6. Diagnostik, Stadien und Klassifikationssysteme – Hodentumoren
6.1 Diagnostik
Hinweis: In diesem Kapitel wird zwischen Primärdiagnostik und Ausbreitungsdiagnostik unterschieden. Unter Primärdiagnostik verstehen die Autoren Untersuchungen, die zur Diagnosefindung eines KZT beitragen können. Die Ausbreitungsdiagnostik hingegen bezeichnet Untersuchungen, die eine Metastasierung bei bereits gesicherter oder hochwahrscheinlicher Diagnose eines KZT erkennen soll.
6.1.1 Symptome und klinische Untersuchung
Symptome
Der KZT ist meistens ein einseitiger Befund, er betrifft den rechten Hoden etwa gleich häufig wie den linken und kommt in circa 1% der Fälle synchron in beiden Hoden vor [75]. Er wird in etwa 90% der Fälle als Größenzunahme des betroffenen Hodens klinisch auffällig [75], in seltenen Fällen auch als Verkleinerung des Hodens [13]. Ein KZT kann durch die Selbstuntersuchung des Patienten, durch die Palpationsuntersuchung des Hodens beim Arzt oder als Zufallsbefund während einer Skrotalsonographie erstmals auffallen. In Fallserien werden in 26-50% der Fälle Schmerzen im betroffenen Hoden beschrieben sowie in 5-19% der Fälle Symptome einer Metastasierung [76]. Retroperitoneale Lymphknotenmetastasen können zu Rücken-/Flankenschmerzen, mediastinale Lymphknotenmetastasen zu Husten oder Schluckbeschwerden, Lungenmetastasen zu Hämoptysen oder Atembeschwerden und Hirnmetastasen zu neurologischen Ausfällen führen. Eine ein- oder beidseitige Gynäkomastie oder ein Spannungsgefühl in der Brust als Ausdruck einer durch den KZT hervorgerufenen hormonellen Dysregulation (z.B. durch eine Beta-hCG-Erhöhung) werden in circa 1-5% der Fälle beschrieben [76].
Klinische Untersuchung
Zur klinischen Untersuchung gehört neben der visuellen Einschätzung die Palpation der Hoden in bimanueller Technik, um Raumforderungen und Verhärtungen zu erfassen. Die klinische Untersuchung schließt die Palpation der supraklavikulären Lymphknoten, der Brustdrüsen, des Abdomens und der inguinalen Lymphknoten (zur Abklärung einer atypischen Lymphknotenmetastasierung) ein. Bei Verdacht auf Vorliegen eines KZT sind neben der klinischen Untersuchung weitere diagnostische Verfahren (siehe folgende Kapitel) zur obligat.
6.1.2 Bildgebende Verfahren im Rahmen der lokalen Diagnostik und/oder der Ausbreitungsdiagnostik
Bei klinischem Verdacht auf einen KZT sollen umgehend eine körperliche Untersuchung sowie eine beidseitige Hodensonographie mit mind. 7,5 MHZ Schallkopf erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Männer mit neu diagnostiziertem KZT sollen zur Ausbreitungsdiagnostik eine kontrastmittelgestützte CT von Abdomen/Becken und Thorax erhalten.
Die MRT des Abdomens/Beckens soll bei Männern mit neu diagnostiziertem KZT anstelle der CT bei Kontraindikationen gegen die Gabe von iodhaltigem Kontrastmittel, wie Allergie, eingeschränkter Nierenfunktion oder Schilddrüsenfunktionsstörungen eingesetzt werden.
Zudem sollte bei den genannten Kontraindikationen eine CT des Thorax ohne Kontrastmittel zur Abklärung einer pulmonalen Beteiligung erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [77]
Bei Patienten der schlechte Prognose-Gruppe nach IGCCCG sowie bei Patienten mit exzessiver Beta-hCG-Wert-Erhöhung, multiplen pulmonalen Metastasen oder neurologischen Symptomen sollte die Ausbreitungsdiagnostik um eine MRT des Schädels ergänzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [11]
Die FDG-PET/CT soll in der primären Ausbreitungsdiagnostik nicht routinemäßig eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1a
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [78]
Die FDG-PET/CT kann bei Seminom-Patienten, die nach abgeschlossener Therapie bei normalen oder normalisierten Serumtumormarkern Residualtumoren mit einem Durchmesser größer als 3 cm aufweisen, eingesetzt werden.
Die CT im Rahmen der FDG-PET/CT Untersuchung sollte vorzugsweise als Kontrastmittel-CT durchgeführt werden. (konsensbasierte Empfehlung: EK)
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 1a
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [78]
Der Zeitpunkt der FDG-PET/CT zur Beurteilung von Serumtumormarker-negativen Residualtumoren bei Patienten mit einem Seminom soll frühestens sechs Wochen nach dem Ende des letzten Zyklus der Chemotherapie liegen.
- Konsens
- Starker Konsens (96%)
Die FDG-PET/CT soll bei Patienten mit einem nichtseminomatösen KZT nicht zum Einsatz kommen.
