Leitlinienprogramm OnkologieOro- und Hypopharynxkarzinom

10. Rehabilitation, Psychosoziale Versorgung und Supportive Therapie – Oro- und Hypopharynxkarzinom

Version 1.0 · März 2024 · AWMF 017-082OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

10.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Für das bestmögliche funktionelle Ergebnis sollen prä-, peri- und/oder posttherapeutisch rehabilitative Maßnahmen Teil des Therapiekonzeptes sein.

Konsens
Starker Konsens (100%)
10.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Vor- und/oder im Rahmen der Primärtherapie soll über die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme zu den Selbsthilfegruppen informiert werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

10.1 Schluckrehabilitation

10.3 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Bei einer präoperativ bestehenden Schluckstörung sollte die Dysphagiediagnostik und ggf. das Schlucktraining schon präoperativ bzw. prätherapeutisch erfolgen.

So früh wie möglich soll postoperativ bzw. posttherapeutisch die Schluckfunktion untersucht werden. Ziel ist die rasche orale Nahrungsaufnahme und bei Bedarf ein Schlucktraining, in Abhängigkeit vom Heilungsverlauf und den eingesetzten Therapieverfahren.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Bei Patienten mit Oro-, Hypopharynxkarzinom kann die Schluckfunktion schon prätherapeutisch beeinträchtigt sein. Durch die Therapie tritt häufig eine Schluckstörung oder Schluckunfähigkeit ein, die durch rechtzeitig einsetzende und angemessene Therapie gelindert oder überwunden werden kann. Daher sollte entsprechend der Anamnese und Klinik schon präoperativ eine angemessene Diagnostik und Beratung durch Ärzte und Therapeuten über die verschiedenen Rehabilitationsmaßnahmen erfolgen, die den geplanten Eingriff und die daraus entstehenden Möglichkeiten einer Rehabilitation erläutert (siehe auch Betrachtung der Prähabilitation Kap. 10.3.4). Die Therapeuten stehen für Fragen der Patienten zur Schluckrehabilitation zur Verfügung. Hierbei kann die frühe Einbeziehung von Selbsthilfegruppen sinnvoll sein.

Im klinischen Alltag spielt die durch Ärzte durchgeführte FEES (Fiberoptisch endoskopische Evaluation des Schluckens) eine zentrale Rolle bei der Diagnostik und Therapiekontrolle. Die schlucktherapeutische Versorgung im stationären Bereich beginnt postoperativ so früh wie möglich. In Absprache mit den Ärzten kann bei komplikationslosem Verlauf mit der Elastizitätsförderung der Muskulatur von Hals, Nacken, Gesicht und der Sprechwerkzeuge begonnen werden [662]. Zur Optimierung der Therapieergebnisse ist gegebenenfalls eine frühzeitige, ausreichende Schmerz- und Ernährungstherapie vorzunehmen [663]. Ist eine Dysphagietherapie indiziert, so soll sie zeitnah erfolgen, ambulant oder im Rahmen einer stationären Anschlussheilbehandlung [664]. Im Mundraum können Sensibilitätsstörungen oder (meist einseitige) Zungenlähmungen nach Schädigungen des Nervus hypoglossus durch Neck dissection auftreten. Elastizitätsförderung der Halsmuskulatur, Schluckhilfen und diätetische Anpassung der Konsistenzen können hilfreich sein [663] [665]. Durch die Trennung von Atem- und Speiseweg ist der Kostaufbau nach Laryngopharyngektomie meist unkompliziert, sofern keine Stenosen entstanden sind. Aspirationen können durch unzureichende Kontrolle des Schluckguts bei Sensibilitätsstörungen im Hypopharynx und Kehlkopfeingang, durch Substanzdefizite im Kehlkopfeingangsbereich und bei undichtem Shunt-Ventil nach Laryngektomie auftreten. Schluckstörungen in Sinne von Passagestörungen mit Retentionen (Nahrungsrückständen) im Rachen treten bei mechanischen (z.B. Bewegungseinschränkung der Zunge) und motorischen Defiziten im Bereich von Mundhöhle und Pharynx auf bzw. können sich auch erst nach einigen Wochen oder nach Bestrahlung durch Stenosierung entwickeln. Die häufigsten Ursachen sind Schleimhautschwellung, Vernarbung oder Rezidive, diese sind diagnostisch abzuklären. Teilresektionen des Hypopharynx/Kehlkopfes sind grundsätzlich funktionserhaltende Maßnahmen, können aber je nach operativem Verfahren (Hemipharyngolaryngektomie oder die horizontale Teilresektion bei supraglottisch infiltrierenden Zungengrundkarzinomen), zu Funktionsbeeinträchtigungen führen [666] [667].

Die Atem-Schluck-Koordination kann nach einer Hypopharynx-Teilresektion schwer gestört sein. Anders als bei einer totalen Laryngektomie werden Luft- und Speiseweg nicht getrennt. Schluckstörungen, Aspirationen und das Tragen einer geblockten Trachealkanüle, die stimmhaftes Sprechen unmöglich macht, sind die Folge [668] [669]. Zudem beeinflusst das regelmäßige Absaugen des aspirierten Speichels die Lebensqualität oft für längere Zeit sehr. Die Schluckrehabilitation und das Trachealkanülen-Management haben daher oft Vorrang vor der der Stimmrehabilitation.

So früh wie möglich sollte das Schlucken trainiert werden. Die Therapie beinhaltet Elemente der Elastizitätsförderung zur Verbesserung der Beweglichkeit und der Koordination der Abläufe im Atem-Schlucktrakt [668] sowie kompensatorische Verfahren (wie Kopf-Haltungsänderungen beim Schlucken, Schluckmanöver [670]. Verschiedene Studien zu Kopf-Hals-Tumoren generell zeigen eine Abnahme der Dysphagie bei frühzeitigem Therapiebeginn [671] sowie schlechtere Therapieergebnisse bei späterem Therapiebeginn [672]. Kulbersh et al. [673] bestätigen klinische Beobachtungen, wonach die Schluckergebnisse nach einer Radiotherapie deutlich besser ausfielen, wenn die logopädische Therapie 14 Tage vor der Radiatio begonnen wurde.

