Leitlinienprogramm OnkologieZervixkarzinom

13. Psychoonkologie – Zervixkarzinom

Version 3.0 · Oktober 2026 · AWMF 032-033OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

Wesentliche Neuerungen im Kapitel Psychoonkologie und Lebensqualität

Das vorliegende Kapitel wurde verändert (Gliederung analog zu LL Endometrium, Verweis auf S3 LL Psychoonkologie deutlicher, die Empfehlungen wurden teilweise gestrichen und in anderen Empfehlungen integriert). Der Abschnitt 13.2 "Messung der Lebensqualität" wurde gestrichen, weil Lebensqualität kein exklusiv psychoonkologisches Thema ist.

B. Hornemann, F. Mumm

Dieses Kapitel wurde in Anlehnung an die bereits bestehende S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatient*innen, Langversion 2.1, 2023, AWMF-Registernummer: 032-051OL erstellt Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF (2023). Leitlinienprogramm Onkologie 

13.1 Psychoonkologische Hilfen

13.1 · Konsensbasiertes Statement · geprüft 2026

Die psychoonkologische Versorgung von Patientinnen mit Zervixkarzinom ist ein integraler Bestandteil der onkologischen Diagnostik, Therapie und Nachsorge und stellt eine interdisziplinäre Aufgabe dar.

Konsens
Starker Konsens

Patientinnen mit einem Zervixkarzinom weisen eine Reihe von psychosozialen Belastungen auf [541][542][545][546][547]. Neben Beeinträchtigungen der psychischen Befindlichkeit, stehen Störungen der Sexualfunktionen im Vordergrund, die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, das Körperbild und die wahrgenommene sexuelle Attraktivität und damit auch die Lebensqualität der Patientinnen haben. Beim Zervixkarzinom ist die Sexualität der Patientinnen besonders beeinträchtigt, wenn eine umfassende Operation oder Radio(chemo)therapie durchgeführt werden musste und es zu Verwachsungen im Behandlungsbereich oder zu einer Verkürzung der Scheide gekommen ist. Zudem können therapiebedingte Nervenverletzungen die Lubrikation stören. Eine Radio(chemo)therapie kann zu Strahlenfibrosen oder Fistelbildung führen und das Scheidengewebe anfälliger für Infektionen machen. Alle diese Behandlungen können den Geschlechtsverkehr, unter anderem durch Schmerzen, sehr erschweren, wenn nicht unmöglich machen [543][544]. 

Die psychosoziale Beratung und psychoonkologische Behandlung von Patientinnen mit Zervixkarzinom ist integraler Bestandteil der onkologischen Diagnostik, Therapie und Nachsorge und stellt eine interdisziplinäre Aufgabe dar [546][547][548][549][550] . Die psychoonkologische Versorgung der Patientinnen wird auf der Basis eines interdisziplinären Ansatzes zwischen allen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen realisiert. Die psychoonkologischen Maßnahmen sollen in ein Gesamtkonzept der onkologischen Behandlung integriert werden. 

Hierfür sollte der behandelnde Arzt über psychoonkologische Basiskompetenzen verfügen. Darüber hinaus sollte eine psychoonkologische Fachkraft in das Behandlungsteam integriert sein, um die psychoonkologische Beratung und Behandlung durchführen zu können. 

13.2 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2026

Eine psychosoziale Beratung und Unterstützung soll allen Patientinnen und deren Angehörigen in jeder Krankheitsphase bedarfsgerecht und niederschwellig angeboten werden.

Konsens
Starker Konsens
ÄnderungshinweisEine psychosoziale Beratung und Unterstützung soll allen Patientinnen und deren Angehörigen bedarfsgerecht angeboten werden.


Psychosoziale Hilfen (Beratung und psychoonkologische Behandlung) umfassen eine patientengerechte Information und Beratung, eine qualifizierte psychosoziale Diagnostik, sowie eine gezielte psychosoziale Unterstützung. Diese schließt die Verarbeitung der Erkrankung, der Behandlung und der auftretenden Nebenwirkungen und Folgeprobleme sowie den Umgang mit fortbestehenden Funktionsstörungen und weiteren krankheits- oder behandlungsassoziierten Einschränkungen wie wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Fragen zur Rückkehr ins Erwerbsleben ein. Konkret können diese Maßnahmen also im Sinne von psychologischen/psychoonkologischen Interventionen, Beratung durch Sozialarbeiter, onkologische Rehabilitationen oder weitere professionelle Einrichtungen erbracht werden. Diese Hilfen richten sich an Betroffene und Angehörige des Umfeldes und betreffen die gesamte Krankheitsphase von Diagnose, Aufklärung, Therapie, supportiver Behandlung, Rehabilitation, Nachsorge und ggf. palliativmedizinischer Versorgung. 

13.3 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2026

Die Feststellung des individuellen Bedarfs sowie die daraus abgeleitete Beratung und Behandlung soll entsprechend der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von Krebspatienten“ (AWMF-Registernummer 032/051OL; Version 2.1 2023) über ein standardisiertes Screeningverfahren erfolgen.

