Leitlinienprogramm OnkologiePrävention Zervixkarzinom

19. Kosteneffektivität – Prävention Zervixkarzinom

Version 1.1 · März 2020 · AWMF 015/027OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

U. Siebert , G. Sroczynski , O. Reich , A. Schäfer , K.U. Petry , P. Hillemanns 

(Potentielle Interessenskonflikte der Autoren dieses Kapitels siehe Kapitel Interessenkonflikte)

19.1 Statements

19.1 · Evidenzbasiertes Statement 2017

Ein HPV-basiertes Screening alle 3 Jahre besitzt ein relativ günstiges Schaden-Nutzen-Verhältnis. Es erzeugt im Vergleich zum jährlichen zytologischen Screening einen vergleichbaren erwarteten Nutzen bei geringerem erwarteten Schaden (z. B. operative Eingriffe, Kolposkopien, psychische Belastung durch auffällige Befunde und Nachfolgeuntersuchungen).

Evidenzlevel
⊕⊝⊝⊝
19.2 · Evidenzbasiertes Statement 2017

Ein HPV-basiertes Screening mit Intervallen von 3-5 Jahren ist in Deutschland als kosteneffektiv zu bewerten. HPV-basierte Screeningverfahren mit Intervallen von 2 Jahren haben ein ungünstigeres Kosteneffektivitätsverhältnis. Screeningverfahren mit jährlichen Intervallen erhöhen deutlich die Kosten ohne einen maßgeblichen Zusatznutzen zu generieren.

Evidenzlevel
⊕⊝⊝⊝
Literatur
[605]

19.2 Einführung

Im Rahmen der Entwicklung der S3 Leitlinie wurde eine evidenzbasierte systematische Schaden-Nutzen-Analyse und Kosteneffektivitätsanalyse zum Vergleich verschiedener Strategien des Zervixkarzinomscreenings durchgeführt.

Um eine umfassende Entscheidungsunterstützung bezüglich der kurz- und langfristigen Konsequenzen durchführen zu können, wurde ein entscheidungsanalytisches Modell (sog. Markov-Modell) entwickelt, in welchem die relevante und aktuell verfügbare Evidenz zu epidemiologischen und klinischen Parametern, patientenrelevantem Nutzen und Schaden sowie Ressourcenverbrauch und Kosten zusammengeführt wurde [606], [607], [605]. Der Einsatz von systematischen Entscheidungsanalysen zur Unterstützung der Entwicklung von S3 Leitlinien im Kontext des deutschen Gesundheitswesens wurde bereits 2001 als spezifische Komponente der Stufe S3 empfohlen [608], [609]. Deutsche Institutionen, die sich mit Health Technology Assessments befassen, empfehlen für die Durchführung von Kosten-Nutzen-Bewertungen ebenfalls den Einsatz entscheidungsanalytischer Modelle [610], [611].

Die detaillierten Methoden und Ergebnisse der entscheidungsanalytischen Modellierung sind in einem eigenen Dokument als Evidenzbericht dargestellt [612], der dem Leitlinienreport zu entnehmen ist. Im Folgenden wird eine Zusammenfassung der Modellstruktur, der evidenzbasierten Modellparameter, der Modellannahmen, der Analysemethoden und der wichtigsten Ergebnisse gegeben. Zu weiteren Details dieser Modellierung wird auf die Kapitel 24.5 und den Leitlinienreport verwiesen.

19.3 Fragestellungen und Endpunkte

Als Fragestellung wurde untersucht, in welchem Verhältnis Nutzen, Schaden und Kosten der verglichenen Screeningstrategien im Kontext des deutschen Gesundheitswesens stehen.

