Leitlinienprogramm OnkologieSpeicheldrüsentumoren

5. Nachsorge – Speicheldrüsentumoren

Version 1.0 · Juli 2025 · AWMF 007-102OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

5.1 Klinische Nachsorge

5.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Unabhängig vom Bestehen von Beschwerden soll bei Speicheldrüsenkarzinomen eine regelmäßige klinische Kontrolluntersuchung stattfinden. Die zeitlichen Intervalle sollten einer individuellen Risikoabwägung angepasst werden und in den ersten zwei Jahren ein vierteljährliches Intervall nicht überschreiten.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Bei Speicheldrüsenkarzinomen und unter der Berücksichtigung der individuellen Risikokonstellation soll die Nachsorge über den Zeitraum von zehn Jahren und beim adenoidzystischen Karzinom lebenslang fortgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund

Die klinische Nachsorge stellt einen wesentlichen Baustein in der onkologischen Behandlung dar, um zum einen die Reintegration in das soziale Umfeld nach erfolgter Therapie zu begleiten und wenn nötig Hilfestellung zu leisten, zum anderen um im Sinne einer frühzeitigen Erkennung eines lokalen Tumorrezidivs, lokaler oder distanter Metastasen diagnostisch und therapeutisch tätig zu werden.

Im Gegensatz zu Mundhöhlenkarzinomen, bei denen nach einer fünfjährigen Rezidivfreiheit die engmaschige Nachsorge abgeschlossen werden kann, sind Rezidive und Metastasen bei Karzinomen der Speicheldrüsen auch nach fünf Jahren oder später in 13-18% der Fälle als spät auftretende Metastasen zu beobachten [134].

Ähnlich der initialen klinischen Untersuchung bei Erstdiagnose beinhaltet die klinische Nachsorge die Erhebung allgemeiner und therapiespezifischer Beschwerden, die Entwicklung des Körpergewichts seit der letzten Untersuchung und die anschließende Palpation und Inspektion der primären Tumorlokalisation und der regionalen Lymphabflusswege. Eine Übersicht über die empfohlene Nachsorge gibt die Tabelle zu Intervallen und diagnostischen Verfahren wieder.

Tabelle 6: Übersicht zu den Intervallen und empfohlenen diagnostischen Verfahren in der Nachsorge von Patienten mit malignen Speicheldrüsentumoren.

Maßnahme

Jahr

 

1

2

3 -5

6 - 10

>10 *

Klinische Untersuchung

4x pro Jahr

4x pro Jahr

2x pro Jahr

1x pro Jahr

1x pro Jahr

Ultraschall Primärtumor -Region und Halsweichteile

2x pro Jahr

4x pro Jahr

bei high-grade oder schlechter Prognose

2x pro Jahr

4x pro Jahr

bei high-grade oder schlechter Prognose

2x pro Jahr

1x pro Jahr

1x pro Jahr

MRT Hals mit KM

1x pro Jahr

1x pro Jahr

1x pro Jahr

bei high-grade oder schlechter Prognose

1x pro Jahr

bei high-grade oder schlechter Prognose

Nur bei V.a. Rezidiv

CT Hals mit KM

wenn kein MRT erfolgt

 

 

 

Nur bei V.a. Rezidiv

CT Thorax mit KM

Mit KM1x pro Jahr Bei high-grade oder schlechter Prognose

Mit KM1x pro Jahr Bei high-grade oder schlechter Prognose

Mit KM1x pro Jahr Bei high-grade oder schlechter Prognose

Low-dose**1xJahr bei ACC

Low-dose**1xJahr bei ACC

ACC= adenoid-zystisches Karzinom; CT= Computertomografie; KM= Kontrastmittel; MRT= Magnetresonanztomografie; *lebenslange Nachsorge bei ACC zu empfehlen; **Low-dose CT: ohne Kontrastmittel