Konsens
Starker Konsens

Die diagnostische Abklärung sowie Indikationsstellung für psychoonkologische Interventionen sollten entsprechen der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von Krebspatienten“ (AWMF-Registernummer 032/051OL, Version 2.1 2023, Aktualisierung in 2021 erwartet) erfolgen [549]. Dies beinhaltet, dass die Patientin frühzeitig nach Diagnosestellung oder im Behandlungsverlauf über die Möglichkeiten psychoonkologischer Hilfestellungen informiert werden sollte. Hierbei sollte eine enge Absprache mit allen in die Versorgung der Patientin involvierten Personen (z. B. Gynäkologischer Onkologe, Hausarzt, Frauenarzt, Radioonkologe, ambulanter Pflegedienst...) angestrebt und ein kontinuierlicher Informationsfluss sichergestellt werden [546].

Zur Feststellung der psychosozialen Belastungen sowie des psychoonkologischen Behandlungsbedarfs sollen standardisierte und validierte Screeningverfahren eingesetzt werden [551]. Der Einsatz eines psychoonkologischen Screeninginstrumentes sollte frühestmöglich erfolgen und in angemessenen Abständen, wenn klinisch indiziert oder bei Veränderung des Erkrankungsstatus der Patientin (z.B. Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung) wiederholt durchgeführt werden. Entsprechend den Vorgaben in der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von Krebspatienten“ (AWMF-Registernummer 032 - 051OL) wird vor allem die Verwendung des Distress Thermometers oder der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) empfohlen [552]. Im Falle eines positiven Ergebnisses eines Screening soll ein diagnostisches Gespräch zur weiteren diagnostischen Abklärung erfolgen. 

Psychoonkologische Interventionen sind entsprechend der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von Krebspatienten“ (AWMF-Registernummer 032/051OL Version 1.1 Januar 2014) definiert als eine nicht-pharmakologische Intervention, in welcher psychologische Methoden wie z. B. Psychoedukation, Stressbewältigungstraining, Psychotherapie, Entspannungsverfahren allein oder in Kombination, von einem professionellen Therapeuten in einer persönlichen Interaktion mit Krebspatienten durchgeführt werden, um deren psychische und soziale Belastungen zu vermindern und die Lebensqualität zu erhöhen. Zu den psychoonkologischen Interventionen gehören: 

  • Entspannungsverfahren
  • Psychoedukation 
  • Psychotherapie (Einzel, Gruppe, Paar) 
  • Psychosoziale Beratung 
  • Künstlerische Therapie


Die genannten psychoonkologische Interventionen sind sowohl bei schweren psychischen Belastungen, Paarkonflikten sowie bei psychischen Störungen insbesondere depressive Störungen und Angststörungen indiziert [553]. Die psychoonkologischen Interventionen sollten am individuellen Bedarf der Patientin ausgerichtet werden [554] und dem in der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von Krebspatienten“ (AWMF-Registernummer 032/051OL, Version 2.1 2023) festgelegten Algorithmus folgen. Ebenso sollte der Wunsch der Patientin berücksichtigt sowie der Partner und die Angehörigen in die psychosoziale Beratung und Behandlung der Patientin eingebunden werden. 

13.4 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2026

Das Thema Sexualität soll in den unterschiedlichen Phasen des Behandlungsprozesses und der Nachsorge bei Patientinnen mit Zervixkarzinom aktiv exploriert werden, um weiteren Unterstützungsbedarf und entsprechende Hilfestellungen einleiten zu können.

Konsens
Starker Konsens
ÄnderungshinweisDas Thema Sexualität sollte aktiv exploriert werden, um weiteren Unterstützungsbedarf und entsprechende Hilfestellungen einleiten zu können.

Probleme der Sexualität sollten von den Behandlern immer aktiv angesprochen werden, da aufgrund der Schambesetztheit sowie Tabuisierung des Themas Sexualität die Patientinnen von sich aus das Thema selten ansprechen. 

13.5 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2026

Untersuchungen zur Lebensqualität bei Patientinnen mit Zervixkarzinom sollen sowohl in klinischen Studien als auch in der Versorgungsforschung durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens

Die Einbeziehung von Lebensqualität als patientenrelevanter Ergebnisparameter gewinnt in der medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Forschung zunehmend an Relevanz [555] . Lebensqualität stellt mittlerweile ein gut etabliertes Kriterium zur Bewertung des Therapieerfolges dar, bei dem die Patientenperspektive im Mittelpunkt steht. Insbesondere in der Onkologie kann die Steigerung oder Erhaltung der Lebensqualität neben der Verringerung von Morbidität und Mortalität als ein wichtiges Behandlungsziel bezeichnet werden. Vor allem wenn höhere Responseraten neuer Wirkstoffe oder Kombinationen mit einer erhöhten Toxizität und einem verstärkten Nebenwirkungsprofil einhergehen, erlangt die Lebensqualität von Patienten und Patientinnen an Bedeutung. Die explizite Erwähnung von Lebensqualität im SGB V unterstreicht zudem die gesundheitspolitische Relevanz der Thematik in Deutschland.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität ist als ein multidimensionales Konstrukt zu verstehen, das physische, psychische und soziale Aspekte der Gesundheit zusammenfasst und dabei das subjektive Empfinden in den Vordergrund stellt [555]. Neben dem körperlichen Status liegt der Fokus der Lebensqualitätsforschung also u. a. auch auf dem psychischen Zustand und den sozialen Beziehungen.

