8. Rehabilitation – Prostatakarzinom
8.1 Rehabilitation nach kurativer intendierter Therapie
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1+
1- - Konsens
- Konsens (95%)
Änderungshinweis
Patienten nach lokaler Therapie sollte eine fachspezifische Rehabilitation z. B. in Form einer Anschlussheilbehandlung (AHB) angeboten werden.a. Die Zielsetzung der Rehabilitation nach radikaler Prostatektomie besteht:
- in der Therapie der postoperativen Funktionsstörungen, insbesondere der Harninkontinenz und erektilen Dysfunktion;
- in der Wiederherstellung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit;
- in der Wiederbefähigung zur Teilhabe am normalen gesellschaftlichen Leben und,
- soweit der Patient noch im Berufsleben steht, in dem Erhalt oder der Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit.
b. Die Zielsetzung der Rehabilitation nach Strahlentherapie besteht:
- in der Therapie der postradiogenen Funktionsstörungen, insbesondere von Funktionsstörungen von Blase und Darm erektiler Dysfunktion;
- in der Wiederherstellung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit;
- in der Wiederbefähigung zur Teilhabe am normalen gesellschaftlichen Leben und;
- soweit der Patient noch im Berufsleben steht, in dem Erhalt oder der Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit.
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Rehabilitation sollte fachurologisch, bei entsprechender Komorbidität der Patienten multidisziplinär und mit Hilfe multimodaler Therapiekonzepte erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Konsens (94%)
Die postoperative Harninkontinenz nach radikaler Prostatektomie soll mit Hilfe multimodaler Konzepte therapiert werden. Im Mittelpunkt des Kontinenztrainings bei Belastungsinkontinenz soll die Physiotherapie stehen. Andere Formen der Inkontinenz sollen evaluiert und ggf. entsprechend behandelt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1+
- Konsens
- Starker Konsens (98%)
- Literatur
- [1193] [1194] [1195] [1196] [1197]
Evidenztabellen (1)
8.1 EvT 8.4a) Zur Therapie der erektilen Dysfunktion nach kurativer Therapie können PDE-5-Inhibitoren, Vakuumerektionshilfesysteme, intrakavernöse Injektionen oder intraurethrale Prostaglandine (Aldoprostadil) in Kombination mit physiotherapeutischem ED-Training eingesetzt werden.
b) Zur Therapie der erektilen Dysfunktion sollte zunächst ein PDE-5-Inhibitor eingesetzt werden. Bei Ineffektivität der PDE-5-Inhibitor-Therapie sollten intrakavernöse Injektionen oder intraurethrale Prostaglandine (Aldoprostadil) oder Vakuumerektionshilfesysteme unter Berücksichtigung der Patientenpräferenz in Kombination mit physiotherapeutischem ED-Training erwogen werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1-
Physiotherapeutisches ED-Training
4Medikamentöse und Hilfsmittel-Therapie (Expertenkonsens)
- Konsens
- Starker Konsens (a) 100%, b) 93)
- Literatur
- [1198] [1199] [1200]
Evidenztabellen (1)
8.1 Evt 8.5Der Bedarf einer psychoonkologischen Betreuung zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung soll geprüft und entsprechende Maßnahmen sollen ggf. angeboten werden.
Siehe auch S3-Leitlinie Psychoonkologie.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens (97%)
Hintergrundinformationen
Im IX. Buch des Sozialgesetzbuches (SGB IX) wird das Recht auf Rehabilitationsleistungen gesetzlich geregelt. Es besteht ein gesetzlicher Anspruch auf Leistungen zur Teilhabe (§ 4) mit dem Ziel, bestehende oder drohende Behinderung, Einschränkung der Erwerbsfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit abzuwenden, zu beseitigen, zu mindern, Verschlimmerung zu verhüten, Folgen zu mildern, andere Sozialleistungen zu vermeiden/zu mindern, die Teilhabe am Arbeitsleben und am Leben in der Gesellschaft zu sichern oder zu erleichtern, die persönliche Entwicklung ganzheitlich zu fördern und eine möglichst selbstständige und selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.
