Leitlinienprogramm OnkologieHautkrebsprävention

5. Primäre Prävention – Hautkrebsprävention

Version 2.1 · September 2021 · AWMF 032-052OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

5.1 Individuelle Verhaltensweisen

Überarbeitung: M. Asmuß, I.-M. Hübner, G. Egidi, B. Koletzko, F. Stölzel, N., Seidel, D. Großkopf-Kroiher, H. Radinger

UV-Strahlung ist ein natürlicher Teil der Sonnenstrahlung und erforderlich für die Anregung der körpereigenen Vitamin D-Bildung. Gleichzeitig ist jedoch die Einwirkung von UV-Strahlung auf die Haut die hauptsächliche Ursache für die Entstehung von Hautkrebs. Daher ist ein bewusster Umgang mit natürlicher wie künstlicher UV-Strahlung unerlässlich. Ziel der primären Prävention ist es, übermäßige UV-Expositionen der Haut zu verhindern. Dies gilt in erster Linie für UV-Expositionen durch die Sonne bei Aufenthalt im Freien. Hierzu sind verschiedene Maßnahmen geeignet. Dabei ist die individuelle Empfindlichkeit der Haut gegenüber UV-Strahlung zu beachten.

Risikogruppen, die besonders auf einen guten Sonnenschutz achten sollten, umfassen:

  • Kinder (insbesondere Babys) und Jugendliche,
  • Menschen, die eher Sonnenbrand als Bräune entwickeln, 
  • Menschen mit hellerer Haut, hellem oder rotem Haar oder vielen Sonnenbrandflecken (Lentigines),
  • Menschen mit vielen, auffälligen und/oder angeborenen Nävi,
  • Menschen mit einer Immunsuppression, 
  • Personen mit einer persönlichen oder familiären Vorgeschichte von Hautkrebs
  • Gruppen, die viel Zeit in der Sonne verbringen und daher einem erhöhten Hautkrebsrisiko ausgesetzt sind, wie zum Beispiel 
    • Im Freien arbeitende Personen
    • Personen, die sich in der Freizeit häufig im Freien aufhalten (z. B. Segler, Golfspieler)

5.1.1 Verhaltensweisen zur Risikominderung

5.1 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Die Anwendung angemessener Schutzmaßnahmen vor solarer UV-Strahlung ist ganz besonders für Personen mit erhöhtem Risiko wichtig und soll in folgender Reihenfolge erfolgen:

  • Vermeidung starker Sonnenstrahlungsexposition,
  • Tragen geeigneter Kleidung,
  • Anwendung von Sonnenschutzmitteln.

5.1.1.1 Vermeidung starker Sonnenstrahlungsexpositionen

5.2 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Folgende Maßnahmen sollen - unter Berücksichtigung des Hauttyps - zur Vermeidung zu hoher UV-Expositionen ergriffen werden:

  • Bei mittlerer und hoher UV-Bestrahlungsstärke (UVI 3-7) in der Mittagszeit Schatten suchen,
  • Bei sehr hoher UV-Bestrahlungsstärke (UV-Index 8 und höher) Aufenthalt im Freien während der Mittagszeit möglichst vermeiden. Wenn dies nicht möglich ist, unbedingt Schatten suchen,
  • Ggf. Aktivitäten im Freien in die Morgen- und Abendstunden verlegen,
  • Einen Sonnenbrand vermeiden.

Folgend wird auf die Empfehlung der Strahlenschutzkommission „Schutz des Menschen vor den Gefahren solarer UV-Strahlung und UV-Strahlung in Solarien“ Bezug genommen [Strahlenschutzkommission et al. 2016].

Die Vermeidung übermäßig starker Sonnenexposition ist die wichtigste Sonnenschutzmaßnahme und hat die höchste Priorität.
Die Höhe der möglichen UV-Strahlenexposition hängt u. a. ab von:

  • Jahreszeit
  • Tageszeit
  • Wetterlage (Wolkendicke und –bedeckungsgrad)
  • Höhenlage (Meeresspiegel, Gebirge)
  • Reflexion durch den Untergrund (Erde, Sand, Schnee, Wasser)
  • Schatten.

Die Stärke der Sonneneinstrahlung lässt sich in der Regel gut durch einen Blick zum Himmel einschätzen. Bei bewölktem Himmel kann man jedoch die UV-Exposition unterschätzen, da auch bei einer geschlossenen dünnen Wolkendecke UV-Strahlung durch die Wolken dringt und an den Wolken gestreut wird. In diesem Fall hilft zur Beurteilung der möglichen UV-Strahlenexposition der sogenannte UV-Index. Er wird durch Messungen und Berechnungen ermittelt und vom Wetterdienst und anderen Institutionen in den Medien (Internet, Zeitung, Fernsehen) veröffentlicht. In Abhängigkeit von der Höhe des UV-Index werden von der WHO verschiedene Sonnenschutzmaßnahmen empfohlen.

Ist der UV-Index nicht bekannt, lässt sich mit der sogenannten „Schattenregel“ feststellen, ob mit einer gefährdenden Sonnenexposition zu rechnen ist. Die Sonne steht höher als 45° über dem Horizont, wenn sich der Schatten kürzer als das schattengebende Objekt darstellt. In diesem Fall ist mit starker UV-Strahlung zu rechnen. Die Sonnenstrahlung kann jedoch bereits bei einem niedrigeren Sonnenstand (ca. 35° - 40°) hohe UV-Anteile enthalten.

Die stärkste Sonnenstrahlung tritt beim höchsten Sonnenstand zur Mittagszeit bei geringer Bewölkung auf. Etwa 50% der gesamten UV-Dosis eines Tages entfällt auf ein Zeitfenster von je 2 Stunden vor und nach dem Sonnenhöchststand. Daher gilt die Empfehlung, insbesondere bei sehr starker Sonneneinstrahlung längere Aufenthalte im Freien in der Zeit zwischen 11:00 und 16:00 Uhr nach Möglichkeit ganz zu vermeiden. Auch davor und danach kann bei klarem Himmel eine starke UV-Exposition auftreten, sodass auch dann bei längerem Aufenthalt in der Sonne geeignete Sonnenschutzmaßnahmen zu empfehlen sind. Sportliche und Freizeitaktivitäten sollten bei entsprechender Wetterlage nach Möglichkeit in die Morgen- und Abendstunden verlegt werden.

Zu beachten ist die Abhängigkeit des Sonnenhöchststandes innerhalb einer Zeitzone von der geographischen Länge. Im Osten Deutschlands steht die Sonne im Sommer um 13:00 Uhr (mitteleuropäische Sommerzeit) am höchsten, im Westen Deutschlands erst gegen 13:40 Uhr. Auf den gesamten Bereich der mitteleuropäischen Sommerzeit bezogen ergibt sich beispielsweise ein Zeitfenster des Sonnenhöchststandes zwischen 12:30 Uhr (Polen) und 14:30 Uhr (Spanien). Daher ist die Empfehlung der Meidung der Mittagssonne (+/- 2 Stunden um den Sonnenhöchststand herum) insbesondere bei Auslandsreisen den örtlichen Verhältnissen anzupassen.

Die Eigenschutzzeit der Haut hängt vom jeweiligen Hauttyp ab. Zur Vermeidung einer Überbelastung der Haut durch UV-Strahlungen und Sonnenbränden soll die Aufenthaltsdauer in der Sonne diese Eigenschutzzeit der Haut nicht übersteigen. Unter Eigenschutzzeit wir dabei die Zeitdauer verstanden, für die man im Laufe eines Tages die ungebräunte Haut der Sonne maximal aussetzen kann, ohne dass man einen (auch noch so leichten) Sonnenbrand bekommt

Findet ein längerer Aufenthalt im Freien bei starker Sonneneinstrahlung statt, dann ist zur Minimierung der UV-Strahlendosis die Dauer des ungeschützten Aufenthalts in der Sonne so kurz wie möglich zu halten. Bei der Schutzmaßnahme „Schatten aufsuchen“ ist zu beachten, dass nicht jede Art von Schatten die UV-Bestrahlungsstärke in gleichem Umfang reduziert. UV-Strahlung kommt nicht nur direkt aus Richtung der Sonne, sondern auch indirekt aus der Umgebung, da solare UV-Strahlung an den Wasser- und Luftmolekülen getstreut wird (Diffusstrahlung). Daher bedeutet die Abschattung der direkten Sonnenstrahlung (z.  B. durch einen Sonnenschirm) alleine nicht, dass UV-Strahlung Haut und Auge nun nicht mehr erreicht, da die diffus gestreute UV-Strahlung weiterhin auf den Körper trifft. Je nach Art und Umfang der Verschattung fällt eine Reduzierung der UV-Strahlung unterschiedlich aus. Dabei spielen Beschaffenheit und Ausrichtung der beschattenden Elemente eine Rolle. In diesem Fall sind zusätzliche Sonnenschutzmaßnahmen notwendig. Wird neben der direkten Sonnenstrahlung auch der Himmel großflächig abgeschattet (z.  B. in tiefen Häuserschluchten oder in einem dichten Wald) dann ist der gestreute Anteil der solaren UV-Strahlung geringer und der Schatten ausreichend.

Vermeidung von Sonnenbränden

Wie bereits in Kapitel 4.3.3 beschrieben wurde und Tabelle "Einfluss des UV-Expositionsmusters auf das relative Risiko für die Melanomentstehung", lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von BZK (und vermutlich auch von PEK) sowie von Melanomen mit Sonnenbränden feststellen [33]; [352][353]. Darüber hinaus zeigte sich in der prospektiven Nambour Skin Cancer Studie (1992-1996, Follow-Up bis 2004) eine starke Assoziation zwischen BZK am Oberkörper und der Zahl berichteter Sonnenbrände. Studienteilnehmer, die mehr als 10 Sonnenbrände erlitten hatten, hatten, verglichen mit Personen ohne Sonnenbrände, ein mehr als verdoppeltes Risiko für BZK am Oberkörper (OR 2,49, 95 % CI 1,04-5,99). Auch die Inzidenz von BZK am Kopf stieg mit der Zahl der Sonnenbrände (OR 1,79, 95 % CI 0,93-3,45 bei > 10 Sonnenbränden) [354].

Langsame Gewöhnung an die Sonne

Grundsätzlich gilt es, die Haut immer langsam an die Sonne zu gewöhnen. Dieses ist besonders bei zunehmender Sonnenstrahlung im Frühjahr oder im Urlaub bei erhöhter UV-Exposition bedeutsam. Die Gewöhnung kann durch wiederholte kurze Aufenthalte in der Sonne erfolgen, die so kurz sind, dass keine Hautrötung auftritt.

5.1.1.2 Tragen geeigneter Kleidung

5.3 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Beim Aufenthalt in der Sonne sollte man sich durch geeignete Kleidung und Kopfbedeckung sowie Sonnenbrille schützen.

Lässt sich ein Aufenthalt im Freien bei starker Sonneneinstrahlung nicht vermeiden, dann ist die UV-Exposition der Haut durch eine individuelle Abschirmung der Sonnenstrahlung so weit wie möglich zu verringern. Dies geschieht beispielsweise durch geeignete Bekleidung, welche die Haut weitestgehend bedeckt.

Geeignete Bekleidung ist als individueller Sonnenschutz der Anwendung von Sonnenschutzmitteln vorzuziehen. Bekleidung absorbiert UV-Strahlung. Maßeinheit der Absorption ist der UV-Schutzfaktor (UV-Protection-Factor, UPF), der mit dem Lichtschutzfaktor (LSF) von Sonnenschutzmitteln vergleichbar ist. Einfache T-Shirts können über einen UPF von 20 und mehr verfügen, welcher in der Regel für den individuellen Sonnenschutz ausreichend ist. Festere Kleidung und spezielle UV-Schutzkleidung kann auch einen UPF von 50, 80 und mehr aufweisen. Im Gegensatz zum LSF von Sonnenschutzmitteln (siehe weiter unten) liegt der UPF sofort und tatsächlich vor, solange das Kleidungsstück getragen wird. Bei sehr dünnen Stoffen (z. B. Hemden, Blusen, Netzhemden, manche Badebekleidung) liegt der UPF unter 20 und reicht eventuell nicht aus.

5.1.1.3 Schutz der Augen vor UV-Strahlung

5.4 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Bei starker Sonneneinstrahlung soll eine geeignete Sonnenbrille getragen werden.
Es soll nie direkt in die am Himmel stehende Sonne geblickt werden. Dies gilt auch beim Tragen einer Sonnenbrille.

Neben dem Schutz der Haut ist der Schutz der Augen vor Sonnenstrahlung von großer Bedeutung, da UV-Strahlung auch am und im Auge akute und chronische Schädigungen hervorrufen kann (siehe Kapitel 4.3.3.1). Auch am Auge können Melanome, Basalzell- und Plattenepithelkarzinome entstehen. Daher wurde dieser in die Empfehlungen für die primäre Prävention von Hautkrebs aufgenommen. Zum Schutz der Augen dient bei starker Sonneneinstrahlung eine geeignete Sonnenbrille. Die Eignung ist gegeben, wenn die Sonnenbrille das Zeichen "UV400" aufweist, ausreichenden Schutz gegenüber seitlich einfallender UV-Strahlung bietet und der Norm DIN EN ISO 12312 für Sonnenbrillen entspricht. In dieser Norm werden fünf verschiedene Blendungskategorien (Grad der Abdunkelung) definiert. Für den Alltag reicht eine Sonnenbrille der Blendungskategorie 2 oder 3 aus. Sonnenbrillen der Blendungskategorie 4 werden für extreme Bedingungen, z. B. auf Gletschern, eingesetzt, sind aber nicht für den Straßenverkehr geeignet. Insgesamt ist auf ausreichenden Seitenschutz bei Sonnenbrillen zu achten.

