15. Supportivtherapie, Psychoonkologie und Palliativmedizin – Multiples Myelom
Prof. Dr. Steffen Simon, PD Dr. Karin Hohloch, Dr. Bianca Senf, Dirk Lang, Dr. Christina Gerlach, Dr. Christina Ramsenthaler, Matthias Hellberg-Naegele, Anne Pralong, PD Dr. Sebastian Fetscher, Heinrich Recken
15.1 Supportivtherapie
PD Dr. Karin Hohloch
15.1.1 Antiresorptive Therapie
Im folgenden Kapitel werden die Schlüsselfragen hinsichtlich der antiresorptiven Therapie spezifisch für das Multiplen Myelom beantwortet. Zusätzlich wird auf das Kapitel 10 „Ossäre Komplikationen“ der S3 Leitlinie Supportive Therapie verwiesen (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/supportive-therapie/).
Bei Patienten mit Multiplem Myelom unter RANKL- Inhibitor- Therapie ohne Hyperkalzämie soll gleichzeitig eine Therapie mit Vitamin D und Calcium durchgeführt werden.
- Konsens
- Konsens (79%)
Bei Patienten mit Multiplem Myelom unter Bisphosphonat Therapie ohne Hyperkalzämie kann eine gleichzeitige Therapie mit Vitamin D und Calcium durchgeführt werden.
- Konsens
- Konsens (93%)
Hintergrund
Antiresorptiven Substanzen (Bisphosphonate und RANKL-Inhibitoren), welche bei ossären Manifestationen beim Multiplen Myelom eingesetzt werden, hemmen die Osteoklastenaktivität und reduzieren dadurch die Calcium Freisetzung aus dem Knochen ins periphere Blut. Das Auftreten einer Hypokalzämie wird daher bei der oralen und intravenösen Gabe von Bisphosphonaten sowie bei der Gabe von RANKL-Inhibitoren beobachtet [518], [519], [520], [521]. Als Risikofaktor für das Auftreten einer Hypokalzämie gilt dabei ein initiales niedriges Serumcalcium, ein okkulter Vitamin D Mangel sowie eine gleichzeitige systemische Steroidtherapie [522], [523]. Dabei tritt eine Hypokalzämie bei der Gabe eines RANKL- Inhibitors häufiger auf und ist häufiger klinisch relevant als bei der Gabe eines Bisphosphonates [519], [524], [520], [521]. In der Cochrane Analyse (3 RCTs, n= 1090) zeigte sich kein Unterschied im Auftreten einer Hypokalzämie bei Patienten mit, im Vergleich zu keiner Bisphosphonattherapie (RR für Hypokalzämie 2.19 [95%CI 0.49-9.74, p= 0.30]). Hypokalzämien unter Bisphosphonattherapie verlaufen klinisch meist asymptomatisch [525].
Bei Patienten, unter RANKL-Inhibitoren und gleichzeitiger Substitutionstherapie mit Vitamin D und Calcium, zeigen sich weniger Hypokalzämien [521]. Bei der Gabe eines RANKL-Inhibitors wird daher gleichzeitig die Substitution von Vitamin D und Calcium (400 mg Calcium, 800IE Vitamin D täglich), außer bei bereits initial bestehender Hyperkalzämie, empfohlen. Zu beachten ist, dass bei Erstdiagnose eines Multiplen Myelomes bei 13% aller Patienten eine Hyperkalzämie vorliegt [30].
Bei Patienten mit Multiplem Myelom und Osteolysen sollen Bisphosphonate oder RANK-L Inhibitoren zur Prophylaxe skelettaler Ereignisse angewandt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊕⊝
Gesamtüberleben
⊕⊕⊝⊝Progressionsfreies Überleben
⊕⊕⊕⊝Vertebrale Frakturen
⊕⊕⊕⊝Nicht-vertebrale Frakturen
⊕⊕⊕⊝Skelettassoziierten Ereignissen
⊕⊝⊝⊝Schmerz
⊕⊕⊝⊝Osteonekrose des Kiefers
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [525]
Hintergrund
Skelettale Komplikationen (SRE = Skeletal Related Events) bzw. ossäre Manifestationen sind beim Multiplen Myelom sehr häufig. Bei Erstdiagnose haben 66% der Patienten Osteolysen, 26% pathologische Frakturen, 22% Kompressionsfrakturen, 23% eine Osteoporose und nur 21% einen unauffälligen ossären Befund [30]. Im Verlauf der Erkrankung treten bei ca. 80% der Patienten Osteolysen auf und ca. 43% erleiden pathologische Frakturen [526].
Der Knochenabbau beim Multiplen Myelom entsteht durch gestörte Zytokinsignale zwischen malignen Plasmazellen, Stromazellen des Knochenmarkes sowie Osteoblasten und Osteoklasten. Eine erhöhte Produktion von RANK-Ligand durch die malignen Plasmazellen und den Stromazellen des Knochenmarkes in Verbindung mit der Suppression von löslichem Osteoprotegrin führt zu einer gesteigerten durch Osteoklasten vermittelten Knochenresorption. Andere Zytokine wie IL-6 führen zusätzlich zu einer gesteigerten Osteoklastenaktivität (Cassidy J BD).
Die supportive, osteoprotektive Therapie mit Bisphosphonaten beim Multiplen Myelom reduziert die Gesamtzahl von Wirbelkörperfakturen und vermindert Schmerzen. Nicht vertebragene Frakturen, das Gesamtüberleben bzw. das progressionsfreie Überleben werden durch Bisphosphonate nicht verbessert [525].
In einer Cochrane Analyse vom Juli 2017 wurden 24 Studien mit insgesamt 7293 Patienten untersucht [525]. Zwanzig Studien verglichen die Gabe eines Bisphosphonates versus Placebo, bei 4 Studien wurde die Gabe von zwei verschiedenen Bisphosphonaten bei Patienten mit Multiplem Myelom untersucht. Für den untersuchten Endpunkt Gesamtüberleben (OS) konnten 14 randomisiert kontrollierte Studien (RCTs), für das progressionsfreies Überleben (PFS) 7 RCTs ausgewertet werden, dabei konnte kein Einfluss auf das OS bzw. das PFS bei Gabe eines Bisphosphonatgabe im Vergleich zu Placebo oder keiner Therapie bzw. beim Vergleich von verschiedenen Bisphosphonaten mit einer HR von 0.90 (95% (CI) 0.76;1.07; p = 0.24) für OS und 0.75 (95% CI 0.57;1.00; p = 0.05) für das PFS gezeigt werden. Vertebragene Frakturen konnten durch die Gabe eine Bisphosphonates signifikant gesenkt werden (7 RCTs), mit einem relativen Risiko (RR) von 0.74 (95% CI 0.62;0.89; p = 0.001), wohingegen das Auftreten von nicht vertebragenen Frakturen durch die Gabe eines Bisphosphonates nicht gesenkt werden konnte (6 RCTs) 1.03 (95% CI 0.68;1.56; p = 0.90). Für alle skelettalen Ereignisse (skeletal‐related events = SREs) zeigt sich eine signifikante Reduktion bei Gabe eines Bisphosphonates im Vergleich zu Placebo oder keiner Therapie HR 0.74 (95% CI 0.63;0.88; p = 0.0005).
Eine Verbesserung von Schmerzen (Auswertung von 10 RCT`S) kann durch die Gabe eine Bisphosphonates mit einem gepoolten RR von 0.75 (95% CI 0.60;0.95; p = 0.01) erreicht werden.
Als durch Bisphosphonate versursachte Nebenwirkungen wurden in der Cochrane Analyse Osteonekrosen des Kiefers, gastrointestinale Nebenwirkungen und das Auftreten einer Hypokalzämie untersucht [525]. Bei Gabe eines Bisphosphonates im Vergleich zu Placebo oder keiner Therapie zeigte sich ein deutlich erhöhtes Risiko eine Kieferosteonekrose zu erleiden (6 RCTs) mit einem gepoolten RR von 4.61 (95% CI 0.99;21.35; p = 0.05). Beim Vergleich der verschiedenen Bisphosphonate in einer Netzwerk Metaanalyse (NMA) [525] zeigte sich keine unterschiedliche Häufigkeit im Auftreten einer Kieferosteonekrose. Zusätzlich wird auf die S3- Leitlinie S3-Leitlinie 007/091: Antiresorptiva-assoziierte Kie-fernekrosen (AR-ONJ) verwiesen (Kapitel Prophylaxe vor Antiresorptiva Therapie 3.3) [527]. Für das Auftreten von gastrointestinalen Symptomen (es wurden alle Symptome erfasst) zeigte sich kein erhöhtes Risiko für Patienten, welche ein Bisphosphonat erhalten haben im Vergleich zu Placebo oder keiner Therapie mit einem gepoolten RR von 1.23 (95% CI 0.95;1.59; p = 0.12). Ebenso war das Auftreten einer Hypokalzämie bei Gabe eines Bisphosphonates im Vergleich zu Placebo oder keiner Therapie nicht erhöht (gepoolten RR von 2.19 (95% CI 0.49; 9.74; p = 0.30)). Beim Vergleich verschiedener Bisphosphonate in einer NMA ergab sich kein Unterscheid im Auftreten einer Hypokalzämie [525].
Hintergrund
Für den Einsatz des RANK-L Inhibitors Denosumab beim Multiplen Myelom liegen drei randomisierte, kontrollierte Studien vor. In allen Studien wurde als Komparator das Bisphosphonat Zoledronsäure eingesetzt. In der Studie von Raje 2016 [528] und Diel 2015 [529] wurden Patienten mit soliden Tumoren oder einem Multiplen Myelomen eingeschlossen, in der Studie von Raje 2018 (Raje, Terpos et al. 2018) nur Patienten mit Multiplem Myelom. In zwei Studien [528], [530] war der primäre Endpunkt die Zeit bis zum Auftreten des ersten SRE, sekundären Endpunkte waren OS, PFS, sowie alle folgenden SREs und das Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen. In der Studie von Diel war der primäre Endpunkt das Auftreten der ersten Hyperkalzämie.
Die Studie von Raje 2016 [528] ist eine ad- hoc Analyse der Studie von Henry et.al [531], welche randomisiert den Einsatz von Zoledronsäure (n=890) versus Denosumab (n=886) bei Patienten mit soliden Tumoren, (nicht eingeschlossen waren Patienten mit Prostata oder Mammakarzinom) und Multiplem Myelom untersucht hat. In dieser Studie zeigt sich eine nicht-Unterlegenheit von Denosumab im Vergleich zu Zoledronsäure im Hinblick auf das Auftreten von SREs, für das OS gab es keine Evidenz für einen Unterschied.
Die Subgruppenanalyse von Raje (2016) [528] umfasst die 180 Patienten mit Multiplem Myelom aus dieser Studie. In dieser Subgruppe zeigt sich kein Unterscheid für den primären Endpunkt der Studie: Zeit bis zum Auftreten des ersten SRE (HR 1.03; 95% CI 0.68–1.57; p= 0.9) und Zeit bis zum Auftretend aller folgenden SRE (HR 1.21; 95% CI 0.86–1.71; P= 0.3), vergleichbar mit den Ergebnissen der Gesamtstudie. Für das Gesamtüberleben zeigte sich in der Subgruppenanalyse Multiples Myelom ein signifikanter Vorteil für die Zoledronsäuregruppe im Vergleich zu Denosumab (HR 2.26; 95% CI 1.13–4.50; p= 0.014). Dieser Unterschied wird auf Imbalancen in den Baseline Charakteristika der Patienten zurückgeführt. Patienten im Zoledronsäure-Arm hatten häufiger einen ECOG <1 (32% vs.24%) und ein günstigeres Tumorstadium (ISS 1 14% vs.10%), mehr Patienten wurden stammzelltransplantiert (25% vs. 17%) oder hatten modernere Therapien (96% vs. 88%). Wohingegen im Densoumab-Arm mehr Patienten mit schlechterer Nierenfunktion (Krea-CL ≥30-<40ml/min) (2% vs. 10%) eingeschlossen waren. Als zusätzlicher Faktor für die häufigeren Todesfälle im Denosumab-Arm (8 Pat. im Zoledronsäurearm vs. 19 Pat. Im Denosumab Arm p= 0.02) wurde eine höhere Rate von frühen Ausschlüssen (Monat 3 und 15) aus der Studie (13 Pat., 14% Zoledronsäurearm vs. 6 Pat., 7% im Denosumab Arm) identifiziert. Grund für die frühen Studienausschlüsse waren loss of follow up und Rückzug der Einwilligungserklärung.