Als Zielgrößen (Endpunkte, Outcomes) des Modells wurden im Rahmen des Leitlinienprozesses konsentierte Endpunkte für patientenrelevanten Nutzen, patientenrelevanten Schaden sowie gesundheitssystemrelevante Endpunkte verwendet und um weitere zusammenfassende Zielgrößen ergänzt:

  • Patientenrelevanter Nutzen: Zervixkarzinominzidenz, zervixkarzinomspezifische Mortalität, Verlängerung der Restlebenserwartung
  • Patientenrelevanter Schaden: Unnötige Behandlung (Konisation bei < CIN Grad 3), Auffällige Befunde (mit Wiedereinbestellung innerhalb eines Jahres oder sofortiger Kolposkopie), Kolposkopien
  • Kosten: Lebenszeitkosten
  • Nutzen-Schaden-Balance: Inkrementelles Schaden-Nutzen-Verhältnis (ISNV)
  • Kosteneffektivität: Inkrementelles Kosteneffektivitätsverhältnis (IKEV) in EUR/LJ

19.4 Evidenzbasierte Entscheidungsanalyse

19.4.1 Entscheidungsanalytisches Modell

Das für diese S3 Leitlinie entwickelte entscheidungsanalytische Modell bildet die Entstehung und den natürlichen Langzeitkrankheitsverlauf des Zervixkarzinoms sowie den Effekt der verschiedenen Screening- und Abklärungsalgorithmen im Kontext des deutschen Gesundheitssystems ab. Es enthält Zustände für die Infektion mit dem humanen Papillomavirus (HPV), präinvasive und invasive Krebsstufen sowie den Tod. 

Das Modell wurde basierend auf früheren Health Technology Assessments (HTA) sowie publizierten und validierten Modellen [613], [614], [615], [616] an die Fragestellungen dieser S3-Leitlinie angepasst und aktualisiert. Dabei wurden die internationalen Standards für entscheidungsanalytische Modellierung wie die Empfehlungen der ISPOR-SMDM Joint Task Force Modeling Good Research Practices [605], [617], den internationalen Key Principles für Health Technology Assessment [618], [619] sowie die Empfehlungen der gesundheitsökonomischen Modellierung des DIMDI [610] und IQWiG [611], [620] berücksichtigt.

Das Modell enthält verschiedene Screeningstrategien (Algorithmen) mit unterschiedlichen Testkombinationen und Screeningintervallen. Diese Strategien werden in Bezug auf Nutzen, Schaden und Kosten miteinander verglichen. Im Modell durchläuft rechnerisch eine Kohorte 15-jähriger Frauen im Verlauf ihres Lebens verschiedene mögliche Zustände wie z.B. gesund, HPV-Infektion, Tumorvorstufen und Zervixkarzinom. Der lebenslange Zeithorizont der Analyse wird in gleichgroße zeitliche Intervalle (Markov-Zyklen) von einem Jahr unterteilt, in denen die Frauen mit den zugehörigen Übergangswahrscheinlichkeiten von einem zum anderen Gesundheitszustand wechseln können. Der natürliche Krankheitsverlauf (ohne Screening) im Modell wurde anhand epidemiologischer Daten des Gemeinsamen Krebsregisters der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Freistaaten Sachsen und Thüringen (GKR) für die Jahre vor Einführung des Zervixkarzinomscreenings (Daten von 1964-1966) als Annäherung für eine nicht-gescreente Population kalibriert. Die altersspezifische Inzidenz des Humanen Papillom¬virus wurde anhand von beobachteten HPV-Prävalenzdaten kalibriert [131].

In Abbildung Struktur des Krankheitsverlaufs ist das Markov-Modell mit seinen Zuständen und Übergängen vereinfacht dargestellt. Wie in allen entscheidungsanalytischen Modellen wurden verschiedene, mitunter vereinfachende, Annahmen getroffen: Die Entwicklung eines invasiven Zervixkarzinoms kann nur durch eine Progressionsabfolge über eine persistierende HPV-Infektion und die Entwicklung von zervikalen intraepithelialen Neoplasien (CIN) erfolgen. Frauen können aus CIN-Zuständen regredieren, nicht aber aus Zervixkarzinom-Zuständen. CIN und invasive Zervixkarzinome können entweder durch ein auffälliges Screeningtestergebnis oder aufgrund klinischer Symptome entdeckt werden und werden anschließend gemäß der deutschen klinischen Praxis kontrolliert bzw. behandelt. Nach einer Konisation von präinvasiven Läsionen gehen Frauen als geheilt in die Population für das Primärscreening zurück. Es wird angenommen, dass Frauen nach einer benignen Hysterektomie nicht mehr am Zervixkarzinomscreening teilnehmen. Frauen können entweder aufgrund eines invasiven Zervixkarzinoms basierend auf den krebsstadienspezifischen Überlebensraten oder aus anderer Ursache in Abhängigkeit ihres Alters sterben. Zu Details der Modellbeschreibung siehe den Evidenzbericht [612].

