Leitlinienprogramm OnkologieHautkrebsprävention

8. Sekundäre Prävention – Hautkrebsprävention

Version 2.1 · September 2021 · AWMF 032-052OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

8.1 Allgemeines zur Hautkrebsfrüherkennung

8.1.1 Definition sekundäre Prävention, Früherkennung und Screening

Die Sekundärprävention zielt auf die Früherkennung und Verhinderung der Progredienz einer Erkrankung. Sekundärprävention ist als Überbegriff zu bezeichnen, der inhaltlich zentral mit dem Begriff und den Möglichkeiten der Früherkennung verknüpft ist. Bei der Früherkennung von Krankheiten steht das rechtzeitige Erkennen einer Erkrankung, einer Störung bzw. Fehlbildung oder eines sonstigen Gesundheitsschadens im Vordergrund. Um für die Früherkennung geeignet zu sein, ist es daher notwendig, dass Krankheiten eine lange symptomfreie Phase haben, in der Vorstufen oder frühe Stadien der Erkrankung bereits nachweisbar sind. Durch die Erkennung von Krankheiten in einem frühen Stadium zielt die Sekundärprävention darauf ab, die Mortalität, Morbidität und dadurch beeinträchtigte Lebensqualität zu vermindern bzw. zu vermeiden.

Screening ist eine Schlüsselkomponente der Früherkennung. Der Begriff "Screening" kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie "Filteruntersuchung". Ein Screening soll Vorstufen, Frühstadien und Risikofaktoren einer Erkrankung feststellen. Im Screening werden „unerkannte Krankheiten oder Defekte mithilfe schneller und in großem Maßstab durchgeführter Tests erkannt […]. Screening-Tests unterscheiden zwischen offensichtlich gesunden und möglicherweise erkrankten Menschen.“ [639]. Nicht jede Früherkennungsuntersuchung wird in Form eines systematischen Screenings durchgeführt. Ein Screening ist Teil eines übergeordneten Programms, welches die Zielpopulation, Untersuchungsmethode sowie Testverfahren in Bezug auf die Zielerkrankung vorab definiert. Ein solches Screeningprogramm zeichnet sich durch „die Ansprache aller Personen einer definierten Zielgruppe und Vorgaben zur Qualitätssicherung von der ersten Einladung bis zur Bewertung der Endpunkte aus“ [640]. Es entspricht festgelegten und überprüfbaren Qualitätsstandards, indem die durchführenden Ärzte nicht nur eine standardisierte Untersuchungsmethode anwenden, sondern auch ihre Unter-suchungsergebnisse dokumentieren und das Screening somit evaluierbar machen.

HKS schließt die Rekrutierung von offenbar gesunden Teilnehmern, Erhebung der Anamnese und die visuelle Ganzkörperinspektion (Screening-Test) zur Früherkennung von malignen Hauttumoren ein. In der Regel soll in diesem Zusammenhang auch zu Risikofaktoren und Prävention von Hautkrebs beraten werden.

Der Begriff Vorsorge, welcher ebenfalls häufig im Rahmen der sekundären Prävention verwendet wird, ist ein Begriff, der im juristischen Sinne der Absicherung eines Risikos durch z.B. eine Versicherung Verwendung findet. Allerdings ist dieser Begriff missverständlich, da der Eindruck entstehen könnte, regelmäßige Teilnahme verhindere das Auftreten einer Krebserkrankung. Im Rahmen der sekundären Prävention ist daher der Begriff Früherkennung zu verwenden, so wie diese auch in der Krebsfrüherkennungsrichtlinie des G-BA umgesetzt ist.

8.1.2 Ziele eines Screenings / Grundlegende Prinzipien von Screening-Maßnahmen

Das Kernkonzept von Screening ist die Annahme, dass durch die Diagnose einer Erkrankung (z.B. Krebs) in einem frühen Stadium eine Behandlung eher erfolgreich ist und das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko sinkt. Diese Annahme setzt implizit voraus, dass sich bei unbehandelten Krankheiten die Prognose im weiteren Verlauf verschlechtert. Im Fall von MM und PEK ist eine geringere Tumordicke (d.h. eine Hautläsion in einem weniger fortgeschrittenen Stadium) der wichtigste prognostische Faktor für verbessertes Überleben (siehe z.B. für das Plattenepithelkarzinom [641]). Für Patienten mit einem BZK bedeutet die Entdeckung der Krankheit im Frühstadium eine verbesserte Lebensqualität aufgrund geringerer notwendiger therapeutischer Maßnahmen.

Damit eine Krebsentität für ein Screening in Frage kommt, ist eine (lange) „präklinische Phase“, in der eine Früherkennung möglich ist, eine essentielle Voraussetzung [642]. Die Krankheit beginnt zu einem bestimmten Zeitpunkt, ohne dass sie schon nachweisbar ist. Erst später lässt sich die Krankheit diagnostizieren, z.B. wenn ein solider Tumor eine minimale d.h. sichtbare Größe erreicht hat. Die Phase, bevor man eine Erkrankung auch ohne ein Screening diagnostizieren würde, ist als präklinische Phase oder auch „sojourn time“ bekannt [643]. Demzufolge kann ein Screening nur während dieser präklinischen Phase zu einer früheren Diagnose führen. Die Zeitspanne, um welche die Diagnose vorverlegt wird, nennt man „lead time“. Weder die „lead time“ noch die präklinische Phase lassen sich bei einzelnen Individuen feststellen. Die Verteilung dieser beiden Zeitspannen lässt sich allerdings für eine Bevölkerung, welche gescreent wurde, schätzen. Dabei erwartet man, dass in einer gescreenten Gruppe das Durchschnittsalter zum Diagnosezeitpunkt niedriger ist (um den Wert der jeweiligen „lead time“) als in einer Vergleichsgruppe ohne Screening (Spix & Blettner, 2012).

Ablauf einer Krebserkrankung bei effektivem Screening (Becker, 2002)
Ablauf einer Krebserkrankung bei effektivem Screening (Becker, 2002)

Seit der Einführung von Früherkennungsmaßnahmen befindet sich die Diskussion um die Endpunkte von Krebsfrüherkennungsprogrammen im Wandel. Schwartz und andere [644] definierten eine erhöhte Lebensqualität und eine verlängerte Lebensdauer als Maßstab für die Effektivität des gesetzlichen Krebsfrüherkennungsuntersuchungsprogrammes (KFU). Heute wird die Senkung der Mortalität jedoch oft als übergeordnetes Ziel angesehen. Daher werden als Ziele die Reduktion ungünstiger Krankheitsstadien, Erhöhung der Lebenserwartung, Reduzierung der Morbidität, Vermeidung unnötiger Untersuchungen (Bsp. Biopsien), Reduktion von Kosten teurer Behandlungen von fortgeschrittenen Erkrankungen, die Verbesserung der Lebensqualität sowie die Informierung der Bevölkerung über die Screening-Maßnahmen formuliert. Diese Ziele sind gleichzeitig die Parameter für die ergebnisorientierte Evaluation von Screening-Maßnahmen.
Die Zielgruppe setzt sich aus Personen zusammen, die sich subjektiv gesund fühlen und auch überwiegend gesund sind. Nicht zur Zielgruppe gehören Personen, die wegen Beschwerden oder mit Symptomen zur Untersuchung kommen oder die sich in der Nachsorge befinden. Daher sind in einem Screening wenige positive Testergebnisse zu erwarten.

Nach Morrison [645] teilt ein Screening die Teilnehmer in „Personen mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit erkrankt zu sein“ und „Personen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erkrankt zu sein“ ein, wobei die zweite Gruppe einer Anschlussdiagnostik (Verdachtsdiagnostik und/oder Bestätigungsdiagnostik, siehe Kapitel 8.5) zur Diagnosesicherung zuzuführen ist. Demnach bezieht sich ein Screening weder auf Diagnostik noch auf Behandlung. Wenn zur Diagnostik einer selbstentdeckten Hautläsion die Untersuchung auf den gesamten Körper ausgedehnt wird, kann man auch hier von einem „Screening“ sprechen.

Nach den Screening-Kriterien von Wilson und Jungner (1968) soll ein Screening auf Krebserkrankungen folgende Punkte abdecken [642]:

  1. Die Zielerkrankung sollte ein wichtiges Gesundheitsproblem sein,
  2. Der natürliche Verlauf der Erkrankung sollte hinreichend verstanden sein,
  3. Ein erkennbares Frühstadium sollte vorhanden sein,
  4. Die Behandlung sollte im Frühstadium wirksamer als im Spätstadium sein,
  5. Ein wirksamer Test zur Erkennung von Frühstadien sollte vorhanden sein,
  6. Der Test sollte akzeptabel sein,
  7. Die Untersuchungsintervalle sollten bekannt sein/festgelegt sein,
  8. Angemessene Ausstattung des Gesundheitswesens, um den aus dem Screening entstehenden Mehraufwand zu decken,
  9. Sowohl die körperlichen als auch die psychischen Risiken sollten geringer als der Nutzen sein,
  10. Die Kosten sollten in einem ausgewogenen Verhältnis zum Nutzen stehen.

Diese wurden von Andermann et al. [646] auf Basis aktuellerer Diskussion überarbeitet. Von ihnen werden folgende Kriterien genannt:

  • Das Screening-Programm sollte auf einen erkannten Bedarf/ein gesellschaftliches Problem eingehen.
  • Die Ziele des Screenings sollten zu Beginn festgelegt werden.
  • Es sollte eine definierte Zielgruppe geben.
  • Es sollte wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des Screening-Programms geben.
  • Das Programm sollte als Bestandteile Aussagen zu der Ausbildung der Kliniker, den verwendeten Tests, den klinische Abläufe und dem Programmmanagement beinhalten.
  • Es sollte eine Qualitätssicherung mit einem Mechanismus zur Minimierung des potenziellen Screening-Risikos geben.
  • Das Programm sollte eine informierte Entscheidung, Vertraulichkeit und Achtung der Autonomie des Individuums gewährleisten.
  • Das Programm sollte die Gerechtigkeit sicherstellen und den Zugang zum Screening für die gesamte Zielgruppe ermöglichen.
  • Die Programmevaluierung sollte von Anfang an geplant sein.
  • Der Gesamtnutzen des Screenings sollte den Schaden überwiegen.

Hautkrebs erfüllt die meisten, wenn nicht sogar alle dieser Kriterien, und ist demnach für ein Screening geeignet. Es wird jedoch mehr Evidenz benötigt, um alle dieser 10 Kriterien zu bewerten, z.B. die Schäden durch ein HKS, Kosteneffektivität sowie die Frage nach dem angemessenen Untersuchungsintervall.

In einem Screening-Programm wird ein Screening normalerweise von speziell geschulten Ärzten durchgeführt. Ein Screening lässt sich zum einen in einer gesamten Bevölkerung durchführen (bevölkerungsbezogenes oder auch Massenscreening), ohne diese in Untergruppen einzuteilen. Eine andere Möglichkeit ist ein Risikogruppenscreening nur in bestimmten Bevölkerungsgruppen, z.B. bei Personen, die eine höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit für z.B. Hautkrebs haben [642]. In Anbetracht der Abhängigkeit des Positiv-Prädiktiven-Wertes (PPV, siehe unten) von der Prävalenz einer Erkrankung in einer bestimmten Bevölkerung und weil die Prävalenz in Risikogruppen definitionsgemäß höher ist, wird ein Screening-Programm normalerweise die höchste Produktivität und Wirksamkeit entfalten, wenn es sich an Hochrisikopersonen richtet (besserer PPV in Risikogruppen im Vergleich zum PPV in Nichtrisikogruppen).

Ein Screening-Programm kann systematisch durchgeführt werden, womit ein hochgradig organisiertes Programm mit einer standardisierten und qualitätsgesicherten Screening-Untersuchung gemeint ist. Im Gegensatz dazu wird ein dezentrales unsystematisches Screening auch als „opportunistisches“ oder „graues“ Screening bezeichnet [642]. Wegen des Fehlens einer standardisierten Screening-Prozedur lassen sich Evaluationen opportunistischer Screenings nur unter Schwierigkeit durchführen.

Ein systematisches Screening-Programm sollte die folgenden Bestandteile beinhalten [647]; [643]:

  • Eine Zielpopulation.
  • Eine Rekrutierungsstrategie. Strategien beinhalten oft Kampagnen über Massenmedien mit Informationen, die speziell für die Zielgruppe zugeschnitten sind, sowie Einladungs- oder Erinnerungsschreiben, die sich persönlich an die Teilnahmeberechtigten richten.
  • Ein Screening-Test.
  • Ein standardisiertes Trainingsprogramm für die ausführenden Ärzte.
  • Ein Screening-Intervall.
  • Nachverfolgung der Patienten.
  • Evaluation. Zur Generierung von Evidenz bezüglich der Effektivität jedes Screening-Programms ist die Entwicklung einer umfassenden Evaluierungsstrategie unverzichtbar. Dies schließt sowohl eine Ergebnisevaluation hinsichtlich der Mortalität, Inzidenz der Stadien, Morbidität und Lebensqualität mit ein, als auch Prozessevaluation, Evaluation der Schulung und Evaluation der Kampagnen und der allgemeinen Rekrutierungsstrategie.

8.1.3 Kenngrößen eines Screenings

Ein Screening-Test dient ausschließlich dazu, innerhalb einer bestimmten Zielgruppe verdächtige Befunde zu identifizieren. Dabei bilden sich vier Gruppen: die Richtig-Positiven (Erkrankte und als solche erkannt), die Falsch-Positiven (nicht Erkrankte, jedoch als krank diagnostiziert), die Falsch-Negativen (Erkrankte, jedoch für gesund befunden) sowie die Richtig-Negativen (Gesunde und als solche erkannt).

Die Sensitivität eines diagnostischen Testverfahrens gibt an, bei welchem Prozentsatz erkrankter Patienten die jeweilige Krankheit durch die Anwendung des Tests tatsächlich erkannt wird.

Die Spezifität eines diagnostischen Testverfahrens gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass tatsächlich Gesunde, die nicht an der betreffenden Erkrankung leiden, im Test auch als gesund erkannt werden.

Der positive prädiktive Wert (PPV) oder positive Vorhersagewert gibt an, wie viele Personen, bei denen eine bestimmte Krankheit mittels eines Testverfahrens festgestellt wurde, auch tatsächlich krank sind. Der PPV wird von der Prävalenz der Erkrankung in der Bevölkerung beeinflusst. Je höher die Prävalenz, desto höher ist auch der PPV [648]

Der negative prädiktive Wert (NPV) oder negative Vorhersagewert gibt an, wie viele Personen, bei denen eine bestimmte Krankheit mittels eines Testverfahrens nicht festgestellt wurde, auch tatsächlich gesund sind.

Krebs ist eine fortschreitende Erkrankung und ein Screening zielt allgemeinhin darauf ab, eine Krebserkrankung zu einem früheren Zeitpunkt zu entdecken als man sie in der Regelversorgung diagnostizieren würde - insbesondere, bevor der Tumor ein invasives Stadium erreicht hat.

Ein Screening-Test ist wie fast jeder diagnostische Test selten 100 % sensitiv (d.h. alle Individuen, welche die Erkrankung haben, werden als „richtig-positive“ entdeckt), weil es sich eben nicht um einen diagnostischen Test handelt. Normalerweise existiert kein „Goldstandard“ für den Vergleich des Krankheitsstatus. Bei den meisten Teilnehmern des HKS handelt es sich um „richtig-negative“ (negatives Testergebnis und frei von der Krankheit) oder um „falsch-positive“, d.h. ein positives Testergebnis, obwohl die Krankheit nicht vorhanden ist. Nur bei einem Bruchteil der gescreenten Personen handelt es sich um „richtig-positive“, d. h. sie haben einen positiven Test und sind von der Erkrankung betroffen.

8.1.4 Screening im Rahmen von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen

Im Rahmen von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen werden verschiedene Screenings angeboten. Die Berechtigung zur Teilnahme an Screening-Maßnahmen definiert sich nach Alter, Geschlecht und Untersuchungsintervall. Zum Beispiel haben in Deutschland alle Frauen ab 20 Jahren Anspruch auf die jährliche Screeninguntersuchung für das Zervixkarzinom. Beim Darmkrebs–Screening haben alle Männer ab 50 und Frauen ab 55 Jahren Anspruch auf zwei Koloskopien im Mindestabstand von 10 Jahren. Zum Mammographie-Screening werden Frauen zwischen 50 – 69 Jahren alle 2 Jahre brieflich eingeladen. Das Prostatakrebs-Screening ist für Männer ab dem 45. Lebensjahr. Sie können sich jährlich untersuchen lassen.

Tabelle 26: Screening im Rahmen von Krebsfrüherkennungen

Teilnehmerberechtigung nach Alter, Geschlecht und Untersuchungsintervall

Zervizkarzinom-Screening: Frauen ab 20 Jahren,

Jährliche Untersuchung.

Frauen ab 35 alle drei Jahre Test auf HPV.

Darmkrebs-Screening: Frauen ab 55 Jahren und Männer ab 50 Jahren, zwei Untersuchungen im Abstand von 10 Jahren

  • Männer 50+: Anspruch auf zwei Früherkennungskoloskopien im Mindestabstand von zehn Jahren
  • Frauen 55+: zwei Früherkennungskoloskopien im Mindestabstand von zehn Jahren.
  • Wenn Männer und Frauen das Angebot erst ab 65 Jahren wahrnehmen: Anspruch auf eine Früherkennungskoloskopie.
  • Frauen und Männer 55+: alle zwei Jahre Anspruch auf einen iFOBT, solange noch keine Früherkennungskoloskopie in Anspruch genommen wurde.

Mammographie-Screening: Frauen zwischen 50 und 70 Jahren. Alle 2 Jahre

Hautkrebs-Screening: Männer und Frauen ab 35 Jahren. Alle 2 Jahre

Prostatakrebs-Screening: Männer ab 45 Jahren. Jährliche Untersuchung

 

Gesetzliche Grundlagen der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen sind:

  • Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten (Patientenrechtegesetz), in Kraft getreten Februar 2013. Im Mittelpunkt des Gesetzes stehen die Normierung des Behandlungsvertrags und der damit verbundenen Pflichten der Behandelnden (z.B. die Ausgestaltung der Informations- bzw. Aufklärungspflichten und Regelungen zur Dokumentation der Behandlung), die Stärkung der Rechte der Patienten gegenüber den Leistungsträgern und bei Behandlungsfehlern im sozialversicherungsrechtlichen Kontext sowie die Stärkung der Patientenbeteiligung in der Selbstverwaltung.
  • Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (Präventionsgesetz - PrävG), in Kraft getreten Juli 2015. Änderung des fünften Sozialgesetzbuches (SGB V), §20. Im Mittelpunkt des Gesetzes steht die Verbesserung der Grundlagen für die Zusammenarbeit von Sozialversicherungsträger, Länder und Kommunen in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung. Außerdem werden die Früherkennungsuntersuchungen in allen Altersstufen ausgebaut und wichtige Maßnahmen zum Impfschutz geregelt.
  • Gesetz zur Weiterentwicklung der Krebsfrüherkennung und zur Qualitätssicherung durch klinische Krebsregister (Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz [KFRG]), in Kraft getreten April 2013. Mittelpunkt des Gesetzes ist die Schaffung der rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für die Errichtung und den Betrieb flächendeckender klinischer Krebsregister.
  • Empfehlungen des Rates der EU zu Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, Dezember 2003. Fördert und unterstützt die Krebsfrüherkennung in allen Staaten der Europäischen Gemeinschaft und gibt Empfehlungen zu deren Umsetzung.
  • Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss über die Früherkennung von Krebserkrankungen (Krebsfrüherkennungs-Richtlinie/ KFE-RL). In Kraft getreten Juni 2009, zuletzt geändert im April 2019. Die Richtlinie regelt die ärztlichen Maßnahmen zur Früherkennung von Krebserkrankungen, insbesondere zum Leistungsumfang und -zeitpunkt, zur Dokumentation sowie zur Auswertung.
  • Richtlinie für organisierte Krebsfrüherkennungsprogramme (oKFE-RL). In Kraft getreten 01.01.2020. Die Richtlinie bestimmt Näheres über die Durchführung von organisierten Krebsfrüherkennungsprogrammen. Wesentliche Strukturelemente sind eine regelmäßige Einladung, verbunden mit begleitenden Informationen für die Versicherten über die jeweilige Untersuchung, Datenschutz, Widerspruchsrechte, sowie die Durchführung der Untersuchung und die Programmbeurteilung.

8.1.5 Nutzen und Schaden

Obwohl Screening-Maßnahmen das Potenzial besitzen, die Mortalität einer Erkrankung zu reduzieren und Leben zu retten, wird sich der Tod als „Outcome“ nicht immer vermeiden lassen. Manche Personen werden trotz der Teilnahme an einem Screening an einer Krebserkrankung versterben, weil der Tumor nicht im Screening erkannt wurde, der diagnostizierte Tumor nicht auf die Behandlung anspricht, oder weil er sich zum Diagnosezeitpunkt bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befindet.

Bei Patienten mit einem falsch-negativen Testergebnis (diese haben trotz Erkrankung ein negatives Testergebnis) kann die trügerische Sicherheit zu einer verspäteten Diagnose führen. In diesem Fall bleibt der Tumor solange unentdeckt, bis er zu Symptomen führt oder während der nächsten Screening-Untersuchung entdeckt wird.

Bei Patienten mit falsch-positivem Testergebnis (diese haben ein positives Testergebnis, obwohl keine Erkrankung vorliegt) kann es zu unnötigen, multiplen Exzisionen kommen, außerdem wird die Zeit bis zum Eintreffen des harmlosen / gutartigen histopathologischen Befundes von vielen Patienten als große psychische Belastung erlebt.

Intervallkarzinome, also Tumoren, welche zwischen zwei Screening-Untersuchungen entdeckt werden [649], können auch trotz eines wirksamen Screening-Programms auftreten. Hierbei handelt es sich nicht um falsch-negative Ergebnisse. Intervallkarzinome treten entweder auf, weil das Screening-Intervall zu lang ist oder weil der Patient von einem besonders schnell wachsenden Tumor betroffen ist. Auch die übersehenen Tumoren (falsch-negativer Test) werden zu den Intervallkarzinomen gezählt. Eine Unterscheidung zwischen den zwischenzeitlich entstandenen und den übersehenen Tumoren ist beim HKS nicht möglich.

Schließlich wird man während eines Screenings auch sehr langsam wachsende Tumoren entdecken, bei denen es, theoretisch / statistisch gesehen, unwahrscheinlich ist, dass sie jemals den Patienten geschädigt hätten oder zu irgendeinem Zeitpunkt für den Patienten lebensbedrohlich geworden wären, die sogenannte Überdiagnose. In diesen Fällen könnten die weiterführende Diagnostik oder eine Behandlung diese Individuen eher schädigen, als dass sie davon profitieren.

Bei der Thematik Überdiagnose muss folgendes beachtet werden: Die momentane wissenschaftliche Definition beschreibt die Überdiagnose als die Erkennung des Frühstadiums einer Erkrankung, welche die Lebenszeit und die Lebensqualität des Nutzers an sich nicht verändern würde. Die Diagnostik und Behandlung haben daher einen höheren Einfuss auf die Lebensqualität des Patienten und erzeugen höhere Kosten als es die eigentliche Erkrankung ohne die frühzeitige Diagnose jemals getan hätte.

Ärzte sind aus medizin-ethischer Sicht dazu verpflichtet, nach dem Prinzip der Schadensvermeidung und Prinzip der Fürsorge zu handeln. Aus Sicht der Definition der Überdiagnosen würde die chirurgische Entfernung eines Karzinoms einem Schaden entsprechen. Da es das Ziel eines Screenings ist Tumore bereits in einem frühzeitigen und damit symptomfreien Stadium zu entdecken, ist unklar, inwiefern sich der Tumor im weiteren Verlauf auf die Gesundheit des Patienten ausgewirkt hätte. Es besteht daher insofern das Dilemma, dass Ärzte im Sinne der Fürsorge und des Patientenwohls handeln aber auch im Sinne eines hochqualitativen Screeningprogramms, wenn Tumoren in diesem frühen Stadium entfernt werden, um möglichen weiteren Schaden von den Patienten abzuwenden, auch wenn sie aus epidemiologischer Sicht als Überdiagnose zu bezeichnen sind.

8.1 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2020

Negative Folgen eines Hautkrebs-Screenings bestehen in Exzisionen mit gutartiger Histologie (falsch-positive Tests).

Die in Studien beschriebene Number-Needed-to-Excise reicht hierbei von 3,25 bis 179, d.h. zwischen 3,25 und 179 Exzisionen sind nötig, um einen malignen Hauttumor histologisch zu bestätigen.

Evidenzlevel
2+
Literatur
[205] [650] [651] [652]
8.2 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Mit Ausnahme der falsch-positiven Tests gibt es bisher wenig Evidenz zu potenziellen Risiken und negativen Folgen eines Hautkrebs-Screenings. Mögliche negative Folgen sind Überdiagnosen, Übertherapie, negative psychologische Folgen sowie mögliche Diagnoseverzögerung in Folge von falsch-negativen Tests.

Diese potenziellen Risiken und negativen Folgen des Hautkrebs-Screenings sollten durch angemessene Ärztetrainings- und -schulungsmaßnahmen so weit wie möglich reduziert werden. Ärzte sollten potenzielle Risiken und negative Folgen vor dem Screening mit ihren Patienten besprechen.

Mit dem potenziellen Nutzen eines HKS für einzelne Personen als auch für die Allgemeinheit (z.B. Reduktion von Mortalität, Morbidität und Anstieg der Lebensqualität) haben sich zahlreiche Studien befasst. Weil ein Screening aber auf Untersuchungen und Tests an gesunden Menschen abzielt, müssen mögliche Schäden und Risiken, welche diese Prozeduren mit sich bringen, noch sorgfältiger untersucht werden.

Trotz der weltweit ansteigenden Inzidenzraten von MM, BZK und PEK ist Deutschland das einzige Land mit einem bundesweiten bevölkerungsbezogenen Hautkrebs-Screening-Programm. Viele Länder mit einer höheren Belastung durch Hautkrebs zögern nach wie vor, solch ein Programm einzuführen. Um ein Screening-Programm einzuführen, muss der mögliche Nutzen die möglichen Risiken und Schäden überwiegen. Nur dann ist die Untersuchung von offensichtlich gesunden Bevölkerungen zu rechtfertigen. Weil Studien fehlen über die Belastungen durch ein Screening-Programm für Individuen und das Gesundheitssystem fehlen und weil die Effektivität bisher nicht abschließend nachgewiesen wurde, empfehlen viele Organisationen, einschließlich der United States Prevention Services Task Force (USPSTF, [653]; [654] und des Australian Cancer Council (veröffentlicht September 2019) mit der New Zealand Guidelines Group [655] ein routinemäßiges HKS nicht.

Viele Belastungen werden durch Screening-Tests hervorgerufen, weil diese Tests auch „falsch-positive“  und „falsch-negative“ Ergebnisse produzieren.

Die folgenden potenziellen Risiken und Schäden sind mit falsch-positiven Testergebnissen assoziiert:

  • Viele Studien zeigten, dass sich verdächtige Hautläsionen als benigne Läsionen herausstellen. Der Anteil von histopathologisch bestätigten gutartigen Läsionen reicht von 70 % bis fast 90 % [205]; [651]; [652]; [650]. Nur ein geringer Anteil der Patienten erhält ein „richtig-positives“ Screening-Ergebnis. Eine Weitergabe dieses Wissens durch die Ärzte an ihre Patienten könnte den Druck und die Angst der Patienten mit möglicherweise „falsch-positiven“ Testergebnissen verringern.
  • Überflüssige weiterführende Tests und/oder Untersuchungen können zu Komplikationen führen und den Patienten schädigen. Im Fall des Hautkrebs-Screenings können unnötige Biopsien Komplikationen verursachen und zusätzlich zu unansehnlichen und zahlreichen Narben führen. Wenn diese Narben an sichtbaren Körperteilen, wie z.B. im Gesicht auftreten, kann das dem Patienten psychologischen Stress verursachen. Zu der Anzahl der benötigten Exzisionen (NNE), um einen malignen Hauttumor zu finden, werden unterschiedliche Angaben gemacht. Beispielsweise zeigte eine Studie zu einem Hautkrebs-Screening eine Exzisionsrate pro neudiagnostiziertem MM von 179:1, was auf eine geringe diagnostische Spezifität hinweist [650]. Im Gegensatz dazu mussten im deutschen SCREEN-Projekt nur 27 Exzisionen durchgeführt werden, um ein MM zu entdecken, während die NNE für BZK bei 8:1 und PEK bei 41:1 lag [205]. Im SCREEN-Projekt erhielten die Dermatologen und andere qualifizierte Ärzte ein zusätzliches Training zur Früherkennung [205], was in der Studie von Schmitt et al. nicht der Fall war [650]. Das mag zu der niedrigeren NNE geführt haben und unterstreicht die Wichtigkeit von speziellen Schulungsmaßnahmen und Fortbildungen für Ärzte, die am Hautkrebs-Screening teilnehmen.
  • Teure überflüssige Exzisionen können ebenso wie Überdiagnosen und unnötige Behandlungen eine Belastung für das Gesundheitssystem sein.
  • Die Lebensqualität kann durch Sorge und Stress in der Wartezeit auf das endgültige (negative) Untersuchungsergebnis beeinträchtigt sein. Diese negativen psychologischen Effekte hängen hauptsächlich von dem Umfang der Informationen ab, welche dem Screening-Teilnehmer zur Verfügung stehen und ebenso von der Kommunikationsfähigkeit des Arztes.
  • Gerichtliche Schritte können von solchen Personen eingeleitet werden, die von Komplikationen während der nachfolgenden Prozeduren betroffen waren. Das kann das Vertrauen der Öffentlichkeit in ein Screening vermindern.

Die folgenden potenziellen Risiken und Schäden sind mit falsch-negativen Testergebnissen assoziiert:

  • Falsch-negative Ergebnisse können zu einer trügerischen Sicherheit führen; so sagt der Patient möglicherweise Arzttermine ab, weil das frühere Screening nahegelegt hat, dass alles in Ordnung sei. In diesem Fall bleibt der Tumor so lange unentdeckt, bis er sich von selbst bemerkbar macht oder in der nächsten Screening-Runde entdeckt wird. Dann ist es möglicherweise für eine Behandlung zu spät oder der Tumor ist in einem weiter fortgeschrittenen Stadium, als es eventuell bei einer klinischen Diagnose ohne Screeningangebot der Fall gewesen wäre. Das kann zu einer erhöhten Morbidität, teuren Therapien und reduzierter Lebensqualität durch die verspätete Diagnose führen. In dem extremen Fall von MM, welches mit einer potenziell hohen Metastasierungswahrscheinlichkeit einhergeht, kann ein falsch-negatives Testergebnis möglicherweise zum Tod führen. Osborne et al. (2003) berichten über die Treffsicherheit zur Diagnose von „falsch-negativen“ in unterschiedlichen Kliniken. Sie fanden heraus, dass die Anzahl der „falsch-negativen“ in spezialisierten Hautkliniken („pigmented lesion clinics“) am niedrigsten war. Sie schließen daraus, dass die Erfahrung von Dermatologen, die in solch spezialisierten Kliniken tätig sind, für die verbesserte diagnostische Präzision verantwortlich sein mag [656].
  • Gerichtliche Schritte können von solchen Personen eingeleitet werden, die von späten Hautkrebsstadien betroffen sind, obwohl sie an einem HKS teilgenommen haben. Auch das kann das Vertrauen der Öffentlichkeit in Screening-Maßnahmen vermindern.

Die meisten Teilnehmer von HKS haben ein „richtig-negatives“ Testergebnis und profitieren vom HKS, weil die ärztliche Bestätigung, dass sie gesund sind, als positiv aufgenommen wird. Patienten mit „richtig-positiven“ Ergebnissen können durch die Diagnose unter Druck gesetzt werden, weil ihre Krankheitsphase durch die frühere Diagnose aufgrund des Screenings verlängert wird und erst abgewartet werden muss, ob sie von der umgehenden Behandlung profitieren [651]; [643]. Des Weiteren können Verspätungen in der Überweisung verdächtiger Läsionen (durch eine Konsultation beim Dermatologen oder weiterführende Prozeduren) potenzielle Schäden erhöhen, z. B. durch Zunahme der Tumordicke von MM und einem Rückgang der Überlebensraten an MM [657].

Die Ganzkörperuntersuchung wird ohne technische Hilfsmittel durchgeführt. Es handelt sich um einen sicheren, kostengünstigen und nicht-invasiven Screening-Test. Zusätzlich ist er weder für die Patienten schmerzhaft oder für die Ärzte übermäßig zeitaufwendig. Bisher sind keine Nachteile bekannt, die direkt durch eine Ganzkörperuntersuchung direkt entstehen, abgesehen davon, dass es dem Teilnehmer unangenehm sein kann, sich für ein Screening komplett zu entkleiden.

Ein Hauttumor, der während eines Screenings nicht entdeckt wurde, kann ein symptomatisches Stadium erreichen, bevor die nächste Screening-Untersuchung ansteht. Diese Tumoren werden „Intervallkarzinome“ genannt. Demzufolge können „falsch-negative“ Testergebnisse genutzt werden, um das angemessene Screening-Intervall für das HKS festzulegen. Das würde die potenziellen negativen Konsequenzen „falsch-negativer“ Ergebnisse reduzieren, jedoch die „falsch-positiven“ erhöhen. Ein Screening-Intervall, welches zu kurz ist, z.B. alle drei Monate für Hochrisikopersonen, könnte langfristigen psychologischen Stress verursachen und die Lebensqualität einer Person nachteilig beeinflussen.

Die aufgeführten möglichen Schäden werden in folgender Tabelle zusammengefasst und möglichen Nutzen gegenübergestellt:

Tabelle 27: Mögliche Schäden und Nutzen von Screening

Mögliche Schäden:

Mögliche Nutzen

  • Falsch-negative Ergebnisse: Patient und Arzt beruhigt, Krebs wächst, kann zum Tod führen. Vertrauen in den Arzt und das System erschüttert.
  • Falsch-positive Ergebnisse: Durch falsch-positive Ergebnisse sind Patient und Arzt beunruhigt und leiten diagnostische Schritte ein; in der Wartezeit physische und psychische Belastung des Patienten, nach histologischer Abklärung Entlastung, was zur Vertrauensbildung zu Arzt und System führen kann.
  • Überdiagnose: Erkennung von Frühstadien, die die Lebensqualität und die Lebenszeit nicht beeinflussen. Diagnostik und Behandlung würden Lebensqualität verändern und Kosten erzeugen. Ethische Einwände verhindern wissenschaftlichen Nachweis von Überdiagnosen.
  • Entdeckung und Behandlung im Frühstadium
  • Senkung von Morbidität
  • Senkung von Mortalität
  • geringere Beeinträchtigung der Lebensqualität und geringere Kosten.
  • Verhinderung weiterer Folgeschäden.
  • Arzt lernt Patienten besser kennen und kann später evtl. auf Vorbefunde zurückgreifen.
  • Patienten (z. B. Risikogruppen) über Selbstuntersuchungen und prophylaktische Maßnahmen orientieren.
  • Informierung und Bewusstseinsbildung des Nutzers über die Erkrankung und mögliche Effekte des Screenings

 

Forschungsbedarf

Die meisten Studien zu negativen Konsequenzen von HKS konzentrieren sich auf unnötige Biopsien und die NNE. Weitere Forschung zu anderen Faktoren, welche einen Einfluss auf potenzielle Schäden haben, ist notwendig.

Die folgenden Punkte sollten berücksichtigt werden:

  • Untersuchung von Risikofaktoren für „falsch-positive“ und „falsch-negative“ Ergebnisse sowohl in Risikogruppen als auch bei Personen ohne Risikomerkmale,
  • Überdiagnosen im HKS müssen untersucht werden,
  • Studien zu Intervallkarzinomen, um das optimale Screening-Intervall festzulegen und „falsch-negative“ Ergebnisse zu reduzieren,
  • die NNE von geschulten vs. ungeschulten Ärzten und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Patienten,
  • die kommunikativen Fähigkeiten von Ärzten und medizinischem Assistenzpersonal, um die Teilnehmer über potenziellen Nutzen und Risiken des HKS aufzuklären,
  • die negativen psychologischen Effekte, welche mit der Unsicherheit von möglichen „falsch-negativen“ und „falsch-positiven“ Ergebnissen eines HKS assoziiert sind,
  • negative Auswirkungen von Screenings für die Ärzte (Zeitaufwand usw.).

8.1.6 Methoden der Hautkrebsfrüherkennung

Zur Früherkennung von MM werden in der Literatur populationsbezogene als auch individuelle Maßnahmen beschrieben. Hinsichtlich der Wirksamkeit dieser Maßnahmen, d. h. eine Verschiebung von späten Tumorstadien hin zu frühen Tumorstadien und einer Mortalitätsreduktion, ist die Evidenz eher gering. Die vorhandene Evidenz gründet sich fast exklusiv auf epidemiologische Studien anstatt auf RCT, welche die Generierung höherer Evidenzlevel hinsichtlich der Wirksamkeit bevölkerungsbezogener Screeningmaßnahmen ermöglicht hätten. Der gegenwärtige Mangel an Evidenz der Wirksamkeit durch RCT ist der Hauptgrund, warum Organisationen weltweit [658]; [654] derartige Interventionen zur Früherkennung von malignen Hauttumoren nicht empfehlen [655]; [659].

8.1.6.1 Routinemäßige Selbstuntersuchungen der Haut

8.3 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Die Hautselbstuntersuchung soll empfohlen werden.

In Bezug auf individuelle Maßnahmen könnte die routinemäßige Selbstuntersuchung der Haut (SSE, skin self examination) eine erfolgversprechende Methode zur Früherkennung maligner Hauttumoren sein, da sie kostenlos und frei von Unannehmlichkeiten ist.

Hinsichtlich der durchschnittlichen Melanomdicke konnten Titus et al. [660], die den Effekt einer Hautselbstuntersuchung in New Hampshire untersuchten, keinen signifikant positiven Effekt (0,68 mm versus 0,91 mm) beobachten. Eine Assoziation zwischen der Melanomdicke (≥1mm versus <1mm) und Hautselbstuntersuchung konnte zwar für eine einzelne Subgruppe (Selbstuntersuchung 1-11x/Jahr: OR 0,39, 95% CI 0,18-0,81), nicht aber insgesamt gezeigt werden (OR: 0,68 95% CI: 0,42-1,10) [660]. Bei der Statistik fällt multiples Testen auf und für die Gruppierung der Häufigkeit der Selbstuntersuchungen fehlt eine Rationale. Darüber hinaus berichten sie eine mögliche Verringerung des Melanomrisikos durch eine Hautselbstuntersuchung, wenn diese 1 bis 11-mal pro Jahr durchgeführt wurde (OR: 0,74; 95% CI 0,54-1,02). Es zeigte sich insgesamt jedoch keine Assoziation zwischen der Häufigkeit der Hautselbstuntersuchung und der Wahrscheinlichkeit ein Melanom zu detektieren (OR: 0,91, 95% CI 0,71-1,16). Außerdem fanden die Autoren eine reduzierte

Wahrscheinlichkeit einer Melanomdiagnose bei Patienten, die ihre Haut selbst untersucht hatten und über einen Arztbesuch während des letzten Jahres berichteten (OR: 0,54, 95% CI 0,38-0,79).

Paddock et al. [661] konnten in einer 20-Jahres-Überlebensstudie bei Patienten, die 1987-1989 in Connecticut die Erstdiagnose malignes Melanom erhielten, keine Assoziation zwischen der Hautselbstuntersuchung und der Melanommortalität nachweisen (adj. Hazard Ratio: 1,12, 95% CI 0,61–2,06 Selbstuntersuchung versus keine Selbstuntersuchung).

Die Treffsicherheit durch den Gebrauch von „mole mapping diagrams“ wurde in From eines RCT überprüft und war in der Interventionsgruppe erfolgreicher als in der Kontrollgruppe. Die Autoren beschreiben, dass eine erhöhte Treffsicherheit zur Identifikation neuer Hautläsionen durch die Nutzung von „mole mapping diagrams“ das Potential habe, die Mortalität durch Melanome zu reduzieren und dass es sich um eine einfache und kostengünstige Maßnahme handelt [662].

Weitere Studien weisen darauf hin, dass eine Fotodokumentation in Verbindung mit SSE die diagnostische Güte von SSE erhöhen kann, was zu einer reduzierten Exzisionrate führt [663]; [664].

Muhn et al. (2000) hingegen schlossen aus ihrer Studie, dass SSE nur eine mäßig effektive Methode ist, um Veränderungen in der Größe existierender Hautläsionen festzustellen. Sie untersuchten die Fähigkeit von Hochrisikopersonen, Veränderungen in der Größe ihrer Muttermale auf dem Rücken zu erkennen. Zu Beginn der Studie wurden diese Hochrisikopatienten in der Durchführung der SSE geschult. Die Autoren berichten, dass ein großer Anteil der Studienteilnehmer (25 %) keine Veränderungen entdeckte, oder fälschlicherweise Veränderungen entdeckte, wenn keine vorhanden waren (38 %) [665].

