (3.12-4.87), Placebo-Arm: 7.00 (6.40-7.59), p = 0.0049) [477]. Die ungeklärte Attrition und die Abfrage des Endpunktes durch nur ein Item (VAS) lassen allerdings Unsicherheiten den Ergebnissen gegenüber bestehen. Watanabe et al. (2010) berichteten signifikante Unterschiede bzgl. Schmerzes ≥ 2. Grades (Zink-Arm: 33.3%, Placebo-Arm: 86.7%, p = 0.003) [476]. Im Unterschied dazu ließen die Berechnungen von Sangthawan et al. (2013) [475]eher darauf schließen, dass Zink keinen Nutzen auf die empfundenen Schmerzen im Mund- und Kehlbereich der Patienten hatte (p = 0.77) und sich auch keine Auswirkungen auf den Schmerzmittlegebrauch ergaben (p = 0.71). Auch hier ist die Studienlage somit wieder heterogen und nicht eindeutig zu bewerten.

Zink und Gewicht

Da die Datenlage unzureichend ist und der Endpunkt Gewicht in den Studien als sekundärer Endpunkt betrachtet wird, werden die Ergebnisse im Folgenden erläutert, bieten aber keine Grundlage für eine Empfehlung oder Statement. 

Das Gewicht wurde in vier der RCTs beobachtet. Halyard et al. (2007) zeigten, dass Patienten im Zink-Arm ihr Gewicht über die Dauer der Behandlung eher halten konnten, als im Placebo-Arm (Zink-Arm: 99%, Placebo-Arm 92%, p = 0.04) [478]. In der Studie von Sangthawan et al. (2013) wurde zwar eine Tendenz dahingehend deutlich, dass Patienten beider Arme Gewicht verloren, diese Ergebnisse wurden aber über die Messzeitpunkte hinweg nicht signifikant  (p = kA) [475]. Ribeiro et al. (2017) erhoben in ihrer Untersuchung den BMI, wobei sie von der Baseline bis zum vierten Zyklus der Chemotherapie keine signifikanten Unterschiede feststellen konnten (T0: Zink-Arm: Mittelwert (SD) = 24.8 (5.9), Placebo-Arm: 24.9 (5.1), T4: Zink-Arm: 23.9 (5.1), Placebo-Arm: 24.2 (6.5), p = n.s.), obwohl sich die Zinkspiegel der beiden Gruppen vor dem 4. Zyklus bedeutsam voneinander unterschied (zugunsten des Interventionsarms, p = kA) [482]. Zuletzt berichteten auch Ertekin et al. (2004) das Gewicht der Patienten, was sich in ihrem Fall ebenso wenig zwischen den Armen unterschied (p = kA) [470]. Die Mehrzahl der Studien würde also dafürsprechen, dass Zink keinen positiven Einfluss auf das Gewicht der Patienten nehmen kann.

Zink und weitere Morbiditäten (Dysgeusie, Xerostomie, Ösophagistis, Dermatitis, Fatigue, Pharyngitis, Nahrungsaufnahme) (zu Statement 7.46)

Dysgeusie unter Radiotherapie

Ein weiterer häufig untersuchter Endpunkt im Zusammenhang mit Zink war das Auftreten von Dysgeusie, welches in fünf RCTs analysiert wurde [478][479][480][481][476]. Dabei untersuchten die Studien alle bis auf eine (Lyckholm et al., 2012 [479]) Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, die sich parallel einer Radiotherapie unterzogen und in randomisiert aufgeteilten Armen entweder Zink oder ein Placebo erhielten. Halyard et al. (2007) untersuchten den Beginn und das generelle Auftreten von Dysgeusie anhand von 159 Patienten, wobei die Berechnungen weder im Zeitintervall bis zum ersten Auftreten noch in der Dauer bis zur Genesung oder im allgemeinen Auftreten Unterschiede zwischen den Armen ergaben (Beginn: Zink-Arm: Medianintervall = 2.3 Wochen, Placebo-Arm: Medianintervall = 1.6 Wochen, p = 0.09, Genesungsdauer: Zink-Arm: 5%, Placebo-Arm: 16%, allgemeines Auftreten: Zink-Arm: 73%, Placebo-Arm: 84%, p = 0.16) [478]. Unklar bleibt in dieser Studie, warum nur 49% der Patienten die komplette Studie durchführten und aus welchen Gründen bzw. zu welchen Zeitpunkten sie die Untersuchung abbrachen. Auch Lyckholm et al. (2012) berichteten keine signifikanten Ergebnisse bzgl. des Zusammenhangs von Zink und Veränderungen des Geschmacks-/Geruchssinns [479]. Sie analysierten 41 Patienten mit verschiedenen Krebsdiagnosen und Chemotherapie-Behandlung, die über 3 Monate hinweg entweder Zink oder ein Placebo verabreicht bekamen. Die teilnehmenden Patienten sollten die wahrgenommenen Veränderungen auf einer Skala selbst beurteilen. Auf Grundlage der nicht signifikanten Ergebnisse zwischen den Gruppen (Veränderungen/ Verlust der Sinnesreize nicht signifikant, p = kA) raten die Autoren von der Behandlung mit Zink ab. Methodisch hat diese Studie aber auch einige Einschränkungen. So verlassen 26% der teilnehmenden Patienten im Verlauf der Wochen die Untersuchung, wobei nicht deutlich wird, welcher Gruppe sie zugehörten. In der Berichterstattung wird hinzukommend völlig auf Angaben statistischer Parameter verzichtet.

In drei anderen RCTs fand man hingegen signifikante Gruppenunterschiede zugunsten von Zink. Najafizade et al. (2013) untersuchten an 35 Patienten die Wahrnehmung und Wiedererkennung der unterschiedlichen Geschmäcker salzig, süß, sauer und bitter [480]. Der Placebo-Arm hatte sich dabei bis zum Ende der Radiotherapie in allen vier Geschmacksrichtungen verschlechtert (p’s ≤ 0.03), wohingegen der Zink-Arm nur in Bezug auf sauer eine Verschlechterung zeigte (p = 0.038). Auch einen Monat nach der Therapie war der Schwellenwert zur Erkennung der Geschmäcker im Placebo-Arm für alle vier Geschmacksrichtungen signifikant angestiegen (p = 0.001). Der Zink-Arm hatte sich nur bezüglich salzig verschlechtert (p = 0.046). Diese Ergebnisse beschreiben allerdings nur die Verläufe innerhalb der Gruppen und keinen Intergruppenvergleich. Aussagekräftige Ergebnisse zu Unterschieden der Geschmacksveränderungen zwischen den Gruppen sind somit nicht vorhanden und man kann die vorliegenden Daten höchstens als einen Hinweis auf eine positive Wirkung von Zink betrachten. Ripamonti et al. (1998) nutzen in ihrer Studie die gleiche Erhebungsmethode und untersuchten Geschmackswahrnehmung und -erkennung an 18 Patienten [481]. Während der Radiotherapie verschlechterte sich der Placebo-Arm stärker, als der Zink-Arm und letzterer erholte sich innerhalb eines Monats nach der Behandlung schneller von den Veränderungen als der Placebo-Arm. In Hinblick auf die einzelnen Geschmacksrichtungen konnte man zugunsten des Zink-Arms einige signifikante Unterschiede bzgl. der Wahrnehmung (während RTX: bitter: p = 0.015) und Erkennung (während RTX: salzig: p = 0.001, nach RTX: salzig: p = 0.0241, süß: p = 0.019, sauer: p = 0.028) feststellen. Die Studie führte eine aufwendige und für die Größe der Stichprobe angepasste statistische Analyse durch, in die sogar Ausgangswerte eingeschlossen wurden. Allerdings lässt sowohl der Vorgang der Gruppenzuordnung als auch der Studienaufbau, im Sinne der Sicherstellung der Vergleichbarkeit der Gruppen und verwertbaren Ausgangsdaten zu Beginn der Studie zu wünschen übrig. Watanabe et al. (2010) unterstützen wiederum die Ergebnisse, da sie ebenfalls signifikante Unterschiede im Auftreten von Dysgeusie fanden (Zink-Arm: 19%, Azulen-Arm: 87%, p = 0.0002) [476]. Trotz Einigkeit dieser drei RCTs muss betont werden, dass alle drei ihre Aussagen auf Grundlage einer relativ kleinen Stichprobe machen, was die Verallgemeinerbarkeit und Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt.

Alles in Allem weisen die hier zu Dysgeusie beschriebenen Studien unterschiedliche methodische Mängel auf. Die Tendenz weist auf eine positive Wirkung von Zink auf Geschmacksveränderungen bei Krebspatienten hin. Dennoch kann man aufbauend auf diesen Daten keine generellen Aussagen machen.

Xerostomie unter Radio- oder Chemotherapie

Zum Auftreten von Xerostomie und der Gabe von Zink gibt es zwei RCTs. Die Studie von Arbabi-kalati et al. (2012) [477] wurde bereits in die Metaanalyse von Tian et al. (2018) [469] aufgenommen, untersuchte aber neben der Mukositis auch den Einfluss von Zink auf Mundtrockenheit durch Chemotherapie. Die Stichprobe umfasste 50 Patienten mit verschiedenen Krebsdiagnosen, die bis zu 20 Wochen neben ihrer gleichzeitig stattfindenden Chemotherapie beobachtet wurden. Sie stellten ab der vierten Woche signifikante Unterschiede in der Intensität der Xerostomie zwischen den Armen fest (Woche 4: Zink-Arm: Mittelwert (95% KI) = 2.44 (2.19-2.68), Placebo-Arm: 3.32 (3.09-3.54), p < 0.005). Die Behandlung dieser Beschwerden dauerte in beiden Armen jedoch gleich lang (p = 0.23). Methodisch hat diese Untersuchung einige Einschränkungen, da keine Aussagen über die Krebserkrankung der Patienten sowie deren Zinkspiegel zu Beginn der Intervention gemacht wurden und somit schon unabhängig von der Intervention Unterschiede zwischen den Gruppen bestanden haben können. Die Studie vermittelt den Eindruck, dass die Patienten alle über 20 Wochen untersucht wurden, allerdings kann man anhand der Informationen nicht sagen, ob tatsächlich alle Patienten ausgewertet wurden, da keine Intention-to-Treat Analyse geplant war und es keine Angaben zu Drop-Outs bzw. Attrition gab. Die bereits näher erläuterte Studie von Watanabe et al. (2010) kam zu dem Schluss, dass Xerostomie ≥ 2. Grades im Zink-Arm unter vorwiegend Radiotherapie signifikant häufiger auftrat, als im Placebo-Arm (Arm A: 13.3%, Arm B: 73.3%, p = 0.001) [476].

Diese beiden Untersuchungen sprechen insgesamt zwar für die positive Wirkung von Zink auf Xerostomie unter Radio- oder Chemotherapie, sind beide aber methodisch nicht unproblematisch und sollten somit nur mit Vorsicht betrachtet werden.

Andere Morbiditäten wurden nur in einzelnen RCTs untersucht.

Ösophagistis unter vorwiegend Radiotherapie

Gorgu et al. (2013) erhoben als Endpunkt zusätzlich das Auftreten von Ösophagitis, fand aber trotz Anstieg des Zinkspiegels in der Interventionsgruppe keinen signifikanten Zusammenhang (Grad 0, 1, 2, 3 im Zink-Arm: 6, 10, 6, 2, im Kontroll-Arm: 2, 6, 7, 1, p = 0.159) [471]. Allerdings bleibt die Studie aufgrund fehlender Angaben wenig nachvollziehbar.

Dermatitis unter Radiotherapie

Lin et al. (2006) erfassten neben Mukositis die Auswirkungen von Zink auf Dermatitis 2. und 3. Grades [472]. Hierbei fanden sich signifikante Unterschiede zugunsten von Zink, da Grad 2 und 3 Dermatitis im Placebo-Arm früher auftauchte, als im Zink-Arm (Grad 2: p = 0.014, Grad 3: p = 0.0092) und von stärkerer Schwere war (p = 0.003). Zwei Wochen nach der Radiotherapiebehandlung zeigten beide Arme eine ähnliche Verbesserung. Auch hier berichteten die Autoren, dass der Zinkspiegel des Interventions-Arms sich signifikant vom Placebo-Arm unterschied (p = 0.02). Es zeigte sich insgesamt ein kurzfristiger positiver Effekt.

Fatigue

Fatigue war ein Endpunkt, dem sich Ribeiro et al. (2017) neben Lebensqualität und BMI widmeten [482]. Auch wenn Zink von den Patienten scheinbar gut aufgenommen werden konnte, ergaben sich zwischen den Armen durch ihre Intervention keine Unterschiede. Dieses Ergebnis beruht letztendlich aber auf der Beobachtung von 24 von anfangs 48 eingeschlossenen Patienten.

Pharyngitis unter Radiotherapie

Sangthawan et al. (2013) erhoben neben der oralen Mukositis das Auftreten von Pharyngitis ≥ 2. Grades, wobei sich ebenso wie bei Mukositis keine signifikanten Unterschiede in ihrer Studie erkennen ließen [475]. Pharyngitis 3. Grades trat in beiden Gruppen vergleichbar oft auf (p = 0.84) und auch die Bestrahlungsdosis bis zum Einsetzen der Nebenwirkung war zwischen Zink- und Placebo-Arm entsprechend ähnlich (p = 0.59).

Orale Nahrungsaufnahme unter vorwiegend Radiotherapie

Die Einschränkungen der oralen Nahrungsaufnahme bzw. die Anzahl täglich eingenommener Mahlzeiten wurden von Watanabe et al. (2010) näher betrachtet [476]. Bzgl. der Möglichkeit der Patienten Nahrung oral aufzunehmen, fanden die Autoren keine signifikanten Unterschiede (Zink-Arm: 40%, Placebo-Arm: 12.5%, p = 0,113), allerdings unterschied sich die Anzahl täglich zu sich genommener Mahlzeiten signifikant zwischen den Armen (Zink-Arm: 78.8 (±31.2%), Placebo-Arm: 30.7 (±37.9%), p = 0.002). In der Studie wird dadurch darauf geschlossen, dass Zink vor einer Reduktion der Nahrungsaufnahme schützen könnte.

Zink und Immunantwort nach Impfung

Da zu diesem Endpunkt keine sichere Aussage getroffen werden kann, wurde keine Empfehlung oder ein Statement formuliert, stattdessen werden die Ergebnisse zu diesem Endpunkt im Folgenden ausgeführt.

In der Studie von Braga et al. (2015) ging es um die Antikörperkonzentration und Serokonversionsrate nach Pneumokokken-Impfung [490]. Dafür bekamen die 25 teilnehmenden Patienten mit kolorektalem Karzinom über 16 Wochen entweder Zink oder ein Placebo verabreicht. Die Analysen zeigten, dass alle Patienten eine erhöhte Antikörperkonzentration gegen alle Polysaccharide entwickelten (p < 0.01). In Woche 16 zeigte sich, entgegen der Erwartungen, eine signifikant höhere PS6-Konzentration im Placebo-Arm verglichen mit dem Zink-Arm (Zink-Arm: Mittelwert (95% KI) = 2.96 (1.74-5.03), Placebo-Arm: Mittelwert (95% KI) = 10.75 (5.37-21.54), p < 0.01). Bezüglich der Serokonversionsrate ließen sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen finden. Gleichzeitig zeigten die Analysen, dass der Zinkspiegel im Interventions-Arm nach den 16 Wochen bedeutsam höher war als im Placebo-Arm (p = 0.001). Die Autoren schlossen aus diesen Ergebnisse zwar, dass Zink dazu beitragen könne, dass die Serokonversionsrate der Krebspatienten erhalten werden kann, dies lässt sich anhand der veröffentlichten Daten aber nicht bestätigen, da sich weder der Zink- noch der Placebo-Arm über die Zeit der Untersuchung hinweg veränderten. Daneben ist kritisch zu sehen, dass sehr selektiv und teilweise schwer nachvollziehbar berichtet wurde, die Stichprobe klein war und die Methode der Randomisierung unklar bleibt, da die Arme unterschiedlich groß waren.

Nebenwirkungen von Zink

Die systematische Erfassung der Toxizität von Zink fand in sechs RCTs statt [478][489][472][481][475][488]. Dabei gaben Halyard et al. (2007) in ihrer Untersuchung 76 von 159 Patienten dreimal täglich 45mg Zinksulfat [478]. Die Intervention zog sich über den Zeitraum der parallel stattfindenden Radiotherapiebehandlung bis einen Monat nach deren Abschluss. Sie bemerkten ein häufigeres Auftreten von moderater und schwerer Dysphagie im Zink-Arm verglichen mit dem Placebo-Arm (Zink-Arm: 7%, Placebo-Arm: 4%, p = 0.02), darüber hinaus zeigten sich jedoch keine signifikanten Unterschiede in Frequenz und Schwere der Nebenwirkungen. Zu den genauen Längen der Intervention bis zum Auftreten der Nebenwirkungen wird in dieser Studie keine Auskunft gegeben. Sangthawan et al. (2013) verabreichten 72 von 144 Patienten Zinksulfat, parallel zu ihrer Radiotherapiebehandlung dreimal täglich in einer höheren Dosis von 50mg [475]. Die Behandlung dauerte ca. 3 Monate und die Autoren berichteten, dass Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen meistens mild waren. Ein Patient des Interventionsarms habe moderate Ausprägungen gezeigt. Es wurde kein Gruppenvergleich berechnet, sie fanden aber in beiden Gruppen keine Fälle von Schmerzen, Fieber, Durchfall oder Abgeschlagenheit und die Zinkgruppe zeigte keine zusätzlichen Nebenwirkungen. Auch die vier weiteren RCTs bemerkten keine signifikanten Gruppenunterschiede im Auftreten von Nebenwirkungen aufgrund von Zink. Lin et al. (2006) gaben ihren Patienten mit dreimal täglich 25mg eine im Vergleich geringere Menge Zink und untersuchten die 97 Patienten (davon 49 im Interventionsarms) über einen Zeitraum von zwei Monaten [472]. Laut ihren Ergebnissen wurden keine Neben- oder Wechselwirkungen beobachtet. Ripamonti et al. (1998) setzten eine höhere Dosis an und verabreichten ihren Patienten dreimal täglich 45mg, wobei sich ihre Untersuchung über drei Monate hinweg zog [481]. Auch sie berichteten, keine Nebenwirkungen beobachtet zu haben. In der Studie von Sangthawan et al. (2015) lag die Dosierung von Zink bei 50mg dreimal am Tag, was über die Dauer der Radiotherapie gegeben wurde [488]. Es wurde hier von den Autoren zwar Erbrechen als Nebenwirkungen berichtet, allerdings trat dies ohne signifikanten Gruppenunterschied auf (p = 0.67). Mit 600mg täglich über eine Zeitspannen von 95 Tagen war die Dosis der Zinkgabe in der Studie von Iovino et al. (2018) am höchsten [489]. Die Ergebnisse zeigten, dass 55.5% der Patienten Nebenwirkungen hatten. Diese unterschieden sich aber zwischen den Gruppen nicht signifikant voneinander (p = 1). Es gab Fälle von Übelkeit und Durchfall und ein Patient pro Arm litt unter Fieber >38 °C.

In anderen Studien wurden Nebenwirkungen berichtet, ohne diese jedoch systematisch erhoben und zwischen den Gruppen verglichen zu haben. Ertekin et al. (2004) bemerkten das Auftreten von Erbrechen und Übelkeit in 20% der Fälle der Zinkgruppe [470]. Hierbei hatten die Patienten dreimal täglich über 13 Wochen hinweg 50mg Zink erhalten. Lyckholm et al. (2012) beobachteten Nebenwirkungen wie Durchfall, Bauchschmerzen, Krämpfe und Schwitzen, worin sie auch einen der Gründe für die vorzeitige Beendigung der Studie durch Patienten sahen [479]. Die Untersuchungen von Moslemi et al. (2014) [474], Najafizade et al. (2013) [480] sowie die Studie von Mansouri et al. (2012) [493] aus der Metaanalyse von Tian et al. (2018) [469] gaben an, keine Nebenwirkungen aufgrund der Einnahme von Zink bei ihren Patienten beobachtet zu haben.

Alles in allem werden in Bezug auf Zink nur wenige Nebenwirkungen beschrieben die, wenn sie auftreten, eher mild und auch bei einer höheren Dosis Zink noch mit der Kontrollgruppe zu vergleichen sein sollen.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Zink wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.16 Enzyme (Proteasen): Bromelain, Papain, Mischpräparate

7.47 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen Daten aus 9 RCTs und 3 Kohortenstudien zur Wirksamkeit von proteolytischen Enzymen auf Nebenwirkungen der Strahlentherapie bei verschiedenen soliden Tumoren vor. Die Daten sind inkonsistent und wurden teilweise mit Bestrahlungsprotokollen der 80er und 90er Jahre erhoben. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe proteolytischer Enzyme zur Reduktion von Nebenwirkungen moderner Strahlentherapieprotokolle gegeben werden.

Konsens
Starker Konsens
Literatur
[496] [497] [498] [499] [500] [501] [502] [503] [504] [505] [506] [507]
Evidenztabellen (12)Dale et. al. (2001); Dörr et. al. (2007); Gujral et. al. (2001); Kasseroller et. al. (2003); Martin et. al. (2002); Stauder et. al. (1991); Tan et. al. (2018); Vinzenz et. al. (1992); Wrbka et. al. (1978); Beuth et. al. (2001); Popiela et. al. (2001); Sakalová et. al. (2001)

Bromelain ist der Name von zwei hydrolytischen Enzymen, die aus dem Stamm der Ananaspflanze stammen. Papain ist ein aus der grünen Schale und Kernen der Frucht Papaya stammendes hydrolytischen Enzym. Es handelt sich in beiden Fällen um Cysteinproteasen, welche in der Lage sind Proteine zu spalten. Chymotrypsin, genauer gesagt Chymotrypsin B, ist ebenfalls ein proteinspaltendes hydrolytisches Enzym und wird im Pankreas gebildet. In diesem Fall handelt es sich jedoch um eine Serinprotease, welche Proteine an einer anderen Aminosäure spaltet. Bromelain wird in der Industrie als Zartmacher, in der Medizin als Verdauungshilfe, bei akuten Schwellungszuständen und zur Auflösung von Schorf bei Brandwunden genutzt. Papain wird regelhaft in der Transfusionsmedizin verwendet.

Chymotrypsin findet Anwendung in der Augenheilkunde und wird dort zur Proteinauflösung genutzt. In experimentellen Studien wird diesen Enzymen antiödematöse, antiinflammatorische, antithrombotische und fibrinolytische Aktivität nachgesagt. Neben der proteolytischen Wirkung wird bei den Enzymen eine Funktion als Immunmodulator vermutet. So wird die Immunzytotoxizität von Monozyten gegenüber Tumorzellen erhöht, indem es zu einer deutlichen Produktionssteigerung der Zytokine kommt. Unter anderem handelt es sich dabei um den Tumornekrosefaktor α, die Interleukine (IL)-1α, IL-6 und IL-8. Hier gibt es weiteren Forschungsbedarf, da dies nicht nur auf die proteolytischen Eigenschaften der Enzyme bezogen wird, sondern möglicherweise auch auf andere Bestandteile der Enzymextrakte. Zuletzt wird den Enzymen Einfluss auf die Thrombozytenaggregationshemmung zugeschrieben. Neben diesen Eigenschaften gibt es noch weitere nachgewiesene Wirkungen und aktuelle Forschungsbemühungen.

Insgesamt wurden in die Leitlinie 9 Studien mit einem Erscheinungsjahr nach 1995 aufgenommen, davon sind 6 randomisiert kontrollierte Studien und 3 Kohortenstudien. Drei der randomisiert kontrollierten Studien schlossen einen Placebo-Arm als Vergleichsgruppe ein, wodurch eine Verblindung erreicht wurde [497][499][502]. Bei den anderen drei Studien gab es keine Verblindung der Kontrollgruppe [496][498][500]. Bei den drei nicht randomisiert-kontrollierten Studien handelt es sich um Kohortenstudien [505][506][507].

Einige dieser Studien berufen sich auf Veröffentlichungen vor 1995, welche in der ursprünglichen Recherche aufgrund dem zu Beginn der Leitlinie festgelegten Zeitfenster zunächst nicht berücksichtigt wurden. Der Vollständigkeit halber wurden diese wichtigen Publikationen aber im Anschluss gesondert gesucht. Hierfür wurden die Literaturangaben/-listen aller eingeschlossenen Studien durchsucht und auch die Literaturangaben/-listen der dadurch gefunden Studien durchsucht und entsprechend der Einschlusskriterien der Leitlinie bewertet (für die Einschlusskriterien siehe Leitlinienreport). Hieraus konnte für unsere Leitlinie relevante vor 1995 veröffentlichte Literatur identifiziert werden. Es handelt sich dabei um drei randomisiert kontrollierte Studien [504][503][501].

Wobemugos®, einem Präparat mit proteolytischen Enzymen, das in erster Linie bei Patienten mit malignen Erkrankungen zur Anwendung gekommen ist und auch in den hier ausgewerteten Studien vorwiegend untersucht worden ist, wurde im Jahr 2005 vom BfArM die Zulassung entzogen. Eine Verwendung erfolgt heute in deutlich reduziertem Ausmaß und ausschließlich als Nahrungsergänzungsmittel.

Hydrolytische Enzyme und Mukositis:

Das Auftreten sowie die Ausprägung von Mukositis bei Krebspatienten, die eine Strahlentherapie erhalten, wurden in drei Studien untersucht. Die dreifach verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dorr et al. (2007) hat Patienten mit Tumoren im Bereich der Mundhöhle untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [497]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 36 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis 5 Tage nach der letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 33 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Hier wurde geschaut wie hoch die maximale Ausprägung der (wenn aufgetretenen) Mukositis war und welche Höhe sie im Durchschnitt über den Erhebungszeitraum hatte. Bei dem Endpunkt maximale Mukositis gab es in der Studie keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Testgruppen (p = 0.317). Die durchschnittliche Ausprägung der Mukositis ergab hingegen einen signifikanten Unterschied, der allerdings zugunsten des Placeboarms war (p = 0.041), was auf ein früheres Eintreten der Mukositis im Interventionsarm zurückzuführen ist.

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Gujral et al. (2001) hat Patienten mit Tumoren in Kopf-, Hals- und Rachenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [498]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 53 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 4 ± 2 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 54 ± 9 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 93-100 Patienten (es variierte zwischen den Endpunkten) erhielten die Patienten keine weitere Therapie. In der Auswertung dieser Studie ergab sich sowohl in der maximalen Ausprägung (p < 0.0001) als auch in der durchschnittlichen Ausprägung der Mukositis (p = 0.0001) ein signifikanter Unterschied zugunsten der Interventionsgruppe. Die durchschnittliche Ausprägung wurde in dieser Studie als „area under the curve“ dargestellt. Als weiterer Endpunkt wurde die Zeit bis zum Auftreten der Mukositis zwischen den beiden Gruppen verglichen. Der Unterschied war mit 6.9 ± 0.8 Wochen zugunsten der Interventionsgruppe gegenüber 5.7 ± 1.2 Wochen in der Kontrollgruppe signifikant (p = 0.0014).

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Vinzenz et al. (1992) hat Patienten mit einem Karzinom im Mundbodenbereich bei präoperativer Strahlentherapie eingeschlossen [501]. Der Interventionsarm mit 19 Patienten erhielt während der Strahlentherapie 3x5 Tabletten WOBE MUGOS® E täglich, der Kontrollarm mit 20 Patienten hingegen nur die Strahlentherapie. Ermittelt wurden die Einflüsse der Enzymbehandlung auf die Ausprägung der durch die Strahlentherapie entstehenden Mukositis und das erste Auftreten der Mukositis. Diese wurde in die Stadien I, II und III eingeteilt. Im Interventionsarm Stadium I 21.4%, Stadium II 68.4% und Stadium III 10.5% gegenüber I 0%, II 55%, III 45% im Kontrollraum. Es ergab sich ein signifikanter Unterschied zugunsten des Interventionsarms (p = 0.014, Chi-Quadrat-Test). Ebenfalls waren in der Kontrollgruppe signifikant mehr Patienten im Stadium III (p = 0.019, Exakte-Fisher-Test). Das Auftreten der Mukositis war jedoch im Interventionsarm mit 9.1 (± 4.9) Tagen gegenüber 13 (± 4.1) Tagen eher (Median 9.0 gegenüber 12.5). Eine weitere statistische Auswertung gab es hier nicht.

Es ist schwierig bezüglich des Endpunktes eine allgemeingültige Aussage zu treffen, da die Studien auf unterschiedliche Ergebnisse zu diesem Endpunkt kommen. Die Studie von Dorr et al. (2007), welche keinen Gruppenunterschied findet, gibt wenig detaillierte Informationen über statistischen Ergebnisse  und hat einen hohen Drop-Out, ist dafür aber eine verblindete Studie [497]. Die Studie von Gujral et al. (2001), welche einen Vorteil der Interventionsgruppe zeigt, ist hingegen nicht verblindet und enthält keinen Placeboarm, überzeugt aber mit hoher Sorgfalt in der Durchführung wie Compliance-Kontrolle [498]. Die Autoren Vinzenz et al. (1992) sprechen sich für eine Enzymtherapie aus, da die Mukositis in der Interventionsgruppe zwar eher auftrat, in ihrer Ausprägung aber deutlich geringer war [501]. Die Autoren geben ausführlich an, welche statistischen Tests sie angewendet haben. Leider geben sie keine ausführlichen Auskünfte über die Baseline Werte und zum Drop-out und Attrition. Mit 39 Teilnehmern ist es zudem eine sehr kleine Studie.

Hydrolytische Enzyme und krankheitsspezifisches Überleben, Remission und Zeitraum bis zu einem Rezidiv oder Metastasten:

Die Lebensdauer mit der Krebsdiagnose wurde in drei Studien mit den zugehörigen Kontrollgruppen verglichen. Die retrospektive Kohortenstudie von Sakalova et al. (2001) hat Patienten mit multiplem Myelom untersucht, welche eine Chemotherapie erhalten haben [507]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 166 Patienten, hat zusätzlich während der Chemotherapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde am ersten Tag der Therapie und nach einem Jahr wurde die Dosis gewöhnlich auf 3x1 Tablette täglich reduziert. Im Kontrollarm, bestehend aus 99 Patienten, erhielten diese keine weitere Therapie. Als Besonderheit dieser Studie wurden hier Patienten, die diese Enzymtabletten weniger als 6 Monate eingenommen haben, in den Kontrollarm aufgenommen. In dieser Studie wurde die Erkrankung des Multiplen Myeloms in die gängigen Stadien I, II und III unterteilt. In Stadium III hatten die Patienten des Interventionsarms ein mittleres Überleben von 83 Monaten (95% KI: 50-117) gegenüber dem Kontrollarm mit 47 Monaten (95% KI: 32-62 Monate), was zu einem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.0014). Dies entspricht einem Lebenszeitgewinn von etwa drei Jahren. Das krankheitsspezifische Überleben wurde von Beginn der Diagnose gerechnet. Auch nach der Intention-to-treat Analyse ist dieser Unterschied signifikant (p = 0.0342). Laut den Autoren konnte aufgrund der geringen Fallzahlen für die Stadien I und II keine mittlere Überlebenszeit berechnet werden. Über alle Stadien hinweg ergab sich aber eine signifikante, stadienadjustierte Lebenszeitverlängerung im Interventionsarm gegenüber dem Kontrollarm (p = 0.0003). Die Überlebensdauer war ebenfalls stark abhängig vom initialen Ansprechen auf die Chemotherapie. Hier ergab sich ein Unterschied von 130 zu 51 Monaten (p = 0.0000). Es gab dazu keine weitere statistische Auswertung, jedoch ist den Tabellen zu entnehmen, dass es unter Enzymeinnahme zu einem besseren Ansprechen auf die Therapie gekommen ist. In Stadium III ergab sich in der Interventionsgruppe ein medianer Überlebenszeitvorteil von 33 Monaten gegenüber der Kontrollgruppe, was auch zu einem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.0059). Über alle Stadien adjustiert war dieses Ergebnis auch statistisch signifikant (p = 0.0039). Dazu wurde noch eine multivariate Analyse durchgeführt, um für mögliche Einflüsse durch andere Parameter, wie z.B. Stadium, Alter, Geschlecht, usw., auf das Überleben zu kontrollieren. Das Ergebnis war auch hier signifikant, sodass durch Enzymeinnahme das Risiko zu versterben um ca. 60% gesenkt werden konnte (p = 0.0011). Nicht nur die Lebenszeit, sondern auch die Rate an Remissionen und stabilen Befunden war in der Interventionsgruppe über alle Stadien hinweg signifikant höher, so lag diese bei 97,6% gegenüber dem Kontrollarm mit 69,7% (p = 0.001). Auch der Anteil an Patienten in Stadium III, die nicht auf die Chemotherapie angesprochen haben, war im Interventionsarm mit 3,7% gegenüber 38,9% signifikant niedriger als im Kontrollarm (p ≤ 0.001). Die Dauer der ersten Remission bzw. des stabilen Zustands bei Patienten im Stadium II und III war in der Interventionsgruppe signifikant länger als in der Kontrollgruppe, jedoch wurden hier lediglich konkrete Angaben über das Stadium III angegeben. Dies lag bei 37,7 Monaten gegenüber 11,6 Monaten (p-Wert nicht gegeben).

Die retrospektive Kohortenstudie von Popiela et al. (2001) hat Patienten mit kolorektalem Karzinom untersucht, welche eine antineoplastische Therapie erhalten haben (Chemotherapie, Strahlentherapie) [506]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 587 Patienten, hat zusätzlich während der antineoplastischen Therapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 597 Patienten erhielten die Patienten keine weitere Therapie. In dieser Studie wurden nur Patienten mit dem Krebsstadium Duke D hinsichtlich ihrer Überlebenszeit statistisch ausgewertet. Laut den Autoren war dies der Fall, weil für die anderen Stadien die Fallzahlen über den Beobachtungszeitraum zu gering waren. Patienten im Interventionsarm hatten eine mediane Überlebenszeit von 34.1 Monaten gegenüber 14.5 Monaten im Kontrollarm (plog-rank = 0.0025), was zu einem signifikanten Unterschied zugunsten des Interventionsarms geführt hat. Die Autoren sprechen von „ähnlichen Trends“ bei den Duke B und C Stadien.

Die retrospektive Kohortenstudie von Beuth et al. (2001) hat Patientinnen mit nichtmetastasiertem Brustkrebs untersucht, welche Strahlen-, Chemo-, Hormon- oder andere antineoplatische Therapien erhalten haben [505]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 239 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 410 Patientinnen, erhielten diese keine weitere Therapie. Hier wurde die mittlere Überlebenszeit der beiden Gruppen miteinander verglichen. In der postoperativen Periode sind im Interventionsarm 1.26% verstorben und die mittlere Überlebenszeit lag bei 1840 Tagen, gegenüber 2.68% und 1820 Tagen in der Kontrollgruppe. Dies führte zu keinem signifikanten Unterschied (plog-rank = 0.0787). Wiederauftreten des Krebses kam bei 2,5% und Metastasen bei 5,04% der Patientinnen im Interventionsarm vor. Im Kontrollarm waren es 6.34% und 7.58%. In beiden Fällen gab es keine weitere statistische Auswertung. Beim Zeitraum bis zum Wiederauftreten des Krebses gab es mit 1818 Tagen im Interventionsarm gegenüber 1702 Tagen im Kontrollarm einen signifikanten Unterschied (p = 0.0055). Ähnlich verhielt es sich beim Zeitraum bis zum Wiederauftreten von Metastasen mit 1738 Tagen gegenüber 1665 Tagen (p = 0.0475).

Alle drei Studien kommen hier zu dem eindeutigen Ergebnis, dass hydrolytische Enzyme die Überlebenszeit, den Remissionszeitraum oder das Auftreten von Rezidiven oder Metastasen positiv beeinflussen können. Kritisch betrachtet werden muss jedoch, dass es sich in allen drei Studien um retrospektive Kohortenstudien ohne Verblindung handelt. Sakalova et al. (2001) haben Unterschiede in der Baseline zwischen den beiden Patientenarmen und es gibt keine weiteren Angaben zu Drop-out oder Attrition [507]. Bei Popiela et al. (2001) gibt es ebenfalls Unterschiede in der Baseline zwischen den Patientenarmen und es gibt wenige Informationen über die Erhebungsmethoden der Endpunkte [506]. Beuth et al. (2001) haben auch keine weiteren Angaben zum Drop-out oder zur Attrition und der Median Follow-up unterscheidet sich deutlich zwischen den Armen [505].

Hydrolytische Enzyme und durch Weisheitszahnextraktion induzierte Schmerzen, Schwellungen und damit assoziierte Lebensqualität, Schwellung durch Lymphödem und Lebensqualität unter Chemotherapie:

Die Auswirkungen der hydrolytischen Enzyme auf Schwellungen wurden in zwei Studien, die Auswirkungen auf die Lebensqualität in zwei und die Auswirkungen auf Schmerz in einer Studie untersucht.

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Tan und Li (2018) hat Patienten mit malignen hämatologischen Erkrankungen (Leukämien, Lymphome, Myelome) untersucht, welche eine Weisheitszahnextraktion erhalten haben [500]. Es handelte sich um Patienten, bei denen der Zugang erschwert war und die Entfernung operativ durchgeführt wurde. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 36 Patienten, hat zusätzlich während der Extraktion täglich 3x30.000 Einheiten Bromelain eingenommen. Begonnen wurde damit einen Tag vor der Extraktion bis einschließlich drei Tage nach dem Eingriff. Im Kontrollarm, bestehend aus 36 Patienten, erhielten diese kalte und warme Kompressen.

Die Schmerzen wurden mittels visueller Analogskala an den postoperativen Tagen 1, 3 und 7 erhoben. An allen 3 Erhebungen gab es dabei signifikante Unterschiede zugunsten des Interventionsarms. Am ersten Tag 5.35 ± 1.42 gegenüber 6.06 ± 1.23 (p = 0.013), am dritten Tag 4.06 ± 1.13 gegenüber 4.73 ± 1.25 (p = 0.019) und am siebten Tag 2.23 ± 1.02 gegenüber 2.76 ± 1.17 (p = 0.044). Ebenfalls wurde in dieser Studie die Einschränkung der Mundöffnung beider Gruppen miteinander verglichen. Dies wird zusätzlich unter dem Punkt Schwellungen mit aufgeführt, da diese ein wesentlicher Faktor sind, die eine solche Einschränkung bedingen. Zur Auswertung wurden Messpunkte am Kiefer festgelegt, präoperativ erhoben und mit den postoperativen Tagen 1, 3 und 7 verglichen. Auch in diesem Punkt gab es an allen der Erhebungen signifikante Unterschiede zugunsten des Interventionsarms. Am ersten Tag 2.15 ± 0.34 gegenüber 2.76 ± 0.53 (p < 0.0001), am dritten Tag 1.16 ± 0.33 gegenüber 1.83 ± 0.45 (p < 0.0001) und am siebten Tag 0.43 ± 0.12 gegenüber 1.16 ± 0.27 (p < 0.0001).

Die Lebensqualität wurde eine Woche nach der Zahnextraktion erhoben. Diese wurde mit einem Erhebungsbogen ausgewertet. Genauer gesagt handelt es sich um den PoSSE (Postoperative Symptom and Severity) Score, welcher die Bereiche Essen, Sprache, Stimmung, Schwellungen, Übelkeit und Alltag abdeckt. Die Auswertung ergab in allen erfassten Bereichen einen signifikanten Unterschied zugunsten des Interventionsarms. Im Bereich Essen 5.76 ± 2.78 gegenüber 7.96 ± 2.18, (p = 0.0004); Bereich Sprache 1.17 ± 0.63 gegenüber 2.57 ± 0.93 (p < 0.0001); Bereich Stimmung 0.83 ± 0.36 gegenüber 1.44 ± 0.76, (p < 0.0001); Bereich Schwellungen 3.28 ± 1.57 gegenüber 4.76 ± 2.06, (p < 0.0001); Bereich Schmerzen 4.16 ± 2.01 gegenüber 6.23 ± 1.01, (p < 0.0001); Bereich Übelkeit 0.21 ± 0.12 gegenüber 0.91 ± 0.21, (p < 0.0001); Bereich Alltag 1.38 ± 0.34 gegenüber 3.38 ± 0.54, (p < 0.0001). Zur Auswertung der Schwellungen wurden vor der Weisheitszahnextraktion CT oder MRT Bilder vom Kiefer erhoben und diese mit Bildern verglichen, die an den postoperativen Tagen eins, drei und sieben erstellt wurden. An allen drei Erhebungen gab es dabei signifikante Unterschiede zugunsten des Interventionsarms. Am ersten Tag 2.23 ± 0.13 gegenüber 1.98 ± 0.27 (p < 0.0001), am dritten Tag 1.23 ± 0.13 gegenüber 1.98 ± 0.27 (p < 0.0001) und am siebten Tag 0.23 ± 0.11 gegenüber 1.01 ± 0.37 (p < 0.0001).

Die doppelt verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Kasseroller und Wenning (2003) hat Patientinnen mit Brustkrebs und operativ entfernten axillären Lymphknoten untersucht [502]. Die Patientinnen litten alle postoperativ unter sekundär entstandenen Lymphödemen. Hier wird also noch einmal auf den Punkt Schwellungen eingegangen. Alle Patientinnen haben eine CDT Therapie, bestehend aus manueller Lymphdrainage, Bandagieren des Arms, speziellen Übungen und Hautpflege, erhalten. Die Interventionsgruppe mit 44 eingeschlossenen Patientinnen hat zusätzlich 3x5 Tabletten WOBE MUGOS® E über 6.5 Wochen eingenommen. Im Kontrollarm, bestehend aus ebenfalls 44 Patientinnen, erhielten diese ein Placebo. Hier wurde das Volumen des Arms im Vergleich zu Baseline in beiden Armen miteinander verglichen. Mittels Mann-Whitney-Statistik ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Armen. Interventionsarm Baseline Volumeter 2483.0 und nach 45 Tagen 2275.1 gegenüber Baseline Volumeter 2420.1 und nach 45 Tagen 2225.7 (p = kA). Ebenfalls wurde die Hautfaltendicke als Parameter der Fibrose miteinander verglichen. Insgesamt ist es hier auch zu keinem signifikanten Vorteil im Interventionsarm gekommen. Verglichen wurde Oberarm Baseline 7.4mm und nach 45 Tagen 4mm gegenüber Baseline Oberarm 6.7mm und nach 45 Tagen 3.4mm. Ähnliche Entwicklungen wurden vom unteren Arm, der Hand und dem dritten Finger berichtet. Im unteren Arm und an der Hand gab es leichte Vorteile im Interventionsarm. Eine statistische Auswertung, bzw. p-Werte wurden nicht angegeben. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Auswertungen ergab sich im Vergleich der Hautspannung ein signifikanter Vorteil im Interventionsarm. Die Werte unterschieden sich wie folgt: Im Interventionsarm Baseline 2.0 und nach 45 Tagen 0.4 gegenüber Baseline 1.8 und nach 45 Tagen 0.5. Auch hier gibt es keine statistische Auswertung. Die Autoren sprechen insgesamt von keinem Vorteil der Enzymgruppe, bezogen auf die erhobenen Endpunkte. Zusätzlich wurden noch Entzündungsparameter erhoben. Hier ergab sich ein Vorteil im Interventionsarm.

Die unverblindete, prospektive randomisiert kontrollierte Studie von Wrbka und Kondras (1978) hat Patienten mit einem nicht vorbehandelten bronchopulmonalen Karzinom eingeschlossen [503]. Die Tumorarten konnten sich dabei unterscheiden. Im Interventionsarm, bestehend aus 25 Patienten, erhielten die Patienten neben einer Chemotherapie noch WOBE MUGOS® Mikroklysmen je 5g für ein bis vier Wochen. Ambulant wurde diese Therapie mit Dragées weitergeführt. Der Kontrollarm, bestehend aus 26 Patienten, hingegen erhielt neben der Chemotherapie keine weitere Intervention. Ziel der Studie war es unter Anderem herauszufinden, ob durch die zusätzliche Enzymgabe der Therapieerfolg gesteigert werden konnte. Als Erfolg galten eine gesteigerte Lebensqualität und auch ein gleichbleibendes oder gebessertes Röntgenbild. Bezüglich der Lebensqualität zeigte sich ein Vorteil zugunsten der Interventionsgruppe, sowohl bei der Analyse mit Patienten welche länger oder kürzer als 6 Monate lebten. Leider wurde keine statistische Untermauerung bezüglich dieses Ergebnisses geliefert. Des Weiteren fehlten viele Angaben, z.B. zur Baseline, Drop-out, Attrition.

Es ist schwierig anhand einer Studie mit geringer Teilnehmerzahl eine gültige Aussage zu dem Endpunkt Schmerz zu treffen, auch wenn dieses hier positiv ausfällt. Zudem da die Studie von den Autoren Tan und Li (2018) als verblindet angegeben wird, was jedoch aufgrund der unterschiedlichen Interventionen in den beiden Armen nicht möglich ist [500]. Es gibt zudem keine Angaben zu Drop-out oder Attrition, auch wenn angegeben wurden, dass Probanden die Studie abgebrochen haben, wenn die zu sehr unter Nebenwirkungen litten. Es ist zudem der sehr spezielle Fall der Weisheitszahnextraktion zu beachten und im Gegensatz zu jeder anderen in diese Leitlinie eingeschlossene Studie, wurde bei Tan und Li (2018) nur das Enzym Bromelain verabreicht [500].

Zum Endpunkt Schwellungen berichtete zudem die Studie von Kasseroller und Wenning (2003) [502]. Diese hat ausführliche Angaben über die Patientencharakteristika, ist doppelt verblindet und wendet eine Intention-to-Treat Analyse an. Leider sind jedoch die statistischen Methoden nicht nachvollziehbar dargestellt, so fehlen in den Ergebnissen z.B. die p-Werte. Ebenfalls gibt es keine Angaben zum Drop-out und Attrition. Bezüglich dem Endpunkt Schwellungen kann keine eindeutige Aussage getroffen werden, da die beiden Studien in völlig unterschiedlichen Kontexten erheben (Weißheitszahnextraktion und während Bestrahlung). Selbiges gilt für den Endpunkt Lebensqualität.

Hydrolytische Enzyme und gastrointestinale Beschwerden:

Insgesamt wurde dieser Endpunkt in drei Studien erhoben. Die doppelt verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Martin et al. (2002) hat Patienten mit Tumoren im Beckenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [499]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 28 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis zur letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 28 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Hier wurde der Toxizitätsparameter Durchfall an den Tagen 3, 8, 21, 28 und 35 der Therapie erhoben und mit dem drei Tage vor der Therapie gemessenen Basiswert abgeglichen. Als Grundlage wurde der CTC/RTOG Erhebungsbogen bzw. dessen Kriterien genutzt. In dieser Zeit ist es in der Enzymgruppe bei 43% der Patienten zu keinem oder leichtem Durchfall gekommen. In der Vergleichsgruppe der Placebopatienten waren es 64%. Zu moderatem oder starkem Durchfall kam es bei 57% der Enzympatienten, gegenüber 36% bei den Placebopatienten. Somit ist es häufiger zu Durchfall in der Interventionsgruppe gekommen, jedoch sind diese Unterschiede so gering, dass es keinen signifikanten Unterschied gab (p = 0.11). Die Durchschnittswerte haben ebenfalls keinen signifikanten Unterschied ergeben, ein p-Wert wird von den Autoren allerdings nicht gegeben.

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dale et al. (2001) hat Patientinnen mit Zervixkarzinom untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [496]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 60 Patientinnen, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 4x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 8 ± 1 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 69 ± 15 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 60 Personen erhielten die Patientinnen keine weitere Therapie. Eine Erhebung der gastrointestinalen Beschwerden fand hier einmal wöchentlich ab der ersten Woche nach der Bestrahlung statt. Hier wurde ebenfalls das RTOG/EORTC Schema angewendet. Es wurde die maximale Ausprägung der gastrointestinalen Nebenwirkungen beider Gruppen miteinander verglichen. Die Gruppenunterschiede waren hier ebenfalls mit 1.12 ± 0.64 gegenüber 1.30 ± 0.81 statistisch nicht signifikant (p = 0.12).

Die retrospektive Kohortenstudie von Beuth et al. (2001) hat Patientinnen mit nichtmetastasiertem Brustkrebs untersucht, welche Strahlen-, Chemo-, Hormon- oder andere antineoplatische Therapien erhalten haben [505]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 239 Patientinnen, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 410 Patientinnen, erhielten diese keine weitere Therapie. Im Interventionsarm mit 140 Patienten, welche gastrointestinale Beschwerden angegeben haben, gab es eine durch den Propensity Score adjustierte Veränderung des Mittelwerts um 0.27 (Beginn 0.38; Ende 0.17), gegenüber dem Kontrollarm mit 203 Patienten von 0.11 (Beginn 0.39; Ende 0.24). Dies hat zu einem signifikanten Unterschied zugunsten des Interventionsarms geführt (p = 0.005). Eine hohe Mittelwertsveränderung bedeutet hier, dass die Symptome aller Teilnehmer innerhalb einer Gruppe deutlich gesunken sind. Als Behandlungserfolg wurde gewertet, wenn das Symptom „gastrointestinale Beschwerden“ anfänglich vorhanden war und im Verlauf der Therapie sistiert hatte. Dies war im Interventionsarm bei 59 der 140 Patienten der Fall und im Kontrollarm bei 74 von 203 Patienten. Dies ergab ebenfalls einen signifikanten Unterschied zugunsten des Interventionsarms (p = 0.042).

Hier gibt es mit 3 Studien eine relativ breite Informationslage. Allerdings kommen auch hier nicht alle Studien zu gleichen Ergebnissen. Die Studie von Martin et al. (2002) erhält keine signifikanten Unterschiede, jedoch gibt es einen geringen Vorteil in der Placebogruppe [499]. Auch wurden hier alle Parameter in einem Gespräch erhoben und nicht durch einen Erhebungsbogen, womit eine Erfassung objektiver gewesen wäre. In der Studie von Dale et al. (2001) gibt es ebenfalls keine signifikanten Unterschiede [496]. Diese Studie wurde offen gestaltet und die Erhebungen fanden auch nur durch eine Einzelperson statt. Beuth et al. (2001) haben einen signifikanten Vorteil in der Enzymgruppe ermittelt [505]. Bei dieser offenen Kohortenstudie ist zu bemängeln, dass es keine weiteren Angaben zu Drop-out und Attrition gibt. Positiv hervorzuheben ist hier die Auswertung mit dem Propensity-Score, womit mögliche Unterschiede bei der Baseline angepasst wurden. 

Hydrolytische Enzyme und Beschwerden an Haut und Schleimhäuten:

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dale et al. (2001) hat Patientinnen mit Zervixkarzinom untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [496]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 60 Patientinnen, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 4x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 8 ± 1 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 69 ± 15 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 60 Personen erhielten die Patientinnen keine weitere Therapie. Ermittelt wurden hier die Auswirkungen der Strahlentherapie auf die Vaginalschleimhaut, sowie auf die Haut im Allgemeinen. Es wurden dabei die maximalen Werte beider Gruppen gegenübergestellt. Die Auswertung erfolgte dabei anhand des RTOG/EORTC Schemas und die Werte wurden einmal wöchentlich ab der ersten Woche nach Bestrahlungsbeginn erhoben. Bezogen auf die Therapienebenwirkungen bzw. Schädigung der Vaginalschleimhaut ergaben sich zwischen der Interventionsgruppe mit 0.55 ± 0.62, und der Kontrollgruppe mit 0.85 ± 0.82 keine signifikanten Unterschiede (p = 0.10). Jedoch ergab sich zwischen den Auswirkungen auf die Haut im Allgemeinen ein signifikanter Unterschied zugunsten der Enzymgruppe, mit 0.97 ± 0.82 gegenüber 1.68 ± 0.87 (p < 0.001).

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Gujral et al. (2001) hat Patienten mit Tumoren in Kopf-, Hals- und Rachenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [498]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 53 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 4 ± 2 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 54 ± 9 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 93-100 Patienten (es variierte zwischen den Endpunkten) erhielten die Patienten keine weitere Therapie. Hier wurden zum einen die maximale Ausprägung der Hautreaktionen, sowie deren Durchschnittswerte über die Zeit, in Form der „area under the curve“ ermittelt. Erhoben wurden diese Werte ebenfalls wöchentlich mittels des RTOG/EORTC Schemas. Die maximale Ausprägung mit 1.23 ± 0.75 im Interventionsarm gegenüber 2.39 ± 1.10 im Kontrollarm war signifikant geringer (p < 0.0001). Genauso ergab sich ein signifikanter Unterschied bei der Höhe der Hautreaktionen im Durchschnitt mit 3.9 ± 2.9 gegenüber 9.5 ± 3.9 zugunsten des Interventionsarms (p = 0.0001). Zuletzt wurden in dieser Studie die Zeit bis zum Auftreten der Hautreaktionen Grad II erhoben. Im Interventionsarm waren dies 6.6 ± 1.6 Wochen gegenüber 5.7 ± 1.4 im Kontrollarm. Dies führte ebenfalls zu einem signifikant späteren Auftreten im Interventionsarm (p = 0.0048).

Die doppelt verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Martin et al. (2002) hat Patienten mit Tumoren im Beckenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [499]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 28 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis zur letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 28 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Hier wurde der Toxizitätsparameter Epitheliolyse erhoben und zwischen den Gruppen verglichen. Im Interventionsarm hatten 75% der Patienten keine oder leichte Epitheliolyse und 25% moderate oder stärkere Epitheliolyse. Im Kontrollarm lag dieser Wert bei 89% bzw. 11%. Es ergaben sich weder signifikante Gruppenunterschiede bezogen auf die Stärke (p = 0.16), noch auf die Durchschnittswerte (p = kA) zwischen den Gruppen.

Die retrospektive Kohortenstudie von Beuth et al. (2001) hat Patientinnen mit nichtmetastasiertem Brustkrebs untersucht, welche Strahlen-, Chemo-, Hormon- oder andere antineoplatische Therapien erhalten haben [505]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 239 Patientinnen, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 410 Patientinnen, erhielten diese keine weitere Therapie. Hier wurden die Mittelwertdifferenzen (während der Intervention gemessener Wert im Vergleich zum Therapiebeginn) und der Therapieerfolg bezogen auf die Hautreaktionen erhoben. Es ergab sich dabei eine Mittelwertdifferenz von 0.65 im Interventionsarm gegenüber 0.15 im Kontrollarm, was zu einem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.006). Ein Behandlungserfolg stellte sich ein, wenn ein zu Beginn vorhandenes Symptom über den Behandlungszeitraum hinweg nicht mehr vorhanden war. Dies war in Bezug auf die Hautreaktionen bei 38% der Patientinnen des Interventionsarms der Fall und bei 60% des Kontrollarms. Dies führte zu einem signifikanten Unterschied (p = 0.006). Dieser Unterschied fiel zugunsten der Kontrollgruppe aus, wurde aber in der Studie von den Autoren nicht weiter beschrieben.

Die dreifach verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dorr et al. (2007) hat Patienten mit Tumoren im Bereich der Mundhöhle untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [497]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 69 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis 5 Tage nach der letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 69 Patienten, erhielten diese ein Placebo. In dieser Studie wurden unter dem Punkt „weitere Nebenwirkungen“ die Endpunkte Trockenheit und feuchte Hautablösung erhoben. Dabei ergaben sich in beiden Punkten keine relevanten Gruppenunterschiede (p = 0.33 und p = 0.57).

Grundsätzlich besteht hier eine hohe Evidenz, da sich insgesamt 5 Studien mit diesem Endpunkt auseinandergesetzt haben, jedoch kamen die Autoren zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Studien von Dale et al. (2001) [496], Gujral et al. (2001) [498] und Beuth et al. (2001) [505] haben einen positiven Einfluss der Enzymtherapie auf Hautbeschwerden ergeben. Dale et al. (2001) haben zusätzlich den Einfluss auf Schleimhäute erhoben, hier aber keinen signifikanten Unterschied erhalten [496]. Diese RCT ist gut ausgewertet, jedoch handelt es sich um eine offene Studie, bei der nur eine Einzelperson die Auswertung vorgenommen hat. Bei Gujral et al. (2001) handelt es sich ebenfalls um eine nicht verblindete RCT mit allerdings adäquater statistischer Auswertung [498]. Teilweise unterscheiden sich hier die Anzahl der Patienten in den einzelnen Auswertungen und auch hier wurde nur durch eine Einzelperson ausgewertet. Bei Beuth et al. (2001) handelt es sich um eine Kohortenstudie, welche nachvollziehbar ausgewertet wurde [505]. Zu bemängeln ist, dass hier Follow-up Unterschiede bestehen und es keine weiteren Angaben zu Drop-out und Attrition gibt. Die Ergebnisse von Martin et al. (2002) stehen im Gegensatz zu den bisherigen, da bei dieser verblindeten RCT keine signifikanten Unterschiede aufgetreten sind [499]. Es kommt hier sogar zu einem leichten Trend zugunsten des Kontrollarms. Jedoch zeichnet sich diese Studie auch durch eine geringe Teilnehmerzahl und eine hohe Attrition aus, sowie eine unzureichende statistische Auswertung wie fehlende Gruppenvergleiche. Bei der verblindeten RCT von Dorr et al. (2007) haben sich keine Gruppenunterschiede ergeben [497]. Die Auswertung ist hier aufgrund vieler fehlender Werte nur schwer nachzuvollziehen. Insgesamt ist es trotz der hohen Anzahl an Studien schwer ein Gesamtergebnis zu formulieren, da zum einen die Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und zum anderen die Studien mit Mängeln behaftet sind.

Hydrolytische Enzyme und Strahlentherapie induzierte Schluckstörungen:

Der Endpunkt Schluckstörungen wurde in den Studien von Gujral et al. (2001) [498] und Dorr et al. (2007) [497] erhoben. Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Gujral et al. (2001) hat Patienten mit Tumoren in Kopf-, Hals- und Rachenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [498]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 53 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 4 ± 2 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 54 ± 9 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 93-100 Patienten, (es variierte zwischen den Endpunkten) erhielten diese keine weitere Therapie. Es wurde die maximale Ausprägung der Schluckstörungen, der Durchschnittswert über den Erhebungszeitraum und der Zeitraum bis zum Beginn der Schluckstörungen erhoben. Die Auswertung erfolgte nach RTOG/EORTC Schema. Bei der maximalen Ausprägung hat sich ein signifikanter Unterschied, mit 1.33 ± 0.63 gegenüber 2.24 ± 0.60 zugunsten des Interventionsgruppe, gezeigt (p < 0.0001). Auch beim Durchschnittswert gab es mit 5.2 ± 3.4 zu 10.1 ± 3.6 einen ebenfalls signifikanten Unterschied zugunsten der Interventionsgruppe (p = 0.0001). Auch der Zeitpunkt bis zum Auftreten von Schluckstörungen war zugunsten des Interventionsarms statistisch signifikant. Die Schluckstörungen traten also erst später auf als im Kontrollarm. Zur Auswertung wurden diese in Grad I und Grad II unterteilt. Grad I mit 5.2 ± 1.5 gegenüber 3.6 ± 0.5 Wochen (p = 0.0092) und Grad II mit 7.3 ± 0.8 gegenüber 6.1 ± 1.3 Wochen (p = 0.0064).

Die dreifach verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dorr et al. (2007) hat Patienten mit Tumoren im Bereich der Mundhöhle untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [497]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 69 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis 5 Tage nach der letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 69 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Einmal pro Woche wurden in dieser Studie „weitere Nebenwirkungen“ erhoben. Darunter fiel auch der Endpunkt Schluckbeschwerden, welcher ebenfalls mit dem RTOG/EORTC Schema erhoben wurde. Dabei ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (p = 0.53). Hier kommen die Studien von Gujral et al. (2001) [498] und Dorr et al. (2007) [497] zu verschiedenen Ergebnissen. Gujral et al. (2001) haben ihre Studie im Gegensatz zu Dorr et al. (2007) nicht verblindet. Bei Dorr et al. (2007) gibt es hingegen wenig Angaben zur Baseline.

Hydrolytische Enzyme und Therapieverträglichkeit:

Dieser Endpunkt ist schwer abgrenzbar, da z.B. gastrointestinale Beschwerden oder auch Schluckstörungen zur Therapieverträglichkeit gehören. Es gibt jedoch eine Studie, bei der die Therapieverträglichkeit als Symptomkomplex gewertet wurde und nicht einzeln aufzuschlüsseln ist.

Die retrospektive Kohortenstudie von Popiela et al. (2001) hat Patienten mit kolorektalem Karzinom untersucht, welche eine antineoplastische Therapie erhalten haben (Chemotherapie, Strahlentherapie) [506]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 587 Patienten, hat zusätzlich während der antineoplastischen Therapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 597 Patienten erhielten die Patienten keine weitere Therapie. Als Besonderheit wurde die Mann-Whitney-Statistik zur Auswertung verwendet: 0,36 bedeutet eine mittlere Unterlegenheit; 0,44 eine geringe Unterlegenheit; 0,5 keine Gruppenunterschiede; 0,56 eine geringe Überlegenheit; 0,64 eine mittlere Überlegenheit; 0,71 eine hohe Überlegenheit. Ebenfalls gab es zwei Gruppenaufteilungen, sodass in einem Gruppenvergleich die Teilnehmer beider Arme noch weitere komplementäre Therapien angewendet haben (Komplementärgruppen) und im anderen Gruppenvergleich der Interventionsarm lediglich hydrolytische Enzyme eingenommen und der Kontrollarm keine weiteren Therapien angewendet hat (Monotherapiegruppen). Die zur Therapieverträglichkeit gehörenden Endpunkte dieser Studie waren Folgende: Die krankheits- und behandlungsspezifischen Symptome während und nach der antineoplastischen Therapie im Vergleich zur vorher erhobenen Baseline: Hier gab es zwischen den Monotherapiegruppen eine geringe Überlegenheit des Interventionsarms mit 0.6077, 95% KI:0.5535 – 0.6619 (p < 0.0001). Zwischen den Komplementärgruppen ergab sich mit 0.5224, 95% KI:0.4756–0.5692 kein Gruppenunterschied (p = 0.3486).

Verträglichkeit und Sicherheit der Krebstherapie: Die Anzahl der Patienten, welche die Therapie sehr gut vertragen haben, wird in % gegeben. Hier gab es zwischen den Monotherapiegruppen eine hohe Überlegenheit des Interventionsarms mit 0.7471, 95% KI: 0.7054–0.7889 (p < 0.0001). Zwischen den Komplementärgruppen ergab sich mit 0.5865, 95% KI: 0.5455–0.6275 eine geringe Überlegenheit der Enzymgruppe (p < 0.0001). Mittelwertsveränderungen der vorhandenen Symptome: Hier gab es zwischen den Monotherapiegruppen eine mittlere Überlegenheit des Interventionsarms mit 0.6478, 95% KI: 0.5898–0.7058, (p < 0.0001). Zwischen den Komplementärgruppen ergab sich mit 0.5040, 95% KI: 0.4548–0.5532 kein Gruppenunterschied (p = 0.8727). Patienten ohne Therapiebeschwerden in Prozent: Hier gab es zwischen den Monotherapiegruppen mit 0.5440, 95% KI: 0.4950–0.5929 keine Gruppenunterschiede (p = 0.0798). Zwischen den Komplementärgruppen ergab sich mit 0.5570, 95% KI:0.5120–0.6020 ebenfalls kein Gruppenunterschied (p = 0.0138). Nach Adjustierung mit dem Propensitiy Score war der Unterschied in der Komplementärgruppe signifikant (p = 0.002). Relevante Reduktion der durch die Chemo- und Radiotherapie verursachten Behandlungsschäden: Hier gab es zwischen den Monotherapiegruppen eine mittlere Überlegenheit des Interventionsarms mit 0.6721, 95% KI: 0.6080–0.7363 (p < 0.0001). Zwischen den Komplementärgruppen ergab sich mit 0.5880, 95% KI: 0.5246–0.6514 eine geringe Überlegenheit des Interventionsarms (p = 0.0062). Nach Adjustierung mit dem Propensitiy Score war der Unterschied in der Komplementärgruppe nicht mehr signifikant (p = 0.936). Performance Index und Karnofsky Index Unterschiede während der Therapie zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe: Bei dem Performance Index gab es bei beiden Gruppen vergleichen keine Gruppenunterschiede. Monotherapiegruppenvergleich 0.5645, 95% KI: 0.5166–0.6124 (p = 0.0071). Komplementärgruppenvergleich 0.4718, 95% KI: 0.4284–0.5151 (p = 0.1930). Ein ähnliches Ergebnis ergab sich beim Karnofsky Index. Hier hab es ebenfalls keine Gruppenunterschiede in beiden Gruppenvergleichen. Monotherapiegruppenvergleich 0.4947, 95% KI: 0.4411–0.5483 (p = 0.0846). Komplementärgruppenvergleich 0.5202, 95% KI: 0.4725–0.5679 (p = 0.4003). Aufgrund der Mann-Whitney-Statistik wird hier nicht nur die Signifikanz, sondern auch die Ausprägung mit angegeben. Die Autoren nutzen ebenfalls den Propensity Score zum Ausschluss von Kovariaten auf das Ergebnis. Nachteilig ist zu werten, dass es keine Verblindung in dieser Kohortenstudie gibt und sich in einigen Punkten die Baselinewerte zwischen den Gruppen unterschieden haben.

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Stauder et al. (1991) hat Abdominalkrebspatienten untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [504]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 36 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich ca. 5 bis 15 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Die Vergleichsgruppe, bestehend aus 32 Patienten, erhielt lediglich die Strahlentherapie. Der Erhebungszeitraum ging dabei 35 Tage. Ermittelt wurden die Einflüsse der Enzymbehandlung auf die Intensität der Strahlenbehandlung, Einflüsse auf den Allgemeinstatus der Patienten, Einflüsse auf die Strahlennebenwirkungen und auf die benötigte Begleitmedikation. Strahleneinzeldosen (Gy) zu Beginn, nach 2 Wochen, nach 5 Wochen im Interventionsarm: 1.95 ± 0.11; 1.95 ± 0.11; 1.95 ± 0.11 gegenüber dem Kontrollarm 1.81 ± 0.45;1.88 ± 0.25; 1.88 ± 0.26 (p-Wert nicht gegeben). Hier wurde keine statistische Auswertung angegeben, jedoch sprechen die Autoren von höheren Strahlenmengen, die durch die Patienten im Interventionsarm vertragen wurden. Gesamtbestrahlung (Gy) nach 2 Wochen und nach 5 Wochen im Interventionsarm: 19.70 ± 3.88; 54.20 ± 13.60 gegenüber 19.80 ± 3.50; 46.70 ± 7.68 (p-Wert nicht gegeben). Hier konnten höhere Gesamtdosen in der Interventionsgruppe appliziert werden, jedoch gibt es auch hier keine statistische Auswertung. Die Strahlungsnebenwirkungen begannen im Interventionsarm mit 17.3 ± 12.3 Tagen gegenüber 15.6 ± 7.7 Tagen später, hier jedoch wieder keine Auswertung. Die Schwere der Nebenwirkungen, bei einem Score von 1 bis 3, lagen mit 1.77 ± 0.77 gegenüber Arm B: 1.88 ± 0.62 im Interventionsarm etwas geringer (p-Wert nicht gegeben). Die durchschnittliche Verträglichkeit lag mit 1.57 ± 0.88 gegenüber 1.38 ± 0.86 in diesem Fall auf der Seite der Kontrollgruppe. Diese Beurteilung wurde durch die behandelnden Ärzte durchgeführt. Diese Beurteilung wurde gleichfalls durch die Patienten getätigt und führte mit 1.75 ± 1.13 gegenüber 1.41 ± 0.86 zu einem ähnlichen Ergebnis zugunsten der Kontrollgruppe. Da, bis auf die subjektiven Bewertungen durch die Patienten und Ärzte, die Enzymgruppe in den Endpunkten zu besseren Ergebnissen kommt, sprechen sich die Autoren für eine hydrolytische Enzymtherapie aus. Leider fehlen in dieser Studie einige Angaben, so gibt es z.B. keine Angaben über das Geschlecht der Patienten. Ebenfalls erwähnen die Autoren zwar die statistischen Methoden die sie angewendet haben, jedoch fehlen konkrete Zahlen in der Auswertung. Es gibt keine Angaben über Drop-out und Attrition.

Die unverblindete, prospektive randomisiert kontrollierte Studie von Wrbka und Kondras (1978) hat Patienten mit einem nicht vorbehandelten bronchopulmonalen Karzinom eingeschlossen [503]. Die Tumorarten konnten sich dabei unterscheiden. Im Interventionsarm, bestehend aus 25 Patienten, erhielten die Patienten neben einer Chemotherapie noch WOBE MUGOS® Mikroklysmen je 5g für ein bis vier Wochen. Ambulant wurde diese Therapie mit Dragées weitergeführt. Der Kontrollarm, bestehend aus 26 Patienten, hingegen erhielt neben der Chemotherapie keine weitere Intervention. Ziel der Studie war es unter Anderem herauszufinden, ob durch die zusätzliche Enzymgabe die zytostatische Therapie besser vertragen. Im Interventionsarm gab es 2 Therapieabbrüche gegenüber 9 Abbrüchen im Interventionsarm. In der Subgruppe der Patienten mit einer Überlebenszeit von über sechs Monaten erhielten im Interventionsarm 8 Patienten durchschnittlich 11 Infusionen der Chemotherapie gegenüber ebenfalls 8 Patienten mit durchschnittlich 3.37 Infusionen (Bei allen Patienten 6.88 Infusionen gegenüber 4.50 Infusionen). Im Interventionsarm wurde bei 68% der Patienten eine Besserung festgestellt. Im Kontrollarm war dies bei 57.69% der Patienten der Fall. Leider gab es in dieser Studie keine statistische Auswertung zu den Ergebnissen, die somit nur schwer verwertbar sind. Des Weiteren fehlten viele Angaben, z.B. zur Baseline, Drop-out, Attrition. Die Verträglichkeit wurde durch die Autoren als gut beschrieben. Die Autoren sprechen sich für eine Enzymtherapie aus, da die Patienten im Interventionsarm auf die Endpunkte bezogen zu besseren Ergebnissen gekommen sind.

Hydrolytische Enzyme und urogenitale Nebenwirkungen:

Die urogenitalen Nebenwirkungen wurden in einer Studie erhoben. Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dale et al. (2001) hat Patientinnen mit Zervixkarzinom untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [496]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 60 Personen, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 4x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 8±1 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 69 ± 15 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 60 Patientinnen, erhielten diese keine weitere Therapie. Die Auswertung fand anhand des RTOG/EORTC Schemas statt und wurde einmal wöchentlich erhoben. Mit einem Unterschied von 0.93 ± 0.52 zu 1.38 ± 0.56 gab es einen signifikanten Gruppenunterschied zugunsten des Interventionsarms (p < 0.001). Es gab hier keine Unterschiede bei der Baseline beider Gruppen, jedoch ist diese Studie nicht verblindet und die Auswertung wurde von einer Einzelperson erhoben. Anhand einer Studie ist es nicht möglich eine gültige Aussage zu treffen, da hier nicht genügend Evidenz vorliegt.

Hydrolytische Enzyme und zusätzlich benötigte Medikamente / Analgetika:

Die Frage nach zusätzlichem Medikamenten- bzw. Analgetikaverbrauch wurde in drei Studien erhoben. Die dreifach verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dorr et al. (2007) hat Patienten mit Tumoren im Bereich der Mundhöhle untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [497]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 69 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis 5 Tage nach der letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 69 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. In dieser Studie wurden einmal pro Woche mittels dem RTOG/EORTC Schema die Anzahl der benötigten Analgetika erhoben. Dabei ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe (p = 0.28).

Die doppelt verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Martin et al. (2002) hat Patienten mit Tumoren im Beckenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [499]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 28 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis zur letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 28 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Es wurden über den Studienzeitraum 29x Medikamente in der Interventionsgruppe abgerufen, während es nur 19x in der Kontrollgruppe war. Ein weiterer Gruppenvergleich wurde leider nicht durchgeführt. Dorr et al. (2007) haben keinen signifikanten Unterschied zwischen den Armen festgestellt [497]. Martin et al. (2002) haben lediglich die Anzahl der Medikamente aufgeführt, ohne darauf weiter einzugehen [499].

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Stauder et al. (1991) hat Abdominalkrebspatienten untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [504]. Die Interventionsgruppe hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich ca. 5 bis 15 Tabletten WOBE MUGOS® eingenommen. Der Erhebungszeitraum ging dabei 35 Tage. Ermittelt wurde unter anderem der Einfluss der Enzymbehandlung auf die benötigte Begleitmedikation. Die Anzahl an zusätzlich benötigten Medikamenten lag mit 102 zu 125 im Interventionsarm etwas geringer (p-Wert nicht gegeben). Leider wurde auch in dieser Studie auf eine statistische Unterlegung eines möglichen Unterschieds verzichtet.

Hydrolytische Enzyme und weitere (Bestrahlungs-) Nebenwirkungen:

Hier werden weitere Nebenwirkungen, die während der Behandlung ausgewertet wurden, zusammengefasst. Gesondert betrachtet wurden bereits Mukositis, Schluckstörungen, Haut, Schleimhaut, Schwellungen, Urogenitalsystem, zusätzlich benötigte Medikamente und gastrointestinale Beschwerden.

Die retrospektive Kohortenstudie von Beuth et al. (2001) hat Patientinnen mit nichtmetastasiertem Brustkrebs untersucht, welche Strahlen-, Chemo-, Hormon- oder andere antineoplatische Therapien erhalten haben [505]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 239 Patientinnen, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 410 Personen, erhielten die Patientinnen keine weitere Therapie. Hier wurden zum einen die Mittelwertdifferenzen der nachfolgend genannten Symptome erhoben. Diese ergeben sich aus der Differenz eines zuvor erhobenen Basiswerts mit den Werten, die während der Therapie erfasst werden. Eine hohe Mittelwertveränderung bedeutet hier, dass die Symptome aller Teilnehmer innerhalb einer Gruppe deutlich gesunken sind. Ebenfalls wird ein Behandlungserfolg ausgewertet, der Eintritt, wenn ein zuvor vorhandenes Symptom nicht mehr besteht. Bei den mentalen Nebenwirkungen gab es eine signifikant höher ausgefallene Mittelwertdifferenz (adjustiert mittels Propensity Score) in der Interventionsgruppe (n = 201) gegenüber der Kontrollgruppe (n = 322), 0.26 (Beginn 0.55; Ende 0.32) gegenüber 0.12 (Beginn 0.50; Ende 0.35) (p = 0.005). Ein Behandlungserfolg stellte sich bei 24% der Patientinnen in der Interventionsgruppe gegenüber 24% in der Kontrollgruppe ein, was zu keinem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.707). Bei dem Faktor Dyspnoe gab es eine signifikant höher ausgefallene Mittelwertdifferenz in der Interventionsgruppe (n = 52) gegenüber der Kontrollgruppe (n = 60), 0.20 (Beginn 0.68; Ende 0.57) gegenüber -0.22 (Beginn 0.55; Ende 0.69) (p = 0.012). Ein Behandlungserfolg stellte sich bei 31% der Patienten in der Interventionsgruppe gegenüber 17% in der Kontrollgruppe ein, was zu keinem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.056). Bei den Kopfschmerzen gab es eine signifikant höher ausgefallene Mittelwertdifferenz in der Interventionsgruppe (n = 50) gegenüber der Kontrollgruppe (n = 85), 0.44 (Beginn 0.94; Ende 0.50) gegenüber 0.08 (Beginn 0.81; Ende 0.73) (p = 0.036). Ein Behandlungserfolg stellte sich bei 50% der Patienten in der Interventionsgruppe gegenüber 29% in der Kontrollgruppe ein, was zu keinem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.315). Bei den Tumorschmerzen gab es keine signifikant höher ausgefallene Mittelwertdifferenz in der Interventionsgruppe (n = 51) gegenüber der Kontrollgruppe (n = 47), 0.48 (Beginn 1.04; Ende 0.45) gegenüber 0.68 (Beginn 1.04; Ende 0.47) (p = 0.272). Ein Behandlungserfolg stellte sich bei 65% der Patienten in der Interventionsgruppe gegenüber 60% in der Kontrollgruppe ein, was zu ebenfalls keinem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.483). Bei dem Faktor Kachexie gab es eine signifikant höher ausgefallene Mittelwertdifferenz in der Interventionsgruppe (n = 23) gegenüber der Kontrollgruppe (n = 14), 0.66 (Beginn 1.04; Ende 0.48) gegenüber -0.50 (Beginn 0.93; Ende 1.29) (p = 0.002). Ein Behandlungserfolg stellte sich bei 65% der Patienten in der Interventionsgruppe gegenüber 7% in der Kontrollgruppe ein, was zu einem ebenfalls signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.008). Bei den Infektionen gab es keine signifikant höher ausgefallene Mittelwertdifferenz in der Interventionsgruppe (n = 52) gegenüber der Kontrollgruppe (n = 70), 0.50 (Beginn 1.19; Ende 0.60) gegenüber 0.24 (Beginn 1.00; Ende 0.84) (p = 0.125). Ein Behandlungserfolg stellte sich bei 48% der Patienten in der Interventionsgruppe gegenüber 24% in der Kontrollgruppe ein, was zu keinem signifikanten Unterschied geführt hat (p = 0.597).

Die doppelt verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Martin et al. (2002) hat Patienten mit Tumoren im Beckenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [499]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 28 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis zur letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 28 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Hier wurden einige Toxizitätsparameter während der Behandlung erhoben (an den Tagen 3, 8, 15, 21, 28 und 35) und mit dem Baselinewert abgeglichen. Der Faktor Übelkeit war mit 93% keine oder leichte Übelkeit und 7% moderate oder stärkere Übelkeit in beiden Gruppen exakt gleich verteilt, sodass es keinen signifikanten Unterschied gab (p = kA). Der Faktor Erbrechen war mit 100% keinem oder leichtem Erbrechen in beiden Gruppen ebenfalls exakt gleich verteilt (p = kA). Zu Fatigue kam es bei 82% der Patienten in der Interventionsgruppe gegenüber 93% der Patienten in der Kontrollgruppe in keiner oder leichter Form. Bei moderater oder stärkerer Ausprägung lag der Unterschied bei 18% zu 7%. Dies führte zu keinen signifikanten Gruppenunterschieden (p = 0.23). Hier ergaben sich auch keine Unterschiede bei den Durchschnittswerten (p = kA).

Die retrospektive Kohortenstudie von Popiela et al. (2001) hat Patienten mit kolorektalem Karzinom untersucht, welche eine antineoplastische Therapie erhalten haben (Chemotherapie, Strahlentherapie) [506]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 587 Patienten, hat zusätzlich während der antineoplastischen Therapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 597 Patienten erhielten die Patienten keine weitere Therapie. Als Besonderheit wurde die Mann-Whitney-Statistik zur Auswertung verwendet: 0,36 bedeutet eine mittlere Unterlegenheit; 0,44 eine geringe Unterlegenheit; 0,5 keine Gruppenunterschiede; 0,56 eine geringe Überlegenheit; 0,64 eine mittlere Überlegenheit; 0,71 eine hohe Überlegenheit. Ebenfalls gab es zwei Gruppenaufteilungen, sodass in einem Gruppenvergleich die Teilnehmer beider Arme noch weitere komplementäre Therapien angewendet haben (Komplementärgruppen) und im anderen Gruppenvergleich der Interventionsarm lediglich hydrolytische Enzyme eingenommen hat und der Kontrollarm keine weiteren Therapien angewendet hat (Monotherapiegruppen). Hier wurde die Anzahl an Nebenwirkungen erfasst. Es gab zwischen den Monotherapiegruppen mit 0.6339, 95% KI: 0.6020–0.6659 eine geringe Überlegenheit der Enzymgruppe (p = 0.2679). Zwischen den Komplementärgruppen ergab sich mit 0.5171, 95% KI: 0.4882–0.5459 hingegen kein Gruppenunterschied (p = 0.2679).

Die dreifach verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Dorr et al. (2007) hat Patienten mit Tumoren im Bereich der Mundhöhle untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [497]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 69 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis 5 Tage nach der letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 69 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. In dieser Studie wurden einmal pro Woche mittels dem RTOG/EORTC Schema die Schmerzen beim Schlucken als Nebenwirkung erhoben. Dabei ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe (p = 0.96).