Durch den direkten Blick in die hoch am Himmel stehende Sonne können schon in kürzester Zeit irreversible Schäden bis hin zur Erblindung auftreten. Dies gilt auch bei der Verwendung von Sonnenbrillen. Sonnenbrillen sind zur Beobachtung der Sonne nicht geeignet. Nur mit speziellen Sonnenschutzfiltern mit sehr hoher Strahlungsabsorption können z. B. Sonnenfinsternisse ungefährdet beobachtet werden. Lediglich bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang ist der Einsatz von Augenschutzfiltern nicht nötig.

Bezüglich des Sonnenbrillenschutzes wird auf die Empfehlung der WHO verwiesen [355]. In dieser ist die Sonnenbrillennutzung ab einem UV-Index Wert von UVI 3 oder mehr empfohlen. Ferner wird empfohlen, dass Sonnenbrillen insbesondere am Wasser sowie im Schnee und in den hohen Bergen getragen werden. Hintergrund ist neben dem UV-Schutz, um Bildungen von Hauttumoren an den Lidern zu vermeiden, der nachweisliche Zusammenhang von akuten Schädigungen durch UV-Strahlung, die akute Keratitis, akute Retinopathie sowie die chronischen Schädigungen wie Pterygien, Pinguecula, klimatische Tropfen-Keratopathie, Kataraktausbildung sowie Augenoberflächen-Karzinome (siehe Abschnitt 4.3.3.1). Ein Zusammenhang zwischen der Makuladegeneration und der UV-Strahlung ist zurzeit nicht aufzeigbar. Allerdings kann der Blauanteil des Sonnenlichtes hier evtl. eine Rolle spielen, der bei jungen Menschen mit klaren Linsen mehr durchschlägt. Eine schwache Datenlage liegt bzgl. der UV-Intensität vor, ab der die angesprochenen Schädigungen auftreten, so dass die WHO Empfehlung bei neuer Datenlage überdacht werden muss.

5.1.1.4 Anwendung von Sonnenschutzmitteln

5.5 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Geeignete Sonnenschutzmittel sollen für Hautstellen benutzt werden, die nicht anders geschützt werden können. Die Anwendung von Sonnenschutzmitteln soll nicht dazu führen, dass der Aufenthalt in der Sonne verlängert wird.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1+

bis


2++
Literatur
[356] [357] [358] [359] [360] [361]
5.6 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Auf freien Hautflächen, die mit Kleidung nicht bedeckt sind (Kopf, Gesicht, Hände, Arme, Beine), sollten Sonnenschutzmittel sorgfältig aufgetragen werden und folgende Dinge beachtet werden:

  • adäquaten Lichtschutzfaktor verwenden,
  • ausreichend dicke Schicht auftragen (2 mg/cm²),
  • gleichmäßige Auftragung auf allen freien Hautflächen,
  • Auftragung vor der Sonnenexposition,
  • Wiederholung der Auftragung nach 2 Stunden und nach dem Baden (die Schutzzeit wird hierdurch nicht verlängert).
5.7 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2020

Es liegen widersprüchliche Daten dafür vor, ob das Melanomrisiko durch die Benutzung von Sonnenschutzmitteln gesenkt wird.

Evidenzlevel
1++

bis


2+
Literatur
[359] [360] [361] [362] [363] [364] [365]

Die richtige Anwendung von Sonnenschutzmitteln ist von großer Bedeutung. Durch falsche Anwendung kann sich die Wirkung der Sonnenschutzmittel stark vermindern.

Sonnenschutzmittel sollen in einer ausreichend dicken Schicht aufgetragen werden. Bei der Bestimmung der Lichtschutzfaktoren von Sonnenschutzmitteln wird eine Auftragungsschicht von 2 mg/cm² zu Grunde gelegt (siehe z. B. [366]).

Zur Erreichung des für ein Sonnenschutzmittel angegebenen LSF muss ein Erwachsener (ca. 1,5 - 2 m² Haut) ungefähr 30 bis 40 ml für den gesamten Körper verwenden. Dies entspricht etwa 1/5 einer handelsüblichen 200ml Flasche.

Sonnencreme soll gleichmäßig und auf allen freien Hautflächen aufgetragen werden. Man schätzt, dass in der Praxis häufig nur 1/3 bis 1/5 des angegebenen LSFs tatsächlich erreicht wird, was zu einer Überschätzung der Schutzwirkung führt. Die Auftragung sollte vor Beginn der Sonnenexposition erfolgen und nicht erst während des Aufenthaltes in der Sonne. Durch Schwitzen und beim Baden löst sich die Sonnencreme nach einiger Zeit von der Haut. Daher ist wasserfeste Sonnencreme vorzuziehen und die Auftragung spätestens alle 2 Stunden zu wiederholen. Nach dem Baden muss das Sonnenschutzmittel erneut aufgetragen werden. Auch die Lippen sollten mit einem geeigneten Mittel geschützt werden.

Da die Aussagekraft des Lichtschutzfaktors für die praktische Anwendung eingeschränkt ist, beschreibt man mittlerweile die Wirksamkeit von Sonnenschutzmitteln nicht mehr mit Zahlenwerten, sondern gemäß Empfehlung 2006/647/EG der EU-Kommission verbal in vier Kategorien für unterschiedliche Schutzniveaus (niedrig, mittel, hoch, sehr hoch).

Sonnenschutzmittel wurden ursprünglich zum Schutz der Haut bei nicht vermeidbaren Aufenthalten in der Sonne zum Schutz vor größeren Schäden/Sonnenbränden entwickelt. Sie absorbieren, streuen und reflektieren UV-Strahlung zu großen Teilen, aber nicht vollständig. Sie lassen noch einen Teil der UV-Strahlung auf die Haut durch, so dass dort die UV-Dosis akkumulieren und zu Langzeitwirkungen, wie dem Entstehen von Hautkrebs, beitragen kann.

Systematische Reviews und Meta-Analysen von Beobachtungsstudien zeigten, dass keine signifikante Veränderung der Inzidenz maligner Melanome bei Anwendern von Sonnenschutzmitteln beobachtet werden können [363]; [367]. Andere Untersuchungen finden Hinweise darauf, dass die Benutzung von Sonnenschutzmitteln sogar mit einem erhöhten Melanomrisiko verbunden sein kann [358]. Es wird vermutet, dass dies auf ein falsches Sicherheitsgefühl aufgrund der Benutzung von Sonnenschutzmitteln und daraus resultierende längere Aufenthalte in der Sonne zurückgeht [356]. Personen, die Cremes mit einem höheren Lichtschutzfaktor verwendeten, nahmen längere Sonnenbäder [368].

Der Gebrauch von sogenannten „selbstbräunenden Sonnenschutzmittel“, die Psoralene enthalten (Bergamotte-Öl), scheint mit einem noch höheren Risiko für die Melanomentstehung einher zu gehen [358].

Gorham et al. [359] beschreiben, dass bei hellhäutigen Personen die Benutzung von Sonnenschutzmittel möglicherweise das Risiko für eine Melanomentstehung erhöht. Insgesamt finden die Autoren in ihrer systematischen Übersichtsarbeit keine signifikante Erhöhung des Melanomrisikos im Zusammenhang mit Sonnenschutzmitteln. Werden allerdings Untersuchungen, die auf der Nordhalbkugel oberhalb des 40. Breitengrades durchgeführt wurden, gepoolt, liegt das Odds Ratio bei 1,6 (95 % CI 1,3-1,9). Die Autoren schließen daraus, dass die Nutzung von Sonnenschutzmitteln, welche die UVB-Strahlung fast vollständig filtern aber einen Großteil der UVA-Strahlung durchlassen, bei Populationen, die oberhalb des 40. Breitengrades leben, zum Melanomrisiko beitragen könnte [359].

Lin et al. [361] berichteten im Rahmen einer systematischen Übersichtsarbeit, dass die regelmäßige Anwendung von Sonnenschutzmittel das Risiko für PEK senkt, aber nicht das Risiko für die Entstehung von BZK [361]. Nach einem Follow-Up von 10 Jahren wurde ein reduziertes Risiko für Melanome in der Interventionsgruppe gefunden [360]. In subtropischen Gebieten kann die Entstehung solarer Keratosen durch die Anwendung von Sonnenschutzmittel reduziert werden [362].

Eine prospektive Kohortenstudie im Rahmen der Norwegian Women and Cancer Study (NOWAC) analysierte die Anwendung von Sonnenschutzmittel der Teilnehmer in Breitengraden <45 Grad (d.h. näher am Nord-/Südpols als das arithmetische Mittel zwischen Äquator und Nord-/Südpol. In Europa gilt der nördliche 45. Breitengrad im Allgemeinen als Nordgrenze von Südfrankreich) [365]. Die Studie schloss Frauen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren ein, die aussagten, wenigstens eine Woche Urlaub zum Sonnenbaden im Leben in den besagten Regionen gemacht zu haben (n=42.479). Endpunkte stellten die Anwendung von Sonnenschutzmitteln, Hautreaktionen sowie die Krebsinzidenz dar. Demnach haben Nutzerinnen von Sonnenschutzmitteln mit einer Vorgeschichte von Sonnenbränden im Vergleich zu Nicht-Nutzerinnen ein höheres Melanomrisiko, Anwender von Sonnenschutzmitteln ohne eine solche Vorgeschichte ein geringeres. Nicht-Nutzerinnen haben im Vergleich zu Nutzerinnen von Sonnenschutzmitteln mit SPF < 15 ein geringeres Melanomrisiko. Die Nutzung von Sonnenschutzmitteln mit SPF ≥ 15 führt jedoch zu einer Reduktion der Melanominzidenz über einen 10-Jahres Zeitraum um 18% im Vergleich mit Nutzerinnen von Sonnenschutzmitteln mit einem LSF < 15.

Eine Fall-Kontroll-Studie [364] kam zu dem Ergebnis, dass Melanompatienten Sonnenschutzmittel im Vergleich mit einer Kontrollgruppe seltener oder gar nicht verwendet haben (Anwendung von Sonnenschutzmitteln nie/ selten: OR 12,28 (95% CI: 5,56-27,14, p<0,001); Die Anwendung von Sonnenschutzmitteln immer und wiederholt: OR 2,19 (95% CI: 1,23-3,91, p=0,01)), was allerdings nicht den Umkehrschluss erlaubt, dass Sonnenschutzmittel das Melanomrisiko senken. Hauptsächlich unterscheiden sich gemäß dieser Studie Melanompatienten und Kontrollen in der Zahl der Sonnenbrände in der Kindheit (sechs bis zehn Sonnenbrände in Kindheit/ Jugend: OR 4,95 (95% CI: 2,29-10,71, p<0,001; >11 Sonnenbrände in Kindheit/ Jugend: OR 25,52 (95 CI%: 12,16-53,54, p<0,001).

Forschungsbedarf

Bezüglich der Verwendung von Sonnenschutzmitteln mit ausschließlich mineralischen Lichtschutzfaktoren (wie z.B. Zinkoxid oder Titandioxid) oder chemischen Lichtschutzfaktoren kann aufgrund des Mangels einer systematischen Literaturaufarbeitung keine Empfehlung ausgesprochen werden. Die Vor- und Nachteile der jeweiligen Sonnenschutzmittel insbesondere in Bezug auf die Resorption chemischer Mittel (siehe z.B. [369]) sowie die Frage nach ausreichendem Lichtschutzfaktor (und dies insbesondere für die Anwendung bei Kindern) müssen evidenzbasiert aufgearbeitet und bewertet werden, bevor eine Aussage hierzu möglich ist. Ferner ist es maßgeblich den Zusammenhang zwischen dem Melanomrisko und der Verwendung von Sonnenschutzmitteln weiter zu eruieren, um die Frage nach einem protektiven Effekt klären zu können. Darüber hinaus sollten Anwendungshilfen zu Umsetzung der Dosierungsempfehlungen erarbeitet werden.

5.1.1.5 Vermeidung von UV-Expositionen durch künstliche Quellen

Expositionen durch künstliche UV-Quellen, wie sie Solarien bestehen, erhöhen das Risiko, Haut und Augen zu schädigen. Künstliche UV-Exposition ist bezüglich der Entstehung von Hautkrebs genauso gefährlich wie natürliche Sonneneinstrahlung (Kapitel 4.1, Ätiologie).

5.8 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Das Risiko des Auftretens von malignen Melanomen (MM) ist bei Solariennutzern im Vergleich zu Nicht-Solariennutzern erhöht und steigt mit der Häufigkeit der Solarienbesuche. Je jünger der Solariennutzer beim ersten Besuch gewesen ist, desto höher das Risiko.

