11. Supportive Maßnahmen in der Radioonkologie – Supportive Therapie
Autor*innen: Prof. Dr. Bernd Alt-Epping, Dr. Cas Dejonckheere, Prof. Dr. Petra Feyer, PD Dr. Mojtaba Ghods, Univ.-Prof. Dr. Frank Giordano, Prof. Dr. Christian Grohé, Dr. Jürgen Heide, PD Dr. Ulrike Höller, Prof. Dr. Karin Jordan, Dr. Lukas Käsmann, Dr. Dr. Maximilian Krüger, Prof. Dr. Oliver Micke, Thomas Nordhausen, Prof. Dr. Chris Protzel, Dr. Dorothea Riesenbeck, PD Dr. Eik Schiegnitz, PD Dr. Christopher Schmeel, PD Dr. Heike Schmidt, Prof. Dr. Dr. Diana Steinmann, Dr. Tim Wolff, PD Dr. Mirjana Ziemer, Prof. Dr. Frank Zimmermann
11.1 Radiogene Proktitis
Das Risiko einer radiogenen Spätreaktion am Rektum nimmt mit dem Volumen des Rektums, das eine bestimmte Dosis erhält, zu. Wichtige Einflussfaktoren sind zudem das Fraktionierungsschema und die Bestrahlungstechnik [1536][1537][1538]. Veröffentlichungen zu radiogenen Nebeneffekten sollten deshalb die Dosis-Volumen-Beziehung berichten, um das Risiko besser einschätzen zu können [1539].
Mit modernen Bestrahlungstechniken wird angestrebt, das Volumen des Rektums, das eine hohe Strahlendosis erhält, so gering wie möglich zu halten. Neben der Verwendung moderner Bestrahlungstechniken wie der adaptiven (z.B. mittels kV Cone-Beam-Computertomographie oder Magnetresonanztomographie) und dynamisch intensitätsmodulierten Strahlentherapie werden hierfür in einigen Einrichtungen mechanische Hilfsmittel verwendet, um möglichst große Volumenanteile des Rektums reproduzierbar vom Hochdosisbereich zu distanzieren (z.B. Spacer zwischen Rektum und Prostata oder Rektumballon). Der Nutzen der modernen Behandlungstechniken gilt als erwiesen, wenngleich die Aussagen zum Nutzen von mechanischen Hilfsmitteln nicht einheitlich sind [1540][1541][1542][1543][1544].
Die Häufigkeit und Art der Verlaufskontrollen hinsichtlich des Auftretens einer radiogenen Proktitis variieren erheblich. Eine Systematik fehlt regelhaft. Der Einfluss einer multimodalen Therapie selbst durch veränderte Therapiesequenzen kann erheblich sein [1534]. Zudem haben sich die Bestrahlungstechniken und Dosisvorgaben kontinuierlich verbessert, sodass Auswertungen von Kohorten mit mehr als zehn Jahre zurückliegender Therapie kaum mehr auf heutige Bedingungen zutreffen. Aus diesen Gründen ist eine präzise Angabe der Inzidenzraten für die aktuellen Therapiekonzepte hinsichtlich akuter wie chronischer Proktitis nicht möglich. Es ist allerdings trotz aller Maßnahmen immer noch mit einer chronischen Proktitis von bis zu 50 %, einer rektalen Blutung von bis zu 25 % und einer behandlungsbedürftigen Proktitis (CTC III) von bis zu 18 % bei dosiseskalierten oder multimodalen Therapiekonzepten zu rechnen [1535][1537].
Die Prophylaxe und Therapie der akuten wie chronischen Proktitis erfolgen überwiegend mit diätetischen Verfahren und topischer Medikation, doch werden einige Substanzen auch systemisch subkutan, oral und intravenös eingesetzt. Die Interpretation der Studienergebnisse wird dadurch erschwert, dass in den Studien zwischen Enteritis/Proktitis in der Regel nicht differenziert wird, die Darstellung der vorliegenden Symptome variiert und auf eine Listung der Begleiterkrankungen und –medikation regelhaft verzichtet wird. Dies macht vor allem eine Beurteilung des Stellenwertes der medikamentösen Maßnahmen herausfordernd.
Auch wenn die Pathomechanismen der Enteritis- und Proktitis ähnlich sind, greifen wir sämtliche gegen eine Proktitis untersuchten Maßnahmen in diesem Kapital auf, zumal zahlreiche klinische Studien bei der Untersuchung und Veröffentlichung der klinischen Effekte der Therapien nicht gezielt zwischen der Enteritis, der Colitis und der Proktitis unterscheiden.
11.1.1 Prophylaxe der radiogenen Proktitis
11.1.1.1 Amifostin
Zur Verminderung des Risikos einer akuten radiogenen Proktitis können Amifostinklysmen (> 1.000 mg in 40 ml wässriger Lösung) oder Amifostin (500 - 1.000 mg) subkutan oder Amifostin intravenös (500 mg) vor jeder Bestrahlung verwendet werden (OFF-LABEL)*.
*Die deutlich höheren Nebenwirkungsraten unter subkutaner und vor allem intravenöser Applikation sind zu beachten. Zudem beeinflusst die lokale Applikation ausschließlich Teilaspekte der Proktitis, während die systemischen subkutanen oder intravenösen Gaben ein eher breiteres Wirkungsspektrum bis hin zu Einflüssen auf die Zystitis zu besitzen scheinen.
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1545] [1546] [1547] [1548] [1549]
Änderungshinweis
Zur Verminderung des Risikos einer akuten radiogenen Proktitis können Amifostinklysmen, vor jeder Bestrahlung appliziert, verwendet werden (1500 mg Amifostin in 40 ml wässriger Lösung). (off- label use)Amifostin als topische Applikation wurde in einer offenen, mit einer Beobachtungsgruppe kontrollierten, randomisierten Studie mit 64 Patient*innen [1545], in einer randomisierten Phase-II-Studie mit der subkutanen Applikation [1550] sowie in vier kleineren Dosisfindungsstudien untersucht [1547][1546][1551][1552][1549].
Bei höher dosierten Konzepten von mehr als 1 g pro Applikation war die Proktitis-Rate signifikant niedriger als im Vergleichsarm ohne Therapie, ebenso die subjektive Symptomatik. Endoskopisch war die Mukositis G1/2 (EORTC/RTOG) in der Amifostin-Gruppe signifikant niedriger als in der Beobachtungsgruppe (53/84 [63,1 %] vs. 41/73 [56,2 %]) [1553].
Die rektale Applikation (1.500 mg) reduzierte im Vergleich zur subkutanen Gabe (500 mg) von Amifostin in einer kleinen Phase-II-Studie (53 Patient*innen) die Mukositis G 1/2 (EORTC/RTOG) (11 % vs. 42 %) und den Mukositis-Index signifikant, radiogene Harnwegsymptome wurden jedoch unter der s.c.-Applikation signifikant seltener beobachtet [1550]. Unerwünschte Wirkungen von Amifostin wurden bei der topischen Applikation nicht beschrieben. In einer randomisierten Phase-II-Studie (140 Patient*innen mit Strahlentherapien im Bereich des Pharynx, des Ösophagus und des Rektums; 40 Patient*innen mit pelvinen Tumoren) war bei der Anwendung von 500 mg s.c. eine signifikant geringere Mukositis-Rate zu finden; im Rahmen der Auswertung der Studie wurden allerdings alle Patient*innen gemeinsam ausgewertet, sodass eine zuverlässige Verhinderung einer radiogenen Proktitis nicht belegt werden kann [1554].
In einer größeren prospektiven, aber nicht-randomisierten Studie (354 Patient*innen) wurde Amifostin ausschließlich subkutan in unterschiedlichen Dosen (0, 500, 750, 1.000 mg) täglich vor einer hypofraktionierten perkutanen Strahlentherapie verschiedener Beckentumoren eingesetzt. Bei einer Dosis von 1.000 mg war eine signifikant seltenere akute Proktitis als in allen anderen Therapiearmen zu beobachten, gleichzeitig auch eine geringere späte Zystitis und Enteritis. Allerdings tolerierten nur 55,4 % der Patient*innen die Dosis von 1.000 mg, weshalb der Einsatz der subkutanen Therapie hinter dem der rektalen Applikation zurückstehen sollte [1548].
Die intravenöse Gabe von Amifostin führte in einer kleinen, prospektiven randomisierten Studie (36 Patient*innen) zu einem signifikant selteneren Auftreten, einem späteren Auftreten und einer kürzeren Dauer einer Proktitis [1555]. In einer größeren, randomisierten Studie (205 Patient*innen mit pelvinen Tumoren) führte die intravenöse Applikation von Amifostin (340 mg/m²) zu einer signifikant selteneren akuten Coloproktitis, ohne Einfluss auf die chronischen Folgen.
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
11.1.1.2 Aktive Aminosalicylate
Aktive Aminosalicylate wie Mesalazin und Osalazin rektal sollen nicht zur Verhinderung der radiogenen Proktitis verwendet werden, da sie das Risiko der akuten radiogenen Proktitis erhöhen.
Orale Aminosalicylate sollen aufgrund widersprüchlicher Studienergebnisse nicht zur Prophylaxe der Diarrhoe bei pelviner Strahlentherapie gegeben werden.
Diese Daten entsprechen den negativen Erfahrungen beim prophylaktischen oralen Einsatz von Olsalazin gegen die Diarrhoe bei pelviner Strahlentherapie [1561] im Rahmen einer randomisierten, doppelblinden Studie gegen Placebo bei 58 Patient*innen, wohingegen der Wirkstoff Sulfasalazine in der Arbeitsgruppe von Kilic et al. (2000 [1558]; 2001[1560]) in zwei prospektiven randomisierten klinischen Studien eine Reduktion der Diarrhoe bei pelviner Strahlentherapie zeigte (87 und 35 Patient*innen). Allerdings zeigten sich bei endoskopischen Kontrollen keine signifikanten Unterschiede in der intestinalen Schleimhaut. Auch der Wirkstoff Balsalazid reduzierte den Schweregrad der Proktitis im Rahmen einer randomisierten Studie an 27 Patienten mit Prostatakarzinom [1562].
11.1.1.3 Misoprostolzäpfchen
Misoprostolzäpfchen sollen nicht zur Prophylaxe einer radiogenen Proktitis verwendet werden, da sie das Risiko für das Auftreten akuter Nebenwirkungen erhöhen und das Auftreten einer chronischen Proktitis nicht reduzieren.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1563] [1564] [1565]
Änderungshinweis
Misoprostolzäpfchen sollen nicht zur Prophylaxe einer radiogenen Proktitis verwendet werden, da sie das Risiko für das Auftreten akuter Nebenwirkungen erhöhen.In einer großen, doppelblinden kontrollierten, randomisierten Studie (n = 100) beeinflusste Misoprostol sup. die Proktitissymptome nach CTC-Kriterien nicht, dagegen waren rektale Blutungen in der Verum-Gruppe signifikant häufiger [1563]. Damit widersprechen die Daten einer kleinen Studie von Khan et al. (n = 16) [1564], bei denen die neun Patienten der Interventionsgruppe einen signifikant geringeren Proktitis-Score im Vergleich zur Kontrollgruppe aufwiesen. Nicht nur die Studiengröße, auch die Verwendung eines nicht validierten Messinstrumentes erscheinen in der Studie von Khan et al. problematisch.
Auch einen positiven Einfluss auf die Entwicklung einer späten Proktitis konnte die Studie mit einer medianen Nachbeobachtung von 50 Monaten nicht belegen [1565].
11.1.1.4 Sucralfat-Klysmen
Sucralfat-Klysmen und oral appliziertes Sucralfat sollten wegen unzureichender Wirksamkeit nicht zur Prophylaxe einer radiogenen Proktitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1566] [1557] [1567] [1568]
Änderungshinweis
Sucralfat-Klysmen sollen wegen mangelnder Wirksamkeit nicht zur Prophylaxe einer radiogenen Proktitis eingesetzt werden.Gleiches gilt bei dem Vergleich von Sucralfat mit Hydrokortisonschaum rektal in einer für das ärtzliche Personal verblindeten, drei-armigen, randomisierten Phase-III-Studie mit 134 Prostatakarzinompatienten [1557]. In dieser Studie wurde allerdings kein Placeboarm mitgeführt. Der Nutzen von Sucralfat (61,9 % akute rektale Toxizität) unterschied sich nicht signifikant von dem prophylaktischen Einsatz mit Kortisonschaum (52,4 % akute rektale Toxizität), wohingegen Mesalazin signifikant schlechter abschnitt (87,5 % akute rektale Toxizität). In einer randomisierten, doppelblinden klinischen Studie von 7%igem topischem Sucralfat gegen Placebo zeigte sich hingegen eine geringere Rate an akuter Proktitis zugunsten des Sucralfat-Arms für alle Endpunkte: rektale Blutung, Durchfall, rektale Schmerzen und Stuhldrang [1569]. Die Aussagekraft der Studie ist limitiert durch die kleine Zahl an Patient*innen (57 Personen) und eine Ungleichverteilung der Diagnosen und Dosis zu Ungunsten des Placeboarms.
Der orale Einsatz von Sucralfat führte in einer doppelblinden, placebokontrollierten randomisierten Studie an 70 Patienten zu einer signifikant geringeren Rate an akuter und chronischer Proktitis [1570][1571]. Dies deckt sich mit den Daten zur Verhinderung der Diarrhoe bei pelvinen Strahlentherapien von gynäkologischen Tumoren [1571][1572]. Im Gegensatz dazu konnte eine große australische Studie [1568] an 338 Patienten keinen Nutzen für den oralen Einsatz von Sucralfat belegen: die Grad 2 - 4 Proktitis lag mit Sucralfat bei 22 %, für Placebo bei 28 % (p = 0,23).
11.1.1.5 Topische Glukokortikoide
Hydrokortisonschaum sollte wegen mangelnder Wirksamkeit nicht zur Prophylaxe einer aktuten radiogenen Proktitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1557]
Änderungshinweis
Hydrocortisonschaum sollte wegen mangelnder Wirksamkeit nicht zur Prophylaxe einer radiogenen Proktitis eingesetzt werden.Evidenztabellen (1)
Sanguineti, Franzone 2003Beclometason topisch wurde zur Prophylaxe der akuten wie späten Proktitis in einer doppelblinden, randomisierten Studie gegenüber Placebo an 120 Patienten mit Prostatakarzinom geprüft. Die akute Proktitis ein und drei Monate nach Strahlentherapieabschluss wurde in keinem der Endpunkte günstig beeinflusst. Es gab eine signifikant geringere rektale Blutungsrate und einen besseren endoskopischen Proktitis-Score 12 Monate nach erfolgter Strahlentherapie [1573].
11.1.1.6 Butyrat
Butyrat rektal sollte nicht zur Prophylaxe der akuten radiogenen Proktitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1574]
Änderungshinweis
Für die Anwendung von Butyrat rektal zur Prophylaxe der akuten radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.Evidenztabellen (1)
Maggio, Magli 2014Eine randomisierte Phase-II-Studie (n = 166), die drei Dosierungen gegen einen Placebo-Arm prüfte, zeigte keinen positiven Effekt von Butyrat-Klysmen in Hinblick auf die klinische Symptomatik und den endoskopischen Befund [1574].
11.1.1.7 Rektales Epinephrin
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie (n = 34) konnte für den rektalen Einsatz von Epinephrin keinen signifikanten klinischen Nutzen hinsichtlich der Entwicklung einer Proktitis belegen (Proktitis ≥ Grad 2 mit 12,5 % versus 27,8 %, p = 0,4) [1575].
11.1.1.8 Aloe vera
Zur Anwendung von Aloe vera rektal ist aufgrund der komplexen Zusammensetzung von Wirksubstanzen, der schwierigen Zubereitung und nur einer vorliegenden Studie keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz möglich.
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Konsens
- Literatur
- [1576]
Eine kleine randomisierte, placebokontrollierte klinische Studie (n = 42) zeigte für den prophylaktischen Einsatz von 3%igem rektalen Aloe vera eine signifikant geringere Rate an allen klinischen proktitischen Endpunkten (Diarrhoe, rektale Blutung, Stuhldrang) und bei der Lebensqualität [1576].
11.1.1.9 Bestrahlungsplanung und -durchführung
Die bildnavigierte, intensitätsmodulierte Strahlentherapie verringert das Risiko für das Auftreten der akuten wie chronischen Proktitis signifikant und sollte eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1541] [1577] [1578] [1579] [1540] [1580] [1581]
Evidenztabellen (1)
Rastogi_2017Implantierbare Abstandshalter können vor der perkutanen Strahlentherapie des Prostatakarzinoms eingesetzt werden, um das Risiko einer akuten oder einer chronischen Proktitis oder deren Schweregrad zu verringern.
Auf den Einsatz von Lochbrettern und Bauchlage zur Prophylaxe der Proktitis kann bei der Verwendung der intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) verzichtet werden.
Auf dezidierte Protokolle zur Harnblasenfüllung kann beim Einsatz der bildnavigierten Strahlentherapie verzichtet werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1593]
Evidenztabellen (1)
Mullaney_2014Zahlreiche retrospektive Studien belegen entweder hinsichtlich der Häufigkeit einer akuten oder einer chronischen Proktitis oder deren Schweregrad den Nutzen einer (dynamischen) intensitätsmodulierten Strahlentherapie im Vergleich zur konformalen Therapie [1577][1579][1540][1541][1578] sowie der bildnavigierten Therapie (beim Prostatakarzinom mittels Markern, Cone-Beam-CT oder MRT) gegenüber der Einstellung anhand von knöchernen Strukturen [1580][1581] bzw. des Einsatzes von Retraktoren oder implantierten Abstandshaltern [1585][1582][1583][1584].
Zahlreiche Studien anhand einer Auswertung von Bilddaten (Computertomographien zur Bestrahlungsplanung) belegen eine geringere Dosisbelastung des Dünndarms in Bauchlage der Patient*innen bei Verwendung des Lochbrettes auch mit modernen Verfahren der Bestrahlungstechnik, allerdings überwiegend zu Lasten einer stabilen Einstellung der Tumorregion. Eine geringere Belastung des Enddarms wurde nicht einheitlich beschrieben. Klinische Vergleiche liegen nicht vor. Aus diesem Grund kann die Bauchlage zur Schonung des Dünndarms auch bei Verwendung der IMRT/VMAT eingesetzt werden, jedoch ist nicht von einer geringeren Rate der Proktitis auszugehen [1586][1587][1588][1592][1589][1590][1591].
Der Einsatz eines konsequenten Protokolls zur Harnblasenfüllung belegte im Rahmen einer randomisierten Studie eine geringere Varianz bei mässiger gegenüber einer extensiven Füllung der Harnblase und keinen Unterschied im Auftreten einer Proktitis bei 110 Männern mit Prostatakarzinom [1593]. Ob solch ein Protokoll bei der Verwendung der modernen Bildnavigationsverfahren erforderlich ist, wurde bislang nicht geprüft.
11.1.1.10 Soja Isoflavone, Diäten, lebende Lactobazillen acidophilus, Bifidobakterium bifidum, Curcumin, hydrolytische Enzyme, amylase-resistente Stärke, Qingre Buyi Sud
Lactobazillen per os (in Kombination mit Bifidobakterien) können zur Verringerung des Durchfalls und des proktitischen Beschwerdebildes bei Strahlentherapie gegeben werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1594] [1595] [1596] [1597]
Evidenztabellen (1)
Nascimento_2019Folgende Substanzen sollten nicht zur Prophylaxe der akuten oder chronischen Proktitis gegeben werden:
- hydrolytische Enzyme (Trypsin,Chymotrypsin, Papain)
- orales Curcumin
- resistente Stärke
Für die Anwendung folgender Substanzen zur Prophylaxe der akuten oder chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen:
- Soja Isoflavone
- gezielte Diät (Endpunkt Diarrhoen).
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1601]
Eine kleine, randomisierte und placebokontrollierte Phase-III-Studie (n = 42) zum oralen Einsatz von Soja-Isoflavonen zeigte sechs Monate nach Strahlentherapie signifikant weniger rektale Krämpfe und Diarrhoen (7,7 % vs. 21,4 %). Da die Rücklaufquote der Fragebögen bei lediglich 62 % lag, kann die Studie nur im Sinne einer Pilotstudie gesehen und daraus keine Therapieempfehlung abgeleitet werden.
Der Einfluss gezielter Diäten zur Reduktion einer Diarrhoe in Folge einer Proktitis oder Enteritis wurde nur in kleinen, randomisierten Studien mit verschiedenen Diätformen untersucht (29 Patient*innen) [1602].
In einer doppelblinden, placebokontrollierten randomisierten Studie an 63 Patientinnen wurde der Nutzen der oralen Einnahme von lebenden Lactobazillen acidophilus in Kombination mit Bifidobakterium bifidum hinsichtlich des selteneren Auftretens einer Diarrhoe und einer besseren Stuhlkontinenz mit dem Verum belegt [1594]. Eine neuere, ebenfalls randomisierte doppelblinde Studie mit ähnlichem Aufbau bestätigte den Nutzen der probiotischen Prophylaxe in Hinblick auf das Auftreten einer Diarrhoe bei pelviner Strahlentherapie gynäkologischer Tumoren [1595]. Eine weitere, kleinere randomisierte Studie (20 Patienten), die die Wirkung des synbiotischen Lactobacillus reuteri auf die Entwicklung von proktitischen Beschwerden prüfte, zeigte eine geringere Symptomatik in der 5. und 6. Bestrahlungswoche unter dem Verum [1597], während eine frühere Publikation derselben Arbeitsgruppe zur selben Fragestellung an 20 Patienten eine Besserung in den ersten Therapiewochen zeigte [1596].
Die Gabe von Probiotika wird als seltener Grund für das Auftreten einer Sepsis gesehen [453]. Patient*innen mit entsprechendem Risikoprofil, insbesondere immunsupprimierte Personen, sollten daher nicht mit Probiotika therapiert werden.
Eine randomisierte Studie zum Einsatz von hydrolytischen Enzymen (Wobe-Mugos E) zeigten an 120 Patientinnen keinen signifikanten Vorteil hinsichtlich des Auftretens einer höhergradigen Proktitis [1603].
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie zum Einsatz von oralem Curcumin zeigte bei 40 Patienten keinen Unterschied hinsichtlich des Auftretens einer Proktitis [1600]. Die Ergebnisse wurden durch eine doppelblinde, placebokontrollierte randomisierte Studie an 64 Patienten mit Prostatakarzinom bestätigt [1599].
Eine randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde Studie zum Einsatz von oraler probiotischer, Amylase-resistenter Stärke zeigte bei 100 Patientinnen keinen Unterschied hinsichtlich des Auftretens einer Proktitis [1598].
11.1.2 Therapie der akuten radiogenen Proktitis
Die systematische Recherche zeigt nur zu den Substanzen Aloe vera und Butyrat kleine randomisiert kontrollierte Studien.
11.1.2.1 Butyrat
Für die Anwendung von Butyrat rektal zur Therapie der akuten radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Evidenztabellen (1)
Vernia, Fracasso 2000Eine sehr kleine doppelblinde, placebokontrollierte, randomisierte Studie (n = 20) mit Cross-over-Design zeigte eine signifikante Wirksamkeit für Butyratklistiere (80 mmol/l (80 ml/24 h)) versus rektaler Kochsalzlösung [1604]. Eine weitere, prospektive einarmige Studie an 31 Patienten zeigte eine signifikante Besserung der akuten proktitischen Beschwerden unter rektalem Butyrate. In dieser Studie mit einer Nachbeobachtung von 50 Monaten zeigte sich allerdings keine positive Korrelation zwischen der Verhinderung einer akuten Proktitis und dem Einfluss auf die Entstehung einer chronischen Proktitis [1605].
Aussagen zur vermeintlichen Wirksubstanz sind bei heterogenen Rezepturen schwierig. In den NRF (Neue Rezeptur-Formularium)-Vorschriften sind verschiedene Rezepturen angegeben (1%ige Klysmen mit Natriumbutyrat; 0,44%ige Butyrat-Klysmen, die zusätzlich Natriumacetat- und -propionat enthalten; Zäpfchen).
11.1.2.2 Aloe vera
Zur Anwendung von Aloe vera rektal ist aufgrund der komplexen Zusammensetzung von Wirksubstanzen, der schwierigen Zubereitung und nur einer vorliegenden Studie keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz möglich.
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1606]
Eine sehr kleine doppelblinde, placebokontrollierte, randomisierte Studie (n = 20) zeigte eine signifikante Wirksamkeit für Aloe vera versus Placebo [1606] bei den klinischen proktitischen Endpunkten Diarrhoe, Stuhldrang und Allgemeinbefinden. Einen Einfluss auf rektale Blutungen oder Schmerzen hatte die Therapie nicht.
Andere Behandlungsüberlegungen orientieren sich an der Therapie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen. Hier ist die Glukokortikoidtherapie bewährt und etabliert. Für die Übertragbarkeit auf die Anwendung bei akuter radiogener Proktitis liegt keine Evidenz vor.
Des Weiteren werden lokal pflegende Externa angewendet.
11.1.2.3 Qingre Buyi Sud
Eine kleine, einfach verblindete, placebokontrollierte, randomisierte Studie (n = 60) zeigte eine signifikante Wirksamkeit der oralen Flüssigkeit von Qingre Buyi, einer Mischung chinesischer Substanzen (einem Aufguss aus über zehn verschiedenen chinesischen Pflanzenteilen, die über spezialisierte Importeure eingeführt werden müssen), für die Besserung der akuten proktitischen Beschwerden Durchfall und rektale Blutung [1607].
Die Zusammensetzung des Qingre Buyi Sud wird in der Studie von Wang L. et al. 2009 [1607] wie folgt angegeben: Jede QBD-Dosis bestand aus 30 g Milchwicke Wurzel, Coix-Samen, Stachelkraut und Hedyotis-Kraut; 15 g Heterophylla falsche Sternwurzwurzel, indische Brotrosa-Epidermis, chinesisches Yamswurzel-Rhizom, Weißblüten-Patrinia-Kraut mit Wurzel, Kupferblattkraut, asiatisches Wegerichkraut und jeweils weiße Hyazinthenbohne; 10 g Großkopf Atractylodes Rhizome und Agastache rugosa, jeweils; 6 g getrocknete Mandarinenschale und Zotten Amomum-Frucht; und 3 g Süßholzwurzel – abgekocht
Eine Herstellung der Substanzmischung in Deutschland ist mit diesen Angaben nicht möglich, der Sud ist in Apotheken nicht erhältlich. Zudem sind in pflanzlichen Präparaten aus Asien im Kontext der traditionellen chinesischen Medizin und des Ayurveda wiederholt Beimengungen aus Schwermetallen, Pestiziden und medizinischen Substanzen wie Corticoide und Coumarine aufgetreten.
Siehe dazu auch:
Verweis auf S3-Leitlinie Komplementäre und alternative Medizin
11.2 Späte radiogene Proktitis
11.2.1 Prophylaxe der späten radiogenen Proktitis
11.2.1.1 Beclometason-Diproprionat
Um das Risiko später rektaler Blutungen zu reduzieren, kann die Applikation von Beclometason-Diproprionat rektal zur Prophylaxe der späten radiogenen Proktitis erwogen werden. (OFF-LABEL)
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1573]
Änderungshinweis
Zur Verminderung des Risikos rektaler Blutungen und zur Verbesserung der Lebensqualität kann Beclomethason-Diproprionat rektal appliziert werden. (off- label use)Evidenztabellen (1)
Fuccio, Guido et al. 2011Fuccio et al. veröffentlichten 2011 die Ergebnisse einer doppelblinden, placebokontrollierten, randomisierten Studie, bei der 120 Prostatakarzinompatienten entweder eine perkutane Bestrahlung plus Placebo oder eine perkutane Bestrahlung plus Beclometason Diproprionat (BDP) rektal während und bis vier Wochen nach Strahlentherapie erhielten [1573]. BDP reduzierte die Rate an rektalen Blutungen (12/55 vs. 25/59), den endoskopisch bestimmten Mukositisgrad (Vienna Rectoscopy Score) und verbesserte die darmspezifische Symptomatik und Lebensqualität gemessen mit Simple Clinical Colitis Activity Index (SCCAI) und Inflammatory Bowel Disease Quality of Life Index (IBDQ). Die Gesamtheit der rektalen unerwünschten Strahleneffekte nach LENT/SOMA war jedoch unbeeinflusst.
BDP ist als rektale Applikationsform in Deutschland nicht verfügbar, kann jedoch aus Italien importiert werden. Für die in Deutschland verfügbaren rektalen Glukokortikoid-Zubereitungen liegen keine Studien für diese Indikation vor.
11.2.1.2 Sucralfat-Klysmen und Sucralfat oral
Sucralfat-Klysmen und/oder Sucralfat oral sollen wegen mangelnder Wirksamkeit nicht zur Prophylaxe der späten radiogenen Proktitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1566] [1568]
Änderungshinweis
Sucralfat-Klysmen sollen wegen mangelnder Wirksamkeit nicht zur Prophylaxe der späten radiogene Proktitis eingesetzt werden.Evidenztabellen (1)
O'Brien, Franklin 1997
11.2.1.3 Misoprostolzäpfchen
Misoprostolzäpfchen sollen nicht zur Prophylaxe einer späten radiogenen Proktitis verwendet werden, da sie das Risiko für das Auftreten akuter Nebenwirkungen erhöhen und keinen Effekt auf die Entwicklung der späten Proktitis haben.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1563] [1565]
Änderungshinweis
Misoprostolzäpfchen sollen nicht zur Prophylaxe einer radiogenen Proktitis verwendet werden, da sie das Risiko für das Auftreten akuter Nebenwirkungen erhöhen und keinen Effekt auf die Entwicklung der späten Proktitis haben.In der Nachbeobachtungszeit (Median 50 Monate) wurden die Patienten der bereits für die akute Prophylaxe der akuten Proktitis aufgeführten doppelblind kontrollierten, randomisierten Studie von Hille et al. [1563] (n = 100) jährlich weiter nach der RTOG/ LENT-SOMA-Skala untersucht. Misoprostol sup. beeinflusste auch nicht die Symptome der späten radiogen induzierten Proktitis, aber es traten, im Gegensatz zum Anstieg der akuten Blutungen, auch nicht gehäuft späte rektale Blutungen auf [1565].
11.2.2 Therapie der chronischen radiogenen Proktitis
Beim Vorliegen von chronischen rektalen und peranalen Symptomen (Diarrhoe, Schleimabgänge, Schmerzen, Darmkrämpfe, Blutungen, Stuhlinkontinenz) wäre es wünschenswert, nach Ausschluss von Tumorerkrankungen (Rezidive nach Strahlentherapie oder Zweitkarzinome) und Infektionskrankheiten, Therapiekonzepte interprofessionell abzustimmen. Dabei sind die von den betroffenen Patient*innen geschilderten Symptomen und die Untersuchungsergebnisse zu berücksichtigen, da sich viele der nachfolgend genannten therapeutischen Maßnahmen in ihrer Effektivität gegen einzelne Symptome der chronischen Proktitis wie hinsichtlich ihrer Verträglichkeit unterscheiden. Einige Maßnahmen führten in klinischen Studien ausschließlich bei manchen der oben genannten Symptome zu Besserungen. Grundsätzlich wird bei der Therapie nach diätetischen, medikamentösen, endoskopischen und chirurgischen Methoden unterschieden.
Nach Ausschluss anderer Ursachen ist die Therapie der nicht blutenden chronischen Proktitis/Proktopathie unspezifisch und besteht in Abhängigkeit von der Symptomatik aus einer Kombination von diätetischen, physikalischen oder medikamentösen Maßnahmen [1608].Eine Beurteilung der Wirksamkeit der applizierten Substanzen und Methoden setzt eine zuverlässige, oftmals wiederholte und langfristige Applikation der Verfahren voraus. Bei medikamentösem Einsatz sollten in der Regel 8 Wochen nicht unterschritten werden.
11.2.2.1 Therapie der rektalen Blutung bei chronischer Proktitis
Die rektale Blutung ist nur eines von mehreren Symptomen der Proktitis, von denen andere wie Schmerzen oder Inkontinenz Patient*innen zum Teil mehr belasten als die Blutung. Dennoch beschränken sich manche Studien auf das Symptom der Blutung. Die Studien zeichnen sich zumeist durch sehr kleine Fallzahlen aus und haben daher geringe Beweiskraft. Es ist zu beachten, dass ein spontanes Sistieren der Blutung in bis zu 65 % der Patienten erwartet werden kann [1609], sodass placebokontrollierte Studien mit ausreichend langer Beobachtungszeit und entsprechend großen Fallzahlen wichtig sind.
Bei rektalen Blutungen sollen Darmfunktion und Stuhlkonsistenz optimiert werden.
Bei vorbestehender Antikoagulation soll die Fortsetzung oder Dosisreduktion dieser Arzneimittel überprüft werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Die Optimierung von Darmfunktion und Stuhlkonsistenz macht neben ausführlicher Beratung der Patient*innen oft die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Gastroenterologen und Ernährungsberatern notwendig.
Bei Auftreten rektaler Blutungen sind Gerinnungsstatus und Blutbild der Patient*innen zu kontrollieren. Zum anderen ist die Überprüfung der Medikation der Patient*innen auf eine mögliche Antikoagulantion, die Erwägung einer Unterbrechung dieser, bzw. ggf. die Gabe eines entsprechenden Antidots obligatorisch.
Bei Persistenz der rektalen Blutungen ohne Anämie oder Beeinträchtigung der Lebensqualität sollte eine Verlaufskontrolle ohne spezifische Therapie erfolgen, da die Blutungen häufig spontan sistieren.
- Konsens
- Starker Konsens
Die Therapie der rektalen Blutung bei chronischer radiogener Proktitis kann medikamentös, endoskopisch oder chirurgisch erfolgen. Bei Persistenz der rektalen Blutungen ohne Anämie oder Beeinträchtigung der Lebensqualität kann eine Verlaufskontrolle ohne spezifische Therapie erfolgen, da die Blutungen häufig von selbst sistieren [1609]. Ggf. ist der Eisenstatus zu kontrollieren – siehe dazu Diagnostik-Abschnitt im Kapitel „Anämie“.
11.2.2.2 Metronidazol
Für die Anwendung von Metronidazol oral als Monotherapie zur Behandlung der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Für die Anwendung von Metronidazol oral zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.Aufgrund des potentiell schwerwiegenden chronischen Nebenwirkungsprofils von Ciprofloxacin sollte die Kombination Metronidazol oral mit Ciprofloxacin oral und rektalen Wassereinläufen trotz positiver Daten zum Effekt zur Therapie der späten radiogenen Proktitis nicht vor dem Ausschöpfen lokaler medikamentöser und endoskopischer Maßnahmen und nur bei Vorliegen einer schweren Proktitis gegeben werden.
In den drei Studien zeigte die Behandlung mit Metronidazol bessere Ergebnisse als die Vergleichsgruppe. Eine Behandlungsempfehlung für den Einsatz von Metronidazol alleine lässt sich aber daraus nicht ableiten, weil der jeweilige Effekt nicht der Einzelsubstanz zugeordnet werden kann.
11.2.2.3 Sucralfat
Für die Anwendung von Sucralfat rektal als Monotherapie oder in Kombiantion mit Glukokortikoiden oder nach Argon-Plasma-Koagulation zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Für die Anwendung von Sucralfat rektal zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigenEvidenztabellen (1)
Kochhar, Patel 1991In einer Studie von Nelamangala Ramakrishnaiah et al. [1615] wurde die Kombination von Sucralfat mit Prednisolon oral gegenüber dem endoskopischen Einsatz von 4%igem Formalin an 102 Patientinnen geprüft, wobei der klinische Effekt des Formalin sowohl betreffend Symptomatik wie der endoskopischen Kontrolle signifikant besser war.
In einer randomisierten, placebokontrollierten und doppelt verblindeten Studie setzten Chruscielewska-Kiliszek et al. (2013 [1614]) Sucralfat nach vorangegangener Argon-Plasma-Koagulation an 122 Patient*innen ein. Eine Besserung der Symptomatik trat in beiden Armen in identischer Weise ein, sodass der Effekt des Beamers belegt wurde, nicht jedoch ein günstiger Effekt von Sucralfat in Ergänzung zum Beamer.
11.2.2.4 Topisches Mesalazin bzw. Aminosalicylsäure
Topisches Mesalazin wurde in zwei kleinen prospektiven klinischen Studien (10 bzw. 23 Patient*innen) ohne Vergleichsarm getestet, in einer der Studien in Kombination mit einer oralen Gabe von Mesalazin [1617]. In beiden Studien kam es zu einer signifikanten Besserung der rektalen Blutung, jedoch nur in einer Studie zu einer Besserung anderer proktitischer Beschwerden. Eine Veränderung von Stenosen und Ulzerationen wurde in keiner Studie beobachtet.
