9. Anaplastisches Schilddrüsenkarzinom – Schilddrüsenkarzinom
Das anaplastische Schilddrüsenkarzinom (ATC) ist eine sehr seltene, hochaggressive Erkrankung, die meist klinisch durch eine rasch, progrediente, in der Regel derbe und indolente Schwellung auffällt und bei Erstvorstellung nicht selten bereits eine klinische Symptomatik wie Schluckbeschwerden, Heiserkeit und Dyspnoe aufweist. Der klinische Verdacht wird durch eine zervikale Sonographie untermauert. Umgehend erfolgen parallel bildgebende Untersuchungen zur Ausbreitungsdiagnostik und eine histologische Sicherung. Die Therapie stellt eine Herausforderung dar aufgrund der Aggressivität der Erkrankung sowie der sehr spärlichen Datenlage. Es kann unterschieden werden zwischen der resektablen Situation (Stadium IVA nach UICC) und der nicht-resektablen und/oder primär metastasierten Erkrankung (Stadium IVB und IVC nach UICC). Die Therapie ist multimodal und besteht aus Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Weitere Therapieansätze sind die zielgerichtete (z. B. BRAF und MEK, RET und NTRK Inhibitoren) Therapie. Ferner gibt es Daten zur PDL1-Hemmung, die eine Wirksamkeit gezeigt haben. In die Versorgung von ATC Patienten gehört auch eine Anbindung an Experten für Palliativmedizin und Psychoonkologie.
9.1 Präoperative Diagnostik
9.1.1 Klinische Untersuchung
Ein anaplastisches Schilddrüsenkarzinom (ATC) kann klinisch als schnell größenprogrediente, derbe, zervikale Raumforderung mit plötzlicher Heiserkeit imponieren und soll unverzüglich abgeklärt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Anamnestische Hinweise auf ein ATC sind plötzlich auftretende Heiserkeit und Schluckbeschwerden. Weitere typische Symptome sind ein rasch zunehmender zervikaler Tumor und Luftnot. Eine B-Symptomatik im Sinne von Gewichtsverlust und Nachtschweiß wurde ebenfalls in retrospektiven Studien als initiale Symptome aufgeführt [1190].
Die klinische Untersuchung dient der Erfassung des Allgemeinzustandes mittels ECOG (Eastern Cooperative Oncology Group) Status [1191] sowie spezifische Untersuchungen in Abhängigkeit von der initialen Symptomatik. Die Beurteilung des klinischen Lokalbefundes kann relevante Hinweise wie die Tumorausdehnung, tastbare Metastasen bzw. die Infiltration der Haut liefern. Insgesamt, dient die klinische Untersuchung nicht primär zur Diagnosestellung, sondern zur weiteren Therapieplanung [1192].
9.1.2 Labor
Die Labordiagnostik dient zur Erfassung des allgemeinen Gesundheitsstatus sowie der Erfassung der Stoffwechsellage der Schilddrüse. Ist ein operativer Eingriff geplant, soll zusätzlich die Stoffwechsellage der Nebenschilddrüsen erfasst werden
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Für das anaplastische Schilddrüsenkarzinom gibt es keinen spezifischen Tumormarker. Das Thyreoglobulin, welches als Verlaufsparameter beim differenzierten und gering differenzierten Schilddrüsenkarzinom dient, ist beim ATC nicht zielführend, da eine komplette Entdifferenzierung vorliegt und damit u.a. der Verlust der Thyreoglobulin-Expression einhergeht [1193]. Thyreoglobulin sollte bei der initialen Diagnostik dennoch bestimmt werden, da eine fehlende Thyreoglobulin-Produktion die Diagnose eines ATC untermauern kann [338].
9.1.3 Ultraschall
Die Ultraschalluntersuchung wird im Kapitel 9.1.4 Bildgebung mitbehandelt.
9.1.4 Bildgebung (CT, MRT, PET/CT)
Das Staging soll mit geeigneter Bildgebung erfolgen. Die Erfassung der lokalen Tumorausbreitung kann mit Ultraschall, CT oder MRT erfolgen.
Zur Erfassung von Fernmetastasen und lokaler Tumorausdehnung sollte eine Ganzkörper-PET/CT mit [¹⁸F]FDG durchgeführt werden.
Bei Verdacht auf Hirnfiliae sollte eine Kopf-MRT erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine exakte und zügige Erfassung des Ausmaßes des histologisch gesicherten ATC ist für die adäquate Therapieplanung unumgänglich. Unmittelbar nach Erstdiagnose bzw. histologischer Sicherung des ATC muss daher das Ausmaß der Erkrankung mittels geeigneter Methoden der Schnittbilddiagnostik erfasst werden, um das weitere Vorgehen (Operation und/oder Strahlentherapie) zu planen [1194] und um die lokale Resektabilität abzuschätzen [1195][49][1196]. Die lokale Resektabilität bezeichnet die angestrebte chirurgische R0-, ggf. R1-Resektion. Diese liegt vor, wenn bildgebend ein intrathyreoidales ATC oder lokal begrenzt extrathyreoidal infiltratives (umgebendes Weich- und Fettgewebe, N. laryngeus recurrens, oberflächliche Trachea) ATC vorliegt. Dagegen ist das ATC bei zervikaler multiviszeraler Infiltration (Gefäße, Nerven, Aerodigestivtrakt, Substernalraum) meist irresektabel [1197][258][1198][1199].
Wegen der raschen Progredienz der Erkrankung kann bei einem ausreichenden klinischen Verdacht die Bildgebung bereits geplant und durchgeführt werden bevor das Ergebnis einer histologischen Sicherung vorliegt, um den weiteren Therapieverlauf nicht zu verzögern; dies gilt insbesondere bei drohenden lokalen Komplikationen. Finden sich Hinweise auf eine Beteiligung der Atemwege ist die Schnittbildgebung mittels CT die diagnostische Modalität der Wahl. Die am besten geeignete Bildgebungsmodalität zur Erfassung eines Ganzkörpertumorstatus ist die Positronenemissionstomographie/Computertomographie (PET/CT) mit [¹⁸F]FDG. Das PET/CT ist der CT in der Detektion Metastasen-suspekter Läsionen deutlich überlegen (Detektionsraten 99 % vs. 62 %), durch ein PET/CT wird in bis zu 25 % bis 50 % der Fälle das initial angedachte Behandlungsschema angepasst [1200][1201][1202]. Mittels der [¹⁸F]FDG-PET/CT können Metastasen des ATC besser von (koinzidenten) Metastasen des DTC abgegrenzt werden, mit entsprechendem Einfluss auf das Therapieregime [1203][1204]. Das ATC exprimiert Glut-1 stärker, was eine höhere Akkumulation des Radiopharmakons in metastasenverdächtigen Läsionen bedingt [1205]. Falls ein CT durchgeführt wird, steht einer Kontrastmittelgabe nichts im Wege, da (hinsichtlich der prognostisch relevanten anaplastischen Tumoranteile) weder eine Diagnostik noch eine Therapie mit Radioiod möglich sind. Zur Detektion von Hirnmetastasen scheint das MRT den anderen Bildgebungsmodalitäten, insbesondere dem CT, überlegen [1206][1207]. Zur Detektion ossärer Filiae ist die [¹⁸F]FDG PET/CT Modalität der Wahl [1208][1202].