In der doppelblind, randomisierten Phase III Studie von Raje (2018) [530] wurde die Gabe von Denosumab versus Zoledronsäure bei Patienten mit Multiplem Myelom mit mindestens einer skelettalen Läsion respektive Osteolyse untersucht. Die primären Endpunkte waren OS, PFS; AE, Zeitpunkt zum Auftreten des ersten SRE in der Studie sowie alle nachfolgenden SRE. Im OS (HR 0.90, 95% CI 0.70–1.16; p=0.41), PFS (HR 0.82, 95% CI 0.68–0.99; deskriptive p=0.036) sowie für AE (96%/53% AE/SAE im Denosumab-Arm; 97%/56% im Zoledronsäure-Arm) zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Für das Auftreten des ersten SRE in der Studie (HR 1.03; 95% CI 0.68–1.57; p=0.9) war Denosumab der Zoledronsäure nicht unterlegen. Für das Auftreten des ersten SRE und der nachfolgenden SRE war Denosumab gleichwertig (HR 1.21; 95% CI 0.86–1.71; P=0.3). Mit dieser Studie erfolgte die Zulassung von Denosumab auch für das Multiple Myelom.
Zusätzlich wird auf die S3- Leitlinie Supportive Therapie verwiesen (Kapitel Medikamentöse Intervention 10.2.3.3).
Bei Patienten ohne Osteolysen, einem solitären Plasmozytom oder einem Smoldering Myeloma sollte kein Bisphosphonat oder RANK-L Inhibitor gegeben werden.
- Konsens
- Konsens (93%)
Bei Patienten mit Multiplem Myelom und einer Osteopenie oder Osteoporose ohne Nachweis von Osteolysen kann ein in dieser Indikation zugelassenes Bisphosphonatpräparat in der für diese Indikation empfohlene Dosierung eingesetzt werden.
- Konsens
- Konsens (93%)
Hintergrund
In der Cochrane Analyse wurden bei 14 der 23 RCT`S keine Angaben zur Anzahl der bestehenden ossären Läsionen gemacht. Bei 2 von 23 Studien wurden Patienten mit ossären Läsionen, gleich welcher Anzahl, eingeschlossen, bei 7 der 23 Studien wurden Patienten mit mindestens einer Läsion eingeschlossen. Die Bewertung des Nutzens einer Bisphosphonattherapie bei Patienten ohne Vorliegen von Skelettkomplikationen kann somit nur indirekt sein und leitet sich aus dem gezeigten Nutzen bei Patienten mit skelettalen Komplikationen ab.
In den ASCO Guidelines von 2018 [532] wird bei Vorliegen einer Osteopenie ohne Nachweis von Osteolysen bei Patienten mit solitärem Plasmozytom, Smoldering Myelom oder einem indolenten Myelom die Gabe von Bisphosphonaten nicht empfohlen. Bei Patienten mit Multiplem Myelom und einer Osteopenie ohne Nachweis von Osteolysen wird vom Expertenpanel eine Bisphosphonatgabe unterstützt [532]. In den Guidelines der International Myeloma Working Group (IMWG) ist die Bisphosphonatgabe für symptomatische Patienten ohne Osteolysen im konventionellen Röntgen eine „kann“ Empfehlung (IB) mit dem Vermerk das der Nutzen für Patienten ohne Nachweis von knöchernen Läsionen im MRT oder PET-CT nicht belegt ist. Für asymptomatische Patienten mit Multiplem Myelom ohne ossären Befall wird eine Bisphosphonatgabe nicht empfohlen [533].
Nicht alle Bisphosphonate sind in Deutschland zur Therapie einer Osteoporose/Osteopenie zugelassen.
Bei Patienten mit Multiplem Myelom ohne Osteolysen sollen RANKL-Inhibitoren nicht angewandt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
In allen randomisierten kontrollierten Phase III Studien zum Multiplen Myelom [531], [519], [528] [530], die den Einsatz von Bisphosphonaten versus Denosumab verglichen haben, war als Einschlusskriterium das Vorliegen einer skelettalen Läsion respektive Osteolyse gefordert. Daher lässt sich daraus keine evidenzbasierte Empfehlung ableiten.
Denosumab ist in Deutschland beim Multiplen Myelom aufgrund der gezeigten Nichtunterlegenheit gegenüber Zolderonsäure bei Patienten mit Multiplem Myelom und mindestens einer nachgewiesenen Osteolyse zugelassen [530]. Bei Patienten mit Multiplem Myleom ohne Osteolysen liegen keine Daten vor.
Bisphosphonate werden in der Regel gut vertragen, die Gabe kann aber mit unerwünschten Nebenwirkungen wie Osteonekrosen des Kiefers, Nephrotoxizität und Hypokalzämie assoziiert sein. Die Inzidenz der Kieferosteonekrose steigt mit der kumulativen Dosis und liegt für Patienten mit einer Behandlungsdauer von 4-12 Monate bei 1.5%, bei 37-48 Monaten bei 7.7% [534]. Das optimale Dosierungsintervall für Bisphosphonate ist unklar, der Abstand von 3-4 Wochen ist eher empirisch als durch pharmakokinetische Studien festgelegt.
Zur Frage des Dosierungsintervalles von Bisphosphonaten beim Multiplen Myelom liegt eine Studie vor. In der Studie von Himmelstein et. al (2017) [535] mit 1822 Patienten (Pat. mit Mammakarzinom n= 833, Prostatakarzinom n= 674, Myelom n= 270, andere n= 40) wurde überprüft, ob die Gabe von Zoledronsäure alle 12 Wochen ausreichend ist, um das Auftreten von SREs gleichermaßen zu verhindern. Als primärer Studienendpunkt wurde die Anzahl an Patienten erfasst, die mindestens ein SRE (Strahlentherapie oder Operation des Knochens, Frakturen, Kompression des Rückenmarks) innerhalb von 2 Jahren erlitten. Der Anteil an Patienten, die während des Studienzeitraums ≥ 1 SRE erlitten war in beiden Gruppen nahezu identisch: 29 % der Patienten, die Zoledronsäure monatlich erhielten (260/911) und 28 % der Patienten mit einem dreimonatigen Applikationszyklus (95 % KI: -3,35-5,1 %, p = 0,79). Des Weiteren konnten innerhalb der Gruppen keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Tumorart, Schmerzscores, Performance-Status, Osteonekrosen des Kiefers oder Zeit bis zum Auftreten eines SREs festgestellt werden.
Zum Dosierungsintervall von Densoumab beim Multiplen Myelom liegen aktuell keine kontrolliert randomisierte Studien vor. Die aktuell laufende Studie der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für klinische Krebsforschung (SAKK) untersucht dies für solide Tumoren in der SAKK 96/12 Studie.
Zur Prävention und zum Management von Zahnkomplikationen unter Bisphosphonaten oder RANKL- Inhibitoren wird auf die Leitlinie Supportive Therapie verwiesen (Kapitel Medikamentöse Interventionen 10.2.4).
Eine zeitlich unbeschränkte Gabe eines Bisphosphonates beim Multiplen Myelom sollte nicht erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Dauer der Bisphosphonatgabe beim Multiplen Myelom ist nicht gut untersucht In der Cochrane Analyse [525] zeigte eine zusätzlich durchgeführte Sensitivitätsanalyse zur Dauer der Therapie (unbestimmt versus 0-24 Monate) keinen Unterschied für alle Outcomes bis auf das Auftreten von nicht vertebragenen Frakturen.
Die einzige RCT Studie dazu ist die Studie von McCloskey [536]. Diese konnte in einer kleinen Subgruppenanalyse bei Patienten ohne initiale Skelettläsionen einen signifikanten Überlebensvorteil für Patienten mit Clodronattherapie im Vergleich zu Patienten im Placebo Arm zeigen. Weitere 4 RCTs mit einer Therapiedauer von 0-24 Monaten zeigten keinen Vorteil für eine unbegrenzte Bisphophonattherapie [525].
15.1.2 Infektionsprophylaxe
Zur Prävention und Management einer Schweres-akutes-Atemwegssyndrom-Coronavirus Typ 2 (SARS-CoV-2) Infektion wird auf die jeweils gültige Version der AWMF-Leitlinie zu Coronavirus-Infektion (COVID-19) bei Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen (Register-Nr. 018 - 037, verfügbar unter https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/018-037.html) verwiesen.
Eine Impfung gegen Streptococcus pneumoniae und Influenza soll bei Patienten mit Multiplem Myelom zusätzlich zu den Standardimpfungen (für chronisch kranke Menschen) erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Patienten mit Multiplem Myelom sind häufig > 60 Jahre und zusätzlich durch die zugrundeliegende Erkrankung und die durchgeführte Tumortherapie immunsupprimiert. Für Patienten > 60 Jahre und für immunsupprimierte Patienten wird von der STIKO zusätzlich zu den Standardimpfungen eine Impfung gegen Influenza und Pneumokokken empfohlen. Eine Impfung gegen H. Influenzae ist in den Leitlinien der AGIHO (Arbeitsgemeinschaft Infektionen in der Hämatologie und Onkologie) und DGHO (Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie) eine Grad IIC Empfehlung [537].
Der Zeitpunkt der Impfung ist, wenn möglich vor Beginn der Therapie bzw. vor zusätzlichen immunsuppressiven Maßnahmen zu wählen. Eine Studie von 2002 konnte zeigen, dass bei Patienten mit Multiplem Myelom die Impfantwort nach einer Impfung gegen S. pneumoniae und H. influenzae ungenügend war und nur bei 19% (9/48) der Patienten protektive Impftiter erreicht werden konnten [538]. Für die Influenza Impfung gibt es Hinweise, dass eine sequenzielle Impfung bessere Impfergebnisse bei Patienten mit Multiplem Myelom erzielen kann [539].
Nach erfolgter autologer Stammzelltransplantation ist ein erneuter Impfschutz notwendig (siehe Kapitel 17.1).
Eine antiinfektiöse Prophylaxe soll abhängig von der durchgeführten Therapie, den individuellen sowie krankheits- und therapieassoziierten Risikofaktoren erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Patienten mit Multiplem Myelom haben bedingt durch das höhere Alter, Immundefekte durch die zugrundeliegende Erkrankung, begleitende Komorbiditäten und therapieassoziierte Toxizitäten ein erhöhtes Infektionsrisiko [540]. Infektiöse Komplikationen sind die häufigste Todesursache und treten insbesondere zu Beginn der Erkrankung in den ersten 4 Monaten auf [541], [542].
Unter konventionellen Chemotherapieregimen kommt es bei älteren Kombinationen wie z.B: Melphalan/Prednison häufig zu Bakteriämien und Pneumonien mit Streptococcus pneumoniae, Staphylococcus aureus, oder Escherichia coli [543]. Auch höhere Dosen von Dexamethason (40 mg versus 20 mg) sind mit einem höheren Risiko für bakterielle Infektionen verbunden [544]. Unter systemischen Steroiden und Therapien mit CD4/CD8 Inversion steigt zusätzlich das Risiko einer Pneumocystis jiirovecii Infektion [545], [546]. Bei der Gabe von Lenalidomid oder Pomalidomid in Kombination mit Dexamethason ist insbesondere in den ersten Monaten die Infektionsrate erhöht [547], [548]. Für Thalidomid in Kombination mit Prednison und Melphalan ist keine erhöhte Infektionsrate beschrieben [549]. Unter Proteasominhibitoren sind bakterielle Infekte nicht gehäuft, allerdings zeigen sich durch den T-Zell vermittelten immunsuppressiven Effekt oft Reaktivierungen von Varizella Zoster Infektionen [550], [551].