Die Effektivität eines differenzierten multimodalen Therapiekonzepts ist für die stationäre fachspezifische uroonkologische Rehabilitation durch eine prospektive Studie belegt. Insgesamt werden sämtliche Parameter der körperlichen Leistungsfähigkeit, sämtliche psychosozialen Skalen des Lebensqualitätsmessinstruments QLQ-C30 der EORTC, sämtliche Inkontinenzparameter und die Beeinträchtigung durch die erektile Dysfunktion durch eine stationäre Anschlussheilbehandlung signifikant gebessert [1201]. Mit ambulanten Konzepten wurde diese Wirksamkeit bislang nicht nachgewiesen. Ein randomisierter Vergleich stationärer und ambulanter Rehabilitation steht aus.
Zu [8.3]
Der Arbeitskreis Rehabilitation urologischer und nephrologischer Erkrankungen der Akademie der Deutschen Urologen hat notwendige strukturelle Voraussetzungen (personelle, räumliche und technische Ausstattung) und Merkmale der Prozessqualität zur Durchführung urologischer Rehabilitationsmaßnahmen formuliert, um die Ergebnisqualität zu sichern [1202]. Urologische Fachkompetenz ist erforderlich hinsichtlich therapeutischer Optionen und Nachbehandlungskonzepte, da postinterventionelle Funktionsstörungen und behandlungsspezifische Komplikationen einer unmittelbaren fachärztlichen Behandlung bedürfen. Da die Primärinformationen zur Krebserkrankung und den therapeutischen Optionen häufig noch im Stadium des „akuten Schocks“ erfolgen, werden sie oft nur partiell aufgenommen. In der stationären Rehabilitation haben Vorträge, Gesprächskreise, Einzelgespräche mit Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern auch die Aufgabe einer Nacharbeitung und Verarbeitung der Informationen im Sinne einer Konsolidierung, Einordnung, Bewertung, Erlebnisverarbeitung und Perspektivengewinnung. Gesundheitserzieherische und psychoedukative Gesichtspunkte werden nicht mit dem „erhobenen Zeigefinger“, sondern als attraktive Option, wieder selbst handelndes Subjekt zu werden, integriert. Im Rahmen der Ermutigung zur Partizipation können auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen vermittelt werden, mit denen vielfach eine gute Zusammenarbeit besteht. Der Informationsbedarf der Rehabilitanden im AHB-Verfahren nach radikaler Prostatektomie wird auf einer Goal Attainment Scale (von 0 = kein Informationsbedarf bis 6 = sehr starker Informationsbedarf) durch die konzertierten Maßnahmen innerhalb von drei bis vier Wochen von 3,03 auf 0,10 signifikant gesenkt [1201].
Zu [8.4]
Die postoperative Harninkontinenz mindert zunächst entscheidend die Lebensqualität der Patienten. Grundlage des Rehabilitationsprozesses ist eine funktionale und psychosoziale Diagnostik, um eine zuverlässige reproduzierbare Quantifizierung der Funktionsstörungen und Beeinträchtigungen der Partizipation subjektiv und objektiv zu erreichen. Rehabilitationsspezifische Fragestellungen müssen dabei berücksichtigt werden: Inwieweit resultieren Fähigkeitsstörungen im Alltagsleben und im Beruf, welche Auswirkungen auf das Leistungsvermögen ergeben sich [1203]? Ein sinnvolles Therapiekonzept zur Beseitigung der postoperativen Harninkontinenz integriert den aktuellen Wissensstand zu Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des unteren Harntrakts des Mannes [1204], [1205]. Das spezielle physiotherapeutische Kontinenztraining sollte in Gruppen- und Einzelübungen erfolgen und dabei Komorbiditäten und Schmerzzustände berücksichtigen. Ein Cochrane Review identifiziert Evidenz moderater Qualität für den Nutzen des postoperativen Beckenbodentrainings im Vergleich zu einer Kontrollintervention ohne dasselbe nach einem Jahr (Inkontinenzraten 10 % vs. 32 %, RR 0,32, 95% KI 0,20–0,51) [1195]. Eine weitere Metaanalyse (Update-Recherche 2017) poolte Studien, in denen auch primär für Frauen entwickeltes Beckenbodentraining zum Einsatz kommt, das nicht auf die männliche Anatomie übertragbar ist und findet keine Wirksamkeit eines präoperativen Beckenbodentrainings als Ergänzung zum postoperativen Training [1196]. Bei höhergradiger postoperativer Inkontinenz zeigt eine blasenfunktionsstabilisierende Medikation zusätzlich zum Kontinenztraining signifikante Vorteile [1206]. Bevorzugt bei drittgradiger Harninkontinenz erfolgt zusätzlich eine Elektrostimulationstherapie [1207]. Eine Metaanalyse (Update-Recherche 2017) konnte keinen Vorteil einer Elektrostimulation zusätzlich zum Beckenbodentraining finden [1197]. Ein Cochrane-Review analysierte verschiedene konservative Interventionen, einschließlich der oben genannten, und konnte ebenfalls keinen Vorteil hinsichtlich der Inkontinenzraten finden – unabhängig von der Therapie besserten sich die Symptome. im Zeitverlauf. Der Review identifizierte Daten aus kleinen Studien, die darauf hindeuten, dass Elektrostimulation oder externe Magnetinnervation oder Kombinationen möglicherweise effektiv sind [1195]. Bei unzureichender Besserung der Harninkontinenz kommt das endoskopische Video-Biofeedback-Sphinktertraining zum Einsatz, um ein optimales Training zu gewährleisten [1208]. In einer randomisierten dreiarmigen prospektiven Studie bei drittgradig inkontinenten Patienten konnte die signifikante Wirksamkeit der Elektrostimulation in Ergänzung zum Kontinenztraining in Abhängigkeit von der tatsächlichen Gerätenutzung beeindruckend bestätigt werden, wobei eine perineale Stimulation mit Oberflächenelektroden signifikante Vorteile gegenüber einer rektal applizierten Sonde aufwies [1209]. Die Effektivität eines differenzierten multimodalen Therapiekonzepts ist für die stationäre fachspezifische uroonkologische Rehabilitation belegt. Insgesamt werden durch das multimodale Kontinenztraining im Rahmen einer stationären Rehabilitation sämtliche Inkontinenzparameter signifikant gebessert [1201].
Zu [8.5]
Ein Jahr postoperativ, nach zunehmender Wiederherstellung der Kontinenz und Lebensqualität, stellt die erektile Dysfunktion das primäre die Lebensqualität mindernde Problem dar, vor allem im Hinblick auf das eigene Selbstverständnis und die partnerschaftliche Beziehung. Dabei besteht eine Diskrepanz in der Einschätzung der Versorgung von Patienten mit erektiler Dysfunktion nach radikaler Prostatektomie in Deutschland durch den Urologen versus Patientenbefragung. Die Patienten sehen hier mehr Aufklärungs- und Therapiebedarf [1210], [1211]. Während einer stationären fachspezifischen urologischen Rehabilitation besteht ein hoher Beratungs- und Behandlungsbedarf bei erektiler Dysfunktion, unabhängig von Alter und verschiedenen Morbiditätsfaktoren. In einer Studie von Otto und Dombo nahmen nahezu alle Patienten (95 %) eine Erstberatung in Form eines Fachvortrags in Anspruch. Eine individuelle sexualmedizinische Beratung erfolgte bei 68 % der Patienten, wobei davon 71 % ein Hilfsmittel testeten. Wiederum 69 % dieser Patienten erzielten eine erfolgreiche Rehabilitation bezüglich ihrer erektilen Dysfunktion [1201]. Untersuchungen von Otto und Mitarbeitern zeigten bei 53 % der Patienten einen Therapiewunsch. Bei der Therapie bevorzugten 11 % die Vakuumerektionshilfe, 21 % die Schwellkörperautoinjektionstherapie und 74 % die Therapie mit einem Phosphodiesterase-5-Inhibitor. Ein unzureichender Effekt wurde bei 36 % der Patienten dokumentiert, ein guter Effekt bei 54 % des eigenen Patientengutes [1201].
