11. Nachsorge – Oro- und Hypopharynxkarzinom
Als maximale Nachsorgeintervalle sollten auch bei Beschwerdefreiheit für das 1. und 2. Jahr 3 Monate und das 3. bis 5. Jahr 6 Monate eingehalten werden. Für jeden Patienten sollte ein risikoadaptierter fachärztlicher Nachsorgeplan erstellt werden. Lebensqualität und Schmerzen sollten regelmäßig erfragt werden. Nach dem 5. Jahr sollten regelmäßige fachärztliche Kontrollen angeboten werden.
Adoption Empfehlung 9.1. S3_Leitlinie Mundhöhlenkarzinom [1]
- Konsens
- Konsens (91%)
- Literatur
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11.1 Klinisch-anamnestische Untersuchung
Wesentlicher Bestandteil der gesamten Therapie ist eine regelmäßige Tumornachsorge, die bei Bedarf interdisziplinär mit dem mitbetreuenden Radioonkologen sowie in Kommunikation mit dem niedergelassenen betreuenden Fachkollegen erfolgen sollte. Die Bedeutung der Tumornachsorge wird aus der Tatsache erkennbar, dass es bei ca. einem Viertel der Patienten mit einem Oro-,-Hypopharynxkarzinom zu einem lokalen Tumorrezidiv kommt, welches in meist innerhalb der ersten zwei Jahre auftritt; auch im dritten Jahr nach abgeschlossener Primärbehandlung entwickeln sich in wenigen Fällen noch Rezidive [743]. Hauptziel der Tumornachsorge ist somit die sorgfältige Untersuchung des Kehlkopfes und des Halses zum Ausschluss erneut wachsender Karzinome, die nach den Ergebnissen einer retrospektiven Studie nur in 61 % zu Symptomen führen, also von 39 % der Patienten nicht bemerkt werden [744]. Ein weiterer Nutzen der Tumornachsorge ist die Erkennung metachroner Zweittumoren im Bereich des oberen Aerodigestivtraktes und der Lunge, die mit einem ähnlichen Risikoprofil wie Oro- (exklusive HPV), Hypopharynxkarzinome einhergehen und in 4-33 % der Patienten auftreten [743].
Weiterhin ist die Beurteilung des funktionellen, ästhetischen und psychischen Folgezustandes (Sprech- und Schluckfunktion), des Schmerzstatus und der Notwendigkeit rehabilitativer (Logopädie, Schlucktraining) oder supportiver Maßnahmen (Schmerztherapie, Ernährungstherapie, Physiotherapie, Psychoonkologische und -soziale Betreuung, Lymphdrainage), sowie Beratung über mögliche funktionsverbessernder weiterer Operationen Aufgabe der Tumornachsorge [745] [647] [706] (Kap 10).
Als maximale Nachsorgeintervalle gelten auch bei Beschwerdefreiheit für das 1. und 2. Jahr 3 Monate und das 3. bis 5. Jahr 6 Monate (Analog zu Empfehlungen in S3-Larynxkarzinom [2], S3 Mundhöhlenkarzinom [1]). Nach dem 5. Jahr kann individuell entschieden werden, ob eine weitere Nachsorge notwendig erscheint. Bei besonderer Risikokonstellation oder akut aufgetretenen Beschwerden können in Zusammenarbeit mit den betreuenden Fachkollegen auch häufigere Untersuchungen notwendig werden, die sich auch über 5 Jahre hinaus erstrecken können.
Die bei jedem Nachsorgetermin notwendigen Untersuchungen sind die sorgfältige und systematische Inspektion des Mund-Rachen-Kehlkopfbereiches. Zusätzlich ist eine Untersuchung des Halses durch Palpation und ggf. Ultraschall notwendig. Hinweise auf das eventuelle Vorliegen eines Tumorrezidivs sind auch durch die orientierende Anamnese von Schmerzen, Blutbeimengungen, Gewichtsverlust, Antriebslosigkeit etc. zu eruieren (Näherte Ausführungen Kap. 7.1).