5.2 Radiologische Nachsorge

5.3 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

In den ersten zwei Jahren sollte neben der regelmäßigen Ultraschallkontrolle die radiologischen Verlaufsbildgebung (CT, MRT) von Kopf, Hals und Thorax mit Kontrastmittel nach Abschluss der initialen Therapie halbjährlich erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.4 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Ab dem dritten Jahr sollten jährliche radiologische Kontrollen (CT, MRT) von Kopf, Hals und Thorax durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.5 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Für eine Fortführung über das fünfte Jahr hinaus sollte die individuelle Risikokonstellation mit den Grundsätzen des Strahlenschutzes abgewogen werden:

Jährliche Thorax-CTs bei Patienten mit high-grade-Histologien und negativen klinisch-pathologischen Kriterien, wie z.B. fortgeschrittenes Tumorstadium, adenoid-zystisches Karzinom (siehe Tabelle 1)

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund

Die regelmäßige Durchführung von einer Kontrollbildgebung im Sinne eines Ganzkörperstagings stellt einen weiteren, wichtigen Pfeiler in der onkologischen Nachsorge dar. Die zur Verfügung stehenden Modalitäten wurden bereits im Kapitel zur Diagnostik ausführlich dargestellt.

Die Sonografie ist in der Regel zeitnah verfügbar und dient als schnell durchführbare primäre bildgebende diagnostische Maßnahme. Den Empfehlungen aus der S3-Leitlinie zur Behandlung der Mundhöhlenkarzinome [135] folgend, stehen die Computertomographie oder die Magnetresonanztomographie zur Kontrolle des Lokalbefundes zur Verfügung.

Die Studienlage zur sicheren Detektion von Lokalrezidiven und/oder Lymphknoten-, Fernmetastasen durch PET-CT und ein folgendes besseres Outcome in Bezug auf das Überleben der Patient*innen ist derzeit noch uneinheitlich [136][137].

5.3 Behandlungsoptionen bei Rezidiv/Metastasierung

5.3.1 Chirurgische Behandlungsoptionen bei Rezidiv/Metastasierung

5.6 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Patienten mit resektablen, lokoregionären Rezidiven ohne Fernmetastasierung sollten unabhängig der Vortherapie die erneute Tumorresektion mit entsprechender Rekonstruktion angeboten werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[105]
5.7 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Bei Patienten mit resektablem, lokoregionärem Rezidiv und langsam progredienter Fernmetastasierung (z.B. adenoid-zystisches Karzinom) kann unabhängig von der Vortherapie die palliative Tumorresektion mit entsprechender Rekonstruktion in Erwägung gezogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[105]
5.8 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Beim rezidivierten adenoidzystischen Karzinoms kann eine adjuvante Brachytherapie erwogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
4
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[138]
5.9 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Die Resektion von Metastasen kann zur Verlängerung des fernrezidivfreien Überlebens in Erwägung gezogen werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
4
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[139] [140] [141]

Hintergrund

Die 5-Jahres und 10-Jahres-Rezidivrate (lokoregionär und/oder fern) werden für Speicheldrüsenkarzinome mit 17%-49% bzw. 22%-55% angegeben, abhängig von Histologie, Malignitätsgrad, Stadium und Lokalisation [105]. In einer systemischen Metaanalyse (Expertengesteuerte Suche, nach syst. Literaturrecherche erschienen) wurde unter Auswertung von 64 Studien und 5344 Patienten eine Gesamtrezidivrate von 34% (n=1817) dokumentiert. Dabei handelte es sich bei 23,2% um solitäre und bei 10,8% um multiple Rezidive. 29,4% der Rezidive traten lokal auf, 9,9% regionär und 28,9% als Fernrezidiv. 20,1% der Rezidivpatienten konnten in Form einer Salvage-OP chirurgisch therapiert werden, bei 4,1% wurden dabei zusätzlich Fernmetastasen reseziert. 22,0% wurden nicht-chirurgisch im Salvage-Ansatz therapiert und 57,9% der Patienten wurden palliativ behandelt. Bezüglich des Outcomes zeigte sich für die Salvage-Chirurgie-Gruppe eine 5-Jahres-Gesamtüberlebensrate von 70% und ein 5-Jahres-krankheitsfreies Überleben von 42%.  Für die nicht-chirurgische Salvage-Gruppe lag das 5-Jahres-Gesamtüberlen bei 12% und das 5-Jahres-krankheitsfreie Überleben von 3%. Die Autoren schlussfolgern, dass eine Salvage-Operation bei Patienten mit limitiertem lokalen und/oder regionären Rezidiv, auch bei vorhandener singulärer Metastasierung, in Erwägung gezogen werden sollte [105].  

