8. Komplikationen der CLL (außer Infektionen) – Chronische lymphatische Leukämie (CLL)
Hauptautor*innen: Dr. Florian Simon, Dr. Paula Cramer
AG-Leitung: Dr. Paula Cramer, Prof. Dr. Wolfgang Knauf
Reviewende Autor*innen: Dr. Ursula Vehling-Kaiser, Prof. Dr. Steffen Simon, Dr. Christina Gerlach, Dr. Tobias Gaska
Auch wenn es sich bei der CLL primär um eine Erkrankung des lymphatischen und blutbildenden Systems handelt, kann sich eine CLL als extranodale Erkrankung manifestieren bzw. rezidivieren. Eine durch den extranodalen Befall ausgelöste Symptomatik oder Bedrohung der normalen Organfunktion stellt eine Indikation für die Einleitung einer gegen die CLL gerichteten Therapie dar.
Desweiteren manifestiert sich die CLL bei etwa 10-20% der Patient*innen mit autoimmunen Komplikationen, wovon Autoimmunzytopenien die häufigste Ausprägung darstellen [288], [289], [290]. Die Behandlung dieser Erkrankungen hängt in der Regel vom Ausmaß der CLL und dem Schweregrad der Symptome ab; häufig ist allerdings eine CLL-gerichtete Therapie notwendig.
8.1 Extranodaler Befall
Bei einem symptomatischen Extranodalbefall (durch Funktionseinschränkung des betroffenen Organs, raumfordernde Wirkung oder Begleitsymptome) soll die Behandlung der zugrundeliegenden CLL erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Gemäß älteren Registerdaten sind 11% der extranodalen B-NHL-Manifestationen durch eine CLL verursacht [291]. Allerdings wird die Inzidenz der CLL mit extranodalem Befall nur mit 0,3/100.000 angegeben [292]. Eine gepoolte Analyse der Patient*innen aus 3 Phase-III-Studien der DCLLSG zeigte, dass 3,6% der Studienpatient*innen einen extranodalen und extramedullären CLL-Befall aufwiesen, obwohl hier ein ZNS-Befall vom Studienprotokoll ausgeschlossen wurde [293]. Es ist also unsicher, wie häufig ein extranodaler und extramedullärer Befall bei der CLL ist, dieser scheint allerdings vermehrt bei Patient*innen mit rezidivierter/refraktärer CLL vorzuliegen und Ausdruck einer fortgeschrittenen, aktiven Erkrankung zu sein [294].
Ein extranodaler Befall kann grundsätzlich jegliche Gewebe betreffen. Eine retrospektive Analyse der zwischen 1975 und 2012 publizierten 192 extramedullären CLL-Fälle von Ratterman et al. betrafen diese in 33% die Haut und in 27% das zentrale Nervensysten, sowie in 14% den Gastrointestinal- und 10% den Urogenitaltrakt (10%), sowie in je 5% Lunge und Auge [294]. In der o.a. Analyse der DCLLSG Studien waren ein Befall der Lunge und des Gastrointestinaltrakts, sowie der Knochen am häufigsten.
Kutane Manifestationen
Hautmanifestationen der CLL gehören mit zu den häufigsten extranodalen Befällen der Erkrankung und treten bei 4-25% der Patient*innen auf [295], [296]. Die Manifestationen haben hierbei ein breites Spektrum und können als primäre CLL-Infiltration oder als sekundäre Immunphänomene (Vaskulitiden, Pemphigus, Insektenbiss-ähnliche Läsionen, etc.) auftreten [297]. Eine Hautbiopsie kann hierbei bei der Differenzierung der unterschiedlichen Manifestationen, insbesondere persistierender Läsionen hilfreich sein.
