14. Integrative Medizin – Zervixkarzinom
Wesentliche Neuerungen im Kapitel Integrative Medizin
Verweis auf die S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischen PatientInnen und auf die S3-Leitlinie Ernährung und Ernährungsmedizin in der Onkologie. Das Kapitel wurde teilweise gekürzt.
C.C. Hack, M.W. Beckmann
14.1 Einführung
Ziele der komplementären und alternativen Medizin, auch oftmals unter dem Begriff Integrative Medizin subsumiert, sind es, Nebenwirkungen zu reduzieren, das allgemeine Wohlbefinden und/oder die Lebensqualität zu steigern und so einen eigenen Beitrag zur Krankheitsbewältigung zu leisten. Immer mehr Gesunde und Kranke nutzen die Möglichkeiten der Integrativen Medizin. Hierzu zählen exemplarisch Homöopathie, Akupunktur, Yoga, Hypnose, Meditation, Pflanzentherapie, Diätkonzepte, Nahrungsergänzungsmittel oder Sport. Sowohl von Patienten- als auch von ärztlicher Seite gewinnen diese Medizinformen immer mehr Zulauf und werden von vielen bereits als Bestandteil der derzeitigen Medizin gesehen [556]. Insbesondere Frauen scheinen für diese Methoden sehr empfänglich zu sein.
Aussagen über die Sicherheit der Therapien sind zumeist aufgrund geringer bis mangelnder Datenlage schwierig. Aufgrund der Prävalenz dieser Methoden muss die konventionelle Medizin sich mit diesen Therapiekonzepten auseinandersetzen, um möglichen Nutzen zu finden aber auch Schaden für die Patientinnen abzuwenden.
Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischen PatientInnen stellt für alle Onkologinnen und Onkologen auf höchst möglichem Evidenzniveau Empfehlungen dar, welche die Patientensicherheit und auch die Behandlungsqualität erhöhen sollen (S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen Langversion 2.0 – Mai 2024 AWMF-Registernummer: 032/055OL). Diese Leitlinie ist auch für Zervixkarzinompatientinnen gültig.
14.2 Begriffsdefinition
Integrative Medizin ist ein übergeordneter Begriff, unter dem das Zusammenspiel von wissenschaftlicher evidenzbegründeter Medizin („Schulmedizin“) und komplementärer erfahrungsbezogener Medizin („Komplementärmedizin“) verstanden wird. Hierbei werden komplementäre Methoden, die zur ganzheitlichen Betreuung beitragen sollen, als Ergänzung in die derzeitigen Medizinkonzepte integriert [557], [558]. Unter dem Begriff Komplementäre und Alternative Medizin (im Englischen: Complementary and Alternative Medicine; (CAM)) werden alle komplementären und alternativen Heilmethoden zusammengefasst.
Unter dem Eindruck der Krankheit und gegebenenfalls eigenen Konzepten zur Krebsätiologie kann es für die betroffene Patientin schwierig sein, rational begründbare Entscheidungen zu treffen. Dieses Kapitel soll einen Überblick über die verschiedenen Behandlungsoptionen und deren Wirksamkeit geben
14.3 Beratung zum Bereich Komplementärer und Alternativer Medizin (CAM)
Eine Beratung zu Komplementären und Alternativen Methoden (CAM) soll erfolgen. Wenn Patientinnen entsprechende Methoden anwenden, soll dies erfasst werden, um mögliche Kontraindikationen und Interaktionen auszuschließen.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Eine Beratung zu Komplementären und Alternativen Methoden (CAM) sollte erfolgen. Wenn Patientinnen entsprechende Methoden anwenden, sollte dies erfasst werden.Aufgrund der vorgenannten Verbreitung der Anwendung der Methoden und deren möglichen Interaktionen bei Radio- und/oder Chemotherapie ist es aus medizinischer Sicht wichtig, die Patientinnen auf Möglichkeiten der Interaktion hinzuweisen. Darüber hinaus haben die Patientinnen den Wunsch, objektive Informationen zu diesen Methoden zu erhalten [559]. Der medizinischen Notwendigkeit einerseits und dem Wunsch der Patientinnen andererseits sollte Rechnung getragen werden (siehe S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen [80]
14.4 Bedeutung alternativmedizinischer Methoden
Alternativmedizinische Behandlungsoptionen, d. h. Maßnahmen, die unter Verzicht auf Methoden der konventionellen Medizin versuchen, Frauen mit Zervixkarzinom zu behandeln, sollen abgelehnt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Zur Wirksamkeit von alternativen Behandlungsmethoden (z.B. Misteltherapie, Vitamin C, Homöopathie) beim Zervixkarzinom gibt es keine belastbaren Daten. Alternative Therapieverfahren, die anstelle der konventionellen Medizin eingesetzt werden, werden bezüglich Nebenwirkungen, Interaktionen und Prognoseverschlechterung als bedenklich und nicht geeignet eingestuft.
