16. Nachsorge – Zervixkarzinom
Wesentliche Neuerungen im Kapitel Nachsorge
Das Kapitel wurde redaktionell komplett überarbeitet und neue Literatur zur Thematik ergänzt. Neue Empfehlungen oder Statements wurden nicht generiert.
M.Henes, P. Hillemanns, F.A. Stübs, V. Küppers, M.W. Beckmann
Die Nachsorge zum Zervixkarzinom beginnt mit der abgeschlossenen Primärbehandlung. Sie besteht aus Anamnese, körperlicher Untersuchung, ärztlicher Beratung, Betreuung und Begleitung. Außerdem sollte eine Aufklärung der Patientin über die potentielle Symptome und Anzeichen eines Rezidivs erfolgen [90]. Bei auffälligem Befund in der Nachsorge sowie bei klinischem Verdacht ist die bildgebende Diagnostik symptomorientiert zu konzipieren zur Erkennung eines lokoregionären oder distanten Rezidivs [645][646][647][648][649][650][651].
Elit et al. zeigten in einer systematischen Literaturübersicht bezüglich der Nachsorgestrategien beim Zervixkarzinom mit 17 eingeschlossenen retrospektiven Studien, dass ein Nachsorgeintervall von 3-4 Monaten für die ersten 2-3 Jahre gefolgt von einem 6-monatlichen Intervall für weitere 2 Jahre als internationaler Standard angesehen werden kann [652] Ab dann erfolgten jährliche Kontrollen. Die mittleren Intervalle bis zum Rezidiv betrugen 7-36 Monate nach Abschluss der Primärtherapie. Die Rezidivraten betrugen 8-26 %, davon 14-57 % mit lokalem Beckenrezidiv und 15-61 % mit Fernmetastasen. Von den 8-26 % Patientinnen, die ein Rezidiv erlitten, kam es meistens (89-99 %) innerhalb von 5 Jahren zum Rezidiv. Das mittlere Überleben nach Rezidiverkrankung betrug 7-17 Monate [652].
Asymptomatische Rezidive wurden in 29-71 % der Fälle mit der klinischen bimanuellen Untersuchung, in 20-47 % der Fälle mittels Röntgenthorax, in 0-34 % mittels CT und in 0-17 % der Fälle mittels Zytologie detektiert [652].
Eine Studie von 2017 mit 358 Patientinnen, von denen 64 (17,8 %) ein Rezidiv erlitten, zeigte das 34 (53,1 %) symptomatisch waren und 30 (46,9 %) asymptomatisch. Bei den meisten Patientinnen wurde das Rezidiv durch die gynäkologische Untersuchung entdeckt, sowohl bei den symptomatischen Patientinnen (50 %) als auch bei den asymptomatischen (66,7 %; p = 0,27). Die zytologische Untersuchung konnte in beiden Gruppen je nur ein Rezidiv entdecken. Dies entspricht 2,9 % bei den symptomatischen Patientinnen und 3,3 % bei den asymptomatischen (p = 0,99). Bildgebende Verfahren konnten 10 Rezidive (29,4 %) bei den symptomatischen Patientinnen und 8 Rezidive bei den asymptomatischen bestätigen (p = 0,77). Es zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen oder zwischen den verschiedenen Methoden zur Detektierung eines Rezidivs, Auch nach Adjustierung an potentielle Confounder wie Alter oder Art der Primärbehandlung konnte keine Assoziation detektiert werden [653]. Die Autoren schlossen daraus, dass die gynäkologische Untersuchung die meisten Rezidive sowohl bei symptomatischen als auch bei asymptomatischen Patientinnen detektieren konnte und alle anderen Untersuchung effizient Rezidive nachweisen konnten. Aus Ihrer Sicht sind daher gerade für Nachsorge prospektive Studien nötig, die die Follow-Up-Intervalle und Follow-Up-Untersuchungen in Bezug auf Überlebensverbesserung, Lebensqualität und Kosten analysieren.
Eine weitere Studie mit 1523 Patientinnen zeigte, dass die 5-Jahres-Rezidivrate bei 6,4 % lag, davon hatten 67,5 % der Frauen ein symptomatisches Rezidiv und 28,8 % ein asymptomatisches. Auch hier postulierten die Autoren, dass weitere prospektive Studien notwendig sind [654].
