Leitlinienprogramm OnkologiePerioperatives Management bei gastrointestinalen Tumoren (POMGAT)

4. Prästationäres Management – Perioperatives Management bei gastrointestinalen Tumoren (POMGAT)

Version 1.0 · November 2023 · AWMF 088-010OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

4.1 Perioperative Gabe kardial wirksamer Medikamente

4.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2023

Ein präoperatives Neuansetzen einer Betablockade kann aus kardiologischer Indikation heraus für kardiovaskuläre Hochrisikopatienten mit bekannter koronarer Herzerkrankung und manifester Myokardischämie oder Patienten mit 2 oder mehr kardialen Risikofaktoren erwogen werden. Dabei soll ein ausreichender Zeitabstand zur Dosistitration der Betablockertherapie nach Herzfrequenz und Blutdruck vor der geplanten Operation gewährleistet sein.

Ein grundsätzliches Neuansetzen einer präoperativen Betablockertherapie sollte nicht erfolgen.

Eine bestehende Betablockertherapie soll prä-, peri- und postoperativ weitergeführt werden. 

Konsens
Starker Konsens
4.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2023

Eine antianginöse Therapie mit Nitraten sollte perioperativ fortgeführt werden, da ein Absetzen eine Myokardischämie begünstigen könnte.

Konsens
Starker Konsens
4.3 · Konsensbasiertes Statement 2023
Zum perioperativen Umgang mit Calciumantagonisten bei gastrointestinalen Tumoren existieren keine ausreichenden Literaturdaten, so dass keine Empfehlung formuliert werden kann.
Konsens
Starker Konsens

Ein grundsätzliches Neuansetzen einer präoperativen Betablockertherapie wird nicht empfohlen. So hat in der POISE-Studie die perioperative Gabe von Metoprolol das Risiko perioperativer Myokardinfarkte gegenüber Placebo reduziert, dafür aber die Rate an Schlaganfällen und Todesfällen erhöht. Nach einer Cochrane-Analyse [32] ist das Vertrauen in die Evidenz schwach, dass eine Vorbehandlung mit Betablockern die Gesamtletalität nach 30 Tagen bzw. die Häufigkeit von Vorhofflimmern und Myokardinfarkt bei Patienten reduziert, die sich einer Resektion eines gastrointestinalen Tumors unterziehen mussten. Die Wahrscheinlichkeit für zerebrovaskuläre Ereignisse und ventrikuläre Arrhythmien war bei Patienten mit und ohne Betablocker-Therapie vergleichbar. Allerdings betrachtete die Cochrane-Analyse nicht spezifische Patienten-Untergruppen in Abhängigkeit vom Tumorstadium und –Art, und von der Lokalisation des operativen Eingriffes.

 

Es findet sich lediglich eine retrospektive Datenbankanalyse an prospektiv gesammelten Daten [33], bei der sich bei Patienten, die sich einer Resektion eines gastrointestinalen Tumors unterziehen mussten, eine signifikante Assoziation zwischen einer Vorbehandlung mit Betablockern und einer niedrigeren 30-Tage-Letalität bzw. längeren 1-Jahres-Überlebensrate zeigte. Aus diesen Ergebnissen wurde die Hypothese abgeleitet, dass es von Vorteil sein könnte, eine vorbestehende Betablockertherapie bei Patienten vor Operation eines gastrointestinalen Tumors grundsätzlich weiterzuführen. Ein präoperatives Neuansetzen einer Betablockade kann aus kardiologischer Indikation heraus für kardiovaskuläre Hochrisikopatienten mit bekannter koronarer Herzerkrankung und manifester Myokardischämie erwogen werden, wenn ein ausreichender Abstand - idealerweise eine Woche - zur Operation gegeben ist, um eine Dosistitration der Betablockertherapie nach Ruheherzfrequenz (Ziel 60-70/min) und Blutdruck (RRsyst>100mmHg) zu gewährleisten [34]. Als kardiovaskuläre Hochrisikopatienten gelten Patienten mit mindestens zwei klinischen Risikofaktoren (nach dem Revised Cardiac Risk Index (RCRI) score: ischämische Herzerkrankung, zerebrovaskuläre Erkrankung, Niereninsuffizienz mit einem Serumkreatinin von >2mg/dl oder insulinpflichtiger Diabetes mellitus), ferner Patienten mit einem ASA Status von mindestens 3 und Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder nachgewiesener Myokardischämie [35]. Wenn eine Dosistitration nicht gewährleistet ist, wird von einer präoperativen Neueinstellung auf eine Betablockertherapie grundsätzlich abgeraten. Diese Empfehlungen gelten für alle geplanten Operationen unabhängig von der Lokalisation des gastrointestinalen Tumors. Es liegen keine überzeugenden Daten aus randomisierten Studien vor, wonach eine Betablockertherapie die Häufigkeit von MINS (Myocardial Injury in Non-Cardiac Surgery), von thromboembolischen oder vaskulären Ereignissen, bzw. von zerebralen Insulten und neu aufgetretenem Vorhofflimmern günstig beeinflussen könnte.

Die perioperative Gabe von Betablockern reduzierte in kleineren Studien mit verschiedenen intravenös applizierten Betablockern die Rate an neu aufgetretenem Vorhofflimmern [36]. 

Aufgrund der geringen Patientenzahl, und der damit verbundenen unsicheren Evidenz kann jedoch ein solches prophylaktisches Konzept - außerhalb einer kardiologischen Indikation - nicht empfohlen werden.

Eine antianginöse Therapie mit Nitraten, deren Stellenwert in der klinischen Praxis deutlich gesunken ist, sollte perioperativ fortgeführt werden, da ein Absetzen eine Myokardischämie begünstigen könnte.

Ob Calciumantagonisten das perioperative Outcome verbessern, ist unklar. Eine bestehende Dauertherapie sollte bei antianginöser Indikationsstellung fortgeführt werden [37], bei antihypertensiver Indikation zur Vermeidung von intraoperativen Hypotensionen am Tag der Operation präoperativ aus pragmatischer Sicht ausgesetzt werden.

4.1.1 Statine

4.4 · Konsensbasierte Empfehlung 2023

Eine bereits präoperativ indizierte und begonnene Statin-Therapie soll peri- und postoperativ fortgeführt werden.

Bei Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko, die sich einem elektiven abdominalchirurgischen Tumoreingriff unterziehen, kann die Einleitung einer Statintherapie zwei Wochen präoperativ begonnen werden.

Konsens
Starker Konsens

Abdominalchirurgische Eingriffe führen abhängig vom Ausmaß der Operation - durch das operative Gewebstrauma bzw. den operativen Stress zu einer körpereigenen Immunantwort, welche wiederum teilweise als ursächlich für die postoperativen Komplikationen angesehen wird. Diese sogenannten nicht-chirurgischen postoperativen Komplikationen können bei bis zu 30% der Patienten auftreten
[38]. 

Es wurde postuliert, die Anwendung von HMG-CoA-Hemmern bzw. Statinen könnte neben den bekannten lipidsenkenden Wirkungen auch anti-inflammatorische und protektive immunmodulierende Effekte bewirken. Neben hochwirksamen Statinen wie Atorvastatin und Rosuvastatin gibt es niedrig-wirksame wie Fluvastatin, Pravastin und Simvastatin. Deren Koronarplaque-stabilisierende Wirkungen (wie Vasodilatation und Endothelmodulation) sind bekannt, eine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse von bis zu 30% wird beschrieben [39]. Der volle therapeutische Effekt wird erst nach 4-6 Wochen erreicht, bereits nach 2 Wochen wird jedoch schon eine Effektivität von 75% beschrieben. Spezifisch für das kardiovaskuläre System sind zytokinmediierte kardiomyozyto-toxische Effekte mit Einschränkung der Myokardfunktion, und eine Aktivierung der Gerinnung (Verbrauchskoagulopathie) mit konsekutiven Mikrozirkulationsstörungen. So wird in jüngerer Zeit der myokardiale Schaden nach nicht-kardiochirurgischem Eingriff (MINS) als wichtiger Prädiktor der postoperativen Morbidität betrachtet [40]; im Gegensatz zu den MACE-Ereignissen bei vergesellschafteten ischämischen Symptomen definiert sich MINS als deutlich erhöhter kardialer Biomarker (Troponin) innerhalb von 30 Tagen postoperativ [41].