9.1.5 Ösophagoskopie
Eine Ösophagoskopie (i.e. Endoskopie), ggf. mit zusätzlicher Endosonographie, soll bei klinischem oder bildgebendem Verdacht auf eine Infiltration des Ösophagus erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine Ösophagoskopie (i.e. Endoskopie) und sofern möglich und erforderlich einschließlich Endosonographie ermöglicht eine exakte Beurteilung einer klinisch oder bildgebend vermuteten Ösophagusinfiltration. Zusätzlich besteht, bei auffälligem Befund, die Möglichkeit einer Biopsie. Im Falle einer fortgeschrittenen Infiltration des Digestivtraktes wäre eine Irresektabilität des Tumors gegeben. Im Hinblick auf eine palliative Strahlentherapie kann, in Abhängigkeit vom Befund, die Indikation zur prätherapeutischen Stentimplantation evaluiert werden [1209].
9.1.6 Tracheobronchoskopie
Eine Tracheobronchoskopie soll bei klinischem oder bildgebendem Verdacht auf eine Infiltration der Trachea erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine Tracheobronchoskopie ermöglicht eine exakte Beurteilung einer klinisch oder bildgebend vermuteten Tracheainfiltration. Zusätzlich besteht, bei auffälligem Befund, die Möglichkeit einer Biopsie. Zudem ist der Befund im Hinblick auf die Beurteilung der Resektabilität relevant. Im Falle einer fortgeschrittenen Infiltration der Atemwege wäre eine Irresektabilität des Tumors gegeben. Im Hinblick auf eine palliative Strahlentherapie kann, in Abhängigkeit vom Befund, die Indikation zur prätherapeutischen Stentimplantation evaluiert werden [1210][1211].
9.1.7 Weitere Diagnostik
Bereits bei Diagnosestellung durch Stanze oder ggf. offene Biopsie soll eine zügige molekularpathologische Panelsequenzierung des Tumormaterials sowie die immunhistochemische Bestimmung der PD-L1-Expression zur Therapieplanung erfolgen.
- Konsens
- Konsens (91,3%)
Für das ATC sind bereits einzelne gezielte medikamentöse Therapien mit der Notwendigkeit eines Nachweises einer spezifischen genetischen Aberration durch die EMA bzw. FDA zugelassen (z. B. RET-Fusion, BRAF V600E Mutation). Weitere Biomarkeranalysen für gezielte Therapien, zugelassen für fortgeschrittene Tumoren ungeachtet der Tumorentität (tumoragnostisch), können ebenfalls als Therapieoptionen in Erwägung gezogen werden (z. B. NTRK-Fusion [1036], Mikrosatelliteninstabilität). Detaillierte molekulargenetische Analysen großer Fallserien von ATC konnten zudem verschiedene genomische Veränderungen in verschiedenen Signalwegen oder Reparaturmechanismen als Ansatzpunkt für bereits bei anderen soliden Tumoren zugelassener oder in Studien zugänglicher, gezielter medikamentöser Therapien aufzeigen. In einer Analyse von 196 ATC Tumoren zeigten sich am häufigsten prognostisch relevante TP53- (65 %) sowie TERT-Mutationen (65 %). 41 % wiesen BRAF-Mutationen auf und 27 % RAS-Mutationen [1212]. Aktuell ist die BRAF-Mutation, die in unterschiedlichen Serien in 11-45 % nachgewiesen werden, kann [1190] durch die FDA für eine kombinierte zielgerichteten Therapie in Kombination eines BRAF Inhibitors mit einem MEK Inhibitor zugänglich. Auch andere genetische Alterationen ermöglichen den Einsatz selektiver Inhibitoren im individuellen Heilversuch (z. B. ALK-Translokation [1213], ROS1-Fusionen [1214] oder nonsense TSC2 Mutation [1215].
Bei zunehmenden Therapieoptionen im Rahmen des Fortschrittes in der personalisierten onkologischen Medizin ist eine initiale breite genomische molekularpathologische Parallelsequenzierung (Panelsequenzierung der wichtigen Signalwege einschließlich Fusionen, TMB, HRR) am zumeist bereits vorliegenden und durch den Pathologen charakterisierten, formalinfixierten und paraffinisierten (FFPE) Tumormaterial zu empfehlen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund des oft schnell fortschreitenden Krankheitsverlaufs und der zeitlichen Verzögerung durch die aufwendige molekularpathologische Diagnostik.
Der routinemäßige Einsatz von whole exome (WES) oder whole genome (WGS) Sequenzierungen kann zurzeit auf Grund der hohen technischen Anforderungen an die Qualität und Menge der DNA / RNA sowie dem höheren Zeitaufwand von mehreren Wochen außerhalb von Studien nicht empfohlen werden.
Die Kenntnis der Expression von PD-L1 kann zur Abschätzung der Rationale einer Immuncheckpointinhibitortherapie außerhalb der Zulassung, zum Beispiel im Rahmen von Studien oder einem individuellen Heilversuch (a.e. Kombinationstherapie mit Tyrosin-Kinase Inhibitoren (TKI), siehe unten) herangezogen werden. Hierzu sollen die gängigen Scores zur immunhistologischen PD-L1 Analyse (IC, CPS, TPS) durch den Pathologen berichtet werden.
9.2 Therapie des resektablen ATC
9.2.1 Operation
Zur lokalen Tumorkontrolle und Verbesserung der Überlebenschancen sowie -qualität sollte bei lokaler Resektabilität (R0 bis ggf. R1-Resektion) die radikale Operation angestrebt werden. Diese umfasst befundabhängig die Hemi- oder totale Thyreoidektomie, ggf. mit diagnostischer und/oder therapeutischer zervikozentraler Lymphknotendissektion.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die lokale Resektion kann aufgrund lokaler Beschwerden oder drohender Sekundärkomplikationen bei lokal ungehindert fortschreitendem Wachstum auch bei disseminierter systemischer Erkrankung indiziert sein. Dabei ist ein Tumordebulking möglichst zu vermeiden und kann nur im Ausnahmefall indiziert sein [1197][258][1216][1217].
Bei gegebener lokaler Resektabilität des ATC soll die Operation zur lokalen Tumorkontrolle und Verbesserung der Überlebenschancen angestrebt werden. Die lokale radikale (R0-) Resektion ist das Ziel. Liegt ein lokal begrenztes extrathyreoidales Tumorwachstum vor, soll zur lokalen Tumorkontrolle und Verbesserung der Überlebenschancen die Operation angestrebt werden. Alternativ kann ein neoadjuvantes Konzept unter systemischer Therapie mit dem Ziel einer sekundären Operation versucht werden.
Das Resektionsausmaß richtet sich nach der lokalen Befundlage und der erkennbaren Systemerkrankung. Intrathyreoidal begrenzte unilaterale ATC können befundabhängig ggf. mit einer Hemithyreoidetomie ausreichend reseziert werden, überwiegend ist zur vollständigen Tumorentfernung eine Thyreoidektomie erforderlich. Die Bedeutung der lokoregionären zervikozentralen Lymphknotendissektion in diagnostischer und therapeutischer Hinsicht wird uneinheitlich bewertet. Eine laterale Lymphknotendissektion ist nur bei klinischem Befall zu erwägen. Für alle Resektionstypen gilt, dass eine adjuvante frühpostoperative lokoregionäre externe Radiatio das operative Ergebnis sichern sollte.