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 konnte zudem zeigen, dass eine Patientennavigation zu höheren Teilnahmeraten an der Nachsorge (RR 1,63; 95 % KI 0,86–2,65; I2 = 69,0 %; 2 Studien; n = 401 Teilnehmerinnen) führten. Die prognostizierten absoluten 1-Jahres-Raten nach Patientennavigation waren zudem beim Gebärmutterhalskrebs-Screening um 15,6 % höher als bei den Vergleichsgruppen [655].
Die Patientin benötigt im Rahmen der Nachsorge eine intensive interdisziplinäre und interprofessionelle Betreuung und Begleitung. Dabei sind nach Bedarf onkologisch versierte Fachärzte (wie zum Beispiel Gynäkologen oder Strahlentherapeuten) und auch andere Berufsgruppen, zum Beispiel Psychoonkologen, Physiotherapeuten, onkologische Fachkrankenpfleger mit einzubeziehen. Der Patientin sind, je nach individuellem Bedarf, Informationen über die Möglichkeiten der weiteren Behandlung und Betreuung zu vermitteln [656][59].
Im Gespräch in der Nachsorge sollten nachfolgende Punkte angesprochen werden:
- vorübergehende und langfristige Auswirkungen von Erkrankung und Therapie,
- Hilfsangebote (Selbsthilfegruppen, psychosoziale Krebsberatungsstellen),
- Psychoonkologische / psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten,
- Sexualität und Partnerschaft,
- Lebensqualität.
- Aufklärung der Patientin über potentielle Symptome und Anzeichen eines Rezidivs
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Im Gespräch in der Nachsorge sollten nachfolgende Punkte angesprochen werden: vorübergehende und langfristige Auswirkungen von Erkrankung und Therapie, Hilfsangebote (Selbsthilfegruppen, psychosoziale Krebsberatungsstellen), Psychoonkologische / psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten, Sexualität und Partnerschaft, Lebensqualität.Dieses Kapitel versteht sich als Konsenskapitel zur bestmöglichen Beratung, Betreuung und Begleitung. Den Autoren und der Leitliniengruppe ist bewusst, dass die Evidenzlage zum Nutzen der Nachsorge sehr gering ist und äußerst kritisch zu sehen ist. In der Cochrane Analyse von 2013 zur Nachsorge beim Zervixkarzinom konnte kein RCT zum Einschluss identifiziert werden. Ziel war es den potenziellen Nutzen, die potenziellen Beeinträchtigungen und die die Kosten der Nachsorge sowie das bestmögliche Nachsorgeprotokoll zu evaluieren. Die Autoren schlossen, dass keine neue Evidenz verfügbar ist [657].
Vor allem die Bildgebung sollte mit Bedacht eingesetzt werden, da ein früheres Erkennen des Rezidivs nach derzeitiger Datenlage nicht mit einer Verbesserung des Überlebens wohl aber mit einer Verschlechterung der Lebensqualität einhergeht[59]. Auch die zytologische Diagnostik [658] hat nur eine sehr eingeschränkte Aussagekraft.
Die Nachsorge dient zusätzlich der Qualitätssicherung der Primärtherapie. Gesundheitspolitisch zu beachten ist hier auch, dass die 5-Jahres-Prävalenz der Patientinnen mit Zervixkarzinom bei ca. 17.400 Frauen liegt (entspricht der Anzahl, der Patientinnen in der Nachsorge). Im Vergleich hierzu betrugt die 5-Jahres-Prävalenz der Patientinnen mit Mammakarzinom 315.000 RKI.
Die ESGO/ESTRO/ESP Guidelines for the management of patients with cervical cancer - Update 2023, empfiehlt dass die Nachsorge in einem Zentrum zentralisiert und koordiniert werden sollte, das auf die Behandlung und Nachsorge von Patientinnen mit gynäkologischem Krebsarten spezialisiert ist. Die Nachsorge dient der der Erkennung von Rezidiven und dem Screening auf weitere Primärtumore. Sie empfiehlt regelmäßige und systematische Überwachung von Nebenwirkungen und Lebensqualität. Ausserdem sollten die Patientinnen über die Symptome und Anzeichen eines möglichen Rezidives aufgeklärt werden. Geeignete bildgebende Verfahren (MRT, Ultraschall zur Beurteilung des Beckens, CT oder PET-CT zur systemischen Beurteilung) sollten bei symptomatischen Frauen eingesetzt werden. Bei Verdacht auf eine Tumorpersistenz, ein Rezidiv oder ein Zweitkarzinom wird eine histologische Verifizierung dringend empfohlen. Eine Zytologie des Vaginalgewölbes wird nicht empfohlen. Als sinnhaftes Nachsorgeintervall wird ein Follow-Up alle 3-6 Monate in den ersten beiden Jahren und alle 6-12 Monate im Jahr 3 bis 5 empfohlen. Danach sollte eine Rückkehr in die jährliche Vorsorgeuntersuchung mit gynäkologischer Untersuchung möglich sein Nach einer fertilitätserhaltenden Behandlung sollte die Nachsorge HPV-Tests umfassen (nach 6-12 und 24 Monaten)[90].