Struktur des Krankheitsverlaufs im entscheidungsanalytischen Modell
Struktur des Krankheitsverlaufs im entscheidungsanalytischen Modell

Das Modell wurde in mehreren Schritten anhand empirischer Studien, u.a. deutscher Krebsregisterdaten, validiert. Die Modellergebnisse stimmen mit den in Deutschland beobachteten empirischen Daten gut überein (s. Evidenzbericht).

19.4.2 Population, Zeithorizont und Perspektive

Die Zielpopulation der Modellrechnung waren Frauen ab 15 Jahren (mit Screeningbeginn je nach Strategie ab 20 bzw. 25 Jahren). Um alle relevanten klinischen und ökonomischen Outcomes berücksichtigen zu können, wurde ein lebenslanger Zeithorizont zugrunde gelegt. Für die Nutzen-Schaden-Analyse wurde die Perspektive der betreffenden Frauen in Deutschland verwendet. Für die Kosteneffektivitätsanalyse wurde die Perspektive des deutschen Gesundheitssystems (Kostenträger) eingenommen. 

19.4.3 Screeningstrategien und diagnostisches Work-up

Es wurden insgesamt 33 verschiedene Screeningstrategien miteinander verglichen (s. Evidenzbericht [612]). Diese beinhalteten zu Vergleichszwecken eine Strategie ohne Screening, die Referenzstrategie bisheriges jährliches konventionelles Pap-Screening ab einem Alter von 20 Jahren und weitere 31 Screeningstrategien mit einem Screeningbeginn im Alter von 25 Jahren. In allen untersuchten HPV-basierten Screeningstrategien wurde das Screening im Alter von 25-30 Jahren mittels Zytologie mit p16/Ki-67 Triage in 2-jährigen Intervallen durchgeführt.

 

Folgende Kombinationen von Testverfahren und Screeningintervallen wurden einbezogen:

 
  • Kein Screening (für Validierungszwecke)
 
 
  • Konvent. Pap-Screening (Pap-Test allein) ab 20 J (Referenz)

jährlich

 
  • Konvent. Pap-Screening mit p16/Ki-67 Triage*

alle 1, 2, 3, 5 Jahre

 
  • Konventionelles Pap-Screening mit HPV Triage*

alle 1, 2, 3, 5 Jahre

 
  • LBC-Screening mit p16/Ki-67 Triage*

alle 1, 2, 3, 5 Jahre

 
  • LBC-Screening mit HPV Triage*

alle 1, 2, 3, 5 Jahre

 
  • HPV-Screening mit konventioneller Pap-Triage**

alle 2, 3, 5 Jahre

 
  • HPV-Screening mit LBC-Triage**

alle 2, 3, 5 Jahre

 
  • HPV-Screening mit p16/Ki-67 Triage**

alle 2, 3, 5 Jahre

 
  • Kotestung mit HPV und konventionellem Pap-Test**

alle 2, 3, 5 Jahre

 
  • Kotestung mit HPV und LBC**

alle 2, 3, 5 Jahre

* Im Alter 25-30 Jahre: in 2-jährigen Intervallen mit der genannten Teststrategie

** Im Alter 25-30 Jahre: in 2-jährigen Intervallen mit Pap-Test mit p16/Ki-67 Triage

Es wurde keine obere Altersbegrenzung für eine Screeningteilnahme angenommen.

 

19.4.4 Evidenzbasierte Modellparameter und Literaturrecherche

Das Markov-Modell ist basierend auf dem in Deutschland angewandten Klassifikationssystem für zytologische und histologische diagnostische Befunde aufgebaut [621]. Es wurden aktuelle deutsche Daten zur klinischen Praxis einschließlich zytologischem Screening, HPV-basierter Diagnostik, Diagnose und Behandlung von Frauen mit Karzinom oder Präkanzerosen der Cervix uteri. Hierzu wurden mittels Literaturrecherche aktuelle Praxisleitlinien und Empfehlungen [622], [623] sowie die Empfehlungen aus den anderen Kapitel dieser S3 Leitlinie herangezogen.

