19. Spiritualität – Palliativmedizin
AG-Leiter: Marianne Kloke, Claudia Bausewein
19.1 Einleitung
Der heutige Begriff der Spiritualität im Kontext der Begleitung schwer erkrankter Menschen wurde bereits vor vierzig Jahren von Cicely Saunders geprägt. Indem sie paradigmatisch das Phänomen des Total Pain einführte, untermauerte sie die Feststellung, dass das Leiden eines Menschen vielfältiger Natur ist und neben der körperlichen, psychischen und sozialen auch eine spirituelle Dimension umfasst [1881]. Die Gleichrangigkeit der vier Domänen und ihre wechselseitigen Beeinflussungen spiegeln sich in der Definition von Palliative Care durch die WHO wider [1882]. Weil wenn Cicely Saunders Spiritualität auf Grund ihrer persönlichen Verwurzelung im christlichen Glauben als Geistbegabung verstand, gelang ihr die Öffnung von Spiritualität hin zu einer allgemeingültigen Bedingung der menschlichen Existenz. Auf diesen Grundlagen wurden verschiedene Definitionen von Spiritualität mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen entwickelt (Tabelle Gebräuchliche Definitionen von Spiritualität).
Ihnen ist gemeinsam, dass sie Spiritualität sowohl als Ressource für die Identitätsfindung und Lebensgestaltung auch oder gerade in belasteten Lebenssituationen verstehen als auch gegenteilig als Quelle von Belastungen in Form von ungelösten spirituellen Fragen und Nöten (spiritual distress/struggle).
Tabelle 61: Gebräuchliche Definitionen von Spiritualität
| Referenz | Definition |
| European Association for Palliative Care (EACP) [1883] | Spiritualität ist die dynamische Dimension menschlichen Lebens, die sich darauf bezieht, wie Personen (individuell und in Gemeinschaft) Sinn, Bedeutung und Transzendenz erfahren, ausdrücken und/oder suchen, und wie sie in Verbindung stehen mit dem Moment, dem eigenen Selbst, mit Anderen/m, mit der Natur, mit dem Signifikanten und/oder dem Heiligen. |
| Traugott Roser [1884] | Spiritualität ist das, und ausschließlich das, was der Mensch dafürhält. |
| Erhard Weiher [1885] | Spiritualität ist der innere Geist, aus dem heraus ein Mensch sich versteht, woraus er sein Leben gestaltet, er Sinn erfährt und womit er auch Krankheit, Sterben und Trauer zu bestehen sucht. |
Diese Umschreibungen machen deutlich, dass Ausprägung und Bedeutung von Spiritualität hoch individuell sind und sich im Verlauf einer Krankheit verändern können. Spirituelle Fragen können bereits bei Mitteilung einer nicht mehr heilbaren Krebsdiagnose hohe Virulenz für alle Betroffenen haben. Sie wahrzunehmen, mit den Betroffenen hierüber in Resonanz zu gehen und die Suche nach einer Antwort im Rahmen der eigenen Profession zu begleiten, wird als Spiritual Care bezeichnet.
Die Mehrheit der Patient:innen mit unheilbaren Krebserkrankungen (71 bis 99%) weist der Spiritualität eine hohe Bedeutung zu. Spiritualität wird als ein der Gesundheit/Krankheit immanenter Faktor verstanden, der sich in wichtigen spezifischen Bedürfnissen (Spiritual Needs) äußert (23-98%) [1886]. So sind allein schon Wahrnehmung und Adressierung von Spiritualität mit einer besseren Lebensqualität verbunden. Zudem wird u.a. dem spirituellen Schmerz als Gegensatz zu spirituellem Wohlbefinden eine hohe Bedeutung für die Erreichung wichtiger Behandlungsziele in Palliative Care zugewiesen [1887]. Vier Studien aus verschiedenen Krankheits- und Kulturkreisen deuten darauf hin, dass auch viele Angehörige Spiritual Care als einen Schlüsselaspekt einer qualitativ hochwertigen Versorgung am Lebensende schätzen [1886]. Deshalb ist Spiritual Care integraler Bestandteil der zeitgerechten Integration von Palliativmedizin in das onkologische Konzept [1888].
Für die naturwissenschaftlich orientierte Medizin mit ihrem Dreiklang Diagnose – Therapie – Wirkungsüberprüfung bedeutet die Implementierung der gesundheitsberuflichen Spiritual Care eine Herausforderung. Hier kann das von S. Peng-Keller beschriebene Dreiebenenmodell zu einem spezifischeren Verständnis beitragen ( Tabelle Dreiebenenmodell zu Spiritualität und Spiritual Care) [1889]: Die Wahrnehmung spiritueller Bedürfnisse durch die Mitglieder aller Professionen bildet die Basis. Die als supportive Spiritual Care bezeichnete Ebene ist Teil der allgemeinen gesundheitsberuflichen Versorgung jedoch mit professionsspezifischen Ausprägungen und Anforderungen: So sind z. B. die Aufgabenstellungen für einen Psychoonkologen anders als die für einen Arzt, der den nachgewiesenen Einfluss der individuellen Spiritualität des Erkrankten/der Erkrankten bei Diagnose und Therapie auf die Entscheidungsfindungsprozesse zu berücksichtigen hat. Diese von anderen Autoren auch als gesundheitsberufliche Spiritual Care bezeichnet Ebene ist von der spezialisierten hauptamtlichen zumeist konfessions- und religionsgebundenen Seelsorge (Pastoral Care) mit einem ausschließlichen Fokus auf Spiritual Care abzugrenzen [1889]. Gefordert wird ein enges Miteinander von supportiver/gesundheitsberuflicher und spezialisierter Spiritual Care sowohl mit Blick auf den individuellen Patienten als auch auf die Mitarbeitenden in den jeweiligen Teams und die Implementierung von Spiritual Care innerhalb der versorgenden Eirichtung.
