3. Epidemiologie – Lungenkarzinom
3.1 Inzidenz
Die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (http://www.gekid.de) ermittelt zusammen mit dem Zentrum für Krebsregisterdaten (http://www.krebsdaten.de) des Robert Koch-Instituts die Zahl aller Krebsneuerkrankungen, insbesondere auch die altersspezifische Inzidenz für Lungenkrebs bei Männern und Frauen. In 2018 erkrankten in Deutschland 35.290 Männer und 21.930 Frauen an Lungenkrebs. Das mittlere Erkrankungsalter lag bei 69 (Frauen) bzw. 70 (Männer) Jahren.
In Österreich veröffentlicht Statistik Austria Ergebnisse aus der Krebsregistrierung (http://www.statistik.at). 2018 lag die Zahl der jährlichen Lungenkrebsneuerkrankungen in Österreich bei 4.923 (2.869 Männer und 2.027 Frauen).
In der Schweiz gibt die Nationale Krebsregistrierungsstelle am Nationalen Institut für Krebsepidemiologie und Registrierung (NICER) aktuelle Zahlen zu Krebsneuerkrankungen heraus (https://www.nkrs.ch). Im Zeitraum 2014-2018 wurden insgesamt 13.788 Krebsneuerkrankungen der Lunge bei Männern diagnostiziert, im gleichen Zeitraum erkrankten 9.468 Frauen.
Wie in Deutschland und in Österreich ist Lungenkrebs in der Schweiz nach dem Prostatakarzinom der zweithäufigste Tumor beim Mann. In Österreich ist Lungenkrebs auch bereits der zweithäufigste bei der Frau, hingegen in Deutschland und der Schweiz weiterhin der dritthäufigste nach Brust- und Darmkrebs. Insgesamt macht Lungenkrebs in allen drei Ländern jeweils 11 % bis 12 % aller Krebsdiagnosen aus.
Die folgende Tabelle 1 zeigt die altersstandardisierten Inzidenzraten für die drei genannten Länder, die bei den Männern durchweg in Deutschland etwas höher liegen als in Österreich und der Schweiz, die Ergebnisse bei den Frauen sind dagegen vergleichbar.
Tabelle 7: Altersstandardisierte Neuerkrankungsraten nach Geschlecht im internationalen Vergleich, ICD-10 C33 – C34, 2017 – 2018 oder letztes verfügbares Jahr je 100.000 (alter Europastandard)
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Altersstandardisierte Neuerkrankungsrate 2017-2018 |
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Land |
Frauen |
Männer |
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Schweiz ¹ |
31,4 |
48,3 |
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Österreich |
30,4 |
49,1 |
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Deutschland |
31,6 |
56,7 |
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¹ Schweiz: Angaben zur Inzidenz nur für 2017Quelle: Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch Institut |
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Im Hinblick auf die histologischen Subtypen, wird in Deutschland das Adenokarzinom in rund vier von zehn Fällen diagnostiziert. Rund ein Viertel entfällt auf das Plattenepithelkarzinom, knapp ein Fünftel auf das kleinzellige Lungenkarzinom. Die folgende Abbildung gibt die Verteilung der Lungentumoren nach Geschlecht und histologischem Typ wider.
3.2 Mortalität
In 2019 verstarben in Deutschland 27.882 Männer und 16.999 Frauen an Lungenkrebs. In Österreich waren es im Jahr 2018 2.483 Männer und 1.567 Frauen, in der Schweiz waren es im 5-Jahreszeitraum 2014-2018 insgesamt 10.024 Männer und 6.302 Frauen. Damit ist Lungenkrebs in den drei Ländern weiterhin die mit Abstand häufigste Krebstodesursache bei den Männern und die zweithäufigste bei den Frauen. Entsprechend der Inzidenz sind auch die Mortalitätsraten in Deutschland höher als in der Schweiz und in Österreich (siehe Tabelle 2).
Tabelle 8: Altersstandardisierte Sterberaten nach Geschlecht im internationalen Vergleich, ICD-10 C33 – C34, 2017 – 2018 (alter Europastandard)
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Altersstandardisierte Sterberate 2017-2018 |
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Frauen |
Männer |
|
Schweiz |
19,0 |
33,3 |
|
Österreich |
21,2 |
40,1 |
|
Deutschland |
22,1 |
43,4 |
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Quelle: Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch Institut |
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3.3 Trend
Die Erkrankungshäufigkeit erreichte in Deutschland bei Männern Ende der 1980er Jahre ihren Gipfel. Seitdem ist die Inzidenzrate rückläufig. Demgegenüber nimmt bei Frauen die Häufigkeit der Erkrankung weiterhin kontinuierlich zu (Quelle: Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland, 2016).
Ganz ähnlich ist die Entwicklung in Österreich und der Schweiz, in beiden Ländern scheinen sich die Raten bei den Frauen jedoch in den letzten Jahren zu stabilisieren.
Trotz der rückläufigen Inzidenzahlen bei den Männern rechnet das RKI für Deutschland angesichts der zunehmenden Inzidenz bei den Frauen und der demografischen Entwicklung bis 2022 noch mit einem Anstieg der absoluten Erkrankungsfälle auf insgesamt 59.700.
Der in Deutschland und weiteren Ländern bei beiden Geschlechtern zu beobachtende Anstieg des Anteils von Adenokarzinomen ist nicht völlig geklärt, wahrscheinlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Diskutiert werden Veränderungen im Rauchverhalten (einschl. Einstiegsalter und Rauchdauer) und der Tabakprodukte, aber auch in der Diagnostik, sowie Umwelteinflüsse, die möglichweise eher Adenokarzinome verursachen [1]. Das Adenokarzinom ist der häufigste Tumortyp unter Nichtrauchern [2] [3]).
3.4 Sozioökonomischer Status
Das Lungenkrebsrisiko ist nicht nur innerhalb Deutschlands invers korreliert mit dem sozioökonomischen Status [4], [5], [6], [7], [8]. Die Inzidenz des Lungenkrebses ist in Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen, niedrigem Berufsstatus und geringem Bildungsgrad höher als in Gruppen mit hohem sozioökonomischem Status [5]. Zu großen Teilen trägt die höhere Prävalenz des Rauchens bei Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status zu ihrem höheren Lungenkrebsrisiko bei. Darüber hinaus besteht aber oft zusätzlich eine ungünstige Konstellation interagierender Determinanten wie z.B. Ernährung und Exposition gegenüber Kanzerogenen in der Umwelt [9] bzw. am Arbeitsplatz, deren Einfluss sich nur schwer quantifizieren lässt [10]. Auf regionaler Ebene in Deutschland ist die Inzidenz des Lungenkrebses nur bei Männern in Gegenden mit niedrigem sozioökonomischen Status erhöht [4]. Bei Frauen lässt sich mit kleinräumigen Daten keine signifikante Beziehung zwischen regionalem sozioökonomischem Status und Lungenkrebs nachweisen. Eine Erklärung wäre, dass sich sozio-ökonomische Unterschiede im Rauchverhalten bei Frauen erst später, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, entwickelt haben [4]. Letztlich korreliert der sozioökonomische Status mit dem Überleben nach Diagnose. Das individuelle Einkommen ist invers mit der Letalität assoziiert [6]. Ein niedriger regionaler sozioökonomischer Status geht in Deutschland außerdem mit einer geringeren 5-Jahres Überlebensrate einher [11], [12].
Im internationalen Vergleich wird ein gegenteiliger Zusammenhang beobachtet: Neuerkrankungs- und Sterberaten sind in Ländern mit höherer Lebenserwartung, höherer Bildung, höherem Bruttosozialprodukt (HDI human development index) höher als in Ländern mit geringerem HDI (siehe Abbildung 2) [13].