In einer retrospektiven Kohortenstudie wurde die chirurgische Resektion bei 140 PatientInnen mit adenoidzystischem Karzinom an verschiedenen Lokalisationen adjuvant mit einer Implantation von I125 Seeds kombiniert. Unter den 140 Patienten waren 16 Patienten mit rezidiviertem adenoidzystischem Karzinom, bei denen die 3Jahres lokale Kontrolle 52% und das krankheitsspezifische Überleben 49.4% betrugen. 8 der 16 Patienten (50%) entwickelten Fernmetastasen [138].

Als Risikofaktoren für die Entwicklung von Fernmetastasen gelten bei Speicheldrüsenkarzinomen hohes Alter, hohes Tumorstadium und negative pathologische Faktoren wie high-grade Histologie, perineurales Wachstum, positive Resektionsränder oder adenoid-zystisches Karzinom [142][143][144][145][146].

In einer Auswertung von Mimica et al. an 883 Patienten mit Speicheldrüsenkarzinomen entwickelten 15% der Patienten im Verlauf Fernmetastasen. Am häufigsten waren Patienten mit einem adenoid-zystischen Karzinom (37,2%) betroffen, gefolgt von Adenokarzinomen NOS (14,6%), Mukoepidermoidkarzinomen (12,4%), Speichelgangkarzinomen (11,7%) und Karzinomen ex pleomorphen Adenomen (10,9%). In 63% der gefundenen Metastasen war die Lunge betroffen, in 31% handelte es sich um ossäre Metastasen. Das Auftreten von sekundären Fernmetastasen war assoziiert mit der initialen Tumorgröße (53% waren als T3/T4) sowie dem Vorhandensein von Lymphknotenmetastasen (32% N+). Die Zeit bis zum mittleren Auftreten und der Diagnostik von Fernmetasen betrug 20 Monate. High-grade-Histologien wiesen ein signifikant kürzeres Fernrezidiv-freies Überleben auf. Patienten, bei denen die Fernmetastase reseziert wurde, zeigten ein signifikant höheres Metastasen-spezifisches 5-Jahres Überleben im Vergleich zu Patienten, die beobachtet oder nicht-chirurgisch therapiert wurden. Stärkste negative Prädiktoren für das Gesamtüberleben von sekundär metastasierten Patienten mit Speicheldrüsenmalignomen waren high-grade Histologien, Knochenmetastasen sowie die Gesamtanzahl der aufgetretenen Metastasen [140].

Prognostisch günstig ist die palliative Resektion von limitierten Metastasen vor allem beim adenoid-zystischen Karzinom, bei indolenten, langsam wachsenden Subtypen, wenn die Metastasierung mit hoher Latenzzeit (>36 Monate) auftritt und wenn die Metastasen komplett entfernt werden können. Girelli et al. werteten in einer retrospektiven Studie 109 Patienten mit lungenmetastasierten adenoid-zystischen Karzinomen im Zeitraum 1971-2014 aus, bei denen eine Metastasektomie durchgeführt wurde. Dabei wurden die Patienten entsprechend dem Internationalen Register für Lungenmetastasen (IRLM) in 4 prognostische Gruppen unterteilt. Gruppe I: Komplettresektion der Metastase, Krankheitsfreies Intervall (DFS) zwischen Primarius und Metastase >36 Monate und Singuläre Metastase; Gruppe II: Komplettresektion, DFS < 36 Monate oder multiple Metastasen; Gruppe III: Komplettresektion, DFS < 36 Monate und multiple Metastasen; Gruppe IV: Inkomplette Resektion der Metastasen). Als Ergebnis zeigte sich nach Metastasekotmie der Lungenmetastasen ein Gesamtüberleben von 66,8% nach 5 Jahren und von 40,5% nach 10 Jahren. Die multivariate Analyse erbrachte, dass ein krankheitsfreies Intervall >36 Monate (HR 3,70) sowie die Komplettresektion der Metastase(n) (HR 3,68) die wichtigsten positiven Prädiktoren für das Gesamtüberleben nach Metastasektomie beim adenoid-zystischen Karzinom sind [139].