ZNS-Manifestationen
Die ZNS-Beteiligung kann als parenchymale, leptomengineale oder liquorigene Manifestation vorliegen. Eine ZNS-Beteiligung der chronischen lymphatischen Leukämie ist jedoch selten; in einer retrospektiven Analyse von über 4000 CLL-Patient*innen konnte bei 0,4% des Gesamtkollektivs aber 10% der Patient*innen mit neurologischen Auffälligkeiten eine ZNS-Beteiligung nachgewiesen werden [298]. Die neurologische Symptomatik ist vielfältig und kann sowohl zu zentralenervösen Ausfällen i.S. von kognitiver Dysfunktion, Enzephalopathie und zerebellären Syndromen als auch peripheren Störungen wie Fazialisparese oder Radikulopathien führen. In beinahe der Hälfte der Fälle liegt laut einer retrospektiven Studie von Wanquet et al. eine Erkrankung im frühen und unbehandelten Stadium vor [299].
Eine wichtige Differentialdiagnose der o.a. unterschiedlichen neurologischen Symptome, insbesondere bei Muskelschwäche, Lähmungen, senorischen Störungen, zerebellären Symptomen und Gesichtsfeldausfällen ist die progressive multifokale Leukoencephalopathie (PML), die durch eine Reaktivierung des JC (John Cunningham) Virus im Zusammenhang mit Immunsuppression, v.a. durch eine Behandlung mit anti-CD20-Antikörpern ausgelöst wird.
Renale Manifestationen
Patient*innen mit CLL weisen häufig Nierenfunktionseinschränkungen auf, die mit einer schlechteren Prognose assoziiert sind. Meist sind diese durch die Begleiterkrankungen und nicht durch einen extranodalen Befall der CLL bedingt. So konnte in einer Analyse von 4024 Patient*innen mit CLL in etwa 1% eine Nierenaffektion durch die CLL festgestellt werden, bei einem Großteil als membranoproliferative Glomerulonephritis und nur bei 12% durch eine interstitielle Infiltration durch die CLL [300].
Weitere Manifestationen
Ebenfalls als Manifestation beschrieben und mit bis zu 14% befallen ist der Gastrointestinaltrakt, welcher bei tumorassoziierten Blutungen auch eine Quelle von Anämien sein kann [301]. In bis zu 2% der CLL-Fälle befallen ist die Leber, meist ausgehend vom Portalfeld und assoziiert mit einer schlechteren Prognose assoziiert [302]. Eine kardiopulmonale Beteiligung tritt zumeist therapie- bzw. infektassoziiert auf, kann jedoch in seltenen Fällen ebenfalls durch eine primäre CLL-Infiltration bedingt sein [294], [303] und sollte insbesondere bei der Ursachensuche persistierender Symptome erwogen werden.
Therapie
Symptomatische extranodale Befälle, sei es durch Funktionseinschränkung des betroffenen Organs, raumfordernde Wirkung oder Begleitsymptome (z.B. nicht durch eine symptomatische Behandlung ausreichend gemilderter Pruritus bei Hautbefall) werden laut iwCLL-Leitlinien als Therapieindikation gesehen.
Die Wahl der Therapie soll dabei analog der Erstlinien- bzw. Rezidivtherapie auf Basis vom Risikoprofil sowie patientenindividuellen Faktoren erfolgen (siehe Kapitel Zeitpunkt und Wahl der Erstlinientherapie und Kapitel Krankheitsrezidiv und refraktäre Erkrankung). Zu berücksichtigen sind etwaige Besonderheiten der extranodalen Manifestation wie z.B. ZNS-Befall sowie Dosismodifikationen bei renalem oder hepatischem Befall.
8.2 Autoimmunozytopenien
Bei einem isolierten Abfall einer Zellreihe (insbesondere einer Thrombozytopenie oder Anämie), insbesondere bei Patient*innen mit einem im übrigen indolenten Verlauf der zugrundeliegenden CLL, sollte die Diagnose einer Autoimmunzytopenie unter Berücksichtigung möglicher Differentialdiagnosen erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei einem ungeklärten Hämoglobinabfall, insbesondere bei Patienten mit einem in-dolenten Verlauf der zugrundeliegenden CLL, sollte die Diagnose einer AIHA unter Berücksichtigung möglicher Differentialdiagnosen in Betracht gezogen werden.Die Differentialdiagnosen sollen durch eine ausführliche Anamnese, eine körperliche und sonographische Untersuchung, eine klinisch-chemische Blutuntersuchung (inkl. Coombs-Test und Autoimmunantikörpern), maschinelle Blutbilddifferenzierung inkl. Retikulozytenbestimmung, einen peripheren Blutausstrich, eine Knochenmarksaspiration /–biopsie, sowie ggf. eine virologische Testung und bakteriologische Untersuchungen abgeklärt werden.