11.2.2.5 Topisches Ozone
Für die Anwendung von topischem Ozon zur Therapie der rektalen Blutung in Folge einer chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1618]
Topisches Ozon wurde in einer kleinen prospektiven klinischen Studie (17 Patient*innen) ohne Vergleichsarm bei Patient*innen mit überwiegend schwerer Proktitis getestet [1618]. In der Studie kam es zu einer signifikanten Besserung der rektalen Blutung und einem Rückgang der benötigen endoskopischen Therapien.
11.2.2.6 Topische Glukokortikoide
Für die Anwendung von topischen Glukokortikoiden zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt eine widersprüchliche Evidenz vor, sodass keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz möglich ist.
Änderungshinweis
Für die Anwendung von topischen Steroiden zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.Evidenztabellen (1)
Kochhar, Patel 1991Topisches Glukokortikoid wurde im Vergleich zu anderen topischen Substanzen (Sucralfat) oder gemeinsam mit Mesalazin/Metronidazol untersucht [1610] und war hier weniger effektiv. In einer kleinen, placebokontrollierten Studie (n = 37) reduzierte Sucralfat-Klistier plus Placebo oral im Vergleich zu Prednisolon-Klistier plus Sulfsalazin p.o. die subjektiven Symptome der radiogenen Proktitis [1613]. In einer Studie mit unterschiedlichen Glukokortikoidsubstanzen (Betamethasone versus Hydrokortison) zeigte sich eine signifikante Überlegenheit für Hydrokortison hinsichtlich der rektalen Schmerzen und des endoskopischen Bildes; es wurde aber kein Kontrollarm ohne Glukokortikoidmedikation in der Studie geführt [1619].
11.2.2.7 Butyrat topisch
Für die Anwendung von Butyrat topisch zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
11.2.2.8 Formalin topisch
Formaldehyd (Formalin) wurde in zahlreichen klinischen Studien eingesetzt, von kleinen Fallserien bis hin zu prospektiven, randomisierten Studien. In Folge der Therapie kommt es zu einer lokalen mukosalen Gefäßthrombose, einer lokalen Zellnekrose und im weiteren Verlauf zu einer Fibrose im Bereich der Lamina propria und einer Degeneration der Muscularis mucosae [1623]. Dabei ist auf eine rektale Striktur als mögliche chronische Folge zu achten, deren Wahrscheinlichkeit womöglich nach Radiochemotherapie des Analkanals besonders hoch ist [1624].
In der Regel wurde die Formalintherapie erst nach Versagen anderer, topischer medikamentöser Verfahren eingesetzt. Die auch langfristige Erfolgsrate bei der hämorrhagischen Proktitis für Formalin liegt bei über 90 %, bei im Mittel zwei Eingriffen von je ca. drei Minuten bei einem zeitlichen Abstand zwischen den Eingriffen von wenigen Wochen. Randomisierte Vergleiche mit anderen Verfahren (Argon-Plasma-Koagulation [1625][1626], rektale Wassereinläufe bei gleichzeitiger oraler Antibiotikaeinnahme (Metronidazol, Ciprofloxacin) [1611][1612], rektale Sucralfat-Glukokortikoid-Einläufe [1615]) zeigen eine hohe Effektivität.
Formalin ist kanzerogen. Aufgrund der Bedenklichkeit der Substanz existieren derzeit keine NRF (Neue Rezeptur-Formularium)-Vorschriften zur Herstellung der Lösung durch Apotheken. Die rezepturfähige Anwendung am Menschen ist obsolet.
11.2.2.9 Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT)
Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) kann zur Therapie der chronischen schweren Proktitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1627] [1628]
Änderungshinweis
Unter Berrücksichtigung ihrer Risiken kann Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) zur Therapie der chronischen schweren Proktitis eingesetzt werden.Seit 1991 wurde die Hyperbare Sauerstofftherapie im Rahmen von individuellen Heilversuchen, kleineren Patient*innenkollektiven oder sogar prospektiven randomisierten doppelblinden Studien eingesetzt. Die überwiegende Zahl der Studien war retrospektiven Charakters, hatte kleine Fallzahlen und kurze Nachbeobachtungen [1629].
Bei anhaltender rektaler Blutung erfolgt eine HBO–Therapie mit bis zu 40 konsekutiven Sitzungen (mindestens 60 Minuten Dauer pro Sitzung, empfohlen über 90 Minuten pro Sitzung; mindestens fünf Tage pro Woche) bei ≥ 2 ATA (physikalische Atmosphären) (entsprechend 202,6 kPa) [1630].
Die erste randomisierte, doppelblinde Studie an 150 Patient*innen (davon 120 in der Nachbeobachtung) mit Cross-over zeigte eine Verbesserung der objektiven und subjektiven Symptome der Proktitis [1627]. Im experimentellen Arm erfolgte eine HBO mit 2.0 ATA für 90 Minuten, im Vergleichsarm eine Therapie mit maximal 1,1 ATA und mit 21 % Sauerstoff. Da es sich um eine Per-Protokoll-Analyse von 120 von 150 Patient*innen (Ausschluss wegen Rezidiv, Komorbidität etc.) handelt, ist die Aussagekraft allerdings eingeschränkt, wenngleich die Ergebnisse für sämtliche Endpunkte (Schmerzen, Blutung, Diarrhoe, Lebensqualität) signifikant zugunsten des experimentellen Arms war und eine Nachbeobachtung von zwei Jahren erfolgte.
Eine zweite randomisierte Studie, ebenfalls mit einer Schein-HBO, konnte die positiven Ergebnisse nicht bestätigen, fokussierte aber auf eine Symptomatik passend zur Enteritis und Proktitis [1628]. Die Anzahl an eingeschlossenen Personen war deutlich geringer (69 Patient*innen mit abgeschlossener Therapie) und lag unter der geplanten Fallzahl, die Nachbeobachtung war kurz und es ist unklar, ob die fehlende Stratifizierung nach Risikofaktoren das Ergebnis beeinflusst hat. Die in der Studie beschriebenen Nebenwirkungen bestätigen die Notwendigkeit einer sorgfältigen, kritischen Auswahl der Patient*innen für die HBO [1628].
Aufgrund der zahlreichen, ganz überwiegend positiven Berichte zum Einfluss der HBO auf die chronische Proktitis kann diese Therapie nach Ausschluss von Risikofaktoren angeboten werden [1630][1631]. Die MASCC Guideline 2020 [1632] lautet „The panel suggests that hyperbaric oxygen is an effective way to treat RT‐induced proctitis in patients with pelvic malignancy.“
11.2.2.10 Vitamin A, C und E
Für die Anwendung von Vitamin A mit oder ohne Pentoxifyllin, Pentoxifyllin alleine oder eine Kombination aus Vitamin E und C oral zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Für die Anwendung von Vitamin A oder einer Kombination aus Vitamin E und C oral zur Therapie der chronischen radiogenen Proktitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.Kennedy et al. kombinierten Vitamine C und E in einer einarmigen Beobachtungsstudie bei 20 Patient*innen und beschrieben eine Verbesserung der Symptomatik [1634]. Studiengröße bzw. fehlender Kontrollarm lassen allerdings keine Empfehlung zu.
Eine prospektive klinische Studie an 27 Patient*innen mit Tocopherol und Pentoxifyllin kam zu kontroversen Ergebnissen: während eine Besserung der Symptomatik sechs und 12 Monate nach Therapie im LENT-SOMA-Score resultierte, gaben die Patient*innen im eigenen Assessment keine Besserung der Symptomatik an [1635].
In einer randomisierten Studie an 40 Patienten, die über sechs Monate 3 x 400 mg täglich Pentoxifyllin oral einnahmen, zeigte sich kein signifikant besserer Rückgang der rektalen Blutung [1636].
11.2.2.11 Endoskopische Verfahren: Argon-Plasma Laser, Nd:YAG Laser, Radiofrequenzablation RFA
Bei Persistenz Hb-wirksamer rektaler Blutungen trotz medikamentöser Therapie soll eine Therapie mit Argon-Plasma-Laser eingeleitet werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1637] [1626] [1638]
Änderungshinweis
Bei Persistenz Hb-wirksamer rektaler Blutungen trotz medikamentöser Therapie kann eine Therapie mit Argon-Plasma-Laser eingeleitet werden.Evidenztabellen (1)
Zhong_2019Argon-Plasma-Laser-Koagulation (APC) wurde in vielen retro- und prospektiven monozentrischen Studien mit bis zu 80 Patient*innen pro Zentrum, in Summe mehr als 1.000 publizierten Therapien und Nachbeobachtungen bis zu fünf Jahren geprüft [1638][1639][1640][1637]. Dabei wurden die optimale Anzahl an Eingriffen und die Intensität der Einstellung der Geräte geprüft. Für gewöhnlich genügen bis zu drei Eingriffe mit ca. 4-wöchigen Intervallen, um eine langfristige Blutstillung zu erreichen. Indikation für die APC war in fast allen Studien die chronische rektale Blutung. Bei milder oder moderater radiogener chronischer rektaler Proktopathie können Blutungen in fast 90 % der Fälle erfolgreich behandelt werden, wohingegen andere Symptome weniger gut auf die Therapie ansprechen und keine Indikation für die APC darstellen. Als Komplikation werden rektale Ulzeration und Fisteln beschrieben, die in der Mehrheit der Fälle rasch ausheilen [1641][1642][1643]. Ein retrospektiver und ein prospektiver, randomisierter Vergleich mit einer topischen 4%-igen Formalinapplikation zeigten eine gleich gute klinische Wirksamkeit der APC, bei besserer Verträglichkeit [1644][1625]. Ein Vergleich der APC mit einer hyperbaren Sauerstofftherapie zeigte eine raschere Besserung der rektalen Blutungen nach APC, nach drei Monaten aber identische Werte für alle Parameter der Proktitis [1645].
Andere Verfahren wie die Radiofrequenzablation [1646][1647][1648], die Kryotherapie [1649][1650][1651], die bipolare Elektrokoagulation [1652] und die lokale Hitzetherapie (heater probe) [1653] kommen als endoskopische Verfahren mit ähnlich hoher Erfolgsrate wie die APC in Frage. Es liegen zu diesen Methoden jedoch deutlich weniger Erfahrungen und nur kleine, überwiegend retrospektive Studien vor.
11.2.2.12 Chirurgische Therapie
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1654] [1655] [1656] [1657] [1658] [1659]
Änderungshinweis
Bei Persistenz schwerer proktitischer Symptome trotz medikamentöser Intervention kann eine chirurgische Therapie erwogen werden. Das erhöhte Komplikationsrisiko ist zu beachten.Evidenztabellen (1)
Huang_2020Stomaanlage
Eine Kolostomie oder Ileostomie kann Schmerzen, Tenesmen, Infektionen, Inkontinenz und Symptome in Folge von Strikturen lindern. In einer großen Serie mit 61 Patient*innen, bei denen konservative Verfahren zu keiner Besserung der chronischen Proktitis geführt hatten, kam es nach Anlage einer Kolostomie zu einer Rückbildung der rektalen Ulzeration in 49 % der Fälle [1659]. Bei einigen Patient*innen führte eine permanente Stomaanlage zu einer Symptomlinderung und Lebensqualitätsverbesserung, sodass keine weiteren Interventionen notwendig waren [1660]. Bei ansonsten nicht pathologisch verändertem Kolon und zu erwartender permanenter Stomaanlage kommen eine Kolostomie oder eine Ileostomie in Frage, wobei die Kolostomie weniger Einbußen bei Darmfunktion und Lebensqualität zu verursachen scheint.
Rekonstruktion
Die Möglichkeit, erkranktes Gewebe zu entfernen und eventuell anschließend zu rekonstruieren, ist wegen der schlechten Durchblutung und Heilungstendenz eingeschränkt. Eine Ausnahme stellen rektourethrale oder rektovaginale Fisteln dar, die mit gestielten Muskellappen gedeckt werden können. Aber auch hier ist bei Rekonstruktionen im bestrahlten Gebiet die Morbidität im Vergleich zu nicht bestrahlten Patient*innen deutlich erhöht. Während der Einheilungsphase sollte der Stuhl über ein Stoma und der Urin durch einen Katheter an der Wunde vorbeigeleitet werden. Die funktionellen Ergebnisse dieser Verfahren sind jedoch häufig wegen komplizierter Narbenbildungen, Strikturen oder Inkontinenz schlecht [1661][1662][1663].
Die Proktektomie oder Exenteration ist den wenigen Fällen mit komplizierten Fisteln, die mit starken Schmerzen oder Inkontinenz oder unstillbaren Blutungen einhergehen, vorbehalten. Die Komplikationsrate liegt zwischen 15 % bis 80 % und die Mortalität bei 3 % bis 9 %. So droht bei kontinenzerhaltenden Operationen eine Anastomoseninsuffizienz und bei Verzicht auf eine Rekonstruktion die perineale Wundheilungsstörung [1661][1662][1663].
11.3 Zusammenfassung
Tabelle 80: Zusammenfassung der Empfehlungen und Statements - akute und späte radiogene Proktitis
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akute radiogene Proktitis |
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Prophylaxe |
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|
Amifostinklysmen (> 1.000 mg in 40 ml wässriger Lösung) oder Amifostin (500 - 1.000 mg) subkutan oder Amifostin intravenös (500 mg) vor jeder Bestrahlung (OFF-LABEL) Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist. |
können |
|
implantierbare Abstandshalter vor der perkutanen Strahlentherapie des Prostatakarzinoms (akute oder chronische Proktitis) |
können |
|
Lactobazillen per os (in Kombination mit Bifidobakterien) zur Verringerung des Durchfalls und des proktitischen Beschwerdebildes bei Strahlentherapie |
können |
|
Einsatz von Lochbrettern und Bauchlage bei der Verwendung der intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) |
kann verzichtet werden |
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dezidierte Protokolle zur Harnblasenfüllung beim Einsatz der bildnavigierten Strahlentherapie |
kann verzichtet werden |
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bildnavigierte, intensitätsmodulierte Strahlentherapie (akute oder chronische Proktitis) |
sollte |
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Hydrokortisonschaum |
sollte nicht |
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Butyrat rektal |
sollte nicht |
|
Epinephrin rektal |
sollte nicht |
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hydrolytische Enzyme (Trypsin, Chymotrypsin, Papain), orales Curcumin, resistente Stärke (akute oder chronische Proktitis) |
sollten nicht |
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Sucralfat-Klysmen und oral appliziertes Sucralfat |
sollten nicht |
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aktive Aminosalicylate wie Mesalazin und Osalazin rektal |
sollen nicht |
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orale Aminosalicylate zur Prophylaxe der Diarrhoe bei pelviner Strahlentherapie |
sollen nicht |
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Misoprostolzäpfchen |
sollen nicht |
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Soja Isoflavone gezielte Diät (Endpunkt Diarrhoen) (akute oder chronische radiogenen Proktitis) |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen |
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Aloe vera rektal |
Aufgrund der komplexen Zusammensetzung von Wirksubstanzen, der schwierigen Zubereitung und nur einer vorliegenden Studie ist keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz möglich. |
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Therapie |
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Butyrat rektal |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen |
|
Aloe vera rektal |
Aufgrund der komplexen Zusammensetzung von Wirksubstanzen, der schwierigen Zubereitung und nur einer vorliegenden Studie ist keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz möglich. |
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Qingre Buyi Sud (traditionelle chinesische Medizin) |
Aufgrund der komplexen Anmischung von Wirksubstanzen ist keine Empfehlung für oder gegen die Therapie der akuten Proktitis möglich. |
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späte radiogene Proktitis |
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|
Prophylaxe |
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Beclometason-Diproprionat rektal (OFF-LABEL) |
kann |
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Sucralfat-Klysmen und/oder Sucralfat oral |
sollen nicht |
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Misoprostolzäpfchen |
sollen nicht |
|
Therapie |
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Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) |
kann |
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chirurgische Therapie bei Persistenz schwerer proktitischer Symptome nach Versagen ausreichend lang eingesetzter topischer medikamentöser und endoskopischer Verfahren oder bei nicht anders kontrollierbarem rektalem Blutverlust |
kann |
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bei Persistenz der rektalen Blutungen ohne Anämie oder Beeinträchtigung der Lebensqualität |
sollte eine Verlaufskontrolle ohne spezifische Therapie erfolgen, da die Blutungen häufig spontan sistieren (EK). |
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Metronidazol oral mit Ciprofloxacin oral und rektalen Wassereinläufen |
sollte nicht vor dem Ausschöpfen lokaler medikamentöser und endoskopischer Maßnahmen und nur bei Vorliegen einer schweren Proktitis gegeben werden; potentiell schwerwiegendes chronisches Nebenwirkungsprofil von Ciprofloxacin |
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Argon-Plasma-Laser bei Persistenz Hb-wirksamer rektaler Blutungen trotz medikamentöser Therapie |
soll |
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bei vorbestehender Antikoagulation |
soll die Fortsetzung oder Dosisreduktion dieser Arzneimittel überprüft werden (EK) |
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bei rektalen Blutungen
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sollen Darmfunktion und Stuhlkonsistenz optimiert werden (EK) |
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Metronidazol oral (Monotherapie) |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen |
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Sucralfat rektal als Monotherapie oder in Kombination mit Glukokortikoiden oder nach Argon-Plasma-Koagulation |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen. |
|
|
|
|
topisches Mesalazin zur Therapie der rektalen Blutung in Folge einer chronischen radiogenen Proktitis |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen |
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topisches Ozon zur Therapie der rektalen Blutung in Folge einer chronischen radiogenen Proktitis |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen. |
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Butyrat topisch |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen. |
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Vitamin A mit oder ohne Pentoxifyllin, Pentoxifyllin alleine oder eine Kombination aus Vitamin E und C oral |
keine ausreichende Evidenz, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen. |
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topische Glukokortikoide |
widersprüchliche Evidenz, sodass keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz möglich ist. |
11.4 Radiogene Enteropathie/ Enteritis
Aus diesem Grund fokussiert das nachfolgende Kapitel ebenfalls auf die Verhinderung oder erfolgreiche Behandlung der Diarrhoe als Zeichen der radiogenen Enteritis. Die Diarrhoe ist dosis- und volumenabhängig, weshalb grundsätzlich eine optimale Schonung von Dünn- und Dickdarm zu fordern ist, sei es mit einer kritischen Wahl des Zielvolumens, einer sinnvollen Begrenzung der Strahlendosen, oder dem Einsatz perfekter Bestrahlungstechniken und Therapieplanungen. Die Inzidenz und der Schweregrad der Diarrhoe können maßgeblich durch sequentielle oder simultane Systemtherapien beeinflusst werden.
Die diesem Kapitel zugrunde liegenden Studien wurden unter dem Suchkriterium radiogene Diarrhoe bzw. radiogene Enteritis gefunden. Sie haben oft unterschiedlichste Kollektive von Patient*innen eingeschlossen, aber immer wurde das Symptom Diarrhoe bewertet.
11.4.1 Akute Enteropathie/ Enteritis- Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe
11.4.1.1 Aktive Aminosalicylate (Sulfasalazin, Mesalazin, Olsalazin)
Orale Aminosalicylate zur Prophylaxe der Diarrhoe bei pelviner Strahlentherapie sollen aufgrund widersprüchlicher Studienergebnisse nicht gegeben werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1558] [1560] [1664] [1559] [1665] [1666]
Änderungshinweis
Eine Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe mit Sulfasalazin kann erfolgen. (Off-Label-Use)Evidenztabellen (1)
Kiliç 2000Die Studien kamen zu kontroversen Aussagen. Während die Studien der Gruppe von Kilic et al. eine signifikant geringere Inzidenz der Diarrhoe und insbesondere der Schweregrade 3 + 4 in der Interventionsgruppe beschrieb, kamen die anderen vier Arbeitsgruppen zum genauen Gegenteil, einer erhöhten Häufigkeit der Diarrhoe im Verumarm. Aus diesem Grund wurde die neueste der klinischen Studien nach einer Interimsauswertung von 87 eingeschlossenen Patient*innen vorzeitig beendet [1666].
11.4.1.2 Amifostin
Zur Reduktion der Inzidenz, Intensität und Dauer von Durchfällen im Rahmen einer akuten radiogenen Enteritis kann die Applikation von Amifostin erwogen werden.
Die Applikation erfolgt vor jeder Fraktion mit mindestens 340 mg/m² intravenös oder mit mindestens 500 mg absolut subkutan (OFF-LABEL).
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1667] [1668] [1669]
Änderungshinweis
Vor jeder Fraktion appliziertes Amifostin kann Inzidenz, Intensität und Dauer von Durchfällen im Rahmen einer akuten radiogenen Enteritis vermindern. Die Applikation kann mit mindestens 340 mg/m2 intravenös oder mit mindestens 500 mg absolut subcutan erfolgen. (Off-Label-Use)Evidenztabellen (1)
Katsanos_2010Amifostin
In einer randomisierten, nicht verblindeten, nicht placebokontrollierten Studie, (n = 205) bei der eine Beckenbestrahlung gegen die gleiche Beckenbestrahlung plus i.v. Amifostin in einer Dosierung von 340 mg/m² getestet wurde, traten akute Nebeneffekte am unteren Intestinaltrakt und der Blase im Amifostinarm signifikant seltener auf (akute Blasentoxizität in Woche 7 der Bestrahlung: 0/110 [0,0 %] vs. 32/95 [33,3 %], p = 0,003; akute Toxizität des unteren Gastrointestinaltraktes in Woche 7 der Bestrahlung: 0/110 [0,0 %] vs. 38/95 [40,0 %], p = 0,003). Späteffekte (mediane Beobachtungszeit 12 Monate) kamen in beiden Gruppen gleich häufig vor [1667]. Das Ansprechen der Tumorerkrankung sechs Wochen nach Therapieende war in beiden Armen identisch. Amifostin führte bei zwei Personen zu moderater arterieller Hypotonie und bei einer Person zu moderater Übelkeit.
In einer randomisierten, nicht verblindeten, nicht placebokontrollierten Phase-II-Studie (n = 44), bei der eine Beckenbestrahlung gegen die gleiche Beckenbestrahlung plus 500 mg Amifostin s.c. verglichen wurde, traten endoskopisch und bioptisch gesicherte, akute, schwere, radiogene Colitiden seltener auf (6/21 [28,6 %] vs. 12/23 [52,2 %]) [1668]. Bei 20 % der Amifostinpatient*innen traten Amifostin bedingte Nebeneffekte Grad 1 und 2 auf (lokales Erythem, Pruritus, Übelkeit und Erbrechen).
Gegensätzliches dazu beschreibt eine Studie von Liu 1992 [1669] (n = 98), in der ebenfalls randomisiert eine Gruppe mit Strahlentherapie bei Rektumkarzinom mit einer Gruppe Strahlentherapie unter Prophylaxe mit Amifostin (damals noch WR-2721) verglichen wurde. Hier zeigte sich in der Interventionsgruppe die Schleimhaut- und Hautreaktion in der akuten Phase zur Kontrolle nicht unterschiedlich, während in der Spätphase signifikante Gruppenunterschiede auftraten. So traten bei 5 von 37 Patient*innen der Kontrollgruppe, die noch die vollständige Nachbeobachtungszeit erfuhren, moderate bis schwere radiogene Spätschäden auf, in der Gruppe mit Amifostin (n = 34) waren dagegen nur milde Spätschäden zu verzeichnen.
Zur gleichzeitigen rektalen Anwendung von Amifostin (siehe auch Prophylaxe der radiogenen Proktitis) liegen keine Daten vor.
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
11.4.1.3 Cholestyramin
Eine Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe mit Cholestyramin sollte nicht erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1670]
Evidenztabellen (1)
Chary 1984Cholestyramin ist als Medikament zur Behandlung der Hypercholesterinämie zugelassen und wirkt über die Bindung und Ausscheidung von Gallensäuren. Zum Einsatz von Cholestyramin in der Prävention der Radiotherapie-induzierten Diarrhoe wurde eine Studie gefunden, die die Ergebnisse von insgesamt 33 Patient*innen unter Radiotherapie mit Karzinomen des Uterus und der Prostata beschreibt [1670]. Patient*innen, die zusätzlich zu einer fettarmen Diät Cholestyramin erhielten, litten signifikant seltener an einer Diarrhoe als Patient*innen der Placebogruppe (OR 0,10; 95 % KI: 0,01 - 1,00). Jedoch war die Häufigkeit der Nebenwirkungen (Nausea/Emesis, abdominelle Krämpfe) bei Patient*innen mit Cholestyramin signifikant erhöht (OR: 3,82; 95 % KI: 1,08 - 13,49).
11.4.1.4 Glutamin
Eine Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe mit Glutamin soll nicht erfolgen.
Zum Einsatz von Glutamin zur Prävention der Radiotherapie-induzierten Diarrhoe wurden zwei randomisierte Studien gefunden und ausgewertet, die insgesamt 198 Patient*innen unter Radiotherapie einschließen [1671][1672]. Aufgrund einer sehr hohen Heterogenität von I2 = 89 % konnten die Studien nicht gemeinsam ausgewertet werden. Eine Ursache könnte in der unterschiedlichen Dosierung und Applikation der Studienmedikation liegen. Die Interventionsgruppe der Studie von Vidal-Casariego erhielt dreimal täglich jeweils 10 g Glutamin, während Patient*innen der Interventionsgruppe von Kozelsky et al. zweimal täglich 4 g Glutamin verabreicht wurde. In der Studie von Kozelsky et al. (n = 129) konnte die Inzidenz der Diarrhoe aller Schweregrade (OR: 0,80; 95 % KI: 0,33 - 1,95) und insbesondere der Schweregrade 3 - 4 (OR: 0,13; 95 % KI: 0,47 - 2,70) nicht signifikant reduziert werden. In der Studie von Vidal-Casariego et al. war die Inzidenz der Diarrhoe aller Schweregrade bei Patient*innen der Kontrollgruppe signifikant niedriger als bei Patient*innen der Interventionsgruppe (22,0 % vs. 55,9 %). Mit einer Nachbeobachtung von 12 Monaten bei 58 Patient*innen zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Häufigkeit und im Schweregrad der Diarrhoe [1672].
11.4.1.5 Octreotid-LAR
Eine Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe mit Octreotid-LAR soll nicht erfolgen.
Zum präventiven Einsatz des langwirksamen Octreotids (Octreotid-LAR) bei Patient*innen mit zu erwartender Radiotherapie-induzierter Diarrhoe wurden zwei Studien gefunden und ausgewertet, die insgesamt 340 Patient*innen mit gynäkologischen Tumoren und Karzinomen des Rektums einschließen [1559][1673]. Patient*innen der Studie von Zachariah et al. 2010 erhielten eine Radiochemotherapie, Patient*innen der Studie von Martenson et al. 2008 erhielten teilweise nur Radio- oder Radiochemotherapie. Bezüglich des primären Studienendpunktes, der Inzidenz der Diarrhoe Grad 3 und 4 hatte die Interventionsgruppe gegenüber der Placebogruppe keinen signifikanten Vorteil (OR: 0,86; 95 % KI: 0,52 - 1,42).
11.4.1.6 Probiotika
Die Einnahme von Probiotika in Form von Lactobacillus acidophilus oder Bifidobakterium bifidum zur Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe sollte erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1594] [1674] [1675] [1676] [1677] [1678] [1679] [1680]
Änderungshinweis
Aufgrund der uneinheitlichen Datenlage kann weder eine Empfehlung für noch gegen die Einnahme von Probiotika zur Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe erfolgen.Als eine relevante Ursache der radiogen-induzierten Enteritis wird eine Veränderung der Darmflora diskutiert, unter anderem mit einer Reduktion von Lactobacillus spp. und Bifidobakterium spp [1681]. Aus diesem Grund wurden zahlreiche, randomisierte, placebokontrollierte und vielfach doppelblinde klinische Studien mit der oralen Gabe von Probiotika [1678][1679] oder mit einer die Darmflora anregenden Nahrungsergänzung [1682][1683] durchgeführt. Problematisch an den Studien sind die unterschiedlichen Tumorerkrankungen mit variablen Therapiekonzepten, die große Variation der probiotischen Therapien und die verschiedenen, zur Bewertung des Endpunktes verwendeten Evaluations- und Fragebögen. Aufgrund der großen Anzahl der Studien und der teilweise erheblichen Studiengröße (Delia P et al. 2007 [1674] mit bis zu 490 Patient*innen) sollte trotz der Inhomogenität eine Therapie mit den beiden häufigsten eingesetzten Präparaten (Lactobacillus acidophilus; Bifidobakterium bifidum) empfohlen werden. In den klinischen Studien führten die Therapien zu einer signifikant geringeren Stuhlfrequenz und zu einer besseren Lebensqualität der Patient*innen in den Verumarmen. In einigen der Studien gab es auch einen signifikant geringeren oder späteren Einsatz von Antidiarrhoika wie Loperamid [1594][1684][1674]. Zum Einsatz einer spezifischen, die Darmflora unterstützenden Ernährung ist aufgrund der geringen Studiengrößen (30 bzw. 38 Patient*innen) keine Empfehlung möglich [1682][1683].
Bei Patient*innen mit entsprechendem Risikoprofil, insbesondere bei starker Immunsuppression, ist die Gabe von Probiotika aufgrund eines möglicherweise erhöhten Risikos einer Sepsis kritisch zu indizieren. Allerdings beruhen diese Aussagen lediglich auf Blutkulturen aus Einzelfallberichten, ohne Hinweise auf Therapie-assoziierte Todesfälle [453]. In keiner bislang publizierten Studie kam es unter der Therapie mit Lactobacillus acidophilus und/oder Bifidobakterium bifidum zu schwerwiegenden Nebenwirkungen.
11.4.1.7 Psyllium (Flohsamenschalen)
Aufgrund mangelnder Evidenz ist eine Empfehlung für oder gegen die Einnahme von Psyllium (Flohsamenschalen) zur Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe nicht möglich.
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1685]
Psyllium (Flohsamenschalen) wird als pflanzliches Quellmittel zur Regulation der Darmtätigkeit bei Obstipation oder Diarrhoe eingesetzt. Zur Prävention der Radiotherapie-induzierten Diarrhoe mit Psyllium bei Patient*innen mit gynäkologischen Tumoren und Karzinomen der Prostata wurde eine Studie gefunden und ausgewertet [1685]. Die Studie schließt insgesamt 60 Patient*innen ein und wurde aufgrund mangelhafter Studiendurchführung (keine Verblindung, Verwendung einer nicht-validierten Skala, mangelhafte Darstellung der Intervention) mit dem Evidenzniveau 2 bewertet. Die Inzidenz der Diarrhoe aller Schweregrade ist bei Patient*innen der Interventionsgruppe signifikant niedriger als bei Patient*innen der Kontrollgruppe (OR: 0,30; 95 % KI: 0,09 - 1,00). Aufgrund starker methodischer Mängel, die zu Zweifeln an der Validität der Ergebnisse geführt haben, ist keine Empfehlung möglich.
11.4.1.8 Glukokortikoide
Aufgrund mangelnder Evidenz ist eine Empfehlung für oder gegen die Gabe von Triamcinolon i.m. zur Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe nicht möglich.
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1686]
Es existiert eine kleine (n = 28), nicht-randomisierte, nicht placebokontollierte und nicht verblindete prospektive Untersuchung in der eine Beckenbestrahlung vs. Beckenbestrahlung plus Triamcinolon getestet wurde. Im Triamcinolonarm traten signifikant weniger akute gastrointestinale Symptome auf. Aufgrund starker methodischer Mängel, die zu Zweifeln an der Validität der Ergebnisse geführt haben, ist keine Empfehlung möglich.
11.4.1.9 Smektit
Eine Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe mit Smektit soll nicht erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1687]
Evidenztabellen (1)
Hombrink 2000Zum Einsatz von Smektit zur Prävention der Radiotherapie induzierten Diarrhoe bei Patient*innen mit Bestrahlung des Abdomen- und Beckenbereiches wurde eine randomisierte Studie gefunden und ausgewertet, die insgesamt 176 Patient*innen einschließt [1687]. Die Verabreichung von Smektit konnte das Auftreten der Diarrhoe in der Interventionsgruppe nicht signifikant verringern (OR: 1,03; 95 % KI: 0,56 - 1,88).
11.4.1.10 Sucralfat
Eine Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe mit Sucralfat soll nicht erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1567] [1570] [1572] [1571] [1568] [1688] [1561]
Evidenztabellen (1)
Martenson 2000In zwei randomisierten Studien der Arbeitsgruppe von Henriksson et al. an 50 Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren und 70 Patienten mit Prostata- oder Harnblasenkarzinomen führte der orale Einsatz von Sucralfat zu einer signifikant besseren Verträglichkeit der Strahlentherapie, mit einer nahezu Halbierung der Durchfallrate, einem reduzierten Bedarf an Loperamid und einer geringeren Inzidenz von Übelkeit, Erbrechen und Gewichtsverlust [1567] [1570][1572][1571]. Im Gegensatz dazu konnte eine große australische Studie [1568] an 338 Patienten keinen Nutzen für den oralen Einsatz von Sucralfat belegen: die Häufigkeit der Stuhlentleerungen war in beiden Armen identisch. Diese negativen Ergebnisse werden von zwei weiteren randomisierten Studien zum Einsatz von oralem Sucralfate an 123 [1561] bzw. 51 Patient*innen [1688] bestätigt. Die Studie von Martenson fand keinen Einfluss des Sucralfat auf die Diarrhoe, jedoch eine signifikante Zunahme anderer gastrointestinaler Beschwerden. In der Arbeitsgruppe von Hovdenak zeigte sich eine signifikante Steigerung der Durchfallrate durch den Einsatz von Sucralfat.
11.4.1.11 Intensive Ernährungsberatung und Ballaststoffreiche Diät
Zur Prophylaxe einer Radiotherapie-induzierten Diarrhoe sollte eine Ernährungsberatung und -betreuung erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1689] [1690]
Evidenztabellen (1)
White_2020Zur Prophylaxe einer Radiotherapie-induzierten Diarrhoe sollte eine ballaststoffreiche Diät empfohlen werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1689] [1690]
Evidenztabellen (1)
White_2020Es existiert eine große (n = 166), randomisierte, 3-armige prospektive klinische Studie zum Einsatz von ballaststoffarmer versus regulärer versus ballaststoffreicher Ernährung unter pelviner Strahlentherapie [1689]. Der verwendete spezifische Fragebogen zur Enteritis zeigte die geringsten Veränderungen im Stuhlverhalten und die beste Resorption von Eiweiß und Fetten im Arm mit der ballaststoffreichen Ernährung.
In einer aktuellen randomisierten Studie an 50 Patient*innen wurde der Effekt einer intensivierten Ernährungsberatung und –betreuung geprüft, die zu einer geringeren Entwicklung an Symptomen einer radiogenen Enteritis führte [1690].
11.4.2 Akute Enteropathie/ Enteritis - Therapie der Radiotherapie induzierten Diarrhoe
11.4.2.1 Loperamid
Loperamid ist ein lokal im Darm wirksames Opioid, welches zur Verlangsamung der Darmperistaltik und zu verminderter Sekretion beiträgt. Zur Therapie der Radiotherapie-induzierten Diarrhoe mit Loperamid wurde eine randomisierte Cross-over-Studie gefunden und ausgewertet, die insgesamt 18 Patient*innen mit Karzinomen des Urogenitalsystems einschließt [1691]. Die Patient*innen erhielten während des Bestrahlungszeitraums zunächst für 14 Tage 2 x täglich 3 mg Loperamid und anschließend, nach einer 14-tägigen Wash-out Phase, ein Placebo nach demselben Schema. Als Endpunkt wurde die mittlere Stuhlfrequenz im Zeitraum von drei Tagen erfasst. Aufgrund der sehr geringen Patient*innenzahl und dem Design wurde die Studie mit dem Evidenzniveau 3 bewertet. Die mittlere Stuhlfrequenz innerhalb von drei Tagen war zum Zeitraum der Loperamid-Gabe signifikant geringer als zum Zeitpunkt der Gabe des Placebos (5 Tage [1 - 10 Tage] vs. 7 Tage [2 - 14] OR: -2,25; 95 % KI: -4,26 - 0,24). Loperamid ist als Standardtherapie jeglicher Tumortherapie-induzierten Diarrhoe etabliert, eine nachteilige Wirkung in der Strahlentherapie ist nicht bekannt.
Anmerkung: In der Drug Safety Mail 2016 - 19 der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft vom 8.6.2016 wird vor schwerwiegenden kardialen Ereignissen/ Herzrhythmusstörungen bei Einnahme von Loperamid in höheren Dosierungen als empfohlen, gewarnt z. B. im Zusammenhang mit Fehlgebrauch oder Missbrauch. Dabei trat die Mehrzahl der berichteten kardialen Ereignisse bei Personen auf, die bewusst hohe Dosen von Loperamid eingenommen haben, entweder gegen Entzugssymptome eines Opioidmissbrauchs oder um ein Euphoriegefühl zu induzieren. Bei anderweitig nicht erklärbaren kardialen Ereignissen wie QT-Verlängerung, Torsades de Pointes, anderen ventrikulären Arrhythmien, Synkopen oder Herzstillstand sollte die Einnahme von Loperamid als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden [1692].
