12. Rehabilitation – Schilddrüsenkarzinom
Alle Patienten mit Schilddrüsenkarzinom sollen über eine Rehabilitation insbesondere in Form einer Anschlussheilbehandlung (AHB) informiert und beraten und in deren Beantragung unterstützt werden. Bei der Auswahl der Einrichtung ist das Wunsch- und Wahlrecht zu berücksichtigen.
- Konsens
- Starker Konsens (96%)
Die onkologische Rehabilitation von Schilddrüsenkrebspatienten soll in Einrichtungen erfolgen, die ein auf die indikationsspezifischen Bedürfnisse abzielendes Konzept vorweisen können.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Patienten haben nach jeder Operation, Radioiodtherapie oder Radiatio wegen der Schilddrüsenkrebserkrankung einen gesetzlichen Anspruch auf eine Anschlussheilbehandlung.
Die gesetzlichen Rentenversicherungen hierbei die Leistungsträger mit der häufigsten Zuständigkeit. Nach der deutschen Sozialgesetzgebung erhalten behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen Rehabilitationsleistungen, um ihre Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu fördern, Benachteiligungen zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken. Die Leistungen werden durch den zuständigen Rehabilitationsträger nach dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGB) und nach den für den jeweiligen Rehabilitationsträger geltenden Leistungsgesetzen (beispielweise SGB V im Falle der GKV oder SGB VI im Falle der DRV) erbracht [1299][1300][1301].
Neben der Anschlussheilbehandlung gibt es zu allen Zeitpunkten der Erkrankung die Möglichkeit, ein Heilverfahren bei den Kostenträgern zu beantragen. Voraussetzung zur Genehmigung sind dann ein begründeter „Reha-Bedarf“ sowie eine positive „Reha-Prognose“.
Ziel der Onkologische Rehabilitation sind die Wiedererlangung eines körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens sowie die Rückkehr in die alltägliche familiäre, soziale und berufliche Normalität. Weitere Ziele sind der Erhalt der Erwerbsfähigkeit und die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit.
Die Folgen der Schilddrüsenkrebserkrankung und –therapie treten zum Teil unmittelbar nach der Therapie auf, zum Beispiel lokale Folgestörungen aufgrund der Operation oder der Radioiodtherapie, Beschwerden durch die zervikale Narbe, Schluckbeschwerden, Einschränkungen der Halsbeweglichkeit oder Mundtrockenheit, Schluckstörungen, Heiserkeit bzw. Funktionsstörungen durch eine Rekurrensparese, Dyspnoe, ein Lymphödem oder Störungen des Calciumstoffwechsels infolge eines postoperativen Hypoparathyreoidismus [1302].
Andere Folgestörungen werden häufig erst zu späteren Zeitpunkten wahrgenommen, wie zum Beispiel chronisches tumorassoziiertes Fatigue-Syndrom, Probleme der Schilddrüsenhormoneinstellung, Angst und Depression.
Wenn ein AHB-Anspruch vorliegt, sollen die Patienten von den behandelnden Zentren über den Anspruch, Inhalte und Nutzen einer AHB-Maßnahme mit Hinweis auf das Wunsch- und Wahlrecht einer entsprechenden Einrichtung informiert und beraten werden.
Die Onkologische Rehabilitation von Schilddrüsenkrebspatienten soll in dafür geeigneten Einrichtungen erfolgen. Voraussetzung sind das Vorliegen eines auf die spezifischen Bedürfnisse abzielenden indikationsspezifischen Konzeptes sowie eine entsprechende Zulassung bei der Deutschen Rentenversicherung (Indikationsgruppe 11l, Onkologische Krankheiten/Schilddrüse). In diesen Einrichtungen werden multimodale Rehabilitationsbehandlungen durchgeführt, die verschiedene Grundelemente beinhalten: Bewegung, Ernährung, Psyche, Informationen zu Erkrankung und Gesundheit, Sozialberatung und sozialmedizinische Beurteilung (beruflich) beinhalten.
