7. Untersuchungsverfahren zur Diagnosesicherung – Multiples Myelom
7.1 Anamnese und körperliche Untersuchung
Dr. Marco Herling
Die Erhebung der initialen Anamnese soll sich besonders auf das Profil der typischen Symptomatologie des Multiplen Myeloms ausrichten.
- Konsens
- Konsens (83,3%)
Bei der körperlichen Untersuchung soll auch der neurologische Status erhoben werden, insbesondere zur Erfassung einer Polyneuropathie.
- Konsens
- Konsens (92,1%)
Eine fokussierte Anamnese und körperliche Untersuchung soll bei wesentlichen Umstellungen der Therapie oder im therapiefreien Intervall wiederholt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zur Initialdiagnostik eines Multiplen Myeloms soll die Krankengeschichte erhoben werden und eine umfassende körperliche Untersuchung erfolgen.
Das Profil der typischen Symptomatologie des Multiplen Myeloms ist unter 6.2 dargestellt. Darauf ausgerichtet soll die Erhebung der initialen Anamnese Fragen nach Knochenschmerzen, Frakturereignissen, Fatigue (körperliche Abgeschlagenheit bei Alltagsverrichtungen), Gewichtsverlust (bzw. generelle konstitutionelle (B-)Symptome), Infektneigung (Art, Schwere, Häufigkeit), Wundheilungsstörungen, Zeichen einer Polyneuropathie, schäumendem Urin, Ödemen, Dyspnoe, weiteren Anämiezeichen, Hinweisen auf venöse Thrombembolien, sowie nach Blutungsstigmata beinhalten.
Bei der initialen Patientenbefragung sollten auch zurückliegende bösartige Erkrankungen und deren Therapie, sowie an einem Multiplen Myelom oder anderen Malignomen erkrankte Familienangehörige sowie eine Exposition gegenüber Chemikalien (z. B. Benzolverbindungen) oder radioaktiver Strahlung oder erhoben und dokumentiert werden.
Die körperliche Untersuchung soll einen allgemeinen internistischen und grob orientierenden neurologischen Status umfassen. Beim Multiplen Myelom finden sich normalerweise keine vergrößerten Lymphknoten.
Eine fokussierte Anamnese und körperliche Untersuchung sollten bei wesentlichen Umstellungen der Therapie oder im therapiefreien Intervall wiederholt werden. Sie umfassen dann Erhebungen mit zusätzlichem Augenmerk auf Therapietoxizitäten.
7.1.1 Bewertung des Allgemeinzustandes und der körperlichen Aktivität
Der Allgemeinzustand und die körperliche Aktivität des Patienten im Alltag sollen mit Hilfe des Karnofsky-Index oder des ECOG-Scores quantifiziert werden. (Tabelle 10)
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Abschätzung der tolerierbaren Therapieintensität (inklusive Hochdosistherapie) soll erst bzw. erneut zum Zeitpunkt der jeweiligen Therapieeinleitung erfolgen
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Der Allgemeinzustand und die körperliche Aktivität des Patienten im Alltag sollen mit Hilfe des Karnofsky-Index oder des ECOG-Scores [35] objektiviert werden (Tabelle Allgemeinzustandsabschätzung nach dem Karnofsky-Index und nach der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG)). Die Evaluation der körperlichen Fitness des Patienten zur Abschätzung der tolerierbaren Therapieintensität (inklusive Hochdosistherapie) soll erst bzw. erneut zum Zeitpunkt der jeweiligen Therapieeinleitung erfolgen (siehe Kapitel 13.2). Auch der Einsatz Myelom-validierter Komorbiditätsscores kann erfolgen (siehe auch Kapitel 11.2) [36].
Tabelle 6: Allgemeinzustandsabschätzung nach dem Karnofsky-Index und nach der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG)
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Kategorie |
Beschreibung |
Kategorie |
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100% |
Vollständig aktiv. Fähig, alle Tätigkeiten wie vor Erkrankungsbeginn ohne Einschränkungen auszuüben. Keine Beschwerden. |
0 |
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90% |
Fähig zu normaler Aktivität, kaum oder geringe Symptome. |
1 |
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80% |
Normale Aktivität nur mit Anstrengung möglich. Anstrengende körperlichen Tätigkeiten mit deutlichen Symptomen eingeschränkt. Nicht-hospitalisiert und fähig leichte oder sitzende Arbeiten zu verrichten (z.B. leichte Hausarbeiten, Bürotätigkeiten). |
1 |
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70% |
Selbstversorgung möglich. Normale Aktivität oder Arbeit nicht möglich. |
2 |
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60% |
Nicht-hospitalisiert und zur vollständigen Selbstversorgung mit gelegentlicher Hilfe fähig. Aber unfähig, jegliche Arbeiten zu verrichten. Mehr als 50% der Wachzeit aktiv. |
2 |
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50% |
Nur eingeschränkt zur Selbstversorgung in der Lage. Häufige Unterstützung und medizinische Versorgung notwendig. Tagsüber mehr als die Hälfte der Zeit im Bett. |
3 |
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40% |
Überwiegend bettlägerig; spezielle Hilfe und Pflege erforderlich (pflegebedürftig). |
3 |
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30% |
Dauernd bettlägerig, vollständig eingeschränkt. Unfähig zur Selbstversorgung (voll pflegebedürftig). |
4 |
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20% |
Schwer krank, aktive unterstützende Therapie. |
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10% |
Moribund |
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|
0% |
Tod |
5 |
7.2 Klinische Chemie und Immunserologie
Dr. Marco Herling, Dr. Peter Eichhorn
Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose sollen Laboruntersuchungen veranlasst werden um wesentliche Organfunktionsstörungen (z. B. eine reduzierte Nierenfunktion) und Myelom-assoziierte Phänomene (z. B. Antikörpermangel, Autoimmunhämolyse) aufzudecken und deren Entwicklung im Verlauf beurteilen zu können.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Bestimmung der prognostischen Serumparameter Beta-2-Mikroglobulin (β2MG), Albumin und LDH soll mindestens einmal im Rahmen der Initialdiagnostik erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei klinisch hinreichendem Verdacht soll ein Screening im Serum und ggfs. Im Urin auf das Vorliegen eines monoklonalen Proteins mittels Eiweißelektrophorese (SPE/UPE) oder Kapilarzonenelektrophorese (CZE) erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Alle quantifizierenden Untersuchungen des Paraproteins aus dem Urin sollen im 24h Sammelurin durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zur Charakterisierung des Paraproteins soll die Probe mit Antiseren gegen die G, A und M Schwerketten und die gebundenen Kappa- und Lambda-Leichtketten mittels Immunfixation untersucht werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zeigen sich mit Antiseren gegen die Kappa- oder Lambda-Leichtketten pathologische Präzipitate, jedoch keine korrespondierenden Präzipitate in den G-, A- oder M-Schwerketten, soll die Probe mit Antiseren gegen die D- und E-Schwerkette erneut untersucht werden, um ggf. ein Paraprotein des Isotyps IgD oder IgE zu sichern.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Quantifizierung des Paraproteins im Serum soll zum Zeitpunkt der Erstdiagnose und im weiteren Verlauf zur Kontrolle des Therapieansprechens erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Bestimmung der freien Leichtketten im Serum inkl. Ratio soll zum Zeitpunkt der Erstdiagnose und im weiteren Verlauf zur Kontrolle des Therapieansprechens erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Verlaufsuntersuchungen sollten die freien Leichtketten im Urin nicht standardmäßig gemessen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei klinisch hinreichendem Verdacht auf ein Multiples Myelom sollen IFE (Immunfixation) und FLC-Messung auch dann durchgeführt werden, wenn elektrophoretisch kein M-Gradient nachweisbar ist.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Der Isotyp des gebildeten monoklonalen Immunglobulins und der dazugehörigen Immunglobulin-Leichtkette soll zur Einteilung des Multiplen Myeloms nach Paraproteintyp herangezogen werden
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose sollen Laboruntersuchungen veranlasst werden um wesentliche Organfunktionsstörungen (z. B. eine eingeschränkte Nierenfunktion) und Myelom-assoziierte Phänomene (z. B. Antikörpermangel, Autoimmunhämolyse) aufzudecken und deren Entwicklung im Verlauf beurteilen zu können.
Besonderen Stellenwert haben hierbei: Elektrolyte (Kalium, Natrium, korrigiertes Kalzium), Nierenretentionsparameter (Kreatinin, berechnete GFR, Harnstoff), Gesamteiweiß, Albumin sowie die Laktatdehydrogenase (LDH) im Serum. Weiterhin informativ können GPT, Bilirubin, Harnsäure und Haptoglobin sein. Die Rolle der Blutsenkungsgeschwindigkeit (oft stark erhöht als sogenannte Sturzsenkung bei Multiplem Myelom) ist zunehmend in den Hintergrund getreten.
Die Serumparameter Beta-2-Mikroglobulin (β2MG), Albumin und LDH finden Eingang in Prognosescores (Kapitel 6.2.1). Ihre Bestimmung sollte mindestens einmal in der Initialdiagnostik erfolgen. Für die Diagnosestellung sind sie von keiner hohen Aussagekraft.
Dem Nachweis eines Paraproteins kommt besondere Bedeutung zu. Zunächst soll ein Screening von Serum und Urin auf das Vorliegen eines monoklonalen Proteins mittels Eiweißelektrophorese (SPE) oder Kapillarzonenelektrophorese (CZE) erfolgen. Es wird empfohlen alle quantifizierenden Untersuchungen aus Urin im 24h Sammelurin durchzuführen [37]. Das Verhältnis der monoklonalen Leichtkette zur unbeteiligten Leichtkette sollte mindestens 100 betragen und erst ab einer Konzentration der monoklonalen Leichtkette von mindestens 100 mg/l als ausreichend valide eingestuft werden, sofern die Konzentration der freien Leichtketten mit dem Freelite Test (Fa. TBS) gemessen wurde. Für andere Testsysteme lag zum Zeitpunkt der Leitlinienerstellung keine ausreichende Evaluationsbasis vor. Andere Testsysteme sollten jedoch bei Vorliegen einer ausreichenden Datenlage und entsprechender Vergleichbarkeit berücksichtigt werden.
Bei Detektion eines sogenannten M-Gradienten in der SPE oder CZE soll eine Immunfixation durchgeführt werden. Die Immunfixation des Serums und Urins sichert zum einen das Vorliegen eines Paraproteins, da sogenannte Extragradienten sowohl in der SPE als auch CZE einen M-Gradienten imitieren können, zum anderen dient sie zur Feststellung des Isotyps (IgG, IgA, IgM, IgD, IgE) der durch die Klonalität der entsprechenden Schwerkette (G, A, M, D, E) bestimmt wird sowie des LK-Typs (Kappa oder Lambda).
Der Isotyp des gebildeten monoklonalen Immunglobulins und der dazugehörigen Immunglobulin-Leichtkette soll zur Einteilung des Multiplen Myeloms nach Paraproteintyp herangezogen werden. IgG- und IgA- Myelome haben hierbei die höchste Inzidenz und machen etwa 80% der Erkrankungen aus. Als Leichtkettenmyelome, bei denen lediglich inkomplette Immunglobuline (Leichtketten) gebildet werden, werden etwa 20% der Myelomerkrankungen klassifiziert. Selten sind IgD-, IgE- oder IgM-Myelom sowie Patienten mit asekretorischen Myelomzellen.
Regelhaft soll im Rahmen dieser Isotyp-diagnostik die Probe zunächst mit Antiseren gegen die G, A und M Schwerketten und die gebundenen Kappa- und Lambda-Leichtketten untersucht werden. Zeigen sich mit Antiseren gegen die Kappa- oder Lambda-LK pathologische Präzipitate, jedoch keine korrespondierenden Präzipitate in den G-, A- oder M-Schwerketten, muss die Probe mit Antiseren gegen die D- und E-Schwerkette erneut untersucht werden, um ggf. ein Paraprotein des Isotyps IgD oder IgE zu sichern. Leichtkettenmyelome bilden inkomplette Immunglobuline und zeigen nur mit Antiseren gegen gebundene Leichtketten eine entsprechende Reaktivität.
Die Quantifizierung des Paraproteins im Serum soll, konsensuskonform [37], mittels nephelometrischer Bestimmung von IgG, IgA und IgM, ggf auch IgD und IgE erfolgen, wobei eine deutliche Verminderung der polyklonalen Immunglobulin-Isotypen auf ein Antikörpermanhelsyndrom hinweisen kann. Störungen quantifizierender Methoden, einschließlich der IFE (Immunfixation) durch therapeutische Antikörper sind prinzipiell möglich, deshalb sollten die entsprechenden Laboratoriumsuntersuchungen vor Gabe dieser Therapeutika bzw. in möglichst großem zeitlichem Abstand zu deren Verabreichung durchgeführt werden. Die Messung freier Leichtketten (FLC) erfolgt nephelometrisch und ermöglicht deren Quantifizierung. Bei Bildung der Kappa/Lambda Ratio (rFLC) zeigen Vermehrungen der FLC aufgrund einer Verminderung der Nierenfunktion oder polyklonalen Vermehrung der Immunglobuline in der Regel eine rFLC im Referenzbereich, während Erhöhungen der FLC im Rahmen lymphoproliferativer Erkrankungen eine rFLC außerhalb des Referenzbereiches von 0,26 - 1,65 [38] aufweisen. Die Kombination von IFE und rFLC führt zu einer deutlichen Steigerung der Sensitivität (Dispenzieri, Kyle et al. 2009). Einschränkend ist darauf hinzuweisen, dass bei der Bildung der rFLC nach den Kriterien der IMWG eine Konzentration der monoklonalen Leichtkette von mindestens 100 mg/l zu fordern ist [39]. Die generelle Messung freier Leichtketten im Urin wird für Verlaufsuntersuchungen derzeit nicht empfohlen [37]. Auch ohne elektrophoretischen Nachweis eines M-Gradienten sollen bei Verdacht auf ein Multiples Myelom IFE und FLC-Messungen durchgeführt werden, da sie aufgrund ihrer deutlich höheren Sensitivität auch niedrige Konzentrationen monoklonaler Proteine nachweisen können. Dies gilt insbesondere für den Nachweis monoklonaler Leichtketten, die sich mit elektrophoretischen Methoden nicht immer darstellen lassen.
Ergänzende Verfahren beinhalten z. B. den direkten Antiglobulintest (direkter Coombs-Test) bei v.a. Autoimmunhämolyse.
Bestimmte Konstellationen (z. B. spezielle Symptome, bestimmte Therapien) erfordern zusätzliche Tests, wie z. B. Eiweißelektrophorese aus Liquormaterial bei Verdacht auf ZNS Befall oder Serum NTproBNP bei Verdacht auf AL-Amyloidose.