Die Evidenz in Bezug auf SSE ist jedoch hinsichtlich Qualität und Quantität limitiert und es ist nach wie vor unklar, ob SSE zu einem verbesserten Outcome in Bezug auf Morbidität und Mortalität führt.

Jedoch ist die Abgrenzung einer Gruppe „Haut-Selbstuntersuchung“ von einer weiteren Gruppe „Nicht Untersuchung“ schwierig. Zur Diagnostik beim Arzt sei es nun Dermatologe, Allgemeinarzt oder ein anderer Facharzt führt in der Regel die Detektion einer suspekten Hauteffloreszenz durch den Patienten selbst oder einen Angehörigen. Unabhängig davon müssen immer Personen betrachtet werden, die ohnehin regelmäßig zur Krebsfrüherkennungsuntersuchung oder zur Gesundheitsuntersuchung gehen.

Diese Ausführungen legen die Schwierigkeit einer wissenschaftlichen Betrachtung und Einordnung der Selbstuntersuchung dar. Dazu sollte bei solchen Studien der Studienendpunkt realistisch bei der Detektion des Hautkrebses (MM, PEK, BZK) durch den Pathologen gesetzt sein, alle späteren Endpunkte sind wissenschaftlich fragwürdig.

Vergleichen wir die SSE mit der empfohlenen Selbstuntersuchung der S3 Leitlinie Brustkrebs und mit der S3 Leitlinie der malignen Hodentumoren fällt ein wesentlicher Unterschied auf: Hier muss der Proband selbst tasten und nicht einfach nur anschauen. In beiden Leitlinien wird die Selbstuntersuchung mit Anleitungsempfehlungen angeraten. Die Studienlage dazu ist ebenfalls nicht eindeutig.

Bei fehlender Evidenz vorhandener Studien wird trotz der grundsätzlichen Problematik der beschriebenen Studien dennoch zur Hautselbstuntersuchung mit Anleitung (mole mapping diagrams) geraten.

8.1.6.2 Die visuelle Ganzkörperuntersuchung

Überarbeitung von W. Cremer

In diesem Kapitel wird auf die von Health Professionals durchgeführte und in Rahmen von internationalen Studien getestete visuelle Ganzkörperuntersuchung eingegangen. Es bezieht sich nicht auf die bevölkerungsbezogene standardisierte Ganzkörperuntersuchung im Rahmen des gesetzlichen Hautkrebs-Screenings in Deutschland. Dieses wird in Abschnitt 8.2 thematisiert.

8.4 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Zum Screening von Hautkrebs soll eine Ganzkörperinspektion durchgeführt werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2++
Literatur
[205] [666] [667] [668]
8.5 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Bei der Ganzkörperinspektion soll der Untersuchungsraum ausreichend hell sein und der Untersucher so nah an den zu Screenenden herantreten, dass er mit dem bloßen Auge auch kleine Hautveränderungen erkennen kann.

ÄnderungshinweisBei der Ganzkörperinspektion soll der Untersuchungsraum hell sein und der Untersucher so nah an den zu Screenenden herantreten, dass er mit dem bloßen Auge auch kleine Hautveränderungen erkennen kann.

Die Ganzkörperinspektion ohne weitere Hilfsmittel am entkleideten Menschen stellt eine seit Jahrzehnten durchgeführte, einfache und kostengünstige Untersuchungsmethode dar, mit der Hautkrebs im Rahmen eines Screenings entdeckt werden kann [205].

Um bei dieser Methode optimale Ergebnisse zu erreichen, gibt es verschiedene variable Faktoren, deren Bedeutung und Gewichtung allerdings bislang nicht in Studien getestet wurden.

Zu diesen gehört die Ausleuchtung des Untersuchungsraums. Die Erfahrung zeigt, dass Tageslicht und helles weißes oder gelbes künstliches Licht von Vorteil sind. Die Beleuchtungsstärke der Allgemeinbeleuchtung von normalen Untersuchungsräumen liegt nach DIN 12464-1 zwischen 300 und 500 Lux. Bei der Ganzkörperinspektion erscheint daher eine Beleuchtungsstärke der Allgemeinbeleuchtung von mindestens 500 Lux als sinnvoll, während für detaillierte Untersuchungen der Haut etwa 1.000 Lux notwendig sind. Ein weiterer Faktor ist der Abstand des Untersuchers zum Untersuchenden. Um mit bloßem Auge auch kleine Hautveränderungen erkennen und beurteilen zu können, wird ein naher Sichtabstand empfohlen. Allerdings fehlen Studien, bei welcher Sehstärke welcher Abstand mindestens notwendig ist.

Ganz wesentlich bei der Ganzkörperinspektion ist die Erfahrung des Untersuchers. Als Messparameter gelten hierbei die Sensitivität und die Spezifität bei der Erkennung von Hautkrebs, wobei in unterschiedlichen Studien die Erkennung von Melanomen, die Erkennung von hellem Hautkrebs (NMSC) oder die Unterscheidung zwischen gut- und bösartigen Läsionen gemessen wurde.

Die Datenlage bezüglich der Sensitivität und Spezifität der Diagnostik von melanozytärem und nicht-melanozytärem Hautkrebs und seinen Vorstufen mittels Ganzkörperinspektion ist nur sehr beschränkt. Die Diagnostik von nicht-melanozytärem Hautkrebs (NMSC) mittels Ganzkörperuntersuchung hat eine Sensitivität von 56-90 % und eine Spezifität von 75-90 %. In einer Querschnittsstudie mit australischen Hausärzten betrug die Sensitivität bei der Diagnosestellung von verschiedenen Hautkrebsarten mittels Ganzkörperinspektion 100 % für Melanome (n=1), 89 % für Basallzellkarzinome (n=62), 80 % für dysplastische Nävi (n=30), 58 % für benigne Nävi (n=69), 42 % für Plattenepithelkarzinome (n=18) und 10 % für aktinische Keratosen (n=31), während die Spezifität für diese Entitäten bei 76-99 % lag. Bei der Melanom-Diagnostik mittels klinischer Inspektion liegt die Sensitivität von nicht dermatologisch ausgebildeten Ärzten bei 86-95 % und die Spezifität bei 49-77 %. Ein Training in der Melanom-Diagnostik brachte bei Allgemeinmedizinern keine wesentliche Erhöhung der Sensitivität und Spezifität.

In einer systematischen Übersichtsarbeit haben Mogensen und Jemec alle Studien zwischen 1990 und 2006 ausgewertet, die sich mit der diagnostischen Genauigkeit von hellem Hautkrebs (NMSC) bei der Anwendung verschiedener diagnostischer Testverfahren und Technologien beschäftigt haben. Insgesamt wurden 48 Studien eingeschlossen. Bei der rein klinischen Untersuchung lag unterschiedlichen Studien zufolge die Sensitivität für die Diagnosestellung von NMSC zwischen 56-90 % und die Spezifität zwischen 75-90 %, wobei die besten Werte für Basalzellkarzinome vorlagen (Sensitivität 66-89 %) [668].

In einer australischen monozentrischen Studie mit 199 konsekutiven Patienten mit 287 histologisch untersuchten Läsionen war die Sensitivität (und Spezifität) der einweisenden Hausärzte für die Diagnose Basalzellkarzinom 89 % (76 %), dysplastischer Nävus 80 % (93 %), Plattenepithelkarzinome 42 % (93 %), aktinische Keratose 10 % (98 %) und benigner Nävus 58 % (99 %) [666].

Kai et al. [669] nahmen eine klinische Einteilung der gescreenten Teilnehmer in drei Kategorien (A: kein/sehr geringes; B: geringes Krebsrisiko, ggf. Nachbeobachtung; C: hohes Krebsrisiko, weitere Untersuchung) vor. Für Patienten in Kategorie C konnte eine Sensitivität des Screenings von 92,7% und eine Spezifität von 95% für Hautkrebs verschiedener Entitäten gezeigt werden. Die Recall-Rate betrug 6,6%, die Fündigkeitsquote 1,9% und der positiv prädiktive Wert 26%.

Bei einem Vergleich von 31 Allgemeinmedizinern mit Trainingskurs und 32 Allgemeinmedizinern ohne vorherige Schulung, die bei 109 Personen ein Melanomscreening durchführten, war die Sensitivität mit 98 % bzw. 95 % und die Spezifität mit 52 % bzw. 49 % nicht signifikant unterschiedlich [670]. Die Ergebnisse sind allerdings nur eingeschränkt übertragbar, da die Auswahl der Allgemeinmediziner nicht repräsentativ war und diese vorher informiert worden waren, dass bei einigen Studienteilnehmern verdächtige Hautläsionen bestanden. Bei chirurgischen Onkologen mit mehrjähriger Erfahrung in der Melanomdiagnostik betrug bei rein klinischer Inspektion von verdächtigen pigmentierten Hautläsionen die Sensitivität 86 % und die Spezifität 77 % [671].

In einer einarmigen, prospektiven Kohortenstudie wurden 256 Patienten mit erhöhtem Hautkrebsrisiko einer Untersuchung durch speziell geschulte Krankenschwestern unterzogen, die beurteilen sollten, ob verdächtige Hautkrebsläsionen vorliegen oder nicht [667]. Die Ergebnisse wurden mit einer anschließenden Beurteilung durch plastische Chirurgen verglichen. Von den Krankenschwestern korrekt erkannt wurden 95 % der verdächtigen Läsionen, während 16 % falsch positiv diagnostiziert wurden. Aufgrund einiger Einschränkungen am Design dieser Studie können die Ergebnisse nur eingeschränkt interpretiert werden.

8.6 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2020

Laut einer systematischen Übersichtsarbeit reichen die vorliegenden Studiendaten nicht aus, um Aussagen über statistisch signifikante Unterschiede zwischen Dermatologen und ärztlichen Primärversorgern bzgl. der Treffsicherheit bei der Einordnung von melanomverdächtigen Läsionen zu treffen.

Evidenzlevel
2++

bis


2-
Literatur
[672] [673] [674]

In einer systematischen Übersichtsarbeit wurden alle Studien aus dem Zeitraum 1966 bis 1999 analysiert, welche die Sensitivität und Spezifität bei der Diagnosestellung von Melanomen durch Dermatologen im Vergleich zu ärztlichen Primärversorgern untersuchten. In den Studien wurden die korrekte Erkennung von Melanomen gegenüber Nicht-Melanomen (diagnostische Genauigkeit) oder/und die korrekte Festlegung gemessen, ob eine Läsion maligne sein könnte und damit einer Biopsie unterzogen wird bzw. eine Überweisung zu einem Melanomexperten zur Konsequenz hat (Biopsie- oder Überweisungsgenauigkeit). Insgesamt wurden 32 Studien in die finale Analyse eingeschlossen. Hinsichtlich diagnostischer Genauigkeit lag die Sensitivität für Dermatologen in allen prospektiven Studien zwischen 81 % und 100 % und für ärztliche Primärversorger zwischen 42 % und 100 %. Die Spezifität wurde in keiner Studie für Dermatologen und nur in einer Studie für ärztliche Primärversorger (98 %) berechnet. Hinsichtlich Biopsie- und Überweisungsgenauigkeit lag die Sensitivität für Dermatologen zwischen 82 % und 100 % und für ärztliche Primärversorger zwischen 70 % und 91 %. Die Spezifität lag zwischen 70 % und 89 % für Dermatologen und 51 % bis 87 % für Hausärzte. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Daten nicht geeignet sind, um Unterschiede bei der diagnostischen Genauigkeit und der Biopsie- oder Überweisungsgenauigkeit zwischen Dermatologen und ärztlichen Primärversorgern festzustellen [672].

In einer prospektiven Kohortenstudie wurden die Ergebnisse eines Screeningprogramms untersucht, das im Rahmen einer Qualitätsinitiative 2014 in Pittsburgh durchgeführt wurde. Hierbei waren 53.196 Patienten von 939 Ärzten gescreent worden: 55 klinisch tätige Dermatologen und 884 Allgemeinmedizinern (primary care physicians), von den letzteren hatten 155 ein entsprechendes freiwilliges Training (INFORMED: Internet curriculum FOR Melanoma Early Detection) komplett absolviert, 729 nicht. Inwieweit sich das Training auf die Ergebnisse ausgewirkt hat, wird nicht berichtet. Es wird nur zusammenfassend berichtet, dass Melanome, die im Rahmen des Screeningprogramms gefunden wurden, dünner waren (mediane Tumordicke) als Melanome, die nicht im Rahmen des Programmes diagnostiziert wurden (0,37 mm vs. 0,65 mm). Hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit des Auffindens von Melanomen ≥1 mm wurde keinen Unterschied zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe beobachtet (RR: 0,7, 95% CI 0,2-2,2) [673].

Eine Zahl von Studien zeigte eine geringe Evidenz zur Wirksamkeit von bevölkerungsbezogenen Interventionen zur Früherkennung von Hautkrebs. In einem systematischen Review wurde die Effektivität von Interventionen zur Steigerung des Krebsbewusstseins und zur Förderung der frühen diagnostischen Abklärung von möglichen Symptomen (original: „early presentation“) auf kommunaler Ebene untersucht. Die Wissenschaftler fanden Evidenz zur Wirksamkeit von Aufklärungsmaßnahmen (Broschüre, Poster und Medienkampagnen), d. h. eine Reduktion der mittleren Tumorstärke von MM sowie eine Reduktion der Zeit zwischen der Entdeckung von Symptomen und der Vorstellung zur Abklärung [469]. Kai [669] weist darauf hin, dass Patienten zwar häufig wegen selbst entdeckter Muttermale zur dermatologischen Untersuchung gingen, aber selten wegen Hauttumoren in der Genitalregion, da diese Region aus verschiedenen Gründen der Selbstuntersuchung weniger zugänglich sei, und plant eine Aufklärungskampagne in örtlichen Zeitungen.

Von manchen Autoren wird empfohlen, das HKS aus Kapazitäts- und Kostengründen nicht generell auch bei asymptomatischen Menschen, sondern nur bei Risikopersonen durchzuführen und stattdessen die Bevölkerung in der Selbstuntersuchung der Haut zu unterweisen [674].

In einer bevölkerungsbezogenen Fall-Kontroll-Studie, welche in Australien durchgeführt wurde, gab es einen Zusammenhang zwischen klinischen Ganzkörperuntersuchungen und einem Rückgang der Inzidenz dicker MM [675].

Im Gegensatz dazu zeigte eine kommunale Intervention in Großbritannien zur Förderung der Früherkennung von MM in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung keinen Effekt auf die Mortalitätsraten. Ein implementiertes Gesundheitsaufklärungsprogramm bestand in der Verteilung von Broschüren über die Anzeichen bzw. Erkennungsmerkmale von MM sowie der Aufforderung zu einer frühen Vorstellung zur Abklärung. Die Selbstuntersuchung der Haut war nicht Bestandteil der Informationen. Trotz eines Anstiegs der Inzidenz dünner Melanome fanden die Forscher neun Jahre nach Abschluss des Programms keine signifikante Reduktion in der kumulativen Mortalität in den Interventionsregionen im Vergleich zu den anderen Regionen in Großbritannien [676].

Ferner schloss ein systematischer Review zu einem routinemäßigen HKS durch Anbieter der medizinischen Grundversorgung (original: „primary care providers“) auf die unzureichende Evidenz für die Wirksamkeit eines solchen Programms [677].

In der Literatur werden weitere alternative populationsbezogene Screening-Ansätze erwähnt. In einer randomisierten kontrollierten Untersuchung eines kommunalen Screenings wurden Hausärzte in der Frühdiagnostik und der Behandlung von Hautkrebs geschult. Das Screening wurde als Ganzkörperuntersuchung der Haut durchgeführt und die örtlichen Ärzte wurden durch spezielle „Haut-Screening-Kliniken“ unterstützt. Die Anzahl der Ganzkörperuntersuchungen stieg in den Interventionsregionen im Vergleich zu den Kontrollregionen an, in welchen keine „Haut-Kliniken“ eingerichtet waren. Die Autoren schließen daraus, dass die Bereitstellung zusätzlicher „Screening-Kliniken“ die Screening-Teilnahmeraten verbessern könnte [678]; [679]. Wegen der geringen finanziellen Ausstattung wurde dieser RCT nie abgeschlossen und bis heute liegen keine vergleichenden Daten zu der Tumordicke und/oder Mortalität zwischen den Interventions- und den Kontrollregionen vor.

Janda et al. [680] berichteten einen signifikanten Anstieg von Screening-Untersuchungen in zentral organisierten „Haut-Screening-Kliniken“ im Vergleich zu Screenings in der alltägliche Primärversorgung. Des Weiteren hat ein sogenanntes Pre-Screening, d. h. die Identifizierung von Hautläsionen, welche einer weiteren Abklärung durch einen Spezialisten bedürfen, durchgeführt in Krankenhäusern durch minimal geschultes Pflegepersonal, das Potential zu einer kosteneffektiven und zuverlässigen Screening-Intervention [667].

Insgesamt gesehen existiert nur eine begrenzte Zahl von Studien, welche substanzielle Evidenz zur Wirksamkeit von bevölkerungsbezogenen und individuellen Maßnahmen zur Früherkennung von Hautkrebs liefern. Viele beziehen sich nicht auf Screenings oder stellen keinen adäquaten Bezug zur Erhöhung des Anteils früher Erkrankungsstadien bzw. einer Mortalitätsreduktion her.

So werden z.B. zwar Angaben darüber gemacht, inwieweit in den gescreenten Gruppen gegenüber den (nicht immer klarbeschriebenen) Kontrollgruppen frühere Hautkrebsstadien gefunden wurden. Angaben darüber, ob sich dadurch in der Gesamtbevölkerung die Häufigkeit der späteren Hautkrebsstadien vermindert hat sowie verwertbare Angaben zur Hautkrebs-Mortalitätsreduktion, Gesamtüberleben und Quality of Life fehlen jedoch. Ein positiver Effekt des HKS lässt sich nur dadurch vermuten, dass durch das Screening frühere Krebsstadien gefunden wurden.

Die Frage, ob ein generelles Haukrebsscreening empfohlen werden kann und ob es umsetzbar ist, werden auch im Hinblick auf die begrenzten personellen Kapazitäten und die unzureichende Finanzierung solcher Projekte unterschiedlich beantwortet: Ja [673], nein für generelles Screening, sondern nur für Risikopersonen [674].

Zusammenfassend betrachtet mangelt es an Evidenz zur Wirksamkeit der oben genannten Screening-Ansätze hinsichtlich einer Mortalitätsreduktion. In Anbetracht der Machbarkeit wären solche Massen-Screening-Programme ohne einen solchen „gate keeper“-Ansatz jedoch nicht durchführbar.

Forschungsbedarf

Es gibt einen Bedarf an Forschung zur Evaluation der Wirksamkeit von bevölkerungsbezogenen und individuellen Screeningmaßnahmen auf Hautkrebs. Am dringlichsten ist der Nachweis zu erbringen, dass ein Screening zur Abnahme der Hautkrebs-Mortalität, zum verbesserten Gesamtüberleben und zu einer besseren Quality of Life führt.

8.1.7 Screening von Risikopersonen

Überarbeitung von G. Mehlhorn

Wie in Kapitel 4.3 beschrieben, variiert das individuelle Risiko an Hautkrebs zu erkranken stark. Es hängt von umweltbedingten, genetischen und erworbenen Risikofaktoren ab (z. B. Immunsuppression bei Organtransplantierten). In diesem Kapitel werden Personen mit erhöhtem Hautkrebsrisiko betrachtet und wissenschaftliche Evidenz zum Screening dieser Personen aufgearbeitet.

Risikopersonen und Hautkrebs-Screening

  • Ein gezieltes HKS von Risikopersonen scheint im Vergleich zum bevölkerungsbezogenen Screening effizienter zu sein. Allerdings ist die Anwendbarkeit auf Bevölkerungsebene bisher unklar.

In dem systematischen Review von Watts et al. [681] wurden insgesamt 34 Leitlinien eingeschlossen, mit dem Ziel der Identifizierung von Stärken und Schwächen in der Evidenz für das Erkennen, das Screening und die Folgeuntersuchungen von Hochrisikogruppen für das kutane Melanom. 32% der Studien geben Empfehlungen zum Screening von Risikogruppen, wobei Langzeit-Screening notwendig sei für Patienten mit hohem Risiko, besonders bei genetischer Prädisposition und gehäuftem Auftreten von Melanomen in der familiären Anamnese. Ein Screening sollte für Patienten mit dysplastischen Nävi laut 32% der Leitlinien erfolgen sowie bei positiver Familienanamnese bei 26% der Leitlinien.

Guther et al. [652] versuchten ein Modell zur Identifikation von Personen mit einem erhöhten Hautkrebsrisiko zu entwickeln, welche von einem regelmäßigen HKS profitieren würden. Sie verwendeten eine offene prospektive Punktprävalenzstudie von aufeinanderfolgenden Patienten (open prospective point-prevalence study of consecutive patients), die sich für eine komplette Untersuchung der Haut bei Dermatologen vorstellten. Demographische Merkmale und Risikofaktoren für Hautkrebs wurden dokumentiert, ebenso wie die Histologie der Hautläsionen. Die Ergebnisse wurden univariat und multivariat analysiert und ein Risikogruppenmodell zur Identifikation von Patienten wurde entwickelt, die am ehesten ein MM oder NMSC entwickeln würden [652]. Die Sensitivität des Risikomodells im Gegensatz zum gegenwärtigen Massenscreening in Deutschland lässt sich wie folgt beschreiben: Bei einer festgelegten Sensitivität von >92% für Melanom und Plattenepithelkarzinom wird ein Drittel der Studienpopulation als Risikogruppe identifiziert und für ein regelmäßiges HKS vorgeschlagen. Die Gesamtspezifität für das Modell (MM, PEK, BZK) liegt bei 67,24% versus 40,0%, die Sensitivität für das Melanom liegt bei 92,3% versus 75,2%, die Sensitivität für das Plattenepithelkarzinom liegt bei 92,4% versus 99,0% und die Sensitivität für das BZK bei 61,8% versus 96,1%. Eine praktische Umsetzung auf Bevölkerungsebene wurde von Autoren nicht geliefert.

In der Kohortenstudie von Rat et al. (2015) erfolgte die Rekrutierung der Teilnehmer durch 78 Allgemeinmediziner in Frankreich. Teilnehmer sind die Patienten mit erhöhtem Hautkrebsrisiko, ermittelt mit einem Score unabhängig vom Grund des Arztbesuchs erhoben, ohne Melanomvorerkrankung (n=3.923). Bei Rath et al. 2015 wurde der SAM-Score verwendet (Self-assessment of melanoma riskScore). Im Score werden Fragen zum Hauttyp, Vorhandensein von Sommersprossen, Nävianzahl >20 an beiden Unterarmen, Aufenthalt von einem Jahr in einem Land mit erhöhter Sonneneinstrahlung, Melanomanamnese, familiäre Melanomanamnese berücksichtigt. Es erfolgte ein klinisches HKS der Patienten durch den Allgemeinmediziner, mit anschließender Entscheidung zur Überweisung an einen Dermatologen. Beim Dermatologen erfolgte dann eine Klassifizierung der verdächtigen Läsion mit eventuell folgender Entfernung. Danach erfolgte eine telefonische Befragung der Patienten über den Behandlungsablauf vom 5. September 2012 bis 14. Oktober 2012 hinweg. Der Follow-Up-Zeitraum für jeden Patienten war ein Jahr. Die kumulative Melanominzidenz betrug 229,4/ 100.000 für die definierte Hochrisikogruppe. Melanome traten bei neun von 3.923 Patienten auf, alle mit dem Breslow-Index <1. Bei der Patienten-Compliance gab es einen signifikanten Zusammenhang mit dem Alter (OR=1,02 pro Jahr, 95% CI 1,02-1,03, p<0,001), der dermatologischen Ärztedichte hoch versus niedrig (OR=2,28, 95% CI 1,78-2,92, p<0,001), der Benennung eines Dermatologen durch den Allgemeinmediziner (OR=2,15, 95% CI 1,51-3,09, p<0,001) sowie der 4,2-mal höheren Wahrscheinlichkeit einen Dermatologen aufzusuchen für 65-jährige Patienten im Vergleich zu 20-jährigen Patienten.

Eine weiterführende Kohortenstudie der eben beschriebenen Studie erfolgte von Rat et al. (2015) noch im selben Jahr. Es erfolgte eine Einladung per E-Mail zur erneuten Vorstellung beim Allgemeinmediziner ein Jahr nach Einschluss in die oben beschriebene Kohorte. Ausgeschlossen wurden Patienten, die innerhalb eines Jahres nach Beginn der ursprünglichen Teilnahme ein Melanom entwickelt haben (n=9) oder verstorben waren (n=11). Die Melanom-Inzidenz der Teilnehmer lag nun bei 160/ 100.000. Bei 83 Teilnehmern wurde eine Läsion entfernt, sechs Patienten wurden mit einem Melanom diagnostiziert, 5 mit einem Plattenepithelkarzinom und 15 mit einem BZK. Die Melanom-Inzidenz lag bei Männern bei 183,7/ 100.000 und bei Frauen bei 98,7/ 100.000. Männer im Alter über 50 wiesen einen erhöhten Anteil von entfernten Läsionen auf (21% versus 11,6%, p=0,029) sowie einen höheren Anteil an identifizierten malignen Läsionen nach Entfernung (66,7% versus 21,5%, p<0,001). Patienten über 60 Jahre hatten einen höheren Anteil an identifizierten malignen Läsionen nach Entfernung (66,7% versus 19,4%, p<0,001). Die Patienten-Compliance wird im Folgenden beschrieben. Nach schriftlicher Wiedervorstellung konsultierten 54% der Teilnehmer den Allgemeinmediziner, 7% direkt den Dermatologen und 31% der Teilnehmer hatten kein HKS. Der Anteil der Patienten, die an einen Dermatologen überwiesen wurden und diesen aufsuchten ist gestiegen (68,8% versus 59,1%, p<0,001). Der Anteil der Patienten, die insgesamt einen Dermatologen konsultierten, ist gesunken (15,8% versus 23,9%, p<0,001). Dies ist damit zu erklären, dass der Anteil der Patienten, die an einen Dermatologen überwiesen wurden, gesunken ist (12,2% versus 38,8%, p<0,001).

Risikopatienten und Verdachts- und Bestätigungsdiagnostik

In der Kohortenstudie von Moloney et al. (2014) wurden insgesamt 311 Teilnehmer, rekrutiert über die Ambulanz des Sydney Melanoma Diagnostic Centre und des Melanoma Institute Australia von 2006 bis 2009, einer oder mehrerer der folgenden Gruppen zugeteilt. Gruppe 1 (n=219) schließt alle Patienten ein mit persönlicher Vorerkrankung an mindestens einem invasiven Melanom und Syndrom der dysplastischen Nävi (mindestens 100 Nävi, wovon wenigstens sechs atypische Veränderungen aufweisen und mindestens ein Nävi größer als 8mm ist). Gruppe 2 (n=52) wurden Patienten zugeteilt mit persönlicher Vorgeschichte von mindestens einem invasiven Melanom und familiärer Vorgeschichte vom Malignen Melanom bei wenigstens drei erst- und zweitgradig Verwandten. Gruppe 3 (n=146) umfasst Patienten mit persönlicher Vorgeschichte von mindestens zwei primär invasiven Melanomen. Bei Patienten mit nur zwei Melanomen muss eines davon in den zehn Jahren vor der Rekrutierung des Patienten aufgetreten sein. Die letzte Gruppe, Gruppe 4 (n=17), schließt alle Patienten mit bestätigter Genmutation CDKN2A (OMIM 600160) oder CDK4 (OMIM 123829) ein. Zum Zeitpunkt der Baseline wurden alle Nävi erfasst, es erfolgte ein Ganzkörper-Hautscreening und verdächtige Nävi wurden untersucht. Eine dermatologische Untersuchung der Patienten erfolgte alle sechs Monate mit einer mittleren Follow-Up-Dauer von 3,5 Jahren (2,4-4,2 Jahre). Zum Zeitpunkt der Baseline wurden 14 Melanome diagnostiziert, insgesamt waren es im Verlauf der Studie 75. Das Risiko ein neues Melanom zu entwickeln liegt nach zwei Jahren bei 12,7% und nach vier Jahren bei 18,2%. Ein Vergleich der Inzidenz von neuen Primärmelanomen in den letzten drei Studienjahren zu den ersten zwei Studienjahren ergab folgendes: Incidence density ratio = 0,43 (95 CI 0,25-0,74, p=0,002). Der Effekt diagnostischer Hilfsmittel bei der Identifikation neuer Melanome ergab folgendes: 16% der Melanome wurden entdeckt durch dermatoskopische Untersuchung der Dermatologen ohne Veränderung der Ganzkörperübersichtsphotographie (TBP)/ Sequenziellen digitalen Dermatoskopie SDDI. 8% der Melanome wurden durch den Patienten selbst entdeckt ohne TBP und 91% der postbaseline entdeckten Melanome hatten eine Tumordicke nach Breslow von <1mm. Durch die Sequenzielle digitale Dermatoskopie (SDD/SDDI) wurden 39% der postbaseline aufgetretenen Melanome entdeckt (16% durch Kurzzeit-SDDI, 23% durch Langzeit-SDDI). Durch die TBP wurden 38% (n=23) der postbaseline aufgetretenen Melanome entdeckt (20 mit Hilfe der TBP, 3 ausschließlich durch TBP). Keines der diagnostizierten Melanome wurde ausschließlich durch Veränderungen in der TBP durch den Patienten selbst erkannt.

Im systematischen Review von Watts [681] empfehlen 70% der Leitlinien eine spezielle Schulung für Anwender der Dermatoskopie, der Ganzkörperfotographie (für Patienten mit hoher Anzahl an Nävi, zur Früherkennung von Läsionen) und der Sequenziellen digitalen Dermatoskopie (zur Verbesserung der diagnostischen Genauigkeit). Eine fotografische Dokumentation von Veränderungen wird von zehn Leitlinien empfohlen. Eine prophylaktische Entfernung von Nävi wird in keiner Leitlinie empfohlen. Die Evidenzgrundlage für das gezielte Screening mit Dermatoskopie und SDDI zur Verbesserung der Diagnosegenauigkeit ist als sehr gut einzuschätzen. Die Evidenzgrundlage für die Ganzkörperfotographie ist geringer.

Untersuchungsintervalle von Risikopatienten

Eine Leitlinie aus Australien und Neuseeland (Clinical Practice Guidelines for the Management of Melanoma in Australia and New Zealand) führt aus, dass eine regelmäßige Surveillance die durchschnittliche Dicke von MM reduziert. Für Hochrisikopersonen empfiehlt diese Leitlinie eine Kombination aus Selbstuntersuchung und Screening und rät zu einem Screening-Intervall von sechs Monaten. Es sind jedoch keine Studien vorhanden, welche systematisch alternative Methoden vergleichen; diese Empfehlungen basieren nur auf Expertenmeinung. Die individuelle Häufigkeit von Hautuntersuchungen bei Risikopersonen sollte von den individuellen Risikofaktoren abhängig gemacht werden, d. h. die Häufigkeit sollte so festgelegt werden, dass eine Reduktion von Mortalität und Morbidität ebenso wie eine Stadienverschiebung erreicht wird.

In dem bereits oben aufgeführten systematischen Review von Watts [681] empfehlen 35% der eingeschlossenem Leitlinien ein Screening basierend auf vorheriger Risikoeinschätzung mit Intervallen von sechs Monaten bis jährlich in regelmäßigen Abständen beziehungsweise lebenslänglich. Empfehlungen für Screeningintervalle und –dauer für Hochrisikogruppen basieren auf EK.

In Summe gibt es nur unzureichende Evidenz in Bezug auf optimale Screening-Intervalle für Personen mit einem erhöhten Hautkrebsrisiko.

Risikopersonen und Hautselbstuntersuchung

8.7 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Risikopersonen sollen so geschult werden, dass diese eine Selbstuntersuchung der Haut durchführen können, um auffällige Hautläsionen zu identifizieren.
Risikopersonen sollen über ihr individuelles Risiko informiert und regelmäßig (in einer individuell festzulegenden Frequenz) von einem geschulten Arzt mittels einer Ganzkörperinspektion der Haut untersucht werden.

Es gibt unterschiedliche Ergebnisse in Bezug auf den Nutzen der Selbstuntersuchung der Haut. Weil die Wirksamkeit der Selbstuntersuchung der Haut bereits hinreichend detailliert in Kapitel 8.1.6.1 diskutiert wurde, wird sie hier nur kurz im Kontext der Empfehlung von SSE für Personen mit einem erhöhten Hautkrebsrisiko angerissen.

Oliveria et al. [682] zeigten, dass regelmäßige Selbstuntersuchungen einen Nutzen zur Entdeckung dünner Läsionen haben. Die Identifizierung von Faktoren, welche mit der Durchführung der Selbstuntersuchung der Haut assoziiert sind (Geschlecht, Alter, Bildung, Familienstand, „skin awareness“, frühere gutartige Biopsie, Vorhandensein von atypischen Muttermalen), wird es Gesundheitsdienstleistern ermöglichen, sich auf die Personen zu konzentrieren, welche trotz eines erhöhten Melanomrisikos keine Selbstuntersuchung der Haut durchführen. Sie betonen die Wichtigkeit der Identifikation von Faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Person ihre Haut selbst untersucht, da Früherkennung und Exzision von Läsionen das Potential zur Morbiditäts- und Mortalitätsreduktion durch MM hat [682].

Das Review von Watts [681] zeigte, dass im Rahmen der Patientenschulung ein Selbst-Screening der Haut in 76% der Leitlinien eingeschlossen und spezifisch für den Umgang mit Hochrisikogruppen in 38% der Leitlinien benannt ist. Die Intervalle für die Selbstuntersuchung schwanken von monatlich, drei-, sechsmonatlich bis ohne Angabe. Diese Empfehlungen basieren auf EK.

Forschungsbedarf

Es sollten Studien durchgeführt werden, welche die Effektivität von Massenscreenings mit Risikogruppenscreenings für Personen mit erhöhtem Hautkrebsrisiko vergleichen und in Bezug auf Mortalität, Morbidität und Stadienverschiebung bewerten. In diesem Kontext sollten auch ökonomische Aspekte in Betracht gezogen werden.

8.2 Das bevölkerungsbezogene Hautkrebs-Screening in Deutschland

8.2.1 Anspruchsumfang und Bestandteile

Seit dem 01. Juli 2008 ist das HKS Bestandteil der gesetzlichen Krebsfrüherkennung (Geregelt durch die Krebsfrüherkennungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses). Gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren haben alle zwei Jahre Anspruch auf die Teilnahme. Eine erneute Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs ist jeweils erst nach Ablauf des auf die vorangegangene Untersuchung folgenden Kalenderjahres möglich. Das HKS ist als zweistufiges Massenscreening konzipiert. Entweder wird der Teilnehmer von einem Hausarzt untersucht und bei Hautkrebsverdacht an einen Dermatologen überwiesen, der die standardisierte visuelle Ganzkörperuntersuchung noch einmal durchführt, oder der Dermatologe führt das HKS direkt durch.

Die folgende Abbildung veranschaulicht den Ablauf des Screenings:

Schematische Darstellung des multidisziplinären zweistufigen Ansatzes der bevölkerungsbezogenen Früherkennung von Hautkrebs
Schematische Darstellung des multidisziplinären zweistufigen Ansatzes der bevölkerungsbezogenen Früherkennung von Hautkrebs

Die Leistung „Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs“ darf nur von im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung tätigen Ärzten erbracht werden, die eine entsprechende Genehmigung der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung vorweisen können. Folgende Arztgruppen können diese Genehmigung nach Absolvieren des achtstündigen Fortbildungslehrgangs erhalten: Hausärztlich tätige Fachärzte für Allgemeinmedizin, Internisten, Praktische Ärzte, Ärzte ohne Gebietsbezeichnung, Fachärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

8.2.1.1 Anamnese und Selbstuntersuchung

8.8 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Der zu Screenende soll zu Beginn des Screenings / der Verdachtsdiagnostik nach Veränderungen an seiner Haut befragt werden.

8.9 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Die Ergebnisse der Selbstuntersuchung des zu Screenenden sollen zu Beginn des Screenings / der Verdachtsdiagnostik zur Identifizierung von malignen und benignen Hautveränderungen hinzugezogen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2-
Literatur
[664]
Änderungshinweis5.21. Evidenzbasierte Empfehlung Die Ergebnisse der Selbstuntersuchung des zu Screenenden sollten zu Beginn des Screenings / der Verdachtsdiagnostik zur Identifizierung und Unterscheidung von malignen und benignen Hautveränderungen hinzugezogen werden.

Bei Patienten mit atypischen Nävi, die ihre Haut im Rumpfbereich selbst untersuchten, betrug die Sensitivität für veränderte oder neue Pigmentmale 60,2 % und die Spezifität 96,2 % [664]. Unter Hinzunahme von digitalen Fotoaufnahmen von der Erstuntersuchung erhöhte sich die Sensitivität auf 72,4 % und die Spezifität auf 98,4 %.

Bezüglich der Anamnese gibt es nur Studiendaten, die aussagen, dass sie gut reproduzierbar ist: Bei einem wiederholten Interview von 236 Personen, 116 davon Patienten mit einer Vorgeschichte von BZK oder PEK fand sich nach einem Zeitraum von 18-26 Monaten eine gute Reproduzierbarkeit der Antworten hinsichtlich Pigmentierungseigenschaften, Sonnenexposition und Sonnenbrände in der Kindheit, während die Anzahl an Sonnenbränden die geringste Übereinstimmung fand [683]. Bei einem Vergleich der Diagnosestellung von schwierig einzuordnenden pigmentierten Läsionen durch sechs Dermatologen, die nur Fotos vom klinischen und dermatoskopischen Befund vorgelegt bekamen, zeigten sich niedrige Werte bei der korrekten Diagnose von Melanomen ohne (38,3 %) und mit Dermatoskopie (40,8 %) und nur 70 % der MM und BZK wurden zur chirurgischen Therapie überwiesen [684]. Die Autoren spekulierten, dass das Ausbleiben einer direkten Untersuchung am Patienten einen negativen Einfluss auf die Ergebnisse gehabt haben könnte.

Forschungsbedarf

In der Zusammenschau fehlen Studien, die die Genauigkeit der Diagnose des Untersuchers beim HKS mit und ohne Zuhilfenahme von Anamnese und Selbstuntersuchung der Patienten vergleichen.

8.2.1.2 Die standardisierte Ganzkörperuntersuchung

Zum HKS gehört die standardisierte, visuelle Ganzkörperuntersuchung, bei der die gesamte Haut ohne visuelle Hilfsmittel blickdiagnostisch untersucht wird. Dazu gehört auch die Untersuchung der Kopfhaut, der Mundschleimhaut, sowie die After- und Dammregion mit den äußeren Genitalien bei Männern und Frauen.

8.10 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Zum Hautkrebs-Screening soll eine standardisierte Ganzkörperinspektion der Haut von Ärzten durchgeführt werden, die an einer speziellen, in der Krebsfrüherkennungsrichtlinie definierten Fortbildung zur Früherkennung von Hautkrebs teilgenommen haben.

Die Durchführung einer standardisierten Ganzkörperuntersuchung ist die einzige Möglichkeit, um Hautkrebs an einem Individuum zu entdecken. Solch eine Untersuchung der Haut kann durch Dermatologen oder andere Ärzte durchgeführt werden, welche in der Früherkennung von Hautkrebs ausgebildet sind.

Die Entscheidung zur Durchführung einer Ganzkörperuntersuchung muss jedoch bei dem Patienten verbleiben. Das bedeutet, dass die Person nach einer umfangreichen Aufklärung über potenziellen Nutzen und Schaden des Screenings selbst entscheidet, ob sie eine Ganzkörperuntersuchung durchführen lässt oder nicht (siehe auch Kapitel 8.3.2).

Ein großangelegtes Projekt zum HKS, das SCREEN-Projekt in Schleswig-Holstein [205]; [206] zeigte die Machbarkeit eines bevölkerungsbezogenen Screenings unter Anwendung der standardisierten Ganzkörperuntersuchung. In diesem Projekt wurde ein entsprechendes Trainingsprogramm für Dermatologen, hausärztlich tätige Ärzte und andere Fachärzte (Gynäkologen, Urologen und Chirurgen) zur Früherkennung von MM, BZK und PEK durchgeführt. Die Fortbildungen schlossen die Erhebung einer gezielten Patientenanamnese, die Durchführung der Ganzkörperuntersuchung und die Beratung zu Risikofaktoren und Prävention mit ein. Die Ganzkörperuntersuchung wurde in einem hell erleuchteten Raum (oder mit einer hellen Lampe), einer Untersuchungsliege und einer Unterlage durchgeführt, auf welcher der Patient stehen konnte. Nach der Entkleidung des Patienten und eventuell Abnahme einer Brille wurden folgende Körperteile untersucht: die Kopfhaut durch die gescheitelten Haare, Ohren, Augenlider, Mundschleimhaut, Lippen, Zahnfleisch, Hals, Oberkörper, Axillen, Arme, Hände und interdigitale Bereiche, submammäre Region bei Frauen, perianale Region, Beine, externes Genital, Füße einschließlich Fußsohlen und Zehenzwischenräume (für eine detaillierte Beschreibung der Screening Prozedur siehe Kapitel 8.2.7).

