Leitlinienprogramm OnkologieÖsophaguskarzinom

10. Psychoonkologie – Ösophaguskarzinom

Version 4.0 · Dezember 2023 · AWMF 021-023OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

10.1 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2023

Die psychoonkologische Versorgung von Patienten/innen mit Ösophaguskarzinom sollte ein integraler Bestandteil der onkologischen Diagnostik, Therapie und Nachsorge sein und eine interdisziplinäre Aufgabe aller in der Onkologie beteiligten Berufsgruppen darstellen (vgl. S3-Leitlinie Psychoonkologie).

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund 

Patienten/innen mit einem Ösophaguskarzinom weisen eine Reihe von psychosozialen Belastungen auf [699]. Neben Beeinträchtigungen der psychischen Befindlichkeit, konnten Beeinträchtigungen der globalen Lebensqualität nachgewiesen werden, welche als Prädiktoren für eine erhöhte Mortalität angesehen werden können [700]. Insbesondere Beeinträchtigungen der sozialen Funktionsfähigkeit, Schmerz und ein vermindertes Aktivitätslevel postoperativ sind mit der Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden [701]. Die soziale Funktionsfähigkeit und die Rollenfunktion zeigen auch bei Langzeitüberlebenden Beeinträchtigungen [702].

Für die Durchführung der psychoonkologischen Diagnostik, Beratung und Behandlung soll eine entsprechend qualifizierte Fachkraft zur Verfügung stehen. Die Feststellung des individuellen Bedarfs soll entsprechend der S3-Leitlinie Psychoonkologie (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie/) über ein gestuftes Verfahren (standardisiertes Screeningverfahren plus ggf. diagnostisches Gespräch bei im Screening auffälligen Patienten) erfolgen [637], [703], [704], [705]. Der Einsatz eines psychoonkologischen Screeninginstrumentes sollte frühestmöglich erfolgen und in angemessenen Abständen, wenn klinisch indiziert oder bei Veränderung des Erkrankungsstatus der Patientin/des Patienten (z. B. bei Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung) wiederholt durchgeführt werden. In der S3-Leitlinie Psychoonkologie wird vor allem die Verwendung des Distress Thermometers oder der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) empfohlen [706], [707], [708]. Im Falle eines positiven Ergebnisses eines Screenings soll ein diagnostisches Gespräch zur weiteren diagnostischen Abklärung erfolgen.

Je nach Ausmaß der durch das Screening festgestellten psychosozialen Belastungen sollten gestuft psychosoziale Hilfen entsprechend der S3-Leitlinie Psychoonkologie in allen Krankheitsphasen den Patienten/innen und ihren Angehörigen angeboten werden. Dies beinhaltet, dass die/der Patient/in frühzeitig nach Diagnosestellung oder im Behandlungsverlauf über die Möglichkeiten psychoonkologischer Hilfestellungen informiert werden sollte. Hierbei sollte eine enge Absprache mit allen in die Versorgung des/r Patienten/in involvierten Personen (z. B. Hausarzt, ambulanter Pflegedienst) angestrebt und ein kontinuierlicher Informationsfluss sichergestellt werden. 

Psychosoziale Hilfen beinhalten Maßnahmen zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung, des Umganges mit fortbestehenden Funktionsstörungen und weiteren krankheits- oder behandlungsassoziierten Einschränkungen wie wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Fragen zur Rückkehr ins Erwerbsleben. Somit betreffen diese Hilfen die gesamte Krankheitsphase von Diagnose, Aufklärung, Therapie, supportiver Behandlung, Rehabilitation, Nachsorge und ggf. palliativmedizinischer Versorgung. 

Die Psychoonkologische Versorgung wird auf der Basis eines interdisziplinären Ansatzes zwischen allen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen realisiert [709]. Die psychoonkologischen Maßnahmen sollen in das Gesamtkonzept der onkologischen Behandlung integriert werden und durch regelhafte Rückmeldung mit den an der onkologischen Behandlung beteiligten Berufsgruppen optimiert werden. Hierfür sollte der behandelnde Arzt über psychoonkologische Basiskompetenzen verfügen. Darüber hinaus ist eine psychoonkologische Fachkraft in das Behandlungsteam integriert sein, um die psychoonkologische Beratung und Behandlung durchführen zu können. 