Die Studien von Martin et al. (2002) [499] und Dorr et al. (2007) [497], haben keine signifikanten Unterschiede feststellen können. Dagegen sind bei Popiela et al. (2001) die nicht näher erläuterten Nebenwirkungen geringfügig weniger im Enzymarm [506]. Mentale Nebenwirkungen, Dyspnoe, Kopfschmerzen und Übelkeit kamen im Mittel im Enzymarm weniger vor. Die ausgewerteten Endpunkte der Studien sind allerdings sehr heterogen und damit schwer zu vergleichen. Hier ist es kaum möglich Empfehlungen zu geben, da die Endpunkte doch sehr unterschiedlich sind und somit die einzelnen Studien nicht ausreichend Evidenz bieten.

Hydrolytische Enzyme und Therapieverlauf / Therapieergebnis / Überlebenszeit:

Diese miteinander zusammenhängenden Endpunkte wurden in fünf Studien untersucht. Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Gujral et al. (2001) hat Patienten mit Tumoren in Kopf-, Hals- und Rachenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [498]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 53 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x3 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 4 ± 2 Tage vor der Strahlentherapie über einen Zeitraum von 54 ± 9 Tagen. Im Kontrollarm, bestehend aus 93-100 Patienten, (es variierte zwischen den Endpunkten) erhielten diese keine weitere Therapie. Erhoben wurde hier der Therapieverlauf nach 8 Wochen zwischen den beiden Gruppen. Im Interventionsarm gab es 3x keine Auswertung, 32x vollständiges Ansprechen, 16x gutes Ansprechen, 1x moderates Ansprechen, 1x schlechtes Ansprechen bzw. Progress. Im Kontrollarm gab es 4x keine Auswertung, 23x vollständiges Ansprechen, 15x gutes Ansprechen, 5x moderates Ansprechen, 0x schlechtes Ansprechen bzw. Progress. Dies hat zu keinem signifikanten Gruppenunterschied geführt (p = 0.23). Die gleiche Erhebung wurde noch einmal 5-6 Monate nach der Strahlentherapie erhoben. Im Interventionsarm gab es 15x keine Auswertung, 25x vollständiges Ansprechen, 7x gutes Ansprechen, 1x moderates Ansprechen, 5x schlechtes Ansprechen bzw. Progress. Im Kontrollarm gab es 18x keine Auswertung, 17x vollständiges Ansprechen, 9x gutes Ansprechen, 1x moderates Ansprechen, 2x schlechtes Ansprechen bzw. Progress. Dies hat zu keinem signifikanten Gruppenunterschied geführt (p = 0.76).

Die doppelt verblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Martin et al. (2002) hat Patienten mit Tumoren im Beckenbereich untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [499]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 28 Patienten, hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich 3x4 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen. Begonnen wurde damit 3 Tage vor der ersten Strahlentherapie bis zur letzten Strahlendosis. Im Kontrollarm, bestehend aus 28 Patienten, erhielten die Patienten ein Placebo. Hier wurde die Unterbrechung der Strahlentherapie erhoben, was bei zu starken Nebenwirkungen der Fall ist. In der Interventionsgruppe wurde die Strahlentherapie im Durchschnitt 2.44 Tage unterbrochen, in der Kontrollgruppe waren es hingegen nur 1.44 Tage. Eine weitere statistische Auswertung ist leider nicht erfolgt.

Die retrospektive Kohortenstudie von Popiela et al. (2001) hat Patienten mit kolorektalem Karzinom untersucht, welche eine antineoplastische Therapie erhalten haben (Chemotherapie, Strahlentherapie) [506]. Die Interventionsgruppe, bestehend aus 587 Patienten, hat zusätzlich während der antineoplastischen Therapie täglich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® E eingenommen (dies war die empfohlene Dosierung, welche auch überwiegend so eingenommen wurde). Im Kontrollarm, bestehend aus 597 Patienten, erhielten diese keine weitere Therapie. In dieser Studie wurde die mittlere Überlebenszeit zwischen den beiden Armen verglichen. Im Interventionsarm lag diese bei 34.1 Monate gegenüber dem Kontrollarm mit 14.5 Monaten. Diese Auswertung erfolgte nur bei Patienten im Krebsstadium Duke D. Der Gruppenunterschied war signifikant zugunsten der Interventionsgruppe (plog-rank=0.0025).

Die unverblindete, randomisiert kontrollierte Studie von Stauder et al. (1991) hat Abdominalkrebspatienten untersucht, welche eine Strahlentherapie erhalten haben [504]. Die Interventionsgruppe (n = 36) hat zusätzlich während der Strahlentherapie täglich ca. 5 bis 15 Tabletten WOBE MUGOS® eingenommen. Die Vergleichsgruppe (n=36) erhielt lediglich die Strahlentherapie. Ermittelt wurde unter Anderem der Einfluss auf das Therapieergebnis. Dieser lag durchschnittlich mit 1.94 ± 0.79 gegenüber 1.22 ± 0.54 in diesem Fall auf der Seite der Kontrollgruppe. Diese Beurteilung wurde durch die behandelnden Ärzte durchgeführt. Diese Beurteilung wurde gleichfalls durch die Patienten getätigt und führte mit 1.89 ± 0.85 gegenüber 1.22 ± 0.54 zu einem ähnlichen Ergebnis zugunsten der Kontrollgruppe.

Die unverblindete, prospektive randomisiert kontrollierte Studie von Wrbka und Kondras (1978) hat Patienten mit einem nicht vorbehandelten bronchopulmonalen Karzinom eingeschlossen [503]. Die Tumorarten konnten sich dabei unterscheiden. Im Interventionsarm, bestehend aus 25 Patienten, erhielten die Patienten neben einer Chemotherapie noch WOBE MUGOS® Mikroklysmen je 5g für ein bis vier Wochen. Ambulant wurde diese Therapie mit Dragées weitergeführt. Der Kontrollarm, bestehend aus 26 Patienten, hingegen erhielt neben der Chemotherapie keine weitere Intervention. Ziel der Studie war es unter Anderem herauszufinden, ob der Therapieerfolg gesteigert werden konnte. Als Erfolg galten eine gesteigerte Lebensqualität und auch ein gleichbleibendes oder gebessertes Röntgenbild. Im Interventionsarm gab es 2 Therapieabbrüche gegenüber 9 Abbrüchen im Interventionsarm. In der Subgruppe der Patienten mit einer Überlebenszeit von über sechs Monaten hatten die Patienten im Interventionsarm eine mittlere Überlebenszeit von 20 Monaten gegenüber einer mittleren Überlebenszeit von 16.3 Monaten. Im Interventionsarm wurde bei 68% der Patienten eine Besserung im Therapieerfolg festgestellt. Im Kontrollarm war dies bei 57.69% der Patienten der Fall. Leider gab es in dieser Studie keine statistische Auswertung zu den Ergebnissen, die somit nur schwer verwertbar sind. Des Weiteren fehlten viele Angaben, z.B. zur Baseline, Drop-out, Attrition. Die Verträglichkeit wurde durch die Autoren als gut beschrieben. Die Autoren sprechen sich für eine Enzymtherapie aus.

Die Endpunkte gleichen sich nicht exakt aber zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Studien Hinweise geben, dass durch hydrolytische Enzyme das Therapieergebnis und die Überlebenszeit signifikant gebessert werden kann, jedoch der Therapieverlauf bzw. die Therapieadhärenz damit nicht beeinflusst werden kann. Ergänzend sei erwähnt, dass es sich bei Gujral et al. (2001) um eine offene Studie handelt und die Auswertung nur durch eine Person erfolgt ist [498]. Bei Popiela et al. (2001) hat es zwischen den Gruppen Baseline Unterschiede gegeben [506]. Und in der Studie von Stauder et al. (1991) fehlt eine ausführliche statistische Auswertung der Endpunkte [504], während in der Auswertung des Therapieerfolgs in der Studie von Wrbka und Kondras (1978) nur noch 16 von ursprünglich 51 Patienten eingeschlossen wurden [503].

Nebenwirkungen der Enzymtherapie

In der Studie von Wrbka and Kondras (1978) wird zusätzlich über die Verträglichkeit der WOBE MUGOS® Mikroklysmen (2x täglich, je 5g für 1 bis 4 Wochen), Dragees und der lokalen Intrapleuralen Applikation berichtet [503]. Bei 67 Patienten zeigten 87.3% eine gute Verträglichkeit der MIkroklysmen, bei 4 Patienten war die Applikationsfähigkeit aufgrund von Sphinkterschwäche eingeschränkt und etwa 12,7 % der Patienten brachen die Behandlung aufgrund von gastrointestinalen Nebenwirkungen ab. Bei 58 Patienten zeigten 71.4% eine gute Verträglichkeit der Dragees, wohingegen etwa 28.6% die Behandlung abbrachen und bei etwa 27% konnte keine Auswertung stattfinden, da diese Probanden die Einnahme eigenmächtig abbrachen oder unrichtige Angaben in den Studien machten. Für die Verträglichkeit der lokalen Intrapleuralen Applikation standen Daten von 33 Patienten zur Verfügung, hierbei zeigte sich bei 96.9% der Probanden eine gute Verträglichkeit und nur etwa 3.1% der Patienten brachen die Behandlung ab.

Bei Kasseroller und Wenning (2003) kam es bei der Einnahme vom Wobeenzym (3x5 Tabletten täglich über 6.5 Wochen) zu 6 Vorfällen von gastrointestinalen Beschwerden mit möglichem Zusammenhang zur Studienmedikation und zu einem Vorfall von gastrointestinalen Beschwerden mit definitivem Zusammenhang (5 Teilnehmer brachten daraufhin die Studie ab, Probanden insgesamt 44) [502]. Im Placeboarm (n=44) kam es zu einem Vorfall von gastrointestinalen Beschwerden mit sicherem und einem Vorfall mit fraglichem Zusammenhang zur Studienmedikation. Vorfälle von trockener Haut und Nykturie (je 1x) stehen ebenfalls in fraglichem Zusammenhang mit der Medikation. Aufgetretene Infektionen des Harntraktes stehen in keinem Zusammenhang. Aufgrund der Vorfälle haben 2 Probanden in der Placebogruppe die Studie abgebrochen.

Die Studie von Gujral et al. (2001) findet keine Unterschiede bezüglich der Nebenwirkungen zwischen der Interventionsgruppe und der Kontrollgruppe (auch wenn hier die aufgetretenen Nebenwirkungen eher der Bestrahlung zuzuordnen sind) [498].

In der Studie von Beuth et al. (2001) wird beschrieben, dass in der ursprünglichen Kohorte von 2339 (davon haben 1283 Patienten hydrolytische Enzyme eingenommen) die Rate an Nebenwirkungen der Enzymtherapie bei 3.2% lag und es sich dabei um leichte bis moderate Magen-Darm-Beschwerden handelte [505]. 

In der retrospektiven Kohortenstudie von Popiela et al. (2001) erhielten die Probanden (n = 587) 3x2 Tabletten täglich, die tatsächliche Dosis konnte allerdings leicht abweichen [506]. Es wurden 21 Fälle von definitiv behandlungsassoziierten Nebenwirkungen milden bis moderaten Magen-Darm-Beschwerden beschrieben (3.4% in der Interventionsgruppe). Bei zwei Patienten wurde daraufhin die Enzymdosis reduziert und bei einem Patienten mussten die hydrolytische Enzyme vollständig abgesetzt werden.

Auch in der Studie von Sakalova et al. (2001) traten Beschwerden des Magen-Darm-Beschwerden auf. Bei einer Dosis von 3x2 Tabletten WOBE-MUGOS® täglich mit Herabsetzen auf 3x1 täglich nach einem Jahr kam es zu 6 Vorfällen bei insgesamt eingeschlossenen 265 Probanden (166 in Interventionsgruppe), davon 2x Durchfall, 1x Übelkeit und 2x Anderes [507].

In der Studie von Dale et al. (2001) wurden den Probanden täglich 4x3 Tabletten WOBE-MUGOS® verabreicht, etwa 8 Tage vor und über die Dauer der Bestrahlung hinweg [496]. Obwohl die Autoren anmerken, dass aufgrund der Studienmedikation gastrointestinale Nebenwirkungen auftreten können, zeigten sich in der Kontrollgruppe, die keine zusätzliche Medikation erhielt tendenziell mehr Beschwerden (11.7% vs. 31.6%, p = 0.12).

Zuletzt sei die Studie von Lahousen (1995) erwähnt [508]. Es handelt sich hier um eine offene randomisiert kontrollierte Studie mit 59 Patientinnen mit bereits reseziertem Ovarialkarzinom der Stadien FIGO IB bis IV. Die Patientinnen haben 6 Zyklen einer platinhaltigen Chemotherapie erhalten. Sie wurden in 3 Gruppen unterteilt. In einer aus 24 Patientinnen bestehende „Tablettengruppe“, in der zusätzlich 3x2 Tabletten WOBE MUGOS® verabreicht wurden. Beginn der Einnahme war am zweiten Tag der Chemotherapie und da Ende am siebten Tag. Eine zweite „Drageegruppe“, bestehend aus 12 Patientinnen, erhielt im gleichen Zeitraum 3x10 Dragees WOBE MUGOS®. Zum Vergleich gab es noch eine Placebogruppe, bestehend aus 23 Patientinnen. In der Studie gab es nahezu keine Informationen über das Patientengut bzw. zur Baseline. Da die primären Endpunkte Leberwertsveränderungen waren, werden diese hier nicht berücksichtigt. Es kann lediglich erwähnt werden, dass die Autoren während der Studie keine Nebenwirkungen den Enzymtherapien zuschreiben konnten und diese als gut verträglich werten.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Enzyme wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.17 Methadon

7.48 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2024

Es liegen keine Daten aus RCTs zum Einsatz von Methadon mit dem Ziel, die Wirksamkeit der Tumortherapie zu verbessern vor. Jedoch liegen Daten aus mehreren systematischen Reviews, prospektiven und retrospektiven Kohortenstudien, Fallserien und Fallberichten zu relevanten Neben- und Wechselwirkungen von Methadon (Obstipation, Ileus, Herzrhythmusstörungen, Atemdepression, Bewusstseinseinschränkungen) vor.

Methadon soll aufgrund der mangelnden Daten zur Wirksamkeit und angesichts des erhöhten Neben- und Wechselwirkungsrisikos nicht mit dem Ziel der Steigerung der Wirksamkeit der Tumortherapie erwogen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens (97%)
Literatur
[509] [510] [511] [512] [513] [514] [515] [516] [517] [518] [519] [520] [521] [522] [523] [524] [525] [526] [527]

Methadon ist ein synthetisch hergestellter Wirkstoff aus der Gruppe der Opioide, welcher vor allem im Rahmen der Substitutionstherapie als Heroin-Ersatz, aber auch zur Behandlung von starken Schmerzen zugelassen ist. In Deutschland ist Methadon sowohl als Razemat D,L-Methadon (vorwiegend zur Substitutionstherapie), als auch als reines L-Methadon im Handel. Als Schmerzmittel sind in Deutschland nur Fertigarzneimittel mit L-Methadon erhältlich. Methadon ist ein Medikament, das eine inter- und intraindividuell stark schwankende Halbwertzeit besitzt. 

Bei Krebspatienten kann Methadon im Rahmen der Tumorschmerztherapie eingesetzt werden. Seit 2017 ist jedoch auch der Gebrauch von Methadon mit dem Ziel der Verbesserung der Wirksamkeit der Tumortherapie verstärkt im öffentlichen Diskurs. Nur dieser Off-Label Gebrauch von Methadon soll im Rahmen dieser Leitlinie betrachtet werden.

Aufgrund der Ergebnisse aus einigen experimentellen Studien gehen einige Wissenschaftler von einer möglichen antiproliferativen Wirkung von Methadon aus, die die Wirkungen von Chemo- oder Radiotherapie unterstützen soll,

Diese Studien werden jedoch größtenteils kritisch diskutiert oder weisen nur kleine Effekte auf. Demgegenüber stehen zahlreiche präklinische Studien, die gegen eine unterstützende Wirkung von klinisch vertretbaren Dosen von Methadon hinsichtlich Radio- oder Chemotherapie sprechen (u.a. [540][541][542][543][544][545]).

Bei der Recherche wurde keine randomisiert-kontrollierte Studie gefunden, die allein oder in Kombination mit einer Chemo- oder Strahlentherapie die antitumorale Wirkung von Methadon untersucht.

Insgesamt wurde nur eine retrospektive Kohortenstudie mit 27 Patienten mit unterschiedlichen Hirntumoren in verschiedenen Stadien gefunden. Diese Studie untersuchte  primär Toxizität und Toleranz von Methadon und berichtete auch das progressionsfreie Überleben [546]. Alle Patienten erhielten zusätzlich zur Chemotherapie Methadon in unterschiedlicher Dauer und Dosis. In der Regel wurde bei den Patienten das D, L-Methadon innerhalb von 2-3 Wochen stufenweise aufdosiert, wobei die finale Dosis zwischen 15-35mg/Tag lag. 9 der 27 Patienten erlitten seit dem Beginn der Methadontherapie einen Rückfall. Für 12 Patienten mit primären Glioblastom wurde das progressionsfreie Überleben innerhalb von 6 Monaten nach der Diagnose (PFS-6) bestimmt (Dosis: 20-25mg/Tag D-L-Methadon). In dieser Subgruppe überlebten 91.6% der Patienten 6 Monate ohne Krankheitsprogression. 7 Patienten hatten eine MGMT-Promotormethylierung, von denen alle die 6 Monate ohne Progression überlebten. Von 5 Patienten ohne MGMT-Promotormethylierung überlebten 4 die 6 Monate (80%) ohne Fortschreiten der Krankheit. Von 6 Patienten, die Methadon ab dem 1.Rezidiv begannen, erlitten 47% einen Rückfall innerhalb von 6 Monaten. Das gesamte progressionsfreie Überleben der 12 Patienten mit primären Glioblastom unterschied sich nicht signifikant von historischen Kontrolldaten (mit MGMT-Promotormethylierung: HR [95% KI] = 0.6420 [0.1781, 2.315], p = 0.3435; ohne MGMT-Promotormethylierung: HR [95% KI] = 0.6315 [0.1188, 3.358], p = 0.6456).

An dieser Studie lassen sich zahlreiche Kritikpunkte feststellen, unter anderem die sehr kleine Stichprobenzahl, die fehlende Kontrollgruppe, die starke Heterogenität der Stichprobe, unklare Berechnungen und eine schlechte Berichtsqualität (z.B. keine Angaben zur Dauer seit der Diagnose, widersprüchliche Angaben in den Tabellen und im Text, unklare Vergleiche). Aufgrund dieser erheblichen methodischen Mängel und der weiterhin bestehenden Unklarheit, ob der günstige Verlauf auf das Methadon zurückzuführen ist, kann diese Studie nicht als Grundlage für Empfehlungen dienen.



Nebenwirkungen

In der oben bereits dargestellten Studie von Onken et al. (2017) berichteten in den ersten vier Wochen während D, L-Methadon stufenweise bis zur finalen Dosis aufdosiert wurde, 13 von 27 Patienten Grad 1-3 Nebenwirkungen, darunter Übelkeit, Fatigue, Angst, Obstipation und Pruritus, die jedoch bei den meisten Patienten danach wieder verschwanden [546]. Eine Ausnahme bildete 1 Patient mit Übelkeit (Grad 2) und 3 Patienten mit Obstipation (Grad 2-3). Es gab keine Todesfälle und Hospitalisierungen aufgrund von Nebenwirkungen, aber 1 Patient brach seine Therapie aufgrund von Nebenwirkungen ab. Im Gegensatz dazu berichteten in einer weiteren kürzlich erschienenen retrospektiven Fallserie 16 von 24 Patienten mit Hirntumoren Nebenwirkungen aufgrund der Methadontherapie und 5 davon schwerwiegende (Bewusstseinsverlust: n = 3, Darmverschluss: n = 1, psychotische Episode: n = 1) [547]. Diese 5 Patienten erhielten jeweils hohe Dosen von Methadon (MW = 38.4 mg; Range: 30–50 mg).

Weitere Studien, die Methadon unter anderem in der Schmerzbehandlung untersuchen, weisen ebenfalls auf erhebliche Nebenwirkungen (u.a. [523][518][517]) und Wechselwirkungen von Methadon hin (u.a. [548]). Die Schwere und Intensität dieser Nebenwirkungen werden in der Literatur kontrovers diskutiert, aber es besteht Einigkeit, dass Methadon aufgrund seines Nebenwirkungsprofils nur unter verstärkter klinischer Beobachtung verabreicht werden sollte [549].

Häufige Nebenwirkungen von Methadon sind Obstipation und Übelkeit [517], Q-Zeit Verlängerung und Herzrhythmusstörungen [520][550][551][510][509], Ödeme, Myoklonie [521][511], Sedierung [525][522] und Atemdepression [527][515]. Teilweise gibt es auch Studien, die auf eine erhöhte Mortalität von Methadon im Vergleich zu Morphin hindeuten (z.B. [514][552]). Zudem wurde Methadon in mehreren Studien als Arzneimittel mit dem höchsten fatal toxicity index (d.h. Anzahl letaler Überdosierungen bezogen auf den Verbrauch) identifiziert [526][524][553]. Es wurde sowohl eine gemeinsame Stellungnahme von der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Krebsgesellschaft (NOA) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) [554], als auch jeweils eine Stellungnahme von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie [555] und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin veröffentlicht [556], in denen aufgrund der mangelnden Datenlage und der möglichen Risiken von Methadon von einem Off-Label Gebrauch von Methadon zur Unterstützung der Tumortherapie abgeraten wird.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Methadon wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.18 Zeolithe

7.49 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2024

Patienten sollten auf die mögliche absorbierende Wirkung von Zeolithen hingewiesen werden, die zu einem Wirkverlust von oralen oder dem enterohepatischen Kreislauf unterliegenden Medikamenten führen können.

Konsens
Konsens (76%)
7.50 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen nicht ausreichende Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Zeolith zur Verbesserung der peripheren Neuropathie, sowie hämatologischer Toxizität und Lebertoxizität unter Oxaliplatin Chemotherapie bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Zeolith zur Verbesserung der peripheren Neuropathie, sowie hämatologischer und Lebertoxizität bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[557]
Evidenztabellen (1)Vitale et al. (2020)

Zeolith ist ein Vulkangestein (griech. Zeo = Sieden, lithos= Stein), welches vor Millionen Jahren entstanden ist, als bei Vulkanausbrücken glühende Lavaerde ins Meer fiel. Durch Gaseinschlüsse hat es sehr kleine Poren (mikroporöses Gestein).

In Pulverform, als Mundtropfen oder auch Mundspray einnehmbar, wird ihm vor allem eine entgiftende (Detox) Wirkung zugeschrieben und soll so durch Adsorbtion und Ionenaustausch beispielsweise Giftstoffe wie Säuren, Schwermetalle, freie Radikale und Schimmelpilzgifte an sich binden können. Weitere Einsatzfelder sind unter anderem die Anwendung auf der Haut bei Dermatitis oder zur Linderung von Verbrennungen, Stärkung der Knochen oder bei Allergien und Heuschnupfen. Im Rahmen der Krebsbehandlung soll Zeolith das Krebswachstum verlangsamen und die Metastasenbildung hemmen können, was bisher nur in präklinischen Studien untersucht wurde [558]. Zum aktuellen Stand der Leitlinie werden Zeolithe nicht standardisiert verkauft. 

Bei der Recherche konnte nur eine randomisiert-kontrollierte Studie zum Einfluss der Einnahme von Zeolith auf das Auftreten von Chemotherapie induzierte periphere Neuropathie gefunden werden.

Einfluss auf Chemotherapie induzierte periphere Neuropathie (Oxaliplatin) (zu Statement 7.50)

In der Studie von Vitale et al. (2020) wurden 120 Patienten (Darmkrebs 93.3% und 6.7% andere) gleichmäßig in 2 Gruppen randomisiert [557]. Die Interventionsgruppe (IG) erhielt über den Verlauf der Oxaliplatin-Chemotherapie täglich 6g PMA-Zeolithe (2x á 3g, Multizeo Med©) und die Kontrollgruppe (KG) erhielt ein Placebo. Gemessen wurde das Auftreten und die Stärke von peripherer Neuropathie (CIPN), sowie hämatologische Toxizität und Lebertoxizität. Nach 6 Monaten konnte kein Unterschied im Auftreten oder der Stärke von CIPN zwischen den Gruppen gefunden werden (IG n=42, KG n=34, 70.6% vs. 64.3% CIPN, p = 0.56). Eine Analyse adjustiert für Geschlecht, Alter, Komorbidität und Zyklenanzahl zeigte einen leichten Vorteil für die Männer in der Stichprobe (p = 0.047). Jedoch muss dieses Ergebnis aufgrund fehlender Informationen über die Verteilung von CIPN der Männer zur Baseline und dem nicht Berücksichtigen des hohen Drop-Outs kritisch betrachtet werden. Weitere Ergebnisse zeigen, dass die Interventionsgruppe mehr Zyklen absolvieren konnte als die Placebogruppe (>8 Zyklen 71.7% vs. 56.7%, p = 0.03), aber auch hier werden keine genauen Informationen geliefert, warum die Patienten abbrachen oder inwiefern sich diese mit den 50% der Patienten überschneiden, die im Laufe der Studie eine Dosisreduzierung benötigten. Bezüglich des Einflusses auf hämatologische Toxizität konnte kein Unterschied zwischen den Gruppen gefunden werden (p = 0.09). Aufgrund allgemein sehr geringem Auftreten von Toxizitäten wurden keine weiteren Analysen diesbezüglich durchgeführt. Insgesamt ist die Studie gut geplant und bietet eine übersichtliche Darstellung der Ergebnisse, jedoch fehlen Informationen wie die doppelte Verblindung gesichert wurde und auch der Randomisierungsprozess wird nur knapp erwähnt. Auch eine schon zu Beginn der Studie signifikante Ungleichverteilung bezüglich Alter und Komorbiditäten (Patienten sind jünger und haben weniger Komorbiditäten in der IG), sowie eine hohe Ausstiegsrate von 36% aus der Studie ohne Durchführung einer Intent-to-Treat Analyse sind als kritischer Faktor zu betrachten, insbesondere da der Anteil der Diabetiker bei den Komorbiditäten als relativer Risikofaktor für die Entwicklung einer CIPN nicht berichtet wird. Des Weiteren wurde der aktuelle Stand der CIPN und der Entwicklung von Neurologen erhoben ohne den Einsatz standardisierter Fragebögen. Ein möglicher Bias bei der Interpretation der Ergebnisse kann nicht ausgeschlossen werden.

Nebenwirkungen

Die Studie berichtet keine Nebenwirkungen. Da Zeolithe im Darm Substanzen an sich binden können, müssen Wechselwirkungen mit oralen Medikamenten und mit Medikamenten mit enterohepatischem Kreislauf berücksichtigt werden. Aus pharmazeutischer Sicht ist deshalb ein Abstand von etwa 2 Stunden zwischen der Einnahme von Zeolithen und Medikamenten sinnvoll. Insbesondere bei der (oralen) Aufnahme von Krebstherapeutika sollten auf Wechselwirkungen geachtet werden, da Zeolithe den pH-Wert des Magens beeinflussen. Hersteller die Zeolithe Produkte vertreiben weisen darüber hinaus daraufhin, dass es bei der Einnahme von Zeolithen zu Verstopfung kommen könnte.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Zeolithe wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.19 Phytotherapeutika

7.19.1 Aloe Vera

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.51 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 4 RCTs zur Wirksamkeit von Aloe-vera-haltigen Cremes, Lotionen oder Gelen auf strahleninduzierte Hautreaktionen vor. Die topische Anwendung von Aloe-vera-haltigen Cremes, Lotionen oder Gelen soll nicht zur Vorbeugung der Radiodermatitis empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[559] [560] [561] [562]
Evidenztabellen (4)Heggie et. al. (2002); Olsen et. al. (2001); Williams et. al. (1996); Hoopfer et. al. (2015)
7.52 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von Aloe Vera-Säften zur Prophylaxe sowie Behandlung der Stomatitis bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen diese Aloe Vera-Produkte bei dieser Indikation gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[563] [564]
Evidenztabellen (2)Puataweepong et. al. (2009); Su et. al. (2004)
7.53 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von Aloe-Vera-haltigen Mundspülungen auf Strahlentherapie-induzierte Stomatitis1 oder Chemotherapie-induzierten Stomatitis2 bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen diese Aloe-Vera Produkte bei dieser Indikation gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[565] [566]
Evidenztabellen (2)Mansouri et. al. (2016); Sahebjamee et. al. (2015)
7.54 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit einer Aloe-Vera-haltigen Rektalsalbe zur Therapie der strahleninduzierten Proktitis vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Verwendung einer Aloe-Vera-haltigen Rektalsalbe bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[566]
Evidenztabellen (1)Sahebjamee et. al. (2015)
7.55 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit einer Aloe-Vera-Tinktur zur oralen Einnahme zur positiven Beeinflussen des Krankheitsverlaufs bei Patienten mit metastasierten Karzinomen ohne kurative Therapieoptionen vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Aloe-Vera-Tinkturen bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[567] [568]
Evidenztabellen (2)Lissoni et. al. (2009); Lissoni et. al. (1998)

Die Aloe Vera (engl. Aloe vera) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Aloen (Aloe) in der Unterfamilie der Grasbaumgewächse (Xanthorroeaceae). Das Wort „vera“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „wahr“ [569]. Sie ist eine mehrjährige, sukkulente Pflanze, die einem Kaktus ähnelt und aufgrund ihrer antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften, die in vitro nachgewiesen werden konnten, in der traditionellen Medizin auf der ganzen Welt verwendet wird [570]. Die Pflanze besitzt die Fähigkeit, Wasser in ihren Blättern zu speichern. Das aus dem Parenchym im Innenteil der Blätter enthaltene Gel kann für medizinische Zwecke extrahiert und anschließend in Wasser gelöst werden. Durch Entfernen des Wassers wird ein Trockenextrakt erzeugt [571][572]. Das klare, dicke Gel wird in der traditionellen Medizin zur Wundheilung, zur Behandlung von Verbrennungen, Psoriasis, Erfrierungen, Colitis ulcerosa, Diabetes und zur Linderung von Obstipation verwendet [570]. Die Spezies Aloe umfasst ca. 450 Arten, die zwei häufigsten Arten für die Gewinnung des Gels sind die Echte Aloe (Aloe barbadensis Miller) und die Kap-Aloe (Aloe ferox Miller). Der Begriff „Aloe vera“ wird häufig synonym für Aloe barbadensis Miller verwendet, weitere Synonyme für die Kap-Aloe sind neben Aloe ferox Miller auch Aloe horrida HAW, Pachidendron Ferox HAW u.a. [572].

Aus Aloe werden verschiedene Arten von Zubereitungen herstellt. Die Zellschichten unmittelbar unter der Blattoberfläche enthalten Anthrachinonglykoside. Aloe-Saft, der durch Abschneiden der Blätter in der Nähe ihrer Basis und durch Auslaufenlassen der Flüssigkeit hergestellt wird, kann Anthrachinone enthalten. Diese Flüssigkeit kann zu einem Harz eingedampft werden. Wird das Blatt dagegen durch Entfernung der oberen Schichten filetiert, wird ein Anthrachinon-freies Gel gewonnen. Auch diesem Saft kann das Wasser entzogen werden, was zur Gewinnung eines trockenen Pulvers führt.

Anthrachinonhaltige Zubereitungen der Aloe zählen laut Stoffliste des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu den Arzneistoffen der Liste A (Stoffe, für die eine Verwendung als Lebensmittel oder Lebensmittelzutat aufgrund bekannter Risiken nicht empfohlen wird).

Laut WHO-Monographie (World Health Organisation), ESCOP-Monographie (European Scientific Cooperative On Phytotherapy) und HMPC-Monographie (Committee on Herbal Medicinal Products) ist der anthrachinonhaltige Blattsaft zur kurzzeitigen oralen Anwendung bei Obstipation geeignet. Die Anthrachinone regen die Peristaltik im Darm an und erhöhen die Wassermenge im Darm, was die Verwendung als Laxanz begründet. Aufgrund eines möglichen Gewöhnungseffektes sind Anthrochinon-haltige Zubereitungen nur für die kurzfristige Anwendung bei Obstipation vorgesehen (Assessment Report on Aloe barbadensis Mill. and on Aloe (various species, mainly Aloe ferox Mill. and its hybrids), folii succus siccatus; EMA/HMPC/769585/2015).

Der aus der Echten Aloe gewonnene Blattsaft enthält als wesentlichen Inhaltsstoff den 1,8-Dihydroxyanthracen-Abkömmling Aloin (25 bis 40 % [573] bzw. 35 bis 38 % [574] welches ein Diastereomerengemisch aus Aloin A und Aloin B darstellt. Weiterhin enthaltene Anthranoide sind Aloe Emodin und Chrysophanol sowie das bitterschmeckende Polyketid Aloeresin (hauptsächlich Aloeresin B). Charakteristisch ist das Vorkommen von 7-Hydroxyaloin A und B, das der Abgrenzung gegenüber der Kap-Aloe dient, Aloinoside fehlen weitgehend [574][575].

Die aus der Aloe ferox Miller gewonnene Kap-Aloe enthält ebenfalls den 1,8-Dihydroxyanthracen-Abkömmling Aloin, das 5-Hydroxyaloin A (Leitsubstanz) sowie die ebenso wie Aloin abführend wirkenden Aloinoside A und B. Der Gesamtgehalt an Dihydroxyanthracenabkömmlingen beträgt jedoch durchschnittlich lediglich mindestens 18 % und ist damit niedriger als der der Echten Aloe [573]. Hauptkomponenten der Kap-Aloe sind Aloeresine (hauptsächlich Aloeresin A, ca. 20%), die keine abführende Wirkung aufweisen und den bitteren Geschmack der Aloe Vera ausmachen.

Laut einer aktuellen Neubewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) können diese Stoffe (Anthranoide) eine kanzerogene und Erbgut schädigende Wirkungen haben. Diese Schlussfolgerungen stehen im Einklang mit früheren Bewertungen der pflanzlichen Quellen dieser Stoffe durch andere europäische und internationale Einrichtungen, darunter die WHO Weltgesundheitsorganisation, die Europäische Arzneimittel-Agentur und zuletzt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung [576]. Die Bewertung der Daten für Anthrachinon-haltige Zubereitungen aus Aloe durch die Europäische Arzneimittelagentur zeigt jedoch, dass die Befunde für die Reinsubstanzen vermutlich nicht auf die Verwendung von Aloe-Zubereitungen übertragbar sind, insbesondere bei kurzfristiger Anwendung (Assessment Report on Aloe barbadensis Mill. and on Aloe (various species, mainly Aloe ferox Mill. and its hybrids), folii succus siccatus; EMA/HMPC/769585/2015).

Aloe-Gel aus filetierten Blättern ist hingegen frei von Anthranoiden und zählt zu den Lebensmitteln, isoliertes Aloin darf gem. VO (EG) Nr. 1334/2008 nicht zugesetzt werden. Laut WHO-Monographie ist das Aloe vera Gel zur äußeren Anwendung geeignet. Aloe vera-Gel kommt aber auch in Arzneimitteln und Medizinprodukten mit oraler Anwendung zur Behandlung des Reizdarmsyndroms zum Einsatz. Lebensmittel, inklusive Nahrungsergänzungsmittel, enthalten keine Anthrachinone. Bei Untersuchungen von sechs handelsüblichen Aloe vera Säften bzw. Nahrungsergänzungsmitteln durch das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart im Jahr 2018 konnten auch keine Anthrachinone nachgewiesen werden. Neuerdings gibt es aber, gerade im Internet, Nahrungsergänzungsmittel aus ungeschälten Aloe Vera Blättern (z.B. der Gattung Aloe arborescens), die diese Stoffe enthalten. Das BfR stufte diese Produkte als "nicht sicher" ein. Daher ist von dem Kauf solcher Produkte unbedingt abzusehen [577].

Zu den Hauptindikationen von Aloe vera Gel in der westlichen Medizin zählen Verbrennungen, Nebenwirkungen durch Chemotherapie und Strahlentherapie, Trockene Haut, Entzündung, Diabetes mellitus sowie Colitis ulcerosa [578].

Es wurden mehrere Studien durchgeführt, um die Wirkungsmechanismen der Aloe zu erforschen.

Es wurde festgestellt, dass aus Aloe vera Extrakten isolierte Oligosaccharide von Keratinozyten stammende immunsuppressive Zytokine reduzieren und so Überempfindlichkeitsreaktionen vom verzögerten Typ, die durch UV-Strahlung unterdrückt werden, begünstigen [579]. Der Mechanismus, der der antipsoriatischen Wirkung zugrunde liegt, umfasst die Hemmung der Tumornekrosefaktor (TNF)-alpha-induzierten Proliferation von Keratinozyten und die Überaktivierung des Nuklearfaktors (NF-Kappa B-Signalweg) durch ein Aloe-Polysaccharid [580]. Es konnte zudem gezeigt werden, dass eine Polymerfraktion der Aloe vera die Magenschleimhaut vor ethanolinduzierter Gastritis schützt, indem sie die mRNA-Expressionswerte der induzierbaren Stickstoffmonoxid-Synthase (iNOS), der neuronalen Stickstoffmonoxid-Synthase (nNOS) und der Matrix-Metalloproteinase (MMP-9) senkt. Diese drei Enzyme sind kritische Biomarker bei Magengeschwüren [581]. Andere Befunde deuten darauf hin, dass die strahlenschützende Wirkung von Aloe-Polysacchariden höchstwahrscheinlich auf die Hemmung der Apoptose zurückzuführen ist [582].

Acemannan, eine Kohlenhydratfraktion aus dem Aloe Vera Blatt stimuliert die Zytokinproduktion in Makrophagen-Zelllinien der Maus [583]. Es zeigte auch eine immunmodulierende Aktivität, indem es die Reifung von dendritischen Zellen induzierte [584]. Von Aloerid, einem Polysaccharid, das aus Aloe vera Saft gewonnen wird, wurde berichtet, dass es ein starker Immunstimulator ist, der durch Verstärkung der NF-Kappa B-Aktivitäten wirkt [585]. Darüber hinaus hemmte Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP), das aus Aloe Vera isoliert wurde, in vitro leukämische Zellen [586].

In klinischen Studien wurde gezeigt, dass eine Aloe vera Creme bei der Behandlung von Verbrennungen zweiten Grades Silbersulfadiazin-haltigen Cremes überlegen war [587], ein Aloe Vera Gel zeigte sich wirksam bei der Heilung von Hauttransplantaten an der Spenderstelle [588], eine Aloe vera Salbe verbesserte die Symptome akuter Strahlenproktitis bei Patienten, die eine Strahlentherapie erhielten [589], und eine Aloe vera Creme verbesserte die postoperativen Schmerzen und Beschwerden und förderte die Heilung nach einer Pilonidalsinus-Exzision [590]. Eine aloehaltige Mundspülung reduzierte Plaque, Gingivitis und die Besiedelung mit Streptokokkus mutans in der Mundhöhle bei Kindern reduziert, wobei die Wirkungen vergleichbar mit Chlorhexidin sind [591]. Systematische Übersichtsarbeiten weisen auf die Wirksamkeit von Aloe vera bei Lichen ruber planus (Knötchenflechte) hin (während sie im Vergleich zu Kortikosteroiden keine unerwünschten Wirkungen hervorruft [592]) sowie auf die Wirksamkeit zur Verminderung der Schmerz-/Brennempfindung und zur Beeinflussung der klinischen Verbesserung bei Patienten mit oraler submuköser Fibrose [593]. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass der Aloe vera Gel oral bei adipösen Personen mit Prä-Diabetes oder frühem, unbehandeltem Diabetes mellitus eine Verringerung des Körpergewichts und der Insulinresistenz bewirkt [594], und Druckgeschwüre bei hospitalisierten orthopädischen Patienten, bei denen das Risiko besteht, solche Geschwüre zu entwickeln, verhindern kann [595]. Zudem verhinderte das Gel traumatische orale Ulzerationen bei Patienten mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen [596] und beschleunigte die Heilung der Spenderregion für Spalthauttransplantate [588].

Die Daten deuten auch darauf hin, dass Bestandteile der Aloe vera, wie Acemannan, Aloerid und Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) immunmodulierende und krebsbekämpfende Wirkungen haben [597][598][586][585][583]. Emodin aus Aloe vera hemmte die Zellproliferation und induzierte die Apoptose in menschlichen Leberkrebszelllinien durch p53- und p21-abhängige Signalwege [599], wodurch die Effekte der Strahlenbehandlung verstärkt wurden [600]. Die Verabreichung von Aloe vera während einer Chemotherapie kann bei diesen Patienten eine orale Mukositis verhindern [601] und sich gleichzeitig bei Patienten mit metastasierenden Tumorentitäten günstig auswirken [567]. Die Ergebnisse der äußerlichen Anwendung von Aloe vera Produkten zur Linderung strahleninduzierter Hautschäden sind jedoch widersprüchlich [602][603][559][560][561][562].

Von der langfristigen oralen Einnahme anthrachinonhaltiger Zubereitungformen von Aloe vera ist abzuraten. Aloe vera Injektionen bei Krebspatienten haben zu mehreren Todesfällen geführt. Die FDA (U.S. Food and Drug Administration) entschied, dass Aloe Vera als stimulierendes Abführmittel nicht sicher ist [604].

Die topische und orale Verabreichung von anthrachion-freiem Aloe vera Gel gilt als sicher. Dagegen kann die orale Einnahme von anthrachinonhaltigen Aloe vera zu Magen-Darm-Störungen und Elektrolytanomalien führen. Die unsachgemäße Anwendung von Aloe vera Supplementen wurde mit Schilddrüsenfunktionsstörungen [605], akuter Hepatitis [606] und perioperativen Blutungen [607] in Verbindung gebracht. Es wurde über einen Fall von Hypokaliämie unter Verwendung von Aloe vera während einer Chemotherapie berichtet [608]. Es wurden drei Fälle von toxischer Hepatitis nach Verwendung von Aloe Vera Präparaten gemeldet, die Leberfunktion wurde nach Absetzen der Aloe Vera normalisiert [609].

Eine langfristige Exposition gegenüber Aloe vera steht bei Tieren im Verdacht Krebs zu verursachen [610]. In Reexpositionstest mit Aloe vera wurde über ein Potenzial zur Auslösung von Leberschäden berichtet [611].

Wechselwirkungen wurden bezüglich Cytochrom-P450 (CYP3A4 und CYP2D6) sowie Sevofluran untersucht. Aloe vera Saft hemmt in vitro CYP3A4 und CYP2D6 und kann daher die intrazelluläre Konzentration von Arzneimitteln, die von diesen Enzymen metabolisiert werden, beeinflussen [612]. Die klinische Relevanz ist nicht bekannt. In einem Fallbericht wurde gezeigt, dass die Kombination von Sevofluran mit Aloe vera während einer Operation wegen einer verstärkten Thrombozytenaggregationshemmung zu Blutungen führten [607].

Morbidität

Ausgehend von der Evidenzlage zur Aloe wurde wissenschaftlich der Einsatz von Aloe vera bei der Behandlung strahlungsinduzierter Nebenwirkungen wie Dermatitis [613][559][560][561][562], Stomatitis (Mukositis) [565][614][563][566][564] und Proktitis untersucht [589].

Strahleninduzierte Dermatitis (zu Empfehlung 7.51)

Die Wirkung einer aloehaltigen Creme, Lotion oder eines Gels (98-100% reine Aloe) auf die Entwicklung von Hautreaktionen (Dermatitis) bei Patienten mit Strahlentherapie wurde in vier hochqualitativen RCTs getestet. Drei RCTs hatten eine Brustkrebsdiagnose im Fokus [559][560][562], während sich die vierte Studie [561]auf Tumorentitäten verschiedener Körperstellen bezog, darunter Kopf, Hals, Brust und Extremitäten. In allen RCTs trugen die Patienten die Aloe-vera-haltige Creme, Lotion oder das Gel während ihres Strahlentherapiekurses auf den Bereich der bestrahlten Haut auf. Die Ergebnisse wurden mit den Ergebnissen einer Placebogruppe und/ oder denen einer Standardbehandlung verglichen. Die RCTs zeigten inhomogene Ergebnisse. Zwei RCTs zeigten keinen Nutzen einer Aloe-vera-haltigen Creme, Lotion oder eines Gels im Vergleich zum Placebo [560][562]. In einer Studie konnte die Wirksamkeit eines Aloe vera Gels zusätzlich zur Standardpflege (Seife) gezeigt werden. Die Hautreaktionen waren in der Aloe vera Gruppe weniger stark ausgeprägt, statistisch jedoch nicht signifikant. Es konnte ein bedeutsamer Effekt hinsichtlich der Dauer bis zum Auftreten der Hautreaktion festgestellt werden. Im Vergleich zur Kontrollgruppe mit Standardpflege (Seife), in der die Hautreaktionen durchschnittlich nach drei Wochen auftraten, kam es in der Verumgruppe nach durchschnittlich fünf Wochen zu entsprechenden Hautreaktionen [561]. Eine weitere Studie zeigte in der Verumgruppe häufiger schwere Hautreaktionen und Schmerzen als in der Vergleichsgruppe, die eine wässrige Creme verwendete [559]. In Anlehnung an die Leitlinie-Supportivtherapie wurde daher eine Empfehlung gegen aloehaltige Cremes, Lotionen oder Gele zur Prophylaxe der Radiodermatitis formuliert.

In einem doppel-blinden RCT untersuchten Heggie et al. (2002) die Wirkung eines Aloe-vera-haltigen Gels auf strahleninduzierte Hautreaktionen bei Frauen mit Brustkrebs [559]. Von Beginn der Strahlentherapie bis zwei Wochen nach Abschluss der Therapie trugen 225 Frauen, die in zwei Gruppen randomisiert wurden, ein Aloe-vera-haltiges Gel (98% Aloe Vera) oder eine wässrige Creme auf den bestrahlten Hautbereich auf. Die empfohlene Hautpflege blieb unverändert (Verwendung milder Babyseife auf der bestrahlten Haut, Haut zweimal täglich belüften und Tragen lockerer Baumwollkleidung). Frauen, die das Aloe-vera-haltige Gel auftrugen, zeigten häufiger eine Hautablösung (Desquamation) und berichteten häufiger über mäßige bis stärkere Schmerzen. Bei Patientinnen mit D-Cup oder größeren Brüsten traten unabhängig vom Behandlungsarm signifikant mehr Erytheme auf.

In einer RCT untersuchten Hoopfer et al. (2015) die Auswirkung einer Aloe-vera-haltigen Creme auf die Schwere der strahleninduzierten Hautreaktionen [560]. Frauen mit Brustkrebs (n = 248) wurden randomisiert und einer Aloe-, Placebo- (nichtmetallisches Babypuder) oder Pulvergruppe (Maisstärke) zugeteilt. Alle Patientinnen wurden zusätzlich gebeten, die empfohlene Hautpflege beizubehalten. Die Schwere der strahleninduzierten Hautreaktionen wurde während der Strahlentherapie wöchentlich und in den Wochen 1, 2 und 4 nach der Therapie mit dem Catterall Skin Scoring Profile (CSSP) gemessen. Eine Woche nach der Strahlentherapie zeigten Patienten der Placebo- und der Verum Gruppe höhere CSSP-Scores (d.h. schwerere Hautreaktionen) als Patienten der Pulver Gruppe.

In einer weiteren RCT von Williams et al. (1996) wurde die Wirkung eines Aloe-vera-haltigen Gels auf strahlungsinduzierte Dermatitis untersucht [562]. Frauen (n = 194) mit diagnostiziertem Brustkrebs, die eine Strahlentherapie erhielten, trugen entweder ein 98%iges Aloe vera Gel oder zweimal täglich ein Placebo Gel auf die bestrahlte Haut auf. Sowohl die Patienten als auch ihr behandelnde/r Arzt/Ärztin oder die zuständige Study Nurse bewerteten wöchentlich die Schwere der Hautreaktionen. Abschließend konnte kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen nachgewiesen werden.

Olsen et al. (2001) testeten die Effekte eines reinen Aloe vera Gels bei Patienten, die sich einer Strahlentherapie unterzogen (n = 73) [561]. Der Fokus dieser Studie lag insbesondere auf akuten Hautreaktionen, die während der Behandlung auftraten. Die Patienten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen erhielten zur Reinigung der bestrahlten Haut eine milde, unparfümierte Seife. Bei der Verumgruppe wurde zusätzlich ein Aloe-vera-haltiges Gel angewendet. (Kontrollgruppe (Seife) n = 38, Verumgruppe (Seife + Aloe vera) n = 32). Die Hautveränderungen unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht. Bei der Analyse der Strahlendosis (≤2.700cGy versus >2.700cGy) zeigte sich, dass bei einer höheren Dosis (>2.700cGy) tendenziell weniger Patienten in der Verumgruppe leichte bis mittelschwere Erytheme aufwiesen (50%) als in der Kontrollgruppe (81%). Die Verwendung des Aloe vera Gels schien zusätzlich die Zeit bis zur Hautreaktion zu verzögern. Die Aussagekraft dieser Studie ist bei einer geringen Stichprobengröße sowie einer ungenauen Angabe der verwendeten Bewertungsmethoden und der Dosis des Aloe vera Gels eingeschränkt zu bewerten.

In einer weiteren selbstkontrollierten Fallserie wurde die Verwendung einer kommerziellen Aloelotion auf den Schweregrad der strahleninduzierten Hautreaktionen untersucht [613]. Strahlentherapiepatienten (n = 60), die an Kopf bzw. Hals, Brust oder Becken bestrahlt wurden, trugen die Aloe Vera Lotion auf eine Hälfte der bestrahlten Haut auf. Weder die Aloe vera Lotion noch andere Medikamente sollten auf die andere Hälfte des bestrahlten Hautbereichs aufgetragen werden. Nach vier Wochen zeigte sich ein niedrigerer Schweregrad der Dermatitis in dem bestrahlten und mit der Aloe Vera Lotion behandelten Hautbereich. Es traten keine Nebenwirkungen auf. Dieser Unterschied blieb bis zwei Wochen nach Beendigung der Strahlentherapie bestehen.

Strahlentherapie- bzw. Chemotherapie-induzierte Stomatitis (Mukositis) (zu Statement 7.52 & 7.53)

Fünf RCTs untersuchten die Wirkung von Aloe vera zur Prophylaxe einer (schweren) Stomatitis während einer Krebstherapie [565][614][563][566][564]. Vier davon schlossen Patienten ein, die sich einer Strahlentherapie zur Behandlung eines Kopf- oder Halstumors unterzogen (Marucci et al., 2017 [614]; Puataweepong et al., 2009 [563]; Sahebjamee et al., 2015 [566]; Su et al., 2004 [564]). Ein weiterer RCT untersuchte Patienten, die eine Chemotherapie erhielten [565]. Drei RCTs verglichen eine Aloe-vera-haltige Mundspüllösung mit einer Standard-Mundspüllösung [565][566] oder einer placebohaltigen Mundspülung in Kombination mit einer Standardpflege (inklusive einer Natron-Mundspülung) [614]. Von diesen fanden zwei RCTs keinen Effekt von Aloe vera auf die Schwere der Stomatitis bei Patienten, die sich einer Strahlentherapie unterzogen [614][566]. Eine der Studien zeigte in der Aloe vera Gruppe eine tendenziell weniger schwere Stomatitis und weniger Schmerzen bei Patienten mit Chemotherapie [565]. Zwei weitere RCTs testeten einen oralen Aloe vera Saft im Vergleich zu einem Placebo Saft bei strahlentherapeutisch behandelten Patienten [563][564]. In einer dieser Studien wurde gezeigt, dass weniger Patienten eine schwere Stomatitis entwickelten, wenn sie den Aloe Vera Saft tranken [563], während in der zweiten Studie über keinen Unterschied in der Schwere der Stomatitis berichtet wurde [564]. Insgesamt ist die Aussagekraft der Studien eingeschränkt.

In einer RCT von Marucci et al. (2017) wurde die Wirkung einer kommerziellen, pflanzlichen Mundspülung aus Kamille, Propolis, Ringelblume und Aloe vera (Faringel®) auf den Schweregrad der Stomatitis untersucht [614]. Patienten (n = 104), die gleichzeitig eine Strahlen- und Chemotherapie (Chemo-Intensity Modulated Radiotherapy) von Mund, Rachen oder Kehlkopf erhielten, wurden in zwei Gruppen 1:1 (Verum Mundspülung oder Placebo-Mundspülung) randomisiert. Die Placebomundspülung war in den Punkten Aussehen, Geschmack und Dichte ähnlich und wurde in identischen 200 ml Flaschen vom Hersteller geliefert. Alle Patienten spülten ihren Mund viermal täglich an Werktagen und dreimal täglich an Wochenendtagen mit ihrer zugeordneten Mundspülung. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen bei Patienten mit Grad 3 Stomatitis, symptomatischer (oder funktioneller) Stomatitis oder Dysphagie. Aus Gründen mangelnder Compliance stoppten insgesamt sieben Patienten (Placebo n = 2; Verum n = 5) die durchgeführte Intervention. Schlussfolgernd trug die pflanzliche Mundspülung aus Kamille, Propolis, Ringelblume und Aloe vera nicht zur Vorbeugung der Stomatitis bei.

In einer RCT haben Mansouri et al. (2016) die Wirkung einer Aloe Vera Mundspülung auf die Schwere und Schmerzen einer Stomatitis bei Patienten unter Chemotherapiebehandlung untersucht [565]. Die Patienten (n = 64) spülten über zwei Wochen ihren Mund dreimal täglich mit 5 ml einer Aloe-Vera-haltigen Mundspülung (n = 32) oder einer Standardmundspülung (n =32). Nach drei Tagen konnte in der Verumgruppe ein niedrigerer Schweregrad der Mundschleimhautentzündung (p < 0.01) und weniger Schmerzen im Mund (p<0.01) im Vergleich zur Kontrollgruppe mit Standardmundspülung aus Kochsalzlösung, Cholorhexidin und Nystatin festgestellt werden. Der Effekt der Aloe-vera-haltigen Mundspülung hielt bis 14 Tage nach der Intervention an. Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

In einer doppelblinden RCT wurde ein Saft mit 80% Aloe vera zur Behandlung einer strahlungsinduzierten Mukositis angewandt [563]. Patienten, die sich einer Strahlentherapie zur Behandlung von Kopf- und Halstumoren unterzogen, wurden in zwei Gruppen eingeteilt (Saft + Aloe vera vs. Saft + Wasser). Die Mischung (15 ml) wurde dreimal täglich von Beginn der Strahlentherapie an bis acht Wochen nach Beendigung der Therapie verabreicht. In der Aloe vera Gruppe traten weniger schwere Mundschleimhautentzündung im Vergleich zur Placebogruppe auf. Unerwünschte Ereignisse wurden während der Studie nicht festgestellt. Die Zusammensetzung der Gruppen war zu Studienbeginn vergleichbar. Durch die nicht erreichte Fallzahl der zugrundeliegenden Berechnung sinkt die Aussagekraft dieser Studie.

In einer weiteren RCT von Sahebjamee et al. (2015) wurde die Wirksamkeit einer Aloe vera Mundspülung zur Prävention bzw. Linderung von strahlungsinduzierter, oraler Mukositis untersucht [566]. Patienten mit Kopf- oder Halstumoren (n = 26) wurden randomisiert und so der Gruppe mit einer Aloe vera Mundspülung (n = 13) oder einer Benzydamin enthaltenden Mundspülung (n =  13) zugeordnet. Gemessen wurde die Zeit vom Auftreten einer Mukositis bis hin zum max. Mukositisgrad. Für diese beiden Untersuchungen wurden keine Unterschiede zwischen der Aloe-vera-haltigen und der benzydaminhaltigen Mundspülung festgestellt. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Behandlungsarmen in Bezug auf den Mukositis Grad (Gradeinteilung nach WHO) während der Studie (p = 0.09). Unerwünschte Ereignisse wurden nicht aufgeführt.

Su et al. (2004) untersuchten die Wirkung von Aloe vera Saft bei vorhandener Mukositis an Patienten (n = 58) mit Strahlentherapie im Kopf- und Halsbereich [564]. Die Patienten wurden randomisiert und einer Aloe Vera Saft Gruppe (n = 26) oder Placebo Saft Gruppe (Wasser anstelle von Aloe vera) (n = 26) randomisiert. Alle Patienten wurden angewiesen, den zugeordneten Saft (20 ml) in ihrem Mund herumzuschwenken und anschließend zu schlucken. Es konnte keine Veränderung des Mukositis Grades oder eine Verbesserung der Lebensqualität gemessen werden.

Strahleninduzierte Proktitis (zu Statement 7.54)

Ein RCT hat die Wirksamkeit von Aloe vera als Rektalsalbe zur Behandlung der strahlentherapieinduzierten Proktitis untersucht.

In diesem RCT von Sahebnasagh et al. (2017) wurde eine 3%-ige Aloe vera Rektalsalbe zur Verringerung einer Proktitis bei Patienten mit Strahlentherapie nach Tumoren im Beckenbereich untersucht [589]. Bei den untersuchten Patienten traten mindestens zwei der folgenden Symptome auf: rektale Blutungen, Bauch-/Rektalschmerzen, Durchfall oder Stuhldrang. Jedes Symptom wurde von den Patienten hinsichtlich seines Schweregrades (Grad 0-4) zu Beginn und dann wöchentlich über 4 Wochen bewertet. Ein Symptomindex wurde durch Addition der Scores berechnet. Die Kriterien für die akute Toxizität der Strahlentherapie-Onkologie-Gruppe (RTOG) und der psychosoziale Status der Patienten wurden ebenfalls wöchentlich erfasst. Der Einfluss der Symptome auf den Lebensstil wurde mittels Fragebogen mit einer Bewertung von 0 (keine Auswirkung auf die tägliche Aktivität) bis 4 (Angst das Haus zu verlassen) bewertet. Die Patienten (n = 20) wurden randomisiert und einer Gruppe mit der Aloe vera Rektalsalbe oder einer Placebo Salbe zugeordnet. Über vier Wochen wurde einmal täglich 1 Gramm Salbe rektal appliziert. Es zeigte sich eine signifikante (p < 0.05) Verbesserung des Symptomindex (vor Behandlung vs. nach Behandlung mit Aloe vera) bezüglich Diarrhoe (Medianwert: 0.67 vs. 0.11), des Stuhlgangs (Medianwert: 0,89 vs. 0,11), der klinischen Präsentation insgesamt (Medianwert: 4.33 vs. 1.22), des RTOG insgesamt (Medianwert: 2,89 vs. 0,89) und des Lebensstils (Medianwert: 1.1 vs. 0.33). Blutungen und Bauch-/Rektalschmerzen verbesserten sich nicht signifikant. Die Odds Ratios für den Vorteil von Aloe vera gegenüber Placebo für "klinische Präsentation gesamt" und "RTOG gesamt" lagen bei 3.97 (1.3-11.9) bzw. 5.9 (1.6-21.6). Es lässt sich schlussfolgern, dass Patienten mit Strahlenproktitis von einer Therapie mit Aloe Vera 3%-Rektalsalbe profitieren können. Nebenwirkungen traten nicht auf.

Mortalität (zu Statement 7.55)

Die Fortschritte in der Analyse der Tumor-Immunbiologie legen die Möglichkeit nahe, die Wirksamkeit und Toxizität einer Chemotherapie durch endogene oder exogene immunmodulierende Substanzen biologisch zu beeinflussen. Aloe vera ist eine der wichtigsten Pflanzen, der diese Wirkung zugeschrieben wird. Ihre antineoplastische Eigenschaft ist auf mindestens drei verschiedene Mechanismen zurückzuführen, die auf antiproliferativen, immunstimulierenden und antioxidativen Wirkungen beruhen.

Der Einfluss von Aloe vera auf das Fortschreiten einer Krebserkrankung mit gleichzeitiger Beeinflussung der Lebenserwartung wurde in zwei Studien untersucht [567][568]. Um diesbezüglich eine eindeutige Aussage treffen zu können, müssen weitere qualitativ hochwertige Studien durchgeführt werden.

Lissoni et al. (2009) schlossen in ihre Studie 240 Patienten mit metastasierendem solidem Tumor ein, die anschließend randomisiert und in zwei Gruppen eingeteilt wurden [568]. Die eine Gruppe erhielt die Chemotherapie nach entsprechendem Tumorprotokoll (Kontrollgruppe, n = 121), die zweite Gruppe erhielt zusätzlich eine Aloe-vera-haltige Mixtur (Verumgruppe, n = 119). Je nach Tumorhistotyp und klinischem Status wurden Bronchialkrebspatienten mit Cisplatin und Etoposid oder Vinorelbin, Kolorektalkrebspatienten mit Oxaliplatin plus 5-Fluorouracil (5-FU), Magenkrebspatienten mit 5-FU und Pankreaskarzinompatienten mit Gemcitabin behandelt. Aloe vera wurde in der Verumgruppe oral 10 ml dreimal täglich in Form einer Aloe-vera-haltigen Mixtur (300 g frische Aloe vera Blätter (Aloe aborescens) mit 500 g Honig und 40 ml 40%igem Alkohol) verabreicht. Die beiden Patientengruppen, die mit Chemotherapie allein oder Chemotherapie plus Aloe Vera behandelt wurden, waren hinsichtlich der wichtigsten prognostischen Variablen einschließlich Histotyp, Metastasierungsort, Karnofsky score (Lebensqualität) und Alter gut vergleichbar. Das klinische Ansprechen wurde nach mindestens drei Zyklen Chemotherapie ausgewertet, indem die gleiche radiologische Untersuchung wiederholt wurde, die vor Beginn der Chemotherapie durchgeführt worden war, einschließlich CT-Scan, MRT und PET. Die Patienten wurden zusätzlich wöchentlich durch routinemäßige Laboruntersuchungen überwacht. Die Bewertung der subjektiven Symptome wie Müdigkeit und Schwäche wurden durch einen individuellen Bericht beurteilt.

Unter Berücksichtigung der Tumorhistotypen waren die Prozentsätze des vollständigen Ansprechens (CR) und des Teilansprechens (PR) bei Patienten, die gleichzeitig mit Aloe vera behandelt wurden, signifikant höher (34%, 40 von 119) als bei Patienten, die nur eine Chemotherapie erhielten (19%, 23 von 121) (p < 0.01). Eine CR trat bei 10% (12 von 119) der Patienten in der Verumgruppe und bei 3% (4 von 121) der Patienten in der Kontrollgruppe auf. Dieser Unterschied war statistisch signifikant (p<0,01). Eine Stabilisierung der Erkrankung (SD) trat bei 31% (37 von 121) Patienten der Kontrollgruppe und bei (34% (40 von 119) Patienten der Verumgruppe auf und zeigte damit keinen signifikanten Unterschied. Die bei Patienten der Verumgruppe erzielte Krankheitskontrolle (DC = CR + PR + SD) zeigte mit 67% (80 von 119) einen signifikant höheren Prozentsatz an als bei Patienten, die nur eine Chemotherapie erhielten (50%, 60 von 121), p < 0.01). In Bezug auf den Tumorhistotyp war unter den SCLC-Patienten (kleinzelliges Bronchialkarzinom) die objektive Tumoransprechrate (CR+PR) in der Verumgruppe mit 61% (14 von 23) signifikant höher als mit 36% (8 von 22) in der Kontrollgruppe (p < 0.05). Darüber hinaus war der Prozentsatz der CR bei SCLC-Patienten der Verumgruppe mit 26% (6 von 23) im Vergleich zur Kontrollgruppe mit 9% (2 von 22) signifikant höher (p < 0.05). Das objektive Tumoransprechen (CR+PR), dass bei den übrigen Tumorhistotypen einschließlich Kolorektalkarzinom, Magenkrebs und Pankreasadenokarzinom beobachtet wurde, war bei den Patienten, die gleichzeitig mit Aloe vera behandelt wurden ohne statistisch signifikante Unterschiede erhöht.

Die 3-Jahres-Überlebensrate bei Patienten, die zusätzlich zu ihrer Chemotherapie mit Aloe vera behandelt wurden, war insgesamt im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöht (p < 0.01). Die 3-Jahres-Überlebensrate der Patienten mit SCLC (kleinzelliges Bronchialkarzinom) und NSCLC (nicht-kleinzelliges Bronchialkarzinom), die gleichzeitig mit Aloe vera behandelt wurden, war signifikant höher als bei den Patienten, die nur mit Chemotherapie behandelt wurden (p < 0.05). Bei allen anderen Tumorhistotypen, die mit Chemotherapie plus Aloe vera behandelt wurden, war die Überlebenszeit nicht signifikant verlängert. Aloe vera wurde von allen Patienten gut vertragen, es wurden keine metabolischen unerwünschten Wirkungen beobachtet. Darüber hinaus traten keine Aloe-vera-bedingten Toxizitäten, einschließlich Erbrechen und Durchfall auf. Diese Studie könnte erste Hinweise darauf liefern, dass Aloe vera erfolgreich mit einer Chemotherapie kombiniert werden könnte, um deren Wirksamkeit hinsichtlich der Tumorrückbildungsrate und der Überlebenszeit zu erhöhen. Weitere qualitativ hochwertige Studien sind notwendig um eine Empfehlung für oder gegen Aloe vera bei diesen Indikationen aussprechen zu können.

Lissoni et al. (1998) haben in einer klinischen Studie die Wirkung von Aloe vera in Kombination mit Melatonin (MLT) auf das Fortschreiten von Krebserkrankungen (Bronchialkarzinom, Tumoren des Magen-Darm-Trakts, Brustkrebs oder Glioblastom) und die Überlebensrate bei Krebspatienten mit einer Lebenserwartung von weniger als sechs Monaten untersucht. Melatonin ist ein Hormon, das von den Pinealozyten in der Epiphyse aus Serotonin produziert wird und den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers steuert [567]. Es unterstützt zudem die Stabilität der Blutgefäße und die Aktivierung des Immunsystems. Die Studie schloss 50 Patienten ein. Diese wurden mit MLT (20 mg/Tag oral in der Dunkelperiode) oder zusätzlich zu MLT mit einer Aloe vera Tinktur (1 ml zweimal täglich, MLT wie in der Kontrollgruppe) behandelt wurden. Ein partielles Ansprechen (PR) wurde bei 2 von 24 Patienten erreicht, die mit MLT plus Aloe Vera behandelt wurden, und bei keinem der Patienten der Kontrollgruppe. Eine Stabilisierung der Erkrankung (SD) wurde bei 12 von 24 Patienten (Verumgruppe) und bei 7 von 26 Patienten (Kontrollgruppe) erreicht. Dieses Ergebnis zeigte einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen (p < 0.05). Die prozentuale 1-Jahres-Überlebensrate war in der mit MLT plus Aloe vera behandelten Gruppe signifikant höher (9 von 24 vs. 4 von 26, p<0.05). Beide Behandlungen wurden gut vertragen. Diese vorläufige Studie könnte darauf hindeuten, dass die Therapie mit MLT plus Aloe vera Extrakt bei Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren, für die keine andere wirksame Standardtherapie zur Verfügung steht, einen gewissen therapeutischen Nutzen in Bezug auf die Stabilisierung der Erkrankung und die Überlebenszeit erbringen könnte.

Neben- und Wechselwirkungen

Die topische Verabreichung von Aloe vera Gel gilt als sicher, die orale Einnahme von Aloe Vera kann zu Magen-Darm-Störungen und Elektrolytanomalien führen. Die unsachgemäße Anwendung von Nahrungsergänzungsmitteln mit Aloe vera Supplementen wurde mit Schilddrüsenfunktionsstörungen [605], akuter Hepatitis [606] und perioperativen Blutungen [607] in Verbindung gebracht. Es wurde über einen Fall von Hypokaliämie unter Verwendung von Aloe vera während einer Chemotherapie berichtet [608]. Es wurden drei Fälle von toxischer Hepatitis nach Verwendung von Aloe Vera Präparaten gemeldet, die Leberfunktion wurde nach Absetzen der Aloe vera normalisiert [609].

Eine langfristige Exposition gegenüber Aloe vera steht bei Tieren im Verdacht Krebs verursachen [610]. Es wurde über positive Reexpositionstests mit Aloe vera berichtet, die das Potenzial zur Auslösung von Leberschäden hervorheben [611].

Wechselwirkungen wurden bezüglich Cytochrom-P450 (CYP3A4 und CYP2D6) sowie Sevofluran untersucht. In vitro wurde festgestellt, dass Aloe vera Saft CYP3A4 und CYP2D6 hemmt und die intrazelluläre Konzentration von Arzneimitteln, die von diesen Enzymen metabolisiert werden, beeinflussen kann [612]. Die klinische Relevanz ist nicht bekannt. Zu Sevofluran zeigte ein Fallbericht, dass additive thrombozytenhemmende Effekte mit Aloe vera während der Operation zu übermäßigen Blutungen führen [607].

Durch die verminderte Synthese der Prostaglandine könnte es zu einer verminderten Blutgerinnung durch Aloe vera kommen. Somit sollte Aloe vera nicht mit Antikoagulantien kombiniert werden [615]. Die hypoglykämische Wirkung der Aloe sollte bei blutzuckersenkenden Medikamente beachtet werden [616]. Darüber hinaus kann bei Allergikern der Familie der Liliengewächse (Liliaceae), z.B. Zwiebeln, Lauch und Knoblauch, die Einnahme zu Hautreaktionen, Bauchkrämpfen bzw. Durchfällen führen [615].

Vier der fünf Studien, die die Wirkung von Aloe vera auf strahlungsinduzierte Hautreaktionen untersuchten, berichteten von Nebenwirkungen. Zwei von ihnen fanden häufigere Hautausschläge bei Patienten mit Verwendung von Aloe vera Gelen oder Aloe vera Cremes [560][562]. Drei RCTs erfassten Nebenwirkungen wie Übelkeit bei einer Aloe vera Mundspüllösung [566] oder eines Aloe vera Saftes [563][564] bei Patienten mit Strahlentherapie bei Tumoren im Kopf-/ Halsbereich. Die Verwendung einer Aloe-vera-haltigen Rektalsalbe zeigte keine Nebenwirkung [589].

Toxizität

Im Jahr 2015 wurde, nach der Einnahme von 500 mg Aloe vera Blatt Extrakt (Aloe barbadensis Miller, vermutlich inkl. Blattsaft) bei einer 57-jährigen Frau in Deutschland eine akute Hepatitis gemeldet. Diese heilte spontan nach Absetzen des Aloe vera Blatt Extraktes [606]. Ähnliche Fälle wurden in der Türkei, den USA, Argentinien und Korea gemeldet. Diese waren auf Aloe vera Blätter (vermutlich inkl. Blattsaft) in Kapselform (getrockneter Extrakt) oder auf Tee aus Aloe vera Blättern (vermutlich inkl. Blattsaft) zurückzuführen [617][618][619][620][609]. In Mausmodellen zeigten sich Hinweise auf eine krebserregende und genotoxische Wirkung bei oraler Verabreichung von Aloe vera. In einer 3-monatigen Studie an Mäusen erzeugte ethanolischer Extrakt von Aloe vera in Ethanol, welcher oral im Trinkwasser in einer Konzentration von 100 mg/kg verabreicht wurde, eine Reproduktionstoxizität, Entzündungsreaktion und Mortalität, die über der Kontrolle lag [621]. Aus den Daten ist nicht zu entnehmen, ob in diesen Experimenten reines Aloe vera Gel oder Produkte der Pflanze verabreicht wurden, die den Blattsaft mit dem Inhaltsstoff Aloin enthielten. Nach Entfernung von Aloin wurde keine Toxizität nachgewiesen [616].

Zu beachten:

Die meisten Studien geben nicht die Aloe-Art in den verwendeten Präparaten (z.B. in Cremes, Gelen, Lotionen, Tinkturen oder Extrakten) an. Ebenso wird häufig nicht klar zwischen Aloe vera Blattgel und dem aloinhaltigen Aloe vera Blattsaft unterschieden. Fallzahlberechnungen zum Nachweis der statistischen Signifikanz wurden selten durchgeführt. In zwei Studien sind die erforderlichen Stichprobengrößen innerhalb der Rekrutierung nicht erreicht worden [563][564]. Zudem sind die rekrutierten Stichprobengrößen oft zu gering.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Aloe Vera wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.2 Baldrian

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.56 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zum Einsatz von Baldrianextrakt bei Ein- und Durchschlafstörungen unter tumorspezifischer Therapie bei onkologischen Patienten mit unterschiedlichen Krebsentitäten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz von Baldrianextrakt (oder Baldrianwurzelextrakt) bei onkologischen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[622]
Evidenztabellen (1)Barton et. al. (2011)

Baldrianextrakt aus der Baldrianwurzel (Valeriana officinalis L., engl. Valerian) wird meist zur Behandlung von nervösen Unruhezuständen und zur Schlafförderung angewendet [623]. Er ist in Deutschland als zugelassenes pflanzliches Arzneimittel meist als Tinktur, in Kapselform, als Pflanzenpulver, als Extrakt oder als Tee erhältlich. Zum arzneilichen Gebrauch werden Wurzelstock und Wurzeln der Pflanze verwendet. Sie besitzen einen ausgeprägten Geruch [624][623]. Die Baldrianwurzel beinhaltet mehrere Wirkstoffe, wie z.B. ätherische Öle (laut Europäischem Arzneibuch mindestens 4 ml/kg), die hauptsächlich aus Sequiterpenen und Monoterpenen bestehen (mindestens 0,17% Valerensäure). Valepotriate, die in älteren Literaturstellen noch angeführt werden, sind in Valeriana officinalis nicht in relevanten Mengen enthalten, dagegen aber in früher üblichen Ersatzarten wie Valeriana wallichii und Valeriana edulis. Diese Arten werden wegen des Gehalts an Valepotriaten heute nicht mehr verwendet. Valepotriate sind instabil, auch deren Abbauprodukte, wie Baldrinal, sind in neueren Baldrianzubereitungen nicht nachweisbar [622][624]. In klinischen Studien konnte Baldrian eine Verbesserung von Schlaf und Angstsymptomen bewirken [624][623].

Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) hat Baldrianwurzel-Trockenextrakte (DEV 3-7,4:1, Auszugsmittel Ethanol 40 – 70 %) zur Behandlung von Schlafstörungen und leichter nervöser Anspannung aus Gründen der etablierten Nutzung („well-established use“) akzeptiert [625].

Es liegt ein RCT zur Wirksamkeit von Baldrianwurzelextrakt bei Krebspatienten vor. Barton et al. (2011) randomisierten 227 Frauen und Männer, welche eine Krebstherapie (z.B. Chemo-, Strahlen-, oder Hormontherapie) erhielten [622]. Eine Gruppe erhielt über 8 Wochen 450 mg Baldrian aus gemahlener Wurzel (0.8% Valerensäure). Die andere Hälfte erhielt ein Placebo. Verum und Placebo wurden eine Stunde vor dem Schlafen eingenommen. Da 108 Patienten die Studie frühzeitig beendeten, wurden nur Daten von 119 (52.4%) Patienten analysiert. Als primäre Endpunkte wurde die Fläche unter der Kurve (AUC) des gesamten Pittsburgh-Schlafqualitätsindex (PSQI) deklariert. Zu den sekundären Endpunkten gehörten die funktionellen Ergebnisse des Schlaffragebogens, eine Fatigue-Untersuchung (BFI) und das Profil der Stimmungszustände (POMS). Die Toxizität wurde sowohl mit selbstberichteten Fragen auf der numerischen Analogskala als auch mit den Common Terminology Criteria for Adverse Events (CTCAE), Version 3.0, bewertet. Die Fragebögen wurden zu Studienbeginn sowie nach 4 und 8 Wochen ausgefüllt. Die AUC betrug für Baldrian über 8 Wochen 51.4 (SD = 16), für Placebo 49.7 (SD = 15) (p = 0.6957). Die subjektiven Patientenberichte zeigten in der Baldriangruppe eine signifikante Verbesserung der Schlaf- und der Lebensqualität. Im Vergleich zur Placebogruppe waren diese nicht signifikant.

Es gab keine, gemessen anhand des Selbstberichts oder des CTCAE, signifikanten Unterschiede bei den Toxizitäten. Eine Ausnahme war die leichte Erhöhung der alkalischen Phosphatase, welche in der Placebogruppe signifikant häufiger auftrat. Explorative Analysen zeigten eine Verbesserung einiger sekundärer Ergebnisse, wie z.B. Müdigkeit unter Einnahme des Baldrianwurzel-Präparates. Als sekundärer Zielparameter zeigte auch die Cancer-related Fatigue (CRF) eine signifikante Verbesserung gegenüber dem Placebo.

Neben- und Wechselwirkungen

Baldrianwurzel und Extrakte aus Baldrianwurzel sind gut verträglich. So konnte auch in der Studie von Barton et al. (2011) gegenüber der Placebokontrolle keine vermehrten Nebenwirkungen registriert werden [622].

Das Interaktionspotenzial von Baldrian-Präparaten scheint gering und ohne klinische Relevanz zu sein [626].

Kontraindikationen sind Schwangerschaft und Stillzeit sowie das Fahren oder Bedienen von Maschinen direkt nach der Einnahme und den ersten Stunden danach. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen, Übelkeit und Bauchschmerzen, Durchfall und andere Magen-Darm-Beschwerden [622][624].

Toxizität

Ethanolextrakte aus Baldrianwurzel haben bei Nagetieren in akuten Tests und bei wiederholter Dosierung eine geringe Toxizität gezeigt (Zeitraum von 4-8 Wochen) [624]. Es liegen Daten über die Toxizität von Baldrian beim Menschen vor [624]. Barton et al. (2011) berichteten in der Baldrianpulvergruppe über eine gesteigerte Aktivität der Alkaline-Phosphatase nach CTCAE (p = 0.049) [622].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Baldrian wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.3 Cimicifuga racemose (Traubensilberkerze)

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.57 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Cimicifuga racemosa auf die Senkung der Mortalität oder der krankheitsassoziierten Morbidität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Cimicifuga racemosa auf die Senkung der Mortalität oder Reduktion der krankheitsassoziierten Morbidität bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
5
Konsens
Konsens
Literatur
[627] [628] [629] [630] [631] [632] [633] [634] [635] [636] [637] [638]
Evidenztabellen (1)Fritz et. al. (2014)
7.58 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Cimicifuga racemosa zur Senkung der therapieassoziierten Morbidität, nämlich menopausaler Symptome wie Hitzewallungen, bei Brustkrebspatientinnen vor. Der Einsatz von Cimicifuga racemosa kann zur Senkung von menopausalen Symptomen wie Hitzewallungen erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[627] [628] [629] [630] [631] [632] [633] [634] [635] [636] [637] [638]

Cimicifuga racemosa (L.) Nutt., Traubensilberkerze oder Actaea racemosa ist in zahlreichen europäischen Ländern als Medikament mit der Bezeichnung „well-established-use“ gegen klimakterische Beschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche zugelassen.

Die Arzneimittel werden durch Extraktion mit Alkohol oder Isopropanol aus dem Wurzelstock gewonnen. Die Wirksamkeit kann nicht einem spezifischen Inhaltstoff zugeordnet werden. Isoliert wurden unter anderem Triterpenglykoside (Actein, Cimifugosid), nach deren Gehalt die Extrakte z. T. standardisiert wurden. Heutzutage gilt der Gesamtextrakt mit all seinen Inhaltsstoffen als der wirksame Bestandteil. Cimicifuga racemosa (CR) wird auf dem deutschen Markt sowohl als Nahrungsergänzungsmittel als auch als Arzneimittel vertrieben. Nur die Arzneimittel unterliegen den strengen Auflagen einer standardisierten Produktion mit Qualitätsnachweis sowie Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweisen. Die als Arzneimittel zugelassenen Zubereitungen haben ein Drogen-Extrakt-Verhältnis von 5-10:1 oder 4,5-8,5:1 (Auszugsmittel Ethanol) oder 6-11:1 (Auszugsmittel Isopropanol).

Senkung der Mortalität oder der krankheitsassoziierten Morbidität (zu Statement 7.57 & Empfehlung 7.58)

Menopausale Symptome - Hitzewallungen

Die Datenlage aus RCTs, ob Hitzewallungen bei Brustkrebspatientinnen additiv mit Cimicifuga racemosa (CR) effektiv behandelt werden können, ist sowohl qualitativ schwach als auch widersprüchlich.

