15. Rehabilitation (Kapitel derzeit wegen laufender Überarbeitung ausgesetzt) – Lungenkarzinom
Rehabilitation dient der Wiederbefähigung zur Teilhabe bei Therapiefolgestörungen und umfasst ambulante und stationäre Maßnahmen, die von entsprechend ausgestatteten Einrichtungen (Kliniken, Rehazentren, Praxen) erbracht werden. Die ambulant durchgeführte pneumologische Rehabilitation ist ebenso wie die stationäre Form an einem ganzheitlichen Rehabilitationskonzept zur Wiederherstellung verloren gegangener Funktionen einschließlich der sozialmedizinischen Beurteilung orientiert und muss ein umfassendes, rehabilitationsspezifisches, interdisziplinäres Therapieangebot beinhalten, das entsprechend der individuellen Situation des Rehabilitanden auf die physischen, psychischen und sozialen Komponenten abzielt einschließlich eines edukatorischen Anteils (Rahmenempfehlung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation BAR), um dem Gesetzesanspruch „Reha vor Rente“ und „Reha vor Pflege" Geltung zu verschaffen. Die wesentlichen Behandlungselemente der pneumologisch-onkologischen Rehabilitation sind ärztliche Beratung und Betreuung, sozialmedizinische Beurteilung, medikamentöse Therapie, Gesundheitsbildung / Gesundheitstraining, strukturierte Raucherentwöhnung, medizinische Trainingstherapie (Ausdauer, Kraft, Koordination, Beweglichkeit), Physiotherapie / Atemtherapie, Atemmuskeltraining, Ernährungsberatung, psychologische Betreuung (Einzel- / Gruppenbetreuung, Psychotherapie), Entspannungstherapie / -techniken, Sozialberatung, Initiierung von Nachsorgemaßnahmen (u.a. ambulante Lungensportgruppen, Fortführung der Raucherentwöhnung), Ergotherapie, Gesundheits- und Krankenpflege und Beratung hinsichtlich weiterführender Maßnahmen (u.a. Anregung von berufsfördernden Leistungen, Wohnraumgestaltung).
Studien zur Effektivität der Rehabilitation bei Lungenkrebspatienten sind schwierig, weil Gruppenvergleiche mit Patienten ohne Rehabilitation sowohl aus ethischer Sicht als auch aus rechtlichen Gründen problematisch sind. Es gibt daher keine Daten zur Frage, ob eine Rehabilitation gegenüber dem Spontanverlauf nach Primärbehandlung eines Lungenkarzinoms in Bezug auf die Besserung von Folgestörungen überlegen ist. Es liegen sehr wenige Untersuchungen zur Frage vor, ob eine ambulante oder stationäre Rehabilitation bei Lungenkrebspatienten sinnvoll ist, allenfalls ist ein Trend durch Untersuchungen mit kleinen Fallzahlen und Prä-Postanalysen innerhalb definierter Gruppen erkennbar.
Zu Prinzipien und Standards der onkologischen Rehabilitation existieren wenige Veröffentlichungen [1866], [1867], BAR-Richtlinien mit Rahmenempfehlungen zur onkologischen Rehabilitation, [1868]. Sie beziehen sich auf Expertenmeinungen und unsystematische Zusammenfassungen (Evidenzgrad 5). Abgesehen von einer Literaturzusammenfassung mit persönlichen Anmerkungen, die sich mit der kardiopulmonalen Rehabilitation nach Behandlung einer Lungenkrebserkrankung beschäftigt [1869] (Evidenzgrad 5) und einer Pilotstudie, in der ein Rehabilitationsprogramm an 10 Patienten getestet wurde [1870] (Evidenzgrad 4), wurden wenig Beiträge zur Frage der Effektivität einer onkologischen Anschlussrehabilitation veröffentlicht. Systematische Reviews zu diesem Thema [1871], [1872] weisen nach, dass einzelne Maßnahmen (nicht medikamentöse Therapiemaßnahmen, Interventionen durch Krankenschwestern/pflege) positive Effekte in Bezug auf Lebensqualität oder Luftnot bei Lungenkrebspatienten haben (Evidenzgrad 1a). Die begutachteten 814 Literaturstellen und 66 Volltexte stellten dar, dass in 4 guten und 2 mäßig guten Untersuchungen „Interventionen durch Krankenschwestern/pflege“ Luftnot bessern können. Hierbei geht es vor allem um verhaltenstherapeutische Ansätze, die den Patienten durch Beratung und Unterstützung während oder nach einer onkologischen Therapie zur Selbstständigkeit anleiten [1771], [1873], [1874]. Derartige Interventionen sind jedoch aufgrund des im Vergleich zu Deutschland anders gestalteten Gesundheitssystems in den USA kaum übertragbar. Komplexe interdisziplinäre Rehabilitationsprogramme, wie sie im deutschsprachigen Raum angeboten werden, wurden nicht untersucht.