Die pleiotropen, endothelial-reparativen und immunmodulatorischen Wirkungen der Statine scheinen größere Auswirkungen auf den postoperativen chirurgischen Stress zu haben, da diese Komplikationen sowohl kardiovaskulärer oder inflammatorischer Art sind. Jüngst wurde beschrieben,
dass Statine die Werte proinflammatorischer Zytokine (IL-6 und 8, TNFα) bereits nach 24h senken [42].


Zu den bekannten Nebenwirkungen von Statinen wie Muskelschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Mundtrockenheit, Leberwerterhöhung oder Juckreiz liegen zu der vorliegenden Fragestellung keine wissenschaftlichen Daten vor. Im Sinne von GCP sind diese bei Auftreten klinisch zu beobachten und zu bewerten, häufig ist durch einen Wechsel des Präparats oder der Dosierung Linderung zu erreichen. 

Eine Verordnung in Deutschland von Statinen zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen ist bisher nur bei bestehender (atheromatöser) vaskulärer Erkrankung bzw. hohem kardiovaskulärem Risiko (>20% Ereignisrate anhand eines Risikokalkulators wie ARRIBA) verordnungsfähig.

Grundsätzlich sieht man in der (spärlichen) Literatur hinsichtlich des Nutzens einer perioperativen Statintherapie zwei Problemfelder: Entweder handelt es sich um eine bereits präoperativ indizierte und begonnene Statin-Einnahme aufgrund eines kardiovaskulären Risikos bzw. Ereignisses oder die Daten sind inkonsistent bezüglich Präparatewahl und Dosierung. 

Nur wenige Studien beschreiben eine ausschließlich perioperativ begonnene Therapie: So konnte eine jüngere Arbeit [43] in einem sehr kleinen Patientenkollektiv mit kardiovaskulären Risikofaktoren einen Rückgang der myokardialen Ischämie-Marker nach einer einmaligen perioperativen Gabe von 20mg Rosuvastatin, einem stärkeren Statin, feststellen. 

Retrospektive Datenbankanalysen lassen nach Propensity Score Matching eine Assoziation zwischen der Statin-Applikation und einer Reduktion der Krankenhausletalität vermuten: So konnte Peter Lindenauer 2004 bei 708891 US-amerikanischen Patienten eine Verbesserung feststellen (2,1% vs 3,1%; OR 0,62). Ähnliche Ergebnisse zeigte eine Analyse der amerikanischen Veterans Affair (VA)-Datenbank von 2017 mit über 96000 Patienten, auch hier reduzierte sich die Krankenhausletalität von 2,3% auf 1,8%. Die VISION Studie aus 2016 verglich prospektiv über 15000 Patienten weltweit hinsichtlich der 30 Tage-Inzidenz von MINS und Krankenhausletalität und fand eine absolute 2% Risikoreduktion durch eine vorbestehende Statintherapie heraus. Alle drei Analysen ist jedoch gemein, daß die Dosierung und Art des Präparats sowie die präoperative Therapiedauer sehr stark variierten und natürlich hauptsächlich die kardiovaskulär vorbelasteten Patienten eine Statintherapie bereits erhalten hatten. Zudem spielen vielleicht auch andere Medikamente in gerade diesem Patientengut, wie ß-Blocker oder AT1-Hemmer eine zusätzliche Rolle, deren Einfluss nicht abgeschätzt werden kann. Dennoch sind die Ergebnisse gerade im Hinblick auf die Prävention eines kardialen Ereignisses überzeugend. Aufgrund des ausschließlich beobachtenden Studiendesigns sind die Ergebnisse gerade im Hinblick auf die Prävention eines perioperativen kardialen Ereignisses bei Statin-naiven Patienten ohne kardiologische Indikation für eine Statin-Therapie bestenfalls Vermutungen. 

Die brasilianische LOAD-Studie von 2017 mit 648 Patienten, welche von den gleichen Autoren der VISION-Datenanalyse publiziert wurde, versuchte nun, Atorvastatin mit einer hohen Priming-Dosis und für 7 Tage nachfolgend perioperativ einem selektionierten Krankengut mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko erstmalig zu verabreichen: Hier konnte jedoch keine Reduktion von MACE oder MINS gefunden werden bei leicht reduziertem Auftreten der Endpunkte in der Verumgruppe (16,6%, 18,7%). Interessanterweise zeigte eine Zwischenanalyse hinsichtlich des kombinierten primären Endpunkts (Mortalität, Schlaganfall und MINS) den größten Unterschied an Tag 2. 

Neueste viszeralchirurgisch relevante Daten kommen aus dem schwedischen Krebsregister (2020): 11966 an Rektumkarzinomen operierte Patienten wiesen nach Propensity Score Matching eine deutliche Reduktion der 90 Tage Letalität in der Statin-Gruppe auf (0,7% vs 5,5%). Auch die befürchteten postoperativen Komplikationen mit Todesfolge wie Sepsis, Multiorganversagen, respiratorisches Versagen und MACE durch den operativen Stress und die dadurch erfolgte Immunsuppression traten in Subgruppenanalysen seltener auf. 

Ein 2015 publiziertes systematisches Review analysierte 16 RCTs mit 2275 Patienten hinsichtlich Statin-naiver Patienten und dem Auftreten postoperativer kardialer bzw. thrombembolischer Komplikationen – im hauptsächlich koronarchirurgischen Krankengut (nur eine nicht-vaskulären Studie) zeigte sich wie auch in anderen älteren entsprechenden Analysen eine Reduktion von Letalität, MACE und Krankenhausaufenthaltsdauer. Interessant ist die Subgruppenanalyse bei nicht-kardialen Eingriffen: Auch hier war das Auftreten einer myokardialen Ischämie oder die Letalität reduziert. Eine weitere Subgruppenanalyse fand den stärksten Effekt der Statintherapie, wenn diese mehr als eine Woche vor dem operativen Eingriff begonnen worden war. 

Ein 2018 publizierter systematischer Review mit 35 RCTs und 8200 Patienten beinhaltete 10 Studien (3502 Patienten) im nicht-kardiochirurgischen, aber mithin vaskulären Krankengut und 24 Studien mit 4101 Statin-naiven Patienten. Unterschiedliche Therapieschemata, Dauer der präoperativen Statin-Therapie, Wahl des Präparats und dessen Dosierung führten zu einer hohen Heterogenität innerhalb der ausgewerteten Daten. Einige Ergebnisse verdienen trotz ausgeprägtem Bias Erwähnung: Die Rate
einer postoperativen myokardialen Ischämie war im nicht-kardiochirurgischen Krankengut niedriger in der gesamt-Statin-Gruppe (OR 0,44; 95% KI 0,30 bis 0,64; NNT=36). In einer weiteren Analyse war dieser Effekt unabhängig davon zu beobachten, ob die Patienten präoperativ bereits chronisch mit  Statinen vorbehandelt waren (OR 0,37; 95% KI 0,21 bis 0,67), oder ob es sich um Statin-naiven Patienten handelte (OR 0,49; 95% KI 0,30 bis 0,81).


Im Gegensatz dazu zeigte sich keine Verbesserung nach Beginn einer Statintherapie bei kardiochirurgischen Patienten. Ein akutes Nierenversagens kam bei kardialen Eingriffen häufiger vor, wenn diese Statine erhielten (RR 1,15; 95% KI 1,00 bis 1,31; NNH=40). Eine zusätzliche Erhöhung der Letalität konnte jedoch nur dann identifiziert werden, wenn Studien mit geringem Bias ausgewertet wurden (NNH=181). Ansonsten fand sich kein Unterschied in diesem Endpunkt.

In den aktuellen ESC-Empfehlungen von 2022 wird, wie auch in den bisherigen amerikanischen und europäischen Empfehlungen, der routinemäßige Beginn einer Statin-Therapie nicht empfohlen. Eine bereits begonnene Statin-Therapie sollte perioperativ fortgeführt werden. Im Falle einer entsprechenden (kardio-vaskulären) Indikation sollte die Therapie mindestens zwei Wochen vorher begonnen und postoperativ fortgeführt werden [44].

4.1.2 ACE-Hemmer/Angiotensin-Rezeptor-Antagonisten

4.5 · Konsensbasierte Empfehlung 2023

Patienten unter einer Dauertherapie mit ACE-Hemmern oder Angiotension-II-Rezeptorblockern (Sartane) sollten diese perioperativ fortsetzen mit folgender Ausnahme: Nur am Morgen der Operation (bzw. in den 24h davor) sollte auf eine Einnahme der o.g. Medikamente verzichtet werden, da andernfalls häufiger mit intraoperativen Blutdruckabfällen zu rechnen ist.