Es liegt eine Systematische Übersichtsarbeit von Fritz et al. (2014) vor [630], die drei RCTs mit insgesamt n = 353 Patientinnen aufführte. Eine Studie mit n = 136 Teilnehmerinnen vor der Menopause, in der über ein Jahr 40 mg standardisiert hergestelltes CR zusätzlich zu 20mg/Tag Tamoxifen gegeben wurde, zeigte eine deutliche Besserung der Symptomatik gegenüber der Kontrollgruppe, welche nur Tamoxifen einnahm. Von den Teilnehmerinnen hatten nach 12 Monaten 0% in der Tamoxifen-Gruppe vs. 46,7% in der Kombinations-Gruppe keine bzw. 73,9% vs. 24,4% noch starke Hitzewallungen [639]. Die beiden anderen RCTs zeigten nach ein- bzw. zweimonatiger Einnahme von CR keine Überlegenheit gegenüber Placebo bzgl. der Reduktion von Hitzewallungen bei prä- und postmenopausalen Teilnehmerinnen, die z.T. Tamoxifen oder kein Tamoxifen einnahmen (zwischen den Gruppen ausgeglichen oder stratifiziert) [640][641]. Jedoch fand sich in einem der beiden RCTs trotz der kleinen Fallzahl und der im Vergleich zu FDA- und EMA-Vorgaben zu kurzen Studiendauer eine signifikant stärkere Reduktion von Schweißausbrüchen in der CR-Gruppe im Vergleich zur Placebogruppe [640]. Ein kürzlich veröffentlichtes RCT mit 85 LHRH-a behandelten Brustkrebspatientinnen zeigte signifikant weniger klimakterische Beschwerden bei den additiv mit CR behandelten Patientinnen im Vergleich zur nur mit LHRH-a behandelten Kontrollgruppe [642]. Ein aktueller systematischer Review schloss neben RCTs auch 4 Beobachtungsstudien an Brustkrebspatientinnen ein, bei denen unter der CR-Therapie signifikante Reduktionen klimakterischer Beschwerden bzw. der Frequenz und Schwere von Hitzewallungen sowie Schweißausbrüchen zu verzeichnen waren [643]. Die Autoren vermuteten, dass die im Vergleich zum RCT-Design in Beobachtungsstudien besseren Wirksamkeitsergebnisse u. a. auf der den Patientinnen gegebenen Möglichkeit der Anwendung höherer CR-Dosierungen beruhen könnten.

Vasomotorische Symptome

Die Einnahme und Wirksamkeit von CR bei nicht durch medikamentös induzierten vasomotorischen Symptomen ist durch Studien besser belegt. In der 2020 aktualisierten S3 Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“ wurde die Wirksamkeit von CR bei Hitzewallungen in der Menopause untersucht und bewertet [628]. Die Empfehlung lautet, dass CR-Präparate bei vasomotorischen Symptomen angewendet werden können. Empfehlungsgrad 0, LoE 1b. Ein systematischer Review klinischer Studien, der die publizierten Daten differenziert nach Extraktzubereitung analysierte, stellte fest, dass nur klinisch geprüfte und zugelassene CR-Arzneimittel, nicht jedoch andere CR-haltige Produkte, Evidenz für ihre Wirksamkeit erbracht haben [644].

In der Netzwerkmetaanalyse, die im November 2015 für die britische NICE-Leitlinie „Menopause – Clinical Guideline, Methods, Evidence and Recommendations“ durchgeführt worden ist, wurde ein signifikanter Therapieeffekt von CR versus Placebo in der Reduktion von Hitzewallungen (MR 0.4; 95% KI 0.17-0.9) festgestellt (S. 94 und Appendix k, S. 241) [635][636].

Im März 2018 wurde von der European Medicines Agency (EMA) der finale Assessment Report zu CR herausgegeben [629]. In dem Report wurden alle verfügbaren in vitro, in vivo und klinischen Daten gesammelt und in Bezug auf Wirksamkeit und Sicherheit begutachtet. Für die Wirksamkeit von CR bei Hitzewallungen bei Gesunden kommt die EMA zu dem Schluss, dass die Nutzen-Risiko Bewertung positiv ausfällt. Da mögliche Effekte auf hormonsensitives Gewebe nicht ausgeschlossen werden können, sollten Patienten mit Brustkrebs oder anderen hormonabhängigen Tumoren CR nicht ohne medizinischen Rat einnehmen (S. 67).

Neben- und Wechselwirkungen

Die Datenlage zur Sicherheit der Einnahme von CR bei vasomotorischen Problemen ist eindeutig und umfangreich. Allerdings beziehen sich diese Daten größtenteils auf gesunde Frauen in der Menopause, so dass die von der EMA geforderte ärztliche Überwachung bei einer möglichen Einnahme von CR nach Brustkrebs indiziert ist.

In der systematischen Übersichtsarbeit von Fritz et al. (2014) werden 6 RCTs (eine Studie zu Brustkrebs) und vier Beobachtungsstudien mit 2.044 Patientinnen untersucht, in denen die Östrogen-Spiegel unter Einnahme von CR beobachtet wurden [630]. In den Prä-Post-Messungen ergaben sich keine Veränderungen. Zwischen Placebo und keine Behandlung gab es keine signifikanten Unterschiede. Die LH/FSH Werte wurden in drei Beobachtungsstudien und acht RCTs gemessen. Veränderungen oder signifikante Unterschiede ergaben sich nicht. In drei Beobachtungsstudien wurden die Brustdichte und in zwei Beobachtungsstudien und sieben RCTs die Endometriumdicke gemessen: Die CR- Einnahme führte nicht zu Veränderungen.

In der systematischen Übersichtsarbeit von Borrelli und Ernst (2008) wurden 13 klinische Studien (zwei RCTs, eine Beobachtungsstudie zu Brustkrebs) und drei Postmarketing Studien mit insgesamt n = 4232 Patientinnen auf unerwünschte Ereignisse, Nebenwirkungen und Interaktionen untersucht [627]. Sie ist das Update einer Übersichtsarbeit von Huntley und Ernst (2003) [632], und teilweise überschneiden sich Studien mit denen der Übersichtsarbeit von Fritz et al. (2014) [630]. Die Schlussfolgerungen decken sich. Veränderungen des Brustgewebes oder der Endometriumdicke wurden nicht festgestellt. In 14 Studien wurden Laborparameter erhoben. Innerhalb einer RCT war HDL (High-density Lipoprotein) signifikant gestiegen und LDL (Low-density Lipoprotein) signifikant gesunken. Weitere Parameter blieben unverändert, so auch die Leberwerte, die in 5 der Studien kontrolliert worden waren. Geringgradige unerwünschte Ereignisse (gastrointestinal und muskuloskeletal) wurden in elf Studien aufgeführt. In den drei Postmarketing Studien wurden unerwünschte Ereignisse von 0%, 12% bzw. <2% berichtet. Zwei Studien zeigten eine mögliche Verstärkung der antiproliferativen Wirkung von Tamoxifen. Möglicherweise zeigt CR einen leichten inhibitorischen Effekt auf CYP3A4. Hier ist die Studienlage jedoch schwach und widersprüchlich. Die gute Verträglichkeit von CR, das Ausbleiben östrogenartiger Effekte und das Fehlen von Evidenz für hepatotoxische Effekte in klinischen Studien wurden auch durch einen systematischen Review von Beer und Neff (2013) festgestellt [644]. Diese führt eine Metaanalyse, 14 RCTs, 18 Beobachtungsstudien (davon sechs kontrolliert), drei Fall-Kontroll-Studien und eine Kohortenstudie auf, in denen 13492 Patientinnen mit CR behandelt wurden. Die Studien überschneiden sich teilweise mit den von Borrelli und Ernst (2008) [627] und Fritz et al. (2014) [630] aufgeführten Arbeiten. Ein Update in Form einer 2015 aktualisierten, systematischen Übersichtsarbeit, welche neuere klinische Studien (acht RCTs, zwei Beobachtungsstudien) einschloss, in denen 896 Patientinnen mit CR behandelt wurden, bestätigt die Ergebnisse von Beer und Neff (2013) in Bezug auf die Sicherheit von CR [645]. 

Eine in vitro Studie von 2011 deutet darauf hin, dass CR möglicherweise mit Tamoxifen interagiert (Inhibition von CYP2D6 und CYP3A4) [633]. Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass in vitro Studien mit Tamoxifen problematisch sind. Die Ergebnisse können nicht für einen Rückschluss im klinischen Bereich herangezogen werden. Klinisch sind in der jahrzehntelangen Anwendung von CR keine Interaktionen bekannt, was auch in der HMPC-Monographie festgehalten wird [646][629]. In einer klinischen Interaktionsstudie waren zudem keine signifikanten Änderungen der Aktivität von CYP3A4/5 und keine klinisch relevanten Änderungen der Aktivität von CYP2D6 durch die hochdosierte Einnahme von CR feststellbar [647]. Eindeutige klinische Daten werden in der Übersichtsarbeit von Fritz et al. (2014) [630] mit der großen deutschen Kohorte und retrospektiv erhobenen Daten zur Wirkung von CR + Tamoxifen berichtet [631]. 18861 Patientinnen mit Brustkrebs wurden im Durchschnitt 3,6 Jahre beobachtet. 1102 der Teilnehmerinnen nahmen CR (standardisierte Herstellung) ein. 35,8% der CR-Nutzer und 24% der Nicht-CR-Nutzer nahmen zudem Tamoxifen. Die Assoziation zwischen Tamoxifen- und CR-Einnahme war signifikant (OR 1.76, p < 0.001). 14% der Nicht-CR-Nutzer entwickelte zwei Jahre nach Erstdiagnose ein Rezidiv, in der CR-Gruppe erst nach 6,5 Jahren. Adjustiert für Alter und Tamoxifen-Nutzung nahm das Rezidivrisiko für die Nutzer von CR um 25% ab (HR 0.75 95% KI 0.63-0.90, p =  0.002). Die Daten dieser retrospektiven Beobachtungsstudie sprechen dafür, dass CR die Wirkung von Tamoxifen nicht negativ beeinflusst. Die zusätzliche Einnahme von CR senkt möglicherweise sogar das Rezidiv-Risiko.

Eine Metaanalyse von Naser et al. (2011) untersuchte eine mögliche Hepatotoxizität von CR [634]. Fünf RCTs (zwei Überschneidungen mit Borelli und Ernst, 2008 [627] s.o.) mit N = 1020 Patientinnen in der Peri- und Postmenopause wurden ausgewertet, welche täglich 40-128mg CR über 3-6 Monate eingenommen hatten. Zwischen den Test- und Kontrollgruppen und den Studiendesign gab es keine signifikanten Unterschiede. Der Gesamt-Effekt betrug 0,055 ± 0,062 (p = 0.37) für Aspartat-Aminotransferase und 0.063 ± 0.062 (p = 0.31) für Alanin-Aminotransferase. Somit konnte keine Evidenz für eine Hepatotoxizität festgestellt werden. Eine weitere Analyse aus dem Jahr 2010 untersuchte 69 Fälle von angeblicher Leberschädigung durch CR (elf Fallberichte und 58 Meldungen in nationalen Datenbanken) [638]. Die Qualität der Berichte erwies sich als so schlecht, dass kaum Rückschlüsse auf eine  eventuelle Hepatotoxizität zulässig waren. Zudem lagen in sämtlichen Fällen weitere Störfaktoren (z. B. Alkoholkonsum, Komedikation und Komorbidität, fehlende zeitliche Assoziation zur CR-Einnahme, alternative Diagnosen, etc.) vor. Die Auswertung der Fälle mittels eines leberspezifischen Algorithmus ergab keine Hinweise auf einen sicheren Kausalzusammenhang zwischen der CR-Einnahme und Hepatotoxizität. Die Monographie der European Medicines Agency (EMA) und die am Markt befindlichen zugelassenen CR-haltigen Arzneimittel weisen auf besondere Vorsicht bei Patientinnen mit bestehenden oder früheren Lebererkrankungen hin. Die Therapie sollte sofort beendet werden, wenn Symptome einer Leberschädigung auftreten. Unter Nebenwirkungen wird darauf hingewiesen, dass über Fälle von Leberschädigungen im Zusammenhang mit der Anwendung von CR berichtet wurde [648][649].

Eine in vitro Studie untersuchte, ob CR der Östrogen mit dem Rezeptor-alpha (ERα) interagiert [637]. CR führte konzentrationsabhängig zu einer Downregulation von ERα und den Progesteronrezeptoren und zu einer Abnahme der Lebensfähigkeit von T47D-Brustkrebszellen. Die Autoren folgerten, dass CR dazu beitragen könnte, das Fortschreiten und sogar die Entstehung von Brustkrebs zu verhindern. Der aktuelle systematische Review von Ruan et al. (2019) führt neben klinischen auch weitere experimentelle Daten auf [643]. In drei Studien an CR behandelten, ER-α-positiven MCF-7-Brustkrebszellen konnte keine vermehrte Proliferation festgestellt werden. Stattdessen wurde in vier Studien eine dosisabhängige MCF-7-Zellproliferationshemmung und in einer der Studien zudem eine Verstärkung der antineoplastischen Effekte von Tamoxifen durch CR dokumentiert. Die durch CR verursachten antiproliferativen Effekte an MCF-7- (und MDA-MB 231-) Brustkrebszellen erwiesen sich in einer weiteren Untersuchung als Folge von Caspase-Aktivierung und Apoptoseinduktion. CR beeinflusste im transgenen MMTV-neu-Maustumormodell nicht das Wachstum von Brusttumoren und führte nicht zur neu-Hochregulation, es wurde jedoch eine bisher nicht reproduzierte Häufung von Lungenmetastasen im transgenen MMTV-neu-Maustumormodell festgestellt. Aufgrund des viralen Promotors und der Entwicklung von Lungenmetastasen vor dem Auftreten von Primärtumoren sowie des Studiendesigns (fast lebenslange Behandlung mit weit oberhalb der beim Menschen eingesetzten Dosierung) ist eine Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf Brustkrebspatientinnen fraglich. Ganz im Gegenteil hemmte CR die Proliferation von HER2-überexprimierenden humanen MDA-MB435-Zellen. Zudem leitete das CR-Triterpenglycosid Actein die Apoptose von HER2 transfizierten MCF-7-Brustkrebszellen ein. Die Invasivität von ER-negativen, hochinvasiven MDA-MB 231-Brustkrebszellen wurde in einer weiteren Untersuchung durch CR gehemmt. Vier in-vivo-Studien am ER-positiven DMBA-Rattenmodell für Brustkrebs ergaben keine Stimulation des Tumorwachstums durch CR. In einer der Studien zeigte sich stattdessen ein Trend zu reduziertem Tumorwachstum. Sofern die CR-Anwendung schon vor der Pubertät begonnen wurde, konnte eine Verzögerung des Tumorwachstums sowie ein signifikant längeres Überleben festgestellt werden. Die additive Gabe von CR zu Tamoxifen erhöhte den Anteil tumorfreier Ratten von 20 auf 50% und reduzierte die individuelle Tumorlast um 50%. Im Brustgewebe gesunder Frauen inhibierte CR die Steroid-Sulfatase, welche für die lokale Produktion von Estron und Estradiol verantwortlich ist. Reportergen-Untersuchungen zeigten direkte anti-östrogene Effekte durch CR auf. Klinisch zeigte sich in einer Fall-Kontroll-Studie (n = 9903) eine Assoziation zwischen der Einnahme von CR mit einem reduzierten Brustkrebsrisiko, welche unabhängig vom Hormonrezeptorstatus war [650].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Cimicifuga racemose wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.4 Boswellia serrata

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.59 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2024

Es liegen Daten aus einer RCT zur Wirksamkeit von Boswellia serrata auf zerebrale Hirnödeme bei Patienten mit Hirntumoren unter Strahlentherapie vor. Boswellia serrata kann ergänzend zur leitliniengerechten antiödematösen Therapie mit dem Ziel der Verminderung des zerebralen Ödems bei Patienten mit Hirntumoren erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (97%)
Literatur
[651]
ÄnderungshinweisEs liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von Boswellia serrata bei Patienten mit Hirntumoren vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Boswellia serrata auf die Behandlung zerebraler Ödeme bei Patienten mit Hirntumoren gegeben werden.
Evidenztabellen (1)Kirste et. al. (2011)
7.60 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von topisch appliziertem Boswellia serrata Extrakt bei Patienten mit strahleninduzierter Dermatitis vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Boswellia serrata in der Prophylaxe oder Behandlung einer Strahlentherapie-induzierten Dermatitis gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[652]

Boswellia ist eine Pflanzengattung der Familie der Balsambaumgewächse (Burseraceae). Die Arten der Gattung Boswellia wachsen als Bäume in Indien, Nordafrika und dem Nahen Osten [653]. Das gummiartige Exsudat oder Harz dieser Bäume, das durch Abschälen oder Einritzen der Rinde gewonnen wird, ist allgemein als Weihrauch bekannt. Während bei kirchlichen Bräuchen oft das Harz des Afrikanischen Weihrauchs (Boswellia carterii) verbrannt wird, findet medizinisch vor allem der Indische Weihrauch (Boswellia serrata Roxb., engl. Indian frankincense) Gebrauch. Indischer Weihrauch (auch als Olibanum indicum oder Salai Guggal bezeichnet) wird im Rahmen ayurvedischer Therapien zur Behandlung von Arthritis, Colitis ulcerosa, Husten, Wundheilung und Asthma eingesetzt. Zu möglichen Verwendungszwecken von Weihrauch in der westlichen Medizin zählen Arthritis, Asthma, Colitis, und Entzündungen. Weitere mögliche Verwendungszwecke sind der begleitende in der Krebstherapie und der Einsatz zur Reduzierung strahleninduzierter Begleiterscheinungen [654]. Der Hauptbestandteil dieser Harze ist Boswelliasäure, ein 5-Lipoxygenase-Hemmer mit entzündungshemmender und antiarthritischer Wirkung [655][656][657]. Boswelliasäure zeigte zytotoxische Eigenschaften [658][659][660][661] und verhinderte die intestinale Tumorgenese in einem Mausmodell [662]. Andere Tierstudien deuten darauf hin, dass Boswellia die kognitive Beeinträchtigung und Insulinresistenz verbessern könnte [663]. Es hat sich gezeigt, dass das ätherische Öl von Boswellia antimikrobielle Aktivitäten hat [664]. Kleine Studien haben positive Wirkungen von Boswellia bei Bronchialasthma, Colitis ulcerosa, leichtem Reizdarmsyndrom und osteo-muskulären Schmerzen gezeigt [665][666][667][668]. Ein angereicherter Extrakt aus Boswelliasäure wurde bei Patienten mit Osteoarthritis als nützlich eingestuft [669]. Für die klinische Empfehlung dieser Indikationen sind jedoch größere, gut konzipierte klinische Studien erforderlich. Andere vorläufige Daten deuten darauf hin, dass Boswellia bei Patienten mit Hirntumoren nach einer Strahlentherapie das Hirnödem wirksam reduzieren könnte und bei Patienten mit primärem Glioblastoma multiforme das durch die Radiochemotherapie induzierte Hirnödem reduzieren könnte [670][651]. Eine Creme auf Boswelliabasis erwies sich bei Brustkrebspatientinnen bei der Prävention von Hautschäden durch Strahlentherapie als nützlich [652].

Andere Daten deuten darauf hin, dass eine Kombination von Boswelliasäure, Betain und Myo-Inositol-Behandlung dazu beitragen könnte, die Dichte des Brustdrüsengewebes, ein Risikofaktor für Brustkrebs, zu reduzieren [671]. Obwohl Boswellia in vielen Eigenschaften ähnlich ist, sollte sie nicht mit Guggul oder Myrrhe verwechselt werden [654].

Es wird angenommen, dass Boswelliasäure zu den meisten pharmakologischen Aktivitäten des Harzes beiträgt. In vitro- und Tierstudien zeigten, dass die entzündungshemmende Wirkung über die Hemmung der 5-Lipoxygenase [656][657] und der Cyclooxygenase-1 [672] erfolgt. Sie hemmt auch die Signalübertragung des nukleären Transkriptionsfaktors KappaB (NF-KappaB), wodurch die Produktion des Tumor-Nekrose-Faktors (TNF-alpha), deutlich verringert wird [673]. Im Gegensatz zu anderen nicht-steroidalen Antirheumatika (NSARs) zeigte Boswelliasäure jedoch keine analgetische oder fiebersenkende Wirkung [674].

Forschungen zu zytotoxischen Effekten von Boswelliasäure weisen zudem darauf hin, dass sie die Expression von p21 über einen p53-unabhängigen Weg induziert und Apoptose in Gliom- und Leukämie-Zelllinien verursacht [659][660][661]. Ein Boswelliaextrakt induzierte Apoptose in einer Gebärmutterhals-krebs-Zelllinie durch Induktion von Stress im endoplasmatischen Retikulum [675]. Zu weiteren apoptotischen Mechanismen gehören die frühe Erzeugung von Stickstoffmonoxid und reaktiven Sauerstoffspezies (Sauerstoffradikale), die die zeitabhängige Expression von p53/p21/PUMA (p53 upregulated modulator of apoptosis) hochregulierten, die Hemmung der mikrosomalen Prostaglandin-E-Synthase-1 (mPGES-1) sowie die Senkung der Prostaglandin (PGE2)-Spiegel und ihrer nachgeschalteten Effektorproteine [676][677].

Ein halbsynthetisches Boswelliasäure-Analogon, 3-Alpha-Butyryloxy-beta-Boswelliasäure, zeigte eine signifikante Wachstumshemmung in den Tumormodellen Ehrlich Ascitic Tumor (EAT), Ehrlich Ascitic Carcinoma (EAC) und Sarkoma-180 durch NF-KappaB-Deregulation und Induktion der Poly (ADP-Ribose)-Polymerase (PARP)-Spaltung [678]. Acetyl-Boswelliasäuren hemmten Topoisomerasen, indem sie mit der DNA um Bindungsstellen konkurrierten [679]. Acetyl-11-Keto-beta-Boswelliasäure (AKBA) hemmte das Wachstum des menschlichen Prostatatumors durch Hemmung der VEGFR2-induzierten Angiogenese [680]. In vitro kann die antithrombozytäre Wirkung von Boswellia-Gummiharz-Extrakten auf die Hemmung der Gerinnungsfaktoren Xa und XIa zurückgeführt werden [681].

Im Allgemeinen ist Boswellia gut verträglich, toxische Wirkungen sind nicht beschrieben [654]. Weihrauch-Trockenextrakt liegt in Deutschland sowohl als Nahrungsergänzungsmittel, als auch als Arzneistoff vor [682].

Morbidität

Zwei RCTs wurden in die Recherche eingeschlossen [651][652]. In einer deutschen RCT wurde die Wirkung von Boswellia serrata H15 Trockenextrakt auf Gehirnödeme bei Patienten mit Gehirntumor getestet [651]. In einer anderen RCT aus Italien wurde die Wirkung einer boswelliahaltigen Creme auf strahleninduzierte Hautreaktionen getestet [652].

Zerebrale Ödeme (zu Statement 7.59)

In einer Pilotstudie (doppelblind, randomisiert) untersuchten Kirste et al. (2011) [651] die Wirksamkeit eines Boswellia serrata-Extraktes bei Patienten (n = 44), die eine Strahlentherapie zur Behandlung von primären Hirntumoren (Glioblastom) oder Gehirnmetastasen erhielten. Die Verumgruppe nahm während der Therapie täglich 3x4 Kapseln des Nahrungsergänzungsmittels H15 (4.200 mg nicht weiterspezifizierter Trockenextrakt/Tag) ein, die Placebogruppe Lactose-Kapseln. Die Boswellia-haltigen Kapseln waren zweischichtig, um den Weihrauchgeruch zu überdecken. Beide Gruppen erhielten bei Hirndrucksymptomen Dexamethason. Das mittels MRT gemessene Hirnödemvolumen nach Therapie wurde im Vergleich zum Ausgangswert bei 60% der Patienten der Boswelliagruppe und bei 26% der Patienten der Placebogruppe um >75% reduziert (Gruppenvergleich p=0.023). Es ergaben sich zudem Hinweise auf eine stärkere Reduktion des Tumorvolumens in der Boswellia-Gruppe (p=0.008). Bei den sekundären Endpunkten progressionsfreie Überlebenszeit, Lebensqualität, kognitive Funktion sowie beim Dexamethasonbedarf fanden sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Ergebnisse müssen in größeren Studien validiert werden.

Strahleninduzierte Dermatitis (zu Statement 7.60)

Togni et al. (2015) untersuchten die Wirksamkeit einer kommerziellen boswelliahaltigen Creme (Bosexil®, Boswellia serrata) bei Frauen (n = 114) mit strahleninduzierten Hautveränderungen [652]. Frauen, die sich einer adjuvanten Strahlentherapie nach einer Operation des Mammakarzinoms unterzogen, wurden randomisiert einer von zwei Gruppen zugeordnet. Die Patientinnen erhielten entweder eine Basiscreme (n = 59, Inhaltsstoffe nicht angegeben) oder eine boswelliahaltige Creme (Bosexil®, ≥25% Boswelliasäuren von Boswellia serrata Roxb. ex Colebr.). Beide Gruppen sollten die Cremes zweimal täglich, direkt nach der Strahlentherapie und am Abend, bzw. an therapiefreien Tagen morgens und abends, anwenden. Da die Creme den weihrauchtypischen Geruch aufwies, ist die Verblindung fraglich. Von den Frauen, die Boswellia erhielten, wurden die Erytheme subjektiv als eher leicht oder moderat eingestuft, in der Placebogruppe hingegen berichteten mehr Frauen von intensiven Erythemen. In der Verumgruppe benötigten weniger Frauen eine Hydrokortisoncreme (Kontrollgruppe 63,0 % vs. Verumgruppe 25,0 %, p < 0.001). Interessenkonflikte bestanden möglicherweise bei zwei Autoren, die Angestellte des Herstellers von Bosexil® (Indena SpA) waren.

Neben- und Wechselwirkungen

Produkte aus den Harzen der Boswellia serrata Pflanze werden im Allgemeinen gut vertragen. Allergische Kontaktdermatitis wurde nach Anwendung einer topischen Creme mit einem Extrakt aus Boswellia serrata berichtet. Ein 17-jähriges Mädchen mit Zöliakie entwickelte nach übermäßiger Einnahme von Olibanum (Weihrauch) einen gastrischen Bezoar (Fremdkörper im Magen-Darm-Trakt, der aus einem Konvolut verschluckter, unverdaubarer Materialien besteht). Ihre Symptome, darunter epigastrische Schmerzen und Erbrechen, lösten sich auf, nachdem der Bezoar operativ entfernt worden war. Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom, die mit Casperome® (Boswellia serrata) supplementiert wurden, war eine leichte Verstopfung die einzige unerwünschte Nebenwirkung, die festgestellt wurde [654].

Es liegen keine Befunde zur Unbedenklichkeit bei Schwangeren und Stillenden vor [572].

Im Hinblick auf Wechselwirkungen kann Boswellia die Aktivität des OATP1B3- und MRP2-Transporters modulieren, die Aktivität des P-Glycoproteins sowie die Aggregation von Blutplättchen hemmen [654]. Sowohl 11-Keto-beta-Boswelliasäure (KBA) als auch 3-Acetyl-11-Keto-beta-Boswelliasäure (AKBA) modulierten die Aktivität von OATP1B3 in vitro [683]. Die klinische Relevanz ist nicht bekannt. Boswellia-Extrakt und Keto-Boswelliasäuren hemmten die Aktivität von P-Glykoprotein in vitro und können den durch dieses Protein vermittelten Medikamententransport beeinflussen [684]. Die klinische Bedeutung ist noch nicht geklärt. Es besteht die Möglichkeit, dass Boswellia-Extrakt die Thrombozytenaggregation hemmen und in Verbindung mit diesen Medikamenten das Blutungsrisiko erhöhen könnte [681]. Die klinische Bedeutung muss noch bestimmt werden.

Die European Medicines Agency - Committee on Herbal Medicinal Products (HPMC) hat keine Monographie zur Boswellia serrata veröffentlicht.

In der Studie von Kirste et al. (2011) wurde bei zwei Patienten eine leichte Diarrhöe unter Boswellia serrata Trockenextrakt festgestellt [651]. Hinsichtlich unerwünschter Ereignisse wie Juckreiz, Brennen und epidermale Veränderungen bei topischer Applikation konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Boswellia- und Placebobehandlung gezeigt werden [652].

Toxizität:

Es sind keine toxischen Ereignisse bei der Verwendung von Weihrauch (Boswellia serrata) beschrieben.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Boswellia wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.5 Ginkgo

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.61 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zum Einsatz von Ginkgo biloba zur Vorbeugung von Zytostatika-bedingten, kognitiven Beeinträchtigungen bei Frauen mit Brustkrebs vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Ginkgo biloba bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[685]
Evidenztabellen (1)Barton et. al. (2013)

Ginkgo biloba L. folium (Ginkgoblätter) sind die Blätter der Ginkgopflanze (Ginkgo biloba, Ginkgoaceae). Sie ist eine der ältesten lebenden Baumarten und wird weltweit wegen ihrer medizinischen Eigenschaften und ihres ästhetischen Wertes angebaut. Der Begriff „biloba“ deutet auf die Form der Blätter hin, die zweigeteilt sind (lat. biloba = zweilappig). In ihrer traditionellen Verwendung werden die Blätter der Ginkgopflanze getrocknet und für den oralen Verzehr pulverisiert. Die Samen und Blätter werden in der traditionellen chinesischen Medizin zur Behandlung von Atemwegserkrankungen, Durchblutungsstörungen, sexuellen Funktionsstörungen sowie Hörverlust verwendet. Die selbstständige, wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes (BGA) und des heutigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Deutschland (Kommission E) kennzeichnet den Trockenextrakt aus Ginkgoblättern mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis von 35-67:1 sowie einem Gehalt von 22 bis 27 % Flavonglykosiden und 5 bis 7 % Terpenlactonen [686][654].

Der Ginkgo biloba Extrakt EGb761 ist ein standardisiertes Präparat, das in Europa seit Ende der 70er-Jahre kommerziell erhältlich ist. EGb761 hat vasoregulatorische Eigenschaften [687][688]. Eine verbesserte Durchblutung resultiert vor allem aus der Erhöhung der Erythrocytenflexibilität und damit Senkung der Blutviskosität [689][690][691].

Ginkgo biloba interagiert mit mehreren Cytochrom-P450-Enzymen. Die Vorbehandlung mit Ginkgo biloba Extrakt induziert die Expression von CYP3A-Proteinen und mRNA und erhöht die CYP3A-Aktivität [692]. Ginkgo biloba hemmt auch die katalytische Aktivität von CYP2B6 und somit die Bupropion-Hydroxylierung durch Cytochrom-P450 2B6 [693]. Bupropion gehört zur Gruppe der Amphetamine und wird als Arzneistoff zur Behandlung von Depressivität und zur Raucherentwöhnung eingesetzt. In den entsprechenden Studien wurden unterschiedliche Extrakte eingesetzt, sodass die Übertragbarkeit der Beobachtungen auf den in Arzneimitteln verwendeten Extrakt EGb 61 nicht angenommen werden kann. Zum Teil wurden auch wesentlich höhere Dosen verwendet, als im Blut bei therapeutischen Dosen erreichbar sind. Einem Review zufolge sind bei monographiekonformem Ginkgo-Extrakt keine relevanten Interaktionen über Cytochrom P450 zu erwarten [694].

Ginkgo biloba könnte über die Hemmung der Interleukin-6-Aktivierung eine Rolle bei der Verminderung der endothelialen Entzündung, induziert durch hohen Glukosegehalt, spielen [695]. Die wiederholte Einnahme von Ginkgo biloba führte zu einer gesteigerten Zellproliferation und Neuroblastendifferenzierung [696]. In Ginkgo-Extrakten vorhandene Flavonoide hemmten die Östrogenbiosynthese durch Aromatase-Hemmung, verminderten die CYP19-mRNA und induzierten eine Transkriptionsunterdrückung [697]. In einer weiteren Untersuchung derselben Autoren wurden antitumorigene Effekte von EGB 761 in einem in vitro-Modell an MCF-7-Zellen sowie in einem in vivo-Modell an mit MCF-Zellen xenotransplantierten Mäusen untersucht. EGb 761 reduzierte die Tumorgröße und die Expression von CYP19 [698].

Die chemopräventiven Eigenschaften von Bilobalid, einem Terpen-Trilacton, könnten auf Veränderungen der kryptalen Zellproliferation und der medikamenten-metabolisierenden Enzymaktivitäten zurückzuführen sein [699]. Die aus dem Exocarp- der Früchte von Ginkgo biloba isolierten Polysaccharide beeinflussten die Expression von c-myc-, bcl-2- und c-fos-Genen, die die Zellproliferation hemmen und Apoptose und Differenzierung menschlicher Magentumorzellen induzieren können [700]. Die klinische Relevanz ist zu hinterfragen, weil Arzneimittel mit Ginkgoextrakten in Deutschland aus den Blättern, nicht aus den Früchten, gewonnen werden.

Der Schwerpunkt von Ginkgo biloba liegt heute bei der Behandlung der Demenz. Ginkgo-Arzneimittel sollen ähnlich den Acetylcholinesterase-Hemmer (CHE-Hemmer) für einen gewissen Zeitraum die kognitive Leistungsfähigkeit steigern können. Cholinesterasehemmer sind von der Arzneimittel-kommission der deutschen Ärzteschaft als Mittel der ersten Wahl definiert. In der aktuellen internationalen Leitlinie der World Federation of Societas of Biological Diseases werden Ginkgo-Arzneimittel als gleichwertig effektiv zu CHE-Hemmern und Memantin und dabei als verträglicher eingestuft [701]. In deutschsprachigen Leitlinien finden sich Empfehlungen zur Anwendung von Ginkgo-Spezialextrakten bei Demenzen (deutsche S3-Leitlinie 2016), vaskulären Demenzen (deutsche S1-Leitlinie 2016), bei leichten bis mittleren Alzheimer-Demenzen (österreichisches Konsensus-Statement 2014) [702] sowie behavioralen und psychologischen Symptomen der Demenz (BPSD) (Schweiz 2014) [703].

In vitro zeigen Ginkgoextrakte chemopräventive, krebsbekämpfende und zytotoxische Wirkungen. Obwohl sie zur Verbesserung des Gedächtnisses verwendet werden, zeigen einige klinische Studien einschließlich der großen Gingko Evaluation of Memory (GEM)-Studie, dass eine Supplementation mit Ginkgo die kognitive Leistung nicht verbessert sowie Alzheimer-Krankheit oder Demenz nicht verhindert [704][705][706][707][708]. Dies hatte zum Teil allerdings auch methodische Gründe: zum Beispiel war in der Studie von Vellas et al. (2012) von einem statistisch gleichbleibenden Risiko ausgegangen worden, während tatsächlich das Demenzrisiko mit der Zeit anstieg und somit die statistische Auswertung negativ beeinflusste [708]. Bei retrospektiver Anwendung eines adäquaten Tests zeigte sich ein Effekt, wenn man von letzterem ausgeht [709]. Die GEM-Studie war methodisch nicht geeignet, um Verbesserungen der kognitiven Leistung zu untersuchen [706]. Es kamen nur Tests zum Einsatz, mit denen das Vorliegen einer Demenz angezeigt werden konnte, die aber nicht sensitiv genug waren, um eine Verbesserung kognitiver Befunde bei Gesunden oder bei Patienten mit MCI zu erfassen. Auch war es wegen fehlender Verschlechterung der Placebogruppe nicht möglich, eine Verzögerung des kognitiven Abbaus zu erkennen. Bei der Studie von Solomon et al. (2002) ist die Verblindung zu hinterfragen [707].

Positive Effekte bei Patienten mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen bzw. Demenz konnten in neueren Studien bestätigt werden [710][711][712][713][714][715]. Ebenfalls klinisch belegt wurde eine Gleichwertigkeit mit dem Cholinesterasehemmer Donepezil [716]. Uneinheitliche Befunde bezüglich kognitiver Verbesserungen bei Gesunden hängen von der Sensitivität der angewandten Tests ab [713][717]. Die Reviews von Birks und Evans (2009) [718] sowie Butler et al. (2018) [719] sprechen zwar Gingko die Wirksamkeit bei normaler Kognition oder leichten kognitiven Beeinträchtigungen ab, diese Reviews sind aber weder aktuell, noch bei detaillierter Betrachtung, methodisch fundiert. 

Obwohl zwei Studien auf einen potenziellen Nutzen von Ginkgo bei Patienten mit einem akuten ischämischen Schlaganfall hindeuten [720][721], wurde in einer Studie mit älteren Erwachsenen unter Einnahme einer nicht als Arzneimittel charakterisierten Zubereitung einer US-amerikanischen Ginkgo-Zubereitung eine erhöhte Schlaganfallinzidenz in der Ginkgo biloba Gruppe im Vergleich zu einem Placebo festgestellt [705]. Große Studien und Metaanalysen ergaben für den arzneilichen Ginkgo-Extrakt EGb 761 kein Signal für ein derartiges Risiko.

Darüber hinaus konnte in der großen GEM-Studie kein Nutzen von Ginkgo biloba für die Inzidenz oder Mortalität kardiovaskulärer Erkrankungen festgestellt werden [722]. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Ginkgo biloba möglicherweise keinen entscheidenden Vorteil bei der Behandlung des Tinnitus liefert [723][724]. Allerdings war das Ginkgo-Produkt in der Studie von Han et al. (2012) nach monographierten Standards unterdosiert, die Behandlungsdauer war kürzer als empfohlen, und die Sedierung mittels Clonazepam kann nicht als adäquate Vergleichsbehandlung betrachtet werden [723].

Studien zur Verwendung von Ginkgo biloba bei ADHS bei Kindern und bei der Höhenkrankheit ergaben inhomogene Ergebnisse [654]. Vorläufige epidemiologische und biologische Daten deuten darauf hin, dass Ginkgo das Risiko für Eierstockkrebs verringern könnte [725]. Oral verabreichte Kapseln von Ginkgo-Exocarp-Polysacchariden reduzierten die Tumorfläche in einer kleinen Studie an Patienten mit Magenkrebs [700]. Eine injizierbare Form eines Ginkgoextraktes und 5-Fluoruracil, die Patienten mit fortgeschrittenem Kolorektalkarzinom verabreicht wurde, zeigte einen Nutzen der Kombinations-Therapie [726]. Sekundäre Outcome-Daten aus der oben erwähnten GEM-Studie unterstützen jedoch nicht die Verwendung von Ginkgo biloba zur Senkung des Krebsrisikos. Auch bei der Prävention chemotherapie-assoziierter, kognitiver Funktionsstörungen bei Brustkrebspatientinnen zeigte sich Ginkgo biloba unwirksam [685][727]. Interessanterweise zeigten hohe Dosen eines nicht-monographiekonformen Ginkgoextrakts hepatokarzinogene Wirkungen in einem Mausmodell [728][729]. Die Rate an hepatozellulären Karzinomen dürfte für Nager spezifisch sein und lag im Rahmen dessen, was aus mit Maisöl ernährten Kontrollgruppen bereits früher berichtet wurde. In großen Studien und Metaanalysen von Studien mit EGb 761 wurden Leberkarzinome im Vergleich zu Placebo nicht vermehrt beobachtet. 

Zu möglichen Indikationen für Ginkgo biloba in der westlichen Medizin zählen kardiovaskuläre Erkrankungen, Demenz und Gedächtnisstörungen sowie Tinnitus [654].

Die World Health Organization International Agency for Research on Cancer hat Ginkgo biloba, auf Grundlage der bereits genannten Untersuchungen an Mäusen, als krebserzeugend der Stufe 2B (möglicherweise krebserregend für den Menschen) eingestuft [730]. Weil der verwendete Extrakt nicht dem in Europa momographierten Standard entsprach, wurde diese Untersuchung nicht in die Monographie der EMA zu Ginkgo biloba aufgenommen. 

In dieser Monografie finden sich ausführliche Informationen aus präklinischen Studien über die Toxizität von Ginkgo biloba [731]. Es zeigte sich hier in Versuchen an Mäusen über sechs Monate keinerlei Toxizität sowie lediglich eine leichte Toxizität in Untersuchungen an Hunden in der höchsten Dosierung (400mg/kg) über die Dauer von sechs Monaten. Adäquate Untersuchungen von Ginkgo biloba Trockenextrakt in Bezug auf die Genotoxizität und Kanzerogenität sind laut diesem Bericht nicht verfügbar. Zu den Kontraindikationen von Ginkgo biloba zählen Überempfindlichkeiten gegen diese Substanz sowie Schwangerschaft und Stillzeit. Adäquate Studien und Untersuchungen zur Beeinträchtigung der Fertilität liegen nicht vor, von einer Verwendung von Ginkgo biloba wird daher bei Kinderwunsch eher abgeraten. Präparate, die Ginkgo biloba enthalten, können die Blutungsneigung steigern. Patienten mit erhöhter Blutungsneigung, antikoagulativer Therapie oder unter Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern sollten Ginkgo biloba nur nach Rücksprache mit einem Arzt einnehmen. Präparate, die Ginkgo biloba enthalten, sollen daher drei bis vier Tage vor operativen Eingriffen abgesetzt werden. Bei Epilepsiepatienten kann ein Anfallsgeschehen, ausgelöst durch Ginkgo biloba, nicht ausgeschlossen werden. Für EGb 761 konnte in einer kontrollierten Studie keine Verstärkung der gerinnungshemmenden Wirkung von Warfarin (Vitamin-K-Antagonist) gefunden werden, auch war keine Dosisanpassung unter Behandlung mit EGb 761 notwendig [732]. Ebenso wenig war bei gleichzeitiger Gabe mit Acetylsalicylsäure (ASS) eine Verstärkung der plättchenaggregationshemmenden Wirkung von ASS festzustellen [733].

Typische Nebenwirkungen können Kopfschmerzen, Schwindel, Diarrhoe, Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen sein. Eine Überdosierung mit Ginkgo biloba ist nicht bekannt. Die empfohlene Einzeldosis von Ginkgo biloba L., folium für Erwachsene beträgt 120-240 mg bei einer Tagesdosis von 240 mg, eine relevante Indikation zur Einnahme von Ginkgo biloba für Kinder und Jugendliche besteht nicht.

Wirksamkeit:

Aus der Literaturrecherche konnten drei randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) sowie eine Übersichtsarbeit über Toxizität eingeschlossen werden. Alle drei RCTs testeten die Wirkung von Ginkgo biloba Extrakt (EGb761) in Kapselform [685][734][735]. Aufgrund der Heterogenität der untersuchten Patienten und Endpunkte ist jedoch eine Gesamtzusammenfassung hier nicht zweckmäßig und die Ergebnisse der Studien werden im Folgenden einzeln dargestellt.

Zytostatika-bedingte, kognitive Beeinträchtigungen (zu Statement 7.61)

In einer randomisierten placebokontrollierten Studie testeten Barton et al. (2013) die Wirkung von Ginkgo Extrakt (GBE) auf den Rückgang der kognitiven Funktionen bei Frauen (n = 166), die eine adjuvante Chemotherapie bei Brustkrebs erhielten [685]. Die Frauen wurden randomisiert, um Kapseln mit Ginkgo biloba Extrakt in einer Dosis von 120 mg pro Tag oder ein Placebo zu erhalten. Die Frauen begannen mit der Einnahme von GBE bzw. dem Placebo vor ihrem zweiten Chemotherapiezyklus und nahmen die Kapseln bis einen Monat nach Beendigung ihrer Chemotherapiebehandlung weiter ein. Die Forscher verglichen durch objektive sowie subjektive Messungen Veränderungen des kognitiven Abbaus. Zeitpunkte der Messung waren Baseline (d.h. vor dem ersten oder zweiten Chemotherapiezyklus), während und nach der Chemotherapiebehandlung (ca. einen Monat danach sowie nach 6, 12 und 24 Monaten). Die Forscher fanden zu keinem Zeitpunkt, sowohl objektiv als auch subjektiv, einen Unterschied im kognitiven Rückgang sowie keine Unterschiede in der Toxizität (NCI CTCAE-v2; National Cancer Institute, Common Terminology Criteria for Adverse Events, Version 2.0) zwischen Verum- und Placebo-Gruppe. Die GBE-Kapseln wurden in der verabreichten Dosis gut vertragen. Die Einnahme von GBE konnte dem Auftreten von Übelkeit in der Interventionsgruppe, im Vergleich zur Placebogruppe, entgegenwirken.

Genotoxische Schäden durch Radiojodtherapie

Aufgrund der vorliegenden Datenlage konnte keine Empfehlung formuliert werden. Die Ergebnisse werden im Hintergrundtext erläutert.

In einer doppel-blind randomisierten, placebokontrollierten Studie untersuchten Dardano et al. (2012) die Wirkung von Ginkgo biloba Extrakt (GBE) - Kapseln in Bezug auf genotoxische Schäden durch Radiojodtherapie [734]. Die Radiojodtherapie (131-I) wird in der Regel bei Patienten mit differenziertem Schilddrüsenkrebs (DTC) durchgeführt. Obwohl 131-I im Allgemeinen als sicher gilt, sind genotoxische Schäden sowohl in vivo als auch in vitro beschrieben. Dazu gehören Mikronuklei (MN) in peripheren Blutlymphozyten und Plasmafaktoren mit chromosomenschädigenden Eigenschaften, so genannte "klastogene" Faktoren (CFs). Ziel dieser Studie war es, die Wirkung von GBE auf den zeitlichen Verlauf des Auftretens von CFs im Plasma und MN in Lymphozyten nach 131-I-Therapie bei DTC zu untersuchen. Dreiundzwanzig Patienten (Medianalter 42 Jahre, Bereich 18-73 J.) mit DTC, die eine 131-I-Aktivität (3,7 GBq) zur Ablation von Schilddrüsenresten erhielten, wurden randomisiert und doppelblind mit GBE (120 mg/Tag; n = 10) oder Placebo (n = 13) für einen Monat behandelt. Nach der 131-I-Therapie wurden in verschiedenen Abständen (von der Baseline bis 90 Tage danach) Blutproben entnommen. Die Häufigkeit von MN in Blutlymphozyten und die CFs im Plasma wurden bestimmt. Die MN in Blutlymphozyten stiegen nach 131-I-Behandlung in der Placebogruppe signifikant an, erreichten am 7. Tag ihren Höhepunkt (p = 0.002) und gingen danach langsam zurück. Im Gegensatz dazu wurde bei Patienten mit äquivalenter Primärtherapie, die sowohl vor als auch nach der 131-I-Behandlung mit GBE behandelt wurden, kein signifikanter Anstieg des MN-Spiegels in den Blutlymphozyten beobachtet. Darüber hinaus zeigte nur die Placebogruppe einen signifikanten, progressiven Anstieg der CFs-Aktivität. Diese erreichte ihren Höhepunkt am 14. Tag (p = 0.003 vs. Ausgangswert) und wurde noch bei der letzten Plasmaprobe festgestellt. Die Unterschiede in der Veränderung der MN in Lymphozyten und CF-Aktivität zwischen der Placebo- und der Verum-Gruppe waren signifikant (p < 0.01 bzw. p < 0.05, jeweils). Die Schilddrüsenfunktionstests, einschließlich der Serumwerte von Thyreoglobulin (Tg) und Anti-Tg-Antikörpern waren zu keinem Zeitpunkt signifikant unterschiedlich. Es wurden keine Nebenwirkungen von GBE bei den untersuchten Patienten beobachtet. Weitere Studien mit größeren Patientenkohorten sind erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen.

Cisplatinbedingte Ototoxizität

Aufgrund der vorliegenden Datenlage konnte keine Empfehlung formuliert werden. Der Einsatz von Ginkgo zur Prävention von cispplatinbedingter Ototoxizität ist in der westlichen Medizin untypisch. Die Ergebnisse werden im Hintergrundtext erläutert.

Die prospektive, randomisierte und doppelt verblindete Studie von Dias et al. (2015) wurde an Patienten (n = 15; 24-69 J.)  mit vorbestehender Cisplatinbehandlung durchgeführt [735]. Ziel dieser Studie war es, mit Hilfe eines Tests zur Ableitung distorsiv produzierter otoakustischer Emissionen (DPOAEs) die Wirkung von Ginkgo biloba EGb761, der eine bekannte antioxidative Eigenschaft hat, als mögliches otoprotektives Mittel gegen cisplatininduzierte Schwerhörigkeit zu untersuchen. Eine Chemotherapie mittels Cisplatin wirkt ototoxisch, indem sie die äußeren Haarzellen der Cochlea zerstört. Distorsiv produzierte otoakustische Emissionen werden als Marker für die Integrität der äußeren Haarzellen bestimmt. Die Patienten wurden randomisiert und in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Kontrollgruppe (CG, n = 7) erhielt ein Placebo und als Primärtherapie Cisplatin, die Verumgruppe (SG, n = 8) erhielt Ginkgo biloba Extrakt 761 (240 mg/Tag) und als Primärtherapie Cisplatin. Beide Gruppen wurden angewiesen, das Placebo bzw. EGb761 vor der ersten Cisplatin Dosis einzunehmen. Die Cisplatintherapie folgte dem jeweiligen Tumor-Protokoll (Gesamtdosen lagen zwischen 50 und 300 mg/m2). Die distorsiv produzierten otoakustischen Emissionen wurden vor der ersten Cisplatin Gabe sowie 30, 60 und 90 Tagen nach Behandlung gemessen. Der Durchschnitt der Amplitude der Signale wurde berechnet und für den Vergleich zwischen den Gruppen herangezogen. Es wurden Vergleiche zwischen den Baseline Messungen und den nach der maximalen kumulativen CDDP-Dosis aufgezeichnet. Statistisch gesehen gab es keinen signifikanten Unterschied (p > 0.05) zwischen den Gruppen in der Amplitude des Signals über alle Frequenzen. Allerdings gab es einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Kontroll- und Verumgruppe für die Frequenz von 8 KHz (p = 0.03). Es wurden keine Nebenwirkungen von Ginkgo biloba Extrakt bei den untersuchten Patienten beobachtet. Zudem fanden sich keine Hinweise aus den Patientenakten, dass Ginkgo biloba Extrakt die Wirkung von Cisplatin beeinflusste. Es lässt sich somit schlussfolgern, dass Ginkgo biloba Extrakt 761 antioxidative Eigenschaften und eine otoprotektive Wirkung gegen eine cisplatinbedingte Ototoxizität haben kann. Weitere Studien mit größeren Patientenkohorten sind erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen und die positive Wirkung von Ginkgo biloba Extrakt (GBE) bei dieser Indikation zu verifizieren.

Neben- und Wechselwirkungen:

Zu möglichen Nebenwirkungen von Ginkgo biloba zählen Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Hautreaktionen sowie Blutungen. Die Häufigkeit, mit der diese Nebenwirkungen auftreten, ist nicht bekannt. Überdosierungen wurden nicht beschrieben [731].

Zu konkret beschriebenen Fällen in Bezug auf Nebenwirkungen bei der Anwendung von Ginkgo biloba zählen spontane Blutungen (einschließlich Hämatome, Hyphema und zerebrale und intrazerebrale Blutungen), längere Blutungszeit bei einigen gesunden Freiwilligen in einer pharmakodynamischen Studie, in der die Wechselwirkung von Ginkgo biloba mit Thrombozytenaggregationshemmern untersucht wurde, Krampfanfälle bei prädisponierten Patienten oder Patienten, die Medikamente einnahmen, die die Anfallsschwelle senkten, ein Fall einer kutanen Reaktion (Pruritus und Makulaerythem) nach wiederholter Einnahme eines Ginkgo- und vinpocetinhaltigen Naturprodukts sowie ein Fall einer akuten hämolytischen Anämie bei einem Patienten mit Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD), der zur Demenz-Prophylaxe eine Ginkgo biloba Injektion erhielt; die Symptome lösten sich nach intravenöser Flüssigkeitssubstitution und Absetzen der Ginkgo biloba Injektion auf [654].

In den beiden kleineren RCTs (Untersuchung der Wirkung von Ginkgo auf die cisplatinbedingte Ototoxizität (n = 15) sowie auf die radiojodbedingten Schäden an genetischem Material (n = 23)) wurden bei den teilnehmenden Patienten keine Nebenwirkungen durch die Einnahme von Ginkgo biloba Extrakt (GBE) beobachtet [734][735]. Auch wurde die Antitumoraktivität von Cisplatin laut Patientenakte nicht beeinflusst [735]. In der Studie zur Wirkung von Ginkgo auf zytostatikabedingte kognitive Störungen (n=166) gaben die Patienten der Placebogruppe nach der Chemotherapie stärkere Übelkeit an als in der Verumgruppe (p = 0.05) [685].

Wechselwirkungen sind in Bezug auf Cytochrom-P450-Substrate, P-Glykoprotein-Substrate, UGT-Substrate (Uridin-5’-Diphospho-Glucuronosyltransferase) und MATE1-Substrate untersucht worden [729]. In den Studien zeigten sich: Hemmungen als auch Induktionen der CYP450-Enzyme 1A2, 2C19, 2C9, 2D6 und 3A4 sowie Hemmungen von P-Glykoprotein und eine Modulation von UGT-Enzymen. Die klinische Relevanz dieser Beobachtungen ist unklar. Für monographiekonforme Extrakte, wie sie in Arzneimitteln eingesetzt werden, konnten klinisch relevante Interaktionen an CYP450-Enzymen ausgeschlossen werden [694][736]. Auf der Grundlage der klinischen Interaktionsstudien wurde auch eine Wechselwirkung über den P-Glycoproteintransporter ausgeschlossen. Grundsätzlich wird empfohlen, dass Patienten, welche unter Therapie mit Immunsuppressiva wie Cyclpphosphamid stehen, während der Einnahme von Gingko überwacht werden sollten [729].

In einem Fallbericht wurde über eine Verringerung des Plasmaspiegels von Efavirenz berichtet [737]. Der Zusammenhang mit Ginkgo ist allerdings unklar und möglicherweise auf eine Auto-Induktion von CYP-Enzymen durch Efavirenz zurückzuführen. Dafür spricht, dass die Plasmaspiegel bereits 10-12 Monate vor dem Ereignis um 25% abgenommen hatten, also vor der Einnahme eines nicht näher identifizierten Ginkgopräparates. Zudem hatten sich trotz des Absetzens von Ginkgo die Plasmaspiegel auch zwei Monate später noch nicht erholt, und es kam zu einer Änderung der antiretroviralen Therapie. Dies spricht gegen eine Kausalität durch Ginkgo. In einem weiteren Fallbericht einer Wechselwirkung mit Ginkgo wurden die Plasmaspiegel von Efavirenz nicht bestimmt [738]. Die klinische Evidenz für reine Interaktion mit Efavirenz fehlt. Isorhamnetin, eine in Ginkgo enthaltene Verbindung, erwies sich in vitro als starker Inhibitor des humanen Multidrug- und Toxikum-Extrusionstransporters 1 (hMATE1), der für die Ausscheidung verschiedener Medikamente in Niere und Leber verantwortlich ist [739]. Die klinische Relevanz ist nicht belegt.

Ginkgo kann theoretisch durch additive gerinnungshemmende/ thrombozytenaggregationshemmende Effekte Blutungen auslösen oder die Blutungszeit verlängern. Dieser Effekt konnte in gezielten Interaktionsstudien nicht bestätigt werden [732][733].

Ginkgo kann laut einer nicht-kontrollierten Studie die Insulinsekretion verändern und den Blutzuckerspiegel beeinflussen [740]. Ginkgo-Extrakt war bei einem an Alzheimer-Krankheit erkrankten Patienten, der mit Trazodon behandelt wurde, mit einem Koma assoziiert. Der Zusammenhang ist fragwürdig.

Toxizität:

Eine Toxizität oder Überdosierung von Ginkgo biloba ist nicht beschrieben [731]. Barton et al. (2013) untersuchten die Toxizität von Ginkgo biloba Extrakt, gemessen anhand der Common Terminology Criteria for Adverse Events (CTCAE) Einstufung, und fanden dabei im Hinblick auf die Toxizität während der gesamten Studie keine Unterschiede zwischen Ginkgo biloba und dem Placebo, bei stärkerer Übelkeit der Patienten der Placebo-Gruppe im Vergleich zu den Patienten, denen Ginkgo biloba verabreicht wurde [685].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Ginkgo wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.6 Ginseng

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.62 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Ginseng auf die Mortalität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Ginseng zur Senkung der Mortalität gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[741] [742]
Evidenztabellen (2)Kim et. al. (2017); Suh et. al. (2002)
7.63 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 4 RCTs zur Wirksamkeit von Ginseng auf die Verbesserung von Fatigue bei onkologischen Patienten vor. Ginseng kann zur Verbesserung von Fatigue bei diesen Patienten erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[685] [743] [744] [745]
Evidenztabellen (4)Barton et. al. (2013); Yennurajalingam et. al. (2017); Jiang et. al. (2017); Barton et. al. (2010)

Von dem zu den Efeugewächsen (Araliaceae) gehörigem Ginseng, finden vor allem zwei Arten häufig Anwendung: Der asiatische oder koreanische Ginseng (Panax ginseng) und der amerikanische Ginseng (Panax quinquefolius). Panax ginseng stammt ursprünglich aus Ostasien, wo er seit 2000 Jahren als kostbares Heilmittel gilt. In Europa ist er seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Panax quinquefolius hat seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten und Kanada und wird von den amerikanischen Ureinwohnern seit Hunderten von Jahren genutzt. Die Forschung fokussiert sich vor allem auf Panax ginseng [746]. Panax ginseng wird auch in Deutschland angebaut (Flora-Farm) und ist in Deutschland im Gegensatz zu Panax quinquefolius als freiverkäufliches Arzneimittel zugelassen. Als Arznei kommt die Wurzel (Ginseng Radix) zum Einsatz. Sie ist zylinderförmig, besitzt zahlreiche Nebenäste, ist acht bis zwölf Zentimeter lang und gut zwei Zentimeter dick. Die Rinde weist eine hellgelbe bis hellbraune Farbe auf, das Innere der Wurzel ist weiß bis gelblich gefärbt.

Die Ginsengwurzel enthält 2−3% Triterpensaponine, zu denen die Ginsenoside zählen. Die Angaben für die Anzahl bekannter Ginsenosidverbindungen variieren stark [747][748][749][750]. Daneben finden sich in der Wurzel ätherisches Öl, Peptidoglykane und Polyacetylene. Die Ginsenoside sind die wichtigsten pharmakologisch aktiven Inhaltsstoffe, die für die vier Hauptwirkungen von Ginseng verantwortlich sind: Vasorelaxation, Antioxidation, Entzündungshemmung und anti-kanzerogene Wirkung.

Die Klassifizierung der Ginsenoside kann - basierend auf der chemischen Struktur der Aglykone - in drei Gruppen vorgenommen werden: 1) Die Protopanaxadiol-Gruppe (PPD) oder Diole, z.B. Rb1, Rb2, Rb3, Rc, Rd, Rg3 und Rh2; 2) die Protopanaxatriol-Gruppe (PPT) oder Triole, z.B. Re, Rf, Rg1, Rg2 und Rh1; 3) die Oleanan-Gruppe, hierzu zählt nur Ro [746]. 

Der Ginsenosidgehalt in Ginsengwurzelpräparaten variiert im Allgemeinen zwischen 1,9 und 8,1% [746]. Diese Variation ist neben dem Wachstums-/Ernteort, der Erntezeit und dem Alter der Pflanze [748]unter anderem abhängig von der Verarbeitungsweise und Ginsengart. So enthält beispielsweise roter im Vergleich zu weisem Ginseng die Ginsenoside Rg3, Rg5, Rh2, Rh3, Rh4, Rs3 und F4, welche beim Dämpfverfahren entstehen. Rb1, Rb2, Rc, Rd, Re und Rg1 machen mehr als 90 % des gesamten Ginsenosid-Gehalts der Panax-Ginseng-Wurzel aus, während Rb1, Rb3, Rc, Rd, Re und Rg1 mehr als 70 % des gesamten Ginsenosid-Gehalts im amerikanischen Ginseng darstellen (diese Information stammt aus einem Ginseng-Evaluierungsprogramm welches unter der Leitung des American Botanical Council in Austin, Texas durchgeführt wurde). Unterschiedliche Ginsengarten können zudem unterschiedliche relative Mengen an Ginsenosiden enthalten. So enthält der Amerikanische Ginseng wenig oder kein Rf und Panax ginseng zeigt im Vergleich zum Amerikanischen Ginseng ein höheres Rg1/Rb1 Verhältnis. Ginsenoside können sich in der Pharmakologie und den Wirkmechanismen aufgrund ihrer unterschiedlichen chemischen Struktur unterscheiden [746]. 

Die Namen Roter und Weißer Ginseng sind keine Bezeichnungen für verschiedene Arten, sondern für unterschiedliche Verarbeitungsweisen. Weiße Ginsengwurzeln werden z.T. geschält, gebleicht, direkt getrocknet und behalten so ihre natürliche Farbe. Roter Ginseng wird öfter für Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel verwendet und gilt in den Herkunftsländern als dem weißen Ginseng überlegen. Extrakte aus weißem Ginseng enthalten etwa doppelt so viel Ginsenoside wie solche aus rotem Ginseng. Die Ginsenoside sind daher vermutlich nicht allein für den Effekt verantwortlich.

Zusätzlich zu Ginsengzubereitungen aus Panax ginseng sind auch Zubereitungen aus amerikanischem Ginseng (Panax quinquefolium) kommerziell erhältlich und wurden auch zum Teil in den unten aufgeführten Studien verwendet. Die Übertragbarkeit der Beobachtungen mit amerikanischem Ginseng auf den echten Ginseng (Panax ginseng) ist nicht abschließend geklärt.

Die klinischen Wirkmechanismen von Ginseng sind noch weitgehend ungeklärt. Teilweise könnten die Wirkungen auf eine Modulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse oder des zentralen monoaminergen Systems zurückzuführen sein. Von Ginsenosiden ist bekannt, dass sie Effekte auf das zentrale Nervensystem haben können. 

Ginseng wird in Deutschland in mindestens 60 verschiedenen Produkten als Nahrungsergänzung und Arzneimittel in Pulverform und als Trocken- oder Flüssig-Extrakt angeboten. Nur die Arzneimittel unterliegen strengen Auflagen einer standardisierten Produktion. Hier finden sich Drogen-Extrakt-Verhältnisse von 2-6:1 (Auszugsmittel: Methanol 30% V/V),, 3-4:1 (Auszugsmittel: Ethanol 60% V/V),, 1:1 (Auszugsmittel: Ethanol 34% m/m), 6-7:1 (Auszugsmittel: Ethanol 30% m/m),, 1,7-2,9:1 (Auszugsmittel: Ethanol 70%) usw. Ginseng ist in zahlreichen europäischen Ländern als Medikament mit der Bezeichnung „traditional use“ zur Kräftigung und Belebung bei Schwäche und Erschöpfungszuständen sowie bei Zuständen mit verringerter Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit zugelassen [751]. Eine Dosierungsempfehlung kann aufgrund der verschiedenen Präparate nicht ausgesprochen werden.

Mortalität (zu Statement 7.62)

Ob die zusätzliche Einnahme von Ginseng zu einer Veränderung der Mortalität führen kann, wurde in zwei RCTs aus Korea mit hohem Biasrisiko untersucht [741][742].

In der Studie von Kim et al. (2017) nahmen 34 Frauen mit Ovarialkarzinom während ihrer Platin-Taxan Chemotherapie über drei Monate täglich 3000 mg pulverisierten Roten Ginseng oder ein Placebo ein [741]. Primärer Zielparameter dieser Studie war Genotoxizität, sekundäre Parameter waren Lebensqualität und Überleben. Die Ergebnisse zur Lebensqualität sind nicht verwertbar, da nur Intragruppenvergleiche berichtet wurden. Bei den Daten zur Mortalität gab es zwischen den Gruppen keine Unterschiede. Das krankheitsfreie Überleben betrug in der Ginsenggruppe 39.2 vs. 34.4 Monate in der Placebogruppe (p = 0.448). Das Gesamtüberleben lag bei 50.9 Monaten in der Ginsenggruppe und bei. 48.6 Monaten in der Placebogruppe (p = 0.478).

Die RCT von Suh et al. (2002) untersuchte die Wirkung von Rotem Ginseng (ohne Dosisangabe) im Vergleich zu Placebo bei 49 Magenkarzinompatienten unter 5-Fluoruracil (5-FU) + Cisplatin-Therapie über sechs Monate [742]. Die Rezidivrate lag in der Ginseng-Gruppe signifikant unter der Placebogruppe: Sieben (von 22) Teilnehmern in der Ginsenggruppe vs. 13 (von 20) Teilnehmern in der Placebogruppe (p < 0.05). Die durchschnittliche Zeitspanne bis zum Rezidiv in der Ginsenggruppe mit 44.4 ± 13.1 vs. 33.5 ± 17.9 Monaten (p < 0.05) signifikant länger. Die 5-Jahres Gesamtüberlebensrate war in der Verumgruppe signifikant höher als in der Placebogruppe mit 76.4% vs 38.5% (p < 0.05) und das krankheitsfreie Überleben lag bei 68.2% in der Ginsenggruppe vs 33:3% in der Placebogruppe (p < 0.05). In dieser Studie zeigten sich zahlreiche methodische Schwächen. Durch das Hauptaugenmerk der Studie lag – auch wenn nicht klar definiert – nicht auf der Frage der Mortalität, sondern auf der Untersuchung von Lymphozyten und monoklonalen Antikörpern nach dem sechsten Monat.

Morbidität

Fatigue (zu Empfehlung 7.63)

Zur Fragestellung einer möglichen Verbesserung einer Tumorfatigue liegen vier RCTs vor - davon drei Studien von guter methodischer Qualität sowie eine Studie von schlechter Qualität.

Die Ergebnisse dieser Studien sind nicht einheitlich. In drei Studien war der Hauptzielparameter die Verbesserung der Fatigue, diese war nach vier bzw. acht Wochen nicht signifikant verbessert. Allerdings zeigten sich in einer der Studien hohe Effektstärken für höhere Ginseng-Dosierungen (2000 mg/Tag) und in einer der Studien war die Fatigue im sekundären Zielparameter bei Messung nach acht Wochen signifikant verbessert gegenüber Placebo. Eine Studie bei Bronchialkarzinompatienten ergab nach acht Wochen in der Verumgruppe gegenüber der Kontrollgruppe (mit Standardchemotherapie ohne zusätzlich Verabreichung von fermentiertem Ginsengextrakt) eine eindeutige Reduktion der Fatigue [685][743][744][745].

In der Studie von Yennurajalingam et al. (2017) erhielten 127 Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung unterschiedlicher Entität über vier Wochen 400 mg Ginseng (standardisiert, ≥7% Ginsenoide) oder ein Placebo. Alle untersuchten Parameter waren nicht signifikant [745]. Der Hauptzielparameter, der Functional Assessment of Chronic Illness – Fatigue (FACIT-F), zeigte an Tag 29 im Vergleich von Verum- vs. Placebogruppe einen vergleichbaren Mittelwert (SD) von 7,5 (12,7) vs. 6,5 (9,9) (p = 0.67). Weitere Fragebogeninstrumente (HADS, Symptom Evaluation und Symptom Assessment etc.) zeigten kein signifikantes Ergebnis. Der 6-Minuten-Gehtest und die Greifkraft zeigten keine Unterschiede. In der Placebogruppe wurden signifikant häufiger unerwünschte Ereignisse festgestellt.

In der randomisierten Studie von Jiang et al. (2017) erhielten 60 Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom während der Chemotherapie (Gemcitabin + Cisplatin) randomisiert und erhielten über 60 Tage zusätzlich täglich 3000 mg nicht standardisierten Roten Ginseng (Verumgruppe, n = 34), während die Kontrollgruppe (n=26) nur Gemcitabin und Cisplatin erhielt (TAU, treatment as usual) [744]. Im Fatigue Symptom Inventory (FSI) ergaben sich für die Ginsenggruppe signifikant bessere Werte in allen Skalen. Der Gesamtscore änderte sich von 8,69 ± 3,58 in der Ginseng-Gruppe vs. TAU-Gruppe 17,12 ± 5,24 (p < 0,01). In den Skalen zu Ängstlichkeit und Depressivität schnitt die Ginsenggruppe signifikant besser ab als die TAU-Gruppe, ebenso im Functional Assessment of Cancer Therapy – Lunge (FACT-L). Der Gesamtscore betrug hier 129,17 ± 16,58 in der Ginsenggruppe vs. 93,83 ± 15,22 in der TAU-Gruppe (p < 0,01). Zwischen den Gruppen gab es bezüglich der erfassten unerwünschten Ereignisse (Leber- und Nierenwerte, Hämoglobin, Alopeziegrad, Diarrhoe) keine Unterschiede, die TAU-Gruppe zeigte signifikant häufiger chemotherapiebedingte Übelkeit und Erbrechen (CINV), Neurotoxizitäten, Leukopenie und Thrombozytopenie.

Zwei RCTs stammen aus der Arbeitsgruppe Barton. Die Pilotstudie von Barton et al. (2010) verglich bei 282 Patienten mit verschiedenen Krebsentitäten über acht Wochen hinweg Amerikanischen Ginseng in drei Dosen (750 mg, 1000 mg und 2000 mg, standardisiert, 5% Ginsensoside) untereinander sowie mit einem Placebo [743]. Der primäre Zielparameter war die Veränderung der Subskala der Alltagsbeeinflussung des Brief Fatigue Inventory (BFI), sekundärer Parameter die Änderung der BFI-Subskala der allgemeinen Fatigue sowie die Werte der Medical Outcome Scale des Short Form-36 (SF-36) und des Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI). Der Primärparameter verbesserte sich unter  allen Dosierungen im Vergleich zum Placebo nicht signifikant. Allerdings zeigten sich in der höchsten Dosierung hohe Effektstärken in den BFI-Skalen. In der 2000 mg-Gruppe betrugen diese 56% für die Alltagsbeeinflussung und 57% für allgemeine Fatigue. In der 1000 mg-Gruppe waren es 12% bzw. 27%, in der 750-mg Gruppe 2% bzw. 10%. Die Zielparameter SF-36 und der PSQI zeigten keine signifikante Verbesserung. Es traten geringe unerwünschte Ereignisse (Übelkeit, Schwindel, Nervosität, Kopfschmerz) ohne Gruppenunterschiede auf.

In einer standortübergreifenden, doppelblinden Studie wurden Patienten (n = 364) mit Tumoren unterschiedlicher Entität randomisiert und mit 2000 mg Amerikanischem Ginseng oder Placebo über 8 Wochen behandelt [752]. Der primäre Endpunkt war die allgemeine Subskala des Multidimensional Fatigue Symptom Inventory, Short Form (MFSI-SF) nach 4 Wochen. Veränderungen gegenüber dem Ausgangswert nach 4 und 8 Wochen wurden zwischen den Armen durch einen zweiseitigen t-Test mit zwei Stichproben ausgewertet.

Die Ergebnisse des MFSI-SF wiesen nach vier Wochen keine Signifikanz auf: Die Veränderungen gegenüber dem Ausgangswert betrugen 14,4 (Standardabweichung [SD] = 27,1) in der Ginseng-Gruppe gegenüber 8,2 (SD = 24,8) in der Placebo-Gruppe (p = 0.07). Ein statistisch signifikanter Unterschied zeigte sich nach 8 Wochen mit einem Change-Score von 20 (SD = 27) für die Ginseng-Gruppe und 10,3 (SD = 26,1) für die Placebo-Gruppe (p = 0.003). Ein größerer Nutzen wurde bei Patienten berichtet, die eine aktive Krebsbehandlung erhielten, im Vergleich zu Patienten, die die Behandlung abgeschlossen hatten. Die Toxizitäten nach Selbstbericht und CTCAE-Einstufung unterschieden sich zwischen den Armen statistisch nicht signifikant.

Lebensqualität

Zur Fragestellung einer möglichen Verbesserung einer krebsbedingten Einschränkung der Lebensqualität liegt ein RCT von Kim et al. (2006) vor [753].

Die Berichterstattung der Methodik dieser Studie ist sehr schwach. Patienten (n=53) mit unterschiedlichen Tumorentitäten erhielten 12 Wochen lang täglich 3000 mg sog. Roten Sun-Ginseng oder ein Placebo. Ein- und Ausschlusskriterien sind nicht berichtet, ebenso nicht die Herstellung und Zusammensetzung des Ginsengs. Die Studie wurde als Pilotstudie deklariert, es wurden aber nicht die Kernpunkte einer solchen Studie berücksichtigt. Das World Health Organization Quality of Life Assessment (WHOQOL) und der General Health Questionnaire (GHQ) waren die Erfassungsinstrumente. In der Subskala psychische Gesundheit des WHOQOL war die Ginsenggruppe der Placebogruppe signifikant überlegen: 17,8 (SD 5,0) vs. 18,3 (SD 4,2) (p = 0,02), nicht aber in der Subskala zur körperlichen Gesundheit. Im Gesamtscore des GHQ war Ginseng Placebo überlegen.

Neben- und Wechselwirkungen

In keiner der oben genannten Studien traten bei der Einnahme von Ginseng schwerwiegende unerwünschte Ereignisse auf. Es kam zu Übelkeit, Schwindel, Nervosität, Kopfschmerz und leichtem Durchfall sowohl in der Verum- als auch in der Placebogruppe. Es liegen einige Studien vor, die evtl. bestehende Interaktionen zwischen Ginseng und Tumortherapien untersuchten.

Fünf RCTs befassen sich mit der Frage, ob Ginseng Einfluss auf Brustkrebszellen und deren Östrogenrezeptor hat [754][755][756][757][758]. MCF-7 Zellen wurden hierzu mit Amerikanischem Ginseng behandelt. Eine Zellproliferation wurde jedoch lediglich in einer Substudie mit alkoholextrahiertem Ginseng (Ginsenoside-Konzentration 6.4%−9.2%) beobachtet [757].

In einer nicht-systematischen Übersichtsarbeit von Goey et al. (2013) sind acht in vitro und drei humanpharmakologische Studien zu CYP3A4-vermittelten Wechselwirkungen aufgeführt [759]. Die Mehrzahl der in vitro Studien zeigte, dass Ginseng ein kompetitiver Inhibitor von CYP3A4 ist. Die drei Humanstudien wurden mit Gesunden (je n=12) durchgeführt. Über 28 Tage wurden jeweils 500 mg Ginseng (5% Ginsenoside) mit Midazolam verabreicht. In zwei Studien gab es keine Beeinflussung, in einer Studie ergab sich eine 34%ige Senkung der AUC von Midazolam. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Studie ein akkurateres Assessment der CYP3A4 Aktivität aufweist.

Zwei präklinische Studien befassen sich mit einer möglichen Beeinflussung von 5-Fluoruracil (5-FU) durch zusätzliche Ginseng-Einnahme. In der Studie mit wasserextrahiertem Ginseng chinesischer Herkunft wurde eine signifikante Erhöhung der Eliminationshalbwertszeit von 5-FU bei den zusätzlich mit Ginseng behandelten Ratten und eine synergistische Wirkung mit 5-FU in Magenkrebszellen festgestellt [760]. Die zweite Studie mit alkoholextrahiertem Amerikanischem Ginseng zeigte keine signifikanten Ergebnisse [761].

Im März 2014 wurde von der European Medicines Agency (EMA) der finale Assessment Report zu Panax Ginseng C.A. Meyer herausgegeben. In dem Report wurden alle verfügbaren Daten, (in vitro, in vivo und klinische) gesammelt und in Bezug auf Wirksamkeit und Sicherheit begutachtet [751]. Die Zusammenfassung der nicht-klinischen Daten ergab, dass Ginseng Effekte auf Nervensystem, Stoffwechsel, das kardiovaskuläre System und das Immunsystem, Sexualorgane und Haut hat. Ginsenoside haben ein breites Spektrum biologischer Aktivitäten, sie wirken z.B. zytoprotektiv, anti-inflammatorisch, antimikrobiell, anti-kanzerogen. Ginsenoside werden in großem Umfang durch die Darmflora metabolisiert. Daher könnten Ginsenoside als Prodrugs angesehen werden und es scheint möglich, dass Metabolite zu den pharmakologischen Aktivitäten von Ginseng beitragen (S. 59). Die Auswertung der klinischen Daten zu speziellen Patientengruppen befasst sich u.a. ausführlich mit Studien zu möglichen Interaktionen mit CYP450. Der Report kommt zu dem Schluss, dass der Einfluss von Ginseng auf CYP450 (untersucht an Gesunden) keine klinisch relevante Auswirkung auf CYP3A, CYP1A2 und CYP2D6 hat (S. 121).

Die generelle Schlussfolgerung lautet, dass die Datenlage trotz zahlreicher Studien, die die pharmakologischen Eigenschaften des Panax Ginseng untersucht haben, noch nicht schlüssig ist und daher eine starke Evidenz für die Effektivität nicht ausgesprochen werden kann. Der Report erkennt jedoch keine Sicherheitsbedenken, unerwünschte Nebenwirkungen sind mild und reversibel. Studien an Gesunden haben keine Beeinflussung von CYP3A, CYP1A2 und CYP2D6 ergeben).

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Ginseng wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.7 Granatapfel

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.64 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von Granatapfel-Extrakt bei Männern mit Prostatakrebs vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Granatapfelsaft-Extrakt bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens
Literatur
[762]
Evidenztabellen (1)Paller et. al. (2013)

Granatapfel (Punica, engl. pomegranate) ist die einzige Pflanzengattung der Unterfamilie Punicoideae und gehört zur Familie der Weiderichgewächse (Lythraceae). Die Gattung Punica besteht aus zwei Arten, dessen Sorten als Obstbaum und Zierstrauch verwendet werden. Der Begriff „Granatapfel“ wird in der Regel synonym für die Pflanzenart Punica granatum verwendet, dessen natürliches Verbreitungsgebiet in Europa und Asien liegt. Die zweite Art, der Sokotra-Granatapfel (Punica protopunica), ist ein Endemit auf der zum Jemen gehörenden Inselgruppe Sokotra im nordwestlichen Indischen Ozean. Die Früchte des Sokotra-Granatapfelbaumes sind deutlich kleiner und weniger süß als die des Punica granatum [763].

Zu den Pflanzenteilen des Punica granatum, die medizinische Verwendung finden können, gehört die gesamte Frucht: der Samen, der in den Samen enthaltene Saft sowie Extrakte aus der Granatapfelschale und der Rinde des Granatapfels. Die Samen bzw. der Saft des Granatapfels werden zu Lebensmitteln gezählt. Die Samen enthalten Polyphenole und verschiedene Fettsäuren sowie nicht-steroidale, östrogenähnliche Substanzen [764]. Die Fettsäurekomponente macht 95% des Kernöls aus [765]. Der Saft enthält Polyphenole, hauptsächlich Anthocyanidine und Tannine (unter anderem Ellagsäure, Punicalagin und Punicalin) sowie Mineralien [765][766][767][768]. Er enthält außerdem Ascorbinsäure (Vitamin C), Zitronensäure, Oxalsäure und Weinsäure [765]

Die Granatapfelschale zählt zu den Nahrungsergänzungsmitteln, für die eine Beschränkung bei der Verwendung empfohlen wird (Liste B) und zu den Arzneistoffen, die Dosierungsempfehlung der WHO liegt bei 2,5–4,6 g/Tag, eine Verabreichung an Kinder unter 12 Jahren wird nicht empfohlen [682]. Die Fruchtschale enthält vor allem Tannine [769] sowie erhebliche Mengen Phenolverbindungen wie etwa Flavonoide [765]. Die Rinde des Granatapfels wird den neuartigen Lebensmitteln sowie den Arzneistoffen zugordnet, die Dosierungsempfehlung der WHO liegt bei 3–9 g/Tag, eine Verabreichung an Kinder unter 12 Jahren wird nicht empfohlen [682]. Mehrere Studien haben gezeigt, dass der Granatapfel antioxidative und antiatherosklerotische Eigenschaften besitzt, die auf das Vorhandensein von multiplen Polyphenolen wie Tanninen, Flavonolen, Anthocyanen und Ellagsäure zurückzuführen sind [770][771]. Punicalagin, ein Ellagitannin, ist das am häufigsten vorkommende Polyphenol, das für > 50% der antioxidativen Aktivität verantwortlich ist [770][771]. Der höchste Anteil der Antioxidantien wird der Schale des Granatapfels zugesprochen [772][773]. Bei Granatapfelprodukten gibt es jedoch beträchtliche Unterschiede bezüglich Qualität und Gehalt an wirksamen Polyphenolen [774].

Mögliche Indikationen für die Anwendung von Produkten des Granatapfels sind Atherosklerose, Koronare Herzkrankheit, Hypercholesterinämie, Hyperlipidämie, Bluthochdruck sowie zur Prävention und als Supportivtherapie in der Onkologie [654].