Damit der Patient den Belastungen einer Therapie standhält, ist frühzeitig eine ausreichende Schmerz- und Ernährungstherapie notwendig [663]. Die Sondenernährung sollte nach Möglichkeit nicht die ausschließliche Ernährungsform beim Patienten sein. Gillespie et al. [671] zeigten, dass sich das Schluckvermögen nach einer alleinigen Sondengabe ohne orale Ernährung nach 14 Tage verschlechterte. Während der regelmäßigen oralen Aufnahme auch kleiner Mengen werden alle am Schluckablauf beteiligten Strukturen mehrmals täglich bewegt und elastisch gehalten.

Ist die Entfernung der Trachealkanüle (Dekanülierung) aufgrund der Aspiration und des Unvermögens zu schlucken während des stationären Aufenthaltes nicht möglich, soll die Therapie in einer stationären Reha oder ambulant fortgesetzt werden. Die Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes sollen im Umgang mit Kanülen erfahren sein. Eine notwendige funktionelle Stimmrehabilitation soll ebenfalls im Rahmen einer stationären Reha oder ambulant durchgeführt werden

10.2 Sprech- und Stimmrehabilitation

10.4 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Schon vor Beginn der Tumor-Therapie soll die spätere Sprech- und Stimmfunktion berücksichtigt werden.

Die Patienten sollen über die verschiedenen Reha-Möglichkeiten unter Einbeziehung von Stimmtherapeuten und Patientenbetreuern der Selbsthilfegruppen informiert werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
10.5 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Für die Entscheidung, welches Verfahren zur Sprech- und Stimm-Reha nach Therapie eines Oro-, bzw. Hypopharynxkarzinoms eingesetzt wird, sollen die zu erwartenden anatomischen Verhältnisse nach Behandlung, die Befunde der Stimm- und Artikulationsdiagnostik und die Präferenz des Patienten berücksichtigt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Durch motorische Funktionseinschränkungen des Gaumensegels und der Zunge, aber auch durch Sensibilitätsstörungen kann es zu Aussprachestörungen kommen, die den Patienten oft sehr belasten [674]. Dann soll eine gezielte logopädische Therapie (Dysglossietherapie) erfolgen. Auch Patienten, die nicht unmittelbar am Kehlkopf operiert werden, sondern bestrahlt oder mittels Radiochemotherapie behandelt wurden, entwickeln oft eine Stimmstörung und können von einer Stimmtherapie profitieren [675]. Die Stimmrehabilitation nach Laryngektomie und  Larynxteilresektionen wegen eines Hypopharynxkarzinoms wird ausführlich in Kap. 7.10.2. der S3-Leitlinie Larynxkarzinom behandelt, sodass zur weiteren Information auf diese ergänzende Leitlinie verwiesen wird [2].

10.3 Psychosoziale Rehabilitation

Obwohl die Diagnose Krebs häufig der älteren Bevölkerung zugeordnet wird und das mittlere Erkrankungsalter in Deutschland bei Männern 70 Jahre und bei Frauen 69 Jahre beträgt, erkranken auch eine Vielzahl von Patienten im erwerbsfähigen Alter an Malignomen [676]. In Deutschland sind ca. 45 % der männlichen und 57 % der weiblichen von insgesamt 476 120 onkologischen Patient:innen jünger als 65 Jahre [677]. Abhängig von Tumorentität und -lokalisation sowie Herkunftsland kehren zwischen 24 % und 94 % der Patienten  nach der Therapie eines Malignoms in das Berufsleben zurück [678], [679], [680]; [681]. Die Rückkehr in das Gesellschaft- und Erwerbsleben ist wichtig für die eigene Identität, Selbstwertgefühl, soziale Integration und wirtschaftlichen Status. Aber sie ist auch ökonomisch relevant, da etwa 60% der entstehenden Kosten hauptsächlich durch die fehlende Arbeitskraft der Erkrankten und der pflegenden Angehörigen entstehen [682], [683], [684]. Durch Optimierung der Therapieverfahren und damit verbundene höhere Heilungsraten, den jünger werdenden Patienten mit insbesondere HPV-assoziierten Oropharynxkarzinomen (deutlich geringeren Komorbiditäten), sowie die in Deutschland durch die Verschiebung des Renteneintrittsalters auf das 67. Lebensjahr verlängerte Lebensarbeitszeit wird die Bedeutung der Reintegration in das Gesellschafts- und Berufsleben in Zukunft und damit der Stellenwert der psychosozialen Rehabilitation zunehmen.

Für Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs gibt es bisher nur wenige Erkenntnisse hinsichtlich der Auswirkungen der Erkrankung und Therapie auf die berufliche Wiedereingliederung [681], [685]. Im Gegensatz hierzu sind der posttherapeutische Berufsstatus und dessen Einflussfaktoren für andere häufige bösartige Neubildungen, wie z. B. Brust- und Darmkrebs, wesentlich besser erfasst. Studien zeigen, dass die Anzahl derjenigen, die nach einem Kopf-Hals-Tumor in ihren Beruf zurückkehren, geringer ist als bei anderen Tumorentitäten [685], [686], [687], [688]. 2013 führten Tumorerkrankungen von Mund und Rachen in Deutschland zu 368 078 Tagen Arbeitsunfähigkeit und zu 1.466 Rentenzugängen wegen Erwerbsminderung; Larynxkarzinome führten zu 110 446 Tagen Arbeitsunfähigkeit und 333 Rentenzugängen wegen Erwerbsminderung [676].