8.2.1.3 Präventive Beratung

Ein weiterer Bestandteil des Screenings ist die präventive Beratung, in der der Patient zu Risikofaktoren und UV-Schutzverhalten, angepasst an seine individuelle Situation, beraten wird. Das ist abhängig von den angeborenen und erworbenen Risikofaktoren des Patienten, also z.B. zu welchem Hauttyp er gehört, und seinem bisherigen Umgang mit der UV-Strahlung. Dann soll der Patient zur Selbstuntersuchung angeleitet werden, mit dem Hinweis, dass das HKS nur alle zwei Jahre in Anspruch genommen werden kann.

8.2.1.4 Anschlussdiagnostik und Vorstellungszeitraum

Innerhalb des HKS werden einige Teilnehmer identifiziert, die blickdiagnostisch eine verdächtige Hautläsion aufweisen. Diese werden nun in der Anschlussdiagnostik, welche nicht mehr im Rahmen des HKS stattfindet, weiter abgeklärt. Seit 01.04.2020 ist die Dermatoskopie im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM)-Katalog der Ziffer 01745 zugeschlagen und wird somit nicht mehr als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) abrechnet. Allerdings können andere IGeL-Leistungen in Rechnung gestellt werden. Hierzu zählt z.B. die Foto-Dokumentation von Nävi, diese ist nicht mehr Bestandteil des HKS. Es ist es wichtig, das HKS von diesen Individuellen Gesundheitsleistungen zu trennen und die laut EBM-Katalog definierte Leistung des Screenings, ohne vom Patienten zu bezahlende Kosten für gesetzlich Versicherte anzubieten. Die Anschlussdiagnostik der Personen, die beim HKS für krank befunden wurden, findet dann durch eine Exzision und die histopathologische Untersuchung statt. Diese beiden Maßnahmen können dann wieder über die entsprechenden Ziffern des EBM-Kataloges abgerechnet werden.

8.11 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Im Rahmen eines Hautkrebs-Screenings soll die Zeitspanne bis zum nächsten Termin zur weiteren Befundsicherung bei Verdacht auf ein malignes Melanom oder Plattenepithelkarzinom zehn Tage nicht überschreiten.

Verzögerungen in der Überweisung von Patienten mit einem Hautkrebsverdacht zu einem Spezialisten könnten einen Effekt auf die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patienten haben. Die Ergebnisse einer britischen Studie zeigten eine geringere Tumordicke und verbessertes Überleben bei Patienten mit verdächtigen Läsionen, die innerhalb von zwei Wochen zu einem plastischen Chirurgen zur Konsultation und umgehenden Behandlung überwiesen wurden. Diese Ergebnisse unterstützen die „Zweiwochenregel“ zur Überweisung bei mehreren Krebsarten, die im Jahr 2000 in Großbritannien eingeführt wurde [657].

8.12 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Im Rahmen eines Hautkrebs-Screenings kann die Zeitspanne bis zum nächsten Termin zur weiteren Befundsicherung nach Verdacht auf ein Basalzellkarzinom individuell angepasst festgelegt werden.

BZK wachsen sehr langsam und metastasieren nicht, deshalb kann der Vorstellungszeitraum zur weiteren Befundsicherung deutlich verlängert werden.

8.2.1.5 Untersuchungsintervalle

8.13 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2020

Zu Intervallen zwischen Screeninguntersuchungen auf Hautkrebs für Personen ohne erhöhtes Risiko kann zurzeit, aufgrund der Evidenzlage, keine Aussage getroffen werden.

8.14 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2020

Für Menschen mit erhöhtem Risiko für Hautkrebs sollte der Arzt, zusammen mit dem zu Screenenden, ein – nach Einschätzung des individuellen Risikoprofils – angemessenes Zeitintervall bis zur nächsten Vorstellung festlegen.

Das Zeitintervall zwischen Screening-Untersuchungen auf Hautkrebs sollte so gewählt werden, dass die Kriterien eines Screenings erfüllt werden: Identifikation früher Stadien, Stadienverschiebung und Reduktion von Mortalität als auch Morbidität.

Unter Berücksichtigung der altersspezifischen Inzidenz von MM, BZK und PEK und ihres jeweiligen (und unterschiedlichen) klinischen Verlaufs wurde das Untersuchungsintervall im bundesweiten HKS für Personen ohne Risikomerkmale auf zwei Jahre festgelegt. Abgesehen von dieser Praxis in Deutschland gibt es nur unzureichende Evidenz in Bezug auf optimale Screening-Intervalle sowohl für Personen mit einem erhöhten Hautkrebsrisiko als auch für Personen ohne spezielle Risikofaktoren.

Nach Spix und Blettner [643] muss sowohl die Untersuchungshäufigkeit (das Screening-Intervall) als auch der Screening-Test und die Zielgruppe aus der Bevölkerung festgelegt werden (siehe auch Einleitung dieses Kapitels [643]). Die Literatur liefert jedoch keine Evidenz für bestätigte Festlegungen, wie die beste Effektivität eines Screening-Programms zu erreichen wäre. Der Hauptgrund dafür ist das Fehlen von Evidenz zum HKS von Hochrisikopersonen und Personen ohne Risikomerkmale. Die zur Verfügung stehenden Leitlinien [655]; [659]; [653]; [654] bieten dazu keine Informationen.

Forschungsbedarf

Eine Evaluation des HKS in Deutschland sollte unter Berücksichtigung des klinischen Langzeitverlaufs in Bezug auf das Screening-Intervall für Personen mit erhöhtem Hautkrebsrisiko und Personen ohne Risikomerkmale erfolgen, um optimale Screening-Intervalle zu bestimmen. Dabei muss eine Untersuchung zu Intervallkarzinomen enthalten sein. Bevorzugt sollte diese Untersuchung als randomisiert kontrollierte Studie erfolgen, um die möglichen Screening-Intervalle festzulegen (z. B. ein Jahr für Personen mit erhöhtem Hautkrebsrisiko in einer Region im Vergleich zu einem anderen Intervall, z. B. drei oder vier Jahre in einer anderen Region).

8.2.2 Evaluation und Evidenzgrundlage

J. Hübner

In diesem Kapitel werden Studien betrachtet und bewertet, die sich mit dem bevölkerungsbezogenen deutschen HKS und der zeitlich vorgeschalteten Machbarkeitsstudie „SCREEN“ (Skin Cancer Research to Provide Evidence for Effectiveness of Screening in Northern Germany) auseinandersetzen. Internationale Studien, die allgemein auf Screeningmaßnahmen eingehen, sind in Kapitel 8.1.6.2 zu finden. Diese Trennung begründet sich damit, dass Deutschland das einzige Land mit einem populationsbezogenen Screeningprogramm ist und die Vergleichbarkeit mit anderen, kleineren und kuzzeitigeren Screeninginterventionen eingeschränkt ist. Zudem weisen das bundesweite Screening und das SCREEN-Projekt trotz einiger Unterschiede im Detail konzeptionelle Ähnlichkeit auf, so dass letzteres indirekte Evidenz für das primär interessierende, aktuelle bundesweite HKS liefert.

Im einjährigen Pilotprojekt wurden 360.288 gesetzlich versicherte Frauen und Männer (ca. 19% der eligiblen Bevölkerung) mittels visueller Ganzkörperuntersuchung gescreent. Vorgeschaltet waren mehrjährige vorbereitende Aktivitäten, die insbesondere öffentlichkeitswirksame Maßnahmen und Schulungen für teilnahmewillige Ärzte beinhalteten. Im Unterschied zum bundesweiten Screening waren neben Dermatologen und hausärztlich tätigen Allgemeinmedizinern und Internisten auch Gynäkologen, Urologen und Chirurgen zur Teilnahme berechtigt. Eine weitere Abweichung zum laufenden Screening besteht darin, dass sich die Intervention an Versicherte bereits ab einem Alter von 20 Jahren richtete. Ferner waren primärscreenende Nicht-Dermatologen nicht nur im Falle eines krebsverdächtigen Befundes, sondern auch bei Vorliegen eines der definierten Risikofaktoren verpflichtet, zur erneuten Untersuchung an einen Facharzt für Dermatologie zu überweisen.

Ziel der Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs ist die frühzeitige Entdeckung des MM, des BZK sowie des PEK. Die maßgebliche Formulierung in § 28 Satz 1 KFE-RL weicht insoweit von der normativen Zielsetzung der Brustkrebsfrüherkennung ab, die ausschließlich die Senkung der Brustkrebssterblichkeit nennt (§ 9 Abs.1 Satz 1 KFE-RL). Für die Evaluation bedeutet dies, dass eine einseitige Fokussierung auf die Mortalität der Intention des Normgebers nicht gerecht wird. Andererseits ist die frühe Erkennung kein Selbstzweck. Im Gegenteil: Durch die Vorverlegung der Diagnose werden Gesunde zu Kranken gemacht, was zunächst einen Schaden darstellt. Intendiert ist vielmehr, dass die frühe Diagnose wirksamere Behandlungsmöglichkeiten eröffnet, was nicht nur die Sterblichkeit reduzieren, sondern insgesamt die mit Hautkrebs verbundenen Belastungen senken soll (vgl. § 2 Satz 2 oKFE-RL). Dazu kann auch die Vermeidung von invasiven, möglicherweise entstellenden Therapien gehören sowie die Erkennung von Krebsvorstufen (z.B. aktinische Keratosen), was zur Vermeidung von Krebserkrankungen führen kann.

8.15 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Daten zu dem Hautkrebs-Screening in Deutschland belegen, dass das bevölkerungsweite Angebot einer standardisierten Untersuchung der Haut am gesamten Körper durch geschulte Ärzte zu einer initial betonten Steigerung der Inzidenz entdeckter Fälle melanozytärem und nicht-melanozytärem Hautkrebs führt.

Evidenzlevel
2++
Literatur
[205] [197] [206] [685] [686] [687] [688] [689]
8.16 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Infolge des Hautkrebs-Screenings kommt es im Vergleich zu den invasiven Tumoren zu einer deutlicheren Zunahme der Inzidenz von in situ-Karzinomen. Bei den invasiven Melanomen resultiert eine Stadienverschiebung mit geringerem Anteil an fortgeschrittenen Tumoren (Stadium T2-T4).

Evidenzlevel
2++
Literatur
[205] [206] [688] [690]
8.17 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Die Inzidenz fortgeschrittener Melanome geht nach Einführung des bevölkerungsbezogenen Haukrebs-Screenings zurück.

Evidenzlevel
2+
Literatur
[687]
8.18 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Bei Screeningteilnehmern mit unauffälligem Ergebnis werden innerhalb von zwei Jahren nach der Untersuchung weniger invasive Melanome (im Sinne von Intervallkarzinomen) diagnostiziert, als dies ohne die Intervention zu erwarten wäre.

Evidenzlevel
2++
Literatur
[690]
8.19 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Im zeitlichen Zusammenhang mit einer Machbarkeitsstudie zum bevölkerungsbezogenen Screening kam es zu einem deutlichen Rückgang der dokumentierten Melanomsterblichkeit.

Für das bundesweite Hautkrebs-Screening konnte in Studien, die einen Zeitraum von maximal sieben Jahren nach Einführung abdecken, kein Rückgang der Melanomsterblichkeit festgestellt werden.

Evidenzlevel
2-
Literatur
[205] [691] [197] [198] [692]

Folgeevaluationen des SCREEN-Projekts

Im zeitlichen Zusammenhang mit dem SCREEN-Projekt und den vorbereitenden Aktivitäten wurden in Schleswig-Holstein epidemiologischen Trendänderungen beobachtet, die im Falle einer wirksamen bevölkerungsbezogenen Früherkennung zu erwarten sind.

Initial kam es zu einem ausgeprägten Anstieg der Hautkrebsinzidenz. Im Vergleich zu 1999 lag die altersstandardisierte Inzidenz des invasiven Melanoms (ICD-10: C43) 2003/2004 um ca. 20% höher [197], um danach unter das Niveau vor dem Screening zurückzufallen [687]; [206]. Im Saarland als Vergleichsregion ohne systematische Hautkrebsfrüherkennung zeigten sich in demselben Zeitraum kaum Änderungen bei der C43-Inzidenz [205]; [206]. Besonders starke Inzidenzzuwächse waren im SCREEN-Projekt beim in situ-Melanom zu verzeichnen (+46% (Frauen und Männer gesamt, Vergleich Juli 2003-Juni 2004 mit Juli 2001-Juni 2003) [205] und +133% (Frauen) bzw. +108% (Männer) (Vergleich Juli 2003-Juni 2004 mit 1998-2000) [206]). Beim invasiven nicht-melanozytären Hautkrebs (C44) war die Neuerkrankungsrate im Zeitraum Juli 2003-Juni 2004 um 47% (Frauen) bzw. 34% (Männer) höher als 1998-2000 [686]. Es folgte ein verzögerter leichter Rückgang, der allerdings nicht auf das Niveau vor dem Screening zurückführte. Dies könnte Ausdruck eines langjährig steigenden screeningunabhängigen Trends der Zunahme beim nicht-melanozytären Hautkrebs sein, wie er etwa für Saarland beschrieben ist [686].

Ein Inzidenzanstieg der Zielerkrankung in der Anfangsphase eines Screeningprogramms ist – soweit er nicht durch säkulare Trends erklärbar ist – typische Folge der Maßnahme. Er zeigt an, dass im Screening Erkrankungen entdeckt wurden, die sonst nicht oder zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt worden wären. Dazu tragen auch solche Erkrankungen bei, die unter der hypothetischen Annahme eines schon länger bestehenden Programms in einer früheren Screeningrunde entdeckt worden wären („prävalente“ Fälle). Der initiale Prävalenzpeak ist ebenso wie ein anhaltender, programmbegleitender Inzidenzüberschuss als solcher kein geeigneter Indikator für den intendierten Erfolg des Programms. Ein verbleibender Inzidenzüberschuss deutet auf Erkrankungen hin, die ohne Früherkennung zu Lebzeiten des Betroffenen nie in Erscheinung getreten wären. Solche Überdiagnosen stellen einen prinzipiell unvermeidbaren Schaden dar, der allerdings im Fall des einjährigen SCREEN-Projekts kaum zu quantifizieren ist.

Die entscheidenden Indikatoren zur Beurteilung eines Screeningprogrammes sind Inzidenz und Mortalität, in Abwesenheit sonstiger Einflussfaktoren sollten die altersstandardisierte Rate der fortgeschrittenen Tumoren und die Mortalitätsrate zurückgehen.

Tatsächlich wurde in der Folgezeit des SCREEN-Projekts ein signifikanter Rückgang der Melanominzidenzraten im Stadium T2 und T3, bei Frauen auch T4 beobachtet (Eisemann et al. 2014b). Bei Zusammenfassung dieser Stadien ergibt sich im Vergleich 2006/07 zu 1999/2000 ein Rückgang der standardisierten Rate um 43% (Frauen) bzw. 40% (Männer). Fehlende Stadienangaben sind in dieser Analyse durch multiple Imputation ersetzt worden. Zu dem bevölkerungsbezogenen Rückgang trug, wie sich aus einer anderen Studie ergibt, insbesondere die reduzierte Krankheitslast bei Teilnehmern des SCREEN-Projekts bei [690]. In dieser Studie wurde die Häufigkeit von Intervallkarzinomen untersucht. Darunter werden Karzinome verstanden, die nach unauffälliger Teilnahme am Screening außerhalb des Programms innerhalb des (hier mit 24 Monaten angenommenen) turnusgemäßen Screeningintervalls auftreten. Invasive Intervallmelanome wurden bei 150 von 350.307 unauffällig gescreenten Personen registriert, was insgesamt weniger ist, als auf Basis der Inzidenzraten in der Vor-SCREEN-Ära (1999-2002) zu erwarten gewesen wäre (altersadjustierte relative Inzidenz: 0,71 (95% CI: 0,60-0,84). Darunter wiederum war der Anteil der T2-T4-Melanome mit 16,7% deutlich kleiner als im Referenzzeitraum (28,8%). Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass einerseits vor Projektstart der Anteil der invasiven Melanome mit unbekanntem Stadium (Tx) höher war (42,4% vs. 36,0%), und dass andererseits bei 21,5% der SCREEN-Teilnehmer die Empfehlung zu einer Follow-up-Untersuchung ausgesprochen wurde, was die Zahl der Intervallmelanome gegenüber einer screeningfreien Situation erhöht. Beide Umstände lassen vermuten, dass die Studie zu den Intervallkarzinomen den Einfluss des Screenings auf die Inzidenz fortgeschrittener Melanome in einer Screeningkohorte unterschätzt. Nicht auszuschließen ist in beiden Studien allerdings, dass eine Änderung der T-Klassifikation ab dem Jahr 2004 die Zahl ungünstiger Stadien künstlich vermindert hat [687].

Im zeitlichen Zusammenhang mit dem SCREEN-Projekt kam es in Schleswig-Holstein zu einem deutlichen Rückgang der Melanommortalität [691]; [205]; [197]; [692]. Gegenüber 1998/99 lag die altersstandardisierte Sterblichkeitsrate 2008/09 bei Frauen um 51% und bei Männern um 47% niedriger, während in angrenzenden Vergleichsregionen (Dänemark, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Niedersachsen und Deutschland ohne Schleswig-Holstein) die Raten stabil waren oder zunahmen [198]. Die Plausibilität des Befundes wurde mit unterschiedlichen Überlegungen in Frage gestellt. Zum einen ist der deutliche Mortalitätsrückgang bei einer SCREEN-Teilnahmerate von nur 19% unerwartet hoch. Zum anderen scheint der Rückgang bereits vor 2003 einzusetzen, wobei allerdings eine belastbare Bestimmung des Zeitpunkts der Trendänderung aufgrund des statistischen Rauschens in den Daten problematisch ist. Zu der unerwartet günstigen Entwicklung können die vorbereitenden Aktivitäten beigetragen haben, die bei Ärzten und in der Bevölkerung das Bewusstsein für Hautkrebsfrüherkennung gestärkt und entsprechende Untersuchungen bereits vor dem eigentlichen Projektstart gefördert haben mögen. Diese bleiben in der Teilnahmerate von 19% unberücksichtigt. Die Stärke des Rückgangs könnte ferner dadurch beeinflusst sein, dass Personen mit überdurchschnittlich hohem Risiko, an Hautkrebs zu sterben, unter den Projektteilnehmern überrepräsentiert waren [197]; [692]. Unklar ist, ob und inwieweit fehlerhafte Codierungen der Todesursache zu dem beobachteten transienten Rückgang der Melanommortalität beigetragen haben. In demselben Zeitraum, in dem das stärkste Minus bei der Melanomsterblichkeit registriert wurde (2008-2010), wurde ein deutliches Plus bei der Sterblichkeit infolge Bösartige Neubildungen ungenau bezeichneter, sekundärer und nicht näher bezeichneter Lokalisationen (C76-C80) verzeichnet [692].

Evaluationsergebnisse für das bundesweite Hautkrebs-Screening

Auch nach Start des bundesweiten HKS im Juli 2008 kam es zu einem deutlichen Anstieg der Hautkrebsinzidenz bei einer Beteiligung der Anspruchsberechtigten von ca. 30 Prozent. Für das invasive Melanom wurde ein Zuwachs der altersstandardisierten Inzidenz um 24% (2006-2010) [691] bzw. 28% (2003/04-2010/11) [197] berichtet. Eine auf Nordrhein-Westfalen beschränke Auswertung von Krebsregisterdaten ergab für das invasive Melanom von 2007 bis 2014 bei beiden Geschlechtern einen jährlichen prozentualen Zuwachs (annual percentage change, APC) von 3,8% (95% CI: 0,4%-7,3% (Frauen) bzw. 0,1%-7,7% (Männer)) und einen ähnlich starken Zuwachs für nicht-melanozytären Hautkrebs (APC Frauen: 5,2% (95% CI: 2,1%-8,3%,); APC Männer: 3,6% (95% CI: 0,6%-6,7%) [688]. Bei den in situ-Tumoren der Haut fiel der Anstieg kräftiger aus (in situ-Melanom: APC Frauen: 11,2% (95% CI: 5,2%-17,6%,); APC Männer: 12,0% (95% CI: 5,8%-18,5%); in situ-PEK: APC Frauen: 14,3% (95% CI: 8,0%-20,9%,); APC Männer: 15,1% (95% CI: 8,4%-22,3%) (Stang et al. 2018). Parallel dazu zeigte sich in Nordrhein-Westfalen ein Anstieg von melanomassoziierten Arbeitsunfähigkeitsfällen sowie von Arbeitsunfähigkeitsfällen und Hospitalisierungen bei nicht-melanozytärem Hautkrebs. Ein positiver Zusammenhang zwischen dem bundesweiten HKS und der Häufigkeit einschlägiger Krankenhausentlassdiagnosen (als Surrogat für die Inzidenz; C43 und C44 zusammengefasst) wurde auch in einer Studie mit Paneldaten aus 22 europäischen Ländern über den Zeitraum 2000-2013 gefunden [685]. Nur eine der identifizierten und entsprechend angelegten Studien fand keinen Inzidenzanstieg für Hautkrebs. Dabei handelt es sich um eine Analyse von Krankenkassendaten aus Sachsen, die 6-Monats-Inzidenzen des ersten und zweiten Halbjahres 2008 miteinander verglich [689]. Das negative Ergebnis ist aufgrund der sehr kurzen Beobachtungszeit, den geringen Teilnahmeraten zu Beginn des Programms und der relativ kleinen Studienpopulation wenig aussagekräftig.

In derselben Studie wurde über den Zeitraum 2008 bis 2012 die jeweilige Krankheitsschwere der in den Krankenkassendaten enthaltenen Fälle untersucht. Schwere Verläufe (definiert als Fälle mit LK und/oder Fernmetastasen und/oder Interferon-Behandlung) waren bei Nicht-Screeningteilnehmern häufiger als bei Screeningteilnehmern, wobei die Unterschiede jeweils nicht signifikant waren. Bevölkerungsbezogene Änderungen bei der stadienspezifischen Inzidenz des Melanoms nach Einführung des bundesweiten Screenings wurden in der erwähnten Studie aus Nordrhein-Westfalen untersucht [688]. Während die Inzidenz der T1-Melanome von 2007 bis 2014 altersstandardisiert um jährlich 14,6% (95% CI 8,4%-21,2%) bei Frauen und um 14,3 % (95% CI 7,0%-22,2%) bei Männern zunahmen, betrug der jährliche Zuwachs bei den fortgeschrittenen Melanomen (T2-T4) zwischen 2,9% (95% CI 0,5%-5,4%) (T3 Frauen) und 6,6% (95% CI 2.3%-11.1%) (T4 Männer). Allerdings ist damit zu rechnen, dass den berichteten geringen Zuwächsen bei den fortgeschrittenen Tumoren tatsächlich schwächer steigende oder sogar rückläufige Neuerkrankungsraten zugrunde liegen, da parallel die erhebliche Anzahl von unbekannten Stadien (zu Beginn des Beobachtungszeitraums 49% der invasiven Melanome bei Frauen und 50% bei Männern) auf jeweils 20% sank. Bemerkenswert ist, dass in den nicht modellierten jährlichen Raten trotz weiter zunehmender Vollständigkeit der Stadienangaben am Ende des Beobachtungszeitraums (2014 vs. 2013) bei Männern und Frauen bei allen fortgeschrittenen Stadien ein Rückgang sichtbar wird.

Belastbare Evidenz für die Häufigkeit von Überdiagnosen und Intervallkarzinomen liegt für das bundesweite HKS bislang nicht vor. Keine der identifizierten Studien konnte einen Rückgang der Melanommortalität infolge des Programms feststellen. Die Beobachtungszeiträume reichen bis 2012 [685], 2013 [691]; [197]; [692] bzw. 2015 [688]. Die Diskrepanz zu den beschriebenen Mortalitätstrends infolge des SCREEN-Projekts hat zu kontroverse Deutungen geführt, die sich neben der erwähnten Möglichkeit von fehlkodierten Todesursachen und Änderungen der Populationsdatenbasis (Zensus 2011) auch auf Detailunterschiede bei der Konzeption, Durchführungsqualität, Akzeptanz und Awareness-Effekte der beiden Interventionen beziehen (Beteiligung von Fachärzten unterschiedlicher Disziplinen, Schulungsmaßnahmen, Motivation der Untersucher, Alter der Anspruchsberechtigten, Teilnahmeraten, Selbstselektion von Risikopersonen, Überweisung von Risikopersonen an Fachärzte und Öffentlichkeitsarbeit) [692]). Im Ergebnis wird teilweise das SCREEN-Projekt [197], teilweise das bundesweite Screening [691] als fraglich intensiver gewertet. Stellt man auf die initiale Inzidenzsteigerung ab, lässt sich weder die eine noch die andere Deutung sicher belegen. Letztere Wertung würde das Ausbleiben eines beobachteten Rückgangs der Mortalität umso enttäuschender erscheinen lassen. Allerdings ist möglich, dass die bislang ausgewerteten Zeitreihen zu kurz sind, um Effekte des bundesweiten Screenings auf die Sterblichkeit festzustellen [692]. Allgemein wird davon ausgegangen, dass mortalitätssenkende Effekte eines Krebsscreenings nicht vor Ablauf von 5 Jahren sichtbar werden [691]. Mit etwa dieser Latenz setzte auch der im Falle des SCREEN-Projekts die zweite, im Ausmaß bedeutendere Mortalitätsreduktion ein [197]. Für das bundesweite HKS würde dies bedeuten, dass Änderungen des Mortalitätstrends erst ab etwa 2013 sichtbar werden.

8.20 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Im Rahmen der Prävention von Hautkrebs sollte ein Hautkrebs-Screening angeboten werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2+
Literatur
[198] [197] [205] [685] [686] [687] [688] [689] [690] [691] [692] [693]

Forschungsbedarf

Die aktuell verfügbare Evidenz zur Wirksamkeit des bundesweiten HKS ist unzureichend. Vielversprechende Ergebnisse des SCREEN-Projekts konnten für das laufende Programm bislang nicht reproduziert werden. Schäden, die dem anzunehmenden Nutzen gegenüberstehen, sind nicht hinreichend untersucht. Die gemäß § 35 KFE-RL in Auftrag gegebenen Evaluationsberichte [694] fokussieren auf Kennzahlen der Struktur- und Prozessqualität und weisen auch insoweit Schwächen auf, die zu einem wesentlichen Teil auf Unzulänglichkeiten der Datenbasis beruhen.

Als wesentliche Inkonsistenzen des letzten Berichts [694] sind hervorzuheben [251]:

  • Bei den ärztlichen Teilnahmeraten unter den Dermatologen wurden für einige KV-Bezirke Werte von >100% genannt.
  • Wegen Fehlens eines Versichertenpseudonyms war es nicht möglich, hausärztliche und dermatologische Screeningdokumentationen auf individueller Ebene eindeutig miteinander zu verknüpfen. Daher werden in den berichteten Teilnahmeraten alle Versicherten, die zweistufig untersucht. wurden, doppelt erfasst, was zu einer Überschätzung der Inanspruchnahme führt.
  • Biopsien wurden nur in 71,5 % aller Fälle eines fachärztlich dokumentierten Krebsverdachts dokumentiert. Andererseits wurden fast 60.000 Fälle dokumentiert, in denen ohne Verdacht auf eine Krebserkrankung Biopsien veranlasst wurden. Die Autoren gehen von Artefakten aus, die in Einzelfällen auch durch unvollständige Antwortmöglichkeiten provoziert wurden.

Die seit dem 01.01.2019 geltenden Anforderungen an die Dokumentation lassen hinsichtlich der Auswertbarkeit zwar gewisse Verbesserungen erwarten, die dringlichste Frage, ob das HKS den Teilnehmern im Hinblick auf Mortalität, Morbidität und Lebensqualität einen Nettonutzen bietet, werden die Dokumentationsdaten auch weiterhin nicht valide beantworten können.

Randomisiert kontrolliert Studien, die dazu am besten geeignet wären, sind wegen der (in Deutschland) zu erwartenden Kontamination im Kontrollarm nicht aussagekräftig und würden – zumindest bei den Outcomes Mortalität und Auftreten fortgeschrittener Tumoren – Teilnehmerzahlen und Beobachtungszeiten erfordern, die realistisch nicht erreichbar sind.

Naheliegend erscheint die Durchführung einer Kohortenstudie, die wegen der notwendigen Zahl zu beobachtender Personenjahre am ehesten als retrospektive Kohortenstudie mit Krankenkassendaten zu realisieren wäre. Hauptschwierigkeit ist dabei das Problem die a-priori-Definition und Erhebung möglicher Confounder, also solcher Faktoren, die sowohl mit der Screeningteilnahme als auch mit dem Outcome assoziiert sind.

Daher wird sich hier für eine Fall-Kontoll-Studie mit der Möglichkeit der Primärdatenerhebung ausgesprochen. Bei einer solchen Studie würden Fälle, z.B. Personen mit metastasiertem Hautkrebs, im Hinblick auf die Exposition Screeningteilnahme mit Kontrollpersonen aus der Allgemeinbevölkerung verglichen. Auch Tod infolge Hautkrebs könnte den Fallstatus begründen, wobei relevante Confounder und die Exposition noch zu Lebzeiten erhoben werden könnten.

Hohe Priorität hat weiterhin die Durchführung ökologischer Analysen, also solcher Studien, die Effekte des HKS gruppenbezogen und losgelöst von der individuellen Inanspruchnahme des Screeningangebots untersuchen. Aktuelle Zahlen der Todesursachenstatistik zeigen, dass der Mortalitätsrückgang, der in den zitierten Studien noch nicht auszumachen war, 2013 eingesetzt hat. Seitdem ist die altersstandardisierte Hautkrebssterblichkeit deutlich und kontinuierlich rückläufig. Eine Latenz von fünf bis sieben Jahren entspricht dem, was im Falle eines Krebsscreenings allgemein zu erwarten ist [691]. Anzunehmen ist aber, dass zu dieser Entwicklung zumindest auch verbesserte Behandlungsoptionen beim Melanom (Immuncheckpoint-Inhibitoren und BRAF-Inhibitoren, zugelassen ab 2011) beigetragen haben könnten [207]. Daher ist weiterhin wichtig, die Inzidenz fortgeschrittener, insbesondere metastasierter Tumoren zu beobachten. Rückläufige Inzidenzen bei den fortgeschrittenen Stadien, die nicht mit einem Rückgang der „natürlichen“ Inzidenz erklärt werden können, weisen zuverlässig auf erfolgreiche Früherkennung hin. Methodischen Schwierigkeiten im Hinblick auf mangelnde Vollständigkeit bei den Stadienangaben kann durch geeignete Imputationsverfahren begegnet werden. Bei Fokussierung auf die Mortalität sind jedenfalls Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die unterschiedlichen Einflüsse von Früherkennung und Therapie zu kontrollieren. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass regionale Trends in Abhängigkeit von Screeningteilnahmeraten analysiert werden oder Vergleiche mit anderen, nicht screenenden Ländern durchgeführt werden. Elaborierte epidemiologische Methoden (z.B. age period cohort models) können zum vertieften Verständnis der Daten beitragen. Bei allen gruppenbezogenen Analysen ist die Möglichkeit des ökologischen Trugschlusses (cross-level bias) zu bedenken.

Nicht zuletzt sollte das bundesweite HKS einer eingehenden gesundheitsökonomischen Analyse unterzogen werden, die auch Schäden (einschließlich Überdiagnosen) und mögliche Modifikationen, z.B. in Richtung eines risikoadaptierten Screenings, einschließt.

8.21 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Sondervotum der DEGAM und der DGHNO

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) bewertetsowie die Deutsche Gesellschaft Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde (DGHNO), Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. bewerten die Evidenz für den Nutzen eines generellen Hautkrebs-Screenings im Vergleich zu einem opportunistischen Screening, in Übereinstimmung mit internationalen Institutionen weiterhin als unzureichend. Seit der Einführung des Hautkrebs-Screening ist die Mortalität am Hautkrebs in Deutschland nicht gesunken. Daher soll kein anlassloses Hautkrebs-Screening angeboten werden. Im Einzelfall kann eine Früherkennung auf Hautkrebs nach ausgewogener Aufklärung über Vor- und Nachteile durchgeführt werden, insbesondere bei Menschen mit erhöhtem Risiko.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2+
Literatur
[198] [197] [205] [685] [686] [687] [688] [689] [690] [691] [692] [693]

8.2.3 Implementierung und Qualitätssicherung des Hautkrebs-Screenings

8.2.3.1 Aus-, Weiter- und Fortbildung

8.2.3.1.1 Fachliche Voraussetzungen
8.22 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Ein Hautkrebs-Screening soll nur von approbierten Ärzten durchgeführt werden, die eine qualitätsgesicherte, anerkannte Fortbildung zur Durchführung eines Hautkrebs-Screenings erfolgreich absolviert haben.

Änderungshinweis5.49. Konsensbasierte Empfehlung Ein Hautkrebs-Screening soll nur von approbierten Ärzten durchgeführt werden, die eine mehrstündige, anerkannte Fortbildung zur Durchführung eines Hautkrebs-Screenings erfolgreich absolviert haben.

Der G-BA hat zur Sicherung eines flächendeckenden bevölkerungsbezogenen Hautkrebs-Screenings für die Durchführung die Hausärzte (hausärztlich tätige Fachärzte für Allgemeinmedizin, Fachärzte für Innere Medizin, praktische Ärzte, Ärzte ohne Gebietsbezeichnung) und die Dermatologen berücksichtigt sowie ein zweistufiges HKS definiert.

Unabhängig von diesen gesetzlichen Vorgaben haben sowohl Urologen als auch Gynäkologen gewachsene Erfahrungen bei Früherkennungs- und Screening-Maßnahmen. Das bietet die Möglichkeit, bei ihren fachspezifischen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen die Hautkrebsprävention mit zu berücksichtigen. Es ist zu erwarten, dass es Frauen beim Besuch ihres Gynäkologen leichter fallen würde, die komplette Haut – gerade auch im Intimbereich – sorgfältig untersuchen zu lassen. Ähnliches gilt auch für den Urologen. Zudem zeigt das Pilotprojekt des deutschen HKS (SCREEN), durchgeführt von 2003 bis 2004 in Schleswig-Holstein, dass die Ausgestaltung eines bevölkerungsbezogenen HKS mithilfe frauenärztlicher Unterstützung sinnvoll ist [695]; [205].

Ebenfalls zeigt SCREEN, dass die Erweiterung der ärztlichen Kompetenzen durch eine systematisch entwickelte und qualitätsgesicherte Fortbildung hilfreich ist, um den Anforderungen Rechnung zu tragen, die ein HKS an Ärzte stellt. Zu diesen Anforderungen zählen beispielsweise die Interpretation und Vermittlung von Sensitivität und Spezifität des Screening-Tests, kommunikative Fähigkeiten (bspw. Shared-Decision-Making) und die standardisierte Durchführung der Screening-Untersuchung [695]. Diese Kompetenzen sollten bereits in der ärztlichen Grundausbildung gelehrt und gefördert werden. Im Rahmen des „Masterplan Medizinstudium 2020“ findet eine Überarbeitung der Ausbildungsinhalte und der Studienstruktur des Medizinstudiums statt. Eine besondere Bedeutung kommt hier der Arzt-Patienten-Kommunikation zu. (BMBF, 2017). Diese wird in der Hautkrebs-Screening-Fortbildung vertieft.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht dahingehend, dass zwar Untersuchungen vorliegen, die Fortbildungen und Schulungen auf ihre Wirkung (Wissenszuwachs, diagnostische Genauigkeit etc.) evaluieren, jedoch fehlen Studien, welche die fachberuflichen Voraussetzungen analysieren, die zur Beratung und Durchführung eines HKS erforderlich sind. Dazu wäre es notwendig eine Untersuchung durchzuführen, in der die unterschiedlichen fachärztlichen Qualifikationsprofile hinsichtlich ihrer Auswirkung auf epidemiologische Kennzahlen (Sensitivität, Spezifität, positiver prädiktiver Wert, negativer prädiktiver Wert etc.) bezogen auf den Screening-Test sowie hinsichtlich kommunikativer Fähigkeiten verglichen werden. So können in einem weiteren Schritt die fachlichen Voraussetzungen, die zur qualitätsgesicherten Durchführung eines HKS notwendig sind, weitergehend identifiziert und auf ein Kompetenzprofil eingegrenzt werden.

8.23 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Eine beratende Ansprache und/oder eine weiterführende Beratung zu einem Hautkrebs-Screening kann von nicht ärztlich tätigen Gesundheitsfachkräften (medizinische Fachangestellte, Pflegeberufe, andere Fachberufe des Gesundheitswesens) angeboten und durchgeführt werden.

Voraussetzung dafür sind:

  • eine entsprechende abgeschlossene Berufsausbildung und
  • eine erfolgreich absolvierte qualitätsgesicherte, anerkannte Fortbildung zur Beratung im Rahmen des Hautkrebs-Screenings.

Die persönliche Kommunikation, also das direkte Gespräch zwischen Arzt und Bürger, spielt bei Gesundheitsthemen eine bedeutende Rolle. Im Pilotprojekt des deutschen HKS (SCREEN) wurde in diesem Zusammenhang auch die besondere Bedeutung der Medizinischen Fachangestellten (MFA) deutlich. Diese sprachen die potenziellen Teilnehmer nahezu doppelt so häufig im Vergleich zu Ärzten auf deren Bereitschaft an, sich zum HKS beraten zu lassen. Vor allem für die Förderung der Entscheidungsfindung für oder gegen eine Krebsfrüherkennungsmaßnahme ist die direkte Ansprache und Beratung entscheidend (siehe auch Kapitel 8.3.2) [695]. Dazu haben im Praxisalltag MFAs vielfach einen direkteren Zugang zu potenziellen Teilnehmern; eine Beratung ist hier ohne Zugangsschwelle möglich. Die Rolle von MFAs und anderen Health Professionals allgemein und ihr Potenzial für die Prävention sollen zudem durch die Teilnahme an einer Fortbildung, welche Kompetenzen im Zusammenhang mit der Beratung zur Hautkrebsfrüherkennung vermittelt, optimiert werden.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der formativen Evaluation bezüglich Fortbildungen und Fortbildungsprogrammen zu einem HKS für Health Professionals, die nicht ärztlich tätig sind. Die Ergebnisse hieraus können Aufschluss dazu geben, wie edukative Maßnahmen für diese Berufsgruppen konzipiert, angeboten und summativ evaluiert werden müssen.

8.2.3.1.2 Schaffung der fachlichen Voraussetzungen
8.24 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Fortbildungen / Fortbildungsprogramme des Hautkrebs-Screenings für Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte (medizinische Fachangestellte, Pflegeberufe, andere Fachberufe des Gesundheitswesens) sollen flächendeckend angeboten und durch zertifizierte Trainer durchgeführt werden.

Eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung eines HKS in der Praxis ist die qualitätsgesicherte Schulung der Ärzte und anderer Health Professionals, damit sie ihrer besonderen Rolle in der Prävention von Krankheiten gerecht werden.

Deutschland hat mit dem HKS weltweit als erstes Land eine flächendeckend organisierte, standardisierte Krebsfrüherkennungsuntersuchung der Haut eingeführt. Zur Teilnahme an diesem HKS benötigen Ärzte einen Nachweis der erfolgreichen Teilnahme an einem von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anerkannten achtstündigen Fortbildungsprogramms. Unter der Leitung des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung wurde zunächst ein Trainerprogramm durchgeführt: Ausgebildet wurden 132 dermatologische und 151 hausärztliche Trainer, die wiederum Fortbildungen durchgeführt haben bzw. durchführen. Nach eigenen Angaben der Kassenärztlichen Vereinigungen hatten sich bis Ende 2012 rund 44.000 Ärzte (Hausärzte und Dermatologen) für die Durchführung des HKS qualifiziert und 597 Pathologen bzw. Dermatohistopathologen entsprechen den geforderten Qualitätsansprüchen.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht dahingehend, dass mithilfe einer Ist-Analyse geklärt werden muss, ob flächendeckende Fortbildungsangebote für die einzelnen Professionen bestehen und ob diese bei der Zielgruppe bekannt sind. Zudem ist in einer Soll-Analyse festzulegen, welche Ziele diesbezüglich zu erreichen sind. Gegebenenfalls ist ein Konzept zu entwickeln, damit Defizite bei einer Inkongruenz von Ist und Soll beseitigt werden können. Schließlich sind Effekte, die Effektivität und die Effizienz der bestehenden Fortbildungsangebote zu evaluieren.