Evidenzlevel
1+

bis


1-
Literatur
[370] [371] [372] [373]

Alle Publikationen berichten Daten bzw. gepoolte Daten aus Kohorten- oder Fall-Kontrollstudien, d.h. die hier berichteten Ratenverhältnisse sind Assoziationsmaße. Hinweise für einen möglichen kausalen Zusammenhang sind u.a.: korrekter zeitlicher Zusammenhang, dose-response Zusammenhang, Konsistenz und Spezifizität der Assoziation.

Insgesamt konnten drei systematische Reviews und eine Kohortenstudie, die in den systematischen Reviews noch nicht erfasst waren, eingeschlossen werden.

Die drei systematischen Reviews schlossen größtenteils die gleichen Studien ein. Es wurden fast ausschließlich Fall-Kontroll-Studien mit insgesamt über 11.000 Melanomfällen eingeschlossen.

Bezüglich des Auftretens des malignen Melanoms bei „Solariumnutzern“ im Vergleich zu „niemals Solariumnutzern“ berichtete der aktuellste Review von Burgard (2018) ein adjustiertes OR von 1,21 (95% CI: 1,08 – 1,36; 31 Studien), was ein erhöhtes Risiko des Auftretens von MM im Vergleich darstellt. Colantonio (2014) berichteten ein adjustiertes OR von 1,16 (95% CI: 1,05-1,28, 31 Studien) und Boniol (2012) ein relatives Risiko von 1,20 (95% CI: 1,08-1,34; 27 Studien; 25 bzw. 24 Studien bereits in Burgard bzw. Boniol eingeschlossen). Die Schwäche der Studie von Boniol (2012) liegt darin, dass die Studienqualität der eingeschlossenen Studien nicht bewertet wurde und es sich bei den eingeschlossenen Studien nur um Beobachtungsstudien (Fall-Kontroll-Studien und Kohortenstudien) handelt. Eine Subgruppenanalyse von Studien, die mit geringem Biasrisiko (Biasrisiko nach der Newcastle Ottawa Skala (NOS): 67,7% der 31 eingeschlossenen Studien erzielten weniger als vier Sterne) bewertet worden sind, wurde von Burgard (2018) durchgeführt, welche keine Assoziation fand (OR 1,15 95% CI: 0,94 – 1,41). Die Subgruppenanalyse erhielt eine Bewertung nach SIGN von 2++. Die Schwächen lagen in dem Mangel an interventionellen Studien sowie schwerwiegenden Einschränkungen in Form von unbeobachteten und nicht registrierten Störfaktoren. In der Folge sind weitere Studien mit höherer Qualität und Adjustierung für wichtige Störfaktoren erforderlich. Colantonio (2014) klassifizierten sechs der hier eingeschlossenen Studien mit unklarem Biasrisiko und drei mit hohem Biasrisiko. Boniol (2012) hatten keine Qualitäts-/Biasbewertung durchgeführt.

Es wurden zudem Analysen in allen drei systematischen Reviews zum Einfluss der Häufigkeit der Nutzung von Solarien sowie zum Alter beim ersten Solarienbesuch durchgeführt, siehe Tabelle "Studienergebnisse zum Zusammenhang von Solarienbenutzung und Hautkrebsrisiko". Boniol (2012) schloss wie bereits erwähnt insgesamt 27 Studien in das systematische Review mit ein, Colantanio (2014) 31 Studien und Burgard (2018) ebenfalls 31 Studien. Die Ergebnisse sind kongruent – eine statistisch signifikante Assoziation wurde bzgl. des Auftretens von MM und einer erhöhten Häufigkeit von Solarienbesuchen beschrieben. Eine nicht statistisch signifikante Assoziation fand sich bei seltenen Besuchen (z.B. < 10). Eine statistisch signifikante Assoziation bzgl. des Auftretens von MM und dem Anteil derer, die in jungen Jahren (25 bzw. 35 Jahre cut-off) das erste Mal im Solarium waren, wurde berichtet. Dies war nicht der Fall in der älteren Subgruppe. 

In einer weiteren prospektiven Kohortenstudie untersuchten Ghiasvand (2017) die Melanominzidenz bei Solariumnutzern und berichteten ein relatives Risiko von 1,24 (adj 95% CI: 1,05-1,46) gegenüber der Vergleichsgruppe. Dieses sowie das Ergebnis für die Gruppe junger Solariennutzer entsprechen den Ergebnissen der Reviews. Infolge des Studiendesigns und dem unklaren Verzerrungspotential ist die Aussagekraft der Ergebnisse eingeschränkt.

Die folgende Tabelle fasst die Studienergebnisse gesamt und nach Subgruppe je Review zusammen:

Tabelle 20: Studienergebnisse zum Zusammenhang von Solarienbenutzung und Hautkrebsrisiko

 

Gesamt

Nach Region

Rekrutierungszeitspannen in den Studien

Nach Anzahl der Solarienbesuche

Erstmalige Solarienbesuch

Biasrisiko

Boniol 2012

(RR, 95 % CI)

“Summary relative risk”:

1,20

(1,08-1,34)

Nur adj. Studien (sun exposure and sun sensitivity) =

1,29

(1,13-1,48)

11, 428 Melanomfälle.

-

-

Häufig Nutzung von Solarien

 

1,42 (1,15-1,74)

< 35 Jahre alt = 1,87

(1,41-2,48)

(nicht durchgeführt)

Colantonio 2014

(Crude and und adjustiertes OR kombiniert, 95% CI)

Crude OR/wenn verfügbar adjusted OR) =

1,16

(1,05-1,28)

 

14,956 Melanomfälle and 233,106

Kontrollen

Nordamerika = 1,23

(1,03 - 1,47)

 

Europa =

1,10

(0,98 - 1,24)

 

Ozeanien=

1,33

(0,99 - 1,78),

 

<2000 =

1,12 (1,00-1,26)

 

≥2000 =

1,22 (1,03-1,45)

1-10 Mal Solariengebrauch= 1,07

(0,90-1,26)

 

>10 Mal

Solariengebrauch= 1,34

(1,05-1,71)

< 25 Jahre alt=

1,35

(0,99-1,84) ≥

 

≥25 Jahre alt= 1,11 (0,86-1,42)

 

hohes Biasrisiko= 19 Studien

 

unklares Biasrisiko= 18 Studien

Burgard 2018 (Crude und adjustiertes OR kombiniert, 95% CI)

Crude OR/wenn verfügbar adjusted OR) =

1.21

(1.08-1.36)

 

Crude OR only:

1,19(1,04-1,35)

11,706 Melanomfälle and 93,236 Kontrollen

Amerika (Nord)= 1,35

(1,10-1,67)

 

Europa=

1,11 (0,98-1,25)

 

Australien=

1,31 (0,98-1,74)

≤1990=1,21

(1,01-1,45)

 

≥1991=1.19

(1.02-1.38)

 

1991-1999=1.11 (0.94-1.31)

 

≥2000=1.34

(1.03-1.74);

 

≤10 Solarienbesuche =1,13

(0,92-1,39

 

>10 Solarienbesuche

=1,39

(1,08-1,80)

< 25 Jahre alt= 1,52

(1,23-1,89)

 

≥ 25 Jahre alt= 1,11

(0,86-1,42)

 

geringes Biasrisiko= 11 Studien 1,19

(0,98-1,43)

 

hohes Biasrisiko=

19 Studien

1,22

(1,06-1,41)

 

5.9 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Solarienbenutzer haben im Vergleich zu Nicht-Solariennutzern ein erhöhtes Risiko für Basalzellkarzinome.
Bei Personen, die im Alter von unter 20 Jahren das erste Mal ein Solarium benutzen, ist das Risiko noch höher.

Evidenzlevel
1-

bis


2-
Literatur
[374] [375]

Wehner (2012) berichteten in ihrer Meta-Analyse mit 12 Studien (Kohortenstudien und Fall-Kontroll-Studien, n= 80.661) ein erhöhtes Risiko des Auftretens von epithelialen Tumoren im Vergleich von „Solariumnutzern“ vs. „niemals Solariumnutzern“ (Odds Ratio [OR] PEK: 1,67 (95% CI: 1,29-2,17) bzw. OR BZK: 1,29 (95% CI: 1,08-1,53)).

Eine Subgruppenanalyse für „intensive Solariennutzung“ ergab ein OR von 1,5 (95% CI: 0,81-2,77) für die Entwicklung von BZK, d.h. das Risiko ein BZK unter „intensivem Solariengebrauch“ entwickelt zu haben, ist nicht signifikant erhöht.

Für PEK lagen für eine Meta-Analyse nicht genug Daten vor. Eine Subgruppenanalyse für „Beginn des Solariengebrauchs im jungen Alter“ ergab ein OR von 1,40 (95% CI: 1,29 - 1,52) für die Entwicklung von BZK. Dies war aber nicht signifikant bei der Analyse der PEK (OR 2,02; 95% CI: 0,70 - 5,86).

Karagas et al. (2014) identifizierten über die Datenbank der New Hampshire Skin Cancer Study 657 Fälle von BZK, die zwischen dem 25. und 50. Lebensjahr aufgetreten sind. Es wurden alters- und geschlechtsentsprechende Kontrollen (n=452) über das New Hampshire Department of Transportation identifiziert. Die Autoren berichteten im Vergleich der Solariennutzer zur Kontrollgruppe ein adjustiertes OR von 1,6 (95% CI: 1,3-2,1). Eine Subgruppengruppenanalysen verdeutlicht, dass die Chance des „ersten Solariennutzens in jungen Jahren (<20)“ unter Erkrankten 2-mal größer (OR 95% CI: 1,4 – 3,0) als die Chance unter Kontrollen war.

Die Durchführung von gezielteren Studien für BZK und PEK ist notwendig.

5.10 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2020

Die Nutzung von Solarien soll vermieden werden, um das Risiko für die Entstehung von Hautkrebs (insbesondere des Melanoms) zu reduzieren.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1+

bis


2-
Literatur
[371] [370] [372] [373] [374] [375]

Ähnliche Empfehlungen werde international ausgesprochen: Allgemein wird von WHO, ICNIRP, EUROSKIN, SSK, DKH und ADP die Nutzung von Solarien grundsätzlich nicht empfohlen. Die WHO kommt diesbezüglich zu folgenden Ergebnissen: Solariengebrauch ist mit einem erhöhten Hautkrebs-Risiko assoziiert. Dieses Risiko steigt durch die Anzahl der Solarienbesuche und erstmaliger Benutzung eines Solariums im jungen Alter. Bei einer erstmaligen Benutzung von Solarien vor dem 35. Lebensjahr erhöht sich das Melanom Risiko um 60% (basierend auf 13 Studien, RR 1,87 (95% CI: 1,41-2,48) [372]. Jeder zusätzliche Besuch eines Solariums im Jahr erhöht das Hautkrebsrisiko um 1,8% (basierend auf vier Studien, RR 1,018 (95% CI: 0,998-1,038)) [372]. Bei einer erstmaligen Solariennutzung vor dem 25. Lebensjahr steigt das Risiko für ein Plattenepithelkarzinom um 102% (RR 2,02; 95% CI: 0,70-5,86) und das Risiko für ein Basalzellkarzinom um 40% (RR: 1,40; 95% CI: 1,29-1,52) [375].

In Deutschland gibt es seit Juli 2009 ein Gesetz zum Schutz des Menschen vor nichtionisierender Strahlung (NiSG) und eine entsprechende UV-Schutz-Verordnung (UVSV), in welchen der Betrieb und die Nutzung von Solarien reguliert werden. Insbesondere wurde festgelegt, dass Jugendliche unter 18 Jahre Solarien nicht nutzen dürfen (§ 4, NiSG). Die Verordnung legt unter anderem fest, dass Menschen mit Hauttyp I und II Solarien von der Solariennutzung abgerateten werden soll und dass Fachpersonal für die Überprüfung der UV-Bestrahlungsgeräte sowie für den Kontakt mit den Nutzern zur Verfügung stehen muss, um die Beratungs- und Informationspflichten gemäß UVSV zu erfüllen. Gemäß UVSV dürfen seit August 2012 Altgeräte, die nicht der seit 2007 geltenden EU-Vorgabe einer Begrenzung der erythemwirksamen UV-Gesamtstrahungsstärke von 0,3 W/m² entsprechen, nicht mehr betrieben werden – ein Wert, der der erythemwirksamen UV-Bestrahlungsstärke am Äquator mittags bei wolkenlosen Himmel entspricht.

5.1.1.6 Nahrungsergänzungsmittel, Nikotin und Koffeinkonsum

5.11 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Nahrungsergänzung mit Selen, Vitamin A und Beta-Karotin soll nicht als Maßnahme zur Hautkrebsprävention empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1++

bis


1+
Literatur
[362] [376] [377]

Eine Meta-Analyse randomisierter klinischer Studien zeigte, dass die Inzidenz von BZK und PEK der Haut durch die Einnahme von antioxidativen Ergänzungsstoffen (Selen, Beta-Karotin, Vitamin A) nicht reduziert werden konnte [377]. Ebenso wurde auch die Entstehung von AKs durch die Einnahme von Beta-Karotin nicht vermindert [362].

Aus Kohorten- oder Interventionsstudien liegen keine gesicherten Ergebnisse vor, die eine bestimmte Ernährungsform als Präventionsstrategie nahelegen.