11.4.2.2 Tinctura opii
Bei Therapieversagen von Loperamid sollte eine Therapie mit Tinctura opii erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
Tinctura opii wird eingesetzt als Alternative zu Loperamid. Tinctura opii ist ein auf 1 % Morphin eingestellter alkoholischer Extrakt aus Rohopium und enthält neben Morphin weitere Alkaloide. Initial werden 2 - 3 x täglich 5 - 10 Tropfen appliziert. Eine Dosiserhöhung bis zur gewünschten Wirkung auf maximal 6 x tgl. 20 Tropfen ist möglich. Die Wirkung am Rezeptor ist ähnlich, aber nicht ganz identisch. Ein Wechsel von Loperamid zu Tinctura opii ist ein etabliertes Konzept. Bei welcher Dosis gewechselt werden sollte, ist jedoch unklar, und eigene Studien hierzu wurden nicht gefunden. Es gilt jedoch als sichere und sinnvolle second-line Therapie.
11.4.2.3 Octreotid
Bei fehlendem Ansprechen auf Loperamid oder Tinctura opii kann eine Therapie mit Octreotid erfolgen. (OFF-LABEL)
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1693]
Evidenztabellen (1)
Yavuz 2002Das Somatostatin-Analogon Octreotid wird unter anderem zur Behandlung der Chemotherapie-induzierten Diarrhoe eingesetzt. Es wird subkutan verabreicht und wirkt über eine Verringerung der intestinalen Motilität sowie des Wasser- und Elektrolyttransportes [460]. Zur Therapie der Radiotherapie-induzierten Diarrhoe mit Octreotid versus Diphenoxylate und Atropin wurde eine Studie gefunden und ausgewertet, die insgesamt 61 Patient*innen einschließt [1693]. Die Studie wurde aufgrund fehlender Verblindung mit dem Evidenzniveau 2 bewertet. Patient*innen der Interventionsgruppe sprachen signifikant häufiger auf die Therapie mit Octreotid an (OR: 9,23; 95 % KI: 2,60 - 32,81) und hatten signifikant weniger häufig eine Therapieunterbrechung aufgrund einer Diarrhoe (OR: 0,19; 95 % KI: 0,06 - 0,61) als Patient*innen der Kontrollgruppe, denen Diphenoxylat und Atropin verabreicht wurde.
11.4.2.4 Glutamin
Die Behandlung der akuten wie chronischen Enteritis mit Glutamin wurde in insgesamt 13 randomisierten, placebokontrollierten Studien geprüft. Es gab weder für den Schweregrad der Symptome noch die Häufigkeit der einzelnen Symptome der Enteritis (Diarrhoe, Stuhldrang, Darmkrämpfe) einen signifikanten Nutzen der Substanz.
11.5 Chronische Enteropathie/ Enteritis - Therapie der chronischen Diarrhoe
Daten zu medikamentösen Therapien beschränken sich auf kleine Serien und erlauben keine Empfehlung für oder gegen eine Therapie.
11.5.1 Interdisziplinäre Zusammenarbeit, Einbindung der Gastroenterologie
Nach Meinung der beteiligten Fachexpert*innen hat sich gezeigt, dass die frühzeitige Einbindung der Gastroenterologie in die Betreuung der Patient*innen insgesamt den Verlauf und die Lebensqualität positiv beeinflusst.
11.5.2 Chirurgische Verfahren
11.5.2.1 Indikationen zum operativen Eingriff
Ein operativer Eingriff bei höhergradiger chronischer radiogener Enteritis ist mit einer beträchtlichen Morbidität und einer erhöhten Mortalität verbunden, weshalb die Indikation zurückhaltend gestellt werden sollte.
Ein chirugischer Eingriff sollte nur in folgenden Notfallsituationen erfolgen:
- höhergradige Darmstrikturen bis hin zum komplettem mechanischen Darmverschluss
- Darmperforation mit begleitender Peritonitis
- unkontrollierbare Blutungen
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1696] [1697] [1698]
Änderungshinweis
Ein operativer Eingriff bei höhergradiger chronischer radiogener Enteritis ist mit einer beträchtlichen Morbidität und einer erhöhten Mortalität verbunden, weshalb die Indikation zurückhaltend gestellt werden sollte. Ein chirugischer Eingriff sollte in folgenden Notfallsituationen erfolgen: höhergradige Darmstrikturen bis hin zum komplettem mechanischen Darmverschluss Darmperforation mit begleitender Peritonitis unkontrollierbare BlutungenEvidenztabellen (1)
Lefevre_2011Das Vorliegen einer höhergradigen chronischen radiogen bedingten Enteritis (im Dünn- wie im Dickdarm) mit höhergradigen Darmstrikturen bis hin zum kompletten mechanischen Darmverschluss bzw. Darmperforation mit begleitender Peritonitis bzw. unkontrollierbaren Blutungen erfordert ein chirurgisches Vorgehen.
Es muss beachtet werden, dass bei der chirurgischen Versorgung dieser Krankheitsbilder eine relevante Morbidität sowie Mortalität zu verzeichnen ist [1697][1696]. Bei Darmstrikturen bzw. einem mechanischen Darmverschluss stehen unterschiedliche chirurgische Verfahren zur Verfügung, die abhängig vom vorliegenden Befund eingesetzt werden. In Notfallsituationen bzw. nach erst kürzlich erfolgter Bestrahlung ist ein umschriebenes chirurgisches Vorgehen im Sinne einer Ausschaltung des betroffenen Darmabschnitts mittels Anlage eines Enterostomas zu bevorzugen. Erst nach Rekompensation der Patientin/ des Patienten ist eine definitive chirurgische Versorgung mittels Resektion des betroffenen Darmabschnitts und evtl. Anastomosen-Anlage zu erwägen, wobei dies sehr zurückhaltend zu betrachten ist. Bei kompensierten Patient*innen bzw. länger zurückliegender Bestrahlung stehen folgende chirurgische Techniken zur Verfügung: Resektion des betroffenen Darmabschnitts und Anlage eine endständigen Enterostomas bzw. einer Anastomose oder Ausschaltung des betroffenen Darmabschnitts mittels Bypass bzw. Enterostoma. Bei Darmverschluss ohne sinnvolle Möglichkeit einer Resektion oder einer Bypass-Anlage (zum Beispiel bei ausgeprägter Peritonealkarzinose) kann eine perkutan angelegte Ablauf-Magen- bzw. Dünndarmsonde eine Alternative darstellen.
Bei Darmperforationen oder nicht konservativ kontrollierbaren Darmblutungen sollte immer die Resektion des perforierten bzw. blutenden Darmabschnitts erfolgen und in der Regel die Anlage eines Enterostomas gegenüber einer Anastomosierung bevorzugt werden. Ob im Verlauf eine definitive chirurgische Versorgung mit Wiederherstellung der Darmkontinuität anzustreben ist, kann nur individuell bzw. mit Zurückhaltung beurteilt werden. Eine Wiederherstellung der Darmkontinuität ist generell erst nach Abschluss der Strahlentherapie und bestmöglicher Rekonvaleszenz möglich. Ausnahmen können konservativ nicht beherrschbare Stomaverlustsyndrome mit Nierenversagen und Elektrolytentgleisungen darstellen.
11.6 Zusammenenfassung
Tabelle 81: Zusammenfassung der Empfehlungen und Statements - Akute und chronische Enteropathie/ Enteritis
|
Akute Enteropathie/ Enteritis |
|
|
Prophylaxe |
|
|
Amifostin (vor jeder Fraktion mit mindestens 340 mg/m2 intravenös oder mit mindestens 500 mg absolut subkutan) (OFF-LABEL). Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist. |
kann |
|
Probiotika in Form von Lactobacillus acidophilus oder Bifidobakterium bifidum |
sollte |
|
Ernährungsberatung und -betreuung |
sollte |
|
ballaststoffreiche Diät |
sollte |
|
Cholestyramin |
sollte nicht |
|
Glutamin |
soll nicht |
|
Octreotid-LAR |
soll nicht |
|
Smektit |
soll nicht |
|
Sucralfat |
soll nicht |
|
Orale Aminosalicylate bei pelviner Strahlentherapie |
sollen nicht |
|
Psyllium (Flohsamenschalen) |
Aufgrund mangelnder Evidenz ist eine Empfehlung für oder gegen die Einnahme nicht möglich. |
|
Triamcinolon i.m. |
Aufgrund mangelnder Evidenz ist eine Empfehlung für oder gegen die Gabe nicht möglich. |
|
Therapie |
|
|
Octreotid (OFF-LABEL) (bei fehlendem Ansprechen auf Loperamid oder Tinctura opii) |
kann |
|
Loperamid |
sollte |
|
Tinctura opii (bei Therapieversagen von Loperamid) |
sollte |
|
Glutamin |
sollte nicht |
|
Chronische Enteropathie/ Enteritis |
|
|
Therapie |
|
|
Ein operativer Eingriff bei höhergradiger chronischer radiogener Enteritis ist mit einer beträchtlichen Morbidität und einer erhöhten Mortalität verbunden |
sollte zurückhaltend gestellt werden |
|
chirugischer Eingriff nur in folgenden Notfallsituationen:
|
sollte |
11.7 Radiodermatitis
Die akute Radiodermatitis (RD) ist eine meist gering ausgeprägte unerwünschte Wirkung der Strahlentherapie, die den ganzen Körper einschließlich Kopfhaut betreffen kann. Sie kann bei Radiatio (RT) der Mamma, von Kopf-Hals-Tumoren, bei Bolus-Techniken und ungünstigen anatomischen Verhältnissen wie Hautfalten und hohem Körpergewicht bei Beckenbestrahlung verstärkt sein. Das klinische Bild besteht aus Erythem mit Überwärmung, Juckreiz, Brennen und Schmerz. Im weiteren Verlauf kann eine trockene Schuppung auftreten, oder es kann, insbesondere in den Hautfalten (Intertrigines), zu einer Blasenbildung und Erosion bis hin zur Ulzeration kommen. Hautpflege und spezifische Therapie verbessern das Wohlbefinden der Patienti*nnen unter Strahlentherapie, verhindern das Auftreten einer Strahlenreaktion an der Haut bzw. vermindern Stärke und Ausprägung der Radiodermatitis, sowie mildern die Symptome und Folgen bei Eintreten einer Radiodermatitis und bringen diese zur Abheilung. Es gibt eine Vielzahl von Pflegehinweisen zur Prophylaxe, sowie eine große Zahl von Behandlungsmöglichkeiten bei Eintreten einer Radiodermatitis. Entscheidend ist, dass die Patientin/ der Patient eindeutige und von Seiten der verschiedenen Fachdisziplinen innerhalb der behandelnden Institution gleichlautende Empfehlungen bekommt.
Methodische Aspekte
Zahlreiche Phase-II- und einige Phase-III-Studien wurden zur Prophylaxe und in geringerer Zahl zur Therapie der akuten Radiodermatitis durchgeführt. Dennoch kann aus methodischen Gründen nur über wenige Substanzen eine Aussage getroffen werden. Häufig wurde eine Substanz X im Vergleich zu einer Substanz Y, die als unwirksam oder als Standardtherapie eingestuft wurde, untersucht, anstatt gegen ein Placebo, das die Trägersubstanz enthält und identisch aussieht. Selten wurden alle folgenden Forderungen erfüllt: Prädefinition der Endpunkte in Bezug auf Zeitpunkt der Evaluation und auf untersuchten Schweregrad, Berücksichtigung der Interrater-Validität des klinischen Endpunktes Erythem/Radiodermatitis sowie die Anwendung objektiver Messverfahren, einfache oder doppelte Verblindung, Prüfung der Compliance und Kontrolle der Ko-Medikation sowie Berücksichtigung der Risikofaktoren wie Chemotherapie und Rauchen [1699]. Darüber hinaus bestehen oftmals Diskrepanzen zwischen ärztlichen Erhebungen und Einschätzungen der Patient*innen (z.B. hinsichtlich der Auswirkungen auf die Lebensqualität), die in Studien zudem nicht regelhaft erhoben oder berücksichtigt werden [1700]. Wenige Studien erfüllten die Kriterien einer Level of evidence (LoE) 1-Studie, d.h. Intent-to-treat-Analyse, ausreichende Gruppengröße, Berücksichtigung der Ko-Faktoren, homogene Patient*innen- und Therapiecharakteristika bzw. Adjustierung für Imbalancen. Eine besondere Herausforderung ist die Unterscheidung von Prophylaxe und Therapie, wenn die untersuchte Substanz auch zur Therapie eingesetzt werden kann. Dies erfordert eine klare Definition des Endpunktes und der Maßnahmen beim Erreichen des Endpunktes.
11.7.1 Prophylaxe der Radiodermatitis (RD)
Basismaßnahmen
11.7.1.1 Waschen, Deodorantgebrauch und Creme/ Lotion
Zur Prophylaxe der Radiodermatitis sollen Haut und Haare gewaschen werden (mit oder ohne Seifen mit einem leicht sauren, der Haut angepassten pH, sogenannte pH-neutrale Seife, Syndet).
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1701] [1702]
Änderungshinweis
nur redaktionell: Zur Prophylaxe der Radiodermatitis sollen Haut und Haare gewaschen werden (mit oder ohne Seife).Die Haut soll mit pflegenden, z.B. harnstoffhaltigen Cremes ohne allergisierende Substanzen (z.B. Duftstoffe) gepflegt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Deodorantgebrauch in der bestrahlten Region direkt vor Bestrahlung sollte erlaubt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1703] [1704] [1705]
Änderungshinweis
nur redaktionell: Deodorantgebrauch direkt vor Bestrahlung sollte erlaubt werden.Evidenztabellen (1)
Theberge 2009Das Auftragen einer Creme oder Lotion in der bestrahlten Region direkt vor Bestrahlung sollte erlaubt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1703]
Änderungshinweis
nur redaktionell: Das Auftragen einer Creme oder Lotion direkt vor Bestrahlung sollte erlaubt werden.Evidenztabellen (1)
Burch 1997Pflege mit Basiscreme oder Lipolotion unter Zusatz von Harnstoff (2 - 5 %) ohne allergisierende Substanzen (Duftstoffe, pflanzliche Inhaltsstoffe) wird entsprechend allgemeingültiger dermatologischer Empfehlungen angeraten (good clinical practice).
Waschen, Deodorant, Hautpflege
Das früher häufig verhängte Waschverbot schränkt das Wohlbefinden der Patient*innen ein und verunsichert im sozialen Kontakt. In einer randomisierten Studie führte das Waschen der Haut mit oder ohne Seife nicht zu vermehrtem Erythem und reduzierte die feuchte Desquamation in Hautfalten [1701]. Ebenso führte Haare waschen nicht zu verstärktem Erythem [1702], Anwendung finden Seifen mit einem leicht sauren, der Haut angepassten pH (sogenannte pH-neutrale Seife, Syndet).
Für die häufige Empfehlung, vor der Bestrahlung keine Cremes, Puder oder Lotionen auf die zu bestrahlende Haut aufzutragen, gibt es wenig Evidenz. Burch et al. [1703] untersuchten die Dosiserhöhung in der Haut nach Auftragen von (zum Teil metallhaltigen) Deodorants, Puder und Lotionen. Die absolute Dosiserhöhung im Hautniveau betrug für Deodorant durchschnittlich 1,7 % (5 x 5 cm-Feld) bzw. 0,9 % (25 x 25 cm-Feld) (maximal 2,4 % bzw. 0,9 %), für Lotionen durchschnittlich 2,4 % bzw. 0,5 % (maximal 5,4 % bzw. 1 %) und Puder maximal 0,3 % bzw. 0,2 %. In einer großen Phase-II-Studie sowie einer kleineren Nicht-Unterlegenheitsstudie bei Brustkrebspatientinnen konnte kein nachteiliger Effekt von aluminiumhaltigem Deodorantgebrauch nachgewiesen werden [1704][1706]. Die Patient*innen können ihre gewohnte Hautpflege fortführen, ohne eine verstärkte Hautreaktion befürchten zu müssen.
Topische Maßnahmen
11.7.1.2 Silbersulfadiazin-Creme
Silbersulfadiazin-Creme 1 % sollte nicht zur Prophylaxe der Radiodermatitis angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1707]
Änderungshinweis
Silbersulfadiazin-Creme 1 % kann zur Prophylaxe der Radiodermatitis eingesetzt werdenEvidenztabellen (1)
Hemati 2012Silbersulfadiazin-Creme 1 % (SSD) konnte in einer randomisiert kontrollierten Studie mit 102 Patientinnen mit Radiatio bei Mammakarzinom die RD reduzieren. Der Total Score der Hautverletzung der Interventionsgruppe war signifikant niedriger im Vergleich zur Kontrolle (5,49 ± 1,02 versus 7,21 ± 1,76; p < 0,001) [1707]. Zu berücksichtigen sind die Nebenwirkungen und Einschränkungen bei der Anwendung. Insbesondere kann es, da es sich um ein Sulfonamidpräparat handelt, zu schweren Hautreaktionen vom Typ des Stevens-Johnson-Syndroms und der toxisch epidermalen Nekrolyse kommen [1708].
11.7.1.3 Calendula-Creme
Calendula-Creme kann zur Prophylaxe der Radiodermatitis eingesetzt werden. Die mögliche Auslösung einer Kontaktallergie ist zu berücksichtigen.
Es liegen Ergebnisse von drei Studien vor. Sie untersuchten handelsübliche Cremes mit Calendula-Zusatz im Vergleich zu handelsüblichen anderen Pflegecremes [1709][1699][1710] Erstere Studie (n = 254) zeigte eine signifikante Reduktion des Grad 2-3 Erythems und des Schmerzes. In zwei weiteren Studien [1699][1710] zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen. Dies kann zum einen bedingt sein durch die große zeitliche Varianz des Messpunktes für die Radiodermatitis (5 - 17 Tage nach Radiatio) [1699] oder aufgrund eingeschränkter Aussagekraft wegen nicht erreichter Patientinnenzahl. [1710] Ein integrativer Review zur Themenstellung kommt daher zu einer vorsichtigen Empfehlung für die Anwendung von Calendula zum Hautschutz [1711]. Bei topischer Anwendung von Calendula officinalis L. (Garten-Ringelblume) muss das Potential dieser Substanz zur Auslösung einer Kontaktallergie berücksichtigt werden [1712].
11.7.1.4 Topische Glukokortikoide
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1713] [1712] [1714] [1715] [1716] [1717] [1718] [1719] [1720] [1721] [1722] [1723] [1724] [1725]
Änderungshinweis
Mometasonfuroat 0,1 % Creme reduziert die Symptomatik (Brennen und Juckreiz), möglicherweise auch den Schweregrad des Erythems einer Radiodermatitis (widersprüchliche Daten). Sie kann eingesetzt werden, bei länger dauernder Anwendung ist das Risiko einer Hautatrophie zu bedenken. Das topische Kortikosteroid Methylprednisolon 0,1 % Creme zeigte keinen Effekt auf die Radiodermatitis und sollte nicht angewendet werden. Das topische Kortikosteroid Betamethason 0,1 % Creme zeigte keinen Effekt auf die Radiodermatitis und sollte nicht angewendet werden.Evidenztabellen (11)
Shukla 2006; Schmuth 2002; Omidvari 2007; Bostrom 2001; Miller 2011; Liao 2019; Ho 2018; Menon 2021; Ulff 2017; Yokota 2021; Meghrajani 2016Das potente Glukokortikoid Mometasonfuroat als Creme-Formulierung reduziert Brennen und Juckreiz nach Angaben der Patient*innen (validierte Fragebögen) [1715]. In einer kleineren Studie mit objektiver Messung des Erythems war der Schweregrad des Erythems reduziert [1713]. Dies konnte in einer placebokontrollierten großen Phase-III-Studie (n = 176) nicht bestätigt werden, möglicherweise aus methodischen Gründen (nicht-standardisierte Beurteilung der Radiodermatitis, niedrige Zahl an G 2 oder 3 Radiodermatitis, Gruppenimbalancen durch unterschiedliche Fraktionierung nicht ausgeschlossen) [1714]. Die von Patient*innen angegebene Symptomatik Juckreiz, Brennen, Schmerz war signifikant geringer, wie in der Folgenanalyse dieser Studie mit Berücksichtigung des zeitlichen Verlaufs gezeigt [1719]. In zwei Folgestudien bei Mammakarzinompatientinnen mit moderater Dosis und Kopf-Hals-Tumorpatient*innen mit hoher Dosis, reduzierte Mometasonfuroat die Rate an G 2 und G 3 RD [1720][1721] und die Symptomatik [1720].
Glukokortikoide von niedriger Potenz
In drei kleinen, randomisierten (mit einer Ausnahme: [1718]) verblindeten Studien wurden topische Glukokortikoide unterschiedlicher Potenz (Beclometason-Spray, Betamethason 0,1 % Creme und Methylprednisolon 0,1 % Creme) untersucht im Vergleich zu als unwirksam postulierten Substanzen, d.h. Dexpanthenol, Petrolatum, oder keine Behandlung [1717] [1718][1716]. Beclometason ergab widersprüchliche Ergebnisse: Beclometason-Spray konnte die feuchte Desquamation in der Hochrisikoregion Axilla reduzieren [1718]. Die Aussagekraft der Studie wird jedoch durch die kleine Patientinnenzahl und das Fehlen einer Placebokontrolle eingeschränkt. Die Studie von Omidvari zu Betamethason ist wegen der heterogenen RT-Technik und RT-Dosis nicht aussagekräftig [1716]. Eine randomisierte, offenkontrollierte Studie mit 150 Kopf-Hals-Tumor-Patient*innen zeigte eine signifikante Reduktion der RD ≥ G 2, aber nicht G 3 [1723]. Dagegen zeigte eine ähnliche Studie mit 203 Kopf-Hals-Tumorpatient*innen die Reduktion der G 3, nicht aber der RD ≥ G 2 (primärer Endpunkt) [1725]. Die doppelblind kontrollierte Studie an 202 Mammakarzinompatientinnen mit geringer RT-Dosis ergaben eine Reduktion aller Schweregrade der RD [1722].
Zusammenfassend reduzieren und verzögern topische Glukokortikoide, die Radiodermatitis und in wechselndem Ausmaß auch die Symptomatik wie Juckreiz und Brennen. Der Effekt ist bei mittel-hoch potenten Glukokortikoiden möglicherweise ausgeprägter, aber nicht gegeneinander untersucht. Die Substanzen Prednicarbat (Gesicht) und Mometasonfuroat (übriges Integument) besitzen ein günstiges Risikoprofil.
Während der Beobachtungsphase wurden in keiner der Studien die befürchteten unerwünschten Wirkungen einer länger andauernden Glukokortikoidtherapie beobachtet, jedoch sind die Nachbeobachtungszeiten für eine Beurteilung dieser Nebenwirkungen als zu kurz anzusehen.
11.7.1.5 Photobiomodulationstherapie (PBMT)
Die Photobiomodulationstherapie (Low-Level-Laser-Therapie) kann zur Prophylaxe der Radiodermatitis angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1726] [1727] [1728] [1729]
Evidenztabellen (1)
Robjins_2021Die Photobiomodulationstherapie (PBMT) oder Low-Level-Lasertherapie (LLLT) bedient sich der topischen Applikation von Licht aus dem roten oder Infrarot-nahen Spektrenbereich. Der Effekt der PBMT zur Vorbeugung der RD wurde in mehreren Studien untersucht. Robijns et al. untersuchten zuerst die Anwendung bei konventionell fraktionierter Brustbestrahlung im Rahmen des TRANSDERMIS-Trials [1726][1727] ; in dieser doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie (n = 120) wurde der zusätzliche Effekt der PBMT (2 x pro Woche) additiv zur Standardtherapie mit einem hydroaktiven Kolloid-Gel untersucht. Es wurden signifikant weniger feuchte Desquamationen beobachtet (30 % versus 6,7 %, p = 0,004), auch waren die Lebensqualitätsendpunkte und objektive Messungen (Pigmentierung, Flüssigkeitsverlust) im Vergleich zur Kontrollbehandlung signifikant verbessert. Der LABRA-Trial untersuchte den Effekt der PBMT mit einer vergleichbaren Vorgehensweise wie im TRANSDERMIS-Trial auch bei der moderat hypofraktionierten Brustbestrahlung [1728]: am ehesten aufgrund der geringen Fallzahl (n = 71) konnte in der ärztlichen RD-Beurteilung jedoch kein signifikanter Unterschied der RD Schweregrade nachgewiesen werden (p = 0,053). Im DERMISHEAD-Trial derselben belgischen Forschungsgruppe wurde demgegenüber bei Radiotherapie im HNO-Bereich eine signifikante Reduktion der RD-Grade 2 - 3 beobachtet (p = 0,002), was sich jedoch nicht in den Lebensqualitätsendpunkten widerspiegelte [1729]. Aufgrund der suboptimalen Compliance und einer höheren Anzahl an Studienabbrüchen im Placebo-Arm war diese Studie allerdings zu klein (n = 28 im PMBT-Arm, n = 18 im Placebo-Arm).
11.7.1.6 Barriereschicht-bildende Film- und Folienverbände
11.7.1.6.1 Adjuvante Bestrahlung des Mammakarzinoms
Einige Barriereschicht-bildende Film- und Folienverbände können zur Prophylaxe der Radiodermatitis im Rahmen adjuvanter Brustbestrahlungen angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1730] [1731] [1732] [1733]
Evidenztabellen (1)
Moller_2018Die Anwendung von Barriereschicht-bildenden Film- und Folienverbänden zielt darauf ab, das bestrahlte Integument vor physikalischen (Friktion, Mazeration, UV-Strahlung) und chemischen (Säuren/Laugen) Reizen zu schützen, die physiologische Hydratation der Haut zu erhalten und bakterielle (Super-)Infektionen zu vermeiden. Es sind selbsthaftende Folienverbände auf Polyurethan- oder Silikonbasis von solchen Produkten zu unterscheiden, die nach der Applikation einen Film auf der Haut bilden.
In der konventionellen (n = 56) und moderat hypofraktionierten (n = 74), adjuvanten Ganzbrustbestrahlung konnte mittels Hydrofilm Polyurethanfolie in zwei intrapatientinnen-randomisierten Studien (mediale und laterale Brusthälften wurden ab Behandlungsbeginn entweder mit Hydrofilm oder Urea 5 % Lotion behandelt) eine signifikante Reduktion (p < 0,001) der Prävalenz und des RD Schweregrades beobachtet werden [1730][1733]. Auch die subjektive Beschwerdeintensität war in beiden Studien signifikant vermindert. Neben den von Ärzt*innen und Patientinnen beurteilten RD Schweregraden und Symptomen wurden außerdem objektive Messverfahren (Spektrophotometrie) zur Erfassung des Erythems und der Pigmentierung ergänzt, die eine signifikant reduzierte Erythem- und Pigmentierungsintensität auswiesen. Potenzielle Nebenwirkungen durch nicht spannungsfrei aufgebrachten Hydrofilm (Hautrötungen im Randbereich des Films in 10,8 - 19,1 % bis zu Spannungsblasen in 0 - 6,5 % der Patientinnen) und allergische Reaktionen auf Acrylatklebstoff (5,2 - 8,1 % der Patientinnen) sind zu berücksichtigen.
Studien mit Film auf Silikonbasis bestätigen die prophylaktische Wirkung bei der Ganzbrustbestrahlung. Eine neuseeländische Gruppe mit 78 Brustkrebspatientinnen zeigte in einer intrapatientinnen-randomisierten Studie mit Mepitel Film® versus aqueous cream bei konventioneller und hypofraktionierter Ganzbrust- sowie Postmastektomiebestrahlung signifikant reduzierte RD Schweregrade [1732]. Eine dänische, intrapatientinnen-randomisierte Studie [1731] reevaluierte mit Mepitel Film® in der adjuvanten Ganzbrust- (n = 63) und Postmastektomiebestrahlung (n = 16) gegenüber einer nicht-standardisierten Hautpflege analog der dänischen Leitlinien (hydratisierende Lotionen, tägliches Waschen und topische Glukokortikoide bei Juckreiz). Die verblindeten Beurteiler beobachteten signifikant verringerte RD Schweregrade nur bei den Patientinnen, die eine konventionelle Fraktionierung oder eine Postmastektomiebestrahlung erhalten hatten, nicht jedoch bei hypofraktioniert bestrahlten Patientinnen. Aufgrund der im Verhältnis geringen Rekrutierung von Patientinnen, die eine Brustwandbestrahlung erhielten, und ebenso aufgrund der nicht einheitlichen Kontrollhautpflege (insbesondere mit Glukokortikoiden) sind die Ergebnisse jedoch kritisch zu hinterfragen.
Für die Anwendung von sprühbarem Hautschutzfilm zur Prophylaxe der Radiodermatitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Evidenztabellen (1)
Graham 2004Langzeit-Hautschutz-Creme (3M Cavilon Durable Barrier Cream®) sollte nicht zur Prophylaxe der Radiodermatitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1735] [1734]
Evidenztabellen (1)
Graham 2004Neben selbsthaftenden Folienverbänden sind auch Daten zu Film-formenden Lösungen bzw. Cremes verfügbar. In einer offen kontrollierten Studie mit Seitenversuch wurde die Anwendung eines Sprühverbandes (No-Sting Film®) zur Prophylaxe der Radiodermatitis untersucht. Die Inzidenz und die Zeit bis zur Abheilung der feuchten Desquamation konnte reduziert werden [1734]. Aufgrund der kleinen Patientinnenzahl und der multiplen Kofaktoren ist die Wirksamkeit jedoch nicht sicher beurteilbar. Aufbauend auf dieser Studie wurde von derselben Arbeitsgruppe eine größer angelegte, doppelblind randomisierte Studie mit einer anderen Produktformulierung (3M Cavilon Durable Barrier Cream®) initiiert, zu der 318 Patientinnen Daten beitrugen [1735]. Es wurden im Vergleich mit Sorbolene® keine signifikanten Unterschiede der maximalen RD-Ausprägung beobachtet.
11.7.1.6.2 Definitive oder adjuvante Bestrahlung von Kopf-Hals-Tumoren
Bei Radio(chemo)therapien im Kopf-Hals-Bereich ist die Datenlage zu Folien- und Filmverbänden in der RD-Prophylaxe weniger umfangreich und konsistent. In einer kleinen, randomisierten Studie mit 39 auswertbaren Patient*innen [1738], die eine definitive Radiochemotherapie beim Nasopharynxkarzinom erhielten, wurde Mepitel Film® mit Trolamin-Creme zur RD-Prophylaxe verglichen. Es zeigte sich eine signifikante Reduktion der Schwere der RD um 30 % (p < 0.001), der Prävalenz von feuchter Desquamation (RTOG Grad 3) um 41 % (1 versus 3 Pat.). Zwar wurde der Mepitel Film® in dieser Studie von 80 % der Patient*innen gegenüber Trolamin präferiert, jedoch empfanden 41 % das Tragen des Filmverbandes als unangenehm und 31 % berichteten deutlichen Juckreiz. Die durch den Mepitel Film® verursachten Beschwerden wurden auch in der multizentrischen, deutschen RAREST-01-Studie berichtet und führten zum vorzeitigen Studienabbruch [1737]: 46 % der Patient*innen konnten den Filmverband nicht dauerhaft tolerieren. Nach einer Interimsanalyse bei 57 Patient*innen zeigte die Anwendung des Filmverbands keinen Vorteil gegenüber der Standardtherapie mit 2 - 5 % Urea und Mometasonfuorat Creme.
Eine einfach verblindete, randomisierte Studie mit 197 eingeschlossenen Patient*innen untersuchte ein Film-formendes Gel auf Silikonbasis, StrataXRT®, gegen Sorbolene® (10 % Glycerin) als Kontrolle [1736]. Es zeigte sich eine signifikant reduzierte Ausprägung der RD zugunsten des experimentellen Arms. Zudem konnte die Zeit bis zum Auftreten einer RD Grad 3 um eine Woche verlängert werden. Demgegenüber konnten die von den Patient*innen berichteten, subjektiven Beschwerden in keiner abgefragten Instanz signifikant reduziert werden. Methodisch sind die fehlende Berichterstattung hinsichtlich der verwendeten Chemotherapie und eine fehlende Balancierung der angewendeten Bestrahlungstechniken dieser Industrie-finanzierten, einfach verblindeten Studie, Faktoren, die eine Beurteilung der Wirksamkeit nicht ermöglichen.
11.7.1.7 Silberhaltige Nylonverbände
Prophylaktische silberhaltige Nylonverbände reduzieren im Vergleich zu einer Therapie mit Sulfadiazin-Creme den Schweregrad der Radiodermatitis am Perineum.
Ein prophylaktischer silberhaltiger Verband (silver nylon dressing) konnte in einer kleinen Studie (n = 42) mit Analkarzinom- und Rektumkarzinompatient*innen, die ein hohes Radiodermatitisrisiko in der Perinealregion haben, den Schweregrad der Radiodermatitis im Vergleich zu Sulfadiazin Creme reduzieren. Die Wirksamkeit wird von der richtigen Applikation auf die Haut (angepasste Unterwäsche) bestimmt. Das bestätigte die Ergebnisse von Voung et al., die bei 15 Patient*innen im Vergleich zur historischen Kontrolle einen Benefit durch silberhaltige Verbände zeigen konnten [1740].
11.7.1.8 Puder
Puder sollte wegen austrocknender und verklebender Eigenschaften nicht zur Prophylaxe der Radiodermatitis angewandt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
In einer sehr kleinen Studie (n = 12) wurde von Schreck et al. [1741] die Präferenz der Patient*innen von Creme- versus Puderpflege (rechte versus linke Halsseite) untersucht. Ein Unterschied wurde nicht gefunden. Eine Phase-III-Studie, die Aloe-Creme gegen Feuchtigkeitscreme und Puderpflege bei 248 Patientinnen mit Mammakarzinom prüfte, zeigte keinen Vorteil eines der drei Arme [1742].
11.7.1.9 Hyaluronsäure-Creme
Hyaluronsäure-Creme sollte nicht zur Prophylaxe der Radiodermatitis eingesetzt werden.
11.7.1.10 Weitere Substanzen
Die topische Anwendung von
- Trolamin (Biafine Emulsion®) oder
- Aloe vera oder
- Sucralfat
sowie die orale Gabe von
- Acetylsalicylsäure oder
- Sucralfat
sollen nicht zur Prophylaxe der Radiodermatitis erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1746] [1747] [1748] [1749] [1750] [1751] [1752] [1753] [1754] [1755] [1709] [1756] [1757] [1758] [1759] [1742] [1760] [1761]
Evidenztabellen (13)
Fisher 2000; Szumacher 2001; Pommier 2004; Olsen 2001; Williams 1996; Heggie 2002; Evensen 2001; Maiche 1994; Falkowski 2001; Wells 2004; Lievens 1998; Olivotto 1996; Tungkasamit 2022Trolamin
Trolamin (Biafine®) ist eine Öl-in-Wasser Emulsion. Sie enthält die Substanzen Paraffin, Stearinsäure, Monopalmistostearat von Ethylenglykol, Propylenglykol, Perhydrosqualen, Avocadoöl, Cetypalmitat, Trolamin- und Natriumalginat, Trolamin, Aromastoffe, Konservierungsmittel E217, E219, E202 und gereinigtes Wasser.
In einer offen kontrollierten Phase-III-Studie, die Trolamin (Biafine Emulsion®) mit der Standardtherapie des jeweiligen Prüfzentrums verglichen, wurden weder eine Reduktion des maximalen Schwergrades, noch der Zeit bis zum Auftreten, noch der Dauer der Radiodermatitis ≥ G 2 gefunden [1748]. In der Vergleichsgruppe erhielten 16 % keine Therapie, 31 % Aquaphor®, 34 % Aloe vera-Gel und 19 % der Patientinnen eine sonstige Therapie. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam eine große Phase-III-Studie mit 506 Kopf-Hals-Tumor-Patient*innen, die ebenfalls Trolamin mit der Standardtherapie des Zentrums verglich [1751]. Diese Ergebnisse einer mangelnden Effektivität des Präparates Trolamin werden durch eine große Phase-III-Studie gestützt, in der Trolamin-Therapiegruppe sogar häufiger und stärker ausgeprägte Radiodermatitiden auftraten als in der Calendula-Creme-Gruppe [1709]. Auch eine Metaaanalyse von sieben randomisierten Studien konnte keinen Nutzen von Trolamin zeigen [1759].
Aloe vera
Aloe vera-Gel (Fruit of the Earth™) besteht aus Aloe vera-Extrakt, Triethonalamin, (Triolamin) d-alpha Tocopherol (Vitamin E), Carbomer, EDTA, Methylparaben und Imdazolidinyl-Urea [1755].
