10. Sonderformen – Hodentumoren
Der Spermatocytische Tumor - ehemals Spermatocytisches Seminom - ist ein sehr seltener Tumor, der vom klassischen Seminom abzugrenzen ist. Die diagnostischen Maßnahmen unterscheiden sich nicht von denen, die bei gonadalen KZT angewendet werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Der auf den Hoden begrenzte reine Spermatocytische Tumor ist ein Tumor mit guter Prognose, der mit der inguinalen Ablatio testis und Überwachung ausreichend therapiert ist.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Das Vorhandensein von sarkomatösen Elementen im Spermatocytischen Tumor bedeutet eine hochmaligne Transformation des Tumors mit schlechter Prognose und erfordert ein multimodales Therapiekonzept mit Chemotherapie, RTR und gegebenenfalls Strahlentherapie. Die Abfolge der einzelnen Schritte werden patientenbezogen individuell festgelegt.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
In der histologischen Analyse des Spermatocytischen Tumors sollen sarkomatöse Komponenten ausgeschlossen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
95% aller KZT des Mannes treten im Hoden auf, 5% primär extragonadal.
- Konsens
- Starker Konsens (96,5%)
Die Diagnose eines extragonadalen KZT soll nur bei fehlender eindeutiger Serumtumormarkerkonstellation histologisch gesichert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Bestimmung der Serumtumormarker (AFP, Beta-hCG, LDH) soll im Rahmen der Diagnosestellung, der korrekten Klassifikation nach IGCCCG und zur Verlaufskontrolle der Therapie bei extragonadalen KZT erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Alle Patienten mit einem mediastinalen nichtseminomatösen extragonadalen KZT werden nach IGCCCG-Klassifikation in die schlechte Prognosegruppe (Stadium III) eingestuft.
Aufgrund der sehr schlechten Prognose sollte primär eine Hochdosis-Chemotherapie gewählt werden. Bei gutem Ansprechen sollte eine radikale RTR durchgeführt werden.
Es sollen Zentren mit ausgewiesener Erfahrung in die Therapiedurchführung einbezogen werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2b
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [5]
Patienten mit einem retroperitonealen nichtseminomatösen extragonadalen KZT sollen entsprechend der Serumtumormarker-Konstellation gemäß IGCCCG-Klassifikation eingeteilt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 2b
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [5]
Die Therapie der extragonadalen KZT soll analog zu den metastasierten gonadalen KZT gemäß der Histologie und der entsprechenden IGCCCG-Klassifikation erfolgen.
Es sollten Zentren mit ausgewiesener Erfahrung in die Therapiedurchführung einbezogen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten mit Verdacht auf einen Leydigzelltumor oder Sertolizelltumor sollen eine Bestimmung von Serumtumormarkern (AFP, Beta-hCG, LDH) sowie eine vollständige endokrinologische Abklärung mit Bestimmung von Testosteron, LH und FSH erfolgen.
- Konsens
- Konsens (91,6%)
Die histologische Sicherung soll schnellschnittgesteuert erfolgen. Bei kleinen Tumoren (< 2 cm) ohne Malignitätskriterien soll primär organerhaltend operiert werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [97]
Bei Patienten mit Nachweis von malignen Leydigzell- oder Sertolizelltumoren sollte eine Ablatio testis durchgeführt werden.
- Konsens
- Konsens (90,9%)
Bei Vorliegen von histologischen Kriterien für die Malignität der Leydigzell- oder Sertolizelltumoren sollte bei Patienten im Stadium I eine RLA durchgeführt werden.
Bei malignen Leydigzell- oder Sertolizelltumoren soll bei Patienten im Stadium II eine RLA durchgeführt werden.+
- Konsens
- Konsens (87,5%)
10.1 Spermatocytischer Tumor
Die neue WHO-Klassifikation aus 2016 hat das „Spermatocytische Seminom“ in „Spermatocytischen Tumor“ (ST) umbenannt, um eine Verwechslung mit dem klassischen Seminom zu vermeiden [71].