Bei Kombinationstherapien mit monoklonalen Antikörpern ist die Rate an Infektionen des oberen Respirationstraktes unter Daratumumab leicht erhöht [552], bei Kombinationen mit Elotuzumab scheint es zu keiner signifikanten Erhöhung der Infektionsrate zu kommen (Lonial, Dimopoulos et al. 2015). Dies wird durch eine Metaanalyse unterstützt, bei der sich kein signifikanter Unterschied hinsichtlich der Infektionsrate (Pneumonie) bei AK-Kombinationen (Daratumuab, Elotuzumab) im Vergleich zu AK -freien Kombinationen zeigte [469].
In einer randomisierten, doppelt- blind, placebokontrollierten Studie aus Grossbritannien konnte bei Patienten mit neu diagnostiziertem Multiplen Myelom durch eine 12-wöchige Levofloxazin Prophylaxe (2x 250 mg p.o.) gelichzeitig mit Beginn der myelomspezifischen Therapie die Rate an febrilen Episoden sowie die Maortalität im Vergleich zu Placebo signifikant gesenkt werden [553]. Zur Infektionsprophylaxe bei den spezifischen Therapien und autologer Stamzelltransplantation wird auf die jeweiligen Kapitel verwiesen.
Eine Immunglobulinsubstitution sollte bei Patienten mit Multiplem Myelom mit Hyopgammaglobuinämie und rezidivierenden Infekten erfolgen.
*CAVE: Zulassung nur bei bestimmten Indikationen
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊝⊝
Gesamtüberleben
⊕⊕⊝⊝Infektionsreduktion
⊕⊕⊕⊕Unerwünschte Ereignisse // Lebensqualität: not reported
- Konsens
- Konsens (94%)
- Literatur
- [554]
Hintergrund
Infektionen sind eine der häufigsten Erkrankungsursachen beim Multiplen Myelom und eine der Haupttodesursachen [540]. Die Ursache der Infektanfälligkeit beim Multiplen Myelom ist multifaktoriell, wobei sich am häufigsten eine Hypogammaglobulinämie zeigt. In einer populationsbasierten, schwedischen Studie mit 9253 Patienten mit Multiplem Myelom, welche zwischen 1988 und 2004 diagnostiziert worden waren und bis 2007 beobachtet wurden, zeigte sich im Vergleich mit 34.932 gematchten Kontrollen ein 7-fach erhöhtes Risiko einer Infektion für Patienten mit Multiplem Myelom. Dabei war das Risiko einer bakteriellen Infektion 7- fach (7.1; CI 95% 6.8–7.4), für eine virale Infektion 10-fach (CI 95% 10.0; 8.9–11.4) erhöht. Nach einem follow-up von einem Jahr zeigte sich bei 22% aller Todesfälle als Ursache eine Infektion [555]. Bei Patienten mit Erstdiagnose oder im Rezidiv eines Multiplen Myeloms zeigten sich virale, Pilz- und bakterielle Infektionen. Bei Patienten in einer stabilen bzw. „Plateau“-Phase zeigten sich überwiegend Infektionen mit S. pneumoniae oder H. influenzae, welche typisch für einen Defekt in der humoralen Immunität sind [556]. Zu beachten ist, dass diese Daten überwiegend vor Einführung der neuen, immunaktiven Therapeutika wie Proteasom-Inhibitoren und monoklonale Antikörper erhoben worden sind.
In einer älteren Cochrane Analyse von 2008 konnte nach Auswertung von 10 RCTs kein Überlebensvorteil für die Gabe von intravenösen Immunglobulinen (IVIG) bei Patienten mit lymphoproliferativen Erkrankungen (CLL; Multiplem Myelom) gezeigt werden, allerdings ergab sich eine wesentliche Reduktion der Infektionsraten [556]. In einer Meta-Analyse von 2009 bei Patienten mit CLL und Multiplem Myelom wurden 9 RCTs ausgewertet, welche die Gabe von IVIG versus Kontrolle verglichen hatten [554]. Der primäre Endpunkt war die Gesamtmortalität sowie schwere Infektionen. Eine Überlebensvorteil für die Patienten mit IVIG konnte ebenfalls nicht gezeigt werden RR 1.36 (95% CI 0.58–3.19, 2 Studien), allerdings zeigte sich eine signifikante Reduktion von schweren Infektionen RR 0.45 (95% CI 0.27–0.75, 3 Studien) und eine signifikante Reduktion von klinisch dokumentierten Infektionen RR 0.49 (95% CI 0.39–0.61, 3 Studien). Im IVIG Arm traten häufiger unerwünschte Nebenwirkungen (erhöhte Rate an Hypokalzämien, gastrointestinaler Toxizität und Nierenfunktionseinschränkungen) auf, eine Unterbrechung der IVIG Gabe war jedoch nicht notwendig.
Drei kleinere nicht randomisierte Studien konnten ebenfalls einen Effekt auf die Infektionsrate bei Patienten mit sekundärem Immundefekt (SID) zeigen. Eine retrospektive Kohortenstudie von 2015 untersuchte Patienten, die an CLL, FL oder MM erkrankt waren mit einem sekundären Antikörpermangels oder einem IgG-Subklassenmangel und verglich Patienten mit (n = 57, MM n = 22) und ohne (n = 167; MM n = 69) IVIG [557]. Ein Überlebensvorteil konnte für die substituierten Patienten nicht gezeigt werden, die infektionsrate ging bei 46% der substituierten Patienten zurück. In einer unizentrischen Kohortenstudie von 2017 [558] mit 307 Patienten, konnte die 1- Jahres Infektionsrate von 82% vor IVIG oder s.c. Immunglobulinen auf 21% unter Immunglobulin Substitution gesenkt werden. Eingeschlossen waren Patienten mit CLL, MM, indolenten Lymphomen, non- Hodgkin Lymphomen oder HIV. Die dritte Studie von 2010 mit nur 47 Patienten (Patienten mit Multiplem Myelom unter Therapie und rezidivierenden moderaten Infekten) zeigte ebenfalls eine signifikante Reduktion der Infektionen bei IVIG substituierten Patienten mit einem relativen Risiko von 0.13 (95% CI 0.09; 0.19; p<0.001).
In Deutschland sind Immunglobuline zugelassen je nach Präparat entweder bei:
- Hypogammaglobulinämie und rezidivierenden bakteriellen Infektionen bei Patienten mit multiplem Myelom in der Plateauphase, die nicht auf eine Pneumokokkenimmunisierung angesprochen haben.
oder bei:
- sekundärem Immunmangel (SID) bei Patienten mit schweren oder rezidivierenden Infektionen, unwirksamer antimikrobieller Behandlung, fehlender Impfantwort einer IgG-Konzentration im Blut von < 4 g
Von der Bundesärztekammer wird in der Querschnittsleitlinie zur Hämotherapie (Querschnitts-Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten, überarbeitete Auflage 2014) bei Patienten mit Multiplem Myelom und sekundärem Antiköpermangel und klinisch relevanten Infekten eine Immunglobulinsubstitution mit einer 1A Empfehlung („soll“) erfolgen. Diese Empfehlung stützt sich auf die signifikante Reduktion von schweren Infekten durch den prophylaktischen Einsatz von Immunglobulinen. Da in der hier konsentierten Empfehlung die Gesamtmortalität mit betrachtet wurde, weicht die Empfehlung von Der der Bundesärztekammer ab.
15.1.3 Thromboembolieprophylaxe
Bei Patienten mit multiplem Myelom, welche eine Therapie mit Thalidomid, Lenalidomid, oder Pomalidomid in Kombination mit Chemotherapie und/oder Dexamethason erhalten soll bei niedrigem Risiko eine Thromboseprophylaxe mit ASS, bei hohem Risiko mit niedermolekularem Heparin durchgeführt werden.
Risikofaktoren siehe Tabelle "Risikofaktoren und Biomarker für Tumorassoziierte Thromboembolie".
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Im Vergleich zur Normalbevölkerung haben Tumorpatienten ein ca. 7-10 Fach erhöhtes Risiko für eine venöse Thromboembolie (VTE) (0.7 ‰ versus 7%). Bei hämatologischen Patienten ist das Risiko ca. 28fach erhöht, Patienten mit Multiplen Myelom weisen das höchste Risiko für ein thromboembolisches Ereignis auf [559].
Bei einer Monotherapie mit Immunmodulatorischen Substanzen wie Thalidomid, Lenalidomid, oder Pomalidomid (IMIDe) ist die Inzidenz von VTE bei Erstdiagnose und im Rezidiv eines Multiplen Myeloms nicht erhöht und liegt bei 2-4%. Bei einer Kombinationstherapie insbesondere mit Dexamethason liegt die Inzidenz für eine VTE bei Neudiagnose für Thalidomid bei 14-26% und bei 5-75% für Lenalidomid. Im Rezidiv liegt die Inzidenz für Thalidomid bei 2-8% für Lenalidomid bei 8-16% und 2-3% für Pomalidomid [560]. Dabei steigt das Risiko mit zunehmender Dexamethasondosis. Bei der Kombination von Thalidomid mit Chemotherapie zeigt sich ebenfalls ein erhöhtes Risiko für eine VTE bei Erstdiagnose (10-35%) und im Rezidiv (4-15%). Für die Kombination von Lenalidomid mit einer Chemotherapie liegen für die Erstlinientherapie keine Daten ohne Thromboseprophylaxe vor, für die Rezidivtherapie liegt die Inzidenz von thromboembolischen Ereignissen von thromboembolischen Ereignissen bei 8-16% (Palumbo, Rajkumar et al. 2008). In der ersten Studie mit Pomalidomid bei rezidiviertem bzw. refraktärem Multiplem Myelom zeigte sich bei Monotherapie eine Rate von 3% thromboebolischen Ereignissen bei Kombination mit niedrig dosiertem Dexamethason von 2%. Bei allen Patienten erfolgte eine ASS Prophylaxe. Die niedere Inzidenz eines thromboembolischen Ereignisses unter einer ASS Prophylaxe, bei Kombination von niedrig (2%) oder hochdosiertem (3%) Dexamethason mit Pomalidomid wurde in der Studie von St. Miguel bestätigt [561].
Bei der Kombination von Pomalidomid/ Bortezomib und Dexamethason traten bei 16% thromboembolische Komplikationen auf (1% TVT, 11% LE) im Vergleich zu <1% bei Therapie mit Bortezomib und Dexamethason [502]. Patienten dieser Studie erhielten entweder eine Prophylaxe mit ASS oder NMH unabhängig vom Therapiearm, 70% aller Patienten erhielten nur eine ASS Prophylaxe. Ob die erhöhte Inzidenz von thromboembolischen Ereignissen der Kombination von Pomalidomid mit Bortezomib und Dexamethason liegt oder die Thromboseprophylaxe nicht ausreichend war ist unklar.
Zur Thromboseprophylaxe bei Patienten mit Multiplem Myelom und IMID Therapie gibt es zwei randomisierte Studien. In der Studie von Palumbo [562] wurden neu diagnostizierte Patienten nach Transplantierbarkeit stratifiziert und mit einem thalidomidhaltigen Regime behandelt (transplantabel: VTD vs. TD, nicht transplantabel: VMPT-VT vs. VT). Die Thromboseprophylaxe erfolgte randomisiert mit ASS 100 mg, Warfarin 1.25 mg/die oder Enoxaparin 40 mg/die. 43 (6.5%) Patienten hatten akute Ereignisse (thromboembolisch, kardiovaskulär oder plötzlicher Tod in den ersten 6 Monaten davon 8,2% in der Warfarin Gruppe, 6.4% in der ASS und 5% in der NMH Gruppe. Patientin mit hohem Risiko (VTE in der Vorgeschichte, Herzerkrankung, schlecht eingestellter Diabetes, Infektionen oder Immobilisation) waren nicht in der Studie eingeschlossen [562]. In der zweiten Studie wurden Patienten mit neu diagnostiziertem Multiplem Myelom und Therapie mit Lenalidomid und low dose Dexamethason Induktion gefolgt von einer Lenalidomid- Melphalan- Prednison Konsolidierung randomisiert in low dose ASS 100 mg oder Enoxaparin 40 mg. Die Inzidenz einer tiefen Beinvenenthrombose war 2.27 % in der ASS Gruppe und 1.20 % in der NMH Gruppe, eine Lungenembolie zeigte sich bei 1.7% in der ASS Gruppe und bei keinem Patienten in der NMH Gruppe [563]. In dieser Studie war nur ein kleiner Anteil von Patienten mit Risikofaktoren (Diabetes mellitus, art. Hypertonie, Dyslipidämie) eingeschlossen (ASS 10%, NMH 6%), nur 2% aller Patienten hatten mehr als 2 Risikofaktoren.