Während einer onkologischen Therapie (auch bei Hochdosischemotherapie) können mit guter Effizienz (z.B. in Bezug auf Knochenmarkregeneration) aerobe Ausdauersportaktivitäten durchgeführt werden [1875], [1876]. Es ist nicht belegt, ob dies auch für multimorbide Patienten mit Lungenkarzinom gilt. Diese Arbeitsgruppe konnte jedoch an operierten Patienten zeigen (n = 27 lungenoperierte Patienten), dass sich ein aerobes Ausdauer- und Entspannungstraining positiv auf Erschöpfung und körperliche Leistungsfähigkeit bei Krebspatienten auswirkt [1877] Evidenzgrad 4).
Schultz et al. [1878] haben 2006 an 207 Patienten physiologische und Lebensqualitäts-Parameter identifiziert und im Verlauf einer Rehabilitation bewertet. Hierbei sind in einer Subgruppe 24 Patienten mit Bronchialkarzinom untersucht worden. Ein Signifikanzniveau im Sinne von Prä-Postvergleichen für diese Gruppe alleine konnte wegen fehlender a priori Fallzahlschätzungen nicht bestimmt werden. Insgesamt konnte ein klinisch relevanter Effekt der stationären, spezialisierten, pneumologischen AHB durch diese multizentrische, prospektive Beobachtungsstudie nachgewiesen werden (Evidenzgrad 4).
Eine aktuelle Untersuchung von Riesenberg und Lübbe [1879] zeigte im Prä-Postvergleich an 51 Patienten mit klar determinierten Folge- und Funktionsstörungen und a priori durchgeführter Fallzahlberechnung, dass eine stationär durchgeführte onkologische Rehabilitation effektiv sein kann (Evidenzgrad 4).
Die sogenannten BAR-Richtlinien (Richtlinien der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation) mit Rahmenempfehlungen zur onkologischen Rehabilitation geben Hinweise für angestrebte Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualitäten ambulanter und stationärer onkologischer Rehabilitation unter Einbeziehung von Lungenkrebspatienten. Die beteiligten Rehabilitationseinrichtungen sollten über eine ausreichende Erfahrung in der Rehabilitation von Lungenkrebspatienten verfügen, die durch eine Mindestzahl rehabilitierter Lungenkrebspatienten (z. B. 100 rehabilitierte Lungenkrebspatienten pro Jahr) definiert werden kann (Evidenzgrad 5).
Einzelne Rehabilitationsmaßnahmen (nicht-medikamentöse und pflegerische) weisen positive Effekte in Bezug auf Lebensqualität (unter Einbeziehung der psychischen Befindlichkeit) oder Luftnot bei Lungenkrebspatienten auf und sind daher im Rahmen von Rehabilitationsverfahren (ambulant oder stationär) zu empfehlen (Evidenzgrad 1a).
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1a
- Konsens
- Konsens
Während einer onkologischen Therapie (auch bei Hochdosischemotherapie) können mit guter Effizienz (z. B. in Bezug auf Knochenmarkregeneration) aerobe Ausdauertrainingsprogramme (z. B. Intervalltraining mit Laktatbestimmung, Herzfrequenzanalyse) zur schnelleren Wiedererlangung der Leistungsfähigkeit durchgeführt werden und somit empfohlen werden (Evidenzgrad 1b). Es ist wahrscheinlich, dass vergleichbare Programme auch bei Lungenkarzinompatienten effektiv sind.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1b
- Konsens
- Konsens
Stationär durchgeführte onkologische Rehabilitationsverfahren sind zur Verbesserung von Lebensqualität und aerober Ausdauer nach Primärtherapie zu empfehlen, wenn bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllt sind. Dazu gehören die im Rahmen von BAR-Richtlinien vorgegebenen Struktur-, Prozess- und Ergebnismerkmale und eine ausreichende und den Kostenträgern und Zuweisern zu dokumentierende Erfahrung in der Rehabilitation von Lungenkrebspatienten. Die Rehabilitationsdauer sollte flexibel und auf den Einzelfall bezogen sein und sich an den mit dem Patienten gemeinsam besprochenen Therapiezielen (Reintegration in den Alltag, „Reha vor Rente“, „Reha vor Pflege“) orientieren.
2010: Empfehlungsgrad C (Schwache Empfehlung)
- Empfehlungsgrad
- C: Studien mit Evidenzgrad 4 oder Extrapolationen von Studien mit Evidenzgrad 2 oder 3
- Konsens
- Konsens
Ambulante Rehabilitationsverfahren sind dann mit dem Patienten zu diskutieren, wenn diese Einrichtungen vergleichbare hohe Anforderungen erfüllen, wie sie stationäre Einrichtungen erfüllen müssen. Onkologische Rehabilitationseinrichtungen, die sich an ambulanten oder stationären Rehabilitationsmaßnahmen bei Lungenkrebspatienten beteiligen, sollten auch pneumologische Fachkompetenz besitzen und spezielle Programme für Patienten mit Lungenkrebs anbieten. Primärbehandelnde Ärzte sollten bei der Auswahl der geeigneten Klinik beteiligt sein.