Für Patienten im erwerbsfähigen Alter ist festzustellen, dass nach Therapie eines Oro., Hypopharynxkarzinoms der Wiedereinstieg in das Berufsleben zunehmend an Bedeutung gewinnt [689], [678], [681]. Aus diesem Grund ist es ein wichtiges Ziel des sozialen und sozialrechtlichen Beratungsangebots, die materielle und wirtschaftliche Existenz sowie die Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern und einen Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen zu ermöglichen. Das psychosoziale Beratungsangebot der Sozialdienste sollte niederschwellig sein, d.h. dass Patienten im stationären Kontext eine onkologische Erstberatung durch die Sozialarbeiter der Akutkrankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen erhalten sollten. So kann gewährleistet werden, dass Betroffene und Angehörige eine psychosoziale Grundinformation erhalten, wie z.B. Informationen zum Sozialrecht, Beratung zu medizinischen und beruflichen Rehabilitationsmöglichkeiten, Hilfestellung bei Anträgen, psychosoziale Beratung in Konfliktsituationen oder zur Krankheitsverarbeitung und bei Bedarf erste Interventionen möglich sind.

Ambulante Krebsberatungsstellen bieten auch für die Phase nach der stationären Behandlung ein niedrigschwelliges psychosoziales Beratungsangebot zu psychischen, sozialen und sozialrechtlichen Themen an und informieren über Selbsthilfegruppen und weitere Beratungsangebote.

10.3.1 Berufliche Rehabilitation

10.6 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Die berufliche Rehabilitation ist nach der Therapie eines Oro- bzw. Hypopharynxkarzinoms durch die funktionellen Einschränkungen eine besondere Herausforderung und sollte bereits vor Therapiebeginn in der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Eine systematische Literaturrecherche zur beruflicher Rehabilitation nach beispielsweise Laryngektomie bei Larynx- und Hypopharynxkarzinompatienten [689] erbrachte, dass Wiedereinstellungszahlen nach der Operation stark variieren, je nachdem, in welchem Land der Patient lebt und wann die Studie durchgeführt wurde: Spanien, 1990er Jahre, 11 % [690], USA, 1970er Jahre, 26 % [691], Sowjetunion, 1980er Jahre, 27 % [692], Frankreich, 1980er Jahre, 50 % [693], Sowjetunion, 1960er Jahre, 51 % [694] und Norwegen, 1970er Jahre, 63 % [695] aller Patienten. Bezieht man sich nur auf diejenigen, die vor der Operation erwerbstätig waren, lagen die Wiedereingliederungsraten bei 20 % im Deutschland der 1980er Jahre [696], 32 % im Deutschland der 1960 Jahre [697] und 41,5 % in den USA während der 1970er Jahre [691].

Für Deutschland liegen nur wenige entsprechende Daten vor. In der mitteldeutschen Laryngektomie-Studie [689] waren 38 % der Patienten ≤ 60 Jahren vor Laryngektomie erwerbstätig, ein Jahr nach der Laryngektomie nur noch 13 %, zwei Jahren 15 % und 3 Jahren 14 %. Die meisten Patienten (65 %) erhielten Erwerbsminderungsrente. Von allen Patienten, die vor der Laryngektomie erwerbstätig waren, hatten 27 % nach Therapie noch eine Arbeit.

In einer weiteren registerbasierten Studie im Freistaat Thüringen gaben dreiviertel der befragten Kopf-Hals-Tumorpatienten (mindestens 2 Jahre nach Diagnose, ≤ 60 Jahre alt) an, vor der Diagnose erwerbstätig gewesen zu sein, zum Befragungszeitpunkt waren es nur noch ein Drittel [698]. Nach einer aussagekräftigen Analyse der wenigen internationalen Publikationen von Zebralla et al. zur Rückkehr in das Berufsleben von Kopf-Hals-Tumor-Patienten [685] konnte gezeigt werden, dass studienabhängig zwischen 10 % und 67 % der prätherapeutisch berufstätigen Patienten nach kurativer Therapie ihre Berufstätigkeit nicht wiederaufnahmen, wobei jüngere Patienten häufiger in den Beruf zurückkehrten als ältere Patienten. Zwischen 4,1 % und 40 % der Patienten gingen in den Vorruhestand bzw. in Rente. Ursachen für die Nicht-Wiederaufnahme der Beschäftigung waren vor allem körperliche Symptome wie Fatigue, Kraftlosigkeit, Schmerzen, Dysphonie, orale Dysfunktion (Trismus, Xerostomie, erschwerte Nahrungsaufnahme) und Appetitverlust. Hinzu kamen psychische Einschränkungen, die sich in Depressionen, Gedächtnis- und Schlafstörungen äußerten. Alkoholabusus, geringer Bildungsstand, schlechteres Einkommen, wenig bzw. fehlende soziale Kontakte und Familienstand „Single“ waren ebenfalls mit Arbeitslosigkeit oder vorzeitigem Eintritt in den Ruhestand assoziiert. Bei bis zu 36 % der Patienten kam es nach Therapie zu einem Wechsel des Arbeitsplatzes. Gründe hierfür waren vor allem funktionelle Beschwerden durch das Karzinom oder infolge dessen Behandlung. Außerdem zeigten einige Studien eine signifikante Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit im Vergleich zur Arbeitszeit vor der Tumorerkrankung. Bis zu 52 % der berufstätigen Patienten arbeiteten nach ihrer Tumorerkrankung in deutlich reduzierter Stundenzahl. Diese Faktoren führen zu einem Rückgang des Haus- haltseinkommens der Betroffenen, das von bis zu 56 % der Patienten angegeben wurde (Übersicht [685]).

Die mediane Zeit der Patienten bis zur Rückkehr ins Erwerbsleben nach durchgeführter Therapie erstreckte sich in den verschiedenen Studien von 2 bis 9 Monaten. Der Großteil der in den Beruf zurückkehrenden Patienten (bis zu 71 %) nahm innerhalb von 6 Monaten nach Ende der Therapie die Arbeit wieder auf. Es kehrte jedoch auch mehr als 12 Monate nach Abschluss der Therapie ein relevanter Anteil (15 % der Patienten) in den Beruf zurück. Dabei fanden Selbstständige schneller wieder in den Berufsalltag als Nicht-Selbstständige. Zudem zeigte sich ein Unterschied zwischen Arbeitern (blue collar worker) und Angestellten (white collar worker). Dies wurde unter anderem von Handschel et al. [699] in einem deutschen Kollektiv von 755 Berufstätigen gezeigt. In diesem Kollektiv kehrten 52 % der Patienten nach Diagnose und Therapie eines Kopf-Hals-Karzinoms nicht in den Beruf zurück. Hierbei nahmen 63 % der Arbeiter nach Tumortherapie ihren Beruf nicht mehr auf, bei den Angestellten dagegen waren es nur 41 %. Von den posttherapeutisch Berufstätigen kehrten 63 % der Angestellten, jedoch nur 37 % der Arbeiter in denselben Beruf zurück. Die Angestellten kehrten insgesamt früher wieder zurück ins Erwerbsleben, 32 % der Angestellten und 12 % der Arbeiter waren nach 3 Monaten wieder berufstätig. Arbeiter reduzierten zudem häufiger ihre Arbeitsstunden als Angestellte (Übersicht [685]).