7.3 Blutbild
Dr. Marco Herling
Es soll bei Diagnosestellung und Progress eine mikroskopische Leukozytendifferenzierung erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Es soll auch auf den Anteil von (atypischen) Plasmazellen eingegangen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Beim initialen Verdacht auf ein Multiples Myelom und im weiteren Verlauf, vor allem unter myelotoxischer Therapie (siehe Kapitel 13-14), soll eine Blutbilduntersuchung durchgeführt werden, welche mindestens folgende Parameter umfasst: Leukozyten- und Neutrophilenzahl, Hämoglobinkonzentration und Thrombozytenzahl. Ferner sollte bei Diagnosestellung und Progress eine vollständige maschinelle und zu Beginn eine manuelle (mikroskopische) Leukozytendifferenzierung erfolgen. Hier sollte auch auf den Anteil von (atypischen) Plasmazellen eingegangen werden. Auch sollte (maschinell oder mikroskopisch) die Retikulozytenzahl zur Abschätzung der Knochenmarksreserve und insbesondere bei Vorliegen einer Anämie bestimmt werden.
7.4 Histopathologie und Zytologie
Prof. Dr. Falko Fend
Bei der Initialdiagnostik des multiplen Myeloms soll eine Knochenmarkuntersuchung mit Aspirationszytologie und Histologie erfolgen, ggfs. ergänzt durch eine Durchflusszytometrie.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Immunhistochemische Untersuchungen am Knochenmarktrepanat sollen zur Plasmazellquantifizierung und zum Nachweis einer Leichtkettenrestriktion sowie aberranter Antigenexpression wie CD56 und Cyclin D1 erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Das multiple Myelom oder Plasmazellmyelom ist eine multifokale Erkrankung maligner Plasmazellen mit meist generalisiertem Knochenmarkbefall und Nachweis eines kompletten oder inkompletten monoklonalen Immunglobulins im Serum oder im Urin [40]. Eine sehr häufige und wahrscheinlich obligate prämaligne Vorläuferläsion ist die monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS) [41], [42], [26]. Daneben sind andere, seltenere Formen von Plasmazellneoplasien definiert. Die aktuelle Klassifikation von Plasmazellneoplasien ist der Tabelle unten dargestellt [40]. Die Diagnose eines Plasmazellmyeloms und Abgrenzung zu seiner Vorläuferläsion MGUS basiert auf einer Kombination klinischer, radiologischer, laborchemischer und pathologischer Befunde. Die aktuellen Kriterien für das manifeste multiple Myelom, das asymptomatische (smouldering) Myelom (SMM) und die MGUS sind in Tabelle 12 dargestellt [39].
Bei Verdacht auf eine Plasmazellneoplasie aufgrund klinischer, laborchemischer oder radiologischer Befunde ist eine zytologische und histologische Untersuchung erforderlich, gegebenenfalls ergänzt durch eine durchflusszytometrische Untersuchung, um die Diagnose zu sichern und das Ausmaß der Markinfiltration zu bestimmen. Gelegentlich erfolgt die histologische Primärdiagnose aus einer osteolytischen Läsion durch gezielte Biopsie oder im Rahmen von orthopädischen Eingriffen. Auch in diesen Fällen ist eine ungezielte Knochenmarkbiopsie erforderlich, um das Vorhandensein und Ausmaß der diffusen Knochenmarkbeteiligung zu ermitteln. Auf eine Knochenmark- stanzbiopsie kann bei der Primärdiagnostik im Einzelfall verzichtet werden, wenn diese bei ansonsten klaren diagnostischen Kriterien nur unter besonders erschwerten Bedingungen (z.B. Adipositas permagna) durchgeführt werden könnte.
Die Aspirationszytologie und die Biopsie liefern ergänzende Informationen. Im Knochenmarktrepanat spielen neben dem prozentualen Anteil der Plasmazellen und zytologischen Atypien das Verteilungsmuster und der Anteil der Plasmazellinfiltrate am Markvolumen eine große Rolle bei der Abgrenzung gegen eine reaktive Plasmazellvermehrung. In einem Teil der Patienten ist die Verteilung in der Biopsie sehr heterogen, mit Wechsel von massiv infiltrierten und freien Abschnitten, was in der Zytologie zu einer Unterschätzung des Befunds führen kann. Darüber hinaus werden in der Biopsie begleitende Veränderungen wie Amyloidablagerungen besser erfasst. Ab einem Infiltrationsgrad von 30% kann unabhängig von zytologischen Atypien im Allgemeinen von einem symptomatischen Myelom ausgegangen werden. Bei geringeren Zellzahlen erfordert die Abgrenzung zwischen MGUS, SMM und MM die Einbeziehung klinischer Kriterien wie das Vorliegen von CRAB Kriterien und die Höhe des Paraproteins.
Immunhistochemische Untersuchungen am Knochenmarktrepanat sollen in allen Fällen zur Plasmazellquantifizierung und zum Nachweis einer Leichtkettenrestriktion sowie aberranter Antigenexpression wie CD56 und Cyclin D1 erfolgen. In morphologisch atypischen Fällen, wie der lymphoplasmazytischen Variante mit häufiger Expression von CD20 und Cyclin D [43] und anaplastischen Formen, in denen die Abgrenzung gegen andere hämatologische Neoplasien, insbesondere aggressive Non-Hodgkin-Lymphome schwierig ist, können sie die Diagnose sichern.
Die Durchflusszytometrie (siehe Kapitel 7.7.1) ist eine Standardmethode der Myelomdiagnostik, da maligne Plasmazellen in nahezu allen Fällen einen aberranten Immunphänotyp aufweisen, wie den Verlust von CD19 und die Expression von CD56.
Sie erlaubt gemeinsam mit anderen Parametern eine prognostische Stratifizierung und spielt insbesondere für die Bestimmung der minimalen Resterkrankung eine große Rolle [44], [45], [46], [47].
Sonderformen von Plasmazellneoplasien
Das asekretorische Myelom ohne Nachweis eines M-Proteins in Serum oder Urin macht etwa 3% der Fälle von MM aus, wobei diese Prozentzahl aufgrund sensitiverer Methoden zum Nachweis freier Leichtketten rückläufig sein dürfte. In den meisten Fällen kann immunhistochemisch trotzdem monotypisches Immunglobulin intrazellulär nachgewiesen werden, was auf das Vorliegen eines Sekretionsdefekts hinweist [40].
Eine Plasmazellleukämie (PZL) liegt vor, wenn sich >2x109 /L oder >20% zirkulierende monoklonale Plasmazellen im peripheren Blut finden. Etwa 2-5% der Fälle von PCM manifestieren sich primär als PZL, meist ist die leukämische Ausschwemmung Anzeichen einer späten Krankheitsphase. Die Prognose der PZL ist ungünstig [48], [49], [50].
Das primäre (solitäre) Plasmozytom des Knochens macht etwa 3-5% der Plasmazellneoplasien aus. Definitionsgemäß dürfen keine weiteren Osteolysen, eine Knochenmarkbeteiligung oder Myelom-bedingte Organschäden vorliegen; morphologisch, phänotypisch und genetisch gleicht das ossäre Plasmozytom dem multiplen Myelom [39].
Primäre extramedulläre Plasmozytome (EMP) sind solitäre Tumoren aus reifen Plasmazellen, die außerhalb von Knochen und Knochenmark auftreten und etwa 3-5% aller Plasmazellneoplasien ausmachen. Etwa 80% der Fälle treten im oberen aerodigestiven Trakt auf, ein kleiner M-Gradient findet sich in ca. 20% der Patienten. Extramedulläre Plasmozytome zeigen eine günstige Prognose mit gutem Ansprechen auf lokale Radiotherapie, der Übergang in ein Myelom tritt im Langzeitverlauf in nur etwa 15% der Patienten auf. Morphologisch, immunphänotypisch und genetisch zeigen die EMP große Ähnlichkeit zum Myelom, aber auch gewisse Unterschiede [51], [52], [53], [40].
Beim POEMS Syndrom handelt es sich um eine seltene (<1% aller Plasmazellneoplasien) klonale Plasmazellerkrankung, die mit meist sklerotischen Knochenläsionen und einer Vielzahl von paraneoplastischen Symptomen assoziiert ist. Das Akronym POEMS leitet sich von den Symptomen Polyneuropathie, Organomegalie, Endokrinopathie, Monoklonale Gammopathie und Haut-(skin) Läsionen ab. Über 90% der Patienten zeigen ein Paraprotein mit lambda-Leichtketten. In 10-30% findet sich das Bild des multizentrischen Morbus Castleman in Lymphknotenbiopsien [54], [55].
Tabelle 7: WHO Klassifikation der Plasmazellneoplasien
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WHO Klassifikation der Plasmazellneoplasien |
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Monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS) vom Nicht-IgM Typ |
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Plasmazellmyelom |
Asymptomatisches („smouldering“) Myelom Asekretorisches Myelom Plasmazellleukämie |
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Plasmozytom
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Solitäres Plasmozytom des Knochens Extraossäres (extramedulläres) Plasmozytom |
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Immunglobulin-Ablagerungskrankheiten
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Primäre Amyloidose Systemische Leicht- und Schwerketten-Ablagerungskrankheiten |
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Plasmazellneoplasien mit assoziiertem paraneoplastischem Syndrom |
POEMS Syndrom TEMPI Syndrom |
Tabelle 8: Diagnostische Kriterien für die monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz und das Multiple Myelom
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Diagnostische Kriterien für die monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz und das Multiple Myelom |
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Monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz vom Nicht IgM Typ
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Monoklonales Serumprotein <30g/L Klonale Plasmazellen im Knochenmark <10% Keine auf die Plasmazellproliferation zurückführbaren Endorganschäden (Hyperkalzämie, Niereninsuffizienz, Anämie oder Knochenläsionen – CRAB Kriterien) |
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Asymptomatisches (smouldering) Myelom*
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Monoklonales Serumprotein >30g/L (bzw. >500mg/24 im Urin) und/oder 10-60% klonale Plasmazellen im KM Keine Endorganschäden oder Amyloidose |
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Symptomatisches multiples Myelom*
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>10% klonale Plasmazellen im KM oder ein bioptisch gesichertes Plasmozytom mit >1 der übrigen Myelom-definierenden Kriterien Nachweis von auf die Plasmazellproliferation zurückführbaren Endorganschäden Hyperkalzämie (>110 mg/L oder >10 mg/L über Normwert) Niereninsuffizienz mit Kreatinin >177 µmol/L oder Kreatininclearance <40 ml/min Anämie (Hämoglobin <100g/L oder >20g/L unter Normwert) Knochenläsionen: >1 Osteolyse (Röntgen, CT, PET/CT) 1 der folgenden Biomarker 60% klonale Plasmazellen im Knochenmark Freie Leichtkettenratio >100 1 fokale Läsion im MRT |
*: beide Kriterien müssen erfüllt sein. #: Ausnahme asekretorisches Myelom
7.5 Zytogenetik
Dr. Lana Harder, Prof. Dr. Anna Jauch
Bei gesichertem MM sollte vor Beginn der Behandlung eine Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) an den mittels magnetischer Zellsortierung angereicherten CD138-positiven Plasmazellen des Knochenmarkaspirates im Hinblick auf Hochrisiko-Chromosomenveränderungen (Zugewinn von 1q, Translokati-onen t (4;14) bzw. FGFR3-IGH-Fusion, t (14;16) bzw. IGH-MAF-Fusion und t (14;20) bzw. IGH-MAFB-Fusion, Deletion in 17p (TP53-Gen) an CD138-positiven Zellen des Knochenmarkspirates durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zur Abgrenzung eines MM mit weniger aggressivem Erkrankungsverlauf und zur Steigerung der Aussagekraft der FISH-Diagnostik bei fehlendem Nachweis der Hochrisiko-Chromosomenveränderungen können ergänzende FISH-Untersuchungen im Hinblick auf die Translokation t (11;14) bzw. CCND1-IGH-Fusion, eine 13q-Deletion, ein Bruchereignis im MYC-Gen sowie Zugewinne von drei der folgenden Chromosomen 5, 7, 9, 15 oder 19 ebenfalls erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Diskrepanz zwischen einem unauffälligen Ergebnis der FISH-Untersuchung der CD138-positiven Zellpopulation des Knochenmarkaspirates und den pathologischen Befunden der Histologie der Knochenmarkstanze bzw. Tumorgewebe können FISH-Untersuchungen im Hinblick auf Hochrisiko- und Standardrisiko-Chromosomenveränderungen an den Paraffinschnitten erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Das Multiple Myelom stellt eine heterogene Entität mit einer Vielzahl zugrundeliegender genetischen Veränderungen dar [48]. Der Nachweis dieser Veränderungen erlaubt die Bestätigung der Diagnose eines Multiplen Myeloms, eine differenzialdiagnostische Abgrenzung zu lymphatischen Neoplasien mit monoklonaler Gammopathie sowie eine Risikostratifizierung im Hinblick auf eine risikoadaptierte Therapie [39], [56], [57].
Da es sich beim MM in über 90% der Fälle um eine reifzellige Erkrankung des lymphatischen Systems handelt, weisen die klonalen Plasmazellen meist keine Proliferationsaktivität auf, so dass eine FISH-Analyse an Interphasezellen im Hinblick auf die rekurrenten Chromosomenveränderungen erfolgen muss [58]. FISH-Analysen sollten mit den DNA-Sonden erfolgen, die im Labor, das die Untersuchungen durchführt, validiert sind. Gemäß den deutschen S2-Leitlinien für humangenetische Diagnostik und den internationalen methodischen Standards sollen dabei mindestens 100 Interphasezellkerne analysiert werden. Da die Anzahl der Plasmazellen (insbesondere bei beginnender Erkrankung) oft gering ist, kann die erforderliche Anzahl der untersuchten Zellen ohne vorherige Anreicherung in der Regel nicht erreicht werden. Daher muss vor der geplanten FISH-Untersuchung eine magnetische Sortierung der CD138-positiven Zellen erfolgen. Die erhobenen Ergebnisse der FISH-Untersuchung werden entsprechend der S2-Leitlinien für humangenetische Diagnostik nach ISCN-Nomenklatur beschrieben und in einem schriftlichen Befund mit Darstellung der klinischen Konsequenz zusammengefasst.
Eine vorherige Zellkultivierung ist zwar nicht notwendig, kann jedoch bei Verdacht auf eine Plasmazellleukämie oder ein unreifzelliges Myelom bzw. zur Abgrenzung von den anderen hämatologischen Neoplasien klinisch relevante Ergebnisse durch eine ergänzende Chromosomenbänderungsanalyse liefern und bei klinischer Indikation in Betracht gezogen werden. Zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung von indolenten B-Zell-Lymphomen mit plasmozytischer Differenzierung können ergänzende FISH-Untersuchungen mit spezifischen Sonden an den CD138-positiven und/oder CD138-negativen Populationen des Knochenmarkaspirates erfolgen.
Falls bei der FISH-Untersuchung des Knochenmarkaspirates und/oder des Tumorgewebes die Hochrisiko- Chromosomenveränderungen nachweisbar waren, die weitere Untersuchungsverfahren und die klinischen Symptome das Vorliegen eines Plasmazellmyeloms jedoch nicht bestätigen (z.B. MGUS) ist eine intensivierte klinische Verlaufskontrolle empfehlenswert.