Aloe vera-Gel (Fruit of the Earth™) wurde in drei kontrollierten Studien untersucht, versus Placebo oder keine Behandlung (194 Patientinnen, doppel- bzw. einfach-verblindet) [1758], versus keine Behandlung (70 Patient*innen, einfach verblindet) [1755] oder versus Basiscreme (aqeous cream) (208 Patientinnen, offen kontrolliert) [1750]. Für keinen der verschiedenen Endpunkte (Schweregrad, Zeit bis zum Auftreten der Radiodermatitis, Dauer der Radiodermatitis, Juckreiz, Schmerz, trockene Schuppung) konnte ein protektiver Effekt von Aloe vera Gel nachgewiesen werden. Trockene Schuppung und Schmerz traten sogar signifikant häufiger unter Aloe vera Gel auf als in der Kontrollgruppe [1750]. Eine weitere Studie einer anderen kommerziell erhältlichen Aloe vera-Lotion ist aus methodischen Gründen nicht aussagekräftig [1749]. Eine Phase-III-Studie, die Aloe-Creme gegen Feuchtigkeitscreme und Puderpflege bei 248 Patientinnen mit Mammmakarzinom prüfte, zeigte keinen Vorteil eines der drei Arme [1742]. Auch eine Studie an 120 Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren konnte kein sicherer Vorteil von Aloe vera-Gel versus Placebo gezeigt werden [1760].
Sucralfat
Sucralfat ist ein Aluminiumsalz von Saccharosesulfat, das im Experiment regenerative Prozesse der Haut und die Wundheilung unterstützt, u.a. durch Erhöhung des Prostaglandins und des EGF (epidermal growth factors), sowie der Hemmung von γ-Interferon und Interleukin-2 [1753][1761].
Drei kleine, prospektive Studien, in denen die Patient*innen einen Seitenversuch durchführten (jeweils eine Seite mit Substanz A oder B behandelt), untersuchten die topische Sucralfat-Therapie versus keine Therapie mit widersprüchlichen Ergebnissen [1753][1761][1747]. Eine große, einfach (unbehandelte Patient*innen) bzw. doppelt verblindete Studie, untersuchte Sucralfat-Creme versus keine Behandlung versus Basiscreme („aqueous cream“) in einer sorgfältig strukturierten Studie, die sich durch Berücksichtigung der Interobserver-Varianz und der Kofaktoren für den Endpunkt sowie eine Intention-to-treat-Analyse auszeichnet [1757]. Für den primären Endpunkt, maximaler Grad der Radiodermatitis in Woche 5, war die Sucralfat-Creme nicht überlegen, lediglich die trockene Schuppung war nach Sucralfat-Creme signifikant geringer als nach Basiscreme („aqueous cream“) oder Verzicht auf jegliche Prophylaxe (mittlerer Grad 0,38 versus 0,45 versus 0,62 p = 0,04).
Auch Sucralfat per os scheint ineffektiv zu sein [1752].
Acetylsalicylsäure
In einer großen, placebokontrollierten, doppelblinden Studie wurde gezeigt, dass die Gabe von Acetylsalicylsäure über ein Jahr weder die Akut- noch die Spätreaktion der Radiodermatitis beeinflusst [1754].
- Beclometason Dipropionat-Spray
- Curcumin
- Dexpanthenol
- Formula A®
- MA 5065D (Xclair®)
- RayGel® silymarinhaltige Creme
- Thetacream®
- Ureadin®
- β-Sitosterol
systemische Applikation
- Beta-hydroxy-beta-methylbutyrat Arginin
- Glutamin
- Pentoxifyllin
- Enzympräparate
- Zink
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1762] [1763] [1764] [1765] [1766] [1767] [1768] [1769] [1741] [1770] [1771] [1772] [1773] [1603] [1774] [1775] [1776]
Änderungshinweis
Für folgende Substanzen ist die Wirksamkeit weder angenommen noch ausgeschlossen. Eine Empfehlung ist nicht möglich für: • Beclometason Dipropionat- Spray, • Dexpanthenol, • Formula A®, • MA 5065D (Xclair®), • No Sting Film®, • RayGel®, • Silymarinhaltige Crème, • Thetacream®, • Ureadin®Evidenztabellen (13)
Schreck 2002; Leonardi 2008; Primavera 2006; Miko Enomoto 2005; Roper 2004; Pardo Masferrer 2010; Rizza 2010; Becker-Schiebe 2011; Liguori 1997; Pinnix 2012; Hemati 2012; Metz 2004; Graham 2004In mehreren kleinen Studien wurden spezifische Substanzen zur topischen Prophylaxe geprüft. Für Curcumin [1771], Dexpanthenol [1764], MA 5065D (Xclair®) [1767] [1763], Thetacream® [1769], sowie RayGel® [1765] war eine Wirksamkeit nicht erkennbar. Ureadin® [1766], Formula A® (Opuntia ficus india, Olea europeae, Capparis spinosa) [1768], silymarinhaltige Creme [1762] reduzierte die Radiodermatitis. β-Sitosterol versus Trolamin ergab lediglich eine Reduktion des ausgeprägten Juckreizes und Schmerzes (offen kontrolliert), jedoch keinen Unterschied in der Ausprägung der RD [1770].
Für alle diese Substanzen kann eine Wirksamkeit zurzeit weder angenommen noch ausgeschlossen werden, eine Aussage ist aufgrund der Studienlage nicht möglich. Zusätzlich enthalten viele dieser Präparate Substanzen mit allergisierendem Potential.
Weitere systemische Substanzen
Wobe-Mugos®, ein proteolytisches Enzympräparat, das Papain, Trypsin und Chymotrypsin enthält, wurde in zwei randomisierten Studien bei Kopf-Hals-Tumor-Patient*innen bzw. primärer Strahlentherapie von Zervixkarzinom-Patientinnen, sowie in einer doppelblinden placebokontrollierten kleinen Studie untersucht [1603][1773][1774]. Letztere Studie zeigte keinen Hinweis auf einen Nutzen des Präparates, in ersteren beiden Studien war die akute Radiodermatitis signifikant geringer ausgeprägt. Wegen der offenen Kontrollgruppe und nicht nachvollziehbarer Randomisation [1603][1773], sowie der kleinen Patientinnenzahl [1774] kann die Wirksamkeit von Wobe-Mugos® nicht beurteilt werden.
Pentoxifyllin wurde zur Prophylaxe der akuten Radiodermatitis und der „Weichgewebsläsion“ (nach Dion et al. 1990 [1777]), die Mukositis, Teleangiektasie, Fibrose, Ulcus und Atrophie umfasst, eingesetzt [1772]. Die Weichgewebsläsion, nicht aber die akute Radiodermatitis war unter Pentoxifyllin signifikant geringer ausgeprägt. Auf Grund des komplexen Endpunktes und inkompletter Statistik ist eine Beurteilung der Wirksamkeit jedoch nicht möglich.
11.7.2 Therapie der akuten Radiodermatitis
Im Vergleich zur Prophylaxe der Akutreaktion sind nur wenige, überwiegend kleine Studien zur Therapie der Radiodermatitis durchgeführt worden. Sie sind methodisch besonders anspruchsvoll, da die Erstmanifestation der RD (und Beginn der Medikation) interindividuell sehr verschieden und die Rest-Bestrahlungszeit/-dosis ebenso unterschiedlich ist. Das gilt umso mehr, wenn verschiedene Entitäten (z.B. Mamma– und Kopf-Hals-Tumore) zusammengefasst werden. Die Endpunkte reichten von der Zeit zur Reduktion des RTOG Grad 3 auf 2 bis hin zur Zeit des ersten Wundverschlusses oder bis zur kompletten Abheilung.
11.7.2.1 Allgemeine Maßnahmen zur Therapie der akuten Radiodermatitis
- z.B. feuchte Umschläge mit nicht traumatisierenden Kompressen kurzzeitig (maximal 10 Minuten)
- glukokortikoidhaltige Cremes
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Die Therapie der mäßig ausgeprägten Radiodermatitis (Erythem, Juckreiz, Schmerz) soll symptomatisch mit kühlenden Maßnahmen erfolgen: • z.B. feuchte Umschläge mit nicht traumatisierenden Kompressen und antiseptischer Lösung (2-3x/Tag für 20 Min) • steroidhaltige Cremes11.7.2.2 Hyaluronsäurehaltige Creme
Hyaluronsäurehaltige Creme soll nicht zur Therapie des Erythems der Radiodermatitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1751]
Evidenztabellen (1)
Kirova_2011Bei Auftreten des Erythems wurde ein Schaumverband im Vergleich zu Basiscreme (aqueous cream) eingesetzt. Aus methodischen Gründen ist die Effektivität nicht beurteilbar [1778]. Ein relevanter Einfluss des Verbandes auf die Dosisverteilung im Hautniveau konnte mit Phantommessung und klinischer Beobachtung ausgeschlossen werden.
Eine Öl-in-Wasser-Emulsion hatte keinen messbaren Effekt auf die Hauthydratation [1779]. In einer großen, placebokontrollierten Phase-III-Studie mit objektivierter Evaluation des Endpunktes Radiodermatitis und Erhebung der subjektiven Endpunkte Schmerz und Lebensqualität zeigte eine hyaluronsäurehaltige Creme gegenüber Placebo keine Reduktion des Erythems am Tag 30 nach Beginn der Intervention [1751].
11.7.3 Therapie des chronischen Radioderms und Ulcus
11.7.3.1 Allgemeine Maßnahmen zur Therapie der feuchten Desquamation und Strahlenulcus
Die feuchte Desquamation sowie auch das chronische Strahlenulcus sollen nach den allgemeinen Regeln der Wundversorgung behandelt werden.
11.7.3.2 Weitere topische Maßnahmen
- Honig-Gaze
- Paraffin-Gaze
- silberbeschichtete Wundauflage
- Silbersulfadiazin-Creme
- Sorbolen-Creme
- Sucralfat-Creme
Änderungshinweis
nur redaktionellSucralfat-Creme versus Sorbolen-Creme [1784], Honig-Gaze versus Paraffin-Gaze [1785] und silberbeschichtete Wundauflage (silver nylon dressing) versus Silbersulfadiazin-Creme [1786] wurden als Therapie der RD Grad 2 untersucht. Aus methodischen Gründen ist eine Wirksamkeit der Prüfsubstanzen weder nachweisbar noch auszuschließen.
Die Applikation differenter externer Substanzen (Wirkstoffe) beinhaltet gegenüber einer optimierten Lokaltherapie mit den oben angegebenen Mitteln die Gefahr der Hemmung der Wundheilungsvorgänge und der zusätzlichen Sensibilisierung gegen deren Inhaltsstoffe bzw. die Auslösung einer kontaktallergischen Reaktion. Deshalb ist auf einen gezielten und zeitlich befristeten Einsatz zu achten (z.B. Antiseptika bei Infektionsverdacht). (Schaum-) Verbände können während der Bestrahlung belassen werden, da ein relevanter Einfluss auf die Dosisverteilung im Hautniveau mittels Phantommessungen und klinischer Beobachtung ausgeschlossen werden konnte [1778].
Auf den Einsatz von Farbstoffen wird allgemein verzichtet, da sie nicht nach aktuellen Standards geprüft sind, toxikologisch relevante Verunreinigungen enthalten und lokal wundheilungshemmend und irritativ wirken [1787][1788]. So war Gentianaviolett als Beispiel nicht effektiver als ein trockener Wundverband laut Mak et al. 2000 (Phase-III) [1781].
Chronisches Radioderm
Das chronische Radioderm ist gekennzeichnet durch Trockenheit, Atrophie und verstärkte Verletzlichkeit der Haut, eventuell Teleangiektasenbildung. Eine Fibrosierung der Subcutis und des Bindegewebes manifestiert sich im Laufe von Jahren nach Therapie. Zur Therapie der Fibrose siehe Kapitel „Bindegewebe und Knochen“.
Die Therapie ist symptomatisch:
- Vermeiden von mechanischer Reizung und Sonnenexposition,
- Pflege mit rückfettenden und hautschützenden Cremes (z.B. Basiscreme, eventuell unter Zusatz von Harnstoff).
- bei Juckreiz z.B. harnstoffhaltige/ polidocanolhaltige Cremes und ggf. glukokortikoidhaltige Cremes für kurze Zeit oder als Intervalltherapie.
Ulcus und Fistel
Das chronische Ulcus und die Fistelbildung sind seltene, aber gravierende Folgen der Strahlentherapie. Interferon α, hyperbarer Sauerstoff (HBO) und Lasertherapie wurden eingesetzt. Aufgrund der Seltenheit dieser Komplikation gibt es lediglich Fallberichte, kontrollierte Studien fehlen. Da die beschriebenen Patient*innen entweder über viele Jahre bestehende Hautläsionen hatten oder die Läsionen frustran vorbehandelt wurden, ist eine Wirksamkeit der eingesetzten Methoden wahrscheinlich, wenn auch nicht beweisbar.
Basismaßnahmen
Die Empfehlungen folgen der good clinical practice chirurgischer/dermatologischer Wundversorgung:
- lokale antiseptische Maßnahmen und Wundauflagen entsprechend der Prinzipien der allgemeinen Wundversorgung s.o.
- konsequente antibiotische Therapie möglicher Superinfektion der Wunde
- vorsichtiges Debridement der nekrotischen Areale
- MRT-Diagnostik zur Differenzierung der Nekrose
- suffiziente Schmerztherapie
11.7.3.3 Spezifische Interventionen: Photobiomodulationstherapie (PBMT)
Zur Therapie radiogener Hautulzera kann die Photobiomodulationstherapie (Low-Level-Lasertherapie) in Einzelfällen erwogen werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1789] [1790] [1791] [1792]
Änderungshinweis
Zur Therapie radiogener Hautulzera kann die Low-Level-Lasertherapie in Einzelfällen erwogen werden.Evidenztabellen (1)
Enwemeka_2004Die Photobiomodulationstherapie (PBM) oder Low-Level-Lasertherapie (LLL) wird in der Dermatologie für verschiedene Indikationen, z.B. chronische venöse Ulzera, eingesetzt. Die Effektivität wird kontrovers beurteilt. In einer systematischen Metaanalyse der Literatur und zwei ausführlichen Literaturrecherchen (allerdings ohne Methodenreport) wurden die Studien der letzten 30 Jahre (kleinere Phase-II-Studien, zum Teil placebokontrollierte klinische Studien und in vivo-Experimente) gewertet [1789][1790][1792]. Die Metaanalyse differenzierte nicht zwischen experimentellen Studien, die für Nager im Gegensatz zu Schweinen (dem Menschen ähnlicher) positive Effekte der Lasertherapie beschrieben, und klinischen Studien. Das erklärt wahrscheinlich, dass PBMT in dieser Analyse die Rate an Wundheilung erhöht und die Dauer bis zur Wundheilung verkürzt [1789]. In den Literaturübersichten werden die klinischen Studien kritisch gewertet. Neun von zwölf überwiegend kleinen Phase-II-Studien und insbesondere zwei aktuelle, placebokontrollierte, einfach oder doppelblinde Studien, konnten keinen Effekt der PBMT auf die Wundheilung nachweisen [1792].
Ein Fallbericht beschreibt die Abheilung jahrelang bestehender radiogener Ulzera in drei Fällen [1791].
11.8 Osteoradionekrose (ORN)
Die Osteoradionekrose außerhalb des Kiefers wird vor allem im Beckenring beobachtet, aber auch in Wirbelkörpern. Sie muss von einer ossären Metastasierung oder Insuffizienzfraktur anderer Genese differenziert werden [1800][1801]. Die typische Lokalisation der Läsionen mit Beschränkung auf das Bestrahlungsfeld und fehlendem Weichteiltumor sowie die Magentresonanztomographie tragen zur Differenzialdiagnose bei [1802][1803].
Die Ereignisrate der radiogenen pelvinen Insuffizienzfraktur nach Therapie gynäkologischer Tumore wurde in einem systematischen Review der Jahre 1980-2020 mit Inzidenz von 9 % (95 % KI: 6,8 - 12,4 %) und 5 Jahres Inzidenz von 15 % (95 % KI: 7,5 - 25 %) angegeben [1804]. Eine prospektive Studie mit moderner Therapie des Rektumkarzinoms ergab eine 3 Jahres Inzidenz pelviner Insuffizienzfrakturen von 33 % (95 % KI: 24,9 - 42,3) nach präoperativer Radiochemotherapie versus 3,5 % (95 % KI: 1,3 - 5,6) bei Patient*innen ohne Radiochemotherapie [1805]. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine propensity matched-Fallkontrollstudie von 13.904 Patient*innen, die ein HR von 1,246 (95 % KI: 1,037 - 1,495; p = 0,019) nach adjuvanter Radatio wegen Rektumkarzinoms zeigte [1806].
Die Osteoradionekrose bietet ein vielfältiges klinisches Bild und kann nach Monaten bis Jahren unter unspezifischen lokalen Maßnahmen abheilen. Dies erschwert die Beurteilung sinnvoller Interventionen in klinischen Studien.
Osteoradionekrose des Kiefers
Die häufigste Lokalisation der ORN ist die Mandibula.
Mehrere Definitionen und Klassifikationen wurden entwickelt [1807][1808][1809]. Sie beruhen auf dem Ausmaß der Läsion sowie der Therapiemaßnahmen und unterscheiden sich vor allem in der Art der berücksichtigten Therapie (operative Maßnahmen, konservative Maßnahmen, ggf. Pentoxifyllin/Tocopherol). Im Rahmen einer prospektiven Phase-II-Studie wurden die Klassifikationen verglichen. Die Klassifikation nach Notani erwies sich als die aktuell sinnvollste Klassifikation [1810].
Entsprechend der Definition der IORN muss der avitale Kieferknochen für 3 - 6 Monate frei liegen. Um differenzialdiagnostisch ein Rezidiv, eine Mukosanekrose oder verzögerte Wundheilung nach chirurgischen Maßnahmen auszuschließen, ist bei Verdacht auf das Vorliegen einer ORN eine Biopsie indiziert [1799]. Grundsätzlich muss zwischen umschriebenen Befunden und fortgeschrittenen Läsionen, insbesondere in Bezug auf die Therapie unterscheiden werden.
11.8.1 Prophylaxe der Osteoradionekrose im Kieferbereich
11.8.1.1 Mundhygiene, Zahnsanierung
Zur Prophylaxe der Osteoradionekrose im Kopf-Hals-Bereich sollen folgende Maßnahmen durchgeführt werden:
vor Strahlentherapie:
- Zahnsanierung unter besonderen Kautelen
nach Strahlentherapie:
- Zahnsanierung unter besonderen Kautelen,
- kaufunktionelle Rehabilitation mit maximaler Schleimhautschonung und Beachtung besonderer Maßnahmen bei zahnärztlichen/ Mund-Kiefer- chirurgischen Eingriffen
- prä-/ peri- und poststrahlentherapeutisch sehr gute Mundhygiene
Zur Prophylaxe der ORN im Kopf-Hals-Bereich sind eine sehr gute Mundhygiene, Zahnsanierung unter besonderen Kautelen, kaufunktionelle Rehabilitation mit maximaler Schleimhautschonung und Beachtung besonderer Maßnahmen bei zahnärztlichen und Mund-Kiefer-Chirurgischen Maßnahmen nach Radiotherapie nötig [1813][1814][1815][1816][1817][1818][1819][1820][1811][1812][1821]. Siehe hierzu auch die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Mund-Kiefer-Chirurgie/DEGRO zur periradiotherapeutischen Versorgung bei Kopf-Hals-Tumoren [1822], sowie die S2k-Leitlinie Infizierte Osteoradionekrose der Kiefer [1799].
11.8.1.2 Perioperative hyperbare Sauerstofftherapie
Wegen des niedrigen Risikos einer ORN und der möglichen Nebenwirkungen der HBO soll die HBO nicht prophylaktisch eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1823] [1824] [1825] [1807] [1794]
Änderungshinweis
Die Wirksamkeit der perioperativen hyperbaren Sauerstofftherapie bei dentalen Implantaten und auch bei anderen Kiefereingriffen zur ORN-Prävention kann nicht ausreichend beurteilt werden. Sie kann im Einzelfall erwogen werden.Evidenztabellen (1)
Shaw_2019Als prophylaktische Intervention wurde die hyperbare Sauerstofftherapie prä- und perioperativ zu dentalen Implantaten nach Strahlentherapie untersucht [1823][1825]. Eine Cochrane-Analyse beschreibt eine kontrollierte Studie [1807], die keine Aussage über Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit von HBO als prophylaktische Maßnahme ermöglicht [1824]. Zu demselben Ergebnis kamen drei systematische Reviews [1826][1827][1828] und eine erneute Cochrane-Analyse [1829]. Eine Phase-III-Studie zur Prophylaxe der ORN (offen, kontrolliert, randomisiert) wurde abgebrochen, da die Rate an ORN mit 5 % in der HBO und der Kontrollgruppe so niedrig war, dass ein Effekt der HBO nicht nachweisbar war und der Einsatz der HBO nicht gerechtfertigt erscheint [1794].
Die HBO kann erhebliche unerwünschte Wirkungen wie z. B. Ohr-Barotraumata, epileptische Anfälle und Myopie haben.
11.8.2 Therapie der Osteoradionekrose
11.8.2.1 Umschriebene Osteoradionekrosen im Kieferbereich
Umschriebene Osteoradionekrosen im Kieferbereich können initial mit lokalen antiseptischen Maßnahmen und systemischer Antibiotikagabe behandelt werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Umschriebene Osteoradionekrosen im Kieferbereich sollen initial mit lokalen antiseptischen Maßnahmen, medikamentöser Schmerztherapie und systemischer Antibiotikagabe behandelt werden.Bei umschriebenen Osteoradionekrosen im Kieferbereich kann alternativ zur medikamentösen Therapie (siehe [11.76]) eine begrenzte operative Therapie (orale systemische Antibiotika-Abschirmung, Lokalanästhesie, umschriebene Dekortikation / Nekrosektomie mit lokaler plastischer Deckung) vorgenommen werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
In unkomplizierten Fällen steht die symptomatische medikamentöse Schmerztherapie im Vordergrund, meist in Kombination mit lokalen antiseptischen Maßnahmen, intensivierter Mundhygiene und ggf. systemischer Antibiotikagabe (good clinical practice). Das primäre Ziel der konservativen Therapie, die Schmerzfreiheit der Patient*innen, wird durch eine adäquate Schmerztherapie erreicht. Weiterhin gilt es einen Progress der Kiefernekrose zu vermeiden, was intensivierte Mundhygienemaßnahmen unabdingbar macht. Hierfür stehen lokale antiseptische Maßnahmen zur Verfügung. Zur Vermeidung einer weiteren Traumatisierung der Gingiva ist eine Prothesenkarenz sinnvoll und eine regelmäßige Anpassung von Prothesen mit insuffizientem Halt notwendig. Möglicherweise ist eine systemische Antibiotikagabe, entsprechend des Antibiogramms zusätzlich indiziert. Konservative Therapiemaßnahmen beschränken sich grundsätzlich auf umschriebene Befunde und Frühstadien der Kiefernekrose [1830][1808][1831][1799].
11.8.2.2 Fortgeschrittene Osteoradionekrosen
Fortschreitende oder fortgeschrittene Osteoradionekrosen im Kieferbereich sollen einer operativen Therapie zugeführt werden, insbesondere zur Vermeidung einer Mitbeteiligung des Nervus alveolaris inferior (Taubheit der Unterlippe) und / oder zur Vermeidung eines Kontinuitätsdefektes (pathologische Fraktur).
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Fortschreitende oder fortgeschrittene Befunde sollen einer operativen Therapie zugeführt werden, insbesondere zur Vermeidung einer Mitbeteiligung der Nervus alveolaris inferior (Taubheit der Unterlippe) und / oder zur Vermeidung eines Kontinuitätsdefektes (pathologische Fraktur).Fortgeschrittene Osteoradionekrosen erfordern eine operative Therapie, damit Komplikationen, wie Sensibilitätsausfälle durch Nervenbeteiligung oder pathologische Frakturen verhindert werden können (good clinical practice). Durch die chirurgische Therapie der fortgeschrittenen Kiefernekrose konnten verschiedene Studien Wundheilungsraten von bis zu 91 % aufzeigen [1832][1833][1834][1835]. Außerdem empfiehlt die englischsprachige NICE-Guideline no.36 „Cancer of the upper aerodigestive tract: assessment and management in people aged 16 and older“ die chirurgische Therapie bei der Behandlung der IORN zu erwägen [1836].
11.8.2.3 Hyperbare Sauerstofftherapie
Die hyperbare Sauerstofftherapie kann bei komplizierter/schwerwiegender Osteoradionekrose perioperativ zu einem resezierenden Eingriff eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Konsens
- Literatur
- [1837] [1838] [1839] [1809] [1840] [1841] [1842] [1843] [1844]
Änderungshinweis
Die hyperbare Sauerstofftherapie kann bei komplizierter/schwerwiegender Osteoradionekrose z.B. zur Vermeidung eines resezierenden Eingriffs eingesetzt werden. Die unerwünschten Wirkungen der Intervention sollten gegen Schweregrad der Läsion und den erwarteten klinischen Verlauf abgewogen werden.HBO wurde systematisch nur für den Kopf-Hals-Bereich untersucht. Im Rahmen einer verblindeten placebokontrollierten, prospektiv randomisierten Studie erhielten Patient*innen mit leichter bis mäßiger Osteoradionekrose der Mandibula (nur 50 % der Patient*innen hatten freiliegenden Knochen) eine akzelerierte (2 x tägliche) HBO-Behandlung [1837]. Die Studie wurde vorzeitig nach Einbringen von 68 von geplanten 222 Patient*innen abgebrochen, da ein Vorteil der HBO nicht erkennbar war. Die Aussagekraft ist stark eingeschränkt, sodass eine Beurteilung der HBO für Patient*innen mit gering ausgeprägter Osteoradionekrose nicht möglich ist.
In einer Folgestudie, randomisiert-offen kontrolliert, wurde die HBO perioperativ bei resektionspflichtiger ORN untersucht. Die Abheilungsrate war gegenüber der Beobachtungsgruppe mit 70 % vs. 51 %, OR 2,2 (95 % KI: 0,7 - 7,0) zwar erhöht, aber nicht signifikant (p = 0,13), möglicherweise wegen der niedrigen Zahl von auswertbaren Patient*innen [1843].
11.8.2.4 Pentoxifyllin/Tocopherol
Für die Anwendung von Pentoxifyllin und Tocopherol bei umschriebenen Osteoradionekrosen im Kieferbereich liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Pentoxifyllin und Tocopherol in Kombination können bei umschriebenen Osteoradionekrosen im Kieferbereich oder bei Osteoradionekrose in anderer Lokalisation eingesetzt werden.Eine nicht-kontrollierte Phase-II-Studie bei Patient*innen mit ORN der Mandibula zeigte eine Reduktion bei allen und eine völlige Remission der ORN bei 16 von 18 Patient*innen [1848][1838]. In einer retrospektiven Untersuchung einer anderen Arbeitsgruppe war der Effekt dieser Therapie nicht so ausgeprägt: 5 von 12 Patient*innen hatten eine Reduktion der ORN, fünf eine Stabilisierung und zwei eine progrediente ORN [1838][1840] haben empirisch die Medikation um Clodronat zusammen mit Pentoxifyllin/Tocopherol Montag-Freitag und Prednisolon/Ciprofloxacin/Fluconazol Samstag und Sonntag erweitert (PENTOCLO-Schema). Sie berichten eine Regression der Schleimhautnekrose/ Ausdehnung des freiliegenden Knochens der Mandibula von 92 % ± 4 % bei 39/54 Patient*innen (15 Patient*innen erreichten die 1-Jahres-Untersuchung nicht). Die Arbeitsgruppe fand keinen Hinweis auf die Entstehung einer Bisphosphonat-assoziierten Kiefernekrose (ONJ), die zwar eine bekannte unerwünschte Wirkung von Amino-Bisphosphonaten ist, aber unter Clodronat eine Rarität darstellt [1849]. Dagegen fanden Patel et al. in einer retrospektiven Analyse von 169 Patient*innen einen negativen Effekt von Clodronat zusätzlich zu PENTO auf die Heilungsrate gering ausgeprägter ORN [1850]. Positive Ergebnisse wurden in weiteren Fallserien berichtet [1844][1809][1842][1851][1850]. Systematischen Reviews bestätigen, dass PENTO(CLO) den Verlauf der ORN günstig beeinflussen, aber die Wirksamkeit mangels placebokontrollierter Studien nicht beurteilt werden kann [1847][1845][1846][1852].
11.9 Radiogene Mukositis
Radiogene orale Mukositis
Akut kommt es an der Schleimhaut durch die Depletion proliferativer Zellen zu einer Hypoplasie mit Ausdünnung der oberflächlichen Zellschicht, einhergehend mit Vasodilatation, die zu einer Rötung führt. Bei Progress geht diese in Ulzerationen über (Epitheliolysen). Die geschädigte Schleimhaut neigt zur Superinfektion. Die radiogene Mukositis ist schmerzhaft und führt zu einer verringerten Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, die eine Exsikkose nach sich ziehen kann. Diese Effekte werden durch eine simultane Systemtherapie mit Chemotherapeutika oder Antikörpern verstärkt. Die akuten Veränderungen sind überwiegend reversibel. Zu den Spätfolgen zählen Teleangiektasien, Atrophie und Trockenheit der Schleimhaut, die auch abhängig ist vom Ausmaß der Speicheldrüsenschädigung. Die Mundschleimhaut ist ein typisches Gewebe für das Auftreten sogenannter consequential late effects (CLE), d.h. abhängig von der Akutreaktion finden sich auch Spätfolgen im Langzeitverlauf.
11.9.1 Prophylaxe der akuten Mukositis
11.9.1.1 Mundpflege bei allen Patient*innen
Standardisierte Mundpflege zur Prophylaxe oraler Mukositis soll in allen Altersgruppen und bei allen Behandlungsarten mit einem Risiko für orale Mukositis erfolgen. Diese besteht aus:
1. Pflege durch die Patientin/ den Patienten- Mundspülung (= regelmäßige Mundbefeuchtung)
- Pflege der Zähne mit einer weichen Zahnbürste
- Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide und/oder Interdentalbürstchen
- Vermeidung von Noxen (alkohol- oder zuckerhaltige Lösungen, Tabak, scharfe und heiße Speisen, säurehaltige Lebensmittel)
- fortlaufende Kontrolle auf Läsionen und Schmerzen
3. Fluoridierung zum Schutz der Zähne
4. engmaschige klinische Kontrolle und Beratung unter laufender Therapie
Zu den allgemeinen Empfehlungen der „good clinical practice“ kann es keine Evidenz im Sinne randomisierter Studien geben, da man keiner Patientin und keinem Patienten diese Maßnahmen im Rahmen von Studien vorenthalten würde. Daher liegt hier - trotz geringer Evidenz - ein hoher Empfehlungsgrad und ein starker Konsens vor. Bezüglich der zahnärztlichen und kieferchirurgischen Maßnahmen liegen auch allgemeine Pflege-Maßnahmen vor (s.u.). Für den Zeitraum während und nach der Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich gibt es eine Stellungnahme der deutschen Fachgesellschaften (DEGRO, DGZMK, DGMKG), die die einzelnen Maßnahmen dieses interdisziplinären periradiotherapeutischen Managements beschreibt [1853]. Sie finden sich in kurzer Form auch im Abschnitt radiogene Osteoradionekrose (Kapitel 11.8).
Diese allgemeinen Maßnahmen zur Mundpflege während Strahlentherapie werden in der Leitlinie der MASCC 2007 vom Expert*innenpanel wie folgt dargestellt:
- regelmäßige Mundpflege mit Zahnbürste, Zahnseide, milden Spüllösungen („bland rinses“) und Flüssigkeitszufuhr
- Verwendung einer weichen Zahnbürste, die regelmäßig ersetzt wird
- regelmäßiger Untersuchung und Beurteilung der Mundhöhle auch vor Therapiebeginn, Dokumentation der Mukositis und Erfassung von Schmerz in der Mundhöhle, Nutzung eines standardisierten Protokolls unter Einbeziehung der beteiligten Fachdisziplinen: Strahlentherapie, Onkologie, Zahnmedizin und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, zur Mundpflege spezialisierte Pflegekraft
- topische Schmerztherapie bei beginnenden Schmerzen, ggf. systemische Schmerzbehandlung
- Die Fluoridierung soll bei vorhandener eigener Zahnhartsubstanz durchgeführt werden. Sie dient der Härtung dieser und kann damit den langfristigen Erhalt der eigenen Zähne fördern. Die vor Radiotherapie (RT) anzufertigenden Schienen* sollen vor der Nachtruhe mit wenigen Tropfen fluoridhaltigen Gels befüllt und dann für 10 min eingesetzt werden. Nach Entnahme soll nicht mehr gespült, nur ausgespuckt werden. Bei beginnender symptomatischer Mukositis brennt das Gel, weshalb ein zeitweises Aussetzen der Therapie erlaubt werden kann, sie sollte aber nach Mukosaregeneration wieder einsetzen und dann langfristig, im Grunde bis ans Lebensende der Zähne, fortgeführt werden.
*dünn, nicht mit den Schleimhautretraktoren zu verwechseln, die zwischen Metall in den Zähnen und Mundschleimhaut einen Abstand von 3 mm erzeugen und während der Bestrahlung getragen werden
Die MASCC-Leitlinie von 2019 fasst 17 neue Publikationen zur Frage „basic oral care“ zusammen und kommt zu dem Schluss, dass eine gründliche Mundpflege mit Mundspülen sinnvoll zur Prävention der radiogenen OM ist, wobei die jeweiligen Zusammensetzungen der Mundspüllösungen variieren [480].
In der Update-Recherche fanden sich verschiedene Arbeiten, die diese Empfehlung zur Prophylaxe der radiogenen OM untermauern. Eine Beobachtungsstudie mit 61 Patient*innen [1854] bestätigt, dass mit Hilfe eines konsistent durchgeführten Prophylaxe-Programms die schwere OM später auftritt und schneller abheilt und Bestrahlungspausen vermieden werden können. Eine randomisierte Studie mit 91 Patient*innen [1856] verglich die Spülung mit Kochsalzlösung und zusätzlicher intensivierter Anleitung der Patient*innen zur Mundpflege mit einem Standard-Pflegeprogramm; OM-assoziierte Lebensqualität (QoL) und OM spezifische Symptome waren nicht unterschiedlich, jedoch hatte die engmaschige Betreuung der Patient*innen Auswirkungen auf andere QoL-Bereiche.
In einer Phase-II-Studie [1855] wurden 124 Patient*innen mit RT (n = 37) bzw. Radiochemotherapie (n = 87) zwischen normaler Pflege und intensivierter Pflege (Zahnschienen, Pilocarpin, topisches Glukokortikoid) randomisiert. Als primärer Endpunkt wurde die Inzidenz der schweren OM erfasst. Bei Patient*innen, die eine Strahlentherapie erhielten, stand die Intervention in signifikantem Zusammenhang mit einer verringerten Inzidenz für OM (p = 0,046). Dieser Effekt konnte bei Patient*innen, die eine simultane Radiochemotherapie erhielten, nicht repliziert werden.
11.9.1.2 Benzydamin
Benzydamin (1,5 mg/ml, entspricht einer 0,15%igen Lösung) sollte bei alleiniger Strahlentherapie zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Konsens
- Literatur
- [589] [1857] [1858] [548] [1859]
Änderungshinweis
Benzydamin sollte bei alleiniger Strahlentherapie mit moderater Dosis zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.Benzydamin (1,5 mg/ml, entspricht einer 0,15%igen Lösung) kann bei Radiochemotherapie zur Prophylaxe der oralen Mukositis eingesetzt werden.
Zur Verfügung stehen Benzydamin-Mundspülgel 0,15 % und Benzydamin-Mundspüllösung 0,15 %, aber auch viskose Benzydaminhydrochlorid-Mundspüllösung 1,5 mg/ml mit Lidocainhydrochlorid und Dexpanthenol im Neuen Rezeptur-Formularium (NRF) 7.15.
Radiotherapie
Radiochemotherapie
In der doppelblinden, randomisierten Studie mit 51 Patient*innen [1858] zeigte sich ein Vorteil für die Benzydamin-Gruppe, allerdings waren sowohl die Gesamtdosis als auch der Anteil von Patient*innen mit simultaner Chemotherapie zwischen den Armen unterschiedlich, weshalb die Aussagekraft der Studie reduziert ist.
Rastogi et al. 2017 [1859] verglichen die Wirkung von Benzydamin vs. Kochsalz bei Patient*innen, die Radiotherapie oder Radiochemotherapie erhielten (n = 120). Während für die Patient*innen mit alleiniger Radiotherapie der Unterschied im Schweregrad der Mukositis zugunsten der Benzydamin-Gruppe signifikant war, gab es für die Patient*innen mit Radiochemotherapie diesbezüglich keinen Unterschied. In der Studie von Chitapanarux et al. von 2018 [1860] mit 60 Patient*innen unter Radiochemotherapie erreichte der Einsatz von Benzydamin einen signifikanten Vorteil bezüglich des Gesamtscores im Oral Mucositis Assessment Scale (OMAS) über die gesamte Behandlungszeit im randomisierten Vergleich mit einer Natrium-Bikarbonat-Spülung.