In der Laienpresse wird verstärkt für die Einnahme von antioxidativen Stoffen wie Selen, Beta-Karotin und Vitamin A als zusätzliches Mittel zum UV-Schutz geworben. Beta-Karotine haben keine UV-schützende Wirkung [376]. Eine Meta-Analyse zeigte ebenfalls keine klinische Evidenz für den präventiven Effekt von antioxidativen Ergänzungsstoffen auf Hautkrebs [377].

Koffeinhaltige Stoffe

Es liegen Hinweise auf protektive Effekte koffeinhaltiger Lebensmittel auf die Entstehung von Hautkrebs vor. Primärstudien: [378]; [379], Metaanalyse : [380]. Eine Empfehlung für oder gegen bestimmt Verhaltensweisen lässt sich auf Basis der vorliegenden Daten jedoch nicht ableiten.

Eine Metaanalyse [380] kommt zu dem Schluss, dass der Konsum von koffeiniertem Kaffee mit einem verringerten Melanomrisiko assoziiert ist, zumindest für Personen aus der Gruppe mit dem höchsten Kaffeekonsum (RR = 0,81, 95% CI: 0,68-0,97). Der Effekt koffeinierten Kaffees war für Frauen signifikant (RR = 0,76, 95% CI = 0,61-0,95) aber nicht für Männer (RR = 1,11, 95% CI: 0,91-1,36). Auf die Dosis bezogen berechneten die Autoren ein um 4,5% reduziertes MM-Risiko (pooled RR = 0,955, 95% CI: 0,912-0,99) für eine Tasse Kaffee pro Tag im Vergleich zu Nicht-Konsumenten. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass mögliche chemo-präventive Effekte koffeinierten Kaffees weiter untersucht werden müssen. Auch ist die Frage von Confoundern nicht ausreichend geklärt.

Aus der Norwegian Women and Cancer (NOWAC) Studie ergab sich verglichen mit dem geringen Konsum von koffeiniertem Kaffee ein statistisch signifikanter negativer Zusammenhang zwischen gering bis moderatem Konsum koffeinierten Kaffees (> 1-3 Tassen/Tag, HR=0,80; 95% CI: 0,66-0,98) und moderatem bis hohem Konsum (> 3 Tassen/Tag, HR=0,77; 95% CI: 0,61-0,97) und dem Risiko eines Malignen Melanoms [378].

Eine prospektive Kohortenstudie (1997-2007) [379] schloss Teilnehmer (n=1.325) einer 1986 durchgeführten und 1992 und 1996 erneut erhobenen Studie über Hautkrebs ein. Den Teilnehmern wurde halbjährlich ein Fragebogen über Verzehrshäufigkeiten von Koffein zugesendet (Einschlusskriterium: mindestens ein ausgefüllter Fragebogen). Berichtete Hautkrebse wurden durch histopathologische Befunde bestätigt. Ganzkörperuntersuchungen der Haut aller aktiven Teilnehmer erfolgten im Jahr 2007. Die Studie beschreibt einen negativen Zusammenhang zwischen täglichem Koffeinkonsum (Kaffee und andere koffeinhaltige Lebensmittel wie schwarzer Tee, Cola, Schokolade) und BZK (RR=0,96 (95% CI: 0,87-1,05, p trend=0,20)), allerdings nur bei Personen mit vorheriger Hautkrebserkrankung und vor allem für Personen mit hohem Koffeinkonsum (entsprechend durchschnittlich vier Tassen regulärem Kaffee) (RR=0,17 (95% CI: 0,57-0,97, p trend=0,025)). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Koffeinkonsum bei Personen mit Hautkrebsdiagnose eine effektive präventive Maßnahme darstellen könnte. Diese gilt vor allem für Personen mit hohem Koffeinkonsum (z.B. durchschnittlich täglich vier Tassen regulären Kaffees). Die Leitliniengruppe kann jedoch die möglicherweise mit starkem Kaffeekonsum verbundenen Risiken nicht beurteilen und enthält sich daher einer Empfehlung

Alkohol und Nikotin

Zu Alkohol und Nikotin können im Zusammenhang mit der Hautkrebsprävention keine sicheren Aussagen getroffen werden.

Eine Fall-Kontroll-Studie [381] untersuchte mögliche Zusammenhänge zwischen Zigarettenkonsum und dem Risiko für BZK und PEK. Ein Zusammenhang zeigte sich insbesondere zwischen Zigarettenkonsum und PEK (OR=1,97; 95% CI: 1.19-3,26). Insbesondere bei Frauen ist das Risiko mit der Zahl der Packungsjahre angestiegen (OR bei ≥ 20 Packungsjahren = 3.00, 95% CI: 1.02-8.80). Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Zigarettenkonsum stärker mit PEK als mit BZK assoziiert ist, insbesondere bei Frauen.

Im Rahmen der Woman‘s Health Initiative Observational Study (WHI OS) [382] wird postuliert, dass höherer Alkoholkonsum bei post-menopausalen weißen Frauen in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für NMSC und MM steht. Allerdings wurden Confounder nur zu Beginn der Studie erhoben (Baseline). Recall-Bias und Confounding sind möglich. Das Hochrisikoverhalten Alkoholkonsum könnte andere Verhaltensweisen z.B. mangelndes Sonnenschutzverhalten oder Solariennutzung beeinflussen.

Im Rahmen eines systematischen Reviews wurden zehn Studien zum Zusammenhang von Zigarettenkonsum, Melanomrisiko und Mortalität gefunden. Bei sieben Studien zeigte sich ein negativer Zusammenhang zwischen Zigarettenkonsum, Melanomrisiko und Mortalität. Zwei Studien wiesen einen positiven Zusammenhang besonders bei älteren Personen auf und bei zwei Studien wurde kein Zusammenhang festgestellt. Die Schwächen des Reviews liegen z.B. darin, dass der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Status und Lebensstilfaktoren nicht betrachtet werden, diese aber für zur Varianzaufklärung des Verhaltens bedeutsam sind [383].

Nicotinamid

In der S3-Leitlinie „Aktinische Keratose und Plattenepithelkarzinom der Haut“ [384] wird die Ansicht vertreten, dass Nicotinamid bei an NMSC vorerkrankten Patienten oder bei organtransplantierten Patienten zur Prävention von NMSC eingesetzt werden kann. Die S2k-Leitlinie Basalzellkarzinom [385] empfiehlt Nicotinamid bei an BZK vorerkrankten Patienten zur Sekundärprävention. Retinoide hingegen sollen der BKZ-Leitlinie zufolge nicht zur Prävention von BZK eingesetzt werden, bei COX2-Hemmern werden weitere großangelegte Studien als wünschenswert angesehen.

Eine Verwendung von Nicotinamid als Mittel der Primärprävention für die Allgemeinbevölkerung sieht die Leitliniengruppe auf Basis der Leitlinien zu PEK und BZK nicht. Es liegen keine Untersuchungen vor, die Aussagen über die Folgen einer andauernden Gabe von Nicotinamid in der Allgemeinbevölkerung (inklusive Kinder und Jugendliche) zulassen. Der Fokus der Primärprävention in der Allgemeinbevölkerung liegt auf den in der Leitlinie genannten Maßnahmen zur Risikominderung.

5.1.2 Verhaltensweisen für bestimmte Personengruppen

Intensive Sonnen- / UV-Bestrahlung stellt für alle Personengruppen ein Hautkrebsrisiko dar und soll vermieden werden. Besonders wichtig ist jedoch ein Schutz vor intensiver UV-Bestrahlung für Gruppen mit erhöhtem Risiko. Obwohl sich viele Studien mit dem Verhalten, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, in Bezug auf Sonnenschutz beschäftigen und hier die Nachhaltigkeit von Veränderungen im Blick haben (z. B. [386]; [387]; [388]; [389]), gibt es nur sehr wenige Arbeiten, die wissenschaftlich begründbare Unterschiede für die Sonnenschutzmaßnahmen bestimmter Gruppen empfehlen.

Durchgehend betonen alle Arbeiten die gesundheitlichen Schäden, die bei allen beobachteten Gruppen durch vermehrte bzw. intensive Sonnenbestrahlung eintreten können.

Bei der Beurteilung der Notwendigkeit und der Art von Sonnenschutzmaßnahmen ist die individuelle Empfindlichkeit der Haut gegenüber Sonnenstrahlung wesentlich. Das Ausmaß und die Art des notwendigen Sonnenschutzes hängen vom Hauttyp ab. Besonders empfindlich sind Kinder, Personen des Hauttyps I und II sowie Personen mit genetisch- oder krankheitsbedingter Erhöhung der UV-Strahlungsempfindlichkeit.

5.1.2.1 Kinder

5.12 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Kinder sollen keinen Sonnenbrand bekommen.

5.13 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Säuglinge sollen der direkten Sonne nicht ausgesetzt werden.

5.14 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Kinder sollen angehalten werden, bei starker Sonnenstrahlung hautbedeckende Kleidung zu tragen.

5.15 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2020

Bei der Entstehung von Nävi ist textiler Sonnenschutz protektiv. Die Rolle von Sonnenschutzmitteln ist offen.

5.16 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Die Augen von Kindern sollen durch geeignete Sonnenbrillen geschützt werden.

Die Haut von Kindern ist gegenüber der Einwirkung von Sonnenstrahlung sehr empfindlich. Dies gilt insbesondere, wenn sie eine helle Hautfarbe haben. Sonnenbrände in der Kindheit erhöhen das Risiko, später Hautkrebs zu entwickeln. Für Kinder ist daher ein sehr sorgfältiger Sonnenschutz notwendig. Dazu gehört, wie bei den Erwachsenen, als erstes die Vermeidung längerdauernder UV-Expositionen, dann das Tragen einer geeigneten, den Körper möglichst vollständig bedeckenden Kleidung, einer geeigneten Kopfbedeckung und eines Augenschutzes/Sonnenbrille und schließlich, als zusätzliche Maßnahme, die Anwendung von Sonnenschutzmitteln auf freibleibenden Hautflächen.

Gallagher et al. [390] zeigten in einer randomisierten kontrollierten Studie, dass die Anzahl der Nävi bei Kindern mit heller Haut (statistisch signifikant bei Kindern mit Sommersprossen), durch umfassenden Gebrauch von Sonnenschutzmittel vermindert werden kann.

Das systematische Review von de Maleissye et al. [391] zeigte auf, dass es bisher keine Evidenz gibt, die einen protektiven Effekt von Sonnenschutzmitteln für eine Entstehung von melanozytären Nävi bei Kindern belegt. Die eingeschlossenen epidemiologischen Studien waren nicht homogen in Bezug auf das Alter der Kinder und es wurden zudem verschiedene Methoden der Zählung von melanozytären Nävi verwendet. So kommt die Studie zu dem Schluss, dass die Beurteilung des Effekts von Sonnenschutzmitteln unter realen Bedingungen schwierig ist und weitere Studien mit einem einheitlichen, standardisierten Protokoll durchgeführt werden müssen, um eine Aussage treffen zu können.

5.1.2.2 Immunsupprimierte / Transplantierte

5.17 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Transplantierte immunsupprimierte Personen sollen zum Schutz vor Hautkrebs im Rahmen eines konsequenten, umfassenden UV-Schutzes Sonnenschutzmittel verwenden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2+
Literatur
[392]
5.18 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Immunsupprimierte Personen sollen auf einen konsequenten, umfassenden UV-Schutz achten.

Ulrich et al [392] führten eine prospektive Studie über zwei Jahre mit 120 organtransplantierten Patienten durch. Die Studiengruppe erhielt zusätzlich zur Information über Sonnenschutz eine Sonnencreme; die Kontrollgruppe erhielt nur Informationsmaterial. Es konnte gezeigt werden, dass bei immunsupprimierten Empfängern nach Organtransplantation die regelmäßige Anwendung von Sonnencreme – als Teil eines konsequenten Schutzes vor UV-Strahlung – vor der Entwicklung weiterer aktinischer Keratosen, invasiver PEK und in einem geringeren Grad auch vor BZK schützt.

Obige Empfehlung deckt sich mit den internationalen KDIGO-Leitlinien zur Betreuung von Nierentransplantatempfängern, die für alle Transplantatempfänger einen konsequenten, intensiven UV-Schutz, regelmäßige Selbstuntersuchungen und jährliche Untersuchungen des ganzen Körpers durch einen Dermatologen empfehlen [393].

Zum Risiko eines niedrigen Vitamin-D-Spiegels auf Grund des konsequenten UV-Schutzes bei Immunsupprimierten siehe folgendes Kapitel 5.1.3.

5.1.3 Potenzielle Nebenwirkungen

UV-Strahlung kann nachgewiesenermaßen Hautkrebs auslösen. Durch UV-Exposition erhöht sich das Erkrankungsrisiko für das maligne Melanom wie auch für das PEK und das BZK. Da dieser Zusammenhang bekannt ist, ist die wichtigste primärpräventive Maßnahme die Vermeidung einer erhöhten UV-Exposition. Dies kann durch verschiedene individuelle Verhaltensweisen und Maßnahmen (z. B. Meiden der Mittagssonne, textiler Sonnenschutz, Sonnencreme) erreicht werden.