Untersuchungen zur Alternativen Medizin in anderen Tumorentitäten zeigten ausschließlich ein ungünstigeres Überleben bei Anwendung alternativer Methoden [560][561][562][563][564][565]. Daher sind diese Methoden abzulehnen.
14.5 Bedeutung komplementärmedizinischer Methoden
Bei den komplementärmedizinischen Methoden unterscheidet man zwischen Maßnahmen, die die Wirksamkeit der Behandlung oder die Prognose verbessern und solchen, die die Nebenwirkungen von Behandlungen verringern sollen. Die Mehrzahl der Methoden sind ausgeschlossene Methoden nach § 135 SGB V, und daher keine vertragsärztlichen Leistungen zulasten der GKV.
Es gibt sehr wenige Publikationen zur Integrativen Medizin bei Zervixkarzinompatientinnen, die dem Evidenzniveau entsprechen. Aus diesem Grund wird auf allgemeine Empfehlungen zur Integrativen Medizin, die für alle gynäkologische Tumoren gleichermaßen gültig sind, verwiesen. Dies sind insbesondere Empfehlungen zur Ernährungstherapie, körperlichen Aktivität und Sport sowie Vitamin D. Weiterführende Hinweise zur Integrativen Medizin sind der S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen, der S3-Leitlinie Mammakarzinom und der S3-Leitlinie Ernährung und Ernährungsmedizin in der Onkologie zu entnehmen (S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen Version 2.0, Mai 2024, AWMF-Registriernummer 032/055OL. Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, Langversion 5.02, Mai 2025, AWMF-Registriernummer: 032-045OL. Interdisziplinäre S3-Leitlinie Ernährung und Ernährungsmedizin in der Onkologie, Langversion 1.01, August 2025, AWMF-Registriernummer: 073 - 006OL).
14.5.1 Reduktion von Nebenwirkungen
14.5.1.1 Misteltherapie
Die einzige Untersuchung zur Misteltherapie beim Zervixkarzinom kommt zu dem Schluss, dass die Misteltherapie bzgl. des Gesamtüberlebens vorteilhaft ist. Die Untersuchung hat jedoch erhebliche methodische Mängel; so ist z. B. die Auswahl der Patientinnen für die Matched-Pair-Analyse nicht berichtet [566]. Bei anderen Tumorentitäten konnte bislang kein Überlebensvorteil nachgewiesen werden [567]. Im Hinblick auf die Lebensqualität soll sich die Misteltherapie positiv auswirken, qualitativ hochwertige Studien dazu stehen aus [567].
14.5.1.2 Enzymtherapie
In einer prospektiven, randomisierten Studie bei 120 indischen Patientinnen wurde die zusätzliche Enzymtherapie mit Papain, Trypsin und Chymotrypsin zur Strahlentherapie beim Zervixkarzinom geprüft. Die Analyse der Befunde ergab signifikante Unterschiede im Hinblick auf strahlentherapie-bedingte Hautreaktionen, gastrointestinale sowie urogenitale Beschwerden zugunsten der mit Enzymen behandelten Therapiegruppe [568]. Aufgrund dieser Datenbasis sind weitere Studien sinnvoll, eine allgemeine Empfehlung zur Enzymtherapie kann derzeit jedoch nicht abgeleitet werden.
14.5.2 Fazit für die Praxis
Eine wissenschaftlich fundierte komplementärmedizinische Behandlung beim Zervixkarzinom ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum möglich. Zu den meisten Methoden liegen zu wenige und qualitativ zu schlechte Studien vor. Entsprechend können die genannten (und auch andere) Methoden nicht empfohlen werden. Allgemeine Empfehlungen der Integrativen Medizin zu Ernährungstherapie, Vitamin D und körperlicher Aktivität, die für alle gynäkologischen Tumor gleichermaßen gültig sind, können jedoch sinnvolle integrativmedizinische Maßnahmen sein. Entsprechend der S3-Leitlinie für Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen kann die komplementärmedizinische Beratung der Zervixkarzinompatientin sinnvoll sein, um die Behandlungsqualität und -sicherheit insgesamt zu erhöhen. Weiterführende, gut geplante Studien mit einem klaren Fokus auf einzelne Substanzen oder Methoden und auf die Besonderheiten der Patientin mit Zervixkarzinom erscheinen sinnvoll und notwendig.
Literaturhinweise
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[80] Konsultationsfassung S3 Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen - Langerversion 1.01 - November 2020 AWMF-Registernummer: 032/055OL, 2020., https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Komplement%C3%A4r/Version_1/LL_Komplement%C3%A4r_Langversion_1.01.pdf
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