9.2.2 Strahlentherapie
9.2.2.1 Indikation zur primären oder postoperativen Strahlentherapie
Nach einer R0- oder R1-Resektion soll Patienten mit ATC in gutem Allgemeinzustand ohne Hinweis auf eine metastasierte Erkrankung, eine normofraktionierte Strahlentherapie in Form der intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) mit simultaner Systemtherapie angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Trotz der schlechten Prognose des ATC stellt die perkutane Strahlentherapie eine wesentliche lokale Therapieoption mit überwiegend palliativem Charakter dar. Eine lokoregionäre Tumorkontrolle wird in 60-80 % der perkutan bestrahlten Patienten erreicht [1218][1219][523][1220], so dass ein Tod durch Ersticken in der Regel verhindert werden kann. In einer großen retrospektiven Serie war die Kombination von Operation und perkutaner Strahlentherapie ein unabhängiger Prognosefaktor für das tumorspezifische Überleben [1221]. Dieser Effekt beruhte auf dem Vorteil einer aggressiven Lokaltherapie bei Patienten mit lokoregionär fortgeschrittener oder fernmetastasierter, nicht mit rein intrathyreoidaler Tumorausdehnung. Auch bei vorliegender Fernmetastasierung scheint eine lokale Tumorkontrolle die Überlebenszeiten zu verlängern [1222]. Somit ist eine primäre oder postoperative Strahlentherapie beim ATC in der Regel indiziert.
Bei Patienten ohne Fernmetastasen, bei denen eine komplette Tumorresektion möglich ist, kann eine intensivierte Radiochemotherapie (im Sinne einer trimodalen Therapie) mit Drei-Jahres-Überlebensraten von mindestens 50 % [1223][1224][1225] sogar einen kurativen Therapieansatz darstellen. Die präoperative bzw. die postoperative Radiochemotherapie ergaben vergleichbare Ergebnisse [1223][1219][1225], so dass beide Sequenzen prinzipiell vertretbar sind. Eine sowohl prae- als auch postoperative Strahlentherapie („split course“) ist nicht empfehlenswert [1219]. In einer größeren Fallserie (104 Patienten, Zeitraum 1984-2017) wurde nach OP und simultaner Radiochemotherapie (Doxorubicin in 74 %, Paclitaxel mit oder ohne Pazopanib in 24 %) ein 1-Jahres-Überleben von 45 % beschrieben [1226].
Eine aktuelle Metaanalyse (17 nicht-randomisierte Beobachtungsstudien, 1147 Patienten) betrachtete den Stellenwert einer postoperativen Strahlentherapie nach Resektion (R-Status nicht spezifiziert) des ATC (Kwon, Kim et al. 2016). Die postoperative Radiatio reduzierte das Sterberisiko im Vergleich zu alleiniger OP mit einer HR von 0,556 (95 % CI, 0,419-0,737; p<0,001). Der Effekt war am stärksten in den Stadien IVA (HR 0,364; p=0.012) und IVB (HR 0,460; p=0.059). In einer weiteren Metaanalyse (10 Studien, 1163 Patienten) wurde nach OP + Radiotherapie im Vergleich zu alleiniger Resektion eine Absenkung des Sterberisikos mit HR 0,51 (95 % CI: 0,36-0,73, p=0,0002) berichtet [1227].
9.2.2.2 Durchführung der Strahlentherapie
Die Strahlentherapie soll geplant und begonnen werden, sobald der Patient sich ausreichend von der zervikalen OP erholt hat, normalerweise innerhalb von zwei bis drei Wochen nach der OP.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Patienten, die eine Strahlentherapie bei ATC erhalten (irresektabel oder postoperativ) sollen mit intensitätsmodulierter Radiotherapie (IMRT) behandelt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (95,7%)
Bei Patienten, die mit einer volldosierten Strahlentherapie (mindestens 50 Gy) behandelt werden, sollte eine simultane Chemotherapie mit einer Kombination aus Taxan (Paclitaxel, Docetaxel) und / oder Anthracyclin (Doxorubicin) und / oder Platin (Cisplatin, Carboplatin) eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Für Patienten mit ATC in schlechtem Allgemeinzustand soll bevorzugt eine palliative dosierte lokoregionäre Strahlentherapie angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Wirksamkeit der perkutanen Strahlentherapie beim ATC ist dosisabhängig. Die Gesamtdosis beträgt üblicherweise 40-70 Gy, bei der Wahl der Fraktionierung soll vor dem Hintergrund der meist kurzen Überlebenszeiten eine kurze Gesamtbehandlungsdauer (Akzelerierung, z. B. durch Hypofraktionierung) angestrebt werden. Eine hyperfraktionierte Bestrahlung (z. B. zwei Fraktionen pro Tag) kann im Rahmen intensivierter Radiochemotherapie-Protokolle eingesetzt werden.
In retrospektiven Analysen waren Überlebenszeit bzw. lokale Kontrolle signifikant verbessert, wenn Gesamtdosen oberhalb von 30 Gy bzw. 40 Gy (Trennwert für Vergleich in jeweiliger Studie) appliziert wurden appliziert wurden [1222][1220].
In kleineren Serien wurden akzelerierte, zum Teil hyperfraktionierte, Bestrahlungsprotokolle untersucht, die ohne simultane Chemotherapie aber trotz Gesamtdosen von etwa 60 Gy nur mittlere Überlebenszeiten von etwa 3 Monaten erreichten [1218].
Eine aktuelle Metaanalyse der National Cancer Data Base mit 1228 Patienten zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Gesamtdosis der Strahlentherapie und Gesamtüberleben (im Vergleich zu keiner Radiotherapie: Strahlentherapie mit <45 Gy: HR 0,834; mit 45-59.9 Gy: HR 0,596; mit 60-75 Gy: HR 0,419) [1228]. Der Effekt wurde in einer Propensity-Score-gematchten Analyse bestätigt. Das 1-Jahres-Überleben betrug nach Strahlentherapie mit 60-75 Gy 31 % und mit 45-59.9 Gy 16 % (p=0.008).
Die perkutane Strahlentherapie des ATC sollte zur Toxizitätsminimierung als intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT) erfolgen, wobei die Dringlichkeit des Therapiebeginns oder eine hochpalliative Situation auch einfachere Bestrahlungstechniken rechtfertigen können.
In einer retrospektiven Analyse an 41 Patienten mit ATC zeigte sich in der multivariaten Analyse ein Vorteil im Gesamtüberleben für Patienten, die mit IMRT bestrahlt wurden, vs. Patienten mit 3D-konformaler Bestrahlungstechnik (HR 0,33, 95 % CI 0,15-0,72, p=0.005) (Park 2018). IMRT-Patienten erhielten im Vergleich zur 3D-Technik eine höhere Gesamtdosis (66 Gy vs. 60 Gy), wiesen aber keine verstärkten Toxizitäten auf.
9.2.3 Systemische Therapie
Die adjuvante Chemotherapie kann nach erfolgter R0/R1-Resektion und Radiochemotherapie bei Patienten ohne Nachweis einer Resttumorerkrankung und/oder Metastasierung durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Das Überleben von Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom ist stadienabhängig [1204][1229]. Patienten in den nicht metastasierten Stadien IVA und IVB haben ein signifikant besseres Überleben als Patienten im metastasierten Stadium IVC. In retrospektiven Studien zeigte sich in multivariaten Analysen für Patienten in den Stadien IVA und IVB ein Vorteil nach Resektion mit anschließender adjuvanter Strahlen- und Chemotherapie [1192][1230].