Der ST macht weniger als 1% (0,04–2 %) der primären KZT im Hoden aus [497] [498]. Seine Inzidenz wird in aktueller Literatur mit 0,3-0,8 auf 1 Million Männer angegeben [72]. Im Vergleich zum klassischen Seminom ist dieser Tumor etwa 20 bis 25 Mal seltener [499]. Der ST tritt im Alter zwischen 19 und 92 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 54 bzw. 56 Jahren auf [500] [498].
Ein charakteristisches histologisches Merkmal des ST ist eine große Variabilität der Zellgröße, so dass die Tumorzellen grob in drei Typen entsprechend ihrer Kerngröße unterteilt werden: Groß, mittel und klein [499][501]. Im Gegensatz zum klassischen Seminom, dessen Zellen aus den undifferenzierten Keimzellen stammen, leiten sich die Zellen des ST aus den Spermatogonien ab und repräsentieren deshalb einen differenzierteren Typ der KZT. Der Tumor ist immunhistochemisch negativ für die klassischen Marker OCT4, PLAP, HCG, AFP und Cytokeratin [13].
Die diagnostischen Maßnahmen unterscheiden sich nicht von denen bei z.B. klassischen Seminomen und beinhalten u.a. die klinische Untersuchung inklusive Hodensonographie, Serumtumormarkerbestimmung, die histologische Sicherung mittels operativer Therapie, die radiologische Ausbreitungsdiagnostik und die anschließende Stadienklassifizierung.
Der reine ST wird durch eine Operation (inguinale Ablatio testis) gefolgt von einer Überwachung therapiert. Eine Metastasierung oder Rezidivbildung beim ST ist extrem selten und die Prognose des ST exzellent mit 5-Jahres-Überlebensraten > 99% [502].
Das Vorhandensein eines sarkomatösen Elements im Rahmen einer Transformation der Spermatogonien verwandelt den normalerweise harmlosen ST in einen hochaggressiven Tumor [503]. In der histologischen Analyse sollte deshalb immer eine Angabe zum Vorhandensein von sarkomatösen Komponenten gemacht werden. Die Therapie von ST mit sarkomatösen Komponenten ist individuell je nach Ausbreitungsmuster des Tumors durchzuführen. Ein multimodales Therapiekonzept inklusive RLA, Chemotherapie und Strahlentherapie sollte individuell diskutiert werden. Aufgrund der limitierten Datenlage kann bezüglich des Ausmaßes und der Sequenz der Therapieformen keine Aussage gemacht werden.
10.2 Extragonadale Keimzelltumoren
Bei 95% der Männer treten KZT im Hoden auf (gonadale KZT), bei etwa 5% sind die Tumoren primär extragonadal lokalisiert (extragonadale KZT). Daher sollte bei allen Männern mit unklarem Primärtumor (z.B. retroperitoneal oder mediastinal) die Differenzialdiagnose gonadaler KZT bzw. extragonadaler KZT in Betracht gezogen werden.
Primäre extragonadale KZT (EGKZT) gelten als besondere Subgruppe der KZT. Sie entstehen durch maligne Transformation von Keimzellen, die entweder im Rahmen der Embryonalentwicklung fehlverteilt wurden, oder von Keimzellen, die natürlicherweise zwecks Steuerung von immunologischen Prozessen oder anderen Organfunktionen an extragonadalen Lokalisationen vorkommen. Die EGKZT sind vor allem mediastinal oder retroperitoneal, aber auch an jeder anderen Stelle entlang der Mittelachse mit Ausnahme der Hoden lokalisiert. Die häufigsten Lokalisationen von EGKZT stellen das vordere Mediastinum (50-70%) und das Retroperitoneum (30-40%) dar [504]. Seltenere Entstehungsorte für EGKZT sind die Zirbeldrüse (Glandula pienalis), Os sacrum, Prostata, Orbita, Harnblase oder Leber. Epidemiologische Daten aus Deutschland weisen eine hohe Präferenz für Gehirn, Hypophyse und Zirbeldrüse mit rund 40% der Patienten (61 von 157 Patienten) aus [505].