Tiermodelle weisen darauf hin, dass Bestandteile wie Ellagsäure und Luteolin in der Lage sind, die Metastasierung von Ovarialkarzinom zu hemmen, indem sie die Matrix-Metalloproteinasen MMP2 und MMP9 herunterregulieren [775]. In Prostatakrebszellen induzierte Granatapfelextrakt eine Apoptose und beeinträchtigte die Metastasierung, ebenfalls durch Herunterregulieren von MMP2/MMP9 zusammen mit einem hochregulierenden Gewebeinhibitor der Metalloproteinase TIMP2 (tissue inhibitor of metalloproteinases) [776]. Die Prävention der chemisch induzierten Mammakarzinogenese durch einen Granatapfelextrakt beinhaltete vermutlich entzündungshemmende Mechanismen wie die differenzielle Regulierung des nuclear factor-κB (NF-κB)- und des nuclear factor (erythroid-derived 2)-like 2 (Nrf2)-Signals [777]. Granatapfelextrakt unterdrückte die Eigenschaften von Brustkrebs-Stammzellen, indem er die epithelial-mesenchymale Transition (EMT) und damit den Übergang von Epithelzellen in Zellen mit mesenchymalen Eigenschaften hemmte [778]. Granatapfelextrakt kann die Aromataseaktivität hemmen und die endogene Östrogensynthese vermindern [779].

In präklinischen Studien unterdrückte Granatapfelsaft die Entzündungszellsignale [770], hemmte das Wachstum des Prostatatumors und senkte den PSA-Wert im Serum [780][781]. Granatapfelsaft war ebenfalls in der Lage, die Aromataseaktivität, die endogene Östrogenbiosynthese und die Proliferation von Brustkrebszellen zu hemmen [779].

Es wurden antiöstrogene Wirkungen [782] sowie mögliche Wirkungen in Hinblick auf die Sensibilisierung von Zellen auf das Tumormedikament Tamoxifen beschrieben [783].

Die östrogene Aktivität führte zu einem Interesse bezüglich eines potenziellen Nutzens bei klimakterischen Symptomen [784][785]. Studien in Zellkultur- und Mausmodellen deuten auf einen möglichen östrogenrezeptor-vermittelten und nicht-östrogenrezeptor-vermittelten Nutzen von Granatapfelsaft in Bezug auf das Brustkrebsrisiko hin. Diese Studien zeigen, dass verschiedene Bestandteile des Granatapfels Aromatase und 17beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase-Enzyme hemmen oder antiöstrogene Wirkung haben könnten. Zusätzliche große, gut kontrollierte Humanstudien, um die Auswirkungen der Einnahme von Granatapfelsaft auf den Serum-Hormonspiegel aufzuklären, liegen nicht vor [782].

Verschiedene klinische Studien zeigten einen Benefit des Verzehrs von Granatapfelsaft bei Patienten mit Karotisstenose [786], Bluthochdruck [787], Hyperlipidämie [788], leichter bis mittelschwerer erektiler Dysfunktion [789] sowie bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit [790], nicht jedoch bei Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) [791]. Eine systematische Überprüfung ergab, dass die Evidenz der Wirkung einer Granatapfel-Supplementierung zur Blutdruckkontrolle begrenzt ist [792].

Bei Prostatakrebspatienten ist die Sicherheit und der Nutzen des Granatapfels neoadjuvant, während der aktiven Überwachung und bei Patienten mit fortgeschrittenem Krebs untersucht worden. Granatapfelextrakt vor der Operation führte zu einer Anhäufung von Granatapfel-Metaboliten im Prostatagewebe, senkte jedoch nicht signifikant die 8-OHdG-Werte, ein Maß für oxidative Schäden [793]. Obwohl Granatapfelsaft/-extrakt den Anstieg des Prostata spezifischen Antigens (PSA) bei Männern mit hohen PSA-Werten senkte, sind die Daten widersprüchlich. Es zeigte sich eine statistisch signifikante Verlängerung der PSA-Verdoppelungszeit, verbunden mit entsprechenden Auswirkungen auf die in vitro-Zellproliferation und Apoptose von Prostatakrebs sowie auf oxidativen Stress [771]. Eine Teilmengenanalyse deutet darauf hin, dass diejenigen mit dem AA-Genotyp der Mangan-Superoxiddismutase (MnSOD) von der Einnahme des Granatapfelextraktes profitieren könnten [794]. Eine Supplementation mit einer Mischung aus grünem Tee, Granatapfel, Brokkoli und Curcumin führte bei Männern mit Prostatakrebs mit einem PSA-Rückfall nach radikaler Behandlung zu signifikant niedrigeren PSA-Erhöhungsraten [795]. Eine begleitende Intervention mit Granatapfelsaft bei Männern mit fortgeschrittenem Prostatakrebs führte jedoch nicht zu signifikanten PSA-Reduktionen im Vergleich zu einem Placebo [796].

Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Granatapfelextrakt auch die Genexpression sowohl für osteoklastische als auch für osteogene Prozesse bei postmenopausalen Frauen modulieren kann, was auf eine mögliche Rolle für die Knochengesundheit bzw. in Bezug auf die Osteopathie hindeutet [491], jedoch gab es keinen allgemeinen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Granatapfelsaft und hormonellen Biomarkern für das Brustkrebsrisiko allgemein [797]. In einer weiteren Studie an postmenopausalen Frauen reduzierte die Einnahme von Granatapfelkernöl die Hitzewallungen nicht [784].

Granatapfelextrakt beeinflusste Veränderungen in der Genexpression im Dickdarmgewebe von Kolorektalpatientinnen [798]. Bei neu diagnostizierten Kolorektalkarzinom (CRC)-Patienten kann der Verzehr von Granatapfelsaft den Gehalt an Plasma-Lipopolysaccharid(LPS)-bindenden Proteinen (LBP), einem Marker für Endotoxämie, der auch mit dem Auftreten und der Entwicklung von Darmkrebs in Verbindung gebracht wird, senken [799]. Es sind weitere Studien erforderlich, um die Auswirkungen dieser Veränderungen zu ermitteln.

Einige kommerziellen Granatapfelsäfte werden mit Hinweisen über eine höhere antioxidative Aktivität als grüner Tee und Rotwein vermarktet [800]. Solche Wirkungen könnten jedoch auf Metaboliten der Kolon-Mikroflora und nicht auf die im Saft vorhandenen Polyphenole zurückzuführen sein [801]. Bei großem Interesse an der Verbindung zwischen Darmmikrobiota und Krebs werden jüngst mögliche Mechanismen erforscht. In einer RCT wurde festgestellt, dass der Verzehr von Granatapfel den Gehalt an LBP senkt [799].

Ein Granatapfelsamenextrakt milderte in Tierversuchen die durch Cisplatin, ein Zytostatikum zur Hemmung der Zellteilung und Zellwachstum mit den Hauptindikationen Hoden-, Ovarial-, Bronchial-, Harnblasen- und Zervixkarzinom, Plattenepithelkarzinome an Kopf und Hals sowie das Chorionkarzinom, induzierte Hepatotoxizität [802].

Im Allgemeinen sind die Extrakte und der Saft des Granatapfels gut verträglich.

Obwohl Tierstudien vermuten lassen, dass Granatapfel Cytochrom P450 3A und 2C9 hemmen kann [803][804][805], haben Studien am Menschen keine klinisch relevanten Wechselwirkungen gezeigt [806][807][808][809]. Wechselwirkungen zwischen Granatapfel und anderen Medikamenten oder Substraten mit klinischer Relevanz beim Menschen sind nicht bekannt. Diabetiker sollten wegen des Zuckergehalts des Granatapfels vorsichtig bei dem Verzehr sein [654].

In einer Studie von Deng et al. (2017) zeigte der Extrakt aus der Granatapfelschale (PoPx) wachstumshemmende Effekte auf Prostatakrebszellen [776]. Kernmorphologische Untersuchungen mittels Durchflusszytometrie zeigten an, dass PoPx die Apoptose in Prostata-Krebszellen induzieren kann.

In einer weiteren Studie von Lansky et al. (2015) konnten synergistische Effekte aus anatomisch getrennten Abschnitten des Punica granatum (Saft, Schale und Öl) gegen die Proliferation, das Metastasierungspotential und die Phospholipase A2 (PLA2)-Expression von menschlichen Prostatakrebszellen in vitro gezeigt werden [780].

In einer Studie von Malik et al. (2005) in der menschliche Prostatakrebszellen verwendet wurden um die antiproliferativen und proapoptotischen Eigenschaften von Granatapfelfruchtextrakt (PFE) zu untersuchen, zeigte sich, dass die Behandlung von hochaggressiven menschlichen Prostatakrebs-PC3-Zellen mit PFE (10-100 Mikrog/ml; 48 h) zu einer dosisabhängigen Hemmung von Zellwachstum/Zelllebensfähigkeit und Induktion von Apoptose führte [781].

Die zweistufige klinische Studie der Phase II von Pantuck et al. (2006) wurde mit 46 Männern bei steigendem PSA-Wert nach Operation oder Strahlentherapie bei Prostata-Karzinom durchgeführt (Phase 1: n = 24, Phase 2: n = 22) [771]. Die Patienten erhielten bis zum Fortschreiten der Erkrankung täglich Granatapfelsaft in genauer Dosierung, zu den klinischen Endpunkten zählten Sicherheit und Wirkung auf das Serum-PSA, seruminduzierte Proliferation und Apoptose von LNCaP-Zellen, Serum-Lipidperoxidation und Serum-Stickoxidspiegel. Die Studie wurde nach Erfüllung der Wirksamkeitskriterien vollständig abgeschlossen. Es wurden keine ernsthaften unerwünschten Ereignisse gemeldet, und die Behandlung wurde gut vertragen. Die mittlere PSA-Verdoppelungszeit stieg mit der Behandlung signifikant von durchschnittlich 11,5 Monaten zu Beginn der Behandlung auf durchschnittlich 28,7 Monate nach der Behandlung an (p < 0,0001). In-vitro-Assays, in denen das Serum von Patienten vor und nach der Behandlung in Bezug auf das Wachstum von LNCaP verglichen wurde, zeigten nach 9 Monaten zur Baseline eine 12%ige Abnahme der LNCaP-Zellproliferation und eine 17%ige Zunahme der Apoptose (p = 0,0048 bzw. 0,0004), eine 23%ige Zunahme des Serumstickstoffoxids (p = 0,0085) und signifikante (p < 0,02) Verringerung des oxidativen Zustands und der Empfindlichkeit gegenüber der Oxidation der Serumlipide nach, im Vergleich zu vor dem Verzehr von Granatapfelsaft. Es zeigte sich somit eine statistisch signifikante Verlängerung der PSA-Verdoppelungszeit, verbunden mit entsprechenden Auswirkungen auf die in vitro-Zellproliferation und Apoptose von Prostatakrebs sowie auf oxidativen Stress.

In der doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie von Thomas et al. (2014) wurden insgesamt 199 Männer im Durchschnittsalter von 74 Jahren mit lokalisiertem Prostatakrebs, von denen 60% nach früheren Interventionen mit primärer aktiver Überwachung (AS) und 40% mit wachsamer Wartezeit (WW) behandelt wurden, randomisiert (2:1) [795]. Die Studienteilnehmer erhielten über einen Zeitraum von sechs Monaten eine Kapsel pro Tag mit einer Mischung aus Granatapfel, grünem Tee, Brokkoli und Kurkuma oder ein entsprechendes Placebo zur oralen Einnahme. Der mediane Anstieg des PSA in der Nahrungsergänzungsmittelgruppe (FSG) betrug 14,7% im Gegensatz zu 78,5% in der Placebogruppe (PG), Differenz 63,8% (p = 0,0008). Insgesamt entschieden sich 8,2% der Männer in der FSG und 27,7% in der PG dafür, die Überwachung am Ende der Intervention zu verlassen. Es gab keine signifikanten Unterschiede innerhalb der vorgegebenen Untergruppen nach Alter, Gleason-Grad, Behandlungskategorie oder Body-Mass-Index. Es gab keine Unterschiede bei Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker, C-reaktivem Protein oder unerwünschten Ereignissen. Diese Studie fand damit einen kurzfristigen, signifikant günstigen Effekt auf den prozentualen Anstieg des PSA-Wertes bei Männern mit AS und WW nach Einnahme dieser gut verträglichen, spezifischen Mischung aus konzentrierten Lebensmitteln. Dies deutet darauf hin, dass diese Intervention klinisch sinnvoll ist. Dennoch werden weitere Studien längerfristige klinische Effekte und andere Faktoren, die das Fortschreiten der Krankheit beeinflussen, untersuchen müssen.

In einer systemischen Übersichtsarbeit von van Die et al. (2016) erfüllten fünf von 23 Volltextartikeln die Kriterien für die Aufnahme [810]. Zwei Studien waren placebokontrolliert, zwei weitere Studien waren aktive Kontrollstudien sowie eine weitere eine Hoch-/Niedrigdosis-Studie. Die Interventionen wurden als isolierte Phytochemikalien (Sulforaphan), phytotherapeutische Extrakte (Pomi-T (= Granatapfel-, Kurkuma-, Grüntee- und Brokkoliextrakt), Soja, Lycopin und POMx (Granatapfelextrakt) oder pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel (Soja und Lycopin) verabreicht. Alle Studien ergaben, dass sich die PSA-Werte im Serum bei einer signifikanten Anzahl von Männern stabilisierten, abnahmen oder langsamer anstiegen. Zudem berichteten drei Studien über eine Stabilisierung oder Verlängerung der PSA-Verdopplungszeit. Die Studien waren im Allgemeinen von guter Qualität, die Stichprobengrößen waren jedoch überwiegend klein und die Dauer der Studien kurz. Sulforaphan, Lycopin, Soja-Isoflavone, POMx und Pomi-T sind sicher und gut verträglich. Es gibt jedoch nur begrenzte Hinweise darauf, dass sie die PSA-Dynamik entscheidend beeinflussen können. Es kann keine Empfehlung für den Einsatz dieser Wirkstoffe zur Behandlung von Morbidität und Mortalität bei Prostatakrebs ausgesprochen werden, solange keine qualitativ hochwertigen, vollwertigen Studien zur Verfügung stehen. Es werden Empfehlungen zur Verbesserung der Reproduzierbarkeit und Übersetzung der Ergebnisse hinsichtlich der Studienpopulation, der Studienendpunkte, des Designs und der Berichterstattung über phytotherapeutische Interventionen gegeben.

Mortalität

In zwei RCTs wurde wissenschaftlich der Einsatz von Granatapfel (Saft oder Extrakt) hinsichtlich der Wirkung auf die PSA-Verdopplungsrate untersucht. Der PSA-Spiegel im Blut dient als Biomarker für das Auftreten von Prostatakrebs bzw. eines Wiederauftretens von Prostatakrebs nach Therapie. Die PSA-Verdopplungszeit bietet daher ein Maß für den Krankheitsverlauf bei postoperativen Patienten mit Prostatakrebs. Es zeigte sich hierbei kein signifikanter Unterschied zwischen den Verum- und Placebogruppen, bzw. zwischen der low-dose und high-dose Gruppe [762][794]. Männer mit dem Mangan-Superoxiddismutase (MnSOD) AA-Genotyp repräsentieren möglicherweise eine Gruppe, die empfindlicher auf die antiproliferativen Wirkungen von Granatapfel auf die PSA-Verdopplungszeit (PSADT) reagiert. Dieses Ergebnis erfordert jedoch eine prospektive Hypothesenprüfung und Validierung [794].

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Hintergrund des RCT von Paller et al. (2013) ist eine einarmige Phase-II-Studie mit einer Verlängerung der PSA-Verdoppelungszeit (PSADT), die mit Granatapfelsaft in Verbindung gebracht wurde [762]. Diese Studie bewertete die biologische Aktivität von zwei Dosen Granatapfelextrakt (POMx) bei Männern mit rezidivierendem Prostatakrebs, wobei Veränderungen der PSADT als primäres Ergebnis verwendet wurden.

In der randomisierten, multizentrischen, doppelblinden Phase-II-Dosisfindungsstudie von Paller et al. (2013) wurden Männer (n = 95) mit lokalisiertem Prostatakarzinom ohne Metastasen und einem steigenden PSA-Wert nach initialer Primärtherapie randomisiert und auf zwei Gruppen verteilt, um mindestens 6 und bis zu 18 Monate lang 1g POMx (Lowdose-Gruppe, LD) (n = 46) oder 3 g (Highdose-Gruppe, HD) (n=49) POMx zu erhalten, geschichtet nach PSADT-Basiswert und Gleason-Score [762]. Die Intent-to-treat (ITT) - Population war zu 96% weiß, mit einem mittleren Alter von 74,5 Jahren und einem Gleason-Score von 7. Insgesamt verlängerte sich die mediane PSADT in der ITT-Population von 11,9 Monaten zu Studienbeginn auf 18,5 Monate nach der Behandlung (p < 0.001). Die PSADT verlängerte sich in der LD-Gruppe von 11,9 auf 18,8 Monate und in der HD-Gruppe von 12,2 auf 17,5 Monate, wobei es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Dosisgruppen gab (p = 0.554). Beide Dosierungsgruppen zeigten somit nach Abschluss der Studie eine längere PSA-Verdoppelungszeit, unabhängig davon, ob sie eine niedrige Dosis (LD (1000 mg Polyphenolextrakt, entspricht 240 ml Granatapfelsaft, eine POMx-Kapsel) und zwei Placebo-Kapseln) oder eine hohe Dosis (HD (3000 mg Polyphenolextrakt, entspricht 720 ml Granatapfelsaft, drei POMx-Kapseln) erhielten. PSADT-Anstiege >100% des Ausgangswertes wurden bei 43% der Patienten beobachtet. Rückläufige PSA-Werte wurden bei 13 Patienten (13%) beobachtet. Insgesamt brachen 42% der Patienten die Behandlung ab, bevor die im Protokoll festgelegte PSA-Progression oder 18 Monate erreicht war, was in erster Linie auf einen Anstieg des PSA-Wertes zurückzuführen war. Beim Testosteron traten keine signifikanten Veränderungen auf. Obwohl keine klinisch signifikanten Toxizitäten festgestellt wurden, kam es bei 1,9%  der LD-Gruppe und bei 13,5% der HD-Gruppe zu Durchfall. Ein möglicher Interessenskonflikt ergibt sich durch die Tatsache, dass der korrespondierende Autor, Michael Carducci, 2007 $1500 von POM Wonderful, LLC, für die Teilnahme an einer Diskussion über zukünftige Versuche erhielt. Harley Liker und Patricia Wozniak, ebenfalls Koautoren, sind Berater von POM Wonderful, LLC. Brad Gillespie war bis 2011 der Vizepräsident von POM Wonderful. Die übrigen Autoren erklärten, dass kein Interessenkonflikt bestehe.

In einer weiteren randomisierten, placebokontrollierten Studie von Pantuck et al. (2015) wurden die Auswirkungen von Granatapfelflüssigextrakt sowie Granatapfelsaft auf die PSA-Werte im Serum von Probanden mit steigenden PSA-Werten nach einer Primärtherapie bei Prostatakrebs untersucht [794]. Der primäre Endpunkt dieser Studie war die Veränderung der PSA-Verdopplungszeit (PSADT). Weitere sekundäre und exploratorische Ziele waren die Bewertung der Sicherheit von Granatapfelsaft und die Bestimmung der Wechselwirkung des Mangan-Superoxiddismutase(MnSOD)-AA-Genotyps und der Granatapfelbehandlung auf die PSADT. Die Probanden (n = 183) wurden randomisiert und in drei Gruppen aufgeteilt: Granatapfelextrakt (n = 102), Placebo (n = 64) und Granatapfelsaft (n = 17). Die mediane PSADT stieg in der Placebogruppe von 11,1 Monaten zu Beginn der Studie auf 15,6 Monate (p < 0.001), verglichen mit der Granatapfelextrakt-Gruppe mit einem Anstieg von 12,9 Monaten zu Beginn der Studie auf 14,5 Monate (p = 0.13) und in der Granatapfelsaft-Gruppe mit einem Anstieg von 12,7 Monaten zu Beginn der Studie auf 20,3 Monate in der Saftgruppe (p = 0.004). Keine dieser Veränderungen war jedoch zwischen den drei Gruppen statistisch signifikant (p > 0,05). Bei der Untersuchung der Wirkung des Granatapfelextraktes auf Männer mit Prostata-Karzinom vom MnSOD AA-Genotyp zeigten sich folgende Ergebnisse: Placebo-AA-Patienten erlebten eine 1,8-monatige Veränderung der medianen PSADT von 10,9 Monaten zu Studienbeginn auf 12,7 Monate (p = 0.22), während Granatapfelextrakt-Patienten eine 12-monatige Veränderung der medianen PSADT von 13,6 zu Studienbeginn auf 25,6 Monate erlebten (p = 0.03).

Neben- und Wechselwirkungen:

Im Allgemeinen sind die Produkte des Granatapfels gut verträglich [811][795]. Bei Männern wurden nach dem täglichen Verzehr von 8 Unzen (240-720 ml/Tag) Granatapfelsaft über einen Zeitraum von zwei Jahren keine signifikanten unerwünschten Wirkungen beobachtet [771]. In einer Studie mit Prostatakrebspatienten traten nur wenige damit zusammenhängende unerwünschte Ereignisse auf, darunter leichte bis mäßige Übelkeit, Verstopfung und verminderter Appetit [794]. Bei einigen Patienten kam es bei höheren Dosen zu Durchfall [762].

Diabetiker sollten wegen des Zuckergehalts des Granatapfels vorsichtig bei dem Verzehr sein [654].

Mögliche Wechselwirkungen von Granatapfel mit anderen Medikamenten und Substraten wurden bezüglich Cytochrom P4503A und CYP 2C9 sowie in Bezug auf Warfarin und Metformin untersucht [654].

Obwohl Studien an Ratten vermuten lassen, dass Granatapfelsaft die Aktivität von Cytochrom P450 3A (CYP3A) ähnlich wie Grapefruitsaft hemmen kann [799][805], zeigten Studien an Menschen keine klinisch relevante Hemmung [806][808][809]. Eine Studie an Ratten zeigte, dass Granatapfelsaft die CYP2C9-Aktivität hemmte und die Tolbutamid-Bioverfügbarkeit erhöhte [804], aber Granatapfelsaft/-extrakt hatte keinen Einfluss auf die CYP2C9-Aktivität beim Menschen [807]. Gemäß einem Fallbericht kann Granatapfelsaft mit Warfarin interagieren [812]. In einem Rattenmodell reduzierte die Verabreichung von Granatapfelsaft die Wirksamkeit von Metformin [813], die klinische Relevanz beim Menschen muss noch bestimmt werden [654].

In der RCT von Paller et al. (2013) traten bei insgesamt 18 Patienten arzneimittelbezogene unerwünschte Ereignisse auf, von denen 12 gastrointestinal waren [762]. Durchfall des Grades ≤ 2 wurde bei acht Patienten gemeldet (7,7% der Gesamtzahl, 1,9% bei 1-POMx und 13,5% bei 3-POMx) und nur bei fünf Patienten (allesamt Probanden der 3-POMx-Gruppe) als arzneimittelbezogen eingestuft. 

Bei einem Patienten in der 1-POMx-Gruppe trat eine Refluxkrankheit auf und bei sechs Patienten in der 3-POMx-Gruppe traten andere studienbedingte gastrointestinale Nebenwirkungen auf, darunter Übelkeit (vier Patienten) und Bauchschmerzen, Verstopfung, häufiger Stuhlgang, Magenbeschwerden und Erbrechen (jeweils ein Patient). Es wurden keine klinisch-chemischen, hämatologischen oder hormonellen Toxizitäten der Grade 3-4 berichtet. Bei zehn Patienten traten kardiale Nebenwirkungen (drei Patienten in der 1-POMx-Gruppe und sieben Patienten in der 3-POMx-Gruppe) wie Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen und kongestive Herzinsuffizienz auf. Keine wurde als studienmedikamentenbezogen betrachtet; bei den meisten waren vor der Randomisierung kardiale Erkrankungen diagnostiziert worden.

Beim Testosteron wurden keine signifikanten Veränderungen festgestellt. Estradiol tendierte in der 3-POMx-Gruppe von 28,0 bis 32,3 pg ml-1 anzusteigen, nicht jedoch in der 1-POMx-Gruppe. Die Veränderungen bei Estradiol reichten von -37,45 bis +38,43 pg ml-1 in der 1-POMx-Gruppe und von -25,84 bis +30,41 pg ml-1 in der 3-POMx-Gruppe. Geschlechtshormonbindendes Globulin nahm in beiden Gruppen zu, jedoch waren die Unterschiede zwischen den Gruppen nicht signifikant (42,5-54,7 nmol l-1 in der 3-POMx-Gruppe und 42,8-49,2 nmol l-1 in 1-POMx).

In der RCT von Pantuck et al. (2015) waren die Mehrzahl der unerwünschten Ereignisse (UE) von mittlerem oder leichtem Grad und nach Einschätzung der Probanden nicht im Zusammenhang mit dem verabreichten Studienprodukt zu sehen [794]. UE traten in der Verum- und Placebo-Gruppe gleich häufig auf. Nur drei von 284 UEs wurden konnten definitiv mit dem Studienprodukt in Verbindung gebracht werden. Alle drei UEs traten in der Extraktgruppe auf und schlossen gastrointestinale Ereignisse wie Übelkeit, Verstopfung und verminderter Appetit ein. Mögliche zusätzliche UE im Zusammenhang mit der Behandlung waren Zahnverfärbungen und Blähungen im Bauchraum.

Toxizität

Höhere Dosierungen (> 80 g) der Granatapfelrinde können laut WHO-Monographie Übelkeit, Durchfall, Blutungen, Schwindel, Fieber, Tremor, Kollaps und Sehstörungen hervorrufen [682].

Granatapfelsaft kann das Risiko einer Rhabdomyolyse bei Patienten unter Statintherapie erhöhen [785].

In dem RCT von Paller et al. (2013) zeigten die Patienten keine Anzeichen klinischer Toxizität in dem Beobachtungszeitraum von 18 Monaten [762]. Es wurden keine Todesfälle oder medikamentenbedingten schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse gemeldet.

Schwere oder lebensbedrohliche UEs einschließlich Tod waren in dem RCT von Pantuck et al. (2015) in allen Gruppen (n = 11) selten und keines der schweren/lebensbedrohlichen UEs wurde mit dem Studienprodukt zusammenhängend beurteilt [794].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Granatapfel wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.8 Guarana

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.65 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus 4 RCTs zur Wirksamkeit von Guarana-Trockenextrakt auf die Lebensqualität (Fatigue) bei Patienten, die unter einer Chemotherapie-bedingten Fatigue litten, vor. Guarana-Trockenextrakt sollte nicht bei diesen Patienten zur Verbesserung der Chemotherapie-bedingten Fatigue eingesetzt werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens
Literatur
[814] [815] [816] [817]
Evidenztabellen (4)de Oliveira Campos et. al. (2011); da Costa et. al. (2009); del Giglio et. al. (2013); Martins et. al. (2017)

Guarana (Paullinia cupana; engl. guarana) gehört zu den Seifenbaumgewächsen und ist im Amazonasbecken beheimatet [654]. Zur Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln werden die Samen getrocknet und anschließend pulverisiert [818]. Zu den Inhaltsstoffen zählen Tannine (>12 %, davon ca. 10% Proanthocyanidine), Coffein (4−8 %), Theophyllin (0 − 0,25 %), Theobromin (0,02−0,04 %), (+)-Catechin (6 %), (-)-Epicatechin (3 %), Saponine, Stärke, Mineralstoffe (3−4 %) und Wasser (6−8 %) [819]. Die anregenden Effekte von Guarana Samen, in Form einer kardialen Stimulation sowie Stimulation des zentralen Nervensystems, gehen vor allem auf den hohen Koffeingehalt der Samen zurück, der mit 4−8 % der Trockenmasse deutlich höher als bei Kaffee und Tee liegt [654][820]. Den Samen der Guarana Pflanze wird eine harntreibende, sowie fiebersenkende Wirkung zugeschrieben. Es konnten antioxidative Effekte von Guarana durch die Inhibition von Lipidperoxidation gezeigt werden. Eine langfristige Einnahme kann weiterhin angstlösende Effekte haben, da das Präparat auf das dopaminerge und serotonerge Neurotransmittersystem wirkt [654].

Traditionell wird Guarana Samen zur Appetitreduktion, zur Stimulation des zentralen Nervensystems, zur Reduktion von Fatigue und zur Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit angewendet [654][820]. Laut der ESCOP-Monografie (European Scientific Cooperative On Phytotherapy) der Scientifiv Foundation of Herbal Medicinal Products gilt der Samen der Guaranapflanze lediglich bei Missbrauch als giftig. Die empfohlene Dosis für Erwachsene und ältere Menschen beträgt oral 450 mg (Einzeldosis), bis zu 5-mal täglich. Die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wird nicht empfohlen. Wenn die Symptome während der Anwendung länger als 1 Woche andauern, sollte ein Arzt oder eine qualifizierte medizinische Fachkraft konsultiert werden [818].

Zu den empfohlenen Indikationen für Guarana zählen Fatigue, Erschöpfung und Rekonvaleszenz. Die Wirkung wird als zentral stimulierend beschrieben, zu den Vergiftungserscheinungen bei höheren Dosen zählen Kopfschmerzen, Schwindel, Herzklopfen, Schlafstörungen, Unruhe, Erbrechen, Durchfall sowie starke Diurese. In pädiatrischen Fällen nach Guarana Missbrauch wurden Erbrechen, Agitation, unregelmäßige Herzschläge, hoher Blutdruck und Übelkeit berichtet [654]. Nach dem Konsum guaranahaltiger Energy Drinks kam es vereinzelt zu kardialer und zentralnervöser Symptomatik wie ventrikulären Extrasystolen, Tachykardie und Krampfanfall [654]. Als kritisch unter den Inhaltsstoffen werden Coffein und Saponine angesehen, als Richtwert für die pharmakologische Wirkung werden 1−3 g Droge/ Tag angegeben [821]. Der Samen der Guaranapflanze liegt in Deutschland sowohl als Nahrungsergänzungsmittel mit einer empfohlenen Mengenbegrenzung als auch als Arzneistoff vor [682]. Beim Absetzen der Produkte nach längerfristigem Konsum kann es zu körperlichen Entzugserscheinungen kommen. Nicht empfohlen werden Guarana Produkte für Menschen mit Bluthochdruck und chronischen Kopfschmerzen sowie für Kinder, Schwangere und in der Stillzeit [822]. Kontraindikationen für die Einnahme von Guaranapräparaten sind gerinnungshemmende oder antithrombozytäre Medikamente. Da Guarana selbst eine antithrombozytäre Wirkung hat, kann es hier zu additiven Effekten kommen. Weiter bewirkt Guarana einen Abfall der Bioverfügbarkeit von Amiodaron, einem Medikament gegen Herzrhythmusstörungen [654]. Zudem sollte auf eine Einnahme bei Magen- und Darmgeschwüren, Hyperthyreoidismus oder kardiovaskulären Problemen wie Hypertonie oder Arrhythmie, verzichtet werden (European Medicines Agency, 2014). Da es sich um ein koffeinhaltiges Präparat handelt, reduziert dies die sedierende Wirkung und steigert Nebenwirkungen von sympathomimetischen Medikamenten. Vorsicht ist ferner bei der gleichzeitigen Einnahme von MAO (Monoaminoxidase)-Hemmern angezeigt [818].

Lebensqualität/Fatigue (zu Empfehlung 7.65)

Vier RCTs haben die Wirkung von Guarana in verschiedenen Dosierungen auf chemotherapie-bedingte Fatigue bei Patienten untersucht, die hauptsächlich an Brustkrebs, aber auch an anderen Krebsarten, litten [814][816][817][823].

Bei Patientinnen mit Brustkrebs, die sich einer systemischen Chemotherapie unterziehen, ist die krebsbedingte Müdigkeit (CRF) ein häufiges Problem, das sich negativ auf die Lebensqualität auswirken kann. Die Wirkung von Guarana auf die Fatigue, Schlafqualität, Angstzustände, Depressivitätssymptomatik sowie klimakterische Beschwerden bei Frauen mit Brustkrebs wurde von Oliveira Campos et al. (2011) in einer RCT untersucht [823]. Patienten (n = 75) mit fortschreitender Müdigkeit nach dem ersten Chemotherapiezyklus erhielten in dieser Studie randomisiert entweder Guarana 50 mg oral zweimal täglich (n = 32) oder ein Placebo (n = 43) über 21 Tage. Nach einer 7-tägigen „wash-out“-Phase fand ein Crossover statt.  Alle Patienten wurden an den Tagen 1, 21 und 49 ausgewertet. Der primäre Endpunkt war die Auswertung des Functional Assessment of Chronic Illness Therapy-Fatigue (FACIT-F), die sekundären Endpunkte waren die Ergebnisse des Functional Assessment of Chronic Illness Therapy-Endocrine Symptoms (FACT-ES), der Brief Fatigue Inventory (BFI), der Pittsburg Sleep Quality Index, die Chalder Fatigue Skala und die Hospital Anxiety and Depression Skala. Guarana verbesserte die FACIT-F-, FACT-ES- und BFI-Werte im Vergleich zu Placebo an den Tagen 21 und 49 signifikant (p < 0.01). Die Chalder-Skala verbesserte sich an Tag 21 signifikant (p < 0.01), aber nicht an Tag 49 (p = 0.27). Durch die Verabreichung von Guarana ergaben sich keine unerwünschten Ereignisse der Toxizitätsgrade 2, 3 oder 4 nach allgemeinen Terminologiekriterien und verursachte weder eine Verschlechterung der Schlafqualität noch Angstzustände oder Depressivität. Guarana könnte eine wirksame, kostengünstige und ungiftige Alternative für die kurzfristige Behandlung von Müdigkeit bei Patientinnen mit Brustkrebs, die eine systemische Chemotherapie erhalten, darstellen. Es sind weitere Studien erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen und ihre Generalisierbarkeit auf chronische CRF und andere Krebsarten zu untersuchen.

In einem weiteren Crossover-RCT untersuchten Da Costa Miranda et al. (2009) ebenfalls die Wirkung von Guarana auf chemotherapiebedingte Fatigue bei Patienten mit Brustkrebs [814]. Frauen (n = 36) wurden in zwei Gruppen randomisiert. Über 14 Tage nahmen die Patienten der Interventionsgruppe Guarana 75 mg einmal täglich ein, während die Kontrollgruppe ein Placebo zu sich nahm. Danach wechselten die Patienten die Behandlung für weitere 14 Tage, aufgrund der geringen Halbwertszeit von Guarana ohne, dass ein Wash-Out stattfand. Es konnten keine Unterschiede hinsichtlich Fatigue oder Depressivität zwischen den Behandlungsarmen nachgewiesen werden.

In einer weiteren Studie untersuchten del Giglio et al. (2013) die Wirkung von Guarana auf chemotherapiebedingte Fatigue bei soliden Tumorentitäten [816]. In dieser Studie wurden Patienten (n = 40) mit verschiedenen Krebsarten, darunter Brust-, Darm-, Kopf- und Hals-, Lungen- sowie Eierstockkrebs und chemotherapiebedingter Fatigue (CRF) untersucht. Eine Woche nach Chemotherapie erhielten die Patienten für drei Wochen Guaranatrockenextrakt (Induktionsphase).

Nach der Behandlung mit Guaranatrockenextrakt verbesserte oder stabilisierte sich der BFI-Müdigkeitsscore bei 36 der 40 Patienten (mittlerer Unterschied im BFI-Score = 2,503; 95% Konfidenzintervall: 1,716-3,375, p = 0.0002). Anschließend wurden diejenigen, die auf die Behandlung ansprachen und einen niedrigeren BFI-Score (Brief Fatigue Inventory) aufwiesen (n = 36) randomisiert und einer Verumgruppe (n = 18) oder Placebogruppe (n = 17) zugewiesen. Die Patienten erhielten für weitere drei Wochen (Behandlungsphase) entweder Guarana (37,5 mg, 2 x pro Tag) oder äquivalent dazu ein Placebo. Am Ende der randomisierten Behandlungsphase fanden sich keine Unterschiede mehr hinsichtlich Fatigue, Depressivität oder Schlafqualität. Es lässt sich daraus ggf. schlussfolgern, dass Guaranatrockenextrakt für die Behandlung von CRF bei Patienten mit soliden Tumoren wirksam sein könnte. Ein Konditionierungseffekt, der bei Patienten beobachtet wurde, die initial eine günstige Wirkung von Guaranatrockenextrakt auf CRF aufwiesen, könnte die besser als erwarteten Ermüdungswerte der mit Placebo behandelten Patienten erklären.

In einer prospektiven Phase-II-Studie untersuchten Martins et al. (2017) Patienten mit Plattenepithelkarzinom des Kopfes und Halses im Stadium I-IV (n=60) vor, während und nach einer Chemoradiotherapie im Hinblick auf die Wirkung von Guaranatrockenextrakt auf die Lebensqualität im Allgemeinen und die Fatigue im Speziellen [817]. Die Patienten wurden in zwei Arme randomisiert: Placebo versus Guarana in einer Dosis von 50 mg zweimal täglich während der Chemoradiotherapie-Behandlung. Es wurden die Fragebögen FACT-HN, EORTC-HN35 und EORTC-Q30 zur Beurteilung der Müdigkeit und Lebensqualität (QoL) verwendet.

Eine signifikante Verschlechterung der Lebensqualität in den Bereichen Gesamt (p = 0.0054), Funktion (p = 0.018) und Symptom (p = 0.0042) nach dem zweiten Chemotherapiezyklus wurde bei Patienten mit Guarana im Vergleich zur Placebogruppe beobachtet. Beim Vergleich der ersten und vierten Bewertung jeder Domäne in jeder Gruppe wurden weder in der Guarana- noch in der Placebogruppe signifikante Unterschiede in irgendeiner Domäne der Lebensqualität beobachtet. Im FACT-HN35-Fragebogen zeigte die Guarana-Gruppe nach dem ersten Zyklus der Chemo-Radiotherapie eine Verbesserung in Bezug auf Schmerzen (p = 0.0133), soziales Essen (p = 0.0227), Schlucken (p = 0.0254), Husten (p = 0.0107) und Gewichtsverlust (p = 0.012). Nach Abschluss der Behandlung (nach dem dritten Zyklus) verstärkte sich die Gewichtsabnahme jedoch (p = 0.0074), und in der Guarana-Gruppe wurde zusätzlich zum verstärkten Einsatz von Analgetika (p = 0.0253) eine stärkere Verwendung einer nasogastralen Sonde (p = 0.051) beobachtet. Was den Fragebogen EORTC-QoL C30 betrifft, so wurde bei Patienten, die Guarana verwendeten, eine Verbesserung der Symptome in den drei Bereichen (funktionell, insgesamt und Symptome) beobachtet. Hinsichtlich der Toxizität, wie sie von der CTCAE-Skala (Common Terminology Criteria for Adverse Events) eingestuft wird, wurde kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen beobachtet. Von einem Vorteil von Guarana hinsichtlich chemotherapiebedingter Fatigue ist anhand dieser Studienergebnisse nicht auszugehen, jedoch bedarf es großer und qualitativ hochwertiger Studien, um diese Ergebnisse zu validieren.

Mortalität

In der RCT von Martins et al. (2017) zeigten die teilnehmenden Patienten keinen Unterschied in der Überlebensrate [817].

Neben- und Wechselwirkungen

Bei Guarana können die gleichen Nebenwirkungen wie bei übermäßigem Genuss von Koffein aus anderen Quellen auftreten, etwa erhöhte Reizbarkeit, Schlafstörungen, Tachykardie, Kopfschmerzen, Zittern oder Muskelschmerzen. Kontraindikationen für die Einnahme von Guaranapräparaten sind gerinnungshemmende oder Medikamente, die die Thrombozytenaggregation hemmen. Da Guarana selbst eine antithrombozytäre Wirkung hat, kann es hier zu additiven Effekten kommen. Weiter bewirkt Guarana einen Abfall der Bioverfügbarkeit von Amiodaron, einem Medikament gegen Herzrhythmusstörungen [654]. Zudem sollte auf eine Einnahme bei Magen- und Darmgeschwüren, Hyperthyreoidismus oder kardiovaskulären Problemen wie Hypertonie oder Arrhythmie, verzichtet werden (European Medicines Agency, 2014). Da es sich um ein koffeinhaltiges Präparat handelt, reduziert dies die sedierende Wirkung und steigert Nebenwirkungen von sympathomimetischen Medikamenten. Vorsicht ist ferner bei der gleichzeitigen Einnahme von MAO (Monoaminoxidase)-Hemmern angezeigt [818]. Nicht empfohlen werden Guarana-Produkte für Menschen mit Bluthochdruck und chronischen Kopfschmerzen sowie für Kinder, Schwangere und in der Stillzeit [822].

In der Studie von del Giglio et al. (2013) zeigten sich keine unerwünschten Ereignisse der Grade 2, 3 oder 4 nach üblichen Terminologiekriterien und es verschlechterte sich weder die Schlafqualität noch verursachte Guarana Angstzustände oder Depressivität [816].

In der Studie von Martins et al. (2017) zeigten sich in der Verum- und Placebogruppe keine Unterschiede hinsichtlich der Nebenwirkungen von Guarana [817].

Toxizität

Zu den Vergiftungserscheinungen bei höheren Dosen zählen Kopfschmerzen, Schwindel, Herzklopfen, Schlafschwierigkeiten, Unruhe, Erbrechen, Durchfall sowie starke Diurese [822][654]. In pädiatrischen Fällen nach Guarana Missbrauch wurden Erbrechen, Agitation, unregelmäßige Herzschläge, hoher Blutdruck und Übelkeit berichtet [654]. Nach dem Konsum eines guaranahaltigen Energy Drinks klagten zwei Frauen über Tachykardie und eine 25-jährige Frau mit bekanntem Mitralklappenprolaps über ventrikuläre Extrasystolen. Vier gesunde junge Erwachsene erlitten zudem einen Krampfanfall nach dem Konsum von Energy-Drinks, die unter anderem Guarana enthielten [822][654].

Die Toxizität in den vorliegenden Studien war weitgehend vergleichbar zwischen den Guarana- und Placebogruppen. In drei der eingeschlossenen RCTs wurden entweder keine Toxizitäten oder keine Toxizitäten größer Grad 1 beobachtet [814][817][815]. Nur in einer RCT wurden Toxizitäten Grad 3, darunter Depression (n = 1) und Schwindel (n = 1), in der Verumgruppe beobachtet [816].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Guarana wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.9 „Heilpilze“

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.66 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit verschiedener „Heilpilze“ auf die Überlebensrate und Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen diese „Heilpilz“-arten zur Senkung der Mortalitätsrate1 und Verbesserung der Lebensqualität2 bei onkologischen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[824] [825] [826]
Evidenztabellen (3)Ahn et. al. (2004); Tangen et. al. (2015); Tsai et. al. (2016)

Medizinische Pilze sind makroskopische Pilze, welche in Form von Extrakten oder Pulver zur Vorbeugung, Linderung oder Heilung von Mehrfachkrankheiten oder zur Ausgewogenheit einer gesunden Ernährung eingesetzt werden. Ihr Verzehr erfolgt meist in Form von Tees, getrockneten Pulvern, als Trockenextrakt in Kapseln oder als Flüssigextrakt. Jedoch sind nicht alle „Heilpilze“ Speisepilze. Die European Medicines Agency Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) hat keine Monographien für „Heilpilz“-arten veröffentlicht. Einige „Heilpilz“-arten wie Maitake (Grifola frondosa) und ABM (Agaricus blazei Murill) liegen in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel vor. Im asiatischen Raum werden Studien mit „Heilpilz“-Injektion durchgeführt. Die eingeschlossenen Studien umfassen die folgenden medizinischen Pilzarten:

Agaricus blazei Murill

Mandelpilz (Agaricus blazei Murill), auch als „ABM“ oder „Sonnenpilz“ bekannt. Anekdotischer Einsatz in der Behandlung von Arteriosklerose, Diabetes, Hepatitis, Hyperlipidämie sowie bei Krebserkrankungen. In Rattenmodellen liegen erste Hinweise für Effekte verschiedener Komponenten von ABM vor: für Ergosterol, Agaritin, Polysacchariden und Blazeispirol A (hergestellt durch ABM-Fermentation) wird eine krebshemmende und immunmodulierende Wirkungen postuliert [654]. ABM zeigt in vitro eine Östrogen-ähnliche Wirkungen, so dass die Verwendung für hormonabhängige Krebsarten nicht empfohlen wird [654].

Grifola frondosa

Traditionell werden in Japan und China Maitakepilze (Grifola frondosa) als Teil der Nahrung gesehen und bei Diabetes mellitus und arterieller Hypertonie eingesetzt. Weitere traditionelle Anwendungsbereiche sind Vorbeugung und Behandlung von Krebserkrankungen, Reduktion des Cholesterinspiegels, Stimulation des Immunsystems und Gewichtsreduktion. In Laborstudien konnten Maitakeextrakte verschiedene Zellen und Faktoren des Immunsystems stimulieren. Nagetiermodelle zeigten außerdem eine Verringerung des Wachstums einiger Tumore und geringere Blutzuckerspiegel [654]. Die Autoren Ulbricht et al. (2009) konnten allerdings in ihrem systematischen Review aufgrund der geringen Studienlage weder eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz von Maitake zur Vorbeugung und Behandlung von Krebserkrankungen, Management von Diabetes und Hyperglykämie, sowie zur Immunstimulation geben [827].

Hericium erinaceus

Igelstachelbart (Hericium erinaceus), auch als Affenkopfpilz oder Löwenmähne bekannt, wird seit Jahrzehnten in der Traditionellen Chinesischen Medizin genutzt [828]. Der Pilz enthält mehr als 80 verschiedene bioaktive Metabolite, wie beispielsweise Terpenoid, Polyketid, Sterin und Phenol. Der Anteil der Polysaccharide in Hericium erinaceus (HE) ist im Fruchtkörper höher als im Myzel. Diesen Polysacchariden wird eine immunmodulierende Aktivität der Makrophagen postuliert. Zudem werden anti-tumorale, antimikrobielle, anti-oxidative, anti-aging, anti-hyperglykämische, anti-hypercholesterinämische und neuroprotektive Eigenschaften diskutiert [829]. In einem Nagetiermodell reduzierten 40 mg Echanolic Extrakt von Hericium erinaceus neuropathische Schmerzen, steigerten die Inhibition der Lipidperoxidation und verbesserten die Aktivität von antioxidativen Enzymen wie Lactat Dehydrogenase, Glutathionperoxidase, Glutathionreduktase, Katalase und Glutathion-S-Transferase [828]. Ergebnisse randomisierter, kontrollierter Studien geben Hinweise darauf, dass die Einnahme von Hericium einaceus zu einer Verbesserung der kognitiven Funktion (orale Einnahme des pudrigen Extraktes über einen Zeitraum von 12 Wochen, viermal täglich 0,8 g) [830], zu einer Reduktion von Depressivität und Angst (Einnahme von 4 HE-Keksen à 0,5 g täglich über einen Zeitraum von vier Wochen) [831], sowie zu einer Verbesserung der milden kognitiven Beeinträchtigung (Einnahme von 4 Tabletten à 250 g pudrigem HE über einen Zeitraum von 16 Wochen) [832] führen könnte.

Coriolus versicolor

Schmetterlingstramete (Coriolus versicolor) oder engl. „Turkey Tail“ wird in der Traditionell Chinesischen Medizin als Tonikum (Stärkungsmittel) verwendet. Isoliertes Polysaccharid-K (PSK) sowie Polysaccharidpeptid (PSP) aus Coriolus zeigen Effekte auf das Immunsystem: PSK induziert die Zytokinexpression in humanen mononukleären Blutzellen. In Tierstudien konnte gezeigt werden, dass PSP die Zytokinproduktion und T-Zellproliferation stimuliert und vor einer Cyclophosphamid-induzierten Immunsuppression schützen kann.

Eine randomisierte Studie aus dem American Journal of Clinical Oncology untersuchte die 5-Jahres Überlebensraten von Patienten, welche an einem Plattenepithelkarzinom des Ösophagus erkrankt waren und eine a) Strahlentherapie, b) Strahlentherapie und PSK, c) Chemo- und Strahlentherapie und d) Chemo- und Strahlentherapie und PSK erhielten. Im Vergleich der Gruppen c) und d) zeigte sich ein Trend zu einer Verbesserung der 5-Jahres Überlebensraten unter PSK-Behandlung (29,1% vs. 37,2%), welcher jedoch nicht signifikant war (Log-rank und generalisierter Wilcoxon-Tests, p = 0.1930, p = 0.1034). Eine Cox multivariate Regressionsanalyse der Daten deutet darauf hin, dass die postoperative Therapie mit oder ohne PSK der signifikanteste prognostische Faktor für Patienten, welche eine Strahlen- und Chemotherapie erhielten, war. Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass Patienten mit einem Ösophaguskarzinom von einer PSK-Therapie in Kombination mit einer Strahlen- und Chemotherapie profitieren könnten.

In einer weiteren klinischen Studie wird berichtet, dass eine PSP Behandlung bei Nicht-kleinzelligem Lungenkrebs zu einer verlangsamten Progression der Erkrankung führen kann. Die Studienlage zu Brustkrebs, Leberzellkarzinom und Leukämie ist unklar.

Es liegen Tier- sowie klinische Studien vor, welche erste Hinweise darauf geben, dass Coriolus zur Vorbeugung und Behandlung von Krebs, zur Reduktion von Nebenwirkungen während der Chemotherapie und Strahlentherapie, zur Stimulation des Immunsystems, zur Behandlung von Infektionen, Herpes und Hepatitis, sowie zur Verbesserung von Kraft und Ausdauer angewendet werden könnte. Polysaccharid-K wurde in Japan für die klinische Anwendung genehmigt [654].

Antrodia cinnamomea

Antrodia cinnamomea, welcher auch als „AC Fungi“ oder „AC Pilz“ bekannt ist, ist ein seltener Pilz, welche in den Wäldern Taiwans wächst. Die Hauptkomponenten dieses Pilzes sind Polysaccharide, Stereoid- und Triterpensaponine, Phenolverbindungen, Cordycepin, Sesquiterpene, Adenosin, Ergosterin sowie Derivate der Malein- und Bernsteinsäure [833]. Diesem Pilz werden traditionell anti-tumorale Aktivitäten, anti-inflammatorische und immunmodulierende Effekte, Reduktion der Hepatitis B Virusreplikation, antioxidative Aktivitäten, hepatisch-protektive Aktivitäten, neuroprotektive Effekte, Antihypertensive Effekte und vasorelaxierende Effekte zugesprochen. Humane klinische Studien zu Antrodia cinnamomea sind sehr limitiert. Zu reinen Bestandteilen des Antrodia cinnamomea existieren keine klinischen Studien [834].

Mortalität und Lebensqualität (zu Statement 7.66)

In einer RCT wurde die Wirkung von einem Pilzextrakt Agaricus blazei Murill auf die Abwehrsystemaktivität untersucht [826]. In zwei weiteren eingeschlossenen RCTs wurde die Wirkung verschiedener medizinischer Pilzarten auf die Überlebensrate untersucht [825][824].

Es gibt vereinzelte Hinweise darauf, dass der Pilzextrakt Agaricus blazei Murill (ABM) zu einer Aktivierung des Immunsystems beitragen könnte. Aktivierte Immunzellen könnten möglicherweise Wirkungen an Krebszellen entfalten. Ahn et al. (2004) untersuchten die Auswirkung von ABM auf die Aktivität der natürlichen Killerzellen und auf die Lebensqualität [826]. Frauen (n = 100), die sich einer Chemotherapie zur Behandlung von Gebärmutterhals-, Ovarial- oder Endometriumkrebs unterziehen sollten, wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen randomisiert. Eine Gruppe nahm während ihrer Chemotherapie ein Paket ABM (genaue Dosis nicht angegeben) drei Mal täglich ein, während die Kontrollgruppe ausschließlich eine Chemotherapie erhielt. Frauen, welche ABM einnahmen, zeigten eine höhere zytotoxische Aktivität von natürlichen Killerzellen, als Frauen, die ABM nicht einnahmen. Zudem kam es in der ABM-Gruppe zu einer Reduktion Chemotherapie-assoziierter Nebeneffekte wie Appetit, Alopezie, Emotionale Stabilität, allgemeine Schwäche. Über unerwünschte Ereignisse wurden nicht berichtet [826].

In einer doppelblinden RCT haben Tangen et al. (2015) ein japanisches, kommerzielles Produkt (AndoSan) getestet, welches aus drei „Heilpilz“-arten besteht [825]. Nach dem Zufallsprinzip wurden N=40 Patienten mit Multiplem Myelom in zwei Gruppen randomisiert. Die Verum-Gruppe trank während der gesamten Dauer der Krebsbehandlung (autologe Stammzelltherapie gefolgt von einer Hochdosis-Chemotherapie) 60 ml AndoSan pro Tag, während die Kontrollgruppe ein identisches Placebo (Wasser mit Farbzusatz) trank. Es konnten keine Unterschiede im Hinblick auf die Überlebensraten der Patienten oder bezüglich der Zeit zur nächsten erforderlichen Chemotherapie festgestellt werden [825]. Es wurden keine Nebenwirkungen oder unerwünschten Ereignisse erfasst.

Tsai et al. (2016) testeten die Wirkung eines Pilzextraktes Antrodia cinnamomea (AC) bei einer kleinen Stichprobe von Patienten (n = 37) mit fortgeschrittenem oder wiederkehrendem Adenokarzinom [824]. Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Die Interventionsgruppe (n = 17) nahm zweimal täglich für 30 Tage ab der ersten Chemotherapiedosis AC ein, während die Kontrollgruppe (n = 20) im gleichen Zeitraum ein identisches Placebo substituierte. Es wurden keine Unterschiede in der Überlebensrate oder dem Ansprechen auf die Therapie zwischen den Gruppen nachgewiesen. Schlafstörungen verbesserten sich in der AC-Gruppe und im Vergleich zur Placebogruppe (p = 0,04).

In zwei RCTs wurden die Lebensqualität mittels des European Organization for Research and Treatment of Cancer Quality of Life Core Questionnaire 30 (EORTC QLQ-30) Fragebogen in zwei verschiedenen Patientengruppen gemessen [825][824]. Beide RCTs konnten keine Unterschiede zwischen den Behandlungsarmen nachwiesen [825][824]. Die Aussagekraft der Studien ist insbesondere auch durch die Anwendung in Deutschland nicht üblicher Chemotherapien stark eingeschränkt.

Neben- und Wechselwirkungen

Das japanische kommerzielle Produkt AndoSan zeigt eine begrenzt hemmende Wirkung auf den Zytochrom-P-450-Stoffwechsel [835]. Der Reishi-Pilz (Ganoderma lucidum) führt zu einer hypoglykämischen, hypotonischen und gerinnungshemmenden Wirkung beim Menschen. Aus diesem Grund liegt eine Kontraindikation bei Therapie mit z.B. antihypertensiven Medikamenten und Hypotonie vor [836]. Ebenso zeigte sich, dass der Maitakepilz (Grifola frondosa) in Nagetiermodellen sowohl hypotensive als auch hypoglykämische Effekte hat und die Wirkung von immunsuppressiven Medikamenten beeinflussen kann [827]. Daher kann Maitake die Wirkung von blutzuckersenkenden Medikamenten verstärken. Zudem ist es bei der Einnahme von Warfarin (Vitamin-K-Antagonist zur Antikoagulation) kontraindiziert [654]. Bei Maitake kann ein Anstieg der weißen Blutkörperchen auf eine allergische Reaktion hinweisen [654]. Zu den berichteten Nebenwirkungen von Agaricus blazei Murill (ABM) gehören Cheilitis und Leberfunktionsstörungen [654]. ABM hemmt die Wirkung von CYP3A4 und kann daher Wechselwirkungen mit Medikamenten verursachen, welche von diesem Enzym metabolisiert werden [654]. Nebenwirkungen von der Schmetterlingstramete (Coriolus versicolor) sind dunkle Verfärbungen des Stuhlgangs und der Fingernägel. Zudem wurden geringgradige, hämatologische und gastrointestinale Toxizitäten berichtet, wenn der Pilz in Verbindung mit einer Chemotherapie eingenommen wurde. Die Auslösung der beschriebenen  Nebenwirkungen durch die Chemotherapie selbst konnte nicht ausgeschlossen werden [654].

Toxizität

Die Daten über die Sicherheit verschiedener „Heilpilz“-arten beim Menschen sind spärlich. Toxizitäten (unerwünschte Ereignisse) wurden im RCT von Tsai et al. (2016) berichtet [824].

Nebenwirkungen, wie abdominelle Schmerzen, Diarrhö, trockener Mund, verschwommenes Sehen, Atemnot, intrakranielle Blutungen, Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt und Infektionen wurden vereinzelt in der Gruppe, welche mit dem Pilzextrakt Antrodia cinnamomea behandelt wurde und in der Placebogruppe berichtet. Signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen existieren nicht [824]. Es liegen keine Daten zur Einnahme bei schwangeren oder stillenden Frauen und bei Kindern vor. Deshalb wird von einer Einnahme von „Heilpilzen“ bei diesen Patientengruppen abgeraten.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu "Heilpilze" wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.10 Ingwer

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.67 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2024

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Ingwer auf Mortalität, krankheitsassoziierte Morbidität und Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Ingwer zur Senkung der Mortalität und Verbesserung der krankheitsassoziierten Morbidität oder Lebensqualität bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[837]
Evidenztabellen (1)Shokri et. al. (2017)
7.68 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2024

Es liegen Daten aus 2 systematischen Reviews mit insgesamt 8 RCTs und 12 weiteren RCTs zur Wirksamkeit von Ingwer auf zytostatikainduzierte Übelkeit/ Erbrechen bei onkologischen Patienten vor. Ingwer kann zusätzlich zur leitliniengerechten Antiemese in der Therapie von zytostatikainduzierter Übelkeit/ Erbrechen bei diesen Patienten angewendet werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
1
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[838] [839] [840] [837] [841] [842] [843] [844] [845] [846] [847] [848] [849] [850]
ÄnderungshinweisEs liegen Daten aus 2 systematischen Reviews mit insgesamt 8 RCTs und 9 weiteren RCTs zur Wirksamkeit von Ingwer auf zytostatikainduzierte Übelkeit/ Erbrechen bei onkologischen Patienten vor. Ingwer kann zusätzlich zur leitliniengerechten Antiemese in der Therapie von zytostatikainduzierter Übelkeit/ Erbrechen bei diesen Patienten erwogen werden.
Evidenztabellen (14)Lee et. al. (2013); Marx et. al. (2013); Shokri et. al. (2017); Marx et. al. (2017) (2); Thamlikitkul et. al. (2017); Bossi et. al. (2017); Sanaati et. al. (2016); Ansari et. al. (2016); Arslan et. al. (2015); Raei et. al. (2013); Konmun et. al. (2017); Li et al. (2018); Uthaipaisanwong et al. (2020); Kadhim et al. (2021)

Ingwer (Zingiber officinale) ist eine tropische Pflanze, dessen unterirdischer Hauptspross, das Ingwer-Rhizom, als Küchengewürz oder Arzneidroge Verwendung findet. Die arzneilich wirksamen Inhaltsstoffe befinden sich im Wurzelstock, welcher zu 1,5−3% aus ätherischem Öl besteht. In diesem sind unter anderem die Substanzen Zingiberen, Curcumen und Beta-Eudesmol enthalten. Daneben stecken in der Ingwerwurzel Scharfstoffe, die der Knolle ihren typischen Geschmack verleihen: v.a. die sogenannten Gingerole und Shogaole. Des Weiteren enthält Ingwer Borneol und Cineol, zudem Vitamin C, Magnesium, Eisen, Calcium, Kalium, Natrium und Phosphor [851].

Ingwer ist in Pulverform als Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel erhältlich. Im Gegensatz zu Nahrungsergänzungsmitteln unterliegen Arzneimittel strengen Auflagen einer standardisierten Produktion. In klinischen Studien vorwiegend untersucht wurde die pulverisierte getrocknete Droge. Drogen-Extrakt-Verhältnisse finden sich nur in einigen der klinischen Studien, nicht aber bei den auf dem Markt befindlichen Angeboten. Ingwerwurzelpulver ist in zahlreichen europäischen Ländern als Medikament der Kategorie „medizinisch allgemein anerkannt“ („well-established use“) gegen Reiseübelkeit zugelassen oder auf der Basis der traditionellen Verwendung  („traditional use“) gegen leichte gastrointestinale Beschwerden registriert [852][851][853].

In allen Studien wurden den Patienten standardmäßig Antiemetika gegeben (Ondansetron, Dexamethason, Metoclopramid etc.). In 5 Einzelstudien [840][842][850][845][841], sowie in einer Studie [854] aus SRs ([838], [839]) bekamen ein Teil oder alle Patienten zusätzlich das Medikament Aprepitant, welches einen teilweise identischen Wirkmechanismus hat wie Ingwer. Für mögliche Wechselwirkungen siehe den Abschnitt Neben- und Wechselwirkungen.

In der Aktualisierung 2022 wurden 3 neue randomisiert kontrollierte Studien gefunden, welche als primären Endpunkt Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen betrachteten [848][849][850]. Unterschiedlich waren jedoch die eingeschlossenen Krebspatienten und die Art der Chemotherapie

Allgemein anzumerken ist, dass Behandler die Dosierung daran orientieren sollen, wie der Patient davon profitiert. Zudem ist aufgrund der Studienlage die Einnahme von Extrakten (z.B. Pulver) statt Tee zu bevorzugen.

Mortalität (zu Statement 7.67)

Im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie von Shokri et al. (2017) wurde der Effekt von Ingwer bei Patientinnen mit histologisch nachgewiesenem Ovarialkarzinom (Stadium I – III) untersucht [837]. Studienteilnehmerinnen erhielten nach der Durchführung einer zytoreduktiven Chirurgie und parallel zu einer platin-basierten Chemotherapie über einen Zeitraum von sechs Zyklen täglich entweder 2 g Ingwer in Tablettenform (n = 20) oder ein Placebopräparat (n = 29). Zwischen den Gruppen wurden über einen Zeitraum von einem Jahr die Sterblichkeit, der Serumspiegel des Tumormarkers CA125, Nebenwirkungen, sowie mittels Radiologie: Metastasen oder das Wiederauftreten der Krankheit gemessen. Zudem wurde nach einem Jahr das krankheitsfreie Überleben dokumentiert. In der mit Ingwer behandelten Gruppe traten sechs Monate nach der Behandlung signifikant weniger Metastasen im Vergleich zur Kontrollgruppe auf (p = 0.04). Die mittlere krankheitsfreie Überlebensrate nach einem Jahr zeigte keine Unterschiede zwischen der Behandlungs- und Kontrollgruppe (11.85 ± 0,49 Monate vs 11,72 ± 0,84 Monate; p = 0.55). Die Ergebnisse dieser Studie sind, unter anderem aufgrund der niedrigen Teilnehmerzahlen, als fraglich einzustufen. Zudem weißt die Studie ein hohes Biasrisiko auf. In der Publikation der Studie waren keine Zielparameter definiert.

Morbidität: CINV (zu Empfehlung 7.68)

Ingwer kann zusätzlich zur leitliniengerechten Antiemese in der Therapie von zytostatikainduzierter Übelkeit/Erbrechen eingesetzt werden. Die Tagesdosis sollte 1g nicht übersteigen und in Tablettenform oder als Pulver verabreicht werden (nicht als Tee, da dieser ein Brennen im Hals auslösen würde).

Die Datenlage, ob Chemotherapie-induzierte Übelkeit/Erbrechen (CINV) additiv mit Ingwer behandelt werden kann, ist qualitativ sehr unterschiedlich und widersprüchlich.

Zwei Systematische Übersichtsarbeiten von 2013 untersuchten acht ältere RCTs mit ca. 1000 Patienten. Das Ergebnis lautet bei beiden Arbeiten, dass die Einnahme von Ingwer keine besseren Ergebnisse zur Linderung der CINV als ein Placebo bzw. Usual Care (UC) erzielte. Eine Subgruppe Patienten, welche mehrheitlich mit niedrig- und moderat emetogener Chemotherapie behandelt worden waren, erlitten bei höherer Ingwerdosierung und in Kombination mit Aprepitant stärker ausgeprägte, verzögerte Übelkeitsepisoden.

Von den unten beschriebenen, späteren neun RCTs sind nur zwei von guter methodischer Qualität. Bezüglich der Fragestellung Inzidenz und Stärke der CINV waren drei Studien nicht signifikant, zwei RCTs hatten in Subgruppen signifikante Daten und vier Studien fanden signifikante Ergebnisse. Drei der Studien untersuchten Lebensqualität und Fatigue unter CINV, bei zwei Studien waren die Ergebnisse für zusätzliche Ingwereinnahme den Kontrollen signifikant überlegen. In einer Studie blieben beide Parameter für diese Fragestellungen nicht signifikant.

Es fanden sich keine Hinweise auf eine Überlegenheit einer bestimmten Entität bezüglich verschiedener Krebsarten.

In einer weiteren Studie profitierten nur die weiblichen Teilnehmer und die Teilnehmer mit Kopf-Hals-Tumoren. Bei Männern und den Teilnehmern mit Lungen-Karzinom verstärkte die Einnahme von Ingwer hingegen die CINV. Es gibt Hinweise, dass höhere Ingwerdosen weniger wirksam sind oder vorhandene Symptome verstärken. Die Mehrzahl der Chemoregimes war moderat bis hochemetogen, in den meisten der jüngeren Studien wurden u.a. NK-1 Rezeptor Antagonisten als Standard-Antiemetikum verabreicht. Eine Studie zeigte in einer Subanalyse, dass Ingwer evtl. mit den NK-1 Rezeptoren interagiert. Die Tagesdosis von 1 g sollte daher nicht überschritten werden. Einnahmebeginn und –ende der Antiemese bzw. des Ingwers/Placebos lagen in den Studien z.T. weit auseinander. Aus den divergenten Ergebnissen der einzelnen Studien lassen sich keine Schlussfolgerungen ziehen, ob die zusätzliche Einnahme von Ingwer bei einem bestimmten Chemoregime oder mit bzw. ohne zusätzliche Gabe von NK-1 Rezeptor Antagonisten positive Auswirkungen auf die CINV haben können.

Review-Ergebnisse im Einzelnen:

Aus dem Jahr 2013 liegt eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Lee und Oh (2013) [838] mit fünf RCTs und eine systematische Übersichtsarbeit von Marx et al. (2013) [839] mit sieben RCTs vor. Die Übersichtsarbeiten verglichen die Behandlung mit Ingwer bzw. Ingwer + Antiemetika mit der Gabe von Placebo oder UC zur Linderung der Symptome der CINV. Die Studien der beiden Arbeiten sind größtenteils redundant und wurden zwischen 1986-2012 publiziert. Die Gesamtpatientenzahl dieser Übersichtsarbeiten beläuft sich auf ca. 1000. Beide Autoren werteten die Qualität der Studien als hoch, allerdings gelten die genutzten Bewertungstools heute als veraltet und ungenau. Lee und Oh (2013) konnten vier Studien in die Metaanalyse aufnehmen: Es zeigte sich keine antiemetische Wirkung von Ingwer (jedweder Dosis) im Vergleich zur Kontrolle [838].

Marx et al. (2013) [839] hat keine Analyse über die RCTs gerechnet, kommt jedoch zu ähnlichen Ergebnissen wie Lee and Oh (2013). Zwei der von den Autoren eingeschlossenen RCTs blieben ohne signifikante Ergebnisse, drei RCTs zeigten kleine Effekte bei akuter Übelkeit und 2 RCTs zeigten Ingwer gleichauf mit Metoclopramide. Ergebnisse einer RCT mit Kindern zeigen, dass 1 bzw. 2 g Ingwer/Tag die Stärke von akuter oder verzögerter CINV reduzieren konnte. 1 RCT zeigte, dass jede weitere Ingwerdosis nur eine akute CINV gelindert hatte. Lee und Oh (2013) [838] und Marx et al. (2013) [839] fassten das negative Ergebnis der RCTs zusammen, in dem sich bei hauptsächlich niedrig- bzw. moderat emetogener Chemotherapie gezeigt hatte, dass 2 g Ingwer pro Tag im Vergleich zu 1 g oder Placebo stärker ausgeprägte, verzögerte Übelkeit hervorgerufen hatte (p = 0,03). In der Subgruppe der Patienten, die Aprepitant eingenommen hatte, verstärkte sich die verzögerte Übelkeit sowohl bei 1 g und 2 g/Tag (p = 0,01). In 1 RCT ohne Angabe über das Chemoregime war die höhere Ingwer-Tagesdosis (1,5 g) weniger effektiv als die niedrigere (0,5 bzw. 1 g). Die Autoren vermuten a) ein erhöhtes Tempo der Magenentleerung durch Ingwer und/oder b) ein Interagieren von Ingwer mit denselben Rezeptoren der Antiemetika als mögliche Erklärung. In Tierversuchen hatte sich gezeigt, dass Gingerole und Shoagoals an 5-HT3 und Substanz P-Rezeptoren binden können (s.u.). 

Nach 2012 wurden neun weitere RCTs veröffentlicht, in denen Ingwer (+ Antiemetika) gegen Placebo oder Treatment as Usaul (TAU) getestet wurde. 2 RCTs stammen aus Europa bzw. Australien: Bossi et al. (2017) [843], Marx et al. (2017) [845]; zwei aus Thailand: Thamlikitkul et al. (2017) [847], Konmun et al. (2017) [844]; ein RCT wurde in der Türkei durchgeführt: Arslan und Ozdemir (2015) [842] und 4 RCTs im Iran: Shokri et al. (2016) [837], Sanaati et al. (2016) [841], Ansari et al. (2016) [840], Raei et al. (2013) [846]. Nur zwei der Studien haben ein geringeres Biasrisiko (Marx et al., 2017 [845] bzw. Thamlikitkul et al., 2017 [847]). Die restlichen 7 RCTs weisen erhebliche methodische Mängel und Unklarheiten auf.

Zielparameter war bei allen Studien die Frequenz und/oder Stärke der CINV-Episoden, akut und/oder verzögert und/oder antizipatorisch. Als Hauptzielparameter wurde dies in den thailändischen Studien und der italienischen Studie beschrieben. Bei der Studie von Marx et al. (2017) war dies ein Sekundärer Parameter [845]. In den Studien aus dem Iran wurden keine Zielparameter festgelegt. Geht man allerdings nach den Registereinträgen, in denen die iranischen Studien registriert worden waren, war die Frequenz und/oder Stärke der CINV-Episoden ebenfalls immer Haupt-Outcome. Die türkische Studie, die ebenfalls keine Zielparameter nennt, ist nicht registriert, untersucht jedoch nur dieses eine Outcome. Die Tagesdosierungen von Ingwer in diesen Studien reichten von 20 mg bis 2 g. Drei Studien beschreiben eine standardisierte Herstellung der Studienmedikation: Marx et al. (2017) [845], Bossi et al. (2017) [843] und Konmun et al. (2017) [844]. Ingwer wurde in allen Studien in Kapseln verabreicht, bei Konmun et al. (2017) [844] als Flüssigextrakt, sonst in Pulverform. Die Anwendungsdauer lag zwischen 5 Tage vor Chemotherapiebeginn bis 4-5 Tage danach und ging über die Dauer mehrerer Zyklen. Das längste Follow-Up dauerte 12 Monate.

Vier Studien wurden mit Brustkrebspatientinnen durchgeführt: Thamlikitkul et al. (2017) [847], Sanaati et al. (2016) [841], Ansari et al. (2016) [840] und Arslan und Ozdemir (2015) [842]. Eine weitere Studie beschreibt die Anwendung von Ingwer bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom: Shokri et al. (2016) [837]. Die restlichen RCTs führten Teilnehmer verschiedener Krebsentitäten. Die Chemotherapie-Regimes waren in der Mehrzahl moderat- bis hochemetogen. Die Ergebnisse lassen trotz erheblicher Divergenz eventuell eine Tendenz erkennen, dass Ingwer zusätzlich zur Standard-Antiemese für Patienten unter hochemetogener Chemotherapie von größerem Nutzen sein könnte als unter moderat emetogener Therapie.

In vier der acht älteren und in fünf der neun jüngeren RCTs wurden hochemetogene Chemotherapien eingesetzt. In fünf dieser Studien war Ingwer der Kontrolle überlegen. In vier der Studien zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede, der Anteil der Patienten mit hochemetogener Therapie lag bei zwei dieser Studien bei unter 20%. Zwei weitere Studien zeigten in Subanalysen positive Ergebnisse.

Drei der älteren und vier der jüngeren Studien (zwei von ihnen schlossen über 80% der Probanden ein) therapierten mit moderat emetogenen Chemotherapien: In einer Studie war Ingwer der Kontrolle überlegen. In den zwei Studien mit überwiegend moderat emetogener Chemotherapie und in zwei weiteren Studien fand sich keine Überlegenheit von Ingwer, in zwei weiteren Studien nur in den Subgruppen. In zwei Studien, welche von positiven Ergebnissen durch die Ingwergabe berichten, gab es keine Angaben über das Chemoregime.

NK-1 Rezeptor Antagonisten als Antiemetikum waren in einem älteren und sechs der neun jüngeren RCTs verordnet. Vier der Studien beinhalteten hochemetogene Chemotherapien: In zwei dieser Studien und in Subgruppen der zwei anderen zeigte sich Ingwer überlegen. Zwei weitere Studien ohne signifikantes Ergebnis hatten in der Mehrzahl moderat emetogene, i.e. in weniger als 20% hochemetogene Chemoregimes. Eine Studie mit Ingwer positivem Ergebnis beinhaltet keine Angaben zum Chemoregime. Lediglich die ältere Studie führte zur Einnahme bzw. Nichteinnahme von Aprepitant eine Subanalyse durch (s.o.), so dass weitere Schlussfolgerungen nicht möglich sind.

Die Studienergebnisse im Einzelnen:

Fünf RCTs fanden beim Vergleich Ingwer (Tagesdosis zwischen 160 mg und 2 g) vs. Placebo/UC keine signifikanten Ergebnisse für eine Verbesserung der Symptomatik der CINV: Marx et al. (2017) [845], Thamlikitkul et al. (2017) [847], Shokri et al. (2016) [837], Bossi et al. (2017) [843] und Ansari et al. (2016) [840]. Die Tagesdosis variierte zwischen 160 mg und 2g. Die Zeitspanne der Anwendung lag zwischen Tag 1 oder Tag 2 der Chemotherapie bis Tag 4 oder 5 nach der Chemotherapie oder bis nach Abschluss aller Chemotherapien.

In sechs RCTs wurde eine signifikante Reduktion der Frequenz und/oder Stärke der CINV Symptomatik gegen Placebo/UC gemessen: Konmun et al. (2017) [844], Sanaati et al. (2016) [841], Arslan und Ozdemir (2015) [842], Raei et al. (2013) [846], Bossi et al. (2017) [843] und Ansari et al. (2016) [840]. Die Tagesdosis lag zwischen 20 mg und 1g. Die Anwendung begann zwischen 3 Tage vor oder direkt vor Chemotherapiebeginn und dauerte entweder über die Tage der Chemotherapie hinweg an oder bis zum Ende aller Chemotherapiezyklen.

Konmun et al. (2017) gaben 6-Gingerol (20 mg/Tag in Form eines standardisierten Ingwerextrakts) + Antiemetika drei Tage vor Chemotherapiebeginn bis zum Ende der Chemotherapie nach 12 Wochen [844]. Erfasst wurde die Rate der Patienten, die frei von CINV blieben. Über alle Zyklen hatte die Ingwergruppe gegenüber Placebo signifikant weniger Episoden (77% vs. 32%; p < 0.001), eine Veränderung der akuten CINV (88% vs. 58%; p = 0.003) und der verzögerten CINV (77% vs. 32%; p < 0.001). Die Messungen des 1. Zyklus ergaben keine Überlegenheit der akuten CINV-Symptomen, wohl aber der verzögert auftretenden. Die Messung der CINV-Intensität zeigte über die 3 Zyklen hinweg signifikant weniger heftige Episoden in der Verumgruppe.

Sanaati et al. (2016) verglichen 1g Ingwer + Antiemetika gegen UC. Die Einnahme begann 5 Tage vor der Chemotherapie und dauerte bis 5 Tage danach [841]. Die Anzahl der Episoden mit Übelkeit und der mit Erbrechen war in der Ingwergruppe signifikant geringer.

Arslan und Ozdemir (2015) verglich 500mg Ingwer + Antiemetika gegen UC. Der Beginn erfolgte je Zyklus kurz vor Chemobeginn über 3 Tage. Ab dem 2. Tag hatte die Ingwergruppe signifikant weniger CINV Episoden, diese waren auch weniger stark ausgeprägt [842].

Raei et al. (2013) verglich Ingwer + Antiemetika mit Placebo [846]. 250mg wurden vor Chemotherapiebeginn und 250mg sechs Stunden nach Chemotherapieende eingenommen. Nach drei und nach 24 Stunden zeigten sich in der jeweiligen Ingwergruppe eine signifikant schwächer ausgeprägte Übelkeit.  

Bossi et al. (2017) testete hyperkritischen CO2-Ingwerextrakt (160mg/Tag, entsprechen 64 mg Gingerol täglich) und fand in seiner Studie mit 49% Lungen- und 35% Kopf-Hals-Tumorpatienten in der Subgruppe der Frauen einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen bei der Inzidenz von CINV zugunsten von Ingwer (OR -7.31; 95%KI -14.56, -0.06; p = 0.048) [843] . Ebenfalls konnten die Patienten mit Kopf-Hals-Tumor von zusätzlich eingenommenem Ingwer profitieren (OR -7.43; 95%KI -14.42, -0.43; p = 0.038). Bei der Subgruppe der Männer trat unter Ingwer signifikant häufiger verzögertes CINV auf (OR 2.74, 95%KI 1.28, 5,85; p < 0.05). Gleiches zeigte sich bei den Lungenkarzinompatienten (OR 2.67 95%KI 1.03, 6.87; p = 0.042). Auch das Auftreten von CINV zwischen den Zyklen war bei den Männern und Lungenkarzinompatienten in der Ingwergruppe jeweils signifikant höher als in der Placebogruppe.

Ansari et al. (2016) untersuchte die Subgruppe der Frauen, welche mit dem Chemoregime Doxorubicin 60mg/m2+ Cyclo-Phosphamid 600mg/m2 behandelt worden waren [840]. Teilnehmer dieser Gruppe profitierten von zusätzlichem Ingwer und litten signifikant weniger unter Erbrechen als Teilnehmer der Placebogruppe.

In der Studie von Uthaipaisanwong et al. (2020) wurden 48 Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen zufällig in zwei Gruppen randomisiert [849]. Die Interventionsgruppe (IG) erhielt vom ersten bis zum fünften Tag der Carboplatin- und Paclitaxel-Chemotherapie viermal täglich eine Kapsel mit 500mg Ingwerpulver und die Vergleichsgruppe erhielt ein Placebo (PG). Beide Gruppen erhielten zusätzlich Standardmedikamente gegen Übelkeit/Erbrechen (vor Chemotherapie und 5 Tage zuhause: Dexamethason, Ondansetron, Ranitidin; bei Bedarf Dimenhydrinat). Für den nächsten Chemotherapie-Zyklus wurden die Gruppen getauscht (Wash-Out 16 Tage). Die Einnahme von Ingwer hat im Vergleich zu Placebo zu einer Abnahme der Schwere der akuten Übelkeit nach Chemotherapie geführt (1. Tag, MW 0.96 vs. 1.49, NRS Skala 0-10). Es wurden keine Unterschiede für Tag 2-5 gefunden (verzögerte Übelkeit). In Bezug auf Häufigkeit von Erbrechen und Grad der Übelkeit zeigten sich zu keinem Zeitpunkt Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Studie zeichnet sich durch eine übersichtliche und verständliche Darstellung der Ergebnisse aus. Fehlende Effekte könnten durch ein allgemein geringes Auftreten von Erbrechen und Übelkeit beeinflusst worden sein (Baseline: nur etwa die Hälfte hatte Symptome, zum Ende der Studie: mind. ein Drittel zu jedem Zeitpunkt bei Grad 0 Übelkeit und Häufigkeit Erbrechen höchstens 23%). Zusätzlich haben die Autoren keinen Vergleich der Baseline-Charakteristika durchgeführt und diese auch nicht getrennt nach Gruppen angegeben, sodass die Vergleichbarkeit zu Beginn unklar ist.