Nach Bewertung aller Daten und im Hinblick auf ein günstiges Nebenwirkungsprofil schließen wir uns der schwachen Empfehlung der MASCC 2019 zur Anwendung von Benzydamin in der Prophylaxe der OM bei Radiochemotherapie an [548].
11.9.1.3 Zink, oral
11.9.1.4 Glutamin, oral
Glutamin oral kann zur Prophylaxe der radiogenen OM eingesetzt werden.*
*Dosierung: 3 x 3 g bis 3 x 10 g sind in Studien untersucht; Maximaldosis: 30 g/d.
Glutamin ist eine nicht essentielle Aminosäure, die mengenmäßig im menschlichen Körper am häufigsten vorkommt und für Zellen mit hoher Umsatzrate einen Hauptenergieträger darstellt.
In der MASCC-Leitlinie von 2019 [514] werden zwei RCTs [1874][1875] mit oralem Glutamin der Dosis von 10 – 30 g/d dargestellt, in beiden Studien kam es zu einer signifikanten Reduktion der OM unter Bestrahlung. Die MASCC empfiehlt orales Glutamin zur Prävention der radiogenen OM (Evidenzgrad II), weist jedoch darauf hin, dass unter Gabe parenteralen Glutamins eine höhere Mortalität bei Patient*innen mit Stammzelltransplantation verzeichnet wurde [429]. Daher wird auch die parenterale Gabe von Glutamin nicht empfohlen (Evidenzgrad I). Für die topische Anwendung von Glutamin gibt es keine ausreichenden Daten, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu formulieren (ein RCT, [1876]).
Seit Publikation der MASCC-Leitlinie wurden weitere Studien und Metaanalysen publiziert, die im Folgenden dargestellt werden.
Eine Metaanalyse von 2021 berücksichtigte elf Studien (Alsubaie et al., 2021 [1873]), mit insgesamt 922 Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren und Radio- bzw. Radiochemotherapie, die Glutamin oral (zehn Studien, davon sechs Placebo kontrolliert) und Glutamin i.v. (eine Studie, Placebo kontrolliert) verabreicht bekamen. Die Inzidenz und das Auftreten der radiogenen OM jedes Schweregrades unterschieden sich nicht signifikant zwischen Interventions- und Kontrollgruppe. Glutamin reduzierte jedoch den Schweregrad der radiogenen OM (p < 0,001), ebenso die Dauer der OM des Schweregrades III und IV (p = 0,008). Patient*innen, die Glutamin erhielten, benötigten seltener Opioide (p = 0,04), waren weniger oft auf nasogastrale Ernährung angewiesen (p = 0,03) und hatten seltener Therapieunterbrechungen (p < 0,001).
Tang et al. [510] differenzierten in der Metaanalyse von 2022 nicht zwischen Systemtherapie und Radio- bzw. Radiochemotherapie und kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass Glutamin die Inzidenz und Schwere der OM signifikant mindert. Gleiches gilt für die Mehrheit der Studien in der Metaanalyse von de Meneses et al. (2020) [1871], bezogen auf Patient*innen unter Radiochemotherapie.
Glutamin ist nicht rezeptfähig; es ist im Handel frei erhältlich.
Tabelle 82: Metaanalysen zu Glutamin im Vergleich
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Tang et al. 2022 [510] |
Alsubaie et al. 2021 [1873] |
Yarom et al. 2019 (MASCC) [514] |
de Menêses et al. 2019 [1871] |
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Anderson et al. 1998, CTx |
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x |
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Cerchietti et al. 2006, RCTx |
x |
x |
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Chattopadhyayet al. 2014, RCTx |
x |
x |
x |
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Choi et al. 2007, CTx |
x |
|
x |
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Daniele et al. 2001, CTx |
x |
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Diwan et al. 2018, RT |
x |
x |
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Huang et al. 2000, (topisch) RT |
x |
x |
x |
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|
Huang et al. 2019, RT |
x |
x |
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Jebb et al. 1994, CTx |
x |
|
x |
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Lopez-Vaquero et al. 2017, RCTx |
x |
x |
|
x |
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Nihei et al. 2018, CTx |
x |
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Pachon Ibanez et al. 2017, RT /RCTx |
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x |
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Pathak et al. 2019, RCTx |
x |
x |
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Pattanayak et al. 2016, RCTx |
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x |
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Peterson et al. 2007, CTx |
x |
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x |
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Sarumathy et al. 2012, RT |
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x |
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Sornsuvit et al. 2008, (parenteral) CTx |
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x |
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Tanaka et al. 2015, CTx |
x |
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x |
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Tsujimoto et al. 2015, RCTx |
x |
x |
x |
x |
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Widjaja et al. 2020, CTx |
x |
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CTx: Chemotherapie, RCTx: Radiochemotherapie, RT: Radiotherapie |
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11.9.1.5 Honig
Natürlicher Honig kann zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [515] [1877] [1878] [662] [1879]
Änderungshinweis
Honig soll nicht zur Prophylaxe von radiogener oraler Mukositis gegeben werden.Manuka-Honig soll nicht zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.
In einem systematischen Review der Mukositis-Studiengruppe der MASCC/ISOO wird der Einsatz von Honig zur Prävention der radiogenen Mukositis nach Radio- bzw. Radiochemotherapie empfohlen (Evidenzgrad III). Honig kann dabei topisch aufgetragen als auch oral verabreicht werden [515]. Dazu liegen aus den Jahren 2018 - 2021 Daten von fünf Metaanalysen vor, die insgesamt 21 Studien zusammenfassen [1877][517][515][1879][1878]. In 15 der 21 Studien wurde ein natürlicher, bzw. lokal hergestellter Honig verwendet [1886][1887][1888][1889][1890][1891][1892][1893][1894][1895][1896][1897][1898][1899][1900]. In der überwiegenden Zahl dieser Studien (14/15) wurde ein positiver Einfluss auf die OM nachgewiesen und es wurden weniger Behandlungsabbrüche verzeichnet.
Zu berücksichtigen bleibt jedoch die niedrigen Stichprobengrößen der eingeschlossenen Studien, da zum Teil sehr gemischte Patient*innenkollektiv, die fehlende Verblindung und die unterschiedliche Qualität, Menge und Verdünnung des eingesetzten Honigs.
Zu beachten ist, dass es sich bei Honig um ein Naturprodukt mit fehlender chemischer Definition handelt.
Manuka-Honig
Manuka-Honig wurde in sechs der 21 Studien erwähnt, die in den genannten Metaanalysen zusammengefasst wurden [1881][1880][1882][1883][1884][1885]. Fünf Studien zeigten keinen signifikanten Benefit in Bezug auf die radiogene OM. Außerdem wird eine schlechte Akzeptanz und Verträglichkeit berichtet.
11.9.1.6 Antibiotische oder antimykotische Mundspülungen
Antibiotisch oder antimykotisch wirksame Mundspülungen sollen nicht in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [589] [546] [480] [531] [1901] [1902]
Evidenztabellen (1)
Foote 1994Antimikrobielle Therapie
In zahlreichen Studien, sowohl mit antibiotischen als auch antimykotischen Substanzen, konnte zu keinem Zeitpunkt eine Reduktion von Häufigkeit und Schweregrad der radiogenen Mukositis gezeigt werden [546]. Dies gilt auch für die handelsüblichen und bei Patient*innen verbreiteten Zubereitungen von Chlorhexidin.
In der MASCC-Leitlinie von 2019 wird dieses negative Statement zum Thema Chlorhexidin noch einmal verstärkt, wozu drei randomisierte Studien ([531][1901][1902]) zitiert werden, die alle keinen Vorteil zeigen konnten, in einem Fall ([1902]) jedoch deutliche Nebenwirkungen in Form von Brennen auf der Schleimhaut, Geschmacksveränderungen und Zahnverfärbung hatten [480].
11.9.1.7 Sucralfat
Sucralfat soll nicht in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.
Sucralfat bildet in saurer Umgebung eine geleeartige Konsistenz und wird so zu einem Schutzfilm auf der Mukosa. Acht Studien ([1903][1904][1905][1761][1752][1906][1907][1908]) untersuchten Sucralfat in der Prophylaxe der radiogenen OM, eine weitere ([1909]) berücksichtigte auch Patient*innen unter Radiochemotherapie. Innerhalb der Studien variierte die verabreichte Dosis stark. Sucralfat wurde als Mundspülung eingesetzt und in einzelnen Studien auch geschluckt. Zusammenfassend zeigte sich weder ein Effekt auf die Schwere der Mukositis noch eine Reduktion der Schmerzen [546][504].
11.9.1.8 Misoprostol Mundspülung
Misoprostol Mundspülung soll nicht zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [548] [1910] [1911]
Evidenztabellen (1)
Veness 2006Die Wirksamkeit von Misoprostol Mundspülung wurde in zwei ([1910][1911]) randomisierten, doppelblinden, kontrollierten Studien bei Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren mit Radio- bzw. Radiochemotherapie untersucht [607][548]. Hanson et al. untersuchten Patient*innen, die nach der operativen Therapie bestrahlt wurden und stellten keinen positiven Effekt auf die radiogene OM fest [1910]. Veness et al. evaluierten eine Misoprostol Mundspülung bei 83 Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren, die eine Radio- oder eine kombinierte Radiochemotherapie erhielten [1911]. Die Inzidenz der OM konnte nicht reduziert werden, weiterhin gab es keinen Benefit bezüglich oropharyngealer oder oraler Schmerzen und des allgemeinen Wohlbefindens.
11.9.1.9 Kryotherapie
Zur Anwendung von Kryotherapie in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Evidenztabellen (1)
Kakoei 201311.9.1.10 Kurkuma / Curcumin
Zur topischen Anwendung von Curcumin bei Strahlentherapie-assoziierter OM verweisen wir auf die aktuelle S3-Leitlinie Komplementärmedizin: „Es liegen keine ausreichenden Daten aus RCTs zur Wirksamkeit von Kurkuma bei topischer Applikation auf die Reduktion der strahlentherapieassoziierten Mukositis bei Kopf-Hals-Tumorpatienten vor. Es kann keine Empfehlung für oder gegen eine topische Anwendung von Kurkuma bei diesen Patienten gegeben werden.“
Zur systemischen, d.h. oralen Gabe von Curcuma liegen drei Studien vor, die entweder Nano-Curcumin [1913] oder Kurkuma-Extrakt (3 x 500 mg/d, [1914]) vs. Placebo oder 650 mg Kurkuma verstärkt mit 13 mg Piperin vs. Standardtherapie [1915] untersuchten. Alle Studien zeigen einen positiven Einfluss auf die Radio- bzw. Radiochemotherapie-induzierte OM. Allerdings sprechen tragende Gründe dagegen, da Curcumin mit anderen Medikamenten interagiert.
11.9.1.11 Gabapentin
Gabapentin sollte nicht zur Prophylaxe von Schmerzen bei radiogener oraler Mukositis eingesetzt werden.
11.9.1.12 Photobiomodulations-Therapie (PBM) = Low-Level-Lasertherapie (LLL)
Eine Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis mit Photobiomodulations-Therapie (PBM) und einem der gezeigten Schemata kann erfolgen; dies gilt für die intraorale Anwendung bei Radiotherapie und Radiochemotherapie.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1918] [1919] [1920] [1921] [1922] [590] [497] [1923] [1924] [1925] [1926] [1927] [1928]
Änderungshinweis
Eine Prophylaxe der radiogenen oralen Mucositis mit intraoraler Low-Level-Lasertherapie kann erwogen werden, für den extraoralen Laser ist keine Aussage möglich.Die Therapie mit dem Low Level Laser (LLL) wurde zunächst so benannt, um sie von den anderen medizinisch eingesetzten Lasern zum schneiden, abladieren und koagulieren zu unterscheiden. Seit einer Konferenz der Nordamerikanischen und der Weltorganisation für Lasertherapie (NAALT und WALT) im Jahr 2014 wird der Begriff Photobiomodulierende Therapie (PBM, oder PBMT) benutzt. Im Kommentar von Elad et al. (2018) [498] werden die Grundlagen übersichtlich beschrieben, eine ausführlichere Darstellung ist in der Publikation von Zecha et al. (2016) zu finden [501]. PBM wirkt schmerzlindernd, antiinflammatorisch und beschleunigt die Wundheilung. Auch wenn der Wirkmechanismus noch nicht vollständig geklärt ist, gibt es ausreichende Evidenz für zwei spezifische Wirkphasen im Gewebe: einerseits der direkte Effekt des Lichts auf biologische Moleküle, der sofort eintritt, und andererseits indirekte Wirkungen, die erst nach Stunden oder Tagen zum Tragen kommen. Nachgewiesen sind zwei Wirkmechanismen: ein intrazellulärer Weg, der über die Cytochrom C Oxidase abläuft und ein extrazellulärer Weg, der die Aktivierung von Transforming Growth Factor ß (TGF- ß) einschließt. PBM beeinflusst zahlreiche biologische Mediatoren wie Wachstumsfaktoren, antiinflammatorische Zytokine, pro-inflammatorische Zytokine, Hitzeschockproteine, Matrix-Metalloproteinase und small molecules. Diese sind Teil der Prozesse von Proliferation, Differenzierung, Zellüberleben und Tumorwachstum. Von kritischer Bedeutung für das Erreichen der gewünschten Effekte ist die spezifische Auswahl der Parameter, da Niedrigdosis-PBM stimuliert, während Hochdosis-PBM inhibiert.
Unterschieden werden enorale Punktlaser und extraorale Flächenlaser. Bei enoralen Lasern werden mit einem Lichtpunkt von einigen Millimetern Durchmesser sechs bis neun Areale in der Mundhöhle behandelt. Daneben kommen extraorale Flächenlaser zum Einsatz. Es fehlen Daten über die tatsächliche Gleichwertigkeit zur intraoralen Anwendung sowie Langzeitdaten zum Einfluss auf die lokale Kontrolle.
Um mögliche negative Auswirkungen auf das Tumorwachstum zu vermeiden wird immer die niedrigste nachgewiesen wirksame Energie benutzt und eine direkte Einwirkung der PBM auf den sichtbaren Tumor vermieden (nach Elad et al., 2018 [498])
Für Patient*innen mit HNO-Tumoren, die eine Radiotherapie erhalten, liegen vier positive Studien ([1920][1929][1930][1927]) vor [497]. Die prophylaktische Therapie wurde während der gesamten Behandlungszeit mit einer Wellenlänge von 632,8 nm durchgeführt. Der Endpunkt Reduktion der OM und eine damit verbundene Schmerzreduktion wurde erreicht.
In der Studie von Arora et al. wurden allerdings extra- und intraorale Laseranwendungen zur Prävention der OM bei Patient*innen, die mit RT bei Kopf-Hals-Tumoren behandelt wurden, kombiniert [1930].
Im systematischen Review von Campos et al. (2020) [1924] bestätigte sich der Vorteil für die PBM sowohl für alleinige RT und die RCTx. Die Forest-Plots zeigen einen eindeutigen Vorteil für die PBM. Zusätzlich wurde eine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt; bei Anwendung der PBM ergab sich unter den Bedingungen des amerikanischen Gesundheitssystems eine Kostenersparnis durch vermiedene Fälle schwerer Mukositis.
Im Jahr 2020 wurde ein RCT von Martins et al. veröffentlicht mit 48 Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren unter Therapie mit RT und RCTx. PBM wurde als effektiv in der Prävention und Kontrolle der schweren OM bestätigt [1926].
Bislang wird PBM nicht von den Krankenkassen erstattet.
Für die Durchführung der PBM bei alleiniger RT werden die in Tabelle Parameter zur Durchführung der PBM bei alleiniger RT (MASCC) dargestellten Parameter benannt [1920][497].
Tabelle 83: Parameter zur Durchführung der PBM bei alleiniger RT (MASCC)
|
Wellenlänge (nm) |
Leistungsdi |
Zeit pro |
Energiedichte (J/cm²) |
Punktgröße (cm2) |
Zahl Therapiepunkte |
Dauer der Behandlung |
|
632,8 |
24 |
125 |
3,0 |
1 |
12 |
RT-Serie |
Für die Durchführung der PBM bei kombinierter RCTx werden die in Tabelle Parameter zur Durchführung der PBM bei RCTx (MASCC) dargestellten Parameter beschrieben [1918][497][1931].
Tabelle 84: Parameter zur Durchführung der PBM bei RCTx (MASCC)
|
Wellenlänge (nm) |
Leistungsdi |
Zeit pro |
Energiedichte (J/cm²) |
Punktgröße (cm2) |
Zahl Therapiepunkte |
Dauer der Behandlung |
|
660 |
417 |
10 |
4,2 |
0,24 |
72 |
RT-Serie |
|
660 |
625 |
10 |
6,2 |
0,04 |
69 |
RT-Serie |
11.9.1.13 Weitere Substanzen
Für folgende weitere Substanzen ist aufgrund fehlender oder widersprüchlicher Daten eine Empfehlung für oder gegen die Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis nicht möglich:
- Amifostin
- Bethanechol
- Calcium-Phosphat (Caphosol)
- CHIN (chinesiche Kräuter-Lösung)
- Cistus-Tee Spüllösung
- Dentoxol®
- D-Methionin
- Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierender Faktor (GM-CSF)
- Impact® oral
- Kamille
- Kefir
- Manuka/Kanuka-Öl
- Maulbeeren-Sirup
- Melatonin
- Mucosamin®
- Payayor
- Pentoxifyllin und Vitamin E
- Platlet Gel Supernatant (PGS)
- Pilocarpin
- Plantago major (Breitwegerich)
- Propolis
- Speichelersatzmittel
- Traumeel S®
- Vitamin A
- Vitamin D Gel
- Zataria multiflora (ZM)
- Evidenzlevel
- 3
Bezüglich der Zuordnung der Literatur verweisen wir auf die untenstehende Tabelle.
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [511] [589] [1857] [546] [512] [513] [515] [514] [1932] [1933] [1934] [1935] [1936] [1937] [1938] [1939] [1940] [1941] [1942] [1943] [1944] [1945] [1946] [1947] [1948] [1949] [1950] [1951] [1952] [1953] [1954] [1955] [1632] [1956] [1869] [1957] [504] [1958]
Änderungshinweis
Für folgende weitere Substanzen ist auf Grund fehlender oder widersprüchlicher Daten eine Empfehlung für oder gegen die Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis nicht möglich: - Aloe vera Mundspülung - Amifostin - Azelastin Tabletten - Betamethason- Mundspülung - Bethanechol - Flurbiprophen als intraorales Pflaster - GCSF - Glutamin - Hyaluronsäure - Immunglobuline i.m. - Indogowood-Mundspülung - Indomethacin Tabletten - Kamille - Kefir - Manuka/Kanuka-Öl, Mucotrol, Collagenspray - Papayor - Pilocarpin - Prostaglandin E2 Mundspülung - Speichelersatzmittel - Superoxid-Dismuthase i.m. - Vitamin A, Vitamin E, Mischvitamine - Wobe-mugos®Evidenztabellen (1)
Boisselier 2020Tabelle 85: Substanzen, für die eine Aussage bezüglich der Prophylaxe der radiogenen OM nicht möglich ist
|
Substanz |
Kommentar |
|
Aloe vera |
Wir verweisen auf die S3-Leitlinie Komplementärmedizin. |
|
Amifostin
|
Leitlinienadapation Nicolatou-Galitis et al. 2013 [1857] und Elad et al. 2020 [1632]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: intravenös
subkutan
→ widersprüchliche Datenlage |
|
Bethanechol Parasympahtikomimetika zur Therapie von Atonien, z.B. bei Blasenatonie |
Leitlinienadaptation Jensen et al. 2013 [511] und Yarom et al. 2019 [515]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Jham et al. 2009 [1977]:
|
|
Calcium-Phosphat (Caphosol) übersättigte Elektrolytlösung zur Befeuchtung der Schleimhäute |
Kiprian et al. 2016 [1935]:
Wong et al. 2017 [1956]:
Caphosol ist ein frei verkäufliches Medizinprodukt. → widersprüchliche Studienlage |
|
CHIN (chinesische Kräuter-Lösung) traditionelles chinesisches Heilmittel, mit Rhabarber, Süßholz, Minze, Forsythie, Helmkraut, Glöckchentraube, Pfingstrosenwurzel, Braunwurzwurzel und Regenwurm
|
Wang et al. 2018 [1933]:
Leitlinienadapation Lalla et al. 2014 [589]:
|
|
Cistus-Tee Spüllösung Aufgussgetränk aus den Blättern und der Rinde der Zistrose (Cistus |
Ebert et al. 2021 [1932]:
|
|
Dentoxol® wässrige Mundspüllösung bestehend aus gereinigtem Wasser, Xylitol, Natriumbikarbonat, Eugenol, Kampher, Parachlorphenol und Pfefferminzöl; regt die lokale Regeneration des Epithels durch Abtragung geschädigter Zellen an |
Lalla et al. 2020 [1937]:
|
|
D-Methionin Spiegelbild-Isomer der natürlichen Aminosäure L-Methionin |
Hamstra et al. 2018 [1938]:
|
|
Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierender Faktor (GM-CSF) hier in der systemischen Anwendung und topisch als Mundspüllösung |
Leitlinienadaptation Logan et al. 2020 [513]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: systemisch Hoffman et al. 2014 [1978] McAleese et al. 2006 [1979]
Ryu et al. 2007 [1980]:
topisch Sprinzl et al. 2001 [1981] zusätzliche Literatur: Dodd et al. 2022 [1939]:
→ Die GM-CSF-Mundspüllösung ist mit höheren Kosten verbunden. |
|
Impact® oral Trinknahrung, angereichert mit Vitaminen, Nährstoffen, Mineraltsoffen und immunmodulierenden Substanzen wie Arginin, Omega-3-Fettsäuren und Nukleotiden |
Boisselier et al. 2020 [1940]:
|
|
Kamille Mundspüllösung, zubereitet aus Echter Kamille (Matricaria chamomilla L.), einer Heilpflanze, die insbesondere bei Entzündungen eingesetzt wird |
Leitlinienadaptation Yarom et al. 2020 [515]:
zusätzliche Literatur: Lima et al. 2021 [1952]: Review zum Einsatz von Kamille bei oraler Mukositis
→ Nutzen von Kamille bei RT bzw. RCTx nicht ausreichend bewiesen |
|
Kefir dickflüssiges Sauermilchprodukt, hergestellt durch Fermentation von Milch mit Hilfe von Milchsäurebakterien und Hefen |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 [546] und Saunders et al. 2020 [504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Topuz et al. 2008 [547]:
|
|
Manuka/Kanuka-Öl antibakterielle, antimykotische, entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung |
Leitlinienadaptation Yarom et al. 2013 [512] und Yarom et al. 2020 [515]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Maddocks-Jennings et al. 2009 [1885]:
|
|
Maulbeeren-Sirup Die Frucht der Maulbeere ist reich an Vitamin C, Spurenelementen und Antioxidantien. |
Demir et al. 2017 [1941]:
→ weitere Studien erforderlich |
|
Melatonin in der Epiphyse gebildetes Hormon, steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, antioxidative Wirkung
|
Onseng et al. 2017 [1942]:
→ Studiendesign mit deutlichen Schwächen Lozano et al. 2021 [1943]:
Elsabagh et al. 2020 [1953]:
→ unzureichende Datenlage |
|
Mucosamin® Mundspüllösung mit Hyaluronsäure und Aminosäuren, befeuchtet und schützt die Mundschleimhaut
|
Nasrollahi et al. 2021 [1944]:
→ unzureichende Datenlage, weiter Studien bleiben abzuwarten |
|
Payayor Clinacanthus nutans, thailändisches Kraut, das bei Verbrennungen, Insektenstichen, Hautausschlägen, Herpes simplex und Herpes zoster Wunden und Varizella zoster Infektionen verwendet wird |
Leitlinienadaptation Jensen et al. 2013 [511] und Yarom et al. 2020 [515]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Putwatana et al. 2009 [1869]:
|
|
Pentoxifyllin und Vitamin E Pentoxifyllin ist ein Xanthin-Derivat und wird als Vasodilatans und Rheologikum eingesetzt. Vitamin E ist antioxidativ wirksam. |
Sayed et al. 2019 [1945]:
→ keine nachhaltige Beurteilung der Intervention möglich |
|
Platlet Gel Supernatant (PGS) autologes Thrombozyten-Gel, gewonnen aus 50 ml Vollblut durch Zentrifugation, enthält Wirkstoffe zum Aufbau eines Fibrinnetzes, ist antibakteriell aktiv
|
Bonfili et al. 2017 [1946]:
→ weitere Studien bleiben abzuwarten. |
|
Pilocarpin Parasympahtikomimetikum, hauptsächlich eingesetzt zur Therapie des Glaukoms
|
Scarantino, C et al. 2006 [1958]:
Warde, P. et al. 2002 [1955]:
|
|
Plantago major (Breitwegerich) Heilpflanze, wirkt entzündungshemmend und fördert die Wundheilung |
Soltani et al. 2020 [1947]:
|
|
Propolis von Bienen produziertes Harz mit antibakterieller, antiviraler und antifungaler Wirkung |
Leitlinienadaptation Yarom et al. 2019 [515]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation:
→ keine ausreichenden Daten vielversprechende Ergebnisse aus neueren Arbeiten:
→ trotz positiver Tendenz ist keine Empfehlung möglich:
|
|
Speichelersatzmittel als Gel, Spray oder Mundspüllösung, je nach Hersteller in unterschiedlicher Zusammensetzung erhältlich |
Verweis: Kapitel radiogene Xerostomie
|
|
Traumeel S® homöopathisches Arzneimittel, Anwendung bei entzündlichen und degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates, erhältlich als Creme und in Tablettenform |
Leitlinienadaptation Yarom et al. 2020 [515]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Steinmann, D et al. 2012 [1983]:
|
|
Vitamin A Vitamin A ist am Zellwachstum und an der Regeneration von Haut und Schleimhäuten beteiligt. |
Leitlinienadaptation Yarom et al. 2013 [512] und Yarom et al. 2019 [514]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Mills et al.1988 [1984]:
→ kleine Stickprobe, unzureichende und widersprüchliche Datenlage |
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Vitamin D Gel fettlösliches Vitamin, beteiligt beim Calciumstoffwechsel |
Bakr et al. 2020 [1948]:
→ weitere Studien bleiben abzuwarten. |
|
Zataria multiflora (ZM) Zataria multiflora ist ein Lippenblütler, der überwiegend im asiatischen Raum vorkommt; als Tee ist die Pflanze auch bei uns erhältlich.
|
Aghamohammadi et al. 2018 [1949]:
methodische Mängel der Studie, weitere Studien bleiben abzuwarten |
11.9.2 Therapie der akuten Mukositis
Beim Auftreten einer OM werden Maßnahmen zur Mundpflege fortgeführt und um Maßnahme zur Symptomkontrolle, wie Schmerztherapie und die Sicherstellung der Nahrungsaufnahme, ergänzt. In der Beurteilung der Wirksamkeit eingesetzter Substanzen ist zu berücksichtigen, dass der Übergang von der Prophylaxe zur Therapie fließend ist. In zahlreichen Studien werden die prophylaktischen Maßnahmen trotz Auftreten der OM fortgeführt.
11.9.2.1 Regelmäßige Untersuchungen der Mundhöhle
Regelmäßige Untersuchungen der Mundhöhle sowie die Erfassung von Schmerzen, Schluckbeschwerden und Superinfektion sollen durchgeführt werden und ermöglichen die frühzeitige symptomorientierte und antiinfektive Therapie.
Änderungshinweis
Änderung auf konsensbasiert11.9.2.2 Topische Schmerzmittel
Bei leichten Schmerzen sollen primär topische Schmerzmittel in der Mundhöhle eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [546] [589] [655] [1985] [504]
Änderungshinweis
Primär sollen topische Schmerzmittel zur Linderung von Schmerzen in der Mundhöhle eingesetzt werden.Evidenztabellen (1)
Nagaoka 2021Auch wenn nur wenige Studien den Einsatz topischer Schmerzmittel untersuchen, sind sie als Mittel der ersten Wahl etabliert. Nagaoka et al. erreichten bei 60 Patient*innen unter Chemotherapie bzw. RT und RCTx eine Schmerzlinderung bei OM durch den Einsatz von Indomethacin [655]. In der multizentrischen, randomisierten und doppelt verblindeten Studie von Sio et al. mit 275 Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren wurde Doxepin vs. eine Diphenhydramin-Lidocain-Antacidum-Mischung vs. Placebo untersucht [1985]. Beide topischen Schmerzmittel wirkten signifikant besser als Placebo, der Unterschied zwischen beiden Mischungen war marginal. Eine mögliche Rezeptur für Doxepin 0,5 % wäre z. B. Doxepin 25 mg/2 ml mit Wasser ad Inj auf 5 ml verdünnen. Für eine Rezeptur Empfehlung sind die Daten aus der Studie nicht ausreichend.
11.9.2.3 Systemische Schmerztherapie bei radiogener Mukositis
Eine systemische Schmerztherapie sollte bereits bei moderaten Schmerzen durch radiogene orale Mukositis angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1986]
Evidenztabellen (1)
Hua 2018Die Schmerzen durch OM unter RT bzw. RCTx sind direkt verantwortlich für viele Komplikationen – wie zum Beispiel Mangelernährung, Exsikkose, Noncompliance und Therapieunterbrechungen. Das Grundprinzip der Schmerztherapie wurde in einer kleinen Studie mit 56 Patient*innen von Hua et al. (2018) untersucht [1986]. Sie analysierten den Einfluss kontrolliert eingesetzter Morphine – hier Oxycodon – auf die Lebensqualität und die Schmerzkontrolle. In der Gruppe von Patient*innen, die bereits bei moderaten Schmerzen durch OM mit Morphinen versorgt wurden, war die Zeit bis zum Erreichen eines subjektiv erträglichen Niveaus von Schmerzen kürzer, die Gesamtkontrolle der Schmerzen besser und der Gewichtsverlust geringer.
11.9.2.4 Mundspülung mit Opioiden
Mundspülung mit Morphin (0,2 %, Rezeptur) kann für die topische Behandlung von Schmerzen durch eine radiogene orale Mukositis eingesetzt werden. Genaue Einnahmehinweise sind erforderlich, um versehentliche systemische Nebenwirkungen zu vermeiden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [589] [546] [630] [504] [635] [1987]
Evidenztabellen (1)
Sarvizadeh 2015Die topische Schmerztherapie mit Morphin wurde in mehreren Studien untersucht [1987][630][635][504]. Zu beachten ist, dass die Lösung individuell angefertigt werden muss (Rezeptur).
Patient*innen sind ausführlich über die Anwendung der Mundspüllösung zu informieren, um eine unbeabsichtigte systemische Wirkung und Nebenwirkungen, wie Sedierung, Atemdepression und Obstipation, zu vermeiden. Das betrifft die Menge pro Applikation, die Dauer des Spülens, das Ausspucken der Lösung und die Aufbewahrung der Mundspüllösung.
11.9.2.5 Sucralfat
Sucralfat soll nicht zur Behandlung der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [589] [546] [504] [1752] [1988] [1989] [1990] [507]
Evidenztabellen (1)
Dodd 200311.9.2.6 Weitere Substanzen und Anwendungen
Für folgende Substanzen bzw. Anwendungen ist aufgrund fehlender oder widersprüchlicher Daten keine Empfehlung für eine Therapie der radiogenen oralen Mukositis möglich:
- Amethocain bzw. Tetracain
- Amifostin
- Acetylsalicylsäure (ASS)
- Capsaicin
- Chlorhexidin
- Collagenspray
- Kokain
- Gabapentin
- Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor (G-CSF)
- Glutamin
- Ketamin
- Kryotherapie
- Nortriptylin
- Superoxid-Dismutase i.m., i.v. (Orgotein)
- Triclosan
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1857] [654] [546] [512] [607] [480] [514] [489] [504] [513] [1632]
Änderungshinweis
Für folgende Substanzen ist auf Grund fehlender oder widersprüchlicher Daten keine Empfehlung für eine Therapie der radiogenen oralen Mucositist möglich: • Amethocain • Amifostin • Aspirin • Benzydamin • Capsaicin • Chlorhexidin • Cocain, • Diphenhydramin Mundspülung • Gabapentin • G-CSF • Glutamin • Ketamin • Kryotherapie • Nortryptilin • Prostaglandin E2 Mundspülung • Tetracain • TriclosanTabelle 86: Substanzen und Anwendungen, für die keine Aussage möglich ist
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Substanz |
Kommentar |
|
Amethocain bzw. Tetracain Lokalanästhetikum, findet insbesondere Verwendung in der Augenheilkunde |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Logan et al. 2002 [1991]:
Alterio et al. 2006 [1992]:
unzureichende Datenlage |
|
Amifostin verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit zytoprotektiver, chemo- und radioprotektiver Wirkung |
Leitlinienadaptation Nicolatou-Galitis et al. 2013 und Elad et al. 2020 [1857][1632]:
|
|
Acetylsalicylsäure (ASS) nicht-steroidales Antirheumatikum mit schmerzstillender, entzündungshemmender, fiebersenkender und thrombozytenaggregationshemmender Wirkung |
Leitlinienadaptation Nicolatou-Galitis et al. 2013 und Ariyawardana et al. 2019 [607][548]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Kaushal, V et al. 2001 [1993]:
|
|
Capsaicin Alkaloid aus Paprika-Arten (Capsicum), medizinisch eingesetzt u.a. bei Nervenschmerzen und Durchblutungsstörungen |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Berger et al. 1995 [1994]:
|
|
Chlorhexidin Antiseptikum zur Therapie von Entzündungen im Mundraum, antibakterielle Wirksamkeit. |
Leitlinienadaptation Hong et al. 2019 [480]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Roopashri et al. 2011 [1995]:
|
|
Collagenspray |
Leitlinienadaptation Yarom et al. 2013 und Yarom et al. 2019 [512][514]:
unzureichende Datenlage |
|
Kokain Rauschdroge, gewonnen aus den Blättern des Cocastrauche; Tropanalkaloid mit lokalanästhetischer Wirkung |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Newport et al. 2010 [1996]:
unzureichende Datenlage |
|
Gabapentin Antikonvulsivum zur Behandlung der Epilepsie und neuropathischer Schmerzen |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Bar Ad et al. 2010 [1997]:
Bar Ad et al. 2010 [1997]:
unzureichende Datenlage |
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Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor (G-CSF) Mundspüllösung bzw. subkutane Anwendung |
Leitlinienadaptation Raber-Durlacher et al. 2013 und Logan et al. 2020 [654][513]:
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Glutamin nicht essentielle Aminosäure, Hauptenergieträger für Zellen mit hoher Umsatzrate
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Leitlinienadaptation: Yarom et al. 2013 und 2019 [512][514]:
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Ketamin Allgemeinanästhetikum mit anästhetischer, analgetischer und psychotroper Wirkung |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Slatkin et al. 2003 [1998]:
unzureichende Datenlage |
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Kryotherapie Kühlung der Mundhöhle, z.B. durch das Lutschen von Eiswürfeln oder Mundspülungen mit Eiswasser |
Leitlinienadaptation Correa et al. 2019 [489]:
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Nortriptylin trizykliches Antidepressivum mit analgetischen Eigenschaften
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Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Ehrnrooth et al. 2001 [1999]:
unzureichende Datenlage |
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Superoxid-Dismutase (Orgotein) aus der Rinderleber gewonnenes Protein mit Kupfer- und Zinkmolekülen; fängt freie Sauerstoffradikale |
Leitlinienadaptation Nicolatou-Galitis et al. 2013 [607]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Valencia et al. 2002 [2000]:
unzureichende Datenlage |
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Triclosan antibakteriell und antifungal wirksames Desinfektionsmittel |
Leitlinienadaptation Saunders et al. 2013 und 2020 [546][504]: zugrundeliegende Primärliteratur aus der Leitlinienadaptation: Satheeshkumar et al. 2010 [2001]:
unzureichende Datenlage
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11.9.3 Zusammenfassung
Tabelle 87: Zusammenfassung der Empfehlungen zur radiogenen OM
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Radiogene Mukositis |
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Empfehlungsgrad |
LoE |
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Prophylaxe der akuten Mukositis |
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Mundpflege bei allen Patient*innen |
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Standardisierte Mundpflege zur Prophylaxe oraler Mukositis soll in allen Altersgruppen und bei allen Behandlungsarten mit einem Risiko für orale Mukositis erfolgen. Diese besteht aus: 1. Pflege durch die Patientin/ den Patienten
3. Fluoridierung zum Schutz der Zähne 4. engmaschige klinische Kontrolle und Beratung unter laufender Therapie |
A |
3 |
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Benzydamin |
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Benzydamin (1,5 mg/ml, entspricht einer 0,15%igen Lösung) sollte bei alleiniger Strahlentherapie zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. |
B |
2 |
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Benzydamin (1,5 mg/ml, entspricht einer 0,15%igen Lösung) kann bei Radiochemotherapie zur Prophylaxe der oralen Mukositis eingesetzt werden. |
0 |
2 |
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Glutamin |
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|
Glutamin oral kann zur Prophylaxe der radiogenen OM eingesetzt werden.* *Dosierung: 3 x 3 g bis 3 x 10 g sind in Studien untersucht; Maximaldosis: 30 g/d. |
0 |
1 |
|
Honig |
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Natürlicher Honig kann zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. |
0 |
1 |
|
Manuka-Honig soll nicht zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. |
A |
1 |
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Antibiotische oder antimykotische Mundspülungen |
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Antibiotisch oder antimykotisch wirksame Mundspülungen sollen nicht in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. |
A |
1 |
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Sucralfat |
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Sucralfat soll nicht in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. |
A |
2 |
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Misoprostol Mundspülung |
||
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Misoprostol Mundspülung soll nicht zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis angewendet werden. |
A |
2 |
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Kryotherapie |
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Zur Anwendung von Kryotherapie in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen. |
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3 |
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Kurkuma / Curcumin |
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Die Einnahme Curcumin-haltiger Präparate soll nicht zur Prävention einer radiogenen OM angewendet werden. |
A |
1 |
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Low-level-Lasertherapie (LLL) = Photobiomodulations-Therapie (PBM) |
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|
Eine Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis mit Low-Level-Lasertherapie und einem der gezeigten Schemata kann erfolgen; dies gilt für die intraorale Anwendung bei Radiotherapie und Radiochemotherapie. |
0 |
1 |
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Gabapentin |
||
|
Gabapentin sollte nicht zur Prophylaxe von Schmerzen bei radiogener oraler Mukositis eingesetzt werden. |
B |
2 |
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Weitere Substanzen |
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Für folgende weitere Substanzen ist aufgrund fehlender oder widersprüchlicher Daten eine Empfehlung für oder gegen die Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis nicht möglich: Amifostin, Bethanechol, Calcium-Phosphat (Caphosol), CHIN (chinesiche Kräuter-Lösung), Cistus-Tee Spüllösung, Collagenspray, Dentoxol®, D-Methionin, Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierender Faktor (GM-CSF), Impact® oral, Kamille, Kefir, Manuka/Kanuka-Öl, Maulbeeren-Sirup, Melatonin, Mucosamin®, Payayor, Pentoxifyllin und Vitamin E, Platlet Gel Supernatant (PGS), Pilocarpin, Plantago major (Breitwegerich), Propolis, Speichelersatzmittel, Traumeel S®, Vitamin A, Vitamin D Gel, Zataria multiflora (ZM) |
|
3 |
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Therapie der akuten Mukositis |
||
|
Regelmäßige Untersuchungen der Mundhöhle |
||
|
Regelmäßige Untersuchungen der Mundhöhle sowie die Erfassung von Schmerzen, Schluckbeschwerden und Superinfektion sollen durchgeführt werden und ermöglichen die frühzeitige symptomorientierte und antiinfektive Therapie. |
A |
|
|
Topische Schmerzmittel |
||
|
Bei leichten Schmerzen sollen primär topische Schmerzmittel in der Mundhöhle eingesetzt werden. |
A |
3 |
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Systemische Schmerztherapie bei radiogener Mukositis |
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Eine systemische Schmerztherapie sollte bereits bei moderaten Schmerzen durch radiogene orale Mukositis angewendet werden. |
B |
4 |
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Mundspülung mit Opioiden |
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Mundspülung mit Morphin (0,2 %, Rezeptur) kann für die topische Behandlung von Schmerzen durch eine radiogene orale Mukositis eingesetzt werden. Genaue Einnahmehinweise sind erforderlich, um versehentliche systemische Nebenwirkungen zu vermeiden. |
0 |
2 |
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Sucralfat |
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Sucralfat soll nicht zur Behandlung der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. |
A |
2 |
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Weitere Substanzen |
||
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Für folgende Substanzen bzw. Anwendungen ist aufgrund fehlender oder widersprüchlicher Daten keine Empfehlung für eine Therapie der radiogenen oralen Mukositis möglich: Amethocain bzw. Tetracain, Amifostin, Acetylsalicylsäure (ASS), Capsaicin, Chlorhexidin, Kokain, Gabapentin, Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor (G-CSF), Glutamin, Ketamin, Kryotherapie, Nortriptylin, Superoxid-Dismutase i.m., i.v. (Orgotein),Triclosan |
|
3 |
11.10 Radiogene Xerostomie
11.10.1 Prophylaxe der radiogenen Xerostomie
11.10.1.1 Bestrahlungstechnik
Die Dosis an den Speicheldrüsen soll durch geeignete Bestrahlungstechniken, z.B. intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT), reduziert werden.