Bei kardial stabilen Patienten mit einer frisch diagnostizierten linksventrikulären Herzinsuffizienz (und keiner vorbestehenden Therapie mit ACE-Hemmern/Sartanen) kann erwogen werden die Operation zur Eindosierung von ACE-Hemmern/Sartanen um mindestens eine Woche zu verschieben. Dies sollte von Fall zu Fall entschieden werden.

Konsens
Starker Konsens
Literatur
[45] [46] [47] [48] [49]

ACE-Hemmer und Angiotensin II Rezeptorblocker (Sartane) haben einen festen Stellenwert in der Therapie von arterieller Hypertension und Herzinsuffizienz [49][45][34]. Sie gehören zu den häufigsten Medikamenten, die Patienten perioperativ einnehmen und es stellt sich die Frage, ob sie perioperativ abgesetzt werden sollen oder nicht. Hollmann et al. [48] haben dies in einem systematischen Review untersucht und hierzu die Ergebnisse von 9 Studien mit insgesamt mehr als 6.000 Patienten herangezogen. Das Patientengut, auf das sich die POMGAT-Leitlinie bezieht, ist im Rahmen der VISION-Studie [47] in das systematische Review von Hollmann et al. mit eingeflossen und hat – auf Grund der hohen Patientenzahlen – dessen Ergebnisse maßgeblich beeinflusst.

Demnach führte ein perioperatives Absetzen von ACE-Hemmern bzw. Sartanen zu keiner Steigerung von Mortalität oder schwerwiegenden kardialen Komplikationen. Umgekehrt führte die Weitergabe auch am OP-Tag zu einem häufigeren Auftreten von intraoperativen Blutdruckabfällen als bei Patienten, die die Einnahme in den 24h vor der OP pausiert hatten [48]. Daher sprechen wir die konsensbasierte Empfehlung aus, am Morgen der Operation (bzw. in den 24h davor) die Einnahme von ACE-Hemmern und Sartanen zu pausieren. 

ACE-Hemmer und Sartane senken die Mortalität bei Herzinsuffizienz, daher wird ihr Einsatz in den entsprechenden Leitlinien empfohlen [49]. Unklar ist jedoch, ob sich das perioperative Absetzen von ACE-Hemmern bzw. Sartanen negativ auf eine vorbestehende Herzinsuffizienz auswirkt. Hollmann et al. geben hierzu – auf Grund der unzureichenden Datenlage – keine Empfehlungen ab [48]. Unbekannt ist weiterhin, wie mit Patienten zu verfahren ist, bei denen im Rahmen der präoperativen Evaluation erstmals eine Herzinsuffizienz festgestellt wurde und die noch nicht auf einen ACE-Hemmer / Sartan eingestellt sind. Die European Society of Cardiology (ESC) und die European Society of Anaesthesiology and Intensive Care (ESAIC) empfehlen in ihrer gemeinsamen Leitlinie aus dem Jahr 2014, das Eindosieren von ACE-Hemmern bzw. Sartanen mindestens 1 Woche vor der Operation bei kardial stabilen Patienten mit linksventrikulärer Dysfunktion zu erwägen [46]. Mangels Evidenz beruht diese Empfehlung auf einem Expertenkonsens [44]. Letztendlich bleibt es eine Einzelfallentscheidung, ob bei einer frisch diagnostizierten Herzinsuffizienz eine Verschiebung einer Operation zwecks Eindosierung von ACE-Hemmern bzw. Sartanen gerechtfertigt ist oder nicht.

Bei der Gabe von Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren (ARNI) ist häufiger mit dem Auftreten von arteriellen Hypotensionen zu rechnen als bei ACE-Hemmern [50], über die perioperativen Wirkungen und Nebenwirkungen von ARNI liegen bislang keine Daten vor.

4.2 Präoperative und intraoperative Einmalgabe von Kortikosteroiden

4.6 · Konsensbasiertes Statement 2023

Eine Empfehlung zur perioperativen Verabreichung von Glukokortikoiden in der gastrointestinalen Tumorchirurgie kann aufgrund heterogener Studienlage außerhalb der Indikation zur PONV-Prophylaxe grundsätzlich nicht gegeben werden.

Konsens
Starker Konsens
4.7 · Konsensbasierte Empfehlung 2023

In der Pankreas- und Leberchirurgie kann eine perioperative Glukokortikoidgabe erwogen werden.

Konsens
Starker Konsens

Schwerwiegende negative Effekte von perioperativen Steroidgaben sind, bis auf eine fraglich erhöhte Rate von Anastomoseninsuffizienzen in der Ösophaguschirurgie, nicht beschrieben. Die Datenlage bezüglich eines positiven oder negativen Einflusses von Steroiden auf Rezidiv- und Metastasierungsraten bleibt unklar.

Insgesamt erscheint die Anwendung von niedrig dosierten Steroiden unbedenklich, solange der perioperative Blutzuckerspiegel engmaschig überwacht und eingestellt wird [51][Corcoran, TB et al. 2021].

Die klinischen Effekte perioperativer Steroidgaben aus anderer Indikation als der PONV-Prophylaxe, die in einer eigenen Empfehlung behandelt wird, sind aufgrund der unzureichenden Studienlage nicht eindeutig, obwohl ein positiver Einfluss auf inflammatorische Laborparameter beschrieben wird. Daher kann keine grundsätzliche Empfehlung für den Einsatz perioperativer Glukokortikoide vor allem in der Ösophagus- und Kolorektalchirurgie gegeben werden. In der Leber- und Pankreaschirurgie weisen neuere monozentrische Studien auf positive Effekte hin [53][54].

Ösophaguschirurgie:
Bei Ösophagusresektionen konnte eine retrospektive Studie an 980 Patienten zwar nicht mit einem Unterschied in Gesamtkomplikationen, jedoch nach Propensity-Score-Matching eine höhere Rate an Anastomosendehiszenzen nach Hydrocortisongabe assoziiert werden [55]. Demgegenüber stehen eine ältere Metaanalyse von Weijs et al., in der keine Unterschiede hinsichtlich pulmonaler Komplikationen, Anastomoseninsuffizienzen und Infektionen beschrieben wird [56], sowie eine weitere von Engelman et al., in der nach Applikation von Methylprednisolon sogar weniger Anastomosenlecks sowie eine geringere Rate von Sepsis und infektiösen Komplikationen nachgewiesen werden konnte [57]. Aufgrund dieser widersprüchlichen Resultate kann zum Einfluss der Steroidgabe auf das Auftreten von Anastomoseninsuffizienzen keine definitive Aussage gemacht werden.

Kolorektalchirurgie:
Ein genereller positiver Einfluss präoperativer Steroidgabe auf die systemische Inflammation – ausgedrückt durch inflammatorische Laborparameter – beim kolorektalen Karzinom wird von McSorley et al. berichtet [58][59]). Eine Meta-Analyse zeigte zwar eine geringere Dauer des Krankenhausaufenthalts nach Steroidgabe [60], muss allerdings aufgrund heterogener Studienbedingungen und kleiner Fallzahlen kritisch betrachtet werden. In einer kleineren Arbeit wird eine erhöhte Rate an Fernrezidiven nach Dexamethasongabe beobachtet [61].

Leberchirurgie:
Bei Leberresektionen wurde ein positiver Einfluss auf inflammatorische Laborparameter, jedoch kein Unterschied im klinischen Outcome nachgewiesen [62][63]. In der bereits erwähnten Metaanalyse von Srinivasa zeigte sich mit den oben genannten Einschränkungen heterogener Studien ein positiver Einfluss auf die Inflammation und eine geringere Komplikationsrate [60]. Eine monozentrische randomisierte Aufarbeitung über sechs Jahre ergab bei 151 Patienten bei einer Dosis von 500mg Methylprednisolon unter anderem eine deutliche Reduktion postoperativer Komplikationen bei erweiterten Leberresektionen [54].

Pankreaschirurgie:
Einzelne monozentrische Studien zeigen Hinweise auf positive Effekte der perioperativen Gabe von Steroiden in der Pankreaschirurgie im Sinne eines Überlebensvorteils [64][53], weniger infektiöser Komplikationen [64] sowie weniger Pankreasfisteln [65]. Eine Studie zeigt eine geringere Morbidität nach Hydrocortisongabe, beschränkt sich jedoch auf Hochrisikopatienten mit mehr als 40% Azini im histologischen Präparat entlang der Transektionslinie [66].