In einer großen retrospektiven multizentrischen japanischen Studie mit 547 ATC-Patienten ergab sich für Patienten mit multimodaler Therapie bestehend aus Chirurgie, Strahlentherapie und adjuvanter Chemotherapie ein signifikant besseres Überleben im Stadium IVB, aber nicht im Stadium IVA [1204]. Das mediane Gesamtüberleben von Stadium IVA-Patienten lag bei 389 Tagen, wenn eine Resektion und adjuvante Strahlentherapie erfolgte versus 314 Tage bei Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie. Bei Stadium IVB-Patienten dagegen, lag das mediane Überleben bei gleicher Therapiekonstellation bei 194 versus 420 Tagen. In einer retrospektiven Serie von 104 ATC Patienten, die im Zeitraum zwischen 1984 und 2017 behandelt wurden, lag das mediane 1-Jahresüberleben nach Operation, Strahlentherapie und adjuvanter Chemotherapie bei 54.7 % im Vergleich zu 12.8 % bei Patienten, die nur zwei bzw. eine der drei Therapiemodalitäten erhalten haben [1226]. Derbel et al [1231] haben 44 ATC Patienten untersucht. Die Mehrzahl (35/44) erhielt eine multimodale Therapie und 14 Patienten erreichten nach Therapieabschluss eine komplette Remission. Diese 14 Patienten hatten ein initiales Tumorstadium IVA oder IVB. Verabreichte Substanzen waren Doxorubicin in Kombination mit Cisplatin, bzw. in Kombination mit Carboplatin oder eine Paclitaxel-Monotherapie.
Die Wirksamkeit der Chemotherapieregime zur adjuvanten Therapie des anaplastischen Schilddrüsenkarzinoms im Stadium IVA und IVB wurde nicht in prospektiven Studien untersucht. Mehrere retrospektive Fallserien haben die Wirksamkeit untersucht [1190]. Seto et al haben die Wirksamkeit von Docetaxel (75mg/m2) und Cisplatin (75mg/m2) alle 4 Wochen für 6 Zyklen untersucht [1232]. Eingeschlossen wurden 8 Patienten, darunter 2 Patienten im Stadium IVB zur postoperativen adjuvanten Therapie. Beide Patienten haben nach R0 bzw. R1-Resektion eine adjuvante Strahlentherapie erhalten. Ein Patient ist nach Applikation von 5 Zyklen Chemotherapie nach 3 Jahren an einem Lokalrezidiv verstorben und der zweite Patient ist nach Erhalt von 6 Zyklen zum Zeitpunkt der Publikation (>5 Jahre nach Diagnosestellung) weiterhin rezidivfrei. In einer französischen Studie wurden 30 Patienten mit einer multimodalen Therapie behandelt [1225]. Es wurde bei 12 Patienten eine R0 bzw. R1 Situation nach Operation erreicht. Die 12 Patienten wurden postoperativ adjuvant bestrahlt und mit 2-9 Zyklen Doxorubin (60mg/m2) und Cisplatin (120mg/m2) behandelt. Das Gesamtüberleben variierte stark zwischen 4 und 78 Monaten (Median 24,5 Monate).
Eine dauerhafte systemische Therapie des resektablen ATC ohne bildgebenden Hinweis auf eine Resterkrankung nach abgeschlossener multimodaler Therapie soll nicht erfolgen [1190].
9.3 Therapie des nicht resektablen oder primär nicht komplett resezierten und/oder metastasierten ATC
9.3.1 Neoadjuvante Therapie
In der nicht-resektablen Situation sollte bei Patienten mit einer BRAF-V600E Mutation eine neoadjuvante Therapie erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
In einer Fallserie von 57 ATC Patienten mit einer BRAF V600E Mutation am MD Anderson Cancer Center, Texas, in einem Zeitraum von 2017 bis 2021 war bei ca.70 % der Patienten nach einer mindestens einen Monat dauernden Kombinationstherapie mit Dabrafenib und Trametinib (DT) eine Resektion möglich [1233]. Erfolgte die DT-Behandlung erst nach der Operation (n=12), war das Ergebnis etwas schlechter als bei den Patienten (n=32), bei den die DT-Behandlung präoperativ durchgeführt worden ist.
Bei weiteren 13 Patienten konnte wegen unzureichenden Ansprechens (n=9) nach DT, unzureichendem AZ (n=2) keine Operation erfolgen. Zwei Patienten lehnten die Operation ab. In der Gruppe DT + Operation war das mediane OS [CI 39,2 Monate – NA) nicht erreicht, das 1- und 2-Jahre OS lag bei 93,6 % und 80,3 %. In der Gruppe ohne Operation +DT lag das 1 und 2 Jahre OS bei 38,5 % und 15,4 %. Bei Patienten mit präoperativer DT-Behandlung lag das 1 und 2 Jahre OS bei 74,1 % und 74,1 %.
Eine britische Studie [1234] erfasste 17 inoperable Patienten mit einem BRAF V600E positiven ATC, die zwischen August 2018 und Oktober 2021 mit DT behandelt worden sind. 12 Patienten konnten nach DT operiert werden, 4 hatten eine R0-, 7 eine R1- und einer eine R2-Resektion. Das mediane OS betrug 12 Monaten (range 3 bis 43). Diese real world Daten sind zwar schlechter als die der ROAR-Basket Studie, dennoch besser im Vergleich zu anderen retrospektiven Daten. Neben strengeren Einschlusskriterien in Studien, wird auch ein verzögerter Zugang zu DT als mögliche Erklärung genannt.
Studien mit anderen Medikamentenkombinationen sind initiiert:
DT plus Pemprolizumab (30 Patienten, Phase-II-Studie; NCT04675710),
M D Anderson Cancer Center Immuncheckpointinhibitor Atezolizumab kombiniert mit dem BRAF-Inhibitor Vemurafenib und dem MEK-Inhibitor Cobimetinib (VCA) kombiniert wird (n=17).
Ergibt sich durch eine effektive neoadjuvante Therapie eine Resektabilität des Primärtumors mit erwartbarem Vorteil für den Patienten sollte die operative Therapie angeschlossen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine primär als irresektabel eingeschätzte Primärtumorextension kann durch Effekte einer isolierten oder kombinierten Strahlentherapie/Chemotherapie bzw. ausgewählten Inhibitortherapie in eine resektable Situation überführt werden [1223][1235][1236]. In der Reevaluation der Resektabilität mit dem Ziel ein Lokalrezidiv zu vermeiden und lokoregionären Komplikationen vorzubeugen, sollte auch die Gesamtprognose, der erhöhte operative Schwierigkeitsgrad, insbesondere nach lokaler Strahlentherapie mit dem assoziierten erhöhten Komplikationsrisiko und der individuell erwartbare Vorteil der Resektion berücksichtigt werden, da Daten zum erkrankungsfreien und Gesamtüberleben fehlen.