- Konsens
- Konsens (88%)
Sonographie
Hodensonographie (lokale Diagnostik)
Bei Verdacht auf das Vorliegen eines KZT wird die Sonographie des Hodens zur Abklärung eines Befundes durchgeführt. Die Sonographie-Untersuchung ist eine kostengünstige nicht-invasive Untersuchungsmethode und wird auch bei klinisch offensichtlichen KZT empfohlen. Eine beidseitige Untersuchung wird empfohlen [77]. Die Sonographie wird mit einem planaren Schallkopf (mindestens 7,5 MHz) durchgeführt. Die Sonographie-Untersuchung hat eine gute Sensitivität von 90-100% und eine mäßige Spezifität von 44-99% für die Diagnosestellung eines gonadalen KZT [11] [77]. Die Anwendung der Sonographie erlaubt eine sichere Differenzierung zwischen extra- und intratestikulären Raumforderungen [20][11]. Die meisten KZT fallen sonographisch durch eine umschriebene Störung des ansonsten homogen zur Darstellung kommenden Reflexmusters des Hodenparenchyms auf. Unsicherheiten können sich bei großen, den gesamten Hoden durchsetzenden Tumoren mit einem homogenen sonographischen Bild ergeben. Im seltenen Fall eines sogenannten „Burned-out-Tumors“ oder „ausgebrannten Tumors“ führt die Sonographie nicht immer zur Diagnosestellung und es lassen sich gegebenenfalls im betroffenen Hoden sonographisch nur Veränderungen in Form kleiner umschriebener Mikrokalzifizierungen nachweisen [79]. Die Sonographie des kontralateralen Hodens wird empfohlen, um das Vorliegen eines bilateralen gonadalen KZT (in ca. 1% der Fälle); [80][81][82] oder eine Mikrolithiasis zu erkennen. Die Mikrolithiasis testis weist eine Assoziation mit einer GCNIS des Hodens auf [83].
Abdomensonographie (lokale Diagnostik und Ausbreitungsdiagnostik)
Sonographie-Untersuchungen des Abdomens und des Beckens zum Nachweis von Lymphknotenmetastasen oder Organmetastasen liefern aufgrund der Abhängigkeit vom Untersucher weniger zuverlässige Ergebnisse im Vergleich zur CT oder MRT und sind daher als alleinige Untersuchung zur Ausbreitungsdiagnostik nicht geeignet [84]. Mit der Abdomensonographie können insbesondere im Rahmen der Erstdiagnostik orientierende Befunde und Sekundärfolgen der Erkrankung, wie z.B. eine Harnstauungsniere, diagnostiziert werden.
Röntgen (Ausbreitungsdiagnostik)
Die Bedeutung der Thorax-Röntgen-Untersuchung ist vor allem orientierend zur Identifizierung von Lungenmetastasen. In der primären Ausbreitungsdiagnostik der KZT erreicht sie eine geringe Sensitivität, weshalb die Thorax-CT hier obligat ist [12].
Computertomographie (Ausbreitungsdiagnostik)
Die CT erlaubt eine Beurteilung der retroperitonealen und mediastinalen Lymphknoten sowie anderer potentiell von einer Metastasierung betroffener Organe wie zum Beispiel Lunge und Leber. In der Thoraxbildgebung zeigt die Thorax-CT in bis zu 10% der Fälle kleine subpleurale Knoten, die übersichtsradiographisch (im Thorax-Röntgen) nicht sichtbar sind [85]. Pathologisch vergrößerte supraclaviculäre Lymphknoten werden in der Thorax-CT nicht regelhaft erfasst, weshalb bei klinischem Verdacht eine Erweiterung des Untersuchungsfeldes nach kranial erforderlich ist. Für die Bildgebung des Abdomens hängt die diagnostische Genauigkeit von der Größe und Ausprägung der Läsionen ab. Die mit Einzeilen-CT-Geräten erhobenen Sensitivitätswerte reichen von 65-96% [11][84], die Spezifitätswerte von 81-100%. Die CT liefert wiederholbare Ergebnisse und hat eine gute Bildqualität im Bereich der retroperitonealen und mediastinalen Lymphknoten. Bei sehr schlanken jungen Männern ist die Abgrenzbarkeit der Lymphknoten zur Umgebung erschwert. Der Schwellenwert für einen pathologisch zu bewertenden Lymphknoten wird kontrovers diskutiert. Die beste Spezifität ergibt sich ab einem Kurzachsendurchmesser von ≥ 10 mm, was jedoch mit einer geringen Sensitivität einhergeht. Für die Einteilung des N-Staging wird der größte axiale Durchmesser berücksichtigt [86].
MRT (lokale Diagnostik und Ausbreitungsdiagnostik)
In der präoperativen lokalen Diagnostik ist eine MRT des Hodens nur in Einzelfällen der Sonographie überlegen. Wenn die Sonographie einen unklaren Befund ergeben hat, kann z.B. in der Abgrenzung zu testikulären Lymphomabsiedlungen, benignen Läsionen oder traumatischen Veränderungen eine MRT ergänzende Hinweise liefern [84].
Die MRT liefert in der Bildgebung des Abdomens im Vergleich zur CT hinsichtlich der diagnostischen Genauigkeit vergleichbare Ergebnisse mit dem Vorteil der fehlenden Strahlenbelastung [87][88]. Sie kann auch bei Kontraindikationen gegen die Gabe von iodhaltigem Kontrastmittel, wie Allergie, eingeschränkter Nierenfunktion oder Schilddrüsenfunktionsstörungen eingesetzt werden [77]. Ihre Nachteile liegen jedoch in der im Vergleich zur CT längeren Untersuchungszeit, der geringeren Verfügbarkeit sowie in den höheren Kosten. Der Einsatz der MRT in der primären Ausbreitungsdiagnostik wird deshalb nicht routinemäßig empfohlen. In der Bildgebung des Thorax hat die MRT bisher noch keinen Stellenwert in der Behandlungsroutine. Eine kontrastmittelgestützte Schädel-MRT wird von internationalen Leitlinien bei Patienten der schlechte Prognose-Gruppe nach IGCCCG sowie bei Patienten mit exzessiver Beta-hCG-Wert-Erhöhung oder multiplen pulmonalen Metastasen oder bei Patienten mit neurologischen Symptomen empfohlen [11][84].