3.5 Geographische Verteilung
Lungenkrebs ist weltweit die häufigste Krebsform, aber die geographische Verteilung zeigt große regionale Unterschiede. Lungenkrebs tritt am häufigsten in entwickelten Ländern in Europa und Nordamerika auf und ist seltener in Entwicklungsländern, speziell in Teilen Afrikas und Zentralamerikas. Während die Erkrankungshäufigkeit in den entwickelten Ländern abnimmt, nimmt sie in den Entwicklungsländern zu (siehe Abbildung 3).
Auch innerhalb der Länder schwankt die Lungenkrebshäufigkeit stark. Sie war in der Vergangenheit in großen Städten und in Industrieregionen besonders hoch, was zu der Annahme führte, dass die Luftverschmutzung hierfür verantwortlich sei. Die genauere Erforschung der Ursachen ergab, dass hierfür primär das regional stärkere Rauchen und die häufigere berufliche Exposition gegenüber Kanzerogenen verantwortlich waren und die Luftverschmutzung wohl nur einen kleineren Beitrag leistete. Das gilt auch für Deutschland [14], [15].
3.6 Überlebenszeit
3.7 Risikofaktoren
Bei jedem Patienten mit Lungenkarzinom sollen anamnestisch die Risikofaktoren (Rauchen, berufliche Noxen und Familienanamnese bezüglich maligner Erkrankungen) erfragt werden. Die Erhebung einer umfassenden Arbeitsanamnese ist erforderlich.
- Konsens
- Starker Konsens (97%)
Änderungshinweis
Bei jedem Patienten mit Lungenkarzinom sind anamnestisch die Risikofaktoren (Rauchen, berufliche Noxen) zu erfragen. Die Erhebung einer umfassenden Arbeitsanamnese ist erforderlich. 2010: Empfehlungsgrad D (Fehlende oder inkonsistente Studien, Empfehlung aufgrund von Expertenmeinung)Hintergrund
In den folgenden Abschnitten werden verschiedene Expositionen, die als Risikofaktoren zur Entstehung von Lungenkrebs beitragen können, dargestellt. Als erstes werden die wissenschaftlich nachgewiesenen Risikofaktoren thematisiert: Rauchen, Passivrauchen, Radon und ionisierende Strahlung sowie partikuläre Luftverschmutzung und Dieselmotoremissionen beschrieben. Anschließend folgt eine Kurzdarstellung der beruflichen Lungenkarzinogene, deren Kausalzusammenhang zum Lungenkrebs als gesichert gilt. Die berufliche Exposition gegenüber Kanzerogenen wird für ca. 9-15 % aller Lungenkrebsfälle verantwortlich gemacht. Die Latenzzeit liegt bei 30 bis 40 Jahren [17]. Demzufolge ist es notwendig, bei jedem Lungenkarzinompatienten eine umfassende Arbeitsanamnese zu erheben. Die Anamnese sollte chronologisch-tabellarisch erfolgen und kann sich an folgendem Muster orientieren (aus [17]).
Tabelle 9: Muster für die chronologisch-tabellarische Arbeitsanamnese
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Jahr-Jahr |
Tätigkeitsbezeichnung |
Art der |
Umgang mit bestimmten Arbeitsstoffen |
Bemerkungen/ Besonderheiten |
|
Beispiel |
1978 |
(Schulabgang) |
- |
- |
- |
|
1978-1981 |
Schlosserlehrling HDW-Werft-Hamburg |
Schlosserarbeiten, Montage |
Eisen, Spritzguss |
öfters wurden Asbestplatten in der |
|
|
1981-1982 |
Schlossergeselle |
wie oben, plus Schweißarbeiten |
Eisen, |
- |
3.7.1 Rauchen
Mehr als 100 epidemiologische Studien zum Lungenkrebsrisiko durch Aktivrauchen wurden durch die International Agency for Research on Cancer (IARC), die zur Welt-Gesundheitsorganisation gehört, bewertet [18] . Die Ergebnisse der Risikobewertung lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Dauer des Rauchens ist der wichtigste Einflussfaktor
- Je früher man mit dem Rauchen beginnt und je länger man raucht, umso höher ist das Risiko
- Das Risiko steigt proportional zur Anzahl gerauchter Zigaretten
- Mit dem Rauchen aufzuhören, senkt das Risiko
- Je früher man mit dem Rauchen aufhört, umso größer ist der Nutzen
- Der karzinogene Effekt des Rauchens ist für Männer und Frauen vergleichbar
- Rauchen erhöht das Risiko für alle histologischen Varianten des Lungenkarzinoms
Rauchen ist auch nach einer Krebsdiagnose schädlich [21], [22] . Der US Surgeon General schätzt, dass die Krebsmortalität um 30–40 % gesenkt werden kann, wenn Patient:innen nach einer Krebsdiagnose den Tabakkonsum beenden. Dieser Effekt ist bei tabakassoziierten Malignomen besonders ausgeprägt [23]. Im Jahr 2022 wurde ein systematischer Review mit 21 Artikel und über 10.000 Lungenkarzinom-Patienten publiziert. Die Raucherentwöhnung bei Diagnose war mit einem 29% verbesserten Gesamtüberleben verbunden [24] . Dies ist besser als viele etablierte Therapien des Lungenkrebses.
3.7.2 E-Zigarette
E-Zigaretten werden definiert als Verdampfer von Trägerflüssigkeit (hauptsächlich bestehend aus Propylenglykol und Glycerin) mit unterschiedlichen Inhaltsstoffen, die meistens Nikotin (dann „Electronic Nicotine Delivery Systems (ENDS)“ genannt) und/oder verschiedenen Aromastoffen (z.B. Erdbeere, Apfel etc.) entsprechen. In Deutschland konsumieren ca. 2% der Bevölkerung E-Zigaretten mit zuletzt steigender Prävalenz und einem sehr hohen Anteil von gleichzeitigem Tabakkonsum (sog. Dual Use) [25]. Für einige Aromastoffe in E-Zigaretten wurde direkt karzinogenes Potential nachgewiesen, z.B. Menthol, Maltol und Aldehyd-Verbindungen. Zusätzlich können bei dem Verdampfungsprozess weitere krebserzeugende Substanzen freigesetzt werden, z.B. Formaldehyde (aus Glycerin), Acrolein, Schwermetalle und Nitrosamine [26]. Außerdem hat Nikotin, das in relativ hohen Konzentrationen freigesetzt werden kann, möglicherweise direkte pro-onkogenetische Effekte [27] . Entsprechend zeigte eine Vielzahl von Zell-/In-vitro- und Tierstudien, dass die Exposition gegenüber E-Zigarettendampf zu oxidativem Stress, Zellapoptose, DNA-Schäden, Genotoxizität und Tumorwachstum führen kann [28]. Biomarkerstudien in E-Zigarettenkonsumenten weisen ebenfalls auf eine Gefährdung hin, auch wenn die Belastung niedriger als bei Tabakrauchern zu sein scheint [29], https://register.awmf.org/assets/guidelines/076-006l_S3_Rauchen-_Tabakabhaengigkeit-Screening-Diagnostik-Behandlung_2021-03.pdf. Auch wenn aufgrund dessen eine hohe Plausibilität für ein erhöhtes Tumorrisiko bei langjährigem E-Zigarettenkonsum besteht, gibt es dafür aktuell keine langfristigen tierexperimentellen oder humane Studien, die das beweisen [28], [26]; wobei extrapoliert aus Tabakrauchdaten Auswirkungen möglicherweise erst nach 20 Jahren Konsum zu erwarten sind [30]. In einer Längsschnitt-Beobachtungsstudie, die das Lungenkrebsrisiko in einer Kohorte von fast 200 000 Teilnehmern bewertete, war der Konsum von ENDS zwar mit einem erhöhten Auftreten von Lungenkrebs in der Vorgeschichte verbunden, allerdings nicht mit einer erhöhten Inzidenz im prospektiven Verlauf [31]. Eine neuere Studie zeigt, dass der Umstieg von Tabakrauchen auf E-Zigarettenkonsum zu einem höheren Lungenkrebsrisiko führen kann als die komplette Abstinenz https://www.atsjournals.org/doi/10.1164/ajrccm-conference.2024.209.1_MeetingAbstracts.A3051. In einer weiteren 2024 publizierten Fall-Kontroll-Studie [32] war das Risiko an einem Lungenkarzinom erkrankt zu sein bei Personen, die gleichzeitig E- und Tabakzigarette rauchen, um das Vierfache gegenüber Tabakrauchen erhöht (OR 59 (KI 47-71) vs. 14 (KI 13-15)).