UV-Strahlung ist für die Vitamin D-Synthese in der Haut notwendig; eine potenzielle unerwünschte Nebenwirkung von konsequenten Sonnenschutzmaßnahmen kann mit einem verminderten Vitamin-D-Spiegel einhergehen. Die Vermeidung einer erhöhten UV-Exposition beim Aufenthalt im Freien könnte darüber hinaus als unerwünschte Nebenwirkung einen Mangel an Bewegung mit sich bringen. In einigen Studien wurde die Frage unerwünschter Nebenwirkungen untersucht.

5.1.3.1 Rolle des Vitamin D

5.19 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2020

Bei Personen mit hohem Hautkrebsrisiko (z. B.: Transplantatempfänger, Immunsupprimierte), die einen konsequenten, umfassenden Sonnenschutz betreiben, sollte der Vitamin D-Spiegel überprüft und Vitamin D gegebenenfalls substituiert werden.

Vitamin D spielt eine wichtige Rolle im Calciumhaushalt bzw. beim Knochenstoffwechsel.

Sonnenschutzmaßnahmen reduzieren die kutane Vitamin D-Synthese. Ein konsequenter Sonnenschutz kann bei bestimmten Personengruppen einen Vitamin D-Mangel begünstigen [394].

Srikanth et al. [395] fanden eine inverse Assoziation zwischen Hautkrebs und Frakturen: ältere Personen mit einer Fraktur wiesen seltener NMSC auf, was als niedrigere kumulative Lebens-Sonnenexposition gedeutet wurde. Das Vermeiden von Sonnenexposition kann langfristig nachteilige Folgen für die zukünftige Knochengesundheit haben. In einer Übersichtsarbeit wird über eine uneinheitliche Studienlage zur Reduktion von Frakturen durch Gabe von Calcium und Vitamin D berichtet [394]. Die Analyse zeigte jedoch eine Reduktion von Stürzen bei älteren Menschen durch die Gabe von Vitamin D.

Ulrich et al. [392] konnten bei organtransplantierten Personen, die einen maximalen Sonnenschutz betrieben, nach 24 Monaten keine Unterschiede hinsichtlich des Vitamin D-Spiegels verglichen mit der Kontrollgruppe feststellen. Dennoch empfehlen sie, dass insbesondere bei Risikogruppen (Immunsupprimierte, Transplantierte, etc.), die einen intensiven Sonnenschutz betreiben, der Vitamin D-Spiegel überprüft und gegebenenfalls Vitamin D substituiert werden soll.

In einer prospektiven Kohortenstudie wurde festgestellt, dass der 25(OH)D-Level bei Kindern mit hellem Phänotyp (helle Haut, Sonnenbrandflecken, oft Sonnenbrand), höher ist bei Kindern mit dunklerem Phänotyp, obwohl erstere nach Angaben der Eltern häufiger Sonnenschutzmittel benutzen und Schutzkleidung tragen. Die Autoren schließen daraus, dass die Vitamin D-Synthese bei gering pigmentierter Haut in nördlichen Breitengraden durch Nutzung von Sonnenschutzmittel oder Kleidung nicht vollständig unterdrückt wird. Begrenzt wird die Aussagekraft der Studie dadurch, dass Kinder in den 1990er Jahren untersucht wurden, d.h. zu Zeiten, als das Bewusstsein über adäquaten Sonnenschutz – z.B. im Hinblick auf ausreichende Menge der Sonnenschutzmittel - möglicherweise weniger ausgeprägt war. Zudem wurden einige Variablen - z.B. der 25(OH)D-Level - nur einmal pro Kind bestimmt [396].

Lindquist et al. [397]; [398] untersuchen in einer Kohortenstudie Zusammenhänge zwischen Sonnenexpositionsverhalten und Gesamtmortalität. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Vermeidung von Sonnenexposition (nie ein Sonnenbad, weder im Urlaub, noch im Sommer und nie Solariumnutzung) in Ländern mit niedriger UV-Intensität einen Risikofaktor für die Gesamtmortalität darstellt. Sie spekulieren, dass der Effekt auf Vitamin-D-Mangel zurückzuführen ist. Der Vitamin-D-Spiegel wurde allerdings nicht untersucht, auch das individuelle Sonnenschutzverhalten wurde nicht abgefragt. Rückschlüsse auf einen Kausalzusammenhang zwischen Sonnenexpositionsverhalten und Gesamtmortalität sind aufgrund der Analysen nicht möglich.

Im Rahmen eines von BfS und UV-Schutz-Bündnis initiierten fachübergreifenden wissenschaftlichen Diskurses zur Harmonisierung bis dato widersprüchlicher Empfehlungen bezüglich der UV-Exposition zur Bildung des körpereigenen Vitamin D wurde eine konsentierte Empfehlung zu UV-Strahlung und Vitamin D erarbeitet [399]. Insbesondere werden dort folgende Empfehlungen gegeben:

  • Für eine ausreichende Vitamin-D-Synthese genügt es nach derzeitigen Erkenntnissen, Gesicht, Hände und Arme unbedeckt und ohne Sonnenschutz zwei- bis dreimal pro Woche der Hälfte der minimalen sonnenbrandwirksamen UV-Dosis (0,5 MED) auszusetzen, also der Hälfte der Zeit, in der man sonst ungeschützt einen Sonnenbrand bekommen würde. Beispielsweise bedeutet dies für Menschen mit Hauttyp II bei hohen sonnenbrandwirksamen UV- Bestrahlungsintensitäten (UV-Index 7) rein rechnerisch eine Bestrahlungszeit von circa 12 Minuten.
  • Ein Sonnenbrand ist grundsätzlich zu vermeiden.
  • Bei längeren Aufenthalten in der Sonne sind UV-Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
  • Als Orientierungshilfe über die herrschende sonnenbrandwirksame UV- Bestrahlungsstärke und ab wann welche UV-Schutzmaßnahmen zu ergreifen sind, wird der UV-Index (UVI) empfohlen. Der UV-Index ist ein weltweit einheitliches Maß für die an einem Tag mögliche höchste sonnenbrandwirksame UV-Bestrahlungsstärke. Den einzelnen UVI-Werten sind Empfehlungen für die hellhäutige Bevölkerung bezüglich der zu ergreifenden UV-Schutzmaßnahmen zugeordnet.
  • Bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen ist besonders darauf zu achten, hohe UV-Belastungen und Sonnenbrände zu vermeiden, denn besonders in der Kindheit und Jugendzeit erhöhen starke UV-Belastungen und Sonnenbrände das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken.
  • Säuglinge sollen grundsätzlich nicht direkter Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden.
  • Von starken, nicht ärztlich kontrollierten UV-Bestrahlungen (Sonne oder Solarium) zum Zweck der Vitamin-D-Bildung, der Selbsttherapie eines Vitamin-D-Mangels oder der Bräunung wird dringend abgeraten.
  • Ein Vitamin-D-Mangel kann nur von ärztlicher Seite diagnostiziert und behandelt werden. Eine Supplementierung beziehungsweise Medikation mit Vitamin-D-Präparaten sollte unter ärztlicher Überwachung erfolgen. Säuglinge und Kleinkinder bis zum zweiten erlebten Frühsommer sollen Vitamin-D-Präparate erhalten.

5.1.3.2 Effekt von Vitamin D auf die Entstehung verschiedener Krebsarten

5.20 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2020

Für eine ausreichende Vitamin-D-Synthese genügt es Gesicht, Hände und Arme unbedeckt und ohne Sonnenschutz zwei- bis dreimal pro Woche der Hälfte der minimalen sonnenbrandwirksamen UV-Dosis (0,5 MED) auszusetzen, also der Hälfte der Zeit, in der man sonst ungeschützt einen Sonnenbrand bekommen würde.

Moderate Exposition gegenüber UV-Strahlung und hohe Vitamin D-Spiegel haben möglicherweise einen protektiven Effekt auf die Entstehung und Entwicklung verschiedener Krebsarten, auch des malignen Melanoms. Die vorliegende Evidenz hinsichtlich eines Zusammenhangs zwischen dem Krebsrisiko insgesamt und der Vitamin D-Versorgung ist jedoch unzureichend.

Eine Übersichtsarbeit ging der Frage nach, ob Sonnenexposition einen schützenden Effekt auf die Entstehung anderer Krebsarten hat. Möglicherweise bestanden protektive Effekte der Sonnenbestrahlung auf die Entstehung von Brust- und Prostatakrebs. Die Studienlage war jedoch nicht eindeutig; bei den anderen Krebsarten ließ sich kein Zusammenhang feststellen [400].

Tuohimaa et al. [401] zeigten in einer historischen Kohortenstudie, dass Personen mit Hautkrebs (alle Typen) ein erhöhtes Risiko für eine weitere primäre Krebserkrankung hatten. Personen, die in sonnigeren Breitengraden lebten, hatten ein etwas geringeres Risiko für einen Zweittumor, was auf eine möglicherweise protektive Wirkung des Vitamin D zurückgeführt wurde.

Eine Übersichtsarbeit von Krause [402] stellte Studien zusammen, die auf eine protektive Wirkung der Sonnenbestrahlung auf Kolon- und Brustkrebs hinweisen. Die Autoren kommen zudem zu der Schlussfolgerung, dass ein hoher Level von Vitamin D ein protektiver Faktor für Krebs zu sein scheint. Die optimale UV-Exposition, der Soll-Level an zirkulierendem Vitamin D und ob Vitamin D der einzige Weg ist, ist nicht abschließend geklärt. Aufgrund von Studienmängeln besitzen die Ergebnisse nur eine eingeschränkte Aussagekraft.

Schwalfenberg [394] führte in einer Übersichtsarbeit Studien an, die auf einen protektiven Effekt des Vitamin D auf Herzerkrankungen und bestimmte Krebsarten hinweisen. Der Review war jedoch methodisch nicht einwandfrei.

Anhand diverser ökologischer Studien untersuchte die WHO [International Agency for Research on Cancer (IARC). et al. 2008], ob ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Vitamin D-Spiegel und dem Krebsrisiko besteht. Die Ergebnisse deuten auf ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs sowie kolorektales Adenom mit einem niedrigen Vitamin D-Spiegel. Weitere Studien stellten wiederrum keinen Einfluss auf die Inzidenz von Darm- und Brustkrebs fest. Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen Beobachtungsstudien kann auf verschiedene Ursachen, wie beispielsweise auf die Verwendung niedriger Dosen oder eine zusätzliche Interaktion mit einer Hormontherapie innerhalb der Studie zurückgeführt werden. Epidemiologische Daten legen nahe, dass der Vitamin D-Spiegel Einfluss auf das Fortschreiten des Krebses und somit auf die Krebssterblichkeit nimmt und eher geringer die Krebsinzidenz beeinflusst.

Auch die DGE  [Linseisen, J. et al. 2011] konnte anhand diverser Meta-Analysen zum Zusammenhang zwischen der Vitamin D-Zufuhr und dem Risiko verschiedener Krebsarten keine einheitlichen und eindeutigen Ergebnisse feststellen. Eine Schlussfolgerung kann aufgrund der Widersprüchlichkeit der vorliegenden Ergebnisse nicht gezogen werden. Die Evidenz bezüglich des Zusammenhangs zwischen einzelnen Krebsarten bzw. dem Krebsrisiko insgesamt und der Vitamin D-Zufuhr ist unzureichend.

Lucas et al. [Lucas, Robyn M et al. 2007] stellten einen Zusammenhang zwischen einem Vitamin D-Mangel und dem erhöhten Erkrankungsrisiko fest. Beobachtungsstudien weisen auf ein erhöhtes Darmkrebsrisiko, das auf eine niedrige Vitamin D-Zufuhr zurückgeführt werden kann. Hinsichtlich anderer Krebsarten konnten keine weiteren Schlussfolgerungen gezogen werden, da entweder keine Ergebnisse vorlagen oder die bereits vorliegenden Ergebnisse inkonsistent waren.

Aufgrund dieser inkonsistenten Datenlage wird sich in dieser S3-Leitlinie an die konsentierte Empfehlung zur „UV-Exposition zur Bildung des körpereigenen Vitamin D“ der wissenschaftlichen Behörden, Fachgesellschaften und Fachverbände des Strahlenschutzes, der Gesundheit, der Risikobewertung, der Medizin und der Ernährungswissenschaften angeschlossen (https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/wirkung/akut/empfehlung-vitamin-d.html).

5.2 Status quo: Sonnenschutz- und -expositionsverhalten

I.-M. Hübner, A. Dost, E. Grossmann

Das folgende Kapitel verschafft einen Überblick über das Sonnenschutzverhalten verschiedener Bevölkerungsgruppen. Unterschiede werden herausgestellt, besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen identifiziert sowie Einflussfaktoren auf das Sonnenschutzverhalten aufgezeigt.

5.2.1 Sonnenschutz- und Expositionsverhalten verschiedener Bevölkerungsgruppen

Im Sonnenschutz- und Expositionsverhalten lassen sich Unterschiede verschiedener Bevölkerungsgruppen feststellen. Diese werden folgend beschrieben. Wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass die Datenlage häufig auf Selbstangaben der Befragten und selten auf Beobachtungen beruht und repräsentative Daten für Deutschland im Rahmen der Recherche nicht identifiziert werden konnten.