Fluordesoxyglucose-Positronen-Emissionstomographie
(FDG-PET/CT) (Ausbreitungsdiagnostik)
Es gibt nur eine geringe Evidenz für den Einsatz der FDG-PET/CT zur primären Ausbreitungsdiagnostik [89][90]. Die Metaanalyse von Zhao et al. zeigt zwar eine diagnostische Genauigkeit des FDG-PET/CT von 0,75 (95% KI 0,70-0,80) (Sensitivität) und 0,87 (95% KI 0,84-0,89) (Spezifität) zur korrekten Ausbreitungsdiagnostik eines KZT im Vergleich zur histopathologischen Untersuchung, jedoch bewerten die Autoren die PET-Diagnostik eher als ergänzendes Verfahren zur CT und MRT aufgrund der hohen Zahl an falsch-positiven Befunden [78]. Die PET-Untersuchung hat eine besondere Wertigkeit in der Beurteilung der Resttumorerkrankung bei Seminomen nach Chemotherapie (siehe Kapitel Restaging und Therapie der Residualtumorerkrankung).
6.1.3 Serumtumormarker (Primär- und Ausbreitungsdiagnostik)
Bei Patienten mit Verdacht auf einen KZT sollen vor der Ablatio testis die Serumtumormarker AFP, Beta-hCG und LDH bestimmt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Postoperativ sollen bei Patienten mit präoperativ erhöhten Werten die Serumtumormarker AFP, Beta-hCG und LDH alle 5-7 Tage bis zum Erreichen des Normalwertes/des jeweiligen Nadirs beziehungsweise bis zum Serumtumormarkeranstieg kontrolliert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Serumtumormarker AFP, Beta-hCG und LDH werden in der Primärdiagnostik (vor einer Ablatio testis) sowie bei präoperativ erhöhten Werten am ersten postoperativen Tag, danach alle fünf bis sieben Tage bis zum Erreichen des Serumtumormarkernadirs zur Festlegung des S-Stadiums bestimmt [91][11][12]. Der postoperative Nadir der Serumtumormarker (und nicht die Höhe der präoperativ bestimmten Serumtumormarkerspiegel) werden für die UICC-Stadieneinteilung sowie bei metastasierten Tumoren für die IGCCCG-Klassifikation verwendet (siehe Kapitel Ausbreitungsdiagnostik und Stadieneinteilung).
Eine Besonderheit stellt das Stadium cSIS dar, welches durch eine persistierende Erhöhung der postoperativ bestimmten Serumtumormarker bei unauffälligem kontralateralen Hoden und gleichzeitigem Fehlen von radiologischen Befunden einer Metastasierung gekennzeichnet ist. Dieses Stadium nimmt eine Sonderstellung in der Therapie der KZT ein (siehe Kapitel Stadium I mit erhöhten Serumtumormarkern).
Bei etwa jedem zweiten Patienten mit einem KZT sind präoperativ die Serumtumormarker erhöht [11][75]. Eine AFP-Werterhöhung wird bei Patienten mit nichtseminomatösem KZT in 40-60% der Fälle nachgewiesen. Erhöhte Beta-hCG-Werte treten bei Patienten mit nichtseminomatösem KZT in 40-60% der Fälle und bei Patienten mit Seminomen in 10-25% der Fälle auf. Eine sehr starke Beta-hCG-Erhöhung weist auf das Vorliegen eines (metastasierten) Chorionkarzinoms hin. Chorionkarzinome produzieren nahezu ausnahmslos Beta-hCG. Bei reinen Seminomen und bei reinen Chorionkarzinomen werden erhöhte AFP-Werte nicht nachgewiesen [84].
Die im Serum bestimmte Lactatdehydrogenase (LDH) ist ein für KZT unspezifischer Marker, die Höhe der LDH korreliert jedoch mit dem Tumorvolumen bzw. der Proliferation und ist Teil der IGCCCG-Klassifikation metastasierter KZT (siehe Kapitel Stadieneinteilung). Die LDH ist bei ca. 80% der Patienten im metastasierten fortgeschrittenen Stadium erhöht.
Bei leichtgradiger AFP-Werterhöhung kommen differentialdiagnostisch auch eine Freisetzung von AFP aus der Leber, z.B. durch benigne oder maligne Lebererkrankungen, Biotineinnahme und Kreuzantikörper in Frage. Leichte Erhöhungen des Beta-hCG-Wertes können durch regelmäßigen Cannabiskonsum oder das Vorliegen eines Hypogonadismus verursacht werden [92].