Epidemiologische Daten wurden aus verschiedenen deutschen Krebsregistern (München, Saarland, Gemeinsames Krebsregister Berlin/Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern/Sachsen-Anhalt/Sachsen/Thüringen), aus deutschen klinischen Studien und aus internationalen entscheidungsanalytischen Modellen zum HPV-basierten Zervixkarzinomscreening erhoben. Ferner gingen klinische Daten aus aktuellen Leitlinien ergänzt durch Expertenschätzungen und Daten zur Inanspruchnahme der Zervixkarzinomfrüherkennung aus Abrechnungsdaten von Kassenärztlichen Vereinigungen ins Modell ein. 

Die aktuelle Evidenz zum Vergleich der Testgüte der verschiedenen Screeningtest-verfahren wurde publizierten Metaanalysen [624], [625], [626], [627] und dem im Rahmen dieser Leitlinie erstellten Evidenzbericht von Kleijnen Systematic Reviews Ltd. [628] entnommen. Die Parameter zur Testgüte (Sensitivität und Spezifität) der verschiedenen Screeningtests und deren Kombinationen sind im Evidenzbericht [612] aufgeführt.

Bei der Erhebung der ökonomischen Daten für Screening, Diagnose und Therapie des Zervixkarzinoms wurden die Empfehlungen dieser S3 Leitlinie, Ressourcenverbräuche aus publizierten deutschen HTA-Berichten, die deutschen Gebührenordnungen und das DRG-System berücksichtigt und an den aktuellen Kontext der Leitlinie angepasst. Es wurden ausschließlich direkte medizinische Kosten wie Screeningtests, konfirmatorische diagnostische Tests, ambulante und stationäre Versorgung, Arzneimitteltherapie, operative Therapie und palliative Maßnahmen aus Kostenträgerperspektive berücksichtigt. In der Basisfallanalyse wurde eine altersspezifische durchschnittliche Teilnahmerate am Screening angenommen (70-80%). Im Volltext des Evidenzberichts sind die einzelnen Modellparameter mit Quellenangaben beschrieben [612].

19.4.5 Analyse

In der Entscheidungsanalyse wurden die obengenannten Outcomes ermittelt. Für die Nutzen-Schaden-Analysen und die Kosteneffektivitätsanalysen wurden sog. Effizienzgrenzen ermittelt. Alle Strategien, die unterhalb der Effizienzgrenze liegen (d.h. weniger oder gleich viel Nutzen und mehr Schaden bzw. weniger oder gleich viel Nutzen und höhere Kosten als andere Strategien generieren), wurden eliminiert. Für die auf der Effizienzgrenze liegenden Strategien wurde das inkrementelle Schaden-Nutzen-Verhältnis ISNV (d.h. die zusätzlichen Schadenseinheiten, die für den Gewinn einer zusätzlichen Nutzeneinheit in Kauf genommen werden müssen) bzw. das inkrementelle Kosteneffektivitätsverhältnis IKEV (d.h. die zusätzlichen Kosten, die für den Gewinn einer zusätzlichen Nutzeneinheit entstehen) ermittelt und dargestellt. Eine detaillierte Beschreibung der Berechnung der inkrementellen Verhältnisse mit einer ausführlichen grafischen Veranschaulichung ist im Volltext des Evidenzberichts dargestellt [612]. Für die Kosteneffektivitätsanalyse wurden Kosten und Lebenserwartung im Basisfall mit einer jährlichen Rate von 3% diskontiert [610], [620], [629].

In der Basisfallanalyse wurden aufgrund fehlender Daten verschiedene vereinfachende Annahmen gemacht:

  • Keine Verbesserung der Teilnahmerate gegenüber der aktuellen Situation.
  • Keine Berücksichtigung der Impfung gegen HPV. 
  • Vereinfachende Annahme der konditionalen Unabhängigkeit der Testergebnissen bei wiederholten Tests.