Die Bedeutung des krankheitsfreien Intervalls von mehr als 36 Monate zwischen Therapie des Primarius und der Diagnose von Fernmetastasen als auch der prognostische Wert der R0-Resektion konnte schon 2005 an einer kleineren retrospektiven Kohorte von 20 Patienten mit Lungenmetastasen nach Metastasektomie in Form einer verlängerten Progressionsfreiheit dargestellt werden [141].

5.3.1.1 Radiotherapie in der oligometastasierten Situation

5.10 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

In der oligometastasierten Situation kann die Metastase/können die Metastasen durch eine Strahlentherapie, die lokale chirurgische Resektion oder durch andere lokal ablative Verfahren z.B. eine Radiochirurgie oder hypofraktioniert-stereotaktische Strahlentherapie behandelt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.11 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Bei technisch schwieriger chirurgischer Metastasen-Entfernung oder bei Patienten mit erhöhter Begleitmorbidität sollte die stereotaktische Bestrahlung erwogen werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
4
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[147] [148] [149] [150] [151]

Hintergrund

Die oligometastasierte Situation beschreibt eine begrenzte Anzahl an Fernmetastasen. In der ESTRO ASTRO Consensus Guideline ist diese definiert als 1-5 Fernmetastasen, die alle sicher lokal behandelt werden können. Ein kontrollierter Primärtumor ist optional [152]. 
In einer retrospektiven Auswertung bei 109 Patienten mit adenoidzystischem Karzinom, die eine Metastasenresektion pulmonal erhalten hatten, zeigte sich ein kumulatives Gesamtüberleben von 67% nach 5 Jahren und 41% nach 10 Jahren. Die Autoren schlussfolgern, dass die Metastasenresektion durchgeführt werden sollte, wenn eine komplette chirurgische Resektion möglich ist und die Zeit zwischen Auftreten der Metastasen nach der Primärtumordiagnose mindestens 36 Monate beträgt [153].

Bei der stereotaktischen Strahlentherapie handelt es sich um eine hochpräzise Strahlenapplikation in einer definierten Tumorregion mit ablativen Dosen in hohen Einzeldosen, die entweder als einmalige Bestrahlung (Radiochirurgie) oder als fraktionierte (mehrmalige) Bestrahlung erfolgen kann. Alternativ zur chirurgischen Resektion stellt die stereotaktische Strahlentherapie eine Therapieoption bei Patienten mit oligometastasierten Kopf-Hals-Karzinomen dar [154], wobei v.a. Patienten mit adenoidzystischen Karzinomen und Patienten mit low-grade Speicheldrüsenkarzinomen nach stereotaktischer Bestrahlung ein besseres PFS zeigen als Patienten mit anderen Kopf-Hals-Karzinomen. Bei Patienten mit metastasierten Speicheldrüsenkarzinomen konnte in einer retrospektiven Serie von 30 Patienten (60% mit adenoidzystischem Karzinom und 40% andere) bei allen Patienten ein objektives Ansprechen oder eine Krankheitsstabilisierung gezeigt werden [155].