Ein weiterer neuer Serumtumormarker ist die MicroRNA miR-371a-3p, welcher sich noch in der klinischen Erprobung befindet. Die Sensitivität der miR-371a-3p für die Diagnose eines Keimzelltumors lag in einer prospektiven Studie bei 88,7% [93]. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die miR-371a-3p sensitiver und spezifischer sein könnte als die klassischen Serumtumormarker. Die miR-371a-3p Werte korrelieren nach ersten Ergebnissen mit der Tumorlast und mit dem Therapieergebnis, eignen sich jedoch nicht für die Detektion von reinen Teratomen oder einer reinen GCNIS [93][94]. Vor einer möglichen Implementierung des Markers in die Routinediagnostik bleiben dessen Validierung in der AUO-Studie Nr. AH 14/15 und die kommerzielle Verfügbarkeit abzuwarten [93].
6.1.4 Operative Diagnostik/inguinale Exploration des Hodens (inkl. Organerhalt)
Bei Verdacht auf einen KZT sollen eine inguinale Hodenfreilegung und bei Nachweis eines malignen Tumors eine Ablatio testis erfolgen.
Bei Vorliegen eines gesunden kontralateralen Hodens soll keine organerhaltende Exzision bei Vorliegen eines malignen KZT (mit Ausnahme eines Teratoms ohne begleitende GCNIS) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten mit bilateralem KZT, Tumor im Einzelhoden, Stromatumoren oder anderen benignen Tumoren (Epidermoidzyste, monodermales Teratom) soll eine organerhaltende Tumorexzision in Betracht gezogen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Verdacht auf einen KZT erfolgt die (inguinale) operative Freilegung des Hodens. Bezüglich der korrekten operativen Vorgehensweise existiert keine hinreichende Evidenz bezüglich einzelner notwendiger oder prognoseverändernder Operationsschritte. Der Eingriff erfolgt somit nach der gängigen chirurgischen Praxis. Liegt klinisch keine eindeutig maligne Raumforderung des Hodens vor, erfolgen im Rahmen der operativen Hodenfreilegung eine diagnostische Tumorbiopsie des Hodens oder bei kleinen Befunden eine komplette Enukleation mit intraoperativer histologischer Schnellschnittuntersuchung. Bei Bestätigung der Diagnose eines malignen KZT erfolgt die Entfernung des Hodens und seiner Anhangsgebilde einschließlich des Samenstrangs (inguinale Ablatio testis) [11]. Falls der Patient im Rahmen der präoperativen Beratung für den Fall einer Ablatio testis eine Hodenimplantat wünscht, wird diese über den operativen Zugangsweg im Skrotum platziert und fixiert.
Die Ablatio testis sollte in den meisten Fällen der erste therapeutische Schritt nach Diagnose eines KZT auch im metastasierten Stadium sein. Nur im seltenen Fall bei Vorliegen einer ausgedehnten und lebensbedrohlichen Metastasierung wird noch vor einer Operation mit einer systemischen Chemotherapie begonnen. Eine Ablatio testis wird dann nach Abschluss der Erstlinien-Chemotherapie beziehungsweise in Kombination mit der Resektion von Residualtumoren im Abdomen oder Thorax durchgeführt [11]. Bereits vor der primären Hodenoperation, jedoch spätestens vor Einleitung einer Chemotherapie, sind die Empfehlungen zur Fertilitätssicherung zu beachten (siehe Kapitel Fertilität und Kryokonservierung von Spermien).
6.1.4.1 Organerhaltende Tumorresektion beim Keimzelltumor
Zur Eradikation der GCNIS nach organerhaltender Therapie bei Einzelhoden soll eine adjuvante Bestrahlung des betroffenen Hodens mit 18-20 Gy erfolgen.
Da das Auftreten eines manifesten KZT einige Jahre dauern kann, soll bei Kinderwunsch des Patienten eine regelmäßige sonographische Kontrolle besprochen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (95,8%)
Bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Ablatio testis ein erhöhtes Risiko für eine GCNIS im kontralateralen Hoden haben, soll nach Aufklärung eine kontralaterale Biopsie durchgeführt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Konsens (78,2%)
- Literatur
- [96]
Patienten mit bilateralem KZT, Tumor im Einzelhoden, Stromatumoren oder anderen (benignen) KZT (Epidermoidzyste, monodermales Teratom) kommen für eine organerhaltende Tumorexzision in Betracht (siehe Kapitel Andere nicht-germinale Hodentumore).
Nicht tastbare Läsionen mit negativen Serumtumormarkern sind zu mehr als 80% benigne [11][97]. Bei diesen Befundkonstellationen und/oder negativen Serumtumormarkern ist eine intraoperative Schnellschnittdiagnostik erforderlich. Bei der Exzision des Tumors sind Biopsien des Tumorbettes zur Abklärung einer möglichen begleitenden GCNIS [98] [97] nötig. Bei Nachweis eines Malignoms und unauffälligem kontralateralen Hoden wird eine Ablatio testis durchgeführt [11], gegebenenfalls ist dies bei inkonklusiver Schnellschnittdiagnostik erst nach Erhalt des endgültigen histopathologischen Befundes möglich.
Da in > 80% der Fälle bei malignen KZT eine begleitende GCNIS vorliegt, soll eine adjuvante lokale Strahlentherapie des Hodens mit vorzugsweise 18-20 Gy in zehn Einzelfraktionen durchgeführt werden. Diese führt zur permanenten Azoospermie bzw. Infertilität und zu einer möglichen Leydigzellinsuffizienz [99][100]. Eine verzögerte Durchführung der Therapie (Strahlentherapie oder sekundäre Ablatio testis) bei aktuellem Kinderwunsch, erhaltener Spermatogenese und guter Compliance des Patienten ist möglich [101][102], erhöht aber langfristig das Risiko für das Auftreten eines lokalen Rezidivs. Daten zur Therapiesicherheit einer verzögert durchgeführten Strahlentherapie liegen nicht vor.