Eine höhere Teilnahmerate am Screening als die in der Basisfallanalyse untersuchte Teilnahmerate sowie eine reduzierte HPV-Prävalenz, wie sie nach HPV-Impfung anzunehmen wäre, würde zur Empfehlung längerer Screeningintervalle führen. Die Nichtberücksichtigung der Abhängigkeit wiederholter Tests führt im Vergleich der Testverfahren insb. zu einer Überschätzung der langfristigen Testperformance der zytologischen Tests, wenn morphologische Gründe für wiederholte falschnegative Ergebnisse vorliegen.

In umfangreichen Sensitivitätsanalysen wurden relevante Annahmen variiert und u.a. folgende Szenarien untersucht: vollständige Teilnahme aller Frauen bei jedem Screeningintervall, Reduktion der Testgüten, Variation der Kosten der Karzinombehandlung.

19.5 Ergebnisse

19.5.1 Basisfallanalyse

Aus der Basisfallanalyse resultieren vergleichende Ergebnisse zu allen untersuchten Nutzen-, Schaden- und Kostenendpunkten und den sich daraus ergebenden inkrementellen Schaden-Nutzen-Verhältnissen und inkrementellen Kosteneffektivitätsverhältnissen) [612]. Betrachtet man Nutzen, Schaden und Kosten aus der Analyse jeweils isoliert, lassen sich aus den Analyseergebnissen zusammenfassend folgende Aussagen ableiten:

  • Innerhalb desselben Screeningintervalls erzeugen HPV-basierte Screeningverfahren einen höheren erwarteten Nutzen als zytologiebasierte Verfahren.
  • Innerhalb desselben Screeningintervalls haben HPV-basierte Screeningverfahren gegenüber zytologiebasierten Verfahren ein erhöhtes Potenzial für Schaden.
  • Die Kosten steigen mit einer höheren Screeningfrequenz unabhängig vom Screeningverfahren.

Aus den Effizienzkurven der Nutzen-Schaden-Analyse lässt sich folgendes ableiten:

  • HPV-basierte Verfahren (HPV mit Pap-Triage, HPV mit p16/Ki-67 Triage, Kotestung mit HPV + Pap) alle 3-5 Jahre resultieren in einem relativ günstigen Schaden-Nutzen-Verhältnis. Sie erzeugen im Vergleich zum jährlichen zytologischen Screening einen vergleichbaren erwarteten Nutzen bei geringerem erwarteten Schaden.
  • Die Effizienzgrenzen der Nutzen-Schaden-Analyse verdeutlichen die erforderlichen Abwägungen zwischen Nutzen- und Schadensendpunkten (s. den Evidenzbericht [612], die Faktenbox in Tabelle Faktenbox und beispielhaft die Schaden-Nutzen-Effizienzgrenze in Abbildung Schaden-Nutzen-Effizienzgrenze: Während bei den 5-jährlichen HPV-basierten Screeningstrategien beispielsweise die Vermeidung eines Zervixkarzinomfalls durchschnittlich mit nur ca. 30-60 zusätzlichen testpositiven Befunden einhergeht, müssen bei den 3-jährlichen HPV-basierten Verfahren bereits über 100 und bei den 2-jährlichen HPV-basierten Verfahren 400 oder mehr zusätzliche testpositive Befunde in Kauf genommen werden, um jeweils einen weiteren Zervixkarzinomfall zu vermeiden.

Aus den Effizienzkurven der Kosteneffektivitätsanalyse lässt sich folgendes ableiten (s. den Evidenzbericht [612], die Faktenbox in Tabelle Faktenbox und die Effizienzgrenze für die Kosteneffektivität in Abbildung Effizienzgrenze für die Kosteneffektivität:

Bezieht man die Kosten der Screeningverfahren mit ein, so lässt sich aus den Effizienzkurven der Kosteneffektivitätsanalyse folgendes ableiten:

  • Bei einem 5-jährigen Screeningintervall erzeugen die HPV-basierten Verfahren gegenüber den zytologischen Verfahren einen höheren erwarteten Nutzen und sind als kosteneffektiv zu bewerten (IKEV < 10.000 EUR pro gewonnenem Lebensjahr). 
  • Ein 3-jährliches HPV-basiertes Screening erzielt gegenüber einem 5-jährigen HPV-basierten Screening einen etwas höheren erwarteten Nutzen und kann mit einem IKEV von ca. 30.000 EUR pro gewonnenem Lebensjahr im Vergleich zu anderen in Deutschland akzeptierten Gesundheitstechnologien als kosteneffektiv bezeichnet werden.
  • Die 2-jährlichen HPV-basierten Screeningverfahren erfordern bereits eine Zahlungsbereitschaft von über 100.000 EUR/LJ. Screeningverfahren mit einem 1-jährigen Intervall sind mit IKEV von über 500.000 EUR/LJ als nicht kosteneffektiv zu bewerten, insbesondere wenn man die Tatsache der ungünstigen Schaden-Nutzen-Verhältnisse der jährlichen Screeningverfahren mitberücksichtigt.
  • Unter Berücksichtigung der Kosteneffektivität erzeugen HPV-basierte Screeningstrategien mit Intervallen von 3-5 Jahren im Vergleich zum jährlichen zytologischen Screening populationsbezogen einen vergleichbaren erwarteten Nutzen bei deutlich geringeren Kosten.

Fasst man die Ergebnisse der Nutzen-Schaden-Analyse und der Kosteneffektivitätsanalyse zusammen, so kann folgendes abgeleitet werden:

  • Bei Frauen mit einer geringen Bereitschaft, für einen Zusatznutzen, zusätzliche (und ggf. unnötige) positive Tests, Kolposkopien und operative Eingriffe in Kauf zu nehmen, kann ein 5-jährliches HPV-basiertes Screening eine Strategie mit guter Nutzen-Schaden-Balance und sehr guter Kosteneffektivität darstellen.
  • Bei Frauen mit einer höheren Bereitschaft, für einen Zusatznutzen, zusätzliche (und ggf. unnötige) positive Tests, Kolposkopien und operative Eingriffe in Kauf zu nehmen, kann ein 3-jährliches HPV-basiertes Screening eine Strategie sowohl mit adäquater Nutzen-Schaden-Balance als auch akzeptabler Kosteneffektivität darstellen.

Eine Faktenbox mit vergleichenden Ergebnissen für beispielhafte Screeningstrategien ist in Tabelle Faktenbox dargestellt.

Tabelle 21: Faktenbox zum Vergleich von Nutzen, Schaden und Kosten und inkrementellen Verhältnissen ausgewählter Screeningverfahren

Konsequenzen:
(pro 10.000 Frauen)

1. Zahl: absoluter Wert
2. Zahl: Inkrement*

Kein Screening (Strategie 1)

5-jähr. Screening mit HPV+Pap Kotestung vs. Kein Screening
(Strategie 21) 

3-jähr. Screening mit HPV/Pap Triage vs. 5-jähr. HPV+Pap Kotestung
(Strategie 26) 

2-jähr. Screening mit HPV/Pap Triage vs. 3-jähr. HPV/Pap Triage (Strategie 25) 

Diagnostizierte Zervix-karzinominzidenz (lebenslang)

314

50
264

25
25

13
12

Zervixkarzinomtodesfälle (lebenslang)

119

13
106

5
7 

2
3 

Lebensjahre

679.066

681.402
2.337

681.552
150

681.611
59

Positive Primärscreening-ergebnisse

0 

10.273
10.273 

13.118
2.845 

17.867
4.749 

Anzahl der Kolposkopien

0

6.021
6.021

7.830
1.809

9.832
2.002

Anzahl der Konisationen

0

650
650

777
127

874
98

Anzahl aller Konisationen

0

859
859

970
111

1042
72

Kosten (undiskontiert) pro Person

339 EUR

687 EUR
348 EUR

896 EUR
209 EUR

1.205 EUR
309 EUR

Kosten (diskontiert) pro Person

91 EUR

311 EUR
219 EUR 

390 EUR
80 EUR

507 EUR
117 EUR

Lebensjahre (diskontiert)

289.266

289.701
437

289.729
27

289.739

11

ISNV (Konisation

--

3

5

8

ISNV (Konisation

--

6

17

33

Diskontiertes IKEV (EUR / gewonnenem Lebensjahr)

--

≈5.000 EUR/LJ

≈30.000 EUR/LJ

≈107.000 EUR/LJ

Werte sind gerundet und basieren auf einer Teilnahmerate von 70-80% [630]

* Inkremente beziehen sich immer auf einen Vergleich der betrachteten Screeningstrategie gegenüber der Vergleichsstrategie in der Spalte links davon.