3.7.3 Passivrauchen
In zwei aktuellen Metaanalysen wurde ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Passivrauchexposition und Lungenkrebs bestätigt. Possenti und Kollegen [37] haben 2024 insgesamt 97 Arbeiten untersucht. Das relative Risiko für Lungenkrebs war 1,24 (KI 1,16-1,32). Bei Exposition am Arbeitsplatz betrug das relative Risiko 1,38 (KI 1,28-1,62, n=30). Das Risiko für Lungenkrebs stieg signifikant mit Dauer und Intensität der Exposition an [37].
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 zeigte ebenfalls eine konsistente Assoziation zwischen Passivrauchbelastung und Lungenkrebs [38]. Die Effektgrößen lagen zwischen 1,1 und 3,1. Auch Passivrauchbelastung in der Kindheit stellt ein messbares Risiko dar. Bei Nichtrauchern, die mit rauchenden Ehepartnern zusammenleben, ist das Risiko um 41 % erhöht. Ein höheres Risiko trat bei stärkerer und längerer Exposition auf. Die Belastung am Arbeitsplatz korreliert ebenfalls mit dem Lungenkrebsrisiko [38].
Relevant ist, dass die Passivrauchbelastung durch eine Vielzahl von verhältnispräventiven Maßnahmen erfolgreich reduziert wird. Ein aktualisierter Cochrane Review hat 77 Studien aus 21 Ländern untersucht [39]. Es zeigten sich konsistente Befunde für positive Effekte nationaler Rauchverbote auf die Verbesserung der kardiovaskulären Gesundheit und der Sterblichkeit bei Tabakrauch assoziierter Krankheiten [39].
3.7.4 Allgemeine Luftverunreinigung / Feinstaub
Ältere epidemiologische Studien aus den USA, Polen und Deutschland zeigen eine bis zu 1,5 fache Erhöhung des relativen Risikos für Lungenkrebs in Regionen mit erhöhten Luftschadstoffkonzentrationen [40]. Mittlerweile ist klar, dass diese Erhöhung im Wesentlichen auf partikuläre Luftverunreinigungen zurückzuführen ist [41], [42].
In der Luft schwebende Partikel sind sehr heterogen, sowohl im Hinblick auf ihre Entstehung als auch ihre chemische Zusammensetzung und Größe. Die wichtigste Quelle für Feinstaub mit einem aerodynamischen Durchmesser bis 2.5 µm (PM2.5) bzw. 10 µm (PM10) sind Verbrennungsprozesse in der Industrie, in Kohlekraftwerken und der Heizung von Haushalten und im Verkehr. PM2.5 ist an straßennahen Messstationen fast doppelt so hoch wie im städtisch-ländlichen Hintergrund. Insbesondere Dieselfahrzeuge verursachen hohe Emissionen aus feinen und ultrafeinen (<0.1 µm) Rußpartikeln. An ihre große Oberfläche sind organische Stoffe adsorbiert wie z.B. polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe.
Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC, International Agency for Research on Cancer) der Weltgesundheitsorganisation hat in ihrer Monographie 109 im Jahre 2013 die Exposition mit Feinstaub und Luftschadstoffen zum erwiesenen Humankanzerogen erklärt. Nach dem Rauchen steht die Außenluftbeastung auf Platz 2 der Risikofaktoren für das Lungenkarzinom [43].
3.7.5 Radon, radioaktive Strahlenquellen und Röntgenstrahlung
Radon-222 ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas, das innerhalb der Zerfallsreihen langlebiger, in Gesteinen und Böden enthaltener Uran- und Thoriumnuklide entsteht. Der Hauptbeitrag zur natürlichen Strahlenexposition der Bevölkerung erfolgt durch die Inhalation des radioaktiven Radons, insbesondere in geologischen Regionen Deutschlands wie z. B. im Bayerischen Wald und im Erzgebirge oder auf Grund von beruflichen Tätigkeiten (Bergbau, Wasserwerke). Durch Übertritt des Radongases aus dem Gestein kann es zu erheblichen Konzentrationen in Innenräumen - bei Wohnungen vor allem im Keller und Erdgeschoss - kommen. Die Konzentration in der Außenluft ist deutlich geringer.
Die Inhalation von Radon und seinen Zerfallsprodukten führt zu einer Exposition des Bronchialepithels durch die freigesetzte Alphastrahlung. Die Dosen für übrige Organe und Gewebe sind demgegenüber gering. Eine europäische Poolingstudie hat gezeigt, dass eine lineare Expositions-Wirkungs-Beziehung angenommen werden kann. Pro 100 Bq/m3 korrigierter Radonexposition kann von einem Anstieg des relativen Risikos um 16 % ausgegangen werden [44]. Diese Datenlage macht Interventionen zur Senkung der Radonexposition erforderlich. In Deutschland beträgt die mittlere Radonkonzentration in Wohnungen 49 Bq/m³ und die mittlere Konzentration im Freien 9 Bq/m³. Aktuell werden etwa 6 % aller Lungenkrebsfälle der Radonbelastung attribuiert, entsprechend 3185 Fällen pro Jahr https://www.aerzteblatt.de/archiv/199670/Krebs-durch-Infektionen-und-ausgewaehlte-Umweltfaktoren.
Sehr hohe Aktivitätskonzentrationen von Radon und seinen Zerfallsprodukten bestanden im Uranerzbergbau der Wismut AG in der ehemaligen DDR. Insbesondere während der sogenannten „wilden Jahre“ von 1946 bis 1955 bestand eine sehr hohe Exposition gegenüber ionisierenden Alpha-Strahlen. Fast alle entschädigten BK-Fälle für ionisierende Strahlung (BK 2402) stammen aus der Gruppe der Beschäftigten der Wismut AG. Deutlich niedriger ist die Exposition für Berufstätige in Wasserwerken, Heilstollen und Radonbädern.
Aktuelle Daten zur Radonexposition finden sich in der Radonkarte des Bundesamts für Strahlenschutz, welche online verfügbar ist https://www.bfs.de/DE/themen/ion/umwelt/radon/karten/boden.html.