In der Studie von Li et al. (2018) wurden 146 Lungenkrebspatienten unter Cisplatin-basierter Chemotherapie in zwei Gruppen randomisiert [850]. Die Interventionsgruppe (IG, n=73) erhielt ab Beginn der Chemotherapie für 5 Tage zweimal täglich eine Kapsel mit 250mg Ingwerpulver, die Vergleichsgruppe erhielt ein Placebo (PG, n=73). Zusätzlich bekamen beide Gruppen Standardmedikamente gegen Übelkeit/Erbrechen (alle Ondansetron und Dexamethasone, 65.7% (n=92) Aprepitant). Ausgewertet wurden 140 Patienten (Gründe: mangelnde Compliance, kein sign. Unterschied zwischen Anzahl Drop-Out, p=0.677). Die Einnahme von Ingwer hat im Vergleich zu Placebo zu keiner Verbesserung der Inzidenz von akuter Übelkeit/Erbrechen (Übelkeit IG vs. PG: 69.0% vs. 56.5%; p=0.174; Erbrechen IG vs. PG: 8.5% vs. 15.9%; p=0.309), verzögerter Übelkeit/Erbrechen (Übelkeit IG vs. PG: 60,6% vs. 72,5%; p=0.214; Erbrechen IG vs. PG: 22,5% vs. 26,1%; p=0.813) oder der Lebensqualität (IG vs.PG (MW±SD): 72.79 ± 14.00 vs. 72.45 ± 13.93; p=0.884) geführt. Auch bezüglich den mittleren Übelkeitswerten und der Häufigkeit des Erbrechens konnten weder akut noch verzögert Unterschiede gefunden werden (akut: p=0.246; p=0.256; verzögert: p=0.347, p=0.71). Anzumerken ist, dass die Teilnehmer ihre Gruppenzugehörigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig einschätzten (p=0.01), was die Ergebnisse beeinflussen könnte (Gründe: Geschmack und Wirkung des Ingwers). Die Nebenwirkungen von Ingwer wurden nicht systematisch erhoben. Insgesamt zeichnet sich die Studie jedoch durch eine übersichtliche und verständliche Darstellung der Ergebnisse aus.

In der Studie von Kadhim et al. (2021) wurden 60 Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen unter Chemotherapie/gemischter Therapie (Chemo-, Radiotherapie und Operation) gleichmäßig in zwei Gruppen randomisiert [848]. Die Interventionsgruppe (IG) erhielt für die ersten fünf Tage der Chemotherapie Ingwertee (1.5g) und Standardmedikamente gegen Übelkeit/Erbrechen, die Vergleichsgruppe (KG) nur die Standardmedikamente gegen Übelkeit/Erbrechen. Es werden keine Informationen geben, woraus die antiemetische Standardtherapie besteht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einnahme des Ingwertees den Schweregrad der akuten und verzögerten Übelkeit in der Gruppe verringerte (p=0.0001, p=0.0001), wodurch ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen für den Schweregrad akuter und verzögerter Übelkeit gefunden wurde (p=0.007, p=0.013). Bezüglich Häufigkeit von Übelkeit zeigte sich eine Verringerung in der IG für akute und verzögerte Symptome (p=0.002, p=0.016), jedoch ohne signifikanten Unterschied zur Vergleichsgruppe (p=0.182, p=0.112). Bei der Häufigkeit von akutem oder verzögertem Erbrechen fand sich kein Gruppenunterschied (p=0.798, p=0.779). Die Interpretation der Ergebnisse wird deutlich erschwert, da nicht klar beschrieben wird, wann genau die Erhebungen für akute oder verzögerte Symptome stattfanden. Alle Patienten befanden sich mindestens im 2. Zyklus ihrer Chemotherapie, dies erklärt, warum Patienten schon zum „Pretest“ Symptome für Übelkeit und Erbrechen hatten. Die Patienten in der IG nahmen dann die ersten 5 Tage der Chemotherapie den Tee und die Erhebung fand über 5 Tage Postchemotherapie mit dem Fragebogen statt. Schlussfolgernd wäre zu vermuten, dass sich die Auswertung auf diese 5 Tage bezieht. Offen bleibt hierbei, wann genau die Baselinewerte erhoben wurden und inwiefern diese 5 Tage in akute und verspätete Symptome eingeteilt wurden. Wobei die Bezeichnung der Autoren einer Prä-Post Erhebung dann fehlleitend wäre, da die akuten Symptome ja noch während der Einnahme des Ingwertees hätten auftreten müssen. Des Weiteren war das Design der Studie offen, insbesondere bei der Selbstbeurteilung des Schweregrades von Übelkeit kann eine Verzerrung durch das Wissen der Gruppenzugehörigkeit nicht ausgeschlossen werden. Die Randomisierung wurde durch eine Einteilung an „wechselnden Tagen“ realisiert, hier kann eine Verzerrung ebenfalls nicht ausgeschlossen werden, da dies nicht völlig zufällig ist. Es gibt keine Angaben, ob die Patienten Anweisungen zur Zubereitung des Tees bekommen haben, da diese die Menge an konsumierten Gingerol beeinflussen könnte. Aufgrund der methodischen im Studiendesign sollten die Ergebnisse unter Vorbehalt interpretiert werden.

Weitere Zielparameter (zu Statement 7.67)

Weitere Zielparameter dieser oben beschriebenen neun RCTs waren u.a. Lebensqualität und Fatigue. Bei Marx et al. (2017) war die CINV-bezogene Lebensqualität primärer Outcome, krebsbezogene Lebensqualität war sekundärer Parameter [845]. Der CINV-bezogene Lebensstilparameter zeigte sich nur in Zyklus 1 im Gesamtscore und in Bezug auf Übelkeit im Vergleich der Ingwergruppe vs. Placebo signifikant. Bei der krebsbezogenen Lebensqualität war Ingwer in Zyklus 1 und 3 überlegen.

Bossi et al. (2017) untersuchte ebenfalls CINV-bezogene Lebensqualität, ohne signifikante Werte [843].

Auch Konmun et al. (2017) fragte nach krebsbezogener Lebensqualität [844]. Sowohl der Gesamtscore als auch die Subscores waren in der Ingwergruppe denen der Placebogruppe signifikant überlegen.

Fatigue war bei Marx et al. (2017) [845] und Bossi et al. (2017) [843] Sekundärparameter. Bei Marx et al. (2017) verbesserte sich Fatigue in Zyklus 1 und 3 in der Ingwergruppe vs. Placebo signifikant. Bei Bossi et al. (2017) gab es keine signifikanten Gruppenunterschiede. Bei Konmun et al. (2017) wurde Fatigue im Rahmen der Unerwünschten Ereignisse erfasst und trat in der Ingwergruppe im Vergleich zu Placebo signifikant seltener auf (2% vs. 20%; p 0.020) [844].

Den Ernährungszustand untersuchte ohne signifikante Ergebnisse Marx et al. (2017) [845]. Den Appetit erfasste Konmun et al. (2017) [844], dieser war in der Ingwergruppe zu allen Messzeitpunkten signifikant besser als in der Placebogruppe.

In einer methodisch zweifelhaften Studie aus Malaysia wurde Ingwer als Aromatherapie inhaliert und die Wirkung auf CINV und Lebensqualität bei Frauen mit Brustkrebs untersucht [855][856]. Die Teilnehmer hingen sich einen Tag vor Chemotherapiebeginn einen (offenen) Glasflakon um den Hals, welcher mit Ingweröl oder Placebo gefüllt war. Der Anhänger wurde 5 Tage und Nächte getragen und mindestens 3x am Tag direkt unter die Nase gehalten. Die Studie ergab eine Wirksamkeit (VAS 1-11) des Ingweraromas an Tag 1 in Bezug auf die Intensität der akuten Beschwerden (MD−3.97, 95%KI −7.76, −0,17; p = 0.040). Bei der getesteten Lebensqualität zeigte sich an Tag 8 Ingweraroma in der Gesamtbewertung überlegen (MD 4.44, 95%KI 1.13, 7.76; p < 0.001). Auch in den Subskalen (Fatigue, Schmerz, Appetit etc.) erzielte das Ingweraroma signifikant bessere Werte als das Placebo. Die Teilnehmer der Ingwergruppe ernährten sich zudem signifikant besser als die Vergleichsgruppe. Da 93% der Teilnehmer ihre Gruppenzuordnung nicht erkannt hatten, war die Verblindung erfolgreich.

Morbidität: Xerostomie

Eine Studie von schwacher Qualität aus dem Iran untersuchte den Einfluss von Ingwer auf radiotherapie-induzierte Xerostomie [857]. 40 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren unter Radiotherapie erhielten über 2 Wochen 500 mg Ingwer. Der Vergleich zur Placebogruppe ergab bei den Xerostomiespezifischen Symptomen nur bei Unterpunkten, wie Medikamentengebrauch oder Sitz der Prothese eine signifikante Überlegenheit der Ingwergruppe. Bei der Menge der Salivaproduktion zeigte sich Ingwer überlegen.

Wegen der unzureichenden Datenlage kann keine Empfehlung zur zusätzlichen Anwendung von Ingwer zur Linderung von Mundtrockenheit unter Radiotherapie abgegeben werden.

Neben- und Wechselwirkungen

In keiner der zwei oben genannten Übersichtsarbeiten [838][839] und in keiner Studie wurden für die Einnahme von Ingwer schwerwiegende Unerwünschte Ereignisse erkannt. Folgende Nebenwirkung wurden dem Ingwer zugeschrieben: Magen-Darmbeschwerden (Durchfall, Obstipation), Schwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit, Sodbrennen, Ruhelosigkeit, Hautausschlag und Hautrötung. In den Studien, in denen die Ereignisse systematisch erfasst und berichtet wurden, gab es jeweils zwischen der Verum- und Vergleichsgruppe keine Gruppenunterschiede [843][844][838][327][839][847]. In Uthaipaisonwong et al. (2020) gab es keine Unterschiede zwischen Nebenwirkungen wie Durchfall, Verstopfung und Sodbrennen und laut Autoren keine schweren Nebenwirkungen durch die Ingwereinnahme [849].

Eine Übersichtsarbeit von Marx et al. (2015) schließt acht RCTs und zwei kleine Beobachtungsstudien, welche den Einfluss von Ingwer auf die Plättchenaggregation untersuchten, ein [858]. Vier der RCTs und die zwei Beobachtungsstudien zeigten eine Inhibition. Die Dosis und Dauer der Anwendung, die Studienteilnehmer (Gesunde/Kranke) und die methodische Qualität dieser Studien waren allerdings z.T. sehr unterschiedlich.

Im März 2012 wurde von der European Medicines Agency (EMA) der finale Assessment Report zu Ingwer herausgegeben [852]. In dem Report wurden alle verfügbaren in vitro, in vivo und klinischen Daten gesammelt und in Bezug auf Wirksamkeit und Sicherheit begutachtet.

Die Zusammenfassung der nicht-klinischen Daten ergibt, dass Ingwer die Magenentleerung und den Magen-Darm-Transit fördert und eventuell eine Rolle bei der Behandlung und Prävention von Übelkeit und Erbrechen spielt. Dabei werden offenbar 5HT3 –Rezeptoren blockiert, wahrscheinlich sind noch weitere periphere Rezeptoren beteiligt, die bei der glatten Muskelkontraktion im Darmtrakt involviert sind.

Im Abschnitt der klinischen Daten werden im Report drei RCTs zu CINV aus Lee et al. (2013)/Marx et al. (2013) begutachtet. Die Evidenz wird als unzureichend befunden (S. 31). 

In der Zusammenfassung aller klinischen Daten wird konstatiert, dass Mengen von 1−2 g Ingwer in Pulverform die Muskelkontraktionen im Magen verändert und wahrscheinlich die Magenentleerung fördert, was bei Erkrankungen, welche mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen, eine günstige Wirkung haben kann. Basierend auf den im Assessmentreport untersuchten RCTs kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es einen bescheidenen, kurzfristigen Effekt von Ingwer bei postoperativer Übelkeit und Erbrechen, durch Schwangerschaft verursachter Übelkeit und Erbrechen, sowie bei Reisekrankheit zu geben scheint. Die Tagesdosis variierte in den Studien zwischen 1−2 g Ingwerwurzel in Pulverform, die Mehrheit der Zubereitungen war nicht standardisiert hergestellt worden. Die jeweilige Studiendauer variierte zwischen 1 und 5 Tagen (S. 43).

In den allgemeinen Schlussfolgerungen wird noch einmal resümiert, dass schwerwiegende unerwünschte Ereignisse in den relevanten Studien nicht der Einnahme von Ingwer zuzuschreiben waren.

Pharmakokinetik

Es gibt bis heute nur wenige Studien zur Pharmakokinetik von Ingwer bei Menschen. In einer Studie von Yu et al. (2011) wurde den Probanden 2g Ingwerextrakt oral verabreicht [859]. Daraufhin konnte freies 10-Gingerol und 6-Shogaol im Plasma mit Höchstkonzentrationen (9,5 ± 2,2 bzw. 13,6 ± 6,9 ng/ml) 1 Stunde nach der oralen Verabreichung nachgewiesen werden. Jedoch kein freies 6-Gingerol und 8-Gingerol im Plasma von 0,25 bis 24 Stunden. Die pharmakokinetische Analyse zeigte, dass die Halbwertszeiten dieser vier Analyten und ihrer Metaboliten im menschlichen Plasma 1-3 Stunden betragen. Sowohl für 6-, 8- und 10-Gingerol als auch für 6-Shogaol und ihre Metaboliten wurde nach mehrfacher täglicher Verabreichung keine Akkumulation im Plasma und im Dickdarmgewebe beobachtet. Auch Untersuchungen an Tieren zeigen, dass Gingerol rasch wieder aus dem Plasma entfernt wird. Dies geschieht unter anderem durch hepatische Eliminierung (Leber), jedoch trägt auch die Darmflora zur Metabolisierung bei [860]. Gingerol ist zudem ein Substrat mehrerer UDP-Glucuronyltransferasen. Diese gehören zu den primär wichtigen Phase-II-Enzymen und sind relevant in der Metabolisierung einiger Arzneistoffe.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Ingwer wurde von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst, sowie von Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON) und die Aktualisierung von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.19.11 Mistel

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.19.11.1 Übersichtstabelle zu Mistelpräparaten

7.19.11.1.1 abnovaVISCUM®

Tabelle 5: Mistelpräparat abnovaVISCUM

Präparate

abnobaVISCUM®

als flüssige Verdünnungen nach Stärken, D6, D10, D20, D30

abnobaVISCUM®

Injektionslösungen nach Stärken 20 mg/2 mg/0,2 mg/ 0,02 mg

Wirkstoff:

Jeweils Auszug nach Wirtsbaum:

a) & c) Viscum album Fraxini ex herba recente col.

 

Viscum album Abietis ex herba recente col.

Viscum album Aceris ex herba recente col.

Viscum album Amygdali ex herba recente col.

Viscum album Betulae ex herba recente col.

Viscum album Crataegi ex herba recente col.

Viscum album Mali ex herba recente col.

Viscum album Pini ex herba recente col.

Viscum album Quercus ex herba recente col.

a) & c) Auszug aus frischem Eschenmistelkraut (Vicum-Fraxini 2 mit 10cc Glucose 5% Lösung bzw. mit 100 ml normale saline verdünnt)

b) Auszug aus frischem Eichenmistelkraut

 

Folgende weitere Wirkstoffe sind möglich, wurden aber nicht in den unten aufgeführten Studien verwendet:

Auszug aus frischem Tannenmistelkraut

Auszug aus frischem Ahornmistelkraut

Auszug aus frischem Mandelbaummistelkraut

Auszug aus frischem Birkenmistelkraut

Auszug aus frischem Weißdornmistelkraut

Auszug aus frischem Apfelbaummistelkraut

Auszug aus frischem Kiefernmistelkraut

Wirkung

Für abnobaVISCUM Extrakte sind in vitro, im Tierversuch sowie humanpharmakologisch kanzerostatische und immunmodulierende Eigenschaften beschrieben

Indikation

Anwendungsgebiete gemäß der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis. Dazu gehören: bei Erwachsenen: Anregung von Form- und Integrationskräften zur Auflösung und Wiedereingliederung verselbständigter Wachstumsprozesse, z. B.: – bei bösartigen Geschwulstkrankheiten, auch mit begleitenden Störungen der blutbildende Organe – Rezidivprophylaxe nach Geschwulstoperationen – bei definierten Präkanzerosen – bei gutartigen Geschwulstkrankheiten

Dosierung

Soweit nicht anders angegeben, erfolgt die Dosierung stets mit 1 ml der Injektionslösung der angegebenen Stärke bzw. Potenzstufe. Die Behandlung sollte mit der Stärke 0,02 mg (für die Stärken 0,02 mg, 0,2 mg, 2 mg, 20 mg und der Potenzstufe D 6) dreimal wöchentlich begonnen werden. Dann wird die Dosis bis zum Erreichen der optimalen Dosis stufenweise gesteigert.

Die Potenzstufen D 10 bis D 30 sind nach individueller Indikationsstellung anzuwenden. Die optimale Konzentration bzw. Dosis muss individuell ermittelt werden. Hierzu sind nach heutigem Wissensstand folgende Reaktionen zu beachten, die einzeln oder in Kombination auftreten können: a) Änderung des subjektiven Befindens; b) Temperaturreaktion; c) Immunologische Reaktion; d) Lokale Entzündungsreaktion

Neben-wirkungen

Eine geringe Steigerung der Körpertemperatur und lokale entzündliche Reaktionen an der subkutanen Injektionsstelle treten zu Beginn der Therapie fast regelmäßig auf und sind Zeichen der Reaktionslage des Patienten. Ebenso unbedenklich sind vorübergehende leichte Schwellungen regionaler Lymphknoten. Bei Fieber über 38 °C (evtl. mit Abgeschlagenheit, Frösteln, allg. Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen und kurzzeitigen Schwindelgefühlen) oder bei größeren örtlichen Reaktionen über 5 cm Durchmesser sollte die nächste Injektion erst nach Abklingen dieser Symptome und in reduzierter Konzentration bzw. Dosis gegeben werden. Das durch abnobaVISCUM-Injektion hervorgerufene Fieber soll nicht durch fiebersenkende Arzneimittel unterdrückt werden. Bei länger als 3 Tage anhaltendem Fieber ist an einen infektiösen Prozess oder Tumorfieber zu denken. Es können lokalisierte oder systemische allergische oder allergoide Reaktionen auftreten (gewöhnlich in Form von generalisiertem Juckreiz, Urtikaria oder Exanthem, mitunter auch mit Quincke-Ödem, Schüttelfrost, Atemnot, und Bronchospastik, vereinzelt mit Schock oder als Erythema exsudativum multiforme), die das Absetzen des Präparates und die Einleitung einer ärztlichen Therapie erfordern. Eine Aktivierung vorbestehender Entzündungen sowie entzündliche Reizerscheinungen oberflächlicher Venen im Injektionsbereich sind möglich. Auch hier ist eine vorübergehende Therapiepause bis zum Abklingen der Entzündungsreaktion erforderlich. Es wurde über das Auftreten chronisch granulomatöser Entzündungen (Sarkoidose, Erythema nodosum) und von Autoimmunerkrankungen (Dermatomyositis) während einer Misteltherapie berichtet. Auch über Symptome einer Hirndruckerhöhung bei Hirntumoren/-metastasen während einer Misteltherapie wurde berichtet.

Wechsel-wirkungen

Es konnte keine eindeutige Induktion sowie keine bzw. nur eine geringfügige Inhibition für die getesteten Konzentrationen beobachtet werden. Es sind deshalb keine Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln zu erwarten.

Zu Interaktionen mit anderen immunmodulierenden Substanzen (z. B. Thymusextrakten) liegen keine Untersuchungen vor.

Studien

 

Insgesamt 3 Studien/ Veröffentlichungen

 

a)       R. Gaafar, A. Rahman M. Abdel Rahman, F. Aboulkasem, A. El Bastawisy (2014): Mistletoe preparation (Viscum Fraxini-2) as palliative treatment for malignant pleural effusion: a feasibility study with comparison to bleomycin, In: Ecancermedicalscience, Patienten: 23 Patienten mit symptomatisch rezidivierendem malignem Pleuraerguss unterschiedlicher Primäre, (IG: 13 und KG: 10)

Endpunkte und Ergebnisse:

  1. klinisches Ansprechen (kein Wiederauftreten des Ergusses bei klinischer und radiologischer Nachuntersuchung) - IG: Erfolgreiche Behandlung: n = 8 (61.5 %), erfolglose Behandlung n = 2 (15.4 %), KG: Erfolgreiche Behandlung: n = 4 (30 %), erfolglose Behandlung n = 4 (40 %); Vergleich: ns. (p = 0.21; KI = (-0.12, 0.63))
  2. Sicherheit (Unerwünschte Ereignisse, Nebenwirkungen) - Grad nach CTCAE KG: Grad 1 NW (Fieber, Schüttelfrost, Kopfweh, Unwohlsein), 2 allergische Reaktionen (keine Hospitalisierung notwendig), IG: Grad 1 NW (Fieber und Brustschmerzen)

 

b)      K.C. Kim, J.H. Yook, J. Eisenbraun, B.S. Kim, R. Huber (2012): Quality of life, immunomodulation and safety of adjuvant mistletoe treatment in patients with gastric carcinoma - a randomized, controlled pilot study, In: BMC Complementary & Alternative Medicine, Patienten: 32 operierte Patienten mit Magenkrebs (Stage Ib oder II) (IG: 16, KG: 16)

Endpunkte und Ergebnisse:

  1. Lebensqualität - EORTC-QLQ-C30:

Globaler Gesundheitszustand IG > KG: p < 0.01;

Keine signifikanten Unterschiede für: Funktionsskalen (Körperliche Leistung, Berufliche Leistung, Emotionalität, Kognitive Leistung, Soziales Eingebundensein) und Symptomskalen Fatigue, Übelkeit und Erbrechen, Schmerzen, Dyspnoe, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Obstipation, Diarrhö, Finanz. Schwierigkeiten); QLQ-STO22 (Dysphagie, Schmerzen, Reflux Symptom, Essrestriktion, Angst, Mundtrockenheit, Geschmack, Körperbild, Haarausfall)

  1. Sicherheit (unerwünschte Ereignisse):

Anzahl NW: IG: 92, KG: 96 ns. (schwach bis moderat)

Anzahl Diarrhö in %, 26 der 92 NW wahrscheinlich durch Mistel (80%, n = 21 durch Injektion: lokaler Schmerz, Juckreiz, Hautausschlag oder urticaria);

Rest: Brustschmerz (n = 1), Myalgie (n = 1), Schwindel (n = 1), Diarrhö (n = 1)): IG: 6.7%, KG: 50%, p = 0.014 (nur schwach)

 

c)       R.M. El-Kolaly, M. Abo-Elnasr, D. El-Guindy (2016): Outcome of pleurodesis using different agents in management of malignant pleural effusion, In: Egyptian Journal of Chest Diseases and Tuberculosis, Patienten: 45 Patienten mit rezidivierden malignen Pleuraerguss (Povidone–iodine- Gruppe: 15, KG: 15, VrF2-Gruppe: 15)

Endpunkte und Ergebnisse:

  1. Vergleich und Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit von Viscum, Vincristin und Povidon-Iod bei der chemischen Pleurodese bei rezidivierendem malignem Pleuraerguss – Wirksamkeit Pleurodese (3 Level: komplett, partiell, gescheitert): (Anzahl Personen, % Sichprobe)

Komplett: Fraxini-2®-Gruppe: n =11, 73.3%; Vincristine®-Gruppe : n = 8, 53.3%; Povidone–Iodine®-Gruppe : n = 11, 73.3%, p = 0.021

Partiell: Fraxini-2®-Gruppe: n = 2, 13.3%; Vincristine®-Gruppe : n = 3, 20%; Povidone–Iodine®-Gruppe: n = 1, 6.7%, p = 0.157

Gescheitert:Fraxini-2®-Gruppe: n = 2, 13.3%; Vincristine®-Gruppe : n = 4, 26.7%; Povidone–Iodine®-Gruppe: n = 3, 20%, p = 0.223, Toxizität: Therapiekomplikationen und Dauer ICT nach Pleurodesis

2.       Komplikationen (Anzahl Personen, % Sichprobe)

Schmerz: Fraxini-2®-Gruppe: n = 8, 53.33%; Vincristine®-Gruppe: n = 10, 66.67%; Povidone–Iodine®-Gruppe: n = 4, 26.67%, p = 0.206

Fieber: Fraxini-2®-Gruppe: n = 6, 75%; Vincristine®-Gruppe: n = 7, 46.67%; Povidone–Iodine®-Gruppe: n = 2, 13.3%, p = 0.439

Failed expansion: Fraxini-2®-Gruppe: n = 0; Vincristine®-Gruppe : n = 0; Povidone–Iodine®-Gruppe: n = 1, 6.7%

Surgical emphysema: Fraxini-2®-Gruppe: n = 0; Vincristine®-Gruppe : n = 0; Povidone–Iodine®-Gruppe: n = 1, 6.7%

Dauer ICT (Mittelwert (SD), Tage): Fraxini-2®-Gruppe: 5.600 (1.352); Vincristine®-Gruppe: 6.467 (1.187); Povidone–Iodine®-Gruppe: 5.800 (1.373), p = 0.176

  1. NW: s. Ergebnisse von Fraxini-2®-Gruppe zu 2. Endpunkt Therapiekomplikationen, sonst keine weiteren Angaben zu NW
7.19.11.1.2 Helixor®

Tabelle 6: Mistelpräparat Helixor®


Präparat

Helixor® A 0,01 mg, 0,1 mg, 1 mg, 5 mg, 10 mg, 20 mg, 30 mg, 50 mg, 100 mg

Helixor® M 0,01 mg, 0,1 mg, 1 mg, 5 mg, 10 mg, 20 mg, 30 mg, 50 mg, 100 mg

Helixor® P 0,01 mg, 0,1 mg, 1 mg, 5 mg, 10 mg, 20 mg, 30 mg, 50 mg, 100 mg

Wirkstoff

Tannenmistel-Auszug Injektionslösung

Apfelbaummistel-Auszug Injektionslösung

Kiefernmistel-Auszug Injektionslösung

Wirkung

Für Helixor® sind unter Verwendung hoher Dosierungen in vitro geringe bis mittelgradige zytotoxische Effekte, d. h. am stärksten

bei Helixor® P, am wenigsten bei Helixor® M, immunmodulierende und DNA-stabilisierende Eigenschaften (ausschließlich Helixor® A) belegt. Beim Menschen sind ebenfalls immunmodulierende Eigenschaften (überwiegend Anstieg der NK-Zellen unter niedriger bis mittlerer Dosierung) beschrieben. Hinweise zur Verbesserung der Lebensqualität ergeben sich aus einer Studie mit Helixor® A an Patienten in China unter Verwendung eines international anerkannten und für die chinesische Sprache validierten Lebensqualitätsfragebogens (Functional Living IndexCancer (FLIC)) sowie des international gebräuchlichen und validierten Karnofsky Index. Die Studie wurde durch das Institut für Medizinische Biometrie und Informatik der Universität Heidelberg ausgewertet.

Indikation

Gemäß der anthroposophischen Menschen und Naturerkenntnis. Dazu gehören: Bei Erwachsenen: Anregung von Form und Integrationskräften zur Auflösung und Wiedereingliederung verselbständigter Wachstumsprozesse, z. B.: – bei bösartigen Geschwulstkrankheiten auch mit begleitenden Störungen der blutbildenden Organe – bei gutartigen Geschwulstkrankheiten – bei definierten Präkanzerosen – zur Rezidivprophylaxe nach Geschwulstoperationen,

Dosierung

Soweit nicht anders verordnet, wird die Therapie mit einer Ampulle 1 mg Helixor® A, M oder P begonnen. Wenn in seltenen Fällen bereits auf 1 mg Helixor® übermäßige örtliche Reaktionen oder Fieber auftreten, wird die Dosis vorübergehend auf 0,1 mg bzw. 0,01 mg Helixor® reduziert. Bei guter Verträglichkeit wird die Dosis schrittweise bis zum Erreichen der optimalen Dosis gesteigert. Hierfür können Serienpackungen (SE I, evtl. gefolgt von SE II und SE IV) oder Originalpackungen zu 1, 5, 10, 20, 30, 50 und 100 mg Helixor für eine stufenweise Dosissteigerung verwendet werden.

Neben-wirkungen

Eine geringe Steigerung der Körpertemperatur und lokale entzündliche Reaktionen an der subkutanen Injektionsstelle treten zu Beginn der Therapie fast regelmäßig auf und sind Zeichen der Reaktionslage des Patienten. Ebenso unbedenklich sind vorübergehende leichte Schwellungen regionaler Lymphknoten. Bei Fieber über 38 °C (evtl. mit Abgeschlagenheit, Frösteln, allg. Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen und kurzzeitigen Schwindelgefühlen) oder bei größeren örtlichen Reaktionen über 5 cm Durchmesser sollte die nächste Injektion erst nach Abklingen dieser Symptome und in reduzierter Stärke bzw. Dosis gegeben werden. Das durch Helixor®-Injektion hervorgerufene Fieber soll nicht durch fiebersenkende Arzneimittel unterdrückt werden. Bei länger als 3 Tage anhaltendem Fieber ist an einen infektiösen Prozess oder Tumorfieber zu denken. Übermäßige lokale Reaktionen lassen sich durch Anwendung einer geringeren Stärke des Präparates oder auch einer geringeren Menge von Helixor® vermeiden. In diesem Fall wird die Anwendung von 0,1 – 0,5 ml Helixor® mit Hilfe einer skalierten 1 ml Spritze empfohlen. Es können lokalisierte oder systemische allergische oder allergoide Reaktionen auftreten (gewöhnlich in Form von generalisiertem Juckreiz, Urtikaria oder Exanthem, mitunter auch mit Quincke-Ödem, Schüttelfrost, Atemnot und Bronchospastik, vereinzelt mit Schock oder als Erythema exsudativum multiforme), die das Absetzen des Präparates und die Einleitung einer ärztlichen Therapie erfordern. Eine Aktivierung vorbestehender Entzündungen sowie entzündliche Reizerscheinungen oberflächlicher Venen im Injektionsbereich sind möglich. Auch hier ist eine vorübergehende Therapiepause bis zum Abklingen der Entzündungsreaktion erforderlich. Es wurde über das Auftreten chronisch granulomatöser Entzündungen (Sarkoidose, Erythema nodosum) und von Autoimmunerkrankungen (Dermatomyositis) während einer Misteltherapie berichtet. Auch über Symptome einer Hirndruckerhöhung bei Hirntumoren/-metastasen während einer Misteltherapie wurde berichtet.

Wechsel-wirkungen

Zu Interaktionen mit anderen immunmodulierenden Substanzen (z. B. Thymusextrakten) liegen keine Untersuchungen vor. Bei zeitnaher Anwendung entsprechender Präparate ist eine vorsichtige Dosierung und Kontrolle geeigneter Immunparameter empfehlenswert.

Studien

Insgesamt 4 Studien/ Veröffentlichungen

 

F. Pelzer, W. Tröger (2018): Complementary Treatment with Mistletoe Extracts During Chemotherapy: Safety, Neutropenia, Fever, and Quality of Life Assessed in a Randomized Study, In: Journal of alternative and complementary medicine, Patienten: 123 Brustkrebspatienten (stage T1–3N0–2M0) mit durchgemachter OP und adjuvanter Chemotherapie and adjuvant chemotherapy mit 6 Zyklen Cyclophosphamide, Adriamycin und 5-fluorouracil à Einschluss von 95 Patienten (HxA- Gruppe: 34, IMS-Gruppe: 30 à werden zusammen als eine IG (VAE-Gruppe) ausgewertet, KG: 31),

Endpunkte:

  1. Krankheitsfreies Überleben - Rückfall oder Metastasen bei IG 15/56 und KG 8/29; p=0.7637; median DFS konnte aufgrund zu geringer Rückfallrate nicht berechnet werden, Keine Unterschiede zwischen Hormon- oder Radiotherapie
  2. Sicherheit:

Fieber: Maximaltemperatur IG: 38.6°C und KG: 39.7°C, kein Gruppenvergleich durchgeführt,

Neutropenie: 17% IG vs. 27% KG, p=0.178

      3. Unerwünschte Ereignisse - 26 lokale Hautreaktionen (> 5 cm diameter), keine NW nach CTCAE; 1x Neutropenisches Fieber in KG)

  1. Lebensqualität - Signifikante und klinisch relevante Unterschiede in 3 von 15 Items: Rollenfunktion (MD: 14.2; p<0.0001), Schmerz (MD: -13.0; p<0.0001) und Appetitlosigkeit (MD: -8.1; p=0.046)

 

B. K. PIAO, Y. X. WANG, G. R. XIE, U. MANSMANN, H. MATTHES, J. BEUTH, H. S. LIN (2004): Impact of complementary mistletoe extract treatment on quality of life in breast, ovarian and non-small cell lung cancer patients. A prospective randomized controlled clinical trial, In: Anticancer Research, Patienten: 233 Patienten mit Brust-, Eierstock- und nicht kleinzelligen Lungenkarzinom à Einschluss von 224 Patienten (IG: 115, KG: 109),

Endpunkte:

  1. Lebensqualität: FLIC: p=0.0141, KPI: p=0.002
  2. Sicherheit (unerwünschte Ereignisse): TCM-Nebenwirkungsindex Verbesserung durch Mistel vs. Kontrolle: p=0.0007, 1 Pat. Angioedema und Urticaria (Erholung zwei Tage nach Unterbrechung der Studienmedikation)                                  

 

W. Tröger, Z. Ždrale, N. Stanković (2016): Five-Year follow-up of patients with early stage breast cancer after a randomized study with viscum album (L.) extract. [German], In: Deutsche Zeitschrift fur Onkologie, Patienten: 95 Patientinnen mit Brustkrebs in den Tumorstadien I – III (T1–3N0–2M0), à Einschluss von 65 Patientinnen (IG: 34, KG: 31)

Endpunkte:

  1. Metastasen und Rezidive innerhalb der 5-Jahres-Nachbeobachtung von Patientinnen, die ausschließlich während der Zeit ihrer Chemotherapie zusätzlich VaL erhielten - Median (Monaten):

Keine Berechnung, max Rezidiv/Metastasen-wkt. nur 33% DFS-Rate: IG: 9/28 KG: 8/29, p = 0.746

        

W. Tröger, Z. Cdrale, N. Tišma, M. Matijaševic (2014): Additional Therapy with a Mistletoe Product during Adjuvant Chemotherapy of Breast Cancer Patients Improves Quality of Life: An Open Randomized Clinical Pilot Trial, In: Evidence-based complementary and alternative medicine, Patienten: 95 Patientinnen mit Brustkrebs in den Tumorstadien I – III (T1–3N0–2M0) à Einschluss von 65 Patientinnen (IG: 34, KG: 31)

Endpunkte:

  1. Lebensqualität - (Mittelwert Unterschied zur Baseline; IG – KG (Effekt))

Funktionsskalen: IG > KG (Berufliche Leistung: 10.5 (0.6), p < 0.001, Emotionalität: 6.9 (0.5), p < 0.001, Soziales Eingebundensein: 6.2 (0.4), p < 0.05, Kognitive Leistung: 4.8 (0.3), p < 0.01, kein Unterschied für Globaler Gesundheitszustand, Körperliche Leistung

Symptomskalen: IG < KG (Schmerzen: -10.81     (-0.66), p < 0.001, Appetitlosigkeit: -8.3 (-0.41), p < 0.001, Diarrhö: -7.05 (-0.56), p < 0.001, Schlaflosigkeit: -6.01 (-0.34), p < 0.05, Übelkeit und Erbrechen: −5.77 (-0.35), p < 0.001, Obstipation: −4.03 (-0.22), p < 0.05, keine Unterschiede für Fatigue, Dyspnoe, Finanz. Schwierigkeiten

  1. Neutropenie - (Anzahl Fälle): IG: 7 (bei 7 Pat.), KG: 9 (bei 8 Pat.), p = 0.628,
  2. Sicherheit (unerwünschte Ereignisse) - Grad nach CTCAE: 42 Lokale Hautreaktionen (Grad 1: 1; Grad 2: 13, Grad 3: 27), 1 Konjunctivitis (Grad 2)
   
7.19.11.1.3 Lektinol®

Tabelle 7: Mistelpräparat Lektinol®


Präparat

Lektinol® Madaus

Wirkstoff

1 Ampulle mit 0,5 ml Injektionslösung enthält: Wäßrigen Auszug [1 : 1,1 – 1,5] aus unverholzten Mistelzweigen mit Blättern 0,02 – 0,07 mg normiert auf 15 ng aktives Mistellektin, bestimmt als Mistellektin I

Wirkung

Lektinol Madaus ist auf Mistellektin, die pharmakologisch wirksame Komponente im Extrakt, normiert. Pharmakologische Wirkungen von Lektinol Madaus bzw. von Mistellektin in vitro: Lektinol Madaus bzw. Mistellektin bewirkt die Freisetzung von immunmodulierenden Zytokinen, wie z. B. Tumor-Nekrosefaktor-α und Interferon-γ, aus Immunzellen und löst damit eine TH1-Immunantwort aus. Dadurch kann das komplexe Netzwerk des zellulären Immunsystems aktiviert werden, um Krebszellen zu eliminieren. Daneben belegen Untersuchungen, dass Lektinol Madaus bzw. Mistellektin durch Induktion des programmierten Zelltodes (Apoptose) auf menschliche Krebszellen direkt zytotoxisch wirkt. Auch auf zytostatikaresistente (Adriamycin, Vindesin) Tumorzelllinien haben Lektinol Madaus und Mistellektin eine zytotoxische Wirkung.

Indikation

Unterstützend bei allgemeinen Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität bei Brustkrebs während und nach Chemotherapie. Eine lebensverlängernde oder krankheitsaufschiebende Wirkung konnte nicht nachgewiesen werden

Dosierung

Intrakutane Vortestung mit 0,1 ml 1 : 100 verdünntem Lektinol Madaus (Herstellung der Verdünnung: 0,1 ml Lektinol Madaus auf 10 ml physiologischer Natriumchloridlösung) Pro Injektion sollten 0,5 ml (1 Ampulle) gegeben werden. Art und Dauer der Anwendung: Vor Beginn der Behandlung sollte eine Allergie auf Mistelextrakt durch intrakutane Vortestung (siehe Dosierungsanleitung) ausgeschlossen werden. Zur subkutanen Behandlung wird Lektinol Madaus unter die Bauchhaut, in Oberschenkel oder Oberarm injiziert. Empfohlen werden zwei Applikationen pro Woche im Abstand von drei bis vier Tagen (z. B. am Montag und Donnerstag bzw. am Dienstag und Freitag). Die Behandlungsdauer sollte mindestens drei Monate betragen und kann nach Bedarf über Jahre fortgeführt werden. Dabei hat sich folgendes Therapieschema bewährt: Behandlungszyklen von 3 Monaten mit jeweils einem Monat Pause. Eine erneute Vortestung ist bei Fortführung der Therapie nicht notwendig.

Nebenwirkungen

Bei subkutaner Injektion kann sehr häufig eine vorübergehende Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle auftreten; sehr selten können Schüttelfrost, hohes Fieber, Kopfschmerzen, pektanginöse Beschwerden, orthostatische Kreislaufstörungen und allergische Reaktionen auftreten.

Wechselwirkungen

Keine Erkenntnisse

Studien

Insgesamt 2 Studien/ Veröffentlichungen

V.F. SEMIGLAZOV, V.V. STEPULA, A. DUDOV, J. SCHNITKER, U. MENGS (2006): Quality of Life is Improved in Breast Cancer Patients by Standardised Mistletoe Extract PS76A2 during Chemotherapy and Follow-up: A Randomised, Placebo-controlled, Double-blind, Multicentre Clinical Trial, In: Anticancer Research

& Semiglasov VF, Stepula VV, Dudov A, Lehmacher W, Mengs U (2004): The standardised mistletoe extract PS76A2 improves QoL in patients with breast cancer receiving adjuvant CMF chemotherapy: a randomised, placebo-controlled, double-blind, multicenter clinical trial. Anticancer Res 24:1293–1302;

Patienten: 352 Brustkrebspatienten à Einschluss von 337 Patienten (2006: IG: 169, KG: 168),

Endpunkte:

  1. Lebensqualität - GLQ-8: post 15 Wochen und 2 Monate post Chemo: je p < 0.0001, Subskalen: GLQ-5/GLQ-3 post 15 Wochen und 2 Monate post Chemo: je p < 0.05; FACT-G: post 15 Wochen: total, physisch, emotional, funktional je p < 0.0001, 2 Monate post Chemo: physisch, emotional, funktional je p < 0.0001
  2. Hämatologische Wirksamkeitsparameter (Leukozyten, Granulozyten, Lymphozyten, Thrombozyten und Hämoglobin) - kein Unterschied bezüglich weiße Blutkörperchen, aber bei roten (Placebo: 6%, niedrige + mittlere Dosis: 3%, hohe Dosis: 12% Veränderung) und bez. gastrointestinaler Trakt Placebo, niedrige + mittlere Dosis: 9%, hohe Dosis: 15% NW)
  3. Sicherheit (unerwünschtes Ereignis) - Lokale (u.a. Rubor, Prurigo, Induration) oder systemische Reaktionen (u.a. Fieber und grippeähnliche Symptome); Lokale Hautreaktionen je Dosis: niedrige Dosis: 9%; mittlere Dosis:18%; hohe Dosis: 32%, Anzahl Pat. Studienabbruch wegen NW=1
7.19.11.1.4 ISCADOR

Tabelle 8: Mistelpräparat ISCADOR


Präparat

ISCADOR M (Malus = Apfelbaum)

ISCADOR Qu (Quercus = Eiche)

ISCADOR P (Pinus = Kiefer)

ISCADOR U c. Hg (Ulmus = Ulme)

Wirkstoff

fermentierter wässriger Auszug aus Viscum album ssp. Album (Apfelbaummistel), Herba rec. (Pflanze zu Auszug = 1 : 5)

fermentierter wässriger Auszug aus Viscum album ssp. album (Eichenmistel), Herba rec. (Pflanze zu Auszug = 1 : 5)

fermentierter wässriger Auszug aus Viscum album ssp. Austriacum Kiefernmistel), Herba rec. (Pflanze zu Auszug = 1 : 5)

fermentierter wässriger Auszug aus Viscum album ssp. album (Ulmenmistel), Herba rec. (Pflanze zu Auszug = 1 : 5, mit 0,0002 Teilen Hydrargyrum sulfuricum Trit. D4)

Wirkung

Für Iscador-Injektionslösungen sind in vitro und im Tierversuch kanzerostatische sowie in vitro, tierexperimentell und humanpharmakologisch immunmodulierende Eigenschaften beschrieben. In vitro wurde an unterschiedlichen Zellsuspensionen für Iscador, Wirtsbaum M eine Schutzwirkung vor DNASchäden sowie eine Anregung der DNA Reparatur gezeigt. In einer tierexperimentellen Untersuchung an gesunden Mäusen stieg nach Radiatio bzw. Chemotherapie die Zahl der Leukozyten in der mit Iscador, Wirtsbaum M behandelten Gruppe nach 7 – 10 Tagen im Gegensatz zur KG wieder an.

Für Iscador-Injektionslösungen sind in vitro und im Tierversuch kanzerostatische sowie in vitro, tierexperimentell und humanpharmakologisch immunmodulierende Eigenschaften beschrieben. In vitro wurde an unterschiedlichen Zellsuspensionen für Iscador, Wirtsbaum Qu eine Schutzwirkung vor DNA-Schäden sowie eine Anregung der DNA-Reparatur gezeigt.

Für Iscador Injektionslösungen sind in vitro und im Tierversuch kanzerostatische sowie in vitro, tierexperimentell und humanpharmakologisch immunmodulierende Eigenschaften beschrieben. In vitro wurde an unterschiedlichen Zellsuspensionen für Iscador, Wirtsbaum P eine Schutzwirkung vor DNA-Schäden sowie eine Anregung der DNA-Reparatur gezeigt.

Für Iscador-Injektionslösungen sind in vitro und im Tierversuch kanzerostatische sowie in vitro, tierexperimentell und humanpharmakologisch immunmodulierende Eigenschaften beschrieben. Untersuchungen mit Iscador U c. Hg liegen nicht vor.

Indikation

Gemäß der anthroposophischen Menschen und Naturerkenntnis. Dazu gehören: Bei Erwachsenen: Anregung von Form- und Integrationskräften zur Auflösung und Wiedereingliederung verselbständigter Wachstumsprozesse, z. B. – bei bösartigen Geschwulstkrankheiten, auch mit begleitenden Störungen der blutbildenden Organe; – bei gutartigen Geschwulstkrankheiten; – bei definierten Präkanzerosen; – zur Rezidivprophylaxe nach Geschwulstoperationen.

Dosierung

2–3 Mal wöchentlich, wobei sich im ersten Behandlungsjahr ein Injektionsrhythmus von 3 Mal wöchentlich (z.B. Montag, Mittwoch, Freitag) am besten bewährt hat, subcutan (s.c.), vorzugsweise am Morgen resp. Vormittag 19, 33, 42. Die gekühlte Ampulle kurz in der Hand erwärmen. © Iscador AG, 3. Auflage 2017

Nebenwirkungen

Eine Aktivierung vorbestehender Entzündungen ist möglich. Eine vorübergehende Therapiepause bis zum Abklingen der Entzündungsreaktion ist erforderlich. Es können bei der Therapie lokalisierte oder systemische allergische oder allergoide Reaktionen auftreten (gewöhnlich in Form von generalisiertem Juckreiz, Urtikaria oder Exanthem, mitunter auch mit Quincke Ödem, Schüttelfrost, Atemnot und Bronchospastik, vereinzelt mit Schock oder als Erythema exsudativum multiforme), die das Absetzen des Präparates und die Einleitung einer ärztlichen Notfallmaßnahme erfordern. (Firmenbroschüre © Iscador AG, 3. Auflage 2017)

Wechsel-wirkungen

Zu Interaktionen mit anderen immunmodulierenden Substanzen (z. B. Thymusextrakten) liegen keine Untersuchungen vor. Bei zeitnaher Anwendung entsprechender Präparate ist eine vorsichtige Dosierung und Kontrolle geeigneter Immunparameter empfehlenswert. Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln wurden nicht untersucht, sind jedoch auch nicht bekannt.

Studien

Insgesamt 7 Studien/ Veröffentlichungen

 

U.R. Kleeberg, S. Suciu, E.B. Bröcker, D.J. Ruiter, C. Chartier, D. Lienard, J. Marsden,

D. Schadendorf, A.M.M. Eggermont for the EORTC Melanoma Group in cooperation

with the German Cancer Society (DKG) (2004): Final results of the EORTC 18871/DKG 80-1 randomised phase III trial. rIFN-alpha2b versus rIFN-gamma versus ISCADOR M versus observation after surgery in melanoma patients with either high-risk primary (thickness >3 mm) or regional lymph node metastasis, In: European Journal of Cancer, Patienten: 407 Patienten nach Resektion des primären Melanoms (stage II, Breslow thickness >3

mm) oder nach kurativer der regionalen Lymphknotenmetastasen (stage III) à IM-Gruppe: 102, rIFN-alpha-Gruppe: 101, rIFN-gamma- Gruppe: 102, KG: 102,

Endpunkte:

  1. krankheitsfreies Intervall, Überleben - Kein Effekt
  2. Nebenwirkungen - Lokale (u.a. Rubor, Prurigo, Induration) oder systemische Reaktionen (u.a. Fieber und grippeähnl. Symptome) & Anzahl Pat, die wegen NW Studienabbruch = 5

                     

M. Augustin, P. R. Bock, . Hanisch, M. Karasmann, B. Schneider (2005): Safety and Efficacy of the Long-term Adjuvant Treatment of PrimaryIntermediate- to High-Risk Malignant Melanoma (UICC/AJCC Stage II and III) with a Standardized Fermented

European Mistletoe (Viscum album L.)

Extract, In: Arzneimittel-Forschung, Patienten: 738 Patienten mit primären histopathologisch bestätigten intermediären bis hochriskanten MM im Stadium II und III à Einschluss von 686 Patienten (IG à Iscador M/P/Q: 329, KG: 357),

Endpunkte:

  1. Sicherheit (Unerwünschte Ereignisse) Arzneimittelwirkung: n=11 (3.3%) entwickelten systemischen „Adverse Drug Reaktion“ (ADR) assoziiert mit der FME-Behandlung, n=42 (12.8%) entwickelten lokale ADRs, mit milder bis mittlerer Schwere (WHO/CTC Grad 1-2) und spontanem Rückgang in den meisten Fällen. Drop-Out n=6 aufgrund ADRs, Lebensbedrohliches ADRs, ADR assoziierte Mortalität oder Tumorvergrößerung wurde nicht beobachtet.
  2. Wirksamkeit (Tumorbedingtes Überleben, Gesamtüberleben, Krankheitsfreies Überleben, Rückfälle und Metastasen) - Inzidenzrate von Lungenmetastasen und die adjustierte Hazard Ratio für Hirnmetastasen waren in der FME-Gruppe signifikant niedriger, es fand sich ein signifikant längeres tumorbezogenes Überleben in der FME-Gruppe im Vergleich zu den unbehandelten Kontrollen (unadjustierte tumorbezogene Mortalitätsrate 8.9 % vs. 10. 7 %, Kaplan-Meier-Schätzung, Log-rank-Test, p = 0.017), Gesamtüberleben (OS): HR(OS) = 0.64 (0.42-0.96), p = 0.033, krankheitsfreies Überleben (DFS), d.h. Zeitintervall bis zum ersten Tumorereignis (Progression): HR(DFS) = 0.73 (0.55-0.97), p = 0.029), und das hirnmetastasenfreie Überleben (BMFS), d. h. Zeitintervall bis zur ersten Hirnmetastase: HR(B-MFS) = 0.33 (0.13-0.86), p = 0.024, Gesamtmetastasenrate (22.2 % vs. 24.9 %, p = 0.419)

 

W.E. Friedel, H. Matthes, P.R. Nock, K.S. Zänker (2009): Systematic evaluation of the clinical effects of supportive mistletoe treatment within chemo- and/or radiotherapy protocols and long-term mistletoe application in nonmetastatic colorectal carcinoma: multicenter, controlled, observational cohort study, In: Journal Of The Society For Integrative Oncology, Patienten: 804 Patienten mitprimär nicht metastasierten konlorektalen Karzinom im Stadium I-III mit vorheriger Chirurgischer Behandlung à IG (Iscador Q (53%), M (40%), P (7%)): 429, KG: 375

Endpunkte:

  1. Misteltherapie assoziierte NW – sign. Weniger therapieassoziierte NW in IG als KG (Inzidenzrate 19,1% vs. 48,3%, p<.001 adjustiertes or zur entwicklung von nw w therapie war geringer in ig vs. kg ci .46 p=".003)</li">
  2. Kranheits- und Therapieassoziierte Symptome – signifikant weniger Patienten zeigten persistente Symptome am Ende der adjuvanten Therapie in IG vs. KG = total symptom status (OR of .03, p<.001>
  3. Krankheitsfreies Überleben – DFS: adjusted HR (95% KI) of .68 (.51-.92), p=.013 lässt Rückschluss auf ein längeres krankheitsfreies Überleben zu

 

F. Pelzer, W. Tröger (2018): Complementary Treatment with Mistletoe Extracts During Chemotherapy: Safety, Neutropenia, Fever, and Quality of Life Assessed in a Randomized Study, In: Journal of alternative and complementary medicine, Patienten:123 Brustkrebspatienten (stage T1–3N0–2M0) mit durchgemachter OP und adjuvanter Chemotherapieand adjuvant chemotherapy mit 6 Zyklen Cyclophosphamide, Adriamycin und 5-fluorouracil à Einschluss von 95 Patienten (HxA- Gruppe: 34, IMS-Gruppe: 30 à werden zusammen als eine IG (VAE-Gruppe) ausgewertet, KG: 31), Endpunkte:

  1. Krankheitsfreies Überleben: Rückfall oder Metastasen bei IG 15/56 und KG 8/29; p=0.7637; median DFS konnte aufgrund zu geringer Rückfallrate nicht berechnet werden, Keine Unterschiede zwischen Hormon- oder Radiotherapie
  2. Sicherheit (Fieber): Maximaltemperatur IG: 38.6°C und KG: 39.7°C, kein Gruppenvergleich durchgeführt
  3. Neutropenie - 17% IG vs. 27% KG, p=0.178
  4. Unerwünschte Ereignisse - 26 lokale Hautreaktionen (> 5 cm diameter), keine NW nach CTCAE; 1x Neutropenisches Fieber in KG)
  5. Lebensqualität - Signifikante und klinisch relevante Unterschiede in 3 von 15 Items: Rollenfunktion (MD: 14.2; p<0.0001), Schmerz (MD: -13.0; p<0.0001) und Appetitlosigkeit (MD: -8.1; p=0.046)

 

M. Schink, W. Tröger, A. Dabidian, A. Goyert, H. Scheuerecker, J. Meyer, I.U. Fischer, F. Glaser (2007): Mistletoe Extract Reduces the Surgical Suppression of Natural Killer Cell Activity in Cancer Patients. A Randomized Phase III Trial, In: Forschende Komplementärmedizin (2006), Patienten: 49 Patienten mit primärem oder lokal rezidiviertem kolorektalen Karzinom, die sich einer offenen Tumorresektion unterzogen à Einschluss von 32 Patienten (IMS-Gruppe: 16, KG: 16)

Endpunkte:

  1. Unterschied der Veränderung der NK-Zellaktivität zwischen den Behandlungsgruppen am Tag 1 nach der OP und Differenz der Veränderung der Expressionsdichte des HLA-DR-Antigens zwischen den Behandlungsgruppen am Tag 7 nach der OP: Die NK-Zellaktivität unterschied sich 24 h nach der Operation signifikant zwischen den Therapiegruppen (p = 0,027). Die absolute Anzahl der HLA-DR-Moleküle auf Monozyten unterschied sich 7 Tage nach der Operation nicht. Die NK-Zellaktivität der mit Mistelextrakt behandelten Patienten veränderte sich im Verlauf der Studie nicht signifikant (-7,9 % 24 h nach der Operation), während sich die HLA-DR-Expression signifikant veränderte (-38,5 % an Tag 7 nach der Operation)]

 

W. Tröger, S. Jezdić , Z. Ždrale, N. Tišma, H.J. Hamre, M. Matijašević (2009): Quality of life and neutropenia in patients with early stage breast cancer: a randomized pilot study comparing additional treatment with mistletoe extract to chemotherapy alone, In: Breast cancer : basic and clinical research, Patienten: 123 Patienten mit Brustkrebs im Frühstadium (stages T1–3N0–2M0)à Einschluss von 95 Patienten, Randomisierung in 3 Gruppen, für Auswertung nur relevant: IMS-Gruppe: 30, KG: 31

Endpunkte:

  1. Lebensqualität - (Mittelwert Unterschied zur Baseline; IG – KG [KI]) Funktionsskalen IG > KG: Berufliche Leistung: 14.09 [9.02, 19.16], p < .001, Emotionalität: 6.35 [2.15, 10.54], p = 0.001, Soziales Eingebundensein: 7.74 [3.37, 12.12], p < .001, Körperliche Leistung: 3.56 [0.61, 6.51], p = 0.014; keine Unterschiede für Kognitive Leistung, Globaler Gesundheitszustand Symptomskalen IG < KG: Schmerzen: -12.47 [-16.85, -8.08], p < 0.001, Appetitlosigkeit: -6.64 [-12.28, -1.01], p = 0.017, Diarrhö: -6.11 [-9.47, -2.75], p < .001, Schlaflosigkeit: -8.25 [-13.42, -3.09], p = 0.001, Übelkeit und Erbrechen: -7.58 [-12.25, -2.91], p = 0.001, Fatigue: -4.92 [-8.78, -1.05], p = 0.009, Dyspnoe: -3.70 [-6.79, -0.60], p = 0.015, Finanz. Schwierigkeiten: -8.94 [-14.21, -3.67], p < 0.001, kein Unterschied für Obstipation
  2. Neutropenie - (Anzahl Fälle): IG: 3 (bei 3 Pat.) KG: 9 (bei 8 Pat.) p = 0.182
  3. Sicherheit (unerwünschte Ereignisse) - 6 lokale Hautreaktionen (> 5 cm diameter), keine NW nach CTCAE

 

W. Tröger, Z. Ždrale, N. Stanković, M. Matijašević (2012): Five-year follow-up of patients with early stage breast cancer after a randomized study comparing additional treatment with viscum album (L.) extract to chemotherapy alone, In: Breast cancer : basic and clinical research, Patienten:123 Patienten mit Brustkrebs im Frühstadium (stages T1–3N0–2M0)à Einschluss von 95 Patienten, Randomisierung in 3 Gruppen, für Auswertung nur relevant: IMS-Gruppe: 30, KG: 31,

Endpunkte:

  1. Krankheitsfreies Überleben, Rückfälle + Metastasen - Median (Monaten): Keine Berechnung, max Rezidiv-/Metastasenwsk. nur 28% DFS-Rate IG: 6/28, KG: 8/29, p = 0.551, Getrennt nach Zusatztherapien: RTx: IG: 4/19, KG: 3/18, p = 0.792; AHT: IG: 4/18, KG: 4/14, p = 0.659

Insgesamt 4 Studien/ Veröffentlichungen

 

G.Bar-Sela, M. Wollner, L. Hammer, A. Agbarya, E. Dudnik, N. Haim (2013): Mistletoe as complementary treatment in patients with advanced non-small-cell lung cancer treated with carboplatin-based combinations: a randomised phase II study, In: European Journal of Cancer, Patienten: 79 Patienten mit fortgeschrittenen NSCLC à Einschluss von 72 Patienten (KG: 39; IG-Gruppe: 33)

Endpunkte:

  1. Tumorprogression - (Monate) IG: Median = 6; KG: Median = 4.8, p = ns,
  2. Gesamtüberleben -(Monate) Stadium III: IG: Median = 15.9; KG: Median = 13.3, p = ns, Stadium IV: IG: Median = 8.3; KG: Median = 8.9, p = ns
  3. Lebensqualität - (Mittelwert (SD), IG: n = 27, KG: n = 28, kein p-Wert

Effekt für IG: Periphere Neuropathie (1.2 (23.5) vs. 22.6 (37.5)), p = 0.03;

Keine Unterschiede für: Dyspnoe, Husten, Hämoptyse, Wunder Mund, Dysphagie, Alopecia, Brustschmerz;

Schmerz in Arm und Schulter, Schmerz in anderen Regionen,

  1. Chemotherapie und Mistelpräparat assoziierte Nebenwirkungen - (%): IG: 48; KG: 57 p = ns;

Nicht-Hämatologisch (%): IG: 18; KG: 41, p = 0.04

Hämatologisch (%): IG: 42; KG: 49; p = ns

Hospitalisierung wegen NW (%): IG: 24; KG: 54; p = 0.02

Notwendigkeit Reduktion CTx-Dosis (%): IG. 13, KG: 44, p = 0.0005, Grad nach CTCAE

  1. Allg. NW: 5 lokale Hautreaktionen (Grad 1: 4, Grad 2: 1 à dieser Behandlungsabbruch)                             

 

M. Augustin, P. R. Bock, . Hanisch, M. Karasmann, B. Schneider (2005): Safety and Efficacy of the Long-term Adjuvant Treatment of PrimaryIntermediate- to High-Risk Malignant Melanoma (UICC/AJCC Stage II and III) with a Standardized Fermented

European Mistletoe (Viscum album L.)

Extract, In: Arzneimittel-Forschung, Patienten: 738 Patienten mit primären histopathologisch bestätigten intermediären bis hochriskanten MM im Stadium II und III à Einschluss von 686 Patienten (IG à Iscador M/P/Q: 329, KG: 357)

Endpunkte:

  1. Sicherheit (Unerwünschte Arzneimittelwirkung n=11 (3.3%) entwickelten systemischen „Adverse Drug Reaktion“ (ADR) assoziiert mit der FME-Behandlung, n=42 (12.8%) entwickelten lokale ADRs, mit milder bis mittlerer Schwere (WHO/CTC Grad 1-2) und spontanem Rückgang in den meisten Fällen. Drop-Out n=6 aufgrund ADRs, Lebensbedrohliches ADRs, ADR assoziierte Mortalität oder Tumorvergrößerung wurde nicht beobachtet.
  2. Wirksamkeit (Tumorbedingtes Überleben, Gesamtüberleben, Krankheitsfreies Überleben, Rückfälle und Metastasen) - Inzidenzrate von Lungenmetastasen und die adjustierte Hazard Ratio für Hirnmetastasen waren in der FME-Gruppe signifikant niedriger, es fand sich ein signifikant längeres tumorbezogenes Überleben in der FME-Gruppe im Vergleich zu den unbehandelten Kontrollen (unadjustierte tumorbezogene Mortalitätsrate 8.9 % vs. 10. 7 %, Kaplan-Meier-Schätzung, Log-rank-Test, p = 0.017), Gesamtüberleben (OS): HR(OS) = 0.64 (0.42-0.96), p = 0.033, krankheitsfreies Überleben (DFS), d.h. Zeitintervall bis zum ersten Tumorereignis (Progression): HR(DFS) = 0.73 (0.55-0.97), p = 0.029), und das hirnmetastasenfreie Überleben (BMFS), d. h. Zeitintervall bis zur ersten Hirnmetastase: HR(B-MFS) = 0.33 (0.13-0.86), p = 0.024, Gesamtmetastasenrate (22.2 % vs. 24.9 %, p = 0.419)

 

W.E. Friedel, H. Matthes, P.R. Nock, K.S. Zänker (2009): Systematic evaluation of the clinical effects of supportive mistletoe treatment within chemo- and/or radiotherapy protocols and long-term mistletoe application in nonmetastatic colorectal carcinoma: multicenter, controlled, observational cohort study, In: Journal Of The Society For Integrative Oncology, Patienten: 804 Patienten mitprimär nicht metastasierten konlorektalen Karzinom im Stadium I-III mit vorheriger Chirurgischer Behandlung à IG (Iscador Q (53%), M (40%), P (7%)): 429, KG: 375, Endpunkte:

  1. Misteltherapie assoziierte NW - sign. Weniger therapieassoziierte NW in IG als KG (incidence rate 19,1% vs. 48,3%, p<.001 adjusted or estimating the risk of developing any at-adr during therapy was lower by in ig vs. kg ci .46 p=".003),</li">
  2. Kranheits- und Therapieassoziierte Symptome – signifikant weniger Patienten zeigten persistente Symptome am Ende der adjuvanten Therapie in IG vs. KG = total symptom status (OR of .03, p<.001>
  3. Krankheitsfreies Überleben – DFS: djusted HR (95% KI) of .68 (.51-.92), p=.013 lässt Rückschluss auf ein längeres krankheitsfreies Überleben zu

               

W. Tröger, D. Galun, M. Reif, A. Schumann, N. Stankovic, M. Milicevic (2013): Viscum album [L.] extract therapy in patients with locally advanced or metastatic pancreatic cancer: a randomised clinical trial on overall survival, In: European Journal of Cancer

& Tröger (2014a).

Quality of life of patients with advanced pancreatic cancer during treatment with mistletoe: a randomized controlled trial. Deutsches Arzteblatt International.

Patienten: 220 Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metatstasierten Pankreaskrebs à IQS-Gruppe: 110 bzw. 96, KG: 110 bzw. 72,

Endpunkte:

  1. 12-monatiges Gesamtüberleben - (Monate): IG: 4.8, KG: 2.7, hazard ratio 0.49 [0.36–0.65], p < 0.0001; Subgruppenanalyse “schlechte” Prognose (mind 2 Kriterien: UICC = IV, Alter > 65 years, ECOG ≥ 2), IG: 3.4, KG: 2.0, hazard ratio 0.55 [0.37–0.82], p < 0.0031;

“gute” Prognose: IG: 6.6, KG: 3.2, hazard ratio 0.43 [0.28–0.65], p < 0.0001, Lebensqualität und Vitalzeichen, Leistungsstatus und Gewicht und begleitende Medikation - (Mittelwert Unterschied zur Baseline Interventions-/ KG mit Interaktion “visit x treatment”)

  1. Lebensqualität: Funktionsskalen IG > KG: Berufliche Leistung: 17.8 [11.9; 23.6], p < 0.001, Emotionalität: 19.5 [13.6; 25.4], p = 0.045 , Kognitive Leistung: 18.7 [11.8; 25.6], p = 0.016, Globaler Gesundheitszustand: 26.1 [22.7; 29.6], p <0.001, Körperliche Leistung: 22.3 [17.6; 27.1], p < 0.001, kein Unterschied für Soziales Eingebundensein; Symptomskalen IG > KG Schmerzen: –23.0 [–29.0; –17.0], p < 0.001, Appetitlosigkeit: –43.9 [–51.0; –36;7], p = 0 .031, Diarrhö –4.5 [–7.3; –1.7], p = 0.028, Schlaflosigkeit: –37.2 [–45.8; –28.6], p < 0.001, Übelkeit und Erbrechen: –10.9 [–16.0; –5.9], p < 0.001, Fatigue: –30.6 [–36.1; –25.0], p < 0.001, Dyspnoe: -3.70 [-6.79, -0.60], p = 0.015, keine Unterschiede für Finanz. Schwierigkeiten, Obstipation
  2. Körpergewicht (% Änderung zur Baseline): IG > KG 8.56 [7.0; 10.0], p<0.001,
  3. Sicherheit (unerwünschte Ereignisse) - Anzahl NW und Anzahl Personen: IG: 16 NW (4xRückenschmerzen Grad 2, 2xDyspepsia Grad 2, 1x Dehydration Grad 2, 2x Harnwegsinfekte Grad 1, 2x Abdominalschmerz Grad 1-2) und 1 schwerwiegende NW (Ischämischer Schlaganfall), n = 11, KG: 52 NW (20x Rückenschmerzen Grad 2-3, 11xDyspepsia Grad 2, 6x Dehydration Grad 2, 2x Kopfschmerzen Grad 1-3, 1xLebermetastasen Grad 1, 2xAbdominalschmerz Grad 1-2), n = 34, OR: 0.25 (95% KI = 0.12–0.52) à IG geringere Wsk. für NW als KG,
  4. Krankheitsbezogene Symptome (Prävalenz in % (Grad); Mantel–Haenszel-Parameter): Gewichtsverlust: IG: 97.4 (0), 2.6 (1); KG: 35.3 (0), 49.0 (1), 15.7 (2); 52.23; p < 0.0001, Schmerzen: IG: 5.3 (0), 60.5 (1), 34.2 (2); KG: 23.5 (1), 74.5 (2), 2.0 (3); 26.90, p < 0.0001

Energieverlust: IG: 48.7 (0), 51.3 (1); KG: 86.3 (1), 13.7 (2); 40.39, p < 0.000

Übelkeit/Erbrechen IG: 97.4 (0), 2.6 (1);KG: 56.9 (0), 43.1 (1); 32.06, p < 0.0001

Diarrhö: IG: 100 (0); KG: 94.1 (0), 5.9 (1); 4.54, p = 0.033

Angst: IG: 100 (0); KG: 94.6 (0), 5.9 (1); 4.00, p = 0.0455,

kein Unterschied für Vertigo, Jaundice, Bilirubin, SGOT (serum glutamic oxaloacetic transaminase), SGPT (erum glutamic pyruvic transaminase) ns.

  1. Allg. NW: Lokale Hautreaktionen wie Erythema oder Anschwellen, aber alle <5 cm, und gelten deswegen nicht als NW

Insgesamt 3 Studien/ Veröffentlichungen

 

A. Longhi, E. Mariani, J. J. Kuehn (2009): A randomized study with adjuvant mistletoe versus oral Etoposide on post relapse disease-free survival in osteosarcoma patients, In: European journal of integrative medicine, Patienten: 10 Patienten mit der histologisch gesicherten Diagnose des Osteosarkoms oder eines Spindelzellkarzinoms des Knochens (MFH, Leiomyosarkom, entdifferenziertes Chondrosarkom, Fibrosarkom) nach einem zweiten Rückfall à IG: 6, KG:4,

Endpunkt:

  1. Vergleich des krankheitsfreien Überlebens nach dem zweiten Rückfall nach einem Jahr und der Lebensqualität zwischen der Etopside-Gruppe (KG) und IP-Gruppe (IG) - Die Ergebnisse von Longhi et al., 2009 sind nur „trend“-Vorteile, Toleranz von IP, keine p-Werte; 

                           M. Augustin, P. R. Bock, . Hanisch, M. Karasmann, B. Schneider (2005): Safety and Efficacy of the Long-term Adjuvant Treatment of Primary Intermediate- to High-Risk Malignant Melanoma (UICC/AJCC Stage II and III) with a Standardized Fermented European Mistletoe (Viscum album L.) Extract, In: Arzneimittel-Forschung, Patienten: 738 Patienten mit primären istopathologisch bestätigten intermediären bis hochriskanten MM im Stadium II und III à Einschluss von 686 Patienten (IG à Iscador M/P/Q: 329, KG: 357), Endpunkte:

  1. Sicherheit (Unerwünschte Arzneimittelwirkung, Wirksamkeit - n=11 (3.3%) entwickelten systemischen „Adverse Drug Reaktion“ (ADR) assoziiert mit der FME-Behandlung, n=42 (12.8%) entwickelten lokale ADRs, mit milder bis mittlerer Schwere (WHO/CTC Grad 1-2) und spontanem Rückgang in den meisten Fällen. Drop-Out n=6 aufgrund ADRs, Lebensbedrohliches ADRs, ADR assoziierte Mortalität oder Tumorvergrößerung wurde nicht beobachtet.
  2. Wirksamkeit (Tumorbedingtes Überleben, Gesamtüberleben, Krankheitsfreies Überleben, Rückfälle und Metastasen) - Inzidenzrate von Lungenmetastasen und die adjustierte Hazard Ratio für Hirnmetastasen waren in der FME-Gruppe signifikant niedriger, es fand sich ein signifikant längeres tumorbezogenes Überleben in der FME-Gruppe im Vergleich zu den unbehandelten Kontrollen (unadjustierte tumorbezogene Mortalitätsrate 8.9 % vs. 10. 7 %, Kaplan-Meier-Schätzung, Log-rank-Test, p = 0.017), Gesamtüberleben (OS): HR(OS) = 0.64 (0.42-0.96), p = 0.033, krankheitsfreies Überleben (DFS), d.h. Zeitintervall bis zum ersten Tumorereignis (Progression): HR(DFS) = 0.73 (0.55-0.97), p = 0.029), und das hirnmetastasenfreie Überleben (BMFS), d. h. Zeitintervall bis zur ersten Hirnmetastase: HR(B-MFS) = 0.33 (0.13-0.86), p = 0.024, Gesamtmetastasenrate (22.2 % vs. 24.9 %, p = 0.419)

 

 W.E. Friedel, H. Matthes, P.R. Nock, K.S. Zänker (2009): Systematic evaluation of the clinical effects of supportive mistletoe treatment within chemo- and/or radiotherapy protocols and long-term mistletoe application in nonmetastatic colorectal carcinoma: multicenter, controlled, observational cohort study, In: Journal Of The Society For Integrative Oncology, Patienten: 804 Patienten mitprimär nicht metastasierten konlorektalen Karzinom im Stadium I-III mit vorheriger Chirurgischer Behandlung à IG (Iscador Q (53%), M (40%), P (7%)): 429, KG: 375

Endpunkte:

  1. Misteltherapie assoziierte NW - sign. Weniger therapieassoziierte NW in IG als KG (Inzidenzrate 19,1% vs. 48,3%, p<.001 adjustiertes or zur entwicklung von nw w therapie war geringer in ig vs. kg ci .46 p=".003)</span">
  2. Kranheits- und Therapieassoziierte Symptome – signifikant weniger Patienten zeigten persistente Symptome am Ende der adjuvanten Therapie in IG vs. KG = total symptom status (OR of .03, p<.001>
  3. Krankheitsfreies Überleben – DFS: djusted HR (95% KI) of .68 (.51-.92), p=.013 lässt Rückschluss auf ein längeres krankheitsfreies Überleben zu
 
7.69 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen unterschiedliche Ergebnisse aus 3 Übersichtsarbeiten/Metaanalysen und einzelnen RCTs zur Wirksamkeit von Mistelgesamtextrakt (Viscum album L.) zur Verlängerung der Gesamtüberlebenszeit von Krebspatienten verschiedener Entitäten vor, die z.T. positive Ergebnisse, z.T. keine statistisch signifikante Wirksamkeit zeigen. Die Daten reichen für eine klare abschließende Bewertung nicht aus.

Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Verordnung von Mistelgesamtextrakt (Viscum album L.) enthaltenden Präparaten mit dem Ziel der Verlängerung der Überlebenszeit gegeben werden.

Evidenzlevel
1a
Konsens
Konsens
Literatur
[861] [862] [863] [864]
Evidenztabellen (3)Freuding et. al. (2019); Horneber et. al. (2008); Ostermann et. al. (2020)
7.70 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen heterogene Daten aus systematischen Übersichtsarbeiten/Metaanalysen und RCTs mit der subkutanen Gabe von Mistelgesamtextrakt (Viscum album L.) enthaltende Arzneimitteln bei Patienten mit soliden Tumoren zur Verbesserung der Lebensqualität vor.

Die subkutane Gabe von Mistelgesamtextrakt (Viscum album L.)  kann für den therapeutischen Einsatz zur Verbesserung der Lebensqualität bei Patienten mit soliden Tumoren erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
1a
Konsens
Konsens
Literatur
[863] [864] [865] [866]
Evidenztabellen (3)Freuding et. al. (2019); Horneber et. al. (2008); Kienle et. al. (2010)

Misteln bezeichnen Pflanzen, die als Hemiparasiten auf verschiedenen Laub- und Nadelbäumen in Europa, Asien und Nordafrika verbreitet sind. Die Misteltherapie wurde im Rahmen der anthroposophischen Medizin eingeführt. Im deutschsprachigen Raum gehört sie zu den am häufigsten angewendeten Methoden der komplementären und alternativen Medizin in der Onkologie. Mistelextrakte und ihre Inhaltsstoffe, vor allem Lektine und Viscotoxine, sollen das Immunsystem bei der körpereigenen Tumorabwehr unterstützen. In Deutschland gibt es ein Angebot unterschiedlich gewonnener Mistelextrakte von verschiedenen Herstellern. Die Zusammensetzung der Extrakte variiert je nach Wirtsbaum und Extraktionsverfahren. Es wird zwischen standardisierten, auf einen bestimmten Lektingehalt eingestellten phytotherapeutischen Präparationen und anthroposophischen Präparaten, welche zum Teil ebenfalls auf einen bestimmten Lektingehalt standardisiert sind, unterschieden. Homöopathische Präparate spielen eine eher untergeordnete Rolle und werden in diesem Kapitel nicht weiter thematisiert.

Die Heterogenität der Präparate, die verschiedenen Therapieziele, die Vielfalt der Indikationen in Bezug auf die maligne Grundkrankheit, diverse Therapieformen sowie die Unterschiede in Kontext und Qualität der klinischen Studien erschweren die Bewertung der Wirksamkeit der Misteltherapie.

Methodik

Basis der Bewertung von Mistelpräparaten sind vor allem drei umfassende Übersichtsarbeiten, ergänzt durch weitere Übersichten, Metaanalysen und die Analyse einzelner Studien. Ausgangspunkt ist ein Cochrane Review aus dem Jahr 2008, in den 21 randomisierte kontrollierte Studien mit unterschiedlichen Tumorerkrankungen und verschiedenen Formen der Misteltherapie in Bezug auf Tumoransprechen, Lebensqualität und psychischen Stress eingeschlossen wurden. Diese Datenbasis wurde zwischenzeitlich erweitert und in weiteren Reviews analysiert. In die Evidenzaufarbeitung für die Leitlinie wurden 5 systematische Übersichtsarbeiten und 5 Metaanalysen mit z. T. über 10.000 Patienten eingeschlossen. Die Übersichtsarbeiten unterscheiden sich durch die Zahl und die Art der eingeschlossenen Studien, siehe Tabelle am Ende des Kapitels . Methodische Unterschiede betreffen die Berücksichtigung von Publikationen aus Zeitschriften ohne Peer-Review, aus nicht frei zugängliche Publikationen sowie die Berücksichtigung von nicht-randomisierten Studien. Einige Studien haben nur relativ wenige Patienten eingeschlossen und haben damit alle Probleme kleiner Studien, bei denen viele Tests durchgeführt werden und bei denen positive oder negative Ergebnisse resultieren, die nicht primäre oder sekundäre Studienendpunkte waren. Die großen Unterschiede in der Qualität der Studien und die Auswahl der Studien in den Übersichtsartikeln haben Einfluss auf die jeweils zusammenfassende Bewertung. 

Die methodische Darstellung vor allem der älteren Studien ist oft unvollständig. Es fehlen z. T. die vollständigen Studienprotokolle, Angaben zur Fallzahlberechnung, eine klare Definition der Studienendpunkte oder Ansätze zur Verblindung. Da unter einer subkutanen Misteltherapie an der Injektionsstelle häufig eine lokale Reaktion auftritt, hat die fehlende Verblindung v. a. ein hohes Verzerrungspotenzial bei Parametern des Patient-Reported-Outcome. Die Mehrzahl der Primärstudien und der Übersichtsarbeiten hat finanzielle Unterstützung entweder der Hersteller direkt oder durch anthroposophische Fördereinrichtungen erhalten.

Die als solche bezeichneten Metaanalysen basieren durchgehend auf einer Auswertung der Publikationen. Sie erfüllen nicht den höchsten methodischen Standard einer Metaanalyse mit direktem Zugang zu den individuellen Patientendaten.  

Therapieziele

Gesamtüberleben (Mortalität) (zu Statement 7.69)

Zum Einfluss einer Misteltherapie auf die Gesamtüberlebenszeit liegen Daten aus Studien bei Gliom [867], kolorektalem Karzinom [868][869][870], Lungenkarzinom [871][872], Magenkarzinom [873], Brustkrebs [874][875][876], Melanom [877][878], Nierenzellkarzinom [879], Pankreaskarzinom [880], Ovarialkarzinom [881], Tumoren des Kopf-Hals-Bereichs [873], Uteruskarzinomen [882], Zervixkarzinom [883] und weiteren Tumorentitäten vor [874].

In den ausgewerteten Studien stehen positive Ergebnisse mit Erhöhung der Überlebensrate bzw. Verlängerung der medianen Überlebenszeit (Brustkrebs: Grossarth-Maticek et al., 2001 [874]; Grossarth-Maticek und Ziegler, 2006 [876]; kolorektales Karzinom: Cazacu et al., 2003 [868]; Douwes et al., 1986 [869]; Gliom: Lenartz et al., 2000 [867]; Magenkarzinom: Salzer und Havelec, 1983 [884]; Pankreaskarzinom: Troger et al., 2013 [880]; Uteruskarzinom: Grossarth-Maticek und Ziegler, 2008 [882]; Ovarialkarzinom: Grossarth-Maticek und Ziegler, 2007 [881]; verschiedene Tumorentitäten: Grossarth-Maticek et al., 2001 [874]) negativen Ergebnissen ohne signifikanten Einfluss auf Überlebensrate bzw. Überlebenszeit gegenüber (Lungenkarzinom: Dold et al., 1991 [872]; Bar-Sela et al., 2013 [871]; Salzer et al., 1991 [873]; kolorektales Karzinom: Heiny und Albrecht, 1997 [870]; Melanom: Kleeberg et al., 2004 [878]; Grossarth-Maticek und Ziegler, 2007 [877]; Nierenzellkarzinom: Lümmen et al., 2001 [879]; Brustkrebs: Grossarth-Maticek und Ziegler, 2006 [876]; Endometriumkarzinom: Grossarth-Maticek und Ziegler, 2008 [882]; Zervixkarzinom: Grossarth-Maticek und Ziegler; 2007 [883]). In den beiden Studien von methodisch guter Qualität wurde kein Einfluss der Misteltherapie auf die Mortalität nachgewiesen [872][878].

Studien mit unklarer Definition der Endpunkte oder mit gemischten Endpunkten (Gesamtüberleben, krankheitsfreies Überleben, progressionsfreies Überleben) wurden hier nicht ausgewertet. Die neueren Instrumente zur Bewertung onkologischer Therapien differenzieren zwischen kurativer und nicht-kurativer Zielsetzung (ASCO, ESMO MCBS). Dass diese Unterscheidung in den Studien und dann auch in den Übersichtsarbeiten nicht durchgeführt wurde, erschwert den Vergleich der Misteltherapie mit anderen Behandlungsformen.

In der Konsensuskonferenz wurde intensiv über die Übertragbarkeit der unterschiedlichen Studienergebnisse auf den deutschen Versorgungskontext und auf die aktuelle Behandlungssituation nach dem Stand des Wissens diskutiert. Schwerpunkte der Diskussion waren mögliche Unterschiede in den regionalen und nationalen Versorgungssystemen in Bezug auf das Stadium der Erkrankung bei Erstdiagnose durch Früherkennungsprogramme, Standards der lokalen Therapie, Standards der neoadjuvanten und adjuvanten systemischen Therapie, supportive Therapie und vor allem die in den beiden letzten Jahrzehnten in Deutschland erzielte Verbesserung von Prognose und Lebensqualität bei vielen malignen Erkrankungen in verschiedenen Krankheitsstadien.