8.2.3.1.3 Inhalte des Curriculums

Ein Fortbildungsangebot zu einem HKS für Ärzte oder andere Health Professionals (medizinische Fachangestellte, Pflegeberufe, andere Fachberufe des Gesundheitswesens) soll Wissen und Methoden auf theoretischer und praktischer Ebene vermitteln. Dazu sollen folgende Inhalte in einem Curriculum berücksichtigt werden:

  • Epidemiologie Hautkrebs (MM, NMSC),
  • Ätiologie, Risikofaktoren und –gruppen,
  • Krankheitsbilder (MM, NMSC),
  • Definition Prävention (Primär-, Sekundär-, Tertiärprävention),
  • Krebsfrüherkennung als Screening-Maßnahme,
  • Gesetzliche Rahmenbedingungen,
  • Nutzen und Schaden von Früherkennungsmaßnahmen/Screening-Programmen,
  • Kriterien zur Beurteilung von Früherkennungsmaßnahmen,
  • Kenngrößen eines Screeningtests,
  • Hautkrebs-Screening,
  • Maßnahmen zur Ansprache von potenziellen Teilnehmern,
  • Anforderungen an die Beratung hinsichtlich der Informierten Entscheidung im Kontext eines HKS,
  • Screeningtest: standardisierte Ganzkörperuntersuchung,
  • gezielte Anamnese,
  • Befundmitteilung und Beratung,
  • Qualitätssicherung Pathologie (histopathologische Differenzialdiagnosen),
  • Qualitätsanforderung Histopathologie,
  • Histopathologische Abbildungen,
  • der histopathologische Bericht (Vollständigkeit, Bedeutung der Inhalte),
  • Überweisung,
  • Dokumentation,
  • Abrechnung,
  • Meldung an die Krebsregister,
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit,
  • Grundlagen der Kommunikation,
  • Kommunikation zwischen Hausarzt und Dermatologe, Dermatologe und Pathologe, Arzt und Patienten,
  • Kommunikationswerkzeuge zur ärztlichen Gesprächsführung.

Unter der koordinatorischen Leitung der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP) e.V. wurde mit der Kommission Hautkrebs-Screening Deutschland, die sich aus der ADP, der DDG, dem BvDD, der ADO, der DGDC und der ADH zusammensetzt, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hausärzteverband, dem Institut für hausärztliche Fortbildung (IhF) und der DEGAM ein Fortbildungsprogramm zur Einführung des HKS entwickelt und über den Deutschen Ärzte-Verlag herausgegeben, dessen Inhalte hier dargestellt sind [696]. Dieses Programm ist von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als inhaltlich übereinstimmend mit der Krebsfrüherkennungsrichtlinie bewertet worden [697]. Es wurden Inhalte aus dem Fortbildungsprogramm übernommen, welches innerhalb des Pilotprojektes des deutschen HKS (SCREEN) erfolgreich durchgeführt wurde.

8.2.3.1.4 Evaluation von Fortbildungsprogrammen/Curricula

Die Effektivität des achtstündigen Fortbildungsprogramms zum HKS in Deutschland wurde bisher nur in Form von Prä-Post-Befragungen mit den teilnehmenden Ärzten untersucht. Die Untersuchung von Anders et al. [698] diente der Evaluation der seit 2015 aktualisierten Schulung zum HKS in Deutschland. Insgesamt wurden 573 Fragebögen der Schulungsteilnehmer (94% Hausärzte; 6% Dermatologen) ausgewertet. Der Fragebogen bestand aus 34 Fragen zum Wissen über Screening und Früherkennung, Hautkrebs und HKS sowie der diagnostischen Genauigkeit. Zudem wurde  das subjektive Selbstvertrauen in die Diagnosestellung und Beratung anhand von Likert-Skalen erhoben. Die Auswertung zeigte einen signifikanten Anstieg im Wissen zu Screening, Früherkennung und Hautkrebs sowie HKS. Die teilnehmenden Hausärzte waren nach der Schulung in der Lage Hautkrebs eher zu erkennen. Zudem verbesserte sich ihre diagnostische Genauigkeit signifikant. Die Anzahl korrekt benannter Diagnosen erhöhte sich von 3,89 auf 5,27 (p < 0,001). Im Vergleich zu den teilnehmenden Dermatologen haben Hausärzte weniger Diagnosen korrekt benannt (mean: 10,03 vs 7,45, p < 0,001). Das Basalzellkarzinom wurde im Pretest von 55,1% und im Posttest von 83,1% der Teilnehmer richtig diagnostiziert (p< 0,001). Des Weiteren konnte ein erhöhtes Selbstvertrauen im Rahmen der präventiven Beratung bezüglich Hautkrebs beobachtet werden. Insgesamt gesehen, konnten die teilnehmenden Hausärzte am meisten von der Schulung profitieren [698]. Aussagen über langfristige Effekte einer solchen Fortbildungsmaßnahme sowie über Einflüsse auf Detektionsraten, Anzahl an Überweisungen oder unnötiger Biopsien können jedoch bisher für das deutsche Fortbildungsprogramm nicht getroffen werden.

Internationale Untersuchungen zum Nutzen von Schulungen zum HKS und Beratung von Gesundheitsberufen zu Hautkrebs werden folgend zusammengefasst. Anzumerken ist dabei, dass auch in diesen Studien Aussagen zur Beeinflussung von Detektionsrate, diagnostische Treffsicherheit und vermeiden unnötiger Überweisungen oder Biopsien in der Versorgung in diesen ebenfalls bisher kaum Berücksichtigung gefunden haben und sich hier ein deutlicher Forschungsbedarf zeigt. Darüber hinaus ermöglichen die hier zusammengefassten Studien keine Rückschlüsse auf nachhaltige Effekte.

Im Rahmen der in Kanada durchgeführten Skin Cancer Screening Education Study wurde die Fortbildung zum HKS evaluiert. Der Aufbau der Fortbildung war an die in Deutschland durchgeführte Schulung zum HKS angelehnt. Ziel der Studie war es, den Wissenszuwachs und die diagnostische Genauigkeit der Ärzte sowie die Patientenzufriedenheit mit und das Wohlbefinden der Patienten während des HKS zu ermitteln. Die Interventionsgruppe (Ärzte mit Hautkrebs-Screening-Schulung) zeigte dabei den höchsten Anstieg an Wissen sowie des Selbstvertrauens in die Diagnosestellung aufgrund der Fortbildung. Während der anschließenden Screeningperiode fielen beide Werte wieder ab. In der Kontrollgruppe (Hautkrebs-Screening -Schulung erst nach der Screening-Phase) zeigte sich ein Wissenszuwachs sowohl während der Screeningphase, als auch durch die anschließende Fortbildung. Diese Ergebnisse waren allerdings nicht statistisch signifikant. Ein statistisch signifikanter Anstieg in der Selbstsicherheit der Diagnosestellung ließ sich nach der HKS-Fortbildung beobachten. Bezüglich der diagnostischen Genauigkeit waren sowohl die Anzahl an Patienten, die gescreent werden mussten, als auch die Anzahl an Exzisionen, um einen Hauttumor zu erkennen, in der Interventionsgruppe deutlich geringer als in der Kontrollgruppe (47,5 vs 221,5; 4,8 vs 28,5). Weiterhin zeigte sich ein höheres Vertrauen der Patienten in die Ärzte der Interventionsgruppe (86% vs 78%, p=0.000). Mit 23% im Vergleich zu 14% der Patienten, gab ein größerer Anteil der Patienten der Interventionsgruppe an, während der Untersuchung Scham zu verspüren, was durch die Autoren auf die detaillierter durchgeführte Ganzkörperuntersuchung zurückgeführt wird. So berichteten mehr Patienten der Interventionsgruppe über eine detailliertere Ganzkörperuntersuchung, welche die Untersuchung der Kopfhaut, Genitalien und Zehen einschloss. Zudem erhielten die Patienten von den Ärzten der Interventionsgruppe mehr Informationen über UV-Strahlung, die Hautselbstuntersuchung und wurden häufiger zu ihrer Familienanamnese befragt [699].

In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 57 praktischen Ärzten wurde die Effektivität eines Webkurses zur Hautkrebsfrüherkennung in den USA durchgeführt. Die Intervention beinhaltete ein 2-stündiges Curriculum mit dem Ziel der Diagnosestellung von Hautkrebs und der präventiven Beratung zu fördern. Die Kontrollgruppe (Attention-Control) wurde ein vergleichbarer Kurs zum Thema Ernährung und körperliche Aktivität angeboten. Die Interventionsgruppe führte einen Monat nach Intervention mehr Ganzköperuntersuchungen durch als die Kontrollgruppe (4,0 vs. 3,2, p=0,04) (1=nicht durchgeführt, 4= durchgeführt) und stellte häufiger Informationsmaterial zur Risikovermeidung (3,0 vs. 2,1, p=0,01) und zur Hautselbstuntersuchung (2,8 vs. 2,1, p=0,03) zur Verfügung. Patienten der Interventionsgruppe (n=373) haben laut Behandlungsbericht einen Monat nach Intervention eine signifikant höhere Biopsie-Rate als Patienten der Attention Control (n=663) (1% vs. 0%). Ein Jahr nach Randomisierung unterschieden sich Interventions- und Kontrollgruppe jedoch nur noch darin, dass Ärzte der Interventionsgruppe berichteten, häufiger Hautkrebs bei jährlichen Untersuchungen der Patienten angesprochen zu haben (3,4 vs. 3,0, p=0,2). Zudem berichten Patienten der Interventionsgruppe (n= 307) zu diesem Zeitpunkt weniger häufig als Patienten der Kontrollgruppe (n=669), schriftliches Informationsmaterial erhalten zu haben (p=0,017). Bezogen auf die Einstellungen, Intentionen, Praxisprozedere und das Wissen lässt sich 12-Monate nach Randomisierung kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen feststellen. Lediglich das persönlich eingeschätzte Vertrauen, eine Ganzkörperuntersuchung durchführen zu können, ist bei Interventionsgruppe zu diesem Zeitpunkt höher (3,7 vs. 3,0, p=0,02) [700].

8.25 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Curricula für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten oder Gesundheitsfachkräften (medizinische Fachangestellte, Pflegeberufe, andere Fachberufe des Gesundheitswesens) in der Primärversorgung sollten bezüglich der primären und sekundären Prävention von Hautkrebs folgende Themenbereiche beinhalten:

  • Epidemiologie,
  • Diagnostik inklusive Dermatoskopie und klinischer Algorithmen, gestützt auf fotografischen Aufnahmen von Hautläsionen,
  • Beratung (primär- und sekundärpräventive),
  • Kommunikation,
  • Behandlung.

Dabei können Curricula in eine oder mehrere Interventionseinheiten gegliedert sein und folgende didaktische Mittel und Bedingungen integrieren: Präsenzveranstaltung, webbasiert, interaktiv, multimedial, Rollenspiel, theoretisch und/oder praktisch vermittelt.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1-

bis


3
Literatur
[671] [701] [702] [703] [704] [705] [706] [707] [708] [709] [710] [711]

Innerhalb einer systematischen Literaturrecherche (durchgeführt 2010) wurden 20 Publikationen ermittelt, die sich mit 13 unterschiedlichen Edukationsprogrammen für Health Professionals zur Hautkrebsfrüherkennung beschäftigen. Zusätzlich zu den Angaben, die in den jeweiligen Veröffentlichungen enthalten sind, lieferten 12 der Originalautoren weitere Angaben zu den einzelnen Analysen. Die zusammengestellten Informationen geben Auskunft zu Aspekten aus den Bereichen Curriculum (fachlicher Inhalt), Formen der Schulung und den jeweils gemessenen Outcomes (Evaluation). Innerhalb der einzelnen Schulungen wurden Curricula zu den Themenfeldern Diagnostik (in 92 % der Studien), Epidemiologie (97 %), Behandlung (62 %), Algorithmen (46 %) und zur Dermatoskopie (15 %) entwickelt bzw. adaptiert, implementiert und abschließend evaluiert. Die Inhalte wurden in unterschiedlichen Formen und mit verschiedenen didaktischen Mitteln vermittelt: als Präsenzveranstaltung (in 69 % der Studien), interaktiv (46 %), multimedial (23 %) oder webbasiert (15 %); mit einer Interventionseinheit (23 %), mit zwei (46 %), mit mehr als zwei Interventionseinheiten (30 %). 18 von 20 Studien zeigen eine signifikante Verbesserung der jeweils gemessenen Outcomes durch die Intervention. Im Detail werden die Endpunkte Wissen, Kompetenzen und Fertigkeiten, Vertrauen in die Diagnose-, Behandlungs- und Beratungsfähigkeiten und der Anteil an korrekten Diagnosestellungen erhöht bzw. gestärkt [708].

In einer weiteren Untersuchung, in der Ergebnisse von 17 Allgemeinmedizinern ausgewertet wurden und deren Intervention aus einer Präsenzveranstaltung und einer Broschüre mit 40 diagnostischen Bildern bestand, verbessert sich die Sensitivität und Spezifität hinsichtlich der Erkennung verschiedener Hautläsionen. Im Detail erhöht sich die Sensitivität für maligne Läsionen von 63 % auf 76 % (beim malignen Melanom von 65 % auf 81 %) und für Borderline-Läsionen von 55 % auf 62 % signifikant. Zusätzlich wurde eine Gruppe, bestehend aus sechs Dermatologen, befragt. Diesbezüglich kann festgestellt werden, dass auch nach der Schulung der Allgemeinmediziner der Anteil der korrekt gestellten Diagnosen unter Dermatologen häufig höher ist (Bspw. seborrhoische Keratose: Dermatologen (100 %), Allgemeinmediziner (54 %)) [701]. 27 Medizinstudenten mit (n=20) und ohne (n=7) Vorkenntnissen in Dermatologie, die die gleiche Schulung absolviert haben, zeigen ebenfalls eine signifikante Steigerung an korrekten Diagnosen. Bei dieser Evaluation zeigt sich kein signifikanter Unterschied zwischen der Gruppe mit und der Gruppe ohne Vorkenntnisse [703].

Nach einer einstündigen Schulung hinsichtlich der klinischen und dermatoskopischen Beurteilung von Hautläsionen mithilfe von 20 Paar fotografischer Aufnahmen (jeweils klinisch und dermatoskopisch), zeigt sich in der Evaluation, dass das Vertrauen in die gestellte Diagnose bei den Probanden (19 Ärzte in Facharztausbildung zum Dermatologen) durch die dermatoskopische Darstellung von malignen und benignen Läsionen im Vergleich zur klinischen Untersuchung signifikant erhöht werden konnte. Ausgenommen war die Gruppe der dysplastischen Hautläsionen, in der keine signifikante Veränderung festgestellt werden konnte. Ebenfalls kann an den Ergebnissen abgelesen werden, dass sich nach der Schulung die Beurteilung in Richtung der jeweiligen korrekten Diagnose signifikant verschiebt (für maligne und benigne Hautläsionen). Auch hier hat sich das Ergebnis in der Gruppe der dysplastischen Hautläsionen nicht signifikant verändert. Bei Aufnahmen, die zuvor bereits als klinisch eindeutig zu diagnostizieren eingestuft wurden, zeigt sich nach der Intervention keine signifikante Verbesserung durch die dermatoskopische Darstellung [702]. Anzumerken ist, dass die Analyse keine Angaben zu einer möglichen Kontrollgruppe macht.

Die Bestimmung von Diagnose und Erarbeitung eines Plans zur weiterführenden Diagnostik bzw. Therapie auf Basis von 36 Bildern im Rahmen eines webbasierten Tutoriums erhöht in der Interventionsgruppe nach der Schulung den Anteil an korrekten Diagnosen bei einigen Hautläsionen signifikant. In der Kontrollgruppe (ohne Schulung) sind keine signifikanten Veränderungen festzustellen. An der Untersuchung haben 71 Ärzte teilgenommen (Interventionsgruppe: n=39; Kontrollgruppe: n=32), von denen aber nur 46 Ärzte (Interventionsgruppe: n=27; Kontrollgruppe: n=19) bis zum Ende der Studie dabeiblieben [706]).

In einer einwöchigen Intervention wurden 32 Pflegepersonen zu den Themenfeldern Clinical Decision Making, Epidemiologie, Risiko-Assessment, Diagnostik, Prävention, Symptome und Behandlung im Rahmen der Hautkrebsfrüherkennung geschult (24 Stunden Theorie, 20 Stunden Praxis). Unter anderem wurden dazu Fallanalysen und fotografische Aufnahmen von Hautläsionen verwendet. Zusätzlich zur Theorie wurde eine praktische Schulung im klinischen Setting durchgeführt. Erhebungen zu den Outcomes (allgemeines Wissen, Wissen bezüglich Prävention, Kompetenzen hinsichtlich Hautkrebsfrüherkennung) fanden vor der Schulung, nach der Schulung und drei Monate nach Beginn der Schulung statt. Es konnte festgestellt werden, dass sich die Wissens- und Kompetenzparameter signifikant erhöhen, außerdem steigt das Selbstvertrauen der Teilnehmer bezüglich der Durchführung und Beratung zur Hautkrebsfrüherkennung. Insgesamt bleiben die Werte im weiteren Zeitverlauf stabil. Ebenfalls zeigten sich signifikante Unterschiede in allen Merkmalen im Hinblick auf die Ergebnisse der Kontrollgruppe, die aus 87 Pflegepersonen bestand [709]. Anzumerken ist, dass die Ergebnisse nicht vollständig auf Deutschland übertragen werden können, da sich das Berufsbild der Pflegepersonen in den USA von dem des Gesundheits- und Krankenpflegers in Deutschland deutlich unterscheidet.

Dolev et al. untersuchten mit Hilfe von 252 Medizinstudenten, die randomisiert zwei Gruppen zugewiesen und zu drei Zeitpunkten befragt wurden, die Wirkung einer Intervention, die aus der Kombination einer webbasierten Schulung zur Diagnose von Hautläsionen und einer praktischen Ausbildung in einer dermatologischen klinischen Abteilung bestand. Die webbasierte Schulung bestand aus 17 Lerneinheiten zur Diagnose und ggf. Behandlung von pigmentierten und nicht-pigmentierten Hautläsionen (malignes Melanom, nicht-melanozytärer Hautkrebs, Muttermal und andere benigne Hautläsionen). Die Lerneinheiten enthielten 85 klinische Fälle mit fotografischen Aufnahmen und Lerntexten, in denen visuelle Merkmale zur Beurteilung von Hautläsionen diskutiert wurden. In den praktischen Teil eingeschlossen waren folgende Bereiche: allgemeine Dermatologie, pädiatrische Dermatologie, dermatologische Chirurgie zuzüglich Lehrveranstaltungen, Fallbesprechungen und die Bearbeitung einschlägiger Literatur. Gruppe I absolvierte zuerst die webbasierte Schulung, dann das Praktikum; Gruppe II erst das Praktikum und anschließend die Schulung. Die Befragungen fanden in beiden Gruppen zu Beginn und am Ende sowie zwischen den jeweiligen Interventionen statt. Erhoben wurden Kenntnisstände der Studenten sowohl bezogen auf Diagnose als auch auf Behandlung von Hautkrebs. Es zeigt sich eine signifikante Verbesserung im zeitlichen Verlauf in beiden Gruppen. Insgesamt werden durch die Kombination aus Theorie und Praxis insgesamt höhere Werte erreicht als nur durch eine der beiden Interventionen. Zudem ist festzustellen, dass bezüglich der Kenntnisse in Diagnostik die Reihenfolge eine Rolle spielt, d. h. die Folge Praktikum-Schulung liefert signifikant höhere Werte als die Folge Schulung-Praktikum [705].

Ein Trainingsprogramm mit 65 Hausärzten, von denen 41 die Evaluation vollständig abschlossen, bestand aus drei Lerneinheiten: einer allgemeinen dreistündigen Informationsveranstaltung (Epidemiologie, Diagnose, Behandlung), in der u. a. anhand von Dias unterschiedliche Hautläsionen besprochen wurden, einer praktischen Einheit auf einer Melanom-Station (Melanoma Unit) in einer Klinik und einer Einheit, in der praktische Fähigkeiten im Mittelpunkt standen (bspw. Exzisionsmethoden). Es wird gezeigt, dass die Sicherheit in der ärztlichen Beratung zunimmt. Im Einzelnen wurden die Parameter Beratung zum Screening-Intervall (Steigerung um 39,7 %) und zu Erkennungszeichen von Hautkrebs (Steigerung um 54,8 %) untersucht. Zudem ist das ärztliche Diagnosevertrauen bezüglich maligner Läsionen um 43,1 % gestiegen. Innerhalb der Kontrollgruppe ist im zeitlichen Verlauf keine signifikante Steigerung nachweisbar. Ebenfalls ist ein Anstieg in der Interventionsgruppe bezüglich der korrekten Diagnose und der korrekten Behandlung (anhand der Beurteilung fotografischer Aufnahmen) zu verzeichnen. Auch der Anteil an Ärzten, die bereits vor der histologischen Befundung eigenständig eine mögliche Diagnose festhalten, ist angestiegen. Keine signifikante Verbesserung wird hingegen bei der Kongruenz der vorab festgehaltenen und der histologisch gesicherten Diagnose erzielt. Ebenfalls führte die Schulung zu keiner Steigerung von aus histologischer Sicht adäquat durchgeführten Exzisionen [707].

Eine Intervention, die mit niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Dermatologen durchgeführt wurde, beinhaltete ein individuelles, 20-minütiges, face-to-face Feedback. Dieses schloss sich an die durch die Teilnehmer vorgenommene Beurteilung von Hautläsionen anhand von analogen und digitalen Bildern sowie einer Begutachtung direkt am Patienten an. Zudem bestand die Intervention aus einem zweistündigen interaktiven Seminar, in dem der Fokus auf pigmentierten und nicht-pigmentierten Hautläsionen lag. Die Thematik wurde mit einer Dia-Präsentation, Videos und Fallbeispielen unterstützt. Ebenfalls Gegenstand war eine Unterrichtung über das Vorgehen bei der Ganzkörperinspektion. Zusätzlich wurden zur Vertiefung weitere Materialen ausgegeben (Farbdiagramm, Broschüre, „Melanoma-Prevention-Kit“, Vergrößerungslupe, Hautfarbführer, fotografische Aufnahmen). Die Analyse zeigte, dass durch die Intervention die korrekten Diagnosen und die entsprechenden korrekte(n) Behandlungsoption(en) in der Interventionsgruppe (n=26) signifikant gesteigert werden konnten im Vergleich zur Kontrollgruppe (n=26). Die Schulung konnte jedoch die Fähigkeiten von niedergelassenen Allgemeinmedizinern nicht auf das Niveau der Dermatologen (n=13) anheben [711].

Innerhalb einer Untersuchung von de Gannes et al. (2004) wurde Allgemeinmedizinern ein zwölfminütiges Video, das Informationen zum Hautkrebs (u. a. Risikogruppen, Beratung) und fotografische Aufnahmen der verschiedenen Hautkrebsentitäten beinhaltete, online bereitgestellt. Die Ergebnisse zeigten, dass in der Interventionsgruppe (n=10) nur ein geringer Wissenszuwachs (Hautkrebs allgemein, Präventionsstrategien, Behandlung, verdächtigen Hautläsionen) nachgewiesen werden konnte, der im Vergleich mit der Kontrollgruppe (n=17) nicht signifikant war. Gleichfalls gab es keinen signifikanten Anstieg in der Häufigkeit von Exzisionen und korrekt gestellten Diagnosen im Vergleich von Interventions- und Kontrollgruppe [704].

Bono et al. 2002 zeigten, dass die Kombination aus klinischer (inklusive ABCD-Algorithmus) und dermatoskopischer Diagnostik bezüglich der Erkennung maligner Melanome durch erfahrene Dermatologen (Berufserfahrung länger als fünf Jahre) im Vergleich zu telespektrofotometrischen Diagnostikverfahren die vorteilhafteste Balance hinsichtlich Sensitivität und Spezifität aufweist. Die Kombination aus klinischer (86 %) und dermatoskopischer (91 %) Sensitivität erzielte eine Gesamtsensitivität von 97 %. Im Vergleich dazu hatte die telespektrofotometrische Untersuchung lediglich eine Sensitivität von 80 %; außerdem lag die Spezifität lediglich bei 49 %. Hingegen wurden bei der klinischen und dermatologischen Diagnostik Werte von 77 % bzw. 74 % erreicht. Insgesamt wurden 313 verdächtige Hautläsionen an 298 Personen untersucht [671]. Die Studie untersuchte zwar keine direkte Intervention, dennoch gibt sie einen Hinweis auf mögliche Schwerpunkte hinsichtlich der Diagnostik von malignen Melanomen im Rahmen der Hautkrebsfrüherkennung.

Forschungsbedarf

Es besteht Forschungsbedarf, da die bisherigen Studien zur Nachhaltigkeit und Effektivität von Schulungen auf klinische patientenrelevante Endpunkte fehlen. Zudem werden Empfehlungen hinsichtlich einer umfassenden und vollständigen Evaluation, die notwendig ist, um Effekte auf bestimmte Interventionsmaßnahmen zurückführen zu können, nicht angewendet. Deshalb ist es notwendig, bei bestehenden und zukünftigen Programmen und Maßnahmen mehr Gewicht auf die patientenrelevanten Endpunkte innerhalb der Evaluation zu legen, damit Programme und Maßnahmen verbessert und neue Programme fundiert konzipiert werden können.

Hinsichtlich der diagnostischen Treffsicherheit von Dermatologen und anderen ausgebildeten Ärzten ist die Evidenz spärlich. Zusätzliche Studien sind nötig, um entweder den „gate keeper“-Ansatz oder den direkten Zugang zu Dermatologen zu stützen [712]. Zukünftige Untersuchungen, welche die Ergebnisse von Dermatologen mit anderen geschulten Ärzten vergleichen, sollten die diagnostische Treffsicherheit mit Outcome-Daten der Patienten verbinden und ebenfalls die Kosteneffektivität der beiden Ansätze („gate-keeper“ vs. direkter Zugang zum Dermatologen) einbeziehen. Darüber hinaus wird jede Schwachstelle im Training und bei der Schulung von Ärzten zur Früherkennung und Behandlung von Hautkrebs herausgestellt werden.

8.2.3.2 Datendokumentation und -übermittlung

A. Katalinic, Überarbeitung durch F. Chenot/A. Waldmann

8.2.3.2.1 Einleitung

Nach den Vorgaben der Europäischen Union ist das deutsche HKS als nicht-bevölkerungsbezogenes (opportunistisches) Früherkennungsprogramm einzustufen. Es wird zwar bevölkerungsweit als Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Versicherte ab dem Alter von 35 Jahren angeboten, aber entscheidende Elemente eines systematischen, populationsbasierten Früherkennungsprogramms fehlen (z. B. Einladungsverfahren zum HKS, Kontrolle der angestrebten Untersuchungsintervalle, Ergebnisevaluation). In Deutschland erfüllen derzeit das Mammographie-Screening, das Darmkrebs-Screening und Zervizkarzinom-Screening die Anforderungen an ein populationsbasiertes Früherkennungsprogramm.

Obwohl für das HKS auf europäischer Ebene keine vergleichbare Leitlinie vorliegt, ist auch für das HKS eine Entwicklung hin zu einem systematischen bevölkerungsbezogenen Früherkennungsprogramm anzustreben, um eine in der Fläche vergleichbare Angebotssituation und hohe Qualität des Gesamtprogramms zu gewährleisten. Orientiert an den Europäischen Krebsfrüherkennungsleitlinien sind einzelne Elemente wie Einladungswesen (z. B. über Einwohnermeldeämter oder Krankenkassen), Überwachung der Untersuchungsintervalle, Dokumentation der Früherkennungsuntersuchungen, Festlegung und Auswertung von Qualitätsindikatoren und ein regelhaftes Feedback zur Qualität des Untersuchungsangebotes an die Beteiligten (Benchmarking) zu implementieren.

8.2.3.2.2 Datenerfassung

Im Falle der Einführung eines Einladungssystems für das HKS sollen folgende Daten zur Einladung der Bevölkerung erfasst werden:

Einladende Stelle (zentrale Stelle oder Krankenkasse):

  • Eindeutige Personenidentifikation der zu untersuchenden Person (Screening-ID oder Pseudonym der Krebsregister),
  • Einladungsdatum,
  • Alter und Geschlecht der eingeladenen Person,
  • Ablehnung / Ausschluss (aktive Ablehnung des HKS oder HKS nicht zutreffend, z. B. bei prävalentem Hautkrebs).

Für ein Monitoring der Qualität bevölkerungsbezogener Früherkennungsprogramme sind vorab definierte Qualitätsdimensionen und –indikatoren unverzichtbar. Die Bewertung der Qualität einzelner Bestandteile eines Screeningprogramms wird erleichtert durch den Rückgriff auf normativ festgelegte oder empirisch bestimmte Referenzwerte bzw. Referenzbereiche [713].

Die in dieser Leitlinienempfehlung aufgeführten Daten stellen einen Minimaldatensatz zur Beschreibung der Hautkrebs-Screeninguntersuchung und der eventuell vorgenommenen Abklärung von Verdachtsfällen einschließlich den primär ambulant vorgenommenen Exzisionen dar. Der Datensatz deckt sich weitgehend mit dem vom Gemeinsamen Bundesausschuss vorgegeben Dokumentationsumfang [697]. Zusätzlich – aber von entscheidender Bedeutung – wird hier die Aufnahme einer eindeutigen Personenidentifikation der Screeningteilnehmer vorgesehen. Ohne eine solche eindeutige Personenidentifikation lässt sich weder der Screeningprozess (Erstuntersuchung, ggf. Zweituntersuchung, ggf. Nachverfolgung durch Krebsregister) noch die bisherige Screeninghistorie für die Teilnehmer (Ermittlung der Teilnahmerate, Übergang Hausarzt/Dermatologe, Zeitintervall zwischen Erst- und Zweituntersuchung), noch die Einhaltung von Screeningintervallen beschreiben und auch keine Verknüpfung zu den Krebsregisterdaten beispielsweise zur Ermittlung der teilnehmerspezifischen Hautkrebsmortalität und der Identifikation von Intervallkarzinomen herstellen.

Die administrative Verfügbarkeit von Basisdaten für die Anspruchsberechtigten (Alter, Geschlecht, etc.) ist für die Durchführung des bevölkerungsbezogenen Einladungswesens unabdingbar. Nichtteilnehmer könnten in definierten Abständen an ihre Untersuchung nochmals erinnert werden und nicht einzuladende Personen (Patienten mit Hautkrebs in der Nachsorge, Verweigerer) könnten von weiteren Einladungen gezielt ausgeschlossen werden.

Die Daten des Einladungswesens sind auch wesentlich, um Indikatoren der Inanspruchnahme abzuleiten.
Mit der Dokumentation des oben empfohlenen Datenumfangs würde das HKS in wesentlichen Teilen mit dem Mammographie-Screening hinsichtlich Prozess- und Ergebnisevaluation gleichziehen.

8.2.3.2.3 Datenübermittlung
8.26 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Die erhobenen Daten zum Hautkrebs-Screening sollen von den Hausärzten und Dermatologen an eine evaluierende Stelle übermittelt werden. Hier sollen die Daten, ggf. mit den Einladungsdaten, zusammengeführt und für das Qualitätsmanagement des Hautkrebs-Screenings ausgewertet werden.

Zum Zweck der Ermittlung von Intervallkarzinomen und zur Mortalitätsevaluation soll ein Abgleich mit den Landeskrebsregistern erfolgen. Die abgeglichenen Daten sollen zum Zwecke der wissenschaftlichen Evaluation bereitgestellt werden.

Bei Feststellung eines malignen Befundes soll von den untersuchenden Ärzten (inklusive Pathologen) eine Meldung an das zuständige Krebsregister abgegeben werden.

Diese Empfehlung orientiert sich inhaltlich am Mammographie-Screening. Zur Ermittlung von Indikatoren sind die Daten von Hausarzt, Dermatologe und einladender Stelle in einer evaluierenden, qualitätssichernden Stelle zusammenzuführen. Die Zusammenführung von Daten einer Person ist zur Ermittlung wesentlicher Qualitätsindikatoren zwingend erforderlich.

Um zu ermitteln, wie viele der Teilnehmer mit einer vom Hausarzt gestellten Verdachtsdiagnose anschließend von einem Dermatologen untersucht werden, sind die Daten der entsprechenden Person aus beiden Datenquellen zusammenzuführen. Für weitere Indikatoren (z. B. Teilnahmerate [Anzahl der Teilnehmer / Anzahl der eingeladenen, Screening-eligiblen Personen]) ist eine Verknüpfung mit den Einladungsdaten erforderlich.

Zur Identifikation von Intervallkarzinomen und zur wissenschaftlichen Ergebnisevaluation des HKS sind die erhobenen Daten mit den Daten des zuständigen Krebsregisters in regelmäßigen Intervallen abzugleichen und zu verknüpfen. Die Verfahren hierzu sind für das Mammographie-Screening bereits beschrieben.

Zur Unterstützung einer begleitenden Versorgungsforschung sollten interessierten Einrichtungen auf Antrag definierte anonymisierte Daten aus dem HKS zur Verfügung gestellt werden. Dies würde den in der KFE-Richtlinie genannten Sonderstudien zum HKS Rechnung tragen [697].

Durch die Meldung der im Screening entdeckten Hautkrebsfälle an die zuständigen Krebsregister wird die bevölkerungsbezogene Bewertung des HKS ermöglicht.

8.2.3.2.4 Methoden zur Datenübermittlung

Die KFE-Richtlinie gibt für das HKS bereits vor, alle Daten in elektronischer Form zu erfassen und zu übermitteln (Gemeinsamer Bundesausschuss, 2009). Die Voraussetzungen für die Erfassungsformate und die Übermittlungswege werden seitens der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in besonderen Anforderungen für die Praxisverwaltungssysteme verbindlich vorgeschrieben [714]. Auch die Ergänzung des Datensatzes im Sinne der hier geforderten zusätzlich erforderlichen Datenfelder bzw. Prozeduren zur Generierung von eindeutigen Personenidentifikationen (kompatibel zu Krebsregistern [715] sollte in diesen Anforderungen für die elektronische Dokumentation künftig aufgenommen werden.

8.2.3.2.5 Aspekte des Datenschutzes

Die Dokumentation der Untersuchungsbefunde für die Teilnehmer am HKS soll unter Berücksichtigung geeigneter Methoden und Datenschutzkonzepte pseudonymisiert erfolgen. Auf die zusätzliche Einholung einer Einwilligungserklärung soll verzichtet werden. Für Nichtteilnehmer soll eine zeitlich beschränkte pseudonymisierte Datenhaltung der Einladungsdaten zum Zwecke der Ergebnisevaluation (insbesondere hautkrebsbedingte Mortalität) empfohlen werden. Alle Datenerfassungs-, Datenerhaltungs- und Übermittlungsprozesse sollen mit den Datenschutzbehörden eng abgestimmt werden [716].

In Analogie zum Mammographie-Screening sind die qualitätssichernden Dokumentationen für alle Teilnehmer am HKS durchzuführen. Wie im Mammographie-Screening sollte auf eine Einwilligungserklärung verzichtet werden, ansonsten droht die Gefahr von Datenlücken (s. a. Begründung zur KFE-Richtlinie [647]). Besonders problematisch ist, dass bei einer Einwilligungslösung nichteinwilligende Teilnehmer nicht mehr von der Gruppe der Nichtteilnehmer getrennt werden könnten. Damit wäre der Vergleich von Teilnehmern und Nichtteilnehmern nicht aussagekräftig.

Zur Mortalitätsevaluation ist ein Vergleich der Sterblichkeit am Hautkrebs zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern zu realisieren. Dies ist nur bei Nutzung der Daten der Nichtteilnehmer für den Abgleich mit dem Krebsregister möglich.

Um dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung Rechnung zu tragen, sollten die Personendaten der Teilnehmer bereits bei der primären Erfassung pseudonymisiert werden. Bei der Verwendung von Krebsregister-kompatiblen Pseudonymisierungs- und Sicherheitsprozeduren [715] ist eine Reidentifizierung von Personen nahezu ausgeschlossen. Die Machbarkeit einer pseudonymisierten Datenhaltung und der Abgleich dieser mit weiteren Datenquellen wurde bereits vom Krebsregister Nordrhein-Westfahlen, auch mit großen Datenmengen, erfolgreich gezeigt [717].

8.2.3.3 Befunddokumentation

Die oben beschriebene Datenerfassung über die Praxissoftware im Rahmen der Abrechnung zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung ist keine Befunddokumentation. Es wird nur der Verdacht auf einen Hautkrebs dokumentiert. Der genaue Befund und Lokalisation von Hautveränderungen, die nicht als krebsverdächtig eingestuft werden, muss separat erfolgen. Theoretisch müssten pigmentierte und andere Hautveränderungen dokumentiert werden, damit im Falle eines Fehlervorwurfs, sofern nach einer Hautkrebs-Screening-Untersuchung ohne Verdachtsdiagnose in zeitlich geringem Abstand ein Hautkrebs detektiert wird, belegt werden kann, dass zum Zeitpunkt der Screening-Untersuchung keine Hautveränderung vorlag, bei der der Verdacht auf einen Hautkrebs hätte erkannt werden müssen. Die Nicht-Dokumentation führt regelmäßig zur Beweislastumkehr. Praktisch ist die Dokumentation der Befundung des gesamten Integuments ohne spezielle apparative Methoden kaum möglich. Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer hat zwischen 20-30 melanozytäre Navi, die theoretisch dokumentiert werden müssten. Klagen im Zusammenhang mit übersehenem Hautkrebs nach Screening sind nach Recherchen Stand Juni 2019 bisher nicht bekannt. Es wird dennoch eine freie Befunddokumentation, unabhängig von der alleinigen Dokumentation des Verdachts auf Hautkrebs, in der Praxissoftware empfohlen.

8.2.3.4 Qualitätssicherung des Hautkrebs-Screenings

8.27 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Maßnahmen zur Qualitätssicherung des Hautkrebs-Screenings sollen die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität umfassen. Aufgrund des Fehlens von wissenschaftlich fundierten Maßnahmen zur Qualitätssicherung ist es notwendig, die Qualitätsindikatoren mit evidenzbasierten Methoden abzusichern und ggf. neue Indikatoren zu entwickeln.

Aufgabe der Qualitätssicherung ist es, die Qualität der Gesundheitsleistung Hautkrebs-Screening sicherzustellen. Zu dieser Leistung gehören neben der gezielten Anamnese und der visuellen standardisierten Ganzkörperinspektion auch die Befundmitteilung und die diesbezügliche Beratung sowie eine angemessene Dokumentation [647]. Außerdem ist eine vorhergehende Beratung, eine Beratung zum primärpräventiven Verhalten (UV-Beratung) und die Bestätigungsdiagnostik (Histopathologie) innerhalb der Qualitätssicherung zu berücksichtigen. Zusätzlich sind qualitätssichernde Maßnahmen, die die Qualifikation (Fortbildungsprogramm Hautkrebs-Screening) betreffen erforderlich. Da bisher keine ausreichenden wissenschaftlichen Untersuchungen zur Qualitätssicherung in den genannten Bereichen vorliegen und zurzeit praktisch keine standardisierten, flächendeckenden Maßnahmen der statischen und dynamischen Qualitätssicherung durchgeführt werden, können an dieser Stelle keine evidenzbasierten Empfehlungen gegeben werden.

Deshalb ist es notwendig, evtl. vorhandene qualitätssichernde Einzelmaßnahmen zu erfassen und weiterzuentwickeln, aber auch neue Verfahren sollten entwickelt werden. Diese können anschließend erprobt, evaluiert und ggf. flächendeckend implementiert werden. Prinzipiell wäre sich dabei an den auf Basis dieser Leitlinien erstellten Qualitätsindikatoren zu orientieren. Da jedoch keine Qualitätsindikatoren entwickelt werden konnten wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die für die Qualitätssicherung relevanten Parameter, aus den jeweiligen Empfehlungen generiert werden sollten. Eine Übersicht bzw. Zusammenfassung der Empfehlungsinhalte können der nachfolgenden Liste entnommen werden. Diese enthält Ergänzungen des Fortbildungsprogramms Hautkrebs-Screening und ist mit der Krebsfrüherkennungs-Richtlinie des G-BA, der Qualitätssicherungsvereinbarung Histopathologie Hautkrebs-Screening und dem Ziele-Papier 1 des Nationalen Krebsplans abgeglichen.