Piloten und flugbegleitendes Personal sind als beruflich strahlenexponierte Personen überwachungspflichtig, wenn sie während der Flüge durch Höhenstrahlung eine effektive Dosis von mehr als 1 Millisievert im Kalenderjahr erhalten können. Das Strahlenschutzregister des Bundesamts für Strahlenschutz erfasst seit August 2003 die monatlich ermittelten Dosiswerte des fliegenden Personals. Das fliegende Personal zählt im Vergleich mit anderen strahlenexponierten Arbeitsgebieten mit einer durchschnittlichen effektiven Jahresdosis von 1,82 Millisievert zu einer der am stärksten strahlenexponierten Berufsgruppen. Die durchschnittliche Strahlenbelastung des medizinischen Personals liegt im Vergleich dazu mit 0,32 Millisievert effektiver Dosis pro Jahr deutlich niedriger (BfS 2024).
Weitere berufsbedingte Strahlenexpositionen mit ionisierender Strahlung treten oder traten z.B. bei dem Einsatz von Röntgengeräten zur Materialprüfung, bei Schweißarbeiten mit thoriumhaltigen Schweißelektroden oder bei Technikern bei der Bundeswehr bis ca. 1985 (NVA bis 1990), die Röntgenstörstrahlung von Radargeräten ausgesetzt waren, auf [45].
3.7.6 Dieselmotoremissionen (DME)
Es gibt umfangreiche epidemiologische Studien zum Lungenkrebs bei Bergarbeitern, LKW- und Busfahrern, Eisenbahnern und Bedienern schwerer Baumaschinen, aus denen sich deutliche Hinweise auf ein Lungenkrebsrisiko auch beim Menschen ergeben [46]. Die meisten dieser Studien - und ihre Meta-Analysen [47] zeigen ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko.
Im Juni 2012 hat die International Agency for Research on Cancer (IARC) DME als „krebserzeugend beim Menschen“ eingestuft (Gruppe 1) [48]. Ausschlaggebend für die Verschärfung der vorherigen Einstufung (Gruppe 2B, 1988) waren epidemiologische Untersuchungen in mit DME belasteten Arbeitsbereichen unter Tage (Diesel Exhaust in Miners Studies, DEMS), bei Eisenbahnern und bei LKW-Fahrern sowie eine große berufsübergreifende Fall-Kontroll-Studie. Die DME-Einstufung mit „sufficient evidence” für Lungenkrebs erfolgte mit dem Hinweis, dass die bewerteten epidemiologischen Studien eine Belastung durch nicht mehr zeitgemäße DME-Abgase beschreiben.
Dieselmotoremissionen sind eine komplexe Mischung von Hunderten von Substanzen in gasförmiger oder partikulärer Form. Für die Kanzerogenität der Dieselabgase im Tierversuch sind vor allem die Rußpartikel entscheidend. Dieselruß besteht aus feinen Partikeln, die eine hohe Anzahl ultrafeiner Partikel umfassen. Diese Partikel können tief in die Atemwege eindringen. Sie haben eine große Oberfläche, an die organische Stoffe leicht adsorbiert werden können. Die meisten Studien und alle Meta-Analysen zeigen ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko bei Personen, die beruflich gegenüber Dieselabgasen exponiert waren. In diesen Studien war die Tätigkeit in Berufen mit Exposition gegenüber Dieselabgasen mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko assoziiert, aber als Maß der Exposition war in den meisten Studien nur die Berufsbezeichnung und die Dauer der Tätigkeit am Arbeitsplatz verfügbar. Deshalb ist eine Quantifizierung des Lungenkrebsrisikos in Hinblick auf die Konzentration von Dieselruß nicht möglich.
Die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (MAK- und BAT-Kommission) stuft derzeit (Stand 2024) Dieselmotoremmission in Kanzerogenitätskategorie 2 ein und führt aus: Aufgrund der neuen Technologie der Dieselmotoren haben sich die Emissionen qualitativ und quantitativ erheblich geändert. Da man davon ausgehen muss, dass erst Ende der 90er Jahre diese neuen Dieselmotoren eingesetzt wurden, beruhen alle vorliegenden epidemiologischen Studien, die 2007 bewertet wurden, auf Expositionen gegen ältere Dieselmotoremissionen. Eine Bewertung der neuen Dieselmotoremissionen kann erst bei Vorliegen geeigneter Studien erfolgen (Deutsche Forschungsgemeinschaft, MAK-Kommission 2023).
Romero Starke und Koautoren (2024) führten einen systematischen Review mit Meta-Analyse zur Frage des Lungenkarzinom-Riskos durch Dieselmotoremissionen durch und schlossen 65 Studien ein. Sie beschrieben ein statistisch signifikant erhöhtes Lungenkarzinom-Risiko mit steigender Exposition (RR pro 10 µg/m³xJahr = 1,013 und errechneten eine Verdoppelungsdosis von 555 µg/m³xJahr über alle Studien [49].
3.7.7 Asbest
Unter der Handelsbezeichnung Asbest werden verschiedene faserige Silikatmineralien zusammengefasst. Relevant sind vor allem Chrysotil (Weißasbest), Amosit (Braunasbest) und Krokydolith (Blauasbest). Asbestfaserstaub besitzt eine fibrogene und lokal tumorerzeugende Wirkung. Die IARC stufte bereits 1973 Asbest als Humankanzerogen ein [50], [51]. Vor allem Fasern der Länge > 5 Mikrometer, einem Durchmesser < 3 Mikrometer und einem Länge-Durchmesser-Verhältnis > 3:1 gelten als hochgradig kanzerogen. Die kanzerogene Wirkung von Asbest war seit langem bekannt und wurde bereits 1943 in die Berufskrankheitenverordnung aufgenommen. Durch die lange Latenzzeit wurde eine Zunahme der asbestassoziierten Lungenkarzinome erst 1975 mit 15 Fällen beobachtet. Danach erfolgte ein rascher Anstieg. Seit 1995 bleibt die Karzinomrate mit ca. 700 Fällen jährlich annähernd konstant. In Deutschland (BRD+DDR) stieg der Inlandsverbrauch für Rohasbest von 1948 bis 1965 steil auf ca. 244 000 Tonnen pro Jahr an und stagnierte bis etwa 1980 auf diesem Niveau. Die zu diesem Zeitpunkt verstärkt einsetzenden Substitutionsbemühungen führten zu einem Absinken der Verbrauchskurve auf ca. 100.000 t bis 1989. 1979 wurde in Deutschland die Verwendung von Spritzasbest verboten, ab 1982 wurden sukzessive Verwendungs- und später auch Herstellungsverbote für weitere Asbesterzeugnisse erlassen. Mit den Gefahrstoffverordnungen aus den Jahren 1990 und 1993 sowie der Chemikalienverbotsverordnung von 1993 wurde ein durchgängiges Verbot umgesetzt [52]. Die kumulative Asbestfaserstaubexposition wird in Faserjahren berechnet, ein Faserjahr entspricht einer arbeitstäglichen achtstündigen Einwirkung über ein Jahr von 1 Mio. Asbestfasern pro m³ [53].
Gefahrenquellen waren v. a. die Asbesttextilindustrie (Herstellung von Garnen, Geweben, Seilen), die Asbestzementindustrie (Herstellung von Platten, Rohren, Formstücken), die Bauindustrie (Verarbeitung von Asbestzementprodukten, asbesthaltigen Kitten, Spachtelmassen, Feuerschutzmaterialien), die chemische Industrie (Asbesteinsatz als Füllstoff für Farben und Dichtungsmassen, Kunstharzpressmassen, Thermoplaste, Gummireifen), die Isolier-Branche (Wärme-, Schall- und Feuerschutz), die Asbest-Papierindustrie (Asbestpapiere und Pappen) und die Reibbelagindustrie (asbesthaltige Brems- und Kupplungsbeläge) [53].