Patienten mit organerhaltender Tumorresektion und anschließender Strahlentherapie des Resthodens mit mindestens 18 Gy haben kein höheres Risiko für Lymphknoten- oder Fernmetastasen im weiteren Krankheitsverlauf im Vergleich zu Patienten, bei denen eine Ablatio testis durchgeführt wurde. Dies geht aus einer systematischen Übersichtsarbeit hervor [97]. Sie schloss eine Fallserie von 101 Patienten mit Seminom oder nichtseminomatösen KZT ein, welche einer organerhaltende Tumorresektion und bei Nachweis einer GCNIS eine adjuvante Strahlentherapie erhalten hatten [102]. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 80 Monaten lag das krankheitsspezifische Überleben bei 99%; sechs von 101 Patienten entwickelten ein Lokalrezidiv, von denen jedoch wiederum vier Patienten die adjuvante Radiotherapie abgelehnt hatten.
Kontralaterale Biopsie
Eine kontralaterale Biopsie zur Detektion einer GCNIS (die in 9% der Patienten diagnostiziert werden kann) soll bei Patienten, die ein erhöhtes Risiko für einen KZT im kontralateralen Hoden haben, durchgeführt werden. Die Definition dieser Patientengruppe fällt in verschiedenen internationalen Leitlinien unterschiedlich aus. Als Risikofaktoren werden das Alter (< 30 Jahre), ein volumenverminderter (< 12 ml) kontralateraler Hoden, ein Kryptorchismus in der Vorgeschichte sowie eine Spermatogenesestörung mit einem Johnson Score von 1-3 beschrieben [11][13]. Die Biopsie wird als Doppelbiopsie des Hodens durchgeführt, um die größte diagnostische Sicherheit zu erzielen (Detektionsrate > 99%) [96][103]. Da eine GCNIS heute überwiegend immunhistochemisch nachgewiesen wird, ist eine Fixierung der GCNIS-Proben in Speziallösungen, wie der Bouinschen- oder Stieve-Lösung, in der Regel nicht mehr notwendig. Im Zweifelsfall sollte vorab eine Abstimmung mit der zuständigen Pathologie erfolgen, welche Fixierungsmethode für die spätere Aufarbeitung durch das jeweilige Institut am geeignetsten ist.
Testikuläre Mikrolithiasis und Biopsie
Bei Patienten mit einer Mikrolithiasis, die eine Infertilität aufweisen, eine vorangegangene Tumorerkrankung des Hodens, einen erstgradigen Verwandten mit bekanntem KZT, einen Maldescensus testis in der Vorgeschichte oder einen volumenreduzierten kontralateralen Hoden haben, kann eine Biopsie durchgeführt werden [104] [54]. Diese Patienten weisen ein stark erhöhtes Risiko für eine GCNIS auf.
6.1.5 Pathologische Untersuchung des Hodengewebes (inkl. GCNIS)
Bei Patienten mit Mikrolithiasis im sonographischen Befund ohne weitere Risikofaktoren soll keine Hodenbiopsie durchgeführt werden.
Bei Patienten mit Mikrolithiasis mit zusätzlich einem der folgenden Parameter: Infertilität, vorangegangene Tumorerkrankung des Hodens, erstgradiger Verwandter mit KZT, anamnestisch Maldescensus testis oder Hodenatrophie mit sonographischem Hodenvolumen <12 ml, kann eine Hodenbiopsie empfohlen werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2a
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [54]
- Angabe von Seite,
- Größe des Hodens,
- maximale Tumorgröße (in 3 Dimensionen),
- makroskopische Merkmale des Nebenhodens,
- Samenstranges und der Tunica vaginalis,
- Tumor im Absetzungsrand (ja/nein),
- histologischer Typ mit Spezifizierung individueller Komponenten und prozentualer Bestimmung gemäß WHO 2016,
- peritumorale venöse und/oder lymphatische Invasion (ja/nein),
- Invasion der Tunica albuginea (ja/nein),
- Tunica vaginalis (ja/nein),
- Rete testis (ja/nein),
- Weichgewebe des Hilus,
- des Nebenhodens oder des Samenstranges (ja/nein),
- Germ cell neoplasia in situ im nicht-tumorösen Parenchym (ja/nein),
- pT Kategorie gemäß der TNM Klassifikation von 2017.
- Konsens
- Starker Konsens (96,9%)
Die pathologische Untersuchung sollte folgende Punkte berücksichtigen (modifiziert nach [11]):
Makroskopische Merkmale: Seite, Größe des Hodens, maximale Tumorgröße (in drei Dimensionen), Gewicht, makroskopische Merkmale des Nebenhodens, Samenstranges und der Tunica vaginalis.
Stichprobe: Ein 1 cm² großer Abschnitt für jeden cm des maximalen Tumordurchmessers, inkl. normales makroskopisches Parenchym (falls vorhanden), Tunica albuginea und Nebenhoden, mit der Auswahl von verdächtigen Gebieten.