Seit Einführung der anatomischen radikalen nervschonenden Prostatektomie konnte ein entscheidender Umbruch in der heutigen radikalen Operationstechnik eingeleitet werden. Mit diesem Operationsverfahren konnte die Inzidenz einer therapiebedingten Impotenz in spezialisierten Zentren von zuvor nahezu 100 % auf ca. 19 bis 40 % gesenkt werden. Durch die Einführung der selektiven PDE-5-Inhibitoren konnte ein Paradigmenwechsel in der Behandlung der erektilen Dysfunktion verzeichnet werden. Bei beidseitigem Erhalt der kavernösen Nervenbündel konnten 56 % der präoperativ potenten Männer ohne Hilfsmittel Geschlechtsverkehr durchführen. Addiert man die Männer, die positiv auf Phosphodiesterase-5-Inhibitoren ansprechen, werden in bis zu 90 % Erfolge erzielt [1212], [1213], [1214], [1215], [1216], [1217].
Ergebnisse aus zwei kleinen randomisierten Studien (n=33 und n=52) lassen auf eine Besserung in verschiedenen Endpunkten einschließlich Wiedererlangung der Potenz durch spezielles physiotherapeutisches Training plus Elektrostimulation bzw. Biofeedback schließen [Geraerts, I. et al. 2016], [Prota, C. et al. 2012]. Auf Basis dieser Hinweise spricht die Autorengruppe auch für diese oder andere Kombinationen eine schwache Empfehlung aus. Die Entscheidung darüber, welches Hilfsmittel eingesetzt wird, ist individuell und auch von internistischen Begleiterkrankungen (KHK, Hypertonie und KHK) und deren medikamentöser Therapie abhängig, was eine enge Interdisziplinarität in der Rehabilitation einfordert.
Die praktische Erprobung des Verfahrens unter urologischer Aufsicht während der stationären Rehabilitation ist wichtig. Des weiteren bestetht eine Präferenz für die medikamentöse Therapie zur Wiedergewinnung der erektilen Funktion und den zwischen-zeitlichen Erhalt der Schwellkörperelastizität [1201]. Frühere Studien favorisierten eine niedrige, allabendliche Dosis eines Phosphodiesterase-5-Inhibitors zur Rehabilitation der erektilen Dysfunktion [1218], [1219]. Nach jüngster Studienlage scheint die bedarfsweise Einnahme des Phosphodiesterase-5-Inhibitors Vardenafil in der Effektivität zumindest gleichwertig zu sein [1220], [1221].
Entscheidend für die Wahl des individuell am besten geeigneten Behandlungsverfahrens ist neben der umfassenden Information über die bestehende Behandlungsoption die Möglichkeit, dieses Verfahren bis zu einem sicheren Beherrschen praktisch erproben zu können, um die in der Langzeitbeobachtung deutlich auftretende psychische Belastungsreaktion zu verhindern [1201], [1222].
Zu [8.6]
Die psychosoziale Versorgung von Karzinompatienten (und deren Angehörigen) wird als wichtiger Bestandteil einer umfassenden onkologischen Behandlung erachtet. Neben der Überlebenszeit stellt die Erhaltung oder Wiederherstellung der Lebensqualität von Patienten, die zum Teil krankheits- und behandlungsbedingt schwerwiegende Einschränkungen verarbeiten müssen, einen Schwerpunkt onkologischer Behandlung dar [1223], [1224]. Beeinträchtigungen betreffen vor allem folgende Bereiche: körperliche Probleme (Symptome, Schmerzen, Verlust der körperlichen Integrität), Funktionsstörungen (Einschränkung der Leistungsfähigkeit, Infragestellung sozialer Rollen), Emotionales Wohlbefinden, Sexualität/Intimität, Soziale Partizipation [1225], [1226].