7.6 Molekulargenetik
Dr. Niels Weinhold
Hintergrund
Das Multiple Myelom ist eine komplexe Erkrankung, bei der jeder Patient in den Tumorzellen einzigartige chromosomale Veränderungen aufweist [59], [60]. Basierend auf sogenannten tumor-initiierenden Aberrationen lassen sich dennoch zwei genetische Hauptgruppen unterscheiden. Das hyperdiploide Myelom ist durch multiple Trisomien ungeradzahliger Chromosomen gekennzeichnet, während das non-hyperdiploid Myelom mit Translokationen des Schwerkettenlokus auf Chromosom 14 assoziiert ist [59]. Zwei dieser Translokationen, die t (4;14) und die t (14;16), sind prognostisch bedeutend und als Risiko-Marker in die überarbeitete Version des International Staging Systems (R-ISS) aufgenommen worden [33]. Im Verlauf der Tumorgenese erwerben die monoklonalen Plasmazellen in der Regel weitere chromosomale Aberrationen, von denen Deletionen an 1p, Zugewinne an 1q und Deletionen an 17p prognostisch relevant sind [61]. Diese Aberrationen und die prognostisch bedeutenden Schwerketten-Translokationen lassen sich, wie in Kapitel 7.5 beschrieben, mit Hilfe der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) analysieren. Jedoch hat sich herausgestellt, dass auch bestimmte Kombinationen zytogenetischer Aberrationen prognostisch sind, die mittels Standard-Panels nicht oder nur erschwert identifizierbar sind. So enthält z.B. der von der französischen Myelomgruppe publizierte zytogenetische Prognose-Index Chromosom 21 [62] und ein hyperhaploider Karyotyp ist mit einer schlechten Prognose assoziiert [63]. Zusätzlich sind durch genomweite Analysen weitere Hochrisiko-Aberrationen identifiziert worden, unter anderem Translokationen des lambda Leichtketten-Lokus [64]. Dazu kommt, dass sich durch die Einführung neuer Therapien beim MM potentiell auch neue Risiko-Marker ergeben. Sequenziertechniken der neuen Generation, das sogenannte „Next-Generation-Sequencing“ erlauben eine genomweite Erfassung chromosomaler Veränderungen und haben mehrere Vorteile gegenüber der FISH. Dazu gehören die Möglichkeit die Identität, Reinheit und Ploidie der Tumorzellen zu bestimmen, sowie genomweit prognostisch bedeutende chromosomale Aberrationen und Mutationen (siehe Kapitel 7.5) zu identifizieren. Genomweite Analysen mit Hilfe dieser Verfahren sind jedoch aktuell nur Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und haben bisher keine Bedeutung bei der Initialdiagnostik des MM. In Studien kann aber eines dieser Verfahren verwendet werden, um die Reinheit und Ploidie des Tumorklons zu bestimmen und prognostisch relevante Aberrationen zu identifizieren. Als Kontrollproben können unter anderem Mononukleäre Zellen aus dem peripheren Blut oder eine Speichelprobe eingesetzt werden, um somatische von Keimbahn-Aberrationen zu unterscheiden und eine Probenverwechslung auszuschließen.
7.7 Mutationsanalysen
Dr. Niels Weinhold
Hintergrund
Beim neu-diagnostizierten Multiplen Myelom (NDMM) sind 63 Gene rekurrent mutiert [65]. Keine der Mutationen hat eine diagnostische Bedeutung beim MM und die Mehrzahl davon ist auch prognostisch nicht relevant [65], [66]. Mutationen in TP53 erlauben jedoch, NDMM Patienten mit einem sehr aggressiven Krankheitsverlauf zu identifizieren. Dabei haben Patienten, die sowohl eine TP53-Mutation als auch eine Deletion des zweiten Allels aufweisen („Double Hit“), eine schlechtere Prognose als Patienten, die nur eine Deletion in 17p zeigen [67], [68], [69], [66]. Demnach liefert eine Mutationsanalyse des TP53-Gens wichtige prognostische Informationen, da mittels FISH nur eine Deletion des Lokus erfasst werden kann. Als Analyse-Methode kommt entweder eine Sanger-Sequenzierung oder eines der „Next-Generation-Sequencing“ Hochdurchsatzverfahren in Betracht. Wie in Kapitel 7.5 empfohlen, sollten die Plasmazellen vor der Analyse angereichert werden, z.B. mittels magnetischer CD138-Sortierung, da oft der Anteil der Myelom-Zellen im Knochenmarkaspirat niedrig ist und/oder die jeweilige Mutation nicht in allen Tumorzellen auftritt (sogenannter Subklon), sodass ohne Anreicherung möglicherweise die Nachweisgrenze der Analyse-Methode unterschritten wird oder die Klonalität der Mutation nicht bestimmbar ist.
7.7.1 Immunphänotypisierung mittels Durchflusszytometrie
Dr. Katharina Kriegsmann, PD Dr. Michael Hundemer
Dieses Kapitel behandelt unter Berücksichtigung methodischer Aspekte den Stellenwert der Immunphänotypisierung mittels Durchflusszytometrie in der Initialdiagnostik des MM.
Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose einer Plasmazellneoplasie kann eine durchflusszytometrische Untersuchung zur Identifizierung der aberranten Plasmazellpopulation im Knochenmark bzw. im peripheren Blut durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Der Nachweis/ Ausschluss klonaler Plasmazellen in unterschiedlicher Prozentzahl im Knochenmark bzw. im peripheren Blut stellt eines der Diagnosekriterien von MGUS, SMM, symptomatischem MM, solitärem Plasmozytom und einer Plasmazelleukämie entsprechend der International Myeloma Working Group (IMWG) dar [39]. Die Knochenmarksbiopsie mit nachfolgender immunhistologischer Beurteilung gehört zum diagnostischen Standard und weist den aberrante/klonale Plasmazellpopulation nach (vgl. Kapitel 7.4).
Mehrere Studien haben gezeigt, dass auch mittels der Durchflusszytometrie eine zuverlässige Bestimmung des Immunphänotyps der Plasmazellen sowie der Nachweis einer aberranten/klonalen Plasmazellpopulation auf hohem Sensitivitätsniveau gelingt (systematischer Review in [70] und Kapitel 9 zur MRD-Diagnostik). Der Einsatz der durchflusszytometrischen Immunphänotypisierung ist bei Erstdiagnose insbesondere begründet, wenn eine unmittelbare Diagnosestellung erforderlich ist (schnelle Verfügbarkeit der durchflusszytometrischen Ergebnisse), der Nachweis der klonalen Plasmazellpopulation auf hohem Sensitivitätsniveau erfolgen muss (Erstdiagnose MGUS) oder peripheres Blut untersucht werden soll (v.a. einen leukämischen Verlauf).
In der differentialdiagnostischen Abgrenzung des zugrunde liegenden aberranten Klons nimmt die durchflusszytometrische Immunphänotypisierung des Knochenmarks insbesondere bei der Erstdiagnose einer AL- (Leichtketten-) Amyloidose und eines MGUS eine entscheidende Rolle ein, da sie zwischen einem B-Zell- oder Plasmazellklon auf hohem Sensitivitätsniveau differenzieren kann.
Zur durchflusszytometrischen Immunphänotypisierung werden Oberflächenantigene ausgewählt, die die Identifikation der Plasmazellen ermöglichen und auf Myelomzellen aberrant exprimiert werden.
Eine intrazelluläre Leichtkettenfärbung kann die Detektion des aberranten Plasmazellklons erleichtern.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Das Statement basiert auf Arbeiten European Myeloma Network (EMN) und EuroFlow, die sukzessive zur Entwicklung und Etablierung eines standardisierten und automatisierten durchflusszytometrischen Verfahrens zur Detektion von aberranten Plasmazellen beigetragen haben.
In der durchflusszytometrischen Immunphänotypisierung werden normale und aberrante/klonale Plasmazellen zunächst anhand ihrer Forward-/Side-Scatter-Charakteristika und der nahezu einzigartig hohen Expression von CD38 und CD138 identifiziert. Die Abgrenzung von normalen und aberranten Plasmazellen erfolgt anhand typischer aberranter Expressionsprofile [71], [46], [72]. Hierzu zählen beispielweise die Überexpression von CD56 und Verlust von CD19, CD45, CD27 und CD81. Da diese aberranten Expressionsprofile zwischen den Patienten und sogar bei einem einzelnen Patienten im Verlauf variieren können, kann die intrazelluläre Leichtkettenfärbung die Identifikation des aberranten Plasmazellklons erheblich erleichtern. Während normale Plasmazellen keine Leichtkettenrestriktion zeigen, sind Myelomzellen auf eine Leichtkette (kappa oder lambda) restringiert und können somit leichter detektiert werden. Neben der Detektion des malignen Plasmazellklons bei Erstdiagnose kann die durchflusszytometrische Immunphänotypisierung im Verlauf der Erkrankung dazu beitragen potenzielle Zielstrukturen für verfügbare Antikörper zu identifizieren (vgl. Kapitel 10 Rezidivdiagnostik).
7.8 Bildgebende Verfahren
Prof. Dr. Stefan Delorme, Prof. Dr. Tim Weber, Bettina Beuthien-Baumann, Prof. Dr. Jens Hillengaß, Prof. Dr. med. Thorsten Derlin, Prof. Dr. Constantin Lapa
7.8.1 Einführung
Ein symptomatisches Multiples Myelom (MM) liegt gemäß den Kriterien der International Myeloma Working Group (IMWG) unter anderem vor, wenn die Erkrankung zu einer Schädigung des mineralisierten Knochens geführt hat [39]. Diese besteht in einer lokalen Destruktion des spongiösen oder kortikalen Knochens (Osteolyse*) durch einen herdförmigen Befall mit Myelomzellen, eventuell in Verbindung mit einer pathologischen Fraktur oder einem Durchbruch der Kortikalis und Vordringen des Tumorherds in die angrenzenden Weichteile. Zusätzlich zeigt der Nachweis von mehr als einem myelomtypischen Herdbefund im Knochenmark von mehr als 5 mm Durchmesser in der Magnetresonanztomographie (MRT) ein MM an, und zwar auch dann, wenn keine korrespondierende Destruktion des mineralisierten Knochens in der Computertomographie (CT) erkennbar ist [39]. Eine Osteoporose kann zwar durch das MM verursacht sein, stellt aber allein kein Kriterium einer symptomatischen Erkrankung dar, weil sie in der meistbetroffenen Altersgruppe häufig durch das Alter oder die Menopause bedingt ist. Ein starker Myelombefall des Achsenskeletts (Kopf, Wirbelsäule und Becken) kann zu einer generalisierten Destruktion der Spongiosa der Wirbelkörper führen, die einer Osteoporose gleicht. Wenn in Verbindung mit einer hochgradigen Rarefizierung der vertebralen Spongiosastruktur zugleich ein dichter Befall des Knochenmarks durch das MM nachweisbar ist, kann dies daher in Einzelfällen als Knochendestruktion und damit Ausdruck einer symptomatischen Erkrankung bewertet werden. Primär in den Weichteilen gelegene Myelomherde sind selten und können als Myelom-definierender Befund gewertet werden, wenn sie histologisch als Myelomherd gesichert wurden [39]. Sie sind typischerweise Ausdruck einer fortgeschrittenen und aggressiven Erkrankung.
Bildgebende Verfahren dienen dazu, zum einen den Zustand des mineralisierten Knochens, zum anderen das Vorliegen eines Myelombefalls im Knochenmark oder in den extraossären Weichteilen zu beurteilen. Eine Beurteilung des mineralisierten Knochens erfolgt vorzugsweise mit der CT, welches die Einschätzung des Ausmaßes der Schädigung des mineralisierten Knochens und die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen ermöglicht [73]. Das Ausmaß eines Befalls des Knochenmarks oder der extraossären Weichteile durch das MM wird mit Hilfe der MRT oder der Positronenemissionstomographie (PET) mit 18-Fluordeoxyglukose (FDG) beurteilt [74].
*Sklerotische Varianten monoklonaler Plasmazellerkrankungen sind selten und werden u.a. beim sog. POEMS-Syndrom (Abkürzung für Polyneuropathie, Organomegalie, Endokrinopathie, Monoklonale Gammopathie und Hautveränderungen (Skin)) beobachtet. Diese Varianten werden in dieser Leitlinie nicht berücksichtigt.
7.8.1.1 Kennzeichen myelomtypischer Läsionen in CT, MRT und PET
CT:
- Herd mit muskeläquivalenten Dichtewerten innerhalb vorwiegend fetthaltigen Knochenmarks.
- Umschriebene Destruktion der Spongiosa mit muskeläquivalenten Dichtewerten im Inneren und ohne Randsklerose.
- Der Kortikalis im Markraum der Dia-, Meta- oder Epiphyse anliegender Herd mit muskeläquivalenten Dichtewerten und mit umschriebener endostealer Destruktion der angrenzenden Kortikalis („Scalloping“). Bei vollständiger Destruktion der Kortikalis evtl. Vordringen des Herdes in die angrenzenden Weichteile (sekundär extraossärer Befall).
- Bei stark fortgeschrittener Osteoporose mit nur noch weitmaschigem Trabekelwerk mit fetthaltigen Zwischenräumen kann ein lokaler Befall als umschriebene Läsion mit muskeläquivalenten Dichtewerten erkennbar sein.
- Kleinere, primär extraossäre Herde sind mit der Nativ-CT in der Regel nur nachweisbar, wenn sie innerhalb von Fettgewebe oder der Lunge gelegen sind. Ein fokaler Leberbefall hebt sich möglicherweise vom Lebergewebe ab, aber dies ist nicht zuverlässig und hängt u.a. von dessen Verfettungsgrad ab. Größere primär extraossäre MM-Herde imponieren als Raumforderungen mit muskeläquivalenten Dichtewerten.
MRT:
- Umschriebene, T1-hypo-, T2-hyperintense, in der Diffusions-MRT mit hohen B-Werten hyperintense Läsion > 5 mm innerhalb des Knochenmarks. Das Größenkriterium von 5 mm ergibt sich hierbei aus der üblichen Schichtdicke.
- Eine Destruktion der Spongiosa ist mit der MRT in der Regel nicht nachweisbar. Da die Kortikalis aber als signalarme kompakte Struktur darstellbar ist, lässt sich deren Destruktion als endostale Arrosion vom Markraum her durch einen Myelomherd nachweisen, oder als vollständige Unterbrechung, eventuell in Verbindung mit einem Vordringen des Herdes in die angrenzenden Weichteile (sekundär extraossärer Befall).
- Ein primär extraossärer lokaler MM-Befall stellt sich in der Nativ-MRT als T2-signalreicher Herd dar. In der DWI ist er signalreich.