Die Legaldefinitionen der bösartigen Berufskrankheiten durch Asbest lauten:
BK 4104
Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs oder Eierstockkrebs:
- in Verbindung mit Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose),
- in Verbindung mit durch Asbeststaub verursachten Erkrankungen der Pleura oder
- bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaub-Dosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren {25 x 106[(Fasern/m³) x Jahre]}
BK 4105
Durch Asbest verursachtes Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards.
BK 4114
Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis, die einer Verursachungswahrscheinlichkeit von mindestens 50 Prozent nach der Anlage 2 entspricht.
3.7.8 Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)
Primär gab es in der Bundesrepublik Deutschland nur die BK Nr. 4110 „Bösartige Neubildungen der Atemwege durch Kokereirohgase“. Im Jahre 2009 folgten wissenschaftliche Empfehlungen für zwei neue Berufskrankheiten: Die Legaldefinition der BK 4113 lautet „Lungenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von mindestens 100 Benzo(a)pyren-Jahren [(µg/m³)x Jahre]“. Unter dem Ausdruck "Kokereirohgase" im Sinne BK 4110 werden sowohl das so bezeichnete technische Produkt als auch Luftverunreinigungen verstanden, die beim Betreiben der Öfen, insbesondere beim Beschicken und Entladen der Kammern, aber auch aufgrund von Kammerundichtigkeiten am Ofenblock frei werden. Die Kokereirohgase enthalten eine Reihe krebserzeugender Substanzen. Von besonderer Bedeutung für bösartige Neubildungen der Atemwege und der Lungen sind PAK-Gemische.
Bei der unvollständigen Verbrennung von organischem Material entstehen zahlreiche polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Der bekannteste Vertreter ist das Benzo(a)pyren. Es besteht eine erhöhte Sterblichkeit am Lungenkarzinom für Arbeiter in der Kohlegasproduktion.
Expositionen gegenüber PAK-haltigem Steinkohlenteerpech finden sich bei Tätigkeiten als Dachdecker, Asphaltarbeiter, im Schwarzdeckenbau, als Schornsteinfeger, ferner bei der Herstellung technischer Ruße für die Automobilreifen- und Druckfarbenindustrie, bei der Herstellung von Holzschutz-, Extraktions- und Lösemitteln, bei der Herstellung von Kohlenstoffelektroden für die Aluminium- und Stahlerzeugung sowie von Kohlenstoff-Werkstoffen. Teere und Peche werden in der Feuerfestindustrie zum Herstellen hitzebeständiger Steine, in der Eisen-Hütten-Industrie sowie in der optischen Industrie bei der Linsenherstellung eingesetzt. Insbesondere beim Einsatz teer- bzw. pechhaltiger Materialien werden heute noch hohe Expositionen beobachtet.
Die IARC stufte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe bezüglich ihrer Humankanzerogenität erstmals zwischen 1983 und 1985 ein [54], [55], [56] und bestätigte die Bewertung in 2006: Die Leitsubstanz Benzo(a)pyren wurde als K1-Stoff (d.h. sicher humankanzerogen) klassifiziert. Tätigkeiten in der Kohlevergasung, Koksproduktion und Steinkohleteerdestillation und –verarbeitung und als Schornsteinfeger gelten entsprechend aufgrund der Exposition gegenüber Benzo(a)pyren als krebsgefährdend. Viele weitere polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sind in die Gruppen 2a bis 3 eingeordnet.
3.7.9 Chromate
In der Literatur ist die krebserzeugende Wirkung der Chrom-VI-Verbindungen für Karzinome der Lunge gut belegt. Erstmals wurde 1932 über ein vermehrtes Auftreten von Lungenkarzinomen bei Beschäftigten in der Chromatproduktion berichtet. Der Chromatlungenkrebs wurde bereits 1936 in die Berufskrankheitenverordnung aufgenommen.
Expositionen sind in der Chromatproduktion, bei der Verchromung, in der Chrom-Nickel-Stahlproduktion, in Gerbereien, bei der Herstellung von Chromatpigmenten und beim Schweißen von Chrom-Nickel-Stahl gegeben. Zinkchromat-Verbindungen können in gelben, orangenfarbigen und roten Farbpigmenten und in Korrosionsschutzanstrichen enthalten sein und können v. a. bei Verwendung des Spritzverfahrens als Aerosole eingeatmet werden. Die MAK-Kommission hat Zinkchromat als krebserzeugend beim Menschen eingeordnet, weitere wasserlösliche 6-wertige Chromverbindungen als krebserzeugend im Tierversuch. Die IARC hat 1990 alle Chrom-VI-Verbindungen als humankanzerogen bewertet [56].
3.7.10 Siliziumdioxid, kristallin
Die Erkenntnisse aus Studien bei Tier und Mensch veranlassten die IARC, Quarz als "krebserregend für den Menschen" einzustufen [57]. Auch durch die Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde 1999 die krebserzeugende Wirkung von "Siliziumdioxid, kristallin - Quarz-, Cristobalit-, Tridymitstaub (alveolengängiger Anteil - identisch mit der älteren Definition ‘Feinstaub‘ - Formel SiO2)" nach Kategorie 1 als für den Menschen gesichert krebserzeugend eingestuft.
Nach Adjustierung auf die Rauchgewohnheiten als wichtigstem Confounder zeigt sich in Meta-Analysen, dass sich das Lungenkrebsrisiko beim Vorliegen einer Silikose sowohl für Nichtraucher als auch für Raucher im Mittel um mehr als das Zweifache erhöht.
Für den Erzbergbau, die Gewinnung und Bearbeitung von Naturstein, die keramische Industrie, Silikat- und Tonsteinindustrie, die Aufbereitung und den Umschlag von Kieselalgenprodukten und die Gießereiindustrie wurden epidemiologisch solche Überhäufigkeiten von Lungenkrebs beobachtet.
Das Lungenkarzinom durch Siliziumdioxid wird unter der Berufskrankheiten-Nummer 4112 abgehandelt, „Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Quarzstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose).
Nach der primären wissenschaftlichen Empfehlung (BMA 2001) und nach dem Merkblatt (BMA 2002) sind Steinkohlenbergleute von der Berufskrankheit Nr. 4112 ausgenommen. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten beim Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung stellte hierzu am 23.6.2015 Folgendes fest: Diese Aussage entspricht nicht mehr dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft. Die nach § 9 SGB VII erforderlichen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Anerkennung von Lungenkrebs in Verbindung mit Silikose bei Steinkohlenbergleuten liegen inzwischen vor. Die Begründung findet sich unter http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Meldungen/2015/stellungnahme-aerztlicher-sachverstaendigenbeirat-lungenkrebs-steinkohlenbergleute.pdf?__blob=publicationFile&v=2
3.7.11 Arsen
Arsen wurde bereits 1973 von der IARC als Humankanzerogen eingestuft [50], [58] auch von der MAK-Kommission wurde es als K1 Stoff (d.h. sicher humankanzerogen) bewertet. Die Aufnahme von Arsen kann sowohl oral als auch inhalativ erfolgen. Früher waren Expositionen im Weinbau, bei der Herstellung, Verpackung und Anwendung arsenhaltiger Insektizide, bei der Arsengewinnung und bei der Kupferschmelze, beim Glasschmelzen und durch arsenhaltige Bestandteile von Antifoulingfarben möglich. Ferner gab es beim Uran-Abbau in der ehemaligen DDR (Wismut AG) zwischen 1946 und 1955 teilweise beachtenswerte Arsen-Expositionen.