11.2 Bildgebung in der Nachsorge
In der Routinenachsorge sollte die Schnittbildgebung (CT, MRT) und deren zeitliche Untersuchungsintervalle abhängig von Risikoprofil, des Tumorstadiums sowie der Therapieform indiziert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Bildgebung spielt in der Nachsorge des Oro-, Hypopharynxkarzinoms eine bedeutende Rolle und ist neben der HNO-ärztlichen Spiegeluntersuchung/Endoskopie ein wichtiger Bestandteil der Nachsorgeuntersuchung. Die hochauflösende CT ist im Bereich des Oro-, Hypopharynx sehr sensitiv und das Verfahren der ersten Wahl. In gleicher Sitzung können die Lymphabflusswege des Halses dargestellt werden um Metastasen aufzudecken bzw. auszuschließen. Die MRT kann bei der Frage der Knorpelinfiltration beim Hypopharynxkarzinom und der Frage des Weichteilkontrastes Vorteile bringen. In Abhängigkeit von der initialen Tumor-Kategorie ist das zeitliche Intervall der Nachsorge durch Bildgebung festzulegen. Bei größeren Karzinome wird die erste Bildgebung nach 3 Monaten nach Beendigung der Therapie empfohlen. Bei erhöhtem Risiko einer Fernmetastasierung sollte zusätzlich eine CT Thorax und Abdomen in der Nachsorgeuntersuchung, evtl. PET-CT vorgenommen werden [746] [747].
Nach einer definitiven Radiochemotherapie oder Radiotherapie mit gutem klinischen Ansprechen kann zur Beurteilung des posttherapeutischen Lokalbefundes eine kontrastverstärkte Baseline-Schittbild-Diagnostik des Kopf-Hals-Bereiches 8-12 Wochen nach Therapieende erfolgen. Die Auswahl der Modalität der Schnittbildgebung (CT, MRT) sollte in Abhängigkeit von der inititalen Tumorlokalisation und von der inititalen Tumor- bzw. N-Kategorie erfolgen entsprechend der Empfehlungen im Kapitel Primärdiagnostik (Kap 7.3).
Besteht aufgrund dieser Untersuchungen der Verdacht auf ein lokoregionäres Rezidiv oder Residuum, eine Fernmetastasierung oder einen Zweittumor kann die Durchführung einer FDG-PET/-CT in Erwägung gezogen werden. Es gibt keine Evidenz dafür, dass regelmäßige Thorax-Röntgenaufnahmen oder die Bestimmung von Tumormarkern im Serum einen Nutzen in der Tumornachsorge haben, sodass dies nicht empfohlen wird.
Der gemeinsame Bundesausschuss hat im März 2017 gemäß § 91 SGB V entschieden, dass das PET/CT bei Kopf-Hals-Tumoren zur Vermeidung invasiver Eingriffe wie Neck dissection und laryngoskopische Biopsie Kassenleistung wird. Das trifft insbesondere auf Patienten mit Kehlkopfkrebs nach primärer Radiochemotherapie zu (Kap. 7.3).
11.3 Wertigkeit der Panendoskopie in der Nachsorge
Eine Panendoskopie in Narkose ist im Rahmen der Nachsorge eines primären Oro-, Hypopharynxkarzinoms nur dann indiziert, wenn in der klinischen Untersuchung Verdacht auf ein Tumorrezidiv im Bereich des oberen Aerodigestivtraktes geäußert wird. Wie in Kap. 7.4 und der Evidenztabelle „PICO 5: Panendoskopie vs. andere bildgebende Verfahren“ ausgeführt, ist die Panendoskopie obligater Bestandteil der Diagnostik bei Rezidiv-, bzw. Zweitkarzinomverdacht.
11.4 Molekulare Diagnostik, Screening in der Nachsorge
Es existieren keine etablierten Tumormarker für die molekulare Diagnostik in der Nachsorge von Patienten mit einem Oro-, Hypopharynxkarzinomen.
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- Starker Konsens (100%)
Aktuell existieren keine etablierten Tumormarker für die molekulare Diagnostik in der Nachsorge von Patienten mit einem Oro-, Hypopharynxkarzinom, welche durch ausreichend große retrospektive und prospektive Studien validiert wurden. Verschiedene wissenschaftliche Ansätze der molekularen Diagnostik, Liquid Biopsie etc. werden aktuell untersucht, sind aber bislang nicht zur validierten klinischen Reife gelangt. Auch für das HPV-positive Oropharynxkarzinom stehen keine serologischen Screening-Ansätze zur Verfügung, die aktuell in der Nachsorge empfohlen werden könnten (siehe auch Kap. 5.3). In speziellen Fragestellungen bei besonderen Rezidivsituationen kann das molekulare Tumorboard eine sinnvolle Ergänzung darstellen.
11.5 Sozialrechtliche und psychosoziale Beratung
Die sozialrechtliche und psychosoziale Beratung sollte Bestandteil der Langzeitbetreuung von Patienten mit Oro-, bzw. Hypopharynxkarzinomen sein.