Tabelle 62: Dreiebenenmodell zu Spiritualität und Spiritual Care
nach Simon Peng-Keller [1889]
| Ebene | Ausführende |
| Spezialisierte Spiritual Care | spezifisch qualifizierte Seelsorgende mit Spiritual Care als Fokus der Tätigkeit |
| Supportive Spiritual Care | alle mit Begleitung/Betreuung/Behandlung befassten Menschen mit ihrer jeweiligen Profession entsprechenden Ausprägung und Inhalten |
| Wahrnehmende Spiritual Care | alle mit Begleitung/Betreuung/Behandlung befassten Menschen |
Die Integration von Spiritualität und Spiritual Care in das Gesundheitssystem ist mit Blick auf die Bedürfnisse der schwerkranken Menschen notwendig. Sie stellt aber nicht ein neues medizinisches, pflegerisches oder therapeutisches Behandlungsangebot dar, sondern ihr geht es vielmehr um ein In-Resonanzgehen, ein Tätigwerden im Sinne der Sorge unter Wahrung der Autonomie mit Rückbezug auf die medizinische Care-Ethik [1890]. Auch wenn die Bewusstmachung der individuellen spirituellen Verankerung des Care-Praktizierenden wünschenswert ist, damit der Spiritualität und den spirituellen Bedürfnissen der Betreuten mit einer religiös und weltanschaulich offenen Haltung begegnet werden. Keinesfalls darf die eigene religiöse oder weltanschauliche Orientierung dem Betroffenen übergestülpt oder als Lösung angeboten werden [1891]. Dies gilt besonders für unsere Gesellschaft der Singularitäten in ihrer ethnischen, soziokulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Diversität. Bei der Erstellung evidenzbasierter Empfehlungen zum Thema Spiritualität müssen deshalb kulturelle Bedingungen, einbezogene Patientenkohorten sowie das jeweilige Gesundheitssystem, in deren Rahmen wissenschaftliche Studien durchgeführt wurden, berücksichtigt werden [1892]. Ferner wird im Kontext dieser Leitlinie auf eine philosophisch fundierte Differenzierung von existenziellen und spirituellen Fragestellungen verzichtet. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass spirituelle Bedürfnisse auch immer die existenziellen Belange betreffen.
19.2 Inhalte spiritueller Bedürfnisse
Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und ihre Angehörigen haben häufig spirituelle Bedürfnisse (spiritual needs), die sich auf verschiedene Bereiche beziehen, wie z. B. existenzielle Fragestellungen, Werte und Werthaltungen, religiöse Aspekte und Grundlagen sowie die Bedürfnisse nach innerem Frieden und nach Geben und Generativität.
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1886]
Evidenztabellen (1)
SpiritualitätEs gibt Hinweise darauf, dass spirituelle Belastung bei Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung mit einer schlechteren Lebensqualität und verstärkten Symptomen wie Angst und Depression assoziiert ist.
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Konsens
- Literatur
- [1886]
Evidenztabellen (1)
SpiritualitätAusgehend von der Definition von Spiritualität beschreibt die EAPC drei Domänen, denen sich die spirituellen Fragen und Bedürfnisse von Patient:innen mit einer lebenslimitierenden Erkrankung zuordnen lassen (Tabelle Domänen spiritueller Bedürfnisse entsprechend der EAPC Definition, entsprechend [1883]). Die von A. Büssing mittels des Spiritual Needs Questionnaire durchgeführten Studien weichen hiervon ab und beschreiben auf der Basis empirischer Studien vier Domänen, wobei die Ergänzung um das Bedürfnis nach Geben und Generativität im Alltag bedeutsam zu sein scheint (Tabelle Domänen spiritueller Bedürfnisse entsprechend dem Spiritual Needs Questionnaire nach [1893]).
Tabelle 63: Domänen spiritueller Bedürfnisse entsprechend der EAPC-Definition
| Existentielle Fragestellungen | Werte und Werthaltungen | Religiöse Aspekte und Grundlagen |
|
Identität, Bedeutung, Leid und Tod, Schuld und Scham, Versöhnung und Vergebung, Freiheit und Verantwortung, Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Freude. |
Was für eine Person am wichtigsten ist, das Verhältnis zur eigenen Person, Familie, Freunde, Arbeit, Materielles, Natur, Kunst und Kultur, Ethik und Moral, das Leben als solches. |
Glaube, religiöse Inhalte und Praktiken, die Beziehung zu Gott oder dem Transzendenten. |
Tabelle 64: Domänen spiritueller Bedürfnisse entsprechend dem Spiritual Needs Questionnaire nach A. Büssing
| Religiöse Bedürfnisse | Existentielle Bedürfnisse | Bedürfnis nach Innerem Frieden | Bedürfnis nach Geben und Generativität |
|
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Unabhängig von der Zuordnung der Inhalte von Spiritualität zu definierten Domänen wird der potentielle Ressourcencharakter von Spiritualität sehr deutlich. Hierin liegen sie absolut auf der Linie von E. Weiher, der Spiritualität als innere Kraft beschreibt, mit der der Mensch auch Krankheit, Sterben und Trauer zu bewältigen versucht [1885]. Die Gesundheits- und lebensqualitätsförderliche Wirkung von Spiritualität wurde von zahlreichen Autor:innen beschrieben und von A. Büssing mittels des validierten siebzehn (Langfassung) bzw. zehn Items umfassenden validierten Fragebogen Spiritual and Religious Attitudes in Dealing with Illness (SpREUK) nachgewiesen [1894] [1895].
Ein umfassendes Systematic Review zu Spiritualität bei schwerer Erkrankung liegt vor [1886]. Die eingeschlossenen Studien (n = 371), die mindestens 100 Teilnehmende umfassen mussten, wurden in verschiedene thematische Kategorien eingeteilt. Die Kategorie „spirituelle Bedürfnisse“ wurde für die Evidenzbasierung dieses Kapitels herangezogen. Nach Ausschluss von 11 Studien mit hohem Risiko für Bias schlossen Balboni et al. 37 Studien mit einem Stichprobengröße-Median von n = 292 (IQR = 170-600) ein. Es sind: 6 prospektive Kohortenstudien, 1 Prä-Post-Studie, die restlichen sind Querschnittstudien. 34/37 Studien untersuchten Patient:innen und 3/37 Angehörige. Die 34 Studien mit Patient:innen erfassten spirituelle Bedürfnisse mit unterschiedlichen validierten Messinstrumenten, die sich auf verschiedene Bereiche von Spiritualität bezogen. Diese Studien wiesen darauf hin, dass spirituelle Bedürfnisse häufig bis sehr häufig sind (23% bis 98%). In Bezug auf den kulturellen Kontext fand die Mehrzahl der Studien im angloamerikanischen Raum, wenige in Asien und Afrika, und lediglich 5/34 Studien innerhalb des europäischen Kulturraums statt. Ca. ein Drittel der Studien (11/37) untersuchten spezifisch Patient:innen mit fortgeschrittener Krebserkrankung. Dennoch sind deren Ergebnisse konsistent mit den Schlussfolgerungen der restlichen Studien, sodass kein Downgrading des Evidenzniveaus aufgrund indirekter Evidenz als erforderlich angesehen wird (Oxford 2011: 2). Die restlichen Studien bezogen sich vor allem auf Patient:innen mit einer Krebserkrankungen im Allgemeinen oder auf Patient:innen in der palliativen oder geriatrischen Situation.
Die 3/37 Studien mit Daten zu Angehörigen deuten darauf hin, dass spirituelle Bedürfnisse bei Angehörigen ebenfalls weit verbreitet sind. Balboni et al. weisen jedoch daraufhin, dass zu wenige Daten vorliegen, um eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen [1886].