16.1 Nachsorge ohne Rezidivverdacht
Das folgende Nachsorgeschema wurde für die ersten fünf Jahre nach Diagnosestellung und Therapie sowohl für Patientinnen nach organerhaltender Therapie (unabhängig vom Tumorstadium) als auch für hysterektomierte Patientinnen von der Leitliniengruppe erarbeitet.
Obligate Untersuchungen sollten alle 3 Monate für 3 Jahre, dann alle 6 Monate für weitere 2 Jahre durchgeführt werden. Hierzu gehören Anamnese, rektovaginale Untersuchung und Spekulumeinstellung.
Nach einer fertilitätserhaltenden Behandlung sollte die Nachsorge HPV-Tests umfassen.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Obligate Untersuchungen sollten alle 3 Monate für 3 Jahre, dann alle 6 Monate für weitere 2 Jahre durchgeführt werden. Hierzu gehören Anamnese, Rektovaginale Untersuchung, Spekulumeinstellung und Zytologie.Fakultative Untersuchungen können bei klinisch unauffälligem Befund (asymptomatischer Patientin) durchgeführt werden. Hierzu gehören Kolposkopie, HPV-Testung (Ausnahme nach Organerhalt), Vaginalsonographie des kleinen Beckens und Sonographie des harnableitenden Systems.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Fakultative Untersuchungen können bei klinisch unauffälligem Befund (asymptomatischer Patientin) durchgeführt werden. Hierzu gehören Kolposkopie, HPV-Testung, Vaginalsonographie des kleinen Beckens und Sonographie des harnableitenden Systems.Die Nachsorge wird in der Betreuungskette durchgeführt. Bei höheren Tumorstadien, bei fertilitätserhaltenden Operationen mit höherem Risikoprofil und unklaren Befunden oder Ergebnissen hat sich die Nachsorge im Wechsel zwischen Primärbehandler und betreuendem Facharzt/betreuender Fachärztin etabliert. Ein Nachsorgepass bzw. eine tumorspezifische Dokumentation wird vom Primärbehandler*in ausgestellt und optimalerweise von allen an der Nachsorge beteiligten Ärzten*Innen (Gynäkologen, Strahlentherapeuten, Hausärzte) zur fallbezogenen Kommunikation geführt.
Die folgenden drei Tabellen stellen detailliert die den Empfehlungen zugrundeliegenden Untersuchungen und Indikationen dar. Auf weitere Datenerhebung oder geänderte Vorstellungsintervalle sowie Zusatzuntersuchungen bei Studienpatientinnen ist zu achten.
Obsolete Maßnahmen sind regelmäßige bildgebende Verfahren (CT, MRT, PET-CT) bei asymptomatischen Patientinnen und kurzfristige Tumormarkerkontrollen.
Zur Erläuterung der Empfehlungen siehe auch die Kapitel 17.2, 17.3, 17.4 und 17.5.
Ab dem 6. Jahr gelten die Regelungen zu regelmäßigen Kontrollen im Rahmen des Gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms (GKFP).