Heute finden sich Expositionen noch in der Laugenreinigung in Zinkelektrolysen, bei der Herstellung und Verarbeitung von Glas sowie bei der Herstellung von NE-Metalllegierungen für die Halbleiterindustrie, wobei die höchsten Expositionen beim Zerkleinern und Mischen in der Glasindustrie gemessen wurden.
3.7.12 Nickel, metallisch und Nickelverbindungen
Erhöhte Nickel-Expositionen treten vor allem bei Schweißern, ferner beim Schleifen und Polieren, in der galvanischen Oberflächenbeschichtung, beim Mischen, Verdichten und Plasmaschneiden in der Metallbearbeitung und im Maschinenbau sowie in der Formenreparatur in der Glasindustrie auf.
1990 wurden Nickel und seine Verbindungen aufgrund einer erhöhten Lungenkrebssterblichkeit in Nickelraffinerien von der International Agency of Research on Cancer (IARC) als Humankanzerogen (Gruppe 1) eingestuft. Metallisches Nickel gilt dagegen als „möglicherweise krebserregend“ (Gruppe 2B). Die krebserzeugende Wirkung wurde den wasserlöslichen Nickelverbindungen zugeschrieben. Die MAK-Kommission stufte 1972 metallisches Nickel und Nickel in wasserunlöslichen Verbindungen – in Form atembarer Stäube – als krebserregend beim Menschen ein. Seit 2001 gehören auch die wasserlöslichen Verbindungen in Form von Aerosolen dazu [59].
3.7.13 Dichlordimethylether, Monochlordimethylether
Beide Stoffe werden in der chemischen Industrie als Zwischenprodukte für die Synthese organischer Substanzen und in der Zubereitung von Ionen-Austausch-Harzen genutzt. Sie sind im Tierversuch stark kanzerogen. Monochlordimethylether erwies sich bislang nicht als eindeutig kanzerogen, jedoch kann technischer Monochlordimethylether bis zu 7 % mit Dichlordimethylether verunreinigt sein. Die Inzidenz des Lungenkarzinoms kann bei Männern, die gegenüber Dichlordiphenylether oder Monochlordiphenylether exponiert waren, bis zum Faktor 8 erhöht sein [60], [61].
3.7.14 Beryllium
Beryllium wird als Konstruktionswerkstoff in der Luft- und Raumfahrt, im Boots- und Fahrzeugbau und überall dort eingesetzt, wo Bauteile sehr leicht sein müssen und hohen Beschleunigungen und Fliehkräften ausgesetzt sind. Es wird auch als Legierungszusatz für Kupfer und Nickel verwendet. Expositionen finden sich vor allem in der Flugzeug-, Raumfahrt-, Elektronik- und Nuklearindustrie.
Erhöhte Todesraten durch Lungenkrebs wurden in verschiedenen retrospektiven Studien unter Arbeitern in Berylliumproduktionswerken ermittelt. Die IARC bewertete Beryllium und seine Verbindungen bereits 1993 als humankanzerogen [62], die MAK-Kommission 2003. Die Daten weisen insgesamt darauf hin, dass die beschriebenen kanzerogenen Effekte überwiegend bei hohen Dosen auftreten, die an den heute anzutreffenden Arbeitsplätzen in der Regel nicht mehr zu erwarten sind.
Zur Gesundheitsüberwachung bei Beryllium-Exposition und zum diagnostischen Vorgehen bei Beryllium assozierter Erkrankung siehe auch die entsprechende S3-Leitlinie unter: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Kooperation/Beryllium-Exposition.html.
3.7.15 Cadmium
Relevante Expositionen finden sich insbesondere in der Herstellung von Nickel-Cadmium-Batterien, Cadmiumpigmenten, Cadmiumlegierungen und in der Galvanisation. Im Jahr 1993 wurde Cadmium von der IARC auf der Basis hinreichender Evidenz für Lungenkrebs als Humankanzerogen der Gruppe l eingestuft. Grundlage hierfür waren epidemiologische Studien an exponierten Kollektiven in Cadmium erzeugenden oder -verarbeitenden Gewerken [62]. Die MAK-Kommission folgte im Jahr 2004 mit einer Einstufung in die Kategorie l der Krebs erzeugenden Arbeitsstoffe, die sich auf neuere Untersuchungen an gegenüber Cadmium exponierten Arbeitern gründete.
3.7.16 Wolfram- und kobalthaltige Hartmetallstäube
Hartmetalle sind pulvermetallurgisch erzeugte Werkstoffe, die sich durch ihre große Verschleißfestigkeit, Temperatur- und Korrosionsbeständigkeit auszeichnen. Man unterscheidet Sinterhartmetalle, Aufschweißlegierungen und Aufspritzpulver auf Carbidbasis. Nur noch geringe Bedeutung haben heute Gusscarbide.
Sinterhartmetalle bestehen vorwiegend aus hochschmelzenden Carbiden von besonders geeigneten Metallen, wie Wolfram, Titan, Tantal, Niob, Molybdän, Chrom und Vanadium. Als Bindemittel sind Kobalt, selten Nickel oder Eisen zugesetzt. Die Herstellung von Sinterhartmetallen verläuft über mehrere Stufen.
Die IARC bewertete Cobalt- und Wolframcarbidhaltige Hartmetallstäube in 2006 neu und stufte sie in 2a ein (begrenzte Evidenz für Humankanzerogenität bezüglich eines erhöhten Risikos für Lungenkrebs) [63].
Die MAK-Kommission hat vorgeschlagen, bei der Herstellung und Bearbeitung von Hartmetallen entstehende, einatembare Stäube als krebserzeugend der Kategorie 1 einzustufen. Für die epidemiologische Klärung eines möglichen Dosis-Wirkungs-Zusammenhanges ist es wesentlich zu wissen, welche Expositionen üblicherweise bei der Hartmetallverarbeitung auftreten. Eine erste Übersichtsauswertung ergab viele Substanzen, die in der Hartmetallverarbeitung beobachtete Effekte verursachen können. Eine genaue epidemiologische Klärung steht noch aus. Eine Arbeitsgruppe des BGIA ermittelt zurzeit die Expositionshöhen bezüglich Wolframcarbid und Cobalt [64].
Die nachfolgende Tabelle (Quelle [17]) enthält eine Zusammenstellung derjenigen Noxen, die nach deutschem Berufskrankheitenrecht als Auslöser für Lungenkarzinome in Frage kommen, jeweils unter der entsprechenden Berufskrankheiten-Nummer subsumiert. Die Aufstellung typischer Vorkommen dieser Arbeitsstoffe soll eine Orientierung für das Gespräch mit dem Patienten geben, die Aufstellung ist nicht abschließend.