Unbeantwortete spirituelle Bedürfnisse (spiritual needs) führen zu spirituellen Leiden (spiritual distress) mit negativen Folgen für das spirituelle Wohlbefinden und die Lebensqualität. Balboni et al. untersuchten in 6/34 Studien den Zusammenhang zwischen spiritual distress (auch spiritual pain, religious/spiritual struggle, negative religious coping) und Lebensqualität bei Patient:innen, wobei 5/6 Studien einen signifikanten Zusammenhang mit einer verminderten Lebensqualität zeigten (1/5 bei nicht-heilbarer Krebserkrankung, 1/5 bei Krebserkrankungen, 2/5 im geriatrischen Setting [1886] . Von den 9/34 Studien, die den Zusammenhang zwischen spiritual distress und den Symptomen Angst und/oder Depression untersuchten, zeigten alle einen signifikanten Zusammenhang mit verstärkten Angst- und/oder Depression-Symptomen (3/9 bei nicht-heilbarer Krebserkrankung, 3/9 bei Krebserkrankungen, 2/9 im geriatrischen Setting) [1886]. Aufgrund der zumeist indirekten Evidenz in Bezug auf die Patient:innenpopulation und der geringen Zahl an Studien wird hier ein Downgrading des Evidenzniveaus vollzogen (Oxford 2011: 4). Weitere Outcomes wurden in einzelnen Studien untersucht, die auch signifikant mit spiritual distress negativ (z. B. Lebenssinn [meaning in life], Versorgungszufriedenheit) bzw. positiv (z. B. suizidale Ideation, Fatigue, Anorexia) assoziiert waren.
Es liegen zu wenige Studien zu Angehörigen vor (3/37), um Schlussfolgerungen zu den Folgen von spiritual distress zu ziehen. Lediglich eine Querschnittstudie erfasste depressive Symptome bei Angehörigen und fand eine signifikante Assoziation mit dem Outcome „Wut auf Gott“ [1886]
Im Gegenzug wird ein Zustand von spirituellem Wohlbefinden (spiritual well-being) mit einem positiven Einfluss auf Lebensqualität und allgemeinem Wohlbefinden beschrieben. Es gibt zudem Studien zu Prävalenz und Ausprägung spiritueller Bedürfnisse, die eine große Übereinstimmung zwischen Studien in frühen Stadien einer unheilbaren Krebserkrankung und solchen in fortgeschrittenen Stadien aufweisen [1896][1897].
In dieser Leitlinie wurden die in den beiden bezogenen Reviews verwendeten englischen Fachtermini dort, wo es sinnvoll erschien, in Klammern aufgeführt. ansonsten aber Übersetzungen ins Deutsche vorgenommen (Tabelle Wichtige Begriffe im Kontext von Spiritualität).
Tabelle 65: Wichtige Begriffe im Kontext von Spiritualität
| Spiritual needs | Spiritual distress/struggle | Spiritual well-being |
| Spirituelle Fragen und Bedürfnisse von Patient:innen in verschiedenen Domänen | Belastung durch bestehende und/oder unbeantwortete spirituelle Bedürfnisse | Zustand spirituellen Wohlbefindens, wie er u. a. durch Spiritual Care erreicht werden kann |
19.3 Wahrnehmung, Erfassung und Erkennung spiritueller Bedürfnisse (spiritual needs)
Die an der Behandlung und Begleitung von Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung Beteiligten sollten deren spirituellen Bedürfnisse initial und im Verlauf wahrnehmen, und entsprechend den Wünschen der Betroffenen darauf eingehen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1886]
Evidenztabellen (1)
Spiritualität
Die hohe Wertigkeit spiritueller Bedürfnisse für die Lebensqualität und das Erreichen wichtiger Therapie- und Begleitungsziele sowie der Wunsch der Mehrheit der Betroffenen nach deren Integration in die medizinisch-pflegerische Versorgung erfordern ihre routinemäßige Wahrnehmung, Erkennung und Erfassung. Dies gilt bereits bei Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung im Sinne der zeitgerechten Integration von Palliativmedizin und Onkologie als auch fortgesetzt im gesamten weiteren Erkrankungsverlauf [1888]. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass alleine dieser erste Schritt schon eine effektive spirituelle Intervention darstellt. Auf Grund der Unverzichtbarkeit eines besonderen Vertrauensverhältnisses zwischen Betroffenen und Gesprächspartner:innen im Umgang mit der individuellen Spiritualität verdient die autonome Entscheidung der Patient:innen, ob grundsätzlich und wem er:sie zu welchen Themen und in welcher Form Auskunft geben und ggf. auch ins Gespräch kommen möchten, besondere Beachtung und muss unbedingt respektiert werden.
Patient:innen äußern ihre spirituellen Bedürfnisse sowohl explizit, in dem sie z. B. Sinnfragen (zumeist Aussagen zu Glaubens-/weltanschaulichen Fragen) offen stellen, oder implizit unter Benutzung von Symbolwörtern, Metaphern und Erzählungen und/oder Berichte von bedeutungsvollem Erleben oder Beispielerzählungen äußern [1898]. Ein proaktives Eingehen auf spirituelle Bedürfnisse kann auch in Form eines offenen Screenings im (Aufnahme-)Gespräch erfolgen, wie es z. B. das von Brandstötter ins Deutsche übertragene 2 Question Spiritual Assessment Model/Holistic (2Q-SAM) vorschlägt [1899] (Tabelle Validierte Fragebögen und ihre Anwendungsgebiete). Bei Patient:innen mit ausreichender Kognition und Vigilanz kann auch der validierte, 10 Items umfassende Spiritual Needs Questionnaire Kurzform (SpNQs) als Screeninginstrument zur Anwendung kommen [1900][1901] (Tabelle Validierte Fragebögen und ihre Anwendungsgebiete).
Zumeist im Rahmen wissenschaftlicher Studien wurden zur Klärung der Inhalte und der Bedeutung von Spiritualität bei Patient:innen mit schwerwiegenden Erkrankungen empirische Untersuchungen mit diversen validierten Instrumenten - überwiegend Selbsterfassungsfragebögen – durchgeführt (Tabelle Validierte Fragebögen und ihre Anwendungsgebiete). Hierbei kam das zwölf Punkte umfassende und fakultativ ein klinisches Interview einschließende FACIT Sp Instrument (Functional Assessment of Chronic Illness Therapy Spiritual Well-Being) am häufigsten zur Anwendung [1902]. Es erfasst die Bereiche spirituelles Wohlbefinden, Sinngebung, Innerer Friede und Glaubensüberzeugung. Aufbauend auf den Ergebnissen der mit FACIT-Sp durchgeführten Untersuchungen wurden von Eckhard Frick et al als eine adaptierte deutsche Version in Form eines klinischen semistrukturierten Interviews SPIR mit den Bereichen Spiritualität, Platz im Leben d. Patient:innen, Integration in eine religiöse Gemeinschaft, vom Patient:innen gewünschte Rolle von Ärzt:innen und Pflegefachpersonenn im Bereich der Spiritualität entwickelt [1903]. Das Indikationen-Set für Spiritual Care und Seelsorge wurde mittels Delphi-Verfahren primär als Leitfaden für Betreuende zur Hinzuziehung professioneller Seelsorge entwickelt. Es ist aber auch geeignet, spirituelle Bedürfnisse als solche zu erkennen [1904].