Tabelle 17: Obligate lokoregionäre Nachsorgeuntersuchungen und Intervalle (geprüft 2021)
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Untersuchung |
1.- 3. Jahr |
4. und 5. Jahr |
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Anamnese1 |
Kontrollen 3-monatlich |
Kontrollen 6-monatlich |
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Klinische Untersuchung2 |
Kontrollen 3-monatlich |
Kontrollen 6-monatlich |
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Spekulumeinstellung3 |
Kontrollen 3-monatlich |
Kontrollen 6-monatlich |
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1 Anamnese: allgemeine (Vor- und Nebendiagnosen, Medikamenteneinnahme) und tumor- und therapiespezifische Anamnese; v.a. Juckreiz, Blutungen, Schmerzen, Miktionsprobleme (Inkontinenz, Harnverhalt), Defäkationsprobleme (Inkontinenz, Obstipation), Atembeschwerden, Gewichtsverlust, einseitiges bzw. beidseitiges Beinödem, Lymphödem, Trockenheit der Scheide, Dyspareunie, Hormonausfalls-beschwerden, Sensibilitätsstörungen, Dokumentation des ECOG-Status und des Karnofsky-Index |
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Tabelle 18: Fakultative lokoregionäre Nachsorgeuntersuchungen und Intervalle (geprüft 2021)
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Untersuchung |
1.-3. Jahr |
4. und 5. Jahr |
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HPV4 |
In Spezialsituationen |
In Spezialsituationen |
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Kolposkopie/Vaginoskopie5 |
Kontrollen 3-monatlich |
Kontrollen 6-monatlich |
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4 HPV-Testung: bei besonderen Fragestellungen (z.B. Z.n. Trachelektomie, V.a. Dysplasie mit „Etagenwechsel“, Z.n. primärer R(CH)T, da Pap schlecht beurteilbar), auch HPV nach 6, 12 und 24 Monaten. 5 Kolposkopie (Auflichtmikroskopische Darstellung der Portio und der Vagina): Auf Expertenkonsensniveau empfohlen; Durchführung nativ und nach Essig- und Jodprobe mit Biopsie der verdächtigen Areale. Insbesondere indiziert bei Verdacht auf einen pathologischen Befund und zur Früherkennung präinvasiver und zentraler invasiver Läsionen zudem bei Z.n. prim. Radio(chemo)therapie und Z.n. organerhaltender Therapie. |
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Tabelle 19: Fakultative erweiterte Nachsorgeuntersuchungen und Intervalle
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Untersuchung |
1.-3. Jahr |
4. und 5. Jahr |
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Vaginal-/Nierenultraschall6 |
6-monatlich |
6-monatlich |
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Ultraschall Leber7 |
Bei klinischem Verdacht |
Bei klinischem Verdacht |
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Mammadiagnostik8 |
Zur Basis, dann GKFP |
Zur Basis, dann GKFP |
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Tumormarker9 |
Nicht in der Routine |
Nicht in der Routine |
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Sonstige Bildgebung10 |
Bei klinischem Verdacht |
Bei klinischem Verdacht |
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6 Vaginal- und Nierenultraschall: Zur Früherkennung von Harnleiterobstruktionen (Z.n. Radio(chemo)therapie, Beckenwandrezidiv) im ca. 6-monatlichen Intervall möglich. 7 Ultraschall (Oberbauch, Skalenus): Nur bei klinischem Verdacht. 8Mammadiagnostik: Mammographie, Mammasonographie als Basis, danach nach Vorgaben des GKFP. 9 Tumormarker: SCC im Serum bei Plattenepithelkarzinomen, CEA und CA 125 bei Adenokarzinomen nur falls bei Primärdiagnose erhöht, nicht in der Routine. 10 Sonstige Bildgebende Untersuchungen: CT-Thorax/Abdomen, MRT Becken, Zysto- und Rektoskopie nur bei klinischem Verdacht und/oder symptomatischer Patientin. Für PET-Untersuchungen bzw. PET-CT/MRT gibt es keine Daten mit positivem Effekt auf die lokoregionäre Kontrolle oder das Gesamtüberleben. |
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16.2 Anamnese, körperliche Untersuchung und Zytologie
Die ausführliche Anamnese ermöglicht Erkrankungs- oder Therapiefolgen bei den Patientinnen mit Zervixkarzinom zu eruieren. Es kann dann über spezifische Hilfs- und Therapieangebote informiert werden (siehe Kapitel 15 Rehabilitation und 12 Supportivtherapie). Bei der Inspektion des Genitals können neben Atrophieerscheinungen (Z.n. Radio(chemo)therapie, Hormonausfall), Ulzerationen und Rezidiven auch Lymphödeme der Beine schnell und einfach diagnostiziert werden. Die körperliche Untersuchung mittels Palpation ermöglicht eine Einschätzung der Beckenwände und der Lymphknotenstationen (Skalenus, inguinal). Entzündungen können mittels pH-Untersuchung, Nativpräparat und ggf. gezieltem mikrobiologischen Abstrich diagnostiziert und behandelt werden. Ein wichtiger Punkt der Anamnese ist auch die Sexualität (siehe Kapitel 15.5 Sexualität).