Daten zur Thromboembolieprophylaxe bei Lenalidomid Erhaltungstherapie liegen nur indirekt aus Therapieoptimierungsstudien vor. In Analogie zur Prophylaxe bei der Monotherapie mit Lenalidomid kann indirekt geschlossen werden, dass das Thromboembolierisiko ohne zusätzliche Gabe von Dexamethason nicht erhöht ist. Zusätzlich sind viele Patienten in kompletter Remission. In der Studie von Attal et.al. welche eine Lenalidomid Erhaltungstherapie versus keine Erhaltungstherapie nach autologer Stamzelltransplantation untersuchte zeigten sich im Lenalidomid Arm tiefe Beinvenenthrombosen bei 6% der Patienten im Vergleich zu 2% in der Placebo Gruppe. Eine Thromboseprophylaxe wurde in dieser Studie nicht durchgeführt (p=0.01) [434]. Die Studie von Palumbo mit nicht transplantablen Patienten, welche nach einer Induktionstherapie mit MP oder MPR entweder ein Placebo oder eine Lenalidomid Erhaltungstherapie erhielten, kam es bei 3% im Lenalidomid im Vergleich zu 1% im MP Arm zu einer tiefen Beinvenenthrombose. In dieser Studie hatten alle Patienten währen der Induktion eine ASS Prophylaxe während der Erhaltungstherapie lag die Prophylaxe im Ermessen des behandelnden Arztes [367]. Eine Entscheidung, ob die Thromboseprophylaxe während der Erhaltungstherapie mit Lenalidomid weitergeführt wird, kann daher nur individuell, abhängig von den vorliegenden Risikofaktoren (z.B. Remissionsstatus, stattgehabte LE, erhöhtes Risiko für thromboembolische Ereignisse) getroffen werden.
15.1.4 Anämie
Bei Patienten mit Tumorerkrankungen tritt sehr häufig eine Anämie auf. Diese kann durch die Tumorerkrankung selbst oder die tumorspezifische Therapie bedingt sein.
Bei Patienten mit Multiplem Myelom ist das Vorliegen einer meist normochrom normozytären Anämie ein Leitsymptom und liegt bei Erstdiagnose in ca. 70% der Fälle vor. Die Anämie ist meist moderat, nur ein kleiner Teil der Patienten hat einen Hb < 8g/dl [30]. Die Genese der Anämie beim Multiplen Myelom ist meist eine Bildungsstörung bei Erythropoetinmangel aufgrund einer gleichzeitig bestehenden Niereninsuffizienz, oder eine Knochenmarkinfiltration mit Verdrängung der gesunden Hämatopoese. Häufig ist die Anämie dabei stärker ausgeprägt als die Niereninsuffizienz bzw. die Knochenmarkinfiltration erwarten lassen so dass zusätzlich eine Zytokin-vermittelte Knochenmarksuppression durch das Multiple Myelom vermutet wird [564], [565], [566].
Grundsätzlich unterscheidet sich das Management einer Anämie beim Multiplen Myelom nicht wesentlich von einer Anämie bei anderen Tumorerkrankungen, so dass im Weiteren auf das Kapitel 3. Tumortherapieinduzierte Anämie der S3 Leitlinie Supportive Therapie verwiesen wird.
15.1.5 Diarrhoe (spezifisch)
Bei Lenalodomid-induzierter Diarrhoe kann ein Gallesäurenbinder eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Diarrhoe beim Multiplem Myelom kann unterschiedliche Ursachen haben und ist häufig multifaktoriell bedingt. Ein eingeschränktes Immunsystem durch das Myelom die applizierte Chemotherapie, erfolgte Stammzelltransplantation, Chemotherapeutika, Nahrungsergänzung, Infektionen, eine Graft versus host Reaktion nach allogener Stammzelltransplantation, Stress oder die Erkrankung an sich können Diarrhoen auslösen [567]. Als Konsequenz können Elektrolytstörungen, Malabsorption mit konsekutiver Mangelernährung und Gewichtsverlust sowie eine eingeschränkte Lebensqualität folgen.
Hier soll nur auf die therapieinduzierte Diarrhoe beim Multiplen Myelom eingegangen werden zur weiteren Abklärung und Diagnostik einer Diarrhoe bei onkologischen Patienten wird auf die Leitleine supportive Therapie Kapitel Diarrhoe verwiesen.
Panobinostat verursacht bei Patienten mit Multiplem Myleom in 10-20% akute Diarrhoen [568], für Bortezomib wird eine Rate 6-9% therapieassoziierter Diarrhoe beschrieben [569]. Unter Lenalidomid kann es dagegen zu einer stark verzögert auftretenden Diarrhoe nach einer mittleren Therapiedauer von 17-24 Monaten kommen. Als Ursache werden entzündliche Veränderungen der Darmschleimhaut mit lymphozytären Infiltraten sowie eine gestörte Gallensäuren Absorption postuliert. Häufig führt dies zu einer Dosisreduktion bzw. zum Absetzen der Lenalidomid Therapie. Ein kleine Fallserie mit 12 Patienten konnte zeigen das die Gabe eines Gallesäurenbinder zu einer Besserung der Diarrhoe führt [570].
15.2 Schmerztherapie (unabhängig vom Krankheitsstadium)
Prof. Dr. Steffen Simon, Dr. Christina Gerlach, Dr. Christina Ramsenthaler, Anne Pralong
Bei Patienten mit einem Multiplen Myelom unabhängig des Krankheitsstadiums und mit Schmerzen soll eine wirksame und leitliniengerechte Schmerztherapie durchgeführt werden.
Verweis auf Kapitel „Tumorschmerz“ der S3-Leitlinie Palliativmedizin.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten mit einem Multiplen Myelom sollten unabhängig des Krankheitsstadiums NSAR wegen potenzieller Nierenschädigung nicht eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Es wird auf das Kapitel medikamentöse Tumorschmerztherapie der S3-Leitlinie Palliativmedizin des Onkologischen Leitlinienprogramms verwiesen (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/palliativmedizin/).
Schmerz ist ein relativ häufiges Symptom bei Patienten mit multiplem Myelom, dessen Prävalenz im Studienvergleich eine hohe Bandbreite aufweist. In einer Metaanalyse betrug die gepoolte/gebündelte Prävalenz von Schmerz 58,6% (95% CI; 8,8;95,2) und die Prävalenz von schweren Schmerzen 44,7%, (95% CI: 2,2;97,7) [571]. Neben den häufigen nozizeptiven Schmerzen, die mit den durch das multiple Myelom verursachten Knochenläsionen (inkl. Frakturen) assoziiert sind, können auch neuropathische Schmerzen auftreten. Die Pathogenese der neuropathischen Schmerzen kann sehr unterschiedlich sein (kompressiv, z.B. durch epidurale Spinalkanalkompression; durch die Knochenläsionen und damit verbundener nervaler Beteiligung; oder aufgrund peripherer Neuropathie, z.B. durch Amyloidose oder als Nebenwirkung der tumorspezifischen Therapien) [572], [251].
Eine adäquate Schmerzbehandlung setzt die Erfassung der Schmerzsymptomatik voraus. Anamnese und klinische Untersuchung als Bestandteil einer Basisdiagnostik haben als Ziel, die Ausbreitung und Dynamik der Schmerzen, die Schmerzätiologie, den Schmerztyp (nozizeptiv, neuropathisch) und die Schmerzintensität zu erfassen. Diese Parameter sind zu Beginn und im Verlauf der Erkrankung regelmäßig zu messen. Fragebögen können sinnvoll eingesetzt werden [573].
Die Behandlungsstrategie schließt eine kausale und eine symptomatische Schmerzbehandlung ein. Zur kausalen Schmerztherapie wird insbesondere auf das Kapitel 16.1.1 Antiresorptive Therapie und 13.3 Indikation zur Strahlentherapie verwiesen. Die symptomatische Therapie soll leitliniengerecht und parallel zu tumorspezifischen Therapien durchgeführt werden. Hiermit soll eine für den Patienten akzeptable Lebensqualität im Lauf seiner gesamten Erkrankung erreicht werden.
Pharmakologische Schmerztherapie
Neben nicht-pharmakologische Maßnahmen wie Physiotherapie oder psychotherapeutische Verfahren stellt die medikamentöse Therapie einen zentralen Bestandteil für eine adäquate analgetische Behandlung dar. Zur pharmakologischen Schmerztherapie wird auf die S3-LL Palliativmedizin [573] sowie auf die WHO-Empfehlungen [574] verwiesen und eine kurze Zusammenfassung im Folgenden gegeben.
Opioidtherapie
Die Wahl und Dosierung der Analgetika orientiert sich an der Schmerzintensität. Bei Patienten mit leichten bis mittleren Schmerzen oder bei Patienten, bei denen eine Therapie mit Nicht-Opioiden unzureichend ist, soll eine Therapie mit schwachen oder niedrig dosierten starken Opioiden in Kombination mit Nicht-Opioiden begonnen werden. Es wird keine strenge Befolgung der traditionellen Dreier-WHO-Stufentherapie mehr empfohlen: In der WHO-Leitlinie wird mittlerweile kein Unterschied mehr zwischen Stufe-II- und Stufe-III-Opioiden gemacht. Patienten mit mittleren bis starken Schmerzen sollen starke Opioiden erhalten [575].
Als schwache Opioiden werden in Deutschland häufig Tramadol sowie Tilidin in fester Kombination mit Naloxon (Tilidin/Naloxon) verwendet [576]. Im Vergleich zu diesen Präparaten zeigt Codein eine deutlich geringere Effektivität und eine starke Variabilität im Metabolismus und sollte aus diesem Grund in Deutschland nicht als schwaches Opioid eingesetzt werden, obwohl es international oft empfohlen wird [573].
Als starke Opioide der ersten Wahl werden Morphin, Oxycodon oder Hydromorphon empfohlen, wobei die Evidenz keinen bedeutsamen Unterschied in der Wirksamkeit dieser verschiedenen Opioide zeigt [577], [578], [573]. Die Wahl soll sich an die pharmakokinetischen Eigenschaften, die Kontraindikationen und unerwünschten Arzneimittelwirkungen sowie an das individuelle Ansprechen des Patienten orientieren [575]. Levomethadon wird aufgrund seines komplexen pharmakokinetischen Profils mit einer unvorhersehbaren Halbwertszeit nicht als Erstlinien-Therapie eingesetzt. Transmucosales Fentanyl wird aufgrund seines schnelleren Wirkeintritts v.a. in Fällen von Durchbruchsschmerzen empfohlen [579], [580], [573], allerdings nur bei Patienten in stabiler Schmerzsituation [575]. Desweiteren soll transmucosales Fentanyl nur von erfahrenem ärztlichen personal bzw. unter dessen Anleitung angewendet werden [575]. Fentanyl und Burprenorphin bilden keine aktiven Metaboliten und können aus diesem Grund als erste Wahl bei Patienten mit einer Niereninsuffizienz mit glomerulärer Filtrationsrate [Onkologie, L. et al. 2020].
Für die Einstellung der Opioidtherapie können nicht-retardierte oder retardierte Applikationsformen gewählt werden. Die Dauermedikation ist mit einer schnellwirkenden Bedarfsmedikation zu ergänzen [575], [573].
Nicht-Opioide
In der allgemeinen Tumorschmerztherapie werden als Nicht-Opioide NSAR, Metamizol und Paracetamol allein oder in Kombination mit Opioiden eingesetzt. Eine solche Kombination hat als Ziel, eine bessere Analgesie und/oder eine Verringerung der Opioid-Dosis zu erreichen [573].
