7. Prognose – Hodentumoren
7.1 Stadienabhängige Prognose
Die Vorhersage über den Krankheitsverlauf erfolgt anhand von Zuordnungen zu Prognosegruppen, die sich aus der Tumorhistologie, dem Tumorstadium und prognostischen Faktoren (siehe Kapitel Prognostische Faktoren im Stadium I, Kapitel Prognostische Einteilung der metastasierenden KZT (IGCCCG)) ergeben.
Die stadienunabhängige 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit bei Patienten mit einem KZT liegt in Deutschland für Seminome bei 97,9% und für nichtseminomatöse KZT bei 94,9%.
- Evidenzlevel
- 2b
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [19]
Für Patienten mit einem KZT im Stadium I liegen die krebsspezifische 10–Jahres Überlebenswahrscheinlichkeit bei 99,7% sowie die 10–Jahres-Gesamtüberlebenswahrscheinlichkeit bei 95-99%.
- Evidenzlevel
- 2b
- Konsens
- Starker Konsens (96,6%)
- Literatur
- [128]
Die 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeiten liegen beim metastasierten KZT für Patienten der guten Prognosegruppe zwischen 86 und 95%, für Patienten der intermediären Prognosegruppe zwischen 72 und 85% und für Patienten der schlechten Prognosegruppe zwischen 48 und 64%.
Beim Seminom korreliert die Tumorgröße positiv mit dem Auftreten von Rezidiven bei Patienten im klinischen Stadium I. Die diesbezüglichen Daten zur stromalen Rete testis-Infiltration sind uneinheitlich. Bei einer Tumorgröße unter 4 cm und fehlender stromalen Rete testis-Infiltration ist das Rezidivrisiko minimal (< 5%).
Die Einteilung der metastasierten KZT soll nach den Prognosekriterien der IGCCCG erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die stadienunabhängige 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit bei Patienten mit einem KZT liegt nach den Daten des Robert Koch-Institutes in Deutschland für Seminome bei 97,9% und für nichtseminomatöse KZT bei 94,9% [19].
7.1.1 Gesamt- und krebsspezifische Überlebenswahrscheinlichkeiten
Für Patienten mit KZT im Stadium I wird ein krebsspezifisches 10-Jahres-Überleben von 99,7% sowie ein 10-Jahres-Gesamtüberleben von 95-99% beschrieben [128]
Bei metastasierten Tumoren (Stadium ≥ II) kann das 5-Jahres-Gesamtüberleben in Abhängigkeit von der Prognosegruppe nach der IGCCCG abgeschätzt werden (siehe Kapitel Prognostische Einteilung der metastasierenden KZT (IGCCCG)) [5].
Gegenüber der Allgemeinbevölkerung zeigen Patienten mit einem KZT eine geringere relative Überlebenswahrscheinlichkeit von 81,8-95,2% nach zehn Jahren, 75,8-93,0% nach 20 Jahren und 62,4-89,4% nach 30 Jahren [36]. Neben der krebsbedingten Mortalität werden als Ursache hierfür vor allem Langzeittoxizitäten der Chemo- und Strahlentherapie vermutet (siehe Kapitel Toxizität, Management der Toxizität und supportive Maßnahmen).
7.2 Prognostische Faktoren im Stadium I
Sowohl bei Patienten mit einem Seminom als auch bei Patienten mit einem nichtseminomatösen KZT ist die Anwendung einer adjuvanten Therapie mit einem hohen Risiko der Übertherapie verbunden, da mehr als die Hälfte dieser Patienten auch ohne adjuvante Therapie rezidivfrei bleibt. Durch eine risikoadaptierte adjuvante Therapie soll dieses Risiko gesenkt werden. Hierzu sind prognostische Faktoren für die Vorhersage eines Rezidivs von besonderer Bedeutung, anhand derer eine Stratifizierung des individuellen Rezidivrisikos ermöglicht werden soll.
Seminom Stadium I
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Evidenzlevel 2a fasst den Stand zu den prognostischen Faktoren beim Seminom im Stadium I unter Überwachung zusammen [137]: In dieser Arbeit war die Tumorgröße in zehn der 14 eingeschlossenen Studien positiv mit dem Auftreten eines Rezidivs assoziiert. Ein eindeutiger Cut-off-Wert für die Tumorgröße konnte nicht ermittelt werden. Die Anwendung wurde als kontinuierliche Variable empfohlen [138][139]. Die Effektgröße für das Auftreten eines Rezidivs lag in den einzelnen Studien bei einer HR von 1,33 (95% KI 1,14–1,56) bis 3,17 (95% KI 1,08–9,26). Die Rete testis-Infiltration war in vier von zwölf der eingeschlossenen Studien mit dem Auftreten eines Rezidivs assoziiert. Die Effektgrößen lagen bei einer HR von 1,18 (95% KI 0,92-1,51) bis 1,36 (95% KI 0,81-2,28). In einer weiteren aktuellen systematischen Übersichtsarbeit wurden die Tumorgröße (dichotomisiert bei 4 cm) und die Rete testis-Invasion hinsichtlich ihrer Assoziation mit dem Auftreten eines Rezidivs untersucht [140]. In dieser Arbeit ergab sich für beide prognostische Faktoren keine ausreichende Evidenz, sodass die Autoren ihren routinemäßigen klinischen Einsatz nicht empfehlen.
Weitere histopathologische oder klinische Parameter zeigten keine prognostische Aussagekraft [137]. Die immunhistochemische Expression der DNA-Methyltransferase 3B (DNMT3B) und der Core 2 N-acetylglucosaminyltransferase-1 (C2GnT-1) waren jeweils mit dem Auftreten eines Rezidivs assoziiert [141][142]. Diese Ergebnisse wurden an relativ kleinen Patientengruppen (n=70 bzw. n=43) untersucht und bislang nicht prospektiv validiert.
Nichtseminomatöser Keimzelltumor im Stadium I
Für Patienten mit nichtseminomatösem KZT im Stadium I konnte die Invasion der Blut- oder Lymphgefäße im Primärtumorpräparat (lymphovaskuläre Invasion) als prognostischer Faktor für ein Rezidiv identifiziert werden [130]. Patienten mit lymphovaskulärer Invasion (LVI+) haben demnach ein Rezidivrisiko von 44,3%, bei Patienten ohne lymphovaskuläre Invasion (LVI-) beträgt das Rezidivrisiko 14,1% [128]. Die lymphovaskuläre Invasion ist der wichtigste prognostische Faktor für eine risikoadaptierte Therapie beim nichtseminomatösen KZT im Stadium I (siehe Kapitel Einteilung in Niedrig- und Hoch-Risikogruppe der nichtseminomatösen Keimzelltumoren und Risikoadaptierte Therapieoptionen beim NS cSI). Als weitere prognostische Faktoren wurden eine Proliferationsrate im Primärtumorpräparat von > 70% und ein Anteil an embryonalem Karzinomgewebe > 50% beschrieben [143] [130].
Die aktuelle Literatur bestätigt die Bedeutung der Faktoren „lymphovaskuläre Invasion“ und „Anteil an embryonalem Karzinomgewebe“ [131][134][133][136][135]. Darüber hinaus wurden weitere histopathologische und klinische Faktoren identifiziert (siehe Übersicht der Prognosefaktoren zu nichtseminomatösen KZT Stadium I im Anhang).
Literaturhinweise
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