Gezielte Anamnese

  • Klärung der Anspruchsberechtigung
  • Ausfüllen des standardisierten Anamnesebogens durch den Teilnehmer
  • Erhebung der Familienanamnese
  • Erhebung der Eigenanamnese (inkl. einer möglichen Immunsuppression)
  • Erhebung der jetzigen Anamnese

Untersuchung

Raumausstattung

  • der Untersuchungsbereich wird vor Einsicht geschützt (Sichtschutz)
  • Verwendung einer Unterlage, auf die sich der Teilnehmer stellen kann
  • Verwendung bzw. Vorhandensein einer guten Beleuchtung
  • Verwendung bzw. Vorhandensein einer Untersuchungsliege

Hilfsmittel

  • Vorhandensein von Spateln / Verwendung von drei Spateln je Untersuchung
  • Vorhandensein von Untersuchungshandschuhen / Verwendung von einem Untersuchungshandschuh je Untersuchung

visuelle standardisierte Ganzkörperinspektion

  • Kopfhaut: mit zwei Spateln durch streifenförmiges Scheiteln der Haare
  • Ohren: hinter die Ohren sowie in den äußeren Gehörgang sehen
  • Augenlider, dazu ggf. Brille absetzen lassen
  • Mit neuem Spatel die Mundschleimhaut und die Lippen untersuchen, hierbei die Zunge anheben und das Zahnfleisch inspizieren
  • Hals
  • Oberkörper
  • Axillen
  • Arme
  • Hände – hier insbesondere die interdigitalen Bereiche
  • Frauen: submammäre Region
  • Perinale Region: zu screenende Person bückt sich, zieht Glutaen auseinander
  • Äußeres Genital der Frau: im Liegen oder Sitzen
  • Genital des Mannes: kann in der Folge der Untersuchung im Stehen inspiziert werden, dabei hebt der Untersuchte die Hoden an und streift die Vorhaut zurück
  • Beine und Füße, auch die Fußsohlen und insbesondere die Zehenzwischenräume

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

  • Rückmeldung des Facharztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten an den zuweisenden Arzt (Allgemeinmediziner, Internist, praktischer Arzt, Arzt ohne Gebietsbezeichnung) bezüglich des Befundes und des weiteren Vorgehens

Befundmitteilung/Beratung

Mitteilung bei keinem klinischen Verdacht:

  • im Anschluss an die Untersuchung, persönlich durch den durchführenden Arzt
  • UV-Beratung
  • ggf. Anleitung und Motivation zur Selbstbeobachtung
  • Wiedervorstellung nach 2 Jahren

Mitteilung bei klinischem Verdacht:

  • im Anschluss an die Untersuchung, persönlich durch den durchführenden Arzt
  • Hausarzt (hausärztlich tätige Fachärzte für Allgemeinmedizin, Internisten, praktische Ärzte und Ärzte ohne Gebietsbezeichnung): Erläuterung des weiteren Procedere (Überweisung zum Dermatologen)
  • Dermatologe: Erläuterung der weiteren Maßnahmen zur Abklärungsdiagnostik, Erläuterung der Modalitäten der Befundmitteilung (u. a. Möglichkeit der Einbeziehung einer vertrauten Person)

Mitteilung bei negativem Hautkrebs-Befund:

  • im Anschluss an die histopathologische Untersuchung, persönlich durch den Arzt
  • UV-Beratung
  • ggf. Anleitung und Motivation zur Selbstbeobachtung
  • Wiedervorstellung

Mitteilung bei positivem Hautkrebs-Befund:

  • im Anschluss an die histopathologische Untersuchung, persönlich durch den Arzt
  • Erläuterung des Befundes mit Diagnose, Grading und Prognose
  • Erläuterung der therapeutischen Optionen ggf. in mehreren Sitzungen
  • Erläuterung der nächsten Schritte

Dokumentationsanforderungen

Allgemeinmediziner, Internisten, praktische Ärzte und Ärzte ohne Gebietsbezeichnung müssen zur vollständigen Dokumentation folgende Parameter liefern:

  • Arztnummer
  • Eindeutige Personenidentifikation der untersuchten Person (Screening-ID oder Pseudonym der Krebsregister)
  • Alter und Geschlecht des Teilnehmers
  • Untersuchungsdatum
  • Verdachtsdiagnose, nach den Hautkrebsarten differenziert:
    • MM
    • BZK
    • PEK
  • Teilnahme im Zusammenhang mit der Gesundheitsuntersuchung

Fachärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten liefern zur vollständigen Dokumentation diese Parameter:

  • Arztnummer
  • Eindeutige Personenidentifikation der untersuchten Person (Screening-ID oder Pseudonym der Krebsregister)
  • Alter und Geschlecht des Teilnehmers
  • Untersuchungsdatum
  • Verdachtsdiagnose, nach den Hautkrebsarten differenziert:
    • MM
      BZK
      PEK
  • Beim Vorliegen einer Überweisung zur Abklärung eines auffälligen Befundes aus dem Hautkrebs-Screening das Datum der Erstuntersuchung und die Angabe der Verdachtsdiagnose:
    • MM
      BZK
      PEK
  • Bei Exzision: Datum, histopathologischer Befund, soweit möglich Tumordicke bzw. -ausdehnung, TNM-Stadium, Grading
  • Meldung an das jeweilige Krebsregister nach den gesetzlichen Vorgaben des jeweiligen Bundeslandes

vorangehende Information/Beratung
Vorlage der folgenden Liste ist die Checkliste des Ziele-Papiers 1 (Nationaler Krebsplan). In der vorliegenden Aufstellung wurden die einzelnen Punkte zusammengefasst, sodass sich folgende Auswahl an Anforderungen an eine schriftliche und ergänzende mündliche Beratung ergeben:

  • Beschreibung der Zielerkrankung
    • Krankheitsbilder
    • Häufigkeit
  • Anspruchsberechtigung der Früherkennungsleistung
  • (Alter, Intervall, berechtigte Leistungserbringer)
  • Untersuchungsablauf
  • Hinweis auf Richtlinien/Leitlinien
  • Diagnosegenauigkeit
    • Sensitivität
    • Spezifität
    • Positiver prädiktiver Wert
    • Negativer prädiktiver Wert
  • Nutzen
  • Nebenwirkungen der Untersuchung
  • Risiken
    • Beschreibung
    • Wahrscheinlichkeit
    • Auswirkung
    • Maßnahmen
  • Vorgehen bei auffälligem Befund
  • Symptome/Vorstufen
  • Ursachen und Risikofaktoren
  • Anleitung und Motivation zur Selbst-/Partneruntersuchung
  • Primärpräventive Verhaltensweisen (UV-Beratung)

UV-Beratung

Bei der UV-Beratung sind folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • Aufklärung über die Gefährdung durch UV-Strahlung
  • Beratung zum Umgang mit natürlicher UV-Strahlung
    • Starke Sonnenstrahlungsexpositionen vermeiden
      • Mittagssonne meiden  
      • Aufenthalt in der Sonne so kurz wie möglich
      • Schatten aufsuchen
      • Sonnenbrände vermeiden
    • Langsame Gewöhnung der Haut an die Sonnenbestrahlung
    • auf UV-Index achten
    • Sonnenschutz
      • Textilien, Kopfbedeckung, Sonnenbrille
      • Sonnenschutzmittel
    • Sonnenschutzmittel benutzen, ohne die Expositionszeit zu verlängern
      • Individuelle Hautempfindlichkeit beachten
      • Über die verschiedenen Hauttypen informieren
  • Beratung über individuelle Schutzmaßnahmen in Abhängigkeit vom Hauttyp des Patienten bzw. dessen Gesundheitszustandes (Immunsuppression)
  • Einschränkungen für die Sonnenbestrahlung (Kosmetika, Medikamente)
  • Besonders Kinder schützen
  • Begrenzung der jährlichen Sonnenbestrahlungen
  • Beratung zum Umgang mit künstlicher UV-Strahlung
    • Solarien nicht nutzen, speziell Personen unter 18 Jahren und Personen mit Hauttyp I (Nichtnutzungsempfehlung: ICNIRP, WHO, EUROSKIN und NiSG)
    • Empfehlung der Strahlenschutz Kommission zum Umgang mit künstlicher UV-Strahlung
    • Verhaltensempfehlung, falls Solarien oder andere Quellen künstlicher UV-Strahlung genutzt werden

Bestätigungsdiagnostik (Histopathologie)

  • Beachtung Vorgaben zur Methodik und Durchführung der Bestätigungsdiagnostik (Exzision/Biopsie)
  • Vollständigkeit der ärztlichen Dokumentation von histopathologischen Untersuchungen insbesondere:
    • Angabe des Tumortyps nach WHO Klassifikation
    • Angabe des histologischen Stagings nach TNM-Klassifikation (UICC)

Inhalte der Qualifikation

  • potenzieller Nutzen und Schaden von Früherkennungsmaßnahmen, Kriterien zur Beurteilung von Früherkennungsmaßnahmen
  • Programm der Krebsfrüherkennungsuntersuchung, Gesundheitsuntersuchung und frühzeitige Sensibilisierung des Patienten
  • Maßnahmen zur Ansprache
  • Beratung
  • Ätiologie des Hautkrebs, Krankheitsbilder, Häufigkeit, Risikofaktoren oder ‑gruppe, Anamnese, visuelle standardisierte Ganzkörperinspektion, Blickdiagnostik
  • Ablauf der Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs
  • Vorstellung und Diskussion von Fallbeispielen
  • Dokumentationsmaßnahmen
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Neben Maßnahmen der Qualitätssicherung sind zur Erfassung der Ergebnisqualität des HKS weitere Parameter, die der Evaluation des HKS dienen, zu beachten:

  • Teilnahmerate (differenziert nach Arztgruppen, Alter und Geschlecht)
  • Anteil der Kombination von HKS und Gesundheitsuntersuchung an allen durchgeführten HKS
  • Anzahl der Verdachtsdiagnosen differenziert nach Arztgruppen
  • Anzahl der bestätigten Diagnosen bei Dermatologen
  • Anzahl der falsch-positiven Befunde
  • Entdeckungsrate (Teilnahmerate/Anzahl der entdeckten Hautkrebse und des histopathologischen Gradings)
  • Überdiagnosen und Überbehandlung

8.2.4 Wissen, Vorstellungen und Einstellungen zum Hautkrebs-Screening

E. Grossmann, I.-M. Hübner

  • Bei erwachsenen, gesetzlich versicherten Personen ist eine hohe allgemeine Relevanzeinschätzung eines kostenlosen gesetzlichen Hautkrebs-Screenings zu (gHKS) erkennen. Jedoch weiß höchstens die Hälfte der Berechtigten über die Möglichkeit der Inanspruchnahme Bescheid.

Die für Deutschland repräsentative Querschnittsstudie von Augustin et al. [718] untersucht die Wahrnehmung des gHKS in der Öffentlichkeit. Das gHKS wurde im Juli 2008 als Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland ab dem 35. Lebensjahr eingeführt und dient der Früherkennung von Hautkrebs. Bei der Studie handelt es sich um eine standardisierte telefonische Befragung von 1.014 gesetzlich versicherten, erwachsenen Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Insgesamt wissen 44% der Befragten von der Möglichkeit des kostenlosen gHKS, wobei eine höhere Kenntnis im Osten Deutschlands, bei Frauen und im höheren Alter zu erkennen ist. 56% der Befragten erachten die Möglichkeit eines kostenlosen HKS als persönlich sehr wichtig, 32% finden diese etwas wichtig. Als wichtigste Treiber der Inanspruchnahme werden die Hoffnung auf frühzeitige Erkennung und gute Behandlungsmöglichkeiten, Arztempfehlung, Informationsinteresse über Hautkrebs und das eigene Risiko genannt. Für mehr als die Hälfte der Teilnehmer gibt es keinen Grund, nicht zum gHKS zu gehen.

Eissing et al. [719] führten eine repräsentative Querschnittsbefragung zum Wissen und der Wahrnehmung des gHKS in der Öffentlichkeit durch. Dazu wurden 1.004 erwachsene Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit in standardisierten Telefoninterviews befragt. Das Screening wird insgesamt positiv bewertet. Personen, die teilgenommen haben, schätzen die Vorteile des gHKS höher als die Nachteile ein. Im Allgemeinen wissen 50% der Befragten von ihrem Anspruch auf das gHKS, wobei der Anteil der Frauen dabei höher als der der Männer ist. Dies stellt eine Stagnation im Vergleich zu den vorherigen Jahren dar.

Eine amerikanische bevölkerungsrepräsentative Querschnittsstudie (Rutten et al., 2009) setzt die erhobenen Daten bezüglich der Vorstellungen zur Früherkennung in Relation zur Evidenz, wobei die Evidenzlage hier als unklar betrachtet wird. Dennoch sind 88% der Befragten der Meinung, dass regelmäßige Checks die Chance erhöhen, Hautkrebs im frühen Stadium zu diagnostizieren. Diese Einschätzung könne daran liegen, dass trotz der vermeintlich unklaren Evidenzlage viele Organisationen das HKS empfehlen.

Sullivan et al. [720], die sich auf die die gleiche bevölkerungsrepräsentative Querschnittsstudie wie Rutten et al. [424] beziehen, verglichen das Wissen über Screeningmöglichkeiten verschiedener Krebsarten. Bei Hautkrebs ist die Möglichkeit des Screenings weniger bekannt als bei Darm- und Lungenkrebs. Bei allen drei Krebsarten besteht jedoch die Annahme, dass ein Screening zu einer erfolgreichen Früherkennung führt (87-90% der Befragten), weshalb der Wert des Screenings geschätzt wird. 

  • In der (Bereitschaft zur) Teilnahme am HKS ist ein deutlicher Geschlechterunterschied zu erkennen. Männer nehmen die Früherkennungsuntersuchung weniger in Anspruch und zeigen auch eine geringere Bereitschaft zur Teilnahme.

Davis et al. [721] untersuchten die Einstellung zur Hautkrebsfrüherkennung und dessen Inanspruchnahme von erwachsenen US-Amerikanern. Dazu wurden 1.148 Personen in standardisierten Telefoninterviews befragt. Generell wird das HKS von Männern und Frauen als wirksam wahrgenommen, jedoch sind in der (Bereitschaft zur) Teilnahme starke geschlechtsspezifische Unterschiede zu erkennen. Männer zeigen eine geringere Bereitschaft zur Teilnahme am HKS als Frauen. Die Bereitschaft ist höher, wenn spezifische Informationen zum Screening vermittelt werden. Der Geschlechterunterschied ist auch in der Inanspruchnahme des Screenings zu erkennen: 41% der Männer haben die Früherkennungsuntersuchung noch nie in Anspruch genommen, während es bei den Frauen nur 5% waren.

  • Die Kenntnis des gHKS sowie die Besorgnis über Hautkrebs führen insgesamt zu einer vermehrten Inanspruchnahme.

Eissing et al. [719] führten eine für Deutschland repräsentative Querschnittbefragung zum Wissen und zur Wahrnehmung des gHKS in der Öffentlichkeit durch. Es konnte festgestellt werden, dass die Hälfte der Befragten vom gHKS wissen. 39% haben mindestens einmal am Screening teilgenommen. In West-Deutschland und bei Frauen ist die Inanspruchnahme höher als bei Männern und in Ost-Deutschland. Im Allgemeinen ist die Inanspruchnahme positiv mit der Kenntnis des Screenings und der Besorgnis über Hautkrebs assoziiert.

8.2.4.1 Quellen der Information über das Hautkrebs-Screening

Die zentralen Informationsquellen über das gHKS sind Krankenkassen, Hautärzte und Medien. Hier gibt es starke soziodemographische und sozioökonomische Unterschiede. Eissing et al. [719] führten eine für Deutschland repräsentative Querschnittsbefragung zum Wissen und zur Wahrnehmung des gHKS in der Öffentlichkeit durch. Dabei wurden auch die Informationsquellen über das gHKS abgefragt (Mehrfachnennungen möglich): Die zentralen Informationsquellen stellen Krankenkassen, Hautarzt und Medien (je 1/3 der Befragten), danach der Hautarzt (20%) und Bekannte und Angehörige (17%) dar. In Ost-Deutschland werden eher Krankenkassen zur Information genutzt, während in West-Deutschland eher der Hautarzt und die Familie als Informationsquellen dienen. Frauen erfahren eher durch ihren Hautarzt vom Screening, wohingegen Männer häufiger durch ihren Hausarzt informiert werden. Niedriggebildete und ältere Personen erfahren vergleichsweise häufiger über mediale Quellen vom gHKS, während jüngere Personen häufiger durch ihr privates Umfeld über das gHKS informiert werden.

8.2.4.2 Maßnahmen zur Förderung der informierten Inanspruchnahme des Hautkrebs-Screenings

8.28 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Die Bekanntheit des gesetzlichen Hautkrebs-Screenings sollte in der Bevölkerung durch gezielte Maßnahmen gesteigert werden. Zur Erreichung unterschiedlicher Zielgruppen sollten verschiedene Kommunikationskanäle genutzt werden.

Eissing et al. (2017) führten eine für Deutschland repräsentative Querschnittbefragung zum Wissen und der Wahrnehmung des gHKS in der Öffentlichkeit durch. Es wurde festgestellt, dass lediglich 50% der Befragten vom gHKS wissen und die Informationsquellen sich je nach Personengruppe unterscheiden.

Gemeinde-basierte edukative Interventionen können die Bekanntheit und die Inanspruchnahme des HKS steigern. Janda et al. [722] führten eine Gemeinde-basierte Intervention zugeschnitten auf Männer über 50 Jahren durch, die die Inanspruchnahmen des HKS in Australien steigern sollte. Dazu wurden 559 Männer über 50 Jahren zu drei Messzeitpunkten (vor, nach und zwei Jahre nach Intervention) telefonisch befragt. Die Edukation über Früherkennung erzielte dabei bei der Zielgruppe eine 3,5-mal höhere Teilnahme an der ärztlichen Untersuchung und eine 2-mal höhere Durchführung der Selbstuntersuchung. Auch am Ende der Intervention konnten mehr als 2-mal höhere Quoten festgestellt werden.

8.29 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Die Information über und Motivation zur Inanspruchnahme des Hautkrebs-Screenings sollte geschlechterspezifisch adressiert erfolgen.

Davis et al. [721] untersuchten die Einstellung zur Hautkrebsfrüherkennung und dessen Inanspruchnahme von erwachsenen US-Amerikanern. Die Querschnittsstudie stellte einen deutlichen Geschlechterunterschied in der (Bereitschaft zur) Inanspruchnahme am HKS dar. Männer zeigten eine geringere Teilnahme als Frauen. Die Bereitschaft zur Teilnahme war bei den Männern jedoch höher, wenn spezifische Informationen zum Screening vermittelt wurden. Auch in Deutschland zeigen sich bei der Inanspruchnahme des HKS Geschlechtsunterschiede: Laut der GEDA-Studie 2010 kennen mehr anspruchsberechtige Frauen als Männer das HKS und es wird auch von etwa mehr Frauen als Männern in Anspruch genommen [723]

8.3 Kommunikative Strategien und Kommunikationswege der sekundären Prävention

8.3.1 Präambel

Eine Arbeitsgruppe des Nationalen Krebsplans (NKP) beschäftigte sich mit der Inanspruchnahme der Krebsfrüherkennungsmaßnahmen (Ziel 1 aus Handlungsfeld 1). Im Rahmen dieser Entwicklung wurde ein Richtungswechsel vollzogen, der die informierte Entscheidung für oder gegen eine Krebsfrüherkennungsmaßnahme über eine möglichst hohe Teilnahmequote stellt [724]. Im Folgenden war es notwendig, sich mit dem Konzept der „Informierten Entscheidung“ auseinanderzusetzten. In diesem Zusammenhang haben sich die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe in Anlehnung an Rimer et al. [725] auf folgende Definition verständigt [726]:

Eine „Informierte Entscheidung“ liegt dann vor, wenn ein Individuum:

  • die angesprochene Krankheit versteht und erfasst, was die ärztliche Leistung umfasst, einschließlich der Nutzen, Risiken, Einschränkungen, Alternativen und Unsicherheiten,
  • seine Präferenzen bedacht hat und
  • die Entscheidung im Einklang mit diesen fällt,
  • der Meinung ist, im gewünschten Maß an der Entscheidung beteiligt gewesen zu sein und
  • die Entscheidung freiwillig und mit dem höchsten Maß an persönlicher Autonomie getroffen hat.

Eine partizipative Entscheidungsfindung liegt bei einer gemeinsamen Entscheidung von Gesundheitsversorger/Health Professional und Patient vor und impliziert die konstruktive Unterstützung des Ablaufs auf allen Ebenen durch den Health Professional. Insgesamt wird von einem dreistufigen Prozess ausgegangen: 

1) Gespräch über Entscheidungsnotwendigkeit und Gemeinschaftlichkeit (Choice/Team Talk):

  • Mitteilen, dass Entscheidung ansteht
  • Gleichberechtigung der Partner formulieren

2) Gespräch über Möglichkeiten (Option Talk):

  • Vor- und Nachteile der Option erörtern
  • evtl. Einsatz Entscheidungshilfe (Decision Aid)

3) Gespräch zur Entscheidung (Decision Talk): 

  • Präferenzen des Nutzers ermitteln
  • Entscheidung aushandeln
  • gemeinsame Entscheidung herbeiführen
  • Vereinbarungen zur Umsetzung der Entscheidung treffen

Im Rahmen von Screeningsmaßnahmen ist vor allem die informierte Entscheidung für oder gegen die Teilnahme am Screening relevant. Falls das Screeningsergebnis als auffällig eingestuft wird und weitere diagnostische Schritte notwendig werden, setzt zusätzlich der Prozess der partizipativen Entscheidungsfindung ein.

8.30 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Die Informierung über die Hautkrebsfrüherkennung soll sich an den Empfehlungen des Nationalen Krebsplans zur „Informierten und partizipativen Entscheidung“ orientieren, um den Ratsuchenden zu befähigen, sich für oder gegen die Teilnahme an der Untersuchung zu entscheiden.

8.3.2 Die „Informierte und partizipative Entscheidung“ hinsichtlich der Teilnahme an einer Früherkennungsuntersuchung

Gemeinsam mit Vertretern der Deutschen Krebsgesellschaft e. V., der Deutschen Krebshilfe e. V. und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren e. V. hat die Bundesregierung 2008 den Nationalen Krebsplan ins Leben gerufen, um die Aktivitäten aller an der Krebsbekämpfung Beteiligten wirksamer aufeinander abzustimmen und die Versorgungssituation für Krebspatienten in Deutschland zu optimieren. Ziele des NKP sind vor allem die Weiterentwicklung der Krebsfrüherkennung und der Versorgungsstrukturen sowie mehr Qualitätssicherung in der Onkologie, die Sicherstellung effizienter Arzneimittel zur Behandlung und die Patientenorientierung. Hierzu gehört auch die Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten von Ärzten sowie der Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote [726].

In diesem Zusammenhang beschäftigt sich das Ziel 1 (Verbesserung der Information und Teilnahme an der Krebsfrüherkennung) aus Handlungsfeld 1 (Weiterentwicklung der Krebsfrüherkennung) mit der Entwicklung von Kriterien, die hinsichtlich der formalen und inhaltlichen Gestaltung von Informationsangeboten notwendig sind, um den Bürgern eine „Informierte Entscheidung“ zu ermöglichen. Da sich Krebsfrüherkennungsuntersuchungen an beschwerdefreie Personen richten und neben Nutzen auch Risiken mit sich bringen, ist eine „Informierte und partizipative Entscheidung“ für oder gegen die Teilnahme besonders wichtig. Den Bürgern müssen daher objektive, verständliche und umfassende Informationen über potenzielle Vor- und Nachteile zur Verfügung stehen. Um diesem Umstand gerecht zu werden, wurde die folgend dargestellte Checkliste für Empfohlene Inhalte einer Information über Früherkennungsmaßnahmen von den Mitgliedern des Ziele-Papiers 1 formuliert. Sie stellt eine konsentierte Grundlage für die Erstellung von Gesundheitsinformationen dar, die im Weiteren innerhalb von Forschungsprojekten geprüft werden soll [724].

Checkliste: Empfohlene Inhalte einer Information über Früherkennungsmaßnahmen (modifiziert) [724]

  1. Einleitung,
  2. Zielgruppen,
  3. Ziele der Information,
  4. Erklärung der Krankheit, für die die Maßnahme eingesetzt wird,
    1. Beschreibung der Erkrankung und ihres Verlaufs (ohne Früherkennungsmaßnahmen),
    2. gesundheitliche Bedeutung/Beeinträchtigungen,
    3. Epidemiologie (Erkrankungshäufigkeit, Sterblichkeit; es kann hilfreich sein, diese Risiken im Vergleich zu anderen Krankheiten zu präsentieren; Darstellung der Risiken in natürlichen Zahlen und möglichst auch grafisch),
    4. Therapieoptionen,
    5. Prävention,
  5. Beschreibung der Früherkennungsmaßnahme,
    1. Ziel der Maßnahme (Senkung der Inzidenz/Morbidität/Mortalität),
    2. Erklärung der Methode/Beschreibung des Ablaufs der Untersuchung,
    3. Beschreibung weiterer Abklärungsuntersuchungen nach Befund,
    4. Treffsicherheit der Methode (Häufigkeit falsch-positiver und falsch-negativer Befunde; positiver Vorhersagewert eines Befundes),
    5. Beschreibung des Nutzens und Quantifizierung (vergleichend mit und ohne Früherkennungsmaßnahme),
    6. Evidenzlevel (bzw. mit welcher Sicherheit der wissenschaftliche Nachweis erbracht ist, dass die Maßnahme Ziele wirklich erreicht),
    7. Beschreibung von Risiken und Nachteilen,
    8. direkte Risiken, die mit der Untersuchung verbunden sind (z. B. Strahlung, Komplikationen),
    9. indirekte Risiken, die sich durch einen Befund ergeben,
      1.  … durch falsch-positive Befunde,
      2.  … durch falsch-negative Befunde,
      3.  … durch Vorverlegung der Diagnose,
      4.  … durch Überdiagnosen/Übertherapie,
  6. Zugang zur Früherkennung,
  7. Angaben zu anfallenden Kosten bzw. zur Kostenübernahme,
  8. Angaben zur Qualität der Früherkennungsmaßnahme,
  9. Beschreibung der Maßnahmen der Qualitätssicherung (z. B. Zertifizierung der Leistungserbringer, Fortbildungsprogramm, Doppelbegutachtung) und Überprüfbarkeit (Qualitätsindikatoren, die der Teilnehmer überprüfen kann, wie z. B. Beratung über mögliche Befunde, Entkleidungsnotwendigkeit bei HKS),
  10. Weiterführende Informationen,
    1. Hinweis auf ergänzende Informationen, die aus Platzgründen fehlen,
    2. Hinweis darauf, dass andere Personen, die diese Informationen kannten, zu unterschiedlichen Entscheidungen gekommen sind,
    3. Hinweis darauf, dass es keinen inhaltlichen oder terminlichen Druck gibt,
    4. Hinweis auf Patientenleitlinien oder spezifische weiterführende Information,
    5. Entscheidungshilfen (Sofern validierte Hilfestellungen für die individuelle Entscheidung zur Verfügung stehen),
    6. Hinweis auf Datenschutz bzw. Datennutzung oder Einverständniserklärung zur Datenweitergabe,
    7. Selbstuntersuchung,
    8. Hinweis auf Symptomfreiheit (d. h. Symptome sollen und werden unabhängig von der Anspruchsberechtigung auf die Früherkennungsuntersuchung abgeklärt),
    9. Eigenverantwortung (Jede Person ist selber dafür verantwortlich, auf sich zu achten und Entscheidungen für oder gegen präventive Maßnahmen zu ergreifen. Das Wissen um das eigene Risiko über Wirksamkeit, Nutzen, Risiken und Grenzen von Methoden und Folgen – auch bei Nichtinanspruchnahme – sind Grundlage, Eigenverantwortung zu übernehmen),
    10. Risikogruppen,
    11. Impressum/Quellenangabe/Stand der Information,
    12. Finanzierung des Informationsmediums, der Informationsquelle, etc.,
    13. Angabe zu Interessenkonflikten,
    14. Ablaufdatum der Information.

Forschungsbedarf

Die vorliegenden Studien zu den Determinanten einer sekundären Hautkrebsprävention geben kaum Auskunft über die Wirkung der Kommunikationsmaßnahmen auf eine Informierte und partizipative Entscheidung. Im Vordergrund der Analysen stehen die Teilnahme am Screening und das Wissen über die Risiken der Sonne bzw. des Hautkrebses, die Früherkennung von Melanomen nicht aber das Wissen über die Risiken und Chancen der Inanspruchnahme des HKS.

Forschungsbedarf besteht daher weiterhin bezüglich der Identifikation und Beschreibung von Prädiktoren, Moderatoren und Mediatoren, die auf die „Informierte Entscheidung“ in Bezug auf die sekundäre Prävention von Hautkrebs wirken, auch wenn Studien bereits Hinweise hierfür liefern. In diesem Zusammenhang sind die Bereiche Information, Kontext und Medium zu beachten. Weiter ist, wie beschrieben, die Checkliste (empirisch) zu prüfen und weiterzuentwickeln, bspw. durch Kriterienkataloge oder andere Messinstrumente.

Für allgemeinere Hinweise zur Darstellung von Risiken und Chancen einer Früherkennungsuntersuchung verweisen wir auf die Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformationen [727]. Zwar beinhaltet die Leitlinie evidenzbasierter Gesundheitsinformationen nur eine Studie über die Darstellung von Risiken in Informationen zum Mammographiescreening [728]. Ein Cochrane Review stellt die Effekte der verschiedenen Formate der Risikodarstellungen (wie natürliche Häufigkeiten, Prozentangaben, absolute Risikoreduktion, relative Risikoreduktion, Number Needed to Treat / Screen / Harm) zu verschiedenen Gesundheitsthemen zusammen [729]; [728]. Diese Befunde lassen sich aber möglicherweise auf das HKS übertragen bzw. zeigen weiteren Forschungsbedarf zu diesem Thema auf.

8.3.3 Zielgruppenansprache

8.31 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Strategien und Maßnahmen, deren Ziel es ist, die Bevölkerung zu einer „Informierten und partizipativen Entscheidung“ für oder gegen die Teilnahme am Hautkrebs-Screening zu befähigen, sollen auf die verschiedenen Zielgruppen zugeschnitten sein. Dabei sind verschiedene Merkmale der Zielgruppen (wie deren Risikowahrnehmung und Selbstwirksamkeit) zu berücksichtigen.

Die Tatsache, dass eine Entscheidungsfindung für oder gegen eine Teilnahme am HKS für den Bürger optional und nicht zwingend ist, macht es notwendig, den Zielpersonen entscheidungsrelevante Informationen und Informationsquellen zu offerieren. Entsprechend sind kommunikationsstrategische Überlegungen zur Erreichbarkeit der unterschiedlichen Zielgruppen erforderlich unter Berücksichtigung der Merkmale, welche die Erreichbarkeit der jeweiligen Zielgruppe beeinflussen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls zur Kenntnis zu nehmen, dass häufig gerade jene Individuen erreicht werden sollen, die sich bei eher hohem Risikostatus durch eine geringe Risikowahrnehmung und ein geringes Selbstwirksamkeitsempfinden auszeichnen. Gerade diese Gruppen sind sich häufig nur bedingt über ihren Informations-, Kommunikations- und Entscheidungsbedarf bewusst, haben wenig Interesse an der Thematik und/oder möchten ihr Gesundheitsverhalten nicht ändern und gelten daher als schwer erreichbare Zielgruppen [730]. Andererseits gibt es auch solche Individuen, die ein hohes Engagement und ein ausgeprägtes Interesse am Thema aufweisen und deren – im Vergleich zu den Hochrisikogruppen anders gelagerten – Informations- und Kommunikationsbedürfnisse ebenfalls berücksichtigt werden müssen. Aufgrund dessen ist eine differenzierte und zielgruppenorientierte Ansprache und Information von besonderer Bedeutung.

8.32 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Die Kommunikationsstrategie für sekundärpräventive Maßnahmen soll sich an den Informations- und Kommunikationsbedürfnissen und -routinen sowie an den Lebenswelten der jeweiligen Zielgruppe orientieren.

Dazu gehört auch die Identifikation relevanter Multiplikatoren (z. B. Familienmitglieder, Lebenspartner, Ärzte, Apotheker, Lehrer, Arbeitgeber, Peers), die zur Erreichung der eigentlichen Zielgruppe(n) essenziell sein können.

Im ersten Schritt ist es dazu erforderlich (bspw. im Rahmen der formativen Evaluation, siehe Kapitel 5.4.6), die unterschiedlichen Zielgruppen zu identifizieren (Segmentierung), um diese anschließend beschreiben und jeweils in einem zweiten Schritt geeignete Strategien und Maßnahmen auswählen, entwickeln und zusammenstellen zu können (Targeting). Die Funktion der Segmentierung ist es, aus der heterogenen Gesamtgruppe homogenere Untergruppen abzugrenzen, um diese wirkungsvoller und zielgenauer ansprechen und bedienen zu können [731]; [732]. Dies ist insbesondere durch digitale Formen der Kommunikation möglich bei denen die Inhalte spezifisch auf die Nutzergruppen abgestimmt werden können.

Dabei ist es günstig, wenn sich die Segmentierung an gesundheitspsychologischen und verhaltenswissenschaftlichen Konstrukten orientiert, wie Lebensstil, gesundheitsrelevante Einstellungen und Motive, Risikowahrnehmung und -verhalten sowie Selbstwirksamkeitserleben. Diese Faktoren sind ihrerseits mit Informations- und Kommunikationsbedürfnissen, –präferenzen und –barrieren, mit der Art und Intensität der gesundheitsbezogenen Informationssuche und Mediennutzung sowie der Themenwahrnehmung und -verarbeitung verbunden. Mit Blick auf die Gesundheitskommunikation bedeutet dies, dass die Informations- und Kommunikationsziele, die Kommunikationswege und Botschaftsstrategien auf dieser Grundlage zielgruppenspezifisch entwickelt werden sollen [733]; [504]; [730]. Zudem ist es notwendig, die Gesundheitskompetenz (Health Literacy) und Medienkompetenz (Media Literacy), den Risikostatus der Personen (z.B. Hauttyp oder typische Sonnenaufenthaltsdauer) sowie lebensnahe Settings (z.B. Arbeitsplatz im Freien) der einzelnen Zielgruppen zu erfassen, um die Verortung und Abgrenzung der einzelnen Segmente vornehmen zu können und die Inhalte der Kommunikationsmaßnahmen anpassen zu können. Da solche umfassenden Informationen nur durch entsprechende Risikoscreenings oder bei der Nutzung entsprechender digitaler Anwendungen zur Verfügung stehen, wird die Segmentierung in vielen Fällen auf der Basis von leichter verfügbaren Determinanten der genannten Merkmale vorgenommen.

Hier spielen vor allem soziodemographische, sozioökonomische, soziologische und psychografische Kriterien sowie der Gesundheitszustand, das Gesundheitsbewusstsein und das Risikoprofil eine wichtige Rolle. Häufig ist auch die Kombination mehrerer Kriterien (hybride Segmentierung) möglich und notwendig. Außerdem soll die Segmentierung prozessorientiert sein, d. h. da eine Entscheidung häufig Bestandteil eines Verhaltensänderungsprozesses ist, der aus mehreren Stufen besteht (vgl. Transtheoretisches Modell), soll die Zielgruppendifferenzierung auch berücksichtigen, dass die Zielpersonen auf verschiedenen Stufen der Gesundheitsverhaltensänderung zu verorten sind und damit unterschiedliche Informationsbedarfe aufweisen. Zudem soll sich die Zielgruppensegmentierung immer wieder auf Veränderungen der Zielgruppenmerkmale einstellen (dynamische Segmentierung) [732].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht allerdings weiterhin bei der Überprüfung, wie sich die Wirksamkeit zielgruppensegmentierter Maßnahmen von solchen unterscheidet, die die gesamte Bevölkerung adressieren. Dies gilt insbesondere für Möglichkeiten digitaler Kommunikationsmaßnahmen und Anleitungen zur Selbstuntersuchung, z.B. innerhalb von Apps. Zudem ist empirisch zu belegen, welche im Rahmen einer Segmentierungs- oder Personalisierungsstrategie angewendeten Kriterien eine höhere Effizienz und Effektivität haben als andere. Zudem sind Strategien und Maßnahmen der Dissemination von Botschaften und Informationen im Zielgruppenvergleich hinsichtlich ihrer Strategie zu evaluieren. Dabei ist es notwendig Maßnahmen im Vergleich zueinander und ihre Eignung für spezifische Zielgruppen zu prüfen.

8.33 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2020

Die Informierung der erwachsenen Bevölkerung in ihrem direkten Lebensumfeld kann zur Förderung des Bewusstseins für Hautkrebs beitragen.

Evidenzlevel
1++

Die systematische Übersichtsarbeit von Austoker et al. [469] beschäftigt sich mit Interventionen, die das Bewusstsein für Krebserkrankungen und die frühzeitige ärztliche Konsultation im Verdachtsfall fördern. In die Analyse wurden fünf Studien eingeschlossen, welche Interventionen untersuchen, die sich an Individuen richten und (personalisierte) Informationen postalisch oder webbasiert verteilen. Zudem wurden weitere zehn Studien analysiert, die teilweise öffentliche Aufklärungskampagnen, aber auch settingbezogene (d. h. auf das Lebensumfeld, z. B. den Arbeitsplatz bezogene) Interventionen beschreiben. Die meisten Studien fokussierten eine bestimmte Krebsart. Insgesamt vier Studien beschäftigen sich ausschließlich mit dem malignen Melanom. Die Mittel der Interventionen reichten von Informationsbroschüren, Telefonaufklärung über computerbasierte Lernprogramme bis hin zu massenmedialen Aufklärungskampagnen, Aufklärungsseminare, -vorträge und Informationsstände. Als Ergebnis zeigte sich, dass das Krebsbewusstsein, die Aufmerksamkeit gegenüber möglichen Krebssymptomen, die aktive Suche nach Hilfe bei verdächtigen Symptomen oder das Wissen über die Melanom-Risikoreduktion durch die jeweiligen Interventionen gesteigert werden konnte. Von der Studie kann abgeleitet werden, dass auf das Individuum zugeschnittene Interventionen (Tailoring) die höchste Effektivität aufweisen. Die Einbettung oder Anpassung einer Informierungsmaßnahme in bzw. an das soziale Setting/die unmittelbare Lebenswelt ist eine Möglichkeit der Zielgruppensegmentierung [469].

Die vorliegende Fragestellung wird in der Übersichtsarbeit nur indirekt untersucht, also kann das Evidenzlevel nur sehr eingeschränkt auf die Aussage der Empfehlung bezogen werden. Aufgrund dessen wurde im Statement 8.32. die Formulierung „kann“ gewählt.

Forschungsbedarf

Wie die Studienlage zeigt, gibt es bislang kaum Untersuchungen, die settingbezogene Interventionen (z B. am Arbeitsplatz oder in der Arztpraxis) gegen Interventionen evaluieren, die ohne Settingbezug arbeiten. Dabei wäre es wichtig einen Nachweis für die Vorteile einer settingbezogenen Intervention zu erbringen und detaillierte Forschungsergebnisse zu generieren, um Interventionen auf das jeweilige Setting anzupassen zu können. Denn gerade über derartige Interventionen lassen sich auch schwer zugängliche Zielgruppen erreichen.

8.34 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Familienmitglieder oder Multiplikatoren können in Maßnahmen beispielsweise zur Durchführung der Selbstuntersuchung und zur Förderung der informierten Teilnahme an Hautkrebs-Screenings eingebunden werden.

Im Rahmen der Informierung zu Früherkennungsmaßnahmen gibt es Erkenntnisse darüber, dass eine Einbindung von Familienmitgliedern, wie z.B. die Schulung des Partners das Selbstvertrauen in die Selbstuntersuchung verbessern [734] und die Ansprache von Hochrisikopatienten über die von Hautkrebs betroffene Familienmitglieder (z.B. Geschwister) die Bereitschaft zur und die Teilnahme am HKS erhöhen kann [735]; [736]. Robinson et al. [734] zeigen in ihrer Studie, dass die Schulung des Partners kann bei Melanompatienten das Selbstvertrauen in die Selbstuntersuchung verbessern.

Über Hausärzte und Apotheker können Lehrvideos mit Informationen über Risikogruppen oder Internetschulungen angeboten werden. Es besteht jedoch keine ausreichende Evidenz für den Effekt solcher Lehrvideos über spezifische Hautkrebsrisikogruppen oder von Internetschulungen bei Hausärzten [704]; [706] und Apothekern [737].

8.35 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2020

Maßnahmen zur Förderung der Hautselbstuntersuchung und zur Informierung über Hautkrebs-Screening sollten multimedial und interaktiv gestaltet sein, mehrere Kommunikationskanäle integrieren und wiederholend angelegt sein.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1++

bis


3
Literatur
[469] [461] [450] [460] [457] [459] [463] [738]

Das Wissen über Melanome und die Durchführung der Selbstuntersuchung der Haut kann durch die mehrfache sowie multimediale Ansprache von Erwachsenen gesteigert werden. Diese Effekte waren signifikant unterschiedlich zu den Ergebnissen der jeweiligen Kontrollgruppe [450]; [460].

Mehrfache Kommunikation erzielt bei der Förderung von Hautselbstuntersuchungen bessere Effekte als das einmalige Überreichen einer Standardbroschüre [450]. Die wiederholte multimediale Gesundheitsschulung mit Animationen, Fotos und kurzen Informationen in klinischen Einrichtungen führt bei Risikopersonen zu besseren Kenntnissen über Melanome und zur Steigerung der Kontrolle von Muttermalen [459].