Im Gegensatz zur Diagnostik der primären CIN und des primären Zervixkarzinoms ist zu bedenken, dass ein Nutzen der Zytologie beim Zervixkarzinomrezidiv nur zu erwarten ist, wenn das Rezidiv als zentrales Rezidiv auftritt und die Vaginalschleimhaut infiltriert ist. Zudem ist die technische Auswertung des Pap-Abstrichs nach einer erfolgten Radio(chemo)therapie aufgrund von ausgeprägten atrophischen und radiogenen Veränderungen erschwert und oft nur bedingt aussagekräftig. Eine Publikation beschreibt, dass nach Abschluss des Kinderwunsches eine Hysterektomie bei Patientinnen nach einer fertilitätserhaltenden Operation in Betracht gezogen werden kann, wenn sie eine persistierende Infektion mit dem humanen Papillomavirus oder abnorme Papanicolaou-Tests vorliegen. Dies zeigt eine mögliche Indikation zur zytologischen Nachkontrolle nach Organerhalt auf [659].
Rimel et al. 2011 zeigten in einer retrospektiven Multicenterstudie mit 929 Patientinnen und 4167 Zytologien, dass es bei einem Drittel der Patientinnen nach Zervixkarzinomerkrankung in der Nachsorge zu einem abnormen Pap-Befund kommt (vor allem nach Strahlentherapie) [658]. Insgesamt kam es zu 147 Rezidiven, von denen nur 12 (8,1 %) mittels Zytologie detektiert wurden. Die Zytologie im Rahmen der Nachsorge ist ein mögliches Diagnostikum. Ohne weitere symptomorientierte klinische Untersuchung ist sie jedoch keinesfalls ausreichend [658]. Im Update von 2023 empfiehlt die ESGO eine Zytologie nach Radiotherapie nicht durchzuführen und auch in der Pocket-Guideline der ESMO wird die Zytologie als sehr kritisch betrachtet. Daher ist die Indikation einer Zytologie im individuellen Fall zu stellen[90].
16.3 Kolposkopie, HPV und Sonographie
Analog ist für die Kolposkopie zu bedenken, dass ein Nutzen ebenfalls nur beim zentralen Rezidiv mit Vaginalinfiltration oder bei Residualtumor nach primärer Radio(chemo)therapie zu erwarten ist. Für präinvasive Rezidivläsionen (CIN, VaIN) ist gegebenenfalls von einer früheren Erkennung durch die Kolposkopie auszugehen. Hierfür gibt es keine publizierten Daten. Die Dokumentation kolposkopischer Befunde erfolgt nach der RIO-Klassifikation von 2011 (https://ifcpc.org/Colposcopy-guidelines-and-Terminology) [187]
In Meta-Analysen zur Nachsorge von Frauen nach Exzision aufgrund einer CIN 2/3 zeigte sich beim HPV-Test eine signifikant bessere gepoolte Sensitivität von 93 % (95 % KI: 85–97 %) im Vergleich zur Zytologie mit 72 % (95 % KI: 66–78%) bei ähnlicher Spezifität [660]. Für präinvasive Rezidivläsionen nach invasivem Zervixkarzinom ist von einer früheren Erkennung durch den HPV-Test auszugehen, hierfür gibt es allerdings keine publizierten Daten. Pap-Abstriche nach Trachelektomie haben eine eingeschränkte diagnostische Wertigkeit [661]. In Abhängigkeit des HPV-Hochriskostatus sind bei positivem Befund auch nach den 5 Jahren der Nachsorge weiter Kontrollen im halbjährlichen Intervall zu diskutieren.
Die Ultraschalluntersuchung (vaginal, Nierenultraschall) ermöglicht Harnentleerungs-störungen, neue Ureterstenosen oder Gewebezunahme im kleinen Becken sowie neu aufgetretene freie Flüssigkeit im Douglasraum zu diagnostizieren.
16.4 Tumormarker
Die routinemäßige Kontrolle von Tumormarkern zur Diagnose von Rezidiven soll nicht durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Der SCC-Spiegel nach Primärtherapie zeigt eine starke Korrelation mit dem klinischen Krankheitsverlauf bei Frauen mit Plattenepithelkarzinom. Bisher gibt es keine Evidenz, dass eine frühere Rezidiv- bzw. Metastasendiagnose das Gesamtüberleben der Patientin mit Zervikarzinom verbessert [662][663]. Die ESGO Guideline empfiehlt, dass Labortests nur erfolgen sollten, wenn Symptome oder Befunde auftreten, die auf ein Rezidiv hindeuten [90]. Regelmäßige SCC-Kontrolle werden auch in anderen Arbeiten nicht empfohlen [663]. Für die Marker CEA (carcinoembryonic antigen) bzw. Ca-125 (Cancer-Antigen 125) bei Adenokarzinomen und NSE (neuron-specific enolase) bei neuroendokrinen Karzinomen liegen der Leitliniengruppe ebenfalls keine Daten für die Sinnhaftigkeit regelmäßiger Kontrollen vor.