- dreidimensionale konforme Strahlentherapie vs. IMRT
- Patient*innen mit Plattenepithelkarzinomen im Kopf- und Halsbereich
- statistisch signifikante Verbesserung der Xerostomie
- zweidimensionalen konventionellen Strahlentherapie vs. IMRT
- Patient*innen mit Nasopharynxkarzinomen
- verringerte Inzidenz und Schwere der Xerostomie in der IMRT-Gruppe
- sequentielle vs. gleichzeitige integrierte Boost-IMRT
- Patient*innen mit Nasopharynxkarzinomen
- ähnliche Ergebnisse hinsichtlich akuter unerwünschter Ereignisse und Toxizitäten für die beiden Techniken
- gleichzeitige modulierte beschleunigte Strahlentherapie vs. gleichzeitige integrierte Boost-IMRT
- Patient*innen mit lokal fortgeschrittenem Kopf- und Halstumoren
- ähnliche nachteilige Ergebnisse
- IMRT in Kombination mit rekombiniertem humanisiertem Endostatin vs. IMRT in Kombination mit gleichzeitiger Chemotherapie
- Patienten mit lokal fortgeschrittenem Nasopharynxkarzinom
- keine signifikanten Unterschiede im Xerostomie-Score zwischen den beiden Gruppen
alle eingeschlossenen Studien verwendeten IMRT; keine Literatur zu neuartigen Strahlungsmodalitäten war verfügbar
11.10.1.2 Amifostin
Amifostin kann zur Prophylaxe der radiogenen Xerostomie eingesetzt werden.
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1965] [2019] [1959] [1969] [2020] [1966] [2021] [2022] [1961]
Änderungshinweis
Redaktionell: Amifostin ist wirksam in der Prophylaxe der radiogenen Xerostomie. Es kann unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils eingesetzt werden.Evidenztabellen (8)
Antonadou 2002; Bardet 2011; Brizel 2000; Büntzel 2006; Jellema 2006; Vacha 2003; Veerasarn 2006; Wassermann 2005Zum Einsatz von Amifostin in der Prophylaxe der radiogenen Xerostomie finden sich zahlreiche Veröffentlichungen. Für die Leitlinie wurden ausschließlich Publikationen von Phase-III-Studien ausgewählt. Die Studien waren entweder offen randomisiert [1959][2023][1966][2021][1961] oder es wurden verschiedene Dosisstufen und Applikationswege untersucht [2024][2020]. Lediglich die Studie von Buentzel et al. [1969] und Lee et al. [2022] waren doppelt verblindet. In der Studie von Buentzel et al. wurden geringere Amifostindosen verwendet, was den Vergleich mit den anderen Studien schwierig macht. Die Studie von Lee et al. wurde vorzeitig mit kleiner Patient*innenzahl abgebrochen.
Insgesamt lassen die Daten sich folgendermaßen zusammenfassen: In allen Studien konnte gezeigt werden, dass Amifostin in allen untersuchten Endpunkten die Ausprägung der Xerostomie signifikant verringert. Ausnahme ist die Studie von Buentzel et al., in der geringere Amifostindosen verwendet wurden und kein signifikanter Vorteil für Amifostin nachweisbar war [1969]. Die subkutane Applikation war ähnlich erfolgreich wie die intravenöse. Bardet et al. verglichen die beiden Applikationswege miteinander und konnten bezüglich der Wirkung und Compliance keinen signifikanten Unterschied nachweisen [2024]. Es fand sich auch überwiegend kein Effekt auf die Ausprägung anderer untersuchter radiogener Nebenwirkungen wie der OM oder der Dysphagie. Die Nebenwirkungen der subkutanen und der intravenösen Therapie mit Amifostin waren z.T. signifikant verschieden, traten aber in beiden Studienarmen auf: mehr Hypotension bei i.v.-Gabe, mehr Hautausschlag und lokale Schmerzen bei s.c.-Applikation. Die subkutane Applikation ist ein Off-Label-Use.
Die klinische Akzeptanz der Substanz wird trotz der nachgewiesenen Wirkung durch mehrere Aspekte eingeschränkt. Es fanden sich in allen Studien zum Teil erhebliche Nebenwirkungen. Zu nennen sind schwere Hypotension, Übelkeit (bei 44 %, unterschiedliche Schweregrade), Erbrechen (in 37 %, [1959]), allergische Reaktionen, Fieber und Tachykardie. Zudem bedarf es einer guten zeitlichen Abstimmung von Medikamentengabe und Radiotherapie.
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
11.10.1.3 Pilocarpin
Pilocarpin sollte nicht in der Prophylaxe der radiogenen Xerostomie eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2025] [2026] [2027] [1955] [2028] [1958]
Evidenztabellen (6)
Burlage 2008; Gornitsky 2004; Haddad 2002; Nyarady 2006; Scarantino 2006; Warde 200211.10.1.4 Akupunktur
11.10.1.5 Operative Speicheldrüsenverlagerung
Die operative Verlagerung der Glandula submandibularis kann bei geeigneten Patient*innen zur Prophylaxe der radiogenen Xerostomie eingesetzt werden.
Mit Ausnahme der Studie von Scrimger et al. 2018 stammen die Studien zur Speicheldrüsenverlagerung aus einer Zeit, als die IMRT noch nicht die Standardtechnik bei der Bestrahlung von Kopf-Hals-Tumoren war [2030][2031][2032][2034]. Bei konventionellen Techniken waren fast unausweichlich beide Parotiden sowie beide Glandulae submandibulares im Hochdosisbereich. Es war daher naheliegend, sie aus diesem Bereich operativ zu verlegen, mit Clips zu markieren und dann bei der Bestrahlung zu schonen. Die Studien zu dem Thema sind zwar randomisiert, aber nicht verblindet.
Bei der Update-Recherche fand sich eine Studie und eine Metaanalyse [2033][2034]. In der Studie von Scrimger et al. (2018) [2033] wurde die operative Verlagerung der Glandulae submandibulares mit einer postoperativen IMRT und Speicheldrüsenschonung kombiniert (n = 40). In dieser Studie trat nur in einem Fall nach der Bestrahlung mit 60 Gy eine III°-Xerostomie. Nach einem Jahr war der Speichelfluss bei allen Patient*innen im Mittel bei 75 % der Ausgangsmenge und nur 11 % hatten eine höhergradige Xerostomie. Diese Studie stützt die Empfehlung, dass eine operative Verlagerung der Glandula submandibularis bei geeigneten Patient*innen eingesetzt werden kann, um in Kombination mit IMRT zur Prophylaxe der radiogenen Xerostomie beizutragen. In der Metaanalyse von Wu et al. (2015) [2034] wurden sieben Studien [2030][2035][2036][2037][2038][2039][2032] mit 369 Patient*innen ausgewertet.
Bezüglich der akuten Xerostomie wurden drei Studien ausgewertet und ergaben, dass die operative Verlagerung der Glandula submandibularis das Risiko um 69 % reduzieren kann (RR 0,31, 95 % KI: 0,16 – 0,62; p = 0,0009). Bei spät einsetzender Xerostomie nach Radiotherapie wurden vier Studien der Metaanalyse gemeinsam ausgewertet, die eine Risikoreduktion von 81 % (RR: 19; 95 % KI: 0,09 – 0,43, p < 0,0001) zugunsten der operativen Verlagerung belegten. Die Autor*innen der Metaanalyse schlussfolgerten jedoch, dass weitere Studien notwendig sind, um dieses Verfahren zu etablieren.
Voraussetzung für den Einsatz der operativen Technik sind allerdings zahlreiche Kriterien wie z.B. die Ersttherapie oder fehlender lokaler Lymphknotenbefall, weshalb dieses Verfahren nur bei einem kleinen Teil von Patient*innen sinnvoll eingesetzt werden kann [2040].
11.10.1.6 Bethanechol
Bethanechol kann in der Prophylaxe der radiogenen Xerostomie mit einer Dosierung von 2 x 25 mg p.o. pro Tag während der Radiotherapie eingesetzt werden. (OFF-LABEL)
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2041] [2042]
Evidenztabellen (1)
Jham 2007In der Studie von Jham (2007, n = 43) fand sich ein tendenziell positiver Effekt von Bethanechol auf verschiedene Xerostomie-assoziierte Endpunkte, der jedoch überwiegend keine statistische Signifikanz erreichte [2042]. Lediglich bei der Sialometrie war der Speichelfluss in der Bethanechol-Gruppe nur direkt nach Abschluss der Bestrahlung signifikant höher, jedoch zu keinem weiteren Zeitpunkt im Follow-up. Jaguar et al. (2015) untersuchten den prophylaktischen Einsatz von Bethanechol zur Vorbeugung von Funktionsstörungen der Speicheldrüsen während der Strahlentherapie an 97 Patient*innen [2041]. Die randomisierte Studie wurde mit dem Evidenzniveau 2 bewertet, war doppelt verblindet und Placebo kontrolliert. Im experimentellen Arm trat signifikant weniger III°-Xerostomie nach drei Monaten auf (38 % vs. 72 %), auch Speichelfluss und Sialoszintigraphie wiesen bessere Werte für den Verum-Arm auf.
Potentielle Nebenwirkungen wie Bronchokonstriktion, Hypotonie, Akkommodationsstörungen, Schwindel oder Übelkeit sowie die Anwendung im Off-Label-Use sind zu berücksichtigen.
11.10.1.7 Weitere Medikamente
Für oder gegen den Einsatz der folgenden Substanzen in der Prophylaxe der radiogenen Xerostomie ist aufgrund widersprüchlicher Evidenz keine Empfehlung möglich:
- Selen
- N-Acetyl-Cystein
- Thymianhonig
Änderungshinweis
Für oder gegen den Einsatz der folgenden Substanzen in der Prophylaxe der radiogenen Xerostomie ist auf Grund fehlender Evidenz keine Empfehlung möglich: • Selen • BethanecholEvidenztabellen (1)
Büntzel 201011.10.2 Therapie der radiogenen Xerostomie
11.10.2.1 Pilocarpin
Pilocarpin soll zur Behandlung der radiogenen Xerostomie eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2006] [2046] [2047] [2048] [2049]
Änderungshinweis
Pilocarpin soll unter Berücksichtigung von Wirksamkeit und Nebenwirkungen für die Behandlung der radiogenen Xerostomie eingesetzt werden. Empfohlen ist eine Dosis von 3x tgl. 5 mg oraler Applikation.Pilocarpin wirkt an den großen und kleinen Speicheldrüsen. Bei bestehender, klinisch relevanter Xerostomie ist die Gabe von 3 x 5 mg p.o. Pilocarpin signifikant besser als Placebo, unabhängig davon, ob die mittlere Parotis-Dosis über oder unter 50 Gy liegt.
Johnson et al. (1993) untersuchten in einer prospektiven, doppelt verblindeten und placebokontrollierten Studie mit 207 Patient*innen die Wirksamkeit von Pilocarpin im Hinblick auf die Speichelproduktion [2006]. Patient*innen erhielten über einen Zeitraum von insgesamt 12 Wochen entweder 5 mg oder 10 mg Pilocarpin, bzw. ein entsprechendes Placebo. Beide Verum-Gruppen waren dem Placebo in zahlreichen Endpunkten signifikant überlegen. So konnte beispielsweise eine allgemeine Verbesserung der Xerostomie nach der Behandlung sowie eine signifikante Verbesserung des Mundempfindens für die Interventionsgruppe verzeichnet werden (5 mg Pilocarpin, RR: 2,00; 95 % KI: 1,21 - 3,29; 10 mg Pilocarpin, RR: 1,93; 95 % KI: 1,15 - 3,24). Ein Unterschied zwischen den beiden Dosierungen fand sich lediglich bei den Nebenwirkungen - insbesondere stärkeres Schwitzen und Schüttelfrost -, die bei der höheren Dosis mit 10 mg vermehrt auftraten.
LeVeque et al. (1993) untersuchte bei 162 Patient*innen Pilocarpin vs. Placebo doppelblind, wobei die Pilocarpin-Dosis schrittweise gesteigert wurde: beginnend bei 3 x 2,5 mg, dann 3 x 5 mg und bei Ineffektivität 3 x 10 mg [2046]. Auch hier zeigte sich der signifikant positive Effekt, vor allem wenn die Therapie drei Monate kontinuierlich erfolgte.
Die Studie von Horiot et al. (2000) zielte darauf ab, die Wirksamkeit von Pilocarpin zu bestätigen und eine Dosis-Wirkungsbeziehung für Parameter der Radiotherapie zu beschrieben [2047]. Hierzu wurden 156 Patient*innen mit schwerer RT-induzierter Xerostomie mit 15 mg Pilocarpin täglich behandelt. Die Dosis war individuell steigerbar, bis zu einer Maximaldosierung von 25 mg täglich nach neun Wochen. Es zeigte sich, dass die Patient*innen unabhängig von der Dosis oder Volumen der RT von Pilocarpin profitierten. Weiterhin kam es bei den Patient*innen, die nach 12 Wochen noch kein Ansprechen gezeigt hatten, auch nach längerer Gabe nicht zu einer Besserung der Xerostomie unter Pilocarpin, sodass dieser Zeitraum als cut-off für non-responder angesehen werden kann. In dieser Studie betraf das 26 % aller Patient*innen, die nach 12 Wochen die Therapie wegen akuter Nebenwirkungen - vornehmlich Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen - oder wegen ausbleibender Wirkung beendeten.
Die 265 Patient*innen aus den Studien von Johnson et al. und LeVeque et al. [2006] [2046] wurden in einer Nachfolgestudie weiter behandelt [2050]. Auch langfristig, bis zu einer Dauer von 36 Monaten, zeigte sich eine signifikante Besserung der Xerostomie mit Pilocarpin im Vergleich zur Ausgangssituation. In dieser Erhaltungsstudie brachen 48 Patient*innen (18,4 %) die Therapie wegen Nebenwirkungen – hauptsächlich vermehrtes Schwitzen - ab und 34 (12,8 %) wegen fehlender Wirksamkeit.
11.10.2.2 Speichelersatzmittel
Speichelersatzmittel können für die Therapie der radiogenen Xerostomie eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2051] [2052] [2053]
Evidenztabellen (1)
Nuchit 2019Für die Auswahl eines bestimmten Präparates gibt es keine Evidenz. Dennoch kann ein Therapieversuch sinnvoll sein und gilt als gelungen, wenn subjektiv für die einzelne Patientin/ den einzelnen Patienten eine Linderung der Beschwerden erreicht wird. Es ist darauf hinzuweisen, dass die regelmäßige Zufuhr von Wasser (zum Spülen oder Trinken) ebenfalls zu Linderung der Beschwerden beiträgt.
11.10.2.3 Akupunktur
11.10.2.4 Hyperbare Oxygenierung, hyperbare Sauerstofftherapie
Eine Empfehlung für oder gegen hyperbare Oxygenierung in der Therapie der Xerostomie ist aufgrund unzureichender Evidenz nicht möglich.
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2059]
Änderungshinweis
Nur redaktionell: Eine Empfehlung zur hyperbaren Oxygenierung in der Therapie der Xerostomie ist auf Grund mangelnder Evidenz nicht möglich.Evidenztabellen (1)
Gerlach 2008In einer Studie von Gerlach et al. (2008) wurde der Verlauf der postradiogenen Xerostomie bei 21 Patient*innen ausgewertet, die zur Prävention oder Therapie der Osteoradionekrose bzw. einer Weichteilnekrose eine hyperbare Sauerstofftherapie erhielten [2059]. Es zeigte sich ein Trend zur Besserung der Symptomatik auf den untersuchten Subskalen des QLQ-C30. Auch Schluckbeschwerden und Geschmacksstörungen besserten sich nach der Therapie signifikant. Ebenso berichteten Patient*innen über einen Anstieg der subjektiv wahrgenommenen Speichelmenge. Dennoch lässt sich aus einer so kleinen Untersuchung allenfalls ein Trend, jedoch keine Therapieempfehlung ableiten.
11.10.2.5 Mesenchymaler Stammzelltransplantation
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2060]
In einer randomisierten, placebokontrollierten Phase-I/II-Studie wurde bei 30 Patient*innen mit manifester Xerostomie geprüft, ob durch Injektion von mesenchymalen Stammzellen, die zuvor aus Fettgewebe gewonnen wurden, eine Besserung der Speichelproduktion erreicht werden kann [2060]. Vier Monate nach dem Eingriff zeigten sich ein Anstieg des unstimulierten Speichelflusses und eine Besserung der subjektiven Wahrnehmung in Bezug auf das Durstempfinden und das Essen fester Nahrung für Patient*innen der Interventionsgruppe. Eine Biopsie zeigte eine Zunahme des serösen Drüsengewebes und eine Abnahme des Fett- und Bindegewebes. Die Daten sind bislang jedoch nicht ausreichend, um die Maßnahme bei Patient*innen mit Xerostomie zu empfehlen.
11.10.2.6 Weitere topische Anwendungen
11.11 Radiogene Pneumonitis
Die radiogene Lungenfibrose führt abhängig vom betroffenen Lungenvolumen zu Dyspnoe, pulmonaler Hypertonie und evtl. Cor pulmonale. Bronchialstenosen können nach hohen Gesamtdosen > 74 Gy [2087] mit einer Latenzzeit von Monaten bis Jahren auftreten [2088][2089][2090] bzw. bei hohen Einzeldosen von 20 - 22 Gy [2091].
Von der klassischen Pneumonitis sind die seltene Pneumonitis vom Hypersensitivitäts-Typ oder strahleninduzierte Cryptogen-organizing pneumonia (COP), früher Bronchiolitis obliterans organisierende Pneumonie (BOOP) [2092], zu differenzieren [2093][2094][2095][2096][2097][2098][2099][2100][2101][2102] [2103]. Letztere tritt meist bei Patientinnen mit Mammakarzinom mehrere Monate nach Strahlentherapie auf und ist durch wandernde Infiltrate in- und außerhalb des Strahlenfeldes ipsi- und kontralateral gekennzeichnet. Sie ist mit Glukokortikoidtherapie reversibel und bleibt ohne Langzeitfolgen [2104], ohne dass der Nutzen der Glukokortikoidtherapie wirklich belegt ist [2105].
Im Sinne eines Recall-Phänomens kann eine Pneumonitis auch lange nach Bestrahlung, nach Chemo- oder Immunotherapie oder zielgerichteter Therapie z.B. mit Taxanen, Gemcitabin oder Tyrosinkinase-Inhibitoren (Erlotinib, Gefitinib, Sunitinib und Folgesubstanzen) auftreten [2106][2107][2092][2108][2109][2110][2111][2112][2113][2114].
Bei therapierefraktären Patient*innen stehen neben der radiogenen Pneumonitis weitere Differenzialdiagnosen zur Diskussion, die ggfs. eine bronchoalveoläre Lavage bzw. bronchoskopische Biopsie erforderlich machen [2082][2115].
Risikofaktoren
Das Risiko einer symptomatischen Pneumonitis steigt mit Dosis und bestrahltem Lungenvolumen an [2116] [2117]. Patient*innenspezifische Faktoren (höheres Alter der Patientin/ des Patienten, eingeschränkte Lungenfunktion vor Therapiebeginn mit FEV1 ≤ 60 % Ist/Soll, niedriger p02) sind zu berücksichtigen [2118][2119][2120][2089][2121][2122][2108][2123][2116].
Obwohl Nikotin einen protektiven Effekt für die entzündliche Komponente der Pneumonitis hat und die Pneumonitisrate zu senken scheint [2124][2125][2126][2127][2128][2123][2117], wird Nikotinkarenz angeraten, um eine Verbesserung der Lungenfunktion zu erreichen und das Risiko von Zweittumoren zu reduzieren [2129].
Eine zusätzliche Chemotherapie, vor allem mit Docetaxel und Gemcitabine [2106][2107][2092][2130][2131] kann das Risiko einer Pneumonitis oder einer Lungenfunktionsverschlechterung erhöhen (in einigen Untersuchungen bis zu dem Faktor 2) [2124][2132][2133][2100][2134][2135][2136][2137][2138][2139][2092][2123].
Es ist bekannt, dass Tamoxifen das Fibroserisiko erhöhen kann [2140][2141][2138][2119][2142][2073][2143]. Auch Bevacizumab, Erlotinib und andere Tyrosinkinase-Inhibitoren können zu Pneumonitis führen, weswegen eine simultane Gabe zur Radiotherapie nach Möglichkeit zu vermeiden ist [2144][2145][2146][2147][2148]. Auch die simultane Gabe von Interferon erhöht die Lungentoxizität [2149].
In einer Metaanalyse individueller Patient*innendaten von 836 Patient*innen mit NSCLC und simultaner Strahlentherapie wurden Therapie mit Carboplatin/Paclitaxel (versus Cisplatin/Etoposid) (OR 3,33; p < 0,001), das Volumen der Lunge, das ≥ 20 Gy erhält (V20), (OR 1,03; pro 1 % Zunahme, p = 0,008) und als Trend das Alter (OR 1,24; pro Dekade, p = 0,09) als Risikofaktoren identifiziert. In der recursive partitioning analysis (RPA) hatte Patient*innen im Alter > 65 Jahre mit Carboplatin/Paclitaxel das höchste Pneumonitisrisiko [2123].
Der Verlust der Lungenfunktion kann bei lungengesunden Patient*innen mit der mean lung dose (MLD) abgeschätzt werden (1 Gy MLD entspricht einem Verlust von ca. 1 % FEV1 oder DLCO), ist aber bei Patient*innen mit Lungenkarzinom und pulmonaler Komorbidität schwer vorherzusagen [2150][2151][2152][2153][2154][2155][2121]. Die Lungenfunktion kann 18 - 24 Monate nach Therapieende noch weiter absinken [2156][2121][2157]
11.11.1 Prophylaxe der radiogenen Pneumonitis
11.11.1.1 Amifostin
Amifostin kann zur Verminderung der Inzidenz einer akuten Pneumonitis bei Radiochemotherapie eingesetzt werden. (OFF-LABEL)
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2158] [2023] [2159] [2160] [1051]
Änderungshinweis
Amifostin kann zur Verminderung der Inzidenz einer akuten Pneumonitis bei Radiochemotherapie unter Berücksichtigung der Nebenwirkungen eingesetzt werden. (off- label use)Amifostin sollte nicht zur Prophylaxe der Pneumonitis oder Fibrose bei alleiniger Radiotherapie eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2158]
Evidenztabellen (1)
Antonadou, et al. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2001;51:915-22.Amifostin wirkt als Radikalfänger. Es senkt die Rate der klinisch apparenten akuten Pneumonitis bei simultaner Radio(chemo)therapie von Lungenkarzinomen. Die Aussagekraft der sechs verfügbaren Studien ist allerdings begrenzt. Pneumonitis oder Lungentoxizität war in drei von sechs Studien der Endpunkt. In keiner dieser Studien waren Zeitpunkt und Art der Evaluation prädefiniert, kompetitive Risikofaktoren (RT-Dosis, Volumen) berücksichtigt oder Placebokontrollen durchgeführt [2158][2023][2159][1051]. In der größten Studie (n = 242) mit identischer Radiochemotherapie in beiden Armen wurde lediglich „late lung toxicity“ statistisch ausgewertet [2160]. In keiner Studie wurde die Rate klinisch oder radiologisch erkennbarer subakuter oder später Lungentoxizität durch Amifostin reduziert. Pneumonitis / Lungentoxizität wurde in der Practice Guideline zu Chemo- und Radioprotektoren der American Society of Clinical Oncology nicht berücksichtigt.
Amifostin kann unerwünschte Wirkungen wie Nausea und Hypotension bis hin zu Myokardinfarkt haben.
Ein tumorprotektiver Effekt wurde diskutiert: Die einzige Studie, die einen Unterschied von 50 % in der mittleren Überlebenszeit bei Radiochemotherapie von Lungenkarzinomen als Endpunkte untersuchte, wurde abgebrochen [2160]. Die Analyse der sieben Amifostinstudien von Lungenkarzinompatient*innen mit Radio- oder Radiochemotherapie ergab keinen Anhalt für eine Tumorwirkung, gemessen am radiomorphologischen Ansprechen des Tumors [2161]. Ein tumorprotektiver Effekt kann weitgehend ausgeschlossen werden [2162][2158].
Hinweis: Amifostin ist in Deutschland derzeit nicht mehr im Handel erhältlich. Vor einer geplanten Anwendung sollte daher geprüft werden, ob das Präparat im Einzelfall verfügbar ist.
11.11.1.2 Angiotensin Converting Enzym- Inhibitor - Captopril
Für die Anwendung von Captopril /Lisinopril zur Prophylaxe der radiogenen Pneumonitis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Captopril sollte nicht zur Prophylaxe der radiogenen Pneumonitis angewendet werden.Evidenztabellen (1)
Cohen, et al. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2012;83:292-6.Captopril, ein ACE-Inhibitor, wirkt als Radikalfänger und kann die Lungenreaktion modulieren. Nach Ganzkörperbestrahlung zur Konditionierung und Knochenmarktransplantation reduzierte Captopril in einer placebokontrollierten Phase-II-Studie signifikant die Rate an Lungenfibrose dauerhaft über Jahre [2163]. Zwei retrospektive Kohortenuntersuchungen, die die Pneumonitisrate der Patient*innen, die inzidentell ACE-Inhibitoren einnahmen (65 von 413 bzw. 62 von 162 Patient*innen mit Lungenkarzinom), mit den zeitgleich behandelten Patient*innen verglichen, ergaben Hinweise auf einen möglichen protektiven Effekt der ACE-Hemmer (LoE 4) [2166][2165].
Sowohl die Phase-II-Studie RTOG 0123 [2168], die randomisiert eine einjährige Erhaltungstherapie mit Captopril versus Placebo nach Radiotherapie in Stadium I-III NSCLC/SCLC untersuchte, als auch die randomisierten Phase-I/II-Studie (NCT01880528, Alliance MC1221, [2167]) wurde aufgrund geringer Rekrutierung vorzeitig geschlossen. Ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn konnte nicht gezeigt werden.
11.11.1.3 Beclometason und Pentoxifyllin
Für die Anwendung von inhalativem Beclometason und Pentoxifyllin zur Prophylaxe der radiogenen Pneumonitits liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Ein protektiver Effekt von inhalativem Beclometason und Pentoxifyllin ist nicht ausreichend beurteilbar, so dass keine Empfehlung gegeben werden kann.Glukokortikoide
In einer kleinen prospektiven, kontrollierten Studie war die Inhalationstherapie mit Beclamethason der systemischen Dexamethason-Therapie als präventive Therapie überlegen [2169]. Ein Placebo-Kontrollarm fehlte. Damit kann ein Benefit des inhalativen Glukokortikoids Beclometason im Vergleich zu oralem Glukokortikoid (Prednisolon) nicht sicher belegt werden.
Pentoxifyllin
Pentoxifyllin ist ein Xanthinderivat, das die Thrombozytenaggregation hemmt, Gefäße dilatiert und die Entzündungsreaktion durch Inhibition des tumor necrosis factor α (TNF α) und des Interleukins vermindert [2173][2174][2175][2176]. In einer kleinen placebokontrollierten Phase-II-Studie reduzierte Pentoxifyllin die klinische Pneumonitis und verringerte den Lungenfunktionsverlust nach sechs Monaten (klinisch, DLCO) [2172]. Ähnliche Effekte zeigten sich in zwei weiteren kleinen Studien [2170][2171]. Die kleinen Patient*innenzahlen, die heterogenen Kollektive und die verschiedenen Endpunkte erlauben keine Aussage über die Wirksamkeit der Substanz.
11.11.1.4 Nindetanib
Für die Anwendung von Nintedanib zur Prophylaxe der radiogenen Pneumonitits liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2177]
Nintedanib ist ein Tyrosinkinase-Inhibitor und Angiokinasehemmer, der die Rezeptoren für den Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF), den Fibroblasten-Wachstumsfaktor (FGF) und den Platelet-Derived Growth Factor (PDGF) blockiert. Aufgrund der antifibrotischen und antiinflammatorischen Wirkung von Nintedanib sind zahlreiche klinische Studien bei verschiedenen Lungenerkrankungen durchgeführt worden [2178][2179]. In einer randomisierten Phase-II-Studie (NCT02496585) wurde die Anwendung von Nintedanib versus Placebo nach Abschluss der Radiotherapie zur Prophylaxe der radiogenen Pneumonitis untersucht. Aufgrund mangelnder Rekrutierung sowie Änderung des Therapiestandards in Folge der PACIFIC-Studie wurde die Studie vorzeitig beendet, sodass keine Aussagen über die Wirksamkeit der Substanz vorliegen [2180][2177].
11.11.2 Therapie der radiogenen Pneumonitis und Fibrose
11.11.2.1 Radiogene Pneumonitis - Glukokortikoide, Antibiose, Azathioprin, Cyclosporin A
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Die radiogene Pneumonitis sollte entsprechend dem klinischen Schweregrad symptomatisch mit Steroiden behandelt werden. Die Therapie sollte dabei über mehrere Wochen erfolgen und langsam reduziert werden (mögliches Dosisschema siehe Tabelle 76). Eine prophylaktische Antibiose kann bei erhöhtem Risiko einer bakteriellen Infektion gegeben werden. Im Einzelfall kann die Steroiddosis durch Zugabe von Azathioprin oder Cyclosporin A reduziert werden. (beide off- label use) Bei Versagen der Steroidtherapie können Azathioprin oder Cyclosporin A eingesetzt werden. (beide off- label use)- Konsens
- Starker Konsens
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Die radiogene Pneumonitis sollte entsprechend dem klinischen Schweregrad symptomatisch mit Steroiden behandelt werden. Die Therapie sollte dabei über mehrere Wochen erfolgen und langsam reduziert werden (mögliches Dosisschema siehe Tabelle 76). Eine prophylaktische Antibiose kann bei erhöhtem Risiko einer bakteriellen Infektion gegeben werden. Im Einzelfall kann die Steroiddosis durch Zugabe von Azathioprin oder Cyclosporin A reduziert werden. (beide off- label use) Bei Versagen der Steroidtherapie können Azathioprin oder Cyclosporin A eingesetzt werden. (beide off- label use)- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Die radiogene Pneumonitis sollte entsprechend dem klinischen Schweregrad symptomatisch mit Steroiden behandelt werden. Die Therapie sollte dabei über mehrere Wochen erfolgen und langsam reduziert werden (mögliches Dosisschema siehe Tabelle 76). Eine prophylaktische Antibiose kann bei erhöhtem Risiko einer bakteriellen Infektion gegeben werden. Im Einzelfall kann die Steroiddosis durch Zugabe von Azathioprin oder Cyclosporin A reduziert werden. (beide off- label use) Bei Versagen der Steroidtherapie können Azathioprin oder Cyclosporin A eingesetzt werden. (beide off- label use)11.11.2.2 Fibrose
Im Einzelfall kann die Glukokortikoiddosis durch zusätzliche Gabe von Azathioprin oder Cyclosporin A reduziert werden [2132][2184]. Eine prophylaktische Gabe von Antibiotika steht bei erhöhtem Risiko von zusätzlichen Infektionen z.B. bei stenosierenden Prozessen zur Diskussion [2183]. Auch bei fehlendem Ansprechen auf die Therapie ist eine zusätzliche Infektion, z.B. Mykose, auszuschließen (bronchoalveoläre Lavage).
Tabelle 88: Mögliches Therapieschema für die Behandlung der Pneumonitis
| Behandlung in Tagen | Therapie mit Prednisolon |
| 1 - 4 | 60 mg/ die |
| 5 - 8 | 30 mg/ die |
| 9 - 14 | 12 mg/ die |
| 15 - 42 | 6 mg/ die |
11.12 Radiotherapie-induzierte Nausea und Emesis
11.12.1 Klinisches Erscheinungsbild
Tabelle 89: Common Terminology Critera for Adverse Events (CTCAE, Version 5)
| Kriterium | Grad 0 |
Grad 1 mild |
Grad 2 mäßig |
Grad 3 schwerwiegend |
Grad 4 lebensbedrohlich |
| Übelkeit | keine Übelkeit | etwas, Nahrungsaufnahme nicht eingeschränkt | mäßig, Nahrungsaufnahme eingeschränkt | stark, keine Nahrungsaufnahme | - |
| Erbrechen | kein Erbrechen | 1 - 2 x /Tag | 3 - 5 x / Tag | mehr als 6 x /Tag | lebensbedrohlich |
11.12.2 Definition von Nausea und Emesis
Nausea und Emesis werden nach dem Zeitpunkt des Auftretens der Symptomatik in drei Formen eingeteilt:
akut: Auftreten innerhalb von 24 Stunden nach Beginn der Strahlentherapie
verzögert: Auftreten später als 24 Stunden nach Beginn der Strahlentherapie
antizipatorisch: Folge einer klassischen Konditionierung ausgelöst durch externe Faktoren wie Geruch, Geschmack und visuelle Eindrücke, durch psychische Faktoren wie Angst und Anspannung oder geprägt durch Übelkeit und Erbrechen bei einer vorherigen medikamentösen Tumortherapie und/oder Strahlentherapie.