Die multimediale Kommunikation (z. B. Videos) scheint rein textbasierter Kommunikation in ihrer Effektivität überlegen zu sein [461]. Hinweise auf die Überlegenheit multimedialer Formen der Darbietung (Video) gegenüber konventionellen Wegen über Broschüren finden sich bei Idriss et al. und Janda et al. [461]; [463]. Gruppenbezogene Interventionen können zu einem besseren Risikobewusstsein führen. Austoker et al. [469] beschreiben einen Anstieg der Arztkonsultationen innerhalb von 3 Monaten nach Erkennen von Melanomsymptomen von 16 % auf 67 % [469].

Schließlich scheinen Frauen und Männer unabhängig vom Bildungslevel gleichermaßen zu motivieren zu sein, Screening-Einrichtungen aufzusuchen [457]. Dies wird auf gut gestaltete Werbematerialien zurückgeführt [738]. Insgesamt ist darauf hinzuweisen, dass die Effekte in einigen Studien nicht eindeutig auf die Attribute mehrfach bzw. multimedial bezogen werden können, da beides zusammen angewendet wurden und daher eine differenzierte Betrachtung nicht möglich ist.

Die positive Wirkung solcher Präventionsprogramme kann auf Grundlage der vorhandenen Studien jedoch nur für komplexe Schulungsprogramme angenommen werden, die verschiedene textliche, visuelle und audiovisuelle Elemente integrieren. In der Studie von Glazebrook et al. [459] wurden die Programme nicht gegen die Wirkung anderer Programmprofile (andere Vermittlungskanäle oder andere Formen oder Kombinationen der Informationsdarbietung und -aufbereitung) getestet, sodass auf dieser Grundlage – trotz des teilweise hohen Levels of Evidence der Studien – keine Aussagen darüber möglich sind, welche Maßnahmen bzw. welche Bestandteile eines Schulungsprogramms genau eine Wirkung entfalten und welche nicht zu einer Verbesserung des Wissens, der Einstellungs- und Verhaltensparameter beitragen. Bei Studien, in denen zwar unterschiedliche Formen und Wege der Informationsdarbietung miteinander verglichen werden, z. B. [461]; [463], könnten wiederum andere Verzerrungsfaktoren gewirkt haben. Zudem liefern auch diese Studien nur Hinweise auf die Wirkung eines komplexen und mehrteiligen Maßnahmenbündels, sodass keine Aussage über den potenziellen präventiven Einfluss einzelner Bestandteile möglich ist.

Vor diesem Hintergrund muss die Evidenz des Einsatzes multimedialer interaktiver Schulungsmaterialien für die Optimierung der für eine „Informierte Entscheidung“ zur Teilnahme an einem Screening erforderlichen kognitiven Voraussetzungen als begrenzt angesehen werden.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht dementsprechend dahingehend, die kurz-, mittel- und langfristige Vermittlungsleistung unterschiedlicher Schulungsprogramme vergleichend zu testen. Dabei sind Rückschlüsse auf Vermittlungspotenziale einzelner Darbietungsformen oder Programmprofile nur möglich, wenn die Darstellungs- und Vermittlungsparameter systematisch variieren, sonstige Parameter (z. B. Zielgruppe, Kommunikationsinhalte) konstant gehalten und Störgrößen kontrolliert bzw. ausgeschaltet werden. Vor allem ist dabei sicherzustellen, dass der Informationsgehalt der eingesetzten unterschiedlichen Vermittlungswege vergleichbar ist. Zudem sollten Vergleichsstudien die Übertragbarkeit von Befunden zur Wirkung unterschiedlicher Schulungsprogramme in Ländern und Regionen mit überdurchschnittlich hohem Gefährdungspotenzial durch Sonneneinstrahlung (z. B. Australien [678]; [463] und zu spezifischen Zielgruppen (z. B. Männer höheren Alters [460]; [463] überprüfen.

Überdies ist im Kontext der inhaltlichen und gestalterischen Planung und Umsetzung von Präventions- und Interventionsprogrammen Forschungsbedarf in der formativen , prozessbegleitenden und summativen Evaluation gegeben (siehe hierzu auch folgendes Kapitel 5.4.6). Für die strategische Planung und Konzeption von Kampagnen gilt es vor allem zu eruieren, auf welchem Kommunikationsweg welche Risikogruppen erreicht werden können und wie diese medial gestaltet sein sollten, um auch in den natürlichen Settings der Zielgruppen aufmerksamkeitslenkend zu wirken. In Kombination mit formalen Gestaltungselementen sollten zudem verschiedene Botschaftsstrategien („Message-Frames“) auf ihre Wirksamkeit für die Aufklärung über das HKS hin geprüft werden.

8.3.4 Darstellung von Informationen

E. Baumann, M. Kiehl, Überarbeitung D. Reifegerste, I. Hübner

8.36 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Bildungs- und Schulungsprogramme zur sekundären Prävention von Hautkrebs sollten bei der Gestaltung der Materialien möglichst einfache, realitätsnahe und anschauliche Formen der Visualisierung verwenden und die Kompetenz einzelner Zielgruppen berücksichtigen.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1-
Literatur
[460] [739] [740]

Eine systematische Literaturreview [740] von 25 englischsprachigen Studien zum Selbstuntersuchung und Melanomerkennung, kam zu dem Schluss, dass visuelle Darstellungen das Wissen, die Einstellungen und die Selbstwirksamkeit in Bezug auf die Selbstuntersuchung der Haut verbessern, die Häufigkeit und Genauigkeit der Untersuchung erhöhen und die Erkennung von Melanomen bei Patienten verbessern. Textbeschreibungen alleine erweisen sich als ineffektiv. Effektive Bilder beinhalten dabei Kennzeichnungen von auffälligen Körperstellen in Form von Diagrammen oder Körperskizzen, klinische Beispielbilder von gutartigen und bösartigen Hautläsionen, Dermoskopiebilder und Fotos der eigenen Haut und Muttermale des Patienten als Vergleichsbasis. Die Autoren schlussfolgern, dass Patienten jederzeit Zugang zu Bildern und einer großen Anzahl von Fallbeispielen haben sollten, um ihr visuelles Gedächtnis und die Mustererkennung der Melanome zu fördern.

Allerdings sollte das Wirkungspotenzial solcher Informationsmaterialien als einzelne Maßnahme nicht überschätzt werden. Auch wenn sich bei entsprechend gut gestalteten Materialien Lerneffekte auf der Wissensebene nachweisen lassen, lässt sich dies nur bedingt auf die Fähigkeit zur Unterscheidung gut- und bösartiger Läsionen in der Realität übertragen [460]). Hier scheint eine mediale Kommunikations-maßnahme alleine – vor allem bei Risikogruppen mit unterdurchschnittlicher Gesundheitskompetenz – keine hinreichende Wirkung zu entfalten, sodass es vermutlich einer Kombination solcher Maßnahmen mit interpersonalen Beratungs- und Unterstützungsangeboten bedarf. Auf die Möglichkeit von nicht intendierten Effekten durch visuelle Darstellungen von Fallbeispielen weist auch King [739] hin. Er konnte zeigen, dass die visuellen Darstellungen die wahrgenommene Informiertheit über die Erkennung von atypischen Melanomen erhöhten, aber die Bereitschaft zur Überprüfung durch einen Arzt unterschiedlich ausfiel.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht dementsprechend darin herauszufinden, welche Informationstiefe und welche Art der Informationsdarstellung für welche Zielgruppe angemessen ist, also leicht verstanden und in handlungsrelevantes Wissen übertragen werden kann, und inwiefern sich jeweils eine Kombination medialer und interpersonaler Schulungsmaßnahmen anbietet. In diesem Zusammenhang sollte – unter Berücksichtigung der ziel- und risikogruppenspezifischen Ressourcen und Barrieren der Informationsverarbeitung – vor allem der Prozess der Aufmerksamkeitslenkung und des Lernens differenziert analysiert werden.

8.37 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Maßnahmen zur Förderung der Hautselbstuntersuchung und zur Informierung über die Chancen und Risiken des Hautkrebs-Screenings sollen die Zielpersonen einzeln ansprechen („individual-level-interventions“) und dabei individualisierte / personalisierte Informationen und Feedbackelemente beinhalten.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1++

bis


1+
Literatur
[469] [735] [450] [459] [736]

Auf persönliche Eigenschaften, Verhaltensmuster, Bedürfnisse und Überzeugungen zugeschnittenen Gesundheitsinformationen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit als persönlich relevant wahrgenommen und haben dadurch einen stärker motivierenden Charakter als solche, die allgemeine Informationen und Hinweise beinhalten. Dieses sogenannte Tailoring sollte z. B. in Form von personalisiertem Feedback zum Risikostatus, darauf abgestimmten Verhaltensempfehlungen und in Form von Erinnerungshilfen erfolgen. Dies ist insbesondere in digitalen Kommunikationsformaten (z.B. Entscheidungshilfen oder Risikoberechner) möglich, die sich interaktiv auf die Personenangaben einstellen können.

Für Präventions- und Interventionsprogramme, die – über den persönlichen Kontakt zu einem Gesundheitsexperten oder auch in Form von Direktmedien – einzelne Individuen adressieren, liegt eine stärkere Evidenz ihrer Wirkung auf die Wahrnehmung eines Krebsrisikos vor, als es bei Interventionen der Fall ist, die auf kollektiver Ebene ansetzen, also nicht einzelne Individuen gezielt ansprechen [469]. Der systematische Studienüberblick liefert überdies Hinweise darauf, dass eine individualisierte Ansprache bzw. auf den individuellen Risikostatus zugeschnittene Informationen („Tailoring“) wirksamer sind als allgemeine Informationen.

Evidenz für die Wirksamkeit des „Tailorings“ liefern auch Glanz et al. (2010). Die Autoren konnten für Erwachsene mit mittlerem bis hohem Hautkrebsrisiko einen positiven Einfluss eines personalisierten Feedbacks im Rahmen eines dreimaligen, postalisch zugestellen Informationspaketes im Zwei-Wochen-Abstand im Vergleich zu einer nicht-personalisierten Intervention in Form von allgemeinem Schulungsmaterial zur Hautkrebsprävention und Selbstuntersuchung sowie einer Broschüre über Sonnenschutzmaßnahmen und Verhaltenstipps nachweisen. Dabei wurde die Personalisierung des Feedbacks anhand des individuellen Risikostatus und der persönlichen Risikofaktoren sowie auf Grundlage des praktizierten Sonnenschutz- und Selbstuntersuchungsverhaltens, der Verhaltensänderungsbereitschaft und der wahrgenommenen Hindernisse einer Verhaltensänderung vorgenommen. Als mediatisierende Variablen wurden die Konstrukte „Risikowahrnehmung“, „Kosten- und Nutzen-Abwägungen der Verhaltensänderung“, „handlungsrelevantes Wissen und Kompetenzen“ sowie „soziale Normen“ einbezogen [450].

In einen systematischen Übersicht zur Personalisierung von Risikoinformationen zur informierten Entscheidung über die Screeningteilnahme [741] sind drei Studien zum Hautkrebs-Screening [735]; [459]; [736] enthalten. In zwei Studien eignet sich die personalisierte Risikokommunikation bei Hochrisikogruppen in Form einer personalisierten Liste von Risikofaktoren [736] und in Form eines numerischen Risikowertes [459] besser als die generalisierte Risikokommunikation, um die Teilnahme am Screening zu erhöhen. Bei einer Studie [735] fand sich dieser Zusammenhang allerdings nicht, sondern nur ein Vorteil der personalisierten Liste von Risikofaktoren auf die Intention zur Teilnahme am Screening. Auf die Effektivität einer personalisierten Risikoinformation deutet auch der erfolgreiche Einsatz eines Tools, bei dem Personen ihr Risiko im Rahmen einer Selbstuntersuchung selbst einschätzen sollten [495]. Allerdings wurde dieses Tool in Kombination mit einer ärztlichen Beratung eingesetzt, so dass keine Aussagen über dessen Wirksamkeit unabhängig davon möglich sind.

Glazebrook et al. (2006) arbeiteten im Rahmen ihrer interaktiven PC-Schulung für Risikopersonen mit einem individualisierten Feedback zum Risikostatus, das als Furchtappell auf die Erhöhung der wahrgenommenen Bedrohung abzielte und im Hinblick auf die Ausübung des Schutzverhaltens gleichzeitig Informationen zur Senkung der Barrieren und zur Verstärkung des wahrgenommenen Nutzens lieferte. Es trug vor allem bei Personen mit höherem Risikostatus zu einem Wissenszuwachs bei [459]. Auch hier wurde jedoch das Programm nicht gegen eine nicht-personalisierte Schulung getestet, sodass die Hinweise auf die Evidenz individualisierter Informationen und Feedbackelemente in dieser Hinsicht begrenzt bleibt.

Über die Notwendigkeit einer individualisierten Ansprache hinaus liefern die Studien eindeutige Hinweise darauf, dass eine theoretische Fundierung der Programmkonzepte wichtig und sinnvoll ist. Die Elemente des Health-Belief-Models liefern für die Personalisierung einen kohärenten und vielen Interventionen [735]; [459] zugrundeliegenden theoretischen Rahmen, aus dem die individuell zu vermittelnden Informationen über das HKS abgeleitet werden können und der Erklärungsansätze für die zielgruppenspezifische Wirksamkeit von Programmen zur Prävention von Hautkrebs sowie Ansatzpunkte für die Gestaltung der Botschaften und Ebenen des individualisierten Feedbacks und der Evaluation liefert [449]. Auch Glanz et al. (2010) bezogen zur Messung der Wirksamkeit des personalisierten Feedbacks die obengenannten Konstrukte als mediatisierende Variablen ein, die aus dem Health-Belief-Model und der sozialkognitiven Theorie abgeleitet wurden [450]. Darüber hinaus werden auch das Transtheoretische Modell und die Theorie des geplanten Verhaltens als theoretische Grundlage verwendet [742]; [735]; [736].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht entsprechend darin, die kurz-, mittel- und langfristige Wirksamkeit von individualisierten Schulungsprogrammen und Feedbackelementen in Interventionsmaßnahmen gegenüber solchen Programmen empirisch zu untermauern, die keine Elemente eines Tailoring und Feedbackmöglichkeiten vorsehen. Dabei sollten die Programme auf etablierte theoretische Ansätze zur Modellierung der Programme und zur Erklärung der Veränderung von Gesundheitsverhalten zurückgreifen. Entsprechend sollte die Konzeption solcher Programme auf einer theoretischen Grundlage erfolgen und systematisch gegen solche Maßnahmen getestet werden, die kein Tailoring beinhalten. Hierbei sollten insbesondere die technischen Möglichkeiten digitaler und mobiler Kommunikationsmaßnahmen stärker in den Blick genommen werden.

8.3.5 Evaluation des Kommunikationsprozesses und -erfolgs

8.38 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Interventionsprojekte und -programme im Rahmen der sekundären Hautkrebsprävention sollten formativ und summativ evaluiert werden.

Die verwendeten Evaluationsparameter sollten aus einem theoretisch begründeten Modell abgeleitet werden.

Um kommunikative Interventionen im Rahmen der sekundären Hautkrebsprävention zielgerichtet zu entwickeln und zu planen, ist eine Datensammlung noch vor der eigentlichen Implementierung der Intervention erforderlich (formative Evaluation). Dabei werden zwei Ziele verfolgt: Sammlung von Informationen zur evidenz- und theoriebasierten Konzeptualisierung und Umsetzung der Intervention (Preproduction Research) sowie eine Vorab-Prüfung der fertig gestellten Interventionsmaßnahme und deren Instrumente und Materialien (Product-Testing). Messungen und Monitoring des gesamten Prozesses sind ebenfalls von Vorteil, um externe und interne Störgrößen im Zeitverlauf berücksichtigen zu können (Prozessevaluation). Zur Prozessevaluation gehört neben der Erhebung von inhaltlichen Aspekten auch die Einbeziehung von Größen, welche die Qualität der Interventionsorganisation (Controlling) beschreiben (bspw. organisatorische Abläufe). Die summative Evaluation ermöglicht es, die festgelegten Interventionsziele einer kommunikativen Intervention zu prüfen und die Effekte, die Effektivität und die Effizienz der Maßnahme zu erfassen. Dabei ist der gesamte Zeitraum während und nach der Intervention zu beachten. Die summative Evaluation stellt Informationen bereit, die notwendig sind, um mögliche Veränderungen, die durch die Intervention hervorgerufen werden, zu identifizieren und ggf. zu quantifizieren. Dazu ist es mindestens notwendig, die relevanten Größen jeweils vor (kann bereits innerhalb der formativen Evaluation (Preproduction Research) erfolgen) und nach der Intervention zu erheben. Für ein Beispiel siehe die Studie von Anders et al. [742] zum Hautkrebs-Screeningprojekt SCREEN. Weiter ist es wichtig, innerhalb der Evaluation nicht nur Größen zu untersuchen, die direkt mit der Kommunikation in Zusammenhang stehen, sondern dazu die betreffenden Gesundheitsindikatoren und deren Veränderung im Zeitverlauf mit einzubeziehen [504]; [505]; [506]; [507]; [743]; [509].

Die innerhalb einer Evaluation verwendeten Evaluationsparameter sollten aus einem theoretisch bewährten Modell abgeleitet werden. Nach dem Transtheoretischen Modell werden unterschiedliche Stufen der Informationsverarbeitung durchlaufen bevor eine Intervention verhaltensrelevant wird. Auch Kontinuumsmodelle, wie das Health Belief Model und die Theory of Planned Behavior, modellieren den durch eine Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme initiierten Prozess der Veränderung des Gesundheitsverhaltens differenziert. Auf welcher Stufe der Verhaltensänderung sich die Zielperson bzw. der Proband jeweils befindet bzw. welche Konstellationen individueller Prädispositionen bei den Mitgliedern einer Zielgruppe vorliegen, beeinflusst auch ihre Empfänglichkeit für unterschiedliche Informations- und Kommunikationsangebote, die Teil einer Intervention sind, sowie deren Bewertung und die hieraus resultierenden Vermittlungspotenziale. Welche Endgrößen auf Einstellungs- und Verhaltensebene gemessen und evaluiert werden, sollte daher aus dem theoretischen Modell abgeleitet sein, auf dessen Grundlage die Maßnahme konzipiert wurde [510]; [511]; [512]; [507].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht bei der Prüfung von Evaluationsstrategien hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit und bei der Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur Qualitätsprüfung von Evaluationsmaßnahmen. Außerdem sollte die Erklärungsleistung und Prognosekraft unterschiedlicher theoretischer Modelle für unterschiedliche Zielstellungen und Maßnahmen zu identifizieren und die Modellparameter auf die sekundäre Prävention von Hautkrebs spezifizieren werden.

8.39 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Evaluationen von Interventionen im Rahmen der sekundären Hautkrebsprävention sollen mit empirisch bewährten, spezifisch auf die jeweiligen Endpunkte ausgerichteten Messverfahren arbeiten.

Die Evaluation sollte zu mehreren Messzeitpunkten erfolgen und kurz- sowie langfristige Effekte messen. Es sollte mit validierten und standardisierten Skalen zur Messung der unterschiedlichen Endpunkte gearbeitet werden. Sofern diese nicht verfügbar sind, sollten Evaluationsbefunde durch den Vergleich der durch unterschiedliche Erhebungs- und Analyseverfahren generierten Befunde empirisch abgesichert werden.

Austoker et al. (2009) kommen in ihrer systematischen Übersichtsarbeit von Präventionsmaßnahmen zur Steigerung der Aufmerksamkeit für Krebserkrankungen, die auch Studien zur Hautkrebsprävention einschließt, zu dem Schluss, dass eine höhere methodische Qualität und Vergleichbarkeit der Studiendesigns erforderlich ist: „Future research evaluating individual-level interventions to promote cancer awareness should attempt to use study designs that generate high-quality evidence, measure outcomes over a longer term (months/years) and attempt to measure behavioural and stage outcomes, as well as knowledge and attitudes. We also highlight the need for standardised and validated measures of cancer awareness […]” (S.38 in [469]).

Hieraus resultieren die in der Empfehlung formulierten Konsequenzen für die zu evaluierenden Parameter und die Art ihrer Messung. Dies betrifft auch die Wahl der Erhebungsinstrumente, die für die Messung von einstellungs- und verhaltensbezogenen Outcome-Variablen genutzt werden.

Um mögliche Wirkungen einer Intervention nicht dadurch zu unterschätzen, dass die gewählte Evaluationsmethode möglicherweise bestimmte Effekte durch die Art der Erhebung nicht erfasst, sollten unterschiedliche Methoden zur Messung der abhängigen Variablen herangezogen werden, die komplementär zueinander sind und in ihrer Kombination ein umfassenderes Bild ermöglichen [450].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht in der Methodenforschung zur Optimierung von Studiendesigns hinsichtlich der Evaluation von Präventions- bzw. Interventionsmaßnahmen und der hierbei verwendeten Messverfahren. Ziel ist es, einen Kriterienkatalog zur Evaluation von Präventions- bzw. Interventionsmaßnahmen zu erarbeiten, um so empirisch besser abgesicherte und vergleichbare Evaluationsbefunde zu generieren, indem z. B. standardisierte und validierte Skalen erarbeitet werden.

8.40 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Zur Evaluation der Wirksamkeit von Interventionen zur sekundären Prävention von Hautkrebs sollten hautkrebspräventionsspezifische Einstellungs- und Verhaltensparameter sowie Indikatoren zur Kontakthäufigkeit/-intensität, zur Bewertung der Kommunikationsmittel und ihrer Vermittlungsqualität und -leistung herangezogen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1++

bis


1+
Literatur
[450] [459]

Voraussetzung für die Entfaltung einer einstellungs- und verhaltensrelevanten präventiven Wirkung der Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme ist, wie häufig und intensiv die einzelnen Kommunikationsangebote und Botschaften wahrgenommen werden, ob sie Aufmerksamkeit generieren, wie sie auf inhaltlicher und gestalterischer Ebene bewertet werden und ob sie verstanden, behalten und subjektiv als nützlich wahrgenommen werden. Um den unmittelbaren Kommunikationserfolg zu messen, der einer längerfristigen Wirkung auf Einstellungs- und Verhaltensebene vorausgeht, sind daher auch Evaluationsparameter erforderlich, die unmittelbar an der Wahrnehmung der Kampagnenbotschaft oder Schulungsmaßnahme ansetzen und die Dispositionen der Probanden differenziert auf der jeweiligen Stufe der Verhaltensänderung messen. Wirkungsvolle Interventionen müssten demzufolge auch auf die der Verhaltensänderung vorgelagerten Outcome-Variablen einen positiven Einfluss entfalten, wenn die Verhaltensänderung auf die Intervention zurückgeführt werden können soll. Auch liefert erst ein rezipientenseitiges Feedback zum eigentlichen Informations- oder Schulungsmaterial konkrete Hinweise darauf, wie Informations- und Schulungsangebote insgesamt bzw. wie einzelne Elemente sowie die inhaltliche und gestalterische Aufbereitung der Informationen in multimedialen Interventionen von verschiedenen Zielgruppen angenommen werden und welche Optimierungspotenziale hieraus resultieren.

Glanz et al. (2010a) haben die Bewertung von personalisiertem und nicht personalisiertem Stimulusmaterial durch die Probanden evaluiert, wenn auch nicht als Mediatorvariable statistisch in das Wirkungsmodell einbezogen. Es kann jedoch nachgewiesen werden, dass alle personalisierten Informationen über alle Items hinweg signifikant besser bewertet werden als die nicht personalisierten. Auch bei Glazebrook et al. (2006) könnten die positiv bewertete Art der Aufbereitung und der Darbietung der Informationen sowie die wahrgenommene Nutzerfreundlichkeit einer eingesetzten interaktiven PC-Schulung in der Risikogruppe einen Beitrag zum Lernerfolg geleistet haben [459].

Ein relevantes Konzept stellt darüber hinaus in diesem Zusammenhang auch die vom Decision-Making-Model von Janis und Mann abgeleitet Entscheidungsbalance dar, die die in der sich die Abwägung von positiven und negativen Konsequenzen einer Handlung bzw. eines Verhaltens der Zielperson ausdrückt. Sie spielt eine wesentliche Rolle im Zusammenhang mit (gesundheitlichen) Verhaltensänderungen nach dem Transtheoretischen Modell. Die empirische Sozialforschung hat zwei wesentliche Möglichkeiten entwickelt, das Konzept der Entscheidungsbalance zu erfassen. Eine Möglichkeit besteht darin, Vor- und Nachteile einer Handlung bspw. eines Verhaltens gegeneinander zu stellen, d. h. die Nachteile von den Vorteilen zu subtrahieren. Eine andere Möglichkeit die Entscheidungsbalance zu operationalisieren besteht darin, die Vorteile eines bestimmten Verhaltens den Vorteilen des gegenteiligen Verhaltens oder der nicht Aufnahme des empfohlenen Verhaltens gegenüber zustellen bzw. zu subtrahieren [744]; [745].

Entsprechend sollte bei der Evaluation von Interventionen der Prävention von Hautkrebs die Entscheidungsbalance als Mediator bzw. Surrogatparameter von sonnenschützendem Verhalten einbezogen werden.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht darin, die Bedeutung der unmittelbar kommunikationsbezogenen Parameter (z. B. Reichweite und Aufmerksamkeitslenkung der Kommunikationsmittel, Verständlichkeit und Bewertung des Informationsangebotes oder Maßnahme) für die Wirkung der Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme auf Einstellungs- und Verhaltensebene systematisch zu evaluieren. Dabei gilt es auch, die unterschiedlichen Varianten der Entscheidungsbalance empirisch zu modellieren und im Hinblick auf ihre mediatisierende Wirkung auf sonnenschützendes Verhalten zu überprüfen, um hieraus Rückschlüsse auf geeignete Formen der Ansprache in Präventionskampagnen zu ziehen.

Studien, in denen mediale Botschaften eingesetzt und mit einstellungs- und verhaltensbezogenen Outcomes in Verbindung gebracht werden, müssten die notwendigen Voraussetzungen für einen Rückschluss der Wirkung auf die Kampagne erfüllen und dürften nur dann als Beleg für Veränderungen auf Einstellungs- und Verhaltensebene interpretiert werden, wenn empirisch abgesichert ist, dass diese Veränderung aus dem Kontakt der Zielgruppen mit dem Kampagneninhalt (Reichweite) und der Verarbeitung dieser Botschaften resultiert. Bisherige Studien liefern dafür noch keine hinreichenden Belege. So zeigen bspw. Del Mar et al. keinen hinreichenden Nachweis dafür, dass die erhöhte Zahl von Exzisionen durch Ärzte während zweier TV-Kampagnen kausal eindeutig auf diese zurückgeführt werden kann, sodass die Annahmen zum Wirkungszusammenhang trotz eines statistischen Zusammenhangs zwischen Kampagnenzeitraum und Anzahl der Exzisionen eher spekulativer Art bleibt [513]. Auch bei Oivanen et al. können die Besuche zur Hautuntersuchung nicht kausal auf den Kontakt mit Kampagnenbotschaften zurückgeführt werden [514].

Bei der Evaluation solcher Maßnahmen sollten daher Detailinformationen zu den disseminierten Botschaften und Werbemitteln sowie eine Messung der Kontaktwahrscheinlichkeit mit der Kampagne und ihrer Reichweite bis hin zur Wahrnehmung und Bewertung derselben in der Zielpopulation gemessen bzw. sichergestellt werden, bevor von einem Beleg für die Wirksamkeit einer Kampagne ausgegangen werden kann.

8.41 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Zur Evaluation der Effektivität einer kommunikativen Intervention hinsichtlich einer informierten Entscheidungsfindung im Rahmen der sekundären Hautkrebsprävention sollen mindestens folgende Parameter bestimmt werden:

  • Relevantes Wissen über Chancen und Risiken der Maßnahme,
  • Einstellung gegenüber der Maßnahme, der Handlung oder dem Verhalten,
  • Teilnahme oder Nicht-Teilnahme.

Anhand der Definition lassen sich drei Dimensionen ableiten, die eine „Informierte Entscheidung“ beinhaltet: Verstehen, Präferenzen und Entscheidung. Mullen et al. beschreiben dazu noch eine vierte: Partizipation. Die einzelnen Dimensionen lassen sich auf unterschiedlichste Weise operationalisieren. Das Verstehen kann bspw. durch die Erfassung des Wissens und der Risikowahrnehmung abgebildet werden. Eigene Präferenzen sind mit Parametern wie wahrgenommener Nutzen bzw. Barrieren, Werte und Einstellungen zu erheben. Aspekte der Partizipation lassen sich mithilfe von Konzepten wie der Selbsteffizienz oder des Shared-Decision-Making abbilden. Die Dimension Entscheidung spiegelt sich schließlich in der Teilnahmeabsicht oder in der Teilnahme selbst wider [746]. Eine Zuordnung einzelner Parameter zu einer bestimmten Dimension ist nicht immer eindeutig, umfassend und/oder exklusiv möglich, d.h. teilweise erfasst ein Parameter auch Aspekte mehrerer Dimensionen bzw. nur Fragmente einer einzelnen Dimension.

Marteau et al. (2001) entwickelten zur Messung einer „Informierten Entscheidung“ ein mehrdimensionales Modell, das Wissen, Einstellung und Verhalten (Teilnahme) umfasst, d. h. Anteile der genannten Dimensionen Verstehen, Präferenzen und Entscheidung werden berücksichtigt. Alle drei Parameter werden im Modell dichotomisiert betrachtet: Wissen (hoch, niedrig), Einstellung (positiv, negativ), Verhalten (Teilnahme, Nicht-Teilnahme). Aus den sich ergebenden Kombinationen der drei Größen wird schließlich abgeleitet, ob eine Entscheidung informiert bzw. uniformiert getroffen wird. Wichtig für eine „Informierte Entscheidung“ ist dabei, dass eine Kongruenz zwischen Einstellung und Verhalten besteht, bei gleichzeitig hohem Wissensstand (Tabelle Algorithmus zur „Informierten Entscheidung“).

Tabelle 28: Algorithmus zur „Informierten Entscheidung“

Wissen

Einstellung

Teilnahme

Entscheidung

hoch

Positiv

Ja

informiert

hoch

Negativ

Nein

informiert

hoch

Negativ

Ja

uninformiert

hoch

Positiv

Nein

uninformiert

niedrig

Positiv

Ja

uninformiert

niedrig

Negativ

Nein

uninformiert

niedrig

Negativ

Ja

uninformiert

niedrig

Positiv

Nein

uninformiert

Quelle: (Marteau, Dormandy, & Michie, 2001)

Gegenteilig sind Inkongruenzen zwischen Einstellung und Verhalten ein Zeichen für eine uniformierte Entscheidung (Tabelle Algorithmus zur „Informierten Entscheidung“). Seine theoretische Grundlage erhält das Model durch die Theory of Planned Behavior [510].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht bezüglich der Entwicklung eines Erhebungsinstruments, das alle vier Dimensionen (Verstehen, Präferenzen, Partizipation, Entscheidung) der „Informierten Entscheidung“ abdeckt und damit eine exaktere Messung dieser ermöglicht. Zudem sind Prädiktoren, Moderatoren und Mediatoren zu identifizieren und zu beschreiben, die auf den Parameter „Informierte Entscheidung“ als Gesamtkonzept wirken. In diesem Zusammenhang sind die Bereiche Information, Kontext und Medium zu beachten. Ebenso sind nicht nur Entscheidungsprozesse im Rahmen der sekundären Prävention (von Hautkrebs), sondern auch der primären Prävention hinsichtlich einer informierten Entscheidungsfindung zu evaluieren. Außerdem gilt es zu prüfen, ob Personen, die sich informiert entschieden haben, tatsächlich bezüglich primär- und sekundärpräventiver Verhaltensweisen und deren Konsequenzen andere kurzfristige und langfristige Outcomes erzielen im Vergleich zu uniformiert Entschiedenen.

8.4 Arzt-Patienten-Kommunikation

8.4.1 Aufbau und Inhalte von Arzt-Patienten-Gesprächen

8.42 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

In Arzt-Patienten-Gesprächen soll eine patientenzentrierte Form der Kommunikation stattfinden.

Die Arzt-Patienten-Kommunikation stellt einen psychosozialen Aspekt der Gesundheitsversorgung dar. Sie ist bedeutsam für die akkurate Vermittlung und das Verständnis gesundheitsbezogener Informationen, die Wahrnehmung und einen adäquaten Umgang mit emotionalem Stress, den Aufbau einer respekt- und vertrauensvollen Beziehung zwischen Arzt und Patient sowie die gemeinsame Entscheidungsfindung und die Beteiligung des Patienten an der Behandlung [747].

Patientenzentrierung bedeutet die Werte, Bedürfnisse, Einstellungen, Perspektiven, Präferenzen und Erfahrungen von Patienten zu berücksichtigen [747] und die Fähigkeiten und das Vorwissen der Patienten in den Arzt-Patienten-Gesprächen und der gewählten Form der Interaktion zu beachten.

Generell geht die patientenzentrierte Kommunikation mit einer Vielzahl positiver Kurz- und Langzeiteffekte für Patienten einher [748]; [749]. Mittels eines Randomized Controlled Trial (N = 80 Frauen, im Alter zwischen 18-30 Jahren) nehmen Bientzle, Fissler, Cress, und Kimmerle [748] einen Vergleich der Effekte eines arzt- mit einem patientenzentrierten Kommunikationsstils von Ärzten vor. Die Ergebnisse zeigen, dass Ärzte mit patientenzentriertem Kommunikationsstil als empathischer, sozial und fachlich kompetenter wahrgenommen werden. Einstellungsänderungen sind wahrscheinlicher und die Einflussnahme auf Entscheidungen fällt stärker aus. Lediglich für die Wissensvermittlung zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Kommunikationsstilen. Erkenntnisse von Fox, Heritage, Stockdale, Asch, Duan, und Reise [750] weisen zudem darauf hin, dass ein patientenzentriertes Verhältnis in Kombination mit einer Empfehlung des Arztes an Screenings teilzunehmen die Bereitschaft zur Teilnahme erhöht. Zudem zeigen Riedl und Schüßler [751] auf der Basis eines systematischen Reviews von 40 Studien, dass ein hoher Grad an Patientenzentrierung mit einer als besser wahrgenommenen emotionalen Gesundheit und dem Einsatz von weniger diagnostischen Tests assoziiert sind.

Als relevante Bestandteile einer patientenzentrierten Kommunikation, die einer Überprüfung unterzogen wurden, zählt die Aktivierung und aktive Einbindung des Patienten [752]; [753]. Speziell die Kommunikationsbereitschaft sollte gefördert werden. Sie beschreibt inwiefern sich der Patient in der Lage sieht und gewillt ist, sich in das Gespräch mit dem Arzt aktiv einzubringen und sein Anliegen vorzubringen [754]. Neben Erfahrungen und Kompetenzen des Patienten, wird die Bereitschaft durch den Kommunikationsstil des Arztes beeinflusst. Ärzte sollten den Patienten vermitteln, dass sie ihre Bedürfnisse ausdrücken, Einstellungen und Meinungen äußern können. Dies ist sowohl ein positiver Prädiktor der Zufriedenheit als auch der Einhaltung von Therapieempfehlungen.

Ebenso gehört dazu, dass der Arzt eine klare und laienverständliche Sprache einsetzt und Fachtermini entweder erklärt oder vermeidet. Laut einer Befragung kardiologischer Patienten (N = 119) von Thomas, Hariharan, Rana, Swain, & Andrew [755] führt eine schwerverständliche Sprache unter Verwendung vieler Fachbegriffe zu einer geringeren Zufriedenheit der Patienten sowie einer schlechteren Erinnerungsleistung an die Informationen und Empfehlungen des Arztes. Zudem ist es bedeutsam, dem Patienten jederzeit die Möglichkeit zu bieten, Verständnisfragen zu stellen und Antworten wie Erklärungen zu den relevanten Informationen zu erhalten [754].

Ein hoher Grad an Patientenzentrierung ist dann gegeben, wenn die Kommunikation kultursensibel gestaltet wird. Dies beschreibt, dass die Kommunikation für unterschiedliche Zielgruppen angepasst werden soll und individuelle Bedürfnisse und Merkmale der Situation wie Person aufgreifen soll (Betsch et al., 2015; Epstein & Street, 2007).

Für den der Grad der Patientenzentrierung wird auch die nonverbale Kommunikation (u.a. Augenkontakt, Gestik, Mimik, Zuhören) berücksichtigt. Vor allem Zuhören stellt eine relevante Verhaltensweise des Arztes dar, die laut einer Meta-Analyse auch die Zufriedenheit des Patienten erhöhen kann (Henry, Fuhrel-Frobis, Rogers, & Eggly, 2011). Ein weiterer Einflussfaktor der Zufriedenheit ist auch eine affekt-orientierte Kommunikation des Arztes, der Empathie zeigt (Schrooten, & de Jong, 2017; Verheul, Sanders, & Bensing, 2010).

8.43 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Das Arzt-Patienten-Gespräch sollte in zwei Phasen unterteilt werden. Die erste Phase sollte der Klärung des Patientenanliegens (Patientenagenda) dienen. Die zweite Phase des Gesprächs stellt die Arztagenda dar und sollte präzise Informationen für die Entscheidungsfindung zu Untersuchungen, Therapien (inkl. der Nutzen und Schaden der verschiedenen Optionen) und dem weiteren Vorgehen enthalten.

Zu einer effektiven Kommunikation zwischen Arzt und Patient trägt eine Gesprächsagenda und -steuerung bei. Laut Jünger [756] sind dafür zwei Phasen zu unterscheiden. Zu Beginn eines Gesprächs gilt es das Patientenanliegen zu klären. Dazu sollten Ärzte ihren Patienten Zeit geben ihr Anliegen vorzubringen, ihre Kommunikationsbereitschaft fördern und zur Aktivierung der Patienten beitragen (z. B. in Form von offenen Fragen), die Ausführungen des Patienten nicht unterbrechen, stattdessen Pausen zulassen und dem Patienten zuhören [756]. Jünger beschreibt dies auch als die patientenzentrierte Phase.

Die zweite Phase (Arztagenda) sollte sich damit befassen, welche Informationen, welche Untersuchungen und Therapien notwendig sind. Damit geht es um präzise Informationen für die Entscheidungsfindung. Im Zuge dessen kann es notwendig erscheinen gezielte Nachfragen zu stellen, um das Problem zu verstehen und Informationen darüber zu sammeln (v.a. in Form von geschlossenen Fragen). Zudem werden die Informationen bewertet und Informationen über Untersuchungen, Therapien gegeben. Die zweite Phase kann somit auch als arztzentrierte Phase beschrieben werden [756].

Abschließend ist anzumerken, dass kommunikative Grundkenntnisse und Techniken zur ärztlichen Gesprächsführung, wie sie bspw. von Schweickhardt und Fritzsche oder Jünger (2018) beschrieben werden, im Kontext des Arzt-Patienten-Gesprächs hilfreich sind um eine erfolgreiche Kommunikation zu gestalten [757]. Jünger beschreibt beispielsweise die „WWSZ“-Technik (warten, wiederholen, spiegeln, zusammenfassen) als zentrale Technik der patientenzentrierten Kommunikation.

8.4.2 Aufbau des Arzt-Patienten-Gesprächs vor dem Screening

8.44 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Vor dem Arzt-Patienten-Gespräch sollen dem Patienten evidenzbasierte Informationen zur Hautkrebsfrüherkennung (Hautkrebs-Screening) ausgehändigt werden, die ohne Angst zu erzeugen in verständlicher Sprache über die Vor- und Nachteile der Früherkennung informieren. Die Inhalte sollen sich an die im Rahmen des Nationalen Krebsplans konsentierte Checkliste Empfohlene Inhalte einer Information über Früherkennungsmaßnahmen halten (Bundesministerium für Gesundheit, 2010). Außerdem soll auf die Möglichkeit hingewiesen werden, dass offene Fragen im anschließenden Arzt-Patienten-Gespräch geklärt werden können.

Während des Arzt-Patienten-Gesprächs, das in einer ruhigen und ungestörten Atmosphäre stattfinden soll, soll die Checkliste ebenfalls als Leitfaden dienen. Schwerpunkte sollten dabei auf folgende Inhalte gelegt werden:

  • Ablauf des Hautkrebs-Screenings,
  • Vor- und Nachteile des Hautkrebs-Screenings,
  • primärpräventive Informationen,
  • persönliches Risikoprofil und die daraus resultierenden Konsequenzen (Risikokommunikation).

Zwischen der Informierung und der Entscheidung sollte ein, den persönlichen Präferenzen des Patienten angemessener, Zeitraum liegen. Assistierende Berufsgruppen und ggf. Angehörige sollten in den Kommunikationsprozess einbezogen werden.