Die psychoonkologische Betreuung umfasst eine patientengerechte Information und Beratung, eine qualifizierte psychosoziale Diagnostik, sowie eine gezielte psychoonkologische Unterstützung bei der Bewältigung der Erkrankung, der Behandlung und der auftretenden Nebenwirkungen und Folgeprobleme. 

Psychoonkologische Interventionen sind sowohl bei schweren psychischen Belastungen, Paarkonflikten sowie bei psychischen Störungen (insbesondere depressiven, Anpassungs- und Angststörungen) indiziert. Neben psychoedukativen und supportiven Interventionen wie Entspannungsverfahren etc. werden insbesondere die Einzelpsychotherapie sowie die Paartherapie eingesetzt [710]. Die psychoonkologischen Interventionen sollten am individuellen Bedarf des/r Patienten/in ausgerichtet werden. Ebenso sollte der Wunsch des/r Patienten/in berücksichtigt sowie der/die Partner/in und die Angehörigen in die psychosoziale Beratung und Behandlung des/r Patienten/in eingebunden werden. 

Literaturhinweise

[699] Dempster, M., McCorry, N. K., Brennan, E., Donnelly, M., Murray, L., Johnston, B. T., Psychological distress among survivors of esophageal cancer: the role of illness cognitions and coping, Dis Esophagus, 2012. 25(3): p. 222-7., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21819485/

[700] Djärv, Therese, Lagergren, Pernilla, Six-month postoperative quality of life predicts long-term survival after oesophageal cancer surgery, European journal of cancer, 2011. 47(4): p. 530-535., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21074989/

[701] Heijl, Mark, Sprangers, MirjamA G., Boer, AngelaG E. M., Lagarde, SjoerdM, Reitsma, HansB, Busch, OlivierR C., et.al. Preoperative and Early Postoperative Quality of Life Predict Survival in Potentially Curable Patients with Esophageal Cancer, Annals of Surgical Oncology, 2010. 17(1): p. 23-30., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19830496/

[702] Gockel, I., Gönner, U., Domeyer, M., Lang, H., Junginger, Th, Long-term survivors of esophageal cancer: Disease-specific quality of life, general health and complications, Journal of Surgical Oncology, 2010. 102(5): p. 516-522., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19877161/

[637] NCCN practice guidelines for the management of psychosocial distress. National Comprehensive Cancer Network, 1999.

[703] National Comprehensive Cancer Network. Distress Management. NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology. 2011

[704] Herschbach P, Weis J, Screeningverfahren in der Psychoonkologie.Testinstrumente zur Identifikation betreuungsbeduerftiger Krebspatienten, Dt. Krebsgesellschaft, 2010. p. http://www.krebsgesellschaft.de/download/pso_broschuere.pdf., https://www.wpo-ev.de/wp-content/uploads/2023/07/Screening_broschuere.pdf

[705] Mehnert, A., Lehmann, C., Cao, P., Koch, U., [Assessment of psychosocial distress and resources in oncology--a literature review about screening measures and current developments], Psychother Psychosom Med Psychol, 2006. 56(12): p. 462-79., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17160791/

[706] Mitchell, A. J., Short screening tools for cancer-related distress: a review and diagnostic validity meta-analysis, J Natl Compr Canc Netw, 2010. 8(4): p. 487-94., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20410338/

[707] Vodermaier, A., Linden, W., Siu, C., Screening for emotional distress in cancer patients: a systematic review of assessment instruments, J Natl Cancer Inst, 2009. 101(21): p. 1464-88., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19826136/

[708] Vodermaier, A., Millman, R. D., Accuracy of the Hospital Anxiety and Depression Scale as a screening tool in cancer patients: a systematic review and meta-analysis, Support Care Cancer, 2011. 19(12): p. 1899-908., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21898134/

[709] Weis, J., Schumacher, A., Blettner, G., Psychoonkologie: Konzepte und Aufgaben einer jungen Fachdisziplin, Der Onkologe, 2007. 13: p. 185-194., https://www.researchgate.net/publication/262829754_Psychoonkologie_Konzepte_und_Aufgaben_einer_jungen_Fachdisziplin

[710] Faller, H., Schuler, M., Richard, M., Heckl, U., Weis, J., Kuffner, R., Effects of psycho-oncologic interventions on emotional distress and quality of life in adult patients with cancer: systematic review and meta-analysis, J Clin Oncol, 2013. 31(6): p. 782-93., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23319686/