PET/CT:
- Fokale, vermehrt FDG speichernde Läsion (Referenzregion Knochenmark oder Leber), die nicht durch physiologische Mechanismen erklärt werden kann, und für welche die korrespondierende CT ein morphologisches Korrelat zeigt (umschriebene Knochendestruktion, weichteildichter Herdbefund im Knochenmark oder in den Weichteilen)
- Diffus vermehrte FDG-Aufnahme im gesamten Knochenmark oder Anteilen davon (mehr als in der Leber)
7.8.1.2 Kennzeichen des Ansprechens oder einer Progression in CT, MRT und PET
CT:
Ansprechen:
- Abnahme der Dichte innerhalb einer Osteolyse
- Ausbildung eines Sklerosesaums
Nichtansprechen oder Progression:
- Persistenz der muskeläquivalenten Dichtewerte innerhalb der Osteolyse
- Vergrößerung des Durchmessers der Läsion
- Zunehmende Unschärfe der Randbegrenzung
MRT:
Ansprechen:
- Normalisierung der T1- und T2-Signalintensität sowie der Intensität auf diffusionsgewichteten Aufnahmen
- Ausbildung eines T2-hypointensen Randsaums, der mit dem Sklerosesaum in der CT korreliert
- Insbesondere bei sehr großen Herden findet bei einer Response eine starke Abnahme der T1- und starke Zunahme der T2-Signalintensität statt, neben der Ausbildung eines T2-hypointensen Randsaums
Nichtansprechen oder Progression:
- Ausbleiben der beschriebenen Veränderungen bzw. Größenzunahme der Herde oder der befallenen Knochenmarksabschnitte
PET:
Ansprechen:
- Abnahme der metabolischen Aktivität von Läsionen
Nichtansprechen oder Progression:
- Jede neu nachweisbare Läsion
- Fehlende Abnahme der metabolischen Aktivität von Läsionen
Eine Beurteilung des Therapieansprechens in der PET sollte beim Multiplen Myelom hierbei in Anlehnung an die Beurteilungskriterien bei malignen Lymphomen (Deauville-Kriterien und Lugano Klassifikation) erfolgen [75].
7.8.2 Einsatz im Verlauf der Erkrankung
7.8.2.1 Diagnosestellung und Staging
Bei Patienten mit symptomatischem multiplem Myelom zum Zeitpunkt der Diagnosestellung soll zur Erfassung des Ausmaßes der Skelettschädigung eine Ganzkörper-CT durchgeführt werden.
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Ergänzend kann zur Beurteilung des Knochenmarksbefalls und möglicher extramedullärer Herde eine Ganzkörper-MRT oder PET-CT durchgeführt werden.
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Der Stellenwert der Ganzkörper MRT und PET-CT soll in prospektiven klinischen Studien evaluiert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
In symptomatischen Stadien des MM ist der Erfassung möglicher Schäden am mineralisierten Skelett der Vorrang gegenüber strahlenhygienischen Erwägungen einzuräumen. Die CT, als alleinige Untersuchung oder als Teil einer PET/CT (diagnostische Qualität vorausgesetzt) ist die am besten geeignete Methode, um Schäden am mineralisierten Knochen und hieraus möglicherweise resultierende Komplikationen nachzuweisen, wobei die PET in diesem Zusammenhang den Vorteil hat, dass auch Myelomherde, die keine Knochenschädigung verursacht haben, darstellbar sein können. Wenn in der CT oder PET/CT kein pathologischer Befund vorliegt, muss sich die Diagnose einer symptomatischen Plasmazellerkrankung aus einer renalen Schädigung, einer Anämie oder Hyperkalzämie ergeben. In solchen Fällen ist die MRT das am besten geeignete Verfahren, um einen Myelombefall im Knochenmark auch dort nachzuweisen, wo er in der CT z.B. aufgrund von Überlagerung durch den spongiösen Knochen nicht erkennbar ist. Auch ein Befall durch nicht FDG-avide Myelomherde ist mit der MRT nachweisbar. Umgekehrt ist für den Fall, dass als erstes bildgebendes Verfahren eine MRT durchgeführt wurde, die Auswirkung eines dort nachgewiesenen Myelomherdes auf den mineralisierten Knochen durch eine ergänzende CT zumindest der befallenen Skelettabschnitte zu untersuchen.
Kriterium eines symptomatischen MM ist neben u.a. einer Einschränkung der Nierenfunktion, einer Anämie oder einer Hyperkalziämie der Nachweis eines fokalen Befalls. Hierunter ist zu verstehen:
- Mindestens eine umschriebene, myelomtypische Destruktion des mineralisierten Knochens oder
- Mindestens zwei myelomtypische Herde >5mm in der MRT, CT oder
- Mindestens eine Läsion mit begleitender Osteolyse in der PET-CT
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zur Unterscheidung zwischen einem symptomatischen und asymptomatischen Multiplen Myelom soll bei Patienten mit nicht-IG-M-MGUS, bei denen sowohl ein M-Protein im Serum > 1,5 g/dl als auch eine pathologische Leichtkettenratio vorliegen sowie bei Patienten mit SMM eine Ganzkörper-CT erfolgen.
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert).
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Wenn in der Ganzkörper-CT keine Osteolysen nachweisbar sind, soll eine Ganzkörper-MRT, ggf. alternativ MRT Wirbelsäule + Becken (wenn Ganzkörper-MRT nicht verfügbar / zu aufwendig), durchgeführt werden.
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert).
Alternativ kann anstelle einer Ganzkörper-MRT eine PET/CT mit 18-Fluordeoxyglukose durchgeführt werden.
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert).
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Neben Hyperkalziämie, Anämie und Niereninsuffizienz stellt der lokalisierte Schaden am mineralisierten Knochen eines der Kriterien eines symptomatischen multiplen Myeloms dar. Hinzu kommt aufgrund der Ergebnisse einer Kohortenstudie an Patienten mit SMM [76] neben serologischen und zytologischen Befunden der Nachweis von mehr als einer umschriebenen, myelomtypischen Läsion in der MRT, und zwar auch ohne korrespondierende Osteolyse. Es erscheint, auch wenn dies nicht eigens in einer Studie untersucht wurde, sinnvoll, dies Kriterium in analoger Weise auf eindeutige Herdbefunde in der CT bzw. der PET/CT anzuwenden. Ein fokaler Befall besteht entweder in einem allein aus Myelomzellen bestehenden Herd oder einer fokalen Infiltration des Knochenmarks unter Durchmischung von Myelomzellen mit den normalen Zellen des Knochenmarks. Er kann lokalisiert sein:
- innerhalb eines normalen oder anteilig diffus infiltrierten Knochenmarks innerhalb eines von Spongiosa freien Markraums, insbesondere der Dia- oder Metaphyse langer Röhrenknochen,
- innerhalb der Spongiosa eines beliebigen Knochens,
- in den an einen Knochen grenzenden Weichteile, ausgehend von einem lokalen Befall dieses Knochens (sekundär extraossärer Befall),
- in den Weichteilen in beliebiger Lokalisation ohne Verbindung zu einem Knochen (primär extraossärer Befall).
Je nach seinem individuellen osteodestruktiven Potential kann ein lokaler Befall mit einer Destruktion der Spongiosa oder der Corticalis einhergehen. Trotz eines Knochenmarkbefalls kann es vorkommen, dass in der Bildgebung keine Destruktion des mineralisierten Knochens erkennbar ist. In solchen Fällen muss man annehmen, dass der diffuse oder herdförmige Plasmazellbefall allein die Räume zwischen den knöchernen Trabekeln ausfüllt, ohne eine ausreichend starke Aktivierung von Osteoklasten und damit Knochendestruktion zu bewirken. Daher können beim SMM, wenn trotz klinischen Verdachts auf eine hohe Krankheitsaktivität die Niedrigdosis-CT unauffällig ist, Ganzkörper-MRT oder FDG-PET/CT eingesetzt werden, um einen Myelombefall auch dort nachzuweisen, wo keine Destruktion des mineralisierten Knochens vorliegt. Bei der PET/CT ist hierbei in Rechnung zu stellen, dass die Auflösung der PET begrenzt ist, und demzufolge kleine Herde dem Nachweis möglicherweise entgehen können, und dass überdies Fälle existieren, in denen Myelomherde vermutlich aufgrund des individuellen zellulären Metabolismus wenig FDG aufnehmen. Ob ein Myelominfiltrat PET-positiv ist oder nicht, hängt zunächst von zwei Faktoren ab: 1. der Aufnahme durch die einzelne Zelle, die u.a. durch die membranständigen Glukosetransporproteine und die Aktivität der Hexokinase beeinflusst wird. 2. der Zelldichte, also der Anzahl Zellen pro Volumeneinheit [77].
Gleichwohl soll die Notwendigkeit des Ausschlusses knöcherner Läsionen als Ausdruck einer symptomatischen Erkrankung am Progressionsrisiko bemessen werden. IG-M-Gammopathien entwickeln sich im Fall einer Progression regelhaft zu einem M. Waldenström, der nicht typischerweise mit knöchernen Destruktionen einhergeht, so dass hier die Notwendigkeit einer knochenspezifischen Bildgebung entfällt. Bei allen übrigen Formen der MGUS beträgt das Progressionsrisiko über die nächsten 20 Jahre bei einem M-Protein im Serum > 1,5 g/dl und einer pathologische Leichtketten-Ratio 30 %, bei nur einem dieser Risikofaktoren 20 %, und ohne Risikofaktoren nur 7 % [78]. Demzufolge ist es in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der IMWG sinnvoll [79], bei Diagnosestellung eine Bildgebung des mineralisierten Knochens mittels Ganzkörper-CT sowie des Knochenmarks mittels Ganzkörper-MRT, alternativ FDG-PET/CT (welches in einem Untersuchungsgang eine Beurteilung sowohl des mineralisierten Knochens als auch des Knochenmarks ermöglicht) bei Vorliegen zweier Risikofaktoren zu empfehlen, und die Entscheidung hierüber bei nur einem Risikofaktor der klinischen Einschätzung des Arztes anheimzustellen. Bei Patienten ohne Risikofaktoren ist es auch mit Blick auf die Strahlenbelastung sinnvoll, eine bildgebende Diagnostik erst im Fall einer klinischen oder serologischen Progression durchzuführen.
Bei Patienten mit solitärem skelettalem Plasmozytom soll eine Bildgebung mittels Ganzkörper-MRT oder FDG-PET/CT* eingesetzt werden, um weitere Manifestationen eines MM zu identifizieren
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
Hintergrund
In einem systematischen Review zeigte die FDG PET bzw. PET/CT eine gepoolte Sensitivität von 96,0% bei einer gepoolten Spezifität von 77,8 zur Detektion intra- oder extramedullärer Läsionen, und wies insbesondere zur Detektion einer extramedullären Erkrankung eine hohe Genauigkeit auf [82]. Hierbei detektierte die PET/CT okkulte Osteolysen oder extramedulläre Läsionen, die mittels konventioneller Röntgen-Skelettstatus nicht darstellbar waren oder außerhalb des Untersuchungsfeldes einer MRT der Wirbelsäule bzw. des Beckens lagen, bei 30-50% der Patienten [86], [87], [88], [82], [81]. Die IMWG Konsensusleitlinie empfiehlt primär die PET/CT zur weiteren Abklärung bei bekanntem extramedullärem Plasmozytom, wohingegen bei ossärem Plasmozytom primär eine Bildgebung mittels MRT erfolgen soll [79]. Hinsichtlich einer möglichen prognostischen Bedeutung der FDG PET war in mehreren retrospektiven Studien der Nachweis PET-positiver Läsionen beim solitären Plasmozytom mit der frühen Entwicklung eines MM assoziiert [81], [89].
Generell sollte, wenn vorgesehen ist, zu einem späteren Zeitpunkt Untersuchungen mit der PET-CT* durchzuführen, insbesondere für die Beurteilung des Therapieansprechens oder für die Rezidivdiagnostik, bereits zum Zeitpunkt des Stagings vor Therapiebeginn eine PET-CT durchgeführt werden, sofern sie nicht bereits vorliegt. Die FDG-PET-CT ist ein Verfahren, mit dem das Ansprechen solider Herde eines MM auf eine Therapie gut und auch früher als mit der CT oder MRT beurteilt werden kann, da bei Ansprechen auf die Behandlung die FDG-Aufnahme deutlich und frühzeitig abnimmt. Da die FDG-Avidität des MM variabel ist muss für eine verlässliche Beurteilung des Therapieansprechens die FDG-Aufnahme des unbehandelten Myeloms bekannt sein.
*CAVE: Die PET-Untersuchung ist nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
7.8.2.2 Einschätzung der Krankheitsprognose
Plasmazellerkrankungen zeigen ein sehr variables biologisches Verhalten, so dass vielfältige Bemühungen existieren, die Prognose individuell abzuschätzen. So haben sich serologische Marker als Risikoindikatoren etabliert. Auch Befunde bildgebender Verfahren können in die Risikobewertung einfließen. Insbesondere der Herdnachweis in der MRT stellt eines der SLiM-CRAB-Kriterien einer symptomatischen Erkrankung dar. Darüber hinaus gibt es allerdings noch keine klaren Konsequenzen hinsichtlich des klinischen Vorgehens, die sich aus prognostischen Indikatoren anderer bildgebender Verfahren ergeben.
Hintergrund
Klinische Vorstufen des MM wie MGUS und SMM sind üblicherweise PET-negativ und zeigen keinen erhöhten Glukosestoffwechsel [90]. Beim SMM kann die PET zur Identifikation von Patienten mit einem hohen Risiko einer Progression zum MM beitragen [91], [92]. In einer prospektiven multizentrischen Beobachtungsstudie war eine positive FDG PET mit einem signifikant höherem Risiko der Progression (58% innerhalb von 2-Jahren) zu einem MM assoziiert und die mediane TTP war bei PET-positiven Patienten auf 1,1 Jahre verkürzt (gegenüber 4,5 Jahren bei PET-negativen Patienten) [92]. Bei Patienten mit SMM soll daher die FDG PET eingesetzt werden, um Patienten mit einem aktiven MM zu identifizieren, sofern die Niedrig-Dosis-CT unauffällig ist und eine MRT nicht durchgeführt werden kann [74].
Die Detektion mindestens einer osteolytischen Läsion mittels PET/CT erfüllt die Definition eines therapiebegründenden ossären Endorganschadens [39]. Die FDG PET/CT beinhalte per se eine Ganzkörper-Niedrigdosis-CT. Erwartungsgemäß zeigten systematische Reviews dementsprechend die deutliche Überlegenheit der FDG PET/CT gegenüber dem konventionellen Röntgen-Skelettstatus [84], [83], welche sowohl mehr intramedulläre Läsionen detektiert als auch extramedulläre Läsionen erfasst, die der konventionelle Röntgen-Skelettstatus methodisch bedingt nicht erfassen kann und für die die alleinige native Ganzkörper-Niedrigdosis-CT weniger sensitiv ist.