16.5 Bildgebende Verfahren
Es gibt keinen Stellenwert von bildgebenden Verfahren bei asymptomatischen Patientinnen. Kurative Ansätze gibt es beim zentralen Rezidiv, das meist durch die vaginale Untersuchung bzw. den vaginalen Ultraschall oder die Zytologie diagnostiziert wird. Bei symptomatischer Patientin sollte die Art der Diagnostik erfolgen, die eine entsprechende Therapieplanung bzw. Monitoring von Therapien erlaubt und mit der die behandelnden Personen die meiste eigene Erfahrung haben. Hier sind das CT bzw. das MRT jeweils mit Kontrastmittelgabe die Standardverfahren. In der Beurteilung der Wertigkeit des PET-CT in der Onkologie durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) fehlt das Zervixkarzinom. Laut ESGO Guideline sollten geeignete bildgebende Verfahren (MRT, Ultraschall zur Beurteilung des Beckens, CT oder PET-CT zur systemischen Beurteilung) bei symptomatischen Frauen eingesetzt werden [90].
Zum Stellenwert und Nutzen des PET-CT im Rahmen der Nachsorge nach Zervixkarzinom kann aufgrund eingeschränkter Datenlage (wenige Studien, schlechte Methodik) weiterhin keine klare Aussage gemacht werden. Jedoch empfiehlt die ESGO den Einsatz des PET-CT nach einer Radiochemotherapie. Außerdem kann ggf. in der Rezidivsituation gerade vor exenterativen Therapieoptionen oder Radio(chemo)therapie, die PET-CT einen gewissen Stellenwert und Einfluss auf die Therapieplanung nehmen (s. Kapitel 6 Diagnostik).
Eine FDG-PET-Studie mit 42 Patientinnen ergab für das Lokalrezidiv des Zervixkarzinoms eine Sensitivität von 82 %, eine Spezifität von 97 % und eine Genauigkeit (accuracy) von 92 %. Für das distante Rezidiv lag die Sensitivität bei 100 %, die Spezifität bei 90 % und die Genauigkeit bei 94 % im Vergleich zur endgültigen Histologie [664].
Eine Metaanalyse von 2018 mit 707 eingeschlossenen Patientinnen aus 17 Studien untersuchte den klinischen Wert der PET und PET/CT bei Patientinnen mit vermutetem Zervixkarzinomrezidiv. Es wurde die diagnostische Güte sowohl personenbezogen als auch bezogen auf die Region ausgewertet. Die gepoolte Sensitivität für die PET und PET/CT betrug 0,97 (0,95 – 0,99). War der Tumormarker SCC erhöht betrug die gepoolte Sensitivität 0,99 (0,93 – 1,00). Hierbei wurden vergleichbar hohe Werte in der Lunge, dem Mediastinum, Leber, Milz, inguinalen, paraaortalen und supraklavikulären Lymphknoten gesehen. Zudem konnte gezeigt werden, dass es in 57 % der Fälle zu einer Änderung des Therapieplans kam. Daraus schlossen die Autoren, dass es sich bei der PET-CT um eine verlässliche Diagnostik bei Verdacht auf Zervixkarzinomrezidiv handelt und sie Einfluss auf das weitere Therapiemanagement hat [665].
Eine brasilianische Metaanalyse von 2019 untersuchte den Einsatz der PET und PET/CT zum Staging und Re-Staging bei Patientinnen mit Zervixkarzinom im Vergleich zum Einsatz von CT oder MRT. Es konnten 6 Studien mit 233 Patientinnen eingeschlossen werden die die Detektionsrate des Lokalrezidivs untersuchten. Hier zeigte die FDG-PET signifikant bessere Ergebnisse (AUC 0,9882 PET vs. AUC 0,606 Kontrolle; p < 0,000001). Es konnte keine Studie identifiziert werden, die die PET/CT mit anderen bildgebenden Verfahren bei der Suche nach Fernmetastasen untersuchte. Vier Studien mit 162 inkludierbaren Patientinnen untersuchten die Detektionsrate der FDG-PET im Vergleich zur CT und oder MRT beim Staging und Re-Staging. Diese vier Studien erfolgten durch die selbe Forschungsgruppe und es ist nicht ersichtlich, ob es ggf. Überschneidungen der Patientinnenkollektive gibt. Es zeigte sich auch hier ein positive Aspekt für die FDG-PET, allerdings bei hohem Verzerrungsrisiko [666].