Aus der Diskussion entstand der Konsens, dass die Daten für eine klare abschließende Bewertung der Wirksamkeit von Mistelpräparaten zur Verlängerung der Gesamtüberlebenszeit von Krebspatienten in der Gesamtheit aller Tumorentitäten nicht ausreichen.

Tabelle 9: Mistel und Mortalität (Overall Survival)

 

Anzahl Studien (RCTs) zu diesem Endpunkt

Anzahl Studien mit positivem Ergebnis

Anzahl Studien ohne positives Ergebnis*

Horneber et al. (2008)

[863]

11 Studien [874][868][869][867][873][874][872][870][873][878][879]

6 Studien durchschnittlich längeres Überleben im Mistelarm

(Brustkrebs: [874]; kolorektales Karzinom: [868][869]; Gliom: [867]; Magenkarzinom: [884]; verschiedenen Krebsarten: [874])

5 Studien kein Effekt von Mistel

(Lungenkarzinom: [872]; kolorektales Karzinom: [870]; Kopf-Hals-Tumor: [873]; Melanom: [878]; Nierenzellkarzinom: [879])

Freuding et al. (2019)

 [885]

14 Studien in 12 Publikationen [875][876][868][867][882][880][877][883][881][870][871][878]

6 Studien durchschnittlich längeres Überleben im Mistelarm

(Brustkrebs: [876]; kolorektalem Karzinom: [868]; fortgeschrittenes Glioma: [867]; Uterus ohne Metastasen: [882]; Pankreas Karzinom: [880]; Ovarialkarzinom ohne Metastasen: [881])

8 Studien keine signifikanten Unterschiede

(Brustkrebs: [875], Kolorektalem Karzinom: [870]Mehrheit der eingeschlossenen gynäkologischen Krebsarten: [883][881] [mit Metastasen]; [882] [mit Metastasen]; Lungenkrebs: [871]; Melanoma: [877][878])

Osterman et al. (2020)

 [862]

13 Studien [886][871][880][882][877][883][881][875][878][874][872][873][884]

Überlegenheit von Mistel - Alle Studien: HR 0.59, 95% KI 0.53 - 0.65, p < 0.0001 (Ergebnis 2009: HR 0.59; 95% KI 0.53 - 0.66, p< 0.0001)

 

* kein Nachweis einer Überlegenheit, oder Unterlegenheit 

Morbidität

Progressionsfreies/ krankheitsfreies Überleben (PFS/DFS)

Krankheitsfreies, krebsspezifisches und progressionsfreies Überleben wurde in 2 Übersichtsarbeiten behandelt [885][863]. In den ausgewerteten Studien zu Gliom [867], kolorektalem Karzinom [870], Harnblasenkarzinom [887], Lungenkarzinom [871], Brustkrebs [875][888][889], Melanom [877][878], Osteosarkom [886] und Tumoren im Kopf-Hals-Bereich [890][891] wurde durchgehend kein signifikanter Effekt der Misteltherapie nachgewiesen. Dazu gehören auch die Studien von methodisch guter Qualität [887][878][890].

Tabelle 10: Mistel und progressionsfreies / krankheitsfreies Überleben (PFS/DFS)

 

Anzahl Studien (RCTs) zu diesem Endpunkt

Anzahl Studien mit positivem Ergebnis

Anzahl Studien ohne positives Ergebnis*

Horneber et al. (2008)

[863]

5 Studien [890][867][878][887][870] 

Keine

5 Studien

(Kopf-Hals-Tumor: [890]; Malignes Gliom: [867]; Melanom: [878]; Harnblasenkarzinom: [887]; kolorektales Karzinom: [870])

Freuding et al. (2019)

[885]

9 Studien [890][867][878][887][870][889][888][875][877][886]

DFS/PFS in 3 Studien [886][875][877]

6 Studien; DSS in einer Studie

(Kopf-Hals-Tumor: [890]; DFS/PFS in 5 Studien: Malignes Gliom: [867]; Melanom: [878]; Harnblasenkarzinom: [887]; kolorektales Karzinom: [870][888][889])

* kein Nachweis einer Überlegenheit, oder Unterlegenheit


 

Tumoransprechen, -progression und -rezidive

Ansprechen des Tumors, Progression und die Entwicklung von Rezidiven wurde in 2 Übersichtsarbeiten behandelt [885][863]. Auch hier stehen Studien, die eine Überlegenheit der Misteltherapie gegenüber der Kontrollgruppe zeigen (Brustkrebs: [892], Verschiedene: [893]) solchen Studien gegenüber, in denen kein positiver Effekt der Misteltherapie gegenüber der Kontrolle gezeigt werden konnte (kolorektales Karzinom: [869][870]; Lungenkarzinom: [872]; Nierenzellkarzinom: [879]; verschiedene Tumorentitäten: [894]). In einer Studie zeigte sich eine alleinige Misteltherapie einer Chemoimmuntherapie gegenüber unterlegen [879].

Ein spezifisches, z. T. sehr belastendes Symptom bei fortgeschrittener Krebserkrankung sind rezidivierende Pleuraergüsse. Die intrapleurale Injektion von Mistelextrakt zeigte in zwei kleinen Studien keinen signifikanten Vorteil gegenüber früher üblichen, lokalen Therapien [895][896]. Direkte Vergleiche mit inzwischen gängigeren Therapieverfahren wie der thorakoskopischen Talkumpleurodese oder der langfristigen Insertion getunnelter Pleuradrainagen (Indwelling Pleural Catheter) liegen nicht vor.

Tabelle 11: Misteltherapie und Tumoransprechen, -progression und -rezidive

 

Anzahl Studien (RCT) zu diesem Endpunkt

Anzahl Studien mit positivem Ergebnis

Anzahl Studien ohne positives Ergebnis*

Horneber et al. (2008)

 [863]

7 Studien [897][893][872][869][870][879][894]

2 Studien

(Brustkrebs: [897]; Verschiedene: [893])

5 Studien (Lungenkarzinom: [872]; Kolorektales Karzinom: [869][870]; Nierenzellkarzinom: [879]; Verschiedene: [894])

Freuding et al. (2019)

[885]

1 Studie (Kolokterales Karzinom: [870])

Keine

1 Studie ([870])

*kein Nachweis einer Überlegenheit, oder Unterlegenheit

*

Lebensqualität (zu Empfehlung 7.70)

Die Verbesserung der Lebensqualität ist eine häufige Indikation zur Verordnung einer Misteltherapie. Zur Erfassung der Lebensqualität wurden in den Jahrzehnten zahlreiche Befragungsinstrumente für die Onkologie erarbeitet, standardisiert und validiert. Sie können in generische, krankheitsspezifische und symptomspezifische Instrumente unterteilt werden. In den in den Reviews eingeschlossenen Primärstudien wurden v.a. standardisierte Fragebögen eingesetzt, in einigen älteren Studien finden sich auch Analogskalen z.B. zu Ängstlichkeit, oder heute nicht mehr gebräuchliche bzw. in der Onkologie nicht übliche Messinstrumente. Dadurch ergibt sich in der Bewertung der Lebensqualität über die vielen Tumorentitäten in den verschiedenen Behandlungsphasen hinaus eine weitere Dimension der Komplexität durch unterschiedliche Messinstrumente. Auch das Ausbleiben von zytotoxischen Nebenwirkungen wird in einigen Studien als Element der Lebensqualität erfasst.

Die Lebensqualität wurde in 4 Übersichtsarbeiten behandelt. Die große Mehrzahl der in den Übersichtsarbeiten ausgewerteten Studien zeigten Verbesserungen einigen Gesamtscores und diversen Sub-Skalen, u. a. körperliche, emotionale und funktionale Rolle, Schmerz, Appetit, Übelkeit,  Schlaf, Fatigue, Dyspnoe, Diarrhoe u. a. mit einer signifikanten Überlegenheit der Misteltherapie versus Kontrolle. Die Effekte sind jedoch nicht konsistent über alle Studien. Zu den Studien mit positiven Ergebnissen gehören auch der Einsatz von Mistelpräparaten unter Strahlentherapie, in der onkologischen Rehabilitation und als Monotherapie. Unterschiede zugunsten der Misteltherapie fanden sich bei unterschiedlichen Tumorentitäten (Lungenkarzinom: [871][872]; Gliom: [867]; Brustkrebs: [897][898][899][900][901][888][889][902]; kolorektales Karzinom: [870][903]; Magenkarzinom: [904][905][906]; Osteosarkom: [886]; Magenkarzinom: [907]; Pankreaskarzinom: [908]; verschiedene Tumorentitäten: [874][893][894]). In einer der Studien zum Magenkarzinom führte die Misteltherapie zur Reduktion von Therapie-assoziierten Nebenwirkungen [907].  

In der Konsensuskonferenz wurde intensiv über den Einfluss der Misteltherapie auf Parameter der Lebensqualität, aber auch über die Heterogenität der Daten und die methodischen Schwächen vieler Studien diskutiert. Aus der Diskussion entstand der Konsens, dass die subkutane Gabe von Mistelgesamtextrakt (Viscum album L.) für den therapeutischen Einsatz zur Verbesserung der Lebensqualität bei Patienten mit soliden Tumoren erwogen werden kann.  

Selbstregulierung

Ein eigenes Gebiet bei der Bewertung der Misteltherapie sind Studien zur Selbstregulierung. Das übergeordnete Thema der Patientenautonomie ist gerade in der Onkologie in den letzten Jahren von den Therapeuten zunehmend wahrgenommen und akzeptiert worden. Studien mit dem expliziten Endpunkt einer Verbesserung der Selbstregulierung sind jedoch weitgehend auf den Bereich der Misteltherapie begrenzt. Selbstregulierung kann zu einer verbesserten Lebensqualität führen, ist jedoch kein Bestandteil der international eingesetzten, validierten Fragebögen. Die Steigerung der Fähigkeit zur Selbstregulierung war Endpunkt der Studien von Grossarth-Maticek und Ziegler [875][877][883][881][882]. In allen Studien berichteten die Patienten im Iscador®-Arm über eine bessere Selbstregulierung als die Patienten im Kontrollarm.

Reduktion von Nebenwirkungen antineoplastischer Therapie

Strahlen- und Chemotherapie sind wirksame Elemente einer antineoplastischen Behandlung, aber auch mit kurz-, mittel- und langfristigen Nebenwirkungen belastet. Die Misteltherapie wird zur Reduktion der Nebenwirkungen antineoplastischer Therapie eingesetzt, kann aber potenziell auch Nebenwirkungen verstärken. 

Der Zusammenhang zwischen einer Mistelbehandlung und der Toxizität der Tumortherapie wurde in dem systematischen Review von Horneber et al. (2008) [863] untersucht. In 5 von 8 Studien wurden geringere Toxizitätsraten berichtet [909][869][898][870][894], in dem Review von Freuding et al. (2019) [885] waren es 4 von 7 Studien.

In der Studie von Bar-Sela et al. (2013) beim Lungenkarzinom wurde die Toxizität von Chemotherapie als primärer Endpunkt untersucht wurde [871]. Hier zeigten sich Unterschiede zugunsten des Iscador®-Arms bei den nicht-hämatologischen Nebenwirkungen, bei der Rate der Hospitalisierungen und bei der Anzahl von Patienten, bei denen die Dosis der Chemotherapie aufgrund von Nebenwirkungen reduziert werden musste. Bei der hämatologischen Toxizität fanden sich keine signifikanten Unterschiede, analog zu Untersuchungen zu Studien beim Brustkrebs [908][901].

In den meisten Studien wurde die Reduktion der Toxizität antineoplastischer Therapie nur als sekundärer Endpunkt untersucht.

In der Konsensuskonferenz fand sich keine Mehrheit für eine eigene Empfehlung zum Einsatz zur Reduktion von Nebenwirkungen antineoplastischer Therapie.

Tabelle 12: Mistel und Lebensqualität

 

Anzahl Studien (RCTs) zu diesem Endpunkt

Anzahl Studien mit positivem Ergebnis

Anzahl Studien ohne positives Ergebnis*

Horneber et al. (2008) [863]

14 Studien ([872][867][897][898] Schwiersch (1999) [910][911] Heiny and Albrecht (1997) [874][893][894][909]; [874]; [890])

[Vergleich von Nebenwirkungen: [868]; [869]]

11 Studien

(Lungenkarzinom: [872]; Gliom: [867]; Brustkrebs: [897][898] Schwiersch (1999) [910][911]; Kolorektales Karzinom: Heiny and Albrecht (1997); Verschiedene: [874][893][894])

[Vergleich von Nebenwirkungen: [868][869]]

3 Studien

(Mamma-karzinom: [909][874]; Kopf- und Hals-Karzinom: [890])

Freuding et al. (2019) [864]

17 Studien [875][910][911][901][889][908][888]Heiny 1997 [899][871][877][886][907][883][882]Tröger 2014; Piao 2014; Steuer-Vogt 2006; Grossarth 2006b)

15 Studien

(Brustkrebs: [875][Selbstregulation]; [910][911][901][889][900][888]; Kolon: Heiny 1997 [899]; Lunge: [871]; Melanom: [877][Selbstregulation]; Osteosarkom: [886] [nur Innergruppenvergleiche]; Magen: [907]; Cervix: [883] [Selbstregulation]; Uterus: [882] [Selbstregulation]; Pankreas: [908]; Gemischte Diagnosen: Piao 2014

2 Studien (Steuer-Vogt 2006; Grossarth 2006b [Selbstregulation])

 

Kienle et al. (2010) [912]

24 RCTs ([868][872][906][904][901][910][913][910]Piao et al., 2004 [898] Lange et al., 1985 [899][905][874][875][877][882][883][881][874]Borrelli et al., 2001 [909][890] Büssing et al., 2008  [878])

[Vergleich von Nebenwirkungen: Kim et al., 1999]

22 Studien

(Mistel+CTx: [868]; EORTC-QLQ-C30: Magen: [904]; Brustkrebs: [901]; FACT-G: Brustkrebs: [911]; FACT-V: Colon, Heiny 1998; GLQ-8 & Spitzer Uniscale: Brustkrebs: [910]; FLIC: Brustkrebs: Piao et al., 2004; QoL Index + Anxiety Index: Brustkrebs: [898]; Mistel+ RTx: Spitzer Lebensqualität Index: Gliom: [899]; perioperativ: KPS: Magen: [905]; Selbstregulations-Erhebungsbogen: Brustkrebs: [874][875]; Ovar: [877]; Uterus: [882]; Melanom: [883]: Zervix: [883]; Mistel ohne Angabe der Behandlungsphase: diverse Entitäten: [874]; Spitzer Scale: Brustkrebs: Borelli et al., 2001; Subjektive Einschätzung der Besserung der Lebensqualität: Kleinzelliges Lungenkarzinom: [872])

Ohne p-Wert oder weitere Angaben: [906]

[Vergleich von Nebenwirkungen: Kim et al., 1999]

Unklar: Brustkrebs: Lange et al., 1985

4 Studien

(Steuer-Vogt et al., 2001 [909][890][891] Büssing et al., 2008 [878] [keine Daten])

Büssing et al. (2012) [866]

9 Studien [874][914][876][877][883][881][882][902]([897] & [872] aus Analyse ausgeschlossen)

9 Studien [874][914][875][876][877][883][881][882][902]

([897] & [872] aus Analyse ausgeschlossen)

Keine Studien

* kein Nachweis einer Überlegenheit, oder Unterlegenheit


 

Nebenwirkungen

Art, Häufigkeit und Intensität von Neben- und Wechselwirkungen der Misteltherapie sind Gegenstand der relevanten, bereits oben beschriebenen Übersichtsarbeiten. Deren Ergebnisse, Ergebnisse aus neueren Studien und relevante Einzelbeobachtungen können folgendermaßen zusammengefasst werden:

Die häufigsten unerwünschten Ereignisse sind Hautreaktionen an der Injektionsstelle (Pruritus, Urticaria, Rötung ø ≤ 5cm). Schwere unerwünschte Ereignisse, die der Misteltherapie zuzuordnen sind, sind selten. In mehreren großen Übersichtsarbeiten wurden keine schwerwiegenden, unerwünschten Ereignisse beim Einsatz von Mistelpräparaten bei Krebspatienten beschrieben [863][865]. In einer Übersicht liegt die Rate schwerer, unerwünschter Ereignisse der Misteltherapie < 1% [885].

Bisher gibt es keine Hinweise auf eine erhöhte Rate schwerer unerwünschter Ereignisse bei gleichzeitigem Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren [915].

Als sehr seltene Nebenwirkungen sind beschrieben: Hypersensitivitäts- und anaphylaktische Reaktion [916][917], Verstärkung von Autoimmunreaktionen, lokales Lymphominfiltrat an der Injektionsstelle [918].

Tabelle 13: Übersicht zu Studien-Überschneidungen der eingeschlossenen Reviews

                   

Horneber (2008)

 [863]

Kienle (2009) [912]

Kienle (2010)

[865]

Ostermann (2020)

[862]

Büssing (2012) [866]

Freuding

(2019)

[885]

Auerbach (2005) [909]

X

X

X

 

 

 

Bar-Sela (2013) [871]

 

 

 

X

 

X

Borelli (1999) [919]

X

 

 

 

 

 

Borelli (2001) [892]

 

X

X

 

 

 

Büssing (2008) [920]

 

X

X

 

 

 

Cazacu (2003) [868]

X

 

X

 

 

X

Dold (1991) [872]

X

 

X

X

X

 

Douwes (1986) [869]

X

 

 

 

 

 

Eisenbraun (2009) [904]

 

 

X

 

 

 

El-Kolaly (2016) [895]

 

 

 

 

 

X

Enesel (2005) [905]

 

 

X

 

 

 

Gaafar (2014) [896]

 

 

 

 

 

X

Goebell (2002) [887]

X

 

 

 

 

X

Grossarth-Maticek (2001a) [914]

X

X

X

 

X

 

Grossarth-Maticek (2001b) [874]

X

X

X

X

X

 

Grossarth-Maticek  (2006a) [875]

 

X

X

X

X

X

Grossarth-Maticek (2006b) [876]

 

 

 

 

 

X

Grossarth-Maticek (2007a) [877]

 

X

 

X

X

X

Grossarth-Maticek (2007b) [883]

 

X

X

X

X

X

Grossarth-Maticek (2007c) [881]

 

X

X

X

X

X

Grossarth-Maticek (2008) [882]

 

X

X

X

X

X

Gutsch (1988) [921]

 

X

 

 

 

 

Heiny (1991) [898]

X

X

X

 

 

 

Heiny (1997) [870]

X

 

X

 

 

X

Heiny (1998) [913]

 

 

X

 

 

 

Kim (1999) [922]

 

X

X

 

 

 

Kim (2012) [907]

 

 

 

 

 

X

Kleeberg (2004) [878]

X

 

X

X

 

X

Lange (1985) [923]

 

X

X

 

 

 

Lange (1988) [924]

           

Lange (1993) [925]

X

 

 

 

 

 

Lenartz (1996) [899]

 

 

 

X

 

 

X

Lenartz (2000) [867]

X

 

 

 

 

X

Longhi (2009) [906]

 

 

X

 

 

 

Longhi (2014) [886]

 

 

 

X

 

X

Lümmen (2001) [879] 

X

 

 

 

 

 

Piao (2004) [894]

X

X

X

 

 

X

Salzer (1983) [884]

X

 

 

X

 

 

Salzer (1991) [873]

X

 

 

X

 

 

Schwiersch (1999) [926]

X

 

 

 

 

 

Semiglasow (2004) [910]

X

X

X

 

 

X

Semiglasow (2006) [911]

X

X

X

 

 

X

Steuer-Vogt (2001) [890]

X

 

X

 

 

X

Steuer-Vogt (2006) [891]

 

 

X

 

 

X

Tröger (2009) [901]

 

X

X

 

 

X

Tröger (2012) [889]

 

 

 

 

 

X

Tröger (2013) [880]

 

 

 

X

 

X

Tröger (2014a) [908]

 

 

 

 

 

X

Tröger (2014b) [900]

 

 

 

 

 

X

Tröger (2016) [888]

 

 

 

 

 

X

v. Hagens (2005) [902]

 

 

 

 

X

 

 

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung  wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG), der Forschungsgruppe der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte und der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen unter Leitung von Dr. Petra Klose und Dr. Holger Cramer sowie den Mitgliedern der Arbeitsgruppe E dieser Leitlinie durchgeführt.

7.19.12 Johanniskraut

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.71 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen keine Studien vor, die die Wirksamkeit von Johanniskraut auf die Depressivität von onkologischen Patienten untersuchten.

In Anlehnung an die NVL Depression kann die folgende Empfehlung für onkologische Patienten gegeben werden:

Johanniskrautpräparate sind konventionellen Medikamenten in der Behandlung der leichten bis mittelschweren Depression nicht unterlegen. Patienten, die auf Wunsch Johanniskraut einnehmen, sollen über die unterschiedliche Wirkstärke der verfügbaren Zubereitungen und die sich daraus ergebenden Unsicherheiten von Johanniskraut mit hohem Gehalt an Hyperforin informiert werden. Sie sollen ebenfalls aufgeklärt werden über mögliche schwere Wechselwirkungen von Johanniskraut mit hohem Gehalt an Hyperforin mit anderen Medikamenten (siehe Onkopedia für Details)

Konsens
Starker Konsens
Literatur
[927]

Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum L.; engl. St. John’s Wort) ist in Europa, Westasien, auf den Kanarischen Inseln, in Nordafrika heimisch und in vielen anderen Ländern verbreitet. Sowohl die Blätter als auch die gelben Blütenblätter des Tüpfel- Johanniskrautes weisen eine charakteristische, durchscheinende Punktierung auf. Die drüsigen Ölbehälter der Blüten erscheinen durch die darin enthaltenen Naphthodianthrone (Hypericine) schwarz. Des Weiteren sind in Johanniskraut u.a. Phloroglucinoke (Hyperforine) und Favonoide enthalten, die zur Wirkung beitragen.

Johanniskraut wird in Deutschland vor allem als zugelassenes Arzneimittel genutzt, aber auch als Lebensmittelzutat mit Aromaeigenschaften und als Augsgangsstoff für Aromen [821].

Für die Zubereitung von Arzneimitteln werden die getrockneten, blühenden Triebspitzen mit Blüten, Blättern und Stängel genutzt [928].

Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) hat für die EU folgende Johanniskraut-Extrakte für die Behandlung leichter und mittelschwerer Depressionen (entsprechend ICD-10) sowie zur kurzzeitigen symptomatischen Therapie bei leichter depressiver Verstimmung anerkannt („well-etablished use“):

1.     Methanolischer (80% v/v) Trockenextrakt (DER 3-7:1)

2.     Äthanolischer (80% v/v) Trockenextrakt (DER 3-6:1)

3.     Äthanolischer (50-68% v/v) Trockenextrakt (DER 2.5-8:1)

Weitere Johanniskrautextrakte haben in der EU den Status als traditionelles Arzneimittel erhalten. Sie werden oral zur Linderung von vorübergehender mentaler Erschöpfung bzw. lokal in Form von Tinkturen verschiedener Stärke sowie als Auszug mit Pflanzenölen zur Behandlung leichter Hautentzündungen (z.B. Sonnenbrand) oder zur Heilung kleiner Wunden angewendet [929].  

Infolge der Verwendung unterschiedlicher Extraktionsprozesse und Lösungsmittel zeigen Johanniskrautpräparate eine große Heterogenität beim Gehalt bioaktiver Substanzen (wie z.B. Hyperforin und Hypericin [930]). Dies erschwert die Vergleichbarkeit klinischer Studien sowie die Bewertung der genauen Wirkungsweise einzelner bioaktiver Substanzen. Ergebnisse von Studien und Fallberichten zu Nebenwirkungen und Interaktionen sind insbesondere, wenn die Johanniskrautzubereitung nicht genau spezifiziert wird, mit großer Vorsicht zu interpretieren.

Es liegt eine große Anzahl randomisierter, kontrollierter klinischer Studien vor, welche sich mit der Wirksamkeit von Johanniskrautextrakten bei den oben genannten Indikationen, möglichen Nebenwirkungen und den Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln befassen. Klinische Studien, welche die Anwendung von Johanniskraut in der onkologischen Therapie untersuchen, existieren bisher nicht.

Experimentelle Versuche weisen auf eine antikanzerogene Wirkung des Johanniskrautes hin. Bestandteile des Johanniskrautes können eine Stimulierung der Caspase-Aktivierung bewirken und somit die Apoptose maligner Zellen induzieren. Zudem hemmen Inhaltsstoffe des Johanniskrautes in vitro das Wachstum von Leukämie-, Glioblastom-, Melanom-, Spinaliom-, Gallenblasenkarzinomzellen sowie von menschlichen Astrozyten. In einer weiteren experimentellen Studie induzierte Hypericin eine Hemmung der Proteinkinase C, was in einer Wachstumshemmung von Tumorzellen resultierte. Des Weiteren werden starke antioxidative und zytotoxische Wirkungen des Johanniskrautes auf maligne Zellen beschrieben [931].

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen von Johanniskraut treten in der Regel selten auf [930]. Am häufigsten werden gastrointestinale Beschwerden angegeben, selten allergische Hautreaktionen, Müdigkeit oder Unruhe [932]. Johanniskraut besitzt des Weiteren photosensibilisierende Eigenschaften. Vor allem hellhäutige Personen können daher mit einer erhöhten Lichtempfindlichkeit der Haut gegenüber intensiver UV-Bestrahlung (lange Sonnenbäder, Höhensonne, Solarium) mit Missempfindungen (Kribbeln, Schmerz- und Kälteempfindlichkeit, Brennen) und Rötung der bestrahlten Hautareale oder sogar einer subakuten Neuropathie reagieren. Die Häufigkeit ist nicht bekannt  [928]. In Einzelfällen wurden photosensitive Reaktionen nach topischer Anwendung oder oraler Einnahme von Johanniskraut in Verbindung mit Strahlentherapie, Erythrodermie unabhängig von Sonnenexposition, ein Anstieg der Prothrombinzeit, Manie bei bestehender bipolarer Störung, Hypotonie im Rahmen einer Vollnarkose ohne allergische Reaktion oder Abfall der Libido (Normalisierung nach Absetzen des Präparates) beschrieben [654]. 

Wechselwirkungen:

Johanniskraut erhöht klinisch relevant die Aktivität des Cytochrom-P450-Subtyps CYP3A4, die Bedeutung der Induktion von CYP2C9 und CYP2C19 ist eher fraglich [928]. Somit kann es zu Wirkungsabschwächungen von Arzneimitteln kommen, insbesondere solchen, die von CYP3A4 metabolisiert werden [932]. Johanniskraut erhöht die Aktivität von p-Glykoprotein, das für den transmembranösen Transport wichtig ist [932]. Verantwortlich für diese Wechselwirkungen ist das Hyperforin. Es induziert Dosis-abhängig die Aktivität von CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 und p-Glykoprotein über die Aktivierung der Pregnan-X-Rezeptor (PXR)-Systeme. Dementsprechend wurden klinisch relevante Wechselwirkungen durch hyperforinarme Johanniskrautextrakte in bisher vorliegenden Untersuchungen kaum beschrieben [933]. Eine weitere Klärung durch gezielte Studien ist wünschenswert.

Im Folgenden werden relevante Wechselwirkungen - nach Arzneimittelgruppen geordnet - aufgeführt.

Antikoagulantien:

Warfarin wird hauptsächlich durch CYP1A2, CYP3A4 und CYP2C19A metabolisiert und ist mit Phenprocoumon strukturverwandt. Klinische Studien zeigen eine Reduktion des INR (International Normalized Ratio) bei gleichzeitiger Verabreichung von Warfarin oder Phenprocoumon [932].

Zusammenfassend sind bei den folgenden Präparaten Interaktionen bekannt [932][934][935]: Clopidogrel, Phenprocoumon, Warfarin.

Lipidsenker:

Die Statine Simvastatin und Atorvastatin werden durch CYP3A4 metabolisiert und durch P-Glycoprotein transportiert. Johanniskraut bewirkt bei gesunden Erwachsenen einen Abfall der Plasmakonzentration von Simvastatin und reduziert die Wirksamkeit von Atorvastatin bei Patienten mit hohem Cholesterinspiegel. Durch die gleichzeitige Einnahme von Johanniskrautextrakt können die Serumspiegels von LDL (Low-density Lipoprotein) und Gesamtcholesterin im Vergleich zur Kontrollgruppe (Placebo) signifikant erhöht werden [932].

Antiretrovirale Arzneistoffe:

Die gleichzeitige Behandlung mit Johanniskraut und Indinavir oder Nevirapin kann zum Wirkungsverlust dieser antiretroviralen Arzneistoffe führen. Indinavir ist ein Substrat von CYP3A4. Eine hochrangig publizierte Studie mit n=8 gesunden Probanden zeigte, dass die gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut und Indinavir zu einer Reduktion der Plasmakonzentration von Indinavir um 57% des AUC-Wertes über 8 Stunden ((AUC)0-8, Area under the curve) führt [932][936]. Für Nevirapin (ein Substrat für CYP3A4 und CYP2B6) sind fünf Fälle von erhöhter Clearance nach Johanniskrautgabe beschrieben [932].

Zusammenfassend wurden für Indinavir, Fosamprenavir, Amprenavir und Nevirapin Interaktionen mit Johanniskrautextrakten beschrieben [932][934][935].

Des Weiteren zeigen sich klinisch relevante Interaktionen mit Omeprazol und klinisch vermutlich nicht relevante Wechselwirkungen mit dem antiinflammatorisch wirkenden Fexofenadin.

Zytostatika:

Die Zytostatika Irinotecan und Imatinib sind Substrate von CYP3A4. In einer unverblindeten, randomisierten Crossover-Studie wurden fünf Patienten mit Tumoren unterschiedlicher Entitäten (kolorektale Tumoren, Bronchialkarzinome, Sarkome) mit Irinotecan und abwechselnd mit und ohne Johanniskraut behandelt. Die Plasmakonzentration der aktiven Metabolite SN-38 sank um 42% nach der Behandlung mit Johanniskraut [937]. In zwei weiteren Studien stieg die Imatinib Clearance nach der Einnahme von Johanniskraut an, wodurch sich die Wirksamkeit des Zytostatikums reduzierte [938]. Auch für Sorafenib und Larotrectinib wurden relevante Interaktionen beschrieben [935].

Hormonell wirksame Arzneimittel:

Die Einnahme von Johanniskraut kann zu einer Senkung der Plasmakonzentration der Wirkstoffe oraler hormoneller Kontrazeptiva führen, wodurch es bereits nach einwöchiger Einnahme von Johanniskraut zu Zwischenblutungen kommen kann. Zudem wurden in Großbritannien, Deutschland und Schweden ungewollte Schwangerschaften nach der gleichzeitigen Einnahme von Johanniskraut mit oralen hormonellen Kontrazeptiva berichtet.

Auch für Finasterid, einem 5α-Reduktaseinhibitor, wurde eine klinisch relevante Interaktion mit Johanniskraut beschrieben [939].

Zusammenfassend sind bei folgenden Präparaten Interaktionen bekannt [932][934][935]: Methotrexat, orale Verhütungsmittel, Tibolon.

Immunsuppressiva:

Immunsuppressiva sind vor allem bei der Behandlung von Transplantationspatienten von großer Bedeutung. Patienten mit Herz-, Leber- oder Nierentransplantation zeigten einen klinischen Abfall des zuvor stabilen Cyclosporin-Spiegels nach der Einnahme von Johanniskrautextrakt. Dies gilt allerdings nur für Johanniskrautpräparate mit hohem Hyperforingehalt [940]. Weiter bewirkt Johanniskraut bei gesunden Probanden und Patienten mit Nierentransplantation, welche Tacrolimus (ein CYP3A4- und P-Glykoproteinsubstrat) einnahmen, einen Abfall der Tacrolimuskonzentration im Blut [932]. Zwei Patienten zeigten zudem Abstoßungsreaktionen nach Herztransplantation, welche auf die Einnahme von Johanniskraut zurückzuführen sein könnten. Bei weiteren 45 Fällen von Leber- oder Nierentransplantationen wurden Episoden von Abstoßungen und Reduktionen des Cyclosporinspiegels (im Mittel um 49%) [935]. 

Zusammenfassend sind bei den folgenden Präparaten Interaktionen bekannt [932][934][935]: Cyclosporin, Tacrolimus.

Kardiovaskuläre Medikamente:

Der Kalziumantagonist Verapamil wird von CYP3A4 metabolisiert. Die Einnahme von Johanniskraut kann die Wirkung von Verapamil stark reduzieren [932].

Zusammenfassend sind für folgende Präparate Interaktionen bekannt [932][934][935]: Ambrisentan, Debrisoquin, Digoxin, Ivabradin, Phenprocoumon, Rivaroxaban, Verapamil, Warfarin.

Zentrales und Peripheres Nervensystem/ Antidepressiva

Johanniskraut interagiert mit 5-HT Wiederaufnahmeinhibitoren wie Paroxetin, Sertralin, Venlafaxin und Nefazodon und kann ein zentrales Serotoninsyndrom (mit Symptomen wie z. B. Übelkeit, Erbrechen, Angst, Ruhelosigkeit, Verwirrtheit) hervorrufen. Die Einnahme von Johanniskraut führte zudem in einer klinischen Studie zu einer signifikanten Reduktion der Konzentration von Amitriptylin [932]. Bei fünf älteren Patienten, die verschreibungspflichtige Antidepressiva mit Johanniskraut kombinierten, wurde das zentrale Serotoninsyndrom diagnostiziert [654].

Zusammenfassend sind bei den folgenden Präparaten Interaktionen bekannt [932][934][935]: Amitriptylin, Benzodiazepine, Buspiron, Chlorzoxazon, Methadon, Midazolam, Oxycodon, Sertralin, Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRIs): Venlafaxin, Sertralin, Paroxetin, Nefazodon; Triptane, Zolpidem.

Toxizität

Aufgrund der langjährigen medizinischen Anwendung liegt eine genügend nachgewiesene Anwendungssicherheit beim Menschen vor. Studien zur akuten Toxizität und zur Toxizität bei wiederholter Verabreichung von alkoholischen Johanniskrautextrakten zeigten keine Anzeichen toxischer Wirkungen.

Kontraindikationen

Johanniskraut darf nicht gleichzeitig mit Arzneimitteln angewendet werden, die einen der folgenden Wirkstoffe bzw. einen Wirkstoff aus einer der folgenden Stoffgruppen enthalten:

Immunsuppressiva wie Ciclosporin, Tacrolimus zur innerlichen Anwendung, Sirolimus; Antiretrovirale Arzneimittel: Protease-Inhibitoren wie Indinavir, Fosamprenavir, Amprenavir oder Nevirapin; Zytostatika wie Imatinib, Irinotecan. Johanniskraut darf nicht bei Krankheiten oder Behandlungen, die eine Überempfindlichkeit der Haut gegenüber Licht zur Folge haben, angewendet werden (z. B. kutane Porphyrie, PUVA) [654].

Anwendungsbeschränkungen:

Vor der Anwendung eines Hypericum-Präparates sind die Art der Interaktionen mit anderen Arzneimitteln und die Konsequenzen zu bedenken.

Bei gleichzeitiger Verabreichung mit Antikoagulantien vom Cumarin-Typ sollten die Blutgerinnungswerte regelmäßig kontrolliert werden.

Bei Frauen, die orale hormonelle Kontrazeptiva anwenden und gleichzeitig ein Johanniskrautpräparat einnehmen, können Zwischenblutungen als Folge einer Wechselwirkung auftreten; die Sicherheit der hormonellen Empfängnisverhütung kann herabgesetzt sein, so dass zusätzliche empfängnisverhütende Maßnahmen ergriffen werden sollten.

Vor geplanten operativen Eingriffen mit Voll- oder Teilnarkose sollten mögliche Wechselwirkungen mit verwendeten Präparaten identifiziert werden. Falls erforderlich, sollte Johanniskraut abgesetzt werden. Nach dem Absetzen normalisieren sich die veränderten Enzymaktivitäten innerhalb 1 Woche.

Während der Anwendung von Johanniskraut sollte eine intensive UV-Bestrahlung (lange Sonnenbäder, Höhensonne, Solarium) vermieden werden.

Johanniskraut soll bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren und bei Schwangeren sowie während der Stillzeit nicht angewendet werden, da für diese Personengruppen keine ausreichenden Untersuchungen vorliegen.

Für konkrete Dosierungsempfehlungen bei eingeschränkter Nieren-/Leberfunktion gibt es keine hinreichenden Daten. Die Dauer der Anwendung ist grundsätzlich nicht begrenzt [654].

Die Einnahme von Johanniskraut von Kindern sollte nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen [821].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Johanniskraut wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.13 Katzenkralle

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.72 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen keine Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Katzenkralle auf Mortalität, Morbidität und Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Katzenkralle bei onkologischen Patienten gegeben werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Katzenkralle ist eine Lianen-Art, die in den tropischen Gebieten Mittel- und Südamerikas wild wächst. Ihre Dornen ähneln den Krallen einer Katze.

Die Rinde und Wurzeln werden in der traditionellen Medizin zur Behandlung verschiedener Erkrankungen (Magen-Darm, Entzündungen) verwendet und als Nahrungsergänzungsmittel zur Behandlung von z.B. Virusinfektionen, Alzheimer, Krebs, Arthritis, Divertikulitis, Magengeschwüren, Kolitis, Gastritis, Hämorrhoiden angeboten.

In der de novo Recherche sowie in der Aktualisierung 2022 wurden keine für die Leitlinie geeigneten hochwertigen Studien zur Wirksamkeit von Katzenkralle gefunden. Aufgrund dessen wurde auf die Formulierung und Konsentierung von Empfehlungen bzw. Statements auf Grundlage von Studien verzichtet.

In-vitro-Studien zeigen, dass Bestandteile dieser Pflanze die Phagozytose verstärken, immunmodulatorische, antivirale und antimutagene Eigenschaften aufweisen und Entzündungen lindern.

Es wurde auch gezeigt, dass Katzenkralle antitomorogene Effekte gegen mehrere Krebszelllinien [941][942][943][944] und antineoplastische Wirkungen in einem Brusttumor-Modell [945] ausgeübt hat. Es wurde auch berichtet, dass sie gesunde hämatopoetische Gewebezellen stimuliert und Nebenwirkungen, die mit einer Chemotherapie verbunden sind, verringert [946].

In einer Studie an Brustkrebspatientinnen und einer Studie mit Patienten mit Kolorektal-karzinom reduzierte Katzenkralle die Nebenwirkungen der Chemotherapie [947][948]. Santo Araujo et al. (2012) haben n = 40 Brustkrebspatientinnen (Stadium II, post OP) abwechselnd in die Gruppe, die zusätzlich zur Chemotherapie Katzenkralle (6 Zyklen, 300mg/Tag/oral) und in die Gruppe, die nur Chemotherapie erhielt, zugeordnet [948]. Gemessen wurden Veränderungen der Leukozyten, Neutrophile, Lymphozyten, Monozyten, Immunstatus: Die Neutropenie wurde signifikant verringert, die Zahl der Lymphozyten, Monozyten, Leukozyten war in der Katzenkrallen-Gruppe nach dem 3. Zyklus signifikant höher. Interleukin und T-Zellen unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht.

Farias et al. (2012) haben n = 43 Darmkrebspatienten unter 6 Zyklen FOLFOX4 Therapie zwei Gruppen zugeordnet, die entweder nur Chemotherapie oder zusätzlich täglich 300mg Katzenkralle (oral) erhielt [947]. Verglichen wurden die Veränderungen des Serum Proteins, Lipidperoxidation, Interleukin, T-Zellen u.a. Es ergaben sich keine signifikanten Gruppenunterschiede.

In der Beobachtungsstudie von de Paula et al. (2015) konnte die Lebensqualität bei n = 64 Patienten mit weit fortgeschrittenem Krebs verbessert werden [949]. 300mg Katzenkralle (oral) wurde täglich über 8 Wochen eingenommen. Die allgemeine Lebensqualität, gemessen mit dem EORTC QLQ C-30, stieg signifikant an, ebenso verbesserte sich die Fatigue, weitere Parameter (Schlaf, Gewicht, Appetit etc.) blieben unverändert. Erhobene Laborparameter zeigten ebenfalls keine Veränderung.

Eine Studie ergab, dass Katzenkrallenextrakt das Überleben pädiatrischer Leukämiezellen stimuliert [950], was darauf hindeutet, dass dieses Phytoarzneimittel möglicherweise nicht für alle Krebsarten sicher ist.

Nebenwirkungen von Katzenkralle sind selten und meist im Gastrointestinalen Bereich angesiedelt [951].

Katzenkralle interagiert mit Antikoagulanzien und Antihypertensiva [951], und Katzenkralle hemmt CYP3A4 in vitro, was darauf hinweist, dass es die Serumspiegel von Arzneimitteln wie Nicht-Nukleosidische-Reverse-Transkriptase-Inhibitoren, Cyclosporin und einigen Benzodiazepinen erhöhen kann [952]. Die klinische Relevanz dieser Wechselwirkungen ist jedoch nicht bekannt.

Katzenkralle kann zudem die Serumkonzentrationen von Atazanavir, Ritonavir und Saquinavirn bei AIDS-Patienten erhöhen [953].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Katzenkralle wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.14 Leinsamen

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.73 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Leinsamen auf den Krankheitsverlauf beim Prostatakarzinom vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz von Leinsamen mit dem Ziel, den Krankheitsverlauf beim Prostata-Karzinom zu beeinflussen, gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[954] [955]
Evidenztabellen (2)Dalais et. al. (2004); Demark-Wahnefried et. al. (2008)

Leinsamen (Linum usitatissimum L., semen; engl. Linseed, Flaxseed) sind die Samen des Gemeinen Leins (Linum usitatissimum L). Sie werden reif für den medizinischen Gebrauch geerntet [956]. Die Samenschale enthält bis zu 6% Schleimstoffe, die sich insbesondere aus Polysacchariden zusammensetzen, und 4-7% unlösliche Ballaststoffe. Die Samen enthalten 20-27% Eiweiß und 30-45% fettes Öl, das vor allem aus Ölsäure, Linolsäure und der kurzkettigen ω-3 Fettsäure α-Linolensäure besteht [957].

Leinsamen enthalten in ihren Randschichten zudem die schwach antioxidativ wirksamen Lignane Secoisolariciresinoldiglucosid (369 mg/100g) und Matairesinol (1 mg/100g), die durch Colonbakterien zu den Säugetier-Lignanen Enterodiol und Enterolakton metabolisiert und dann resorbiert werden [957][958]. Lignane haben phytoöstrogene Wirkungen. Phytoöstrogenen wird eine mögliche protektive Wirkung gegenüber verschiedenen Östrogen-abhängigen Erkrankungen oder Beschwerden wie Brustkrebs, Menopausensymptome, kardiovaskuläre Erkrankungen und Osteoporose zugesprochen. Diese Erkenntnisse beruhen auf epidemiologischen Daten, die zeigen, dass oben genannte Symptome oder Krankheiten in Ländern mit hohem Verzehr an Phytoöstrogenen seltener auftreten als in Ländern mit geringer Aufnahme dieser. Studien, welche diese epidemiologischen Daten im Hinblick auf eine positive gesundheitliche Wirkung von Phytoöstrogenen prüfen, beziehen sich jedoch größtenteils auf Soja-Isoflavone. Die epidemiologische Datenlage mit speziellem Fokus auf Lignane ist gering [958].

Es gibt erste Hinweise darauf, dass Lignane des Leinsamens das Wachstum von insbesondere hormonsensitiven Tumoren, d.h. der Brust, des Endometriums und der Prostata hemmen könnten [957][958]. Diese Ergebnisse müssen jedoch in qualitativ hochwertigen klinischen Studien überprüft werden.

Leinsamen werden als Quellstoff traditionell zur Behandlung von Obstipation eingesetzt [959][928]. Diese Eigenschaft wird vor allem dem im Leinsamen enthaltenen hohen Anteil an löslichen und unlöslichen Ballaststoffen (ca. 28 g Ballaststoffe pro 100 g Leinsamen) zugesprochen. Zur Gruppe der löslichen Ballaststoffe zählen vor allem die Schleimstoffe, welche sich zum größten Teil aus den Zuckern Xylose, Galaktose und Galakturonsäure zusammensetzen. Die Schleimstoffe binden im Darmtrakt Wasser und quellen auf, wodurch sich das Volumen des Darminhaltes vergrößert. Ein voluminöser Stuhl regt die Bewegungen des Darms an, was wiederum den Weitertransport der Nahrungsreste und ihre Ausscheidung beschleunigt. Zusätzlich bewirkt das in den Leinsamen enthalten Öl einen beschleunigten Weitertransport des Darminhaltes [960]. Zu den unlöslichen Ballaststoffen zählen vor allem die Zellulose und das Lignin. Unlösliche Ballaststoffe binden deutlich weniger Wasser als lösliche. Sie werden jedoch von Bakterien kaum abgebaut, wodurch sie das Stuhlvolumen vergrößern [957][960].

Ganze Leinsamen passieren oft ohne Veränderung den Magen-Darm-Trakt, wohingegen die enthaltenen Inhaltsstoffe in geschroteten Samen ihre Wirkung direkt entfalten können [960].

Laut der HMPC Monographie ist die medizinische Verwendung von Leinsamen für Verstopfung und für Ansätze, bei denen ein weicher, leicht passierbarer Stuhl erwünscht wird, sowie für die Linderung milder gastrointestinaler Beschwerden gut etabliert („well-established“) [959]. In Deutschland liegen Leinsamen als Arzneistoff (traditionelles Arzneimittel), als Nahrungsergänzungsmittel mit einer Mengenbegrenzung, und als Lebensmittel vor [821].

Mortalität (zu Statement 7.73)

Zwei RCTs liegen vor, die sich mit der Wirksamkeit eines erhöhten Konsums von Leinsamenpräparaten auf den PSA-Verlauf bei Patienten mit Prostatakrebs beschäftigen [954][955]. Klinische Endpunkte wurden nicht untersucht.

Demark-Wahnefried et al. (2008) untersuchten die Wirkung einer mit Leinsamen ergänzten Diät (30 g/Tag) sowie einer fettarmen Diät (< 20% der Kalorienzufuhr aus Fetten) auf die Tumorproliferationsrate bei Männern mit Prostatakrebs (n=161) [955]. Die Studienteilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen eingeteilt: 1) leinsamenreiche Diät, 2) fettarme Diät, 3) Kombination aus fettarmer und leinsamenreicher Diät, oder 4) gewöhnliche Ernährung. Nach durchschnittlich 30 Tagen zeigten Patienten, die ihre Ernährung mit Leinsamen ergänzten, niedrigere Tumorproliferationsraten (p < 0,002). Einige Patienten gaben Übelkeit, Durchfall, Libidoverlust/Impotenz und allergische Reaktionen als Nebenwirkungen an. Diese waren unabhängig vom Behandlungsarm.

In einer randomisierten, kontrollierten Studie von 2004 wurde die Wirkung des Verzehrs von unterschiedlichen Mengen an Phytoöstrogenen auf verschiedene biologische Prostatakarzinommarker bei Männern mit diagnostiziertem Prostatakarzinom untersucht, bei denen eine radikale Prostatektomie geplant war [954]. Die Phytoöstrogene waren in Brot enthalten, von welchem jeder Teilnehmer 4 Scheiben pro Tag konsumierte. Die Studienteilnehmer verzehrten entweder 50 g hitzebehandelten Sojagries pro Tag (enthalten in einem Sojabrot), oder 50 g hitzebehandelten Sojagries und 20 g Leinsamen pro Tag (enthalten in einem Soja-Leinsamenbrot) oder ein Weizenbrot. Der Verzehr von Sojabrot (hoher Phytooestrogengehalt) senkte den Wert des prostataspezifischen Antigens (PSA) um 12,7%, während das Weizenbrot (niedriger Phytoöstrogengehalt) den PSA-Wert um 40% erhöhte (p = 0,02; n = 8 pro Gruppe). Patienten, welche das Soja-Leinsamenbrot erhielten (n = 10), zeigten im Vergleich zu Patienten der Gruppe, welche das Sojabrot ohne Leinsamen zu sich nahmen, einen signifikanten Unterschied im freien Androgen-Index (= Testosteron x 100% / Sexualhormon-bindendes Globulin; 16,4% vs. -15,5%; p = 0,04), sowie im prozentualen Unterschied des Verhältnisses von freiem zu gesamtem PSA (27,4% vs. -10%; p=0,007). Es wurde nicht berichtet, ob die Patienten das Brot durch andere Lebensmittel in ihrer Ernährung ersetzten oder zusätzlich zu ihrer üblichen Ernährung konsumierten. Die Einhaltung der Interventionen wurde durch die Lignan-Konzentration im Urin überprüft. Diese Studie mit einer kleinen Stichprobe an männlichen Probanden gibt erste Hinweise darauf, dass der Konsum von Lebensmitteln mit einem hohen Phytoöstrogengehalt zu einem niedrigeren Risiko für die Entstehung und Progression des Prostatakrebs beitragen könnte.

Morbidität

Es wurde keine Empfehlung zu diesem Endpunkt formuliert, die Ergebnisse der Evidenz werden dennoch im Folgenden erläutert.

Eine Studie (RCT) wurde eingeschlossen, welche die Wirkung eines Leinsamenextrakts auf die strahlungsinduzierte Xerostomie (trockener Mund) bei Patienten mit Tumoren im Kopf- oder Halsbereich untersuchte [961].

Andersson et al. (1995) führten eine Crossover-RCT mit Patienten (n = 20) durch, die sich einer Strahlentherapie wegen Tumoren im Kopf- oder Halsbereich unterzogen [961]. Über einen Zeitraum von drei Wochen verwendete die eine Hälfte der Studienteilnehmer einen Speichelersatz aus Leinsamenextrakt, während die restlichen Teilnehmer ein Natriumcarboxymethylcellulose-Präparat (MAS-84) anwandten. Auf die dreiwöchige Benutzung der Speichelersatzpräparate folgte eine einwöchige „Wash-out“-Phase, in welcher der Speichelersatz durch Wasser ersetzt wurde. Es folgten drei weitere Wochen unter der Verwendung des jeweils anderen Produktes. In dieser RCT konnte gezeigt werden, dass sowohl der Leinsamenextrakt (p < 0,001) als auch das Natriumcarboxymethylcellulose-Präparat (p < 0,01) die Mundtrockenheit deutlich verbesserte. Der Effekt war in der Leinsamenpräparatgruppe im Vergleich zur MAS-84-Gruppe erhöht. Zudem konnte nach dreiwöchiger Anwendung des Leinsamenpräparates im Vergleich zu vor der Anwendung eine signifikante Verbesserung der Gingivitis (p < 0,001) und der Plaques (p < 0,01) festgestellt werden. Unter Anwendung des Leinsamenpräparates berichteten eine höhere Anzahl der Studienteilnehmer über eine Verbesserung bei Kau- und Schluckbeschwerden (p < 0,001), Geschmacksstörungen (p < 0,01) und Sprachstörungen (p < 0,001) als unter MAS-84. Nebenwirkungen wurden nicht erfasst.

Neben- und Wechselwirkungen

Vor allem bei der Einnahme von geschrotetem Leinsamen ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Befindet sich zu wenig Flüssigkeit im Darmtrakt, kann es zu einem Verkleben der Schmierstoffe kommen, woraus im schlimmsten Fall einen Darmverschluss (Ileus) resultieren kann [960]. Eine Flüssigkeitsaufnahme im Verhältnis von 1:10 (Leinsamen zu Flüssigkeit) wird empfohlen [962]. Patienten, die unter Blähungen und Flatulenzen leiden, einmal einen Darmverschluss erlitten haben, bei welchen eine Verengung der Speiseröhre, des Magens oder Darmes vorliegt oder welche gerade an einer Entzündung im Magen-Darm-Bereich erkrankt sind, sollten Leinsamen nicht anwenden [962][928].

Es gibt einige Hinweise darauf, dass α-Linolensäuren (ALA) eine Rolle bei der Thrombozytenaggregation spielen könnte [963], und die Blutungszeit leicht und nicht signifikant verlängern könnte [964]. Studien, welche einen klaren Effekt der in Leinsamen enthaltenen ALA auf die Blutungszeit aufzeigen, liegen jedoch nicht vor [965][966]. Es existieren keine Hinweise darauf, dass die Einnahme von ALA die Höhe des Blutdruckes beeinflusst [962]. Die Anwendung von Leinsamen bei Kindern unter 12 Jahren wird aus Sicherheitsgründen, wegen fehlender Erfahrung nicht empfohlen. Bei der Einnahme von Medikamenten ist darauf zu achten, dass diese zeitlich versetzt, mindestens ½ - 1 Stunde oder wenn möglich mehr, nach dem Verzehr von Leinsamen erfolgt, da Leinsamen die Medikamentenaufnahme beeinflussen kann [928]. Diese Empfehlung erscheint plausibel, es liegt jedoch keine spezifische, wissenschaftliche Literatur, welche sich differenziert mit der durch Leinsamen verursachten, verzögerten Resorption von Medikamenten befasst, vor.

Toxizität

Die langfristige Sicherheit des Leinsamenkonsums wird bisher in Studien nicht dokumentiert [962]. Studien zur Nutzung verschiedener gesättigter und ungesättigter Fettsäuren fanden Zusammenhänge zwischen der Einnahme von α-Linolensäuren (ALA) und dem Risiko an Prostatakrebs zu erkranken [967]. Bei Patienten mit Prostatakrebs wurden zudem höhere Blutplasmakonzentrationen von ALA gemessen [968]. Ob eine erhöhte diätetische ALA-Aufnahme das Risiko für Prostatakrebs erhöht, bleibt widersprüchlich. Neuere Daten aus der Kohorte der „US Health Professionals Follow-up Study“ zeigen, dass die Aufnahme von ALA nicht mit einem erhöhten Risiko für fortgeschrittenen oder tödlichen Prostatakrebs korreliert [969]. Kontraindikationen für Leinsamen sind Stenosen oder Verschlüsse eines oder mehrerer Abschnitte des Magen-Darm-Traktes, Schluckbeschwerden, plötzliche, über mehr als zwei Wochen andauernde Veränderungen der Stuhlgewohnheiten, nicht diagnostizierte rektale Blutungen sowie mangelnde Stuhlentleerung nach Einnahme eines Abführmittels. Da Untersuchungen bei gesunden Frauen vermuten lassen, dass Leinsamen einen oestrogenen Effekt hat, wird die Anwendung bei Frauen mit hormonabhängigen Tumoren nicht empfohlen [959].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Leinsamen wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.15 Rhabarber

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.74 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Rhabarber-Extrakt (Rheum officinale Baillon) bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen Rhabarber-Extrakt zur Prophylaxe der Strahlentherapie-induzierten Lungentoxizität bei onkologischen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[970]
Evidenztabellen (1)Yu et. al. (2008)

Die beiden medizinisch genutzten Rhabarberarten Rheum palmatum L. und Rheum officinale Baillon werden den Knöterichgewächsen (Polygonacea) zugeordnet und stammen aus den Hochgebieten Chinas. Der dicke Wurzelstock, Rhei rhizoma wird arzneilich verwendet und enthält die Anthranoide Aloeemodin, Chrysophanol Rheumemodin, Physcion und Rhein, sowie Gerbstoffe, Flavone, Harze, Stärke und Salze. Die Arzneiarten des Rhabarbers entsprechen nicht den im Garten wachsenden Rhabarbersorten, bei welchen vorrangig die Stiele gekocht und kulinarisch genutzt werden. In den Rhizomen der Arznei- und Gartenarten des Rhabarbers sind die gleichen Substanzen enthalten, in letzteren jedoch in wesentlich geringeren Konzentrationen [971][972].

Rhabarberextrakte wurden als potentielle Phytotherapeutika für die Behandlung von Tumorerkrankungen vorgeschlagen, da in Zellkulturversuchen gezeigt werden konnte, dass Anthranoide der Rhabarberart Rheum palmatum zytotoxisch auf bestimmte Krebszelllinien wirken [973]. In einer weiteren Studie wurde nachgewiesen, dass Aloeemodin die Invasivität menschlicher Krebszellen hemmt [974].

Laut der HMPC Monographie ist der medizinische Einsatz des Rhabarbers als standardisierter Extrakt, entsprechend 20-30 mg Hydroxyanthracen-Derivate pro Tag oder als Teezubereitung entsprechend einer täglichen Dosis von nicht mehr als 30 mg Hydroxyanthracene-Derivative pro Tag für eine kurzfristige Therapie bei gelegentlicher Verstopfung gut etabliert („well established use“) [975]. Die Wurzeln der Rhabarberarten Rheum palmatum L. und Rheum officinale Baillon liegen beide in Deutschland als Arzneistoff und Nahrungsergänzungsmittel (Lebensmittelzutat mit Aromaeigenschaften, oder Ausgangsstoff für Aromen) mit einer Mengenbegrenzung vor [821].

Morbidität (zu Statement 7.74)

Es liegt eine randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) vor, welche die Einnahme von einem Rhabarberextrakt mit einer Reduktion der strahleninduzierten Lungentoxizität und einer erhöhten Lungenfunktion bei Patienten mit Bronchialkarzinom assoziierte [970]. Die Aussagekraft dieser Studie ist aufgrund methodischer Schwächen stark beeinträchtigt.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Eine häufige unerwünschte Komplikation der Strahlentherapie bei Patienten mit Bronchialkarzinom ist die strahlungsinduzierte Lungentoxizität (RILT). In einer randomisierten, kontrollierten Studie (RCT) wurde die Wirkung eines Rhabarberextrakts (Rheum officinale Baillon) auf die strahlungsinduzierte Lungentoxizität und die pulmonale Funktion während der Strahlentherapie getestet [970]. 80 Patienten mit Bronchialkarzinom wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Zusätzlich zur Strahlentherapie und im Vergleich zu einer mit Placebo behandelten Kontrollgruppe, erhielten Patienten der Interventionsgruppe für sechs Wochen täglich einen wässrigen Rhabarberextrakt (20 mg/kg Körpergewicht). Nach der Strahlentherapie wiesen Patienten, welche den Rhabarberextrakt einnahmen, weniger RILT-assoziierte Symptome auf. Dieser Effekt hielt auch nach sechs Monaten an. Bezüglich der pulmonalen Funktion zeigten Patienten der Interventionsgruppe im Vergleich zu Patienten der Placebogruppe nach sechs Wochen ein verbessertes forciertes Exspirationsvolumen (FEV1; p < 0,01; n.s. nach sechs Monaten). Im Hinblick auf die Diffusionskapazität für Kohlenmonoxid (DLCO) konnte nach sechs Wochen kein Unterschied zwischen den Gruppen festgestellt werden, jedoch wiesen Patienten der Verumgruppe nach sechs Monaten eine verbesserte DLCO (p < 0,05) im Vergleich zur Placebogruppe auf. Vier Patienten, die das Rhabarberextrakt einnahmen, klagten während der Studie über Durchfall, weitere Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

Neben- und Wechselwirkungen

Die Verwendung von Rhabarberextrakt kann in seltenen Fällen zu Bauchschmerzen führen [928]. Die Einnahme von Rhabarberextrakt (20 mg/kg Körpergewicht, 1x täglich über einen Zeitraum von 6 Wochen) hatte in wenigen Fällen eine Diarrhoe zur Folge [970]. Aufgrund der abführenden Wirkung von Rhabarber kann seine Verwendung durch Patienten, welche Digitoxine einnehmen, zu einer Hypokaliämie führen. Die Einnahme von Rhabarberextrakt könnte bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten, die von Cytochrom P450 verstoffwechselt werden, die Effektivität dieser Medikamente reduzieren. Klinische Belege für die Relevanz dieser Daten fehlen. Die gleichzeitige Einnahme von Melatonin und Rhabarberextrakt könnte zu einer Störung der Verstoffwechselung des Melatonins führen. Die Aussage beruht auf einer Studie an primären humanen Hepatozyten, klinische Belege für die Relevanz der Beobachtung fehlen. Im Mausmodell zeigen sich unter der Einnahme von Rhabarberextrakt folgende Wechselwirkungen: ein erhöhter Methotrexat-Spiegel und eine reduzierte Cyclosporin-Bioverfügbarkeit [654].

Toxizität:

Es gibt keine Belege für unerwünschte Ereignisse bei schwangeren und stillenden Frauen, welche durch die Einnahme von Rhabarberextrakten hervorgerufen werden, jedoch ist eine genotoxische Wirkung einiger Anthranoide nachgewiesen. Schwangeren und stillenden Frauen sowie Kindern unter zwölf Jahren wird daher von der Einnahme von Rhabarberextrakten abgeraten [928].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung von Rhabarber wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.16 Mariendistel (Silybum marianum)

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.75 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Mariendistel auf Mortalität und krankheitsassoziierte und therapieassoziierte Morbidität bei onkologischen Patienten vor. Dies trifft auch auf die chemotherapieinduzierte Hepatotoxizität zu. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Mariendistel bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Konsens
Literatur
[976] [977] [978] [979] [980]
Evidenztabellen (5)Elyase et. al. (2017); Elyase et. al. (2016); Momeni et. al. (2015); Shahbazi et. al. (2015); Becker-Schiebe et. al. (2011)

Die Mariendistel, Silybum marianum, wächst in Südeuropa, Nordafrika, Westasien, Nord- und Südamerika. Medikamentöse Verwendung finden die Früchte mit einem Wirkstoffgemisch aus Flavonolignanen, welche 1,5−3% Silymarin enthalten. Sie sind zudem reich an Fettsäuren und Eiweiß. Die Mariendistel ist in einigen europäischen Ländern (darunter auch Deutschland) als Medikament mit der Bezeichnung „well-established-use“ und in anderen nur als „traditional use“-Arznei zur Unterstützung der Leberfunktion sowie bei Verdauungsbeschwerden zugelassen [981].

Die Mariendistel wird auf dem deutschen Markt sowohl als Nahrungsergänzungsmittel als auch als Arzneimittel vertrieben. Als Arzneimittel unterliegt sie den strengen Auflagen einer standardisierten Produktion. Die zugelassenen Zubereitungen liegen in unterschiedlich definierten Droge-Extrakt-Verhältnissen vor: 35−40:1, 36−44:1, 25−35:1, 50−60:1, 60−70:1, 40−70:1 [981]. 

Morbidität (zu Statement 7.75)

Der Einsatz von Mariendistelextrakt bei Krebspatienten zur unterstützenden Behandlung von Therapienebenwirkungen bei Strahlen- oder Chemotherapie wurden bisher nur in kleinen Pilotstudien untersucht. Es liegen keine systematischen Übersichtsarbeiten und/oder Metaanalysen vor. Die vier vorliegenden RCTs stammen aus dem Iran und untersuchen mögliche Therapieeffekte bei oraler Gabe auf strahlentherapie- bzw. chemotherapieinduzierte orale Mukositiden [976] sowie einen möglichen nephroprotektiven Effekt von Silymarin bei begleitender Einnahme zu einer cisplatinhaltigen Chemotherapie [977][978]. Mit einer äußerlichen Applikation wurde ein möglicher protektiver Effekt auf das Hand-Fus

s-Syndrom unter Capecitabine-Einnahme untersucht [979]. In einer nichtrandomisierten Studie wurde ein möglicher protektiver Effekt auf die Radiodermatitis bei adjuvanter Strahlentherapie bei Brustkrebs erforscht [980].

Ein RCT aus Ägypten mit Kindern unter Methotrexat (MTX) untersuchte einen möglichen nephro- und hepatoprotektiven Effekt des Silymarins [982].

Mukositis

Elyasi et al. (2016) untersuchte ob die Einnahme standardisiert hergestellter Silymarintabletten (3 x 140 mg tgl. ab dem ersten Tag der Bestrahlung (50-70 Gy)) die Mukositis bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren verzögert oder mildert [976]. Die Patienten in der Silymaringruppe (n = 15) entwickelten signifikant niedriggradigere Mukositiden und wurden später symptomatisch als die Patienten der Placebogruppe (n = 15). Die Studie weist einen niedrigen Risk of Bias auf. Zwischen der Registrierung und der Ausführung gibt es Divergenzen, welche auf Verfälschungen hindeuten: Die Fallzahl im Register ist mit n = 80 angegeben, in der Studie wurden jedoch nur 30 Patienten behandelt. Zielparameter wurden nur im Register definiert, worunter sich zwei Hauptzielparameter befanden. Damit ist die im Report definierte Signifikanzgrenze von p  ≤ 0.05 falsch. Auch ist die Studie als Pilot ausgegeben, wurde jedoch als normale RCT berichtet.

Es liegen keine ausreichenden Daten vor, dass Mariendistel eine Wirkung zur Linderung der Mukositis bei Kopf-Hals-Tumoren entfaltet.

Nephrotoxizität

Shahbazi et al. (2015) untersuchten, inwieweit sich oral verabreichtes Silymarin im Rahmen einer Cisplatinbehandlung von Patienten mit Tumoren im oberen Gastrointestinaltrakt, Ovarialkarzinomen und Mesotheliomen günstig auf ausgewählte Nierenwerte auswirkt (n = 30) [978]. Vor Chemotherapiebeginn und über drei Zyklen wurde entweder Silymarin (420 mg/Tag) oder ein Placebo eingenommen. Alle untersuchten Blutparameter (NGAL/Cr: Neutrophil gelatinase-associated lipocalin/Kreatin, GFR: Glomeruläre Filtrationsrate, FEMg: Fraction Excretion of Magnesium, FENa: Fraction Excretion of Sodium, KCR: Urin-Kalium/Harnstoffstickstoff oder Kreatinin) zeigten nach Interventionsende (3x21 Tage) keine signifikanten Unterschiede zu den Werten der Placebogruppe. Das Biasrisiko dieser Studie ist hoch. Es zeigen sich Divergenzen zwischen den Angaben in der Registrierung und der Berichterstattung. Auch diese Studie ist als Pilotstudie ausgegeben und wurde als normale RCT berichtet.

Momeni et al. (2015) untersuchten, ob Silymarin (2 x tgl. 140 mg oral) einen nephroprotektiven Effekt bei onkologischen Patienten unter Cisplatinbehandlung in einem Beobachtungszeitraum von 14 Tagen hat. 30 Patienten begannen 7 Tage vor Chemotherapiebeginn mit der Silymarineinnahme [977]. Die Serumharnstoff- und Kreatininwerte der Silymaringruppe waren im Verlauf signifikant besser als in der Standardtherapie-Vergleichsgruppe ohne begleitende Silymarineinnahme (14 ± 4.2 vs. 18 ± 8.8 und 0.80 ± 0.19 vs. 1 ± 0.26 (mean ± SD)). Ein Schwachpunkt dieser Studie liegt im hohen Biasrisiko, da die Berichterstattung lückenhaft war.

In einem RCT aus Ägypten wurden Kinder im Alter von 4-13 Jahren (n = 80) mit Akuter Lymphoblastischer Leukämie unter Methotrexat (MTX) Behandlung mit 420 mg/Tag in drei geteilten Dosen eines standardisiert hergestelltem Silymarin oder Placebo behandelt [982]. Die erste Silymarineinnahme erfolgte jeweils eine Woche nach Beginn der Chemotherapie über einen Zeitraum von sieben Tagen. Nach Therapieende waren die meisten Leber- und Nierenwerte in der Mariendistelgruppe signifikant besser als in der Placebogruppe, darunter Harnstoff, Kreatinin, Cystatin C, Blut-Harnstoff-Stickstoff, N-Acetyl-beta-Glucosaminidase im Urin. Die Qualität dieses RCTs ist zweifelhaft, denn es fehlen im Bericht wichtige methodische Details.

Es liegen keine ausreichenden Daten vor, dass Mariendistel eine Wirkung zur Linderung der Nephrotoxizität bei unterschiedlichen Krebsentitäten entfaltet.

Hand-Fuß Syndrom

Elyasi et al. (2017) untersuchten ob Silymaringel, welches für neun Wochen ab Tag 1 einer capecitabinhaltigen Chemotherapie von Patienten mit einem Ösophagus- bzw. Kolorektalkarzinom 2x täglich äußerlich angewandt worden war, das Auftreten des Hand-Fuß-Syndroms verhindern oder verzögern kann [979]. Nach drei und sechs Wochen lagen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen vor. Nach neun Wochen fiel der Medianwert für den WHO HFS-Score in der Verumgruppe signifikant besser aus: 10% der Verum-Gruppe gegenüber 50% der Placebogruppe hatten einen Score zwischen 2 und 4 auf einer Skala zwischen 0 und 4 (p = 0.04). Problematisch sind die hohe Abbrecherquote (12 von 32 Patienten in der Verumgruppe und 9 von 29 in der Placebo-Gruppe), sowie der Umstand, dass der primäre Zielparameter im Text nicht adäquat nachvollziehbar definiert ist. Weitere Schwächen waren die nicht nachvollziehbare Randomisierung und Verblindung und die Bestimmung der Fallzahl, welche im Register mit 40 angegeben worden war. In die Studie wurde 61 Teilnehmer aufgenommen. Sie ist zudem als Pilotstudie ausgegeben und wird als normales RCT berichtet.

Es liegen keine ausreichenden Daten vor, dass Mariendistel eine Wirkung zur Linderung des Hand-Fuß Syndroms bei gastrointestinalen Krebsentitäten entfaltet.

Radiodermatitis

Aus Deutschland liegt von Becker-Schiebe et al. (2011) eine kontrollierte, nicht-randomisierte Studie mit 101 Brustkrebspatienten vor [980]. In ihr wurde untersucht, ob eine topisch aufgetragene silymarinhaltige Creme vor dem Auftreten einer Radiodermatitis unter adjuvanter Strahlentherapie (Gesamtdosis 50,4 Gy plus Boost mit 9-16 Gy) bei brusterhaltender Therapie schützen kann. Patientinnen der Kontrollgruppe erhielten erst bei Auftreten von Hautreaktionen eine panthenolhaltige Salbe zur Behandlung. Der Zeitraum bis zum Auftreten einer Hauttoxizität war in der Silymaringruppe signifikant größer: 45 Tage vs. 29 Tage (p < 0,0001). Toxizität der Stufe 3 des RTOG-Hauttoxizitäts-Score erreichten 2% der Silymaringruppe vs. 28% in der Standardgruppe.

Es liegen keine ausreichenden Daten vor, dass Mariendistel eine Wirkung zur Linderung der Radiodermatitis bei Brustkrebs entfaltet.

Neben- und Wechselwirkungen

Alle aufgeführten Studien zeigten unerwünschte Ereignisse (UEs). Detailliert berichtet wurden die Ereignisse nicht. Lediglich Shahbazi et al. (2015) haben die UEs der beiden Behandlungsgruppen verglichen und festgestellt, dass es keine signifikanten Unterschiede gibt [978].

Interaktionen:

Es liegen wenige Sicherheitsdaten zu Mariendistel bei Krebs vor. Die nicht systematische Übersichtsarbeit von Goey et al. (2010) hat 10 in-vitro-Studien aufgeführt, in denen inhibierende Effekte von Mariendistelextrakt auf die Aktivität von CYP3A4 gefunden worden waren [759].

In den drei von Goey et al. (2013) untersuchten klinischen Studien konnte dies jedoch nicht bestätigt werden [759]. So wurde bei Gesunden weder mit Mariendistel-Extrakt (standardisiert auf 80% Silymarin) in einer Dosierung von 2 x tgl. 175 mg über 4 Wochen (n = 12) noch von 3 x 300 mg über einen Einnahmezeitraum von 14 Tagen (n = 19) eine signifikante Beeinflussung der Metabolisierung von Midazolam über CYP3A4 beobachtet. Die dritte klinische Studie untersuchte mögliche Effekte auf die Metabolisierung von Irinotecan durch Mariendistelextrakt bei Krebspatienten in einer Dosierung von 3 x tgl. 200 mg und fand keine klinisch relevanten und/oder statistisch signifikanten Auswirkungen auf die Pharmakokinetik von Irinotecan und seinen Metaboliten SN-38, SN-38G und APC.

Eine klinische Pharmakokinetik-Studie von Kawaguchi-Suzuki et al. (2014) mit Mariendistelextrakt (standardisiert auf 140 mg Silymarin) ergab unter oraler Einnahme  von 3 x tgl. 140 mg über einen Zeitraum von 14 TaWerte von Acetyl-L-Carnitin gen keine Beeinflussung der Aktivität von CYP1A2, CYP2C9, CYP2D6 und CYP3A4/5 [983].

In einem RCT aus Ägypten erhielten 80 Kindern mit Akuter Lymphoblastischer Leukämie unter Methotrexat (MTX) Behandlung 320 mg/Tag standardisiert hergestelltes Silymarin oder Placebo jeweils eine Woche nach der Chemotherapie (ab Tag 1) [982]. Nach Therapieende waren die Werte von Acetyl-L-Carnitin (ALC), Alanin-Transaminase (AST), Alkalische Phosphatase und Prothrombin in der Mariendistel-Gruppe signifikant besser als in der Placebogruppe, ebenso die Nierenwerte (s.o.). Die Qualität dieses RCTs ist zweifelhaft, denn es fehlen im Bericht wichtige methodische Details.

Lebertoxizität

Im Juni 2018 wurde von der European Medicines Agency (EMA) der finale Assessment Report zu Mariendistel herausgegeben [984]. In dem Report wurden alle verfügbaren in vitro, in vivo und klinischen Daten gesammelt und in Bezug auf Wirksamkeit und Sicherheit begutachtet. Die Zusammenfassung der klinischen Daten ergibt heterogene Ergebnisse für die Wirksamkeit von Mariendistel bei Lebererkrankungen, wie Hepatitis, Fettleber, Zirrhose und Vergiftung. Die Mehrzahl der vorliegenden Studien sind mit einem standardisiert hergestellten Arzneimittel (meist im Droge-Extrakt-Verhältnis 36-44:1) durchgeführt worden. Sie sind älteren Datums und liegen zeitlich vor Einführung der Good Clinical Practice Normen.

Die finale Nutzen-Risiko Bewertung kommt zu dem Schluss, dass Mariendistel bei diversen Leberschäden sicher und tolerabel ist. Unerwünschte Nebenwirkungen sind selten und schwach, sowie meist im gastrointestinalen Bereich angesiedelt.

Antitumorale Wirkungen:

Im Final Assessment Report der EMA (s.o.) wurden zahlreiche experimentelle Laborstudien zu antitumoralen Fragestellungen durchgeführt [984]. Hierzu lagen keine klinischen RCTs vor. Im Report der EMA werden daher keine Aussagen zu einer Wirksamkeit bei Anwendungen im Kontext von onkologischen Erkrankungen gemacht.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Mariendistel wurde von den Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Prof. Dr. Dobos (KOKON), sowie von den Wissenschaftlern der Sozialstiftung Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Langhorst durchgeführt.

7.19.17 Cannabinoide

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.76 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen Daten aus 2 RCTs zur Wirksamkeit von 9-Tetrahydrocannabinol (THC) allein bzw. THC und Cannabidiol (CBD) in Kombination auf Symptome von Anorexie/ Kachexie bei onkologischen Patienten vor. Die vorliegenden Daten belegen keine Überlegenheit gegenüber Placebo oder Megestrol Acetat in den untersuchten Dosierungen und Vorgehensweisen. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von THC bzw. THC:CBD bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[985] [986]
Evidenztabellen (2)Jatoi et al. (2002); Strasser et al. (2006)
7.77 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen keine Daten zur Wirksamkeit von CBD und 1 RCT zur Wirksamkeit von THC auf Schmerz bei onkologischen Patienten unter Opioidbehandlung vor, welche keine Überlegenheit zu Placebo zeigt. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von THC oder CBD als Einzelsubstanz bei onkologischen Patienten mit dieser Indikation gegeben werden.

Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[987]
7.78 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2024

Es liegen Daten aus 5 RCTs (in 4 Publikationen) zur Wirksamkeit der kombinierten Einnahme von THC und CBD auf Schmerz bei onkologischen Patienten unter unzureichend wirksamer Opioidtherapie vor. Eine kombinierte Einnahme von THC und CBD zur Schmerzbehandlung kann ergänzend bei Patienten unter Standardtherapie erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[988] [989] [990] [987]
Evidenztabellen (4)Johnson et al. (2010); Portenoy et al. (2012); Lichtmann et al. (2018); Fallon et al. (2017)
7.79 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen Daten aus 1 RCT zur Wirksamkeit von THC auf Lebensqualität bei Kopf-Hals Tumorpatienten vor. Weitere 5 RCTs erhoben Lebensqualität als einen sekundären Endpunkt. Die Daten reichen für einen Beleg der Wirksamkeit von THC oder THC:CBD bei dieser Indikation nicht aus. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung von THC oder THC:CBD bei onkologischen Patienten mit dieser Indikation gegeben werden.

Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[991] [986] [985] [990] [987] [992]
Evidenztabellen (6)Johnson et al. (2010); Portenoy et al. (2012); Côté et al. (2016); Grimison et al. (2020); Jatoi et al. (2002); Strasser et al. (2006)
7.80 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2024

Es liegen Daten aus 1 aktuellen RCT und einer Metaanalyse mit 5 Studien (4 vor 1995) zur Wirksamkeit von THC/CBD auf chemotherapie-induzierte Übelkeit/ Erbrechen bei onkologischen Patienten vor. THC/CBD kann bei Patienten mit nicht ausreichender Wirksamkeit der leitliniengerechten Antiemese in der Therapie von chemotherapie-induzierter Übelkeit/ Erbrechen erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[992] [993]
Evidenztabellen (2)Grimison et al. (2020); Chow et al. (2020)

Cannabinoide sind chemische Verbindungen, die hauptsächlich in der Hanfpflanze (Cannabis sativa bzw. Cannabis indica) gefunden werden können. Bisher wurden mehr als 144 Cannabinoide in der Cannabispflanze gefunden. Im Folgenden werden entsprechend der Suchergebnisse der Leitlinie nur die wichtigsten kurz erläutert.
Zu den (Phyto-) Cannabinoiden gehören unter anderem Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC ist der Hauptwirkstoff von Cannabis. Es ist eine hellgelbe, bei Raumtemperatur ölige oder harzartige Masse und kann unmittelbar aus Drogenhanf gewonnen werden. Ihm wird aufgrund der psychoaktiven Wirkung der Hauptanteil der berauschenden Wirkung zugesprochen. Er wird medizinisch unter der Bezeichnung Dronabinol verwendet. Von THC abzutrennen ist das Phyto-Cannabinoid CBD, welches ebenfalls aus der weiblichen Hanfpflanze gewonnen werden kann. CBD ist im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv. Ihm werden vor allem, schmerzstillende, entzündungshemmende, sowie beruhigende und angstlösende Wirkungen zugesprochen.
Von den Phyto-Cannabinoiden abzutrennen sind synthetische Cannabinoide, wie Nabilon. Dies ist ein vollsynthetisches Derivat des THC und wirkt somit ebenfalls psychoaktiv.
Die in Deutschland verschreibungspflichtigen cannabishaltigen Fertigarzneimittel umfassen Canemes und Sativex sowie das Rezepturarzneimittel Dronabinol. Sativex ist ein Mundspray mit dem Wirkstoff Nabiximol, es enthält Extrakte aus den Blüten und Blättern der Cannabispflanze (THC (Dronabinol) und CBD). Bei Canemes handelt sich um Kapseln mit dem Wirkstoff Nabilon.
Medizinisch werden Cannabinoide etwa bei neuropathischen Schmerzen und Spastiken (Nabiximol), bei Appetitlosigkeit bei HIV/AIDS, sowie Übelkeit und Erbrechen unter einer Chemotherapie (Nabilon, Dronabinol), sowie bei bestimmten kindlichen Epilepsieformen (CBD) eingesetzt.

In der Recherche wurden keine Einschränkungen bezüglich der Art von Cannabinoiden vorgenommen, somit wurden sowohl Phyto-Cannabinoide jeglicher Art als auch vollsynthetische Derivate gesucht und eingeschlossen. In der onkologischen Behandlung wurde nur Nabilon zur Anwendung bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen zugelassen, alle weiteren hier besprochenen Anwendungsgebiete der verschiedenen Stoffe oder erwähnten Medikamente finden im Rahmen des Off-Label Use statt. 
Insgesamt wurden 9 Artikel mit 13 RCTs in die Leitlinie eingeschlossen. Es wurde 1RCT gefunden, welches sich mit der Verbesserung von Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen durch THC:CBD beschäftigt [992]. Zu diesem Endpunkt wurde zusätzlich ein SR (7 RCTs, MA über 5 RCTs) mit Studien vor 1995 einbezogen [993] Ein RCT beschäftigt sich primär mit der Verbesserung von Lebensqualität bei Kopf-Hals-Tumor Patienten durch Nabilon [991]. 2 RCTs beschäftigen sich primär mit Appetit und Gewicht, schließen aber Lebensqualität als sekundäre Endpunkte ein [985][986]. Und weitere 4 RCTs (5 Publikationen) beschäftigen sich primär mit dem Endpunkt Schmerz bei Patienten unter bestehender Opioidbehandlung [988][987][989][990]. Alle Studien verwenden Formen von Cannabinoiden mit psychoaktiver Wirkung.