Bezüglich des Geschlechts gab es in den einzelnen Studien divergierende und z. T. gegenteilige Ergebnisse, so dass nicht abschließend festgestellt werden kann, ob Männer oder Frauen mit Kopf-Hals-Karzinomen früher oder häufiger wieder in ihren Beruf zurückkehren. Abhängig von der jeweiligen Studie wurden unterschiedliche Tumorlokalisationen als prognostisch günstig für eine Rückkehr in den Beruf angegeben. In der Analyse von Vartanian et al. [700] hatten Patienten mit Larynxkarzinomen die höchste Rückkehrrate in den Beruf, gefolgt von Patienten mit Mundhöhlenkarzinomen. In der Arbeit von Buckwalter et al. [701] dagegen kehrten am häufigsten Patienten mit Oropharynxkarzinomen in den Beruf zurück, während Patienten mit Mundhöhlenkarzinomen gleichfalls in niedrigerer Frequenz wieder in den Beruf zurückkehrten. In der Untersuchung von Verdonck et al. zeigten Patienten nach Therapie von KHT der Mundhöhle und des Oropharynx eine höhere Rückkehrfrequenz als jene mit Nasopharynxkarzinomen [702]. Die meisten Studien, die den Einfluss des Tumorstadiums auf das Erwerbsleben nach dem Ende der Behandlung untersuchten, konnten eine negative Assoziation dieser Parameter mit nachfolgender Erwerbstätigkeit feststellen (Übersicht [685]). Auch Komorbidität (Charlson Comorbidity Score ≥ 3) war ein negativer Prädiktor für die Rückkehr in den Beruf.

Während Pearce et al. [703] zeigten, dass Patienten, die im Rahmen der Therapie keine Chemotherapie erhielten, häufiger gar keine Auszeit nahmen und schneller wieder in ihrem Beruf arbeiteten als Patienten, die sich einer Chemotherapie unterzogen hatten, und Buckwalter et al. [701] eine negative Assoziation zwischen multimodaler Therapie und Rückkehr in den Beruf nachwiesen, fanden andere Studien, die den Zusammenhang zwischen Therapie und Rückkehr in den Beruf untersuchten, keine signifikanten Unterschiede zwischen Behandlungsmodalität und posttherapeutischer Beschäftigungsrate (Übersicht [685]). Patienten, die gar nicht in den Beruf zurückkehrten oder die Arbeitsstelle wechselten, waren signifikant häufiger mit dem eigenen Aussehen nach Therapie ihres Kopf-Hals-Tumors unzufrieden als Patienten, die nach erfolgter Therapie ihren ursprünglichen Beruf wiederaufnahmen [701]. Auch die globale Lebensqualität von Patienten, die nach erfolgter Therapie wieder arbeiteten, war besser [698], [703], [704], [705]. Yu et al konnten in einer aktuellen Metaanalyse 2022 zeigen, dass Kopf-Hals-Tumor-Patienten, die in den Beruf zurückkehrten, auf der „Hospital Anxiety and Depression Scale“ ein geringeres Maß an Angst und depressiven Symptomen aufwiesen [704].

 

Nach Zebralla et al. [685] werden folgende prädiktive Faktoren zur beruflichen Reintegration von Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, also auch Oro-, Hypopharynxkarzinomen, zusammengefasst:

 

Positive Prädiktoren

  • Angestellte/Beamte
  • hohe berufliche Qualifikation
  • postoperativ zufriedenstellendes ästhetisches Ergebnis
  • Stimmprothese bei Laryngektomie

Unklare Prädiktoren

  • Geschlecht
  • Tumorlokalisation
  • Behandlungsmodalität

Negative Prädiktoren

  • Charlson Comorbidity Score≥3
  • fortgeschrittenes Tumorstadium
  • Alkoholabusus
  • geringer Bildungsstand
  • „Single“
  • fehlende soziale Kontakte
  • Depression
  • funktionelle Einschränkungen und körperliche Symptome (u. a. Schmerz, Dysphonie, Dysphagie)

 

Insgesamt zeigt sich über den Zeitraum der letzten 20 Jahre wachsendes Interesses an der Erwerbstätigkeit nach kurativer Therapie von Patienten mit insbesondere Oropharynxkarzinomen mit einer zunehmenden Anzahl von Publikationen. Zu bedenken ist aber aktuell die eingeschränkte Vergleichbarkeit der vorliegenden Studien, da die Analysezeitpunkte unterschiedlich waren und nicht alle Patienten vor Beginn der Therapie erwerbstätig waren. Darüber hinaus zeigten sich in den Studien heterogene Patientengruppen mit unterschiedlichen Tumorlokalisationen, -stadien und -therapien, die höchstwahrscheinlich die Berufstätigkeit nicht im gleichen Maße beeinträchtigen. Kopf-Hals-Tumor-Patienten haben im Vergleich zu Patienten mit Tumoren anderer Entitäten vor allem mit Therapienebenwirkungen zu kämpfen, die für das soziale und berufliche Umfeld direkt oder über die soziale Interaktion bzw. deren über verminderte Organfunktion bewirkte Dysfunktionalität sichtbar sind. Mehnert et al. [680] konnten zeigen, dass fast die Hälfte der Brustkrebspatientinnen sofort nach der Rehabilitation an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz zurückkehrten, bei den Kopf-Hals-Tumor-Erkrankten waren es hingegen nur etwa ein Drittel. Gründe hierfür können ein bereits fortgeschrittenes Tumorstadium zum Zeitpunkt der Diagnose und eine herabgesetzte physische Verfassung sein [680].