- Konsens
- Konsens
Änderungshinweis
Die Differentialdiagnosen sollen durch eine ausführliche Anamnese, eine körperli-che und sonographische Untersuchung, eine klinisch-chemische Blutuntersuchung, einen peripheren Blutausstrich, eine Knochenmarkaspiration oder –biopsie, eine virologische Testung und bakteriologische Untersuchungen ausgeschlossen werden.Patient*innen mit chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) können im Verlauf der Erkrankung autoimmun-getriggerte Zytopenien erleiden [222]. Autoimmunzytopenien beinhalten die Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA), die Autoimmunthrombozytopenie, die Pure Red Cell Anemia (PRCA) sowie die Autoimmungranulozytopenie. Am häufigsten treten die AIHA (7-10 %) und die Autoimmunthrombozytopenie (1-5 %) auf, PRCA und Autoimmunneutropenie sind deutlich seltener (<1 %) [304], [66].
Insbesondere bei Patient*innen mit isolierten Abfällen von einzelnen Zellreihen oder fehlender Erholung unter Therapie ist vor diesem Hintergrund daher weiterführender Diagnostik bezüglich Autoimmunzytopenien sinnvoll. Diese sollen durch eine ausführliche Anamnese, eine körperliche und sonographische Untersuchung, eine klinisch-chemische Blutuntersuchung (ggf. inkl. Coombs-Test und Autoimmunantikörpern), einen peripheren Blutausstrich, ggf. eine Knochenmarksaspiration /–biopsie, sowie ggf. eine virologische Testung und bakteriologische Untersuchungen beinhalten.
8.2.1 AIHA/CAD
Eine autoimmune hämolytische Anämie (AIHA) tritt bei etwa 5-10 % der CLL-Patient*innen auf, in 90% der Fälle ist dies durch IgG-Wärmeagglutinine (wAIHA) bedingt, seltener sind autoreaktive IgM-Antikörper ursächlich, die kälteassoziiert zur Hämolyse führen (cold agglutinin disease, CAD) [305]. Eine AIHA ist mit höherem Alter, fortgeschrittener Erkrankung (Stadium Binet B/C, hohen Lymphozytenzahlen), kurzer Lymphozytenverdopplungszeit, erhöhtem ß2-MG, einem unmutierten IGHV-Status und ungünstigen Zytogenetik assoziiert [306], [288], [289], [307].
Eine AIHA sollte bei einer normo- oder makrozytären Anämie in Betracht gezogen werden, insbesondere bei Nachweis von Hämolyse-Parametern (LDH und Bilirubin erhöht, Haptoglobin nicht nachweisbar) und einer erhöhten Retikulozytenzahl. Die autoimmun-hämolytische Anämie wird durch den Nachweis von Autoantikörpern mittels eines direkten Antiglobulintests (direkter Coombs-Test) diagnostiziert. Allerdings schließt ein negatives Testergebnis eine AIHA nicht aus. Andererseits liegt bei bis zu 15% der CLL-Patient*innen ein positiver Coombs-Test vor, auch ohne manifeste AIHA [289]. Die Diagnose einer AIHA ist gesichert bei Vorliegen einer Anämie mit supprimiertem Haptoglobin und positivem Coombstest.
Die zusätzliche Bestimmung von Serumeisen, Ferritin und Transferrin, Vitamin B12 und Folsäure, sowie eine endoskopische Abklärung kann sinnvoll sein zur Abklärung weiterer Differentialdiagnosen einer Anämie. Bei einer ätiologisch unklaren Anämie sollte ergänzend eine hämatologische Diagnostik mittels peripherem Blutausstrich zur Beurteilung der Zellmorphologie und ggf. Knochenmarkaspiration oder -biopsie erfolgen. Andere Ursachen einer sekundären AIHA erfordern u.a. eine ausführliche Medikamentenanamnese, Infektionsserologie oder rheumatologische Abklärung. Bei Patient*innen mit zurückliegenden Bluttransfusionen sollten zudem Alloantikörper ausgeschlossen werden.