9.3.2 Operative Therapie des extrathyreoidalen ATC ohne multiviszerale Infiltration
Zur lokalen Tumorkontrolle und Verbesserung der Überlebenschancen sowie -qualität bei Patienten mit extrathyroidalem ATC ohne multiviszerale Infiltration soll bei lokaler Resektabilität (R0 bis ggf. R1-Resektion) die vollständige Tumorentfernung angestrebt werden. Dies umfasst befundabhängig die Hemi- oder totale Thyreoidektomie, ggf. mit diagnostischer und/oder therapeutischer Lymphknotendissektion.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei ATC mit extrathyreoidaler Ausbreitung, aber ohne Zervikoviszeralinfiltration ist die erweiterte Resektion indiziert, wenn damit eine lokale Tumorkontrolle und Verbesserung der Überlebenschancen und/oder -qualität erreicht werden können [1197][258][1199]. Ausgewählte Patienten haben aber nach Chirurgie einer lokoregionären Erkrankung eine Verlängerung des rezidivfreien Überlebens und/oder des Gesamtüberlebens [1222][1197][1237].
9.3.3 Chirurgische Therapie extrathyreoidales ATC mit multiviszeraler Infiltration
Bei multiviszeraler Infiltration des ATC sollte eine Operation allgemein nicht erfolgen, kann aber im Einzelfall zum Tumordebulking und Verhinderung lokaler Komplikationen (z. B. Tracheakompression) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Liegt beim ATC mit extrathyreoidaler Ausbreitung eine Multiviszeralinfiltration vor und kann lediglich ein Tumordebulking (R2-Resektion) durchgeführt werden, sollte eine Operation nicht empfohlen werden. Sofern nicht-operative palliative Maßnahmen keine ausreichende symptomatische Verbesserung erbringen, kann individuell, z. B. zur Vermeidung von sekundären Komplikationen, z. B. zur Sicherung des Atemweges oder Ermöglichung einer Tracheostomaanlage eine Tumordebulkingoperation indiziert sein. Eine prophylaktischeTracheostomaanlage soll vermieden werden. [1089][1197][258].
9.3.4 Rezidiv-Operation
Die Komplettierungsoperation zur adäquaten bzw. vollständigen Primärtumorresektion eines ATC sollte angestrebt werden, wenn eine R0/R1-Resektion realisiert werden kann. Die Reoperation für ein ATC-Rezidiv sollte evaluiert werden, wenn Vorteile der lokalen Tumorkontrolle oder Prävention sekundärer Komplikationen bei Resektabilität unter Berücksichtigung der Gesamtsituation vorteilhaft beurteilt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Ergibt sich ein ATC bzw. Anteile eines ATC erst als postoperative Diagnose und es ist keine tumoradäquate Resektionsform oder radikale Primärtumorresektion erfolgt (subtotale Resektion, Hemithyreoidektomie mit R1/R2-Resektion) sollte die Möglichkeit der vollständigen Resektion sowohl des ATC-Anteils sowie möglicher Tumorkomponenten anderer Entitäten als Komplettierungsoperation geprüft werden, da die R0-Resektion die Gesamtprognose verbessert [1221][1238]. Dazu sollten ein Ganzkörperstaging und die lokoregionäre Tumorausdehnung vorliegen, die die Resektabilität und einen Vorteil für den Patienten zeigen.
Ein ATC-Rezidiv in der Region des Primärtumors sollte prinzipiell hinsichtlich der Option der Resektabilität wie in der Primärsituation evaluiert werden. Dabei sind die Risikofaktoren eines Rezidiveingriffs ebenso wie die Gesamterkrankung und -prognose zu berücksichtigen.
Die Erwägungen zur lokalen Progressionskontrolle und Vorbeugung sekundärer lokoregionärer Komplikationen durch Tumorwachstum gelten für die Komplettierungsoperation und Rezidivoperation beim ATC prinzipiell analog zum Primäreingriff, aber es müssen zusätzlich als einschränkend der erhöhte Schwierigkeitsgrad und Komplikationsrisiko berücksichtigt werden.
9.3.5 Strahlentherapie
Nach einer R2-Resektion oder bei irresektablem nicht metastasiertem ATC soll Patienten in gutem Allgemeinzustand, die eine radikale Vorgehensweise bevorzugen, eine normofraktionierte Strahlentherapie in Form der intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) mit simultaner Systemtherapie angeboten werden. Bei Patienten mit BRAF-Mutation kann alternativ die Behandlung mit BRAF/MEK-Inhibitoren erwogen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
9.3.6 Systemische Therapie
Eine multimodale Therapie bei Patienten mit metastasiertem/nicht resezierbaren ATC (Chemotherapie ergänzend zur und ggfs. anschließend an die Bestrahlung) sollte angeboten werden, wenn keine targetierbaren Mutationen vorhanden sind.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bisher wurde nur eine einzige Phase III-Studie beim ATC publiziert, die aber wegen Rekrutierungsschwierigkeiten vorzeitig beendet wurde [1239]. Dennoch zeigte sich in mehreren retrospektiven Kohortenstudien ein signifikant längeres Gesamtüberleben bei Patienten, die eine multimodale Behandlung erhielten. Bei allen retrospektiven Studien ist eine deutliche systematische Verzerrung in der Allokation einer Chemotherapie anzunehmen [1240][1229][1230]. Dennoch sollten Patienten, bei denen aufgrund des Allgemeinzustands eine Chemotherapie möglich ist, mit einer zytotoxischen Chemotherapie behandelt werden [1197]. Verlässliche Daten, welches das geeignetste Regime ist, gibt es bisher nicht. Es bietet sich jedoch an, im Hinblick auf eine frühzeitige und ausreichend hochdosierte Bestrahlung eine Chemotherapie zu wählen, die als Radiosensitizer vor bzw. während der Radiatio begonnen und nach dieser fortgesetzt werden kann. Ein typisches Regime, das international und auch in Deutschland angewendet wird, ist Carboplatin (AUC2) und Paclitaxel (50 mg/m2) als wöchentliche Chemotherapie parallel zur Radiatio, das nach Beendigung der Bestrahlung in der Dosis und im Therapieintervall angepasst wird: in drei-bis vierwöchentlichen Abständen Paclitaxel 135-175 mg/m2, Carboplatin AUC 5-6) [1241]. Dieses Schema kann auch dann angewandt werden, wenn auf eine Bestrahlung verzichtet wird. Aufgrund der geringen Rate des objektiven Ansprechens und der Toxizität wird Doxorubicin trotz bestehender Zulassung nicht empfohlen.
Ein Einschluss in eine passende Therapiestudie sollte bei Diagnose eines nicht resektablen/metastasierten ATC und im Verlauf soweit verfügbar angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Aufgrund der Seltenheit des ATC und des Mangels an evidenzbasierten Empfehlungen sowie der Entwicklung neuer, aktuell vor allem molekular zielgerichteter und immuntherapeutischer Therapiekonzepte sollten möglichst viele Patienten in Therapiestudien behandelt werden. Die Behandlung innerhalb einer Studie bietet neben dem Erkenntnisgewinn den Vorteil für den Patienten, dass er studienbedingt engmaschig überwacht wird und potentiell von einer neuen Therapie profitiert. Aus diesem Grund wird hier nochmals auf die frühzeitige Kontaktaufnahme mit einem in dieser Entität versierten Zentrum empfohlen.