Allgemeinbevölkerung

Vor allem die Nutzung von Sonnenschutzmitteln, das Tragen geeigneter Kleidung und das Aufsuchen von Schatten, werden von der Allgemeinbevölkerung als Sonnenschutzmaßnahmen ergriffen. Dennoch berichtet ein Großteil der Allgemeinbevölkerung, mindestens einmal im Leben einen Sonnenbrand erlitten zu haben.

  • Besonders jüngere Menschen setzen sich häufiger absichtlich der Sonne aus

Die Querschnittstudie von Haluza, Simic und Moshammer [403] untersuchte das Sonnenexpositionsverhalten der Bevölkerung Österreichs. Die Daten von 1.500 Teilnehmern im Alter von 18 bis 74 Jahren wurden ausgewertet. Die Antworten auf Fragen zur Nutzung von Sonnenschutzmittel, dem wiederholten Auftragen von Sonnenschutzmittel, der Vermeidung von Mittagssonne, dem Aufsuchen von Schatten, dem Tragen von schützender Kleidung, Hüten und Sonnenbrillen wurden zu einem Sonnenschutz-Wert zusammengefasst. Die Population weist einen mittleren Wert von 2,6 auf einer Skala von 1 (immer) bis 5 (nie) auf. Zudem wurde die Sonnenexposition erfasst, dichotomisiert nach 0-5 Tage Sonnenbaden im letzten Jahr als keine Exposition und mehr als 5 Tage im vergangenen Jahr entspricht Exposition. Das Sonnenexpositionsverhalten sinkt signifikant mit zunehmendem Alter der Studienteilnehmer. Den höchsten Anteil an Sonnenexposition weisen die Altersgruppen 18-49 Jahre mit 60,3 bis 51,2% (Anteil der Befragten, die mehr als fünf Tage Sonnenbaden während des vergangenen Jahres angaben) sowie Teilnehmer mit einem Kind (51,7-50,3%) und geschiedene beziehungsweise verwitwete Studienteilnehmer auf (58%). Zudem ist ein erhöhtes Sonnenexpositionsverhalten bei Personen mit einem höheren Bildungslevel sowie einem höheren sozioökonomischen Status zu beobachten (50,1%, p=0,039; 51,0%, p=0,001). Sportliche Aktivität, Bräunungsabsicht, ein dunklerer Hauttyp, Nutzung von Solarien und Sonnenbrände stehen in einem signifikanten Zusammenhang mit erhöhtem Sonnenexpositionsverhalten.

In einer in Deutschland durchgeführten Interview-Befragung wurden 865 Personen zu ihrer Sonnenexposition und ihrem Sonnenschutzverhalten befragt. Einen Sonnenbrand hatten 97% der Teilnehmenden bereits in ihrem Leben. 13 % haben noch nie Sonnenschutzmittel verwendet. Hüte und Kleidung als Sonnenschutz zu verwenden, berichten 56%. Zudem geben 94% der Teilnehmenden an, noch nie ein Solarium genutzt zu haben. Es stellte sich heraus, dass die Gruppe mit regelmäßiger Benutzung von Sonnenschutzmittel signifikant weniger Tage in der Sonne verbringt im Vergleich zu der Gruppe mit gar keiner Benutzung von Sonnenschutzmittel (60 Tage vs. 90 Tage, p=0,035). Des Weiteren wurde ein positiver Zusammenhang zwischen erlebten Sonnenbränden und der Nutzung von Sonnenschutzmittel festgestellt (p<0,001) [404].

Die Studie von Gavin et al. [405] untersuchte das Sonnenschutzverhalten der Teilnehmenden zu drei Erhebungszeitpunkten in 2000, 2004 und 2008. Die Vermeidung von Sonne ist in der Nordirischen Stichprobe proportional zum Alter. Im Jahr 2008 gaben 16% der ≥65-Jährigen und 2% im Alter von 16-24 Jahren an, nie in die Sonne zu gehen (p < 0,001). Die Vermeidung von Mittagssonne berichten 27% der Altersgruppe ≥45 Jahre im Vergleich zu 13% der Altersgruppe 16-24 Jahre (p=0,002). Jüngere Teilnehmende im Alter von 16 bis 24 Jahren berichten signifikant weniger häufig davon, nie in die Sonne zu gehen (p=0,015), die Mittagssonne zu vermeiden (p= 0,004), im Schatten zu bleiben (p<0,001) oder einen Hut zu tragen (p<0,001). In der Erhebung 2008 zeigt sich, dass Frauen häufiger der Sonne fernbleiben als Männer. Sechs Prozent der Männer und elf Prozent der Frauen geben an, nie in die Sonne zu gehen (p=0,002). Von den Frauen gaben 30% an, die Mittagssonne zu vermeiden, von den Männern 19% (p<0,001). Im Schatten zu bleiben berichten 29% der Frauen im Vergleich zu 18% der Männer (p<0,001). Sowohl Männer als auch Frauen gaben mit 23% an, Kleidung zu nutzen, die vor der Sonne schützt. Zudem nutzen die Männer signifikant häufiger eine Kopfbedeckung (37% vs. 28%, p=0,001).

5.2.1.1 Geschlechtsspezifisch

Ein geschlechtsspezifischer Unterschied der Sonnenexposition wird in mehreren Studien aufgezeigt. Frauen suchen im Vergleich zu Männern häufiger den Schatten als Schutzmaßnahme auf. Zudem wird Sonnenschutzmittel mehr von Frauen verwendet, wobei eine norwegische Studie auf einen Rückgang der Benutzung von Sonnenschutzmittel durch Frauen hinweist.

  • Männer und Frauen unterscheiden sich in ihrem Sonnenschutzverhalten, wobei Frauen sich häufiger vor einer starken UV-Exposition schützen. Die Ausprägung der geschlechtsspezifischen Unterschiede differiert dabei bei den verschiedenen sonnenschutzbezogenen Verhaltensweisen.

Ghiasvand et al. [406] untersuchten anhand der Daten aus der bevölkerungsbasierten Norwegian Woman and Cancer Study (NOWAC) die Veränderungen im Sonnenschutzverhalten norwegischer Frauen im Alter von 41 bis 75 Jahren über den Zeitraum von 1997 bis 2007. Es zeigte sich, dass die Benutzung von Sonnenschutzmitteln bei norwegischen Frauen über die Jahre zunimmt, was jedoch nicht mit einer Reduktion der Anzahl von Sonnenbränden einhergeht.

Die für die Bevölkerung Österreichs repräsentative Querschnittstudie von Haluza et al. [403] zeigte, dass sich Frauen im Vergleich zu Männern insgesamt stärker vor der Sonne schützen. Sie verwendeten häufiger Sonnenschutzmittel, vermieden die Mittagssonne, suchten den Schatten auf, und trugen Sonnenbrillen (jeweils p ≤ 0,001). Männer trugen im Vergleich zu Frauen häufiger Hüte, um sich vor der Sonne zu schützen.

Die Studie von Antonov et al. [404] zeigte einen statistischen Unterschied in der Benutzung von Sonnenschutzmittel. Von den Männern hatten 15% und von den Frauen 11% noch nie in ihrem Leben Sonnenschutzmittel verwendet (p=0,04).

Eine in Schweden durchgeführte Untersuchung des Sonnenschutzverhaltens von Hautkrebspatienten (als Interventionsgruppe) und Patienten mit seborrhoischer Keratose (als Kontrollgruppe) konnte geschlechtsspezifische Unterschiede herausstellen. Häufiges Sonnenbaden ist für Frauen üblicher (p<0,05), ebenso wie die Nutzung von Sonnenschutzmittel (p<0,001). Zusätzlich berichteten Frauen häufiger als Männer davon, den Schatten als Sonnenschutz aufzusuchen (p<0,001). Die Nutzung von Solarien war unter Frauen häufiger [407].

Die Studie von Blashill und Safren [408] untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Sonnenschutzverhalten und der sexuellen Orientierung von Männern im Alter von 16 und 29 Jahren in den USA. Männer, die einer sexuellen Minderheit (bisexuell, homosexuell) angehören, nutzen mit 27% signifikant häufiger Solarien als heterosexuelle Männer (8,6%, p=0,002). Zudem bräunten sie sich häufiger in der Sonne (22,3% vs. 14,5%, p=0,26). Zwischen 70,5% und 75,9% der befragten Männer gaben an, keine Sonnenschutzmittel zu verwenden.

5.2.1.2 Kinder und Jugendliche

Kindheit und Jugend sind kritische Zeiträume, um das Risiko für Hautkrebs zu senken. Sonnenschutzmaßnahmen sind in diesem Lebensabschnitt von besonderer Bedeutung. Studien für die Allgemeinbevölkerung lieferten bereits Hinweise darauf, dass sich besonders jüngere Bevölkerungsgruppen intensiv der Sonne aussetzen.

  • Obwohl besonders physikalische Sonnenschutzmaßnahmen (Expositionsvermeidung, Textilien) empfohlen werden, sind Sonnencremes bei Kindern und Jugendlichen das Sonnenschutzmittel erster Wahl, zusammen mit Hüten bei Kleinkindern.

Ackermann et al. [409] untersuchten das Sonnenschutzverhalten von Schülern der fünften, achten und elften Klasse im Durchschnittsalter von neun, elf und 15 Jahren. Insgesamt nahmen 1.154 Schüler an der Fragebogenerhebung teil. 60,2% der Schüler berichteten, wenigstens einen Sonnenbrand erlitten zu haben. Zwei Sonnenbrände gaben 30,1% der Schüler an, 11,2% mindestens drei Sonnenbrände. Im Vorjahr der Befragung hatten 43,2% der Schüler einen Sonnenbrand. Die Sonnenbrände traten im Zusammenhang mit Wassersportaktivitäten (50,3%), anderen Sportaktivitäten (23,8%) sowie nicht sportlichen Unternehmungen (25,9%) auf. Die Hälfte der Kinder berichteten, dass sie Sonnenschutzmittel genutzt hätten. Keinen Sonnenschutz verwendet zu haben, war die Ursache des Sonnenbrandes bei 26% der Kinder. Fünf Prozent hätten sich im Schatten aufgehalten. Allgemein berichteten 69,2% der Kinder, im Sommer regelmäßig Sonnenschutzmittel zu verwenden. Von diesen trugen zwei Drittel die Sonnenschutzmittel wiederholt während der Sonnenexposition auf. Explizit nach dem Schwimmen wurden die Sonnenschutzmittel von 55% erneut aufgetragen. Im Winter nutzten 39,5% der Kinder regelmäßig Sonnencreme für Sportaktivitäten. Zudem nutzten fast 90% der älteren Schüler einen Lichtschutzfaktor von 20 oder höher. Den Schatten suchen 32,8% der SchülerInnen auf, sofern dies möglich ist. Schüler der Klassenstufen acht und elf gaben zu 31,5% an, langärmlige Oberteile als Schutz vor der Sonne zu tragen.

In einer Beobachtungsstudie von McNoe und Reeder [410] wurde das Sonnenschutzverhalten von 1.225 13- bis 18-jährigen SchülerInnen während schulischer Sportaktivitäten untersucht. Die Beobachtungen fanden an Tagen mit einem UV-Index größer als sieben statt. Oberteile mit einer Armlänge, die über die Ellenbogen hinausgeht, wurden von 19% der Schüler getragen. Hosen, die länger als bis zum Knie reichten von 21,4%. Sonnenschutzhüte trugen 3,4% und Sonnenbrillen 1,7% der Schüler. Sonnencreme wurde an fünf von zehn Veranstaltungen zur Verfügung gestellt und in vier Fällen sorgfältig durch Schatten geschützt. Schatten war für die Schüler nicht generell verfügbar.

Basch et al. [411] untersuchten den Trendverlauf für den Gebrauch von Sonnencreme und Solarien unter High-School-Schülern in den USA von 2001 bis 2011. Hierzu wurden die Daten des Youth Risk Behavior Surveillance System (YRBSS) ausgewertet. Zu beobachten war eine Reduktion der Nutzung von Sonnencreme der befragten Schüler von 67,7% (2001) auf 56,1% (2011). Im Jahr 2009 gaben 15,6% der Befragten an, Solarien zu nutzen. Im Jahr 2011 waren es 13,3%. Hellhäutige Frauen machten dabei den größten Anteil aus (2009: 37,4%, 2011: 29,3%). Die Prävalenz der Nutzung von Solarien ist mit zunehmendem Alter der Befragten gestiegen.

Dobbinson et al. [412] führten Telefoninterviews mit 1.140 Eltern von Kindern im Alter von null bis elf Jahren, um deren Sonnenschutzverhalten zu erfassen. An dem Wochenende vor der Befragung hielten sich 73% der Kinder während der Zeit der höchsten UV-Strahlung draußen auf. Sonnencreme wurde bei 58% und Hüte bei 64% der Kinder als Sonnenschutzmaßnahme genutzt. 42% der der Kinder trugen einen Sonnenschutzhut. Ein Hut mit breiter Krempe wurde von 33% der Kinder und/ oder ein Hut mit Nackenbedeckung von 20% der Kinder getragen. Zwei Sonnenschutzmaßnahmen wurden für 61% der Kinder berichtet. Drei oder mehr Sonnenschutzmaßnahmen wurden bei 29% der Kinder angewendet.

