Leitlinienprogramm OnkologieMultiples Myelom

8. Abschätzung des Therapieansprechens – Multiples Myelom

Version 1.0 · Februar 2022 · AWMF 018/035OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

Prof. Dr. Marc-Steffen Raab

8.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Die Einteilung des Therapieansprechens soll nach den jeweils gültigen Kriterien (Tabelle 13) der International Myeloma Working Group erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Eine detaillierte und korrekte Einschätzung des Therapieansprechens ist für die Beurteilung des Krankheitsverlaufes unter Therapie von entscheidender Bedeutung. Einerseits ist das Ziel der Behandlung, insbesondere in der Erstlinie, das Erreichen einer möglichst tiefen Remission, andererseits ist die Kontrolle der erzielten Remission im Verlauf wichtig für die Wiederaufnahme bzw. Umstellung der Therapie. Seit 2016 liegen aktualisierte Kriterien der International Myeloma Working Group zur Einteilung des Therapieansprechens vor [47]. Entsprechend wird hier auf diese verwiesen, wobei die Frage der Minimalen Resterkrankung (MRD) unter Kapitel 9 erörtert wird. Für Patienten, die eine formale Messbarkeit eines monoklonalen Proteins in der Serumelektrophorese von über 10 g/l bzw. von 200 mg/Tag im 24h-Sammelurin aufweisen, soll der Krankheitsverlauf mit diesen Parametern bestimmt werden. Die freien Leichtketten im Serum sind für diese Patientengruppe nur zur Evaluation einer stringenten kompletten Remission (sCR) bei Vorliegen einer kompletten Remission (CR) von Bedeutung (siehe Tabelle Einteilung des Therapieansprechens gemäß der IMWG Kriterien 2016, ergänzt um die Kategorie nCR). Für eine CR ist zusätzlich eine negative Immunfixation in Serum und Urin sowie eine Knochenmarkuntersuchung notwendig mit dem Nachweis von weniger als 5% Plasmazellen bezogen auf alle kernhaltigen Zellen im Untersuchungspräparat gefordert. Für eine sCR ist darüber hinaus ein fehlender Nachweis von klonalen Plasmazellen im Knochenmark sowie eine Normalisierung der Ratio der freien Leichtketten im Serum notwendig. Für Patienten, bei denen eine Messbarkeit des monoklonalen Proteins lediglich im Urin (>200 mg/Tag) erreicht wird, wird der Krankheitsverlauf entsprechend im 24h-Sammelurin überprüft.

8.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Für die Einteilung des Therapieansprechens bei hyposekretorischem Myelom soll der freie Leichtkettentest herangezogen werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
8.3 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Die Einteilung des Therapieansprechens bei asekretorischem Myeloma soll durch die Bestimmung des klonalen Plasmazellanteils im Knochenmark, alternativ durch serielle Bildgebung mittels Ganzkörper-MRT oder PET-CT erfolgen.

*CAVE: Die PET- und GK-MRT- Untersuchungen sind nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)

Konsens
Starker Konsens (100%)

Die Verlaufsbeurteilung bei Erkrankungsformen ohne formaler Messbarkeit des monoklonalen Proteins in Serum oder Urin, dem sog. hyposekretorischen MM, erfolgt über den freien Leichtkettentest im Serum sofern die Ratio der freien Leichtketten im Serum abnormal (bezogen auf das jeweilige Testverfahren) ist und die überwiegende Leichtkette den Wert von 100 mg/l überschreitet. Falls auch der freie Leichtkettentest keine ausreichende Verlaufsbeurteilung erlaubt, soll diese durch den Verlauf des klonalen Plasmazellanteils im Knochenmark abgeschätzt werden. Alternativ erlauben auch seriell durchgeführte Ganzkörper-MRTs oder PET-CTs eine Abschätzung des Therapieansprechens.

8.4 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Die Festlegung eines spezifischen Remissionsstatus soll durch eine Wiederholung der relevanten Untersuchungen bestätigt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Grundsätzlich gilt, dass vor der Festlegung einer Kategorie des Therapieanspre-chens eine Bestätigung der zutreffenden Kriterien erfolgen muss. Hierzu werden die entsprechend relevanten Untersuchungen, wie das monoklonale Protein im Se-rum und Urin bzw. die freien Leichtketten im Serum, wiederholt. Die Ausnahme bildet hierbei die Knochenmarkuntersuchung, für die eine jeweils einmalige Durchführung als ausreichend angesehen wird.