Tabelle 10: Zusammenstellung von Noxen, die nach deutschem Berufskrankheitenrecht als Auslöser für Lungenkarzinome in Frage kommen
| Schädlicher Arbeitsstoff (Berufskrankheitennummer) | Typisches Vorkommen/Anmerkungen |
| "Silikotisches Narbenkarzinom" (4101) | Ein solcher Tumor steht nur dann zur Diskussion, wenn eine Silikose, also eine Quarzstaublungenerkrankung vorliegt. Dies erkennt der Arzt auf dem Röntgenbild oder im Computertomogramm, evtl. in der feingeweblichen Untersuchung. Hierbei handelt es sich um eine ohnehin meldepflichtige Berufskrankheit. Die Quarzstaublungenerkrankung (Silikose) entsteht durch Einatmung von Staubpartikeln, die Quarz, Cristobalit oder Tridymit enthalten. |
| Gewinnung, Bearbeitung oder Verarbeitung von Sandstein, Quarzit, Grauwacke, Kieselerde (Kieselkreide), Kieselschiefer, Quarzitschiefer, Granit, Porphyr, Bimsstein, Kieselgur, Steinkohle und keramischen Massen | |
| auch silikatisches Material kann, wenn freie kristalline Kieselsäure darin enthalten ist, eine Gefahrenquelle sein, z. B. Talkum | |
| gefährdet: Erz- (einschließlich Uranerz-) und Steinkohlenbergleute, Tunnelbauer, Gussputzer, Sandstrahler, Ofenmaurer, Former in der Metallindustrie | |
| Personen, die bei der Steingewinnung, -bearbeitung und -verarbeitung oder in grob- und feinkeramischen Betrieben sowie in Dentallabors beschäftigt sind | |
| Kristallines Siliziumdioxid (4112) | Siliziumdioxid: Quarz, Cristobalit und Tridymit. Quarzhaltige Stäube in Kohlengruben sind nicht Gegenstand dieser Berufskrankheit. |
| Staubentwicklung bei der Gewinnung, Be- oder Verarbeitung insbesondere von Sandstein, Quarzit, Grauwacke, Kieselerde (Kieselkreide), Kieselschiefer, Quarzitschiefer, Granit, Gneis, Porphyr, Bimsstein, Kieselgur und keramischen Massen | |
| Natursteinindustrie bei der Gewinnung, Verarbeitung und Anwendung von Festgesteinen, Schotter, Splitten, Kiesen, Sanden | |
| Gießereiwesen – insbesondere beim Aufbereiten von Form-sanden und Gussputzen, die Glasindustrie (Glasschmelzsande) | |
| Emaille- und keramische Industrie (Glasuren und Fritten, Feinkeramik) | |
| Herstellung feuerfester Steine sowie die Schmucksteinverar-beitung | |
| Quarzsand bzw. Quarzmehl als Füllstoff (Gießharze, Gummi, Farben, Dekorputz, Waschpasten), als Filtermaterial (Wasseraufbereitung) und als Rohstoff, z. B. für die Herstellung von Schwingquarzen, Siliziumcarbid, Silikagel, Silikonen und bei der Kristallzüchtung | |
| Verwendung als Schleif- und Abrasivmittel (Polier- und Scheuerpasten) oder als Strahlmittel | |
| Cristobalit und Tridymit: wenn Diatomeenerden, Sande oder Tone einer hohen Temperatur ausgesetzt wurden, so z. B. in feuerfesten Steinen und gebrannter Kieselgur. Solche Cristobalitsande und -mehle werden als Füllstoffe in Farben, Lacken und Kunststoffputz, in keramischen Fliesenmassen, in Scheuermitteln sowie als Bestandteil von Einbettmassen für den Dental-, Schmuck- und anderen Präzisionsguss ver-wendet. | |
| Erz-(einschließlich Uranerz-)bergleute, Schachthauer sowie Gesteinshauer (auch im Steinkohlenbergbau), Tunnelbauer, Gussputzer, Sandstrahler, Ofenmaurer, Former in der Metallindustrie | |
| Personen, die bei der Steingewinnung, -bearbeitung und -verarbeitung oder in grob- und feinkeramischen Betrieben sowie in Dentallabors beschäftigt sind | |
| Ionisierende Strahlung (2402) | Erzgewinnung und -verarbeitung insbesondere in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen (v. a. SDAG Wismut) |
| Arbeiten mit Uran und Thorium | |
| Zu Heilzwecken betriebene Radonbäder | |
| Arsen, -verbindungen (1108) | Verhüttung und Rösten arsenhaltiger Mineralien |
| Herstellung von Arsenik, arsenhaltigen Farben und Anstrichmitteln (Schiffbodenanstrich) | |
| Verwendung arsenhaltiger Ausgangsstoffe in der Pharmazie, in der chemischen, keramischen und Glasindustrie | |
| Gerbereien, Kürschnereien (Beizmittel), zoologische Handlungen | |
| Herstellung und Verwendung arsenhaltiger Schädlingsbekämpfungsmittel | |
| Beizen von Metallen mit arsenhaltiger Schwefel- oder Salzsäure und Nassbearbeitung von Erzen, Schlacken oder Metallspeisen | |
| Einwirken von Feuchtigkeit auf Ferrosilicium, das mit As und Phosphiden verunreinigt ist | |
| Arsentrichlorid zum Beizen und Brünieren von Metallen | |
| Dichlormethylether (1310) | als Zwischenprodukte in der chemischen Industrie, z. B. für Epoxidharze (Epichlorhydrin) |
| als Chloralkylierungsmittel (Monochlordimethylether, Dichlordiethylether) | |
| für Pflanzenschutzmittel (Chlorphenole, Chlorkresole) | |
| als Holzkonservierungsmittel (z. B. Pentachlorphenol) | |
| zur Herstellung von Desinfizientien (Chlorphenole) | |
| Entstehung als unerwünschtes Nebenprodukt, z. B. Tetrachlordibenzo-p-dioxin bei der Herstellung von Trichlorphenol, Dichlordimethylether bei der Herstellung von Monochlordimethylether | |
| Chrom, -verbindungen (1103) | Aufschluss von Chromerzen und Herstellung von 6-wertigen Chromverbindungen |
| Glanz- und Hartverchromung in der Galvanotechnik | |
| Anstricharbeiten mit chromhaltigen Korrosionsschutzmitteln in Spritzverfahren | |
| Brennschneiden, Schweißen und Schleifen von Blechen mit chromhaltigen Anstrichstoffen | |
| Herstellung und Verwendung von Chrom(VI)-Pigmenten, insbesondere Zink- und Bleichromat, in der Lack-, Farben- und Kunststoffindustrie | |
| Verwendung von Chrom(VI)-Oxid und Alkalichromaten, z. B. in der Lithographie, der fotografischen Industrie, der Textil- und Teppichindustrie, der Glas- und keramischen Industrie, bei der Herstellung von Feuerwerkskörpern und Zündhölzern sowie von Pflanzenleimen | |
| Holzimprägnierung | |
| Herstellung und Verwendung von Schneidölen | |
| Gerben und Leder | |
| Beizen und Reinigen von Metallen | |
| Glasfabrikation (Chromschwefelsäuren) | |
| Herstellung und Verwendung von gefärbten Natronlaugen zum Bleichen von Ölen, Fetten, Wachsen | |
| Oxidationsmittel | |
| in Zement und Bauxit sind kleine Mengen von Verbindungen des 6-wertigen Chroms vorhanden | |
| Dichlordiethylsulfid (LOST) (1311) | Kampfstoff: Schwefellost. 2,2-Dichlordiethylsulfid wird auch heute noch gelegentlich als Fundmunition aus vergrabenen oder versenkten Beständen geborgen und vernichtet. |
| Gefährdung: in erster Linie Angehörige von Munitionsbergungs- und -beseitigungstrupps | |
| gelegentlich Pilzbekämpfungsmittel, Milbenbekämpfungsmittel (halogenierte Aryl- und Alkylarylsulfide) | |
