Leitlinienprogramm OnkologieHodentumoren

14. Palliativmedizin, Psychoonkologie, supportive Therapie – Hodentumoren

Version 1.1 · Februar 2020 · AWMF 043/049OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

14.1 Supportive Therapie

Für supportive Therapiemaßnahmen in der Behandlung von Patienten mit KZT sei auf die Empfehlungen der S3-Leitinie „Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen“ verwiesen [309].

14.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2019

Zeigt sich im Krankheitsverlauf, dass die Erkrankung nicht mehr heilbar ist, sollen der Patient und bei Bedarf seine Angehörigen frühzeitig über Möglichkeiten der Palliativversorgung informiert werden und der Zugang zu diesen ermöglich werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund Palliativmedizin

Bisher liegen zur spezifischen Palliativversorgung von Patienten mit KZT keine Entitäts-spezifischen Daten vor. Daher sollten bei Patienten mit mehrfach rezidivierter bzw. refraktärer, unheilbarer KZT-Erkrankung die grundsätzlichen Empfehlungen zur Palliativversorgung von Patienten mit unheilbarer Krebserkrankung gelten.

Die S3-Leitlinie „Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung“ empfiehlt, dass allen Patienten nach der Diagnose einer nicht heilbaren Krebserkrankung eine Palliativversorgung angeboten werden soll – unabhängig davon, ob eine tumorspezifische Therapie durchgeführt wird. Zudem wird empfohlen, dass alle Patienten mit einer Krebserkrankung unabhängig vom Krankheitsstadium Zugang zu Informationen über Palliativversorgung haben sollen [623].

Beide Empfehlungen sind konsensbasiert. Der Konsensus beruht jeweils auf der zunehmenden Anzahl an Evidenz, dass eine frühzeitige und in die tägliche Routine der Versorgung onkologischer Patienten integrierte Mitbegleitung durch die verfügbaren Formen der Palliativversorgung für die Patienten hilfreich und wirksam sein kann [624][625][626]. Eine frühzeitige Beratung kann auch bei asymptomatischen und relativ unbelasteten Patienten von Nutzen sein [627][625]. Ziele sind dabei, Patienten und ihre Angehörigen über die Möglichkeiten und Erreichbarkeit spezialisierter Palliativversorgungen zu informieren, Schwellenängste zu überwinden und bisher nicht identifizierte oder berücksichtigte Bedürfnisse in das Behandlungskonzept mit aufzunehmen [628][627][629][624][630][625][626].

Bei Patienten mit symptomatischen Metastasen (z.B. Schmerzen, Neurologie, Frakturrisiko, Luftnot u.w.) soll entsprechend der allgemeinen palliativen Behandlungsgrundsätze die Indikation für eine lokale Therapie (Strahlentherapie, operativer Eingriff) geprüft werden. Insbesondere in klinischen Notfallsituationen (z.B. Einflussstauung, spinale Kompression, symptomatische Hirnmetastasierung) ist das enge Zeitfenster für die Therapieeinleitung bei der interdisziplinären Entscheidungsfindung zu beachten.

14.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2019

Das niederschwellige Angebot einer psychosozialen Beratung, Begleitung und Behandlung sollte allen Betroffenen und ihren Angehörigen in jeder Phase der Erkrankung, auch langfristig, zur Verfügung stehen.

Konsens
Starker Konsens (96,9%)

Hintergrund Psychoonkologie

Für die psychoonkologische Betreuung von Patienten mit KZT sei auf die Empfehlungen der S3-Leitinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten“ verwiesen [631].

Die folgenden Empfehlungen orientieren sich an der S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Nierenzellkarzinoms“ [632].

Die psychosoziale Beratung und Behandlung von Patienten mit einer Tumorerkrankung sollte ein integraler Bestandteil der onkologischen Diagnostik, Therapie und Nachsorge sein und stellt eine interdisziplinäre Aufgabe aller in der Onkologie beteiligten Berufsgruppen dar [631][633]. Die psychoonkologischen Maßnahmen sollen in das Gesamtkonzept der onkologischen Behandlung integriert werden.

Hierfür sollte der behandelnde Arzt über psychoonkologische Basiskompetenzen [631] verfügen. Darüber hinaus ist die Integration einer psychoonkologisch geschulten Fachkraft in das Behandlungsteam wünschenswert.

Psychosoziale Hilfen beinhalten Maßnahmen zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung, des Umgangs mit fortbestehenden Funktionsstörungen und weiteren krankheits- oder behandlungsassoziierten Einschränkungen, wie auch wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Fragen zur Rückkehr ins Erwerbsleben. Diese Hilfen richten sich an Betroffene und Angehörige und betreffen die gesamte Krankheitsphase.