Bezüglich der relativen diagnostischen Wertigkeit der sensitiven Bildgebungsmodalitäten findet sich eine limitierte Datenlage bezüglich hochwertiger vergleichender Studien In einer prospektiven Studie, die die FDG PET/CT gegenüber der MRT in Bezug auf die Detektion ossärer Läsionen und ihre prognostische Bedeutung bei 134 Patienten mit MM verglich, war die Detektionsrate beider Methoden nicht signifikant unterschiedlich (91% gegenüber 95%) [93]. Eine systematische Übersichtsarbeit fand eine geringere Sensitivität FDG PET/CT gegenüber der MRT (47%-100% gegenüber 68%-100%), jedoch eine höhere Spezifität (62%-86% gegenüber 37%-83%) [94]. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit fand keinen signifikanten Unterschied in der gepoolten Sensitivität und Spezifität zwischen der FDG PET/CT (Sensitivität 0,91; Spezifität 0,69) und der MRT (Sensitivität 0,88; Spezifität 0,68) [95]. Das PET Signal korreliert mit der prozentualen Plasmazellinfiltration des Knochenmarks, und insbesondere die niedrigste Plasmazellinfiltrationsrate ist mit einer PET-Negativität assoziiert [96].
Die PET/CT kann initial eingesetzt werden, um wertvolle und verlässliche prognostische Informationen zu erhalten, und insbesondere Patienten mit symptomatischem MM zu identifizieren, bei denen der Erfolg einer Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation möglicherweise beschränkt ausfallen wird. In einer prospektiven Studie mit 239 unbehandelten Patienten, die eine Induktionstherapie gefolgt von einer Tandem ASCT erhielten, war das Vorhandensein von mehr als 3 PET-positiven Läsionen der führende unabhängige Parameter für das progressionsfreie Überleben (66% gegenüber 87% nach 30 Monaten (P<0·0001)) und das Gesamtüberleben (73% gegenüber 90% nach 30 Monaten (P=0,0002)) [97]. In einer unabhängigen prospektiven Studie an 192 Patienten, die eine Doppel-ASCT nach Thalidomid-Dexamethason-Induktionstherapie erhielten, waren ebenfalls die mittels PET/CT detektierte extramedulläre Erkrankung, eine hohe PET-Signalintensität (SUVmax >4,2) und das Vorhandensein von mehr als 3 PET-positiven Läsionen mit einer ungünstigen Prognose assoziiert (Zamagni, Patriarca et al. 2011). Die prognostische Bedeutung dieser Kriterien wurde in weiteren Studien bestätigt [98], [99], auch für ASCT-ungeeignete Patienten [100] oder vor allogener SCT [101]. Gleichwohl erfolgt die Behandlung symptomatischer MM-Patienten anhand von klar definierten Therapielinien, und Konzepte zur Individualisierung aufgrund prognostischer Einschätzungen sind nicht ausgereift. Dem entsprechend existieren auch keine prospektiven Studien hierzu.
7.8.2.3 Verlaufsbeobachtung asymptomatischer Stadien und von Patienten in Remission
Patienten mit asymptomatischen Stadien der Erkrankung werden mit dem Ziel im Verlauf beobachtet, einen möglichen Übergang in ein symptomatisches Stadium zu erfassen und somit zu einer rechtzeitigen Therapie beizutragen, sofern aufgrund des Risikoprofils eine Progression hinreichend wahrscheinlich ist. Auch Patienten mit symptomatischem Myelom, die sich nach erfolgreicher Therapie in Teil- oder Vollremission befinden, werden mit dem Zweck im Verlauf kontrolliert, rechtzeitig ein Rezidiv zu erkennen und dessen Behandlung zu veranlassen, bevor klinische Komplikationen eintreten. Sinnvollerweise sollte für Verlaufskontrollen dasjenige Verfahren gewählt werden, mit dem der Befall auch bei den bisherigen Untersuchungen nachgewiesen wurde, bzw. mit dem der Befund am besten von seiner Umgebung abgegrenzt werden konnte.
Bei asymptomatischen Stadien des MM richten sich Zeitpunkte und Wahl des Einsatzes bildgebender Verfahren bei der Verlaufsbeobachtung nach dem Risiko für eine Progression und danach, ob eine sekretorische oder eine hypo- bzw. asekretorische Form der Erkrankung vorliegt.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Es sollte eine Ganzkörper-CT und eine sensitive Bildgebung mittels Ganzkörper-MRT oder FDG-PET/CT vom Zeitpunkt der Erstdiagnose zum Vergleich vorliegen, wobei im Falle der FDG-PET/CT die CT-Komponente in diagnostischer Qualität durchzuführen ist, so dass die alleinige Ganzkörper-CT entfallen kann.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei MGUS mit hohem Progressionsrisiko*, SMM oder erfolgreich behandeltem solitärem Plasmozytom ohne Anhalt für eine persistierende bzw. systemische Plasmazellerkrankung sollte, sofern weder klinisch noch serologisch ein Verdacht auf eine Progression besteht, jährlich über 5 Jahre eine Ganzkörper-MRT oder Ganzkörper-CT kombiniert mit MRT der Wirbelsäule und des Beckens erfolgen.
*CAVE: Die GK-MRT- Untersuchung ist nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
- Konsens
- Konsens (78,5%)
Falls auch in diesem Zeitpunkt weder klinisch, serologisch oder in der Bildgebung eine Progression eintritt, sollten weitere bildgebende Untersuchungen erst wieder bei klinischem oder serologischem Verdacht auf Progression erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei serologischer oder klinischer Progression in ein symptomatisches Stadium soll im Interesse einer besseren Vergleichbarkeit die gleiche Diagnostik wie bei Initialdiagnose (Verweis auf Empfehlung 7.27) erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Initial sollten sowohl eine MRT und eine CT vorliegen, wobei die CT dem Ausschluss einer Schädigung des mineralisierten Knochens dient. Die Wahrscheinlichkeit der Progression bei der MGUS beträgt ca. 1 % im Jahr. Sofern keine serologischen Hinweise auf ein erhöhtes Progressionsrisiko vorliegen, erfolgt die weitere Verlaufskontrolle allein klinisch und serologisch; regelmäßige bildgebende Untersuchungen können bei diesen Patienten weder aus strahlenhygienischen noch aus ökonomischen Gründen empfohlen werden, zumal sie auch subjektiv eine Belastung darstellen würden. Risikofaktoren für eine Progression bei der MGUS sind ein monoklonales Protein ≥15 g/l, ein abnormaler Quotient der freien Kappa- und Lambda-Leichtketten im Serum sowie das Vorliegen einer nicht-IgG-MGUS. Beim Nachweis aller drei Risikofaktoren ist von einem Hochrisiko-MGUS auszugehen. Wenn hingegen ein SMM mit ca. 10 % jährlicher Progressionswahrscheinlichkeit oder serologische Risikoindikatoren vorliegen, sind zusätzliche jährliche bildgebende Untersuchungen empfehlenswert – auch, da noch nicht abzusehen ist, ob möglicherweise eine hyposekretorische Form des MM vorliegt, bei der eine Progression einer allein klinischen und serologischen Verlaufskontrolle entgehen würde. Auch hierbei sollte zur Vermeidung hoher kumulativer Strahlendosen Verlaufskontrollen bis zur klinischen Progression (serologisch oder in einer Knochenmarksbiopsie, Auftreten einer Anämie, Hyperkalziämie, Einschränkung der Nierenfunktion, Fraktur ohne adäquates Trauma, neu aufgetretene Knochenschmerzen) mit der MRT erfolgen, bis hier ein lokaler Befall erstmals bemerkt wird, oder bis ein generalisierter, diffuser Befall erstmals auftritt oder erkennbar stark fortschreitet. Sobald tatsächlich eine Progression eintritt, sollte eine CT durchgeführt werden, da hiermit am besten die Auswirkungen auf die Knochen und deren Stabilität zu ermessen sind. Alternativ kann eine FDG-PET/CT eingesetzt werden, sofern deren CT-Komponente in diagnostischer Qualität akquiriert wird. Dies ist dann sinnvoll, wenn geplant ist, auch das Ansprechen auf die anstehende Therapie mit der FDG-PET/CT zu kontrollieren. Wenn für die Therapieverlaufskontrollen hingegen die MRT geplant ist, reicht in der Regel die MRT, mit der die Progression diagnostiziert wurde, als Basis aus.
Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass die MRT sensitiver als die CT ist. Dies bedeutet zum einen, dass ein in der MRT nachgewiesener Herd nicht notwendigerweise mit einer in der CT sichtbaren lokalen Schädigung des mineralisierten Knochens verbunden ist, und zugleich, dass ein in der CT sichtbarer, MM-bedingter Knochenschaden grundsätzlich auch in der MRT ein Korrelat zeigen sollte, sofern deren Qualität auch für sehr kleine Herdbefunde ausreicht (s.u). Auch ist anzunehmen, dass zumindest in einem Teil der Fälle ein neu aufgetretener Herd in der MRT dem Eintreten eines manifesten Schadens am mineralisierten Knochen vorausgeht, und dass dieser durch eine rechtzeitig begonnene Therapie verhütet werden kann [102].
Grundsätzlich sollte man annehmen können, dass ein lokaler Myelombefall, der zu einer Destruktion des mineralisierten Knochens führt, auch in der MRT nachweisbar sein sollte, und dass insbesondere für Patienten mit MGUS und geringem Progressionsrisiko die CT zur Begrenzung der Strahlendosis zugunsten der MRT verlassen werden könnte. Dies setzt allerdings voraus, dass die MRT-Bilder mit hoher Ortsauflösung, hohem Kontrast und weitgehend artefaktfrei vorliegen. Dem sind allerdings Grenzen gesetzt, weil bei der Ganzkörper-MRT derzeit qualitative Zugeständnisse unausweichlich sind, um die Untersuchungen in einer für Patienten tolerablen und auch wirtschaftlich vertretbaren Zeit durchzuführen. Daher wird zunächst weiterhin empfohlen, auch bei Patienten mit MGUS zumindest bei Erstvorstellung eine Ganzkörper-CT durchzuführen, bis der Nachweis erbracht ist, dass die MRT gleichermaßen zum Ausschluss von Osteolysen geeignet ist.
Wirbelkörperfrakturen ohne adäquates Trauma stellen bei Patienten mit bis dahin asymptomatischen Plasmazellerkrankungen ein diagnostisches Problem dar, weil sie zwar durch eine lokale Destruktion durch einen Myelomherd bedingt sein können, zugleich aber in der typischen Altersgruppe der Patienten eine Osteoporose aus benigner Ursache häufig ist. In solchen Fällen kann mit Hilfe der MRT einschließlich diffusionsgewichteter Sequenzen versucht werden, eine MM-bedingte von einer allein osteoporotischen Fraktur zu unterscheiden. Mit der PET ist in der frühen Phase nach der Fraktur eine Unterscheidung infolge einer reaktiv erhöhten Stoffwechselaktivität schwierig, mit der CT oder dem konventionellen Röntgen in der Regel überhaupt nicht möglich. Mit der MRT hingegen ist ein Aufschluss über die Zusammensetzung des Knochenmarks möglich, insbesondere hinsichtlich einer Dominanz einer fettigen (bei der Osteoporose) oder einer zellreichen Komponente in der Läsion selbst und im gesamten axialen Knochenmark. Zudem bietet die diffusionsgewichtete MRT die Möglichkeit, zwischen einem reaktiven Ödem und einer Vermehrung der Zellularität zu unterscheiden, die beide sonst gleichermaßen eine Erhöhung der Signalintensität auf T2-gewichteten Bildern bedingen. Dies konnte für pathologische Frakturen infolge von Metastasen solider Tumoren gezeigt werden [103], [104], [105].
Bei Patienten mit SMM oder high-risk-MGUS, die bei jährlichen bildgebenden Kontrollen über 5 Jahre ohne erkennbare Progression in den serologischen und bildgebenden Befunden geblieben sind, wurde beobachtet, dass das Progressionsrisiko auf jenes des low-risk-MGUS absinkt. Daher muss man annehmen, dass bei ihnen trotz der Risikokonstellation und dem Krankheitsstadium eine wenig aggressive Variante vorliegt [78]. Daher ist es bei diesen Patienten gerechtfertigt, auf weitere bildgebende Kontrollen zu verzichten und diese erst wieder aufzunehmen, wenn sich klinisch oder serologisch der Verdacht auf eine Progression ergibt.
7.8.2.4 Beurteilung des Therapieansprechens
Beim symptomatischen MM sollte zur Beurteilung des Therapieansprechens und als Grundlage für spätere Verlaufskontrollen dasjenige bildgebende Verfahren gewählt werden, mit dem der ursprüngliche Befund am besten bzw. am deutlichsten erkennbar war.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Die Bildgebung begleitend zur Therapie dient im Wesentlichen zwei Zwecken: Zum einen soll die Wirksamkeit der Therapie beurteilt werden, denn wenn nach der Behandlung vitale Infiltrate verbleiben, ist eine erneute Progression absehbar. Die betroffenen Patienten verdienen somit erhöhte Wachsamkeit, insbesondere wenn suspekte Herde in kritischen Lokalisationen vorliegen. Derzeit gibt es allerdings noch keinen Beleg dafür, dass eine unmittelbare Änderung des Therapieregimes noch vor Eintritt der Progression vorteilhaft ist, so dass auf die Ergebnisse entsprechender Studien gewartet werden muss. Zum anderen aber setzt die Diagnose einer erneuten Progression voraus, dass ein posttherapeutischer Befund vorliegt, dessen Interpretation zugleich nur im Blick auf den Ausgangsbefund vor Einsetzen der Behandlung sinnvoll möglich ist. Aufgrund dieser Erwägungen sollte im Zusammenhang mit einer Therapie, insbesondere einer Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation, eine Bildgebung zur Beurteilung des Therapieansprechens zu folgenden Zeitpunkten durchgeführt werden:
- Vor Therapie
- 100 Tage nach autologer Stammzelltransplantation; bzw. 9-12 Monate nach Therapiebeginn beim nicht transplantierten Patienten
- Zum Zeitpunkt eines vermuteten Rezidivs bzw. einer Progression
Die Bildgebung sollte mit demjenigen Verfahren durchgeführt werden, mit dem der ursprüngliche Befund am besten bzw. am deutlichsten erkennbar war. Falls mit dem Verfahren eine Beurteilung des Verlaufs nur eingeschränkt möglich ist, kann eines der beiden anderen Verfahren ggf. ergänzend eingesetzt werden. Im weiteren Verlauf sollte eine Bildgebung aus klinischer Indikation bzw. bei Verdacht auf weitere Progression erfolgen. Grundsätzlich ist es hierbei sinnvoll, dasjenige bildgebende Verfahren zu wählen, mit dem zuvor die therapiepflichtige Erkrankung vollständig und mit der größten Zuverlässigkeit erfasst wurde. Die MRT ist besser als die CT geeignet, die Wirksamkeit einer Therapie bzw. den Remissionsgrad zu erfassen, da es bei Osteolysen durch das MM im Unterschied zu denen infolge von Metastasen solider Tumoren auch bei vollständiger Inaktivierung des Herdes nicht regelmäßig zu einer Ausheilung und Remineralisierung kommt. In der CT kann die Wirksamkeit der Therapie nur anhand der Abnahme der Dichtewerte innerhalb der Osteolyse erfasst werden. Im Vergleich zur MRT zeigten sich für die PET in mehreren Studien eine schnellere Befundnormalisierung und signifikant weniger falsch-positive Befunde [106], [74], [93]. In der IMAJEM Studie war zudem eine Normalisierung des PET Signals signifikant mit einem besseren progressionsfreien Überleben und Gesamtüberleben assoziiert (2-Jahres-Gesamtüberleben 94,2% gegenüber 72,9% bei Patienten ohne Normalisierung des PET Signals), wohingegen Änderungen in der MRT keine prognostische Bedeutung für das progressionsfreie Überleben oder Gesamtüberleben hatten [93]. Allerdings wurde in dieser Studie durch die MRT lediglich das Achsenskelett erfasst, sodass PET/CT- und MRT-Befunde nur mit Einschränkungen verglichen werden konnten. Eine Ausgangsuntersuchung vor Beginn der Therapie ist jedoch für eine adäquate Beurteilung des Therapieansprechens mittels FDG PET im Verlauf erforderlich, da ca. 10 % der Patienten initial einen falsch-negativen PET-Befund aufgrund einer geringen Expression der Hexokinase-2 und eines resultierend geringen Glukosestoffwechsels aufweisen [77].