Prinzipiell liegen bei den EGKZT die gleichen histologischen Subtypen wie bei gonadal lokalisierten KZT (Seminome und nicht seminomatöse KZT) vor. Bei den mediastinalen EGKZT sind häufig seminomatöse Tumoranteile und Teratomanteile nachweisbar [332][506]. Es besteht eine erhöhte Inzidenz bei Patienten mit Klinefelter-Syndrom und es wird eine erhöhte Rate an Dottersackanteilen, erhöhten AFP-Werten und TP53-Aberrationen im Vergleich zu gonadalen KZT beobachtet [507]. Primär mediastinale EGKZT können mit einer Inzidenz von 5-10% Ursprung hämatologischer Neoplasien [508] sein, die i.d.R. ein Isochromosom 12p enthalten, welches auch bei den meisten KZT nachweisbar und mit einer schlechten Prognose assoziiert ist [173].
Die Genese der retroperitonealen EGKZT wird kontrovers diskutiert [509]. Sicher ist wohl eine Assoziation zwischen einer prämalignen gonadalen Läsion und dem retroperitonealen EGKZT. Die Differentialdiagnose zum „ausgebrannten“ KZT des Hodens mit retroperitonealer Metastasierung ist schwierig.
Die Diagnosestellung von EGKZT erfolgt häufig erst in fortgeschrittenen Stadien durch tumorbedingte Symptome, aber sie treten auch als Zufallsbefunde bei Diagnostik oder anderen therapeutischen Eingriffen auf. Das klinische Erscheinungsbild des EGKZT ist sehr unterschiedlich. Bei mediastinalen EGKZT kann es zu Dyspnoe, Brustschmerzen, Husten oder venösen Kompressionssyndromen (inklusive Vena cava superior-Syndrom) kommen. Bei primärer Lokalisation des EGKZT im Retroperitoneum stehen vor allem abdominale Schmerzen, Rückenschmerzen, Gewichtsverlust, Vena-cava-inferior-Thrombose oder Harnstauungsnieren als klinisches Erscheinungsbild im Vordergrund.
Eine Diagnose des EGKZT sollte bei Verdacht mittels Sonographie, CT oder MRT erfolgen und bei Nachweis einer suspekten Raumforderung histologisch gesichert werden. Dies kann durch sonographisch- oder CT-gesteuerte Feinnadelbiopsie oder mittels Medianoskopie/Laparoskopie erfolgen. Zudem ist die Bestimmung der Serumtumormarker (AFP, Beta-hCG, LDH) zur korrekten Klassifikation des EGKZT nach IGCCCG erforderlich. Eine Hodensonographie ist selbstverständlich.
Patienten mit einem retroperitonealen nichtseminomatösen EGKZT werden entsprechend der Serumtumormarkerkonstellation gemäß IGCCCG-Klassifikation eingeteilt und analog zu den metastasierten gonadalen nichtseminomatösen KZT therapiert (siehe Kapitel Metastasierte Keimzelltumoren des Hodens).
Retroperitoneale EGKZT sind oft mit einem „ausgebrannten“ Tumor im Hoden vergesellschaftet, mediastinale KZT hingegen äußerst selten [72]. Die Notwendigkeit einer primären Biopsie eines solchen Befundes wird kontrovers diskutiert. Nach erfolgter Chemotherapie und unauffälligem sonographischen Befund des Hodens ist die Durchführung einer Biopsie oder Ablatio testis möglich, sollte aber kritisch gesehen werden. Als Alternative wäre im Rahmen der Nachsorge eine regelmäßige Sonographie der Hoden sinnvoll, da bei über 10% dieser Patienten spätere Hodentumoren beschrieben worden sind [173]. Aufgrund der unzureichenden Datenlage bei wenigen Fallzahlen in der Literatur sind keine allgemeinen Aussagen zu treffen, sondern sollten individuelle Entscheidungen über das Vorgehen in Abhängigkeit von den vorliegenden Befunden getroffen werden.