Eine weitere Publikation von 2018 fasst die Literatur zum Einsatz der PET und PET/CT beim Zervixkarzinom zusammen. Auch diese kommt zu dem Schluss, dass die PET-CT international routinemäßig in der Primärsituation, zur Evaluation des Therapieansprechens und auch in der Nachsorge eingesetzt wird [667].
Die NCCN-Leitlinie von 2020 empfiehlt klar die PET-CT als primäres bildgebendes Diagnostikum bei Patientinnen mit Verdacht auf ein Zervixkarzinomrezidiv, bei den bekannten methodischen Schwächen dieser klinischen Leitlinie [612].
Bei Frauen mit klinischem oder bildgebendem Rezidivverdacht kann die PET-CT die Suche nach distanten Metastasen unterstützen [668]. Sie wird jedoch nur in solchen Fällen hilfreich sein, wo eine beherrschbare Krankheitssituation im Becken oder den lokoregionären Lymphknoten vorliegt, wobei der klinische Nutzen der PET-CT in dieser Situation unklar ist [669].
16.6 Erweiterte Diagnostik bei Rezidiv-Verdacht
Bei Verdacht auf ein lokoregionäres Rezidiv soll die histologische Sicherung erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Die bildgebende Diagnostik bei symptomatischer Patientin mit Verdacht auf ein lokoregionäres Rezidiv oder Metastasen wird auch in den Kapiteln 17.2 Diagnostik des Lokalrezidivs und 18.2 Bildgebung abgehandelt. Besteht ein Verdacht auf ein lokoregionäres Rezidiv soll neben dem Ausschluss von Fernmetastasen die histologische Sicherung erfolgen, die bereits erfolgten Vortherapien erhoben werden und die lokoregionäre Therapierbarkeit geprüft werden. Die notwendige Diagnostik entspricht den präoperativen Voruntersuchungen (siehe auch Empfehlungen 17.1.und 17.2.).
Zur Einschätzung des Lokalbefunds eignen sich die gynäkologische Untersuchung (vaginale und rektale Palpation und Spekulumeinstellung), die Vaginalsonographie, die Nierensonographie, die MRT des Beckens (Beurteilung der Beziehung des Tumors zu anderen Organen) und bei Verdacht auf Tumorausdehnung in Nachbarorgane die Zysto- und Rektoskopie. Zudem sollte eine bioptische Sicherung des Rezidivs erfolgen.
Zum Ausschluss von Fernmetastasen eignen sich die CT-Thorax/Abdomen und in speziellen Situationen die PET-CT (Organmetastasen, Lymphknotenmetastasen) Der Skalenus-Ultraschall (Lymphknotenmetastasen) kann ergänzend einfach durchgeführt werden, wird aber bei initialen Re-Staging zugunsten einer Ganzkörperbildgebung immer mehr verlassen.
16.7 HPV-Impfung nach hochgradiger Dysplasie oder Zervixkarzinom
Aktuell wird die Impfung für Frauen und Männer im Alter von 9 Epidemiologisches Bulletin 04/2025Epidemiologisches Bulletin 04/202504/25bis 14 Jahren vor dem ersten Geschlechtsverkehr durch die STIKO empfohlen und kann bis einen Tag vor dem 18. Geburtstag nachgeholt werden Epidemiologisches Bulleting 04/25. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Zwei Impfstoffe sind ab dem neunten Lebensjahr für beide Geschlechter europaweit ohne Altersbegrenzung nach oben zugelassen. Viele Krankenkassen finanzieren die HPV-Impfung nach Einzelfallentscheidung auch über das von der STIKO vorgegeben Intervall hinaus. Es gibt Hinweise, dass die HPV-Impfung auch nach dem 18. Lebensjahr [670][671] und zur Absenkung der Reinfektionsrate nach stattgehabter HPV-Infektion sinnvoll sein kann [672][673][674][675]Prävention des Zervixkarzinoms[676][677]. Die Einschränkungen der bestehenden Datenlage sind zu berücksichtigen und werden in den zitierten Studien genannt. Zur Impfung außerhalb der von der STIKO empfohlenen Altersgruppe bzw. nach stattgehabter HPV-Infektion nimmt die S3-Leitlinie „Prävention des Zervixkarzinoms“ (AWMF-Registernummer 015/027OL) Stellung.