Mittlerweile existiert eine Vielzahl von standardisierten und validierten Instrumenten, mit denen das komplexe Konstrukt Lebensqualität gemessen werden kann.

Zur Erfassung der Lebensqualität empfiehlt die EORTC eine komplementäre Erhebung der Lebensqualität [555]: generische (EORTC QLQ-C30; FACT-G) [467], entitätsspezifische (EORTCQLQ-CX24; FACT-Cx) [555] sowie ggf. ergänzende Einzelitems (z.B. aus der EORTC Item-Library) für bisher nicht abgebildete Symptombereiche [555].

Weitere Informationen zur Lebensqualität finden sich in der Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatient*innen (Version 2.1 – August 2023 AWMF-Registernummer: 032-051OL)

Literaturhinweise

[541] Brown, L. F., Kroenke, K., Cancer-related fatigue and its associations with depression and anxiety: a systematic review, Psychosomatics, 2009. 50: p. 440-7., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19855028/

[542] Hodgkinson, K., Butow, P., Fuchs, A., Hunt, G. E., Stenlake, A., Hobbs, K. M., et.al. Long-term survival from gynecologic cancer: psychosocial outcomes, supportive care needs and positive outcomes, Gynecol Oncol, 2007. 104: p. 381-9., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17027072/

[545] Reuter, K., Raugust, S., Marschner, N., Harter, M., Differences in prevalence rates of psychological distress and mental disorders in inpatients and outpatients with breast and gynaecological cancer, Eur J Cancer Care (Engl), 2007. 16: p. 222-30., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17508941/

[546] Roth, A. J., Carter, J., Nelson, C. L., Sexuality after CancerOxford University Press, Psycho-Oncology, 2010., https://academic.oup.com/oxford-medicine-online?statusCode=404&404;http://oxfordmedicine.com:80/view/10.1093/med/9780195367430.001.0001/med-9780195367430-chapter-33

[547] Steele, R., Fitch, M. I., Supportive care needs of women with gynecologic cancer, Cancer Nurs, 2008. 31: p. 284-91., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18600115/

[543] Klee, M., Thranov, I., Machin Prof, D., The patients perspective on physical symptoms after radiotherapy for cervical cancer, Gynecol Oncol, 2000. 76: p. 14-23., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10620435/

[544] Li, C., Samsioe, G., Iosif, C., Quality of life in endometrial cancer survivors, Maturitas, 1999. 31: p. 227-36., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10340282/

[548] Kaufmann, M., Ernst, B., Was Frauen mit Krebs erfahren, empfinden, wissen und vermissen, Deutsches Ärzteblatt, 2000. 47: p. 191-196., https://api.aerzteblatt.de/pdf/97/47/a3191.pdf

[549] Leitlinienprogramm_Onkologie, S3 Leitlinie "Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von Krebspatienten“ (AWMF-Registernummer 032 - 051OL), 2014.

[550] Devine, E. C., Westlake, S. K., The effects of psychoeducational care provided to adults with cancer: meta-analysis of 116 studies, Oncol Nurs Forum, 1995. 22: p. 1369-81., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8539178/

[551] Herschbach, P., Weis, J., Screeningverfahren in der Psychoonkologie: Testinstrumente zur Identifikation betreuungsbedürftiger Krebspatienten, Deutsche Krebsgesellschaft Berlin, 2010. 2. Auflage:, https://www.wpo-ev.de/wp-content/uploads/2023/07/Screening_broschuere.pdf

[552] Mehnert, A., Lehmann, C., Cao, P., Koch, U., Assessment of psychosocial distress and resources in oncology--a literature review about screening measures and current developments, Psychother Psychosom Med Psychol, 2006. 56: p. 462-79., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17160791/

[553] Chan, Y. M., Lee, P. W., Fong, D. Y., Fung, A. S., Wu, L. Y., Choi, A. Y., et.al. Effect of individual psychological intervention in Chinese women with gynecologic malignancy: a randomized controlled trial, J Clin Oncol, 2005. 23: p. 4913-24., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15939927

[554] Beesley, V., Eakin, E., Steginga, S., Aitken, J., Dunn, J., Battistutta, D., Unmet needs of gynaecological cancer survivors: implications for developing community support services, Psychooncology, 2008. 17: p. 392-400., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17680554

[555] Radoschewski, M., Gesundheitsbezogene Lebensqualität - Konzepte und Maße: Entwicklungen und Stand im Überblick, Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 2000. 43: p. 165-189., https://link.springer.com/article/10.1007/s001030050033