NSAR sollten bei Patienten mit multiplem Myelom aufgrund der damit assoziierten Niereninsuffizienz nicht eingesetzt werden. Die potentiell schädigenden Effekte von NSAR auf die Nierenfunktion sind bekannt [581]. Diese Empfehlung basiert auf allgemeine Vorsichtsmaßnahmen und pharmakologischen Kenntnissen und nicht auf direkter Evidenz.
Bei Patienten, bei denen der Einsatz von NSAR eine gute Wirksamkeit zeigt (v.a. bei den Knochenläsionen), kann unter Umständen von der o.g. negativen Empfehlung abgewichen werden und NSAR kurzfristig eingesetzt werden. Auch bei Patienten mit einer sehr begrenzten Lebenszeiterwartung, die von NSAR gut profitieren und bei denen die potenziellen renalen Nebenwirkungen sich nicht vor dem Tod klinisch manifestieren werden, kann der Einsatz dieser Nicht-Opioide in Betracht gezogen werden.
Adjuvanzien bei neuropathischen Schmerzen
Amitriptylin, Gabapentin oder Pregabalin werden bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen empfohlen, die nur teilweise auf Opioid-Analgetika ansprechen. Bei der Kombination eines Opioids mit Amitriptylin, Pregabalin oder Gabapentin sind beide Präparate vorsichtig zu titrieren, um ZNS-Nebenwirkungen zu vermeiden [582], [583], [573]. Die Dosierung muss an die Nierenfunktion angepasst werden.
15.3 Psychoonkologie
Dr. Bianca Senf, Dirk Lang
Im Kontext einer psychoonkologischen Versorgung von Patienten mit Multiplen Myelom und für detaillierte Informationen wird grundsätzlich auf die S3-Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten des Leitlinienprogramms Onkologie verwiesen (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie/). Wörtliche Zitationen sind durch Anführungszeichen kenntlich gemacht. Letzter Stand LL: 2014, aktuelle Fassung wird derzeit überarbeitet, Link: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/032-051OL.html). Diese umfasst insgesamt 13 Themenbereiche:
- Informationen zur Leitlinie
- Einführung
- Definition und Grundprinzipien der Psychoonkologie
- Strukturelle Voraussetzungen psychoonkologischer Versorgungsbereiche
- Psychosoziale Belastungen
- Psychische Komorbidität
- Diagnostik
- Psychoonkologische Interventionen
- Ergänzende Therapien
- Besonderheiten einzelner Diagnosegruppen und ihrer Behandlung
- Patientenzentrierte Kommunikation
- Qualitätssicherung
- Qualitätsindikatoren
Bei Patienten mit einem Multiplen Myelom und deren Angehörigen soll die psychoonkologische Versorgung ambulant wie auch stationär angeboten werden, analog den Empfehlungen der S3-Leitlinie Psychoonkologie.
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
Einzelne, zentrale Themen werden ergänzend kurz zusammengefasst. Für Patienten mit Multiplen Myelom wurden keine, von der S3-Leitlinie spezifischen Evidenzen gefunden.
15.3.1 Definition und Grundprinzipien
Psychoonkologie
Die Psychoonkologie, oder auch Psychosoziale Onkologie beschäftigt sich als Teildisziplin der Onkologie mit dem Erleben und Verhalten sowie den sozialen Ressourcen von Krebspatienten im Zusammenhang mit ihrer Krebserkrankung, deren Behandlung sowie damit einhergehenden Problembereichen. Dabei werden nicht nur die direkt betroffenen Patienten, sondern auch deren Angehörigen und das soziale Umfeld miteingeschlossen. Psychoonkologische Unterstützungsangebote richten sich im Sinne von Fort- und Weiterbildungs- sowie Supervisionsangeboten ebenso an das interdisziplinär und multiprofessionell behandelnde Personal [584], [585], [586].
Ziele
„Psychoonkologische Maßnahmen betreffen psychische und soziale Problembereiche sowie Funktionsstörungen. Dabei dienen sie der Krankheitsverarbeitung, der Verbesserung der psychischen Befindlichkeit sowie der Begleit- und Folgeproblematik Medizinischer Diagnostik oder Therapie, der Stärkung sozialer Ressourcen und nicht zuletzt der Erhöhung der Lebensqualität von Patienten und deren Angehörigen [586], Holland JC 2010).“
Aufgabenbereiche und Maßnahmen
Jedem Patienten und Angehörigen soll von Diagnosestellung an Psychoonkologische Beratung angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bedarfsgerechte psychosoziale Beratung, Information, Krisenintervention, sowie Psychoedukation sind in allen Phasen einer Krebserkrankung Bestandteil psychoonkologischer Aufgabenbereiche. Die supportiv ausgerichtete Behandlung fokussiert dabei zunächst die Patientenrolle sowie einen ressourcenorientierten Ansatz [587], [586], Holland 2010, [588]. Als ergänzende Verfahren zu dem bisher Genannten gelten eine psychopharmakologische Behandlung sowie Ergo-, Physio- und Bewegungstherapie.
15.3.2 Patientenbedürfnisse und Versorgungsangebot
Bedürfnisse nach sowie Gewährleistung von Information und psychosozialer Versorgung
Onkologische Patienten weisen nachgewiesener Maßen Informationsbedarf bzgl. psychosozialer Unterstützungsangebote sowie Bedarf nach psychosozialer Unterstützung auf: Der psychosoziale Unterstützungsbedarf von 14 deutschen Studien einer novo Recherche zeigt, dass 34,7 % Informationen über psychosoziale Unterstützungsangebote wünschen. 10 deutsche Studien zeigen einen psychosozialen Unterstützungsbedarf von 50,2 % [589]. Von Belang ist, dass psychoonkologische/psychosoziale Unterstützungsangebote in allen /Versorgungssektoren (stationär/teilstationär und ambulant) sowie in allen Krankheitsphasen zu gewährleisten ist. Er sollte schon bei Diagnosestellung erfolgen, da sich der Informationsbedarf von Krebspatienten sich im „mittelfristigen“ Behandlungsverlauf kaum verändert [589].
15.3.3 Distress Screening/Diagnostik
Zielsetzung psychoonkologischer Diagnostik
„Primäre Zielsetzung der psychoonkologischen Diagnostik ist das frühzeitige Erkennen psychischer, familiärer und sozialer Belastungen, psychischer und psychosomatischer Symptome und der Krankheitsverarbeitung insbesondere in Hinblick auf die Folgen der Krebserkrankung und der Behandlungsmaßnahmen. Die psychoonkologische Diagnostik stellt neben der Art der Belastung auch deren Schweregrad, den Zeitpunkt des Auftretens sowie den Verlauf der Belastung fest. Sie zielt auch auf die Erfassung individueller und sozialer Ressourcen und der Lebensqualität wie auch auf die Erfassung der subjektiven Behandlungsbedürftigkeit und die Behandlungsmotivation.“ Für ein Screening auf psychosoziale Belastung liegen eine Reihe von validierten Screeninginstrumenten wie das Distress-Thermometer oder die HADS als Selbsteinschätzungsinstrumente vor, die niederschwellig und rasch Belastungen von Patienten erfassen. Als Fremdeinschätzungsinstrument kommt die Kurzversion der „Psychoonkologischen Basisdokumentation“ (Po-Bado-Kf) zum Einsatz. Ein Überschreiten des Cut-off-Wertes zeigt die Notwendigkeit einer psychoonkologischen Abklärung durch ein klinisches Interview an.
Alle Patienten sollen ein Screening auf psychosoziale Belastungen erhalten.
- Konsens
- Konsens (90%)
Ein psychoonkologisches Screening sollte frühestmöglich in angemessenen Abständen, wenn klinisch indiziert oder bei Veränderung des Erkrankungsstatus eines Patienten (z. B. Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung) wiederholt im Krankheitsverlauf durchgeführt werden.
- Konsens
- Konsens (90%)
Bei positivem Screening und/oder Patientenwunsch soll ein diagnostisches Gespräch zur Abklärung psychosozialer Belastungen und psychischer Komorbidität erfolgen.
- Konsens
- Konsens (89%)
15.3.4 Psychoonkologische Weiterbehandlung
Nach Abklärung der Bedürfnislage folgt ein psychoonkologisches Assessment, das beschreibt, mit welchem supportiven, psychoonkologischen Angebot der Patient mit Multiplen Myelom am effektivsten unterstütz werden kann. Die Methodik und die Interventionsform folgen den Empfehlungen der S3 Leitlinie.
15.4 Palliativmedizin
Prof. Dr. Steffen Simon, Dr. Christina Gerlach, Dr. Christina Ramsenthaler, Anne Pralong, Heinrich Recken
Wenn im Folgenden von „Palliativversorgung“ gesprochen wird, sind immer beide Formen, d.h. die Allgemeine Palliativversorgung (APV; z.B. die primärbehandelnden Onkologen, Hämatologen, Strahlentherapeuten etc.) und Spezialisierte Palliativversorgung (SPV; z.B. Palliativdienste im Krankenhaus, SAPV etc.) gemeint. Sollte nur eine der Formen gemeint sein, wird dies explizit benannt.
Einzelne zentrale Themen der Palliativversorgung bzw. für das Multiple Myelom spezifische Themen werden hier kurz und zusammenfassend beschrieben, wie Schmerzen, Fatigue, Obstipation, Belange in der Sterbephase und Versorgungsstrukturen. Bzgl. der ausführlicheren Empfehlungen und Beschreibungen (inkl. Evidenzdarstellung) wird auf die S3-Leitlinie Palliativmedizin im onkologischen Leitlinienprogramm verwiesen (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/palliativmedizin/). Auch für weitere Symptome und Probleme wird auf die Leitlinie Palliativmedizin verwiesen: Atemnot, Schlafbezogene Erkrankungen, Übelkeit und Erbrechen (nicht Tumortherapie-induziert), maligne intestinale Obstruktion, maligne Wunden, Angst, Depression, Todeswünsche, Kommunikation und Therapiezielfindung.
15.4.1 Begriffsdefinitionen
Palliativmedizin/Palliativversorgung
Palliativmedizin/Palliativversorgung verfolgt das Ziel, die Lebensqualität von Patienten mit einer lebensbedrohenden Erkrankung und ihren Angehörigen zu verbessern oder zu erhalten. Dies erfolgt mittels Prävention und Linderung von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen und Behandeln von Problemen im physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Bereich. Palliativmedizin ist frühzeitig im Erkrankungsverlauf anzuwenden in Verbindung mit Therapien in lebensverlängernder Indikation wie Chemotherapie oder Strahlentherapie und schließt Untersuchungen ein, die dem Verständnis und der Kontrolle von belastenden klinischen Komplikationen dienen. Palliativmedizin/Palliativversorgung bejaht das Leben und sieht das Sterben als natürlichen Prozess; weder beschleunigt noch zögert sie den Tod hinaus [590], [591].
Palliativmedizin kann von allen Versorgern, die an der Behandlung von Patienten mit einem Multiplen Myelom beteiligt sind, angeboten werden – sie umfasst also die Allgemeine Palliativversorgung (APV; z.B. die primärbehandelnden Onkologen, Hämatologen, Strahlentherapeuten etc.) und Spezialisierte Palliativversorgung (SPV; z.B. Palliativdienste im Krankenhaus, SAPV etc.).