Änderungshinweis5.45. Konsensbasierte Empfehlung Vor dem Arzt-Patienten-Gespräch sollte dem Patienten ein Informationsblatt zur Hautkrebsfrüherkennung (Hautkrebs-Screening) ausgehändigt werden, das ohne Angst zu erzeugen in leichter Sprache über die Vor- und Nachteile der Früherkennung informiert. Die Inhalte sollten sich an die im Rahmen des Nationalen Krebsplans konsentierte Checkliste Empfohlene Inhalte einer Information über Früherkennungsmaßnahmen halten. Außerdem sollte auf die Möglichkeit hingewiesen werden, dass offene Fragen im anschließenden Arzt-Patienten-Gespräch geklärt werden können. Während des Arzt-Patienten-Gesprächs, das in einer ruhigen und ungestörten Atmosphäre stattfinden sollte, sollte die Checkliste ebenfalls als Leitfaden dienen. Schwerpunkte sollten dabei auf folgende Inhalte gelegt werden: Ablauf des Hautkrebs-Screenings, Vor- und Nachteile des Hautkrebs-Screenings, primärpräventive Informationen, persönliches Risikoprofil und die daraus resultierenden Konsequenzen (Risikokommunikation). Zwischen der Informierung und der Entscheidung sollte ein, den persönlichen Präferenzen des Patienten angemessener, Zeitraum liegen. Assistierende Berufsgruppen und ggf. Angehörige sollten in den Kommunikationsprozess einbezogen werden.

Das Arzt-Patienten-Gespräch ist wichtig, um dem potenziellen Teilnehmer Informationen über primäre und sekundäre Maßnahmen der Hautkrebsprävention zu vermitteln. Dadurch können Wissensdefizite und Unsicherheiten seitens des potenziellen Teilnehmers hinsichtlich Verhaltensweisen und Maßnahmen (bspw. Ganzkörperuntersuchung) reduziert werden. Zudem sollte dem potenziellen Teilnehmer die Möglichkeit gegeben werden, die Vor- und Nachteile in Verbindung mit seinen eigenen Präferenzen, Einstellungen und Fähigkeiten abzuwägen und eine „Informierte Entscheidung“ für oder gegen eine Maßnahme/Verhaltensweise zu treffen [758]. Welche Informationsinhalte diesbezüglich notwendig sind, haben die Mitglieder des Ziele-Papiers 1 im Rahmen des Nationalen Krebsplans erarbeitet. Diese sind in einer Checkliste zusammengefasst. Sie dient als Grundlage für die Information von potenziellen Teilnehmern an Früherkennungsuntersuchungen. Es ist geplant, diese Checkliste in einem weiteren Schritt durch einen Kriterienkatalog zu ergänzen. Dieser Kriterienkatalog dient zur Überprüfung und Bewertung von Informierungskonzepten (bspw. Broschüren, Faltblätter, verbale Kommunikationsprozesse) [758].

Innerhalb des Arzt-Patienten-Gesprächs ist zudem eine erfolgreiche Risikokommunikation von Bedeutung, die dem potenziellen Teilnehmer sein individuelles Risiko sowie ggf. sein Risikoverhalten aufzeigt und beurteilen lässt. Die Erfassung der individuellen Risikofaktoren ist durch Eigen- und Familienanamnese sowie das klinisch erfassbare Bild zu bestimmen. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass eine „positive“ Familienanamnese teilweise innerhalb der eigenen Familie und gegenüber Health Professionals ((Fach-)Berufe im Gesundheitswesen) nicht oder nur ungenügend kommuniziert wird. Das kann aus dem Grund geschehen, weil Health Professionals ihrerseits die Bedeutung dieses Risikofaktors nicht eindeutig und verständlich kommunizieren. Diese Ergebnisse legt eine qualitative Studie am Beispiel des malignen Melanoms dar, in der 22 Personen aus sieben Familien befragt wurden. In jeder Familie waren Personen an einem Melanom erkrankt (n=11). Sie wurden zur (Risiko-)Kommunikation innerhalb der Familie und gegenüber Health Professionals interviewt [759]; [760].

Lediglich eine Untersuchung beschäftigt sich mit dem Erinnerungsvermögen von Rezipienten an mögliche Risiken nach einem Aufklärungsgespräch am Beispiel einer dermatologischen Operationsmethode (Mikrographische Chirurgie nach Mohs). Die Untersuchung zeigt, dass sich die allgemeine Erinnerung an Risiken 20 Minuten und eine Woche nach der Aufklärung nicht signifikant voneinander unterscheidet (Arithmetische Mittel an erinnerten Risiken: 2,65 (20 Minuten) vs. 2,44 (eine Woche – Differenz: 0,21). Schlussfolgernd kann angenommen werden, dass innerhalb eines Zeitraums von einer Woche die Wissensgrundlage, die für eine Entscheidung relevant ist, relativ stabil bleibt [761]. Jedoch lassen sich diese Ergebnisse nur bedingt auf die Früherkennung übertragen, da in der Studie die Probanden bereits Patienten sind, d. h., dass bereits eine Erkrankung vorliegt. Das erhöht die Notwendigkeit einer Entscheidungsfindung und priorisiert im Vergleich zu Gesunden die Bedeutung von Informationen anders.
Forschungsbedarf

  • Klärung der Bedeutung des Zeitfaktors im Informations- und Entscheidungsprozess hinsichtlich der Abwägung der vorliegenden Fakten und des Erinnerungsvermögens.
    • Studien, die das Wissen und andere Entscheidungsfaktoren über einen längeren Zeitraum nach einer Informierung mehrfach erfassen.
    • Identifikation und Beschreibung von Prädiktoren, Moderatoren und Mediatoren, die auf die „Informierte Entscheidung“ für oder gegen die Teilnahme am HKS wirken. In diesem Zusammenhang sind die Bereiche Kommunikation, Information, Kontext und Medium zu beachten. U. a. sind die Fragen zu klären, welche Kompetenzen und Inhalte notwendig sind, damit Health Professionals in die Lage versetzt werden, dem potenziellen Teilnehmer eine „Informierte Entscheidung“ zu ermöglichen und wie die beschriebenen Inhalte zu vermitteln sind:
    • Studien zur Identifikation der ärztlichen Kommunikationsstrategien und –wege (inkl. des Vergleichs unterschiedlicher Kommunikationsstile und Vermittlungsarten), mit denen es am besten gelingt, verschiedene Ziel- und Patientengruppen zu einer informierten Entscheidung für oder gegen die Teilnahme am HKS zu befähigen. 
    • Interventionsstudien, die untersuchen, welche unterschiedlichen Auswirkungen eine Informierungsintervention, die nach den Kriterien einer „Informierten Entscheidung“ entwickelt wurde, auf unterschiedliche Ziel-/Patientengruppen hat.
    • Interventionsstudien, die untersuchen, welche Auswirkungen unterschiedliche Informationskanäle und Mediatoren bei der Übermittlung einer Informierungsintervention, die nach den Kriterien einer „Informierten Entscheidung“ entwickelt wurde, haben.
    • Instrumentenentwicklungsstudie, die mögliche Dimensionen einer „Informierten Entscheidung“ erfasst und deren Validität hinsichtlich dieser beschreibt, um vorhandene bzw. neue Instrumente zur Quantifizierung einer „Informierten Entscheidung“ zu überprüfen bzw. zu entwickeln.
    • Interventionsstudien, die Fortbildungen, welche die Kriterien der „Informierten Entscheidung“ bezüglich der Informierung von potenziellen Teilnehmern vermitteln sollen, an Health Professionals kontrolliert untersuchen.
  • (Empirische) Überprüfung der Checkliste bspw. durch die Entwicklung von Kriterienkatalogen innerhalb von Validierungsstudien.
  • Risikokommunikation innerhalb von (Hautkrebs-)Früherkennungsmaßnahmen. 
    • Interventionsstudien, in denen verschiedene Arten der Risikokommunikation und deren Auswirkungen auf den Entscheidungsprozess bzw. auf eine informierte Entscheidungsfindung kontrolliert untersucht werden.

8.4.3 Aufbau des Arzt-Patienten-Gesprächs nach dem Screening

8.4.3.1 Aufbau des Gesprächs, wenn kein Verdacht auf Hautkrebs besteht

8.45 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Ergibt das Screening keinen Verdacht auf Hautkrebs, so soll dies dem Patienten direkt im Anschluss an die Untersuchung durch den Arzt, der die Früherkennung durchführte, persönlich in einem Gespräch mitgeteilt werden.

Es soll darauf hingewiesen werden, dass das Ergebnis der Untersuchung den aktuellen Status darstellt.

Zudem sollen dem Patienten seine individuellen Risikofaktoren erläutert und er soll zu primärpräventivem Verhalten und zur Selbstbeobachtung motiviert werden. Der Patient soll darüber informiert werden, dass er sich bei Unsicherheiten hinsichtlich des selbst erhobenen Hautbefundes jederzeit erneut beim Arzt vorstellen kann.

Auch wenn die Ergebnisse der Studie von Karri et al. (2009) keinen Unterschied in der Präferenz von schriftlicher Befundmitteilung und face-to-face Aufklärung belegen, wird die Mitteilung eines negativen Befundes in einem persönlichen Gespräch empfohlen. So kann der Patient gleichzeitig über Risikofaktoren und Risikoverhalten aufgeklärt werden und der Arzt kann auf Fragen des Patienten besser eingehen [762].

8.4.3.2 Aufbau des Gesprächs, wenn Verdacht auf Hautkrebs besteht

8.46 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Ergibt das Screening einen Verdacht auf Hautkrebs, so soll dies dem Patienten direkt im Anschluss an die Untersuchung durch den Arzt, der die Früherkennung durchführte, persönlich in einem Gespräch mitgeteilt werden.

Hausarzt (hausärztlich tätige Fachärzte für Allgemeinmedizin, Internisten, praktische Ärzte und Ärzte ohne Gebietsbezeichnung): Nach Verdachtsmitteilung soll das weitere Vorgehen erklärt werden.

Dermatologe: Die weitere Abklärungsdiagnostik des klinischen Verdachts soll kommuniziert und erklärt werden.

Der Patient soll informiert werden, dass die Befundmitteilung in einem persönlichen Gespräch erfolgen wird und er die Möglichkeit habe, eine Person seines Vertrauens in dieses Gespräch mit einzubeziehen. Der Patient soll nach Ressourcen für die psychische Unterstützung während der Wartezeit befragt und zur Selbstfürsorge angeregt werden.

Das ausführliche Gespräch soll nach Eingang des histologischen Befundes erfolgen.

Obwohl sich bereits bei der Äußerung eines Verdachts auf Hautkrebs viele Patienten ein ausführliches Gespräch wünschen, ist dafür meist bei laufendem Praxisbetrieb nicht genügend Zeit und Ruhe vorhanden. Aus diesem Grund wird empfohlen, das ausführliche Gespräch nach dem Eingang des histologischen Befundes durchzuführen [763].

Im Gespräch ist es notwendig, auf Ängste des Patienten einzugehen, ihn aber zugleich auch auf die Möglichkeit einer Krebsdiagnose vorzubereiten.

Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Mitteilung der Diagnose persönlich in einem face-to-face Gespräch erfolgt und der Patient die Möglichkeit hat, einen Angehörigen zu diesem Gespräch mitzubringen [763]. Telefonische Mitteilungen sind weniger geeignet.

Da die meisten Patienten die Zeit bis zur Diagnosemitteilung als sehr belastend beschreiben [764], werden dem Patienten Anregungen zur psychischen Stabilisierung mitgegeben.

8.4.4 Aufbau des Arzt-Patienten-Gesprächs zur Befundmitteilung

8.47 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Der Zeitraum zwischen den Maßnahmen zur Diagnosesicherung und der Mitteilung der Diagnose soll so kurz wie möglich gehalten werden.

Ausschluss Hautkrebs: Dem Patienten soll der histologische Ausschluss von Hautkrebs mitgeteilt werden. Zudem sollen dem Patienten seine individuellen Risikofaktoren erläutert und er soll zu primärpräventivem Verhalten und zur Selbstbeobachtung motiviert werden. Der Patient soll darüber informiert werden, dass er sich bei Unsicherheiten hinsichtlich des selbst erhobenen Hautbefundes jederzeit erneut beim Arzt vorstellen kann.

Bestätigung Hautkrebs: Der Befund Hautkrebs soll dem Patienten detailliert mit Diagnose und Grading in einem persönlichen (face-to-face) Gespräch mitgeteilt werden. Die nach dem momentanen Stand der Wissenschaft bestehenden diagnostischen und therapeutischen Schritte (inkl. Nutzen und Schaden) sollen dem Patienten in verständlicher Weise übermittelt werden.

Das Überbringen einer schlechten Nachricht, wie die Diagnose Hautkrebs, löst bei vielen Patienten Angst aus. Aus diesem Grund soll das Mitteilen der Diagnose in einer ruhigen Umgebung, in einer verständlichen Ausdrucksweise und in einem angemessenen zeitlichen Rahmen erfolgen. Das Gespräch soll auf den Patienten und seine intellektuellen Fähigkeiten und Präferenzen zugeschnitten sein. Dabei wird die Erkenntnis berücksichtigt, dass meist nur wenige Informationen auf einmal aufgenommen werden können. Es werden nur so wenige Informationen gegeben, wie mit dem Informationsbedarf der Patienten vereinbar ist. Es wird sensibel darauf geachtet, dass nur so weit aufgeklärt wird, wie die Patienten signalisieren, dass sie dies aufnehmen und verarbeiten können [763]. Zudem ist die emotionale Unterstützung des Patienten sinnvoll. Im Vorfeld ist dem Patienten anzubieten, dass er eine vertraute Person mit in das Gespräch einbeziehen kann; dies wird insbesondere von verheirateten Personen gewünscht. Die Anwesenheit weiterer Angehöriger von Gesundheitsberufen wird weitgehend als unangenehm empfunden [764].

Je nach Präferenz oder Wunsch des Patienten und/oder des Angehörigen kann es sinnvoll sein, im Gespräch auch auf Fragen der weiteren diagnostischen und therapeutischen Schritte, der Auswirkungen der Erkrankung und der Behandlung auf den Alltag und evtl. auch auf Fragen nach der Prognose des weiteren Krankheitsverlaufs einzugehen. Für das Gespräch über die Prognose ist immer zu berücksichtigen, dass in der Allgemeinbevölkerung Krebs häufig mit Tod und Sterben assoziiert ist und dass es wichtig ist, auf diese Assoziation und die damit verbundenen Ängste einzugehen. Für die Prognose ist eine fundierte Informationsquelle zu wählen. Zudem präferieren Patienten ein kurzes Informationsblatt mit Antworten auf die wichtigsten und am häufigsten gestellten Fragen, sowie Hinweisen auf weitere Unterstützungsangebote.

Die oben genannten Empfehlungen für das Aufklärungsgespräch lehnen sich an eine Standardpublikation zur Überbringung von schwerwiegenden Diagnosen an [765].

Allgemeine Ziele des Aufklärungsgesprächs sind, den Patienten Informationen verständlich zu vermitteln, psychosoziale Unterstützung des Patienten zu gewährleisten und gemeinsam mit dem Patienten Handlungsstrategien zu entwerfen. Das Gespräch kann in sechs Schritte nach dem SPIKES-Modell von Baile et al. (2000) unterteilt werden:

Zu Beginn sind eine angemessene Atmosphäre zu schaffen und wichtige Personen zu involvieren (z. B. Partner). Anschließend erfolgt eine Eruierung der Patienteneinstellung und Abklärung des Informationsstandes über die bisherige Diagnostik. Nach der Einholung der Erlaubnis zur Befundmitteilung erfolgt diese in adäquater Sprache (keine Fachbegriffe) und indem nicht zu viele Informationen auf einmal mitgeteilt werden. Das Verständnis der Befund- und Informationsmitteilung wird regelmäßig im Gespräch überprüft. Nach der Mitteilung des Befundes ist es sinnvoll, auf die Gefühle des Patienten einzugehen, die Reaktionen zu identifizieren und diese anerkennend zu bestätigen. Am Ende wird die weitere Planung besprochen [765]. Die Patienten werden ermutigt, selbst weitere Fragen zu stellen [763]. Vor Allem wird am Ende des Gespräches nachgefragt, ob Fragen unbeantwortet geblieben sind. Auch wird dem Patienten die Möglichkeit angeboten, psychosoziale Unterstützung durch die Krebsberatungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Anspruch zu nehmen [763].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht dahingehend, wie lange Patienten durchschnittlich auf die Mitteilung einer gesicherten Diagnose warten. Dies kann durch die retrospektive Erhebung und Analyse von Daten aus Patientenakten, zusammengetragen durch Personal innerhalb der ärztlichen Praxis unter Beachtung des Datenschutzes, ermittelt werden. Die Qualität des Patientengesprächs sollte ebenfalls erfasst werden, was sich jedoch aufgrund der sensiblen Situation als schwierig erweisen dürfte. Qualitative und quantitative Interviews mit betroffenen Patienten können dabei eine Rolle spielen.

8.5 Diagnostik

8.5.1 Verdachtsdiagnostik

T. Eigentler, C Berking, G. Mehlhorn/ Überarbeitung: C. Berking, M. Felcht, P. Mohr

8.5.1.1 Einleitung

Gegenstand der sekundären Prävention von Hautkrebs sind unter anderem die Durchführung eines Screeningtests und die Abklärung eines klinischen Verdachtes auf Malignität im Rahmen der Verdachtsdiagnostik.

Der Screeningtest steht am Anfang der Früherkennungskette und beinhaltet die Anwendung eines einfachen, validen Tests an gesunden Individuen.

Morrison (1992) definiert ein Screening als Untersuchung asymptomatischer Personen mit dem Ziel, eine Einteilung der Untersuchten in zwei Gruppen hinsichtlich einer Erkrankung vorzunehmen: solche mit hoher Krankheitswahrscheinlichkeit und solche mit niedriger. Dabei stellt der Screeningtest eine Filtermethode dar, die es ermöglicht, Personen mit hoher Erkrankungswahrscheinlichkeit in einem Kollektiv zu identifizieren. Diese können dann, in einem dem Screening nachfolgenden Verfahren, weiter untersucht und gegebenenfalls therapiert werden [645].

Für den Screeningtest auf Hautkrebs sind nur solche Maßnahmen geeignet, die sich auch an größeren Bevölkerungsgruppen durchführen lassen und dabei zeit- und kosteneffektiv sind. Als Mittel des Screeningtests ist die Ganzkörperinspektion mit dem bloßen Auge an einer vollständig entkleideten Person die geeignete Maßnahme (siehe auch Kapitel 8.1).

Sobald während des Screenings durch den Untersucher klinisch der Verdacht auf Bösartigkeit gestellt wird, ist der Screeningtest beendet und die Verdachtsdiagnostik beginnt.

Im Rahmen der Verdachtsdiagnostik sind als Hilfsmittel zur Abklärung eines klinischen Verdachts auf Bösartigkeit verschiedene Methoden und Techniken untersucht und publiziert worden, auf die im Folgenden eingegangen wird. Diese Maßnahmen umfassen:

  • Dermatoskopie,
  • Hinzunahme von Algorithmen,
  • Fotografie,
  • Teledermatologie,
  • Spektralphotometrie,
  • Nah-Infrarot-Spektroskopie,
  • konfokale Laserscanningmikroskopie,
  • Multiphotonenlasertomographie,
  • optische Kohärenztomographie,
  • elektrische Impedanzspektroskopie,
  • hochfrequente Sonographie,
  • Multispektralanalyse
  • Raman-Spektroskopie.

Bei weiter bestehendem Verdacht auf Malignität einer Hautveränderung erfolgt dann im Anschluss die Bestätigungsdiagnostik (siehe dazu Kapitel 8.5.2).

8.5.1.2 Dermatoskopie

8.48 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Dermatologen sollen zur Verdachtsdiagnostik pigmentierter und nicht-pigmentierter Haut- und Nagelveränderungen die Dermatoskopie anbieten.

 

Leitlinienadaptation: Australian Cancer Network Melanoma Guidelines Revision Working Party (2008).

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1+
Literatur
[766] [767] [768] [769] [770] [771] [772] [773] [774] [775] [776]
8.49 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Dermatologen sollen zur Verdachtsdiagnostik in der Dermatoskopie ausgebildet sein.

8.50 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Bei Personen mit erhöhtem Risiko, die einer individuell angepassten Verlaufskontrolle unterzogen werden, kann die Dermatoskopie durchgeführt werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2++
Literatur
[772]

Die Dermatoskopie (Synonyme: Auflichtmikroskopie, Epilumineszenzmikroskopie, Dermoskopie) ist ein nicht-invasives diagnostisches Verfahren zur Evaluierung von Hautläsionen. Das Prinzip beruht auf einer vergrößerten Darstellung der Hautstrukturen, die in der Regel mit einer Lichtquelle ausgeleuchtet werden. Das Dermatoskop wird dabei direkt auf die zu untersuchende Hautläsion aufgesetzt. Um eine Reflexion des Lichtes zu vermeiden, muss entweder ein Kontaktmedium (Immersionsöl, Desinfektionsspray, Ultraschallgel) oder eine Lichtquelle mit polarisierendem Licht verwendet werden. Mit der Dermatoskopie können so Strukturen bis in die obere Dermis evaluiert werden. Mit Hilfe der Dermatoskopie können diagnostische Eigenschaften der Hautläsionen visualisiert werden, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind.

Dermatoskopiegeräte funktionieren entweder mit einer analogen optischen Einheit oder mit Fotosensoren. Bei beiden Verfahren besteht je nach eingesetztem Gerät die prinzipielle Möglichkeit einer Befunddokumentation.

Dermatoskopie melanozytärer Läsionen

Die Dermatoskopie eignet sich zur Untersuchung melanozytärer Läsionen, insbesondere zur Diagnostik von Melanomen [766]; [767]. Von Kittler et al. (2002) wurden 27 Arbeiten über die diagnostische Genauigkeit mit und ohne Dermatoskopie einer Meta-Analyse unterzogen. Dabei zeigte sich die Genauigkeit einer Melanomdiagnose unter Zuhilfenahme der Dermatoskopie als signifikant höher (log odds ratio 4,0 (95 % CI: 3,0–5,1) vs. 2,7 (95% CI: 1,9-3,4); 49 % Verbesserung, p=0,001). Die diagnostische Genauigkeit war dabei vom praktischen Ausbildungsstand des Arztes abhängig. Erst mit zunehmendem Training und Erfahrung war die Dermatoskopie der klassischen rein augenvisuellen Diagnosestellung überlegen [767]. Auch zeigte sich in dieser systematischen Übersichtsarbeit kein signifikanter Vorteil eines Algorithmus zur Auswertung (Musteranalyse vs. ABCD-Regel der Dermatoskopie vs. Punktesysteme (3- und 7-Punkteliste)).

Zur diagnostischen Validität der Dermatoskopie in der allgemeinmedizinischen Versorgung gibt es einzelne Studien. Diese zeigen durch die Anwendung der Dermatoskopie eine verbesserte Sensitivität der Diagnose „Melanom“ oder zumindest der Identifikation verdächtiger Läsionen, die eine Biopsie erfordern [768]; [769]. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Studien sämtlich mit Klinikern durchgeführt wurden, die in der Dermatoskopie geschult waren (teilweise allerdings lediglich durch Seminare oder Literatur).

Einige Publikationen deuten zudem auf eine verringerte Exzisionsrate benigner Läsionen durch den Einsatz der Dermatoskopie hin (reduziertes Verhältnis zwischen exzidierten benignen zu exzidierten malignen Läsionen; Reduktion der Anzahl an Patienten, die zur Biopsie überwiesen werden) [777]; [771].

Für Menschen mit erhöhtem Risiko für Hautkrebs sollte der Arzt, zusammen mit dem zu Screenenden, ein - nach Einschätzung des individuellen Risikoprofils - angemessenes Zeitintervall festlegen (siehe auch Kapitel 8.1.7).

Dermatoskopie nicht-melanozytärer Läsionen

Im Gegensatz zu melanozytären Läsionen ist die Anzahl von Studien zur Dermatoskopie nicht-melanozytärer Läsionen deutlich geringer. In einigen Studien zu pigmentierten Läsionen [773]; [774]; [668] werden nicht-melanozytäre Läsionen am Rande aufgeführt. In der Arbeit von Lorentzen et al. (2008) wird die diagnostische Spezifität der Dermatoskopie für BZK mit 99 % angegeben.

Prinzipiell eignet sich die Dermatoskopie für nicht-melanozytäre Läsionen. Hierbei sollte neben typischen Merkmalen einzelner Läsionen das Augenmerk vor allem auf vaskuläre Strukturen gerichtet werden [775].

8.51 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Für alle Läsionen der Haut und angrenzenden Schleimhäute im Gesichts-, Genital- oder Analbereich, die durch die Diagnostik mittels Dermatoskopie nur unzureichend abgeklärt wären, soll die Konsultation zur weiterführenden fachspezifischen Diagnostik erfolgen.

Für die melanozytären und nicht-melanozytären Läsionen der Haut, wie zum Beispiel spinozelluläre Vorstufen oder Karzinome im Genital- oder Analbereich, die durch die Diagnostik mittels Dermatoskopie nur unzureichend abgeklärt wären, sollte die Konsultation zur weiterführenden gynäkologischen oder/und chirurgischen Diagnostik erfolgen. Die Diagnostik soll primär klinisch durch die genaue Inspektion und ergänzend durch eine differenzierte Vulvoskopie, Vaginoskopie oder Anuskopie durchgeführt werden. Bei auffälligen Befunden soll eine Gewebeentnahme erfolgen.

Bei Verdacht auf melanozytäre oder nicht-melanozytäre (plattenepitheliale) Vorläuferläsionen oder Tumoren der Mundschleimhaut sollte eine weiterführende Hals-Nasen-Ohren-ärztliche und/oder Mund-Kiefer-Gesichts-chirurgische Konsultation und Diagnostik erfolgen. Auch hier soll bei verdächtigen Befunden eine Gewebeentnahme erfolgen. Entsprechendes gilt für Läsionen im Gesichtsbereich, die sich durch Diagnostik mittels Dermatoskopie nur unzureichend abklären lassen.

Hierzu wird auf die derzeit bestehenden interdisziplinäre S2k-Leitlinie für die Diagnostik und Therapie des Vulvakarzinoms und seiner Vorstufen von 2015 (AWMF-Registernummer: 015/059) und auf die S2k-Leitlinie für die Diagnostik und Management von Vorläuferläsionen des oralen Plattenepithelkarzinoms in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (AWMF-Registernummer: 007/092) verwiesen.

Befunde an den Augenlidern sind weiter augenfachärztlich abzuklären, da aufgrund der Besonderheit der Augenlider (Schutzfunktion des Auges, Drüsengewebe für den Tränenfilm, spezielle Innervation sowie Tränenwegsführung u.a.) sich das Krankheitsspektrum deutlich erweitert und der Funktionserhalt der Lider von Bedeutung ist.

8.5.1.3 Algorithmen und Fotografie

8.52 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2020

Computerbasierte Algorithmen zur Klassifikation (pigmentierter) Hautveränderungen werden derzeit vielfach entwickelt und untersucht, die Leitliniengruppe kann aber noch keine Aussagen dazu machen.

8.53 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2020

Die Wertigkeit einer Ganzkörperfotografie bei Melanom Risikopatienten bleibt offen.

Evidenzlevel
2-
Literatur
[778] [779]

Ein Problem bei der Verdachtsdiagnostik ist die relativ niedrige Spezifität bei der klinischen Diagnose von Melanomen, das heißt, dass vor dem Hintergrund einer relativ niedrigen Inzidenz von Melanomen verhältnismäßig viele gutartige Läsionen unnötig exzidiert werden. Dieses Verhältnis liegt zum Beispiel in Allgemeinpraxen in Australien bei 10-35 Nävuszellnävi und seborrhoischen Keratosen auf ein Melanom [780] In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 468 teilnehmenden Hausärzten in Australien ergab die Bereitstellung eines Algorithmus (Beschreibung von morphologischen Veränderungen und klinischer Symptomatik) und einer Fotokamera (zur Verlaufskontrolle innerhalb von 4-8 Wochen) zur Unterstützung der Erkennung von Melanomen in Abgrenzung zu anderen pigmentierten Läsionen (Nävuszellnävi, seborrhoischen Keratosen) keine Reduzierung dieses Verhältnisses zwischen exzidierten gutartigen Läsionen und Melanomen [780]. In einer älteren, sehr ähnlichen Studie mit rund 100 australischen Primärversorgern haben diese Hilfestellungen zu einem um 4,8 % niedrigeren Anteil der exzidierten gutartigen Läsionen geführt, wobei diese Studie allerdings methodische Mängel aufwies [781].

Guitera und Kollegen haben zwei Algorithmen zur Verwendung in Kombination mit konfokaler Laserscanningmikroskopie zur Diagnose von BZK und vorgestellt [782]. Die diagnostische Genauigkeit des Algorithmus zur Diagnose von BZK im Trainingsset wies eine Sensitivität von 100% und Spezifität von 88,5% vor. Die diagnostische Genauigkeit des Melanom-Algorithmus wies hingegen eine Sensitivität von 87,6% und eine Spezifität von 70,8% vor. Eine serielle, automatische, digitale Ganzkörperfotografie mit 48 Aufnahmen pro Patient wurde in einer historischen Kohortenstudie als neue Methode zur regelmäßigen Untersuchung von Melanom-Risikopatienten vorgestellt, die, gemessen an der durchschnittlichen dünneren Tumordicke nach Breslow im Vergleich zu anderen Patientenkohorten eine frühere Entdeckung von Melanomen ermöglichen [778]. Der kombinierte Einsatz einer digitalen Ganzkörperfotografie und einer digitalen Dermatoskopie im Abstand von durchschnittlich 5 Monaten bei Patienten mit atypischem Nävuszellnävus-Syndrom führte zu einer höheren diagnostischen Genauigkeit mit der Entdeckung von noch frühen und kleinen Melanomen und zu einer Einsparung von Biopsien [779]. Allerdings fußen diese Schlussfolgerungen der Autoren auf ungenaue Angaben ihrer Studienergebnisse bei einer im Verhältnis zur Gesamtkohorte nur geringen Anzahl von histopathologischen Befunden als Bestätigungsdiagnostik und auf das Fehlen einer Kontrollgruppe.

Spezielle Bildbearbeitungsprogramme zur Erkennung von Melanomen sind entwickelt worden, aber ihre Wertigkeit bleibt offen. Ein Bearbeitungsprogramm von digitalen Aufnahmen zur Unterscheidung zwischen Melanomen und melanozytären Nävi auf Basis von 3 Variablen zur Geometrie, Farbe und Farbtextur wurde vorgestellt mit einer Sensitivität von 60,9 % und einer Spezifität von 95,4 % hinsichtlich der Vorhersage der Diagnose Melanom und einer Gesamtgenauigkeit von 89,4 % [783]. Aufgrund von fehlenden Angaben zu Studiendetails sind die Ergebnisse und ihre Übertragbarkeit nur eingeschränkt beurteilbar.

8.54 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2020

Die sequenzielle digitale Dermatoskopie kann die Früherkennung von malignen Melanomen, die keine spezifischen dermatoskopischen Malignitätskriterien aufweisen, in der Verlaufskontrolle verbessern. 

 

Leitlinienadaptation: Australian Cancer Network Melanoma Guidelines Revision Working Party (2008). Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms, Langversion 3.2, 2019, AWMF Registernummer: 032/024OL, http://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leit-linien/melanom/ (abgerufen am: 25.05.2020)

Evidenzlevel
2b
Literatur
[784] [785] [786] [787] [788] [789] [776] [790]

Die SDD beruht auf dem Prinzip der Dermatoskopie. Durch die Speicherung und digitale Analyse des Bildmaterials ermöglicht sie zusätzliche Aussagen zu den aufgenommenen pigmentierten Läsionen. Damit können sowohl kurzfristige Veränderungen bei auffälligen Läsionen (1-3 Monate) aufgedeckt werden, anderseits kann auch ein mittel- bis langfristiges Screening erfolgen. Im Vergleich zur alleinigen Dermatoskopie hat die sequenzielle Dermatoskopie den Vorteil, über den Verlauf auch Veränderungen zu detektieren, die keine typischen dermatoskopischen Malignitätskriterien aufweisen, jedoch eine morphologische oder farbliche Dynamik besitzen.

In der australischen Leitlinie wurden vier Studien in unterschiedlichen klinischen Settings zur sequentiellen digitalen Dermatoskopie evaluiert [655].
Haenssle et al. konnten eine Verbesserung in der Früherkennung von malignen Melanomen im Vergleich zur Routinedermatoskopie von 17 % nachweisen bei einer Nachbeobachtungszeit von im Mittel 32 Monaten. Die Rate der exzidierten Melanome lag unter allen Exzidaten bei 8,3 % [784]; [785].

In der Studie von Kittler et al. wurde eine histopathologische Untersuchung von 499 pigmentierten Läsionen nach unterschiedlich langer Nachbeobachtungszeit (1,5–4,5 Monate, 4,6–8,0 Monate und > 8 Monate) durchgeführt [786]. Es wurden insgesamt 92 Melanome unter den Exzidaten nachgewiesen; 61,8 % respektive 45 % bzw. 35,1 % dieser Melanome wiesen mit zunehmender Nachbeobachtungsdauer jeweils keine typischen dermatoskopischen Merkmale für ein Melanom auf, hatten sich jedoch im Verlauf in der SDD verändert. Laut den Ergebnissen dieser Studie sollte der Zeitrahmen für die Verlaufsbeobachtung einer Läsion 1,5–4,5 Monate bzw. zur Kontrolle 6–12 Monate umfassen.

In weiteren Studien konnten durch die zusätzliche Anwendung der sequentiellen digitalen Dermatoskopie frühinvasive Melanome nachgewiesen werden, die nach rein dermatoskopischen Kriterien unauffällig waren [787]. Die Ratio zwischen exzidiertem Nävus und Melanom war dabei entscheidend von der Kriterienauswahl abhängig, insbesondere eine moderate Größenzunahme (< 5 %) war nur mit einem geringen Risiko eines Melanomnachweises verbunden.

Darüber hinaus wurde die Wertigkeit der Dermatoskopie und der sequenziellen digitalen Dermatoskopie in einer Studie untersucht, in welcher 63 Allgemeinmediziner in Australien und Neuseeland eine Schulung erhielten [791]. Durch die Anwendung der Dermatoskopie allein wurde eine Reduktion der Exzisionsrate um 19,3 %, bei zusätzlicher Anwendung der sequenziellen digitalen Dermatoskopie um 70,6 % erreicht (Einschluss von insgesamt 374 pigmentierten Läsionen). Allerdings sind die Ergebnisse verzerrt (Identifikationsbias), da nicht alle Läsionen histologisch untersucht wurden.

8.5.1.4 Teledermatologie

8.55 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Zur Beurteilung von benignen und malignen Hauttumoren kann die Teledermatologie eingesetzt werden.

Die Teledermatologie macht sich digitale Fotografien verdächtiger Hautbefunde zunutze, die via Internet an medizinische Kollegen gesendet und von ihnen ausgewertet werden. Hierdurch soll die diagnostische Qualität (Zweitmeinung) verbessert, die Anzahl persönlicher ärztlicher Konsultationen reduziert und die Zeitdauer bis zur Diagnosestellung bzw. Therapie reduziert werden. Letzteres konnten Ferrandiz et al. (2007) in einer Studie mit 134 präoperativen Patienten mit klinischem Verdacht auf nicht-melanozytärem Hautkrebs oder schnell wachsendem vaskulären Tumor und 784 Telekonsultationen zeigen. Sie stellten eine signifikante Reduktion der dermatologischen Konsile und der Wartezeit bis zur Operation im Vergleich zum konventionellen Überweisungsverfahren fest [792]. Die Übereinstimmungsquote zwischen der Diagnosestellung über Telekonsultation und der über Histopathologie lag bei 0,86, wobei 12 von 20 nicht übereinstimmenden Läsionen Diagnosen entsprachen, die ursprünglich nicht in die Studie eingeschlossen wurden.

In einer anderen Studie wurden von 2.009 Patienten mit gut- oder bösartigen Hauttumoren, die in Erstversorgerzentren vorstellig waren, je zwei digitale Fotos (Panoramaaufnahme und Großaufnahme) ihrer Hauttumoren an Dermatologen eines Hautkrebszentrums via Internet gesendet und von ihnen ausgewertet [793]. Die Telekonsultation filterte 51,2 % der Patienten raus, während 48,8 % der Patienten sich persönlich im Hautkrebszentrum vorstellten. Die Überweisungszeiträume konnten gegenüber konventionellen Verfahren deutlich reduziert werden. Die Übereinstimmung der Diagnosen über Telekonsultation bei demselben Dermatologen lag bei 0,95 und zwischen zwei Dermatologen bei 0,85. Die Übereinstimmung zwischen Allgemeinmediziner und dem Telekonsultationsdermatologen lag bei 0,46. Die Sensitivität der telekonsultationsbasierten Diagnose lag bei 99 % und die Spezifität bei 62 %.

In einer prospektiven kontrollierten Studie wurden einem Dermatologen eine digitale Übersichtsaufnahme, eine Nahaufnahme und eine dermatoskopische Aufnahme der fraglichen Läsion von 451 Patienten vorgelegt, durch die er die Dringlichkeit der persönlichen Vorstellung des Patienten in der Klinik einschätzte [794]. Hierdurch konnten im Vergleich zum konventionellen Überweisungsverfahren die Wartezeiten für Patienten mit dringlichen Tumoren, also Melanomen oder Plattenepithelkarzinomen, bis zur Klinikvorstellung um im Mittel 10 Tage reduziert werden.

In einer britischen Studie wurde die diagnostische Genauigkeit eines Dermatologen getestet, der zunächst die Diagnose nach konventioneller klinischer Untersuchung von überwiesenen Patienten mit pigmentierten Läsionen stellte und Monate später anhand von anonymisierten, gespeicherten Fotoaufnahmen derselben Läsionen wiederholte [795]. Es zeigten sich keine Unterschiede in der diagnostischen Genauigkeit, was für die Möglichkeit der Nutzung von Telekonsultationen sprach. Allerdings gaben die Autoren zu bedenken, dass mit dieser Methode nur eine Momentaufnahme und nicht der gesamte Patient untersucht wird, keine Palpation der Läsion möglich ist und dass die Ergebnisse von der Qualität der Aufnahmen abhängen. Sie fordern außerdem eine Kosten-Nutzen-Analyse, bevor die Methodik zur Implementierung empfohlen werden kann.

Eine negative Bewertung erhielt die Teledermatologie in der Studie von Warshaw et al. (2009) mit 519 Patienten mit pigmentierten Läsionen, in der die diagnostische Genauigkeit gegenüber der klinischen Untersuchung am Patienten deutlich schlechter war (Sensitivität 64 % vs. 80,3 %) und auch durch zusätzliche Auswertung von dermatoskopischen Aufnahmen nicht verbessert werden konnte [796]. Allerdings war das Studienkollektiv beschränkt auf Männer von durchschnittlich 66 Jahren mit einer Spannweite von 23 bis 94 Jahren.

Ein Vergleich zwischen der Auswertung von konventionellen Fotografien als Dias und von komprimierten digitalen Fotoaufnahmen zeigte keine Unterschiede in der Sensitivität und Spezifität bei der diagnostischen Genauigkeit von pigmentierten Hautläsionen [797].

8.5.1.5 Spektralphotometrie

  • Die spektralphotometrische Analyse von pigmentierten Läsionen hat keine Verbesserung der Sensitivität und Spezifität in der Melanom-Diagnostik zeigen können [798]; [799]; [800].

Bei der Telespektralphotometrie wird die Reflexion einer Läsion bei Wellenlängen zwischen 420 bis 1.040 nm gemessen mit einer CCD-Kamera mit 17 Interferenzfiltern. Die 17 Spektralaufnahmen werden im PC gespeichert und weiter prozessiert. In einer Studie zu dieser Methode wurden vier Deskriptoren entsprechend der klinischen Eigenschaften der Läsionen nach der ABCD-Regel definiert: Rundheit (Asymmetrie), Ebenheit (Begrenzung), durchschnittliche Reflexion (Farbe/Colorierung) und Größe (Durchmesser) [799]. Es wurden 186 Patienten mit 195 pigmentierten Läsionen ausgewertet. Alle Variablen waren signifikant unterschiedlich zwischen Melanomen und Nicht-Melanomen, wobei die Farbe den wichtigsten Parameter darstellte. Aufgrund Mängel des Studiendesigns und einem unklaren Verzerrungspotenzial ist die Aussagekraft der Ergebnisse unklar. Von derselben Arbeitsgruppe wurden 313 verdächtige Hautläsionen bei 298 Patienten mittels klinischer Inspektion, Dermatoskopie und Telespektralphotometrie untersucht [671]. Bezüglich der korrekten Diagnose der 66 histologisch bestätigten Melanome betrug die Sensitivität jeweils 86 %, 91 % und 80 % und die Spezifität 77 %, 74 % und 49 %. Die Telespektralphotometrie hat also keinen Vorteil erbracht.

In einer anderen jüngeren Studie wurde eine spektralphotometrische Analyse von 881 Hautläsionen bei 860 Patienten von einem Dermatologen durchgeführt [800]. Im Vergleich zu seiner Beurteilung anhand von klinischer Inspektion und Dermatoskopie zeigte sich keine Verbesserung der Sensitivität (94 % vs. 91 %) und Spezifität (87 % und 91 %) bezüglich der Melanom-Diagnostik.