Art und Ausmaß der individuellen Belastung sind dabei nicht nur von Krankheitsfaktoren abhängig, sondern auch von Person- und Umgebungsfaktoren wie individuellen Ressourcen, Krankheitsverarbeitungsstrategien und von dem Ausmaß an sozialer Unterstützung [1227]. Wesentlich ist die frühzeitige Diagnostik von aus Krankheit und Therapie resultierender oder gleichzeitig auftretender psychischer Störungen und deren Behandlung [1228] (siehe auch Hintergrundtext zu Empfehlung 10.6). Empfehlungen zur Ermittlung des psychoonkologischen Betreuungsbedarfs und Informationen über geeignete Instrumente finden sich in der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten“ ([1229], https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie).
Besonders kritische Phasen im Krankheitsverlauf sind unter anderem die Beendigung der Primärbehandlung und die darauf folgende Zeit des Wartens auf einen langfristigen Therapieerfolg [1230]. In dieser Zeit bietet die Rehabilitation Unterstützung für Prostatakarzinompatienten. Angst, vor allem Progredienzangst, Depressivität und Anpassungsstörungen sind häufige psychische Begleitsymptome einer Krebserkrankung. Dabei ist die subjektive psychische Belastung durchaus unabhängig vom objektiven Befund [1231].
Das frühzeitige Erkennen psychischer Störungen in der onkologischen Versorgung und die Bereitstellung eines breitgefächerten und niedrigschwelligen psychosozialen Unterstützungsangebots ist von besonderer Bedeutung, weil co-morbide psychische Störungen bei Krebspatienten nicht nur deren Behandlung erschweren, sondern sich auch nachteilig auf die Compliance auswirken und zu schlechteren medizinischen Behandlungsergebnissen führen [1232]. Ein solches Angebot kann während der Rehabilitation ermöglicht werden [1233] und stellt möglicherweise aufgrund der Heimatferne und der dadurch geringer erlebten Kontrolle innerhalb des sozialen Umfeldes eine niederschwellige, die männliche Rolle weniger bedrohende und daher leichter zu akzeptierende soziale Unterstützung für betroffene Patienten dar. Für Prostatakarzinompatienten kann eine solche psychosoziale Unterstützung, die mit einer sexualtherapeutischen Beratung verknüpft ist, eine wesentliche Hilfe zur Krankheitsverarbeitung darstellen [1234], [1235].
Eine Metaanalyse psychoonkologischer Studien zeigt, dass psychoonkologische Interventionen psychische Belastungen reduzieren und positive Effekte u. a. auf Angst, Depressionen, Hilflosigkeit, Schmerzen, berufliche Beeinträchtigung, körperliche und soziale Aktivitäten sowie die Lebensqualität haben (siehe [1228]). Darüber hinaus weist eine Studie von Küchler et al. einen Vorteil bei der Überlebenszeit von Karzinompatienten durch ein psychotherapeutisches Unterstützungsprogramm während ihrer Akutbehandlung nach [1236].
Die stationäre Rehabilitation ermöglicht für Prostatakarzinompatienten eine frühzeitige Bereitstellung psychoonkologischer Unterstützung, die im ambulanten Bereich wohnortnah aufgrund fehlender Kapazität und langer Wartezeiten nur selten gewährleistet ist [1237].
8.2 Rehabilitation für Patienten unter Hormonentzugstherapie
Die Zielsetzung der Rehabilitation während Hormonentzugstherapie besteht
- in der Therapie der Nebenwirkungen;
- im Erhalt bzw. in der Wiederherstellung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit;
- im Erhalt bzw. in der Wiederbefähigung zur Teilhabe am normalen gesellschaftlichen Leben und,
- soweit der Patient noch im Berufsleben steht, im Erhalt oder der Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit.
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens (98%)
Patienten unter Hormonentzugstherapie sollen rehabilitative Maßnahmen empfohlen werden, die Elemente der Bewegungstherapie enthalten.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1+
1- - Konsens
- Konsens (93%)
- Literatur
- [1238] [1239] [1240]
Evidenztabellen (1)
8.2 EvT 8.8Hintergrundinformationen
Auch während einer Hormonentzugstherapie können rehabilitative Maßnahmen indiziert sein. Die Zielsetzung für diese Patienten entspricht im Wesentlichen denen nach Prostatektomie und Strahlentherapie und umfasst außerdem die gezielte Behandlung der spezifischen Nebenwirkungen der Tumortherapie mittels Androgendeprivation (siehe Tabelle zu typischen und häufige Nebenwirkungen einer hormon-ablativen Therapie).