Abbildung Schaden-Nutzen-Effizienzgrenze und Abbildung Effizienzgrenze für die Kosteneffektivität (siehe Kapitel 24.5) zeigen beispielhaft zwei Effizienzgrenzen der Nutzen-Schaden-Analysen und Kosteneffektivitätsanalysen aus dem Evidenzbericht [612] mit den ISNV und den IKEV der verschiedenen (nicht-dominierten) Strategien auf der Effizienzgrenze.

19.5.2 Sensitivitätsanalysen

Die Ergebnisse zur Nutzen-Schaden-Balance und zur Kosteneffektivität waren in Sensitivitätsanalysen über einen weiten Bereich robust [612]. In den meisten Fällen hatte ein 3- bis 5-jährliches HPV-basiertes Screening ein relativ günstiges Schaden-Nutzen-Verhältnis und war als kosteneffektiv anzusehen (IKEV < 50.000 Euro/LJ). Bei der Annahme einer 100%-igen Teilnahmerate liegen die IKEV für alle Strategien mit Screeningintervallen von drei oder weniger Jahren deutlich über 100.000 EUR/LJ. D.h. für Frauen mit 100%-iger Teilnahmerate am Screening wären die HPV-basierten Screeningverfahren mit 5-jährigem Intervall als kosteneffektiv zu bewerten [612].

19.6 Diskussion und Limitationen

Wie jedes entscheidungsanalytisches Modell ist das im Rahmen dieser S3-Leitlinie entwickelte Modell Limitationen und vereinfachenden Annahmen unterworfen. Ein bereits publiziertes und validiertes Modell wurde aktualisiert und an den Kontext der S3-Leitlinie angepasst, so dass nicht alle Aspekte der S3-Leitlinie im Detail untersucht werden konnten (z.B. andere als 2-jährige Screeningintervalle für Frauen im Alter von 25-30 Jahren, Genotypisierung im diagnostischen Work-up). Auch konnten für Deutschland keine empirischen Nutzwerte (Lebensqualitätsindizes) zur Adjustierung der Restlebenserwartung für Nutzen- und Schadensaspekte identifiziert werden. Mangels Evidenz zur Verteilung von Screeningteilnahmeraten im Langzeitverlauf und in Abhängigkeit von Screeningintervallen wurden für Deutschland vorliegende durchschnittliche Teilnahmeraten für die verschiedenen Screeningintervalle verwendet, was insbesondere bei längeren Screeningintervallen zu einem Bias in beide Richtungen führen kann. Eine Impfung gegen HPV wurde in den Analysen nicht berücksichtigt. Eine gute HPV-Durchimpfung in Deutschland würde die optimalen Screeningintervalle in Richtung größere Intervalle verschieben. Mangels verfügbarer Evidenz zu bedingten Testgüten bei wiederholten Tests wurde wie in anderen internationalen Publikationen die vereinfachende Annahme der konditionalen Unabhängigkeit gemacht. Dies führt zu einer zu optimistischen Beurteilung der 1- und 2-jährlichen zytologischen Screeningverfahren im Vergleich zu den HPV-basierten Strategien. Kosten wurden z.T. aus früheren Jahren angepasst und nicht neu erhoben. Aus diesem Grund wurden umfangreiche Sensitivitätsanalysen zur Teilnahmerate, der HPV-Prävalenz, den Testgüten und den Kosten durchgeführt, welche eine Beurteilung der Unsicherheit ermöglichten. In den Sensitivitätsanalysen ergaben sich insgesamt teils variierende Ergebnisse, jedoch waren die Ergebnisse robust im Hinblick auf die abgeleiteten Empfehlungen. Bezüglich der Beurteilung der Kosteneffektivität ist zu bemerken, dass in Deutschland kein expliziter Schwellenwert für ein akzeptables Kosteneffektivitätsverhältnis existiert [631]. Deshalb sollte die Kosteneffektivität des Zervixkarzinomscreenings auch im Vergleich zu anderen Präventionsmaßnahmen beurteilt werden.