8.5.1.6 Nah-Infrarot-Spektroskopie

  • Die Wertigkeit der Nah-Infrarot-Spektroskopie zur Unterscheidung von melanozytären und nicht-melanozytären Hautveränderungen untereinander und von normaler Haut bleibt offen.

Bei der Nah-Infrarot-Spektroskopie mit Wellenlängen zwischen 700-2.500 nm wird die Absorption durch Hämoglobine, Cytochrome, Wasser (O-H-Gruppen), Lipide (C-H-Gruppen) und Proteine (N-H-Gruppen) im Gewebe für jede Wellenlänge gemessen, was Rückschlüsse auf die Gewebezusammensetzung und Sauerstoffversorgung geben kann [801]. In einer Studie wurden im sichtbaren und Nah-Infrarot-Bereich (400-2.500 nm) Aufnahmen in vivo von insgesamt 195 benignen und malignen Hauttumoren gemacht, von denen 130 ausgewertet werden konnten [801]. Es ließen sich signifikante Gruppenunterschiede zeigen, wie zum Beispiel zwischen dysplastischen Nävi und anderen Hautläsionen (z. B. aktinische Keratosen, BZK, Lentigines) und zwischen Basalzellkarzinomen und gewöhnlichen Nävi sowie seborrhoischen Keratosen. Maligne Melanome wurden in dieser Studie nicht untersucht.

8.5.1.7 Konfokale Laserscanningmikroskopie (CLSM)

  • Die CLSM verfügt über eine hohe Auflösung bei der Beurteilung pigmentierter und nicht pigmentierter Läsionen der Haut. Nach entsprechendem Training kann die CLSM die diagnostische Genauigkeit von Einzelläsionen verbessern. Die CLSM kann zur Verdachtsdiagnostik von AK und PEK bei klinisch unklaren Befunden eingesetzt werden. Die CLSM kann zur Diagnostik von BZK hilfreich sein.

Die CLSM ist ein modernes technisches Verfahren, bei dem mittels fokussiertem Laserlicht und dessen Reflexion an den verschiedenen Strukturen der Haut Schnittbilder der Epidermis und der papillären Dermis in nahezu histologischer Auflösung erstellt werden können. Dabei fungieren die verschiedenen Medien durch unterschiedliche Brechungsindizes quasi als endogene Chromophore (Brechungsindizes-Beispiele: Wasser 1,33, Keratin1,5, Melanin 1,7). Die Standard-Wellenlänge des Lasers liegt bei 830 nm, bei sogenannten Multi-Wave-Geräten sind Wellenlängen von 400-1.064 nm verfügbar. Die laterale Auflösung beträgt 0,1-1 µm, die axiale Auflösung 3-5 µm und die maximale Eindringtiefe reicht je nach Wellenlänge bis etwa 250-300 µm, am Nagelorgan auch bis zu 450 µm. Die in-vivo Untersuchung am Patienten erfolgt in Echtzeit durch Aufsetzen des Gerätes auf die zu untersuchende Läsion mittels Ankopplung durch ein Kopplungsmedium wie Gel und Öl – ähnlich wie bei der Dermatoskopie.

Es gibt mittlerweile über 300 Publikationen sowie eine S1-Leitlinie ([802]) im Bereich der nicht-invasiven dermatologischen Diagnostik. Es liegt außerdem eine Metaanalyse zur Wertigkeit der CLSM in der Diagnostik des BZK vor. Die Analyse von 6 Studien ergab eine Sensitivität von 0,97 mit einem 95% CI von 0,90-0,99 und einer Spezifität von 0,93 (95% CI 0,88-0,96) [803]. Allerdings sind diese Ergebnisse aufgrund eines hohen Risikos für Verzerrung und einer kleinen Stichprobe kritisch zu betrachten.

Eine systematische Übersichtsarbeit identifizierte insgesamt 11 Studien, deren Ergebnisse aufgrund der Heterogenität der Einzelstudien nicht gepoolt werden konnten [804]. Der Review demonstriert, dass CLSM die diagnostische Genauigkeit von malignen Melanomen im Vergleich zur Dermatoskopie verbessern kann. Für das BZK schlussfolgerten die Autoren ebenfalls eine hohe diagnostische Genauigkeit trotz begrenzter Daten, wohingegen keine Aussagen für das Plattenepithelkarzinom abgeleitet werden konnten. Weitere Meta-Analysen zur Wertigkeit der konfokalen Laserscanningmikroskopie in der Diagnostik nicht pigmentierter Hautveränderungen liegen bislang nicht vor [805]; [806]; [807]; [668]. Zu Wertigkeit der konfokalen Laserscanningmikroskopie in der Diagnostik pigmentierter Hautveränderung stehen Daten von Meta-Analysen zur Verfügung. Die systematische Übersichtsarbeit von Stevenson et al. umfasste insgesamt fünf histologisch kontrollierte Studien, in denen 909 Läsionen untersucht werden konnten [808]. Der Fokus dieser Arbeit lag auf der Identifizierung von malignen Melanomen aus klinisch unklaren Läsionen. Die Autoren zeigten eine Sensitivität von 93% [95% CI 89-96] und eine Spezifität von 76% [95% CI 68-83] per Läsion. Die Rate der histologisch nachgewiesenen malignen Melanome lag in den Untersuchungen zwischen 29 und 37%. In einer weiteren Meta-Analyse mit n=21 retrospektiven und prospektiven Studien wurde die CLSM auf ihre Wertigkeit in der Beurteilung maligner Hauttumoren ausgewertet [809], wobei 8 der 21 Studien ausschließlich maligne Melanome untersuchten (n=1400 Läsionen). Die Sensitivität lag in diesen Untersuchungen bei 92,7% (95% CI: 90-95) und die Spezifität bei 78,3% (95% CI: 76-81). In acht weiteren Studien mit insgesamt 1.825 Läsionen wurden neben MM auch BZK und PEK untersucht. Hier lag die Sensitivität bei 94,5% und die Spezifität bei 85,4%. Die Studien unterschieden sich sowohl in der Anzahl der teilnehmenden Zentren (monozentrisch, multizentrisch) als auch in der Anzahl (1-5) und der Expertise der Untersucher.

Die Ergebnisse der Meta-Analysen sind allerdings kritisch zu betrachten, da die Studien einem Verification-Bias unterlagen: Es wurden nicht alle Läsionen einer histologischen Untersuchung unterzogen bzw. die CLSM mit der Dermatoskopie verglichen. In einigen Studien wurden auch überlappende Patientenkollektive untersucht. Mit dem QUADAS-2 Test konnte allerdings eine hohe Studienqualität für den Bereich malignes Melanom festgestellt werden. Die Sensitivität (91,4-94,5%) und Spezifität (76,0-85,4%) lag in allen Meta-Analysen auf einem ähnlichen Niveau.

In einer Studie von Alarcon wurde untersucht, ob sich mit der CLSM die „number needed to treat“ (NNT: Zahl der notwendigen Behandlungen) bei Melanomverdacht reduzieren lässt [810]. Insgesamt wurden 343 Patienten, die mindestens eine suspekte Läsion aufwiesen, in die Studie eingeschlossen und in drei Gruppen untersucht (Dermatoskopie allein, CLSM und Dermatoskopie, CLSM allein). Zwischen den Gruppen ergaben sich statistisch signifikante Unterschiede mit einer Senkung der NNT von 3,73 auf 1,12, insbesondere die deutlich höhere Spezifität sprach für eine Hinzunahme der CLSM zur Dermatoskopie, um die Rate unnötiger Exzisionen zu reduzieren.

Eine weitere Studie von Pellacani et al. konnte ebenfalls durch Hinzunahme der CLSM eine deutliche Reduktion der für die Diagnosestellung eines malignen Melanoms notwendigen Exzisionen (6,8 vs. 14,6) zeigen [811]. Hierfür wurden insgesamt 1005 Patienten untersucht. Eine weitere Veröffentlichung dieser Arbeitsgruppe demonstrierte zusätzlich, dass die CLSM auch zu einer relevanten Kostenreduktion durch die Vermeidung von Resektionen benigner Läsionen führen würde [812].

8.5.1.8 Multiphotonenlasertomographie (MPT)

  • Die Wertigkeit der Multiphotonenlasertomographie bei der Melanom-Diagnostik bleibt offen.

Die MPT ist eine nicht-invasive Untersuchungstechnik, mit der sowohl zelluläre als auch extrazelluläre Strukturen mit subzellulärer Auflösung beurteilt werden können. Die MPT beruht auf der Anregung biogener Fluorophore durch zwei oder mehr langwellige Photonen geringer Energie und der Induktion von „second harmonic generation“. Es wird eine Auflösung von bis unter einem Mikrometer erreicht. In Studien wird untersucht, inwieweit die Technik bei der Melanom-Diagnostik hilfreich ist:

Zur MPT liegt eine prospektive Studie vor, in der 83 melanozytäre Läsionen untersucht wurden. Die Untersuchung erfolgte sowohl in vivo als auch ex vivo, allerdings wurden nicht alle Läsionen parallel untersucht. Durch vier unabhängige Untersucher im verblindeten Versuchsaufbau wurde eine Sensitivität zwischen 71 und 95 % erreicht; die Spezifität lag zwischen 69 und 97%. Eine weitere Studie untersuchte neben der MPT auch eine „Fluorecence lifetime imaging“-Messung [813]. Nach einer Trainingsphase wurden insgesamt 125 Läsionen untersucht; es wurde eine Sensitivität von 100% und eine Spezifität von 98% bzgl. der Diagnose malignes Melanom (n=25) demonstriert. In einer Untersuchung von Balu et al. wurde zudem an einer kleinen Anzahl (n=15) melanozytärer Läsionen mit und ohne Dysplasien sowie malignen Melanomen ein 9-Punkte-Score entwickelt, der ein hohes Diskriminationspotential aufwies [814].

8.5.1.9 Optische Kohärenztomographie (OCT)

  • Die Wertigkeit der OCT zur Unterscheidung von melanozytären Hautveränderungen untereinander und von normaler Haut bleibt offen. Optische Kohärenztomographie kann zur Diagnostik von nicht-melanozytärem Hautkrebs bei klinisch unklaren Befunden eingesetzt werden.

Bei der OCT handelt es sich um ein modernes optisches Verfahren, welches nicht-invasiv in Echtzeit Aufnahmen von der Epidermis und der oberen Dermis ermöglicht. Die Grundlage der OCT bildet die Weißlichtinterferometrie. Dabei wird die Laufzeit eines Signals innerhalb der Gewebeprobe mit einem Referenzsignal bekannter optischer Weglänge verglichen. Die OCT ist analog zum B-Modus im Ultraschall-Puls-Echo-Verfahren, wobei die optische und nicht die akustische Reflexion gemessen wird. Das Untersuchungsverfahren ermöglicht eine Eindringtiefe von bis zu einem Millimeter und eine Auflösung von 3-15 µm. Die Bilddarstellung erfolgt wie bei histologischen Schnitten vertikal, neuere Geräte ermöglichen außerdem eine Darstellung in horizontaler Ebene. Sowohl melanozytäre als auch nicht-melanozytäre Hauttumoren sind mit der Methode bereits dargestellt und die Ergebnisse publiziert worden, wobei die überzeugendsten Ergebnisse für das BZK vorliegen und systematisch evaluiert wurden [815]; [816]; [817]; [818]; [819]; [820]; [821]. Eine systematische Übersichtsarbeit identifizierte in allen 17 eingeschlossenen Studien die folgenden Merkmale für die Diagnose eines BZK mit OCT: abgerundete/rundliche dunkle Strukturen in der oberen Dermis, die von einem hyperreflektierenden Halo umgeben sind, den noch eine hyporeflektierende Grenze umgeben kann sowie eine Störung der epidermalen Schicht [818]; [384].

Zur OCT liegen mehrere Untersuchungen zur Beurteilung melanozytärer Läsionen vor, in denen potenzielle Differenzierungskriterien beschrieben werden. In einer multizentrischen, prospektiven Studie von Gambichler et al an einem „high definition“-OCT-System wurden insgesamt 93 Läsionen (davon 27 maligne Melanome) untersucht [822]. Dabei wurde eine Sensitivität von 74,1% (95% CI: 54–89) und eine Spezifität von 92,4% (95% CI: 83–98) erreicht.

Allerdings fehlen bislang größere kontrollierte und qualitativ hochwertige Studien, sodass die Wertigkeit der Diagnose derzeit nicht abschließend beurteilt werden kann [815]; [668].

8.5.1.10 Elektrische Impedanz-Spektroskopie

  • Die Wertigkeit der multi-frequenten elektrischen Impedanz-Spektroskopie (EIS) zur Unterscheidung von melanozytären und nicht-melanozytären Hautveränderungen untereinander und von normaler Haut bleibt offen.

Die multi-frequente elektrische Impedanz-Spektroskopie (EIS) ist ein Verfahren, welches mittels einer kleinen Sonde elektrischen Strom mit unterschiedlicher Frequenz von verschiedenen Elektroden in die oberflächliche Haut sendet und die Veränderung des Stroms, der Frequenz und des elektrischen Feldes misst und auswertet. Die elektrischen Eigenschaften von biologischem Material reflektieren zelluläre Eigenschaften des Gewebes wie Zelldichte, Architektur, Zellform und den Gehalt an intrazellulärem und extrazellulärem Wasser. In Pilotstudien konnten signifikante Unterschiede zwischen BZK und normaler Haut sowie die Unterscheidung von BZK von gutartigen Nävi mit einer Sensitivität von 96 % und einer Spezifität von 86 % gefunden werden [668].

Zusätzlich dazu wurde eine internationale, multizentrische Studie veröffentlicht, an der 22 Kliniken teilgenommen haben [823]. Es wurden insgesamt 2.416 Läsionen bei 1.943 Patienten ausgewertet, unter denen 265 maligne Melanome diagnostiziert wurden (112 in situ, 153 invasiv). Die Methode wies eine Sensitivität von 96,6% (256 von 265 Melanomen) und eine Spezifität von 34,4% auf.

8.5.1.11 Hochfrequente Sonographie

  • Die Wertigkeit der hochauflösenden Sonographie zur Unterscheidung von melanozytären und nicht-melanozytären Hautveränderungen untereinander und von normaler Haut bleibt offen.

Die hochauflösende Sonografie der Haut (Synonym: Ultraschall) ist ein nicht-invasives diagnostisches Verfahren zur Evaluierung von Hautläsionen. Das Prinzip beruht auf der Darstellung von Haustrukturen mit Hilfe von hochfrequenten Schallwellen. Die Schallwellen werden an Strukturen der Haut reflektiert, vom Schallkopf wieder aufgenommen und dann mittels des piezoelektrischen Effektes wieder in elektrische Impulse umgewandelt. Aus den elektrischen Impulsen werden Bilder generiert. Als Kontaktmedium dienen Wasser oder Ultraschallgel.

Nach der Aussage von Lassau et al. (1997) ist der hochfrequente Ultraschall eine einfache, zuverlässige, nicht-invasive Methode zur genauen präoperativen Bewertung von Hauttumordimensionen. Die Korrelation zwischen Ultraschall und histologischer Messung der Tumordicke (Breslow-Index) von 13 Melanomen war sehr stark (R2= 0,9959), jedoch gab es keine Unterschiede in den sonografischen Merkmalen von Melanomen und Nävi. 31 der 32 BZK wurden mit hochfrequentem Ultraschall entdeckt. Bei einer Läsion handelte sich nicht um ein BZK , sondern um eine aktinische Keratose. Die Resektion war in 24 Fällen vollständig und in 7 Fällen unvollständig [824].

Krahn et al. (1998) konnten eine Sensitivität bei der Bestimmung der Tumordicke von Melanomen (± 0,2 mm) zeigen: < 0,76 mm: 79,3 %, 0,76 – 1,5 mm: 42,9 %, > 1,5 mm: 100 %. Die Technik erlaubt chirurgisches Planen und vermeidet Reexzisionen. Jedoch ist deren Anwendung auf Differentialdiagnosen von malignen und benignen Hautläsionen beschränkt [825].

Wortsman und Wortsman (2010) haben den Stellenwert des Ultraschalls bei der Differenzialdiagnose untersucht. Der Anteil korrekter klinischer Diagnosen bei Überweisung betrug 73 %, während nach Diagnosestellung mittels Ultraschall der Anteil der korrekten Diagnosen bei 97 % lag. Die diagnostische Genauigkeit für den Ultraschall wird mit einer Sensitivität von 99 % (95 % CI: 98,9-99,5) und einer Spezifität von 100 % (95 % CI: 96,4-99,9) angegeben. Die Einschlusskriterien werden jedoch nicht beschrieben und nicht alle Patienten erhielten eine Biopsie mit histopathologischer Sicherung. Ebenfalls kannten die Untersucher die vorherige klinische Diagnose (fehlende Verblindung). Aufgrund des Studiendesigns und der fehlenden Beschreibung des Patientenkollektivs können die Ergebnisse nur sehr eingeschränkt als Grundlage für Handlungsempfehlungen dienen [826].

8.5.1.12 Weitere Verfahren: Multispektralanalyse und Raman-Spektroskopie

Mehrere Studien liegen zur multispektralen digitalen Dermatoskopie vor. In einer Studie von Elbaum et al. wurden insgesamt 63 maligne Melanome und 183 Nävi untersucht [827]). Hierbei konnte – je nach Auswertemodus - eine Sensitivität zwischen 95-100% und eine Spezifität zwischen 68 und 84% gezeigt werden. In einer weiteren multizentrischen, prospektiven Studie wurden insgesamt 1.383 Patienten mit 1.831 Läsionen untersucht [828]. Insgesamt konnten 127 Melanome identifiziert werden. Die Sensitivität in dieser Studie betrug 98,4% (125 / 127 Melanomen) und die Spezifität 9,9%. Eine Gruppe erfahrener Dermatologen bewertete in der Studie von Hauschild et al. 130 Einzelläsionen [829]. Dabei war die Sensitivität durch Multispektralanalyse höher als durch die alleinige Auswertung klinischer und dermatoskopischer Bilder durch die Experten. Die Spezifität war auch in dieser Studie gering.

Raman-Spektroskopie

Bei der Raman-Spektroskopie wird die inelastische Streuung von Licht an Molekülen und Festkörpern untersucht. Lim et al. untersuchten in einer Studie mehrere spektrale Untersuchungsmethoden, unter anderem auch die Raman-Spektroskopie [830]. Die Autoren konnten an einer kleinen Patientengruppe (12 Melanome, 17 benigne Pigmentläsionen) eine 100%ige Sensitivität und Spezifität der Raman-Spektroskopie zeigen. Signifikante Unterschiede zwischen Nävi (n=41) und malignen Melanomen (n=15) zeigte ebenfalls Philipsen et al. [831]. Allerdings gaben die Autoren weder Daten bezüglich der Spezifität noch Sensitivität für das Verfahren an.

8.5.2 Bestätigungsdiagnostik

Christian Rose und Michael Flaig

8.5.2.1 Methoden der Bestätigungsdiagnostik

8.56 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Die histopathologische Untersuchung einer geeigneten Gewebeprobe ist die Standardmethode der Bestätigungsdiagnostik. Zur Bestätigung einer verdächtigen Läsion soll die histopathologische Diagnostik angewandt werden.

8.57 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Bereits bei der Entnahme der Gewebeprobe sollen die jeweils relevanten funktionellen Besonderheiten beachtet werden (z. B. im Gesichts- und Genitalbereich), um eine Funktionsstörung (z. B. Ektropium, Fazialisparese) allein aufgrund der Gewebeentnahme zu vermeiden.

Die histopathologische Untersuchung der Gewebeprobe erfolgt durch einen ausgebildeten Pathologen (Facharztstandard) oder Dermatohistologen (Zusatzbezeichnung). In der Qualitätssicherungsvereinbarung für das HKS [832] wird zusätzlich vom Befunder eine Mindestanzahl persönlicher Befundungen an Hautproben gefordert, die nachzuweisen ist.

In der Regel wird das Hautgewebe nach Formalinfixierung aufgearbeitet. In seltenen Fällen erfolgt die histologische Untersuchung in Gefrierschnitt-Technik. Hierbei ist eine entsprechende Erfahrung mit der technischen Durchführung und Beurteilung dieser Präparate nötig [833].

Das Vorliegen einer geeigneten Gewebeprobe ist Voraussetzung für eine histopathologische Untersuchung. Das Vorgehen zur Gewebeentnahme ist von dem klinischen Befund und der klinischen Verdachtsdiagnose abhängig (siehe auch Kapitel 3.2.3 in der S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms“ [832]; [790]).

Besondere anatomische Gegebenheiten müssen unter Berücksichtigung der Expertise der zuständigen Fachgebiete (z.B. HNO, Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie, Augenheilkunde, Gynäkologie) bereits bei der Gewebsentnahme im Hinblick auf Funktion und Kosmetik beachtet werden, damit z. B. keine Verletzungen von Nerven (im Gesicht z. B. des Nervus Fazialis) und narbige Verziehungen und ggf. Stenosen (z.B. der Tränenwege, Lider, Genitale) auftreten.

8.5.2.2 Durchführung der Bestätigungsdiagnostik

8.5.2.2.1 Bestätigungsdiagnostik beim malignen Melanom (MM)
8.58 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Bei klinischem Verdacht auf ein malignes Melanom soll diese Läsion primär mit kleinem Sicherheitsabstand komplett exzidiert werden.

Literatur
[790] [655]
8.59 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2020

Die optimale Gewebeprobe zur histopathologischen Beurteilung einer Hautläsion mit Verdacht auf ein malignes Melanom ist die komplette Exzision (Exzisionsbiopsie) mit einem Sicherheitsabstand von 2 mm inklusive der Entfernung von Fettgewebe.

Evidenzlevel
2+
Literatur
[659]

In Anlehnung an die SIGN-Leitlinie Nr. 72 „Cutaneous Melanoma“ (2003) sowie die „Clinical Practice Guidelines for the Management of Melanoma in Australia and New Zealand“ (2008) sollte ein MM mit einem kleinen Sicherheitsabstand von 2 mm komplett exzidiert werden [655]; [659]. Ein größerer Exzisionsabstand hingegen zerstört Lymphabflusswege und behindert eventuell die Auffindung von Sentinel-Lymphknoten [834].

8.60 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Bei großen, flächigen, melanomverdächtigen Tumoren im Gesicht oder in akraler Haut, an denen eine primäre diagnostische Exzision schwierig ist, kann eine Probebiopsie bzw. Teilexzision durchgeführt werden.

In besonderen Situationen, insbesondere bei großen, flächigen melanomverdächtigen Tumoren im Gesicht oder in akraler Haut, an denen eine primäre diagnostische Exzision schwierig ist, kann auch eine Probebiopsie bzw. Teilexzision durchgeführt werden [655]. Untersuchungen konnten zeigen, dass sich durch dieses Vorgehen keine Verschlechterung der Prognose für die Patienten ergibt [835].

Zur Gewebeentnahme wird allgemein zwischen Inzisions- und Exzisionsbiopsien unterschieden. Für die Inzisionsbiopsien stehen Stanzbiopsien und Flachbiopsien; für die Exzisionsbiopsie steht die spindelförmige Exzision zur Verfügung [836]. Eine superfizielle Shavebiopsie verdächtiger Läsionen ist nicht angebracht [659]. Die verschiedenen Biopsietechniken besitzen jeweils Vor- und Nachteile. Eine korrekt durchgeführte Flachbiopsie (Flachschnitt) ist breiter als eine Stanzbiopsie. Sie erreicht das mittlere Korium und erlaubt eine bessere Beurteilung der Architektur. Eine Stanzbiopsie stellt in der Regel tiefere Anteile des Koriums dar [837]; [834].

Besondere Bedeutung kommt bei einer Probebiopsie der Kommunikation zwischen Klinikern und Histopathologen zu. Um Fehldiagnosen und eine Verzögerung der Diagnose zu vermeiden, muss dem Histopathologen mitgeteilt werden, dass eine Probebiopsie aus einem größeren Tumor vorliegt. Die Entnahmestelle aus der Läsion ist dabei exakt anzugeben (z. B. Randbereich, knotige Anteile, Regressionszone). Die Mitübersendung eines klinischen Bildes kann hierbei hilfreich sein.

8.5.2.2.2 Bestätigungsdiagnostik bei Basalzellkarzinom und Plattenepithelkarzinom
8.61 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Bei einem klinischen Verdacht auf ein Basalzellkarzinom oder ein Plattenepithelkarzinom kann der Tumor primär komplett exzidiert werden oder es kann vorab eine Probebiopsie durchgeführt werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
3
Literatur
[838]

Je nach klinischer Situation kann bei Verdacht auf ein PEK oder BZK eine Stanzbiopsie, eine flache Abtragung (Shave-Exzision) oder eine Exzisions-Biopsie geeignet sein. Die histopathologische Diagnose kann hieran meist zuverlässig gestellt werden [838].

8.5.2.3 Die histopathologische Diagnostik

8.62 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Jeder histopathologische Befund (vgl. Qualitätssicherungsvereinbarung) soll eine Beschreibung des mikroskopischen Befundes mit Formulierung einer Diagnose beinhalten. Der Tumortyp soll nach WHO und das histologische Staging nach gültiger TNM-Klassifikation (UICC) angegeben werden.

Wichtigster Bestandteil jedes histologischen Befundberichtes ist die korrekte Diagnose eines Tumors einschließlich klinisch-pathologischer Korrelation. Hierbei sind bei einem malignen Tumor das Wachstumsmuster, der Differenzierungsgrad und zytomorphologische Charakteristika einer malignen Neoplasie zu beschreiben. Der Tumor ist nach WHO zu typisieren. Das Staging ist nach gültiger TNM-Klassifikation festzulegen, wobei bei Plattenepithelkarzinomen gleichzeitig ein Grading angegeben wird.

Bei der Diagnosestellung eines malignen Tumors sind Angaben zur Schnittrandkontrolle zu machen. Die lateralen und tiefen Schnittränder werden auf das Fehlen bzw. Vorhandensein von Tumorverbänden beurteilt (Residualtumor-(R-) Klassifikation).

Sofern anwendbar und sinnvoll, kann eine mikrometrische Messung des Sicherheitsabstandes zu den Seiten und zur Tiefe vorgenommen werden. In der S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms“ wurden im Kapitel 3.2.5 Parameter des histologischen Befundberichtes beim malignen Melanom erarbeitet und konsentiert [790].

In der gültigen AJCC-Klassifikation des malignen Melanoms (8. Edition) von 20016/17 geht die Bestimmung der maximalen Tumordicke nach Breslow (gemessen an der Unterseite des Stratum corneum bis zur tiefsten Tumorzelle) und eine Ulzeration des Primärtumors (durch Melanomwachstum unterbrochene Epidermis) mit ein. Im Unterschied zur vorangegangenen Klassifikation ist die Bestimmung des Clark-Levels für die Einteilung nicht mehr relevant. Der histopathologische Befund eines malignen Melanoms soll folgende Kriterien beinhalten:

  • Angabe, ob die Exzisionsränder mikroskopisch tumorfrei sind,
  • die Bestimmung der maximalen Tumordicke nach Breslow (gemessen an der Unterseite des Stratum corneum bis zur tiefsten Tumorzelle),
  • die Ulzeration des Primärtumors (durch Melanomwachstum unterbrochene Epidermis),
  • Angabe zu histopathologischen Besonderheiten wie z. B. vaskuläre Invasion und zu morphologischen Besonderheiten (z. B. desmoplastische Melanomanteile).

Der histologische Befund soll gegebenenfalls neben der Diagnose zusätzlich Informationen zu Risikofaktoren für ein Tumorrezidiv oder eine Fernmetastasierung enthalten.

In der S3-Leitllinie aktinische Keratose und Plattenepithelkarzinom der Haut wurden im Kapitel 4.6 Parameter des histologischen Befundberichtes beim Plattenepithelkarzinom erarbeitet und konsentiert [384].
Folgende Informationen sollten enthalten sein:

  • histologischer Tumortyp (bei speziellen Subtypen des PEK)
  • Beschreibung der histologischen Tiefenausdehnung in Bezug auf die anatomische Schichtung (insbesondere ab Clark-Level V, entsprechend Infiltration der Subcutis)
  • Messung der Tiefenausdehnung ab einer Invasionstiefe von 2 mm (entspricht etwa Durchmesser eines 10x Sichtfelds) 
  • im positiven Fall Angabe zum Vorhandensein einer perineuralen Ausbreitung, eines Gefäßeinbruchs oder einer geringen Differenzierung
  • Vollständigkeit der Resektion des invasiven Tumoranteils

In der S2k-Leitlinie "Basalzellkarzinom" wurden im Kapitel 5. Risikofaktoren für ein Rezidiv des BZK definiert. Dies sind die Lokalisation des BZK (Nase, Augenlider und Ohren), der maximale Tumordurchmesser, ob es sich bereits um ein Rezidiv handelt, der histologische Subtyp (insbesondere sklerodermiform), die Entwicklung auf einem Radioderm und perineurales Wachstum [385].

Weitere Inhalte des histopathologischen Befunds eines malignen Hauttumors im Rahmen des HKS 2008 wurden in der zugehörigen Qualitätssicherungsvereinbarung zur histophathologischen Untersuchung geregelt, welche für die Pathologen und Dermatohistologen in diesem Kontext rechtlich bindend sind [832]. Wie dort festgelegt ist, soll die Größe des zu untersuchenden Präparates und die Art der Entnahmetechnik im histologischen Befund und/oder OP Bericht dokumentiert werden (Anlage 1 dieser Qualitätssicherungsvereinbarung)

8.6 Hautkrebsbezogene Lebensqualität

Yvonne de Buhr, Elisa Grossmann & Jessica Achter

Eine methodische Erfassung der Lebensqualität von Hautkrebspatienten zur Ableitung gezielter Interventionen zur Verbesserung der Gesamtsituation findet derzeit im deutschen Gesundheitswesen noch nicht statt. Es gibt Hinweise, dass Interventionen einzelne Dimensionen der Lebensqualität (LQ) positiv beeinflussen können [839]; [840].

Eine allgemeinverbindliche Definition des Begriffs „gesundheitsbezogene Lebensqualität“ („Health-related Quality of Life“, HRQoL) existiert nicht. Hier wird eine operationale Definition als ein multidimensionales Konstrukt, das körperliche, emotionale, mentale, soziale, spirituelle und verhaltensbezogene Komponenten des Wohlbefindens und der Funktionsfähigkeit miteinbezieht, zu Grunde gelegt.

Generell besteht Konsens darüber, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität nur zielführend aus der subjektiven Sicht der Betroffenen erfasst werden kann [841]. Die Lebensqualität wird im Wesentlichen bestimmt durch das Vorliegen oder die Abwesenheit von individuell als belastend erlebten Problemen.

Instrumente zur Erfassung der Lebensqualität lassen sich in krankheitsübergreifende (generische) und krankheitsspezifische Verfahren einteilen. Häufig eingesetzte Instrumente zur Erfassung der Lebensqualität von Hautkrebspatienten sind zum Beispiel: „European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) QLQ-C30“, „Short Form-36“ (SF-36), „Brief Symptom Inventory“ (BSI), „Global Quality of Life Scale“ (GLQ-8) und „Quality of Well-Being Self-administered Questionnaire“ (QWB-SA). Weitere Instrumente sind der Fragebogen zur allgemeinen gesundheitsbezogenen Lebensqualität für Melanompatienten (FACT-M), zudem FACT-BRM für Zytokintherapie und FACT-F für „Fatigue“, „State Trait Anxiety Inventory“ (STAI) und „Hospital Anxiety and Depression Scale“ (HADS) für Angst und Depression sowie der „Cancer Therapy Satisfaction Questionaire“ (CTSQ,) zur Erfassung der LQ unter Therapie.

Einfluss einer Hautkrebserkrankung auf die Lebensqualität von Betroffenen

  • Patienten mit fortgeschrittenem Melanom (Stadium III und IV) leiden unter gravierenden psychischen Belastungen.

Das systematische Review von Dunn et al. [842] untersuchte quantitative und qualitative psychologische Endpunkte bei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom (Stadium III/ IV). Die Literaturrecherche erfolgte in fünf Datenbanken (Medline, PsycINFO, Ovid, CINAHL, ScienceDirect) für Artikel von Januar 1980 bis Januar 2016. Es wurden 52 englischsprachige Artikel eingeschlossen, von denen 48 quantitativ und 4 qualitativ waren.

Die qualitativen Studien berichteten über die psychische Belastung der Patienten durch die ungewisse Zukunft, die Unfähigkeit langfristige Pläne zu machen, was vor allem bei Patienten im Stadium III zu einem Gefühl von Kontrollverlust, Angst und Frustration und Hoffnungslosigkeit sorgt. Bei 75% der Patienten führt dies zu emotionalem Stress, bei der Hälfte zu Panik, Verzweiflung und einem Schock und bei 25% kommt das Gefühl von Ungerechtigkeit auf.

Patienten, die einen Rückfall erlitten, empfanden den Schock seltener, fanden die Kontrolluntersuchungen jedoch furchterregend und erinnerte sie an ihre Sterblichkeit, sie berichteten über Wut und Ärger (ein Artikel).

In den quantitativen Studien haben 20-28% der Patienten klinische Angst (Score nach HADS) und 16-19% eine klinische Depression (2 Artikel). Ungefähr die Hälfte der Stadium III- und 56-58% der Stadium IV-Patienten gelten als hoch bzw. ernsthaft gestresst (zwei Artikel).

Zwei Artikel identifizierten eine signifikant geringere emotionale Funktion von Stadium IV- im Vergleich zu Stadium III-Patienten und von Patienten, bei denen die Lymphdrüsen betroffen sind, im Vergleich zu anderen (ein Artikel) [842].

  • Melanom-Patient mit Lymphödem haben eine geringere gesundheitsbezogene Lebensqualität als Patienten ohne Lymphödem.

Eine dänische Querschnittsstudie [843] untersuchte die HRQoL von 431 Patienten mit Melanomen an den Extremitäten im Herlev Gentofte Krankenhaus zwischen Januar 1997 bis Februar 2015. Dazu wurden standardisierte Assessment-Tools verwendet.

Melanom-Patienten mit Lymphödem (n=109) zeigten eine signifikant geringere HRQoL als Patienten ohne Lymphödem. Dies gilt im Besonderen für die Subskalen allgemeinen Gesundheitszustand/ Lebensqualität (OR=1,7; 95% CI: 1,1-2,5; p= 0,008), die Rollenfunktion (OR=2,8; 95% CI:1,7-4,4; p˂0,0001), die soziale Funktion (OR=2,2; 95% CI: 1,2-3,8; p=0,006), Müdigkeit (OR=0,5; 95% CI: 0,3-0,7; p=0,0005), Schmerz (OR=0,6; 95% CI: 0,4-0,9; p=0,01) und das Körperbild (OR=0,4; 95% CI: 0,2-0,6; p˂0,0001).

Bei der Stratifikation nach Alter und Geschlecht ist zu erkennen, dass jüngere Patienten mit Lymphödem häufiger finanzielle Schwierigkeiten haben, jüngere Patienten und Frauen mit Lymphödem berichten über eine schlechtere soziale Funktion und Frauen über ein schlechteres Körperbild. Bei der Stratifikation nach betroffener Extremität, Art der Behandlung, klinischem Stadium und Dauer des Lymphödems sind keine statistisch signifikanten Unterschiede zu erkennen [843].

  • Nicht melanozytärer Hautkrebs beeinflusst die Lebensqualität der Mehrheit von Betroffenen eher gering.

Untersucht wurde in einem Systematischen Review von Waalboer-Spuij und Nijsten [844] mithilfe einer Recherche in Embase, MEDLINE OvidSP, PubMed publisher und Chochrane Central die HRQoL bei Patienten mit Bösartigkeiten der Haut. Ziel war es, relevante Probleme in der Lebensqualität zu identifizieren und die Instrumente, welche für die Untersuchung bei Patienten mit Keratinozytenkarzinom genutzt wurden, zusammenzufassen.

Eine Studie bezüglich des Einflusses von BZK auf die Lebensqualität zeigte wenig Einfluss mit nur einem kleinen Unterschied vor und nach einer Therapie Messungen erfolgten mithilfe des UK Sickness Impact profiles (UKSIP), einem Maß für den generellen Gesundheitsstatus, und dem Dermatology Life Quality Index (DLQI), einem dermatologisch spezifischen Fragebogen. In dieser Studie stellten die Autoren sehr geringe Punktzahlen fest, inbegriffen ein geringer Einfluss auf die Lebensqualität, mit lediglich einem minimalen Anstieg eine Woche nach Therapie. Dies führt zu dem vorläufigen Schluss, dass BZK geringe Beeinträchtigungen verursachen.

Eine weitere Studie fokussierte sich auf Leid und Bewältigungsstrategien mithilfe des HADS und dem Fragebogen Ways of Coping – Cancer Version (WOC-CA). 19% der Patienten mit nicht-melanomen Hautkrebs erfuhren ein signifikantes Level von Leid (HADS Punktzahl > 13).

In einer Querschnittstudie unter 52 deutschen Patienten diagnostiziert mit aktinischer Keratose, BZK , PEK berichtete die Mehrheit mithilfe des DLQI von keinen bis geringen Beeinträchtigungen der Lebensqualität. Ein Drittel der Patienten berichteten von moderaten bis großen Beeinträchtigungen, besonders in den Subskalen „Symptome und Gefühle“, „Freizeit“ und „Tägliche Aktivitäten“.

In einer prospektiven US-Kohortenstudie wurden BZK assoziiert mit geringen DLQI Werten, hinweisend auf geringe Beeinträchtigungen der Lebensqualität. Vier Monate nach Beginn der Therapie verminderten sich nur die Items fokussierend auf physische Verbesserung und Befangenheit signifikant [844].

  • Je schwerwiegender die aktinischen Schäden der Haut sind, desto schlechter wird die gesundheitsbezogene Lebensqualität von den Betroffenen bewertet.

Bestandteil der beobachtenden Querschnittsstudie im multizentrischen Setting von Tennvall et al. [845] war eine Analyse der HRQoL von Patienten mit verschiedenen Schweregraden von aktinischer Keratose (AK), mithilfe von allgemeinen und krankheitsspezifischen Messinstrumenten. Eingeschlossene Patienten wurden insgesamt 312 AK-Patienten, die eine dermatologische Klinik in Dänemark besuchten. 89% der Patienten hatten aktuelle AK Läsionen, die restlichen 35% hatten Kontrolltermine für vorherige AK`s. Die Patienten vervollständigten den Actinic Keratosis Quality of Life Questionnaire (AKQoL), den DLQI sowie den EQ-5D-5L (eingeschlossen EQ-VAS), nachdem der Arzt vorher den Krankheitsgrad eingestuft hatte.

Die Patienten berichteten im Rahmen des AKQoL von Beeinträchtigungen der HRQoL. Der Mittelwert der Punktzahl beim AKQoL für die 286 Patienten, welche den Fragebogen vervollständigt hatten, betrug 6,7 (Skala: 0-27). Befragte mit schweren aktinischen Schäden hatten eine schlechtere HRQoL (10,07) als Betroffene ohne schwere aktinische Schäden (6,3) (p<0,001). Frauen berichteten von einem höheren AKQoL Punktestand (7,9) als Männer (5,3) (p<0,001), wobei ein höherer AKQoL Wert hier für eine geringere Lebensqualität steht. Teilnehmer unter 60 Jahre berichteten von einer schlechteren HRQoL (8,1) als ältere Probanden (5,0-7,3) (p=0,004) [845].

Der Durchschnittswert derjenigen, die den DLQI Fragebogen vervollständigten (n=209), lag bei 1,99 (Skala 0-30). Patienten mit schweren aktinischen Schädigungen hatten einen höheren DLQI Wert (4,6) als Patienten mit milder AK (1,7) (p<0,001), wobei ein höherer DLQI Wert einer geringeren Lebensqualität entspricht. Befragte mit aktueller AK hatten einen höheren DLQI (2,1) als Befragte ohne aktuelle AK Läsionen (0,9) (p=0,009). Patienten, die bereits ein Plattenepithelkarzinom (PEK) hatten, erreichten einen höheren DLQI Wert (3,4) als Diejenigen, die kein Plattenepithelkarzinom hatten (1,7) (p=0,016). Befragte, die mit Immunsuppressiva behandelt wurden hatten einen höheren DLQI Wert (4) als Befragte ohne diese Behandlung (1,9) (p=0,023). Die DLQI Kategorien, in denen am meisten Beeinträchtigungen wahrgenommen wurden waren „Symptome und Gefühle“ (37%) und „Tägliche Aktivitäten“ (25%) [845].

276 Patienten vervollständigten den EQ-5D-5L Fragebogen und bildeten einen Mittelwert von 0,88 (Skala 0-1). Patienten mit Komorbiditäten berichteten von einer geringeren HRQoL (0,86) als Diejenigen ohne Komorbiditäten (0,93) (p<0,001). Befragte mit Plattenepithelkarzinom (PEK) hatten eine geringere HRQoL (0,85) als Befragte ohne vorausgegangenem PEK (0,89) (p=0,038). Patienten berichteten von den meisten Problemen in dem Bereich: Schmerzen/ Beschwerden (38%) [845].

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