Insgesamt ist trotz der überwiegend berichteten positiven Effekte von Glukokortikoiden in der Leber- und Pankreaschirurgie die Aussagekraft der vorliegenden Studien eingeschränkt aufgrund heterogener Bedingungen hinsichtlich der verwendeten Steroide, Dosierungen und Studienbedingungen sowie unterschiedlicher Endpunkte.

4.3 Prähabilitation

4.8 · Evidenzbasierte Empfehlung 2023

Die Empfehlung zur Erhaltung und Verbesserung körperlicher Aktivität, ausgewogener Ernährung und Nikotin-/Alkoholverzicht vor einer Tumoroperation ist als internationaler Standard anzusehen.

Auf eine darüber hinausgehende intensivierte ressourcenaufwändige Prähabilitation mit strukturierten Programmen kann verzichtet werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel

Vergleich von Prähabilitation vs. jeder anderen InterventionEvidenz aus 1 Umbrella-Review, 3 Metaanalysen und 6 RCT(s)


⊕⊕⊕⊝

Mortalität: Kein Effekt (OR 1,04; 95% KI 0,51 bis 2,12)


⊕⊕⊝⊝

Komplikationsrate (global): Kein Effekt (OR 0,79; 95% KI 0,60 bis 1,02)


⊕⊕⊕⊝

Komplikationsrate (pulmonal): Fragliche Reduktion (OR 0,59; 95% KI 0,33 bis 1,06)


⊕⊕⊝⊝

Komplikationen (Clavien-Dindo > 2): Kein Effekt (OR 0,79; 95% KI 0,44 bis 1,40)


⊕⊕⊝⊝

Krankenhausverweildauer: Kein Effekt (MD -0,07 Tage; 95% KI -0,57 bis 0,44)


⊕⊕⊕⊝

Verweildauer auf Intensivstation: Kein Effekt (MD -0,02; 95% KI -0,54 bis 0,49)


⊕⊕⊕⊝

Gangausdauer: Verbesserung der Gangausdauer (MD 36,08 m; 95% KI 20,95 bis 51,20)


⊕⊕⊝⊝

Lebensqualität: Kein Effekt (SMD 0,34; 95% KI -0,54 bis 1,21)


⊕⊕⊝⊝

Depression Kein Effekt (MD 0,22 HADS-Punkte; 95% KI -1,41 bis 1,85)


⊕⊕⊝⊝

Krankenhausbedingte Angst: Kein Effekt (MD -0,15 HADS-Punkte; 95% KI -0,97 bis 0,67)

Konsens
Konsens
Literatur
[67] [68] [69] [70] [71] [72] [73] [74] [75] [76] [77]
Evidenztabellen (5)4.8 Evidenztabelle RCTs zur Prähabilitation; 4.8 Evidenztabelle SRs zur Prähabilitation; 4.8 SoF-Tabelle Prähabilitation von Hoch Risiko Patienten; 4.8 SoF-Tabelle Prähabilitation global; 4.8 EtD-Tabelle Prähabilitation

Eine multimodale Prähabilitation besteht häufig trimodal aus Bewegungs- und Ernährungstherapie sowie einer psychologischen Intervention. Oftmals wird ein Zeitraum von vier bis sechs Wochen prästationär, u. a. bei vorausgehender neoadjuvanter Behandlung, für die Prähabilitation genutzt. In den untersuchten Studien wurden im Interventionsarm regelhaft spezielle Programme eingesetzt, in denen die Patienten unter individueller Anleitung bei Aufwendung von erheblichen personellen und materiellen Ressourcen (individuelle Bewegungs-/Physiotherapie, individuelle Ernährungsoptimierung und individuelle psychologische Begleitung) gesondert geführt wurden.  

Für den Vergleich von intensivierter Prähabilitation mit der Standardtherapie bei Patienten mit gastrointestinalen Tumoren wurden vier aktuelle systematische Übersichtsarbeiten, sechs aktuelle randomisierte Studien und ein Umbrella Review eingeschlossen. 

Dazu wurde die Metaanalyse von Waterland et al. 2021 [71] mit 21 zwischen 1991 und August 2020 durchgeführten randomisierten Studien mit insgesamt 1.700 Teilnehmern durch die Ergebnisse einer Intervallrecherche mit sechs randomisierten Studien aktualisiert [72][73][74][75][76][77]. Eine Subgruppenanalyse erfolgte mit gezieltem Einschluss von Risikopatienten unabhängig von der Operation und Tumorentität. Molenaar et al. 2022 [68] schlossen in ihren aktuellen systematischen Cochrane Review zur Prähabilitation bei überwiegend laparoskopisch operierten Patienten mit nicht metastasiertem kolorektalem Karzinom drei kanadische bis Januar 2021 publizierte RCT mit insgesamt 250 Patienten (Prähabilitation n=130) ein. Hierbei erhielten die Kontrollpatienten in den drei von Molenaar et al. eingeschlossenen kanadischen Studien die über vier Wochen dauernde trimodale Prähabilitation (Ernährung, körperliche Übungen und psychologische Intervention) erst nach der Operation (“Prehabilitation versus Rehabilitation“). Es fehlt jedoch die RCT von Berkel et al. 2022 [72]. Die Ergebnisse zeigten: Nach der Prähabilitation fand sich präoperativ eine klinisch relevante funktionelle Verbesserung der 6-Minuten-Gehstrecke. Das Vertrauen in die Evidenz für die präoperative Gehstreckenverbesserung wurde bei einem hohen Risiko für Bias (RoB) als moderat eingestuft. Postoperativ fand sich für die Prähabilitation eine funktionelle Verbesserung im 6-Minuten Gehtest nach 4 und 8 Wochen. Auch dieses Vertrauen in die Evidenz wurde bei hohem RoB, fehlender Präzision und Inkonsistenz als gering bis sehr gering eingestuft. Die Patienten mit Prähabilitation hatten nicht weniger Komplikationen (RR 0,95; 95% KI 0,70 bis 1,29; 3 Studien; n=250) und nicht weniger Vorstellungen in der Notaufnahme (RR 0,72; 95% KI 0,39 bis 1,32; 3 Studien; n=250; hohes RoB und fehlende Präzision, geringe Evidenz). Es zeigte sich kein Effekt bei der Wiederaufnahmerate nach der Operation (RR 1,20; 95% KI 0,54 bis 2,65; 3 Studien; n=250). In den eingeschlossenen Studien wurde kein Unterschied zwischen der Lebensqualität und der Krankenhausverweildauer mitgeteilt. In der randomisierten Studie von Berkel et al. 2022 [72] wurden Patienten ≥ 60 Jahren mit kolorektalem Karzinom und einem Score ≤7 VSAQ (Veterans-Specific-Activity-Questionnaire) für die Prähabilitation vs Standardbetreuung randomisiert. Danach erfolgte der Einschluss in die Studie nach einem kardiopulmonalen Belastungstest (CPET), wenn lediglich eine Sauerstoffaufnahme <11ml/kg/min vorlag (n=57); Prähabilitation (n=28), Standardbetreuung (n=29). Die Prähabilitation erfolgte mit einem individualisierten Übungsprogramm über 3 Wochen (3 Sitzungen/Woche). Die Rate postoperativer Komplikationen als primärer Endpunkt war in der Prähabilitationsgruppe niedriger (n=12, 42,9%) vs Standard (n=21, 72,4%, RR 0,59; 95% KI 0,37 bis 0,96, P=0,024).

Dieses Studienergebnis hat die Leitliniengruppe veranlasst, eine Subgruppenanalyse von drei identifizierten Studien mit dezidierter Auswahl von Risikopatienten durchzuführen [78][79][72]. Der bei Berkel gesehene Effekt ließ sich unter Einbeziehung der beiden weiteren Studien nicht reproduzieren (siehe Forschungsfrage).

Insgesamt können die aktuellen Daten keinen Nutzen einer intensivierten ressourcenaufwändigen Prähabilitation für die definierten ausgewerteten Endpunkte belegen.