Sofern eine Vollremission erreicht wurde, und kein hypo- oder asekretorisches MM vorliegt, sind klinische und serologische Verlaufskontrollen ausreichend, so dass regelmäßige bildgebende Untersuchungen nicht regelhaft empfohlen werden.
Bei hyposekretorischem oder asekretorischem MM sowie bei MM mit Weichteilbefall sollte zur Verlaufskontrolle etwa alle 6 Monate die gleiche bildgebende Diagnostik wie bei Initialdiagnose erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Beim hypo- oder asekretorischen MM ist das Risiko beträchtlich, dass eine Progression einer allein klinischen und serologischen Verlaufskontrolle entgehen würde, so dass bildgebende Verlaufskontrollen empfohlen werden. Hierbei sind die empfohlenen Intervalle kürzer als beim SMM oder Hochrisiko-MGUS, um der zu erwartenden höheren Aktivität der Erkrankung Rechnung zu tragen. Als Verfahren wird die MRT empfohlen, da sie sensitiver als die CT ist. Auch ist der strahlenhygienische Grundsatz zu berücksichtigen, dass gleich oder gar besser geeigneten Methoden gegenüber der Anwendung ionisierender Strahlen der Vorzug zu geben ist. Regelmäßige bildgebende Verlaufskontrollen werden auch für Patienten empfohlen, bei denen extraskelettale Herde vorliegen, da ihre Prognose ungünstig ist, und bei ihnen davon ausgegangen werden muss, dass die Krankheit rascher und aggressiver verläuft. Je nach lokaler Verfügbarkeit und Expertise kann eine FDG-PET-CT anstelle der MRT durchgeführt werden, da sie ähnlich sensitiv für solide MM-Herde ist. Wenn die im Rahmen der PET-CT akquirierten CT-Bilder gemäß den Empfehlungen in Kapitel 7.8. diagnostisch geeignet sind, kann sie auch die alleinige diagnostische Ganzkörper-CT ersetzen.
Die Möglichkeiten, nach Therapie eine Restaktivität der Erkrankung einzuschätzen, sind beim hypo- oder asekretorischen MM äußerst eingeschränkt. Wenn die Einschätzung der Wirksamkeit der vorausgegangenen Therapie mit der CT und MRT nicht hinreichend sicher möglich, mit Blick auf das unmittelbare weitere Vorgehen aber vordringlich ist, stellt die PET-CT mit 18-FDG ein aussagekräftiges Verfahren dar, da es unter Therapie zu einer Minderung der FDG-Aufnahme im MM kommt, noch bevor sich Größe, Dichte bzw. Signalintensität in der CT bzw. MRT ändern.
Die Behandlung mit Wachstumsfaktoren kann zur Ansiedlung von hämatopoetischem Knochenmark auch außerhalb des Achsenskeletts und zur Verdrängung des Fettmarks durch hämatopoetisches Knochenmark führen. Damit verbunden ist eine Zunahme der FDG-Avidität im gesamten hämatopoetischen Knochenmark. Weder in der MRT noch in der FDG-PET/CT können diese Befunde von diffusen oder fokalen Residuen oder Rezidiven des multiplen Myeloms unterschieden werden. Auch können tatsächliche Myelomherde durch eine Stimulation des umliegenden hämatopoetischen Knochenmarks maskiert werden. Nach der Europäischen Leitlinie für FDG PET/CT in der Onkologie V. 1.0 findet sich der Hinweis, dass die vermehrte FDG-Aufnahme infolge einer Stimulation durch Wachstumsfaktoren nicht länger als ca. 2 Wochen anhält [107], wobei hierfür keine Evidenz angeführt wird. Unabhängig davon, wieweit dies die Realität trifft, ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass auch nach Normalisierung der FDG-Aufnahme hämatopoetisches Knochenmark in atypischen Lokalisationen persistieren und somit in der CT oder MRT deutlich länger nachweisbar sein kann. Grundsätzlich ergibt sich hieraus, dass insbesondere nach Behandlung mit Wachstumsfaktoren die Befunde sowohl in der MRT als auch der FDG-PET/CT mit Vorsicht und unter Berücksichtigung aktueller serologischer und ggf. zytologischer Befunde interpretiert werden müssen.
7.8.2.5 Bildgebung im Rezidiv und in der Progression
Ein Rezidiv bzw. eine Progression kann sich vielfältig präsentieren. Es kann im Rahmen einer geplanten bildgebenden Kontrolle eine Zunahme der Tumorlast oder ein Wachstum eines Lokalbefundes ergeben, oder es kann ein Anstieg der serologischen Aktivitätsparameter sein, dem in der Bildgebung nachgegangen werden soll. Weiterhin kann ein Rezidiv zunächst klinisch aufgrund von Schmerzen oder Frakturen auffallen. Entsprechend verschieden sind die Konsequenzen für die Bildgebung. Grundsätzlich kann mit Hilfe der PET/CT*, der Ganzkörper-MRT und der Ganzkörper-CT im serologischen Rezidiv –abhängig von den zuvor verwendeten Untersuchungsmodalitäten- ein Überblick über das Tumorvolumen gewonnen und somit eine prognostische Aussage getroffen sowie eine neue Baseline für die zukünftige Beurteilung des Therapieansprechens erstellt werden. Die PET ermöglicht in diesem Zusammenhang eine Erfassung der metabolischen Aktivität [108], [109], [110], [79].
*CAVE: Die PET-Untersuchung ist nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
Hintergrund
Wie bereits beim Staging kann mit MRT, CT oder PET die Tumorlast mit allen Vorzügen und Einschränkungen beurteilt werden. Der prognostische Nutzen der PET (Anzahl fokaler Läsionen, Vorhandensein von extramedullären Läsionen, metabolisches Tumorvolumen) bleibt auch im Rezidiv der Erkrankung [108], [109] bzw. vor allogener Stammzelltransplantation [101], [111] bestehen. Bei PET-positiver (SUVmax > 4.2) konventionell definierter CR konnte in einer retrospektiven Analyse bei 12% der Patienten mittels PET/CT ein serologisch unbemerkter Progress der Erkrankung detektiert werden [110], [112]. Allerdings ergibt es noch keine Daten, die eine therapeutische Konsequenz für diese frühe Rezidivdetektion belegen.
Bei im Bereich des Achsenskeletts lokalisierten, neu aufgetretenen oder zunehmenden Schmerzen sowie Frakturen sollte zur Klärung der Ursachen und Erfassung einer möglichen Gefährdung der Stabilität der betroffenen Skelettabschnitte eine CT der betroffenen Region erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Symptomen im Bereich des Extremitätenskeletts soll zunächst eine Abklärung mittels konventioneller Röntgendiagnostik, abhängig von der Loklisation ggf auch Osteo-CT erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Wenn klinische Beschwerden oder offensichtliche Komplikationen zur Diagnose eines Rezidivs oder einer Progression führen, ist die Diagnostik darauf gerichtet, schnell und zweckmäßig das Ausmaß des Befundes und eine Gefährdung der knöchernen Stabilität und vitaler Strukturen wie des Rückenmarks zu erfassen, um zügig Maßnahmen zur Linderung der Beschwerden und zur Verhütung schwerwiegender, weiterer Komplikationen ergreifen zu können.
7.8.2.6 Beurteilung einer minimalen Resterkrankung (minimal residual Disease, MRD)
Ergänzend zur Diagnostik zum Ausschluss einer MRD soll im Rahmen klinischer Studien eine bildgebende Diagnostik mittels PET-CT oder Ganzkörper-MRT erfolgen, um residuelle Tumorherde zu erkennen, die mit der Knochenmarkpunktion nicht erfasst wurden.
*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Das Fehlen einer MRD (MRD-Negativität) stützt sich auf das Fehlen makroskopischer Tumorresiduen in der Bildgebung sowie zentral auf Befunden aus einer Knochenmarksbiospie, üblicherweise aus dem Beckenkamm. Da das MM das Knochenmark nicht gleichförmig befällt, ist die Knochenmarksbiopsie nicht zwangsläufig repräsentativ, so dass für die Absicherung der Diagnose der MRD-Negativität die Möglichkeiten der Bildgebung ausgeschöpft werden sollte. Am meisten Erfahrungen bestehen hierbei international mit der PET/CT [93]. Dass zu dem Zeitpunkt, zu dem die Möglichkeit einer MRD diskutiert wird, in der CT oder MRT keine myelomtypischen Läsionen nachweisbar sind, kann in diesem Zusammenhang vorausgesetzt werden. Die diffusionsgewichtete MRT hat infolge ihrer hohen Auflösung das Potential, auch kleine Herde nachzuweisen, aber die Erfahrungen hiermit sind noch zu begrenzt, um ihren Beitrag zur MRD-Diagnostik einschätzen zu können. Um zu vermeiden, dass in großer Zahl unspezifische Befunde erhoben werden, sind ein hoher technischer Standard bei der Datenakquisition, der Verarbeitung (insbesondere Erstellung von ADC-Parameterkarten) und hohe Expertise des befundenden Arztes erforderlich, was derzeit noch nicht in der Breite vorausgesetzt werden kann.
7.8.3 Diagnostische Verfahren
7.8.3.1 CT
Die Ganzkörper-Low-Dose-Computertomographie mit sagittalen und koronaren Rekonstruktionen ist primär indiziert zur Untersuchung des mineralisierten Knochens. Bei der Erstuntersuchung kann zur Erstellung eines möglichst hochwertigen Ausgangsbefunds eine Untersuchung in Standarddosis erwogen werden. Verlaufsuntersuchungen hingegen sollten zur Begrenzung der kumulativen Strahlendosis in Low Dose Technik erfolgen.
7.8.3.1.1 Anforderungen an die Durchführung
Ein konventioneller Röntgen-Skelettstatus sollte zugunsten einer Ganzkörper-Computertomographie verlassen werden. Die Indikation zur konventionellen Röntgenaufnahme aus klinischer Indikation (z.B. Schmerzen, Frakturen) bleibt hiervon unberührt.
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
Hintergrund
Die Computertomographie ist für die Patienten wesentlich schneller und weniger aufwendig als ein Röntgen-Skelettstatus, der insbesondere in fortgeschrittenen Stadien infolge häufiger Neupositionierungen auch mit Schmerzen verbunden sein kann. Die Sensitivität der Computertomographie ist höher als die der konventionellen Röntgenbildgebung, insbesondere im Achsenskelett [73]. Zudem konnte gezeigt werden, dass für Patienten, die gemäß Röntgen-Skelettstatus zunächst die Diagnose eines SMM erhalten hatten, der Nachweis von knöchernen, lokalen Läsionen mit der CT (die also dem Röntgen-Skelettstatus verborgen waren) mit einer kürzeren Zeit bis zur Progression verbunden war, verglichen mit jenen Patienten mit SMM, bei denen auch die CT keine knöchernen Läsionen zeigte [73]. Um hohe kumulative Dosen zu vermeiden, soll die Computertomographie in Niedrigdosis- (Low-Dose-) Technik durchgeführt werden, zumal der hohe intrinsische Kontrast zwischen mineralisiertem Knochen gegenüber Weichteilen und Markräumen das vermehrte Bildrauschen ausgleicht, und die Bilder ohne nennenswerte Einschränkungen beurteilt werden können. Lediglich die Erstuntersuchung kann im Interesse eines Basisbefundes mit möglichst hoher Qualität in Standardtechnik erfolgen. Die konventionelle Projektionsradiographie dient weiterhin zur schnellen und gezielten Abklärung neu auftretender Schmerzen, zum Nachweis von Frakturen oder größeren Osteolysen im Bereich der Extremitäten.
Wenn die Arme auf der Liege ruhen und damit auf gleicher Höhe wie die Wirbelsäule liegen, muss man mit Aufhärtungsartefakten rechnen, die die Bildqualität insbesondere der Wirbelkörper beeinträchtigen, zu niedrige Dichtewerte uns damit osteoporotische Veränderungen oder sogar Knochendestruktionen vortäuschen können. Der einfachste Weg, dies zu vermeiden, ist, entweder die Hände vor dem Leib zu verschränken oder mit den Händen vor dem Leib z.B. ein Tuch oder eine Schaumstoffplatte zu greifen. Hierdurch werden die Oberarme von der Unterlage angehoben und vermieden, dass die Arme mit der unteren BWS und oberen LWS in einer Linie liegen, was zu Aufhärtungsartefakten führen würde. Diese täuschen u.a. eine erniedrigte Dichte der betreffenden Wirbel und damit eine Osteoporose vor und verursachen Streifenartefakte, die insbesondere bei multiplanaren Rekonstruktionen die Beurteilung erheblich erschweren können [113].