Tabelle 9: Einteilung des Therapieansprechens gemäß der IMWG Kriterien 2016, ergänzt um die Kategorie nCR

Response Kategorie

IMWG Kriterien zur Beurteilung des Therapieansprechens

sCR

 

Komplette Remission plus normale FLC-Ratio und Fehlen klonaler Zellen in der Knochenmarkbiopsie (Immunohistochemie (κ/λ ratio ≤4:1 or ≥1:2))

CR

 

Negative Immunfixation in Serum und Urin sowie Verschwinden von Weichteilmanifestationen und <5% Plasmazellen im Knochenmark, eine negative Immunfixation muss durch eine Zweituntersuchung aus Serum und Urin bestätigt werden; für Patienten mit freien LK im Serum als einzige Verlaufsparameter gilt zusätzlich Normalisierung der FLC Ratio (0,26 – 1,65)

nCR

Positive Immunfixation Serum und/oder Urin sowie Verschwinden von Weichteilmanifestationen, jedoch kein Nachweis von monoklonalem Protein (M-Gradienten) durch die Serum-Elektrophorese bzw. 24 Std.-Sammelurin Diagnostik; unabhängig vom Plasmazellen-Anteil im Knochenmark; oder serologische CR mit unbekanntem Knochenmarkstatus. (Kriterium nicht in der aktuellen IMWG Leitlinie enthalten)

VGPR

Serum- und /oder Urin-M-Protein bzw. LK im Urin nachweisbar und ≥90% Reduktion des Serum-M-Proteins (M-Gradient) plus Urin-M-Protein <100 mg pro 24 Stunden; für Patienten mit freien LK im Serum als einzige Verlaufsparameter gilt es muss eine ≥90% Reduktion der Differenz zwischen betroffener und nicht betroffener LK erreicht werden

PR

≥50% Reduktion des Serum-M-Proteins (M-Gradienten), und Reduktion der Leichtketten-Ausscheidung im 24 Stunden Urin entweder um ≥ 90% oder bis auf weniger als 200 mg pro 24 Stunden

Wenn Serum- und Urin-M-Protein nicht messbar sind, ist eine Abnahme von ≥ 50% in der Differenz von „betroffener“ und „nicht betroffener“ FLC erforderlich (anstelle der M-Protein-Kriterien)

Wenn FLC nicht messbar ≥50% Reduktion der Plasmazellen im Knochenmark, falls initial ≥30%

≥50% Reduktion in der Größe von Weichteilmanifestationen

MR

25-49% Reduktion des monoklonalen Proteins im Serum (M-Gradienten)

50-89% Reduktion der Leichtketten-Ausscheidung im 24-Stunden-Urin, die aber noch ≥ 200 mg/Tag beträgt

≥50% Reduktion in der Größe von Weichteil-Manifestationen

SD

Weder die Kriterien der CR, VGPR, PR, MR noch die der Krankheitsprogression werden erfüllt. Gilt nicht als Ansprechen

Wenn radiologische Untersuchungen des Skelettsystems veranlasst werden, ist es bei allen Response-Kriterien erforderlich, dass kein Hinweis auf eine Zunahme der Knochenläsionen vorliegt.

 

Neben den IMWG-konformen Stufen des Therapieansprechens kann als weitere Stufe noch die nahezu komplette Remission (nCR) aufgeführt werden. Diese erlaubt eine weitere Unterteilung einer sehr guten partiellen Remission (VGPR) mit jedoch bereits Abwesenheit eines in der Elektrophorese detektierbaren monoklonalen Proteins bei jedoch noch positivem Nachweis eines klonalen Proteins in der Immunfixationselektrophoerese (Tabelle Einteilung des Therapieansprechens gemäß der IMWG Kriterien 2016, ergänzt um die Kategorie nCR). Ebenfalls erlaubt eine nCR eine Unterscheidung zur VGPR, falls alle Kriterien einer CR vorliegen, jedoch keine informative Knochenmarkuntersuchung durchgeführt wurde. Die Stufe der nCR soll bei allen wissenschaftlichen Auswertungen berücksichtigt werden, ist für die tägliche Praxis allerdings von untergeordneter Bedeutung.