- Mindestens einen proximalen (Absetzungsrand) und einen distalen Ausschnitt des Samenstranges plus jegliches verdächtiges Gebiet
- Mikroskopische Merkmale und Diagnose: Histologischer Typ mit Spezifizierung individueller Komponenten und prozentualer Bestimmung gemäß WHO 2016
- Lymphovaskuläre Invasion: ja/nein
- Perineuralscheideninvasion: ja/nein
- Invasion der Tunica albuginea, Tunica vaginalis, Rete testis (Angabe, ob pagetoide Ausbreitung oder Stromainvasion des Rete testis), des Nebenhodens, der Weichgewebe des Hilus oder des Samenstranges: ja/nein
- Germ cell neoplasia in situ (GCNIS) im nichttumorösen Parenchym: ja/nein
- pT Kategorie gemäß TNM 2017
- Immunohistochemische Untersuchungen: AFP und Beta-hCG
- empfohlene immunhistochemische Marker in diagnostischen Zweifelsfällen (Ulbright 2014):
- bei Seminomen: Oct3/4, CD117, D2-40, CD30 (alternativ Podoplanin, SOX17, AE1/3, SOX2)
- bei Embryonalen Karzinomen: OCT 3/4, CD117, CD30 (alternativ Podoplanin, SOX17, AE1/3, SOX2)
- bei Dottersacktumoren: OCT3/4, Glypican-3, AFP, Beta-hCG, PLAP
- bei spermatocytischen Tumoren: OCT3/4, Gypican-3, AFP, Beta-hCG, PLAP,
- bei Chorionkarzinomen: OCT3/4, Gypican-3, AFP, Beta-hCG, PLAP
- in GCNIS: PLAP, c-kit
- andere empfohlene Marker: Chromogranin A (Cg A), Ki-67 (MIB-1).
Tabelle 5: Empfohlene Untersuchungen zur primären Stadiendiagnostik
|
Test |
Patienten |
|
Körperliche Untersuchung |
alle Patienten |
|
Sonographie des Hodens (bilateral) |
alle Patienten |
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Serumtumormarker: |
alle Patienten |
|
Thorax-Abdomen-Becken-CT |
alle Patienten |
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Schädel-MRT |
Patienten mit Symptomen und bei Patienten der schlechte Prognose Gruppe nach IGCCCG oder Patienten mit multiplen Lungenmetastasen und/oder hohen Beta-hCG-Werten (> 5.000 IU/l) |
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Weitere Untersuchungen |
Patienten mit nicht abgeschlossener Familienplanung bzw. aktivem oder späterem Kinderwunsch sowie zum Ausschluss / Nachweis eines Hypogonadismus |
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Mit allen Patienten soll vorzugsweise vor der primären Ablatio testis über das Kryokonservieren von Spermien gesprochen und gegebenenfalls eine Beratung bei einem Andrologen oder einem Kinderwunschzentrum vereinbart werden. |
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6.2 Fertilität und Kryokonservierung von Spermien
Die Therapie des KZT schädigt je nach Therapieregime und Ausgangssituation die Fertilität des Patienten in unterschiedlich hohem Ausmaß.
- Konsens
- Starker Konsens (95,8%)
Bei Verdacht auf einen KZT soll vor Therapiebeginn dem Patienten (vor Ablatio testis, spätestens vor einer Chemo- oder Strahlentherapie) eine Kryokonservierung von Spermatozoen angeboten werden.
Patienten mit einer Azoospermie zum Zeitpunkt der geplanten Kryokonservierung vor Therapie soll eine bilaterale testikuläre Spermienextraktion (TESE) (möglichst zeitgleich mit der Ablatio testis) angeboten werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [105]
Fertilität
Patienten mit einem KZT sind häufig bereits vor Therapiebeginn subfertil [106]. Die möglicherweise nachfolgenden Behandlungen, wie Chemotherapie, Strahlentherapie oder chirurgische Eingriffe, können die Fertilität weiter einschränken, wobei eine Erholung der Spermatogenese im Einzelfall nicht vorhergesagt werden kann.
Bei Vorliegen eines gonadalen KZT sind die Spermatogenesefähigkeit und damit die Fertilität in bis zu 3/4 der Patienten erheblich beeinträchtigt [107][108][109][110]. Eine uneingeschränkte Ejakulatqualität ist nur bei 25% der Patienten mit KZT bei Diagnosestellung dokumentiert und damit sehr viel seltener als bei anderen Malignomerkrankungen [111][110]. Eine Azoospermie wird bei 15% der KZT bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung dokumentiert [112][113]. Eine vorbestehende Einschränkung der Samenqualität führt durch die anschließende KZT- Therapie fast immer zu einer dauerhaften Infertilität [103].
Die lokale Strahlentherapie nach einseitiger Ablatio testis und kontralateraler organerhaltender Tumorexzision beim bilateralen KZT oder bei kontralateraler GCNIS bei einseitigem invasiven KZT führen langfristig zum Fertilitätsverlust [114].
Das Ausmaß der Schädigung der Spermatogenesefähigkeit durch eine Chemotherapie hängt vom Alter der Patienten sowie von der Art, der Dosis und der Dauer der medikamentösen Therapie ab. Wenngleich auch nach zwei Zyklen PEB gute Erholungsraten der Samenzellbildung bei vorbestehender Normozoospermie beschrieben sind, ist eine sichere Voraussage aufgrund der Variabilität der Befunde nicht möglich. Nach Behandlung mit Carboplatin ist die Wahrscheinlichkeit für eine Erholung der Spermatogenesefähigkeit etwas höher, aber auch hier werden posttherapeutische Azoospermien beschrieben [115].