Die prospektive Follow-Up-Studie von Dusza et al. [413] untersuchte das Sonnenschutzverhalten von 360 Kindern im Alter von zehn bis 14 Jahren. Zur Baseline geben 52,5% der Schüler an, mindestens einen Sonnenbrand im Sommer erlitten zu haben. Gebräunte Haut zu mögen, berichteten zur Baseline-Erhebung 53% der befragten Schüler. Nach drei Jahren stieg dieser Anteil auf 66% (p<0,001). Zudem verbrachten mehr Kinder Zeit in der Sonne, um sich zu bräunen (21,8% vs. 39,8%, p<0,001). Berichteten zur Baseline 50% der Kinder Sonnencreme zu nutzen, wenn sie sich für wenigstens sechs Stunden draußen aufhalten, lag dieser Wert bei der Follow-Up-Erhebung bei 25% (p<0,001). Das Odds Ratio für Mädchen Sonnencreme häufig oder immer zu nutzen lag bei 0,4, für Jungen bei 0,3.

In der Schweiz wurden 887 Schüler im Alter von acht bis 17 Jahren der Klassenstufen drei, sechs und neun zu ihrem Sonnenschutzverhalten befragt. Mehr als die Hälfte der Schüler (56,3%) gab an, im Vorjahr der Erhebung einen Sonnenbrand erfahren zu haben. Die meisten Schüler erlitten einen Sonnenbrand im Zusammenhang mit Wassersportaktivitäten (52,3%), 19,6% während des Sonnenbadens, 15,2% bei anderen Aktivitäten im Freien, 4,8% beim Wintersport und 1% beim Arbeiten im Freien. An sonnigen Sommertagen nutzten 36,3% der befragten Schüler fast immer Sonnencreme, 19,4% häufig, 24,9% manchmal und 18,2% selten bis nie. Jungen nutzten im Vergleich zu Mädchen seltener Sonnencreme. Dies betraf ebenfalls Sechst- und Neunt-Klässler im Vergleich zu Drittklässlern, dunkelhäutige Schüler im Vergleich zu hellhäutigen Schüler, sowie Schüler, deren Eltern eine Ausbildung oder keinen Berufsabschluss hatten im Vergleich zu SchülerInnen, deren Eltern einen höheren Bildungsabschluss aufwiesen. Nahezu die Hälfte (49,3%) der befragten Sechst- und Neunt-Klässler trug Sonnencreme einmalig am Morgen auf. Mehrfach täglich wurde die Sonnencreme von 34,9% der Schüler verwendet. Mädchen wiederholten die Anwendung von Sonnencreme signifikant häufiger als Jungen (44,2% vs. 24,3%; p<0,0001) und hellhäutige Kinder und Jugendliche häufiger als solche mit dunklerer Hautfarbe (50,5% vs. 23,8%, p=0,006). Nach dem Schwimmen trugen 43,7% der SchülerInnen die Sonnencreme erneut auf. Die Schüler verwendeten zu 56,3% Sonnencreme mit einem Lichtschutzfaktor größer/gleich 20. Schatten suchten 32,2% der Schülerwenn möglich auf. Bei unangenehm hohen Temperaturen begaben sich 66,1% in den Schatten. Ein Schulter-bedeckendes Oberteil trugen 49,9% der Befragten an sonnigen Sommertagen [414].

5.2.1.3 Hautkrebsbetroffene

  • Hautkrebsbetroffene zeigen ein besseres Sonnenschutzverhalten als Vergleichsgruppen.

In einer Fall-Kontroll-Studie untersuchten Falk et al. [407] Sonnenexpositions- und Schutzverhalten von 55- bis 69-jährigen Hautkrebspatienten im Vergleich zu Patienten mit seborrhoischer Keratose. Patienten mit einer Hautkrebsvorerkrankung gingen signifikant seltener in die Sonne, um braun zu werden (p<0,01). Zudem schützten sie sich in einem größeren Umfang vor der Sonne, indem sie Schatten aufsuchten (p<0,001) und Sonnencreme verwendeten (p<0,001). Sich in der Sonne vorsichtiger zu verhalten, gaben 77,9% der Hautkrebspatienten an. Im Vergleich hierzu hatten 20,5% der Patienten ihr Verhalten in der Sonne nach eigenen Angaben nicht verändert und 1,6% waren weniger vorsichtig.

5.2.1.4 Empfänger von Organspenden

  • Das Wissen über ein erhöhtes Hautkrebsrisiko und die Umsetzung schützender Verhaltensweisen sind bei Organtransplantierten verbesserungswürdig.

Empfänger von Spenderorganen sind aufgrund der langzeitigen Einnahme von Immunsuppressiva besonders gefährdet für die Entwicklung von Hautkrebs. Im Rahmen der Studie von Vural et al. [415] wurden 70 Organtransplantierte in Interviews zu ihrem Wissen über das erhöhte Hautkrebsrisiko für Transplantierte sowie zu ihrem Verhalten in der Sonne befragt. 48 Organempfänger (68,6%) gaben an, über die Wichtigkeit der Vermeidung von Sonnenexposition informiert zu sein. Dass die Exposition gegenüber UV-Strahlung gefährliche Folgen haben kann, wussten 38 Patienten (54,3%). Den kausalen Zusammenhang zwischen Hautkrebs und UV-Strahlung kannten 28 der Befragten (40%). 44,3% der Organtransplantierten konnten sich nicht erinnern, durch klinisches Personal über Sonnenschutzmaßnahmen informiert worden zu sein. 55,7 % der Befragten wurden durch Dermatologen und/oder Krankenpfleger und –schwestern über Schutzmaßnahmen aufgeklärt. Bei 42,9% der Patienten wurde die Haut wenigstens einmal nach der Organtransplantation durch einen Dermatologen untersucht. 14,3 % der Transplantierten suchten regelmäßig einen Dermatologen auf (ein- bis zweimal jährlich). Vor der Organtransplantation hatten drei Patienten Sonnencreme unregelmäßig genutzt (nur bei Urlaub in sonnigen Gegenden). Nach der Transplantation haben 25 Patienten mit der Nutzung von Sonnencreme begonnen, sodass 28 Patienten von dem Gebrauch von Sonnencreme berichteten. 18 Patienten gaben an, Sonnencreme nur an sonnigen Tagen oder im Urlaub zu verwenden. Weitere Sonnenschutzmaßnahmen, wie Hüte, Sonnenbrillen oder langärmlige Oberteile, werden von 19 Patienten genutzt. Acht Patienten benutzen alle Typen von Sonnenschutzkleidung, wenn sie sich draußen aufhalten.

5.2.1.5 Strandbesucher

  • Bei Strandnutzern konzentrieren sich Sonnenschutzmaßnahmen sehr stark auf die Nutzung von Sonnencreme. Andere mögliche Maßnahmen (Kleidung, Aufsuchen von Schatten) werden kaum genutzt.

Heerfordt, Philipsen und Wulf [416] untersuchten das Sonnenexpositionsverhalten von Strandnutzern in Dänemark mittels WebCam-Fotos. Im Zeitraum Juli 2015 bis Oktober 2015 wurden insgesamt elf Tage als Strandtage bezeichnet. Diese sind durch eine Tagesdurchschnittstemperatur von mindestens 20°C und wenigstens zehn Sonnenstunden charakterisiert. Insgesamt wurden 2.259 Strandnutzer an diesen elf Tagen beobachtet. Von diesen trugen 26% Kleidung, die mehr als 20% der Körperoberfläche bedeckte. 46% der Strandgänger waren in der Zeit von 12:00 bis 15:00 Uhr anwesend. Die Zahl der Strandbesucher erreichte an Wochenendtagen um 15 Uhr ihren Höhepunkt, an Arbeitstagen um 16:00 Uhr. Um 13:00 Uhr war das Minimum von 10% an Menschen zu beobachten, die Kleidung trugen, welche mehr als 20% der Körperoberfläche bedeckt. Die durchschnittliche Sonnenexpositionszeit betrug mittags 142 Minuten.

Die Interviewbefragung von Cercato et al. [417] untersuchte das Sonnenschutzverhalten Spanisch-sprechender Strandgänger. Insgesamt wurden 630 Personen befragt, die überwiegend weiblich waren (62%) und ein durchschnittliches Alter von 30 Jahren aufwiesen. Sich freiwillig häufig der Sonne auszusetzen gaben 80% der Strandgänger an. 76% gaben an, dies am Strand zu tun, 35% beim Sport, 29% in den Bergen und 22% im Pool. Sonnencreme wird von 79,1% der Strandgänger häufig (oft/immer) genutzt. Häufig eine Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor zu verwenden gaben 81,2% der Befragten an. Die Nutzung von Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor über den gesamten Tag erfolgt oft/ immer durch 62,3% der Befragten. 76,4% der Strandgänger cremen sich direkt zu Beginn der Sonnenexposition mit Sonnencreme ein, 17,7% cremen sich bereits 20 Minuten vor der Exposition ein, 5,8% erst während der Exposition. Das wiederholte Eincremen mit Sonnencreme erfolgt häufig durch 53,2% der Strandgänger. Mit Ausnahme von Sonnencreme werden andere Sonnenschutzmaßnahmen nur selten benutzt. 39,6% der Befragten suchen oft oder immer während der Mittagszeit den Schatten auf. Einen Hut tragen 21,6% der Strandgänger oft/ immer. T-Shirts werden von 18,7% der Interviewten häufig getragen. Sonnenbrillen nutzen 49,5% der Befragten oft/immer.

5.2.2 Benutzung von Solarien

Das Nationale Krebshilfe-Monitoring (NCAM) [418] ermittelt seit 2015 jährlich Daten zur Solariennutzung in Deutschland. Mittels standardisierter Telefoninterviews werden dabei 3.000 Personen im Alter von 14 bis 45 befragt. Insgesamt haben 2018 8,8% der Teilnehmer*innen in den vorangegangen 12 Monaten ein Solarium besucht. Dies stellt einen Rückgang zu der 2015 ermittelten Prävalenz von 11% dar [419]. Auch die Häufigkeit der Solarienbesuche in den letzten 12 Monaten hat sich insgesamt von durchschnittlich 11,4 Besuche (2015) auf 6 Besuche (2018) reduziert.

  • Bei der Benutzung von Solarien ist kein geschlechtsspezifischer Unterschied zwischen Männern und Frauen mehr zu erkennen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede konnten in den ersten beiden Wellen zuvor genannter Studie festgestellt werden. Frauen benutzten 2015 mit 13,3% häufiger Solarien als Männer mit 8,8%. Jedoch lässt sich bei den weiblichen Befragten ein Rückgang erkennen, während die Benutzung von Solarien bei Männern während der vier Erhebungswellen konstant geblieben ist. Dies wird durch eine höhere Empfänglichkeit von Frauen für Gesundheitskampagnen begründet. Aufgrund dessen gleichen sich die Prävalenzen im Jahr 2017 und 2018 an, so dass kein geschlechtsspezifischer Unterschied bei der Benutzung von Solarien mehr erkennbar ist [418].

  • Trotz des Solarienverbots für Minderjährige, gibt es unter den Solariennutzern immer noch Kinder und Jugendliche. Die Prävalenz ist dabei im Trend steigend.

Bei den volljährigen Teilnehmer lässt sich ein Rückgang der Benutzung von Solarien feststellen. Am stärksten ausgeprägt ist dieser in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen und hat sich von 16% im Jahr 2015 auf 8,7% 2018 fast halbiert. Im Gegensatz dazu hat sich die Prävalenz unter den 14- bis 17-Jährigen von 1,6% auf 4,6% erhöht. Seit dem Inkrafttreten des NiSG 2008 ist es minderjährigen Personen untersagt, ein Solarium zu besuchen. Das Personal des Solarienbetriebs muss Kinder und Jugendliche an der Nutzung von Solarien hindern [418].

  • Personen mit Migrationshintergrund nutzen Solarien nach wie vor häufiger als Personen ohne Migrationshintergrund. In den Trendanalysen schreitet diese Entwicklung fort.

Personen mit Migrationshintergrund nutzten Solarien im Jahr 2018 mit 12,1% signifikant häufiger als Teilnehmer*innen ohne Migrationshintergrund (8%). Während bei Personen ohne Migrationshintergrund ein Rückgang der Prävalenz zu verzeichnen ist, trifft dieses nicht auf Befragte mit Migrationshintergrund zu [418]. Allerdings bleibt bei diesen Analysen offen, welche Unterschiede innerhalb der heterogenen Gruppe der Migranten zu verzeichnen sind, hier sind weitere Analysen erforderlich.

  • Sozioökonomische Variablen (wie Berufsstatus und Bildungsstand) sind mit der Benutzung von Solarien assoziiert.

In den ersten drei Erhebungswellen konnte eine signifikant seltenere Nutzung von Solarien bei arbeitslosen Personen festgestellt werden. Bezüglich der Schulbildung sind signifikante Unterschiede in der Nutzung von Solarien erkennbar. Personen mit mittlerer Schulbildung besuchen Solarien am häufigsten. Bei Personen mit niedriger Schulbildung lässt sich ein signifikanter Rückgang der Prävalenz zwischen 2015 und 2018 verzeichnen (Diehl et al., 2019).