Palliative Therapie
„Palliative (Tumor-)Therapien sind gegen die Grunderkrankung gerichtete, medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen bei Patienten mit einer nicht-heilbaren Erkrankung mit dem primären Ziel der Lebensverlängerung und/oder Symptomkontrolle (z. B. Strahlentherapie, operative Verfahren, medikamentöse Tumortherapien). Sie beziehen sich auf die Tumorbiologie und sind somit tumorspezifisch. Palliative Tumortherapie oder palliative Therapie ist somit kein Synonym für Palliativmedizin oder Palliativversorgung. Die Durchführung palliativer Tumortherapien ist kein Ausschlusskriterium für eine gleichzeitig indizierte Palliativversorgung, sondern ergänzt diese.“
Nicht-Heilbarkeit des Multiplen Myeloms
Trotz großer Fortschritte in der Behandlung ist das Multiple Myelom weiterhin nicht heilbar, d.h. die Patienten mit einem multiplen Myelom versterben im Verlauf der Jahre an ihrer Erkrankung [141]. Durch die Entwicklung effektiverer und weniger toxischer neuer Wirkstoffe hat sich die Lebenserwartung von Myelompatienten erfreulicherweise deutlich verbessert. Das mediane Überleben liegt bei etwas mehr als 5 Jahren bzw. die 5-JÜR liegt bei 52,2% (Institute). Die Lebenserwartung hängt vom Risikostatus nach R-ISS ab: die 5-Jahres-ÜR liegt in der Gruppe I bei 82%, in der Gruppe II bei 62% und in der Gruppe III bei 40%. (siehe ASCO 2018: [33], [592].
15.4.2 Palliativversorgung bei Patienten mit einem Multiplen Myelom
Alle Patienten mit einem Multiplen Myelom sollen unabhängig vom Krankheitsstadium Zugang zu Informationen über Palliativversorgung (z. B. durch Auslage von Flyern) haben.
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
Alle Patienten sollen nach der Diagnose eines Multiplen Myelom eine allgemeine Palliativversorgung (APV) durch die Primärbehandler erhalten, unabhängig davon, ob eine tumorspezifische Therapie durchgeführt wird.
Dies beinhaltet:
- Erfassung und Behandlung von Symptomen, Problemen und Ressourcen in allen vier Dimensionen (physisch, psychisch, sozial und spirituell)
- Kommunikation
- Therapiezielfindung
- Koordination der Versorgung
- Einbeziehung von SPV, wenn indiziert
- Konsens
- Konsens (78%)
Patienten mit einem Multiplen Myelom und einer hohen Komplexität ihrer Situation soll eine spezialisierte Palliativversorgung angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
Hintergrund
Wenn im Folgenden von „Palliativversorgung“ gesprochen wird, sind immer beide Formen, d.h. die Allgemeine Palliativversorgung (APV; z.B. die primärbehandelnden Onkologen, Hämatologen, Strahlentherapeuten etc.) und Spezialisierte Palliativversorgung (SPV; z.B. Palliativdienste im Krankenhaus, SAPV etc.) gemeint. Sollte nur eine der Formen gemeint sein, wird dies explizit benannt.
Grundsätzlich soll jeder von einer Krebserkrankung betroffene Patient Zugang zu Informationen über Palliativversorgung haben, z. B. in Form von ausliegenden Flyern an Orten, wo der Patient aufgrund seiner Krebserkrankung behandelt und betreut wird. Gegebenenfalls wird der Patient von sich aus nach Gesprächen mit einer an der Behandlung beteiligten Person über Palliativversorgung suchen. Das bedeutet für die behandelnde Person die Bereitschaft, in ein offenes Gespräch mit dem Patienten zu diesem Thema zu treten und ihn, wenn nötig, weiter zu verweisen.
Da das Multiple Myelom eine nicht-heilbare Krebserkrankung ist, ist eine Aufklärung über und ggf. die Durchführung von Palliativversorgung ab der Diagnosestellung indiziert. Da die Diagnose eines Multiplen Myeloms den Patienten mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert, ist es Aufgabe des behandelnden Arztes zu klären, welche Tiefe der Information über Palliativversorgung zu welchem Zeitpunkt vom Patienten als angemessen angesehen wird. Die Aufklärung über den nicht-heilbaren Charakter der Erkrankung und über Möglichkeiten der tumorspezifischen Therapien ist Aufgabe des primärbehandelnden Arztes. Die Aufklärung über Inhalte der Palliativversorgung kann auch durch ein in der Palliativversorgung erfahrenes Team bzw. durch einzelne Teammitglieder erfolgen bzw. delegiert werden.
Die Durchführung der Palliativversorgung findet überwiegend durch die Primärbehandler statt, z.B. Onkologen/Hämatologen, Strahlentherapeuten, Hausarzt (s.g. Allgemein Palliativversorgung, APV). Zentraler Bestandteil palliativmedizinischen Handelns ist die Kontrolle und Linderung von für den Patienten belastenden Symptomen. In der Regel leiden die Patienten unter einer Vielzahl von Symptomen, die deshalb wiederholt und möglichst standardisiert im Rahmen einer mehrere Symptome einschließenden Erfassung (z. B. Schmerzen, Atemnot, Fatigue, Übelkeit, Erbrechen, Angst, Unruhe etc.) erhoben werden. Zur erfolgreichen Behandlung der Symptome gehören zunächst eine symptombezogene Anamnese und Priorisierung mit dem Patienten, welche Symptome ihn am stärksten belasten und im Vordergrund der Behandlung stehen sollten. Mit den Symptomen werden weitere Probleme, aber auch Ressourcen und Bedürfnisse des Patienten abgefragt, ergänzt durch die Bedürfnisse der Angehörigen. Die Lebenswelt der Betroffenen wird ganzheitlich in den vier Dimensionen – physisch, psychisch, sozial und spirituell – wahrgenommen.
Die kompetente und umfassende Ersterhebung hat weichenstellende Bedeutung, um die palliative Situation des Patienten und seine individuellen Bedürfnisse korrekt zu erkennen, dies dem Patienten adäquat zu vermitteln und eine entsprechende Palliativbehandlung im Sinne des informierten Patientenwillens einzuleiten. Eine Möglichkeit, dabei strukturiert und vorausschauend vorzugehen und auch Veränderungen der Bedürfnisse und Wünsche des Patienten rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren, bietet das Konzept der vorausschauenden Versorgungsplanung (auf Englisch: Advance Care Planning) [573].
Über die Kommunikation und Therapiezielfindung hinaus beinhaltet die allgemeine Palliativversorgung die Symptomkontrolle sowie die Koordination der Behandlung und ggf. die Einbeziehung von spezialisierter Palliativversorgung in das Behandlungskonzept. Für Patienten mit komplexen Begleitungssituationen stehen sowohl für den stationären Bereich in Form von Palliativstationen oder Palliativdiensten (oft „Konsildienst“ genannt) als auch im ambulanten Bereich im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung Angebote zur Verfügung, die die ärztliche und pflegerische Primärversorgung ergänzen, ohne sie zu ersetzen [593].
Bzgl. Einbeziehung von SPV (ambulant oder stationär) liegt immer mehr Evidenz zur Effektivität der Frühintegration von spezialisierten Palliativversorgung vor [594], [595], [596], [597], [598], [599], [600], [601]. Dagegen ist kaum Evidenz speziell zum Multiplen Myelom vorhanden. Ein RCT (publiziert 2016 im JAMA) untersuchte den Effekt auf die Lebensqualität durch die regelmäßige Einbeziehung eines spezialisierten Palliativdienstes bei Patienten mit einer hämatologischen Erkrankung während der stationären Behandlung mit einer Stammzelltransplantation im Vergleich zur Standardbehandlung ohne Palliativdienst im Massachusetts General Hospital, Boston/USA [602]. Im Patientenkollektiv litten 51 der 160 Patienten an einem Multiplen Myelom, eine MM-spezifische Auswertung liegt nicht vor. Es zeigte sich für das gesamte Interventionskollektiv (mit Palliativdienst) eine statistisch signifikante und klinisch relevante, geringere Abnahme der Lebensqualität nach 2 Wochen der Behandlung (primärer Endpunkt). Des Weiteren zeigte sich ein geringerer Anstieg der Depressionswerte, geringere Angstwerte, sowie eine geringere Symptombelastung. Für die Lebensqualität, Depression und Angst waren diese Unterschiede auch nachhaltig nach drei Monaten nachweisbar [602]. Sechs Monate nach der Blutstammzelltransplantation hatten die Patienten im Interventionsarm seltener posttraumatische Belastungsstörungen und depressive Symptome. Dies war mit effektiver Symptom- und Angstkontrolle in der Transplantationsphase korreliert [603]. Die standardisierte und regelmäßige Hinzunahme der spezialisierten Palliativversorgung (hier: Palliativdienst) zeigte also eine Verbesserung der Versorgung von Patienten mit einer hämatologischen Erkrankung und einer Stammzelltransplantation, 32% von diesen mit einem MM [602]. Eine weitere Studie zur Untersuchung einer Multiple Myeloma Palliative Care Clinic in Barcelona/Spanien zeigte ebenso eine Verbesserung der Symptombelastung, allerdings mit einem retrospektiven deskriptiven und unkontrollierten Design mit hohem Risiko für Bias [604].
Die spezialisierte Palliativversorgung (SPV) ist laut der S3-Leitlinie Palliativmedizin indiziert bei Patienten mit einer hohen Komplexität ihrer Situation. Die Komplexität wird sowohl von der Intensität einzelner Symptome oder psychosozialer, spiritueller oder ethischer Probleme als auch von deren gleichzeitigen Auftreten (Simultanität; inkl. dem gleichzeitigen Vorliegen von Komorbiditäten) beeinflusst.
Bei Patienten mit einem Multiplen Myelom gibt es einige Faktoren, die auf eine hohe Komplexität bzw. eine schlechte Prognose mit einer deutlich eingeschränkten Lebenserwartung hindeuten. Bei diesen Patienten liegen häufig mehrere dieser Faktoren gleichzeitig vor. Auch hier gibt es keine harten Kriterien oder sog. Cut-off Werte und es besteht weiterhin hoher Bedarf nach wissenschaftlichen Studien, um komplexe Verläufe besser und früher erkennen zu können. Button et al. haben eine Delphi Studie mit erfahrenen klinisch tätigen Ärzten und Pflegenden durchgeführt, um Risikofaktoren für einen sich verschlechternden Krankheitsverlauf und nahes Versterben bei Patienten mit einer hämatologischen Erkrankung zu beschreiben [605].
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Hinweise für eine hohe Komplexität bzw. für eine schlechte Prognose beim Multiplen Myelom) (potenzielle Triggerfaktoren/red flags) |
| 1. Hohes Lebensalter 2. Abnehmender Performancestatus/Funktionsstatus 3. Vorliegen von mehreren Ko-Morbiditäten 4. Fortgeschrittenes Erkrankungsstadium: relapse, refractory, rapid relapse after <1 year after transplant 5. Anhaltende Infektionen (bakteriell/viral) 6. Invasive Pilzinfektion 7. Schwere graft versus host disease (GVHD) 8. Behandlung auf einer Intensivstation 9. Gebrechlichkeit, hoher Pflegebedarf 10. Therapiebegrenzungen bzw. 11. Anorexie und/oder Gewichtsverlust |
Eine Fokusgruppen-Studie am Dana Faber/Harvard Cancer Center erbrachte ähnliche Ergebnisse und ergänzend wurden kürzere progressionsfreie Intervalle und das Beenden bzw. die Reduktion der kausalen Therapie aufgrund fehlender Wirksamkeit und/oder Nutzen berichtet [606], [607].
Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wird ebenso als wichtiger Prognosefaktor bewertet. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Studien bezüglich des Aspekts der Lebensqualität mit dem größten prognostischen Wert. Alle Prognosemodelle wurden hierbei als Sekundäranalysen im Rahmen klinischer Phase-3-Studien entwickelt, die teils in neudiagnostizierten Myelomstichproben, teils Patienten mit refraktärer Krankheit einschlossen [608], [609], [610], [611] ermittelten ein 2,4-fach erhöhtes relatives Risiko für neu diagnostizierte Patienten mit multiplem Myelom zu versterben, die Werte im körperlichen Funktionsstatus des EORTC-QLQ-C30 von 0-20 versus 80-100 aufwiesen. Der prognostische Wert der körperlichen Funktion war höher als der des Faktors Remission. In der Gruppe der rezidivierten Patienten ermittelten Viala und Koautoren [609], [610] eine prognostische Wirkung der klinischen Variablen Karnofsky Funktionsstatus, Thrombozytopenie und der Lebensqualitätsvariablen Fatigue (Unterskala des EORTC-QLQ-C30) und ebenso der körperlichen Funktionsskala des EORTC-QLQ-C30 in einem multivariablen Modell [611] kamen hingegen in der Gruppe der neudiagnostizierten Patienten zu dem Schluss, dass die psychosozialen Aspekte der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (soziale Funktionsfähigkeit, Rollenfunktion, emotionale Funktionsfähigkeit und kognitive Funktionsfähigkeit) zusätzlich zu klinischen Parametern einen prognostischen Einfluss auf die Überlebenszeit haben. In der Gesamtschau dieser Ergebnisse zeigt sich, dass eine multidimensionale Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität inklusive körperlicher und emotionaler Symptomatik das klinische Bild komplettiert und bei der Erkennung von Patienten, die durch eine frühzeitige Einbindung palliativmedizinischer Versorgungsprinzipien profitieren könnten, hilft.