Irreversibel wird die Spermatogenesefähigkeit geschädigt, wenn die Strahlentherapie eine Gesamtdosis von 2,5 Gy überschreitet. Dies ist bei einer Strahlentherapie wegen GCNIS eines Einzelhodens der Fall [116][117][118][119]. Eine Einzeldosis von > 6 Gy führt zur permanenten Azoospermie [120]. Eine Erholung der Spermatogenese wird frühestens neun Monate nach Ende einer Strahlentherapie einsetzen, wenn maximal eine gonadale Dosis von 0,5–0,8 Gy erreicht wurde. Diese verlängert sich auf mindestens 14-26 Monate bei einer Dosis von etwa 1,7 Gy [120][121].
Zusätzlich kann die Fertilität durch operative Maßnahmen im Bereich des Retroperitoneums gefährdet werden: Bei der primären modifizierten retroperitonealen RLA bei Patienten mit nichtseminomatösem KZT im klinischen Stadium I zeigte sich in Studien bei 7% der operierten Patienten ein Verlust der antegraden Ejakulation [122][123]. Das Problem der retrograden oder der Anejakulation nimmt mit steigender Therapieintensität zu: Bis zu einem Drittel der Patienten sind bei der nervschonenden RLA im metastasierten Stadium bzw. bei der postchemotherapeutischen RTR durch eine Schädigung des Nervus sympathicus von Ejakulationsstörungen betroffen [124][125] Die radikale RLA führt nahezu ausnahmslos zum Verlust der antegraden Ejakulation.
Kryokonservierung von Spermien
Zur Kryokonservierung von Spermien sei generell auf die S2k-Leitlinie Fertilitätserhalt in der Onkologie verwiesen. Patienten mit KZT soll vor der Primärtherapie (inguinale Hodenfreilegung bzw. Ablatio testis) eine Kryokonservierung angeboten werden [105][113]. Bei Patienten mit KZT und einer Azoospermie oder einer fehlenden antegraden Ejakulationsfähigkeit vor Therapiebeginn kann die Kryokonservierung von Spermien aus dem Hoden mittels testikulärer Spermienextraktion (TESE) idealerweise in Kombination mit der Ablatio testis erfolgen. Eine multifokale oder mikrochirurgische TESE ist mit besseren Erfolgsaussichten verbunden als eine unilokuläre TESE [105][126].
6.3 Ausbreitungsdiagnostik und Stadieneinteilung
6.3.1 Stadieneinteilung
Nach Diagnose eines KZT erfolgt die Feststellung der anatomischen Ausbreitung mittels der TNM-Klassifikation von 2017 [127]. Bei metastasierten KZT erfolgt eine Prognoseabschätzung mittels der IGCCCG-Klassifikation von 1997 [5]. Auf Basis der Werte der Serumtumormarker, der histologischen Untersuchung und bildgebenden Verfahren erfolgt die individuelle Stadienzuordnung des Patienten in das jeweilige Stadium der Klassifikationen.
TNM: Klinische Klassifikation [127]
T – Primärtumor
Ausgenommen bei pTis und pT4, bei denen eine radikale Ablatio testis nicht notwendig für die Klassifikation ist, wird die Ausdehnung des Primärtumors nach radikaler Ablatio testis bestimmt (s. pT). Falls keine radikale Ablatio testis vorgenommen wurde, wird TX verschlüsselt.
N – Regionäre Lymphknoten
NX Regionäre Lymphknoten können nicht beurteilt werden
N0 Keine regionären Lymphknotenmetastasen
N1 Metastasierung in Form eines Lymphknotenkonglomerats oder in (solitärem oder multiplen) Lymphknoten, jeweils nicht mehr als 2 cm in größter Ausdehnung
N2 Metastasierung in Form eines Lymphknotenkonglomerats oder in multiplen Lymphknoten, mehr als 2 cm, aber nicht mehr als 5 cm in größter Ausdehnung
N3 Metastasierung in Form eines Lymphknotenkonglomerats, mehr als 5 cm in größter Ausdehnung
M – Fernmetastasen
M0 keine Fernmetastasen
M1 Fernmetastasen
M1a Nichtregionäre Lymphknoten- oder Lungenmetastase(n)
M1b Andere Fernmetastase(n)
pTNM: Pathologische Klassifikation
pT – Primärtumor
pTX Primärtumor kann nicht beurteilt werden
pT0 Kein Anhalt für Primärtumor (z. B. histologische Narbe im Hodengewebe)
pTis Keimzellneoplasie in situ (GCNIS)
pT1 Tumor begrenzt auf Hoden (eingeschlossen Invasion des Rete testis), ohne Blut-/Lymphgefäßinvasion