 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass bis zu 50 % der prätherapeutisch berufstätigen Kopf-Hals-Tumor-Patienten ihre Arbeit nach Tumortherapie nicht wiederaufnehmen, zudem sind Arbeitsplatzwechsel und Reduktionen der Arbeitszeit häufig. Für Rehabilitationsmaßnahmen und Wiedereingliederungsprogramme konnten positive Effekte gezeigt werden. Aus diesem Grund ist es ein wichtiges Ziel des sozialen und sozialrechtlichen Beratungsangebots, die materielle und wirtschaftliche Existenz sowie die Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern und einen Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen zu ermöglichen. Das psychosoziale Beratungsangebot der Sozialdienste sollte niederschwellig sein, d.h. dass Patienten mit einem Oro-, Hypopharynxkarzinom im stationären Kontext eine onkologische Erstberatung durch die Sozialarbeiter der Akutkrankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen erhalten sollten. So kann gewährleistet werden, dass Betroffene und Angehörige eine psychosoziale Grundinformation erhalten, wie z.B. Informationen zum Sozialrecht, Beratung zu medizinischen und beruflichen Rehabilitationsmöglichkeiten, Hilfestellung bei Anträgen, psychosoziale Beratung in Konfliktsituationen oder zur Krankheitsverarbeitung und bei Bedarf erste Interventionen möglich sind.

Ambulante Krebsberatungsstellen bieten auch für die Phase nach der stationären Behandlung ein niedrigschwelliges psychosoziales Beratungsangebot zu psychischen, sozialen und sozialrechtlichen Themen an und informieren über Selbsthilfegruppen und weitere Beratungsangebote. In neuerer Literatur wird der Stellenwert der Ergotherapie in der beruflichen Rehabilitation von Kopf-Hals-Tumorpatienten besonders hervorgehoben. Ergotherapeuten spielen eine wichtige Rolle bei der Alltagbewältigung im Rahmen der Wiedereingliederung durch Lebensstilmanagement und der Anwendung positiver Bewältigungsstrategien des täglichen Routinemanagements. Ergotherapie kann den schwächenden Stress und die Angst, die mit der Kopf-Hals-Krebsdiagnose, -Behandlung und -Genesung verbunden sind, positiv beeinflussen, und erleichtert gleichzeitig die Rückkehr zu früheren oder angepassten täglichen Routinen [705]; [706].

10.3.2 Psychoonkologische Versorgung

10.7 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Die sofortige und langfristige bedarfsorientierte psychoonkologische Versorgung soll sichergestellt sein.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Etwa 30 % aller Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren leiden unter starken psychischen Belastungen [707] [708] [709] [710] [711] [712] und auch ihre Angehörigen leiden häufig unter Ängsten und Depressionen [712].

Häufig werden diese psychischen Belastungen von den Patienten nicht aktiv mitgeteilt, so dass sie vom behandelnden Arzt nicht bemerkt werden und daher unbehandelt bleiben [713] [714].

Bei Kopf-Hals-Tumorpatienten verschlechtert sich im Verlauf der Zeit das psychische Befinden häufiger als bei anderen Krebspatienten [715], was vermutlich damit zusammenhängt, dass sie seltener soziale Unterstützung erbitten und daher auch weniger Unterstützung erfahren. Es ist deshalb hier besonders wichtig, dass sich der Arzt und das behandelnde Team aktiv und wiederholt nach der psychischen Belastung des Patienten erkundigt [716]. Dies kann in persönlichen Gesprächen erfolgen und/oder mit Hilfe eines computer-basierten Routine-Screenings in der Nachsorge [717].

Psychoonkologische Versorgung hilft nachweislich, das psychische Befinden von Krebspatienten zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen [718]. Allen Patienten mit erhöhter psychischer Belastung sollte deshalb ein solches Angebot gemacht werden, zum Beispiel mit direkter Überweisung an einen Psycho-Onkologen. Die psychoonkologische Versorgung sollte nicht nur während der stationären Behandlung des Patienten angeboten, sondern auch in der Nachsorge in Erwägung gezogen werden. Sie sollte sich an der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Therapie“ [706] orientieren.

Die Behandlungsphase sowie die krankheits- und therapiebedingten Auswirkungen auf die körperliche, psychische und soziale Funktionsfähigkeit führen häufig bei krebskranken Menschen und deren Bezugspersonen zu dramatischen Veränderungen im sozialen Leben.

Zu den Belastungen gehören u.a.:

  • familiäre und soziale Belastungen (z.B. Partnerschaftskonflikte, Konflikte im Umgang mit der Erkrankung und den krankheitsfolgen, Pflegebedarf des Betroffenen oder auch unversorgte Angehörige, Verlust von sozialen Kontakten im Freundeskreis oder Verein)
  • berufliche Veränderungen (Probleme am Arbeitsplatz, eingeschränkte und unzureichende berufliche Leistungsfähigkeit bis zum Verlust der Erwerbsfähigkeit und des Arbeitsplatzes, Schwierigkeiten bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz)
  • finanzielle Belastungen (z.B. durch vermindertes Einkommen, Zuzahlungen zu Gesundheitsleistungen, Fahrtkosten)
  • im Zusammenhang mit medizinischen Rehabilitationsmöglichkeiten hervorzuheben sind Angebote der medizinisch beruflichen Orientierung in der Rehabilitation zur gezielten, interdisziplinären Förderung der beruflichen Integration. Es ermöglicht Patienten ihre für den Beruf notwendigen Fähigkeiten zu testen und evtl. Defizite gezielt zu trainieren [719].   

10.3.3 Sozialrechtliche Unterstützung

10.8 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Patienten und Angehörigen sollen bereits im Rahmen der Primärtherapie über mögliche psychosoziale Folgen und ggf. Hilfen informiert werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Die Behandlungsphase sowie die krankheits- und therapiebedingten Auswirkungen auf die körperliche, psychische und soziale Funktionsfähigkeit führen häufig bei krebskranken Menschen und deren Bezugspersonen zu dramatischen Veränderungen im sozialen Leben.