16.7.1 HPV-Impfung nach Konisation
Der Benefit einer prophylaktischen HPV-Impfung nach einer abgeschlossenen Zervixkarzinombehandlung ist in Studien nicht belegt.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Die Bedeutung einer prophylaktischen HPV-Impfung nach einer abgeschlossenen Zervixkarzinombehandlung ist unklar.Zur Impfung nach einem invasiven Zervixkarzinom liegen der Leitliniengruppe keine Daten vor. Zum Nutzen der HPV-Impfung nach Konisation bei Dysplasien (CIN 2+) zur Absenkung der Rezidivwahrscheinlichkeit liegen mittlerweile positive Daten vor.
Auswertungen von Studienpopulationen aus den Phase III-Zulassungsstudien beider HPV-Impfstoffe zeigen einen Schutz vor Wiedererkrankung bei Frauen, die während ihrer HPV-Infektion, aber vor der CIN-Erkrankung geimpft wurden. Es besteht kein Einfluss auf den Verlauf der aktiven Infektion, aber nach Therapie (Konisation) bestand eine um 46 % geringere Wiedererkrankungsrate an Genitaldysplasie/Kondylomen bzw. eine um 64,9 % geringere Rate für CIN 2+ [678]. Ein Grund könnte die fehlende Immunkompetenz der Patientinnen sein. Nach operativer Therapie der Dysplasie besteht ein Rezidivrisiko von ca. 5 %. Dieses Risiko kann aber durch die impfinduzierte Immunität um mehr als 50 % reduziert werden[678]. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich, wenn die HPV-Impfung eine Woche nach Konisation gegeben wurde mit einer Verringerung des Rezidivisikos von 7,2 % (Placebo) auf 2,5 % (Impfgruppe) [678]. Alle CIN-Rezidivpatientinnen hatten einen positiven HR-HPV Befund nach Konisation [678]. In einer weiteren aktuellen Arbeit zeigte sich, dass unabhängig vom Zeitpunkt der Impfung die HPV-Impfung das Risiko eines CIN2+-Rezidivs zu senken scheint. Trotz eines Trendes zur Reduzierung des Rezidivrisikos einer CIN 2+ bei einer postinterventionellen Impfung versus einer prophylaktischen Impfung war es statistisch nicht signifikant. Der größte Effekt zeigte sich innerhalb der ersten sechs Monate nach der Exzision, insbesondere bei Frauen mit positivem Resektionsrand [679].
In einer randomisierten-multizenter Studie mit 840 Patientinnen wurde im Studienarm nach 0 2 und 6 Monaten ein nonvalenter Impfstoff verabreicht. Die Kontrollegruppe erhielt ein Placebo. Der primäre Endpuntk war die CIN 2/3-Rezidivrate nach 24 Monaten. Im Studienarm hatten 23 (6%) Frauen ein Rezidive vs. 35 (9%) in der Placebogruppe (RR 0,67 [95% KI 0,40–1,11], p=0,11) [van de Laar et al. 2025].
Eine Impfung nach Dysplasie bzw. nach Therapie einer Dysplasie erscheint vor diesem Hintergrund, wenn auch mit deutlich geringeren Erfolgsraten, als mögliche Option [670][671][677][678][680][681][682].
Literaturhinweise
[90] Cibula, D, Raspollini, MR, Planchamp, F, Centeno, C, Chargari, C, Felix, A, et.al. ESGO/ESTRO/ESP Guidelines for the management of patients with cervical cancer - Update 2023., Int J Gynecol Cancer, 2023. 33 (5)(5): p. 649-666., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37127326/
[645] Khatcheressian, J. L., Wolff, A. C., Smith, T. J., Grunfeld, E., Muss, H. B., Vogel, V. G., et.al. American Society of Clinical Oncology 2006 update of the breast cancer follow-up and management guidelines in the adjuvant setting, J Clin Oncol, 2006. 24: p. 5091-7., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17033037/
[646] Grunfeld, E., Dhesy-Thind, S., Levine, M., Clinical practice guidelines for the care and treatment of breast cancer: follow-up after treatment for breast cancer (summary of the 2005 update), CMAJ, 2005. 172: p. 1319-20., https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC557103/
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