Die spirituellen Bedürfnisse von Patient:innen, die nicht mehr zu einer verbalen Kommunikation imstande sind (z. B. eingeschränkte Sprach- und/oder Sprechfähigkeit, geminderte Kognition und Vigilanz) können auf der Basis non-verbaler Kommunikation und Krankenbeobachtung eruiert werden. Unterstützend kann hier die Durchführung einer Fremdanamnese durch Angehörige wirken. Idealerweise finden sich in den Patient:innenverfügungen und den Dokumenten zur vorausschauenden Gesundheitsplanung zum Lebensende entsprechende Hinweise [1905]. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Inhalte und Ausprägung spiritueller Bedürfnisse sich im Verlauf der Erkrankung ändern können [1898]. Das von Traugott Roser entwickelte Indikationen-Set für Spiritual Care und Seelsorge baut sehr stark auf der Krankenbeobachtung auf und ist somit vermutlich auch für diese Personengruppe hilfreich [1904].
Tabelle 66: Validierte Fragebögen und ihre Anwendungsgebiete (unvollständige Auswahl)
| Bezeichnung | Art und Umfang | Besonderheiten |
| 2-Questions-Spiritual / Holistic Assessment Model (2Q-SAM) [1899] |
Zwei einfache offene Fragen: Was ist für Sie jetzt am wichtigsten? Wie können wir Ihnen helfen? |
Geeignet als Türöffner und Screening Instrument |
| Spiritual Needs Questionnaire (SpNQ-20) Langversion [1892][1901] |
Selbsterfassungsinstrument mit 27 Items und Freitextfelder |
Sehr umfangreich, nicht möglich bei kognitiver Einschränkung |
| Spiritual Needs Questionnaire (SpNQ-10) Kurzversion (18) [1900] |
Selbsterfassungsinstrument mit 10 Items Assistenz bei der Bearbeitung möglich |
Einsetzbar als Screeninginstrument |
|
Indikationen-Set für Spiritual Care und Seelsorge [1904] Lang und Kurzversion |
Fremderfassungsinstrument auf der Basis einer Krankenbeobachtung für Gesundheitsfachpersonen | auch bei kognitiv eingeschränkten Menschen und für Teambesprechungen anwendbar |
|
SPIR [1906] (entwickelt auf der Basis von FACIT Sp) |
Strukturiertes Interview zu den vier Themenkomplexen Spirituelle und Glaubens-Überzeugungen Platz und Einfluss, den diese Überzeugungen im Leben des Patient:innen einnehmen Integration in eine spirituelle, religiöse, kirchliche Gemeinschaft/ Gruppe Rolle des Arztes: Wie soll der Arzt mit spirituellen Erwartungen und Problemen des Patient:innen umgehen? |
konzipiert als Gesprächsleitfaden |
Für die Evidenzbasierung dieses Kapitels wurde das Systematic Review von Balboni et al. zu Spiritualität bei schwerer Erkrankung herangezogen [1886]. Die Empfehlung zur Erfassung der spirituellen Bedürfnisse und Belastungen leitet sich zum einen von der Evidenz des vorigen Abschnitts ab. Zum anderen identifizierten Balboni et al. 13 Studien (meistens Querschnittstudien mit >100 Teilnehmenden; niedriges bis moderates Risiko für Bias), die in verschiedenen kulturellen Kontexten und in unterschiedlichen Patient:innenpopulationen durchgeführt wurden: Hier war Spiritual Care von einem großen Anteil der Patient:innen gewünscht (46-97%). Spiritual Care wurde im Systematic Review als Anerkennung und Beachtung von Spiritualität in der Gesundheitsversorgung definiert, wobei die Erfassung spiritueller Bedürfnisse als Teil einer umfassenden Anamnese eine Mindestanforderung darstellte [1886]. Lediglich 4/13 Studien untersuchten Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung. Aufgrund dessen und angesichts der unterschiedlichen kulturellen Kontexte wird ein Downgrading der Evidenz vorgenommen (Oxford 2011: 3).
In Bezug auf Angehörigen wurden in vier Studien deren Ansichten über Spiritual Care beschrieben. Obwohl die Daten hier begrenzter sind, deuten die verfügbaren Studien aus verschiedenen Krankheits- und Kulturkreisen darauf hin, dass viele Angehörigen Spiritual Care als einen Schlüsselaspekt einer qualitativ hochwertigen Versorgung am Lebensende schätzen [1886].
19.4 Interventionen im Umgang mit spirituellen Bedürfnissen (Spiritual Care)
Personenzentrierte Verfahren analog der Würdezentrierten Therapie, der Existentiellen Kommunikation und der Biographiearbeit sollten Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung bei spiritueller Belastung (spiritual distress) angeboten oder vermittelt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [1907] [1908]
Evidenztabellen (1)
SpiritualitätIn Abhängigkeit von den Präferenzen der Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und der Verfügbarkeit können non-verbale Interventionen wie Künstlerische Therapien (Kunst-, Musik-, Tanz-, Theatertherapie u.a.), (religiöse) Rituale, Naturerleben oder ähnliche Verfahren eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Spiritual Care verstanden als Eingehen auf die individuellen spirituellen Bedürfnisse ist einerseits Teil der ganzheitlichen Fürsorge für den an einer nicht-heilbaren Krebserkrankung leidenden Menschen. Andererseits gehört die Spiritualität aber in einen besonders sensiblen, das Innerste eines Menschen betreffenden Bereich. Deshalb stellen die von Daniel P. Sulmasy basierend auf den Überlegungen von Edmund Pellegrino beschriebenen ethischen Prinzipien für Spiritual Care die Grundlagen aller Bemühungen dar (Tabelle Ethische Verpflichtungen für Spiritual Care nach [1909]).