Die Empfehlung zu Nikotin- und Alkoholverzicht, ausgewogene Ernährung und die Erhaltung/Steigerung körperlicher Aktivität waren in den bewerteten Studien in der Regel schon der Standard im Kontrollarm und ist Mindestanforderung einer präoperativen Patientenanleitung. Aus diesem Standard der Kontrollarme und der moderaten Evidenz für die Verbesserung der 6 Minuten Gehstrecke leitet die Arbeitsgruppe ab, dass Risikopatienten bei der Vorbereitung einer großen Operation partizipativ zu einer ressourcenarmen individualisierten „Prähabilitation“ zu Hause (z.B. Anleitung durch Flyer, einmalige Diät-Beratung, Bewegungs-/Physiotherapie) motiviert werden sollten. 

Forschungsfrage

Insgesamt zeigt sich sowohl bei den untersuchten Patientengruppen als auch bei der Art der Interventionen als auch der Länge der Intervention eine große Heterogenität. Daher sollten weitere qualitativ hochwertige Studien mit einer trimodalen Prähabilitation (Optimierung der Ernährung, Psychologische Begleitung, Trainingsplan) definierter Dauer bei vergleichbaren Operationen im Kontext von mPOM durchgeführt werden.

Die von uns durchgeführte Subgruppenanalyse ergab auch bei Risikopatienten keinen Effekt der Prähabilitation auf die Senkung von postoperativen Komplikationen. In der Sensitivitätsanalyse wurde bei Weglassen der stark gepowerten Studie von Carli et al (2020) durchaus ein Effekt beobachtet. So lässt die derzeitige Datenlage die Frage nach möglichen Effekten einer Prähabilitation auf das postoperative Outcome von einheitlich definierten Hochrisikopatienten offen.

Die Differenzierung der Intervention „Prähabilitation“ nach offenen versus minimal invasiven Operationsverfahren ist bisher nicht durchgehend erfolgt.

4.4 Patientenschulung und –beratung hinsichtlich perioperativer Interventionen / Optimierungsmöglichkeiten

4.9 · Konsensbasierte Empfehlung 2023

Eine spezifische Unterweisung hinsichtlich eines multimodalen perioperativen Behandlungskonzeptes sollte bei Patienten vor einer Operation routinemäßig durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens

Auch wenn die Bedeutung und Gewichtung einzelner Komponenten (Items) von multimodalen perioperativen Behandlungskonzepten (mPOM) noch nicht abschließend geklärt ist [80][81], spricht die vorhandene Evidenz dafür, dass eine spezifische präoperative Patientenschulung zu einer verbesserten Compliance, frühzeitiger postoperative Mobilisation, höherer Patientenzufriedenheit und zu einer verkürzten Verweildauer im Vergleich zu keiner Patientenschulung führt.

In einer unizentrischen nicht-randomisierten Studie (n=505) zum Stellenwert einer standardisierten telefonischen Schulung im Rahmen eines mPOM-Programms für Kolorektalchirurgie hatten die 190 Patienten mit Telefonschulung eine kürzere Krankenhausverweildauer (3,0 ± 2,2 vs 3,7 ± 3,2 Tage; p=0,005) [82].

In weiteren Studien aus der Kolorektalchirurgie hatten Patienten mit Schulung (2 präoperative Konsultationen mit einer spezialisierten Pflegekraft) im Rahmen eines mPOM-Programms eine kürzere postoperative Verweildauer als die Kontrollgruppe (Median 5 Tage [2 bis 50] vs Median 8 Tage [2 bis 48]; p=0,001) [83]. In einer follow-up Studie wurden 80 mPOM-Patienten mit spezifischer Schulung verglichen mit 84 mPOM-Patienten ohne Schulung. Geschulte Patienten hatten eine bessere Compliance hinsichtlich postoperativer Mobilisierung und oraler Nahrungsaufnahme und wieder eine um 2 Tage verkürzte Verweildauer (median 5 Tage [range 2–29] vs 7 Tage [range 2–39], p<0,001; [84]. Die gleiche Gruppe berichtete quasi deckungsgleiche Ergebnisse für 122 Stomapatienten mit deutlich verkürzter Verweildauer nach spezifischer präoperativer Stomaschulung: 6 Tage [2-21] vs 9 Tage [5-45]; p < 0,001 [85]. Im Gegensatz dazu konnte eine britische Studie mit 65 Patienten nach Kolorektalchirurgie keinen Vorteil nach Patientenschulung mittels Video (im Vergleich zu Patientenbroschüre) nachweisen [86]. Eine koreanische Studie (n=118) untersuchte den Wert einer 2-wöchigen Mobiltelefon-gestützten Information bei Patienten vor geplanter Kolorektalchirurgie und beschrieb Vorteile für die Interventionsgruppe in puncto Lebensqualität, Ängstlichkeit und Depression [87].

Die heterogene Datenlage zur präoperativen Patientenschulung in der Kolorektal-Chirurgie wurde in einer kürzlich veröffentlichten Übersichtsarbeit über 3 Studien mit audio-visuellen Hilfsmitteln, 3 mit Mobiltelefon-gestützten Interventionen und 5 mit persönlicher Schulung zusammengefasst, und ein positiver Effekt auf die Lebensqualität bei Verwendung von Online-Informationstools bzw. auf die Verweildauer bei persönlicher Schulung beschrieben [88]. Eine weitere Übersichtsarbeit über 14 Studien kam zu ähnlichen Resultaten für die präoperative Information vor onkologischer Chirurgie (nicht spezifisch für mPOM): Persönliche Schulung führte zu weniger Ängstlichkeit (5 von 7 Studien), höherer Zufriedenheit (1/1), besserem Wissensstand (3/3) und reduzierten Gesundheitskosten (1/1). Audiovisuelle und Multimedia Interventionen verbesserten die Patientenzufriedenheit (1/1) und den Wissensstand (2/3), wohingegen alleinige Patientenbroschüren keine konsistenten Vorteile erbrachten [89].

Auch die spanischen Praxisrichtlinien schlussfolgerten aufgrund dieser Daten, dass Patienten vor großen abdominalchirurgischen Operationen mündliche und schriftliche Information erhalten sollten über die perioperative Behandlung, um Zweifel zu zerstreuen und den Patienten zu einem aktiven Partner seiner Behandlung zu machen [90]. Der Inhalt der Information sollte dabei klar formuliert und im perioperativen Behandlungsteam abgestimmt sein.

4.5 Präoperative Evaluation und Risikoeinschätzung

4.10 · Evidenzbasierte Empfehlung 2023

Ein validiertes Risikostratifizierungsinstrument sollte verwendet werden, um die klinische Untersuchung zur Planung der Operation zu ergänzen.

Die Ergebnisse der Risikostratifizierung sollten mit dem Patienten besprochen werden, um eine partizipative Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel

Leitlinienadaption: NICE (National Institute of Health and Care Excellence; http://www.nice.org.uk/guidance/ng180 (PMID: 32931177), 19. August 2020, letzte Aktualisierung Oktober 2021, Kapitel 1.3.1

Konsens
Starker Konsens
Literatur
[91]

Eines der primären Ziele der NICE Guideline NG180 stellt die präoperative Evaluation und Risikoeinschätzung dar, um dadurch Patienten mit einem erhöhten Mortalitäts- und Morbiditäts-Risiko zu identifizieren und zu stratifizieren. Das NICE Komitee kam zu dem Schluss, dass Risikostratifizierungsinstrumente wie z.B. POSSUM, P-POSSUM, NSQIP, E-PASS und der SRS* einen angemessen Grad der Genauigkeit in Bezug auf die Mortalität (Median C-Statistic von ca. 85%) zeigten. In Bezug auf die Morbidität stellten sich die Risikostratifizierungsinstrumente weniger akkurat dar. Die Aussagekraft ist limitiert, da die Qualität der Evidenz der einbezogenen Studien von niedrig bis sehr niedrig reichte und das Risiko für Bias sich als erheblich bis sehr erheblich darstellte. Zudem ist basierend auf der Heterogenität der Studienpopulationen eine Aussage, welches der oben genannten Risikostratifizierungsinstrumente verwendet werden sollte, nicht möglich [91].

Der NICE-Ausschuss war sich einig, dass bei weniger komplexen Eingriffen mit geringerem Risiko als einfacheres Instrument der ASA (American Society of Anaesthesiology) - Status benutzt werden kann, zumal die anderen Instrumente mit einer Vielzahl von Parametern mit einem hohen Erfassungs-Aufwand verbunden sind. Welche Operation als Eingriffe mit geringerem Risiko definiert werden, hat das NICE Komitee nicht festgelegt. 