Literaturhinweise

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[606] Siebert, U., When should decision-analytic modeling be used in the economic evaluation of health care? [Editorial], European Journal of Health Economics, 2003. 4(3): p. 143-150., pdf, C:\!Fulltext\Siebert\Siebert_2003_Eur, J, Health, Econom_When, should, DA, modeling, be, used, in, econom, eval.pdf

[607] Siebert, U., Transparente Entscheidungen in Public Health mittels systematischer Entscheidungsanalyse, in Public Health. Gesundheit und Gesundheitswesen, Schwartz, F. W.Walter, U.Siegrist, J.Kolip, P.Leidl, R.Dierks, M.-L.Busse, R. and Schneider, N., Editors. 2012, Urban & Fischer in Elsevier: München. p. 517-535., pdf

[608] Lorenz, W., Ollenschlaeger, G., Geraedts, M., Gerlach, F., Gandjour, A., Helou, A., et.al. Das Leitlinien-Manual: Entwicklung und Implementierung von Leitlinien in der Medizin, Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualitätssicherung, 2001. 95(Suppl I): p. 1-84.

[609] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Erarbeitung von Leitlinien für Diagnostik und Therapie - Methodische Empfehlungen ("Leitlinie für Leitlinien", Stand Dez. 2004).Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), 2004., http://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Leitlinien/Werkzeuge/Publikationen/methoden.pdf

[610] Leidl, R., von der Schulenburg, J.M., Wasem, J., Ansätze und Methoden der ökonomischen Evaluation - eine internationale Perspektive Health Technology AssessmentNomos, 1999.

[611] IQWiG, Allgemeine Methoden (Version 4.2)Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 2015.

[612] Sroczynski, G., Siebert, U., Evidence Report: Decision analysis to evaluate benefits, harms and cost-effectiveness of different cervical cancer screening strategies to inform the S3 clinical guideline "Prevention of Cervical Cancer" in the context of the German health care systemUMIT - University for Health Sciences, Medical Informatics and Technology, 2015.

[613] Siebert, U., Muth, C., Sroczynski, G., Velasco-Garrido, M., Gerhardus, A., Gibis, B., Dünnschichtpräparationen und computergestützte Untersuchung von Zervixabstrichen im Rahmen der Krebsfrüherkennung – Medizinische Effektivität, gesundheitsökonomische Evaluation und systematische Entscheidungsanalyse. Schriftenreihe Health Technology Assessment Bd. 35Asgard, 2004. 35: p. 444., pdf

[614] Siebert, U., Sroczynski, G., Hillemanns, P., Engel, J., Stabenow, R., Stegmaier, C., et.al. The German cervical cancer screening model: development and validation of a decision-analytic model for cervical cancer screening in Germany, Eur J Public Health, 2006. 16(2): p. 185-92., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16469759

[615] Sroczynski, G., Schnell-Inderst, P., Muehlberger, N., Lang, K., Aidelsburger, P., Wasem, J., et.al. Entscheidungsanalytische Modellierung zur Evaluation der Langzeit-Effektivität und Kosten-Effektivität des Einsatzes der HPV-DNA-Diagnostik im Rahmen der Zervixkarzinomfrüherkennung in Deutschland. Schriftenreihe Health Technology Assessment Bd. 98Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Bundesministerium für Gesundheit (BMG), 2010. p. 1-127., pdf

[616] Sroczynski, G., Schnell-Inderst, P., Muhlberger, N., Lang, K., Aidelsburger, P., Wasem, J., et.al. Cost-effectiveness of primary HPV screening for cervical cancer in Germany--a decision analysis, Eur J Cancer, 2011. 47(11): p. 1633-46., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21482103

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[618] Drummond, M. F., Schwartz, J. S., Jonsson, B., Luce, B. R., Neumann, P. J., Siebert, U., et.al. Key principles for the improved conduct of health technology assessments for resource allocation decisions, Int J Technol Assess Health Care, 2008. 24(3): p. 244-58; discussion 362-8., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18601792

[619] Drummond, M., Schwartz, J. S., Jonsson, B., Luce, B., Neumann, P., Siebert, U., et.al. Response from the authors of "Key principles for the improved conduct of health technology assessments for resource allocation decisions", Int J Technol Assess Health Care, 2008. 24(3): p. 367-8., pdf, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=Retrieve&db=PubMed&dopt=Citation&list_uids=18601809

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