Bei der initialen, wie oben beschrieben als Prozess stattfindenden Aufklärung über die Tumorerkrankung, die Therapiemöglichkeiten und den zeitlichen Verlauf sollen auch diese nicht-medizinischen Aspekte und Belastungen berücksichtigt werden. Dazu gehört insbesondere der Hinweis des Arztes auf die zusätzlichen Ansprechpartner der verschiedenen Bereiche und das breite Spektrum von Hilfsmöglichkeiten.

10.3.4 Medizinische Rehabilitation

10.9 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Patienten mit Oro-/Hypopharynxkarzinom sollen darüber informiert werden, dass sie sozialrechtlichen Anspruch auf Anschlussheilbehandlung (AHB) und im weiteren Verlauf auf Medizinische Rehabilitation haben.

Die AHB und Rehabilitation soll ärztlicherseits empfohlen werden.

Konsens
Konsens (82%)
10.10 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Oro-, Hypopharynxkarzinompatienten sollen in entsprechend spezialisierten Einrichtungen rehabilitiert werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
10.11 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Für das bestmögliche funktionelle Ergebnis sollen prä-, peri- und posttherapeutisch rehabilitative Maßnahmen Teil des Therapiekonzeptes sein.

Konsens
Starker Konsens (100%)

In Abhängigkeit vom Rehabilitationsbedarf und der Rehabilitationsfähigkeit und -bereitschaft des Patienten soll nach der Primärtherapie eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme in Form einer Anschlussheilbehandlung (AHB) erfolgen. Zu behandeln sind die Folgen einer meist multimodalen Therapie bestehend aus Operation, Bestrahlung und Chemotherapie und weiterer medikamentöser Therapieverfahren. Ziel der medizinischen Rehabilitation ist es, die selbstbestimmte Teilhabe der Patienten im Sinne eines unabhängigen und eigenverantwortlichen sozialen Lebens trotz gesundheitlicher und funktionaler Einschränkungen zu fördern und eine Reintegration in das Berufsleben zu ermöglichen.

Die Anschlussheilbehandlung wird im Rahmen des stationären Aufenthaltes oder im Rahmen der ambulanten Tumornachsorge von den behandelnden Ärzten verordnet. Die Sozialdienste der Akutkrankenhäuser beraten dazu und leiten die Rehabilitation ein.

Oro- bzw. Hypopharynxkarzinompatienten, die eine Strahlentherapie /Radiochemotherapie erhalten haben, sollten frühestens sechs Wochen nach Bestrahlungsende mit der Rehabilitationsmaßnahme beginnen. Es vermindern sich zwar kurz nach der Behandlung die akuten Hautveränderungen, aber es entwickelt sich zunehmend ein Lymphödem in der Haut und Schleimhaut des Kopf- Hals-Bereichs, das nach sechs Wochen voll ausgebildet ist und durch Lymphdrainage behandelt werden muss. Auf Grund dessen ist die Frist zum Antritt der AHB nach Strahlentherapie/Radiochemotherapie auf bis zu 10 Wochen verlängert. Im Einzelfall ist ein früherer AHB Beginn als komplexe medizinische stationäre Maßnahme mit Schluckuntersuchung und Training), Ernährungsstabilisierung, Lymphdrainage, Bewegungstherapie und adaptierter Medikamenten- und Schmerztherapie einzuleiten.

Der Patient hat die Möglichkeit, je nach Ausmaß der Beschwerden und der Funktionsbeeinträchtigungen, die stationäre Rehabilitationsmaßnahme zu wiederholen.

Prähabilitation

In den letzten Jahren hat der Begriff der Prähabilitation Einzug in die Literatur und in Anfängen auch in die Krebstherapie gehalten. Prähabilitation ist die gezielte Vorbereitung auf eine Operation oder eine kräftezehrende Therapie. Während die klassische Reha Patienten im Anschluss an einen Klinikaufenthalt bei der Genesung unterstützt, soll die Präha diese schon im Vorfeld positiv beeinflussen. Im Idealfall kombiniert die Prähabilitation verschiedene Bausteine, die individuell auf den Betroffenen zugeschnitten werden: vor allem Physiotherapie, Muskel- und Atemtraining, aber auch Gewichtsabnahme und Ernährungstherapie. Erste Studien zeigen die positiven Effekte etwa in der Endoprothetik. Bei Patienten, die ein neues Hüft- oder Kniegelenk bekamen, halbierten sich durch ein vierwöchiges Training die Schmerzen. Die Prähabilitation steht in Deutschland noch am Anfang. Lediglich bei Hüft- und Knieersatz ist sie weiterverbreitet.

Im Kontext der onkologischen Therapie zeigt die aktuelle Studienlage klare Belege positiver Effekte einer intensiveren Operationsvorbereitung bei Patienten mit Gebrechlichkeit (Fraility) und Mangelernährung. Beide Faktoren [720] [721], haben erheblichen Einfluss auf die peri- und posttherapeutische Morbidität und das onkologisch funktionelle Outcome. Mehr als ein Drittel der hospitalisierten Patienten leiden an Mangelernährung, weit häufiger als lange angenommen [722]. Die onkologische Prähabilitation hat daher das Ziel, vor allem Malnutrition, Frailty und Anämie zu erkennen und bis zum Therapiebeginn zu verbessern [723].

Das erhöhte therapiebedingte Morbiditätsrisiko zunehmend betagter und multimorbider Kopf- und Halstumorpatienten ist bekannt [144] und kann als Fraility-Score erfasst werden. Das Thema hält aktuell Einzug in die klinische Betrachtung auch von Kopf-Hals-Krebs, sodass die S3-Leitlinien zum Mundhöhlen- und Larynxkarzinom, außer dem Hinweis, frühzeitige Maßnahmen zur Sicherung einer ausreichenden Ernährung zu ergreifen, noch keine klaren Empfehlungen zur gezielten prätherapeutischen Vorbereitung beinhalten [1][2]. Weitgehend konzentrieren sich Empfehlungen auf die Verbesserung der Therapien (z.B. minimal-invasive und rekonstruktive Chirurgie, intensitäts-modulierte Strahlentherapie, Studien zur Therapiedeeskalation) und auf Maßnahmen der klassischen Rehabilitation. In Deutschland erfolgt eine professionelle Schlucktherapie regelhaft erst bei Auftreten von Symptomen, im Rahmen einer spezifischen Rehabilitationsmaßnahme, zumeist postoperativ oder im Anschluss an eine Radio(-chemo)therapie [724] [664] [725] [726].