Beim BRAF-mutierten ATC sollte eine Kombinationstherapie mit dem BRAF-Inhibitor Dabrafenib und dem MEK-Inhibitor Trametinib erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Nachweis eines ATC mit einer RET-Fusion kann eine Therapie mit dem RET-Inhibitor Selpercatinib erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Nachweis eines ATC mit einer NTRK-Fusion kann eine Therapie mit einem NTRK-Inhibitor (Larotrectinib oder Entrectinib) erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Auf Basis einer Phase 2-Studie bei BRAF-mutiertem ATC wurde in den USA für diese molekular definierte Gruppe die Kombination von Dabrafenib 150 mg zweimal täglich in Kombination mit Trametinib 2 mg täglich zugelassen. In der Studie war in 10 von 16 Patienten ein objektives Tumoransprechen (partielle Remission) beobachtet worden, nach einem medianen follow-up von 12 Monaten hatten von den 10 Patenten 8 weiterhin ein Ansprechen [1242]. In einer nur als Kongressbericht verfügbaren Aktualisierung wurden 28 Patienten eingeschlossen, das mediane progressionsfreie Überleben betrug 60 Wochen, das Gesamtüberleben 86 Wochen. Deshalb sollte bei Patienten mit BRAF-mutiertem ATC in gutem Allgemeinzustand (ECOG Performance Status ≤2), die in der Lage sind, die orale Medikation einzunehmen, eine Behandlung mit dieser in der EU (Stand 07/2021) nicht zugelassenen Therapie dringend im Rahmen eines individuellen Heilversuchs in Betracht gezogen werden. Die Kombinationstherapie ist derzeit für die Indikation nicht in der EU, wohl aber in den USA seit 2018 durch die FDA und seit 2022 durch den NHS England zugelassen.
Der selektive-RET Inhibitor Selpercatinib wurde in insgesamt 162 Schilddrüsenkarzinom Patienten mit einer RET-Mutation oder Fusion in einer Phase 1-2 Studie untersucht [1033]. Es wurden 2 ATC Patienten eingeschlossen. Ein ATC Patient wies eine stabile Erkrankung und der andere ATC Patient bot ein partielles Ansprechen. Die Ergebnisse dieser Studie war die Grundlage für die Zulassung für die Therapie des fortgeschrittenen medullären Schilddrüsenkarzinoms mit einer RET Mutation. In nicht-medullären Schilddrüsenkarzinomen mit einer RET-Fusion ist Selpercatinib jedoch erst als Zweitlinientherapie nach erfolgter Lenvatinib und/oder Sorafenib Therapie zugelassen. Weitere Daten zu Selpercatinib in der Therapie des ATC liegen in Form eines Fallberichts vor [1243].
Die NTRK-Inhibitoren Larotrectinib und Entrectinib sind von der EMA in der Therapie von Patienten mit Tumoren mit einer NTRK-Fusion zugelassen [1244]. Zur Therapie von ATC Patienten mit einer NTRK-Fusion liegen nur wenige Daten vor. Larotrectinib wurde in einer Studie mit 55 Patienten, darunter 5 Schilddrüsenkarzinompatienten, untersucht . Alle 5 Patienten sprachen auf die Therapie mit einer kompletten oder partiellen Remission an. Die Histologie dieser Patienten wurde nicht angegeben. In einem Bericht der Jahrestagung der European Society of Medical Oncology (ESMO) werden Ergebnisse einer Untersuchung der Wirksamkeit von Larotrectinib in 28 Schilddrüsenkarzinompatienten, darunter 7 ATC Patienten, zusammengefasst [1245]. Der primäre Endpunkt war die best overall response. Zwei der sieben ATC Patienten wiesen ein partielles Ansprechen, 1/7 eine stabile Erkrankung und 3 von 7 Patienten eine progrediente Erkrankung auf.
Auch für bestimmte andere molekularpathologische Befunde stehen zielgerichtete Therapeutika als potentielle Optionen zur Verfügung: so liegen vielversprechende Fallberichte zum ALK Inhibitor Crizotinib [1213], zum mTOR Inhibitor Everolimus [1215]. Diese Therapiemöglichkeiten können im Rahmen von individuellen Heilversuchen und optimalerweise durch Einschluss in entsprechende Studien ausgeschöpft werden.
In der Systemtherapie des radioiodrefraktären differenzierten Schilddrüsenkarzinoms sind die Tyrosin-Kinase Inhibitoren Lenvatinib und Sorafenib zugelassen. Diese wurden ähnlich wie andere Tyrosin-Kinase Inhibitoren in kleineren Studien auch beim ATC eingesetzt [1241], [1246]. Lenvatinib zeigte in einer Phase 2 Studie in Japan mit 17 Patienten eine Rate des objektiven Tumoransprechens von 24 % mit einem progressionsfreien Überleben von 7,4 Monaten und einem medianen Gesamtüberleben von 10,6 Monaten [1247]. Dies führte in Japan zur Zulassung von Lenvatinib für die Therapie des ATC, bisher jedoch nicht in Europa oder in den USA. In einer bisher nicht in einer Fachzeitschrift publizierten internationalen Phase 2-Studie der International Thyroid Oncology Group mit 33 Patienten konnte nur in einem Fall eine bestätigte partielle Remission mit Lenvatinib beobachtet werden (NCT02657369). Eine aktuelle multizentrische open-label Phase II Studie hat die Wirksamkeit einer Lenvatinib Monotherapie in 34 Patienten untersucht. Die best overall response zeigte ein partielles Ansprechen in 1/34 Patienten, eine stabile Erkrankung in 17/34 Patienten und eine progrediente Erkrankung in 9/34 Patienten [1248].
Die Rolle der Immuntherapie beim ATC ist nicht abschließend untersucht. Aktuell werden verschiedene Kombinationstherapien, zum Beispiel von Tyrosinkinaseinhibitoren mit Immuncheckpointinhibitoren untersucht [1249][1250]. In einer deutschen retrospektiven Studie sind insgesamt 8 Patienten mit metastasierter Erkrankung, davon 6 mit einem ATC und 2 mit einem PDTC, mit einer Kombination von Lenvatinib und dem PD-L1 Inhibitor Pembrolizumab behandelt worden [1053]. Alle Patienten waren vorbehandelt mit Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie oder Radioiodtherapie. In der ersten bildgebenden Verlaufskontrolle 3-4 Monate nach Therapieeinleitung, zeigten sich bei 4 der 6 eingeschlossenen ATC Patienten eine komplette Remission, bei 1 Patient eine stabile Erkrankung und 1 Patient hatte eine progrediente Erkrankung. Das Gesamtüberleben betrug bei den 4 ATC Patienten mit einer initialen kompletten Remission 11, 19, 26 und 40 Monate.
9.3.7 Therapie bei besonderen Fragestellungen
Die Indikation zu einer operativen und/oder lokal ablativen Therapie im metastasierten Stadium IVC gegenüber der Einleitung einer systemischen Therapie sollte unter Berücksichtigung der meist palliativen Situation individuell und in einem interdisziplinären Konsens gestellt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Das ATC im metastasierten Stadium geht mit einer ungünstigen Prognose einher. In Autopsiestudien und retrospektiven Kohortenstudien wird eine Fernmetastasierung bei rund 75 % der Patienten angegeben und bei rund 80 % sind mehr als ein Organsystem betroffen [1204][1251][1252][1253]. Das 1-Jahresüberleben im Stadium IVC liegt bei ca. 8 % [1203]. Im seltenen Fall der oligometastasierten Erkrankung sind die Effekte einer lokal-ablativen und/oder operativen Therapie nicht untersucht.