Tabelle 67: Ethische Verpflichtungen für Spiritual Care (nach Sulmasy)
| Radikale Patient:innenzentrierung |
| Verpflichtung zur Ganzheitlichkeit |
| Verpflichtung zu achtsamer Vertraulichkeit |
| Verpflichtung zu fürsorgender Begleitung |
| Verpflichtung zu absoluter Toleranz |
Ähnliche medizinethische Forderungen finden sich in den Leitlinien zur interprofessionellen Praxis Spiritual Care in Palliative Care der schweizerischen Palliativgesellschaft (palliative.ch) sowie in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie [1910][1911]. Diese implizieren auch, dass im Umgang mit Spiritualität ein auf die individuellen Möglichkeiten und Wünsche der Patient:innen abgestimmtes Eingehen für eine umfassende Begleitung und Betreuung von Menschen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung unverzichtbar ist. Die Grundsätze einer kultur- und religionssensiblen Pflege, Begleitung und Betreuung gelten in besonderem Maße.
In den Wirksamkeitsstudien zur Effektivität verschiedener Interventionen zur Minderung von Spiritual Distress kamen zahlreiche Methoden und Verfahren zur Anwendung. Das Umbrella-Review von Austin et al. identifizierte 27 Systematic Reviews (12 mit Meta-Analyse), die den Effekt von 14 verschiedenen Spiritual-Care-Interventionen in 431 Studien bei insgesamt 55.759 Patient:innen in der Palliativsituation beschreiben. Von den 27 Reviews sind: 1 Review von Systematic Reviews und Metaanalysen, 5 Reviews von RCTs, 10 Reviews von Interventionsstudien, 3 Reviews von quantitativen und qualitativen Studien, 1 Review von qualitativen Studien [1908]. Hierzu kommt ein weiteres Systematic Review mit Meta-Analyse zu Würdezentrierte Therapie mit Angehörigen (7 RCTs mit 556 Patient:innen-Angehörigen-Paaren), das im Rahmen der systematischen Recherche zur Aktualisierung des Umbrella-Review 2025 identifiziert wurde [1907].
Am häufigsten wurde die Wirksamkeit der würdezentrierten Gesprächstherapie nach Chochinov untersucht (17 Reviews, davon 5 ausschließlich mit Patient:innen mit nicht-heilbarer Krebserkrankung) [1908]. Der beste Effekt wurde in Bezug auf existentielle Belastung und Lebensqualität gezeigt. Die Ergebnisse für psychologische Belastung im Sinne einer Angst- und Depressions-Symptomatik wiesen eine größere Inkonsistenz auf (Oxford 2011: 2). Das Review von Yang et al. zeigte, dass die Familien-Würdezentrierte Therapie zu einer Verbesserung der Patient:innen-bezogenen Outcomes Würde (SMD, - 0,27; 95 %-Konfidenzintervall (KI), - 0,43; - 0,10), Hoffnung (SMD, 0,50; 95 %-KI, 0,24; 0,75), Sinnhaftigkeit (SMD, 0,39; 95 % KI, 0,18; 0,75) und spirituelles Wohlbefinden (SMD, 0,43; 95 % KI, 0,24; 0,61) führte. Gleichzeitig verzeichneten ihre Angehörigen eine Reduktion von Angst (SMD, - 0,61; 95 % KI, - 0,92; - 0,30), Depression (SMD, - 0,52; 95 % KI, - 0,69; - 0,34) und der antizipatorischen Trauer (SMD, - 0,71; 95 % KI, - 1,12; - 0,31) (26). Trotz der Schwierigkeit der Differenzierung von psychotherapeutischen und spirituell begleitendem Wirkansatz muss diese primär als Psychotherapieverfahren etablierte Methode der würdezentrierten Gesprächstherapie als wirksam eingestuft werden, was besonders für Menschen mit einer hohen Ausprägung von spiritual distress gilt [1908]. Biographiearbeit oder Lebensgeschichte-Erzählungen waren die zweithäufigst untersuchten Methoden (8 Reviews, davon 5 ausschließlich mit Patient:innen mit nicht-heilbarer Krebserkrankung). Auch sie hatten einen nachhaltig positiven Einfluss auf das spirituelle Wohlbefinden, die Lebensqualität und auf Distress (Oxford 2011: 2). Das spezifisch für Krebspatient:innen mit fortgeschrittener Erkrankung auf den Arbeiten von V. Frankl aufbauende von Breitbart entwickelte MCT (Meaning Centered Therapy) Therapieverfahren [1912] wurde in 4 Reviews (davon 3 ausschließlich mit Patient:innen mit nicht-heilbarer Krebserkrankung) untersucht: Es konnte eine Verbesserung der Lebensqualität, des spirituellen Wohlbefindens sowie der Angst- und Depressions-Symptomatik gezeigt werden (Oxford 2011: 2) [1908]. Die Evidenz für Würdezentrierte Therapie, Biographiearbeit und MCT besteht aus Systematic Reviews mit u.a. RCTs, sodass es von einem Evidenzniveau Oxford 2011 von 1 ausgegangen wird. Dennoch wurde ein Downgrading des Evidenzniveaus (Oxford 2011: 2) aufgrund indirekter Evidenz bzgl. Interventionen vorgenommen, da „analoge“ Verfahren empfohlen werden.
Aus der nachgewiesenen Effektivität personenzentrierter psychotherapeutischer Ansätze zur Minderung von spiritual distress lässt sich die von der Arbeitsgruppe um Balboni getroffene Empfehlung nach einer engen Vernetzung von Palliative Care-Tätigen mit in der Umsetzung von Spiritual Care geschulten oder erfahrenen Psychotherapeut:innen und Psycholog:innen unmittelbar ableiten [1886].
Als non-verbale spirituelle Interventionen können Künstlerische Therapien (Kunst-, Musik-, Tanz-, Theatertherapie u.a.) und andere körpernahe Verfahren (z. B. Basale Stimulation, Aromatherapie, Naturerleben) zur Anwendung kommen. Für sie ist die wissenschaftliche Evidenz zumeist gering und beruht häufig auf Beobachtungs- und Erfahrungsberichten. Lediglich für die Musiktherapie existiert ein systematisches Review, in dem signifikant positive Effekte auf das spirituelle Wohlbefinden beschrieben werden [1913]. Hervorzuheben ist die Möglichkeit non-verbaler Verfahren, unmittelbar in das Erleben einer spirituell-transzendenten Ebene zu führen, die durch rein verbale Angebote nur schwer zu erreichen ist. Sind Patient:innen mit Ritualen oder rituellen Handlungen positiv vertraut, können auch sie das Gefühl des inneren Friedens stärken. Sowohl verbale als auch non-verbale durchgeführte Spiritual Care-Interventionen bedürfen der wiederholten Überprüfung bzgl. ihrer Auswirkungen auf die Linderung spirituellen Unwohlseins (spiritual distress) und die Steigerung spirituellen Wohlbefindens (spiritual well-being). Verbale und non-verbale Spiritual Care-Verfahren schließen einander nicht aus, sondern können gleichzeitig und in gegenseitiger Ergänzung zur Anwendung kommen (Tabelle Verbale und nonverbale Spiritual Care Verfahren).