pT2 Tumor begrenzt auf Hoden (eingeschlossen Invasion des Rete testis), mit Blut-/Lymphgefäßinvasion oder Tumor mit Invasion des hilären Weichgewebes, des Nebenhodens oder mit Penetration des Mesothels über der äußeren Oberfläche der Tunica albuginea mit Befall der Tunica vaginalis
pT3 Tumor infiltriert Samenstrang (mit/ohne Blut-/Lymphgefäßinvasion)
pT4 Tumor infiltriert Skrotum (mit/ohne Blut-/Lymphgefäßinvasion)
pN – Regionäre Lymphknoten
pNX Regionäre Lymphknoten können nicht beurteilt werden
pN0 Keine regionären Lymphknotenmetastasen
pN1 Metastasen in Form eines Lymphknotenkonglomerats, 2 cm oder weniger in größter Ausdehnung, oder fünf oder weniger positive Lymphknoten, keiner mehr als 2 cm in größter Ausdehnung
pN2 Metastasen in Form eines Lymphknotenkonglomerats, mehr als 2 cm, aber nicht mehr als 5 cm in größter Ausdehnung, oder mehr als fünf positive Lymphknoten, keiner mehr als 5 cm in größter Ausdehnung, oder extranodale Tumorausbreitung
pN3 Metastasen in Form eines Lymphknotenkonglomerats, mehr als 5 cm in größter Ausdehnung
pM1 Fernmetastasen mikroskopisch bestätigt
| SX | Werte der Serumtumormarker nicht verfügbar oder entsprechende Untersuchungen nicht vorgenommen | ||
| S0 | Serumtumormarker innerhalb der normalen Grenzen | ||
| S1-S3 | Wenigstens einer der Serumtumormarker erhöht | ||
| LDH | HCG [mlU/ml] | AFP [ng/ml] | |
| S1 | < 1,5 N und | < 5000 und | < 1000 |
| S2 | 1,5-10 N oder | 5000-50.000 oder | 1000-10.000 |
| S3 | > 10 N oder | > 50.000 oder | > 10.000 |
| (N = obere Grenze des Normwertes für LDH) | |||
Tabelle 6: Prognostische Gruppeneinteilung
|
Stadien |
||||
|
Stadium 0 |
pTis |
N0 |
M0 |
S0, SX |
|
Stadium I |
pT1-T4 |
N0 |
M0 |
SX |
|
Stadium IA |
pT1 |
N0 |
M0 |
S0 |
|
Stadium IB |
pT2-pT4 |
N0 |
M0 |
S0 |
|
Stadium IS |
Jedes pT/TX |
N0 |
M0 |
S1-3 |
|
Stadium II |
Jedes pT/TX |
N1-N3 |
M0 |
SX |
|
Stadium IIA |
Jedes pT/TX |
N1 |
M0 |
S0 |
|
Jedes pT/TX |
N1 |
M0 |
S1 |
|
|
Stadium IIB |
Jedes pT/TX |
N2 |
M0 |
S0 |
|
Jedes pT/TX |
N2 |
M0 |
S1 |
|
|
Stadium IIC |
Jedes pT/TX |
N3 |
M0 |
S0 |
|
Jedes pT/TX |
N3 |
M0 |
S1 |
|
|
Stadium III |
Jedes pT/TX |
Jedes N |
M1, M1a |
SX |
|
Stadium IIIA |
Jedes pT/TX |
Jedes N |
M1, M1a |
S0, S1 |
|
Stadium IIIB |
Jedes pT/TX |
N1-N3 |
M0 |
S2 |
|
Jedes pT/TX |
Jedes N |
M1, M1a |
S2 |
|
|
Stadium IIIC |
Jedes pT/TX |
N1-N3 |
M0 |
S3 |
|
Jedes pT/TX |
Jedes N |
M1, M1a |
S3 |
|
|
Jedes pT/TX |
Jedes N |
M1b |
Jedes S |
|
6.3.2 Prognostische Einteilung der metastasierenden Keimzelltumoren (IGCCCG)
Tabelle 7: Prognostische Einteilung der metastasierenden KZT (IGCCCG 1997)*
|
Gruppe Gute Prognose |
|
|
Nichtseminomatöse KZT (56% der Fälle) |
Alle folgenden Kriterien: • Primärtumor Hoden/ retro-peritoneal • Keine extrapulmonalen viszeralen Metastasen • AFP < 1,000 ng/ml • hCG < 5,000 IU/l (1,000 ng/mL) • LDH < 1.5 x ULN |
|
Seminome (90% der Fälle) |
Alle folgenden Kriterien: • Jede Primärtumorlokalisation • Keine extrapulmonalen viszeralen Metastasen • Normale AFP-Werte • Alle Beta-hCG-Werte • Alle LDH-Werte |
|
Gruppe Intermediäre Prognose |
|
|
Nichtseminomatöse KZT (28% der Fälle) |
• Primärtumor Hoden/ retroperitoneal • Keine extrapulmonalen viszeralen Metastasen Eines der folgenden Kriterien: • AFP 1,000 - 10,000 ng/ml oder • Beta-hCG 5,000 - 50,000 IU/l oder • LDH 1.5 - 10 x ULN |
|
Seminome (10% der Fälle) |
Alle der folgenden Kriterien: • extrapulmonale viszerale Metastasen • Normale AFP-Werte • Alle Beta-hCG-Werte • Alle LDH-Werte |
|
Gruppe Schlechte Prognose |
|
|
Nichtseminomatöse KZT (16% der Fälle) |
(Mindestens) eines der folgenden Kriterien: • primär mediastinal • extrapulmonale viszerale Metastasen • AFP > 10,000 ng/ml or • Beta-hCG > 50,000 IU/l (10,000 ng/ml) or • LDH > 10 x ULN |
|
Seminome |
Keine Einordnung in die schlechte Prognosegruppe |
Für die Bestimmung der anatomischen Ausbreitung des KZT soll die aktuelle TNM-Klassifikation verwendet werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
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