9.3.7.1 Lungenmetastasen
Die Therapie bei einer disseminierten Lungenmetastasierung soll systemisch erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Lunge ist bei metastasierten ATC-Patienten das am häufigsten betroffene Organsystem mit einer Häufigkeit von 70-80 % [1252][1253]. Der Großteil der Patienten weist multiple Lungenmetastasen auf sowie mindestens ein weiteres betroffenes Organsystem [1251], sodass eine systemische Therapie gegenüber einer lokal-ablativen Therapie bevorzugt werden soll. Für die systemische Therapie von Lungenmetastasen verweisen wir auf Punkt 8.3.6.
9.3.7.2 Knochenmetastasen
Bei einer symptomatischen Knochenmetastasierung sollte eine lokal-ablative und/oder operative Therapie angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine stabile Wirbelkörpermetastase ohne Myelonkompression kann konservativ behandelt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Vorliegen von Knochenmetastasen sollte eine antiresorptive Therapie mit Bisphosphonaten oder RANK-Ligand-Antikörpern erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Knochenmetastasen treten bei 5 % der ATC-Patienten auf, meist in Kombination mit mindestens einem zusätzlich betroffenen Organsystem [1252]. Die Therapie von Knochenmetastasen ist bei ATC Patienten nur in kleinen Fallserien untersucht. In einer Serie von 14 Schilddrüsenkarzinompatienten mit einer Myelonkompression hatten 4 ein histologisch gesichertes ATC [1254]. Die Patienten wurden bestrahlt ohne primär chirurgischen Eingriff. Es zeigte sich eine Ansprechrate von 79 % für alle Schilddrüsenkarzinompatienten. In einer retrospektiven Studie wurden insgesamt 79 Schilddrüsenkarzinompatienten mit Knochenmetastasen untersucht, darunter 10 Patienten mit histologisch gesichertem ATC [1255]. Sechs der 10 Patienten verstarben im ersten Jahr nach Diagnose der Knochenmetastasen.
Das Ziel der spezifischen Behandlung von Knochenmetastasen ist die Vermeidung von skelettalen Komplikationen wie pathologischen Frakturen, spinalem Kompressionssyndrom, Knochenschmerzen und Hyperkalzämien. Die Therapieoptionen sind die medikamentöse Schmerztherapie, die lokale Bestrahlung, die operative Intervention und eine systemische Tumortherapie.
Die Bisphosphonattherapie oder Therapie mit RANKL-Inhibitoren zur Osteoprotektion ist bei ATC Patienten nicht untersucht. Im Einzelfall kann analog zu anderen aggressiven Tumorerkrankungen eine osteoprotektive Therapie mit Bisphosphonaten diskutiert werden. Dazu verweisen wir auf die interdisziplinäre Querschnittsleitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen Patienten“.
9.3.7.3 Hirnmetastasen
Die Therapie von Hirnmetastasen sollte angesichts der infausten Prognose individuell im interdisziplinären Konsens festgelegt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hirnmetastasen sind bei ATC-Patienten mit einer Häufigkeit von 1-5 % selten, jedoch mit einer besonders ungünstigen Prognose vergesellschaftet [1206]. Daten zur Therapie liegen lediglich in Form von retrospektiven Kohortenstudien mit kleinen Fallzahlen vor. Salvati et al [1207] haben 12 Schilddrüsenkarzinompatienten, darunter 5 mit einem ATC, mit einer singulären Hirnmetastase retrospektiv untersucht. Bei 4 der 5 Patienten war mehr als ein Organsystem betroffen. Die Zeit zwischen Diagnose der Primärerkrankung und der Hirnmetastasierung betrug zwischen 7 und 13 Monate. Die Therapie bestand bei allen Patienten aus der Resektion der Metastase mit anschließender Ganzhirnbestrahlung. Das Gesamtüberleben lag bei 8,8 Monaten ab ATC Diagnose.
Eine weitere Studie schloss insgesamt 47 Schilddrüsenkarzinompatienten mit Hirnmetastasen ein, darunter 11 ATC-Patienten [1206]. Die Läsionen waren bei den ATC-Patienten in 80 % multifokal und bei 80 % der Patienten war mehr als ein Organsystem betroffen. Das Überleben nach Diagnose der Hirnmetastasen lag bei den ATC-Patienten bei 1,3 Monaten und war somit signifikant kürzer als das der Patienten mit einem differenzierten Schilddrüsenkarzinom mit 12,4 Monaten.
Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Daten sind aufgrund des retrospektiven Studiendesigns und der kleinen Patientenzahl nicht valide möglich. Die Prognose nach Diagnose einer Hirnmetastase ist sehr ungünstig, d.h. dass die Indikation im Rahmen eines interdisziplinären Konsenses erfolgen sollte. Therapieoptionen sind die Resektion, Bestrahlung und/oder eine systemische Therapie.
9.3.7.4 Metastasenchirurgie
Eine Metastasenresektion kann lokalisationsabhängig symptomatisch oder komplikationsvorbeugend ggf. komplementär zu weiteren Maßnahmen individuell angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Fernmetastasierung beim ATC in ein oder mehrere Organsysteme bzw. Lokalisationen erfordert einen systemischen Therapieansatz, der sich an der Therapie für die jeweilige Lokalisation ausrichtet. Eine Rolle für die Chirurgie ergibt sich jeweils in Abhängigkeit der Lokalisation und vorliegenden bzw. drohenden Symptomatik oder Komplikation, die mit anderen therapeutischen Alternativen nicht erreicht wird oder komplementär hierzu. Dies ergibt sich am ehesten bei Knochenmetastasen, zervikalen, mediastinalen, Haut- und viszeralen Metastasen.
9.3.7.5 Weitere Metastasierung
In Autopsiestudien wurden bei Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom Metastasen in einer Vielzahl von Organen gefunden [1251][1253]. Neben Metastasen in Lunge, Knochen und Hirn wurden bei ATC Patienten in 20-30 % auch Läsionen in der Leber, in 21-24 % in der Nebenniere, in 18 % kardial, in 7 % im Magen und in 6,7 % in der Bauchspeicheldrüse gefunden. In 80 % der Patienten war mehr als ein Organsystem betroffen. Welche Metastasen bereits vor dem Tod bekannt waren und inwieweit diese relevant für den klinischen Verlauf waren, ist nicht klar. Jedoch zeigen die Studien, dass Metastasen in beinahe allen Organsysteme auftreten können.
Nach der Lunge ist die Leber ein häufig betroffenes Organsystem. Meist treten die Metastasen jedoch multifokal auf, sodass eine operative oder lokal-ablative Therapie nicht möglich ist. Dann sollte eine systemische Therapie, wie in Punkt 8.3.4 ausgeführt, als Option bedacht werden.
9.4 Nachsorge des anaplastischen Schilddrüsenkarzinoms
9.4.1 Anforderungen an die Response-Bewertung
Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom sollten nach initialem Staging und erfolgter Therapie und ohne Nachweis struktureller Tumorerkrankung bei weiterem Therapiewunsch eine Schnittbildgebung von Schädel, Hals, Thorax, Abdomen und Becken erhalten. Die empfohlenen Intervalle sind 1 – 3 Monate innerhalb des ersten Jahres, dann alle 3 – 4 Monate innerhalb des darauffolgenden Jahres und später alle 6 Monate für weitere 2 - 3 Jahre. Geeignete Modalitäten sind neben dem für das Ganzkörper-Staging besonders geeigneten [¹⁸F]FDG- PET/CT, das CT mit KM und das MRT.