Tabelle 68: Verbale und nonverbale Spiritual Care Verfahren (unvollständige Auswahl)
| Verbale Verfahren | Non-Verbale Verfahren |
| Würdezentrierte Therapie n. Chochinov | Anwesenheit/Da-Sein/Gegenwärtig sein |
| Meaning Centered Therapy (MCT) | Künstlerische Therapien |
| Existentielle Kommunikation | Ermöglichung von Naturerleben |
| Beten und religiöse Praxis | Rituelle Handlungen und Rituale |
| Biographiearbeit (Lebensgeschichteerzählungen) | Körpernahe Verfahren wie Basale Stimulation |
Alle in Studien analysierten Methoden erfordern ein:e Patient:in, d. über ein Mindestmaß an verbal kommunikativer Kompetenz verfügt. Diese ist häufig in der letzten Lebens- oder auch Sterbephase deutlich eingeschränkt. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen legen jedoch nahe, dass spirituelle Bedürfnisse auch dann vorliegen, wenn sie nicht verbal geäußert werden (können). Die bestehende Belastung durch spirituelle und existenzielle Fragen und Nöte wahrzunehmen und fachgerecht zu adressieren, erfordert ein hohes Maß an Sensibilität, Empathie und Befähigung zur Resonanz. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei allein schon der körperlichen Präsenz und dem Dasein zu [1914]. Insbesondere bedarf es in diesen Situationen der kritischen Selbstreflexion der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen bzgl. ihrer Rolle als Professionelle, damit sie d. Patient:in nicht ihre eigene Spiritualität als Interpretationsmodell überstülpen [1915].
Trotz der Einzigartigkeit der individuellen Spiritualitätserfahrungen und -bedürfnisse realisieren sich diese auch im sozialen, insbesondere im familiären Kontext. Aus diesem Grund haben insbesondere im Bereich der Spezialisierten Palliativversorgung die spirituellen und existentiellen Bedürfnisse der An- und Zugehörigen eine große Bedeutung. Auch für sie sollte nach Möglichkeit das Angebot einer spirituellen Begleitung entsprechend ihren Bedürfnissen gemacht werden [1886].
Wünschen sich Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung die Begleitung durch einen professionell Seelsorgenden, soll dies durch das behandelnde Team berücksichtigt werden.
- Konsens
- Konsens
Zur Spiritualität gehören auch Fragen und Praktiken, die Weltanschauung, Glaubensüberzeugung oder Religionszugehörigkeit berühren. Im Sinne des verbrieften Rechtes auf freie Religionsausübung und in Achtung der Patient:innenautonomie sowie Würdigung der Bedeutung einer Zugehörigkeit zu einer Glaubens- oder Religionsgemeinschaft, ist dem Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung der Zugang zu einem Seelsorgenden einer von ihm gewünschten Konfession oder Glaubensrichtung zu ermöglichen [1886]. Die grundsätzliche Möglichkeit zu seelsorglichen Angeboten in Krankenhäusern und anderen Pflegeeinrichtungen ist verfassungsrechtlich geregelt (Art. 4 GG in Verbindung mit Art. 141 WRV). Das Grundrecht auf freie Ausübung der Religion (Art. 4 Abs. 1 GG) ist als negative und als positive Religionsfreiheit zu verstehen: Die "negative" Ausrichtung besagt, dass niemand zu einer bestimmten Praxis der Religion oder zur Mitgliedschaft in religiösen Gemeinschaften gezwungen werden darf. Für die rechtliche Regelung von Seelsorge in der Gesundheitsversorgung bedeutet dies, dass sie immer nur ein Angebot darstellen kann, über dessen Annahme oder Ablehnung ausschließlich d. Patient:in entscheidet. Ob also ein seelsorglicher Kontakt zustande kommt, liegt rechtlich in der Autonomie d. Patient:in begründet. Nicht übersehen werden darf aber, dass Religionsfreiheit auch "positiv" zu begreifen ist: Jeder Mensch hat das Recht, die eigene Religion in der ihm oder ihr entsprechenden Weise auszuüben. Zur Religionsfreiheit gehört deshalb im gesundheitlichen Kontext, dass niemandem die Möglichkeit zu seelsorgerlichem Kontakt vorenthalten werden darf [1915] (S. 390-91). Falls dieses nicht innerhalb der betreuenden Einrichtung möglich ist, sollte dies durch Vorhalten einer Erreichbarkeitsliste der Seelsorgenden der verschiedenen Religionen oder religiösen Gemeinschaften gewährleistet werden. Das von T. Roser entwickelte Indikationen-Set für die Beiziehung von Seelsorge kann die Klärung des Wunsches nach Beiziehung professioneller Seelsorge unterstützen. Seine Stärke liegt darin, dass es auf der Patient:innenbeobachtung aufbaut und somit relativ unabhängig von der Vigilanz des Patient:innen benutzt werden kann [1904].
Spezifisch qualifizierte Seelsorgende sollten in die Betreuungsteams der spezialisierten Palliativversorgung im Krankenhaus integriert sein. Im ambulanten Bereich sollten sie Teil des Versorgungsnetzwerks sein.
- Konsens
- Konsens
Im Rahmen der Spezialisierten Palliativversorgung ist die Integration von gezielt für die spirituelle Begleitung von kranken Menschen und von Mitarbeitenden qualifizierten Seelsorgenden (trifft z. B. in Deutschland auf die konfessionsgebundene Krankenhausseelsorge zu) in die Behandlungsteams empfehlenswert [1916]. Sie können sowohl die Patient:innen und ihre Angehörigen als auch Gesundheitsfachpersonen in Entscheidungs- und Konfliktsituationen, in denen oftmals spirituellen und existentiellen Fragestellungen eine Schlüsselfunktion zukommt, beraten und begleiten [1886]. Die Umsetzung von Spiritual Care gelingt in Einrichtungen und Institutionen bei substanzieller Beteiligung von hauptamtlich Seelsorgenden besser und nachhaltiger [1917].
19.5 Dokumentation spiritueller Bedürfnisse und Interventionen
Spirituelle und existentielle Bedürfnisse sowie ggf. hierzu erfolgte Gespräche oder andere Interventionen bei Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung sollen mit deren Einverständnis dokumentiert und ins Team kommuniziert werden.