Die Bilder sollen als transversale Schichten sowie als koronare und sagittale Rekonstruktionen vorliegen, und zwar im Weichteilfenster nach Rekonstruktion mit einem glättenden und im Knochenfenster nach Rekonstruktion mit einem kantenbetonenden Faltungskern. Als relevant für die Diagnose einer Osteolyse gilt ein Defekt in der Spongiosa ab einem Durchmesser von 5 mm. Gegen eine myelombedingte Osteolyse sprechen ein sklerotischer Randsaum und ein Dichtewert von weniger als 20 Hounsfield-Units bzw. negative Dichtewerte im Inneren des Defekts. Frühe Läsionen des kortikalen Knochens sind endostale Erosionen von wenigen mm Tiefe. Diese sind in sagittalen oder koronaren Rekonstruktionen besser erkennbar als auf den transversalen Quellbildern. Die Schichten müssen also ausreichend dünn sein, um diese Details aufzulösen und auch sagittale und koronare Rekonstruktionen zu erzeugen, die keine erkennbaren, schichtbedingten Stufenbildungen aufweisen. Dies kann z.B. erreicht werden, indem 1,5 mm dicke Schichten überlappend rekonstruiert werden, d.h. mit einem Schichtabstand von weniger als 1,5 mm. Sagittale Rekonstruktionen sind außerdem erforderlich, um pathologische Veränderungen im Gefüge der Wirbelsäule und eine Gefährdung der Strukturen im Spinalkanal zu erkennen. Die transversalen Schichten sollten sowohl mit einem kantenbetonenden (für die Darstellung im Knochenfenster) als auch für die Darstellung im Weichteilfenster mit einem Weichteilalgorithmus berechnet werden. Hierdurch ist im Knochenfenster die beste Darstellung von Strukturveränderungen der Spongiosa und im Weichteilfenster die zuverlässigste Einschätzung der Dichte des Gewebes innerhalb von Osteolysen und in den knöchernen Markräumen möglich. Für die Erzeugung sagittaler und koronarer Rekonstruktionen sollten als Quellbilder stets überlappende transversale Bilder verwendet werden, die mit einem Weichteilalgorithmus berechnet wurden [113].
7.8.3.1.2 Befundung und Interpretation
Bei der CT bei Plasmazellerkrankungen sollten folgende Befunde erhoben werden:
1. Das Vorliegen oder Fehlen umschriebener, myelomtypischer knöcherner Destruktionen
2. Dichte in den Markräumen der langen Röhrenknochen
3. Frakturen
4. Infiltration oder Kompression benachbarter Strukturen
5. Hinweis auf extramedulären Befall
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Ein diffuser Befall des Knochenmarks ist im spongiösen Knochen z.B. der Wirbelkörper schwer zu erkennen, sofern nicht eine äußerst grobmaschige Osteoporose vorliegt. Zuverlässig erkennbar ist er hingegen in den Markräumen der langen Röhrenknochen. Die Beurteilung der Dichte des Markraums erfolgt durch Vergleich mit dem subkutanen Fett- und dem Muskelgewebe. In langen Röhrenknochen kann zusätzlich die distale Diaphyse zum Vergleich herangezogen werden, die in den meisten Fällen nicht befallen ist. Ist die Dichte des Markraums höher als die des subkutanen Fettgewebes, aber geringer als die der Muskeln, spricht dies für einen leichten bis mäßigen Befall durch das MM. Ist sie gleich oder höher als die der Muskeln, entspricht dies einer hochgradigen Infiltration („packed bone marrow“). Mögliche benigne Ursachen einer Dichteerhöhung im Markraum sollten stets differentialdiagnostisch in Betracht gezogen werden. Die wichtigsten sind:
- Verzögerte fettige Konversion des hämatopoetischen Knochenmarks. Dies ist bei jungen Patienten der Fall, wird aber auch in höheren Altersgruppen (bis ins 6. Lebensjahrzehnt) beobachtet.
- Regeneration des Knochenmarks in atypischer Lokalisation, insbesondere nach durch Chemotherapie induzierter Aplasie wie z.B. nach allogener Stammzelltransplantation.
- Ablagerung von Amyloid
Der Nachweis von mindestens einer herdförmigen Destruktion des mineralisierten Knochens ist ein Kriterium für ein symptomatisches Multiples Myelom. Kennzeichen einer myelomtypischen Läsion in der Nativ-CT sind:
- Herd mit muskeläquivalenten Dichtewerten innerhalb vorwiegend fetthaltigen Knochenmarks.
- Umschriebene Destruktion der Spongiosa mit muskeläquivalenten Dichtewerten im Inneren und ohne Randsklerose.
- Der Kortikalis im Markraum der Dia-, Meta- oder Epiphyse anliegender Herd mit muskeläquivalenten Dichtewerten und mit umschriebener endostealer Destruktion der angrenzenden Kortikalis („Scalloping“). Bei vollständiger Destruktion der Kortikalis evtl. Vordringen des Herdes in die angrenzenden Weichteile (sekundär extraossärer Befall).
- Bei stark fortgeschrittener Osteoporose mit nur noch weitmaschigem Trabekelwerk mit fetthaltigen Zwischenräumen kann ein lokaler Befall als umschriebene Läsion mit muskeläquivalenten Dichtewerten erkennbar sein.
- Kleinere, primär extraossäre Herde sind mit der Nativ-CT in der Regel nur nachweisbar, wenn sie innerhalb von Fettgewebe oder der Lunge gelegen sind. Ein fokaler Leberbefall hebt sich möglicherweise vom Lebergewebe ab, aber dies ist nicht zuverlässig und hängt u.a. von deren Verfettungsgrad ab. Größere primär extraossäre MM-Herde imponieren als Raumforderungen mit muskeläquivalenten Dichtewerten.
Anhand der CT ist die Beurteilung des Verlaufs und des Therapieansprechens besser möglich als mit dem Röntgen-Skelettstatus, zumal auch bei einer Response in vielen Fällen keine vollständige Remineralisierung des Defekts stattfindet. Hinweise für eine Response in der CT sind:
- Abnahme der Dichte innerhalb einer Osteolyse
- Ausbildung eines Sklerosesaums
Hinweise auf eine fehlende Response oder eine Progression sind:
- Persistenz der muskeläquivalenten Dichtewerte innerhalb der Osteolyse
- Vergrößerung des Durchmessers der Läsion
- Zunehmende Unschärfe der Randbegrenzung
7.8.3.2 MRT
Die MRT stellt eine Methode zur Beurteilung der nicht mineralisierten Anteile des Skelettsystems und auch der übrigen Weichteile dar. Ihr Vorzug ist, dass eine Beurteilung des Knochenmarks auch dort möglich ist, wo in der CT eine Aussage wegen der Überlagerung durch den spongiösen Knochen nur schwer möglich ist, insbesondere im Achsenskelett und in den Epi- und Metaphysen langer Röhrenknochen. Sie ist nicht mit einer Belastung durch ionisierende Strahlung verbunden, aber Einschränkungen können sich z.B. bei metallischen Fremdkörpern oder implantierten elektronischen Hilfsmitteln ergeben. Zudem ist die Dauer von MRT-Untersuchungen in Betracht zu ziehen, so dass die Verfügbarkeit u.U. begrenzt ist. Die MRT ist eine überaus sensitive Untersuchungsmodalität, die im Vergleich mit der FDG-PET/CT deutlich weniger spezifisch ist, indem die Unterscheidung von Myelominfiltraten von degenerativen oder anderen unspezifischen Befunden schwierig ist. Aufgrund der Komplexität der Untersuchungstechnik erfordert sie viel Erfahrung insbesondere in Zusammenhang mit Plasmazellerkrankungen, um falsch positive Befunde zu vermeiden.
7.8.3.2.1 Anforderungen an die Durchführung
Die MRT bei Plasmazellerkrankungen sollte mit höchstens 5 mm Schichtdicke bei seitlich des Körpers gelagerten Armen durchgeführt werden und sowohl das Achsenskelett als auch das periphere Skelett bis einschließlich des oberen Drittels der Unterschenkel einschließen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die diffusionsgewichtete MRT bei Plasmazellerkrankungen sollte den gleichen Bereich abdecken wie die MRT in T1- und T2-Wichtung.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei der diffusionsgewichteten MRT bei Plasmazellerkrankungen kann der abgedeckte Bereich auf Kopf, Arme und Körperstamm begrenzt werden, wenn dies aus Zeitgründen erforderlich ist.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Mit koronarer Schichtführung lassen sich fokale und diffuse MM-Infiltrate in allen relevanten Skelettabschnitten nachweisen. Die Unterschenkel und Füße sind ebenso wie die Unterarme und Hände nur selten vom MM befallen, so dass es in aller Regel ausreicht, nach kaudal bis unterhalb der Knie zu untersuchen. Für die Unterscheidung von MM-Infiltraten von anderen Veränderungen sind die Signalintensitäten in den T1- und T2-gewichteten (T1w bzw. T2w) Bildern entscheidend.
Eine MRT bei Plasmazellerkrankungen erfolgt unter Verwendung folgender Wichtungen, Schnittrichtungen und anatomischer Abdeckung (Messiou, Hillengass et al. 2019):
- T1-gewichtet koronar, Scheitel bis proximaler Unterschenkel
- T2-gewichtet mit Fettunterdrückung (spektral oder in Inversion-Recovery-Technik) koronar, Scheitel bis proximaler Unterschenkel)
- Diffusionsgewichtet mit Fettunterdrückung und B-Werten 50 und 800-900 koronar oder transversal (ggf. jeweils mit transversalen bzw. koronaren Rekonstruktionen, Scheitel bis Sitzbeinhöcker
- T1-gewichtet sagittal, Scheitel bis Steißbein
- Fakultativ sind:
- T2-gewichtet mit Fettunterdrückung (spektral oder in Inversion-Recovery-Technik) sagittal, Scheitel bis proximaler Unterschenkel)
- T2-gewichtet (ggf. mit Fettunterdrückung), Scheitel bis Steißbein
- Bei Diffusionswichtung ergänzende Erfassung der Oberschenkel bis zum proximalen Unterschenkel
- T1-gewichtet mit Fett-Wasser-Trennung in Dixon-Technik, sagittal, Schädelbasis bis Steißbein
- T1-gewichtet mit Fettsuppression nach i.v. Kontrastmittelinfusion: Gezielt zur Klärung der Vitalität unklarer Residualbefunde.
Die diffusionsgewichtete Bildgebung hat sich als „Suchsequenz“ bewährt, indem das Signal aus den Weichteilen weitgehend unterdrückt wird, und Herdbefunde als hyperintense Läsionen stärker auffallen, als dies in T1- oder T2-gewichteten Bildern infolge deren Komplexität der Fall ist. Bei einem diffusen Befall ist in fettunterdrückten T2-gewichteten Bildern die Signalintensität des gesamten betroffenen Knochenmarks erhöht, und Herdbefunde innerhalb eines diffus infiltrierten Knochenmarks fallen bei Diffusionswichtung stärker auf als in T1- und fettunterdrückter T2-Wichtung. Auch der Vergleich mit Voruntersuchungen ist mithilfe der DWI leichter und schneller möglich als allein mit T1w und T2w Bildern. Idealerweise sollten auch die DWI denselben Bereich abdecken wie die T1w und T2w Bilder, aber aus Zeitgründen ist es vertretbar, sie auf Kopf, Arme und Körperstamm zu begrenzen, da die Oberschenkel in T1w und T2w anatomisch wenig komplex und MM-Infiltrate dort leicht aufzufinden sind.
Eine Beschränkung der MRT auf das Achsenskelett allein ist nicht sinnvoll, da bei einer Vielzahl von Patienten Läsionen im peripheren Skelett und eventuell nur dort vorliegen, und es anhand klinischer oder serologischer Aktivitätsparameter keine Möglichkeit gibt, dies vorherzusagen [114]. Ein nennenswerter Anteil der Patienten aber hat ausschließlich einen Befall der Extremitäten, der einer auf den Rumpf beschränkten MRT entgehen würde. Ein Befall der Unterarme, Unterschenkel sowie Hände und Füße ist hingegen außerordentlich selten. Dementsprechend soll der zu untersuchende Körperabschnitt vom Scheitel bis zum proximalen Unterschenkel reichen, wobei mit Blick auf die Dauer der Untersuchung die diffusionsgewichteten Sequenzen auf den Bereich zwischen Scheitel und Sitzbeinhöcker beschränkt werden können.
Techniken der Fett-Wasser-Trennung können das Auffinden von Myelomherden erleichtern, aber eine Überlegenheit gegenüber den Standardsequenzen ist nicht systematisch untersucht worden. Sagittale Schichten in T1w und T2w sind sinnvoll, um Formänderungen und Frakturen von Wirbelkörpern besser zu erfassen und eine drohende Gefährdung der intraspinalen Strukturen zu erkennen. Die Verwendung von Kontrastmitteln ist bei der Routinebildgebung des MM nicht erforderlich. Kontrastmittelverstärkte Sequenzen können aber gezielt bei Residualbefunden nach Therapie eingesetzt werden, um zu klären, ob es sich hierbei um inaktives Gewebe oder um vitale MM-Herde handelt.
7.8.3.2.2 Befundung und Interpretation
Bei der MRT bei Plasmazellerkrankungen sollten folgende Befunde erhoben werden:
1. Signalintensität in den Markräumen des gesamten erfassten Skeletts
2. Das Vorliegen oder Fehlen umschriebener, myelomtypischer Herde im Knochenmark und in den Weichteilen
3. Frakturen
4. Infiltration oder Kompression benachbarter Strukturen
5. Hinweis auf extramedulären Befall
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Typische Merkmale eines Myelombefalls in der nativen MRT sind:
- Umschriebene, T1-hypo-, T2-hyperintense, in der Diffusions-MRT mit hohen B-Werten hyperintense Läsion > 5 mm innerhalb des Knochenmarks. Das Größenkriterium von 5 mm ergibt sich hierbei aus der üblichen Schichtdicke.
- Eine Destruktion der Spongiosa ist mit der MRT in der Regel nicht nachweisbar. Da die Kortikalis aber als signalarme kompakte Struktur darstellbar ist, lässt sich deren Destruktion als endostale Arrosion vom Markraum her durch einen Myelomherd nachweisen, oder als vollständige Unterbrechung, eventuell in Verbindung mit einem Vordringen des Herdes in die angrenzenden Weichteile (sekundär extraossärer Befall).
- Ein primär extraossärer lokaler MM-Befall stellt sich in der Nativ-MRT als T2-signalreicher Herd dar. In der DWI ist er signalreich.
Ein myelomtypischer Herd in der MRT ist T1-hypointens, T2-hyperintens und hyperintens auf diffusionsgewichteten Bildern, wobei in Übereinstimmung mit Kriterien der CT der Mindestdurchmesser 5 mm betragen muss. Die Grenze ist nicht durch Studienergebnisse begründet, sondern erwächst aus praktischen Erwägungen. Zum einen dient sie zur Unterscheidung von unspezifischen Veränderungen, zum anderen ist die Erfassung der Charakteristika (Dichte, Signalintensität, Begrenzung) bei kleineren Herden unsicher.
Ein diffuser Knochenmarksbefall äußert sich als T1-Hypointensität (etwa isointens zu den Bandscheiben) und T2-Hyperintensität des Knochenmarks. In den proximalen Extremitäten sind die Signalveränderungen vergleichbar, wobei bevorzugt die rumpfnahen Anteile von Femora und Humeri betroffen sind. Die Ausprägung der Signalveränderungen hängt von der Stärke des Infiltrationsgrads ab. In den langen Röhrenknochen werden gelegentlich divergente Befunde beobachtet, indem aus bislang unklarer Ursache bei T2-hyperintensem Knochenmark die Signalintensität in T1-Wichtung normal oder gar erhöht ist. In diesen Fällen kann anhand eines Vergleichs der T2-Signalintensität mit der distalen Metaphyse, die infolge der proximal betonten Tumorbefalls häufig normointens ist, abgeschätzt werden, ob tatsächlich ein diffuser Befall vorliegt. Ein geringgradiger diffuser Befall des axialen Knochenmarks zeigt sich in T1-gewichteten Bildern gelegentlich als feinfleckiges Muster aus hypo- und hyperintensen Arealen (Salz-Pfeffer-Muster). Dieses kann einem Befall durch kleine Myelomherde ähneln, der aber einer wesentlich stärkeren Infiltration entsprechen würde. Eine Unterscheidung ist anhand von zusätzlichen fettunterdrückten T2-gewichteten und diffusionsgewichteten Bildern möglich. In diesen ist das Knochenmark bei einem echten Salz-Pfeffer-Muster mit geringgradigem Befall signalarm, bei einem feinnodulären Befall infolge der vergleichsweise hohen Tumorzelldichte hingegen signalreich.