- Konsens
- Starker Konsens
11.12.3 Diagnostik
11.12.4 Inzidenz
Im Gegensatz zu aggressiven Chemotherapien ist das Erbrechen unter Strahlentherapie in Inzidenz und Intensität verhältnismäßig geringer ausgeprägt. Allerdings können die emetischen Episoden durch die meist mehrwöchige Behandlung subjektiv ebenso belastend sein. Beobachtungsstudien legen eine Inzidenz der Emesis bei Strahlentherapie von ca. 7 - 28 % nahe. Die Rate von Nausea liegt mit ca. 40 % ungleich höher. Bei Patient*innen mit oberer Abdomenbestrahlung wird die Inzidenz der Nausea sogar mit 66 % angegeben [2189][2188].
11.12.5 Risikofaktoren
Dominierender Risikofaktor für das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen ist die Strahlentherapie selbst. Zusätzlich wird durch patient*innenspezifische Risikofaktoren das Emesis-Risiko erhöht (siehe auch Tumortherapie-induzierten Nausea und Emesis).
11.12.5.1 Strahlentherapiespezifische Risikofaktoren
Die Intensität dieser Nebenwirkungen wird von mehreren Faktoren beeinflusst (siehe nachfolgende Tabelle).
Tabelle 90: Strahlentherapiespezifische Faktoren des emetogenen Risikos
| Faktor |
| Lokalisation der Strahlentherapie |
| Strahlentherapievolumen |
| Einzel- und Gesamtstrahlentherapie Dosis/Fraktionierung |
| Strahlentherapietechnik |
11.12.5.2 Risikokategorien
Für die Klassifikation des intrinsischen Risikos der Strahlentherapie hat sich, analog der Chemotherapie-induzierten Nausea und Emesis (CINV), eine Kategorisierung in vier Risikostufen durchgesetzt. Diese beschreibt die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erbrechen ohne antiemetische Prophylaxe und orientiert sich an der Lokalisation der Bestrahlung [2190][258].
- Konsens
- Konsens
Änderungshinweis
Die antiemetische Prophylaxe richtet sich nach dem Grad der Emetogenität der Strahlentherapie; Emesis-Risiko ohne antiemetische Prophylaxe: Hoch: > 90 % Moderat: >60-90 % Gering: 30-60 % Minimal: < 30 %Kombinierter Radiochemotherapie
Bei kombinierter Radiochemotherapie richtet sich die antiemetische Prophylaxe nach der jeweiligen höchsten erzielten Risikoklasse der Radiotherapie oder der Chemotherapie. Bei z.B. kombinierter Radiochemotherapie mit Cisplatin ist die emetogene Potenz von Cisplatin ausschlaggebend für die antiemetische Prophylaxe [2190][258][2191][2192].
11.12.5.3 Patient*innenindividuelle Risikofaktoren
Tabelle 91: Patient*innenindividuelle Risikofaktoren
|
Faktor |
Risiko von Übelkeit und Erbrechen |
|
Geschlecht |
höher bei Frauen |
|
Alter |
höher bei jüngeren Patient*innen |
|
allgemeiner Gesundheitszustand |
höher bei schlechtem Gesundheitszustand |
|
Vorgeschichte von Übelkeit und Erbrechen |
höher bei Patient*innen mit Vorbelastung auch in einer vorherigen Chemotherapie |
|
Tumorstadium |
höher bei höherem Tumorstadium |
|
Ängstlichkeit |
höher bei ängstlichen Patient*innen |
11.12.6 Prophylaxe der Radiotherapie-induzierten Nausea und Emesis
Die Strategie der Antiemese ist vor Beginn der Strahlentherapie klar zu definieren und umzusetzen. Standard ist die Prophylaxe, basierend auf der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen der geplanten Strahlentherapie. Die wesentlichen zur Verfügung stehenden Antiemetika werden im Kapitel Tumortherapie-induzierten Nausea und Emesis diskutiert.
*Bei kombinierter Radiochemotherapie richtet sich die antiemetische Prophylaxe nach der jeweiligen höchsten erzielten Risikoklasse der Radiotherapie oder der Chemotherapie. Bei z.B. kombinierter Radiochemotherapie mit Cisplatin ist die emetogene Potenz von Cisplatin ausschlaggebend für die antiemetische Prophylaxe. In diesem Fall wird eine Prophylaxe mit einem 5-HT3-RA, Dexamethason und NK1-RA empfohlen [2190][2192].
[1] Hesketh et al. 2020 [258]
[2] Ruhlmann et al. 2023 [2190]
[3] Li et al. 2017 [2194]
[4] Wong et al. 2006 [2195]
11.12.6.1 Hoch emetogene Strahlentherapie
Bei einer hoch emetogenen Strahlentherapie soll vor der Strahlentherapie eine Prophylaxe mit einem 5-HT3-Rezeptorantagonisten und einem Glukokortikoid erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [258] [2190] [2194]
Evidenztabellen (1)
Li_2017Über die optimale Dauer der antiemetischen Prophylaxe ist keine evidenzbasierte Aussage möglich. Eine Prophylaxe über mindestens fünf Tage wird häufig in Studien angewendet.
- Konsens
- Starker Konsens
Li et al. 2017 bezieht sich bei Patient*innen, die eine Ganzkörperbestrahlung erhielten, auf Spitzer et al. 1994 [2196] sowie Prentice et al.1995 [2197]: 5-HT3-RA waren wirksamer als Placebo oder eine Kombination aus Metoclopramid, Dexamethason und Lorazepam [2194]. Die Hinzunahme von Dexamethason zu einem 5-HT3-RA bei hoch emetogener Strahlentherapie basiert auf Studien bei moderat emetogener Strahlentherapie [2195].
Die optimale Dauer der antiemetischen Prophylaxe wurde in keiner Studie vergleichend untersucht, meist erfolgt eine Applikation über mindestens fünf Tage. In der ASCO-Guideline von 2020 wird eine Applikation der Antiemese an jedem Tag der hoch emetogenen Bestrahlung und am Tag nach der Bestrahlung empfohlen [258].
11.12.6.2 Moderat emetogene Strahlentherapie
Bei einer moderat emetogenen Strahlentherapie sollte vor der Strahlentherapie eine Prophylaxe mit einem 5-HT3-Rezeptorantagonisten erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [258] [2194] [2190]
Evidenztabellen (1)
Li_2017Über die optimale Dauer der antiemetischen Prophylaxe ist keine evidenzbasierte Aussage möglich. Eine Prophylaxe über mindestens 5 Tage wird häufig in Studien angewendet.
- Konsens
- Starker Konsens
In der Metaanalyse von Li et al. 2017 [2194] wurden 17 randomisiert, kontrollierte Studien ausgewertet. Bei Patient*innen, die eine Strahlentherapie des Abdomens/Beckens erhielten, war die Prophylaxe mit einem 5-HT3-RA signifikant wirksamer als Placebo [2198][2199][2200] oder Dopamin-RA [2201][2202][2203], sowohl was die vollständige Kontrolle des Erbrechens (OR: 0,49; 95 % KI: 0,33 - 0,72 bzw. OR: 0,17; 95 % KI: 0,05 - 0,58) als auch bei der vollständigen Kontrolle der Übelkeit (OR: 0,43; 95 % KI: 0,26 - 0,70 bzw. OR: 0,46; 95 % KI: 0,24 - 0,88). Die Prophylaxe mit einem 5-HT3-RA war ebenfalls wirksamer als die Rescue-Therapie [2204] oder Dopamin-RA plus Dexamethason [2205]. Die Hinzunahme von Dexamethason über fünf Tage zu einem 5-HT3-RA bei moderat emetogener Strahlentherapie hat zwar den primären Endpunkt der Studie verfehlt (Kontrolle Nausea 50 % vs. 38 % mit Placebo; Kontrolle Erbrechen 23 % vs. 12 %), war aber bei den sekundären Endpunkten der alleinigen 5-HT3-RA-Prophylaxe überlegen (z.B. Resuce-Medikation, QoL) [2195].
11.12.6.3 Gering emetogene Strahlentherapie
Bei einer gering emetogenen Strahlentherapie sollte erst bei Auftreten von Übelkeit oder Erbrechen eine Rescue-Therapie mit
- Dexamethason bei Bestrahlung des Hirns,
- 5-HT3-Rezeptorantagonist bei Bestrahlung von Thorax, Becken oder Kopf/ Hals
erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei einer gering emetogenen Strahlentherapie kann vor der Strahlentherapie eine Prophylaxe mit einem 5-HT3-RA erfolgen. Alternativ kann auch eine Rescue Therapie bei Auftreten von Übelkeit und Erbrechen erwogen werden.Diese Empfehlung, die von der ASCO-Leitlinie [258] adaptiert ist, begründet sich auf eine Expert*innenempfehlung. Eine Auswahl des Antiemetikums unter Berücksichtigung der bestrahlten Region entspricht der klinischen Praxis. So vermag die Gabe von Dexamethason zusätzlich zum antiemetischen Effekt einem Hirnödem vorbeugen.
11.12.6.4 Minimal emetogene Strahlentherapie
Bei einer minimal emetogenen Strahlentherapie soll erst bei Auftreten von Übelkeit oder Erbrechen eine Rescue-Therapie erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei einer minimal emetogenen Strahlentherapie soll vor der Strahlentherapie keine antiemetische Primär-Prophylaxe erfolgen.11.12.6.5 Antizipatorische Übelkeit und Erbrechen
11.12.7 Therapie der Radiotherapie-induzierten Nausea und Emesis
Kommt es trotz antiemetischer Prophylaxe nach der Strahlentherapie zu Übelkeit und/oder Erbrechen, ist zu überprüfen, ob die Patientin/ der Patient eine leitliniengerechte Antiemese erhalten hat. Die weitere therapeutische Herangehensweise ist hierbei unabhängig vom emetogenen Potential des Strahlentherapie [2193].
Vergleiche dazu auch Kapitel Tumortherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen
Bei anhaltender Übelkeit oder Erbrechen unter und nach Strahlentherapie trotz optimaler Antiemese und sichergestellter Therapieadhärenz sind parallel zur medikamentösen Therapie andere Ursachen zu bedenken. (siehe Tabelle Differenzialdiagnosen der Ursachen von Übelkeit und Erbrechen)
- Konsens
- Starker Konsens
Tabelle 92: Differenzialdiagnosen der Ursachen von Übelkeit und Erbrechen
|
Endokrine Ursachen |
Gastrointestinale Störungen |
Infektion/Toxine (Beispiele) |
|
Hypoglykämie diabetische Ketoazidose Erkrankungen der Schilddrüse Erkrankungen der Nebenschilddrüse Morbus Addison |
gastroösophagealer Reflux funktionelle Dyspepsie Ulkus gastrointestinale Obstruktion Gastroparese intestinale Pseudoobstruktion Dumping-Syndrom Reizdarmsyndrom LebensmittelunverträgIichkeiten Cholezystitis/Gallenkolik Hepatitis Pankreatitis A. Mesenterica-superior -Syndrom Appendizitis Fehlbesiedlung des Dünndarms Dysbiose gastrointestinale Graft-versus Host-Reaktion |
Rotaviren, Noroviren, Salmonellen, Campylobacter, Staphylokokken, E. coli
AIkoholabusus
Nikotin |
|
Kardiale Ursachen |
Labyrintherkrankungen |
Metabolische Störungen |
|
hypertensive Krise Myokardinfarkt Kardiomyopathie |
Affektion der Labyrinthfunktion Malignom |
Elektrolytstörungen Hyperkalzämie Porphyrie Refeeding-Syndrom Urämie |
|
Pharmaka (Beispiele) |
Psychiatrische Erkrankungen |
Zentralnervöse Störungen |
|
Acetylsalicylsäure Antibiotika Antiarrhythmika Antihypertensiva Digitalis Eisenpräparate Hypervitaminose Levodopa nicht-steroidale Antirheumatika Opiate orale Antidiabetika orale Kontrazeptiva Urikostatika/Urikosurika |
Anorexia/Bulimia nervosa Depression |
Hirndruck Malignom Infektion/ Abszess Blutung Hydrozephalus Migräne |
|
Schwangerschaft |
starker Schmerz |
Postoperatives Erbrechen (PONV) |
|
|
||
|
Zyklisches Erbrechen |
|
|
|
Quelle: [253] |
||
Bei unzureichend kontrollierter Übelkeit und/oder Erbrechen trotz antiemetischer Prophylaxe während eines Therapiezyklus sollte keine Dosiserhöhung der 5-HT3-Rezeptorantagonisten über die empfohlene Tagesdosis hinaus erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Die Gabe eines Antiemetikums der gleichen Substanzklasse sollte nicht erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Rescueantiemese
Neurokinin1-Rezeptorantagonisten (OFF-LABEL):
- Aprepitant
- Fosaprepitant
- Fosnetupitant
- Netupitant + Palonosetron (fixe Kombination)
- Fosnetupitant + Palonosetron (fixe Kombination)
Neuroleptika und andere Dopamin-Rezeptor-Antagonisten:
- Metoclopramid
- Haloperidol (OFF-LABEL)
- Levomepromazin
- Alizaprid
Benzodiazepine:
- Lorazepam
- Alprazolam
H1-Blocker:
- Dimenhydrinat
Medizinische Cannabinoide
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei Übelkeit und/oder Erbrechen trotz optimaler Antiemese sind folgende Medikamente bei Strahlentherapie induzierten Erbrechen als Rescue Antiemese einsetzbar: Neurokinin-1- Rezeptorantagonist (Off-Label-Use) Neuroleptika und andere Dopamin-Rezeptor-Antagonisten Olanzapin, initial 1 x 5 mg p.o. (Off-Label-Use) Haloperidol, initial 1-3 x 1 mg p.o. Metoclopramid, initial 3 x 10 mg p.o. (Tageshöchstdosis 0,5 mg/kg KG oder 30 mg) Levomepromazin, initial 3 x 1- 5 mg p.o. Alizaprid, initial 3 x 50 mg Benzodiazepine: Lorazepam, initial 1 x 1-2 mg p.o. Alprazolam, initial 1 x 0,25-1,0 mg p.o. H1-Blocker Dimenhydrinat, initial 3 x 50-100 mg p.o. oder 1-2 x 150 mg rektalDie Hintergrundinformationen sind dem Kapitel Tumortherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen zu entnehmen. Die Empfehlung zur Rescue-Antiemese unterscheidet sich in einem Punkt, dem Einsatz von Neurokinin1-Rezeptorantagonisten (NK1-RA). Der Einsatz von NK1-RA ist bisher bei der alleinigen Strahlentherapie nicht im randomisierten Design geprüft und stellt deswegen zusätzlich eine Resuce-Medikation dar.
Zu beachten ist, dass der Einsatz des NK1-RA bei der kombinierten Radiochemotherapie (Cisplatin) bisher in zwei Studien erfolgreich geprüft wurde [2206][2192] und deswegen auch in diesem Setting empfohlen wird.
11.12.8 Antiemetika
Die einzelnen Antiemetika sind im Kapitel Tumortherapie-induzierte Nausea und Emesis ausführlich beschrieben und ihre Dosierung und mögliches Interaktionspotential aufgeführt.
11.13 Strahlenfolgen an Gehirn und Rückenmark
Insbesondere großvolumige Bestrahlungen können frühe (akute), verzögerte (subakute) und späte (chronische) Nebenwirkungen hervorrufen. Während akute und subakute Strahlenfolgen meist reversibel sind, sind chronische Nebenwirkungen in der Regel irreversibel [2207][2208][2209][2210][2211][2212][2213][2214].
Gehirn
Frühe und verzögerte Strahlenfolgen am Gehirn zeigen sich vor allem als Folge von Störungen der Blut-Hirn-Schranke (BHS), die ein vasogenes Ödem im Interzellulärraum des Marklagers induzieren können. Hierdurch kann es zu einer Zunahme von Kopfschmerzen, fokalen neurologischen Ausfällen, epileptischen Anfällen oder einem gesteigerten, intrakraniellen Druck kommen [2215][2216]. Das Risiko chronischer Strahlenfolgen hängt sowohl von der applizierten Gesamtdosis, der täglichen Einzeldosis und dem Bestrahlungsvolumen als auch von Patient*innenfaktoren wie Alter, Begleiterkrankungen und -medikation ab [2207][2208][2209][2210][2211][2212][2214].
Die klinisch bedeutsamsten Nebenwirkungen sind Radionekrosen und neurokognitive Defizite. Radionekrosen treten in allen zeitlichen Intervallen nach einer Radiotherapie auf und sind bildgebend nur schwer von temporären und reversiblen Schrankenstörungen („Pseudoprogressionen“) oder von „echten“ Tumorrezidiven zu unterscheiden [2217]. Zur sicheren, nicht-invasiven Diagnosesicherung fehlen zuverlässige Methoden, daher variiert die Inzidenz. Abhängig von ihrer Lokalisation kann sich eine Radionekrose vielfältig klinisch manifestieren [2218][2219].
Neurokognitive Defizite können bereits wenige Monate nach der Bestrahlung festgestellt werden und können hinsichtlich ihrer Ausprägung von geringer Beeinträchtigung des verbalen, visuellen oder räumlichen Gedächtnisses bis hin zur manifesten Demenz rangieren [2220][2221][2222][2223][2224][2225][2226][2227][2228][2229]. Mechanistisch scheint die Ursache der Kognitionsdefizite ein Schaden von strahlensensiblen neuronalen Vorläuferzellen in der subgranularen Zone des Hippocampus zu liegen [2230][2231].
Rückenmark
Frühe Strahlenfolgen am Myelon sind selten und treten meist durch Zunahme des perifokalen Ödems bei der Bestrahlung para- oder intraspinaler Tumoren auf. Mechanistisch handelt es sich um eine (meist reversible) Demyelinisierung mit charakteristischer Klink (Lhermitte-Zeichen). Bereits bestehende motorische und sensible Querschnittssymptome können sich verschlechtern. Die Therapie folgt den üblichen Richtlinien der antiödematösen Therapie. Verzögerte Strahlenfolgen am Myelon äußern sich durch Dys- und Paraesthesien entlang der Wirbelsäule, teilweise mit Ausstrahlung in die Extremitäten, was sich durch Bewegung provozieren lässt [2232][2233].
11.13.1 Prophylaxe radiogener ZNS-Schäden
Medikamentöse Prophylaxe
Eine wirksame medikamentöse Prophylaxe von frühen und verzögerten Nebenwirkungen nach ZNS-Bestrahlung ist nicht verfügbar.
- Konsens
- Starker Konsens
11.13.1.1 Dexamethason
Dexamethason sollte nicht prophylaktisch zur Vermeidung von Strahlenfolgen an Gehirn und Rückenmark angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2234] [2235] [2236] [2237]
Änderungshinweis
Bei fehlender zerebraler Symptomatik sollte Dexamethason nicht prophylaktisch angewendet werden.Bei der Behandlung intraspinaler Tumoren kann eine prophylaktische Gabe von Dexamethason zur Vermeidung von Strahlenfolgen am Rückenmark erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei Rezidiven von vormals symptomatischen Gehirntumoren oder Metastasen oder intraspinalen Tumoren kann eine prophylaktische Gabe von Dexamethason erfolgen.11.13.1.2 Antikonvulsiva
Ein prophylaktischer Einsatz von Antikonvulsiva bei bisher anfallsfreien Patient*innen soll nicht erfolgen.
Randomisierte klinische Studien zeigten keinen Nutzen einer prophylaktischen antikonvulsiven Therapie [2240][2241][2239][2244][2245][2243][2242][2237].
In retrospektiven Untersuchungen gab es Hinweise darauf, dass die Gabe von Antiepileptika simultan zur Strahlentherapie das Risiko neurokoginitiver Einschränkungen erhöht [2246].
11.13.1.3 Neuroprotektiva
Neuroprotektiva sollen nicht zur Prophylaxe von strahleninduzierten neurokognitiven Spätfolgen angewandt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2247] [2248] [2249] [2250] [2251] [2252] [2253] [2254] [2255]
Änderungshinweis
Radiosensitizer erlauben keine Prophylaxe von neurokognitiven Spätfolgen und sollen nicht angewandt werden.Evidenztabellen (8)
Mehta, et al. J Clin Oncol 2003;21:2529-36.; Meyers, et al. J Clin Oncol 2004;22:157-65.; Butler, et al. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2007;69:1496-501.; Scott, et al. Am J Clin Oncol 2007;30:580-7.; Mehta, et al. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2009;73:1069-76.; Tsao, et al. Cochrane Database Syst Rev 2012;4:CD003869.; Brown 2013; Rapp 2015Für diverse präklinisch wirksame Neuroprotektiva konnte in keiner der bisher durchgeführten klinischen Studien ein prophylaktischer Nutzen nachgewiesen werden. Untersucht wurden u.a. Memantin, Dexmethylphenidat, Motexafin gadolinium, Donepezil, Efaproxyn [2254][2255][2247][2248][2249][2250][2253][2251][2252].
Nicht medikamentöse Bestrahlung:
11.13.1.4 Hippocampus-schonende Bestrahlung
Bei therapeutischer Ganzhirnbestrahlung ohne Hippocampusbefall und ohne leptomeningealen Befall kann eine bilaterale Schonung der Hippocampi durch den Einsatz einer intensitätsmodulierten Strahlentherapie erwogen werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2255]
Evidenztabellen (1)
Brown 2020Bei prophylaktischer Ganzhirnbestrahlung sollte eine bilaterale Schonung der Hippocampi durch den Einsatz einer intensitätsmodulierten Strahlentherapie erfolgen.
Frühe Studien wiesen darauf hin, dass eine Prophylaxe neurokognitiver Defizite durch die Schonung von Arealen der Neuroregeneration in der Hippocampusregion bei Ganzhirnbestrahlungen erreicht werden kann [2258][2259][2260][2261][2262][2263].
In der CC001-Studie der NRG Oncology [2255] konnte festgestellt werden, dass eine Hippocampusschonung mittels intensitätsmodulierter Bestrahlung (IMRT) zu einer geringer ausgeprägten Verschlechterung der Exekutivfunktionen (23,3 % vs. 40,4 % nach 4 Monaten, p = 0,01) und des Lernens (11,5 % vs. 24,7 % nach 6 Monaten, p = 0,049) und Gedächtnisses (16,4 % vs. 33,3 % nach 6 Monaten, p = 0,02) führt. Die Studie ist allerdings nur limitiert aussagekräftig, da das mediane OS kurz (7,9 Monate) war und viele Patient*innen den Endpunkt daher gar nicht erreichen konnten.
Auch bei einer prophylaktischen Ganzhirnbestrahlung beim kleinzelligen Bronchialkarzinom scheint eine Hippocampusschonung eine verbesserte Neurokognition bei gleichbleibender onkologischer Effizienz zu bewirken [2264][2265][2266]. Qualitativ hochwertige und aktuelle Daten liegen aus der spanischen PREMER-Studie der GOECP-SEOR vor. Hier wiesen 23,5 % aller konventionell bestrahlten Patient*innen Leistungsdefizite im validierten Free and Cued Selective Reminding Test (FCSRT)-Demenztest auf. Im experimentellen Arm mit Hippocampus-Schonung waren dies nur 5,8 % (p = 0,003) [2257]. Die positiven Effekte waren auch nach 6 und 24 Monaten nachweisbar.
In einer niederländischen Phase-III-Studie [2256] war dagegen kein statistisch signifikanter Effekt auf wesentliche neurokognitive Parameter gezeigt worden. Bei der Interpretation der Daten fallen aber zwei wesentliche qualitative Schwachpunkte auf: erstens komplettierten nur 60 % der Patient*innen (101 von 168 randomisierten Patient*innen) die Assessments für den primären Endpunkt, in der spanischen Studie lag die Quote dagegen bei 91 % (137 von 150 randomisierten Patient*innen). Zweitens gab es Mängel in der Qualitätskontrolle, denn die Konturierung der Hippocampi erfordert Erfahrung und es kommt durchaus zu beachtlichen Variationen zwischen Behandlern. In der NRG CC001 - Studie [2255] wurden beispielsweise alle Bestrahlungspläne einem „Pre-treatment Review“ unterzogen, während Strahlentherapeut*innen der niederländischen Studie nur einen „dummy run“ absolvierten. Weitere Daten werden aus aktuell rekrutierenden Studien (z.B. SWOG S1827 mit optionaler Hippocampusschonung und NRG Oncology CC003) erwartet.
11.13.2 Therapie unerwünschter ZNS-Wirkungen
11.13.2.1 Therapieassoziiertes Ödem
Glukokortikoide sollten zur Linderung der klinischen Symptome des Therapie-assoziierten Ödems während oder nach Radiatio gegeben werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2234] [2235] [2236]
Änderungshinweis
Dexamethason kann klinische Symptome des Hirndrucks lindern. Die Dosierung sollte an die Ausprägung der Symptomatik angepasst werden und die möglichst niedrigste noch effektive Dosierung umfassen. Eine Dosisreduktion sollte sobald als möglich und immer schrittweise erfolgenZum Vorgehen bei schwerwiegenden Symptomen siehe auch Empfehlung zu Dexamethason bei schwerer Hirndrucksymptomatik.
Bei rein bildgebendem Nachweis eines (post)radiogenen Ödems (in der T2-gewichteten MRT) ohne Symptome sollte auf die Gabe von Dexamethason verzichtet werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Unter laufender Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren sollte die Gabe von Dexamethason bei symptomatischen Metastasen während oder nach einer Radiatio (auch bei stereotaktischer Bestrahlung oder Radiochirurgie) kritisch überprüft werden. Insbesondere sollte die Gabe nur unter Berücksichtigung der extrakraniellen Tumoraktivität (bzw. des extrakraniellen Therapieerfolgs der Immuntherapie) erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Die Dosierung der Glukokortikoide sollte an die Ausprägung der Symptomatik angepasst werden und die möglichst niedrigste noch effektive Dosierung umfassen. Eine Dosisreduktion sollte sobald als möglich und immer schrittweise erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2234] [2235] [2236]
Änderungshinweis
Dexamethason kann klinische Symptome des Hirndrucks lindern. Die Dosierung sollte an die Ausprägung der Symptomatik angepasst werden und die möglichst niedrigste noch effektive Dosierung umfassen. Eine Dosisreduktion sollte sobald als möglich und immer schrittweise erfolgen- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2234] [2235] [2238]
Evidenztabellen (2)
Sarin, et al. Lancet Neurol 2003;2:357-65; Ryken, et al. J Neurooncol 2010;96:103-14.Die Bestrahlung von Gehirntumoren kann kurzfristig zu neuen Symptomen oder zur Verschlechterung einer bestehenden klinischen Symptomatik führen. Verursacht wird dies meist durch eine strahlen- und tumorbedingte vaskuläre Permeabilität um die Läsion, die zum peritumoralen (oder perifokalen) Ödem mit konsekutiver Druckzunahme im Neurokranium und milde Symptomatik bis hin zu sogenanntem „Hirndruck“ führen kann.
Bei nur milder Symptomatik ist die Gabe von Dexamethason sorgfältig abzuwägen und ggf. nur mit minimaler Dosis zu beginnen (1 - 2 mg/d). Insbesondere unter laufender Immuntherapie kann bereits die einmalige Gabe von Dexamethason negativen Einfluss auf OS und PFS haben [2267].
Hirndrucksymptomatik (morgendliche Kopfschmerzen, Erbrechen, Singultus oder psychischen Veränderungen wie Nivellierung und Aspontanität) erfordert dagegen schnelle und konsequente Therapie. Zur Ödemausschwemmung und Stabilisierung der Blut-Hirn-Schranke (BHS) ist Dexamethason in hoher Dosierung erforderlich [2238][2234][2235]. Initial wird dabei eine einmalige Dosis von 8 - 16 mg i.v. unter Magenschutz injiziert [2268]. Falls notwendig können nachfolgend alle 6 Stunden 4 mg Dexamethason i.v. appliziert werden, um dann auf eine orale Erhaltungsdosis von 4 - 8 mg/d zurückzugehen. Dabei ist eine morgendliche Einnahme der täglichen Dosis zu bevorzugen. Danach erfolgt eine schrittweise Reduktion der Dosis über 2 - 4 Wochen in Abhängigkeit der Symptomatik („Ausschleichen“) [2235]. Alternativ stehen bei Hirndruck Glyzerol oder Mannitol zur Verfügung. Der Effekt ist jedoch häufig nur von kurzer Dauer.
Weihrauchpräparate
Für die Anwendung von Weihrauchpräparaten zur Ödemprophylaxe und -therapie liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.
Änderungshinweis
Die Wirksamkeit von Weihrauchpräparaten zur Ödemprophylaxe und -therapie ist aus methodischen Gründen nicht beurteilbar.Evidenztabellen (1)
Kirste 201111.13.2.2 Therapieassoziierte Epilepsie
Patient*innen mit ZNS-Tumoren sollen nach dem ersten epileptischen Anfall antikonvulsiv behandelt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Generalisierte Anfälle (Gran-mal-Anfälle) betreffen beide Körperhälften und sind immer mit Bewusstseinsverlust und Amnesie verbunden. Im tonisch-klonischen Stadium kommt es häufig zu Zungenbiss, Schaumaustritt und Inkontinenz. Beim Status epilepticus handelt es sich um ununterbrochene oder sich ständig wiederholende Anfälle, wobei beim generalisierten Status das Bewusstsein nicht wiedererlangt wird. Der Gran-mal Status ist lebensbedrohlich und erfordert eine intensivmedizinische Behandlung. Besonders gefährdet sind Patient*innen mit Frontalhirntumoren [2271]. Gelingt es nicht, den Status innerhalb von wenigen Stunden zu durchbrechen, kann die Patientin/ der Patient am sich entwickelnden Hirnödem versterben.
Grundlage der antiepileptischen Therapie ist die konsequente Einnahme der Antiepileptika und eine anfallsvermeidende Lebensführung. Der Einzelanfall ist in der Regel selbstlimitierend, sodass es gilt, die Patient*innen vor Verletzungen zu bewahren und das Ende des Anfalles abzuwarten. Die Anlage eines venösen Zugangs für die Blutentnahme zur Bestimmung von Medikamenten- und Blutzuckerspiegeln ist dann sicherheitshalber in Hinblick auf den Beginn eines möglichen Status epilepticus erforderlich.
Um erneute Anfälle zu vermeiden und einem Übergang zu einem Status epilepticus vorzubeugen, erfolgt eine antikonvulsive Therapie, möglichst als antikonvulsive Monotherapie. Eine Empfehlung bezüglich der Wahl des Wirkstoffes ist nicht möglich [2240][2242]. Es gilt jedoch zu bedenken, dass Phenytoin, Carbamazepin und Phenobarbital über das Cytochrom-P450-System den Abbau von anderen Medikamenten (u.a. Glukokortikoide und Zytostatika) beschleunigen können [2236]. Phenytoin und Levetiracetam sind vermutlich gleich wirksam [2272].
Bei stattgehabten Anfällen ist die Fahrtüchtigkeit möglicherweise dauerhaft eingeschränkt. Patient*innen sind in diesen Fällen auf etwaige Eigen- und Fremdgefährdung hinzuweisen. Bei der Festlegung der Dauer der Fahruntüchtigkeit sei auf die Kapitel 3.9.5 und 3.9.6 der Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung der Bundesanstalt für Straßenwesen hingewiesen.
11.13.2.3 Radionekrose
Bei symptomatischer Gehirnnekrose kann eine Therapie mit Bevacizumab erwogen werden. (OFF LABEL)
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2273] [2274] [2275]
Änderungshinweis
Bevacizumab kann Symptome einer Gehirnnekrose lindern. Eine Gabe kann im Einzelfall unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung in Erwägung gezogen werden (Off-Label-Use).Evidenztabellen (3)
Levin, et al. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2011;79:1487-95.; Dashti 2022; Bernhardt 2022Die Wirksamkeit einer hyperbaren Sauerstofftherapie bei symptomatischer Gehirnnekrose ist nicht belegt. Sie sollte wegen potentieller Nebenwirkungen nicht erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Zur Wirksamkeit von Bevacizumab bei Radionekrosen existieren eine randomisierte Phase-III-Studie und eine prospektive, einarmige Phase-II-Studie. Hervorzuheben ist die sehr kleine doppelblinde placebokontrollierte Phase-III-Studie einer Gruppe aus dem M.D. Anderson Cancer Center, in der sieben Patient*innen in einen Arm mit Bevacizumab-Therapie und sieben Patient*innen in einen Placebo-Arm randomisiert wurden [2273]. Alle Patient*innen, die Bevacizumab erhielten, zeigten eine Reduktion des Ödems um mindestens 25 % sowie eine Verbesserung der neurologischen Symptome. Gleichwohl die Studie eine beeindruckende Effektstärke zeigt, wird sie aufgrund der kleinen Fallzahl und methodischer Schwächen auch kritisch gesehen. Die prospektive Phase-II-Studie von Dashti und Kollegen zeigte ähnlich positive Effekte von Bevacizumab bei aufwändiger Kombination von Blut-Hirn-Schranken-Öffnung gefolgt von intraarterieller Bevacizumab-Infusion. Auch diese Studie verfügt mit nur zehn eingeschlossenen Patient*innen über keine aussagekräftige Fallzahl [2274]. Trotz der (methodisch bedingt) qualitativ niedrigen Evidenzlage ist die Therapie der Radionekrose mit Bevacizumab heute weitgehend akzeptierter klinischer Standard [2275]. Die Dosierung erfolgt analog der Studie von Levin et al. 2011 mit 7,5 mg/kg KG i.v. alle drei Wochen.
Die Ähnlichkeit der pathologischen Befunde bei Strahlenspätfolgen am ZNS mit ischämischen Veränderungen im Rahmen einer subkortikalen arteriosklerotischen Enzephalopathie (SAE) hat zu Untersuchungen mit der hyperbaren Sauerstofftherapie (HBO) geführt [2276][2277]. Ein Nutzen konnte jedoch bislang nicht nachgewiesen werde
11.14 Urogenitaltrakt
Hintergrund
Radiogene Nebenwirkungen des Urogenitaltraktes kommen häufig bei Bestrahlungen im Bereich des (kleinen) Beckens (Blase, Prostata, Rektum, Uterus, Zervix) vor. Die akute Symptomatik umfasst unter anderem die radiogene Zystitis mit Dysurie, Hämaturie, Miktionsfrequenz, Dringlichkeit, Nykturie, Inkontinenz und Harnverhalt (sogenannte LUTS oder lower urinary tract symptoms) bis zur erektilen Dysfunktion, Vaginitis, vaginale Trockenheit und damit einhergehender sexueller Dysfunktion wie zum Beispiel die Dyspareunie. Meist sind diese Beschwerden mild bis moderat und selbstlimitierend, jedoch beeinträchtigen sie teils langanhaltend die Lebensqualität der Patient*innen. Spätnebenwirkungen wie z.B. eine Stenose oder Striktur der Harnröhre, eine chronische Zystitis (charakterisiert durch Hämaturie), eine vaginale Einengung oder Verklebungen sind seltener.
Die Ausprägung der urogenitalen Symptomatik ist unter anderem abhängig von der Grunderkrankung (u.a. Tumorausdehnung) und dem entsprechenden Zielvolumen, Modalität und Technik der Strahlentherapie (Brachytherapie oder perkutane Bestrahlung, 3DCRT) oder IMRT), Dosis und Fraktionierung, den begleitenden Therapien (operative Verfahren, Androgendeprivationstherapie, medikamentöse Tumortherapie). Bei der perkutanen Behandlung des Prostatakarzinoms führt die IMRT im Vergleich zur 3DCRT beispielsweise zu signifikant weniger gastrointestinalen Toxizität, demgegenüber aber zu etwas mehr akuten urogenitalen Nebenwirkungen (RR 1,08) [2278].
Auch die Beschwerden vor Therapiebeginn sind zu evaluieren und zu berücksichtigen. Es ist daher sinnvoll, vor Initiation der Strahlentherapie Ausgangswerte der urologischen und genitalen Funktion der Patient*innen zu erheben. Hierzu stehen validierte Fragebögen zur Verfügung, die in klinischen Studien häufig als Bewertungs- und Symptomgraduierungsmethode bzw. Endpunkt angewendet werden.