- Konsens
- Konsens
Aus der Bedeutung spiritueller Bedürfnisse für den Umgang mit Krankheit, Lebensqualität und psychischen Verfasstheit sowie ihrer Einordnung als Teil der medizinischen/pflegerischen/ therapeutischen Versorgung leitet sich die ethische Verpflichtung zur Dokumentation in der Krankenakte ab [1918]. Äußerungen zu Spiritualität und sowie das Eingehen auf die sich in diesem Bereich ergebenden Fragen erfordern ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen dem Betroffenen und der adressierten Fachperson. Die sich hieraus ergebende hohe Sensibilität im Umgang mit dem Wissen über und um die Spiritualität sowie mit den spirituellen Fragen und Bedürfnissen des Betroffenen, erfordert verlässliche Absprachen zwischen Patient:innen und Behandelnden bzgl. der dokumentierten und/oder weitergegebenen Inhalte. Das gilt für die Kommunikation innerhalb des betreuenden (Palliativ-)Teams, aber mehr noch für Dokumentationen, die von einem externen medizinisch, pflegerisch und therapeutisch tätigen Personenkreis (z. B. elektronische Datenerfassung im Krankenhaus, in der Pflegeeinrichtung, im ambulanten Bereich) einsehbar sind. Diesbezüglich entwickelte team-, abteilungs- oder einrichtungsspezifische Handlungsleitlinien sind hilfreich. Unberührt hiervon ist der besondere Rechtsstatus im Umgang mit Anvertrauten für im Bereich der Psychiatrie/Psychologie Tätige oder professionelle Seelsorgende (Zeugnisverweigerungsrecht nach § 53 Abs. 1 Nr. 1 StPO § 3139 Abs. 2 StGB). Diese müssen in Abwägung ihrer berufsethischen Verpflichtungen innerhalb des Betreuungsteams handeln. Seelsorgende, die nicht Mitglieder des behandelnden Teams sind (wie dies gelegentlich auf Palliativstationen der Fall ist), haben i. d. R. auch keinen Zugang zu allgemeinen Krankenakten sowie vice versa die Dokumentation der psychologisch/psychiatrisch Tätigen auch nicht durch das Betreuungsteam einsehbar ist. So kann z. B. der Hinweis, dass Spiritualität Teil des umfassenden Therapiekonzeptes war, auch für die Überleitung in ein anderes Versorgungssetting ausreichend sein. Empfehlenswert ist immer die Einholung des Einverständnisses d. Patient:in, ob und wenn ja in welchen Umfang und welche Spiritual Care-Interventionen (z. B. würdezentrierte Therapiegespräche oder Teilnahme an religionsspezifischen Angeboten) dokumentiert und gegenüber welchem Personenkreis sie kommuniziert werden dürfen [1919].
19.6 Personelle, strukturelle und organisatorische Voraussetzungen für Spiritual Care
Spiritual Care sollte Gegenstand von Aus-, Fort- und Weiterbildung für alle an der Behandlung und Begleitung von Menschen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung Beteiligten sein.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Konsens
- Literatur
- [1886]
Evidenztabellen (1)
SpiritualitätBereits 2002 benennt die WHO in ihrer Definition von Palliative Care Spiritual Care als Aufgabe aller mit der Betreuung, Behandlung und Begleitung von Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung betrauten Gesundheitsberufe [1882]. Erst in jüngerer Vergangenheit wird Spiritual Care als integraler Bestandteil der Gesundheitsfürsorge für schwerstkranke und sterbende Menschen verstanden und in Bezug auf seine Auswirkungen auf Lebensqualität und (spirituellem) Wohlbefinden wissenschaftlich zum Teil mit Hilfe validierter Fragebögen untersucht (Tabelle Fragebögen zur Erfassung spiritueller Kompetenzen und der spirituellen Praxis bei Mitarbeitenden im Gesundheitswesen). Dem entspricht, dass auch heute noch wissenschaftlich nachgewiesen deutliche Defizite in den Spiritual Care-Kompetenzen bei Ärzt:innen, Pflegefachpersonen und Therapeut:innen bestehen [1920] . Studien zeigen, dass gezielte Lehrangebote die Kompetenz von Medizinstudierenden im Umgang mit spirituellen Bedürfnissen signifikant verbessern können [1919].
Tabelle 69: Fragebögen zur Erfassung spiritueller Kompetenzen und der spirituellen Praxis bei Mitarbeitenden im Gesundheitswesen
| Bezeichnung | Art und Umfang | Besonderheiten |
| Spiritual Care Competency Questionnaire (SCCQ) [1903] | Selbsterfassungsinstrument mit 26 Fragen in 7 Domänen | Evaluation der Spiritual Care Kompetenzen von Mitarbeitenden und Teams |
| Religious Practices Questionnaire as a Measure of Christian Religious Practices (SpREUK-P 17) [1921] | Selbsterfassungsinstrument mit 17 Fragen in 5 Domänen | Evaluation der religiösen Praxis von christlichen Mitarbeitenden |
Die Evidenzbasierung dieses Kapitels beruht auf dem Systematic Review von Balboni et al. zu Spiritualität bei schwerer Erkrankung [1886]. Sieben Studien mit einem moderaten Risiko für Bias, davon 1 RCT, 1 CCT und 5 Prä-Post-Studien, die verschiedene Interventionen zur Verbesserung von Spiritual Care-Kompetenzen durch Behandelnde untersuchen, wurden eingeschlossen. 5/7 Studien adressierten Professionelle in der onkologischen Versorgung und/oder Palliativversorgung. Die Interventionen reichten von einem kurzen halbstrukturierten Interview als Anleitung für eine spirituelle Anamnese bis hin zu aufwändigeren Schulungen. Diese Studien zeigten im Allgemeinen, dass solche Schulungen die Kompetenzen der Behandelnden im Bereich Spiritual Care und Patient:innen-bezogenen Outcomes (wie Depressivität) verbessern, sowie das Angebot von Spiritual Care an Patient:innen fördern. Aufgrund der inhomogenen Studienpopulationen, Interventionen und Outcomes wird ein Downgrading der Evidenz vorgenommen (Oxford 2011: 3). Zudem zeigte das Review von Balboni et al., dass Spiritual Care aufgrund von verschiedenen Hindernissen nur selten von Behandelnden angeboten wird, wobei die häufigste Barriere eine fehlende oder unzureichende Schulung in Spiritual Care ist [1886].
Schon kurzzeitige Schulungen zum Umgang mit spirituellen Bedürfnissen erwiesen sich als effektiv zur Implementierung von Spiritual Care in das Behandlungs- und Versorgungskonzept [1886]. Die sukzessive Aufnahme von Lehrinhalten zu Spiritual Care in Aus-, Fort-,und Weiterbildung der Gesundheitsberufe ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit nicht-heilbaren Krebserkrankungen [1922][1923]. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass das von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) anerkannte vierzigstündige Curriculum Spiritual & Existential Care Interprofessionell (SpECi) zur Steigerung der Spiritual Care-Kompetenzen von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen geeignet ist [1924][1925].