Die präoperative Risikostratifizierung sollte zudem das zunehmende Alter der Patienten zur Resektion gastrointestinaler Tumoren berücksichtigen. Die European Society of Anaesthesiology and Intensive Care überarbeitete 2018 die Guideline „Pre-operative evaluation of adults undergoing elective noncardiac surgery“. In dieser Leitlinie werden Empfehlungen zur präoperativen Evaluierung von nicht-herzchirurgischen Patienten gegeben. Die Sektion “geriatrischer Patient” beinhaltet zehn Level 1B Empfehlungen (Grade of Recommendation) die die Domänen funktioneller Status, Grad der Unabhängigkeit, Co-/Multimorbidität, Polypharmazie, kognitiver Status, Depression, Delirium, sensorischer Status, Mangelernährung und Frailty umfassen. Die Autoren der Guideline empfehlen, dass die oben genannten Domänen Bestandteil der präoperativen Evaluierung geriatrischer Patienten sein sollten [92]. Ähnlich wie bei der NICE Guideline ist eine Aussage welche spezifischen Tests zur Evaluierung der einzelnen Domänen Anwendung finden sollten, aufgrund der Heterogenität der Studienpopulationen nicht möglich.

Es lässt sich jedoch festhalten, dass ein validiertes Risikostratifizierungsinstrument zur präoperativen Evaluation und Risikoeinschätzung bei komplexen Operationen Verwendung finden sollte, um die klinische Untersuchung zur Planung der Operation zu ergänzen, als auch die Aufklärung und das Empowerment der Patienten zu unterstützen.

Evidenztabellen

4.8 Evidenztabelle RCTs zur Prähabilitation

Referenz/ Studientyp

Untersuchte Population

Intervention

Kontrolle

untersuchte Endpunkte und Hauptergebnisse

methodische Bemerkungen

Fulop et al, (2021)

 

The effect of trimodal prehabilitation on the physical and psychological health of patients undergoing colorectal surgery: a randomited clinical trial .

 

 

Anesthesia; 76: 82-90

 

[73]

 

N= 149 colorectal surgery

(n=77 prehab, n=72 contr)

 

10/ Adult patients >18yrs requiring colorectal surgery

Exclusion: palliative surgery, ostomy, bypass due to  carcinosis metastatic, unresectable disease , 2017-02/2019

3-6 weeks home-based prehab:- weekly inhospital supervised session: aerobic and breathing exercise: 

 

30min  walking or jogging, 10-15min coughing exercise  (4or5x/day), 1x individualized nutritional counseling,, ONS, 1x 60min psychologist

current perioperative management according to ERAS guidelines

Morbidity

7day- overall, 30-day overall, Clavien-Dindo>3 (7d and 30d),

Mortality

7d, 30d

 

LOS  

 

6MWD

Spirometry (Incentive and FVC)

Anxiety (HADS)

QOL (SF36)

 

Improved

6MWD: 305 vs. 232m – (p=0.005),

Incentive spirometry 113 vs. 100% (p>0.001):

Anxiety: 4(3) vs. 5 (3) (p=0.032)

Rob2: Low risk

Flow chart, no ITT, computerized random numbers

Adverse event0, CI – yes s z

Power calculation - &MWD

No external funding, no COI

Berkel et al (2022) Effects of community-based exercise prehabilitation for patients scheduled for colorectal surgery with high risk for postoperative complications: Results of a randomized clinical trial.

 

Ann Surg 275: e299-e306

 

[Berkel, AEM et al. 2022]

N=57 colorectal surgery

(n=28 prehab, n=29 control)

 

 

 02/2014-12/2018

 

 

Age >_60yrs colorectal cancer or premalignant lesions

 VSAQ score <_ 7METs

Able to perform CPET

3 week (3x per week – 60min/session, 9 in total), personalized, supervised exercise in community physical  therapy practice ) 

Usual care ERAS with nutritional counseling and advice on smoking cessation

 Number of pts with one or more complications within 30 days of surgery

Clavien-Dindo complications

Preoperative aerobic fitness

LOS

Unplanned readmission within 30 and 90 days

Complication rate: 12 (42.9%) vs. 21 (72.4%) –(p=0,024)

Prehab protective against overall complications: RR 0.59, 95% CI 0.37 to 0.96)

 

No difference in hospital readmission rate: 4 (14.3%) vs. 5 (17.2%)

RoB2: Low risk

Power calculation according to morbidity in colorectal surgery

Funding: Amgen

COI declared

 

Liu et al. (2020)

Safety, feasibility, and effect of an enhanced nutritional support pathway including extended preoperative and home enteral nutrition in patients undergoing enhanced recovery after esophagectomy: a pilot randomized clinical trial

 

Diseases of the Esophagus 33, 1–13

[74]

 

 

 

N=60 Nonmetastatic esophageal cancer surgery (n=30 conventional nutrition, n=30 enhanced nutrition)

 

Patients > 18 years

 

Recruiting 1/2018 – 6/2018

 

 

Extended preoperative nutritional support and one month home enteral nutrition

 

Conventional nutrition group

 

 

Primary outcome parameter: LBM

Patients were assessed at preoperative day, postoperative day 7 and postoperative day 30 for perioperative outcomes and nutrition status.

 

secondary outcome up to discharge:

postoperative hospital

ICU stay

no difference

 

RoB2: some concerns

 

Intervention is pre- and postoperative

 

Comparable up to discharge

(postoperative stay

ICU stay)

 

Only outcome parameters accepted before postoperative intervention

Peng et al. (2021)

Implementation of the pre-operative rehabilitation recovery protocol and its effect on the quality of recovery after colorectal surgeries

 

Chinese Medical Journal 2021;134(23)

 

[75]

N=213 patients; elective colorectal surgeries; S-ERAS (n=104), PR-ERAS (n=109)

 

Recruiting 1/2018 – 9/2019

 

Age 16 – 85 years

 

PR-ERAS (pre-operative rehabilitation exercise program: day of surgery rehabilitation therapist explained excercise. At home and or bedside if patients could not be admitted to surgery. Three elements: strengthening upper and lower extremities; thoracic and abdominal breathing exercises and abdominal muscle

S-ERAS: standardized enhanced recovery after surgery

Primary outcome: early recovery of GI function (time to recovery and I-Feed scores)

Secondary outcomes: quality of recovery score (QOR-40), strength of handgrip and adverse events

Duration of  prehabilitation 14.3 +-5.2 days

I-Feed scoring was higher in the PR-ERAS group (79.0% vs. 64.3%, p<0.05). Subscores life ability and physical well-being at post-operative 72h were significantly improved in the PR-ERAS group (p<0.050; QOR-40). Strength of hand grip postoperatively was improved (p<0,05). The incidence of bowel-related and other adverse events was similar in both groups till 30 days post-operatively (p>0,050)

 

 

RoB2: some concerns

 

Single centre RCT

 

No COI

 

Sponsor : National Clinical Key

Discipline Project, the co-grant of Health Bureau of

Chongqing Municipality and Chongqing Association for

Science and Technology (No. 2020MSXM042), and

technology promotion project of the Health Bureau of

Chongqing Municipality (2020jstg026).

