13. Lebensqualität und Rehabilitation – Hodentumoren
13.1 Lebensqualität
Bei Patienten mit KZT sollten Daten zur Lebensqualität vor Beginn einer Therapie und im weiteren Verlauf erfasst werden.
- Konsens
- Konsens (80,7%)
Für die Erfassung der Lebensqualität existiert der für Patienten mit KZT spezifisch entwickelte Fragebogen EORTC QLQ-TC 26 in deutscher Sprache.
- Evidenzlevel
- 3b
- Konsens
- Starker Konsens (96,9%)
- Literatur
- [611]
Die Evaluation der von den Patienten berichteten Lebensqualität spielt in der Onkologie eine wichtige Rolle. Darunter versteht man ein mehrdimensionales Konstrukt, welches Komponenten des somatischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und der Funktionsfähigkeit umfasst und die subjektiven Erlebnisse im Zusammenhang mit der Krankheit aus Sicht des Patienten widergibt [612].
In Deutschland ist die gesundheitsbezogene Lebensqualität als patientenrelevanter Endpunkt seit 2006 im SGB V §35 Abs. 1b aufgeführt und ergänzt damit die Endpunkte Mortalität und Morbidität. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) fordert im Rahmen der frühen Nutzenbewertung im AMNOG-Verfahren die Messung der subjektiv empfundenen und vom Patienten berichteten gesundheitsbezogenen Lebensqualität zur Evaluation von beabsichtigten und unbeabsichtigten Therapieeffekten (https://www.iqwig.de/download/Allgemeine-Methoden_Version-5-0.pdf).
Messinstrumente
Die Lebensqualität unter und nach der Therapie ist von entscheidender Bedeutung für Männer mit KZT und kann mit generischen oder krankheitsspezifischen Messinstrumenten erfasst werden. Hierfür steht eine Vielzahl von Fragebögen, wie der EORTC-QoL-C30 (European Organization for Research on Treatment of Cancer Questionnaires Quality of Life-C30) [613], der Brief Male Sexual Function Inventory for Urology (BMSFIU) [614], der Short Form Health Survey 36-item (SF-36) [615], die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) [616] oder der Functional Assessment of Chronic Illness Therapy - Fatigue (FACIT-F) Fragebogen [617] zur Verfügung.
Der einzige Fragebogen, der spezifisch für Patienten mit KZT zur Erfassung der Lebensqualität entwickelt wurde, ist der EORTC QLQ-TC 26 [611]. Ziel dieses Fragebogens ist die Erfassung der Lebensqualität unter Therapie sowie in der Nachsorge. Das Messinstrument erfasst mit 26 Items krankheitsrelevante Themen, wie z.B. Therapienebenwirkungen, Infertilität, Körperbild und Sexualität.
Der EORTC QLQ-TC 26 Fragebogen ist validiert und auf seine psychometrischen Eigenschaften hin getestet [618]. Eine Version in deutscher Sprache liegt vor [611] und ist der Leitlinie im Anhang beigefügt.
13.2 Rehabilitation
In Abhängigkeit von der Rehabilitationsbedürftigkeit soll allen rehabilitationsfähigen Patienten eine Anschlussrehabilitation (AHB) angeboten werden.
- Konsens
- Konsens (92%)
Die Rehabilitation von Patienten mit KZT soll mit onkologischer Kompetenz und unter Verwendung von multimodalen Therapiekonzepten in Rehabilitationskliniken mit alterspezifischem Angebot erfolgen.
- Konsens
- Konsens (88,4%)
Eine Rehabilitationsbedürftigkeit besteht immer dann, wenn eine tumor- oder therapiebedingte funktionelle Einschränkung (somatisch und/oder psychisch) vorliegt, die eine nicht nur vorübergehende Beeinträchtigung im täglichen Leben darstellt. Je nach durchgeführter Therapie ist mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen zu rechnen, die auch zeitlich verzögert auftreten können. Auch psychische Belastungen infolge einer Krebserkrankung (z. B. Rezidivangst, Anpassungsstörungen, Depressivität oder vermindertes Selbstwertgefühl) können einen Rehabilitationsbedarf begründen.
Der Begriff der Rehabilitationsfähigkeit bezieht sich auf die körperliche und psychische Verfassung des Patienten (Motivation und Belastbarkeit) im Hinblick auf die Teilnahme an einer geeigneten Leistung zur Rehabilitation. Die Rehabilitation von Patienten mit KZT sollte in einer ausreichend stabilen Krankheits- bzw. Behandlungsphase erfolgen, sodass für eine medizinische Rehabilitationsleistung eine ausreichende Belastbarkeit gegeben ist.
Die Rehabilitationsprognose ist eine medizinisch begründete Wahrscheinlichkeitsaussage über die Erreichbarkeit eines Rehabilitationserfolges. Eine positive Rehabilitationsprognose setzt somit eine Beeinflussbarkeit der relevanten Folgen von Tumor- und Therapie durch Rehabilitationsleistungen voraus und erwartet das Erreichen eines gewissen Erfolges [619]. Indikationsspezifische Studien zur Bewertung des Nutzens einer Rehabilitationsmaßnahme bei Patienten mit KZT liegen nicht vor. Es kann daher nur ein Rückschluss von anderen Tumorentitäten auf den KZT gezogen werden.