- Konsens
- Starker Konsens (96%)
Bei Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom sollte in der Nachsorge eine Bildgebung mit [¹⁸F]FDG‑PET/CT durchgeführt werden. Sie dient der Detektion von kleinen Metastasen, die eine Therapieänderung zur Folge haben können. Außerdem kann die [¹⁸F]FDG‑PET/CT bei persistierender struktureller Erkrankung eine Responsebewertung zur Entscheidung über eine Therapieänderung ermöglichen.
- Konsens
- Starker Konsens (95,7%)
Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom sollten nach initialem Staging und erfolgter Therapie und mit Nachweis persistierender struktureller Tumorerkrankung bei weiterem Therapiewunsch eine Schnittbildgebung von Schädel, Hals, Thorax, Abdomen und Becken oder anderen betroffenen Organen/Regionen erhalten. Hierbei orientiert sich die Wahl der Modalität (CT mit KM, MRT, [¹⁸F]FDG-PET/CT) an dem individuellen Befund und den Notwendigkeiten einer Therapiekontrolle oder Therapieplanung. Die Intervalle sollten 1 – 3 Monate betragen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Trotz aller therapeutischen Bemühungen erleidet die Mehrzahl der Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom (ATC) innerhalb kurzer Zeit, innerhalb von Monaten, eine Tumorprogression und verstirbt am Tumor. Ca. ein Drittel der Patienten hat zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bereits Fernmetastasen, ein weiteres Drittel entwickelt im Verlauf der Erkrankung Fernmetastasen. Entsprechend bedeutsam ist die supportive Therapie (siehe Kapitel 11). Ca. ein Drittel der Patienten verstirbt mit lokoregionärer Erkrankung, ein Viertel mit Fernmetastasen und mehr als 40 % mit beidem. Die Fernmetastasierung betrifft vor allem die Lunge (80 % – 85 %), den Knochen (5 % - 10 %) und das Gehirn (5 % - 10 %). Fehlende lokoregionäre Tumorkontrolle findet sich bereits frühzeitig innerhalb von 3 Monaten bei 20 % bis 40 % der Patienten [1256][1257][1258][1259][1260][1261][1222][1262][1263][1264][520][1265][1266][1225][1220][1267]. In dieser Gesamtsituation bietet sich die Schnittbildgebung als geeignetes Verfahren zur Nachsorge sowohl der lokoregionären als auch distanten Tumorkontrolle an. Der Beginn und die Intervalle der Diagnostik sind abhängig vom initialen Tumorstadium, dem Ansprechen auf die Therapie und dem Abstand zur Erstdiagnose.
Nach initialer erfolgreicher Therapie ohne Nachweis von Tumorresiduen sollte eine Schnittbildgebung mittels CT oder MRT von Gehirn, Hals (ggfls. plus Ultraschall), Thorax, Abdomen und Becken in einem Abstand von 1 – 3 Monaten für die ersten 6 bis 12 Monate erfolgen. Danach für das folgende Jahr in Abständen von 4 - 6 Monaten. Zusätzliche Untersuchungen können bei besonderen Fragestellungen erforderlich sein. Im Falle einer Ablehnung weiterer therapeutischer Maßnahmen durch den Patienten können bildgebende Verfahren in enger Absprache mit dem Patienten symptomorientiert angewendet werden [1197].
Bei Tumorfreiheit nach 2 Jahren können die Intervalle für weitere 2 bis 3 Jahre auf 6 Monate verlängert werden. Im Fall der Tumorpersistenz oder des Rezidivs sollte die Schnittbildgebung der klinischen Situation angepasst durchgeführt werden.
Zur anatomischen Responsebewertung mittels Schnittbildgebung eignen sich CT, MRT und für den Hals ggfls. auch der Ultraschall. Für die Verlaufskontrollen sollen entsprechend der organspezifischen Anforderungen und der Verfügbarkeit dieselben Verfahren angewendet werden. Es kann Bezug genommen werden auf die Ausführungen im Kapitel 9.1.4 zur morphologischen Schnittbilddiagnostik. Die RECIST Response-Bewertung benötigt ein vollwertiges CT, das auch im Rahmen einer PET/CT Untersuchung akquiriert werden kann. Im Rahmen von Studienprotokollen können auch andere/zusätzliche Modalitäten für die Responsebeurteilung gefordert sein (z. B. PET basierte Kriterien, siehe unten).
Das [¹⁸F]FDG-PET/CT ist ein zusätzliches gut geeignetes Verfahren zur Tumornachsorge. Bei persistierender Tumorlast bietet die (Ganzkörper) [¹⁸F]FDG-PET/CT die höchste diagnostische Genauigkeit [1197]. Insbesondere kann bei diskordanter Bildgebung die im [¹⁸F]FDG-PET gemessene Stoffwechselaktivität informativer sein als die alleinige Beurteilung der Tumorgröße im CT [1201][1202][1268][1269]. Es ist darüber hinaus auch eine Bewertung des Therapieansprechens bei systemischer und Strahlentherapie möglich [1201][1268][1269].
9.4.2 Terminologie des Therapieansprechens
Die Bewertung des Therapieansprechens bei Patienten mit anaplastischem Schilddrüsenkarzinom sollte sich an den RECIST 1.1 Kriterien für die Therapie solider Tumoren orientieren.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Es gibt keine Studien zur Bewertung von Kriterien des Therapieansprechens speziell beim anaplastischen Schilddrüsenkarzinom. Aktuelle Studien zur systemischen Therapie beim anaplastischen Schilddrüsenkarzinom verwenden die RECIST Kriterien [549], [1270][1249].
Tumormarker zur Responseevaluation existieren beim anaplastischen Schilddrüsenkarzinom nicht.
Eine negative [¹⁸F]FDG-PET mit neuer im CT bestätigter Läsion im Verlauf wird als Progress bewertet, wenn die neuaufgetretene Läsion an neuer Stelle nachgewiesen ist.
PET basierte Kriterien (PERCIST) [1271] zur Bewertung des Therapieansprechens sind für viele solide Tumoren validiert und zeichnen sich im Vergleich zu RECIST durch eine höhere Sensitivität und diagnostische Genauigkeit aus. Einzelbeobachtungen legen nahe, dass dies auch für das anaplastische Schilddrüsenkarzinom gilt auch wenn keine systematischen Studien zu dieser Entität vorliegen (Giannetta E et al 2017). Im Verlauf neu detektierte Läsionen ohne [¹⁸F]FDG-Aufnahme werden hierbei entsprechend den RECIST 1.1 Kriterien beurteilt.
9.4.3 TSH-Einstellung
Die Schilddrüsenstoffwechsellage sollte beim ATC Patienten euthyreot sein mit einem Ziel-TSH im Referenzbereich.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Das anaplastische Schilddrüsenkarzinom ist ein undifferenziertes Karzinom, welches sich u.a. durch den Verlust der Expression des Natrium-Iodid-Symporters an der basolateralen Membran auszeichnet [1272]. Ein Wachstumsreiz durch das hypophysäre TSH ist nicht nachgewiesen und wäre unplausibel, sodass keine wachstumsinhibierende Wirkung durch eine exogene TSH-Suppression zu erwarten ist.
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