8.2.2 ITP
Bei der Immunothrombozytopenie (ITP) führt eine immunvermittelte Zerstörung und die verminderte Produktion zu einer Thrombozytopenie. Eine isolierte Thrombozytopenie bei Patient*innen mit CLL, insbesondere bei Patient*innen ohne Splenomegalie oder weiterer Zytopenien als H.a. eine Knochenmarkinsuffizienz ist verdächtig für das Vorliegen einer ITP. Im Gegensatz zur AIHA werden Anti-Thrombozyten-Antikörper bei der Diagnose der ITP nicht routinemäßig bestimmt, da diese nur bei etwa der Hälfte der Fälle nachweisbar sind, ein negativer Test die Diagnose also keinesfalls ausschließt. Eine Knochenmarkuntersuchung kann indiziert sein, um zwischen ITP und CLL im fortgeschrittenen Stadium oder anderen primären Knochenmarksprozessen zu unterscheiden.
Bevor weitere Diagnostik durchgeführt wird, sollte eine Pseudothrombozytopenie im Heparin- und/oder Citratblut, sowie mit längerer Lagerung der Proben ausgeschlossen werden.
Die folgenden Parameter werden als Risikofaktoren können für die Entwicklung einer Autoimmunthrombozytopenie angesehen: unmutierter IGHV-Status, hohe ZAP70 Expression (> 20%), erhöhte ß2-Mikroglobulinspiegel (> 2.5 mg/l) [308], [307], [309], vorangegangene Purinanaloga–Therapie [310], [311], und Infektionen.
8.2.3 PRCA
Bei der PRCA handelt es sich um eine isolierte Anämie durch eine komplette oder nahezu komplett fehlende Erythrozytopoese im Knochenmark durch autoimmuner Prozesse (Erythroblastopenie). Patient*innen mit PRCA haben eine ausgeprägte Anämie (sind allerdings aufgrund der langsam fortschreitenden Bildungsstörung häufig gut daran adaptiert) und im Unterschied zur AIHA eine niedrige Retikulozytenzahl, sowie einen negativen Coombs-Test. Bei Patient*innen mit vorbehandelter CLL, umfasst die Differentialdiagnose für hypoproliferative Anämie auch das therapiebedingte myelodysplastische Syndrom (MDS) und die akute myeloische Leukämie (AML). Eine Parvovirusinfektion ist eine bekannte Ursache der PRCA, die ebenfalls differentialdiagnostisch abzuklären ist.
Die PRCA ist selten und betrifft < 1-6% der Patient*innen [312]. Spezifische Risikofaktoren sind nicht bekannt.
8.2.4 Weitere Autoimmunkomplikationen
Das simultane oder konsekutive Auftreten einer ITP und einer AIHA wird als Evans Syndrom bezeichnet. Die Häufigkeit ist mit 0,1-2% der CLL-Fälle selten, die Diagnosestellung aufgrund der zugrundeliegenden CLL häufig verzögert [313].
Als seltene Autoimmunzytopenie wurde zudem die Autoimmuno-Granulozytopenie (AIG) beschrieben. Aufgrund häufig nicht nachzuweisender antineutrophiler Antikörper ist die AIG eine Ausschlussdiagnose. Insbesondere im Kontext mannigfaltiger anderer Ursachen bei Patient*innen mit CLL wie therapieassoziierten Markschäden, MDS/AML, Infektionen, Medikationsnebenwirkungen etc, und erfolgt durch eine Knochenmarkpunktion verifiziert werden [296].
Weitere seltene Komplikationen beinhalten immunvermittelte Gerinnungstörungen wie die erworbene von-Willebrand-Erkrankung (AvWD). Exakte Zahlen zur Prävalenz bei Patient*innen mit CLL liegen nicht vor, jedoch sind lymphoproliferative Erkrankungen für fast 50% der Fälle von AvWD verantwortlich [314]. Insbesondere bei Patient*innen mit neu aufgetretenen Blutungsstigmata in Abwesenheit einer Thrombozytopenie sollte eine erworbene Gerinnungsstörung bedacht und weiter abgeklärt werden.