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- Starker Konsens (100%)
In den letzten Jahren ist die Gefahr durch eine Krebserkrankung in eine prekäre wirtschaftliche Situation zu geraten deutlich gestiegen. Einerseits erhöhen sich die Ausgaben und andererseits verringert sich das Einkommen oft erheblich durch den Bezug von Krankengeld oder von Erwerbsminderungsrente. Krankheit als Ursache für eine Überschuldungssituation ist mittlerweile ein bekanntes Problem.
Aus diesem Grund ist ein wichtiges Ziel des sozialen und sozialrechtlichen Beratungsangebots, die materielle und wirtschaftliche Existenz sowie die Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern und einen Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen zu ermöglichen. Folgende Beratungsangebote sind deshalb Inhalt der sozialen und sozialrechtlichen Beratung:
- Umfassende Information zum Sozialrecht (Kranken-, Renten-, Pflegeversicherung, Schwerbehindertenausweis)
- Hilfestellung beim Ausfüllen von Anträgen und der Antragstellung
- Beratung über Möglichkeiten zum Erhalt des Arbeitsplatzes, Einleitung einer beruflichen Wiedereingliederung, Einleitung einer beruflichen Rehabilitationsmaßnahme
- Psychosoziale Beratung zur Krankheitsverarbeitung, in Konfliktsituationen, zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
- Information über Beratungsstellen (Integrationsfachdienst, Sucht- und Schuldnerberatung, Servicestellen der Rentenversicherung)
Um die psychosoziale und sozialrechtliche Beratung sicherzustellen, ist es wichtig, dass Patienten mit einem Larynxkarzinom im stationären Kontext eine onkologische Erstberatung durch die Sozialdienste der Akutkrankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen erhalten. Nur so kann gewährleistet werden, dass Betroffene und Angehörige eine psychosoziale Grundinformation erhalten und bei Bedarf erste schnelle Interventionen möglich sind.
Ambulante Krebsberatungsstellen bieten für die Phase nach der stationären Behandlung ein niedrigschwelliges psychosoziales Beratungsangebot zu psychischen, sozialen und sozialrechtlichen Belastungen an und informieren über Selbsthilfegruppen und weitere Beratungsangebote (Analog zu den Ausfühungen S3-LL Larynx [2]).
Literaturhinweise
[1] S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Mundhöhlenkarzinoms, AWMF-Registernummer: 007/100OL, 2021. Version 3.0:, https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Mundhoehlenkarzinom/Version_3/LL_Mundhoehlenkarzinom_Langversion_3.0.pdf
[743] Haas, I, Hauser, U, Ganzer, U, The dilemma of follow-up in head and neck cancer patients., Eur Arch Otorhinolaryngol, 2001. 258 (4)(4): p. 177-83., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11407449/
[744] Boysen, M, Lövdal, O, Tausjö, J, Winther, F, The value of follow-up in patients treated for squamous cell carcinoma of the head and neck., Eur J Cancer, 1992. 28 (2-3)(2-3): p. 426-30., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/1591057/
[745] Bjordal, K, Ahlner-Elmqvist, M, Hammerlid, E, Boysen, M, Evensen, JF, Biörklund, A, et.al. A prospective study of quality of life in head and neck cancer patients. Part II: Longitudinal data., Laryngoscope, 2001. 111 (8)(8): p. 1440-52., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11568582/
[647] S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen. AWMF-Register-Nummer (032-054OL). Langversion 1.3, 2020., https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/supportive-therapie/
[706] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), , Deutsche Krebsgesellschaft (DKG), , Deutsche Krebshilfe (DKH)., S3-Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten, AWMF-Register-Nr.: 032-051OL, 2023. Version 2.0:, http://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie/
[2] S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Larynxkarzinoms, Langversion 1.1, AWMF-Registernummer: 017-076OL, 2019., https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Larynxkarzinom/Version1.1/LL_Larynxkarzinom_Langversion_1.1.pdf
[746] Gao, S, Li, S, Yang, X, Tang, Q, 18FDG PET-CT for distant metastases in patients with recurrent head and neck cancer after definitive treatment. A meta-analysis., Oral Oncol, 2014. 50 (3)(3): p. 163-7., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24368204/
[747] Fukuhara, T, Fujiwara, K, Fujii, T, Takeda, K, Matsuda, E, Hasegawa, K, et.al. Usefulness of chest CT scan for head and neck cancer., Auris Nasus Larynx, 2015. 42 (1)(1): p. 49-52., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25239083/