Gleichzeitig bedarf es einer Anpassung der organisatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen in den Einrichtungen des Gesundheitswesens an die Anforderungen zur Umsetzung einer gesundheitsberuflichen Spiritual Care [1905]. Hierzu gehören die Verfügbarkeit geeigneter Räumlichkeiten, wie z. B. Gesprächszimmer oder Räume der Stille, Sichtbarmachung der Angebote spiritueller Begleitung in der Innen- und Außendarstellung der betreuenden Einrichtungen, Etablierung von Äußerungsformen von Spiritual Care wie Begrüßungs- und Abschiedsritualen, Aufnahme von Spiritual Care in die Einarbeitungskonzepte und Verfügbarmachung verschiedener Methoden der verbalen und nonverbalen Spiritual Care.
Evidenztabellen
Spiritualität
Systematic Reviews
|
Study |
Type of study (SR=Systematic Review; MA=Meta-analysis) |
Included studies |
Population |
Which interventions were evaluated? |
Outcomes (1.O=primary outcome; 2.O= secondary outcome) |
Results |
Comments |
Level of Evidence (Oxford 2011) |
|
Balboni, JAMA, 2022 [1886] |
SR |
371 studies on role of spirituality in serious illness: cohort, cross-sectional, RCTs, MA) (+ 215 studies on role of spirituality in health, not considered for the S3 guideline) |
Populations of ≥100 patients with serious illness, defined as a major life-threatening illness, e.g., cancer, congestive heart failure, HIV/AIDS, end-stage renal disease |
Association / impact of spirituality on serious illness |
Valid measures of spirituality |
Frequency spiritual needs (SpN): 37/47 studies with low to moderate risk of bias: Patients (34 studies; 10/34 in advanced cancer): SpN common (23% to 98%) Relatives (4 studies): SpN may also be common, but too little data available Association of SpN with QoL: Patients (6/34 studies): 5/6 studies showed sign. association of increased SpN and decreased QoL Relatives: no study Association of SpN with symptoms of anxiety/depression: Patients (9/34 studies): 9/9 studies showed sign. association of increased SpN and increased symptoms of anx./depr. Relatives: 1/4 study with sign. ass. with depression Association of SpN with other outcomes: Patients (single studies): meaning in life, satisfaction with care, suicidal ideation, anorexia, fatigue Preferences for Religious/ Spiritual Care (SpC): Patients (13 studies): SpC desired by 46-97% Relatives (4 studies): same trend SpC education for HCPs: 7 studies (1 RCT, 1 CCT, 5 pre-post observational) with 5/7 studies for HCPs in oncology or palliative setting. Interventions varied (short guide for spiritual history up to educational training) Improved outcomes like HCPs’ competencies and patients’ outcomes |
Search strategy limited to spirituality. Term “existential” was not considered. |
2 |
|
Austin, Palliat Med, 2025 [1908] |
Umbrella review (SR of SR) |
27 SR (12 with MA) with 431 studies |
N = 55,759 patients receiving specialist palliative care |
Spiritual Care (SpC) interventions defining: • Spiritual construct relating to (e.g. religious beliefs, dignity therapy, life review). • Objective of interventions (e.g. improve spiritual wellbeing, hope, life meaning) |
• valid measures of at least one spiritual/ existential construct relating to QoL, emotional symptoms, distress, wellbeing, hope and life-meaning • Qualitative results describing verbal interactions on SpN |
Dignity therapy (16 SR, out of them 5 SR with exclusively patients with advanced cancer): • Most reviewed SpC intervention • Outcomes: most effective for reducing levels of existential distress (6 SR) and improving QoL (2 SR); findings are mixed for emotional symptoms (anxiety, depression); results for physical symptoms (1 SR) are inconsistent; positive influence on spiritual wellbeing and meaning and purpose in life (4 in 5 SR) • Quality ( AMSTAR-2): 9/10 SR were assessed as critically low for methodological quality due to failure to report publication bias, excluded studies and pre-registered study protocols. Life-review (8 SR, out of them 5 SR with exclusively patients with advanced cancer): • Outcomes: positive therapeutic effects on spiritual wellbeing (6 SR), QoL (5 SR), and distress (3 SR); only two reviews showed pooled decreases in anxiety and depression, another showed reduced depression and not anxiety; physical symptoms (1 SR) where no significant decreases were found - Quality ( AMSTAR-2): all SR assessed as critically low for methodological quality, especially concerning risk of bias assessments, details of excluded studies and failure to register study protocols and report details of excluded studies. Meaning-centered interventions (4 SR, out of them 3 SR with exclusively patients with advanced cancer): • Outcomes: improvements in quality of life, spiritual wellbeing, anxiety and depression (4 SR), reduction of physical symptoms (1 SR) • Quality ( AMSTAR-2): critically low in 3/4 SR Other spiritual interventions: • Fostering hope (2 SR): hope improvement (2 SR), spirituality increasement (1 SR), depression reduction (1 SR), no effect on hopelessness or QoL (1 SR). • Meditation (2 SR): conflicting evidence for QoL and wellbeing • Mindfulness-based stress reduction (3 SR) • Yoga (1 SR): inconclusive results for QoL |
|
1 |
|
Yang, Support Care Cancer, |
SR/MA |
RCTs |
Palliative care patients and their family caregivers |
Family dignity intervention (FDI) |
Effects of FDI on patients’ psycho-spiritual well-being, which encompasses their sense of meaning, dignity, hope, and spiritual well-being. Effects on caregivers’ psychological distress, assessed through measures of anxiety, depression, and anticipatory grief. |
7 RCTs included, with 556 pairs of subjects 1. Patients’ outcomes: Sense of dignity (3 RCTs): small sign. effect size (SMD, − 0.27; 95% CI, − 0.43 to − 0.10; p = 0.002) Hope (3 RCTs): moderate sign. effect size (SMD, 0.50; 95% CI, 0.24 to 0.75; p < 0.001) Meaning (2 RCTs): small sign. effect size (SMD, 0.39; 95% CI, 0.18 to 0.59; p = 0.003) Spiritual well-being (3 RCTs): small sign. effect size (SMD, 0.43; 95% CI, 0.24 to 0.61; p < 0.001) 2. Family caregivers’ outcomes: Anxiety (3 RCTs): moderate sign. effect size (SMD, − 0.61; 95% CI, − 0.92 to − 0.30; p < 0. 001) Depression (3 RCTs): moderate sign. effect size (SMD, − 0.52; 95% CI, − 0.69 to − 0.34; p < 0. 001) Anticipatory grief (2 RCTs): sign. effect size (SMD, − 0.71; 95% CI, − 1.12 to − 0.31; p < 0.001) 1-month meaures (subroup analysis): benefit on spiritual well-being, anticipatory grief, anxiety and depression remained at 1 month, but not for sense of dignity, hope, meaning. |
Low evidence quality rating of the results, attributed to the high heterogeneity among studies, small sample sizes, poor overlap of confidence intervals, and high risk of bias. |
2 |
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