Bei komplexeren oder stark fortgeschrittenen Erkrankungen verweisen wir auf die Erweiterte S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung [994]

Im Folgenden eine Übersicht der verwendeten Einzeldosierungen der eingeschlossenen Studien:

Studie

Interventionen

Konzentration Einzeldosis

Johnson et al (2010)

A)    THC:CBD über Mundspray

B)     THC über Mundspray

C)    Placebo

THC-Konzentration: 27mg/ml & 1 Sprühstoß = 0,1 ml à 1 Sprühstoß mit 2.7mg Wirkstoff

 

CBD-Konzentration: 25mg/ml & 1 Sprühstoß = 0,1 ml à 1 Sprühstoß mit 2.5mg Wirkstoff

 

*„Nabiximol is the US Adopted Name for Sativex”

Portenoy et al. (2012)

A)    Nabiximol* über Mundspray

B)     gl. Mittel, andere Maximaldosis

C)    gl. Mittel, andere Maximaldosis

D)    Placebo

Lichtmann et al. (2018)

A)    Nabiximol* über Mundspray

B)     Placebo

Fallon et al. (2017)

A)    Sativex © /Nabiximol* über Mundspray

B)     Placebo

Côté et al. (2016)

A)    Nabilon Tabletten (synthetisches THC)

B)     Placebo

A)  0,5 mg

B)  gl. Dosis

Grimison et al. (2020)

A)    Kapseln THC & CBD

B)     Placebo

A)  THC 2.5mg & CBD 2.5mg

B)  gl. Dosis

Jatoi et al. (2002)

A)    Megestrol Acetate, Oral + Placebo

B)     Dronabinol, Oral, + Placebo

C)    Megestrol Acetate + Dronabinol

A)  800mg/Tag

B)  2.5mg

C)  Kombination

Strasser et al. (2006)

A)    THC oral

B)     Cannabis Extract

C)    Placebo

A)  2.5 mg THC

B)  2.5mg THC, 1mg CBD

C)  gl. Dosis

Anorexie/ Kachexie und Lebensqualität (zu Statement 7.76)

In der Studie von Strasser et al. (2006) wurden 243 Patienten mit verschiedenen Krebsarten im fortgeschrittenen Stadium eingeschlossen (etwa die Hälfte unter Chemotherapie) [986]. Randomisiert in 3 Gruppen bekam die erste Interventionsgruppe (A) über 6 Wochen ein Cannabis-Extrakt (2x am Tag enthält 2.5mg THC und 1mg Cannabidiol), eine weitere Interventionsgruppe nur THC (B, 2x am Tag 2.5mg) und eine ein Placebo (C). Gemessen wurde primär der Einfluss auf Appetit (VAS) und Lebensqualität (EORTC QoL-C30 und C2). Nach 6 Wochen konnten keine Unterschiede gefunden werden für Appetit im Vergleich zum Placebo (B vs. C p=0.46, A vs. C p=0.95). Hierbei verbesserten sich B und C in beinah gleichem Maße (mittlere Verbesserung (SD): B 5.4mm (24.7mm), C 5.8mm (23.8mm)) und A nur geringfügig (0.6mm (18.5mm)). Es zeigte sich ein gesteigerter Appetit bei 69%, 75% und 72% der Patienten (p=0.068). Die Lebensqualität veränderte sich kaum von der Baseline zu 6 Wochen und zeigte keine Unterschiede zwischen den Armen zum Ende der Studie (B vs. C, p=0.80; A vs. C, p=0.43; sowie A vs. B, PP Analyse p=0.90).  Des Weiteren wurden keine Unterschiede gefunden für die sekundären Endpunkte Gewicht, Stimmung, Übelkeit, funktionale Skalen und einzelne Items des EORTC QLQ-C30, sowie für das Anorexia-Cachexia Modul des EORTC QLQ-C30. Diese aufwändige Studie zeichnet sich durch ein gutes Studiendesign und detaillierte Statistik aus. Es werden jedoch wenig Tabellen mit genauen statistischen Werten der erhobenen Symptome gegeben. Laut Poweranalyse war die Stichprobe zu klein, jedoch wurde die Rekrutierung im Rahmen einer Interim Analyse aufgrund von fehlenden Effekten abgebrochen.

In der Studie von Jatoi et al. (2002) wurden 469 Patienten mit verschiedenen Krebsarten eingeschlossen. Einschlusskriterien waren Gewichtsverlust (mind. Verlust von 2.3kg in den letzten 2 Monaten) und stark verringerte Kalorienaufnahme (weniger als 20 Kalorien/kg Körpergewicht pro Tag) [985]. Randomisiert in 3 Gruppen bekam die erste Interventionsgruppe (A) Megestrol Acetat (800mg 1x täglich) und ein Placebo, eine weitere Interventionsgruppe (B) Dronabinol (2.5mg 2x täglich) plus ein Placebo und eine Gruppe beide Mittel (C). Es wurde kein klares Studienende definiert, die mediane Teilnahmezeit betrug: A 80 Tage, B 57 Tage, C 74 Tage. Zum Ende der Studie zeigte sich ein Vorteil für A über B für Appetitsteigerung (75% vs. 49%; p=0.0001), jedoch nicht für A über C (75% vs. 66%; p=0.17), sowie ein Vorteil von A über B bezüglich Gewichtszunahme nach Angabe der Patienten (11% vs. 3%; p=0.02) und der behandelnden Ärzte (14% vs. 5%; p=0.009), jedoch nicht für A über C (p=0.49). Es zeigten sich auch einige Vorteile von A über B bezüglich der Verbesserung der QoL bei der Erhebung mit dem FAACT-AN. Hier zeigte sich ein Vorteil für den übergreifenden Wert, als auch für die Einzelskalen physische und emotionale Konstrukte. Bis auf emotionale Konstrukte, bei der A höhere Werte zeigt als C, zeigten sich keine Unterschiede zwischen A und C für den Fragebogen. Bei der Erhebung der QoL mit der „Uniscale“ zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Insgesamt gibt die Studie Hinweis auf eine Überlegenheit von Megestrol im Vergleich zu Dronabinol in den untersuchten Endpunkten. Die Studie zeichnet sich durch eine große Stichprobe aus. Jedoch gibt es Unklarheiten im Ablauf. So scheint kein klarer Fixpunkt für das Studienende definiert zu sein, im Artikel werden nur mediane Teilnahmezeiten angegeben. Auch sind die Gründe und Zeitpunkte des Ausstiegs von Patienten der Studie nicht deutlich aufgeführt, da keine Flowchart gegeben ist. Unklar ist auch die Analyse: Der Artikel beschreibt, dass nur etwa 45% der Patienten Daten nach einem Monat haben, jedoch wurden laut den Tabellen im Artikel alle Patienten in die Analyse einbezogen. Es gibt keine Angaben zu einer geplanten Intent-To-Treat Analyse, nur die Information, dass Patienten bei ihrem Ausstieg als „Treatment failure“ gewertet wurden. Da jedoch kein klares Studienende definiert wurde, ist nicht klar, warum und wann die Studie offiziell beendet wurde.

Nabiximol/ Sativex bei verschiedenen Krebsarten mit chronischem Schmerz unter eingestellter Opioidbehandlung, zur Verbesserung von Schmerz, Schlafstörungen und Reduktion der Opioideinnahme (sowie weitere funktionale Skalen) (zu Statement 7.77 & Empfehlung 7.78)
Es wurden 5 Studien gefunden, welche alle die gleiche Intervention durchführten. Alle verwendeten ein Mundspray mit THC und CBD, welches in 2 Studien klar als das Medikament Sativex® betitelt wird ([988], Artikel enthält 2 Studien), in 2 Studien als Nabiximol (welches der US Name von Sativex ist, [989][990]) und eine Studie betitelt das Medikament nur als Mundspray, jedoch sind die Inhaltsstoffe gleich und der Artikel beinhaltet als Keyword „Sativex“ [987]. Bei den 5 Studien handelt es sich um Zulassungsstudien. Alle Artikel überschneiden sich in mindestens einem Mitautor (Fallon) und wurden entweder von der Pharmaindustrie GW Pharma Ltd. [987]; Otsuka Pharmaceutical Development & Commercialization, Inc [988][989] oder von beiden finanziert [990]. Auch der Aufbau und die untersuchten Endpunkte ähneln sich zwischen den Studien und unterscheiden sich zumeist nur in der Sortierung der primären und sekundären Endpunkte oder zusätzlichen sekundären Endpunkte. Die Studien von Portenoy et al. (2012) [990] und Johnson et al. (2010) [987] werden in den Artikeln als Vorläuferstudien betrachtet, auf denen aufbauend die Studien von Fallon et al. (2017) [988] und Lichtman et al. (2018) [989] als Follow-up durchgeführt wurden. Es ist zu erwähnen, dass Sativex® nicht offiziell zur Behandlung von Schmerzen bei Krebspatienten zugelassen ist. Zugelassen ist es zur Behandlung von Spastiken bei Multiples Sklerose. Die folgenden Studien stellen also einen Off-Label Use des Medikaments dar.

In der Studie von Portenoy et al. (2012) wurden 360 Patienten mit verschiedenen Krebsarten und chronischen, therapieresistente Tumorschmerzen (Opioid Therapie) in die Studie eingeschlossen [990]. Untersucht wurde in Abhängigkeit der Dosis die Wirkung von Nabiximol (eine Dosis 2.7 mg THC und 2.5mg CBD) hinsichtlich Anzahl der Responder (≥ 30% Schmerzreduktion), Anzahl je Verbesserungslevel (10%, 20% etc.-100%), Veränderungen des mittleren täglichen Schmerz, Wert des schlimmsten Schmerzes, Ausmaß der Schlafstörungen, Opioidverbrauch (Score aus Änderung in selbsteingeschätzten Schmerz in Verhältnis zu Opioidverbrauch in Morphin-Äquivalent ml) und weiteren Fragebögen für Schmerz (BPI-SF), Verstopfung, Lebensqualität und Depression. In der Studie wurden vier verschiedene Gruppen verglichen: drei verschiedene Nabiximol-Arme (A niedrige Dosis:1-4 Sprays/ Tag, B mittlere Dosis: 5-10 Sprays/Tag, C hohe Dosis: 11-16 Sprays/ Tag) und eine Placebogruppe (C). Die Intervention erfolgte für 5 Wochen, wovon 2 Wochen der Eindosierung dienten. Hinsichtlich des primären Endpunkts, nämlich der Anzahl an Patienten, bei denen die Behandlung mit Nabiximol zu einer deutlichen Verbesserung der Schmerzwahrnehmung (≥30%) geführt hat, zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen (OR A+B+C vs. D: p = 0.59; A vs. D: 1.37; p = 0.33; B vs. D: 1.19, p = 0.61; C vs. D: 0.9, p = 0.76). Kategorisiert nach Verbesserungslevel (10%, 20% etc.-100%) zeigte sich in der Anzahl der Responder Unterschiede zwischen den Gruppen mit Vorteilen von A und B über D (jeweils OR: A+B+C vs. D: p = 0.03; A vs. D: p = 0.008; B vs. D: p = 0.038; C vs. D: p = 0.68). Es zeigte sich zudem ein Vorteil in der mittleren Veränderung des Schmerzes und dem Wert des Schlimmsten Schmerzes für A über D (NRS mittlere Veränderung: A vs. D: -0.75 [ -1.28, 0.22]; p = 0.006; schlimmster Schmerz (jeweils MD [95% KI]) A vs. D: - 0.73 [-1.30, -0.17], p=0.011, sowie das Ausmaß der Schlafstörungen (MD [95% KI] A vs. D: -0.88 [-1.45, -0.31], p = 0.003) und Opioidverbrauch (OR [95% KI]: A vs. D: 1.87, p = 0.038). Positiv an dieser Studie war die große internationale Stichprobe, es lassen sich jedoch auch einige Kritikpunkte nennen. Dabei sind vor allem die Unterschiede in der Therapietreue zwischen den Armen sowie die Unklarkeit, ob die Gruppen zum Beginn der Studie vergleichbar waren, zu nennen und die hohe Ausfallrate im Verlauf der Studie. Deswegen lassen sich die Ergebnisse dieser Studie nur mit Vorsicht interpretieren.

In der Studie von Johnson et al. (2010) wurden 177 Patienten mit verschiedenen fortgeschrittenen Krebserkrankungen in 3 Gruppen randomisiert. Einschlusskriterium war die Einnahme von Opioiden für mind. 1 Woche [987]. Die erste Interventionsgruppe (A) erhielt über 2 Wochen THC:CBD (eine Dosis 2.7 mg THC und 2.5mg CBD) , die andere Gruppe (B) nur THC (eine Dosis 2.7mg) und die letzte Gruppe ein Placebo (C). Verabreicht wurden die Mittel über ein Mundspray, die Dosis variierte je nach Bedürfnissen der Person und pendelte sich nach etwa einer Woche ein. Im Mittel war die Anzahl der täglichen Dosen wie folgt (MW, SD): A 8.75 (5.14), B 8.34 (5.17) und C 9.61 (4.67). Alle Patienten erhielten zusätzlich noch Opioide zur Schmerzbehandlung je nach Bedürfnissen. Untersucht wurde primär die Anzahl der Responder (≥ 30% Schmerzreduktion NRS-Skala) und die Einnahme von Opioiden, sowie entsprechende Opioid-Einnahme bei Durchbruchschmerz. Sekundär wurden noch Schlafqualität, Übelkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsfunktion, Appetit und QoL (EORTC QLQ-C30) und Schmerz erhoben. Nach 2 Wochen zeigte sich ein Vorteil für das allgemeine Schmerzempfinden (NRS) für A im Vergleich zu C (mittlere Verbesserung -1.37 vs. -0.69; p=0.014). Keine Unterschiede wurden gefunden zwischen B und C (-1.01 vs. -0.69; p=0.245). Zusätzlich zeigten über 2 Wochen mehr Patienten in A im Vergleich zu C eine Verbesserung von mehr als 30% (23 [43%] vs. 12 [21%]; OR 2.81; 95% KI=1.22, 6.50; p=0.006). Es gab keinen Unterschied zwischen B und C (12 [23%] vs. 12 [21%], OR 1.10 (95% KI=0.44, 2.73; p=0.28). Gemessen mit dem BPI-SF zeigte sich ein Vorteil für B über C für Schmerz in den letzten 24 Stunden (-3.20 vs. 0.87; p=0.048). Es gab keine Unterschiede zwischen den Gruppen für Anzahl der Tage oder Dosis von Opioidnutzung, sowie Schlafqualität oder Übelkeit. Für Gedächtnis und Konzentration (NRS) zeigte sich eine Verschlechterung in A und B Gruppe im Vergleich zu C (Mittlere Veränderung, Gedächtnis C 0.01, vs. A 0.63, p=0.045; vs. B 0.66, p=0.053; Konzentration C -0.35, vs. A 0.33, p=0.021; vs. B 0.29, p=0.028). Bezüglich Appetit (NRS) zeigte sich ein Vorteil von C über A (-0.59 vs. 0.24, p=0.016). Für die Messung der Lebensqualität mit dem EORTC QLQ-C30 zeigte sich in den Kategorien „kognitive Funktionen“ ebenfalls ein Vorteil für C über die anderen beiden, da diese sich verschlechterten (A -5.33 vs. C 3.68, p=0.02; B -6.77 vs. C 3.68, p= 0.01) und für „Übelkeit und Erbrechen“ ein Vorteil für C über A (A 5.13 vs. C -3.43, p=0.02). Für die Kategorie „soziale Funktion“ zeigte sich hingegen ein Vorteil von B über C (B 9.66 vs. C 1.58; p=0.038). In dieser Studie wurden sehr viele Symptome erhoben, jedoch keine Korrektur für multiples Testen vorgenommen, was die Gefahr eines Alpha-Fehlers deutlich erhöht. Dies allein führt dazu, dass die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten. Gestützt wird dies auch dadurch, dass sich die Ergebnisse für gleiche Symptome wie Übelkeit und Schmerz je nach Messinstrument unterscheiden. Zudem werden wenig Informationen zu den Patienten gegeben, wie das aktuelle Krebsstadium oder die Krebsart für etwa 100 der Patienten. 

Die folgenden 3 Artikel weisen eine sehr hohe Ähnlichkeit im Aufbau und den Endpunkten auf und werden auch in den Artikeln als zusammengehörig zitiert. Alle Studien schlossen Patienten mit verschiedenen (teilweise fortgeschrittene) Krebsarten ein, welche trotz (optimierter) Opioid Therapie unter Schmerz leiden. Gemessen wurde in allen Studien die prozentuale Verbesserung des Schmerzempfindens, sowie die Veränderung des mittleren Schmerzes, Wert des schlimmsten Schmerzes, Ausmaß von Schlafstörung, Menge der Einnahme von Opioiden (inklusive entsprechende Opioid-Einnahme bei Durchbruchschmerz) sowie einige Fragebögen zur eigenen Zufriedenheit, der eigenen Einschätzung der Veränderung und Verstopfung. Unterschiedlich war die Einteilung der primären und sekundären Endpunkte. In Lichtman et al. (2018) [989] und Studie 1 von Fallon et al. (2017) [988] war der primäre Endpunkt die prozentuale Verbesserung des Schmerzempfindens und in Studie 2 von Fallon et al. (2017) [988] die Veränderung des täglichen mittleren Wertes des Schmerzempfindens. Um für multiples Testen zu korrigieren wurde die hierarchische Testung angewendet, so dass die Testung der Endpunkte nacheinander durchgeführt und nur weiter durchgeführt werden kann, wenn der Test zuvor eine Signifikanz aufweist.

In den Studien Lichtman et al. (2018) [989] und Fallon et al. (2017) [988] (2 Studien in einem Artikel) wurden die Patienten in 2 Gruppen randomisiert, wovon die Interventionsgruppe (A) täglich das Mundspray Sativex® (Nabiximol: enthält 27 mg/mL THC und 25 mg/mL CBD) für 35 Tage und die andere ein Placebo (B) bekam. Die ersten 14 Tage dienten der Einstellung der Dosis des Sativex® und diese war über die Studie unterschiedlich von Patient zu Patient. In der ersten Studie von Fallon et al. (2017) war die mittlere Anzahl der täglichen Spraystöße nach Eindosierung 6.3 in A und 7.4 in B; in Lichtman et al. (2018) [989] und der 2. Fallon et al. (2017) [988] Studie nach Eindosierung 6.4 in A und 7.3 in B.

In der Studie von Lichtman et al. (2018) wurden 397 Patienten eingeschlossen [989]. Am Ende der Studie zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der medianen Verbesserung bei der ITT Analyse (A 10.7% vs. B 4.5%; Behandlungsdifferenz 3.41%; 95% KI: 0.00% - 8.16%; p=0.0854), aber ein signifikanter Unterschied für die PP Analyse (A 15.5% vs. B 6.3%; Behandlungsdifferenz 5.49%; 95% KI: 0.00% - 11.11%; p=0.0378). Da im Hauptsymptom keine Effekte gefunden wurden, wurden die weiteren Analysen nur noch unadjustiert durchgeführt und dienen der Information. Es zeigte sich nur ein Vorteil für Schlafstörungen in A im Vergleich zu B. Es konnten des Weiteren keine Unterschiede für Opioidmengen oder Einnahme von entsprechender Opioid-Einnahme bei Durchbruchschmerz gefunden werden (p=0.6410, p=0.4217 und p=0.9328). Eine Subgruppenanalyse mit der US-Population im Vergleich zu der restlichen Population, zeigte signifikante Vorteile für A für mittlerem Schmerz gemessen mit der NRS innerhalb der US-Population, jedoch nicht für den Rest der Population. Die Autoren mutmaßen, dass dies dadurch begründet ist, dass die US-Population zu Beginn geringere Opioid Dosen nutzten und weniger neuropathische und gemischte Typen von Schmerz aufzeigten.

In Fallon et al. (2017) wurden 2 Studien berichtet [988]. Besonderheit der 2. Studie war, dass zunächst alle eingeschlossenen Patienten für 14 Tage Sativex® bekamen. Alle Patienten, die danach eine Verbesserung des Schmerzempfindens von mindestens 15% zeigten, wurden anschließend in 2 Gruppen randomisiert um entweder für weitere 3 Wochen Sativex® oder ein Placebo zu bekommen.

In der ersten Studie wurden 399 und in der 2. Studie (nach Aufteilung Gruppen) 206 Patienten eingeschlossen. Nach 5 Wochen zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied für die primären Endpunkte der beiden Studien, also der prozentualen Besserung des Schmerzempfindens in Studie 1 (A 7.2% vs. B 9.5%, Medianer Unterschied p=0.274); sowie der mittleren Veränderung des Schmerzes in Studie 2 (Verschlechterung in beiden Gruppen: A von 3.2 auf 3.7, B 3.1 auf 3.6, Behandlungseffekt p=0.917). Somit dienen die folgenden Analysen nur noch der Information: Es wurden keine Unterschiede gefunden für den Wert des schlimmsten Schmerzes, Ausmaß von Schlafstörung oder Menge der Einnahme von Opioiden. Einzig in der 1. Studie zeigten sich für die Sativex® Gruppe Verbesserung in einigen der Fragebögen (persönliche und vom Arzt eingeschätzte Besserung). In der 2. Studie zeigten sich in den Fragebögen keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Eine Subgruppenanalyse über prozentuale Besserung des Schmerzempfindens mit der US-Population zeigte einen Effekt für A (p=0.03), insbesondere für Patienten unter 65 Jahren.

Alle Studien zeichnen sich durch eine große Stichprobe und eine durchdachte statistische Analyse aus. Da die Studien in Zentren über die ganze Welt durchgeführt wurden ist jedoch zu beachten, dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Patienten die gleiche Grundversorgung (insbesondere in der Opioidversorgung) bekamen.

Verbesserung von Lebensqualität bei Kopf-Hals-Tumor Patienten unter Radio-/ Chemotherapie (Nabilon) (zu Statement 7.79)
In der Studie von Cote et al. (2016) wurden 56 Patienten mit Kopf-Hals Tumoren in 2 Gruppen randomisiert [991]. Alle Patienten bekamen 7 Wochen Radiotherapie oder eine Kombination aus Radio- und Chemotherapie. Zusätzlich wurde ein Follow-Up 4 Wochen nach der Radiotherapie durchgeführt. Die Interventionsgruppe (A) erhielt jeden Tag Nabilon (pro Tablette 0.5 mg Nabilon, 1x am Tag vor Radiotherapie und in erster Woche, 2x pro Tag in der 2. Woche, 3. Woche bis Ende der Radiotherapie adjustiert von Radioonkologe bis max. 4 Tabletten) und die Vergleichsgruppe Placebos (B). Am Ende der Studie fanden die Autoren keine Unterschiede zwischen den Gruppen für Lebensqualität allgemein (EORTC QLQ-C30 + EORTC QLQ-H&N35, p=0.4270), als auch mit dem VAS erhobenen Schmerz (p=0.6048). Des Weiteren wurden keine Unterschiede gefunden für Gewichtsschwankungen (p=0.1454), Notwendigkeit einer Ernährungssonde (kein p-Wert), Appetit (Fragebogen (keine weiteren Angaben), p=0.3295), Übelkeit und Anzahl verwendeter antiemetischer Medikamente (p=0.7105), Stimmung (p=0.3214) und Schlaf (p=0.4438). Die Stichprobe der Studie war klein und es sind über den Verlauf der Studie 24 Patienten ausgestiegen, laut Autoren war der Drop-Out vergleichbar (kein p-Wert). Die meisten Patienten, die ausstiegen, bekamen Radiochemotherapie. Die Darstellung der Ergebnisse ist nur grafisch, ohne Angabe von statistischen Werten zu den einzelnen Endpunkten. Damit ist eine Transparenz der Analyse und der Ergebnisse nicht gegeben. Trotz vieler Endpunkte und Vergleiche wurde nicht für multiples Testen korrigiert und es gibt keine Angaben zu den individuellen Dosen der Patienten, die ab der 3. Woche nicht mehr standardisiert war. Mit Ausnahme des primären Endpunktes (QoL) gibt es keine klare Angabe ob die finalen Vergleiche nach den 7 Wochen Radiotherapie oder beim Follow-Up weitere 4 Wochen später durchgeführt wurden.

Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (TCH:CBD) (zu Empfehlung 7.80)
Die S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen gibt keine Empfehlung für die Einnahme von Cannabinoiden [995]. Sie berichten jedoch im Hintergrundtext, dass Cannabinoide im Ausnahmefall zu erwägen sind (z.B. Tetrahydrocannabinol (THC), initial 3 x 5 mg, maximale empfohlene Tagesdosis 50 mg). Die S3-Leitlinie beruft sich wiederrum auf die MASCC/ESMO und ASCO Leitlinie, welche aufgrund von potenziellen Nebenwirkungen einen Einsatz nur in Erwägung ziehen, wenn die Patienten eine Intoleranz gegenüber 5HT3-RA, Steroiden und NK1-RA aufweisen. Die S3-Leitlinie berichtet von einer randomisiert kontrollierten Studie von 2017 mit 17 Patienten bei der eine Überlegenheit von Cannabinol gegenüber Placebo in der „Breakthrough“ Emesis nachgewiesen werden konnte [996]. Diese wurde in der vorliegenden Leitlinie aufgrund von zu geringer Gruppengröße (n<25) und dabei fehlender Poweranalyse ausgeschlossen. 

Die S3-Leitlinie Palliativmedizin  gibt auf Grundlage von zwei Studien die Empfehlung, dass Cannabinoide (Off-Label Use) bei unzureichendem Ansprechen der ätiologiebasierten Pharmakotherapie von Übelkeit und Erbrechen als Reservemittel bei Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung eingesetzt werden können [994].

Es wurde ein RCT zu dem Endpunkt Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen in die Leitlinie eingeschlossen. In der Pilotstudie von Grimison et al. (2020) wurden 81 Patienten mit verschiedenen Krebsarten und Vorgeschichte von Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie eingeschlossen [992]. Diese wurden in 2 Gruppen randomisiert, die Interventionsgruppe (A, n=40) bekam täglich THC und CBD (1-4 Kapseln THC je 2.5mg/CBD je 2.5mg 3x täglich, Dauer: 1 Tag vor Chemotherapie bis Tag 5) und die andere Gruppe ein Placebo (B, n=41). Die Studie hatte ein Cross-Over Design, so das nach einem Zyklus Chemotherapie die Gruppen getauscht wurden. Im dritten Zyklus konnten die Patienten nach Präferenz entscheiden, welche Intervention sie weiterführen wollten. Erhoben wurde primär eine „Complete Response“ (CR) zu Übelkeit und Erbrechen (definiert als: kein Erbrechen oder Notfallmedikation), sowie sekundär ein Selbstbericht zu verschiedenen Aspekten von Übelkeit und Erbrechen, Lebensqualität mit dem FLIE (2 Skalen: Übelkeit und Erbrechen) und AQOL-8D (11 Skalen), sowie Nebenwirkungen der Cannabiseinnahme. Ausgewertet wurden 72 Patienten. Am Ende von zwei Zyklen (sodass jeder in jeder Gruppe war) zeigte sich für CR ein signifikanter Vorteil für A (25%) im Vergleich zu B (14%; RR 1.77, 90% KI 1.12,2.79, p=0.041). Des Weiteren zeigte der Selbstbericht signifikante Vorteile für A für den prozentualen Anteil für „kein Erbrechen“ (p=0.05), „keine Notfallmedikation“ p=0.04), „keine signifikante Übelkeit“ (Übelkeit <2 auf einer 10-Punkte-Skala, p=0.03), Mittlere und Maximale Anzahl Erbrechen pro Tag (p=0.003, p=0.001) und Mittlere/Maximale Übelkeitswerte (p’s<0.001). Es zeigten sich keine Unterschiede für CR + „keine sign. Übelkeit“ (p=0.12). Bezüglich der Erhebung der Lebensqualität zeigte sich im FLIE in beiden Skalen ein sign. Vorteil für A für die Übelkeits-Skala (MD 20.9 auf 100-Punkt Skala, p <0.001) und Erbrechen-Skala (MD 11.9, p < 0.001). Für AQOL-8D zeigte sich von insgesamt 11 Skalen ein signifikanter Vorteil für A in nutzungsbedingter QoL (MD 0.04, 95% KI 0.01,0.07; p=0.019), physischer Gesundheit (MD 0.06, 95% KI 0.03-0.09, p < 0.001), mentaler Gesundheit (MD 0.04, 95% KI 0.01, 0.06, p=0.004) und Schmerz (MD 0.08, 95% KI 0.03, 0.13, p=0.003). Die Patienten die THC/CBD bekamen hatten mehr Nebenwirkungen, wie Schwindel und Sedierung, die laut den Autoren jedoch tolerierbar waren (für mehr Infos, siehe Nebenwirkungen). Trotz der höheren Nebenwirkungen bevorzugten 83 % der Teilnehmer Cannabis gegenüber Placebo und 15% vice versa (p<0.001) im nächsten Zyklus. Die Studie hat ein aufwändiges Studiendesign. Die Statistik wirkt gut durchdacht und bezieht viele Faktoren mit ein (Einfluss von within-Korrelationen der Patienten, Kontrolle auf Reihenfolge-Effekte), jedoch bleiben ein paar methodische Entscheidungen unerklärt. In den Ergebnissen des primären Endpunkts wurde nicht zwischen akuter und verzögerter Übelkeit und Erbrechen unterschieden, obwohl dies laut Studie im Selbstbericht getrennt erhoben wurde. Letztlich ist anzumerken, dass viele beteiligte Personen in dem Artikel direkte Kontakte zu Pharmaindustrien aufweisen. Aufgrund dieser Faktoren ist das Ergebnis mit Vorsicht zu interpretieren.

Zusatz: Zusammenfassung von Studien vor 1995 für Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen
Es wurde eine Vielzahl von Studien zur Behandlung von Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen vor 1995 veröffentlicht. Die antiemetische Behandlung vor 1995 entspricht nicht mehr den heutigen medizinischen Standards. Das SR von Chow et al. (2020) wurde als Referenz zur Erstellung einer Empfehlung herangezogen [993].

In der Übersichtsarbeit von Tramèr et al. (2001) wurden 30 RCTs eingeschlossen, welche vor 1995 veröffentlicht wurden. Es wurde die Überlegenheit von oralen Cannabinoiden (wie z.B. Dronabinol, Nabilon) gegenüber den damals konventionellen Medikamenten wie Prochlorperazin, Metoclopramid, Chlorpromazin, Thiethylperazin, Haloperidol, Domperidon oder Alizaprid (RR = 1.38 (95% KI 1.18, 1.62)) bei Chemotherapie induziertem Erbrechen dargestellt [997]. Es zeigten sich jedoch keine Vorteile bei Patienten, die eine sehr niedrig- oder sehr hochdosierte emetogene Chemotherapie erhielten. Es wurden zudem Nebenwirkungen berichtet, die von den Autoren als möglicherweise vorteilhaft eingestuft wurden, wie „High“, Sedierung oder Schläfrigkeit und Euphorie und einige die als negativ eingestuft wurden, wie Schwindel, Dysphorie, Depression, Halluzinationen, Paranoia und arterielle Hypotension. Mehr Patienten in den Interventionsgruppen verließen die Studie aufgrund von Nebenwirkungen.

Das systematische Review von Chow et al. (2020) schloss 7 RCTs über den Einsatz von Cannabinoiden zur Prophylaxe von Chemotherapie induzierter Übelkeit und Erbrechen ein [993]. Bis auf eine RCT waren alle von vor 1995. Ein RCT von 2007 wurde eingeschlossen [998], welches in unserer Leitlinie nicht den Einschlusskriterien entsprach (zu kleine Gruppengrößen). Eine Metaanalyse aus 5 RCTs zeigte eine Überlegenheit von oralen Cannabinoiden gegenüber Placebo bzw. Prochlorperazine und Ondansetron (OR = 3.45; 95% KI 1.39, 8.58; p = 0.008). Bei der Kontrolle von Erbrechen oder Übelkeit in den einzelnen Metaanalysen (je 5 RCTs), waren orale Cannabinoide vergleichbar effektiv wie Placebo oder andere Maßnahmen, wie Metoclopramid oder Alizaprin (Erbrechen: OR=2.51; 95% KI 0.33, 19.16; p=0.38; Übelkeit: OR = 2.01; 95% KI 0.49, 8.26; p=0.34). Eine höhere Anzahl an Patienten, die orale Cannabinoide zu sich nahmen berichteten Nebenwirkungen, wie Dysphorie (OR=0.17; 95% KI 0.04, 0.67; p=0.01); Euphorie (OR=0.06; 95% KI 0.02, 0.17; p<0.0001) und Sedierung (OR=0.30; 95% KI 0.14, 0.65; p=0.002).

Ein weiteres systematisches Review schloss 30 RCTs von vor 1995 ein, von denen 17 RCTs für Metaanalysen eingeschlossen wurden [999]. Die Autoren führten 4 Metaanalysen zum Vergleich von Cannabinoiden und verschiedenen Medikamenten durch. Hierbei zeigte sich ein Vorteil für Dronabinol vs. Neuroleptika (5 Studien, n=325; RR=0.67; KI=0.47–0.96; p=0.03), jedoch kein Vorteil für Dronabinol vs. Placebo (2 Studien, n=185; RR=0.47; KI=0.19–, 1.16; p=0.10), Nabilon vs. Neuroleptika (3 Studien, n=277; RR=0.88; KI=0.72–1.08; p=0.21) oder Levonantradol vs. Neuroleptika (2 Studien, n=194; RR=0.94; KI = 0.75–1.18; p=0.60). Bis auf letztere zeigt jede Metaanalyse eine signifikante Heterogenität, wodurch die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind.

Zusatz: Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2022) hat zwischen April 2017 und März 2022 eine nicht-interventionelle Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln durchgeführt [1000]. Eingeschlossen wurden Cannabisarzneimittel, die gesetzlich Versicherten nach Genehmigung der Krankenkassen von Ärztinnen und Ärzten verschrieben wurden und die zur Behandlung der bestehenden Erkrankung bzw. Symptomatik nicht als Fertigarzneimittel zugelassen waren. Diese umfassten Cannabisblüten, Cannabisextrakte, Dronabinol, Nabilon (ggf. als Fertigarzneimittel Canemes®) und Sativex®. Ausgewertet wurden 16.809 vollständige Datensätze (von 21.000 gemeldeten Fällen).

Es zeigte sich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei der Behandlung mit Cannabisarzneimitteln, jedoch eine Gewichtung hin zu männlichen Behandelten bei Cannabisblüten (2/3). Auch das Durchschnittsalter mit 45.5 Jahren war ca. 11.5 Jahre jünger als bei den Behandelten mit Cannabisarzneimitteln. Des Weiteren zeigte sich eine erhöhte Dosierung von THC (über die empfohlene Tagesdosis hinaus). Die häufigsten Verordnungen von Cannabisarzneimitteln wurden von Ärztinnen und Ärzten der Fachrichtung Anästhesiologie vorgenommen, gefolgt von denen der hausärztlichen Versorgung und der Neurologie. Dies steht im Widerspruch zu den Informationen von Krankenkassen, laut denen Ärztinnen und Ärzte der hausärztlichen Versorgung am häufigsten Cannabisarzneimittel verschreiben. Ebenfalls im Widerspruch zu Informationen der Krankenkassen wurden laut der Begleiterhebung am häufigsten Dronabinol (62,2%) als Cannabisarzneimittel verordnet, gefolgt von Blüten (16,5%), Extrakten (13%) und Sativex® (8%). In nahezu 75% der Fälle wurde durch die Anwendung von Cannabisarzneimitteln eine Besserung der Symptomatik erreicht. Von etwa 70% der Behandelten wurde eine Besserung der Lebensqualität berichtet. Laut Begleiterhebung ist die häufigste Indikation für Cannabisarzneimittel mit mehr als 3/4 der gemeldeten Fälle Chronischer Schmerz. Nebenwirkungen waren häufig, aber in der Regel nicht schwerwiegend (insbesondere Müdigkeit und Schwindel bei Frauen). Patienten, die mit Cannabisblüten behandelt wurden, bewerten den Therapieerfolg grundsätzlich höher, brechen die Therapie seltener ab und geben seltener Nebenwirkungen an. Jedoch wird die Nebenwirkung „euphorisierende Wirkung“ dreimal häufiger berichtet als bei den anderen Cannabisarzneimitteln. Die Autoren merken zudem an „Bei gleichzeitig sehr hohen THC-Dosen, dem hohen Männeranteil und dem geringen Durchschnittsalter sollten Ärztinnen und Ärzte die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit bei der Therapieplanung mit Cannabisblüten beachten.“

Die Autoren der Begleiterhebung schlussfolgern, dass die Begleiterhebung kaum geeignet ist Aussagen über eine Wirksamkeit der Cannabisprodukte zu treffen. Die Daten bieten lediglich eine „Grundlage um klinische Studien und die Entwicklung zulassungsfähiger Arzneimittel vorzubereiten bzw. bereits begonnene Entwicklungen weiterzuführen“.

Nebenwirkungen der eingeschlossenen Studien
In der Studie von Cote et al. (2016) wurden keine Unterschiede für Cannabisassoziierte Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit (p=0.3166), Angst (p=0.9163) und Xerostomie (p=0.8341) berichtet [991].

In Grimison et al. (2020) zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen für die Gesamtzahl an mäßigen oder schweren Cannabinoidbedingten (THC und CBD) Nebenwirkungen, mit einer höheren Anzahl in der Interventionsgruppe (31% vs. 7%, p=0.002) [992]. Es fanden sich signifikante Unterschieden zur Placebogruppe für Sedierung (19 vs. 4%, p=0.002) und Schwindel (10 vs. 1%, p=0.03). Keine Unterschiede fanden sich für Desorientierung (3 vs. 0%, p=0.5) und Angst (1 vs. 1%, p=1). 

In der Studie von Strasser et al. (2006) wurden insgesamt 526 Ereignisse berichtet, davon „vielleicht“ Interventionsassoziiert waren 90 (THC A n=45, THC + CBD B n=28 und Placebo C n=17), und „wahrscheinlich“ 20 (B n=9; A n=7; und C n=4) [986]. Temporäre oder permanente Dosisreduktion war notwendig für 78 Patienten (A n=34; B n=30 und C n=14). Nebenwirkungen die über alle Arme mehr als 10x auftraten waren: Übelkeit/Erbrechen, Fatigue, Schmerzen, Anämie, Schwindel, Dyspnoe, Diarrhoe, Obstipation und Vertigo, hier zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Häufigkeiten. Von allen Ereignissen waren 241 mild, 227 moderate, 57 schwer (schwer zumeist Schwindel, Übelkeit/Erbrechen und Dyspnoe); insgesamt 82 sehr schwer (mind 5x berichtet): Dyspnoe, Tumor Fortschreiten, Erbrechen, Verschlechterung des allg. Wohlbefindens, Tod, Schmerz, Fieber, Diarrhöe und Exsikkation. 13 sehr schwere Ereignisse waren lebensbedrohlich und 68 benötigten Hospitalisierung. Es werden keine statistischen Vergleiche für die Häufigkeiten zwischen den Gruppen gegeben. Keine Unterschiede wurden gefunden für CannTox Skalen mit Schwindel, Wohlgefühl, Hochgefühl, Halluzinationen, Herzklopfen, Panikattacken, Aktivitätsgefühl oder unsicheres Gehen.

In Jatoi et al. (2002) berichten in der Interventionsgruppe mit Megestrol 18 %, in der Gruppe mit Dronabinol 4% (p=0.002) und in der Gruppe der Kombination 14% der Männer von Impotenz (über alle Arme p=0.0032) [985]. Weitere Ereignisse in der Studie zeigten keine Unterschiede zwischen den Gruppen (Erbrechen, Flüssigkeitsretention, verwirrtes Denken, Schläfrigkeit, Koordinationsverlust, unangebrachtes Verhalten).

In der Studie von Johnson et al. (2010) wurden von 106 Patienten (60%) Nebenwirkungen im Zusammenhang mit THC und CBD berichtet [987]. Diese (≥3x berichtet) umfassten Schläfrigkeit, Schwindel, Übelkeit, Verwirrung, Erbrechen, Hypotension, Hyperkalzämie und gesteigertes Gamma GT. Die meisten Ereignisse waren mild/moderat (keine statistischen Gruppenvergleiche gegeben). Des Weiteren wurde 1 Fall von Synkope wahrscheinlich im Zusammenhang mit THC berichtet.

In Portenoy et al. (2012) berichten die Autoren von negativen Wirkungen von Nabiximol auf kognitive Funktionen (keine Werte gegeben), sowie eine erhöhte Anzahl von Patienten mit Übelkeit und Erbrechen in den 3 Nabiximol-Gruppen (niedrigste zur höchsten Dosierung A, B, C) im Vergleich zur Placebogruppe (MD = 7.57, p=0.019), größtenteils verursacht durch die Gruppe mit der höchsten Dosierung (p=0.009) [990]. Die Gesamtanzahl an Nebenwirkungen je Patient betrug A: 4.0, B: 4.3, C: 4.1 und D: 3.1. Drop-Outs wegen Nebenwirkungen verteilten sich wie folgt: A: 14.3%, B: 17.2%, C: 27.8%, D: 17.6%. Die Anzahl der Nebenwirkungen durch die Nabiximol-Intervention (Gesamtanzahl an Nebenwirkungen) betrug A: 270, B: 311, C: 334 und D: 215. Schwerwiegende Behandlungs-assoziierte Nebenwirkungen traten auf bei A: 37.4%, B: 20.7%, C: 27.8% und D: 17.6% der Patienten auf. Laut Autoren traten keine Todesfälle im Zusammenhang mit der Intervention auf (A+B+ C vs. D: 20.9% vs. 17.6% (A: 27.5%; B: 16.1%, C:  18.9%)). In Post hoc Analysen zeigten sich konfundierende Variablen vor allem durch verstärkte Krankheitsprogression in A. Die häufigsten Nabiximol assoziierten Nebenwirkungen waren (von ≥5% der Patienten berichtet): Krankheitsfortschreiten, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen, Benommenheit, Desorientierung, Anorexie, Obstipation, trockener Mund, Anämie, Durchfall, Dysgeusie Kopfschmerzen, Asthenie Halluzinationen, verminderter Appetit, Fatigue, Schmerz, Schlaflosigkeit, Stomatitis und Gewichtsabnahme.

In Lichtman et al. (2018) wurden von 70 (35.2%) Patienten in der Nabiximol-Gruppe und von 41 (20.7%) Patienten in der Placebogruppe Nebenwirkungen berichtet [989]. Am häufigsten berichtet wurde Übelkeit (17 (8.5%) vs. 10 (5.1%)) und Schwindel (15 (7.5%) vs. 5 (2.5%)), 1 Fall von Desorientierung und 1 Fall von visuellen Halluzinationen in der Interventionsgruppe und 1 Fall von Erbrechen in der Placebogruppe. Es gab keine Unterschiede für Suizidale Symptomatiken.

In der ersten Studie von Fallon et al. (2017) berichteten insgesamt 68% in der Nabiximol-Gruppe (A) und 64% in der Placebogruppe (B) mindestens ein Ereignis [988]. Beurteilt als wahrscheinlich interventionsassoziiert mit einer Häufigkeit ≥ 5% waren gesamt in A n=64 (32.2%) und in B n=41 (20.7%). Ereignisse waren Somnolenz (A n=18 (9%) und B n=6 (3%)), Schwindel (A n=15 (7.5%) und B n=6 (3%)) und Übelkeit (A n=10 (5%) und B n=8 (4%)). Es wurden 2 schwere Nebenwirkungen als Interventionsassoziiert eingestuft: 1 Fall von Konstipation (bei 360mg/ Tag Morphin Äquivalente) und ein Fall von moderater Desorientierung und Somnolenz am 4. Tag (bei täglich 2.5 Spraystößen Sativex). In der 2. Studie von Fallon et al. (2017) wurden im ersten Teil der Studie (alle bekamen Nabiximol) von 60% der Patienten mindestens ein Ereignis berichtet. Als wahrscheinlich Interventionsassoziiert mit Häufigkeit ≥ 5% beurteilt waren: gesamt n=128 (31.7%), mit Somnolenz bei n=42 (10.4%), Übelkeit bei n=21 (5.2%) und Schwindel bei n=21 (5.2%). Im zweiten Teil der Studie (Einteilung in Nabiximol und Placebo) berichteten insgesamt 72% in der Interventionsgruppe (A) und 62% in der Placebogruppe (B) mindestens ein Ereignis. Beurteilt als wahrscheinlich Interventionsassoziiert mit Häufigkeit ≥ 5% waren: gesamt A n=16 (15.5%) und B n=12 (11.7%), mit Somnolenz bei A n=6 (5.8%) und B n=0. Mehr als doppelt so viele Patienten in A brachen die Studie aufgrund von Nebenwirkungen ab (n=14 (13.6%) vs. N=6 (5.8%); kein statistischer Vergleich gegeben). Keine der Todesfälle in den beiden Studien stand im Zusammenhang mit der Intervention. Jedoch wurde in der zweiten Studie festgestellt, dass mehr Todesfälle in A auftraten (A n=23 (22.3%) vs. B n=9 (8.7%)). Eine Post-Hoc Analyse zeigt eine signifikante Korrelation zwischen Gruppe und Überlebensstatus (HR=2.682; 95% KI: 1.239, 5.805; p=0.012) und auch der Log-Rank Test zeigt eine Signifikanz für Zeit bis zum Tod (p=0.009). Die Autoren berichten jedoch, dass die meisten Todesfälle nach der Intervention auftraten und diese werden deshalb nicht Interventionsassoziiert eingeschätzt.

Nebenwirkungen weiterer Studien
In dem Artikel von Bar-Sela et al. (2020) wurde eine prospektive Beobachtungsstudie durchgeführt, mit 102 (68 Immuntherapie und 34 Immuntherapie plus Cannabis) Patienten mit fortgeschrittenem Krebs (mehr als 50% nicht kleinzelliges Lungenkarzinom), die eine Immuntherapie begannen [1001]. Die meisten Patienten in der Cannabisgruppe (71%) verwendeten die geringste monatliche Dosis von 20g, nur etwa 10 Patienten nutzten eine Dosis von 30 oder 40g vor und nach der Immuntherapie. Die Nutzung von Cannabis begann zwischen 2 Wochen und 9 Monaten vor der Therapie. Im Rahmen des gesamten Tumoransprechens (Complete Response (CR) + Partial Response (PR) + Stable Disease (SD)) zeigte die Cannabisgruppe signifikant schlechtere Ergebnisse (39% vs. 59%; p = 0.035). Es zeigten sich keine Unterschiede für CR oder SD allein (jedoch Trend zu Nachteil von Cannabisgruppe) und PR war vergleichbar zwischen den Gruppen. Patienten in der Cannabisgruppe zeigten mehr Symptome für Krankheitsfortschreiten im Vergleich zur Gruppe ohne Cannabis (n=29 von n=34 (61%) vs. n=27 von n=68 (41%); p=0.035). Die Mediane Zeit zur Tumorprogression war 3.4 Monate (95% KI, 1.8–6.0) in der Cannabisgruppe und 13.1 Monate (95% KI, 6.0-NA) in der Nicht-Cannabisgruppe. Mit einer minimalen Follow-Up Zeit von 7 Monaten, zeigte sich ein Gesamtüberleben in der Cannabisgruppe von 6.4 Monaten (95% KI, 3.2-9.7) und in der Vergleichsgruppe von 28.5 Monaten (95% KI, 15.6-NA; log-rank tests p=0.0025 und p=0.0009). Die Analyse wurde durchgeführt mit einer Adjustierung für Behandlung und zeigte ein signifikantes HR von 1.95 (95% KI, 1.17-3.26) für Zeit zur Tumorprogression und 2.18 (95% KI, 1.241-3.819) für Gesamtüberleben (p=0.011, p=0.007). Andererseits verringerte der Konsum von Cannabis die immuntherapiebedingten Nebenwirkungen (p=0.057). Insgesamt hat der Cannabiskonsum beträchtliche immunmodulatorische Wirkungen, und seine Verwendung bei Krebspatienten muss aufgrund seiner potenziellen Auswirkungen auf das Immunsystem sorgfältig abgewogen werden, insbesondere während der Behandlung mit einer Immuntherapie.

In einer retrospektiven Analyse (Daten von 2010-2014) wurde der Zusammenhang von Cannabiskonsumstörung und Krankenhauseinweisungen aufgrund von Herzrythmusstörungen (Arrhythmie) untersucht. Patienten (15-54 Jahre) mit einer Primärdiagnose für Arrhythmie (N = 570.556) wurden mit stationären Patienten ohne Arrhythmie (N = 67.662.082) verglichen. Die Inzidenz der Cannabiskonsumstörung bei stationären Arrhythmiepatienten betrug 2,6%. Unter den Cannabiskonsumenten war die häufigste Arrhythmie Vorhofflimmern (42%), gefolgt von anderen Herzrhythmusstörungen (24%) und Vorhofflattern (8 %). Patienten mit Cannabiskonsumstörung waren jünger (15-24 Jahre, OR=4,23), männlich (OR=1,70) und Afroamerikaner (OR=2,70). Cannabiskonsumstörung war verbunden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung wegen Arrhythmie in der jungen Bevölkerung, 1,28 Mal in der Altersgruppe 15-24 Jahre (95% KI: 1.229-1.346) und 1,52 in der Altersgruppe 25-34 Jahre (95% KI: 1.469-1.578)[1002].

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Cannabinoiden wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.19.18 Artemisia annua

Die Empfehlungen und Statements zur Anwendung der jeweiligen Heilpflanze und der aus ihr bzw. ihren Teilen hergestellten Extrakte/ Arzneimittel erfolgen im Rahmen der Leitlinie ausschließlich auf der Grundlage von randomisierten klinischen Studien, die in der Onkologie/ Hämatologie durchgeführt worden sind. Für die Bewertung sicherheitsrelevanter Daten wurden auch weitere Forschungsdaten herangezogen.

7.81 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2024

Es liegen keine Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Artemisia annua auf Mortalität, Morbidität und Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Artemisia annua bei onkologischen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
5
Konsens
Starker Konsens (100%)

Artemisinin ist ein sekundärer Pflanzenstoff, der in den Blättern und Blüten des einjährigen Beifußes (Artemisia annua) vorkommt. Artemisia annua wird in Vietnam, China und Afrika vorwiegend zur Behandlung von Malaria eingesetzt.

Eine Publikation von Effert (2017) hat Studien zur krebshemmenden Wirkung von Artemisinin bis 2016 zusammengefasst [1003]. Artemisin kann auf verschiedene Weise gegen Tumore wirken. Die zelluläre Reaktion von Artemisinin und seinen Derivaten bzw. Metaboliten (Dihydroartemisinin, Artesunat, Artemether, Arteether) auf Krebszellen umfasst die Reaktion auf oxidativen Stress durch reaktive Sauerstoffspezies und Stickstoffoxid, DNA-Schädigung und -Reparatur, verschiedene Zelltodarten, Hemmung der Angiogenese und tumorbezogener Signaltransduktionswege und Signalüberträger. In Tierstudien mit Hunden und Katzen konnten Hinweise auf einen positiven Einfluss gefunden werden, wie Stabilisierung des Tumors oder auch Verlängerung der Überlebenszeit nach Sarkom Resektion. Mehrere veröffentlichte Fallberichte und Pilotversuche der Phase I/II deuten auf eine klinische Anti-Krebs-Aktivität hin, wie Krankheitsstabilisierung, verlängertes Überleben bei Aderhautmelanom oder temporäre Regression bei Prostatakarzinom. Die Bioverfügbarkeit von Artesunat (halbsynthetisches Derivat von Artemisinin) ist mit >60% deutlich besser als die von Artemisinin, die Halbwertszeit ist mit <1 Stunde kurz, was die Anwendung von Artesunat-Infusionen in der Onkologie in Frage stellt. Wegen Fällen von Hepatotoxizität empfehlen die Autoren die Kombinationen von Artemisinin-Arzneimitteln mit anderen komplementären und alternativen Arzneimitteln nicht, bis kontrollierte klinische Studien die Sicherheit von nicht zugelassenen Kombinationsbehandlungen belegen.

Entsprechend der Einschlusskriterien der vorliegenden Leitlinie wurden keine randomisiert kontrollierten Studien zum Einsatz von Artemisinin gefunden, welche als Grundlage für eine Empfehlung oder Statement herangezogen werden können.

Es gibt jedoch präklinische Studien und erste Orientierungsstudien mit experimentellen Endpunkten. Hierzu gehört die Studie von Krishna et al. (2015) [1004]. In der Studie wurde Artesunat (Arinate®) verwendet. Dies ist ein vom Artemisinin abgeleiteter halbsynthetischer Arzneistoff, der zur Behandlung der durch Plasmodium falciparum verursachten Malaria eingesetzt wird.

In der doppelblinden Studie von Krishna et al. (2015) wurden 23 Patienten mit kolorektalen Adenokarzinomen in 2 Gruppen randomisiert [1004]. Die Interventionsgruppe (A) erhielt vor der Tumorresektion 2 Wochen lang täglich 200 mg Artesunat (Arinate®) während die Kontrollgruppe (B) ein Placebo in gleicher Menge erhielt. Am Ende der Studie trat bei 67% in A und 55% in B eine Apoptose auf (TUNEL Methode). Es konnte kein Unterschied zwischen den Gruppen festgestellt werden. Im Laufe der gesamten Beobachtungsdauer (Median = 42 Monate) war die Rückfallquote in A im Vergleich zu B, jedoch ohne statistisch signifikanten Unterschied (A: n = 1, B: n = 6, Wiederauftreten HR = 0.16, 95% KI 0.02, 1.3; p=0.091). Die weitere Darstellung der Ergebnisse zu den Überlebensdaten ist schwer nachvollziehbar, da wenig statistische Werte gegeben werden und die Beschreibung im Text als auch der grafischen Darstellung des Models unzureichend ist. Es werden allerdings keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen berichtet. Es bleiben viele Fragen in der Methodik offen, insbesondere in Hinsicht auf die Vergleichbarkeit der Gruppen zu Beginn (nicht alle Patienten haben Informationen abgegeben, kein statistischer Vergleich gegeben) und den Zeitraum der Analyse. Wesentliche Fragen wirft die Fallzahlberechnung auf, die von spontan wenigen Apoptosen im Tumor ausging, welche in der Interventions- wie in der Kontrollgruppe wesentlich überschritten wurde.

Nebenwirkungen

In Krishna et al. (2015) werden Nebenwirkungen berichtet, die laut den Autoren potentiell mit der Einnahme von Artesunat verbunden sein könnten [1004]: 3 Patienten mit Anämie und Neutropenie (Grad 3, erholten sich nach Studie), sowie 1 Patient/in mit Übelkeit (kein Erbrechen).

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Artemisia annua wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.20 Sekundäre Pflanzenstoffe

7.20.1 Curcumin

7.82 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Curcumin bei oraler, systemischer Applikation auf Mortalität und krankheits- und therapieassoziierte Morbidität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine orale Anwendung von Curcumin bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1005] [1006] [1007]
Evidenztabellen (2)Hejazi et. al. (2013 + 2016); Ryan et. al. (2013)
7.83 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Kurkuma bei topischer Applikation auf die Reduktion der strahlentherapieassoziierte Mukositis bei Kopf-Hals-Tumorpatienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine topische Anwendung von Kurkuma bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1008] [1009]
Evidenztabellen (2)Mansourian et. al. (2015); Rao et. al. (2014)

Curcumin zählt zu den sekundären Pflanzenstoffen aus der Gewürzpflanze Kurkuma (Curcuma longa), die unter anderem in der Gewürzmischung Curry enthalten ist. Curcumin hat antioxidante Eigenschaften und wirkt antiinflammatorisch. Es verlangsamt sowohl die Cyclooxygenase 2 als auch die Lipoxygenase. Untersuchungen im Labor zeigten, dass man durch Curcumin das Wachstum von Krebszellen hemmen und die Wirkung einer Chemotherapie auf Tumorzellen verstärken kann. 

Insgesamt konnten fünf randomisiert kontrollierte Studien identifiziert werden, die die Wirksamkeit von Curcumin in der Krebsbehandlung untersuchten [1005][1006][1008][1009][1007]. Taleban und Rastmanesh (2013) [1006] und Hejazi et al. (2016) [1005] untersuchten dabei zwei verschiedene Endpunkte in der derselben Stichprobe

Morbidität (zu Statement 7.82)

Progressionsfreies Überleben

Keine der eingeschlossenen Studien betrachtete die Wirksamkeit von Curcumin bezüglich des Überlebens, stattdessen untersuchten alle Studien verschiedene Facetten der Morbidität. In der ersten Studie von Hejazi et al. (2016) war das progressionsfreite Überleben, das innerhalb von einem Jahr untersucht wurde, Gegenstand der Untersuchung [1005]. In dieser monozentrischen, doppelt verblindeten, zweiarmigen randomisiert kontrollierten Studie wurden 40 Prostatakrebspatienten verglichen. Ein Arm begann eine Woche vor der Radiotherapie und während der gesamten Radiotherapie dreimal täglich jeweils zwei 500mg Curcumin-Kapseln einzunehmen und der Kontrollarm bekam stattdessen nur ein Placebo aus Reismehl. Die Autoren fanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen hinsichtlich des progressionsfreien Überleben, das sie mithilfe des PSA-Spiegels ermittelten (Mittelwertveränderung des PSA-Spiegel (ng/ml) in dem Zeitraum zwischen einer Woche vor der Radiotherapie und drei Monate nach der Radiotherapie: Curcumin: 0.12 (SD = 0.16), Placebo: 0.13 (SD = 0.06), p = 0.78). An dieser Studie gab es zahlreiche Kritikpunkte. So schrieben die Autoren, dass sie das progressionsfreie Überleben innerhalb eines Jahres untersuchen, betrachten jedoch nur den Zeitraum bis einschließlich drei Monate nach der Radiotherapie. Zudem wurde nur eine sehr kleine Stichprobe untersucht, ohne dass eine Poweranalyse durchgeführt wurde und die beiden Arme unterschieden sich schon zu Beginn der Studie bezüglich der antioxidativen Kapazität (p = 0.045). Wegen dieser methodischen Mängel und da nur diese Studie, die Wirksamkeit zum progressionsfreien Überleben untersucht, können zu diesem Zeitpunkt noch keine validen Aussagen und Empfehlungen zu diesem Thema getroffen werden.

Lebensqualität

In der zweiten Studie zu demselben Datensatz von Prostatakrebspatienten [1006]wurde untersucht, inwiefern Curcumin die Lebensqualität verbessern kann. Die Lebensqualität wurde mithilfe des Prostatamoduls des Lebensqualitätsfragebogens der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC QLQ-PR25) untersucht. Mit Ausnahme der Harn-Symptom-Skala, bei denen der Curcumin-Arm drei Monate nach der Radiotherapie signifikant weniger Symptome als der Kontrollarm berichtete (Mittelwertunterschied: -14.1 (95% KI -24.7; -3.4), p = 0.011), zeigten sich keine weiteren signifikante Unterschiede in den anderen Skalen (Lebensqualität hinsichtlich Blasen-Symptome: 5.4 (95% KI -4.5; 15.4), p = 0.275, behandlungsbezogener Symptome: 7.9 (95% KI -3.1; 18.9), p = 0.155 und sexueller Aktivität: -3.5 (95% KI -19.0; 12.0), p = 0.652). Wegen den oben bereits genannten Kritikpunkten dieser Studie, können diese Ergebnisse höchstens als erste Hinweise zur Wirksamkeit von Curcumin bezüglich der Lebensqualitätsverbesserung gewertet werden und reichen noch nicht aus, um eine Empfehlung auszusprechen. 

Toxizität der Radiotherapie (zu Statement 7.83)

Die meisten Daten gab es zum Einfluss von Curcumin auf die Toxizität von Radiotherapie: Mansourian et al. (2015) [1008], Rao et al. (2014) [1009] sowie Ryan et al. (2013) [1007]. Zwei der Studien untersuchten, inwiefern Curcumin das Auftreten von mit der Radiotherapie assoziierter oraler Mukositis bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren verringert [1008][1009]. In der ersten doppelt verblindeten Studie von Mansourian et al. (2015) wurden zwei Arme (N = 37) im Zeitraum der Radiotherapie verglichen, von denen ein Arm dreimal täglich den gesamten Mundraum mit einem topischen Kurkuma-Gel bestreichen sollte und der Kontrollarm stattdessen ein Placebo-Gel verwendete. Die beiden Arme unterschieden sich signifikant in Verteilung der aufgetretenen Mukositis-Fälle (p 

In der anderen Studie von Rao et al. (2014) wurden insgesamt 79 Patienten mit Kopf-Hals-Tumor auch während der Radiotherapie untersucht [1009]. Im Gegensatz zur Studie von Mansourian et al. (2015) mussten Patienten im Interventionsarm den Mund nicht mit einem Gel bestreichen, sondern hatten die Anweisung den Mund während der Radiotherapie sechsmal täglich mit 10ml Curcumin-Mundspülung zu spülen [1008]. Der Kontrollarm dagegen sollte den Mund zweimal täglich mit einer Povidon-Iod-Mundspülung spülen. Aus einer Grafik konnte entnommen werden, dass der durchschnittliche Mukositis-Grad (wöchentlich erhoben mithilfe des RTOG grading) im Curcumin-Arm in Woche eins bis sieben jeweils niedriger war als im Kontrollarm (p < 0.001). Zusätzlich dazu wurden im Kontrollarm mehr Fälle von unerträglicher Mukositis berichtet (Curcumin: 14/39, Povidon-Iod: 34/40, p < 0.0001). Abgesehen von der Mukositis wurden in dieser Studie sekundär einige Parameter allgemeiner Toxizität untersucht. Die Autoren fanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen hinsichtlich der Anzahl an Patienten, bei denen eine Therapieunterbrechung notwendig war (Curcumin: 7 (17.95%), Povidon-Iod: 9 (24%)) und hinsichtlich der durchschnittlichen Anzahl verlorener Tage (Curcumin: 7 (SD = 0), Povidon-Iod: 7.25 (SD = 0.56)). Im Gegensatz dazu haben die Patienten im Curcumin-Arm über die Studiendauer signifikant weniger Gewicht verloren als der Kontrollarm (Curcumin: 3.92 (SD = 2.13), Povidon-Iod: 4.45 (SD = 2.15), p < 0.001).

In beiden Studien vermindern mögliche Verzerrungsrisikos die Validität der Ergebnisse. In der Studie von Mansourian et al. (2015) wurde, ohne das eine Poweranalyse durchgeführt wurde, nur eine sehr kleine Stichprobe betrachtet (N = 37), was unter anderem die Generalisierbarkeit deutlich einschränkt. In der Studie von Rao et al. (2014) war ein bedeutender Unterschied in den beiden Interventionen, dass die Interventionsgruppe den Mund täglich sechsmal und die Kontrollgruppe nur zweimal spülen musste. Davon abgesehen besteht in beiden Studien weitere unklare Verzerrungsrisikos, da durch die sehr schlechte Berichtsqualität in beiden Studien wichtige Angaben fehlten (z.B. gab es in beiden Studien keine Angaben zum Compliance und in der Studie von Rao et al. (2014) konnten die Ergebnisse teilweise nur ungenauen Grafiken entnommen werden).

In einer weiteren sehr kleinen Studie (N = 30) wurden Brustkrebspatientinnen hinsichtlich der Schwere der Radiodermatitis und der feuchten Desquamation untersucht [1007]. Der Interventionsarm nahm sieben Wochen während der Radiotherapie dreimal täglich je vier 500mg Curcumin-Kapseln ein und der Kontrollarm stattdessen ein Placebo. Die Autoren fanden einen signifikanten Gruppenunterschied in der Schwere der Radiodermatitis am Ende der Radiotherapie, wobei die Intensität im Curcumin-Arm niedriger war als im Kontrollarm (-0.8 (SD = 0.8, 95% KI -1.4; -0.2), p = 0.008). Zusätzlich dazu rechneten die Autoren ein Modell über die Zeit. Hier zeigte sich ohne die Berücksichtigung der Zeit kein Unterschied zwischen den Gruppen (p = 963), aber eine signifikante Interaktion zwischen Gruppe und Zeit (p = 0.007) wies auf einen unterschiedlichen Verlauf der beiden Arm über der Zeit hin. Der Grafik war zu entnehmen, dass die beiden Arme bis Woche vier einen ähnlichen Verlauf vorwiesen, aber dann stiegen die Werte in A weniger steil an und fielen in Woche sieben sogar ab. Beim Kontrollarm stiegen die Intensitätswerte kontinuierlich weiter. Zudem tauchten im Interventionsarm weniger Fälle von feuchter Desquamation auf (Curcumin: 28.6%, Placebo: 87.5%, p = 0.002). Sekundäre Endpunkte dieser Studie waren die Dermatitis-Röte, die Schmerzen und weitere Toxizitätssymptome (wie z.B. Übelkeit, Erbrechen, Depressivität, Appetit usw.). In allen diesen drei Endpunkten fanden die Autoren keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Armen. Auch diese Studie birgt ein großes Verzerrungsrisiko. Der größte Kritikpunkt ist die sehr kleine Stichprobe. Zum einen schränkt diese wie oben schon beschrieben, die Generalisierbarkeit der Ergebnisse ein und zum anderen funktionieren die gewählten statistischen Modelle (u.a. eine ANOVA) bei so kleinen Stichproben nicht zuverlässig. Außerdem wurden in dieser Studie sehr viele Einzeltests durchgeführt, was die Wahrscheinlichkeit, dass Ergebnisse fälschlicherweise signifikant werden, deutlich hebt. 

Alles in allem ist die Evidenzlage auch hinsichtlich Toxizität von Radiotherapie sehr schwach, denn zu allen Einzelaspekten der Toxizität gab es nur ein bis zwei Studien und alle Studien wiesen jeweils erhebliche methodische Probleme auf. Davon abgesehen lagen nur Daten von Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren oder mit Brustkrebs vor. Aus diesem Grund bieten diese Ergebnisse lediglich erste Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit von Curcumin, die Toxizität während der Radiotherapie zu mildern.

Nebenwirkungen

Von den fünf eingeschlossenen Studien lassen sich keine Aussagen über die Nebenwirkungen von Curcumin ableiten. Während in drei der Studien laut Angabe der Autoren keinen Nebenwirkungen auftraten [1005][1006][1007], gab es in den restlichen beiden Studien keine Angaben zu Nebenwirkungen von Curcumin [1008][1009]. In Studien mit niedrigerem Evidenzlevel oder in präklinischen Studien gibt es jedoch Hinweise, auf potentielle Neben- und Wechselwirkungen von Curcumin. So fand zum Beispiel eine Übersichtsarbeit, die Fallberichten und Fallserien analysiert und zusammenfasst, dass Curcumin allergische Kontaktekzeme auslösen kann [1010]. Zudem zeigten die Autoren einer Fall-Kontroll-Studie mit dem Ziel die Körperzusammensetzung von Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom zu untersuchen, dass Patienten mit Curcumin-Behandlung einen stärkeren subkutanen Muskel- und Fettverlust vorwiesen als die unbehandelten Kontrollen. Davon abgesehen war das Überleben bei den Curcumin-Patienten mit Sarkopenie signifikant kürzer als bei den Kontrollpatienten mit Sarkopenie. Bei Patienten ohne Sarkopenie fanden sich keine Unterschiede [1011]. Im Tierversuch verstärkte Curcumin außerdem die Bildung und Progression von Lungenkarzinomen [1012].

Davon abgesehen sprechen in vitro und/oder in vivo Daten unter anderen für eine Interaktion zwischen Curcumin und Docetaxel, Radatio, Irinotecan, Doxorubicin, Idarubicin,  Cyclophosphamid, 5-FU, Histonde-acetylaseinhibitoren und der partiellen partieller Hepatektomie [1013][1014][1015][1016][1017][1018][1019][1020][1021][1022][1023][1024][1025]. In den meisten Fällen verringerte Curcumin die Wirkung, das hing jedoch teilweise auch vom Zeitpunkt der Curcumingabe und der Dosis ab.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Curcurmin wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.20.2 Isoflavone

7.84 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer Metaanalyse mit 9 RCTs zur Wirksamkeit von Isoflavonen beim Prostatakarzinom vor. Isoflavone sollen nicht zur Beeinflussung des Krankheitsverlaufs beim Prostatakarzinom empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1a
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1026]
Evidenztabellen (1)Van Die et. al. (2014)
7.85 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen Daten kleiner randomisierter Studien zum Einfluss von Isoflavonen auf unterschiedliche Nebenwirkungen der Androgendeprivation/Androgensuppression bei Patienten mit Prostatakarzinom vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Isoflavonen zur Reduktion von Nebenwirkungen der Androgendeprivation/Androgensuppression beim Prostatakarzinom gegeben werden.

Evidenzlevel
1b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1027] [1028] [1029] [1030]
Evidenztabellen (4)Ahmad et. al. (2010); Sharma et. al. (2009); Napora et. al. (2011); Vitolins et. al. (2013)
7.86 · Evidenzbasierte Empfehlung 2020

Es liegen Daten aus einer Metaanalyse über 4 randomisierte Studien zum Einfluss von Isoflavonen auf menopausale Symptome/ Nebenwirkungen der endokrinen Therapie bei Patientinnen mit Brustkrebs vor. Isoflavone sollen nicht zur Reduktion von menopausalen Symptomen bei Brustkrebs empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1a
Konsens
Konsens
Literatur
[1031]
Evidenztabellen (1)Leggett et. al. (2015)

Isoflavone bezeichnen Stoffe, die alle zu der Gruppe der Phytoöstrogene zählen. Dabei sind die bekanntesten Isoflavone Genistein (das Isoflavon der Sojabohne) und Daidzein. In der de-novo Recherche wurden weiterhin die verschiedenen Bezeichnungen Biochanin A und B, Formononetin, Formononetol, Daidzin, Equol, Iridin, Glycetin, Ononin, Orobol, Pratensein, Prunetin, Pterocarpan, Puerarin, Rotenone und Santal aufgenommen. Häufig werden Isoflavone zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden genutzt. In Hinblick auf die Prävention hormonabhängiger Tumore durch Isoflavone gibt es in Asien Hinweise auf eine günstige Wirkung. In Europa findet man jedoch eher widersprüchliche Befunde, die dafürsprechen, dass bei höherem Phytoöstrogenspiegel ein erhöhtes Krebsrisiko besteht. Labor- und Tierexperimente zeigten, dass Isoflavone das Wachstum von Brustkrebs sogar eher fördern.

Ein spezielles Phytoöstrogen-Isoflavon, nämlich Equol ist ein Daidzein-Metabolit von Darmbakterien. Es werden bei Menschen zwei Phänotypen unterschieden: Equolproduzenten und Nichtproduzenten [1032]. Die Prävalenz von Equolproduzenten bei westlichen Erwachsenen liegt bei 20 bis 35% gegenüber 50 bis 55% bei asiatischen Erwachsenen [1033]. Interindividuelle Unterschiede in den Phänotypen werden auf Unterschiede im Mikrobiom des Darms zurückgeführt [1034]. Zudem konnten Assoziationen zu bestimmen Genen gefunden werden [1035]. Studien, die die Wirksamkeit einer Isoflavon-Einnahme untersuchen, sollten daher auch den Isoflavon-Blutspiegel als Moderatorvariable beachten.

Es soll darauf hingewiesen werden, dass hier nur die Wirkstoffgruppe der Isoflavone beurteilt werden und nicht z.B. Soja als Nahrungsmittel als Ganzes, da darin auch andere Wirkstoffe enthalten sein können.

Übersicht zur Evidenz

Die Recherche wurde auf der ersten Evidenzebene durchgeführt. Zum Prostatakarzinom wurde eine relevante Metaanalyse (über 6 relevante RCTs) eingeschlossen und darüber hinaus 5 weitere RCTs (in 6 Veröffentlichungen). Die Ergebnisse werden mit einem systematischen Review verglichen, welches sich auf die gleichen Primärstudien bezieht wie die Metaanalyse. 

Zu Brustkrebs wurde ein systematisches Review (über 4 RCTs) eingeschlossen. Es wurden keine weiteren Primärstudien zu Brustkrebs oder Studien zu anderen Krebsarten gefunden.

15 weitere systematische Reviews wurden geprüft, hier aber nicht weiter aufgeführt. Die Gründe dafür sind, dass entweder nur ein bis zwei relevante Studien eingeschlossen worden oder dass eingeschlossene Studien nicht nach einem Risk of Bias untersucht worden waren. Relevante Primärstudien wurden herausgesucht und eingeschlossen. Darüber hinaus wurden 11 RCTs mit multiplen Interventionen gefunden, die hier ebenso nicht beachtet werden. Eine Liste mit den ausgeschlossenen Studien ist im zusätzlichen Dokument Literaturlisten zu finden.

Es ist anzumerken, dass sich die folgenden Bewertungen nicht auf Soja und Sojaprodukte beziehen in der Ernährung beziehen.

Prostatakrebsverlauf und Nebenwirkungen der Androgendeprivation/Androgensuppression (zu Empfehlungen 7.84 & 7.85)

Die Autoren einer Metaanalyse haben auf 5 Datenbanken nach RCTs mit Phytoöstrogenpräparaten bei Männern mit Prostatakarzinom oder hohem Risiko für ein Prostatakarzinom gesucht und dabei insgesamt acht Studien in elf Veröffentlichungen gefunden [1026]. Davon wurden sechs Studien an Patienten mit einem bereits bestehenden Prostatakarzinom durchgeführt: vier Studien im Frühstadium mit geplanter Prostatektomie [954][1036][1037], wobei eine Studie in zwei Veröffentlichungen beschrieben wird [1038][1039], eine Studie mit watchfull waiting [1040] und eine Studie mit active surveillance [1041]. Die Dosierungen und Präparate waren unterschiedlich: 40-80 mg Isoflavonpräparat (Prevastein HC®) täglich für 4-12 Wochen [1036][1038][1039], 30mg synthetisches Genistein-Aglycon täglich für 3-6 Wochen [1037], Genistein-kombiniertes Polysaccharid mit 450 mg Genistein und 300 mg Daidzein täglich für 6 Monate [1041], Sojaproteingetränk mit 60mg Genistein täglich für 12 Wochen [1040] oder Brot mit Sojaproteinkörnern mit 117 mg Isoflavone täglich für 22-27 Tage [954]. Die Kontrollgruppen haben in vier Fällen ein Placebo bekommen [1041][1040][1038][1039][1037], in einem Fall Weizenbrot [954] und in einem weiteren Fall gab es keine Kontrollgruppe ohne Isoflavone, da es sich um eine Dosisfindungsstudie handelte [1036]. Die Stichprobengrößen lagen zwischen 29 und 76 Teilnehmern, mit einem Schnitt von 53 Teilnehmern und einem Drop-out von insgesamt 13%. Als primäre Endpunkte des systematischen Reviews wurden die fünf-Jahres-Überlebensrate, Progression der Krebserkrankung und als sekundäre Endpunkte auch die PSA-Entwicklung und andere nicht-patientenrelevante Outcomes festgelegt.

Keine der gefundenen Studien hatte die Überlebensrate untersucht. In einer Studie wurde der Gleason-Score als Maß für die Progression betrachtet, wobei sich keine signifikanten Unterschiede zwischen dem Interventions- und dem Kontrollarm zeigten (keine Angabe des p-Werts) [1036]. Fünf Studien untersuchten den PSA –Wert [954][1041][1040][1036][1037], wobei nur eine einen signifikanten Unterschied zwischen den Armen zeigte, nämlich zugunsten des Interventionsarms (Veränderung des PSA-Levels -12.4% vs. 40%, p=0.02) [954]. In dieser Studie wurde ebenso eine Änderung des Verhältnisses von freiem PSA zum Gesamt-PSA festgestellt, die bei Brot mit Soja-Körnern eine signifikant größere Änderung ergab als bei Weizenbrot (27,4% gegenüber -15,6%, P = 0,01) [954]. In einer Metaanalyse [1026]über 6 Studien, in 7 Publikationen (inklusive einer Studie an Patientinnen mit hohem Risiko für ein Prostatakarzinom) konnte kein signifikanter Effekt gefunden werden (Mittelwertsdifferenz = -0.01, 95% KI: -0.74; 0.72, p= 0.98, I2= 0%). Eine Subgruppenanalyse, in der nur die fünf Studien eingeschlossen wurden, in denen die Teilnehmer ein bereits bestehendes Karzinom aufwiesen, zeigte ebenso keine sig. Effekte (p-Wert k.A.). Eine weitere Subgruppenanalyse, die den Unterschied zwischen den Interventionen (Tabletten vs. Nahrungsmittel) betrachtete, ergab auch keine signifikanten Effekte (p-Wert k.A.).

Der Risk of Bias wurde von den Autoren mit dem Cochrane Tool bewertet, wobei die Studien insgesamt gut abschnitten. In zwei Studien wurden drei bis vier Domänen mit einem „unklaren“ Biasrisiko und der Rest mit einem niedrigen Biasrisiko bewertet [954][1037], in zwei Studien waren zwei Domänen in der Bewertung „unklar“ [1041][1040] und eine Studie durchgehend „niedrig“ [1038][1039]. Die Studie zur Dosisfindung wurde nicht bewertet [1036]. Methodisch merken die Autoren an, dass ein Publikationsbias nicht ausgeschlossen werden kann, die Stichprobengrößen gering waren und die Interventionsdauer unter sechs Monaten lag, was aber eher ein Problem für die Studien darstellte, an denen Risikopatienten teilnahmen, da es länger dauern kann, bis sich ein manifester Krebs entwickelt. Eine weitere mögliche Einschränkung ist laut Autoren eine zu niedrige Power. Zwar haben drei Studien eine Poweranalyse durchgeführt [1041][1040][1037], aber nur eine hat die errechnete Teilnehmeranzahl erreicht [1037] und in allen Studien waren die Effekte kleiner als erwartet, so dass auch die jeweils berechnete notwendige Stichprobengröße eher zu klein ausgefallen sein könnte.

Die Autoren schlussfolgern selbst, dass aufgrund der Studienlage keine klaren Aussagen zur Wirkung einer Isoflavon-Gabe auf die Progression des Prostatakarzinoms oder den PSA-Spiegel getroffen werden können. Die Metaanalyse ist insgesamt von guter Qualität, da die Studienauswahl und Datenextraktion im Vier-Augen-Prinzip durchgeführt, die Studien sehr ausführlich in den Evidenztabellen dargestellt, der Risk of Bias mit dem Cochrane Tool ausgewertet und auch methodische Einschränkungen der Studie offen diskutiert wurden. Nachteile sind ein fehlendes Studienprotokoll, die recht enge Suchstrategie mit der eine Studie übersehen wurde, die zum damaligen Zeitpunkt bereits veröffentlicht war [1029] und dass mögliche Interessenskonflikte der Primärstudien außer Acht gelassen wurden. Einer der Autoren der Metanalyse arbeitete selbst als beratender Direktor für Forschung und Entwicklung bei MediHerb (Integria) Australia, die eine Sojatablette herstellten. Der Erstautor der Metaanalyse (van Die) ist zudem mit diesem Autor verwandt. 

In einem weiteren Systematischen Review [399] wurden die gleichen Studien eingeschlossen wie in der eben dargestellten Metaanalyse (van Die et al., 2014 [1026]). Hier werden zunächst die zwei Studien betrachtet, die eine Genistein-Supplementation durchgeführt haben. Für die eine Studie, in der die Patienten vor Prostatektomie drei bis sechs Wochen lang  30 mg Genistein oder einen Placebo zu sich genommen hatten, werden Unterschiede zugunsten der experimentellen Gruppe hinsichtlich prozentualer Veränderung des PSA-Spiegels hervorgehoben, die allerdings nicht signifikant geworden seien (p = 0,051) [1037]. Dem wird eine andere Studie gegenübergestellt, die an Patienten mit watchfull-waiting durchgeführt wurde, die für 12 Wochen 60 mg Genistein pro Tag eingenommen hatten [1040]. Hier sei gar kein Effekt auf die durchschnittliche PSA-Entwicklung gefunden worden. Letztere Studie weist laut Autoren ein geringeres Verzerrungspotential auf, was sich auch mit der Einschätzung der Autoren der Metaanalyse [1026] deckt. Die Autoren bestätigen ebenso, dass in den Studien, die Präparate mit Isoflavonkombinationen verwendet haben [1042][1041][1036], kein Einfluss des jeweiligen Präparats auf die PSA-Entwicklung festgestellt werden konnte. Die eine Studie, welche positive Effekte zeigte [954], wurde ebenso in vier von sieben Kriterien des Cochrane RoB Tools mit einem unklaren Verzerrungsrisiko eingeschätzt, da Randomisierungsprozess, verdeckte Zuteilung und Verblindung nicht näher beschrieben seien. Unklar sei zudem, ob alle 29 Teilnehmer ausgewertet wurden (intent-to-treat-Analyse) und ob die Adhärenz ausreichend war.