Die Therapiemotivation und die individuellen Therapieziele, bzw. die Frage des informierten Einverständnisses bzgl. einzelner Therapiemaßnahmen sind ebenfalls eigene prognostische Parameter [612], [613]
Bei der Frage, ob eine Intensivierung der Palliativversorgung durch das Einbeziehen der spezialisierten Palliativversorgung (SPV) geboten ist, kann möglicherweise auch die sog. surprise question hilfreich sein: „Wären Sie überrascht, wenn Ihr Patient innerhalb der nächsten 6–12 Monate versterben würde?“ [614], [615], [616]. Diese Frage sollte im Sinne einer Selbstreflexion oder auch im kollegialen Austausch erörtert werden, wenn wegweisende Strategieentscheidungen in der Behandlungsplanung anstehen, um die Angemessenheit der einzelnen Optionen und die Wertigkeit der Ansätze bzgl. eines Nutzens für den Patienten zu beurteilen. Wenn diese Frage mit „Nein“ („Ich wäre nicht überrascht“) beantwortet wird, sollte kritisch reflektiert werden, ob die Prognose des Patienten nicht schlechter ist als bisher angenommen. Dies kann z. B. dazu führen, dass Therapieentscheidungen neu getroffen werden müssen (z. B. die Lebensqualität als Therapieziel stärker ins Zentrum rücken) und Gespräche mit Patienten und Angehörigen stärker auf eine kürzere verbleibende Lebenszeit zu richten sind. Die sog. surprise question kann diese Reflexion anstoßen - weitere Studien, v.a. auch kontrollierter Studien sind notwendig [607], [617], [618].
Die Durchführung palliativer Tumortherapien bei Patienten mit einer nicht-heilbaren Erkrankung mit dem primären Ziel der Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität/Symptomkontrolle schließt eine zeitgleiche palliativmedizinische Versorgung nicht aus. Im Gegenteil sollten palliative Tumortherapien und Palliativversorgung parallel erfolgen.
15.5 Symptome, Probleme und Ressourcen
Prof. Dr. Steffen Simon, Dr. Christina Gerlach, Dr. Christina Ramsenthaler, Anne Pralong, Heinrich Recken
Belastende Symptome wie Schmerzen, Fatigue, Atemnot, Schlaflosigkeit etc. und die Nicht-Beachtung von Bedürfnissen der Patienten und Angehörigen (z.B. ein Informations- und Beratungsbedürfnis) schränken die Lebensqualität der Patienten mit einem Multiplen Myelom ein. Belastungen und Symptome bestmöglich zu behandeln und zu lindern, die Patienten und seine Angehörigen angemessen und offen zu informieren und zu beraten und ihre vorhandenen Ressourcen zu stärken, fördert die Lebensqualität in einer schwierigen und krisenhaften Lebenssituation, wie es die Diagnose eines Multiplen Myeloms darstellt.
Bei Patienten mit einem Multiplen Myelom liegen häufig eine Vielzahl von Symptomen und Problemen vor, v.a. bei denen in einem fortgeschrittenen Stadium. Eine umfangreiche systematische Literaturrecherche und Metaanalyse (34 eingeschlossene Studien mit 3024 Patienten) konnte 27 verschiedene Symptome beschreiben, mit den häufigsten Symptomen Fatigue (98,8), Schmerzen (58,6), Obstipation (66,5) und Parästhesien an Händen/Füßen (53,4). Es wurden auch Atemnot, Schlaflosigkeit, Übelkeit/Erbrechen, Angst, Depression u.a. regelmäßig als belastend beschrieben. Die häufigsten genannten Probleme waren die Reduktion des Funktionsstatus und der kognitiven Fähigkeiten, sowie finanzielle Probleme [571].
Die Erfassung dieser Symptome und Belastungen wird am besten und zuverlässigsten durch ein standardisiertes Verfahren garantiert, welches mehrere Symptome umfasst, z.B. der IPOS oder MIDOS [33], [619]. Diese sind auch im klinischen Alltag gut anwendbar. Es gibt wenige für das MM spezifische Erfassungstools. Eine internationale systematische Literaturübersicht hat insgesamt 13 solcher multidimensionaler, patientenberichteter Erfassungsinstrumente identifiziert, wovon allerdings nur wenige Fragebögen in deutschsprachiger, validierter Übersetzung vorliegen [620].
Der MyPOS ist die Myelom-spezifische Version der Integrated Palliative Outcome Scale (IPOS). Als Vorzug gegenüber anderen Myelom-PROM (Patient Reported Outcome Measure) bietet der MyPOS Items, die inhaltlich und in ihrer Gestaltung unter starker Einbeziehung von Myelompatienten entwickelt wurden [621], [622] und Validität in der longitudinalen Anwendung besteht [623]. Eine deutsche Version ist kostenfrei verfügbar (https://pos-pal.org/maix/mypos.php).
Das Myelom-spezifische Modul des allgemeinen Lebensqualitätsfragebogens der European Organization for Research and Treatment of Cancer (EORTC QLQ-MY20) [624], der QLQ-MY20, ist ein Modul zur Erfassung der Lebensqualität bei Menschen mit Multiplem Myelom, das zusammen mit dem Grundfragebogen, dem generischen QLQ-C30-Fragebogen, angewendet wird. Das Modul umfasst 20 Fragen, die auf einer 4-Punkte-Skala von den Betroffenen selbst beantwortet werden. Insgesamt umfasst der QLQ-MY20 vier Subskalen: Krankheitssymptome, Nebenwirkungen der Behandlung, Körperwahrnehmung und Zukunftsperspektive, die separat betrachtet werden. Höhere Werte auf den Symptom- und Nebenwirkungsskalen bedeuten schlechtere Symptomatik, höhere Werte auf den Skalen der Körperwahrnehmung und Zukunftsperspektive bedeuten bessere Funktion und Perspektive. Das Modul muss mit den 30 Grundfragen des QLQ-C30 ausgegeben werden. Es wird hauptsächlich in Phase III-Studien von Chemotherapeutika eingesetzt und ist nur bedingt für eine Verwendung in der Routineversorgung geeignet [621].
Es gibt nur sehr wenige Studien zur Situation der Angehörige von Patienten mit einem MM. Zwei qualitative Interviewstudien zeigten ein hohes Maß an Unsicherheit der Angehörigen bezüglich der Krankheitssituation ihres Partners oder Elternteils. Es wurde empfohlen, mehr Informationen mit den Angehörigen auszutauschen und Unterstützungs- und Beratungsangebote zu entwickeln [625], [626]. Eine Fragebogenerhebung bei Patienten (n=132) und ihren Partnern (n=93) zeigte auch 5 Jahre nach der Diagnosestellung des MM eine vergleichsweise hohe Prävalenz von Angst und Depression, wobei die Prävalenz von Angst bei den Partnern höher war (48,8%) als bei den Patienten (27,4%) [627]. Die Lebensqualität der Patienten war 5 Jahre nach der Diagnosestellung nur moderat und verschiedene Symptome belasteten die Patienten (z.B. Müdigkeit 40,7%, Schmerzen 35,9%) [627].
Das Ergebnis der hohen Symptomlast wurde in einer Interviewstudie mit MM Patienten unterschiedlicher Stadien (neu diagnostiziert, stabil, relapsiert/refraktär) dahingehend differenziert, das eine hohe Symptomlast zwar die Lebensqualität senkt, dies aber vor allem über den indirekten Einfluss auf Aktivitäten und Teilhabe am Leben, das emotionale Wohlbefinden und durch die fehlende Unterstützung und Behandlung innerhalb der Gesundheitsversorgung [621]. Die Qualität einer kontinuierlichen Versorgung und wiederholter Erfassung emotionaler, funktioneller und Symptombelastungen wird hierdurch deutlich. Eine Studie in der Gruppe der MM-Patienten in späteren Krankheitsstadien (mehrmals rezidiviert oder refraktäres Myelom) ergab, dass Symptomlast vor allem den Wunsch behindert, angesichts der Krankheit ein weitgehend normales Leben führen zu können, sich aber auch an die Krankheit zu adaptieren [628]. Das dyadische Coping mit den körperlichen und psychosozialen Herausforderungen der Krebsdiagnose wurde insbesondere von Seiten der Angehörigen in einer qualitativen Studie mit 20 Paaren und 20 Ärzten und Pflegekräften hervorgehoben [629]. Es wurden von den Angehörigen vor allem bessere Informationsmöglichkeiten angemahnt [630], [631], [632]. Eine positive Wirkung der palliativmedizinischen Intervention zeigte sich auch auf Angehörige von Patienten, u.a. mit Multiplem Myelom, in der Blutstammzelltransplantation. In der oben erwähnten RCT von El-Jawahri waren sie 2 Wochen nach der Transplantation weniger durch depressive Symptome belastet als Angehörige im Kontrollarm [602].
Bezüglich einer leitliniengerechten Symptomlinderung wird auf die S3-Leitlinie Palliativmedizin verwiesen (inkl. Atemnot, Schlaflosigkeit, Übelkeit/Erbrechen, MIO, Angst, Depression, Todeswünsche). Das Thema „Schmerztherapie“ wird im Kap. 16.2 behandelt (s.o.). Für die o.g. weiteren häufigsten Symptome bei Patienten mit einem MM Fatigue und Obstipation wird im Folgenden eine kurze Zusammenfassung gegeben und für ausführliche Informationen auf die S3-Leitlinie verwiesen.
Fatigue
Fatigue kommt bei fast allen Patienten mit einem MM vor [571]. Es kann als primäre oder sekundäre Form auftreten. Die Therapie soll entsprechend ursachenspezifisch und/oder symptomatisch erfolgen. Zur ursachenspezifischen Therapie gehört u.a. die Behandlung von Anämie, Infektionen, Elektrolytstörungen, Kachexie, Depression oder Schlafstörungen. Auch auf sedierende Medikamente soll geachtet und diese ggf. umgestellt werden. Für die symptomatische Behandlung soll in erster Linie nicht-medikamentöse Verfahren eingesetzt werden. Dazu zählen ein regelmäßiges aerobes Ausdauer- und Krafttraining sowie psychoedukative Verfahren, insbesondere kognitive Verhaltenstherapien. Diese haben sich für die Behandlung von onkologischen Patienten als wirksam erwiesen, sie sind aber am Zustand eines Patienten in der Palliativsituation sorgfältig anzupassen, um unnötige Belastungen zu vermeiden [573].
Obstipation
Obstipation gehört zu den häufigsten Symptomen bei Patienten mit einem MM nach Fatigue und Schmerz [571]. Deshalb wird empfohlen, allgemeine Maßnahmen zur Vorbeugung der Obstipation bei allen MM-Patienten einzusetzen und bei Patienten unter Opioiden sogar eine medikamentöse Prophylaxe mit Laxantien zu beginnen [573].