Zu der Art und Häufigkeit der diagnostischen Maßnahmen im Verlauf wird auf Kapitel 9 verwiesen.

8.1 Kriterien bei Wiederauftreten bzw. Zunahme der Erkrankungsaktivität

8.5 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Die Feststellung eines Rezidives/Progresses der Erkrankung soll nach den Kriterien der International Myeloma Working Group erfolgen (Tabelle 14).

Konsens
Starker Konsens (100%)

Grundsätzlich ist hier zu unterscheiden, ob es sich um eine erneute Krankheitsaktivität nach vorherigen CR, was begrifflich als Rezidiv klassifiziert wird, oder um eine Zunahme von bereits vorhandener Aktivität handelt, was als Krankheitsprogress eingestuft wird. Die Kriterien sind in Tabelle Merkmale für einen Krankheitsprogress gemäß den IMWG Kriterien 2016 zusammengefasst und basieren ebenfalls auf den IMWG Kriterien von 2016 [47]. Weiterhin ist zwischen einem sog. biochemischen Progress, definiert durch Anstieg von monoklonalem Protein in Serum oder Urin, und einem klinischen Progress durch neue Osteolysen, Wachstum von Weichteilmanifestationen, Niereninsuffizienz oder Hypercalciämie zu unterscheiden.

Tabelle 10: Merkmale für einen Krankheitsprogress gemäß den IMWG Kriterien 2016

Progrediente

Erkrankung

(Rezidiv / Progress)

Krankheitsprogress erfordert eines oder mehrere der folgenden Kriterien:

  • Zunahme des M-Proteins in Urin oder Serum (M-Gradient) von ≥25% im Vergleich zum Nadir, zumindest aber absoluter Anstieg des Serum-M-Proteins um ≥5 g/l und/oder absoluter Anstieg der Leichtketten-Ausscheidung um ≥200 mg/Tag. Wenn der Ausgangswert der M-Proteins im Serum ≥ 50 g/l beträgt, reicht eine Zunahme um ≥10 g/l zur Einstufung als Progress
  • für Patienten ohne messbares Serum- und Urin-M-Protein: ≥25% Zunahme der Differenz von „betroffener“ und „nicht betroffener“ FLC, zumindest aber absoluter Anstieg >100 mg/l
  • Zunahme des Anteils der Plasmazellen im Knochenmark ≥25% im Vergleich zum Nadir, absoluter Anstieg um ≥10% (nur asekretorische Verläufe)
  • Entwicklung neuer Knochenläsionen oder Weichteilmanifestationen oder Größenzunahme der bereits vorhandenen Knochenläsionen oder Weichteilmanifestationen
  • ≥50% Zunahme im Vergleich zum Nadir der Summe der orthogonalen Durchmesser von >1 Läsion oder ≥50% Zunahme des längsten Durchmessers einer vorhandenen Läsion >1 cm in der kurzen Achse
  • ≥50% Zunahme zirkulierender Plasmazellen (mindestens 200 Zellen/ μL), falls dies die einzig messbare Größe ist

 

8.2 Konsequenzen aus einer Zunahme der Krankheitsaktivität

8.6 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Die Indikation zur erneuten Therapieeinleitung oder -umstellung soll nach den jeweils gültigen Kriterien der International Myeloma Working Group erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
8.7 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Eine erneute Therapieeinleitung bzw. eine Therapieumstellung soll erfolgen bei Auftreten neuer Endorganschäden (gemäß CRAB-Kriterien), bei progredienter extramedullärer Erkrankung oder hoher Dynamik der biochemischen Parameter sowie bei Krankheitsprogress unter laufender Therapie bzw. frühem Progress nach Therapieende.