Spezifische Beratungsinhalte sind: Biologie, Diagnostik und Therapien der verschiedenen Schilddrüsenkrebserkrankungen, neue Therapiemöglichkeiten bei fortgeschrittenem Schilddrüsenkrebs, wichtige Laborwerte bei Schilddrüsenkrebserkrankungen, Funktion von Schilddrüse und Nebenschilddrüsen, Zeichen der Schilddrüsenunter- und Schilddrüsenüberfunktion, Schulung zur Schilddrüsenhormonsubstitution (zeitliche Einnahme von Schilddrüsenhormonen, TSH-Zielbereiche, Fehlermöglichkeiten bzw. Einflussfaktoren auf das Ergebnis von Laborbestimmungen, insbesondere des Tg-Wertes), Umgang mit Hypoparathyreoidismus und Calciumsubstitution, Tumornachsorge, sichere Informationsquellen, Schilddrüsen-Selbsthilfe und Selbsthilfeorganisation.
Oft unterschätzte Gründe für eine Onkologische Rehabilitationsmaßnahme sind Fatigue, Angst und Depression:
Die cancer-related fatigue ist eine häufige Belastung von Schilddrüsenkrebspatienten. Yukari Maki et al zeigten eine Prävalenz von 41,8 % bei Langzeitüberlebenden ohne Hinweis auf persistierende oder rekurrierende Erkrankung. Die Diagnostik dazu ist in der S3-Leitlinie Fatigue beschrieben [1303], bei den Schilddrüsenkrebspatienten gilt ein besonderes Augenmerk den Laborparametern für die Schilddrüsen-Hormonsubstitution sowie den Calcium-Phosphat-Haushalt. Die in der Leitlinie positiv konnotierten Therapieformen (Bewegungstraining, kognitive Verhaltenstherapie und psychologische Intervention) sind Teil des therapeutischen Angebotes der onkologischen Rehabilitation (5).
Schilddrüsenkrebspatienten weisen im Vergleich zu Patienten mit anderen Krebserkrankungen (Non-Hodgkin-Lymphom, Brustkrebs, Prostatakrebs, Darmkrebs, Gebärmutterkrebs, Prostatakrebs) schlechtere Werte für Depression und Angst auf [1304]. Es gibt Hinweise auf eine Korrelation mit der Intensität der TSH-suppressiven Schilddrüsenhormonsubstitution [1305][1306]. Verschiedene Therapieelemente der Onkologischen Rehabilitation sind geeignet, positive Effekte bei Patienten mit Angst und Depression zu erzielen.
Viele innerhalb der onkologischen Rehabilitation erbrachten Therapien sind evidenzbasiert. Aus methodischen Gründen liegen die meisten Studien für Brustkrebs, Prostatakrebs und Darmkrebs vor. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Schilddrüsenkarzinompatienten erscheint plausibel.
Literaturhinweise
[1299] Sozialgesetzbuch (SGB V), Gesetzliche Krankenversicherung, Stand: Zuletzt geändert durch Art. 1b G v. 20.12.2022, 2022. 279:
[1300] Sozialgesetzbuch (SGB VI), Gesetzliche Rentenversicherung, Stand: Zuletzt geändert durch Art. 13 G v. 2.3.2023, 2023. 56:
[1301] Sozialgesetzbuch (SGB IX), Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, Stand: Zuletzt geändert durch Art. 4 G v. 20.12.2022, 2022. 2560:
[1302] König, V.;, Rehabilitation und sozialmedizinische Leistungsbeurteilung beim SchilddrüsenkarzinomGMS Onkol Rehabil Sozialmed, 2016., https://dx.doi.org/10.3205/ors000030
[1303] S3-Leitlinie MüdigkeitDeutsche Gesellschaft fur Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), AWMF-Register Nr. 053-002, 2022.
[1304] Goswami, S, Mongelli, M, Peipert, BJ, Helenowski, I, Yount, SE, Sturgeon, C, Benchmarking health-related quality of life in thyroid cancer versus other cancers and United States normative data., Surgery, 2018. 164 (5)(5): p. 986-992., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30149935/
[1305] Altuntaş, SÇ, Hocaoğlu, Ç, Effects of Chronic Suppression or Oversuppression of Thyroid-Stimulating Hormone on Psychological Symptoms and Sleep Quality in Patients with Differentiated Thyroid Cancer., Horm Metab Res, 2021. 53 (10)(10): p. 683-691., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34607367/
[1306] Gülsoy Kirnap, N, Turhan Iyidir, Ö, Bozkuş, Y, Işildak, ŞM, Anil, C, Firat, SN, et.al. The effect of iatrogenic subclinical hyperthyroidism on anxiety, depression and quality of life in differentiated thyroid carcinoma., Turk J Med Sci, 2020. 50 (4)(4): p. 870-876., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32490648/