Ziele einer medizinischen Trainings-/ Bewegungstherapie sind hier die Vermeidung bzw. Verringerung einer Fatigue, die Verbesserung der Körperkomposition (Fett-, Muskel-, Knochenmasse), die psychische Stabilisierung und damit eine Verbesserung der Lebensqualität unter Rücksichtnahme auf die jeweils bestehenden Einschränkungen und tumorbedingten Läsionen der Patienten.
Die Evidenz zur Effektivität eines funktionsorientierten Trainingsprogramms auf die physische und psychische Leistungsfähigkeit der Patienten nach und während einer Androgendeprivation, nach Strahlentherapie sowie bei bestehender metastasierter Erkrankung bei Prostatakarzinom ist bislang schwach (heterogene Studien, geringe Stichprobengrößen). Dennoch ist in anderen Kontexten belegt, dass körperliche Aktivität in jedweder Form einen positiven Einfluss auf die sowohl physische als auch psychische Verfassung und damit auf die bekannten Folgen der Hormonentzugstherapie sowie auf die Lebensqualität hat. Die drei aktuellsten Übersichtsarbeiten auf der Basis randomisierter Studien zeigen bei eingeschränkter methodischer Qualität der eingeschlossenen Studien konsistent signifikante Verbesserungen in den Endpunkten Fatigue und Lebensqualität [Bo, Y. et al. 2017], [Teleni, L. et al. 2016], [Hasenoehrl, T. et al. 2015].
8.3 Rehabilitation für Patienten in der Palliativsituation
Auch in der nicht-kurativen Situation sollten rehabilitative Maßnahmen symptomorientiert empfohlen werden.
- Konsens
- Konsens (90%)
Hintergrundinformationen
Zu [8.9]
Die Erläuterungen zu den vorangegangenen Empfehlungen legen nahe, dass rehabilitative Maßnahmen nicht nur zur Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit vor der Erkrankung helfen, sondern auch für den Umgang mit einer nicht-heilbaren Erkrankung hilfreich sein können. Obgleich bislang keine Evidenz zum Nutzen rehabilitativer Maßnahmen in der palliativen Situation vorliegt, sollten auch diesen Patienten unter Berücksichtigung der individuellen Symptome entsprechende Verfahren empfohlen werden.
Evidenztabellen
8.1 EvT 8.4
|
Autoren Jahr |
Literaturtyp |
untersuchte Studien/ |
Welche Behandlungen wurden geprüft |
Befunde in Bezug auf Therapie-Wirkungen und Überleben |
Methodische Besonderheiten/ |
LoE |
Literaturbelege |
|
MacDonald 2007 |
Syst. Review |
11 Publikationen aus systematischer Suche in Medline, Cochrane bis Juli 2006 |
KG vs kein Training Biofeedback-unterstützte KG vs kein Training Biofeedback-unterstützte KG vs verbal unterstütztes Training Elektrostimulation-unterstützte KG vs verbal unterstützte KG Elektrostimulation/extrakorporale Magnetstimulation vs KG |
KG beschleunigt die Erholung der Kontinenz postop, die Werte mit und ohne KG nähern sich aber nach 1 Jahr stark an Biofeedback-unterstützte KG beschleunigt die Erholung der Kontinenz postop - signifikante Unterschiede sind aber nur bis 3-6 Monate postop nachweisbar Biofeedback-unterstützte KG ist nicht besser als verbal unterstützte KG präoperativ begonnene KG ist nicht besser als postop begonnene Elektrostimulation-unterstützte KG ist nicht effektiver als verbal- oder Physiotherapie-untersützte KG Elektrostimulation/extrakorporale Magnetstimulation ist effektiver als KG innerhalb der ersten 2 postop Monate, danach nicht mehr |
Variationen in KG-Formen, verschiedene Outcome-Definitionen und kleine Patientenzahlen sowie die die fehlende Stratifizierung nach Alter und nerverhaltender OP machen die Interpretation der Ergebnisse schwierig |
1+ |
Filocamo 2005, Burgio 2006, Parekh 2003, Van Kampen 2000, Franke 2000, Mathewson-Chapman 1997, Wille 2003, Floratos 2002, Bales 2000, Moore 1999, Yokoyama 2004 |