Die Therapie der Obstipation erfolgt nach einem Stufenschema. Wenn ein osmotisches (z.B. Macrogol) oder ein propulsives Laxans (z.B. Bisacodyl, Natriumpicosulfat) als erste Therapiestufe keine ausreichende Wirkung zeigen, werden diese beiden Laxantienklassen kombiniert (Stufe 2). Wenn dies nicht erfolgreich ist, wird zusätzlich zu den herkömmlichen Laxantien von Stufe 2 ein μ-Opioidrezeptor-Antagonist verwendet. Dazu gehören Naloxon p.o., Methylnaltrexon s.c., Naldemedin und Naloxegol p.o. Die Stufe 4 sieht zusätzlich zur Stufe 3 ein Therapieversuch mit weiteren Pharmaka wie Rizinusöl, Amidotrizoeessigsäure, Neostigmin, Erythromycin etc. im Off-Label-Use. Nicht-medikamentöse Maßnahmen können parallel zum Stufenschema eingesetzt werden: physiotherapeutische Verfahren, Einläufe und ggf. manuelle Ausräumung [573].
Sterbephase
Es liegen zu unserer Kenntnis keine Studien vor, die speziell die Belange der Sterbephase bei Patienten mit einem MM untersuchen. Aus der klinischen Erfahrung unterscheidet sich die Sterbephase für diese Patientengruppe nicht von anderen Patienten. Als Grund für das Krankenhaus als häufigeren Sterbeort wird bei hämatologischen Patienten allerdings die oft schwerer vorhersehbare (per)akute Verschlechterung am Lebensende angegeben, die pflegende Angehörige überfordern kann [633], [634]. Im Folgenden wird eine kurze Zusammenfassung der Empfehlung für die Begleitung von sterbenden Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und ihren Angehörigen gegeben. Für mehr Informationen und Ausführungen wird auf das Kapitel Sterbephase der S3-LL Palliativmedizin verwiesen [573].
Die Sterbephase umfasst nach Definition der Leitlinie die letzten drei bis sieben Lebenstage. Es liegt kein validiertes Instrument zur Feststellung des Beginns der Sterbephase vor, sodass dieser durch die klinische Erfahrung und Intuition des Teams eingeschätzt wird anhand von Kriterien wie eine Veränderung der Atmung, der Emotionen und des Bewusstseins, eine zunehmende Schwäche, eine Reduktion der Urinausscheidung, die Pulslosigkeit der Arteria radialis, Hautveränderungen und Verwirrtheit u.a.
Das Therapieziel der bestmöglichen Lebensqualität steht in den letzten Lebenstagen im Vordergrund. Alle Maßnahmen, die dieses Ziel nicht verfolgen, sollen beendet bzw. nicht eingeleitet werden. Dies beinhaltet tumorspezifische Therapien sowie z.B. Reanimation, Beatmung, Dialyse und Lagerung zur Dekubitus- oder Pneumonieprophylaxe. Zur Effizienz von Blutprodukten am Ende des Lebens von hämatologischen Patienten gibt es keine spezifischen Studien. Ein Cochrane Review [635] fand bei 31-70% der mit Erythrozyten substituierten Patienten einen klinischen Benefit, insbesondere in Bezug auf Fatigue und unabhängig vom Hb-Wert, zwischen Tag 2-7, der bis zu 14 Tage anhielt. Gleichzeitig wurde diskutiert, ob bei einem Teil der Patienten, die innerhalb von 14 Tagen transfundiert wurden, ein lebensverkürzender Effekt erzeugt werden könnte, z.B. durch Volumenbelastung oder Erhöhung der Blutviskosität. Eine aktueller Review [636] ergab nur zwei neue Studien [637], [638] seit dem Cochrane Review aus 2012 und keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.
Es gibt nur eine geringe Anzahl an Medikamentengruppen, die in der Sterbephase sinnvoll sind, um bestimmte belastende Symptome zu lindern. Das sind hauptsächlich Opioide (Schmerz, Atemnot), Antipsychotika (Delir, Übelkeit), Benzodiazepine (Angst) und ggf. Anticholinergika (Rasselatmung).
Bei der Beachtung der Lebensqualität am Lebensende ist die Frage des gewünschten Sterbeortes von besonderer Relevanz. Es gibt Studien zum Sterbeort bei Patienten mit hämatologischen Krebserkrankungen, inkl. dem MM. Patienten mit einer hämatologischen Krebserkrankungen haben ein doppelt so hohen Risiko im Krankenhaus zu versterben im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen [639]. Das Risiko ist geringer, wenn vorher über den gewünschten Sterbeort gesprochen wurde [640]. Angehörige von verstorbenen Patienten mit einer hämatologischen Krebserkrankungen berichten von großen Schwierigkeiten, den gewünschten Sterbeort auch zu realisieren und das Krankenhaus wird für manche auch als der bestmögliche Sterbeort angegeben [633]. Strukturen und Angebote der Allgemeinen und Spezialisierten Palliativversorgung (APV/SPV)
In der Abbildung "Behandlungspfad für Patienten mit einem Multiplen Myelom und ihre Angehörige" ist der Behandlungspfad aus der S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung (hier: Multiples Myelom) und ihre Angehörigen mit den verschiedenen Angeboten der Palliativversorgung dargestellt. Der Pfad beginnt mit der Diagnosestellung des Multiplen Myeloms (nicht-heilbare Krebserkrankung), begleitet den gesamten Therapieverlauf (v.a. mit myelomspezifischen Therapien) und endet nach dem Tod des Patienten mit der Trauerbegleitung für die Angehörigen. Für eine genauere Beschreibung dieser Angebote verweisen wir auf die S3-LL Palliativmedizin, Kapitel Versorgungsstrukturen [573].
Nach Integration der Palliativversorgung und Erfassung der Bedürfnisse des Patienten und seiner Angehörigen (überwiegend durch die primären Behandler, z.B. Onkologen/Hämatologen, Strahlentherapeuten und/oder Hausärzte) wird zusammen mit dem Patienten anhand der Komplexität seiner Situation festgelegt, auf welcher Ebene (APV oder SPV) und in welchen Strukturen (ambulant oder stationär) er palliativmedizinisch weiterbehandelt wird.
Allgemeine Palliativversorgung: Palliativversorgung durch alle Versorger
Die Allgemeine Palliativversorgung wird durch alle an der Versorgung von Patienten mit einem Multiplen Myelom erbracht, d.h. vor allem Onkologen/Hämatologen, Strahlentherapeuten, Hausärzte, Pflegefachpersonen, Psychologen etc.
Die S3-Leitlinie Palliativmedizin gibt „Hinweise für die Zuordnung einer Versorgungsleistung in die Kategorie der Allgemeinen Palliativversorgung: 1) Leistungserbringung durch Behandelnde, die ihr Haupttätigkeitsfeld nicht in der Palliativversorgung haben; 2) Die Patientensituation ist weniger komplex als in der Spezialisierten Palliativversorgung; 3) Die Versorgungsleistung ist nicht zwingend an spezifische strukturelle Voraussetzungen gekoppelt.“ [573].
In Deutschland gibt es aktuell keine Zahlen zum Anteil der Patienten mit einem Multiplen Myelom, die allgemeine bzw. spezialisierte Palliativversorgung benötigen. Man geht aber davon aus, dass die Mehrheit der Patienten durch eine gute allgemeine Palliativversorgung durch die Primärbehandler ausreichend versorgt werden können. Zu den stationären Einrichtungen der allgemeinen Palliativversorgung (APV) gehören die onkologischen bzw. allgemeine Krankenhausstationen sowie Pflegeeinrichtungen und zum ambulanten Bereich die sogenannte allgemeine ambulante Palliativversorgung (AAPV). „AAPV beinhaltet die Palliativversorgung, die von Leistungserbringern der Primärversorgung (in erster Linie den niedergelassenen Haus- und Fachärzten sowie den ambulanten Pflegediensten) mit palliativmedizinischer Basisqualifikation erbracht werden kann.“ (Definition DGP/DHPV 15.1.2009, www.dgpalliativmedizin.de/allgemein/allgemeine-ambulante-palliativversorgung-aapv.html).
Spezialisierte Palliativversorgung
„Hinweise für die Zuordnung einer Versorgungsleistung zur Spezialisierten Palliativversorgung sind: 1) Patientenbedürfnisse erfordern eine komplexere und aufwändigere Versorgungsleistung als in der Allgemeinen Palliativversorgung. 2) Leistungserbringer haben ihr Tätigkeitsfeld überwiegend oder ausschließlich in der SPV. 3) Leistungserbringer verfügen über spezifische palliativmedizinische Qualifikation und Erfahrung. 4) Teamansatz und Multiprofessionalität sind konzeptionelle und strukturelle Voraussetzung [641]. 5) 24-h-Verfügbarkeit der Komplexleistung ist gewährleistet“ [573]. Es gibt Hinweise, dass die spezialisierte Palliativversorgung den Patienten mit einer hämatologischen Erkrankung (z.B. Multiples Myelom) weniger häufig angeboten bzw. hinzugezogen wird als bei Patienten mit soliden Tumoren [642]. Neuste Studien zeigen allerdings eine deutliche Zunahme der Einbeziehung der spezialisierten Palliativversorgung (von 29% aller Myelom-Patienten in 2000 auf 57% in 2013 bei einer Analyse von 12.686 Myelom-Patienten in den USA) [532]. Fiala et al. bestätigten dies bei einer Analyse von 2.075 Myelom-Patienten in den USA und konnte zudem zeigen, dass die Patienten mit einer spez. Palliativversorgung im Mittel länger gelebt haben als ohne [643]. Zusätzlich zeigte sich eine deutliche Kostenersparnis von mehreren Tausend Dollar.
Stationäre Angebote
Palliativdienst im Krankenhaus („Konsildienst“): Patienten mit einem Multiplen Myelom und einer komplexen Situation bzw. schlechten Prognose soll während eines stationären Aufenthaltes Kontakt mit einem multiprofessionellen Palliativdienst angeboten werden. Die Beratung und Mitbehandlung durch den Palliativdienst geschieht in enger Abstimmung mit dem primär behandelnden Team [573].
Palliativstation: Indikationen für eine stationäre Aufnahme auf eine Palliativstation sind neben der stationären Behandlungsbedürftigkeit vor allem komplexe Symptom- oder Problembelastungen, Unsicherheiten bezüglich des Therapieziels, aufwändige medizinische oder pflegerische Versorgung und/oder eine Überforderung oder Unsicherheit der häuslichen Versorgung [573].
Ambulante Angebote
Ambulante spezialisierte Palliativversorgung und SAPV gemäß §§ 37b, 132d SGB V: Indiziert ist sie als Ergänzung vorhandener Versorgungsstrukturen, wenn diese keine ausreichende Behandlung des Patienten an dem Ort seines Wunsches in der häuslichen Umgebung (inkl. Pflegeheim) gewährleisten können, d.h. bei einer hohen Komplexität der Patientensituation [573].
Spezialisierte Palliativambulanz: Sie ist eine Einrichtung für ambulante Patienten mit dem Angebot einer spezialisierten Palliativversorgung ohne eine häusliche Versorgung. In diesem Sinne ist sie vergleichbar mit einer onkologischen Ambulanz oder Schmerzambulanz. Sie stellt eine Ergänzung zu ambulanten Strukturen dar [573].
Palliativmedizinische Tagesklinik und Tageshospiz: Sie sind Einrichtungen, die für ambulante Patienten mit einer begrenzten Lebenszeit zur Verfügung stehen. Sie sind in Deutschland noch selten und meist an einer Palliativstation oder an einem Hospiz angegliedert [573].
Sektorenübergreifende Angebote
Stationäres Hospiz: Diese Einrichtung mit einem qualifizierten multiprofessionellen Team mit spezialisierter Palliativpflege wird auf der Basis der gesetzlichen Rahmenbedingungen nach § 39a, Abs. 1 SGB V zur Behandlung und Betreuung von Patienten mit einer auf Tage, Wochen oder Monate begrenzten Lebenserwartung angeboten, wenn „eine Begleitung weder zu Hause noch durch anderweitige stationäre Pflegeeinrichtungen gewährleistet werden kann oder angemessen ist“ [573].
Hospizdienst/Ehrenamt: Ehrenamtliche Hospizhelfer sind fester Bestandteil der gesamten Hospizbewegung. Die angebotene Unterstützung kann in allen Sektoren und Ebenen der Palliativversorgung stattfinden.
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