Eine Anschlussrehabilitation (AHB) und/oder das stationäre Heilverfahren nach Ende der akutmedizinischen Behandlung sind heute Teil einer modernen Krebstherapie und schließen sich in aller Regel nahtlos an die akutmedizinische Versorgung an oder sind als Zwischenintervention genutzt [620]. Sie ist fester Bestandteil unseres Gesundheitsversorgungssystems und sowohl im Sozialgesetzbuch (SGB) V (§27), in Bezug auf die Krankenversicherungen, als auch im SGB VI (§15 und §31) für die Rentenversicherung sowie übergreifend im SGB IX (§6) gesetzlich festgeschrieben [621]. Daraus ergibt sich eine besondere Situation für die Rehabilitation, einerseits positiv, da sie nahezu allen Patienten zur Verfügung steht, allerdings auch nachteilig, da gesetzlich verankerte Ansprüche nicht durch randomisierte Studien geprüft werden können. Dennoch stellt die onkologische Rehabilitation eine zusätzliche und ergänzende Maßnahme im Rahmen der Langzeitbetreuung von mehrheitlich jungen Männern mit KZT dar, soll als Startpunkt für Krebsüberlebende genutzt werden und kann die Eigenbehandlung von Langzeittoxizitäten wie Kraft- und Konditionsminderung, zytostatikainduzierte Polyneuropathie, kognitive Dysfunktion, Bewegungsstörungen der Extremitäten oder psychische Alterationen verbessern. Darüber hinaus ist in der Rehabilitation, wie in keiner anderen Versorgungsstruktur, die sozialmedizinische Kompetenz verankert. Im Rahmen der Rehabilitation sollen daher die notwendigen Maßnahmen zur Teilhabe am Erwerbsleben eingesetzt werden, da dies in der ambulanten Versorgungsebene in gleichem Maße nicht erfolgen kann [622].
13.3 "Cancer-Surviver"-Programme
„Survivorship“-Programme sollen einerseits Rezidiven und physischen Langzeittoxizitäten frühzeitig entgegengewirkten, aber auch den psychosozialen Problemen und spezifischen Unterstützungsbedürfnissen nach der Hodentumorerkrankung angepasst an die individuelle Lebenssituation begegnen. Neben multidisziplinären medizinischen Angeboten beinhalten „Survivorship“-Programme psychoonkologische Betreuung, sozialrechtliche Beratung, Musik- oder Kunsttherapie oder Yoga, angepasste Sport- und Bewegungsangebote, Ernährungs- und Life-Style-Beratung.
Literaturhinweise
[611] Holzner, B., Efficace, F., Basso, U., Johnson, C.D., Aaronson, N.K., Arraras, J.I., et.al. Cross-cultural development of an EORTC questionnaire to assess health-related quality of life in patients with testicular cancer: the EORTC QLQ-TC26, Qual Life Res, 2013. 22(2): p. 369-78.
[612] Koller, M., Neugebauer, E. A., Augustin, M., Bussing, A., Farin, E., Klinkhammer-Schalke, M., et.al. [Assessment of quality of life in health services research - conceptual, methodological and structural prerequisites], Gesundheitswesen, 2009. 71(12): p. 864-72.
[613] Aaronson, N. K., Ahmedzai, S., Bergman, B., Bullinger, M., Cull, A., Duez, N. J., et.al. The European Organization for Research and Treatment of Cancer QLQ-C30: a quality-of-life instrument for use in international clinical trials in oncology, J Natl Cancer Inst, 1993. 85(5): p. 365-76.
[614] O'Leary, M. P., Fowler, F. J., Lenderking, W. R., Barber, B., Sagnier, P. P., Guess, H. A., et.al. A brief male sexual function inventory for urology, Urology, 1995. 46(5): p. 697-706.
[615] Ware, JE., Snow, Jr. KK., Kosinski, M., Gandek, B., SF-36 Health Survey: Manual and Interpretation Guide. MA: New England Medical Center, the Health Institute, 1993.
[616] Zigmond, A.S., Snaith, R.P., The hospital anxiety and depression scale, Acta Psychiatr Scand, 1983. 67(6): p. 361-70.
[617] Cella, D.F., Tulsky, D.S., Gray, G., Sarafian, B., Linn, E., Bonomi, A., et.al. The Functional Assessment of Cancer Therapy scale: development and validation of the general measure, J Clin Oncol, 1993. 11(3): p. 570-9.
[618] Stoehr, B., Schachtner, L., Pichler, R., Holzner, B., Giesinger, J., Oberguggenberger, A., et.al. Influence of achieved paternity on quality of life in testicular cancer survivors, BJU Int, 2013. 111(4 Pt B): p. E207-12.
[619] Bundesarbeitsgemeinschaft, Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. Arbeitshilfe für die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Krebserkrankung, Deutscher Ärzte-Verlag, https://www.bar-frankfurt.de/fileadmin/dateiliste/publikationen/arbeitshilfen/downloads/AH.Krebs.pdf, 2013.
[620] G-BA, Gemeinsamer Bundesausschuss. Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über Leistungen zur medizinischen Rehabilitation (Rehabilitations-Richtlinie), veröffentlicht im Bundesanzeiger BAnz AT 03.08.2018 B3., 2016.
[621] Rick, O., Oncological Rehabilitation, 2017.
[622] Rick, O., Onkologische Rehabilitation als „Initialzünder“, Im Fokus Onkologie, 2016. (4): p. 44-47.