Alle Patienten mit einem mediastinalen nichtseminomatösen EGKZT werden laut IGCCCG-Klassifikation ungeachtet der metastatischen Ausbreitung oder der Serumtumormarkerwerte in die schlechte Prognose-Gruppe (Stadium III) eingestuft [510]. Die Chemosensitivität der primär mediastinalen nichtseminomatösen EGKZT scheint im Vergleich zu gonadalen und/oder retroperitonealen KZT reduziert zu sein, da sich in Resektaten postchemotherapeutischer Residuen häufig vitale Karzinomanteile finden [511] [494]. Dementsprechend ist eine Therapieintensivierung mit Hochdosischemotherapie und chirurgischer Resektion aller sichtbaren Residuen nach Chemotherapie indiziert. Die Therapie dieser Patienten soll an einem Zentrum mit ausgewiesener Erfahrung erfolgen.
Bei den nichtseminomatösen EGKZT sollte eine RTR analog der Indikationsstellung bei den metastasierten gonadalen KZT nach abgeschlossener Chemotherapie durchgeführt werden. Beim primär mediastinalen nichtseminomatösen EGKZT sollte eine Resektion aller sichtbaren Residuen (auch < 1cm) angestrebt werden, wobei auch postchemotherapeutisch erhöhte Serumtumormarker nicht von einer Operation abhalten sollten.
In wenigen Studien mit geringen Fallzahlen wird über Patienten mit primär mediastinalen nichtseminomatösen KZT berichtet [511] [494][512]. In der Studie von De Latour et al. wurden alle 21 eingeschlossenen Patienten mit der Erstlinien-Chemotherapie behandelt, bei 52% der Patient musste eine Zweitlinienchemotherapie erfolgen. Es wurde ein 5-Jahres-Gesamtüberleben von Patienten mit Tumoren, die auf das Mediastinum begrenzt sind, von 50% und bei Patienten mit extra-mediastinaler Beteiligung von 27% ermittelt [De Latour et al. 2012]. Ein weiterer Vergleich des 5-Jahres-Gesamtüberlebens zeigt einen Anteil von 42% bei Patienten mit einer Zweitlinien-Chemotherapie im Vergleich zu 30% ohne eine Zweitlinien-Chemotherapie (p = 0,61) [511]. Eine Serie des Memorial Sloan Kettering Cancer Center berichtet über 57 resezierte Patienten mit primär mediastinalen nichtseminomatösen KZT, von denen 54 mit platin-basierter Chemotherapie vorbehandelt wurden. Medianes Gesamtüberleben war 31,5 Monate, und präoperativ normalisierte oder reduzierte Serumtumormarker als Ansprechen auf die Chemotherapie waren die stärksten Prädiktoren eines verbesserten Überlebens [513].
Patienten mit einem mediastinal lokalisierten seminomatösen EGKZT werden gemäß der IGCCCG-Klassifikation als „gute Prognose-Gruppe“ deklariert und erhalten dementsprechend eine Chemotherapie mit drei Zyklen PEB (Cispatin, Etoposid, Bleomycin) oder vier Zyklen PE (Ciplatin, Etoposid). Eine RTR ist nicht erforderlich. In drei retrospektiven Studien von Patienten mit mediastinal lokalisierten seminomatösen EGKZT (Fallzahlen zwischen n=7 und 17) werden 5-Jahres-Gesamtüberlebensraten von 71%, 87% und 100% nach einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 51 Monaten berichtet [514][515][516][512].
Reife Teratome sind die häufigsten KZT, die im Mediastinum lokalisiert sind. Bei klarem histologischen Nachweis eines reifen Teratoms und normwertigen Serumtumormarkern ist eine operative Resektion des EGKZT indiziert. Bei erhöhten Serumtumormarkern wäre analog zu den gonadalen KZT und gemäß der IGCCCG-Klassifikation eine Cisplatin-basierte Polychemotherapie mit anschließender RTR erforderlich.