Schwierigkeiten bei der Interpretation diffuser Signalveränderungen des Knochenmarks ergeben sich v.a. bei jüngeren Patienten, da eine verzögerte fettige Konversion des Knochenmarks nicht von einem diffusen Myelombefall unterschieden werden kann. Einschränkungen ergeben sich gleichfalls bei Patienten, die eine autologe oder allogene Stammzelltransplantation erhalten haben, evtl. in Verbindung mit Wachstumsfaktoren.
Der Nachweis von myelomtypischen Herdbefunden in der MRT ist prognostisch relevant:
- Liegen mehr als 1 Herd vor, ist bei Patienten mit SMM die Zeit bis zur Progression verkürzt [76].
- Die Zeit bis zur Progression ist, ungeachtet der Zahl bei der Ausgangsuntersuchung, ebenfalls verkürzt, wenn bei einer Folgeuntersuchung entweder die vorhandenen Herde an Größe zugenommen haben oder neue Herde hinzugekommen sind [102].
- Infolgedessen wurde von der International Myeloma Working Group das Vorliegen von mindestens 2 myelomtypischen Herden auch bei Fehlen einer Schädigung des mineralisierten Knochens als zusätzliches Kriterium eines symptomatischen multiplen Myeloms definiert [39].
Mit der MRT ist eine Beurteilung des Verlaufs und der Therapieresponse möglich. Hinweise auf eine Response sind:
- Normalisierung der T1- und T2-Signalintensität sowie der Intensität auf diffusionsgewichteten Aufnahmen
- Ausbildung eines T2-hypointensen Randsaums, der mit dem Sklerosesaum in der CT korreliert.
- Insbesondere bei sehr großen Herden findet bei einer Response eine starke Abnahme der T1- und starke Zunahme der T2-Signalintensität statt, neben der Ausbildung eines T2-hypointensen Randsaums. Diese Befunde können schwer von einer Persistenz oder Progression zu unterscheiden sein, und auch in der Diffusionwichtung bleiben die Herde aufgrund der inhärent hohen T2-Signalintensität („T2-shinethrough“) hyperintens. In unklaren Fällen kann mittels kontrastverstärkter Aufnahmen unter Fettunterdrückung besser zwischen vitalen und avitalen Residuen unterschieden werden.
Zeichen eines Fehlenden Ansprechens oder einer Progression in der MRT sind das Ausbleiben der beschriebenen Veränderungen bzw. eine Größenzunahme der Herde oder der befallenen Knochenmarksabschnitte.
Grundsätzlich ist die MRT zur Beurteilung der Integrität des mineralisierten Knochens nur mit Einschränkungen geeignet. Obgleich größere Destruktionen der Compacta durchaus erkennbar sind, entgehen Destruktionen der Spongiosa dem Nachweis. Aus diesem Grund sollte bei Nachweis eines Herdbefunds in der MRT eine CT erfolgen.
7.8.3.3 PET/CT
Die PET ist ein nicht-invasives, nuklearmedizinisches Schnittbild-Verfahren zur Darstellung und quantitativen Messung physiologischer Funktionen und biochemischer Prozesse mittels entsprechender Radiopharmaka. Mit dem Begriff PET wird heute ausschließlich eine multimodale Bildgebung bezeichnet, die entweder zusammen mit einer Computertomographie (PET/CT) oder einer Magnetresonanztomographie (PET/MRT) als Hybridverfahren durchgeführt wird und somit neben der quantitativen Darstellung von molekularen Informationen eine simultane Erfassung morphologischer Parameter erlaubt. Als Radiotracer wird bei Plasmazellerkrankungen standardmäßig 18-Fluordeoxyglukose (FDG) verwendet, das von Myelomzellen als Glukoseanalogon aufgenommen und retiniert wird. Die Anreicherung kann durch den Standardized Uptake Value (SUV) quantifiziert werden. Hierbei gestattet die PET als Ganzkörperbildgebungsverfahren die umfassende Evaluation einer intra- oder extramedullären Erkrankung, die direkte Erfassung der Ganzkörpertumorlast, die Unterscheidung metabolisch aktiver gegenüber inaktiven Läsionen sowie prognostische Aussagen bei monoklonalen Plasmazellerkrankungen [110]. Ihre Sensitivität für das multiple Myelom ist variabel und hängt neben der FDG-Avidität der Zellen selbst auch von der Infiltrationsdichte insbesondere in diffus befallenem Knochenmark ab. Ihre Spezifität hingegen ist hoch, indem es sich bei Herden mit hohem FDG-Uptake mit großer Sicherheit auch um aktive Myelomherde handelt, zumindest sofern degenerative und entzündliche Herde in typischer Lokalisation ausgeschlossen werden.
7.8.3.3.1 Anforderungen an die Durchführung
Bei der PET-CT bei Plasmazellerkrankungen sollte die CT mit ausreichendem Röhrenstrom durchgeführt werden, um diagnostisch aussagekräftige CT-Bilder des Skeletts zu erzeugen und eine zusätzliche CT einzusparen. Die in der PET/CT für die Schwächungskorrektur vielfach üblichen „ultra-low-dose“-Scans reichen für eine diagnostische Qualität nicht aus. Die Anforderungen an die in diesem Zusammenhang durchgeführte CT entspricht denen an eine allein diagnostische Ganzkörper-CT
*CAVE: Die PET-Untersuchung ist nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Für die zur PET-Rekonstruktion notwendige Schwächungskarte und die anatomische Zuordnung sind Aufnahmen mit sehr geringem Röhrenstrom und damit geringer Strahlendosis für den Patienten („ultra-low-dose“) ausreichend; für eine morphologische Beurteilung des Skeletts reichen sie aber nicht aus. Die im Hybridgerät erzeugten CT-Bilder sollten diagnostisch hinreichend aussagekräftig sein, so dass sich eine zusätzliche Ganzkörper-CT erübrigt. Dies setzt jedoch auch voraus, dass der beurteilende Arzt sowohl in der radiologischen als auch der nuklearmedizinischen Diagnostik von Plasmazellerkrankungen ausreichend sach- und fachkundig ist, oder dass die Beurteilung gemeinschaftlich durch Fachärzte für Radiologie und Nuklearmedizin erfolgt.
Während der kurzen Dauer einer CT ist es fast allen Patienten möglich, die Arme ruhig zu halten. Bei der PET/CT hingegen ist dies wegen der langen Akquisitionszeit nicht möglich und würde wegen der Haltearbeit zu artifiziellen Aufnahme von FDG in den beteiligten Muskeln führen. Daher müssen in der PET/CT Aufhärtungsartefakte hingenommen und entsprechend interpretiert werden, sofern es nicht gelingt, die Arme behelfsweise zu unterpolstern. Geeignete Lagerungshilfen sind im Handel leider nicht erhältliche.
7.8.3.3.2 Befundung und Interpretation
Typische Merkmale eines Myelombefalls in der PET/CT sind:
- Fokale, vermehrt FDG speichernde Läsion (Referenzregion Knochenmark oder Leber), die nicht durch physiologische Mechanismen erklärt werden kann, in Verbindung mit einem morphologischen Korrelat in dem korrespondierenden CT (z.B. Osteolyse oder weichteildichter Herd im Knochenmark oder in den Weichteilen)
- Diffus vermehrte FDG-Aufnahme im gesamten Knochenmark oder Anteilen davon (mehr als in der Leber)
Eine besondere Situation liegt bei FDG-aviden Herden in der Spongiosa vor, die nicht mit einer offenkundigen Osteolyse verbunden sind. Auch in der MRT werden in analoger Weise Herde beobachtet, bei denen man annehmen muss, dass es sich um umschriebene Myelominfiltrate handelt, die aufgrund geringen osteodestruktiven Potenzials nicht mit einer in der CT nachweisbaren Osteolyse assoziiert sind. Aufgrund wissenschaftlicher Evidenz zeigt nach aktuellen Kriterien der Nachweis von mehr als einem myelomtypischen Herdbefund in der MRT auch ohne erkennbare Destruktion des mineralisierten Knochens ein therapiepflichtiges symptomatisches Myelom an [39]. Obwohl es naheliegend ist, dass klare, FDG-avide Herde im spongiösen Knochen ohne morphologisches Korrelat in analoger Weise der gleiche Stellenwert zukommt, ist dies bislang nicht systematisch untersucht worden. Daher empfiehlt es sich in solchen Fällen, durch eine MRT eine Klärung herbeizuführen. Wenn dies nicht möglich ist, muss im Einzelfall interdisziplinär entschieden werden, ob eine Therapiepflichtigkeit vorliegt, oder ob vorläufig Verlaufskontrollen ausreichend sind.
7.8.3.4 Skelettszintigraphie
Typischerweise sind weder Osteolysen infolge des multiplen Myeloms noch nicht osteolytische Myelomherde mit einem lokal vermehrten Knochenstoffwechsel verbunden, und somit auch nicht mit einer Mehrspeicherung von Bisphosphonaten, die als Radiotracer in der Skelettszintigraphie eingesetzt werden. Daher sollte eine Skelettszintigraphie nicht regelhaft in der Diagnostik von Plasmazellerkrankungen eingesetzt werden. Nach erfolgreicher Therapie kann eine lokale Mehrspeicherung auftreten, falls eine Osteolyse ausheilt, indem sie knöchern durchbaut wird. Erfahrungsgemäß tritt dies aber nur selten auf, da sich in den meisten Fällen die knöcherne Reaktion trotz Rückbildung des eigentlichen Myelomherds auf eine Randsklerosierung beschränkt oder gänzlich ausbleibt. In Einzelfällen kann die Skelettszintigraphie bei Patienten mit einer suspekten Osteolyse aber ohne gesicherte Plasmazellerkrankung zur Differentialdiagnostik eingesetzt werden, indem eine korrespondierende Mehrspeicherung eher auf eine Knochenmetastase eines soliden Primärtumors hindeutet als auf einen Myelomherd.
7.8.4 Empfehlungen zur Befundung einer Ganzkörperbildgebung
Ein Befundbericht einer Ganzkörperbildgebung sollte im Kontext einer monoklonalen Plasmazellerkrankung im Rahmen der initialen Ausbreitungsdiagnostik folgende Informationen beinhalten:
1. Bezeichnung der befallenen Knochen
2. Knochenmarkinfiltration
a. minimal (normales Erscheinungsbild)
b. Vorhandensein fokaler Läsionen
c. Diffuse Infiltration
d. Kombination fokaler Läsionen und Diffuser Infiltration
3. Anzahl der fokalen Läsionen
a. CT und MRT: 0, 1, 2-7, >7
b. FDG PET: 0, 1-3 >3
4. Infiltration des Schädels und des axialen Knochens
Größe und Lokalisation des jeweils größten oder hinsichtlich der Stabilität am meisten relevanten Herdes
Schädigung des mineralisierten Knochens
Extraossäre Ausdehnung
Frakturen
5. Infiltration der langen Röhrenknochen
Größe und Lokalisation des jeweils größten oder hinsichtlich der Stabilität am meisten relevanten Herdes
Schädigung des mineralisierten Knochens
Extraossäre Ausdehnung
Frakturen
6. Vorhandensein einer extramedullären Erkrankung
7. Weichteilraumforderungen, die sekundär aus dem Knochen in die angrenzenden Weichteile vordringen
8. Frakturen (Lokalisation, zeitliche Einordnung (frisch, älter), ätiologische Einordnung (durch ein multiples Myelom oder andere Ursachen bedingt)
9. Zeichen/Residuen operativer Eingriffe am Skelettsystem
10. Inzidentelle Befunde
11. FDG-Avidität im Vergleich zum Blutpool und zur Leber
a. des diffus befallenen Knochenmarks
b. in Herdbefunden
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Zudem sollten beim Therapiemonitoring spezifiziert und klassifiziert werden:
1. Ansprechen („Response“)*
a. Normalisierung des Signals (MRT), der Dichte (CT) oder des FDG-Uptakes (PET/CT)** in vormals betroffenen Regionen des Knochenmarks
b. Abnahme von Anzahl und/oder Größe fokaler Läsionen
c. Auflösung vormals diffus infiltrierten Knochenmarks in fokale Läsionen bei insgesamt vermindertem Gesamtvolumen oder völliges Verschwinden des diffusen Befalls
d. Abnahme von Anzahl und/oder Größe und/oder des FDG-Uptakes extramedullärer Manifestationen
e. Änderung der Gewebeeigenschaften innerhalb einer Osteolyse*:
CT: Dichteabnahme bis hin zu fettäquivalenten Dichtewerten oder Auftreten eines fettäquivalenten Randsaums (Halo-Zeichen)
MRT: Fettäquivalente Signaleigenschaften in T1- und T2-Wichtung oder starke Zunahme der T2-Signalintensität
FDG-PET/CT: Abnahme des FDG-Uptakes
2. Keine Veränderung (“No change”)
3. Progression (“Progression”)
a. Zunehmende Abweichung des Signals (MRT), der Dichte (CT) oder des FDG-Uptakes (PET/CT) vom Normalen im Knochenmark
b. Zunahme von Anzahl und/oder Größe und/oder des FDG-Uptakes fokaler Läsionen
c. Fusion vormals fokaler Läsionen zu diffus infiltriertem Knochenmark bei insgesamt ansteigender Tumormasse
d. Zunahme von Anzahl und/oder Größe extramedullärer Manifestationen und/oder Zunahme deren FDG-Uptakes
e. Änderung der Gewebeeigenschaften innerhalb einer Osteolyse*:
CT: Dichtezunahme bis hin zu muskeläquivalenten Dichtewerten
MRT: Muskeläquivalente Signaleigenschaften in T1- und T2-Wichtung
FDG-PET/CT: Zunahme des FDG-Uptakes
*Eine Remineralisation von Osteolysen ist nicht regelhaft zu erwarten. Daher ist eine Persistenz von Osteolysen in der CT nicht als Zeichen eines ausbleibenden Therapieansprechens zu werten.
**Der FDG-Uptake in der PET soll anhand des Deauville –Score graduiert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Sowohl bei der rein deskriptiven Befundung als auch bei dem Vergleich semiquantitativer Auswertungen ist bei allen Modalitäten auf die Vergleichbarkeit der Untersuchungsbedingungen zu achten [115].
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