| Nickel, verbindungen (4109) | Aufbereitung und Verarbeitung von Nickelerzen zu Nickel oder Nickelverbindungen (auch Arbeiten an nachgeschalteten Staubfiltern) im Bereich der Raffination |
| Elektrolytische Abscheidung von Nickel unter Verwendung unlöslicher Anoden | |
| Herstellen und Verarbeiten von Nickel und Nickelverbindungen in Pulverform | |
| Herstellen nickelhaltiger AkkumuIatoren und Magnete | |
| Lichtbogenschweißen mit nickelhaltigen Zusatzwerkstoffen in engen Räumen oder ohne örtliche Absaugung in ungenügend belüfteten Bereichen | |
| Plasmaschneiden von nickelhaltigen Werkstoffen | |
| thermisches Spritzen (Flamm-, Lichtbogen-, Plasmaspritzen) mit nickelhaltigen Spritzzusätzen | |
| Schleifen von Nickel und Legierungen mit erheblichem Nickelgehalt | |
| Elektrogalvanisation (elektrolytisches Vernickeln von z. B. Eisenoberflächen) | |
| Fabrikation von nickelhaltigen Spezialstählen (z. B. Ferronickel) | |
| Plattieren (mechanisches Vernickeln) | |
| Verwendung von feinverteiltem Nickel als großtechnischer Katalysator in der organischen Chemie (z. B. bei der Fetthärtung) | |
| Nickeltetracarbonyl: Herstellung von Nickel nach dem MOND-Verfahren | |
| Kokereirohgase, polyzyklische armoatische Kolhenwasserstoffe (4110, 4113, auch 4114) | Schwelung (450 bis 700° C) und Verkokung (über 700° C) von Kohle. Gefährdung: am Ofenblock und in unmittelbaren Umgebung eingesetztes Personal, insbesondere: |
| Füllwagenfahrer | |
| Einfeger (Deckenmann) | |
| Steigohrreiniger | |
| Teerschieber | |
| Druckmaschinenfahrer | |
| Kokskuchenführungswagenfahrer bzw. Koksüberleitungsmaschinist | |
| Löschwagenfahrer | |
| Türmann | |
| Rampenmann | |
| regelmäßige Wartungen von Rohgasleitungen, wenn die Möglichkeit des Freiwerdens von Gasen besteht | |
| außerdem: | |
| Teerraffinerien | |
| Elektrographitindustrie | |
| Aluminiumherstellung | |
| Eisen- und Strahlenerzeugung | |
| Gießereien | |
| Straßenbau | |
| Dachdecker | |
| Schornsteinfeger | |
| Passivrauchen am Arbeitsplatz | praktisch nur bei lebenslangen Nichtrauchern relevant: Gefährdung vor allem im Gaststättengewerbe, z.B. als Schankkellner |
| Beryllium, -verbindungen (1110) | Herstellung hoch feuerfester Geräte und Materialien sowie keramischer Farben |
| Herstellung von Aluminium-Schweißpulver | |
| Herstellung von Sepialporzellan | |
| Herstellung von Glühkörpern und Leuchstoffen | |
| Verarbeiten trockener, staubender Berylliumverbindungen, hauptsächlich das Mahlen und Abpacken, in etwas geringerem Maße das Gewinnen des Berylliums aus seinen Erzen und Zwischenprodukten | |
| Gefährdung auch an Arbeitsplätzen, an denen Beryllium oder seine Verbindungen in Dampfform auftreten | |
| Cadmium, -verbindungen (1104) | Zinkgewinnung als Nebenprodukt |
| Zusatz von Legierungen beim galvanischen Metallisieren und in der Akkumulatorenfabrikation | |
| Herstellung von Kontrollstäben in Atomreaktoren | |
| Herstellung von Cadmiumlegierungen | |
| Herstellen von Nickel-Cadmium-Akkumulatoren (Stahlakkumulatoren) | |
| Herstellung von Cadmiumüberzügen mittels Elektrolyse | |
| Herstellung von Cadmiumfarbstoffen (Cadmiumgelb, Cadmiumrot) | |
| Schweißen, Schmelzen und Schneiden von mit Cadmium überzogenen, legierten sowie verunreinigten Metallen | |
| Goldschmieden | |
| Lungennarben | nach Tuberkulose als Berufskrankheit (BK 3101) |
| nach thorakalen Perforationstraumen (ggfs. als Abeitsunfallfolge) | |
| Asbest (4104, 4105, 4114) | Asbestaufbereitung. Hierbei wird in Kollergängen, Prall- oder Schlagmühlen entweder asbesthaltiges Muttergestein zerkleinert und/oder Rohasbest zu stärker aufgeschlossenen Fasern aufgelockert. |
| Herstellung und Verarbeitung von Asbesttextilprodukten wie Garne, Zwirne, Bänder, Schnüre, Seile, Schläuche, Tücher, Packungen, Kleidung usw. Dabei kommen Tätigkeiten wie Abfüllen, Einwiegen, Mischen, Krempeln, Spinnen, Zwirnen, Flechten, Weben und Zuschneiden vor. Auch das Tragen unbeschichteter Asbestarbeitsschutzkleidung ist ggf. zu berücksichtigen. | |
| industrielle Herstellung und Bearbeitung von Asbestzementprodukten, speziell witterungsbeständiger Platten und Baumaterialien einschließlich vorgefertigter Formelemente, z. B. für Dacheindeckungen, Fassadenkonstruktionen, baulichen Brandschutz usw. | |
| Bearbeitung und Reparatur der vorgenannten Asbestzementprodukte, z. B. Tätigkeiten wie Sägen, Bohren, Schleifen usw. im Baustoffhandel oder Bauhandwerk | |
| industrielle Herstellung und Bearbeitung von asbesthaltigen Reibbelägen, speziell Kupplungs- und Bremsbelägen | |
| Ersatz von solchen Reibbelägen, z. B. Tätigkeiten wie Überdrehen, Schleifen, Bohren, Fräsen von Bremsbelägen in Kfz-Reparaturwerkstätten usw. | |
| Herstellung, Anwendung, Ausbesserung und Entsorgung von asbesthaltigen Spritzmassen zur Wärme-, Schall- und Feuer-dämmung (Isolierung) | |
| Herstellung, Verarbeitung und Reparatur von säure- und hit-zebeständigen Dichtungen, Packungen usw., z. B. im Leitungsbau der chemischen Industrie | |
| Herstellung, Be- und Verarbeitung von Gummi-Asbest(IT)-Produkten | |
| Herstellung, Be- und Verarbeitung asbesthaltiger Papiere, Pappen und Filzmaterialien | |
| Verwendung von Asbest als Zusatz in der Herstellung von Anstrichstoffen, Fußbodenbelägen, Dichtungsmassen, Gummireifen, Thermoplasten, Kunststoffharzpreßmassen usw. | |
| Entfernen, z. B. durch Abbrucharbeiten, Reparaturen usw. sowie Beseitigung der vorgenannten asbesthaltigen Produkte | |
| Außerdem enthalten verschiedene Minerale, z. B. Speckstein (Talkum), Gabbro, Diabas usw., geringe Asbestanteile, u. a. als Tremolit und Aktinolith. Sie können infolgedessen über eine Mischstaubexposition zu Asbestrisiken führen. |
3.7.17 Familienanamnese
Eine positive Familienanamnese für das Lungenkarzinom ist ein Risikofaktor für das Auftreten eines Lungenkarzinoms. In einer Metaanalyse von 19 Kohortenstudien und 66 Fall-Kontroll-Studien beschrieben Ang und Koautoren (2020), dass das Lungenkarzinom-Risiko beim Vorhandensein eines Verwandten ersten Grades mit einem Lungenkarzinom um den Faktor 1,60 bis 1,95 signifikant erhöht wird. Während ein Verwandter ersten Grades mit einem Lungenkarzinom zur 1.55-fachen signifikanten Risikoerhöhung beiträgt, erhöht sich das Risiko bei zwei oder mehr Verwandten ersten Grades um den Faktor 2,72 [65].
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