Gerade Kopf- und Halstumorpatienten sind, bedingt durch die Lokalisation der Tumore im oberen Aerodigestivtrakt und eine dadurch bedingte Dysphagie, sowie die Risikofaktoren Tabak- und Alkohol besonders anfällig für Malnutrition. Mögliche schwerwiegende Folgen einer Schluckstörung sind neben der Mangelernährung das Risiko einer Aspirationspneumonie und die damit verbundene erhöhte Mortalität, die soziale Isolierung und der Verlust an Lebensqualität [663] [727]. Die Prävalenz einer Schluckstörung beträgt unter den Kopf- und Halstumorpatienten je nach Tumorlokalisation und -ausdehnung bis zu 80% [728].

Studienergebnisse weisen zunehmend darauf hin, dass Kopf- und Halstumorpatienten profitieren, wenn eine Dysphagietherapie bereits vor oder während der Strahlentherapie beginnt [729]. Durch präventive Übungen können Folgen einer vorbestehenden oder als Therapiefolge auftretenden Dysphagie reduziert werden [730]. Zusammenfassend zeigen die bisher vorliegenden Studien, dass aktive Übungen der Schluckfunktion unmittelbar nach der Radio(-chemo)therapie zu nachweisbar besserem Outcome führen, auch wenn Belege für einen langfristigen Benefit bislang noch ausstehen. Kollektive mit primär chirurgisch behandelten Patienten sind bislang in Bezug auf die Wirksamkeit prähabilitativer Maßnahmen kaum untersucht, ebensowenig geeignete Kriterien der Patientenselektion herausgearbeitet. Erste klinische Implikationen zeigen die systematische Einführung von Fraility-Scors [144] und die damit verbundene wachsende Awareness gegenüber individuellerer Therapievorbereitung. Mit diesem Subtext soll für das Thema sensibilisiert werden. Konkrete Empfehlungen im Rahmen der vorliegenden Leitlinie können noch nicht ausgesprochen werden.

10.4 Ernährung

Die Ernährung muss an das Therapieverfahren und die daraus resultierende Funktion des Schluckaktes angepasst werden. Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass Sensibilitätsstörungen im Mundraum nach Schädigungen des Nervus lingualis oder eine Mukositis nach Radiatio die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen können. Kompensatorische Schlucktechniken und dietätische Anpasssung der Konsistenzen können hilfreich sein [663].

Aspiration von Speichel, Flüssigkeiten und Nahrung sind zu Beginn in den ersten Wochen typische Folgen nach unmittelbaren kehlkopferhaltenden Operationen/Bestrahlung des Hypopharynx bzw. kehlkopfnahe Operationen/Bestrahlung im Zungengrund [667]. Es dauert, bis sich kompensatorische Ersatzsstrategien zur Herstellung neuer Verschlüsse entwickeln. So können sich bei Kehlkopfteilresektion nach einigen Wochen einseitige Hyperplasien des Zungengrundes und des kontralateralen Aryknorpels bilden, die den neuen Verschluss bilden. Auch kann sich eine anfängliche postoperative Schwellung nach wenigen Wochen zurückbilden. In dieser Zeit ist eine künstliche Ernährungsform, nasogastale Sonde oder PEG indiziert. Bei gutem Verlauf kann dann im oralen Training, evtl. mit tropfenweise Wasser und kleinsten Mengen Kartoffelbrei begonnen werden.

10.4.1 PEG

10.12 · Evidenzbasierte Empfehlung 2024

Patienten, die tumor- oder behandlungsbedingt dem Risiko einer Malnutrition ausgesetzt sind, sollten frühzeitig eine professionelle Ernährungsberatung und Ernährungstherapie erhalten.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2+

S3 Leitlinienadaptierung - Mundhöhlenkarzinom, Version 3.0 2021 (9.7)

Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[731] [732] [733] [734] [735] [736] [1]
10.13 · Konsensbasiertes Statement 2024

Bei Patienten mit Oro- und Hypopharynxkarzinomen mit erheblicher Schluckstörung sollte bei unzureichender oraler Nahrungsaufnahme eine zusätzliche enterale Sondenernährung durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
10.14 · Konsensbasierte Empfehlung 2024

Die prophylaktische Anlage einer PEG vor primärer oder adjuvanter Radiochemotherapie soll bei fehlenden Schluckbeschwerden nicht bzw. im Falle von Schluckbeschwerden nicht ohne primäre Schluckdiagnostik erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (95%)
10.15 · Konsensbasiertes Statement 2024

Im Falle der Notwendigkeit einer Sondenernährung (transnasal oder transkutan) sollte bei bestehender oder zu erwartender länger anhaltenden Dysphagie die PEG einer nasogastralen Sonde vorgezogen werden

Konsens
Starker Konsens (100%)

Oro-, und Hypopharynxkarzinome können zu Schluckbeschwerden mit signifikantem Gewichtsverlust und zur Aspiration mit konsekutiver Pneumonie bereits vor der Diagnosestellung führen. Operative Therapien und adjuvante Strahlen- oder Strahlenchemotherapie verursachen ebenso wie primäre Radio- oder Radiochemotherapien relevante Schluckprobleme mit dem Risiko einer gravierenden Malnutrition und/oder Aspirationspneumonie. Eine frühzeitige Sicherung der Ernährung ist daher bei allen Patienten mit Oro-, und Hypopharynxkarzinomen sicherzustellen. Wiederholte Ernährungsberatungen mit Diätmodifikationen tragen bei Schluckstörungen zum Behandlungserfolg und zur Lebensqualität bei Patienten mit Kopf-Hals-Karzinomen bei. Risikofaktoren für eine länger andauernde postoperative Schluckstörung sind Pharyngotomie, Resektion am Zungengrund, Rekonstruktionen mit Pectoralis major-Lappen, fortgeschrittenes Tumorwachstum, Alkoholabusus und Strahlen- und Strahlenchemotherapie [732].