Nichtseminomatöse mediastinale EGKZT haben eine ungünstige Prognose mit einem 5-Jahres-Gesamtüberleben von 40–45%, bei insbesondere im Rezidiv schlechten Ansprechraten auf eine Chemotherapie. Die Prognose retroperitonealer EGKZT ist besser und ähnelt der der metastasierten gonadalen KZT.
10.3 "Ausgebrannter" Tumor/unklassifizierbarer Tumor
In der neuen WHO-Klassifikation der KZT aus dem Jahr 2016 wurde erstmals die Sonderform „zurückgebildete KZT“ in die Klassifikation aufgenommen [71]. Dieser Subtyp ist besser unter dem Begriff „ausgebrannter“ Tumor (pT0) bekannt. Histologisch handelt es sich meist um testikuläres Narbengewebe, gelegentlich mit Siderophagen und Schaumzellen, aber auch Verkalkungen. Kleine Tumorreste können noch erhalten bleiben. Oft findet man in den umgebenden Hodenkanälchen eine Keimzellneoplasie in situ. Die genaue Häufigkeit zurückgebildeter KZT ist unbekannt. Auch bei einer Metastasierung von KZT ohne Primärtumor gelingt es histologisch nur in etwa 10% der Fälle, im Hoden entsprechende Veränderungen zu finden. Retroperitoneale „extragonadale“ KZT sind fast immer mit einem „ausgebrannten“ Tumor im Hoden vergesellschaftet, mediastinale KZT hingegen äußerst selten [72]. Aufgrund der unzureichenden Datenlage bei wenigen Fallzahlen in der Literatur sind keine allgemeinen Aussagen zu treffen.
10.4 Abgrenzung zu den präpubatären Keimzelltumoren
KZT sind im Kindes- und Jugendalter selten und heterogen und weisen hinsichtlich Lokalisation und Molekularbiologie charakteristische Unterschiede zu jungen Erwachsenen auf, bei denen Hodentumoren die häufigste maligne Erkrankung des jungen Mannes sind. Die Diagnostik, Therapie und Nachsorge von präpubertären KZT werden in dieser Leitlinie nicht behandelt.
10.5 Stromatumoren (Leydigzelltumor, Sertolizelltumor)
Der Hoden setzt sich zusammen aus Keimzellen, Gonadenstromazellen und Gerüstbindegewebszellen. Aus jedem dieser testikulären Bestandteile können sich gutartige und maligne Zellen entwickeln. Neben den gonadalen KZT können somit auch nicht-gonadale (nicht-germinale) Tumoren und unspezifische stromale Tumoren abgegrenzt werden [517]. Die WHO-Klassifikation unterscheidet bei den nicht-germinalen Tumoren zwischen insgesamt sieben histologischen Subtypen. Diese heterogene Gruppe der Tumoren umfassen 5-10 % aller testikulären Raumforderungen.
10.5.1 Leydigzelltumoren
Leydigzelltumoren machen etwa 1-3% der testikulären Hodentumoren [518] aus. Die Ätiologie und Pathogenese der Leydigzelltumoren sind weitestgehend unbekannt, eine familiäre Häufung, eine Assoziation zu einem Maldeszenzus testis und eine Kombination mit KZT sind beschrieben worden. Die Leydigzelltumoren können endokrin aktiv sein und Testosteron, Androstendion und Estradiol produzieren.
Bei den Leydigzelltumoren ist eine zweigipflige Häufigkeitsverteilung um das 5. Lebensjahr (3.-9. Lebensjahr) und um das 35. Lebensjahr (30.-60. Lebensjahr) zu verzeichnen. Meist treten die Leydigzelltumoren unilateral auf, in 3% ist ein bilaterales Auftreten zu beobachten.