8.2.5 Therapie von AIHA, CAD und ITP
Liegt eine Autoimmunzytopenie im Kontext einer behandlungsbedürftigen CLL vor, sollte die Behandlung der zugrundeliegenden CLL erfolgen (siehe Kapitel Zeitpunkt und Wahl der Erstlinientherapie; Kapitel Krankheitsrezidiv und refraktäre Erkrankung).
- Konsens
- Starker Konsens
Bei Patient*innen mit symptomatischer CLL-assoziierter wAIHA oder ITP, die keine Behandlungsindikation für die CLL aufweisen, sollte zunächst eine Therapie mit Dexamethason-Stoßtherapie (40mg/Tag für 4 Tage) oder Prednisolon (1- 2 mg/kg KG) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei Patienten mit symptomatischen CLL-assoziierten Autoimmunzytopenien (Blutungszeichen; symptomatische Anämie) sollte zunächst eine Therapie mit Predniso-lon in einer Dosierung von 1- 1,5 mg / kg KG durchgeführt werden.Bei Patient*innen mit Steroid-refraktärer symptomatischer wAIHA/ITP, sollte vorzugsweise eine Therapie mit CLL-spezifischer Therapie oder polyvalenten Immunglobulinen und/oder mit wöchentlichen Rituximabgaben (375mg/m²) erfolgen.
CAVE: Rituximab ist in dieser Indikation nicht im Leistungskatalog der GKV (Kostenübernahme nicht gesichert).
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [315]
Änderungshinweis
Bei Patienten mit Steroid-refraktärer symptomatischer Autoimmunzytopenie kann eine Therapie mit polyvalenten Immunglobulinen oder mit wöchentlichen Rituximabgaben (375mg/m²) erwogen werden.Evidenztabellen (1)
D'Arena et al. 2006Die Behandlung von Autoimmunzytopenien erfolgt nur bei symptomatischer oder rasch progredienter Erkrankung. Insbesondere bei Patient*innen mit wenig dynamischer Erkrankung und einem erhöhten Risiko für therapieassoziierte Nebenwirkungen (komorbide, gebrechliche Patient*innen), ist ein abwartendes Beobachten möglich [316].
Steroide stellen die wichtigste Therapieoption bei CLL-assoziierten Autoimmunzytopenien dar. Zudem kann die Steroidgabe bei einer erschwerten Differenzierung der Genese einer Zytopenie hilfreich sein, da eine rasche Besserung der Zytopenie unter Steroidgabe ein starker Hinweis auf eine autoimmunologische Ursache ist. So sprachen 75% der Patient*innen mit ITP oder AIHA auf die Gabe von Prednisolon in einer täglichen Dosis von 1-2 mg / kg Körpergewicht (KG) sprachen an [317]. Auch die Gabe eines Dexamethason-Stoßes (40mg/d über 4 Tage) zeigte eine gute Wirksamkeit bei ITP und wAIHA [318], [319].
Bei Patient*innen mit einer CLL-assoziierten Steroid-refraktären AIHA zeigte der CD-20-Antikörper Rituximab (Dosierung 375mg/m² 1x/Woche über 4 Wochen) eine Ansprechrate von 72% ohne relevante Nebenwirkungen [315]. Patient*innen mit ITP sprechen in etwa 2/3 der Fälle auf Rituximab an, wobei dies nur bei etwa der Hälfte langfristig andauert. Es ist darauf hinzuweisen, dass diese Standardtherapie in Deutschland nicht zugelassen ist und daher als „off-label“-Therapie eingesetzt werden muss.
Als weitere bei den Autoimmunzytopenien eingesetzte Therapieoptionen sind Immunglobuline, Immunsuppressiva, wie u.a. Ciclosporin A (CsA), Mycophenolatmofetil (MMF), Azathioprin und Cyclophosphamid oder auch die Splenektomie zu nennen. Bei der sekundären ITP ist zudem der Syk-Inhibitor Fostamatinib zugelassen, dessen Toxitizätsprofil allerdings zu beachten ist. Alternativ besteht die Möglichkeit eines off-label Einsatzes der Thrombopoetin-Rezeptor Agonisten (Avathrombopag, Eltrombopag und Romiplostin), die aktuell nur für den Einsatz bei der primären ITP zugelassen sind.