11.14.1 Geschlechtsorgane
11.14.1.1 Erektile Dysfunktion
Die Strahlentherapie pelviner Malignome kann zu erektiler Dysfunktion (ED) führen. Insbesondere geht die Bestrahlung des lokal begrenzten Prostatakarzinoms mit einem erheblichen Risiko für sexuelle Funktionsstörungen einher, die die Lebensqualität deutlich reduzieren können [2279][2280][2281][2282]. So geben 68 % der Patienten zwei Jahre nach Therapie an, in ihrer sexuellen Gesundheit mäßig oder schwer beeinträchtigt zu sein [2283][2284].
Als Ursache der postradiogenen Erektionsstörungen werden arterielle Gefäßveränderungen an den Corpora cavernosa und neurogene Schäden angesehen. Eine eindeutige Korrelation zwischen Dosis-Volumendaten und erektiler Dysfunktion konnte bisher nicht übereinstimmend festgestellt werden. Inwieweit die Schonung des neurovaskulären Bündels, des Bulbus oder der crura die Erektionsfunktion erhalten kann, ist strittig [2285][2286][2287][2288][2289][2290][2291]. Randomisierte Studien liegen nicht vor. Studien, die mit der erforderlichen längeren Nachbeobachtung und ausreichenden Patientenzahlen Rückschlüsse auf die Rezidivraten bei den erforderlichen Zielvolumenkompromissen zulassen, fehlen.
11.14.1.1.1 Methodik
Das männliche Sexualleben kann durch Erektionsstörungen beeinträchtigt werden, aber auch durch Veränderungen der Ejakulation, des Orgasmus und der Libido. Hormonelle und psychologische Komponenten spielen eine wichtige Rolle [2286].
In Studien werden Veränderungen der Sexualfunktion im Allgemeinen durch Fragebögen erfasst, die meistens die verschiedenen Bereiche der männlichen Sexualität abfragen. Selten wird durch ein Messgerät (Rigiscan) die Rigidität nächtlicher Erektionen erfasst. Als Fragebogen wird häufig der IIEF (International Index of Erectil Function) verwendet, den Rosen et al. (1997 [2292] und 1999 [2293]) entwickelt und validiert hat. Mit 15 Fragen in fünf Domänen wird die Sexualfunktion abgefragt: erektile Funktion, Zufriedenheit mit dem Geschlechtsverkehr, orgasmische Funktion, sexuelle Lust und generelle Zufriedenheit.
Eine Kurzform mit fünf Fragen wird auch als Sexual Health Inventory for Men (SHIM) bezeichnet. Zahlreiche weitere Fragebögen, teilweise auch nicht validierte, finden Verwendung zum Beispiel Sexual Adjustment Questionnaire (SAQ), Locke’s Marital Adjustment Test, Expanded Prostate Cancer Index Composite (EPIC, [2294]), CTCAE.
Darüber hinaus wird die Interpretation der Literatur durch heterogene Studienpopulationen, divergierende Definitionen des Begriffes erektile Dysfunktion, fehlende Darstellung der Begleiterkrankungen und -medikation erschwert [2295]. Gut bekannt ist, dass die Erektionsfunktion mit zunehmendem Alter auch in der Normalbevölkerung nachlässt, mit steilem Anstieg bei Männern über 70 [2296][2297][2298]. Vor diesem Hintergrund setzen sich Metaanalysen mit dem Risiko sexueller Dysfunktion und für Erektionsstörungen nach definitiver Strahlentherapie bei lokal begrenztem Prostatakarzinom, aber zuletzt auch bei neoadjuvant behandeltem Rektumkarzinom auseinander.
11.14.1.1.2 Inzidenz
Robinson (2002 [2299]) hat eine Metaanalyse von 54 überwiegend nicht prospektiver Studien (1970 - 2001) durchgeführt, in denen vor Therapieeinleitung der Erektionsstatus erhoben wurde. Hier wurde ein hoher Anteil Studien mit nicht-konformaler Technik eingeschlossen. Ein Jahr nach Therapie gaben noch 55 % (EBRT) bis zu 76 % (Brachytherapie) der bestrahlten Patienten an, über eine für die vaginale Penetration ausreichende Erektionsfähigkeit zu verfügen. Die Autor*innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Erfassung der Erektionsfähigkeit von Studie zu Studie eine große Variabilität aufwies, Patienten mit neoadjuvanter antihormoneller Therapie wurden nicht ausgeschlossen, Strahlendosen wurden nicht genannt.
Gaither (2017 [2300]) hat den zeitlichen Verlauf der erektilen Dysfunktion nach Brachytherapie, perkutaner Strahlentherapie in einer Metaanalyse aus 21 Studien (2000 – 2016) errechnet, die alle den IIEF-5 erfasst haben. Während nach einem Jahr 34 % der Patienten die Kriterien für eine ED erfüllten, sind es nach drei Jahren 44 % und nach 5,5 Jahren 57 %. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Teil der Patienten antihormonelle Therapie erhielt, andere wiederum Erektionshilfen. ED wurde in den eingeschlossenen Studien durch sehr unterschiedliche Punktzahlen im IIEF-5 definiert (10 - 17). In der Originalarbeit von Rosen wurde ein Wert von < 22 bereits als mäßige ED gewertet. Außerdem gibt es keinen Vergleichsarm unbestrahlter Patienten, der eine Abgrenzung gegenüber dem natürlichen Verlauf der Erektionsfunktion bei älteren Männern erlauben würde.
Hunt (2021 [2301]) berichtete über geringere Raten an erektiler Dysfunktion in 24 Kohortenstudien mit 2.714 Patienten (2002 - 2018), die nach eingesetzter Technik (3D-Bestrahlung, IMRT, LDR und HDR-Brachytherapie, Protonen) differenziert einer Metaanalyse unterzogen wurden. Hier wurden jetzt also ausschließlich Studien mit konformaler Technik analysiert, außerdem wurden wieder nur Serien mit Angabe zur Erektionsfunktion vor Therapie einbezogen. Es zeigten sich neu aufgetretene Erektionsstörungen zwei Jahre nach Therapie von 17 – 26 %. In der multivariaten Regressionsanalyse, die Protonenbestrahlung und HDR-Brachytherapie mit jeweils nur einer vorliegenden Studie nicht einbezog, zeigte sich nur für die Brachytherapie ein marginal signifikantes, schlechteres Ergebnis im Vergleich zu IMRT. Mit jedem Gray Dosiserhöhung (über 72 Gy hinaus) stieg das Risiko für eine ED um 2,2 %. Wie bei Gaither oder Garin (2021) stieg auch hier das Risiko mit zunehmender Nachbeobachtungszeit (jeden Monat um 1,5 %).
Loi (2019 [2302]) analysierte 12 Studien, die hypofraktioniert oder stereotaktisch bei Prostatakarzinom bestrahlt haben (≥ 5 Gy). Hier wurden Raten an sexuellen Funktionsstörungen zwischen 26 und 55 % nach fünf Jahren beschrieben, also Werte, die denen nach normofraktionierter Bestrahlung entsprechen [2302][2303].
Auch durch Strahlentherapie anderer Tumorentitäten im Becken kann eine erektile Dysfunktion hervorgerufen werden. Stephens (2010 [2304]) hat eine randomisierte Studie (1.350 Patienten) ausgewertet, in der eine präoperative Strahlentherapie bei Rektumkarzinom mit 5 x 5 Gy mit nachfolgender Tumorresektion verglichen wurde, mit einem chirurgischen Arm, in dem Patienten mit nur knapp reseziertem Karzinom eine postoperative Radiochemotherapie mit 45 Gy erhielten. In beiden Armen hatte der chirurgische Eingriff einen klaren negativen Effekt auf die männliche sexuelle Funktion, die aber durch die präoperative Strahlentherapie in geringerem Ausmaß weiter eingeschränkt wurde.
Auch Li (2021 [2305]) berichtete in einer Metaanalyse über 948 Patient*innen mit Rektumkarzinom, von denen 29 % mit präoperativer Radiochemotherapie (Capecitabine / Oxaliplatin (CAPOX)), teilweise auch mit postoperativer Chemotherapie (CAPOX oder FOLFOX) behandelt wurden. Insgesamt wiesen 24 % der Gesamtgruppe sexuelle Funktionsstörungen auf. Dabei war ein Risikofaktor für die Entwicklung sexueller Funktionsstörungen bei beiden Geschlechtern die Radiochemotherapie, sowohl in univariater als auch multivariater Analyse (OR 3,8 bzw. 4,1). Lange und Marijnen (2005 [2306] und 2008 [2307]) haben in der niederländischen TME– Studie, in der Patient*innen in einen Arm mit präoperativer Strahlentherapie mit 5 x 5 Gy gefolgt von TME und einen Arm mit alleiniger TME randomisiert wurden, die präoperative Strahlentherapie als einen von mehreren Risikofaktoren für die postoperative Entwicklung von sexuellen Funktionsstörungen bei beiden Geschlechtern identifiziert. Darüber hinaus sind Metaanalysen von Ma [2308] (2017, 106 Publikationen, 41.000 Pat., retrospektiv, keine Berücksichtigung von Kofaktoren) und Li [2309] (2023, 37 Publikationen, 18.000 Pat.) veröffentlicht worden, in denen die Autor*innen nach präoperativer Radio- oder Radiochemotherapie eine Erhöhung des Risikos für erektile Dysfunktion mit einer Odds Ratio von 1,77 (95 % KI: 1,27; 2,45, p < 0,001) [2309] und 2,25 (95 % KI: 1,51; 3,35, p < 0,01) [2308] beschreiben. Eine ältere Metaanalyse mit einer geringeren Anzahl eingeschlossener Studien (Loos 2013 [2310], 25 Publikationen, 6.500 Pat.) hat diesen Effekt mit einer Odds Ratio von 1,4 getestet, damit war allerdings das Signifikanzniveau nicht erreicht.
11.14.1.1.3 Prophylaxe
Der Einsatz von Phosphodiesterase-5-Inhibitoren als Prophylaxe von männlichen sexuellen Funktionsstörungen nach Strahlentherapie des lokal begrenzten Prostatakarzinoms sollte nicht erfolgen.
Drei Arbeitsgruppen haben die Hypothese getestet, dass die prophylaktische Gabe von PDE5-Inhibitoren während und befristet nach Strahlentherapie die Erektionsfunktion erhalten könnte [2313]. Zelefsky (2014 [2311]) hat 279 Patienten vor Strahlentherapie (perkutan und / oder Brachytherapie, 10 % mit ADT) bei Prostatakarzinom in einen Arm mit prophylaktischer Gabe von Sildenafil 50 mg täglich über sechs Monate doppelverblindet randomisiert, Patienten im anderen Arm erhielten Placebo. Die Medikamenten- oder Placebogabe startete drei Tage vor Bestrahlung. Nach 12 Monaten, also sechs Monate nach Abschluss der Medikamentengabe, war die Erektionsfunktion nach Sildenafil, gemessen mit der Domäne Erektionsfunktion des International Index of Erectile Function (IIEF), signifikant besser. Dieser Effekt war nach 24 Monaten nicht mehr nachweisbar, die sexuelle Zufriedenheit sei aber im Verumarm höher geblieben.
Auch Pisansky (2014 [2312]) hat einen Phosphodiesterase-5-Inhibitor (Tadalafil 5 mg täglich) doppelblind gegen Placebo bei Prostatakarzinompatienten randomisiert über 24 Wochen, beginnend mit der Strahlentherapie, als Prophylaxe an 242 Patienten untersucht. Auch hier zeigte sich 28 - 30 Wochen nach Therapiebeginn, also 4 - 6 Wochen nach Abschluss der Tadalafil-Medikation keine Verbesserung der Erektionsfunktion. Auch ein Jahr nach Strahlentherapie ergab sich kein Unterschied: 72 versus 71 % hatten eine erhaltene Erektionsfunktion.
11.14.1.1.4 Therapie
Wenn der Patient eine Therapie der erektilen Dysfunktion nach Strahlentherapie wünscht, sollte als First-Line-Therapie ein Phosphodiesterase-5-Inhibitor eingesetzt werden.
Candy (2008 [2314]) hat einen Cochrane – Review zur Wirksamkeit der PDE-5-Inhibitoren Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil nach radikaler Prostatektomie oder definitiver Strahlentherapie durchgeführt, für den die Literaturrecherche 2007 erfolgte. Alle Patienten wiesen eine erektile Dysfunktion auf und wurden 6 – 55 Monate nach Krebstherapie in die Studien eingeschlossen. Fünf randomisierte Studien wurden in den Review einbezogen, alle sind industriefinanziert. Nur zwei Studien mit zusammen 120 Patienten untersuchen den Effekt von Sildenafil bzw. Tadalafil nach Strahlentherapie. Insgesamt wird die Erektionsfunktion bei 2/3 der Patienten verbessert, rund der Hälfte der Patienten wird vaginaler Geschlechtsverkehr ermöglicht. In einer der fünf Studien wurde an Patienten nach radikaler Prostatektomie zusätzlich zu Sildenafil die Gabe von Propionyl-L-Carnitine (PLC) und Acetyl-L- Carnitine (ALC) untersucht. Damit wurde die Wirksamkeit gegenüber der Monotherapie verbessert.
Nebenwirkungen waren insgesamt moderat: Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Hitzewallungen. In einer Studie traten sechs Fälle von Tachykardie und Brustschmerzen auf.
Yang (2013 [2315]) hat eine weitere Metaanalyse publiziert, in der die Therapie einer erektilen Dysfunktion ausschließlich nach Strahlentherapie bei Prostatakarzinom untersucht wurde. Vier Studien wurden eingeschlossen, mit denen die Ergebnisse von Candy (2008) bestätigt wurden. In einer der eingeschlossenen Studien wurde der Effekt von Sildenafil nach Bestrahlung mit Kurzzeit – Antihormontherapie analysiert. Die Verbesserung der Erektionsfunktion war geringer ausgeprägt als nach alleiniger Strahlentherapie [2316]. Daneben wurden andere Verfahren zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen verwendet, für die aber keine prospektiven Studien nach Strahlentherapie durchgeführt wurden. Hier wird auf die Leitlinie der European Association of Urology 2021 von Salonia et al. [2317] verwiesen.
Zu weiteren Verfahren verweisen wir auf die S3-Leitlinie Prostatakarzinom.
11.14.1.2 Weibliche sexuelle Dysfunktion - Stenose der Vagina und Dyspareunie
Strahlentherapie im Becken, wie zum Beispiel bei anorektalen, uterinen oder Harnblasenkarzinomen, kann mit akuten und Langzeitnebenwirkungen am Urogenitaltrakt einhergehen und die Lebensqualität der Patient*innen erheblich einschränken [2307][2306][2318][2319][2320].
So können perkutane Bestrahlung und Brachytherapie an der Vagina zu einer lokalen Entzündung und Unterfunktion der vaginalen Drüsen mit Trockenheit, Schmerzen, Blutungen und Dyspareunie führen.
Längerfristig können sich eine Atrophie des vaginalen Epitheliums, Verlust an Muskel- und Gefäßgewebe, Fibrose und vaginale Stenose entwickeln [2321]. Der direkte radiogene Effekt auf die Vagina kann durch hormonelle Veränderungen bei Bestrahlung der Ovarien verstärkt werden. Wenig ist bekannt über radiogene Nebenwirkungen an der Klitoris [2322].
Nicht nur die Sexualfunktion und Lebensqualität der Patientinnen wird beeinträchtigt, auch die gynäkologische Untersuchung kann durch höhergradige Vaginalstenosen erheblich erschwert werden.
Die Sexualfunktion kann mit Fragebögen erfasst werden (Female Sexual Function Index, EORTC QLQ-CR 29).
11.14.1.2.1 Prophylaxe und Therapie
Mit Verwendung moderner, bildgeführter Brachytherapietechniken, die teilweise in Kombination mit interstitieller Applikation durchgeführt werden, kann das Risiko schwerer vaginaler Nebenwirkungen gegenüber historischen Kontrollen bei Zervixkarzinompatientinnen reduziert werden [2325].
Das Risiko für radiogene Nebenwirkungen ist abhängig vom Volumen des bestrahlten Organanteils und der Dosis. Sorbe (2005 [2329]) berichtete über die adjuvante Brachytherapie von Patientinnen mit Niedrigrisiko-Endometriumkarzinom, wobei randomisiert 6 x 2,5 Gy in 5 mm Gewebetiefe oder 6 x 5 Gy verglichen wurden. Bei nicht unterschiedlicher Lokalrezidivrate wurde kolpometrisch eine Vaginalverkürzung von 2,1 cm nach fünf Jahren in dem höher dosierten Arm beschrieben (p < 0,000001), in dem Arm mit 2,5 Gy Einzeldosis wurde keine signifikante Veränderung zum Ausgangsbefund erkannt. Auch traten Mukosaatrophie und vaginale Blutungen häufiger in dem 5 Gy – Arm auf.
Vaginaldilatatoren können zur Therapie und Prophylaxe von Vaginalstenosen nach beendeter Bestrahlung im Beckenbereich und Abklingen der akuten Strahlenfolgen eingesetzt werden.
Aufgrund fehlender therapeutischer Alternativen bei für die Betroffenen belastender Symptomatik beschreibt die Leitliniengruppe die Option zwei bis vier Wochen nach Strahlentherapie, also nach Abklingen der akuten radiogenen Nebenwirkungen Vaginaldilatatoren zusammen mit Gleitgel anzuwenden, sowohl als Prophylaxe, aber auch als Therapie bei bereits eingetretener Vaginalstenose. Ähnliche Empfehlungen wurden auch von anderen, internationalen Leitlinien gegeben, [2336][2334][2337][2338].
Siehe auch S3-Leitlinie Endometriumkarzinom (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Endometriumkarzinom/Version_2/LL_Endometriumkarzinom_Langversion_2.0.pdf)
Zur Behandlung von Symptomen einer Vaginalatrophie bei Patientinnen nach beendeter Bestrahlung im Beckenbereich stehen topisches Östrogen sowie inerte Gleitgele oder Cremes zur Verfügung*.
*Hinweis: Bei Patientinnen nach Therapie eines Endometriumkarzinoms werden primär inerte Gleitgele oder Cremes empfohlen, da östrogenhaltige Produkte beim Endometriumkarzinom in Hinsicht auf eine Rezidivinduktion umstritten sind
Siehe auch S3-Leitlinie Endometriumkarzinom.
Evidenztabellen (1)
Martins 2021Für Patientinnen, deren Vagina in das Bestrahlungsvolumen einbezogen worden ist, kann topisches Östrogen bei vaginalen Beschwerden eingesetzt werden. In einem systematischen Review analysiert Wierzbiecka (2021[2340]) die topische Applikation von Medikamenten während und nach der Strahlentherapie von Endometrium- und Zervixkarzinomen. Vier randomisierte Studien wurden eingeschlossen, in denen Hyaluronsäure zusammen mit Vitamin E und A, Alphatocopherol oder Dinestriol als Vaginalsuppositorien topisch appliziert und jeweils gegen einen Standardarm ohne Zusatztherapie verglichen wurden. Darunter wird eine Reduktion der Fibrosierung, vaginaler Trockenheit, Blutungen und Dyspareunie gezeigt. Allerdings weist das Studiendesign der eingeschlossenen Studien Mängel auf.
Patientinnen mit Endometriumkarzinom stellen hier eine Ausnahme dar:
Die S3-Leitlinie Endometriumkarzinom (September 2022) empfiehlt bei Atrophie der Vagina nach Strahlentherapie in erster Linie Gleitcreme und – gel. Östrogenhaltige Produkte sind beim Endometriumkarzinom in Hinsicht auf eine Rezidivinduktion um-stritten und werden erst in zweiter Linie nach ausführlicher Aufklärung und rechtlich ausreichender Dokumentation empfohlen [2338][2337].
Siehe auch S3-Leitlinie Endometriumkarzinom (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Endometriumkarzinom/Version_2/LL_Endometriumkarzinom_Langversion_2.0.pdf)
11.14.2 Harnorgane
11.14.2.1 Basismaßnahmen
Bei Auftreten urologischer Beschwerden unter Bestrahlung sollten andere Ursachen (z.B. Harnwegsinfekt, Lithiasis) stets ausgeschlossen und bei entsprechendem Nachweis eine kausale und/oder symptomatische Therapie initiiert werden, ggf. auch unter Einbeziehung weiterer Fachdisziplinen.
- Konsens
- Starker Konsens
Im Rahmen einer multimodalen Tumortherapie ist es oft nicht eindeutig möglich, eine bestimmte Symptomatik der Strahlentherapie zuzuordnen. Wenn konkurrierende Diagnosen ausgeschlossen wurden und eine radiogene Ätiologie der Beschwerden somit wahrscheinlich ist, ist die entsprechende Behandlung meist rein symptomatisch. Hinsichtlich entsprechender, symptomatischer Therapien fehlen jedoch hochwertige randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte klinische Studien, sodass fundierte Aussagen über die Wirksamkeit oft nicht möglich sind.
11.14.2.2 Beckenbodenübungen
Prä- oder Rehabilitationsprogramme unter Anleitung und Beckenbodenübungen können zur Minimierung der Beschwerden des unteren Harntraktes angewendet werden.
Die Evidenz zur Wirksamkeit von Beckenbodenübungen stammt vor allem von Studien im postoperativen Setting (Kontinenz) [2343]. Für die primär-definitive oder adjuvante Strahlentherapie ist die Datenlage indes geringer.
Dieperink et al. zeigten in der RePCa-Studie, einer dänischen randomisierten Studie mit 153 Männern, die eine primär-definitive Prostatabestrahlung erhalten hatten, dass eine multidisziplinäre Rehabilitation nach der Radiotherapie (mit Beratungssitzungen und physiotherapeutischer Beübung der Beckenbodenmuskulatur mit Biofeedback) zu einer signifikanten Verbesserung der irritativen Miktionsbeschwerden führt [2342]. Auch die subjektive Lebensqualität und die Sexualhormonspiegel zeigten sich im Vergleich zur Kontrollgruppe, die keine spezifische Therapie erhielt, signifikant besser. Aufgrund des gewählten Studiendesigns war eine Verblindung allerdings nicht möglich. Eine kleinere, nicht-randomisierte Studie (n = 60) untersuchte den Effekt von angeleiteten Beckenbodenübungen bereits vor Beginn der perkutanen Strahlentherapie im Sinne einer Prähabilitation [2341]; in der Interventionsgruppe wurden eine geringere Inkontinenzrate und eine gesteigerte subjektive Lebensqualität berichtet.
Zusammenfassend ist die Datenlage zu Beckenbodenübungen und Prä- und/oder Rehabilitationsprogrammen deutlich limitiert. Dennoch können aufgrund der initialen, positiven Ergebnisse und fehlenden Nebenwirkungen entsprechende Programme erwogen werden.
11.14.2.3 α-Adrenozeptor-Antagonisten
α-Adrenozeptor-Antagonisten (Tamsulosin, Silodosin, Naftopidil) können zur Prophylaxe und/oder Behandlung von Obstruktionsbeschwerden und erhöhtem Restharnvolumen angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2344] [2345] [2346] [2347] [2348] [2349] [2350] [2351]
Evidenztabellen (8)
Elshaikh 2005; Merrick 2002; Merrick 2005; Shimizu 2014; Tanaka 2014; Tsirkas 2021; Tsumura 2011; Oyama 2014Die Evidenz zu α-Adrenozeptor-Antagonisten stammt vor allem von gutartigen urologischen Erkrankungen wie der benignen Prostatahyperplasie. Eine antagonistische Selektivität, insbesondere für prostatische α1A/1L-Adrenozeptoren, führt zu einer Relaxation der glatten Muskulatur des Blasenhalses, der Harnröhre und der Prostata. Dadurch kommt es zur Abnahme des Detrusordrucks, einem erhöhten Durchfluss und einer symptomatischen Verbesserung von Obstruktionsbeschwerden. Die vorhandenen Präparate sind jeweils spezifisch für einen bestimmten Subtyp der Alpha-Adrenozeptoren (z.B. Silodosin für 1A, Naftopidil für 1D und Tamsulosin für beide).
Die Mehrheit der zugrundeliegenden Daten stammt aus Studien zur Brachytherapie (mit oder ohne sequenzieller perkutaner Bestrahlung) beim Prostatakarzinom.
Merrick et al. zeigten, dass eine präventive Einnahme von Alphablockern im Vergleich zur Einnahme bei Auftreten erster obstruktiver Beschwerden zu bevorzugen ist [2344][2346]. Nachfolgende Studien untersuchten auch Effektivitätsunterschiede zwischen einzelnen Präparaten bei der Prophylaxe der Beschwerden des unteren Harntraktes [2347][2348][2349][2350]. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass nur marginale Unterschiede in der prophylaktischen Wirksamkeit zwischen den Alphablockern bestehen.
Zur alleinigen perkutanen Radiotherapie ist die Datenlage weniger umfassend. Tsirkas et al. untersuchten die Einnahme von Tamsulosin ab Bestrahlungsbeginn versus keine Therapie [2351]: es zeigten sich ein signifikant geringerer Harnverhalt (p = 0,027) sowie eine Verbesserung der subjektiven und objektiven Endpunkte bei insgesamt guter Verträglichkeit.
Die bis dato zur Verfügung stehenden Studien haben gemeinsam, dass sie weder eine Verblindung noch eine Placebokontrolle aufweisen; zudem blieben potenziell symptomverstärkende Patientencharakteristika (wie z.B. Übergewicht) überwiegend unberücksichtigt oder wurden bei der Randomisierung nicht zur Stratifikation herangezogen.
11.14.2.4 Anticholinergika
Anticholinergika (Trospiumchlorid, Solifenacin) können zur Behandlung der Beschwerden einer hyperaktiven Blase angewendet werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2352] [2353] [2354]
Evidenztabellen (1)
Yan 2017Nachdem eine erste retrospektive Serie die Wirksamkeit des Anticholinergikums Trospiumchlorid zur Reduktion von Miktionsbeschwerden im Rahmen der Brachytherapie des Prostatakarzinoms nachweisen konnte [2353], bestätigten Yan et al. den zusätzlichen Effekt des Trospiumchlorids gemeinsam mit Tamsulosin in einer prospektiven, randomisierten Kohorte nach Brachytherapie der Prostata (n = 111) [2352]: obwohl sich der IPSS der Kombinationsgruppe (Trospiumchlorid + Tamsulosin) im Vergleich zur Tamsulosingruppe insgesamt nicht gebessert zeigte, ergab sich jedoch eine signifikante Verbesserung der “storage” Symptome, wie zum Beispiel die Pollakisurie, Nykturie und imperativer Harndrang. Auch die Lebensqualität war in der Kombinationsgruppe signifikant besser, bei vergleichbarem Nebenwirkungsprofil. Limitationen dieser Studie sind die fehlende Verblindung und Placebokontrolle. Studien mit Trospiumchlorid bei perkutaner Radiotherapie liegen bisher nicht vor.
11.14.2.5 Nicht-steroidale Antirheumatika
Nicht-steroidale Antirheumatika (Ibuprofen) oder selektive Cyklooxygenase-2-Hemmer (Meloxicam, Celecoxib) können bei der Behandlung der Beschwerden im unteren Harntrakt nach Radiatio erwogen werden.
Eine kleine doppelblinde, randomisierte und placebokontrollierte Studie berichtete keine Verbesserung der akuten Miktionsbeschwerden mit Ibuprofen (400 mg 1 x /Tag) bei der perkutanen Prostatabestrahlung [2357]. Aufgrund der nur geringen Fallzahl (n = 49) sind die Ergebnisse jedoch kritisch zu betrachten.
Auf Basis einer ersten retrospektiven Erhebung, die durch Einnahme von Celecoxib einen verringerten Harnverhalt nach Brachytherapie der Prostata dokumentierte [2358], wurde dem Effekt von COX-Inhibitoren in diesem Zusammenhang weiter nachgegangen. Crook et al. fanden keinen Unterschied in der Wirkung von Meloxicam zwischen der Einnahme am Tag der Brachytherapie versus eine Woche vorher (n = 300) [2355]. Tanaka et al. untersuchten den Effekt von Tamsulosin und Celecoxib gegenüber einer Monotherapie mit Tamsulosin (n = 300) [2356]; der primäre Endpunkt (Unterschied im IPSS nach drei Monaten) wurde nicht erreicht. Die Kombinationsgruppe berichtete jedoch eine signifikante Reduktion der Pollakisurie sowie des Restharnvolumens. Eine fehlende Verblindung und Placebokontrolle sind auch hier Limitationen der Studie.
Gastrointestinale Nebenwirkungen und Schleimhautschäden durch nicht-steroidale Antiphlogistika sind zu berücksichtigen, insbesondere bei parallel bestehender Proktitis.
11.14.2.6 Hyperbarer Sauerstoff
Hyperbarer Sauerstoff kann zur Behandlung der chronischen radiogenen (hämorrhagischen) Zystitis eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [2359] [2360]
Evidenztabellen (1)
Oscarsson 2019Hyperbarer Sauerstoff (hyperbaric oxygen oder HBO), also die Atmung von 100 % O2 in einem abgeschlossenen Raum, in dem ein höherer Druck als der Atmosphärendruck vorherrscht, ermöglicht eine maximale Hämoglobinsättigung und eine gesteigerte O2 Diffusion im Gewebe.
Die RICH-ART-Studie, eine skandinavische nicht-verblindete, randomisierte und kontrollierte Studie mit 79 Patient*innen mit chronischer Zystitis, mindestens sechs Monate nach pelviner Bestrahlung, untersuchte den Effekt von HBO auf Miktionsbeschwerden [2359]. Teilnehmer*innen erhielten entweder 30 − 40 Sitzungen HBO (5 x /Woche für 80 − 90 Minuten am Tag) oder Standardbehandlung (nicht uniform, ohne Restriktionen bezüglich Medikation oder Interventionen). Der primäre Endpunkt, die Verbesserung der urinalen EPIC nach 6 − 8 Monaten, war signifikant besser bei Patient*innen, die HBO erhalten hatten. Allerdings sind ein eventuell verzögerter Wirkungseintritt sowie milde Nebenwirkungen (41 % der HBO-Gruppe berichteten transiente Grad 1 − 2 Nebenwirkungen, vor allem Ohrenschmerzen und verschwommenes Sehen) zu berücksichtigen. Zudem begrenzt die nicht einheitliche Behandlung im Kontrollarm die Aussagekraft der Ergebnisse.
11.14.2.7 Cranberry (großfrüchtige Moosbeere)
Cranberrykapseln sollten nicht zur Prophylaxe oder Behandlung der radiogenen Zystitis angewendet werden.
Dem Verzehr von Cranberries wird in der Naturheilkunde eine gesundheitsförderliche, teils antiinflammatorische Wirkung zugeschrieben und seit Jahrzehnten auch bei urologischen Beschwerden eingesetzt. Initiale Ergebnisse waren diskonkordant und aufgrund methodologischer Einschränkungen konnten keine abschließenden Aussagen getroffen werden [2363][2364]. Herst et al. berichteten über eine doppelblinde, randomisierte und placebokontrollierte Studie bei 101 Männern, die eine perkutane Prostatabestrahlung erhielten: diejenigen Patienten, die Cranberrykapseln einnahmen, zeigten tagsüber eine signifikant höhere Urinierfrequenz und eine schlechtere Blasenkontrolle [2361]. Auch in der Studie von Campbell et al. konnte kein Gruppenunterschied zwischen der Einnahme von Cranberry-Saft zur Einnahme von Apfel-Saft gesehen werden [2362].
11.14.2.8 Weitere Substanzen
Auf Basis der aktuellen Datenlage ist eine Empfehlung für oder gegen die Anwendung der folgenden Substanzen nicht möglich:
- Mirabegron
- Sildenafil
Auch der zusätzliche Effekt von Sildenafil neben Tamsulosin wurde in einer kleinen Studie bei Prostata-Brachytherapie untersucht [2366]. 35 Patienten mit erektiler Dysfunktion erhielten einen Monat nach der Implantation eine niedrige Dosis Sildenafil. Der IPSS nach drei Monaten war signifikant besser (p = 0,035). Alle weiteren Erhebungen (IPSS nach einem Monat, Uroflowmetrie und Restharnvolumen) waren unverändert. Aufgrund methodischer Einschränkungen ist eine Empfehlung nicht möglich (kleines Kollektiv, keine Verblindung oder Randomisierung, kurzes Follow-up).
11.14.2.9 Invasive Therapien
Bei seltenen Nebenwirkungen (Stenose, Striktur, Fistelbildung, refraktäre Hämaturie) sollte eine Überweisung in eine entsprechende Fachabteilung (Urologie, Gynäkologie, Chirurgie) zur Diagnostik und weiteren (invasiven) Therapie erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Bei Interventionen wie Katheteranlage, Blaseninstillation oder Urethrotomie sind entsprechenden Fachdisziplinen hinzuzuziehen. In sehr seltenen Fällen kann bei therapierefraktärer hämorrhagischer Zystitis eine Zystektomie erforderlich werden.
11.14.3 Zusammenfassung
Tabelle 93: Zusammenfassung der Empfehlungen/ Statements
|
Erektile Dysfunktion |
|||
|
|
|
Empfehlungsgrad |
Level of Evidenz |
|
Prophylaxe |
|||
|
Der Einsatz von Phosphodiesterase-5-Inhibitoren als Prophylaxe von männlichen sexuellen Funktionsstörungen nach Strahlentherapie des lokal begrenzten Prostatakarzinoms sollte nicht erfolgen. |
sollte nicht |
B |
1 |
|
Therapie |
|||
|
Wenn der Patient eine Therapie der Erektilen Dysfunktion nach Strahlentherapie wünscht, sollte als First-Line-Therapie ein Phosphodiesterase-5-Inhibitor eingesetzt werden. |
sollte |
B |
1 |
|
Weibliche sexuelle Dysfunktion - Stenose der Vagina und Dyspareunie |
|||
|
Prophylaxe und Therapie |
|||
|
Vaginaldilatatoren können zur Therapie und Prophylaxe von Vaginalstenosen nach beendeter Bestrahlung im Beckenbereich und Abklingen der akuten Strahlenfolgen eingesetzt werden. |
können |
0 |
3 |
|
Zur Behandlung von Symptomen einer Vaginalatrophie bei Patientinnen nach beendeter Bestrahlung im Beckenbereich stehen topisches Östrogen sowie inerte Gleitgele oder Cremes zur Verfügung*. |
Statement |
|
3 |
|
Harnorgane |
|||
|
Basismaßnahmen |
|||
|
Bei Auftreten urologischer Beschwerden unter Bestrahlung sollten andere Ursachen (z.B. Harnwegsinfekt, Lithiasis) stets ausgeschlossen und bei entsprechendem Nachweis eine kausale und/oder symptomatische Therapie initiiert werden, ggf. auch unter Einbeziehung weiterer Fachdisziplinen. |
sollten |
EK |
|
|
Beckenbodenübungen |
|||
|
Prä- oder Rehabilitationsprogramme unter Anleitung und Beckenbodenübungen können zur Minimierung der Beschwerden des unteren Harntraktes angewendet werden. |
können |
0 |
2 |
|
α-Adrenozeptor-Antagonisten |
|||
|
α-Adrenozeptor-Antagonisten (Tamsulosin, Silodosin, Naftopidil) können zur Prophylaxe und/oder Behandlung von Obstruktionsbeschwerden und erhöhtem Restharnvolumen angewendet werden. |
können |
0 |
2 |
|
Anticholinergika |
|||
|
Anticholinergika (Trospiumchlorid, Solifenacin) können zur Behandlung der Beschwerden einer hyperaktiven Blase angewendet werden. |
können |
0 |
2 |
|
Nicht-steroidale Antirheumatika |
|||
|
Nicht-steroidale Antirheumatika (Ibuprofen) oder selektive Cyklooxygenase-2-Hemmer (Meloxicam, Celecoxib) können bei der Behandlung der Beschwerden im unteren Harntrakt nach Radiatio erwogen werden. |
können |
0 |
2 |
|
Hyperbarer Sauerstoff |
|||
|
Hyperbarer Sauerstoff kann zur Behandlung der chronischen radiogenen (hämorrhagischen) Zystitis eingesetzt werden. |
kann |
0 |
2 |
|
Cranberry (großfrüchtige Moosbeere) |
|||
|
Cranberrykapseln sollten nicht zur Prophylaxe oder Behandlung der radiogenen Zystitis angewendet werden. |
sollten nicht |
B |
2 |
|
Weitere Substanzen |
|||
|
Auf Basis der aktuellen Datenlage ist eine Empfehlung für oder gegen die Anwendung der folgenden Substanzen nicht möglich:
|
Statement |
|
2 |
|
Invasive Therapien |
|||
|
Bei seltenen Nebenwirkungen (Stenose, Striktur, Fistelbildung, refraktäre Hämaturie) sollte eine Überweisung in eine entsprechende Fachabteilung (Urologie, Gynäkologie, Chirurgie) zur Diagnostik und weiteren (invasiven) Therapie erfolgen. |
sollte |
EK |
|
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