Klinisch zeigten sich meist eine schmerzlose Vergrößerung des Hodens oder ein sonographischer Zufallsbefund. Die endokrine Tumoraktivität bestimmt zumeist die klinischen Symptome. Bei präpubertären Patienten können ein vorzeitiger Eintritt in die Pubertät (Pubertas praecox), ein Hirsutismus und eine Makrogenitosomie beobachtet werden.
Im Erwachsenenalter findet sich oft ein hoher Östrogengehalt im Blut (30% der Patienten). In bis zu 80% der Fälle kommt es zu hormonellen Störungen mit hohen Östrogen- und Estradiolspiegeln, niedrigem Testosteronspiegel und erhöhten Spiegeln von LH und FSH [519]. Diese hormonellen Veränderungen führen zu Symptome wie Gynäkomastie (20%), Infertilität (10%), Libidoverlust und erektile Dysfunktion (10%).
Histologische Charakteristika der Leydigzelltumoren sind der immunhistologische Nachweis von Inhibin und Calretinin sowie die Präsenz von Reinke-Kristallen oder Lipofuszin-Pigmenten. Etwa 10% der Leydigzelltumoren sind als maligne eingestuft und präsentieren sich mit folgenden Eigenschaften: Größe > 5cm, erhöhte mitotische Aktivität, Gefäßinvasion, zytologische Atypien, erhöhte MIB-1-Expression, Nekrosen, gesteigerte Expression von Ki-67 [520].
Die diagnostischen Maßnahmen bei Verdacht auf einen Leydigzelltumor sollten eine Bestimmung der Serumtumormarker (AFP, HCG, LDH) sowie eine vollständige endokrinologische Abklärung mit Bestimmung des Testosterons, LH und FSH sowie zusätzlich die Bestimmung von Östrogen, Estradiol, Progesteron und Cortisol umfassen.
Bei der sonographischen Untersuchung des Hodens präsentiert sich der Leydigzelltumor als gut definierte echoarme hypervaskularisierte Läsion mit teilweise zystischen Veränderungen, Nekrosen oder Einblutungen. Eine sonographische Abgrenzung zu den KZT ist nicht eindeutig möglich [521], jedoch lassen eine scharfe Abgrenzung des Tumors zum umliegenden Gewebe, eine dezentrale Lage im Hoden sowie Tumorgröße von < 1cm an die Möglichkeit eines Leydigzelltumors denken [522].
Eine histologische Bestätigung bei der Verdachtsdiagnose eines Leydigzelltumors sollte mittels inguinaler Hodenfreilegung erzwungen werden. Bei kleineren Tumoren (< 2cm) ist eine schnellschnittgesteuerte Enukleation des Tumors möglich. Bei fehlendem Hinweis auf Malignität ist eine Organerhaltung möglich. Bei Tumoren, die mehr als ein Drittel des Hodenvolumens einnehmen oder einen Nachweis von Malignitätskriterien in der Schnellschnittanalyse zeigen, sollte eine radikale Ablatio testis durchgeführt werden [97]. Eine zusätzliche radiologische Untersuchung mittels CT/MRT Abdomens und CT Thorax komplettierten die diagnostischen Maßnahmen zur Stadieneinteilung.
Der Anteil von Metastasen bei Patienten mit Leydigzelltumoren in allen veröffentlichten Fallberichten liegt unter 10%. In drei alten Serien mit langer Nachuntersuchung wurden 18 metastasierte Leydigzelltumoren bei insgesamt 83 Fällen gefunden (21,7%) [523][518][524], wobei fünf neuere Fallstudien mit langer Nachuntersuchung nur von zwei metastasierenden Leydigzelltumoren bei 156 Patienten (1,3%) berichteten [525][526] [527][528][519].
10.5.2 Sertolizelltumoren
Sertolizelltumoren sind die zweithäufigste Form der nicht-germinalen Tumoren (Stromazelltumoren) und machen weniger als 1% aller Hodentumoren aus. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose liegt bei 45 Jahren, wobei auch sporadische Fälle bei Patienten unter 20 Jahren beschrieben wurden [529]. In seltenen Fällen können sich diese Tumoren bei Patienten mit Androgeninsensitivitätssyndrom und dem Peutz-Jeghers-Syndrom entwickeln.