5.3.1.2 Radiotherapie bei lokoregionären Rezidivtumoren

5.12 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Nicht vorbestrahlte Karzinomrezidive

Eine definitive Strahlen-(chemo-)therapie soll bei nicht vorbestrahlten Rezidivtumoren sowie bei lokaler Inoperabilität oder patientenbezogenen Kontraindikationen gegen einen chirurgischen Eingriff durchgeführt werden. Eine postoperative Strahlen-(chemo-)therapie soll bei T3-4 Tumoren, high-grade Tumoren, Lymphknotenfiliae, Perineuralscheideninfiltration, Lymphgefäß- oder Blutgefäßinvasion, knappen oder positiven Resektionsrändern sowie allen adenoidzystischen Karzinomen durchgeführt werden. Eine postoperative Strahlentherapie soll bei intermediate-grade Tumoren oder bei nicht ausreichendem Resektionsrand (R+ Status oder close margins) durchgeführt werden. Die simultane Chemotherapie kann durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.13 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Bei vorbestrahlten lokal fortgeschrittenen, inoperablen oder nicht komplett resezierten Rezidiven soll eine Re-Bestrahlung geprüft werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
4
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[156]

Hintergrund

Bei inoperablen Rezidiven in vorbestrahlten Regionen soll eine erneute Bestrahlung evaluiert werden. Hierfür sollen hochkonformale Techniken wie die stereotaktische Strahlentherapie oder die Therapie mit Kohlenstoffionen zum Einsatz kommen. Eine retrospektive Studie berichtete von 18 vorbestrahlten Patienten mit rezidivierten Speicheldrüsenmalignom, die eine mediane Dosis von 30Gy in 5 Fraktionen erhalten haben. Die 2 Jahres lokoregionäre Kontrollrate betrug 53% [156].

Bei der Re-Bestrahlung mit Kohlenstoffionen ist ein progressionsfreies Überleben von 52% nach 2 Jahren [156] bzw. in einer anderen retrospektiven Studie eine lokale Kontrolle von 70% nach 1 Jahr beschrieben [157].

5.3.2 Medikamentöse Therapie

5.14 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Bei metastasierten Karzinomen, die nicht dem adenoidzystischen Karzinom zuzuordnen sind, sollte je nach Tumorentität eine molekulare Charakterisierung mit besonderer Betrachtung der Expression von HER2, des Androgenrezeptors und TRK durchgeführt werden, um die Erstellung eines zielgerichteten Therapiekonzepts zu ermöglichen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.15 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Bei inoperabel lokal fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung kann aufgrund des teilweisen langsamen Progresses die Einleitung einer Systemtherapie oder einer Strahlentherapie gegenüber einem abwartenden Verhalten mit regelmäßiger Nachsorge abgewogen werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.16 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Bei Befundänderungen soll der Patient/die Patientin erneut in der interdisziplinären Tumorkonferenz vorgestellt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund

Die Indikation zur rein medikamentösen Therapie bei Malignomen der Speicheldrüsen besteht als palliative Therapie bei metastasierten oder lokal rezidivierenden Tumoren.

Für die lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Erkrankungsstadien liegen kleinere Studien für die Systemtherapie vor. Aufgrund der Häufigkeit werden meist adenoidzystische von nicht-adenoidzystischen Karzinomen abgegrenzt. Bei entsprechender histopathologischer Aufarbeitung werden teilweise Zielstrukturen nachgewiesen, die eine zielgerichtete Therapie rechtfertigen. Diese sind eine Immunhistochemie der Her-2 Expression, Androgenrezeptorexpression und NTRK Fusiontranskript.

Für das Her-2 überexprimierende Speicheldrüsengangkarzinom oder Adenokarzinom NOS liegen Daten aus einer Phase 2 Studie vor, in der eine Behandlung mit Docetaxel und Trastuzumab erfolgte. Die ORR lag in dieser Kombination bei 70,2%, das mediane PFS bei 8,9 Monaten und das mOS bei 39,7 Monaten. T-DM1 (Trastuzuma-Emtasin) wurde nach Vorbehandlung mit Trastuzumab/ Docetaxel/ Pertuzumab evaluiert. In einer kleiner Fallserie wurde eine ORR von 90% erlangt, mit einer CR Rate von 50%. Das mediane PFS wurde nicht erreicht [158]. Die Kombination der beiden Her-2 gerichteten Antikörper Trastuzumab und Pertuzumab führte zu einer ORR von 60% [139][159].