Steffens et al ( 2021 )

 

Feasibility and acceptability of a

preoperative exercise program for patients

undergoing major cancer surgery: results

from a pilot randomized controlled trial

 

Pilot and Feasibility Studies (2021) 7:27

 

[76]

Pilot Study N=22

(n=11 prehab, n=11 control )

 

Unicentre RCT

Elective surgery pelvic exenteration/CRS/HIPEC

18-80 years

Recruiting 7/2017 – 10/2018

 

 

Comprehensive preoperative exercise program:

-supervised individualized and progressive exercise

- home exercise

-daily physical activity advice + tracker)

Usual care

( nutritional counselling and advice on smoking cessation and reduction of alcohol intake)

Primary outcome: Feasibility and acceptability of the preoperative exercise program

Secondary outcomes: in hospital complications (CD), length of hospital stay, functional capacity (6-min walking test),physical activity, quadriceps strength, health related quality of life

 

Feasibility and acceptability of a complex prehabilitation program proven ( 20 of 22 patients com-pleted the whole trial,  two died)

 

None of the secondary endpoints showed any statistically significant difference

 

 

RoB2: low risk

 

Pilot / feasibility study, RCT

Conceptionally underpowered for secondary endpoints

 

adverse events reported, no event in study

 

No COI

 

Funded by Sydney Catalyst pilot and seeded grant 2017

 

 

Waller et al ( 2021 )

Prehabilitation with wearables versus standard of care before major abdominal surgery: a randomised pilot study (trial registration: NCT04047524)

Surgical Endoscopy

 

[77]

Pilot Study N=22

(n=11 prehab, n=11control)

 

Unicentre RCT

 

Major abdominal cancer surgery tertiary cancer centre

 

Age > 18 years

 

Recruiting 05/2019 – 09/2019

 

 

Tri-modal group intervention:

-structured exercise and physical activity

(individual instruction + app)

-nutrition ( Fitbit app food log)

-psychosocial support

(mindfulness app)

 

Actively monitored and encouraged by Fitbit Charge 2 smartwatch

Usual care

 

Fitbit Flex 2 without display and feed back as placebo device

 

 

Primary outcome:

Increase of physical activity:

-increase of level –light, moderate, vigorous- (Fitbit collected data)

-functional walking capacity (6MWT)

Secondary outcome:

Change in body weight, psycho-logical well being (HADS), daily step counts, participant satisfaction

 

Average vigorous intensity activity, mean daily step counts and functional capacity (6MWT) was increased in the intervention group

No difference for body weight change and psychological well being

High participant satisfaction

 

RoB2: some concerns

 

Randomization software “GraphPad”

Sample calculation n=15/group

 

Low powered and fully powered RCT suggested by study authors

 

adverse events reported, no event in study

 

CI given

 

No COI

 

Funded by the charity Pseudomyxoma Survivor ( Grant Nr A01024)

 

4.8 Evidenztabelle SRs zur Prähabilitation

  Studientyp

Untersuchte Studien

verglichene Interventionen

untersuchte Endpunkte

Ergebnisse

methodische Bemerkungen

Eingeschlossene Studien

Waterland et al, (2021)

 

Efficacy of Prehabilitation Including Exercise on Postoperative Outcomes Following Abdominal Cancer Surgery: A Systematic Review and Meta-Analysis.

 

 

Frontiers of Surgery; 8: 628848

 

PMID: [71]

Patients undergoing abdominal cancer surgery  

 

RCTs or pseudo RCTs

At least 10 included patients

Adult patients >18yrs

Studies that include a measure of cardiorespiratory fitness/functional capacity and/or measures of postoperative outcome

, 1937-2020

Any form of prehabilitation either unimodal or multimodal that included whole body and/or respiratory exercises as a stand-alone intervention or in addition to other prehabilitation interventions (such as nutrition and psychology)

 

vs.

 

standard care

Effect of prehabilitation including exercise on postoperative outcomes following abdominal cancer surgery

6MWD

Preoperative VO2 peak

Anaerobic threshold (AT)

Hospital length of stay

Postoperative complications

Pulmonary complications

Hospital re-admission

Postoperative mortality

 

Improved

6MWD: Mean difference (MD) 33.09 metres, 95% CI 17.69 to 48.50; p = <0.01

Hospital length of stay: MD 3.68 days, 95% CI 0.92 to 6.44; p = 0.009

Rob2: Low risk (AMSTAR2: 11 of 16 answered with yes)

Funding: National Health and Medical Research Council (NHMRC) PhD Scholarship, no COI

Twenty-two studies were included in the systematic review and 21 studies in the meta-analysis

 

International Prospective Register of Systematic Reviews (PROSPERO 2020 CRD42020166551)

Bleckwell et al. 2020 Prostate Cancer Prostatic Dis. doi: 10.1038/s41391-020-0219-1

Carli et al. 2020 JAMA Surgery. doi: 10.1001/jamasurg.2019.5474

Swaminathan et al. 2020 Int. J. Surg. doi: 10.1016/j.ijsu.2020.07.027

Ausania et al. 2019 Rev Espanola Enfermedades Digest. doi: 10.17235/reed.2019.6182/2019

Christensen et al. 2019 BJS Open. doi: 10.1002/bjs5.50110

Karlsson et al. 2019 PLoS One doi: 10.1371/journal.pone.0219158

Minnella et al. 2019 Euro Urol Focus. doi: 10.1016/j.euf.2019.05.016

Moug et al. 2019 Colorectal Dis. doi: 10.1111/codi.14560

Northgraves et al. 2019 Colorectal Dis. doi: 10.1111/codi.14560

Banerjee et al. 2018 Support Care Cancer. doi: 10.1007/s00520-017-3991-2

Barberan-Garcia et al. 2018 Ann Surg. doi: 10.1097/SLA.0000000000002293

Boden et al. 2018 BMJ. doi: 10.1136/bmj.j5916

Bousquet-Dion et al. 2018 Acta Oncol. doi: 10.1080/0284186X.2017.1423180

Minnella et al. 2018 JAMA Surgery. doi: 10.1001/jamasurg.2018.1645

Valkenet et al. 2018 Brit J Surg. doi: 10.1002/bjs.10803

Dunne et al. 2016 Brit J Surg. doi: 10.1002/bjs.10096

Jensen et al. 2015 Scand J Urol. doi: 10.3109/21681805.2014.967810

Yamana et al. 2015 Digest Surg. doi: 10.1159/000434758

Gillis et al. 2014 Anesthesiology. doi: 10.1097/ALN.0000000000000393

Kaibori et al. 2013 Am J Surg. doi: 10.1016/j.amjsurg.2012.07.035

Soares et al. 2013 Clin Rehabil. doi: 10.1177/0269215512471063

Dronkers et al. 2010 Clin Rehabil. doi: 10.1177/0269215509358941

 

4.8 SoF-Tabelle Prähabilitation von Hoch Risiko Patienten

Endpunkte

Risiko mit jeder anderen Intervention

Risiko mit Prähabilitation
(uni- oder multimodal) bei Hochrisikopatienten

Relativer Effekt
(95% CI)

№ der Teilnehmer
(Studien)

Certainty of the evidence
(GRADE)

Relevanz des Endpunkts

Mortalität

11 pro 1.000

18 pro 1.000
(2 bis 132)

OR 1.66
(0.20 bis 13.79)

182
(2 RCTs)

⨁⨁◯◯
Niedriga,b

Kritisch

Komplikationsrate (global)

578 pro 1.000

376 pro 1.000
(198 bis 599)

OR 0.44
(0.18 bis 1.09)

292
(3 RCTs)

⨁◯◯◯
Sehr niedriga,b,c,d

Kritisch

Komplikationsrate (pulmonal)

152 pro 1.000

107 pro 1.000
(31 bis 301)

OR 0.67
(0.18 bis 2.40)

182
(2 RCTs)

⨁⨁◯◯
Niedriga,b

Wichtig

Komplikationen (CD>=3)

217 pro 1.000

155 pro 1.000
(79 bis 281)

OR 0.66
(0.31 bis 1.41)

182
(2 RCTs)

⨁⨁⨁◯
Moderatb

Kritisch

Krankenhausverweildauer

Der Mittelwert Krankenhausverweildauer war 18.15 Tage

MD 2.42 Tage weniger
(6.54 weniger bis 1.71 mehr)

-

182
(2 RCTs)

⨁◯◯◯
Sehr niedrigb,e

Wichtig

Verweildauer auf Intensivstation


MD 3 Tage weniger
(6.25 weniger bis 0.25 höher)

-

125
(1 RCT)

⨁⨁◯◯
Niedrigb

Gering

Funktionelle Kapazität
bewertet mit: 6-Min.-Gehtest

MD 5.48 m mehr
(24.58 weniger bis 35.53 mehr)

-

203
(2 RCTs)

⨁◯◯◯
Sehr niedrigb,c

Gering

Lebensqualität

-

SMD 0 SD
(0.37 weniger bis 0.37 höher)

-

110
(1 RCT)

⨁⨁◯◯
Niedrigb,f

Kritisch

Depression


MD 1 HADS-Punkte mehr
(0.12 weniger bis 2.12 mehr)

-

110
(1 RCT)

⨁⨁◯◯
Niedrigb,f

Wichtig

Krankenhausbedingte Angst


MD 2 HADS-Punkte mehr
(0.47 mehr bis 3.53 mehr)

-

259
(1 RCT)

⨁◯◯◯
Sehr niedrigb,f,g

Wichtig

*Das Risiko in der Interventionsgruppe (und das 95% Konfidenzintervall) basiert auf dem vermuteten Risiko in der Vergleichsgruppe und der relativen Wirkung der Intervention (und dem 95% KI).