|
Artikel (Autor, Jahr, Journal) |
Studientyp |
Anzahl der Patienten |
Patientenmerkmale |
Intervention |
Vergleichs-Intervention |
Nachverfolgung |
Outcomes |
Ergebnisse |
Bemerkungen |
Evidenz-Niveau (SIGN) |
|
Manassero 2007 |
RCT |
107 |
Z.n. RPE für PCa (pT2-4) |
Beckenbodengymnastik mit verbalem Feedback (n=54) |
kein Training (n=53) |
12 M (1 J) |
Kontinenzrate (Pad-Test, VAS), QOL |
inkontinent nach 1 3 6 12 M Intervention (%) 83 54 33 17 Kontrolle (%) 98 78 60 53 QOL ebenfalls in Interventionsgruppe signifikant besser als in Kontrolle |
|
1+ |
|
reference |
population |
intervention |
search strategy, study inclusion criteria |
studies included |
heterogenity |
results |
methodological validity |
LoE |
|
Anderson CA. |
body of evidence: 50 trials |
conservative interventions: pelvic floor muscle training, PFMT + biofeedback, |
Cochrane Incontinence Group Specialised Register, CENTRAL, EMBASE, CINAHL, ClinicalTrials.gov, (ICTRP); reference lists |
inclusion criteria: randomised or quasi-randomised controlled trials evaluating conservative interventions for urinary continence in men after prostatectomy |
considerable variation in the interventions, |
treatment of UI after RP - postoperative PFMT: |
1. a priori Design - ja (update) |
1(+/-) |
|
Wang W. |
body of evidence: 5 studies |
preoperative |
Cochrane Library for registered RCTs and reviews, then PubMed database and Web of Science to identify available publications. Additional |
randomized controlled trials |
effectiveness of preoperative PFMT for urinary continence: |
1. a priori Design - nein |
1(+/-) |
|
|
Zhu YP. |
body of evidence: 4 studies |
electrical stimulation (ES)-enhanced pelvic floor muscle training vs. PFMT alone |
Pubmed, Embase, Cochrane Library, 3 national Chinese databases; reference lists |
randomized controlled trials |
|
early (3mo) recovery of urinary continence: |
1. a priori Design - nein |
1(+/-) |
8.1 Evt 8.5
|
Autoren Jahr |
Literaturtyp |
untersuchte Studien/ |
Welche Behandlungen wurden geprüft |
Befunde in Bezug auf Therapie-Wirkungen und Überleben |
Methodische Besonderheiten/ |
LoE |
Literaturbelege |
|
Zippe 2007 |
Review |
„The autors have summarized the literature on the reported efficacy of delayed treatments of ED following RP.“ |
intracavernöse Injektionen (IC) Vakuum-Konstriktionsgeräte (VCD) intraurethrales Alprostadil 5’Phosphodiesterase-Hemmer (PDH) |
relativ geringe Zahl von Studien mit geringen Fallzahlen, teilweise ohne Randomisierung kein long-term Follow-up beste Form der Therapie aus Literatur nicht ersichtlich im Hinblick auf Wirksamkeit erscheint IC wünschenswert, aber logistische Probleme mit Administration unter letzterem Gesichtspunkt Kombination PDH+VCD am besten geeignet |
Review ist narrativ, Literaturrecherche und Ein- u. Ausschlusskriterien nicht angegeben |
4 |
Montorsi 1997 Raina 2006 Munding 2001 Dalkin 2007 Gallo 2005 Raina 2007 Padma-Nathan 2003 Nandipati 2006 |
8.2 EvT 8.8
|
reference |
population |
intervention |
search strategy, study inclusion criteria |
studies included |
heterogenity |
results |
methodological validity |
LoE |
|
Bo Y. |
body of evidence: 10 RCTs involving 841 PCa pat.s |
exercise intervention (any type of physical exercise, including aerobic ex., strength training, |
EMBASE, PubMed, Cochrane library, Chinese journals full-text database searches; reference lists |
RCTs evaluating the effects of exercise |
(no significant heterogeneity) |
cancer-related fatigue: |
1. a priori Design - nein |
1(+/-) |
|
Teleni L. |
body of evidence: 7 RCTs |