Für die Androgenrezeptorblockade beim Androgenrezeptorüberexprimierenden Speicheldrüsenkarzinom (i.d.R. Speicheldrüsengangkarzinom/duktales Karzinom oder Adenokarzinom NOS) liegen neben Fallserien bislang nicht randomisierte Phase 2 Studiendaten vor. Die Kombination von Bicalutamid und Leuprorelin führte zu einer ORR von 42% und einem mOS von 30,5 Monaten [160][161][162][163]. Experten-gestützt hinzugefügt zeigte sich mit Abirateron/Predison in der palliativen Zweitlinientherapie eine ORR von 21% mit einem PFS von 3,6 Monaten und einem medianen OS von 22,4 Monaten [164].

Für TRK Fusions-positive Speicheldrüsenkarzinome (in der Regel sekretorische Karzinome) wird eine zielgerichtete Therapie mit einem NTRK Inhibitor empfohlen. Die ORR unter Larotrectinib bei nachgewiesener Alteration lag bei 92%. PFS und OS Rate nach 36 Monaten lag bei 66% respektive 91% [165][147].

Entsprechend Experten-gestützt hinzugefügter Literatur sollte neben den immunhistochemischen Analysen eine weiterführende molekulare Analyse der Tumore mittels Next Generation Sequencing (NGS) erfolgen insofern sich durch die vorangegangenen Untersuchungen keine Möglichkeit der zielgerichteten Therapie ergeben. Eine NGS Diagnostik dient der Identifikation seltener Treibermutationen, deren Nachweis die Rationale einer zielgerichteten Therapie darstellen kann. Beispiele dafür sind unter anderen BRAF V600E, PI3KCA, ALK, RET und HRAS Mutationen [166]. Die Bewertung einer sinnhaften zielgerichteten Therapie sollte in einem molekularen Tumorboard erfolgen.

Für das adenoid-zystische Karzinom liegen randomisierte Phase II Daten für den Tyrosinkinaseinhibitor Axitinib vor. Axitinib wurde gegenüber Observation verglichen und zeigte ein mPFS von 10,8 gegenüber 2,8 Monaten im Kontrollarm [167]. Das mOS mit Axitinib wurde nicht erreicht lag aber im Observationsarm bei 27,2 Monaten. Remissionen zeigten sich unter der Therapie mit Axitinib nicht. Entsprechend Experten-gestützt hinzugefügter Literatur liegen für den Multityrosinkinaseinhibitor Lenvatinib nicht randomsierte Phase II Daten vor. Es zeigte sich eine ORR von 15.6% mit einem PFS von 17,5 Monaten [168].

Bei gutem Allgemeinzustand kann bei metastasierten Speicheldrüsenkarzinomen eine palliative Chemotherapie, insbesondere bei symptomatischer Erkrankungssituation erwogen werden. Die Kombination von Cisplatin, Cyclophosphamid und Doxorubicin führte zu einer ORR von 27% in einer kleinen Phase II Studie [169]. Die ORR einer Monotherapien mit Cisplatin, 5-FU, Gemcitabine, Mitoxantrone, Epirubicin, Vinorelbine oder Paclitaxel liegt bei durchschnittlich 10% [167]. Während entsprechend Experten-gestützt hinzugefügter Literatur insbesondere bei adenoid-zystischen Karzinomen die Wirkung von Taxanen gering ist, sind die dokumentierten Ansprechraten bei nicht adenoid-zystischer Histologie bei 39%, so dass die Kombination Carboplatin/Paclitaxel eine Alternative zum Cisplatin/Cyclophosphamid/Doxorubicin Schema darstellt [170][171].

In der palliativen Behandlungssituation sollte die Mitbehandlung durch die Palliativmedizin angestrebt werden. Es wird auf die Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung verwiesen.

Literaturhinweise

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