Zusätzlich zu den eben genannten Studien der Übersichtsarbeiten wurden in der de-novo Recherche der Leitlinienautoren 4 weitere RCTs gefunden, die ebenso den PSA-Wert erhoben haben [1027][1043][1028][1029]. Auch die Studie von Bosland et al. (2013) soll hier näher beschrieben werden [1042].

In einer randomisierten, placebo-kontrollierten und doppelt-verblindeten Studie wurden 177 Patienten mit Prostatakrebs (T1c/ T2), Prostataentfernung innerhalb der letzten 4 Monate und mit hohem Risiko für ein Rezidiv angewiesen, zwei Jahre lang täglich ein Getränk entweder mit 20 g Sojaprotein (mit allen Arten von Isoflavonen, auch Genistein, Daidzein, Glycitein) oder mit 20 g Kalzium Kaseinate (Placebo) zu sich zu nehmen [1042]. Zusätzlicher Soja-Konsum wurde untersagt und die Adhärenz durch den Isoflavon- Blutspiegel, Tagebucheinträgen und Fragebögen kontrolliert. Es zeigte sich eine sehr gute Adhärenz (96% der Teilnehmer haben mehr als 90% der Präparate eingenommen). Untersuchte Endpunkte waren die biochemische Rezidivrate (Entwicklung eines PSA-Spiegels von ≥ 0,07 ng/ml) und die Zeit bis zum Rezidiv. Für beides wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen gefunden (p = 0.89, p = 0.62). Auch eine Subgruppenanalyse für ausschließlich adhärente Teilnehmer ergab keine signifikanten Unterschiede in der Rezidivrate (p = 0.81). Die Studie ist methodisch sehr gut (Poweranalyse, transparente Berichterstattung, nachvollziehbare statistische Berechnungen) und zeigt auf dem Cochrane RoB 2.0 Tool auf allen Domänen einen niedrigen Risk of Bias.

In einer weiteren randomisiert, placebo-kontrolliert und doppelt verblindeten Studie wurden über 80 Patienten mit lokalem Prostatakrebs (T1-T2) eingeschlossen, die vor einer Prostataentfernung standen [1043]. Sie sollten bis zum Zeitpunkt der OP (2-6 Wochen) täglich Kapseln mit 51 mg Isoflavonen oder einem Placebo zu sich nehmen. Die Studie war gut geplant, z.B. wurden nur Teilnehmer aufgenommen, die vorher kein Soja/ Isoflavon zu sich genommen hatten und die Teilnehmer waren dazu angehalten, während der Studienzeit keine anderen pflanzlichen Mittel oder Vitaminpräparate zu sich zu nehmen. Leider konnten die Daten vieler Teilnehmer nicht ausgewertet werden, da es entweder Probleme bei der Laboranalyse gab, die OP früher stattfand als geplant oder die Teilnehmer die Studie aus anderen Gründen abbrachen. Die meisten Daten zum PSA-Wert lagen zum Zeitpunkt nach 2 Wochen vor (Attrition nach 2 Wochen 21%, nach 4 Wochen 82%). Hier zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen (p < 0.05). Der Phytoöstrogen-Blutspiegel wurde zwar erhoben, aber in den Berechnungen nicht als Moderator aufgenommen. Zudem ist nicht erkennbar, ob eine intent-to-treat-Analyse durchgeführt wurde. Das Biasrisiko wurde mit dem Cochrane RoB 2.0 Tool für die Domäne 2 als hoch und für die Domänen 3 und 5 als bedenklich eingestuft.

In einer kleinen randomisiert, placebo-kontrollierte und doppelt verblindeten Studie nahmen insgesamt 39 Patienten mit Prostatakrebs, bei denen eine ADT-Hormontherapie durchgeführt wurde, über 12 Wochen täglich ein Getränkepulver mit 120 mg Isoflavonen (n = 17) oder ein Milch-Protein-Getränk (Placebo, n = 16) zu sich [1028][1029]. Es wurde eine ganze Batterie von Tests und Fragebögen angewendet und neben verschiedenen Laborparametern, BMI, Gewicht, kognitiven Leistung (generelle Intelligenz, visuell-räumliche Orientierung, sprachliches Lernen und Gedächtnis, Feinmotorik), sexuelle Schwierigkeiten, vasomotorischen Symptomen (Hitzewallungen), Schlafqualität und allgemeiner Lebensqualität auch der PSA-Wert erhoben. Die Autoren berichten, dass keine signifikanten Unterschiede in den PSA-Werten der Teilnehmer gefunden werden konnten, ohne jedoch konkrete Daten dafür zu berichten. Aufgrund von multiplem Testen und einem hohen selection bias sind v.a. die signifikanten Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten (s.u.).

In einer letzten kleinen ebenso randomisiert, placebo-kontrolliert und doppelt verblindeten Studie nahmen 42 Patienten mit Prostatakrebs mit Beginn einer Radiotherapie 6 Monate lang täglich Tabletten mit 200 mg Soja-Isoflavonen oder Placebo-Tabletten [1027]. Nach 1, 3 und 6 Monaten wurde der PSA-Wert erhoben und den Patienten wurden (durch die Autoren selbst erstellte) Fragebögen bezüglich urogenitaler, gastrointestinaler und erektiler/sexueller Symptome mitgegeben. Der PSA-Wert zeigte eine deutliche Reduktion in beiden Armen (Median, Reduktion in %: Isoflavone Prä: 3.7 ng/ml, Post: 0,9 ng/ml, 75.70% vs. Placebo Prä:4.9 ng/ml, Post: 2.0 ng/ml, 59.20%). Statistische Tests wurden aufgrund eines hohen Drop-outs (keine genauen Angaben in Bezug auf den PSA-Wert) nicht durchgeführt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass nur eine RCT einen signifikanten Effekt zugunsten eines Isoflavon-Präparats hinsichtlich des PSA-Levels und des Verhältnisses von freiem PSA zum Gesamt-PSA zeigte [954]. In dieser Studie nahmen insgesamt 29 Patienten mit einem Frühstadium eines Prostatakarzinoms mit geplanter Prostatektomie für 22-27 Tage Brot mit Sojaproteinkörnern mit 117 mg Isoflavonen oder Weizenbrot zu sich. Die Qualität der Studie wurde von den Autoren der Metaanalyse [1026] und des systematischen Reviews [399] mit dem Cochrane RoB Tool in jeweils vier Domänen mit einem „unklaren“ Biasrisiko bewertet. Es gab nur wenig bis keine Angaben zum Randomisierungsprozess, zur verdeckten Zuteilung, Verblindung, Adhärenz und den statistischen Analysen (intent-to-treat-Analyse). In einer Zusammenrechnung mit vier weiteren RCTs konnte zudem kein signifikanter Effekt gefunden werden [1026]. Ein Nachteil ist, dass die Power der anderen Studien fraglich war. In weiteren fünf randomisiert, placebo-kontrolliert und doppelt verblindeten Studien [1027][1042][1043][1028][1029] wurde ebenso kein statistisch signifikanter Effekt gefunden, darunter auch eine zuverlässige Studie mit hoher methodischer Qualität und niedrigem Risk of Bias, die an 177 Patienten mit Prostatakrebs nach Prostataentfernung und mit hohem Risiko für ein Rezidiv über zwei Jahre durchgeführt wurde [1042].

Sexuelles Funktionsniveau

In der kleinen, bereits erwähnten Studie von Ahmad et al. (2010) mit 42 Prostatakrebs-Patienten wurden u.a. (durch die Autoren selbst erstellte) Fragebögen bezüglich erektiler und sexueller Symptome ausgeteilt [1027]. Nach 3 Monaten gaben allerdings nur 26 Teilnehmer ihre Fragebögen zurück, nach 6 Monaten 27, so dass ein Drop-out von ca. 36 % vorliegt. Die Ergebnisse wurden daher nicht statistisch ausgewertet. In der Soja-Gruppe zeigte sich im Vergleich zur Placebo-Gruppe nach 3 und nach 6 Monaten eine positivere Entwicklung des Erektionsvermögens (Fähigkeit zur vollständigen Erektion zu T1: A = 69.2% vs. B = 61.5%; zu T2: A = 77% vs. B = 57.1%; Verminderung der Fähigkeit für Erektionen zu T1: A = 15.4% vs. B = 46.2%, zu T2: A = 15.4% vs. B = 57.1%; Funktion wie vor RTX oder besser zu T1: A = 84.6% vs B = 61.5%, zu T2: A = 84.6% vs. B = 57.1% ). Die Ergebnisse sind aber aufgrund der kleinen Stichprobe und mangelnder statistischer Tests nicht vom Zufall unterscheidbar.

In der Studie von Sharma et al. (2009), in der eine ganze Batterie von Fragebögen und Tests an 39 Prostatakrebs-Patienten unter ADT-Hormontherapie durchgeführt wurde, wurde auch das sexuelle Funktionsniveau mit dem Watts Fragebogen (4 Unterskalen) und dem International Index of Erectile Function (5 Unterskalen) erhoben [1029]. Dabei wurden nach 6 und nach 12 Wochen keine signifikanten Unterschiede zwischen dem Interventions- und dem Placeboarm gefunden. Allerdings wurde die Adhärenz der Teilnehmer nicht überprüft.

Vasomotorische Symptome: Hitzewallungen

In der eben erwähnten Studie von Sharma et al. (2009) zeigten sich bereits zur Baseline Unterschiede zwischen den Armen bezüglich der vasomotorischen Symptome (Hitzewallungen), die mit dem Blatt-Kupperman Fragebogen erhoben wurden [1029]. Ein Gruppenvergleich nach 6 und 12 Wochen wurde daher nicht durchgeführt. Aber auch innerhalb der Gruppen zeigten sich keine signifikanten Veränderungen über die Zeit.

In einer weiteren randomisierten, placebo-kontrollierten und doppelt verblindeten Studie wurden 120 Patienten mit Prostatakrebs unter Hormontherapie in eine von vier Gruppen eingeteilt: A: „Soja alleine“: Soja-Pulver (20 g Sojaproetein mit 160 mg Isoflavone) mit Placebo-Pille, B: „Venlaflaxin alleine“: Venlaflaxin (75 mg) mit Placebo-Pulver (20 g Milch-Protein), C: „Soja mit Venlaflaxin Kombination“: Soja-Pulver (20 g Sojaprotein mit 160 mg Isoflavone) mit Venlaflaxin (75 mg), D: „Nur Placebos“: Placebo-Pulver (20 g Milch-Protein) und Placebo-Tablette [1030]. Alle Präparate wurden täglich für 12 Wochen eingenommen. Die Teilnehmer sollten täglich die Anzahl und Intensität ihrer Hitzewallungen (1= mild, 2=moderat, 3= stark) notieren. Für jede Woche wurde die Anzahl der Hitzewallungen, die durchschnittliche Intensität und die Kombination aus beiden Parametern (Hot flash symptom severity score (HFSSS): Anzahl x Intensitäts-Durchschnitt) berechnet. In allen Parametern konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen gefunden werden. Auch nachdem die Gruppen A und C (Soja) sowie B und D (kein Soja) zusammengerechnet und verglichen wurden, konnten keine signifikanten Effekte gefunden werden. Dies änderte sich auch durch weitere Berechnungen nicht, in denen die Baseline-Merkmale als Kovariaten einbezogen wurden und eine Subgruppenanalyse für alle Teilnehmer mit mindestens 80% Adhärenz durchgeführt wurde. Die Autoren fassen zusammen: „Bei Männern mit Androgenmangel erwiesen sich weder Venlafaxin noch Soja als wirksam bei der Verringerung von Hitzewallungen. Interventionen, die zur Verringerung von Hitzewallungen bei Frauen wirksam erscheinen, haben bei Männern möglicherweise nicht den gleichen Effekt.“ Die Studie ist qualitativ sehr hochwertig und weist ein geringes Verzerrungsrisiko auf allen Domänen des Cochrane RoB 2.0 Tools auf.

Insgesamt spricht die Datenlage dafür, dass eine Isoflavon-Gabe bei Männern mit Prostatakrebs unter Hormontherapie keinen Effekt auf vasomotorische Symptome wie Hitzewallungen hat.

Urogenitale und Gastrointestinale Symptome

Urogenitale und gastrointestinale Symptome wurden nur in der Studie von Ahmad et al. (2010) untersucht [1027]. Hier zeigte sich das gleiche Problem, dass nur 26 (T1) bis 27 (T2) von 42 Teilnehmern ihre Fragebögen zurückgaben und die Ergebnisse nicht statistisch ausgewertet wurden. Tendenziell zeigte sich in der Soja-Gruppe im Vergleich zur Placebo-Gruppe nach 3 und 6 Monaten eine positivere Entwicklung der Inkontinenz (T1: A = 15.4% vs. B = 23.1%; zu T2: A = 7.7 % vs. B = 28.6%) und des Harndrangs (Große/mittlere Probleme mit dem Harndrang zu T1: A = 0% vs. B = 30.8%; zu T2: A = 0% vs. B = 0%; Funktion wie vor RTX oder besser zu T1: A = 92.3% vs. B = 92.3%; zu T2: A = 92.3% vs B = 85.7%). Nach 6 Monaten war auch eine bessere Entwicklung der Darmkrämpfe/Durchfall (T1: A = 15.4% vs. B = 7.7%; zu T2: A = 7.7% vs. B = 21.4%) und Schmerzen bei der Verdauung (Großer/ mittlerer Schmerz beim Stuhlgang zu T1: A= 7.7% vs. B = 0%; zu T2: A = 7.7% vs B = 14.3%) zu beobachten. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe und mangelnder statistischer Tests nicht vom Zufall unterscheidbar.

Es gibt daher keine belastbaren Daten zu urogenitalen und gastrointestinalen Symptomen bei Patienten mit Prostatakrebs.

Lebensqualität

In der gut durchgeführten Studie von Vitolins et al. (2013) an 120 Prostatakrebs-Patienten unter Hormontherapie, die über 12 Wochen Soja mit oder ohne Venlaflaxin oder entsprechende Placebos zu sich nahmen, schnitten die Patienten, die Soja bekommen hatten, in einigen Bereichen der Lebensqualität (erhoben mit dem FACT) besser ab, als die Patienten, die kein Soja bekommen hatten [1030]. Dies betrifft die Unterskalen der emotionalen Lebensqualität (MW (SD): Soja: 21.1 (1.3), Kein-Soja: 19.0 (1.4), p = 0.29), der funktionalen Lebensqualität (Soja: 16.4 (1.8), Kein-Soja: 13.6 (1.9), p = 0.041), die Gesamtskala (FACT-G Soja: 81.9 (4.3), Kein-Soja: 74.7 (4.5), p = 0.025) aber auch die Skala der Prostatakrebs-spezifische Beeinträchtigungen (FACT-P Soja: 112.5 (6.0), Kein-Soja: 103.8 (6.2), p = 0.048). Subgruppenanalysen für Teilnehmer mit mindestens 80% Adhärenz führten nach Angaben der Autoren zu keiner Veränderung der Ergebnisse. Leider gibt es keine Angaben zur klinischen Relevanz. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass es (in anderen Studientypen) bisher widersprüchliche Ergebnisse zum Einfluss von Soja/Isoflavonen auf die Lebensqualität von Krebspatienten gibt und der Zusammenhang in weiteren Studien untersucht werden sollte.

Weitere Untersuchungen in einer randomisiert kontrollierten Studie bemühte ebenso Sharma et al. (2009) an den 39 Prostatakrebs-Patienten unter ADT-Hormontherapie. Hier wurde die Lebensqualität mit dem SF-36 (10 Unterskalen) und die Schlafqualität mit der Epsworth Sleepiness Skala ermittelt und keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen nach 6 und nach 12 Wochen gefunden [1029]. Allerdings wurde die Adhärenz der Teilnehmer nicht überprüft.

Insgesamt ist die Datenlage zum Einfluss einer Isoflavon-Gabe auf die Lebensqualität von Patienten mit Prostatakrebs wenig belastbar. Eine gut durchgeführte RCT an 120 Betroffenen unter Hormontherapie zeigte kleine signifikante Effekte.

Kognitives Funktionsniveau

Die Studie von Sharma et al. (2009) an 39 Prostatakrebs-Patienten unter einer ADT-Hormontherapie (12 Wochen entweder ein Getränk mit 120 mg Isoflavone-haltigem Pulver oder mit Milch-Protein) testete am ausgiebigsten verschiedene kognitive Leistung (generelle Intelligenz, visuell-räumliche Orientierung, sprachliches Lernen und Gedächtnis, Feinmotorik) [1029]. Die einzigen 3 statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Armen wurden in folgenden Merkmalen gefunden: die kognitive 3-D-Rotations-Verarbeitung (eine von drei Unterskalen des Cube Comparison Tests zur Erhebung der visuell-räumlichen Orientierung) fiel nach 12 Wochen zugunsten der Placebogruppe aus (MW (SD): Arm A: 13,69 (2.06), Arm B: 8.27 (0.74), p = 0.015); die feinmotorische Schnelligkeit mit der dominanten Hand (eine von vier Skalen des Grooved Pegboard Test zur Erhebung der Feinmotorik) nach 6 Wochen zugunsten der Isoflavone-Arms (MW Sekunden (SD): Arm A: 89.93 (4.32), Arm B: 78.73 (3.34), p = 0.049) und feinmotorische Fehler mit der nicht-dominanten Hand ebenso nach 6 Wochen aber zugunsten des Placeboarms (Anzahl Fehler MW (SD): Arm A: 0.07 (0.07), Arm B: 0.4 (0.13), p = 0.04). Nach 12 Wochen waren beide letzteren Effekte nicht mehr signifikant. Da insgesamt über 100 statistische Tests ohne eine geeignete statistische Korrektur durchgeführt wurden, liegt multiples Testen vor. Alle Ergebnisse können rein zufällig zustande gekommen sein. In Anbetracht der durchgeführten Fülle an Fragebögen und Tests sind die Effekte eher spärlich. Weiterhin kritisch anzumerken sind die kleine Stichprobengröße, fehlende Überprüfung der Adhärenz und eine mangelhafte Berichtsqualität. Die Ergebnisse sind schwer zuzuordnen und Methodik- und Ergebnisteil decken sich nicht: im Methodikteil erwähnte Tests (Identical Pictures Test, Trail Making Test) werden in den Ergebnissen nicht aufgeführt und anderes herum werden Ergebnisse von Fragebögen berichtet, die vorher in der Planung nicht vorkommen. Die fünfte Domäne des Cochrane RoB 2.0 Tools zur selektiven Berichterstattung wurde daher mit einem hohen Verzerrungsrisiko eingeschätzt.

Der Einfluss einer Isoflavon-Gabe auf das kognitive Funktionsniveau bei Patienten mit Prostatakrebs wurde in keiner weiteren Studie untersucht. Insgesamt deutet die Datenlage darauf hin, dass es keine bedeutsamen Effekte für Patienten unter einer ADT-Hormontherapie gibt, auch wenn dieses Ergebnis wenig belastbar ist.

BMI/ Gewicht

Eine Veröffentlichung von Napora et al. (2011) [1028], welche sich auf die gleiche Studie wie Sharma et al. (2009) [1029] bezieht und daher die gleichen methodischen Mängel aufweist, berichtet ebenso die Effekte einer Isoflavone-Einnahme auf den BMI und das Gewicht. Interventions- und Kontrollarm wiesen laut Angabe der Autoren keine signifikanten Unterschiede auf. Konkrete Zahlen werden nicht berichtet.

Nebenwirkungen

Laut der Autoren der Metaanalyse von van Die et al. (2014) berichteten 7 der 8 eingeschlossenen Studien die Nebenwirkungen einer Isoflavon-Gabe [1026]. Zwei der Studien hätten es jedoch versäumt, den Arm anzugeben, in dem die Ereignisse auftraten. Die berichteten Nebenwirken seien überwiegend mild gewesen, obwohl in einer Studie Bauchschmerzen gemeldet worden seien, die als (mittelschwere) Ereignisse des Grades II eingestuft wurden [1038][1039]. In den Studien, in denen Interventions- und Placeboarm miteinander verglichen wurden, seien die Nebenwirkungen mit ähnlicher Häufigkeit in beiden Armen aufgetreten [1038][1039][1037]. In einer Studie seien die Nebenwirkungen, die als „wahrscheinlich mit der Intervention verbunden“ eingestuft wurden, sogar häufiger im Placebo-Arm als im Interventionsarm gefunden worden [1038][1039].

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den weiteren Studien, die hier dargestellt wurden: Bosland et al. (2013) [1042] und Vitolins et al. (2013) [1030] berichten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen. Hamilton-Reeves et al. (2013) beobachtete weniger Nebenwirkungen im Interventions- als im Placeboarm (Intervention: 2 Fälle mit milden (Grad 1) gastrointestinalen Beschwerden und 2 Fälle mit milden (Grad 1) „generellen“ Beschwerden; Placebo: 6 Fälle mit milden gastrointestinalen Beschwerden und 3 Fälle mit milden „generellen“ Beschwerden), gibt aber nicht an, wie die Nebenwirkungen erhoben wurden [1043]. In der Studie von Ahmad et al. (2010) wurden die CTCAE angewendet und keine Nebenwirkungen gefunden, die laut der Autoren im Zusammenhang zum Wirkstoff standen [1027].

Insgesamt lässt die Datenlage vermuten, dass eine Isoflavon-Gabe bei Patienten mit Prostatakrebs zu keinen Nebenwirkungen führt.

Brustkrebs

Menopausale Symptome und Lebensqualität (zu Empfehlung 7.86)

Ein systematisches Review von Leggett et al. (2015) [1031] fasst alle vier relevanten RCTs zum Thema Soja/Isoflavone bei Brustkrebspatientinnen zusammen, die auch in der Recherche der Leitlinienautoren gefunden wurden [1044][1045][1046][1047]. Alle vier RCTs waren doppelt verblindet und placebokontrolliert, zwei im Cross-Over-Design. Die Patientinnen hatten alle Brustkrebs in der Vorgeschichte, in drei Studien nahmen sie weiterhin Tamoxifen. Als Outcomes wurden die Symptome der Menopause, v.a. Hitzewallungen, und Lebensqualität untersucht. Die Stichprobengrößen reichten von n= 62 bis 175 und die Isoflavon-Dosis (teilweise direkt durch Tablettengabe, teilweise durch ein Sojagetränk) von 70 bis 342 mg über einen Zeitraum von 4 bis 12 Wochen. Zwei Studien berichteten über eine leichte Verringerung der Wechseljahrsbeschwerden, insbesondere über Hitzewallungen, allerdings in beiden Armen, also auch im Placeboarm [1045][1047]. Eine andere Studie ergab, dass Soja/Isoflavone die Symptome der Menopause im Vergleich zur Placebogruppe nicht reduzierte [1044], während Quella et al. (2000) [1046] sogar über einen leichten Trend zur Verbesserung der Hitzewallungen in der Placebogruppe berichtete. Alle Ergebnisse der Gruppenvergleiche waren jedoch nicht signifikant (p> 0,05).  Der Risk of Bias der Primärstudien wurde ausführlich mit dem Academy of Nutrition and Dietetics Evidence Analysis Manual bewertet. Alle vier RCTs haben dabei eine insgesamt positive Bewertung bekommen, aufgrund klarer Randomisierung, doppelter Verblindung, adäquater Power, guter Vergleichbarkeit der Gruppen, validierten Outcomes und Intention-to-treat Analysen in der statistischen Auswertung.

Aufgrund dieser Datenlage lässt sich schlussfolgern, dass eine Isoflavon-Gabe vermutlich keinen Einfluss auf menopausale Symptome und Lebensqualität bei Patientinnen mit Brustkrebs hat.

Nebenwirkungen

Da das systematische Review von Leggett et al. (2015) [1031] keine Angaben zu den Nebenwirkungen macht, wurden die darin eingeschlossenen Primärstudien durchsucht. In den Studien von MacGregor et al. (2005) [1044] und Quella et al. (2000) [1046] wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen gefunden. In der ersten Studie wurden die Nebenwirkungen mit den CTCAE erhoben, in der zweiten wurden die Teilnehmer bezüglich Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen und Flatulenz befragt.

In der Studie von Van Patten et al. (2002), welche ebenfalls eine Erhebung mit den CTCAE durchführte, wurden in der Sojagruppe jedoch häufigere und schwerwiegendere gastrointestinale (GI) Nebenwirkungen berichtet (Völlegefühl: Soja 17%, Placebo 8%; Flatulenz: Soja 10%, Placebo 0%; gastrointestinaler Effekt insgesamt: Soja 47%, Placebo 22%) [1047].  Laut Autoren schieden mehr Frauen in der Sojagruppe aus diesem Grund aus der Studie aus. Vier Frauen, die Soja konsumierten (darunter eine Frau, die Tamoxifen einnahm) und eine Frau, die das Placebo-Getränk konsumierte, berichteten zudem über vaginalen Ausfluss. Diese hingen aber laut der Autoren eher mit endogenem Östrogen und der Einnahme von Tamoxifen zusammen als mit der östrogenen Aktivität von Phytoöstrogenen. Alle eingeschlossenen Frauen waren postmenopausal, litten unter moderaten Hitzewallungen und waren zuvor wegen Brustkrebs im Frühstadium behandelt worden. Sie nahmen für 12 Wochen entweder ein Sojagetränk mit 90 mg Isoflavonen oder ein Placebo-Reisgetränk.

Die Frage, ob Phytoöstrogen das Brustkrebswachstum negativ beeinflussen, also sogar fördern kann, wurde in keiner klinischen Studie behandelt. Es gibt demzufolge bisher keinen Hinweis für eine Förderung von Brustkrebs aufgrund der Gabe von Phytoöstrogenen auszugehen.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Isoflavone wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.20.3 Epigallocatechingallat

7.87 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Epigallocatechingallat auf die Tumorentwicklung1 und den PSA-Wert2 bei onkologischen Patienten bzw. Patienten mit Prostatakarzinom2 vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Gabe von Epigallocatechingallat in Hinblick auf die in den Studien untersuchten Parameter gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1048] [1049] [1050]
Evidenztabellen (3)Henning et. al. (2015); Kessels et. al. (2017); Nguyen et. al. (2012)
7.88 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Epigallocatechingallat auf Körpergewicht/BMI und Körperfettanteil bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Gabe von Epigallocatechingallat in Hinblick auf die in der Studie untersuchten Parameter gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1051]
Evidenztabellen (1)Stendell-Hollis et. al. (2010)
7.89 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Epigallocatechingallat auf Geruchskontrolle/ Wundheilung/ Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Gabe von Epigallocatechingallat in Hinblick auf die in der Studie untersuchten Parameter gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1052]
7.90 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Epigallocatechingallat zur Prävention Radiotherapie-induzierter gastrointestinaler Beschwerden bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Gabe von Epigallocatechingallat in Hinblick auf die Prävention Radiotherapie-induzierter gastrointestinaler Beschwerden bei onkologischen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
2b
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[1053]
Evidenztabellen (1)Emami et. al. (2014)

Epigallocatechingallat (EGCG) beschreibt das wichtigste Catechin aus Grünem Tee und hat antioxidative Eigenschaften. Eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe, so auch EGCG, soll das Wachstum von Krebszellen hemmen, da es zahlreiche Stoffwechselvorgänge in der Tumorzelle beeinflusst. Präklinische Studien zeigten eine antiangiogenetische Wirkung von EGCG, indem es die Bindung von VEGF an seinen Rezeptor und die Aktivität von Wachstumsfaktoren hemmt, die bei der Angiogenese erforderlich sind (z. B. Interleukin-8).

Es soll darauf hingewiesen werden, dass hier nur der Wirkstoff Epigallocatechingallat beurteilt wird und nicht z.B. grüner Tee als Ganzen, in dem auch andere Wirkstoffe vorhanden sein können.

Recherche

In der Recherche, die auf der ersten Evidenzebene durchgeführt wurde, wurden insgesamt sieben randomisiert-kontrollierte Studien zu unterschiedlichsten Themen gefunden. Hierzu zählen zwei Studien zur Behandlung des Prostatakarzinoms vor Prostatektomie [1049][1048], eine Studie zur Behandlung des oberflächlichen Basalzellkarzinoms [1050], eine Studie zur Kontrolle des Körpergewichts bei ehemaligen Brustkrebspatientinnen [1051], eine Studie zur Verminderung der Geruchsbildung bei onkologischen Wunden [1052], eine Studie zur Prävention von Radiotherapie-induzierten gastrointestinalen Beschwerden [1053] und eine Phase-IB Studie zur Überprüfung der Verträglichkeit verschiedener Dosierungen von EGCG bei hormonrezeptor-negativen Brustkrebs [1054]. In Bezug auf Verträglichkeit und Nebenwirkungen wurden darüber hinaus drei weitere systematische Reviews gefunden, die einen umfassenden Überblick über die Datenlage einschließlich präklinischer Studien und Studien an gesunden Probanden liefern [1055][1056].

Tumorentwicklung und PSA-Wert (zu Statement 7.87)

Die Studien von Henning et al. (2015) [1049] und Nguyen et al. (2012) [1048] zur Behandlung des Prostatakarzinoms vor Prostatektomie untersuchten unter anderem den Effekt von EGCG auf den PSA-Wert. Bei Henning et al. (2015) wurden drei Arme miteinander verglichen, in denen jeweils Grüner Tee (N = 34), schwarzer Tee (N = 26) oder Wasser (N = 33) getrunken wurde [1049]. Bei Nguyen et al. (2012) hingegen wurde ein Arm mit Polyphenon E (Wirkstoff EGCG, N = 25) mit einem Placebo-Arm (N = 25) verglichen [1048]. Die EGCG-Dosis variierte in den unterschiedlichen Armen zwischen 28 und 800mg. Die Interventionen erfolgten jeweils bis zur radikalen Prostatektomie. Diese Dauer betrug bei Henning et al. (2015) im Durchschnitt 31 Tage und bei Nguyen et al. (2012) drei bis sechs Wochen. Es wurden jeweils vor (T0) und nach der Intervention (T1) PSA-Werte bestimmt. Bei Henning et al. (2015) zeigte sich eine kleine, aber signifikante Abnahme des Serum-PSA-Wertes im Grüner-Tee-Arm im Vergleich zum Kontrollarm bzw. Arm mit Wasser (p = 0.04; PSA in Grüner-Tee-Arm (n = 30): T0 = 9.6 ± 5.2 zu T1 = 8.4 ± 4.3, Kontroll-Arm (n = 30): T0 = 9.9 ± 8.5 zu T1 = 10.0 ± 9.0). Im Schwarzer-Tee-Arm gab es keinen Unterschied zum Kontroll-Arm (p > 0.05; PSA Schwarzer-Tee-Arm (n = 23): T0 = 9.2 ± 4.3 zu T1 = 9.6 ± 6.0, Kontroll-Arm (n = 30) siehe oben). Bei Nguyen et al. (2012) zeigten die PSA-Werte auch eine stärkere Verringerung im Polyphenon-Arm als im Placebo-Arm, allerdings war diese statistisch nicht signifikant (Polyphenon-Arm: -0.66 ± 2.56, Placebo-Arm: -0.08 ± 1.28ng/ml; p = 0.26, N (%): Reduzierung des PSA Polyphenon-Arm: 14 (58.3), Placebo-Arm: 8 (36.4), kein signifikanter Gruppenunterschied (p = 0.15)). Henning et al. (2015) untersuchten außerdem noch die Tee-Polyphenol-Aufnahme im Prostatagewebe und die Ausscheidung im Urin [1049]. Hierbei zeigte sich nur im Grüner-Tee-Arm eine Polyphenol Aufnahme im Prostatagewebe bei 94% der Teilnehmer. Im Morgenurin fanden sich bei allen Teilnehmern im Grüner-Tee- und Schwarzer-Tee-Arm (allerdings signifikant geringer) Tee-Polyphenole. In den Urinproben aus dem Kontrollarm und in den Urinproben aus allen drei Armen vor der Intervention fanden sich keine Tee-Polyphenole. Bei beiden Studien ist positiv anzumerken, dass die Kontrolle der Therapieadhärenz erfolgte. Zu bemängeln ist jedoch, dass beide Studien eine per-Protokoll-Analyse anstelle einer Intention-to-Treat-Analyse gemacht haben. Dies kann zu einer Verzerrung und Überschätzung der Ergebnisse führen. Außerdem ist die Berichterstattung in der Studie von Nguyen et al. (2012) etwas knapp, es gibt keine genauen Angaben zum Randomisierungsprozess, zur Verblindung oder zum Erhebungsort [1048]. Bei Henning et al. (2015) hingegen zeigt sich eine hohe Attrition und es ergeben sich Unstimmigkeiten bezüglich der Gruppengröße für die PSA-Werte (anscheinend wurden nicht alle Patienten ausgewertet, jedoch gibt es keine Informationen über fehlende Daten). Es kann insgesamt keine eindeutige Aussage zur positiven Wirkung von Grünem Tee auf den PSA-Wert getroffen werden.

In der Studie von Kessels et al. (2017) zur Behandlung des oberflächlichen Basalzellkarzinoms wurde der Effekt von EGCG in Form einer Salbe in Bezug auf Tumorfreiheit und -größe untersucht [1050]. Es wurden zwei Arme miteinander verglichen, in denen der eine topische Sinecatechin-Salbe (enthält EGCG, 10%, 1g enthält 55-72 EGCG) erhielt (N = 21) und der andere eine Placebo-Salbe (N = 21). Die Salben wurden jeweils zweimal täglich für sechs Wochen vom Patienten selbst aufgetragen. Die Dosis von EGCG in der Wirkstoffsalbe lag bei 55-72mg pro 1g Salbe (dünne Schicht der Sinekatechine- [10%] oder Placebosalbe zweimal täglich [morgens und abends]). Nach acht Wochen (direkt vor der OP) zeigte sich durch histologische Untersuchungen kein Unterschied zwischen den Armen in der Tumorfreiheit (Sinecatechin-Arm: 1 Fall (5 %), Placebo-Arm: 2 Fälle (10%), p > 0.99). Die Tumorgröße wurde zu drei verschiedenen Zeitpunkten bestimmt: nach drei Wochen, nach sechs Wochen und ebenfalls nach acht Wochen. Hier zeigte sich ebenfalls kein signifikanter Unterschied zwischen den Armen (p = 0.15). Es wurde eine Poweranalyse durchgeführt und die Kriterien erfüllt. Außerdem erfolgte die Kontrolle von zeitgleichen, vom Experiment unabhängigen Interventionen und der Therapieadhärenz. Die Kritikpunkte an der Studie sind die kleine Stichprobengröße und die fehlenden Angaben zu demographischen Daten. Die Studie gibt keinen Hinweis auf einen Einfluss von EGCG auf Tumorfreiheit oder -größe. Jedoch kann keine eindeutige Aussage aufgrund einer Studie getroffen werden.

Körpergewicht/ BMI/ Körperfettanteil (zu Statement 7.88)

Die Studie von Stendell-Hollis et al. (2010) untersuchte den Effekt von EGCG in Form von Grünem Tee auf das Körpergewicht, den BMI und Körperfettanteil bei Brustkrebspatientinnen [1051]. Es wurde ein Grüner-Tee-Arm (koffeinfrei, N = 29) mit einem Kräuter-Tee-Arm (N = 25) verglichen, wobei die tägliche EGCG-Dosis im Grüner-Tee-Arm 128.84mg betrug. Nach sechs Monaten zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich des Gewichts (p = 0.23), BMI (p = 0.22) und Körperfettanteil (p = 0.21) zwischen beiden Gruppen. Positiv anzumerken sind unter anderem eine Run-in Periode, die Kontrolle der Therapieadhärenz und anderer Rahmenbedingungen. Hingegen kritisch zu betrachten sind die kleine Stichprobengröße, hohe Attrition und die per-Protokoll-Analyse anstelle einer Intention-to-Treat-Analyse, was zu einer Verzerrung und Überschätzung der Ergebnisse führen kann. Die vorliegende Studie gibt keinen Hinweis auf eine positive Wirkung von EGCG auf das Körpergewicht/ den BMI/ Körperfettanteil. Jedoch kann keine eindeutige Aussage aufgrund einer Studie getroffen werden.

Geruchskontrolle/ Lebensqualität/ Wundheilung (zu Statement 7.89)

In der zweiarmigen Studie von Lian et al. (2014) zur Verminderung der Geruchsbildung bei onkologischen Wunden wurde der Effekt von Grünem Tee in Bezug auf den Geruch der Wunde, der Lebensqualität der Patienten und der Wundheilung mit der Behandlung mittels Metronidazol verglichen [1052]. Dazu wurden die Wunden der Patienten für sieben Tage nach genauen Vorgaben entweder mit Beuteln aus Grünem Tee (N = 15) oder Metronidazol-Puder (N = 15) beim Verbandswechsel behandelt. Für die Erhebung der zu untersuchenden Endpunkte wurden für den Geruch der Wunde die Verbal Numerical Scale (VNS) täglich verwendet, für die Lebensqualität ein Fünf-Punkte-Fragebogen und für die Wundheilung wurden Kameraaufnahmen verwendet (jeweils an Tag 1 und Tag 7). Insgesamt zeigten alle Patienten aus beiden Armen eine Reduzierung des Geruchs (p > 0.05) und eine Verbesserung der Lebensqualität (Verbesserung der Geruchskontrolle nach Tag 7 (p = 0.00), Beeinträchtigung im täglichen Leben (p = 0.00), körperliche Beschwerden (p =  0.00), Appetit (p = 0.00), soziale Aktivitäten (p = 0.00)). Unterschiede zwischen dem Grüner-Tee- und Metronidazol-Arm gab es diesbezüglich nicht. Außerdem gab es keinen Unterschied zwischen beiden Armen bezüglich des Heilungsprozesses (p > 0.05). Somit hat sich gezeigt, dass die Behandlung der Wunden mit Grünem Tee genauso effektiv ist wie die mit Metronidazol. Es wurde eine Poweranalyse durchgeführt und die Kriterien erfüllt. Außerdem positiv zu bemerken sind die Kontrolle von Störfaktoren und strukturierte Schulungen für alle Datensammler, um die interne Konsistenz zu gewährleisten. Methodische Mängel an der Studie sind die kleine Stichprobengröße, fehlende Angaben zur Verblindung und keine ausreichend gegebene bezüglich der Größe der Wunden (größere Wunden im Grüner-Tee-Arm im Vergleich zum Metronidazol-Arm (p < 0.04)). Gerade die Größe der Wunden könnte ein sehr entscheidender Einflussfaktor für die erhobenen Endpunkte sein. Des Weiteren wurde das Tool zur Bewertung der Lebensqualität nicht validiert.

Prävention Radiotherapie-induzierter gastrointestinaler Beschwerden (zu Statement 7.90)

Bei der Studie von Emami et al. (2014) wurde der Effekt von EGCG zur Prävention von Radiotherapie-induzierten gastrointestinalen Beschwerden (Durchfall und Erbrechen) untersucht [1053]. Dazu wurden zwei Arme miteinander verglichen, die jeweils entweder eine Tablette aus grünem Tee (N = 21, 450mg) oder eine Placebo-Tablette (N = 21) erhielten. Beide Arme erhielten die Tablette jeweils einmal täglich für fünf Wochen während der Bestrahlung. Die Häufigkeiten von Durchfall und Erbrechen wurden mittels Tagebucheinträgen erfasst, die Schwere des Durchfalls mittels Common Terminology Criteria (CTC) und die Schwere des Erbrechens mittels Functional Living Index Emesis (FLIE). Es zeigten sich Gruppenunterschiede bezüglich der Häufigkeit von Durchfall. Eine Reduktion des (Radiotherapie-induzierten) Durchfalls durch Grünen Tee konnte statistisch jedoch nicht nachgewiesen werden (Woche 2: kein Unterschied der Häufigkeit ohne Durchfall, Grüner-Tee-Arm: N = 16, Arm B: N = 18 (p = 0.4); Woche 3-5: Signifikant geringere Häufigkeit von Durchfall in Grüner-Tee-Arm im Vergleich zum Placebo-Arm; Woche 3: Ohne Durchfall, Grüner-Tee-Arm: N = 14, Placebo-Arm: N = 9 (p = 0.04); Woche 4: Ohne Durchfall, Grüner-Tee-Arm: N = 16, Placebo-Arm: N = 7 (p  =0.002); Woche 5: Ohne Durchfall, Grüner-Tee-Arm: N = 17, Placebo-Arm: N = 8 (p = 0.002)). Bei der Reduktion von Erbrechen zeigten sich keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Insgesamt ist die Berichterstattung in der Studie mangelhaft und es ergeben sich einige Unstimmigkeiten. Beispielsweise gibt es keine detaillierten Informationen über den Randomisierungsprozess und kaum Angaben von demographischen Variablen (Krebsart, Stadium, Erstdiagnose, Medikamenteneinnahme, Komorbiditäten, vorherige Erfahrungen fehlen). Im Text wurden nur gerundete und keine genauen p-Werte angegeben, die unstimmig mit Angaben aus den Tabellen sind (Alter, Gruppenvergleiche). Außerdem ist es unklar, zu welchem Vergleich der p-Wert in der Tabelle gehört, bzw. was verglichen wurde (Auftreten von Erbrechen oder das nicht-Auftreten). Im Text wird die Angabe gemacht, dass über die vier Wochen im Durchschnitt öfter Erbrechen und Durchfall im Placebo-Arm auftaucht. Dies ist statistisch nicht hinterlegt und somit eine irreführende Berichterstattung. Des Weiteren wird im Ergebnisteil von der Häufigkeit des Erbrechens und Durchfalls während der ersten Woche berichtet, aber die Messung begann offiziell erst in der zweiten Woche. Die statistischen Ergebnisse sind nicht nachvollziehbar und die Interpretation der Ergebnisse durch die Autoren ist fehlerhaft und missverständlich.

Insgesamt ist die methodische Qualität der vorgestellten Studien eher gut bis mittelmäßig. Auch wenn häufig die Therapieadhärenz kontrolliert wurde [1049][1050][1048][1051], gab es in allen Studien mehrere Kritikpunkte. Unter anderem waren es insgesamt relativ kleine Stichprobengrößen [1053][1050][1052][1048][1051]. Außerdem wurde oft eine per-Protokoll-Analyse anstelle einer Intention-to-Treat-Analyse durchgeführt, was zu einer Verzerrung und Überschätzung der Ergebnisse führen kann [1049][1048][1051]. Bei zwei Studien ist die Berichterstattung lückenhaft [1053][1048].

Nebenwirkungen:

Die Studie von Stendell-Hollis et al. (2010) enthält keine Informationen zu Nebenwirkungen [1051]. In den Studien von Emami et al. (2014) [1053], Henning et al. (2015) [1049] und Lian et al. (2014) [1052] sind laut Angabe der Autoren keine Nebenwirkungen aufgetreten, allerdings wurde nicht beschrieben, ob die Nebenwirkungen überhaupt systematisch erfasst wurden. In den Studien von Crew et al. (2012) [1054] und Nguyen et al. (2012) [1048] wurden die Nebenwirkungen mittels CTCAE (Common Terminology Criteria for Adverse Events) erfasst und bei Kessels et al. (2017) [1050] mittels Erhebung durch den Arzt und Tagebucheinträgen.

In der Phase-IB Studie von Crew et al. (2012) wurde die Verträglichkeit verschiedener Dosierungen von EGCG bei hormonrezeptor-negativem Brustkrebs überprüft [1054]. Dazu wurde in dieser Dosis-eskalierenden-Studie zunächst einigen Teilnehmern 400mg EGCG (in Form von Polyphenon-E-Kapseln) zweimal täglich verabreicht. Sobald jemand über eine starke Nebenwirkung (Grad II nach CTCAE) berichtet hat, wurde erneut geschaut und berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass auch der nächste solche Nebenwirkungen bekommt. Davon abhängig entschied sich, wie viel mg der nächste Teilnehmer erhält. Auf diese Art und Weise wurden stufenweise über einen langen Zeitraum mehrere Teilnehmer eingeschlossen. Letztendlich erhielten 16 Teilnehmer 400mg, 11 Teilnehmer 600mg und 3 Teilnehmer 800mg EGCG zweimal täglich für 6 Monate (insgesamt 30 Teilnehmer EGCG). Die Kontrollgruppe mit insgesamt 10 Teilnehmern erhielt ein passendes Placebo. Am Ende der Studie wurde aufgrund der aufgetretenen Nebenwirkungen eine Dosis von 600mg EGCG zweimal täglich als maximal tolerierte Dosis definiert. Bei den dabei aufgetretenen fünf Dosis-limitierenden-Toxizitäten in den Polyphenon-Armen handelt es sich in Arm A (400mg EGCG zweimal täglich) um rektale Blutungen (Grad III, insgesamt 6.25%), in Arm B (600mg EGCG zweimal täglich) um Gewichtszunahme (Grad II), Verdauungsstörung (Grad III) und Schlafstörung (Grad III) (insgesamt 27%) und in Arm C (800mg EGCG zweimal täglich) um Transaminasenerhöhung (ALT, Grad III, insgesamt 33%). Insgesamt traten überwiegend Grad I Nebenwirkungen gastrointestinalen Ursprungs auf, dabei gab es jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Armen. In der Studie von Nguyen et al. (2012) traten insgesamt eher gastrointestinale Nebenwirkungen Grad I oder II auf [1048]. In dem Placebo-Arm traten im Vergleich zum Polyphenon-Arm häufiger Kopfschmerzen, Fieber, Gliederschmerzen und Muskelschmerzen auf. Ob sich die Gruppen statistisch unterscheiden, wurde nicht untersucht. Auch wenn keine Nebenwirkungen in der Studie von Stendell-Hollis et al. (2010) berichtet wurden, haben vier Probanden aufgrund von Intoleranz beziehungsweise nicht Mögens des Tees (unklar welcher Arm) die Studie abgebrochen [1051]. In der Studie von Kessels et al. (2017) zur Behandlung des oberflächlichen Basalzellkarzinoms traten im Arm mit der Sinecatechin-Salbe signifikant häufiger Nebenwirkungen auf [1050]. Dazu zählen moderate bis ernsthafte Hautrötungen (T0: Baseline, T1: nach 3 Wochen, T2: nach 6 Wochen, T3: nach 8 Wochen; Sinecatechin-Arm: T1: 10%, T2: 12%, T3: 9%, Placebo-Arm: T1: 6%, T2: 2%, T3: 2%), Ödeme (Sinecatechin-Arm: T1: 2%, T2: 6%, T3: 3%, Placebo-Arm: T1: 0%, T2: 0%, T3: 0%), Erosionen (Sinecatechin-Arm: T1: 5%, T2: 7%, T3: 4%, Placebo-Arm: T1: 1%, T2: 0%, T3: 0%), Verkrustungen (Sinecatechin-Arm: T1: 3%, T2: 10%, T3: 6%, Placebo-Arm: T1: 2%, T2: 0%, T3: 0%) und Juckreiz (Sinecatechin-Arm: T1: 10%, T2: 13%, T3: 12%, Placebo-Arm: T1: 3%, T2: 0%, T3: 1%).

In den drei weiteren systematischen Reviews von Bedrood et al. (2018) [1055], Fritz et al. (2013) [1057] und Sarma et al. (2008) [1056] fanden sich insgesamt sowohl präklinisch, als auch in Fallberichten und vereinzelten klinischen Studien überwiegend gastrointestinale Nebenwirkungen (wie Übelkeit und Erbrechen), Lebertoxizität und Nebenwirkungen, die das Nervensystem betreffen (Stimulation, wahrscheinlich durch das Koffein). In der Zusammenfassung von Bedrood et al. (2018) fanden sich in Tierversuchen vor allem Leberprobleme als akute und subakute Nebenwirkungen. Besonders ausgeprägt waren diese Nebenwirkungen und die gastrointestinalen Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen), wenn die Einnahme des Präparates aus Grünem Tee nüchtern erfolgte [1055]. Außerdem zeigten präklinische Studien, dass Grüner Tee hemmende Effekte auf die intestinale Absorption und auf metabolisierende Enzyme hat. Deshalb ist bei der gleichzeitigen Gabe mit anderen Medikamenten, die von den Enzymen metabolisiert werden Vorsicht geboten und von der allgemeinen Nüchterneinnahme abzuraten. Allerdings gibt es insgesamt nur ungenügend Daten bezüglich der genauen Interaktionen. In der Übersicht von Fritz et al. (2013) fanden sich zwei klinische Studien an Patienten mit Lungenkrebs [1057]. Dabei wurden als Dosis-limitierende-Toxizitäten Grad III Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bluthochdruck, Obstipation und Tremor berichtet. Da eine ausreichende klinische Datenlage und Evidenz fehlen, wird empfohlen, Grüner-Tee-Extrakt nicht zusammen mit Bortezomib einzunehmen, da präklinische Studien Interaktionen mit Chemotherapeutika zeigten. In der Zusammenfassung von Sarma et al. (2008) wurde Grüner-Tee-Extrakt vom Dietary Supplement Information Expert Committee (DSI EC) als Sicherheitsstufe Klasse 2 eingestuft [1056]. Des Weiteren wurde aufgrund der gesammelten Daten (unter anderem Lebertoxizität und häufigere Nebenwirkungen bei Nüchterneinnahme) die Empfehlung herausgegeben, dass Grüner-Tee-Extrakt zusammen mit Nahrung eingenommen werden soll und dass man einen Arzt aufsuchen soll, wenn man Symptome wie Bauchschmerzen, dunklen Urin oder einen Ikterus (Gelbsucht) bemerkt. 

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Epigallocatechingallat wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.20.4 Lycopin

7.91 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Lycopin auf die Senkung der Mortalität oder der krankheits- oder therapieassoziierten Morbidität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Lycopin bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
1a
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[399] [1058] [1059] [1060] [1061] [1062] [1063] [1064]
Evidenztabellen (5)Hackshaw-McGeagh et. al. (2015); Chan et. al. (2011); Mahmoodnia et. al. (2017); Paur et. al. (2017); Puri et. al. (2010)

Lycopin wird zu den Nicht-Provitamin A Carotinoiden gezählt und kommt besonders in Tomatenprodukten vor. Es wird angenommen, dass Lycopin eine antioxidative Wirkung besitzt und es gilt als einer der effektivsten Radikalfänger. Des Weiteren soll Lycopin das Zellwachstum hemmen und die Apoptose, eine Form des programmierten Zelltods, unterstützen.

Lycopin bei Prostatakrebs

In einem systematischen Review von Hackshaw-McGeagh et al. (2015) zu verschiedenen Interventionen der Prostatakrebsprävention und -behandlung wurde eine ausführliche Recherche auf sechs Datenbanken inkl. Handsuche durchgeführt [399]. Die Recherche ist ausführlich dargestellt und schloss alle RCTs bis zum Juli 2014 mit ein. Alle eingeschlossenen Studien wurden mit dem standardisiertem Cochrane-RoB Instrument bewertet und die Bewertung in die Diskussion der Ergebnisse einbezogen. Insgesamt wurden 52 Studien gefunden, darunter drei RCTs zu einer reinen Lycopin-Gabe bei Patienten mit einem Prostatakrebs in verschiedenen Stadien und drei RCTs, in denen Lycopin zusammen mit anderen Substanzen als Multipräparat verabreicht wurde. Alle drei Studien zur reinen Lycopin-Gabe haben eine oder mehrere Lycopin-Gruppen (mit verschiedenen Dosen von 2 mg bis 45 mg) mit einer Kontrollgruppe, die nichts bekommen hat, in Hinblick auf die Entwicklung der PSA-Werte, Anzahl der Knochenmetastasen, Uroflowmetrie und Mortalität [1058], hinsichtlich der PSA-Entwicklung und des Gleason-Scores [1060] und hinsichtlich der PSA-Entwicklung allein [1061] verglichen. Keine der Studien war placebokontrolliert. Alle drei Studien haben laut Autoren ein sehr hohes Verzerrungsrisiko (Unklarheiten über die verdeckte Zuordnung der Teilnehmer zu den Gruppen, keine Verblindung, selektives Berichten von Ergebnissen) und/oder gravierende methodische Mängel (keine Vergleichbarkeit der Gruppen, keine Angaben zu den Studienabbrechern). Die Autoren des systematischen Reviews schließen, dass auf Grundlage dieser Evidenz keine Aussage über die Wirksamkeit einer Lycopin-Gabe auf die Tumorentwicklung getroffen werden kann [399].

In einer weiteren RCT wurden drei Gruppen von jeweils 21-26 Patienten mit einer geringen Belastung für ein Prostatakrebs verglichen, welche alle in einem Active Surveillance Programm waren [1059]. Die Einteilung in die Gruppen war doppelt verblindet. Die Patienten haben drei Monate lang zwei Mal täglich eine Lycopin-Tablette (15mg), eine Fischöl-Tablette oder ein Placebo bekommen. Es konnten keine signifikanten Unterschiede in der Entwicklung der PSA-Werte zwischen den Gruppen gefunden werden, weder vor noch nach der Intervention (Mittelwertsdifferenz Prä- Postintervention: Arm A: 0.53 ng/ml, Arm B: 0.20 ng/ml, Arm C: -0.46 ng/ml, p(AC) = 0.26, p(BC) = 0.39). Allerdings war die Stichprobe insgesamt sehr klein, was die statistische Berechnung unzuverlässig macht. Darüber hinaus hat die Studie andere methodische Mängel: neun Prozent der Teilnehmer haben nach der Gruppenzuteilung ihre Teilnahme zurückgezogen. Es ist nicht klar, ob dies etwas mit dem (negativen) Effekt der Intervention zu tun haben könnte.

In der gut durchgeführten RCT von Paur et al. (2017) wurden 86 Prostatakrebspatienten ohne Metastasen jeweils drei Wochen vor der geplanten Prostataentfernung oder Radiotherapie zufällig in eine von drei Gruppen eingeteilt [1063]. Die erste Gruppe sollte täglich eine Mindestmenge von Tomatenprodukten zu sich nehmen, um 30 mg Lycopin aufzunehmen, die zweite Gruppe erhielt noch zusätzlich eine Tasse Grün- und Schwarztee, 330ml Granatapfel- und Traubensaft, 200mg Sojaisoflavone, 200µg 1-Selenemethionin und 3.13g n-3 Fettsäuren täglich und die dritte Gruppe sollte ihre normalen Essgewohnheiten beibehalten. Die Compliance wurde überprüft und war in beiden Gruppen sehr hoch (Arm A= 99%, Arm B= 96-99%). Weder Teilnehmer noch Studienleiter waren verblindet. Nur die Datenerhebung erfolgte ohne Kenntnis der Gruppenzugehörigkeit. Allerdings wurden verschiedene objektive Parameter wie Blutwerte und das prostataspezifische Antigen (PSA) erhoben. Die Gruppen waren vor Beginn dieser Ernährungsumstellung in allen relevanten Parametern vergleichbar. Kurz vor der OP/Radiotherapie, also nach drei Wochen, wurden die PSA-Werte erneut erhoben. Obwohl gezeigt werden konnte, dass sich die Lycopin-Werte im Blut bei den beiden Gruppen, die eine Ernährungsumstellung vorgenommen haben, ungefähr verdoppelt hatten, während sie in der dritten Gruppe gleich blieben (Veränderungen im Median von T0 zu T1 (Range): Arm A: 0.25 (-0.12, 0.68), Arm B: 0.32 (-0.29, 0.75), Arm C: -0.02 (-0.15, 0.53), p(ABC)  < 0.001, p(AB) < 0.05, p(BC) < 0.05)), konnten keine Unterschiede in der PSA-Entwicklung zwischen den Gruppen gezeigt werden (Veränderungen im Median von T0 zu T1 (Range): Arm A: 0.00 (-3.30, 2,40), Arm B: 0.14 (-12.40, 4.80), Arm C: 0.41 (-8.53, 4.0), p = 0.416). Aus den Ergebnissen einer post-hoc Analyse lässt sich aber vermuten, dass bestimmte Patienten von der Ernährungsumstellung womöglich doch profitiert hatten. Bei Patienten im mittleren Risikobereich (basierend auf einer Risikoklassifizierung nach der Operation) und Patienten, die einen besonders starken Lycopin-Anstieg im Blut hatten, sank der PSA-Wert. Diese Entwicklung war im ersten Arm der reinen Lycopin-Gabe signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe, allerdings nicht im zweiten Arm der Lycopin-Plus-Gabe (Arm A: -0.23 (-1.12, 1.90), Arm B: 0.28 (-0.78, 1.20), Arm C: 0.45 (-0.26, 2.24), p(AC) = 0.016, p(BC) = 0.094). Da diese Ergebnisse erst in nachträglichen Analysen gefunden wurden, müssen sie zunächst repliziert werden, bevor sie statistische Gültigkeit erlangen.

Insgesamt ist die Datenlage zur Behandlung des Prostatakrebses mit einer Lycopin-Gabe bei einer Population von Patienten mit Krebs kaum aussagekräftig. Die vorhandenen Studien weisen ein hohes Verzerrungsrisiko oder erhebliche methodische Mängel auf. Die Ergebnisse sind zudem heterogen. Die größte Studie mit einem geringen Verzerrungsrisiko und guter Methodik [1063] konnte trotz eines deutlichen Lycopin-Anstiegs im Serum keinen Unterschied in der Entwicklung des PSA-Werts vom Zeitpunkt vor der Intervention bis nach der Intervention zeigen. Gleichzeitig lieferte diese Studie einen Hinweis darauf, dass Patienten unter bestimmten Bedingungen von einer Lycopin-Gabe profitieren könnten, nämlich bei einer sehr guten Lycopin Aufnahme im Serum und einer Erkrankung im mittleren Risikobereich. Gleichzeitig könnten diese Ergebnisse von begleitenden Nahrungsmitteln abhängig sein. Darüber hinaus sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass die diagnostische Bedeutung des PSA-Werts und dessen Entwicklung sehr unterschiedlich ist, je nachdem ob es sich um die Früherkennung eines Prostatakrebses handelt, um die Aktive Überwachung (active surveillance) oder um die Diagnostik eines Rezidivs. Bei Letzterem ist auch die erfolgte Therapie von Bedeutung. Für nähere Information wird auf die  „Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms“  verwiesen [1065].

Lycopin bei high-grade Gliom

Bezüglich der Wirkung von Lycopin bei Patienten mit einem high-grade Gliom gibt es eine sehr knapp beschriebene RCT, in der 50 Patienten nach der OP sechs Wochen lang mit einer Radiotherapie und begleitender Chemotherapie behandelt wurden und zusätzlich täglich 8 mg Lycopin oder einen Placebo zu sich nehmen sollten [1064]. Die Entwicklung des Glioms wurde nach den sechs Wochen der Intervention mit MRT, SPECT und den McDonald Kriterien überprüft und in die folgenden vier Gruppen einer Ansprechrate eingeteilt: complete response (CR), partial response (PR), progressive disease (PD), stable disease (SD). Tendenziell sprachen mehr Patienten in der Lycopin-Gruppe auf die Behandlung an, diese Ergebnisse waren aber nicht signifikant (Anzahl Patienten CR/PR/PD/SD/NA: Arm A: 10/10/3/1/1, Arm B: 5/6/8/1/5, p= 0.100). Zudem wurde das progressionsfreie Überleben ermittelt. Auch hier zeigten sich tendenziell positive, aber nicht signifikante Ergebnisse (Mittelwert der Wochen mit PFS: Arm A: 40.83, Arm B:26.74, p= 0.089). Da zu Beginn der Studie keine Poweranalyse durchgeführt wurde, lässt sich nicht sagen, ob das Ausbleiben der Signifikanz an der kleinen Stichprobengröße oder an einem tatsächlich fehlenden Effekt liegt. Aus dieser Studie lassen sich keine Aussagen über die Wirksamkeit einer Lycopin-Gabe beim high-grade Gliom ableiten.

Lycopin zur Prävention von Nierenschädigungen

Der Effekt einer Lycopin-Gabe zur Prävention von Nierenschädigungen durch eine Cisplatin-Chemotherapie wurde in einer RCT mit einer Stichprobe von 120 Patienten verschiedener Krebsentitäten untersucht [1062]. Alle Patienten erhielten neben der Chemotherapie auch eine Standardbehandlung zur Prävention von Nierenschädigungen mit Hydration und Magnesiumsulfat. Die Patienten im Behandlungsarm erhielten zusätzlich vom ersten Tag vor der CTx bis zum dritten Tag nach der CTx alle 12 Stunden 25 mg Lycopin. Die Studie war doppelt verblindet, aber nicht placebo-kontrolliert. Zur Bestimmung der Nierentoxizität wurden Harnstoff, Serumkreatinin und die glomeruläre Filtrationsrate zu Beginn der Studie, sieben Tage nach CTx und 21 Tage nach CTx erhoben. Es wurde eine ANOVA über die drei Zeitpunkte berechnet. Für die Werte des Harnstoffs wurde die Interaktion zwischen Zeit und Gruppe signifikant: Im Behandlungsarm verbesserten sich die Werte in der ersten Woche, stiegen dann aber fast aufs Ausgangsniveau wieder an. Im Kontrollarm stiegen die Werte hingegen direkt vom Ausgangsniveau weiter leicht an (Mittelwert des Harnstoffs in mg/dL (SD): Arm A T1: 29.29 (9.25), T2: 16.17 (8.97), T3: 26.82 (9.27), Arm B T1: 26.62 (9.80), T2: 25.55 (7.72), T3: 30.74 (11.65), p < 0.001). Für die glomeruläre Filtrationsrate wurde der Interaktionseffekt zwischen Zeit und Gruppe ebenso signifikant: im Behandlungsarm blieben die Werte unverändert, während sie sich im Kontrollarm leicht verschlechterten (Mittelwert der glomeruläre Filtrationsrate cc/min (SD): Arm A T1: 66.67 (18.75), T2: 69.22 (20.28), T3: 67.14 (20.10), Arm B T1: 72.06 (17.39), T2: 71.92 (17.17), T3: 65.01 (20.77), p = 0.004). Beide Interaktionseffekte sind allerdings in einer sehr geringen Größenordnung und klinisch nicht relevant. Hinsichtlich des Serumkreatinins gab es keine signifikant unterschiedliche Entwicklung zwischen den Gruppen (Mittelwert des Serumkreatinins in mg/dL (SD): Arm A T1: 1.05 (0.23), T2: 1.12 (0.65), T3: 1.09 (0.42), Arm B T1: 1.00 (0.24), T2: 1.00 (0.22), T3: 1.17 (0.51), p = 0.131). Ein direkter Gruppenvergleich wurde zu keinem Zeitpunkt für keinen der Endpunkte signifikant (Harnstoff: T1: p = 0.691, T2: p = 0.059; Serumkreatinin: T1: p = 0.416, T2: p = 0.402; glomeruläre Filtrationsrate: T1: p = 0.447, T2: p = 0.587). Weiterhin ist anzumerken, dass keine Angaben zu Attrition und Drop-out gemacht wurden. Zudem geht aus der Studie nicht hervor, ob eine intent-to-treat-Analyse durchgeführt wurde. Insgesamt sprechen die Ergebnisse gegen einen Effekt. Allerdings wurde Lycopin auch nur während der CTx über vier Tage hinweg verabreicht und die Serumwerte von Lycopin wurden nicht erhoben. Auf Grundlage dieser schwachen Evidenz lassen sich keine Aussagen zu einer Lycopin-Gabe zur Prävention von Nierenschädigungen bei einer Cisplatin-Chemotherapie machen.

Nebenwirkungen von Lycopin

Zu den möglichen Nebenwirkungen einer Lycopin-Gabe bei Männern mit Prostatakrebs wurden in der de novo Recherche acht RCTs und über die Handsuche eine einarmige Studie gefunden. Die Stichproben der Studien sind mit 15 bis 69 Teilnehmern in den Behandlungsarmen durchweg sehr klein. Es wurden Dosierungen von täglich 4 bis 45 mg über einen Zeitraum von drei Wochen bis zu vier Monaten getestet. Nur in drei Studien wurden die Nebenwirkungen systematisch mit den CTCAE beurteilt. In zwei dieser Studien wurden keine Nebenwirkungen gefunden [1066][1067]. In einer Studie wurden Nebenwirkungen berichtet, aber nachweislich kein Gruppenunterschied zur Kontrollgruppe festgestellt [1061]. Die anderen Studien zeigen heterogene Ergebnisse. In drei Studien wurden nach Angabe keine Nebenwirkungen berichtet, in den anderen drei Studien wurden zwei bis zu 18 Fälle mit vorwiegend gastrointestinalen Beschwerden registriert, die einen vermutlichen Zusammenhang zu Lycopin haben können. Zu anderen Krebsentitäten wurden keine klinischen Studien gefunden, die die Nebenwirkungen untersucht haben.

In zwei RCTs, in denen Nebenwirkungen bei Prostatakrebs systematisch mit den CTCAE erfasst wurden, wurden die Ergebnisse leider sehr knapp dargestellt. In der Studie von Datta et al. (2013) wurde an einer kleinen Stichprobe von 20 Männern die Verträglichkeit der täglichen Einnahme von 118 ml, 237 ml oder 355 ml Tomatensaft (ca. 8 mg, 16 mg, 24 mg Lycopin) während der Radiotherapie überprüft [1066]. Die Lycopin-Werte im Serum stiegen nachweislich in den Gruppen, die 237 oder 355 ml Tomatensaft zu sich genommen hatten. Nach Angabe wurden keine gastrointestinalen Nebenwirkungen berichtet. Wie lange die Studie durchgeführt wurde und ob auch andere Symptome erhoben wurden, bleibt offen. In der RCT von Grainger et al. (2008) nahmen 41 Männer mit rezidivierendem asymptomatischem Prostatakrebs vier Wochen täglich mindestens 25 mg Lycopin oder 40 g Sojaprotein [1067]. Danach nahmen alle Teilnehmer für vier weitere Wochen sowohl Soja als auch Lycopin. Drei Patienten hätten über Verstopfung (Grad I) geklagt während sie das Sojaprotein konsumierten und ein Patient habe ein Aufflammen der Gicht angezeigt (Grad I) obwohl der Studienarzt keine körperliche oder labortechnische Bestätigung der Diagnose habe finden können. Mit einer labortechnischen und klinischen Ermittlung der Toxizität, einschließlich der Nieren- und Leberenzyme, anderen Blutchemikalien, kompletten Blutbildern und Vitalzeichen, seien keine weiteren signifikanten Veränderungen über die Studienzeit gefunden worden.

Bei Kumar et al. (2008) findet sich ebenso eine ausführlichere Darstellung [1061]. Es wurden alle Nebenwirkungen systematisch erfasst und nach den CTCAE bewertet, unabhängig davon, ob ein Bezug zur Lycopin-Gabe vermutet wurde oder nicht. Jeweils 10-14 Teilnehmer nahmen über einen Zeitraum von durchschnittlich 30 Tagen 0, 15, 30 oder 45 mg Lycopin ein. Die berichteten Nebenwirkungen (alle Grad 1) umfassten gastrointestinale Symptome wie Übelkeit und Geschmacksveränderungen, die von zwei Probanden (45 mg) berichtet wurden, sowie metabolische/ Laborveränderungen bei Serumglukose, Gesamtproteinen oder Albumin, ALT, Zunahme von Natrium, Hyperphosphatämie und Hyper- und Hypokalzämie. Dabei ergaben sich keine signifikanten Gruppenunterschiede hinsichtlich der Art der Symptome (p = 0.43), der Schweregrade (p = 0.21), der vermutlichen Gründe (p = 0.38) oder der Vorhersehbarkeit nach Einschätzung der behandelnden Ärzte (p = 0.12).

Drei weitere Studien fanden keine Nebenwirkungen: Bei Kucuk et al. (2001), einer Phase-II RCT mit insgesamt 26  Patienten (Interventionsarm: n=15, Kontrollarm: n=11), die über drei Wochen täglich 30 mg Lycopin zu sich nahmen und am Ende der Studie einer vollständigen körperlichen Untersuchung und einer Laboruntersuchung, einschließlich eines vollständigen Blutbildes und Chemieprofils, unterzogen worden, wurden keine möglichen Nebenwirkungen gefunden [1060]. In der RCT von Ansari and Gupta (2003) nahmen 27 Prostatakrebs-Patienten im Behandlungsarm täglich 4 mg Lycopin über einen unbestimmten Zeitraum [1058]. Laut Autoren hätten alle Teilnehmer das Lycopin gut vertragen. Das gleiche gilt für die dritte Studie [1063], die oben bereits näher beschrieben wurde. Hier hatten 56 Teilnehmer in den Behandlungsarmen entweder Lycopin alleine oder Lycopin zusammen mit anderen Nahrungsmitteln wie grünem Tee über einen Zeitraum von drei Wochen eingenommen.  

In zwei Studien wurden Nebenwirkungen gefunden: In der ersten Studie mit 22 Patienten im Behandlungsarm, die über 12 Wochen täglich 30 mg Lycopin einnahmen, wurden drei Fälle mit Nebenwirkungen registriert, die einen möglichen Zusammenhang zu Lycopin haben könnten: zwei Fälle mit Verdauungsstörungen, ein Fall mit Migränekopfschmerzen [1059]. In der zweiten Studie bekamen 69 Patienten mit Verdacht auf Prostatakrebs ab dem 21. Tag vor der Biopsie täglich 30 mg Lycopin. Zwei Fälle von gastrointestinalen Beschwerden seien berichtet worden. Die betreffenden Personen hätten die Studie abgebrochen [1068]. Zuletzt sei auf eine einarmige Studie verwiesen, in der 46 Männer mit asymptomatischen androgenunabhängigem Prostatakrebs über vier Monate täglich 30 mg Lycopin über ein Ergänzungsmittel auf Tomatenbasis zu sich nahmen [1069]. Nach Angabe wurden alle Symptome erfasst, unabhängig davon, ob ein Zusammenhang zu Lycopin vermutet wurde. Ein Patient erlitt eine Hypotonie IV Grades und starb an hämorrhagischem Fieber. Nach Einschätzung des behandelnden Onkologens habe dieses Ereignis nicht in direktem Zusammenhang mit der Lycopin-Gabe gestanden. Weitere Vorfälle, jeweils mit dem Schweregrad IV, waren Diarrhoe, Anämie und Prostata-Blutung. Weniger schwerwiegende Symptome, die womöglich auf Lycopin zurückzuführen seien, waren Diarrhoe (18 Fälle), Übelkeit (12 Fälle), Bauchschmerzen (8 Fälle), Blähungen (4 Fälle), Erbrechen (4 Fälle), Anorexie (1 Fall) und Dyspepsie (1 Fall). 59 % der Männer gaben in einem Fragebogen an, dass sie weniger Nebenwirkungen erwartet hätten. Die Autoren schlussfolgerten, dass Lycopin nicht harmlos sei und bei einem bemerkenswerten Anteil der Teilnehmer gastrointestinale Beschwerden verursacht habe.

Schlussfolgerung

Weitere Studien zur Wirkung von Lycopin haben gezeigt, dass die Resorption sehr wahrscheinlich von begleitenden Nahrungsmitteln abhängig ist. In einer Studie von Borel et al. (2016) sank die Serumkonzentration von Lycopin um 83%, wenn die gesunden Teilnehmer der Studie (n = 10, Cross-over Design) zu 19 mg Lycopin auch gleichzeitig 500 mg Kalzium zu sich nahmen [1070]. Zudem wird der Spiegel von Lycopin vermutlich von einer Kombination von Genen beeinflusst. In einer anderen Studie konnten Borel et al. (2015) in multivariaten statistischen Analysen an einer Stichprobe von 33 gesunden Männern 28 Einzelnukleotid-Polymorphismen in 16 Genen ausfindig machen, die einen deutlichen Zusammenhang zum Lycopin-Stoffwechsel aufwiesen [1071]. Eine weitere genetische Beeinflussung der Wirkung von Lycopin wurde in einer Fall-Kontroll-Studie von van Gils et al. (2002) beschrieben: Hier war eine geringe Lycopin-Einnahme nur in Kombination mit einer Schwäche des DNA-Reparatursystems, nämlich der Basenexzisionsreparatur (BER), mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs assoziiert [1072].

Zukünftige Studien sollten bei einer Lycopin-Gabe also auch den Serumspiegel erheben und ggf. sogar interindividuelle Unterschiede im Stoffwechsel mitberücksichtigen, wenn sie die Wirkung von Lycopin beurteilen wollen.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Lycopin wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

7.20.5 Resveratrol

7.92 · Evidenzbasiertes Statement 2020

Es liegen keine Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Resveratrol auf die Senkung der Mortalität oder der krankheitsassoziierten oder therapieassoziierten Morbidität, sowie zur Verbesserung von Lebensqualität bei onkologischen Patienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine Anwendung von Resveratrol bei diesen Patienten gegeben werden.

Evidenzlevel
5
Konsens
Konsens

Resveratrol ist ein Stilben-Derivat, was man insbesondere in Beeren, Erdnüssen, Weintrauben und Wein findet. Resveratrol hat antiinflammatorische Eigenschaften, hemmt die Cyclooxygenase 2 und beeinflusst die Blutgerinnung. Außerdem ist es ein Antioxidans und kann im Labor das Wachstum von Tumorzellen vermindern sowie die Apoptose von Tumorzellen fördern. Dem widersprechend besteht allerdings der Verdacht, dass Resveratrol das Wachstum von Tumoren fördert, da es zur Gruppe der Phytoöstrogene gehört.

In der de novo Recherche wurde nur eine randomisiert kontrollierte Studie gefunden, in der eine Resveratrolgabe an Krebspatienten erfolgt ist [1073]. Allerdings wurden keine patientenrelevanten Daten erhoben, außer der Erhebung von Nebenwirkungen nach einem standardisierten Verfahren (s.u.). Darüber hinaus wurden sechs Reviews mit einem systematischen Suchansatz zu Resveratrol bei Krebs gefunden [1074][1075][1076][1077][1078][1079]. Eine Arbeit bezog sich allein auf Analkrebs [1078] und eine andere auf die Behandlung von Gehörverlust bei einer Cisplatin-Gabe [1075]. Die anderen vier hatten keine Einschränkungen auf Krebsentitäten oder Outcomes und suchten Studien zu Resveratrol entweder direkt [1077][1079] oder indirekt über die Suche nach Studien mit Pflanzen- und Zusatzstoffen in der Krebsbehandlung [1074][1076]. Keine der Arbeiten fand randomisiert kontrollierte Studien zu einer Resveratrolgabe an Krebspatienten, die die Morbidität oder Mortalität untersucht haben. Darüber hinaus wurden dazu auch keine nicht-randomisierten oder nicht-kontrollierten Studien, also keinerlei klinische Studien gefunden.

Die Frage nach der Toxizität von Resveratrol wurde in einer systematischen Übersichtsarbeit erörtert [1079], die allerdings nur eine nicht-randomisierte kontrollierte Studie an Krebspatienten und sonst vier Studien an gesunden Probanden und Tierversuche aufführt. Aufgrund der Tierversuche sei Resveratrol im Allgemeinen gut verträglich. In der ersten Studie mit acht gesunden Probanden, die acht Tage lang zweimal täglich 2000 mg Resveratrol eingenommen hätten, hätten sechs Probanden leichte episodische Diarrhoe und lockeren Stuhl gehabt, typischerweise zu Beginn der achttägigen Behandlungsperiode. Einer der Probanden habe einen vorübergehenden Hautausschlag und Kopfschmerzen entwickelt [1080]. In einer anderen doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie sei jeweils zwei gesunden Freiwilligen sechsmal täglich 25, 50, 100 oder 150 mg Resveratrol verabreicht worden. Die Gabe erfolgte zwei Tage lang. Die Nebenwirkungen seien „mild“ und „in allen Gruppen ähnlich“ gewesen. Trotz der hohen Dosierungen und des kurzen Dosierungsintervalls sei es aber zu relativ niedrigen Plasmakonzentrationen von Resveratrol gekommen [1081]. Die Exposition mit bis zu 270 mg Resveratrol habe in einer weiteren Studie an 19 Teilnehmern mit Übergewicht und leicht erhöhtem Blutdruck keine Beschwerden verursacht [1082]. In einer weiteren Arbeit seien zwei weitere Studien beschrieben worden, allerdings ohne experimentelle Details vorzulegen [1083]: Nach einer 28-tägigen Exposition mit 2,5 g oder 5 g Resveratrol seien Nebenwirkungen aufgetreten, die „im Allgemeinen milder Natur und reversibel“ waren. Zuletzt wird auf eine einarmige Studie an 20 Patienten mit Kolonkarzinom verwiesen [1084]. Die Teilnehmer hätten acht Tage lang vor einer chirurgischen Resektion täglich 0,5 oder 1,0 g Resveratrol erhalten und keine Nebenwirkungen bekommen. Die Autoren des systematischen Reviews fassen zusammen, dass keine validen Daten zur Toxizität bei einer dauerhaften Einnahme von Resveratrol bei Menschen vorliegen [1079]. Hinsichtlich Kurzzeit- oder Akutstudien wurden einmal häufige gastrointestinale Beschwerden/ Durchfall bei hohen Dosen (2,5 g oder 5 g pro Tag) beobachtet und sonst nur geringfügige und inkonsistente Nebenwirkungen.

In der de novo Recherche wurde eine weitere Studie gefunden, welche die Nebenwirkungen von Resveratrol untersuchte [1073]. Die neun Teilnehmer dieser randomisiert kontrollierten Studie hatten ein kolorektales Karzinom im Endstadium mit Lebermetastasen und einer Lebenserwartung von weniger als drei Monaten. Sechs Patienten waren im Behandlungsarm, drei im Kontrollarm. Die Patienten haben 14 Tage vor der operativen Entfernung der Lebermetastasen einmal am Tag eine Resveratrol-Lösung (5,0 g) oder ein passendes Placebo bekommen. Die Nebenwirkungen wurden mittels der National Cancer Institute Common Toxicity Criteria durch eine tägliche Tagebuchführung erhoben. Die beiden Gruppen waren vor der Behandlung vergleichbar. In beiden Gruppen traten verschiedene Symptome auf, nämlich Magen-Darm-Beschwerden, v.a. Durchfall (vorzugsweise im Behandlungsarm A: fünf von sechs Patienten; Kontrollarm B: einer von drei Patienten), Schüttelfrost (Arm A: 1/6, Arm B: 0/3), Lethargie (nur in Arm B: 1/3), periphere Neuropathie (nur in Arm A: 1/6), Hauterkrankungen mit Ausschlag, Reizung, Gefäßveränderung oder Rötung (Arm A: 2/6, Arm: B 0/3). Der Schweregrad dieser Symptome war laut Angabe der Autoren „überwiegend mild“ ausgeprägt (Grad 1). Genauere Angaben zu den Schweregraden fehlen. Ein Patient brach die Studie wegen Durchfall ab. Die Gruppenzugehörigkeit dieses Patienten wird nicht genannt. Ein weiterer Patient starb nach der OP an einer Bauchfellentzündung und Leberversagen, was aber laut des Studienleiters nicht durch Resveratrol verursacht worden sei. Die Autoren schließen, dass eine 14-tägige Einnahme von Resveratrol (5,0 g) bei Darmkrebspatienten gut verträglich ist. Eine Verallgemeinerung der Studienergebnisse ist wegen der kleinen Stichprobengröße nicht möglich. Allerdings weisen sie ebenso auf die Möglichkeit von gastrointestinalen Beschwerden, v.a. Durchfall, bei hohen Dosierungen von Resveratrol hin.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keinerlei klinische Studien gibt, die einen Einfluss einer Resveratrol-Gabe auf patientenrelevante Parameter untersucht haben. Die Toxizität wurde über Tierversuche und gesunde Probanden hinaus lediglich in einer sehr kleinen RCT (n = 6 im Behandlungsarm, Howells et al., 2011 [1073]) und einer einarmigen Studie (n = 20, Pawar et al., 2010 [1085]) jeweils an Patienten mit kolorektalem Karzinom überprüft. Hier zeigt sich die Möglichkeit von gastrointestinalen Beschwerden, v.a. Durchfall, bei hohen Dosierungen von Resveratrol (2,5 g oder 5 g pro Tag). Allerdings sind die Daten insgesamt inkonsistent. Valide Daten bezüglich einer dauerhaften Einnahme von Resveratrol bei Menschen liegen nicht vor.

Evidenzaufarbeitung

Die Evidenzaufarbeitung zu Resveratrol wurde von den Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Hübner (DKG) durchgeführt.

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