CI: confidence interval; MD: mean difference; OR: odds ratio; SMD: standardised mean difference

GRADE Working Group grades of evidence
High certainty: we are very confident that the true effect lies close to that of the estimate of the effect.
Moderate certainty: we are moderately confident in the effect estimate: the true effect is likely to be close to the estimate of the effect, but there is a possibility that it is substantially different.
Low certainty: our confidence in the effect estimate is limited: the true effect may be substantially different from the estimate of the effect.
Very low certainty: we have very little confidence in the effect estimate: the true effect is likely to be substantially different from the estimate of effect.

Erläuterungen

a. Heterogene Assessments für dieses Outcome verwendet.

b. 95 % KI umfasst das Maß für keinen Effekt (0)

c. Aufgrund einer oder mehrerer Studien mit 'High risk of bias'

d. Anhaltspunkte für 'Small study bias' im Funnel Plot

e. Bedeutsame Inkonsistenz mit weiten KI

f. Gesamtstichprobengröße <400

g. Gegensätzliche Effekte in den Primärstudien

 

4.8 SoF-Tabelle Prähabilitation global

Endpunkte

Risiko mit jeder anderen Intervention

Risiko mit Prähabilitation (uni- oder multimodal)

Relativer Effekt
(95% CI)

№ der Teilnehmer
(Studien)

Certainty of the evidence
(GRADE)

Relevanz des Endpunkts

Mortalität

28 pro 1.000

30 pro 1.000
(15 bis 58)

OR 1.04
(0.51 bis 2.12)

1189
(11 RCTs)

⨁⨁⨁◯
Moderata,b

Kritisch

Komplikationsrate (global)

413 pro 1.000

354 pro 1.000
(297 bis 418)

OR 0.78
(0.60 bis 1.02)

1752
(21 RCTs)

⨁⨁◯◯
Niedriga,b,c

Kritisch

Komplikationsrate (pulmonal)

302 pro 1.000

204 pro 1.000
(125 bis 315)

OR 0.59
(0.33 bis 1.06)

1098
(9 RCTs)

⨁⨁⨁◯
Moderata,b

Wichtig

Komplikationen (CD>=3)

132 pro 1.000

107 pro 1.000
(63 bis 176)

OR 0.79
(0.44 bis 1.40)

507
(7 RCTs)

⨁⨁⨁◯
Moderatb

Kritisch

Krankenhausverweildauer

Der Mittelwert Krankenhausverweildauer war 18.15 Tage

MD 0.07 Tage weniger
(0.57 weniger bis 0.44 mehr)

-

927
(8 RCTs)

⨁◯◯◯
Sehr niedrigb,d,e

Wichtig

Verweildauer auf Intensivstation


MD 0.02 weniger
(0.54 weniger bis 0.49 höher)

-

604
(4 RCTs)

⨁⨁⨁◯
Moderatb

Gering

Funktionelle Kapazität
bewertet mit: 6-Min.-Gehtest

 

MD 36.08 m mehr
(20.95 mehr bis 51.2 mehr)

-

734
(12 RCTs)

⨁⨁⨁◯
Moderatb

Gering

Lebensqualität

-

SMD 0.34 SD höher
(0.54 weniger bis 1.21 höher)

-

381
(4 RCTs)

⨁⨁◯◯
Niedrigb,f

Kritisch

Depression


MD 0.22 HADS-Punkte höher
(1.41 weniger bis 1.85 höher)

-

307
(3 RCTs)

⨁⨁◯◯
Niedrigb,f

Wichtig

Krankenhausbedingte Angst


MD 0.15 HADS-Punkte weniger
(0.97 weniger bis 0.67 höher)

-

259
(2 RCTs)

⨁◯◯◯
Sehr niedrigb,f,g

Wichtig

*Das Risiko in der Interventionsgruppe (und das 95% Konfidenzintervall) basiert auf dem vermuteten Risiko in der Vergleichsgruppe und der relativen Wirkung der Intervention (und dem 95% KI).

CI: confidence interval; MD: mean difference; OR: odds ratio; SMD: standardised mean difference

GRADE Working Group grades of evidence
High certainty: we are very confident that the true effect lies close to that of the estimate of the effect.
Moderate certainty: we are moderately confident in the effect estimate: the true effect is likely to be close to the estimate of the effect, but there is a possibility that it is substantially different.
Low certainty: our confidence in the effect estimate is limited: the true effect may be substantially different from the estimate of the effect.
Very low certainty: we have very little confidence in the effect estimate: the true effect is likely to be substantially different from the estimate of effect.

Erläuterungen

a. Heterogene Assessments für dieses Outcome verwendet.

b. 95 % KI umfasst das Maß für keinen Effekt (0)

c. Anhaltspunkte für Small Study Effect

d. Bedeutsame Inkonsistenz mit weiten KI

e. Asymmetrie im Funnel plot

f. Gesamtstichprobengröße <400

g. Gegensätzliche Effekte in den Primärstudien

 

4.8 EtD-Tabelle Prähabilitation

Kriterium

Bewertung

Grundlage für die Bewertung

Nutzen der Intervention

Der Gesamtnutzen einer Prähabilitation wird als klinisch nicht relevant eingeschätzt. Für die Mehrzahl der Endpunkte gibt es keine Evidenz für einen Gesamtnutzen. Eine Ausnahme hierbei bildet die Gehstreckenverlängerung um 34 m, welche jedoch als klinisch nicht relevant eingeschätzt wird.

 

Evidenz, siehe Summary-of-Findings-Tabellen

Möglicher Schaden durch die Intervention

 

Es gibt keine Evidenz für negative Effekte der Intervention. Allerdings wurde nicht untersucht, inwieweit es durch eine Prähabilitation zu einer Verzögerung des operativen Eingriffes kommt.

 

Expertenbewertung und Evidenz, siehe Summary-of-Findings-Tabellen

Zuverlässigkeit und Qualität der Evidenz

Die Gesamtsicherheit der Effektschätzungen für alle Endpunkte ist insgesamt sehr niedrig bis moderat. Bedeutsame Inkonsistenz (sich widersprechende Studien) gab es nur beim Endpunkt Krankenhausangst.

 

Sicherheit der Effektschätzungen (nach GRADE) für die als kritisch definierten Endpunkte:

Mortalität (kritisch): Moderat;

Komplikationsrate global (kritisch): niedrig;

Komplikationen CD>3 (kritisch): niedrig;

Depression (kritisch): niedrig

 

 

Evidenz, siehe Summary-of-Findings-Tabellen

Präferenzen und Akzeptanz

Die Reaktionen der Patienten und aller am Prozess Beteiligten können ambivalent sein, wenn Ihnen keine intensivierte Prähabilitation angeboten wird. 

Expertenbewertung

 

Ressourcen und Umsetzbarkeit der Empfehlung

Da intensivierte Prähabilitation einen relevanten Ressourcenverbrauch bedeutet, wird die ausgesprochene Empfehlung, sie nicht durchzuführen, Kosten vermeiden helfen.

 

Expertenbewertung

 

Fazit der Studienlage und Einschätzungen

 

In der Zusammenschau der von der Arbeitsgruppe aktualisierten Evidenz von 27 RCTs zeigt sich in der durchgeführten Meta-Analyse bei starker Heterogenität der Interventionen zur Prähabilitation nur eine funktionelle Verbesserung vor der Operation gemessen in der 6-Minuten-Gehstrecke. Der 6-Minuten Gehtest als Messinstrument der funktionellen Kapazität wird von der Arbeitsgruppe als valide, reliabel und praktikabel angesehen. Sichere Auswirkungen der verbesserten funktionellen Kapazität auf die Komplikationsrate und andere als klinisch relevant klassifizierte Outcome-Parameter können jedoch nicht gezeigt werden. Dies gilt selbst für Patienten mit erhöhtem Risiko. Aus diesem Grund kann derzeit eine mit erhöhtem Ressourcenaufwand einhergehende intensivierte Prähabilitation nicht empfohlen werden. Aufgrund der funktionellen Verbesserung ohne unerwünschte Nebenwirkungen kann der Patient zur Optimierung der präoperativen Vorbereitung mit individualisierter Prähabilitation unter ressourcenarmer Anleitung und Supervision motiviert werden. 

 

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