Konsens
Starker Konsens (100%)
8.8 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Eine erneute Therapieeinleitung bzw. eine Therapieumstellung sollte frühzeitig erfolgen im Falle einer Krankheitsprogress innerhalb von 12 Monaten nach er-folgter Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation sowie bei vorbekanntem Hochrisikostatus.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Zum Zeitpunkt des Krankheitsprogresses bzw. –rezidivs muss die Entscheidung der erneuten Therapienotwendigkeit bzw. der Indikation zur Therapieumstellung getroffen werden. Eine direkte Therapieindikation ist gegeben bei einem klinischen Progress im Sinne der CRAB-Kriterien (siehe Kapitel 6 und 13.1), extramedullärer Erkrankung oder einem schnellen Anstieg der Verlaufsparameter in Serum und/oder Urin. Letzterer wird in der Regel definiert als Verdoppelung des monoklonalen Proteins innerhalb 3 Monate. Eine Therapieumstellung soll ebenfalls erfolgen bei Krankheitsprogress unter laufender Therapie. Ebenfalls sollte eine frühzeitige Therapieeinleitung bei vorbestehendem Hochrisikostatus (siehe Kapitel 7.5) und bei progredienter Erkrankung innerhalb eines Jahres nach Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation angestrebt werden [116]. Grundsätzlich ist die Indikation zur erneuten Therapie bzw. einer Therapieumstellung immer eine individuelle Entscheidung, die den bisherigen Krankheitsverlauf des jeweiligen Patienten, aufgetretene Nebenwirkungen und vorhandene Begleiterkrankungen sowie die individuelle Lebenssituation im sozialen Umfeld berücksichtigt.

8.3 Konsequenzen aus dem Therapieansprechen auf die jeweilige Therapie

8.9 · Konsensbasierte Empfehlung 2021

Eine Therapieumstellung bei Erreichen einer lediglich stabilen Erkrankung unter Therapie sollte erwogen werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Weniger klar stellt sich die Datenlage hinsichtlich der Frage dar, ob bei einem nicht ausreichenden Ansprechen auf eine laufende Therapie eine Umstellung oder Erweiterung dieser erfolgen sollte. Während es umfangreiche Daten gibt, dass das Erreichen einer tiefen Remission im Sinne einer CR oder weiterführend einer Negativität der minimalen Resterkrankung (MRD) für den weiteren Krankheitsverlauf günstig ist, fehlen weitestgehend Untersuchungen, die belegen, dass eine Intervention, z. B. eine Erweiterung oder Umstellung einer laufenden Therapie, mit dem Ziel der Vertiefung einer bereits erreichten Remission, von Vorteil ist. Eine Ausnahme bildet hier das Erreichen einer stabilen Erkrankung (SD), was nach IMWG Leitlinien nicht als Therapieansprechen gewertet. Somit sollte hier eine Umstellung der Therapie auf andere Substanzklassen oder zumindest andere Substanzen erwogen werden. In der Erstlinientherapie (Induktionstherapie) vor geplanter HDT+ABSCT gibt es jedoch Hinweise, dass hier eine Therapieumstellung zwar mit einem besseren Krankheitsansprechen verbunden ist, dies sich jedoch nicht auf eine längere progressionsfreie oder Gesamtüberlebenszeit auswirkt [117]. Eine generelle Empfehlung zur Erweiterung oder Umstellung einer Therapie bei ausbleibendem Erreichen einer bestimmten Remissionstiefe vor der ersten HDT+ABSCT kann somit auf Basis der vorliegenden Literatur nicht gegeben werden. Die Thematik einer zweiten (Tandem-) HDT+ABSCT in Anhängigkeit des Ansprechens wird hingegen in Empfehlung 13.38 abgehandelt.

Literaturhinweise

[47] Kumar, S., Paiva, B., Anderson, K. C., Durie, B., Landgren, O., Moreau, P., et.al. International Myeloma Working Group consensus criteria for response and minimal residual disease assessment in multiple myeloma, Lancet Oncol, 2016. 17(8): p. e328-e346., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27511158

[116] Laubach, J., Garderet, L., Mahindra, A., Gahrton, G., Caers, J., Sezer, O., et.al. Management of relapsed multiple myeloma: recommendations of the International Myeloma Working Group, Leukemia, 2016. 30(5): p. 1005-17., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26710887

[117] Vij, R., Kumar, S., Zhang, M. J., Zhong, X., Huang, J., Dispenzieri, A., et.al. Impact of pretransplant therapy and depth of disease response before autologous transplantation for multiple myeloma, Biol Blood Marrow Transplant, 2015. 21(2): p. 335-41., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25445028