Die Sertolizelltumoren sind histomorphologisch sehr heterogen. Mikroskopisch sind die Zellen eosinophil bis blass mit vakuolisiertem Zytoplasma. Die Kerne zeigen sich regelmäßig, Einschlüsse können vorhanden sein. Die Anordnung der Zellen ist röhrenförmig oder fest; ein schnur- oder retiformes Muster sind möglich. Das Stroma ist gut mit Kapillaren durchzogen, in einigen Fällen überwiegt ein sklerosierender Aspekt. Die Tumorzellen exprimieren immunhistochemisch β-Catenin, Vimentin, Zytokeratin und Inhibin [530] [531][529].
Es existieren drei verschiedene histologische Subtypen: klassischer Sertolizelltumor, sklerosierender Sertolizelltumor und großzelliger kalzifizierender Sertolizelltumor [532].
Die Rate der Malignität liegt zwischen 10% und 22%. Maligne Sertolizelltumoren haben folgende morphologische Charakteristika [533]: Größe > 5cm, erhöhte mitotische Aktivität, pleomorphe Kerne mit Nukleolen, Nekrose und Gefäßinvasion.
Aus klinischer Sicht ist eine langsam progrediente schmerzlose Vergrößerung des Hodens charakteristisch für die Sertolizelltumoren. Zum Teil besteht eine endokrine Tumoraktivität mit erhöhten Östrogenwerten mit konsekutiven Symptomen wie Gynäkomastie (30%).
Die Serumtumormarker AFP, Beta-hCG, LDH und PLAP sind immer negativ. Zur weiteren Diagnostik ist eine Hormonbestimmung inklusive Bestimmung von Testosteron, LH und FSH notwendig. Zusätzlich ist ebenfalls eine Bestimmung von Östrogen, Estradiol, Progesteron und Cortisol erforderlich.
In der sonographischen Untersuchung des Hodens erkennt man bei den Sertolizelltumoren eine gut abgrenzbare hypoechogene Raumforderung mit gelegentlich zystischen Anteilen. Eine genaue Unterscheidung zu den gonadalen KZT ist nicht möglich. Nur der großzellige, kalzifizierende Sertolizelltumor hat ein charakteristisches Bild mit heller echogener Läsion aufgrund von Verkalkungen [534].
Eine histologische Bestätigung bei der Verdachtsdiagnose eines Sertolizelltumors sollte mittels inguinaler Hodenfreilegung erzwungen werden. Bei kleineren Tumoren (<2cm) ist eine schnellschnittgesteuerte Enukleation des Tumors möglich. Bei fehlendem Hinweis auf Malignität ist dann eine Organerhaltung möglich. Bei großen Tumoren oder Nachweis von malignen Kriterien in der Schnellschnittanalyse sollte eine radikale Ablatio testis durchgeführt werden. Eine Untersuchung mittels CT/MRT Abdomens und CT Thorax komplettierten die diagnostischen Maßnahmen zur Stadieneinteilung.
Eine Metastasierung wurde beim klassischen Sertolizelltumor in 12% der Fälle dokumentiert. Beim Subtyp der sklerosierenden Sertolizelltumoren sind maligne Verläufe äußerst selten [529].
10.5.3 Therapie von Leydigzelltumoren und Sertolizelltumoren
Asymptomatische, kleinvolumige Stromatumoren können oft nicht von KZT unterschieden werden. Bei Patienten mit hormonellen Störungen, Symptomen wie Gynäkomastie und negativen Serumtumormarkern sollten ein testikulärer Stromatumor in Erwägung gezogen und eine sofortige Ablatio testis vermieden werden. Ein organerhaltendes Verfahren mittels inguinaler Hodenfreilegung und Enukleation mit Schnellschnittanalyse kann bei kleinen intratestikulären Raumforderungen angewendet werden, um eine histologische Diagnose zu erzwingen.
