5. Primärdiagnostik – Mundhöhlenkarzinom
5.1 Klinische Untersuchung
Alle Patienten mit einer mehr als zwei Wochen bestehenden unklaren Schleimhautveränderung sollen unverzüglich zur Abklärung zu einem Spezialisten überwiesen werden.
- Konsens
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Zum Ausschluss synchroner Zweittumore soll im Rahmen der Primärdiagnostik des Mundhöhlenkarzinoms eine Hals-Nasen-Ohrenärztliche Untersuchung, ggf. eine Endoskopie durchgeführt werden.
- Konsens
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Hintergrund
Verdächtig auf Vorliegen eines Plattenepithelkarzinoms ist jegliche Veränderung der Mundschleimhaut mit Gewebeüberschuss und/oder Gewebedefekt sowie eine Farbveränderung oder Verhärtung der Schleimhaut. Typisch ist ein zentrales Ulkus mit peripherem Randwall und weißlichen (leukoplakischen) Auflagerungen infolge einer Verhornung (Keratinisierung), die aber auch vollständig fehlen kann. Alle Bezirke, besonders Zunge und Mundboden, können betroffen sein. Frühe Befunde präsentieren sich z.B. als knötchenförmige Epithelverdickung oder flacher Oberflächendefekt. Später findet sich eine flächige Ausbreitung oder auch ein zapfenförmiges Wachstum in die Tiefe. Bereits initial kann eine Zahnlockerung oder auch eine Lymphknotenschwellung am Hals vorliegen, die mit entzündlichen Erkrankungen, etwa einer Parodontose oder einer Lymphadenitis verwechselt werden können. Ein fortschreitendes Tumorwachstum führt zu funktionellen Beeinträchtigungen wie Mundöffnungsbehinderung, Schwierigkeiten beim Schlucken, Kauen oder Sprechen sowie zu Ernährungsstörungen; ggf. kommt es zum Einbruch in den Kieferknochen mit Fraktur oder zum Durchbruch zur äußeren Haut. Es entwickeln sich starke, auch in die gesamte Kopf- und Nackenregion ausstrahlende Schmerzen. Bei bis zu 40% der Patienten ist es bereits zum Zeitpunkt der Erstdiagnose trotz eines klinisch unauffälligen Befundes zu einem Befall der Halslymphknoten gekommen; auch ist eine systemische Tumoraussaat, besonders in die Lunge, möglich. Ist ein gleichzeitiger Befall mehrerer Regionen der Mundhöhle oder des Pharynx vorhanden, so spricht man von multilokulärem Tumorwachstum. Aus diesem Grunde und wegen eines möglichen Vorhandenseins synchroner Zweitkarzinome im Bereich des Pharynx oder Larynx [94], [95], [96]gehört die Spiegeluntersuchung oder eine Endoskopie [97], [98], [99], [100], [101], [102] zur klinischen Primärdiagnostik beim Mundhöhlenkarzinom.
Die Detektionsraten von Zweitkarzinomen durch eine Panendoskopie in der Primärdiagnostik des Mundhöhlenkarzinoms werden neueren Studien zufolge im einstelligen Prozentbereich angegeben: 1,1% ([103]), 5,56% ([104]), für Populationen ohne Risikoanamnese noch einmal deutlich niedriger bis hin zu 0% (PMID:21674670). Als Nachteile der Panendoskopie sind neben anästhesiologischen Komplikationen vor allem chirurgische Komplikationen wie ösophageale Perforationen, Blutungen und Zahnfrakturen zu nennen. Kritisch diskutiert wird eine Verzögerung des Tumortherapiebeginns durch eine vorangehende Panendoskopie ([105], [106]). Eine Panendoskopie soll daher zum Auschluss synchroner Zweittumore im Rahmen der Primärdiagnostik des Mundhöhlenkarzinoms nur dann durch geführt werden, wenn spiegelbefundlich oder radiologisch auffällige Befunde vorliegen.
Die Leitliniengruppe sieht einen großen Forschungsbedarf bei der Klärung des Stellenwerts der Panendoskopie zur Detektion von Zweittumoren.
Weitere Symptome des Mundhöhlenkarzinoms können Foetor, Blutungen, Behinderungen des Prothesensitzes, Taubheitsgefühl oder Verlust benachbarter Zähne sein. Allgemeine Symptome sind Müdigkeit, Leistungsabfall, Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme. Eine sofortige Überweisung zu einem Spezialisten soll bei folgenden Befunden erfolgen, wenn sie über zwei Wochen anhalten [107]:
- Weiße oder rote Flecken auf der Mundschleimhaut an jeglicher Lokalisation
- Vorliegen eines Schleimhautdefektes oder einer Ulzeration
- Schwellungen im Bereich der Mundhöhle
- unklare Zahnlockerung, die nicht mit einer Parodontalerkrankung assoziiert ist
- persistierendes, speziell einseitiges Fremdkörpergefühl
- Schmerzen
- Schluckstörungen oder Schmerzen beim Schlucken
- Schwierigkeiten beim Sprechen
- Verminderte Zungenbeweglichkeit
- Taubheitsgefühl an Zunge, Zähnen oder Lippe
- unklare Blutungen
- Schwellung am Hals
- Foetor
- Veränderung der Okklusion
Die Früherkennung und Frühbehandlung verbessern die Prognose des Mundhöhlenkarzinoms [108]. Eine intensivere Aufklärung der Bevölkerung und eine beschleunigte Weiterleitung von Patienten mit unklaren Befunden zum Spezialisten ist wünschenswert, um das Zeitintervall vom ersten Symptom bis zum Einsetzen der tumorspezifischen Behandlung zu verkürzen [82], [83], [84].
Literaturhinweise
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