2010: Empfehlungsgrad D (Fehlende oder inkonsistente Studien, Empfehlung aufgrund von Expertenmeinung)
- Empfehlungsgrad
- D: Expertenmeinung oder inkonsistente bzw. nicht schlüssige Studien jedes Evidenzgrades
- Konsens
- Konsens
Operierte Patienten und jene nach eingreifenden anderen Therapien (kombinierte Radiochemotherapie) und mit ausgeprägten Folgestörungen sollten in Bezug auf die Kontextfaktoren (berufliche Situation, häusliche Versorgung, Freizeitgestaltung) einer Rehabilitation zugeführt werden.
2010: Empfehlungsgrad D (Fehlende oder inkonsistente Studien, Empfehlung aufgrund von Expertenmeinung)
- Empfehlungsgrad
- D: Expertenmeinung oder inkonsistente bzw. nicht schlüssige Studien jedes Evidenzgrades
- Konsens
- Konsens
Literaturhinweise
[1866] Lübbe A. S., Prinzipien und Standards der onkologischen Rehabilitation, TumorDiagn u Ther, 2004. 25: p. 65-71.
[1867] Lübbe A. S., König V., Konzepte onkologischer Rehabilitation, in Therapiekonzepte Onkologie, Seeber S., Schütte J. , Editor. 2003, Springer Verlag.
[1868] Fialka-Moser, V., Crevenna, R., Korpan, M., Quittan, M., Cancer rehabilitation: particularly with aspects on physical impairments, J.Rehabil.Med., 2003. 35(4): p. 153-162., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12892240
[1869] Nazarian, J., Cardiopulmonary rehabilitation after treatment for lung cancer, Curr.Treat Options.Oncol, 2004. 5(1): p. 75-82., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14697159
[1870] Spruit, M. A., Janssen, P. P., Willemsen, S. C., Hochstenbag, M. M., Wouters, E. F., Exercise capacity before and after an 8-week multidisciplinary inpatient rehabilitation program in lung cancer patients: a pilot study, Lung Cancer, 2006. 52(2): p. 257-260., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16529844
[1871] Thompson, E., Sola, I., Subirana, M., Non-invasive interventions for improving well-being and quality of life in patients with lung cancer--a systematic review of the evidence, Lung Cancer, 2005. 50(2): p. 163-176., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16137786
[1872] Sola, I., Thompson, E., Subirana, M., et al., Non-invasive interventions for improving well-being and quality of life in patients with lung cancer (Review), The Cochrane Library, Issue 1, 2007., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16137786
[1771] Bredin, M., Corner, J., Krishnasamy, M., Plant, H., Bailey, C., A'Hern, R., Multicentre randomised controlled trial of nursing intervention for breathlessness in patients with lung cancer, BMJ, 1999. 318(7188): p. 901-904., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10102851
[1873] Christman, N. J., Cain, L. B., The effects of concrete objective information and relaxation on maintaining usual activity during radiation therapy, Oncol.Nurs.Forum, 2004. 31(2): p. E39-E45., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15017453
[1874] Doorenbos, A., Given, B., Given, C., Verbitsky, N., Physical functioning: effect of behavioral intervention for symptoms among individuals with cancer, Nurs.Res., 2006. 55(3): p. 161-171., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2012950/
[1875] Dimeo, F. C., Tilmann, M. H., Bertz, H., Kanz, L., Mertelsmann, R., Keul, J., Aerobic exercise in the rehabilitation of cancer patients after high dose chemotherapy and autologous peripheral stem cell transplantation, Cancer, 1997. 79(9): p. 1717-1722., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9128987
[1876] Dimeo, F. C., Stieglitz, R. D., Novelli-Fischer, U., Fetscher, S., Keul, J., Effects of physical activity on the fatigue and psychologic status of cancer patients during chemotherapy, Cancer, 1999. 85(10): p. 2273-2277., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10326708
[1877] Dimeo, F. C., Thomas, F., Raabe-Menssen, C., Propper, F., Mathias, M., Effect of aerobic exercise and relaxation training on fatigue and physical performance of cancer patients after surgery. A randomised controlled trial, Support.Care Cancer, 2004. 12(11): p. 774-779., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15338385
[1878] Schultz, K., Bergmann, K. C., Kenn, K., Petro, W., Heitmann, R. H., Fischer, R., et.al. Effektivit„t der pneumologischen Anschluss-Rehabilitation (AHB), Dtsch Med Wochenschr., 2006. 131(33): p. 1793-1798., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16902901/
[1879] Riesenberg H., Lübbe A. S., Prädiktoren und Outcome stationärer Rehabilitation bei Patienten mit Bronchialkarzinom, TumorDiagnostik und Therapie, 2007. 28: p. 1-6., https://www.researchgate.net/publication/245811674_Pradiktoren_und_Outcome_stationarer_Rehabilitation_bei_Patienten_mit_Bronchialkarzinom