Da die in der Erstlinien- und Rezidivtherapie der CLL eingesetzten zielgerichteten Substanzen auch bei CLL-assoziierten Autoimmunzytopenien eine gute Wirksamkeit zeigen, sind sie den vorgenannten Optionen meist vorzuziehen. Der BTK-Inhibitor Ibrutinib erzielte z.B. in unterschiedlichen Studien Ansprechraten von ~90% und Patient*innen konnten in einer Mehrzahl der Fälle ihre bisherige immunsuppresive Therapie beenden [320], [321], [322]. Für den Bcl-2-inhibitor Venetoclax liegen bislang nur Fallberichte vor, die aber ebenfalls für eine deutliche klinische Aktivität sprechen [323], [324]. Im Falle einer Steroid-refraktären Autoimmunzytopenie ist daher die Behandlung der zugrundeliegenden CLL zu erwägen.
Ein Sonderfall stellt die CAD dar, bei welcher eine steroidbasierte Therapie häufig unzureichend ist. Hier ist bei manifesten Symptomen entweder eine Therapie der zugrundeliegenden CLL oder die Behandlung mit dem gegen die Subkomponente s des Komplementfaktors 1 (C1s) gerichteten monoklonalen Antikörper Sutimlimab zu empfehlen, der für die Behandlung der hämolytischen Anämie bei der CAD zugelassen ist [325].
8.2.6 Therapie der PRCA
Bei der PRCA ist die Diagnostik des zugrundliegenden Pathomechanismus bedeutend für die Therapiewahl [326]. Auch hier gilt allerdings, dass bei Vorliegen einer behandlungsbedürftigen CLL zunächst diese ursächlich zu behandeln werden ist (siehe Kapitel Zeitpunkt und Wahl der Erstlinientherapie; Kapitel 5 Krankheitsrezidiv und refraktäre Erkrankung).
Sollte eine PRCA im Kontext einer ansonsten nicht behandlungsbedürftigen CLL auftreten, ist eine primäre immunsuppressive Behandlung zu erwägen. Allerdings ist festzustellen, dass die Gabe von Prednisolon (1-2 mg/kg /Tag analog der Behandlung anderer Autoimmunzytopenien) nur in 30 – 60% der Patient*innen zu einem Ansprechen führt [327] [328] und es beim Ausschleichen der Steroiddosis in bis zu 80% zu einem Rezidiv der PRCA kommt. Auch wenn eine Re-exposition in bis zu 80% zu erneutem Ansprechen führt, scheint daher eine alternative Immunsuppressive Behandlung, z.B. mit Ciclosporin A sinnvoll.
Evidenztabellen
D'Arena et al. 2006
| Referenz/ Studientyp | Untersuchte Population | (Verglichene) Intervention(en) | untersuchte Endpunkte | Hauptergebnisse | Methodische Bemerkungen/ Evidenzklasse |
|
D'Arena 2006 Retrospective Study |
N = 14
|
First-line treatment: daily methylprednisolone 1-1,5mg/kg Second-line treatment: Rituximab 375 mg/m^2/weekly for 4 weeks All patients remained on steroids during treatment à dose tapered after 2 weeks according to patients response to treatment Steroid dose NOT increased in subjects not responding to treatment No control |
Response criteria to AIHA treatment categorized as followed: CR (normalization of hemoglobin levels, transfusion free and absence of clinical and laboratory signs of hemolysis PR (rise in hemoglobin levels >= 2g/dL, transfusion-free either without or reduced transfusion requirements, and improvement of clinical and laboratory signs of hemolysis) |
Infusion side effects of rituximab were mild i.e. fever in 1 case, fever and chills in another case ALL but 2 patients showed an increase in hemoglobin levels à mean 3.6 g/dL, range 0.7-10 g/dL ONLY 3 patients (22%) were considered complete responders; 7 (50%) were partial responders
|
Study Duration: Unknown Median Follow-up/data cutoff: Unknown Limitations of the study design: uncontrolled data collection Funding: Unknown Other limitations: None |
Literaturhinweise
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