In unkomplizierten Fällen kann die Ernährung mit weicher oder flüssiger hochkalorischer Kost ggf. unterstützt durch lokale und systemische analgetische Therapien erfolgen, sofern der Patient nicht aspiriert. Wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, muss die Ernährung über eine PEG- oder nasogastrale Sonde oder parenteral erfolgen. Ist zu erwarten, dass die orale Ernährung zumindest über mehrere Wochen nicht mehr möglich sein wird, hat sich die PEG-Sonde als sicher und effektiv erwiesen [733] [734] [735]. In einem retrospektiven Vergleich einer PEG- zu einer nasogastralen Ernährungssonde zeigten sich eine größere Beeinträchtigung des Schluck- und Sprechvermögens und ein schlechterer Tragekomfort bei der nasogastralen Ernährungssonde [736]. Frühes Schlucktraining hat in einer kleinen randomisierten Studie (n=57) zu einer signifikanten Verkürzung der Lagedauer von PEG-Sonden geführt [737]

Der Nutzen einer prophylaktischen Anlage einer PEG-Sonde bei Patienten mit hohem Risiko für ausgeprägte Schluckprobleme gegenüber einer Anlage bei Bedarf wurde in 3 kleineren randomisierten Studien (n=70- 134) untersucht, die überwiegend eine primäre oder adjuvante Radiochemotherapie erhalten hatten [738] [739][740]. Die Studien zeigten übereinstimmend keinen signifikanten Nutzen einer prophylaktischen PEG-Anlage in Bezug auf die Gewichtsentwicklung, die Lebensqualität und die onkologischen Ergebnisse. Die Komplikationsrate der PEG-Anlagen war in allen Studien niedrig und nicht unterschiedlich zwischen den Studienarmen. Eine Notwendigkeit für die Durchführung einer Sondenernährung ergab sich in den Kontrollarmen der Studien bei 86% - 90% der Patienten. Die aus retrospektiven vergleichenden Untersuchungen berichtete längere Abhängigkeit von einer Sondenernährung [736] durch die prophylaktische PEG-Anlage wurde in den randomisierten Studien nicht bestätigt.

10.5 Palliativversorgung

Die palliative Begleitung wurde mittlerweile in einer aktuellen S3-Leitlinie ausführlich dargestellt, mit der aktuellen Evidenz hinterlegt und damit auch für Patienten mit Oro-, Hypopharynxkarzinomen umfassend konsentiert [741]. Unter Verweis auf diese Leitlinie sollen hier folgend lediglich die Grundsätze der palliativen Begleitung aufgeführt werden.

 

Das Grundanliegen der Palliativversorgung ist die Verbesserung bzw. Erhaltung der Lebensqualität von Patienten und Angehörigen durch Linderung und Prävention von Leiden, trotz nicht-heilbarer Erkrankung. Damit verbunden ist seit den Anfängen der Palliativ- und Hospizbewegung eine Grundhaltung aller an der Behandlung Beteiligten, die durch die ganzheitliche Wahrnehmung der Patienten und ihrer Angehörigen als Personen und in (Familien-)Systemen sowie Annehmen des Sterbens und des Todes als Teil des Lebens gekennzeichnet ist [742]. Die Lebenswelt der Betroffenen wird ganzheitlich in den vier Dimensionen – physisch, psychisch, sozial und spirituell – wahrgenommen. In der praktischen Umsetzung basiert dies auf der Berücksichtigung der in der S3-Leitlinie „Palliativmedizin“ genannten Grundsätze für Patienten, Angehörige und die Mitglieder des multiprofessionellen Behandlungsteams. Die folgenden Regeln sollen bei der Palliativversorgung von Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung Anwendung finden:

  • die Berücksichtigung der und das Eingehen auf die Bedürfnisse des Patienten in allen vier Dimensionen (physisch, psychisch, sozial, spirituell);
  • die Berücksichtigung von Patientenpräferenzen;
  • die Wahrnehmung der Patienten in ihrer kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Identität;
  • die Bestimmung realistischer Therapieziele gemeinsam mit Patient und Angehörigen;
  • die Kenntnis über Organisationsformen von Palliativ- und Hospizversorgung;
  • das Schaffen von lokalen Rahmenbedingungen, die die Intimität des Patienten und seiner Familie respektieren.
  • die Durchführung einer angemessenen differentialdiagnostischen Ursachenklärung des Symptoms zur zielgerichteten Therapie und Erfassung potentiell reversibler Ursachen;
  • der Einsatz von präventiven Maßnahmen und die Behandlung reversibler Ursachen, wenn möglich und angemessen;
  • die Durchführung einer symptomatischen Therapie – alleine oder parallel zu einer ursächlichen Therapie;
  • die Abwägung tumorspezifischer Maßnahmen (z. B. Strahlentherapie, operative Verfahren, medikamentöse Tumortherapien) mit dem primären oder alleinigen Therapieziel der Symptomlinderung. Voraussetzung ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen Fachbereichen und der Palliativmedizin;

 

Besondere Beachtung erfordert für Patienten mit einem Oro- oder Hypopharynxkarzinom auch am Lebensende der Erhalt ihrer Kommunikationsmöglichkeiten und die Überwindung der oft zu beobachtenden sozialen Isolation.

Der Patientenwille ist in jeder Phase der Behandlung einschließlich der Sterbephase zu beachten. Kann der Patient sich selbst nicht äußern, hat der Patientenvertreter (durch schriftliche Vorsorgevollmacht befugte Person oder gerichtlich bestellter Betreuer) den Patientenwillen festzustellen und dies mit dem Arzt zu besprechen. Dabei sind eine schriftliche Patientenverfügung und andere Willensbekundungen des Patienten (z.B. mündlich oder schriftlich geäußerte Behandlungswünsche, sonstige Willensbekundungen) einzubeziehen [741].

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