Das Informationsbedürfnis von Patienten mit onkologischen Erkrankungen und ihren Angehörigen gehört zu den häufigsten und wichtigsten, jedoch unerfüllten Bedürfnissen [634][635]. Patientenzentrierte Aufklärungsgespräche und Informationsmaterialien können sich positiv auf die Krankheitsverarbeitung, Befinden und Lebensqualität auswirken [636][637] [638][639][640][641]. Im ärztlichen Gespräch sollen die individuellen Wünsche, Sorgen und Bedürfnisse des Patienten erfasst und berücksichtigt werden. Wenn verfügbar, sollen unterschiedliche Therapieoptionen im Gespräch vermittelt und eingehend erklärt werden, um eine gemeinsam getragene Therapieentscheidung zu ermöglichen [642][643]. Es sollten Informationen bezüglich der Wirksamkeit, Prognose und möglichen Risiken sowie therapieassoziierter Nebenwirkungen weitergegeben werden. Hier sollten die multidimensionalen Auswirkungen der Erkrankung auf das Leben des Patienten berücksichtigt und auf entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten (beispielsweise die Möglichkeit, eine Zweitmeinung einzuholen,) verwiesen werden.

Die psychoonkologische Betreuung umfasst eine patientengerechte Information und Beratung, eine qualifizierte psychosoziale Diagnostik sowie das frühzeitige und langfristige Angebot einer gezielten psychoonkologischen individualisierten Unterstützung bei der Bewältigung der Erkrankung, der Behandlung und der auftretenden Nebenwirkungen und Folgeprobleme [644].

Die diagnostische Abklärung sowie die Indikationsstellung für psychoonkologische Interventionen sollten entsprechend der S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatienten“ erfolgen [631]. Dies beinhaltet, dass der Patient frühzeitig nach Diagnosestellung oder im Behandlungsverlauf über die Möglichkeiten psychoonkologischer Hilfestellungen informiert werden sollte.

Mit einer Häufigkeit von 20-35% treten über die gesamte Krankheitsdauer einer onkologischen Erkrankung psychische Belastungssituationen und Störungen auf, die therapiebedürftig sind. Gehäuft sind Anpassungs- und depressive Störungen [645][643][646][647][648][649]. Hierbei sind starke Beeinträchtigungen im Alltag, ein weit fortgeschrittenes Krankheitsstadium und starke körperliche Beschwerden mit einem höheren Risiko einer psychischen Störung assoziiert [650][651][652][653].

Ein großer Anteil psychischer Störungen bei onkologischen Patienten wird nicht ausreichend diagnostiziert und bleibt unzureichend therapiert, was Nachteile für die Lebensqualität und die Compliance der Betroffenen hat [654][645][655][656]. Daher sollte zur Feststellung der psychosozialen Belastungen im gesamten Krankheitsverlauf regelmäßig eine systematische Erfassung der psychosozialen Situation der Patienten erfolgen.

Neben der klinischen Beurteilung durch Ärzte und Pflegende im Rahmen der Anamneseerhebung sollten standardisierte und validierte Screeningverfahren eingesetzt werden, wie beispielsweise die von der Deutschen Krebsgesellschaft empfohlenen Messinstrumente [657][658][659][660][661]. Der Einsatz eines psychoonkologischen Screeninginstruments sollte frühestmöglich erfolgen und in angemessenen Abständen durchgeführt werden:

  • wenn klinisch indiziert oder
  • bei Veränderungen des Erkrankungsstatus des Patienten, beispielsweise bei Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung [631][659].

Im Falle eines im Screening festgestellten möglichen Bedarfs an psychoonkologischer Betreuung sollte im Sinne des gestuften Vorgehens ein diagnostisches Gespräch [659] zur weiteren Abklärung angeboten werden. Psychoonkologische Interventionen sind sowohl bei schweren psychischen Belastungen, Paarkonflikten als auch bei psychischen Störungen, insbesondere bei depressiven, Anpassungs- und Angststörungen, indiziert. Neben psychoedukativen und supportiven Interventionen, wie Entspannungsverfahren etc., werden insbesondere Elemente der Einzelpsychotherapie, Familientherapie und Paartherapie eingesetzt [662].

Hierbei ist zu beachten, dass sich das weitere Vorgehen immer am individuellen Bedarf und den Wünschen des Patienten orientiert [663], die Angehörigen in die psychosoziale Beratung und Behandlung eingebunden werden  [631][659] und psycho-onkologischen Behandlungsmaßnahmen in das Gesamtkonzept der onkologischen Therapie integriert werden.

Ein interdisziplinärer Informationsfluss sollte sichergestellt werden und durch regelhafte Rückmeldung mit den an der onkologischen Behandlung beteiligten Berufsgruppen optimiert werden. So können möglicherweise notwendige Hilfestellungen oder Interventionen bedarfsgerecht angeboten werden [659].

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