resistance exercise training (RET), aerobic exercise training (AET) |
CINAHL, CENTRAL, Medline, PsychINFO searches; reference lists |
RCTs of PCa pat.s undergoing ADT |
Although participant eligibility criteria were similar, cancer stage and treatment varied between studies, as did the depth of information provided about these variables. Only three of the nine studies |
quality of life: |
1. a priori Design - nein |
1(+/-) |
|
Hasenoehrl T. |
body of evidence: 13 studies (total of n=876 pat.s) |
resistance exercise (RE) vs. no intervention |
PubMed, EMBASE, MEDLINE, SCOPUS, Cochrane Library |
RCTs of PCa pat.s undergoing ADT and resistance training (alone or combined with other exercise) vs. no intervention |
Because there are not many high-quality RCTs referring to the aim of this systematic review and because of the heterogeneity of the exercise interventions and the outcome measures of the included articles, we did not perform a meta-analysis. |
physical performance: |
1. a priori Design - nein |
1(+/-) |
Literaturhinweise
[1193] MacDonald, R., Fink, H.A., Huckabay, C., Monga, M., Wilt, T.J., Pelvic floor muscle training to improve urinary incontinence after radical prostatectomy: a systematic review of effectiveness, BJU. Int, 2007. 100(1): p. 76-81., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17433028
[1194] Manassero, F., Traversi, C., Ales, V., Pistolesi, D., Panicucci, E., Valent, F., et.al. Contribution of early intensive prolonged pelvic floor exercises on urinary continence recovery after bladder neck-sparing radical prostatectomy: results of a prospective controlled randomized trial, Neurourol. Urodyn, 2007. 26(7): p. 985-989., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17487874
[1195] Anderson, C.A., Omar, M.I., Campbell, S.E., Hunter, K.F., Cody, J.D., Glazener, C.M., Conservative management for postprostatectomy urinary incontinence, Cochrane Database Syst Rev, 2015. 1: p. CD001843., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25602133
[1196] Wang, W., Huang, Q.M., Liu, F.P., Mao, Q.Q., Effectiveness of preoperative pelvic floor muscle training for urinary incontinence after radical prostatectomy: a meta-analysis, BMC Urol, 2014. 14: p. 99., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25515968
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[1198] Geraerts, I., Van, Poppel H., Devoogdt, N., De, Groef A., Fieuws, S., Van, Kampen M., Pelvic floor muscle training for erectile dysfunction and climacturia 1 year after nerve sparing radical prostatectomy: a randomized controlled trial, Int J Impot. Res, 2016. 28(1): p. 9-13., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26538105
[1199] Prota, C., Gomes, C.M., Ribeiro, L.H., de, Bessa J., Jr., Nakano, E., Dall'oglio, M., et.al. Early postoperative pelvic-floor biofeedback improves erectile function in men undergoing radical prostatectomy: a prospective, randomized, controlled trial, Int J Impot. Res, 2012. 24(5): p. 174-178., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22573231
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[1202] Vahlensieck, W., Gack, M., Gleissner, J., Hoffmann, W., Liedke, S., Otto, U., et.al. Struktur- und Prozessqualität der stationären urologischen Rehabilitation, Urologe A, 2005. 44(1): p. 51-56., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15602650
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[1204] Dombo, O., Otto, U., Stress-Inkontinenz beim Mann: Anatomische und funktionelle Besonderheiten, J Urol Gynaecol, 2004. p. 7-12.
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