Bei Nachweis von malignen Leydigzell- oder Sertolizelltumoren sollte eine Ablatio testis durchgeführt werden. Eine frühe RLA im Stadium I (keine LK-Vergrößerungen im Retroperitoneum, keine Fernmetastasen) kann eine Option zur Verhinderung von Metastasen sein [535]. Neuere Studien bestätigten den Nutzen der RLA im Stadium I [37][409][496]. Im Stadium II sollte eine bilaterale RLA durchgeführt werden.
Metastasierte gonadale Stromatumoren zeigen ein schlechtes Ansprechen auf Chemotherapie oder Strahlentherapie. Analog zu den metastasierten KZT erfolgt bei metastasierten gonadalen Stromatumoren der Einsatz der Cisplatin-haltigen Chemotherapie (BEP- oder PEI-Schema). Die Prognose bei metastasierten gonadalen Stromatumoren mit einer mittleren Überlebensrate von zwei Jahren ist schlecht [409].
10.6 Andere nicht-germinale Hodentumoren
In der aktuellen WHO-Klassifikation werden bei den nicht-germinalen Tumoren sieben histologische Subtypen unterschieden. Insgesamt fallen ca. 5-10% aller Hodentumoren in diese sehr heterogene Gruppe. Neben den Stromatumoren (Leydig- und Sertolizelltumore) existieren verschiedene andere verschiedenartige nicht-germinale Hodentumoren.
Hervorzuheben wäre als Vertreter der hämatopoetischen Tumoren das maligne Non-Hodgkin-Lymphom des Hodens, welches bei Männern im Alter über 60 Jahren der häufigste Hodentumor ist und in der Regel als Subtyp eines diffusen großzelligen B-Zell-Lymphoms auftritt [536]. Das maligne Non-Hodgkin-Lymphom des Hodens stellt eine maligne Systemerkrankung dar, die stets nach einer operativen Therapie (Ablatio testis) mit einer Chemotherapie therapiert wird.
Des Weiteren wäre das sehr seltene Adenokarzinom des Rete testis zu nennen, das meist mit einer schlechten Prognose einhergeht. Insgesamt wurden bislang weltweit nur ca. 80 Fälle eines Rete-testis-Adenokarzinoms beschrieben [537].
Nach der aktuellen WHO Klassifikation wird die Epidermoidzyste als präpubertaler Typ eines Teratoms klassifiziert [71]. Der präpubertale Typ eines Teratoms ist dadurch gekennzeichnet, dass morphologisch Derivate aller drei Keimblätter auftreten können. Im Unterschied zum postpubertalen Typ eines Teratoms als klassischer Vertreter eines malignen KZT zeigen präpubertale Typen eines Teratoms keine Vorläuferläsion (GCNIS), dysgenetischen Parenchymveränderungen oder genomische Alterationen [538][539][540]. Da teilweise eine sichere Abgrenzung der zystischen Raumforderung mittels Bildgebung zu KZT nicht möglich ist, erfolgen in der Regel eine inguinale Hodenfreilegung und eine Enukleation des Tumors mit Schnellschnittanalyse. Die organerhaltende Resektion der Epidermoidzyste ist Therapie der Wahl.
Als weitere sehr seltene Erscheinungsformen von nicht-germinalen Hodentumoren sind das paratestikuläre/testikuläre Rhabdomyosarkom, das testikuläre Karzinoid und testikuläre Metastasen anderer maligner Tumoren (z.B. Prostatakarzinom, Bronchialkarzinom, Melanom) zu nennen.
Aufgrund der extremen Unterschiedlichkeit der nicht-germinalen Tumoren hinsichtlich ihrer Histologie und des biologischen Verhaltens existieren keine einheitlichen Standards für Therapie und Nachsorge. Die Erfahrungen beruhen aufgrund der Seltenheit der Tumoren nicht auf prospektiven kontrollierten Studien, sondern ausschließlich auf wenigen Fallbeschreibungen und retrospektiven Analysen.
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