5.2.3 Prädiktoren des Sonnenschutz- und Expositionsverhaltens

Die Prädiktoren des Sonnenschutz- und Expositionsverhaltens sind vielfältig. Sie reichen von intrinsischen Faktoren, wie der Körperselbstwahrnehmung, dem eigenen Phänotyp, dem Rauch- und Alkoholkonsum, dem Bildungslevel, sexueller Orientierung, der Gestaltung des Freizeitverhaltens, der Herkunft, über äußere Einflüsse, wie Freunde, bis zum Aufenthalt in bestimmten geographischen Regionen.

Zu den Prädiktoren des Sonnenschutz- und Expositionsverhaltens zählen:

  1. Soziale Einflüsse: Eltern, Peers, Freunde, Beziehungsstand
  2. Herkunft
  3. Erscheinungsbild und Selbstwahrnehmung, Bräunungsintention
  4. Bildungslevel, Sozioökonomischer Status
  5. Alter
  6. Geschlecht
  7. Hauttyp
  8. Freizeitverhalten
  9. Rauchverhalten
  10. Sexuelle Orientierung
  11. Medien
  12. Wettereinflüsse

Ein systematisches Review von Gambla et al. [420] verschafft einen Überblick über Einflussfaktoren auf das Bräunungsverhalten amerikanischer College-Studierender. In dem Review sind 23 Querschnittsstudien aus dem US-amerikanischen Raum eingeschlossen. Jüngere Studierende nutzen häufiger Solarien. In allen eingeschlossenen Studien war die Bräunungsabsicht von Frauen größer als die von männlichen Studierenden. Hellhäutige Studierende haben eher die Intention sich zu bräunen als farbige Studierende. Die Motivation zum Bräunen hängt mit der Einstellung zum äußeren Erscheinungsbild zusammen. Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Hautton stellt dabei den größten Motivationsfaktor dar. Zudem existieren emotions- und gesundheitsbezogene Motive für die Sonnenexposition. Entspannung, Stimmungsverbesserung, „Energieaufladung“, Behandlung von Hautkrankheiten wie Akne und Psoriasis, Erhöhung der Vitamin-D-Werte und Stressreduktion werden als Gründe angegeben. Ein weiterer Grund für die Nutzung von Solarien ist der Wunsch, einen Basis-Bräunungsgrad aufrecht zu erhalten, und damit vermeintlich zukünftigen Sonnenbränden entgegenzuwirken. Soziokulturelle Einflussfaktoren auf das Bräunungsverhalten waren Eltern und Freunde, der Wunsch anderen zu gefallen sowie das Sehen von Reality-Schönheitssendungen im Fernsehen. Als Barrieren für adequates Sonnenschutzverhalten wurden Missverständnisse in Bezug auf Hautschutz, zu geringe Sonnencremenutzung, Mangel an Aufklärung über UV-bedingte Gefahren sowie Zeitmangel, Kosten, und das Vergessen von Sonnencreme identifiziert.

Ackermann et al. [409] erhoben in einer Querschnittsstudie neben dem Sonnenschutzverhalten von SchülerInnen auch die darauf wirkenden Einflussfaktoren. Die Eltern von 61% der befragten SchülerInnen ermutigten ihre Kinder, sich gegen UV-Strahlung zu schützen. Von den SchülerInnen der achten und elften Klasse sind 55,6% über die Gefahren von UV-Strahlung durch ihre Eltern informiert worden. Die SchülerInnen, die durch ihre Eltern zu Schutzmaßnahmen ermutigt wurden, berichteten häufiger über Sonnenschutzmaßnahmen. Als Gründe, sich nicht vor der Sonnenstrahlung zu schützen gaben die SchülerInnen Vergessen (34,4%), Bevorzugen gebräunter Haut (25,3%), einen natürlichen dunkleren Hautton (18%) und ein unangenehmes Gefühl durch Sonnencreme auf der Haut (11%) an. Von 6,9% wurde Sonnenschutz als zu anstrengend empfunden.

Die Studie von Petersen et al. [421] untersuchte vergleichend das Sonnenexpositionsverhalten von dänischen und spanischen Strandurlaubern auf Teneriffa (Spanien) sowie von dänischen und österreichischen Skifahrern in Wagrain (Österreich). Die Sonnenexposition wurde jeweils über sechs Tage mit Hilfe eines persönlichen, elektrischen UV-Dosimeters und über halbstündliche Tagebucheinträge bestimmt. Die Einträge zeigten, dass der Anteil an Dänen, die sich zwischen 13:00 und 17:00 Uhr am Strand aufhielten im Vergleich zu den Spaniern mehr als doppelt so hoch war. In dem Zeitintervall von 7:00 bis 18:30 Uhr verbrachten 68% der Dänen, und 57% der Spanier ihre Zeit draußen (p < 0,0001). Für das Zeitintervall von 12:00 bis 15:00 traf dies auf 92% der Dänen und 81% der Spanier zu (p = 0,0001). In beiden Zeitintervallen verbrachten die Dänen signifikant mehr Zeit im Freien als die Spanier (p < 0,0001). Die Auswertung der UV-Dosimeter bestätigte die Ergebnisse der Tagebucheinträge. Zudem exponierten dänische Strandbesucher 50% ihrer Haut der UV-Strahlung. Spanische Strandbesucher exponierten 44% ihrer Haut (p = 0,003). In dieser Erhebung wurde ein riskantes Sonnenexpositionsverhalten mit einer minimalen Exposition von 26,5% der Hautfläche des Oberkörpers definiert. Dänische Strandbesucher wiesen nach dieser Definition ein Risikoverhalten über 4,5 Stunden pro Tag auf. Bei den spanischen Strandbesuchern belief sich dieses auf 2,6 Stunden pro Tag (p < 0,0001)..

Eine Beobachtungsstudie zeigt, dass Schüler im Alter von 13 bis 18 Jahren häufiger Sonnenschutzhüte tragen, wenn die Wolkenbedeckung weniger als 50% beträgt (X²=12,85, p<0,05) und die Temperaturen über 20°C liegen (X²=8,27, p<0,05) [410].

Die Nutzung von Sonnencreme ist üblicher bei Frauen mit heller und oliv-farbener Haut als bei dunkelhäutigen Frauen. Frauen mit braunen Augen sowie dunkelhaarige Frauen nutzen Sonnencreme am seltensten. Frauen, die sensibel auf akute und chronische Sonneneinstrahlung reagieren, berichteten über eine häufigere Nutzung von Sonnencreme, als weniger empfindliche Hauttypen. Sonnencreme wird häufiger von Frauen genutzt, auf deren Haut sich nach dem Sonnenbaden Sommersprossen ausbilden. Die Sonnencremenutzung steigt mit der Anzahl kleiner, symmetrischer Nävi, die sich an Armen und Beinen von Frauen befinden. Frauen, die in ihrer Kindheit und Jugend jährlich mehr als vier Sonnenbrände hatten, verwenden häufiger Sonnencreme mit einem SPF ≥ 15. Sonnencreme mit einem SPF ≥ 15 wurde von 30% der befragten Frauen genutzt, die wenigstens eine Woche Urlaub zum Sonnenbaden in südlichen Ländern verbringen. Für Urlaub in nördlichen Regionen trifft dies auf 13% der norwegischen Frauen zu [406].

Dobbinson et al. [412] untersuchten den Einfluss der Eltern auf den Sonnenschutz von Kindern im Alter von null bis elf Jahren. Von den Eltern glaubten 88% sehr stark daran, dass ein Sonnenbrand während der Kindheit gefährlich ist. 43% stimmten einem weniger sonnenprotektiven Statement zu, wie etwa: das Kind zu schützen, ist zu aufwendig; Sonnenbräunung ist attraktiv; das Kind reagiert widerständig auf Hüte oder Sonnencreme. Benutzen die Eltern bestimmte Sonnenschutzmaßnahmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder mit entsprechenden Maßnahmen vor der Sonne geschützt werden. Eine Ausnahme bildet das Tragen langärmliger Kleidung durch die Eltern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sonnencreme mit einem Lichtschutzfaktor ≥ 15 genutzt wird, ist zwölfmal höher. Für das Tragen langer Hosen liegt das OR bei 10,3, der Aufenthalt im Schatten hat ein OR von 9,6 (p<0,001). Das Odds Ratio für das Tragen eines Hutes liegt bei 3,1 (p<0,01).

Der elterliche Einfluss auf das Sonnenschutzverhalten von SchülerInnen im Alter von acht bis 17 Jahren wurde von Reinau et al. [414] erhoben. Von den befragten Schülern gaben 52,5% an, dass Sonnenschutzmaßnahmen zuhause thematisiert werden und dass sie von ihren Eltern regelmäßig dazu aufgefordert werden, sich vor der Sonne zu schützen. Informiert werden weitere 18,5% der SchülerInnen durch ihre Eltern. In Familien mit einem geringeren Bildungslevel wird Sonnenschutz seltener thematisiert (p<0,0001). Zudem wird bei 41,1% der Drittklässler Sonnencreme durch die Eltern aufgetragen. 27,2% der SchülerInnen werden durch ihre Eltern an das Auftragen erinnert und führen dies selbstständig durch. An das Aufsuchen von Schatten erinnern die Eltern von 18,8% der SchülerInnen und 33,1% werden dazu ermutigt, ein T-Shirt als Sonnenschutz beim Schwimmen oder beim Spielen im Freien zu tragen.

5.2.4 Motive der Solariennutzung

Im Rahmen des Nationalen Krebshilfe-Monitoring zur Solariennutzung (NCAM) wurden Beweggründe für den Besuch eines Solariums erfragt. In der letzten Erhebungswelle 2018 wurde am häufigsten die Steigerung der Attraktivität als Motiv genannt (60,5%). 58,3% der Befragten gaben außerdem Entspannung als Grund für ihren Solariumbesuch an. Das Vorbräunen vor dem Urlaub nannten 52,3% der Teilnehmer als Motiv. 45,7% begründeten ihre Solariennutzung mit dem Wunsch nach Licht und Wärme, 29,8% nannten die Bildung von Vitamin D. Gesundheitsvorsorge wurde von 22,8%, Hauterkrankungen von 14% und ärztliche Empfehlung von 7,9% der Befragten als Grund angegeben. Die Angaben entsprechen weitestgehend den vorherigen Erhebungswellen, lediglich bei Entspannung, Licht und Wärme lässt sich ein leichter Rückgang, bei Vitamin D-Bildung ein leichter Anstieg verzeichnen.

5.3 Status Quo: Hautkrebsbezogenes Wissen, Vorstellungen und Einstellungen

E. Baumann, I.-M. Hübner, S. Weg-Remers, E. Grossmann

5.3.1 Wissen über Hautkrebs und Risikofaktoren der Bevölkerung

  • Grundlagenwissen über Risiken und Gefährdungspotenziale von UV-Strahlung, insbesondere Hautkrebs, ist in der deutschen Bevölkerung vorhanden.

Börner et al. [422] führten eine für die Gesamtbevölkerung Deutschlands ab 14 Jahren repräsentative Querschnittsbefragung zur UV-Risikowahrnehmung der deutschen Bevölkerung durch. Die Datenerhebung erfolgte über standardisierte Telefoninterviews von 1.501 Personen. Insgesamt zeigte die Befragung, dass das Wissen um UV-Risiken in der Bevölkerung vorhanden und realistisch ist. Die Einschätzung der Schwere von gesundheitlichen Folgen durch UV-Exposition (Hautkrebs, Hautalterung und Sonnenbrand) war insgesamt hoch ausgeprägt. Die Einschätzung der persönlichen Gefährdung durch UV-Exposition befamd sich im mittleren Bereich (bei Frauen höher und mit dem Alter abnehmend, keine Bildungsunterschiede). UV-Risiken sind im Alltag ebenfalls mit mittlerer Risikobewertung präsent. Trotzdem ist die Nutzenwahrnehmung der UV-Exposition insgesamt hoch: Über die Hälfte stimmten weitestgehend oder ganz zu, dass gebräunte Haut attraktiv ist und Sonne sich gut anfühlt, ob UV-Exposition gesund ist, wurde schon skeptischer gesehen (siehe Schlussfolgerungen zum Einfluss des Wissens unter 5.4.1)

Eichhorn et al. [423] führten eine telefonische Befragung zum Kenntnisstand von UV-Strahlung und Sonnenschutz durch. Dazu wurden 545 Personen zwischen 14 und 45 Jahren aus zwei bayerischen Landkreisen weitgehend offene Fragen gestellt. Frauen waren dabei leicht überrepräsentiert, während Jugendliche eher unterrepräsentiert waren. Im Allgemeinen sind 97% der Befragten Sonnenbrand und Hautkrebs als Folgen von UV-Strahlung bekannt, wohingegen Photoalterung eher wenig bekannt ist. Weiterhin ist bei fast allen Befragten allgemeines Wissen über Sonnenschutz vorhanden (98,5%). Sonnencreme wurde dabei am häufigsten genannt (91%), dann Kleidung (54%), begrenzter Aufenthalt im Freien (46%) und Meiden der Mittagssonne (45%).

Auch internationale Studien aus Nordirland [405] und den USA [424] zeigen, dass korrektes Wissen über Hautkrebs und dessen Risikofaktoren in der Bevölkerung vorhanden ist.

  • In verschiedenen Bevölkerungen sind Informationsdefizite bezüglich Prävalenz, Symptomatik, Früherkennung und Risikofaktoren des Malignen Melanoms zu erkennen. Es sind weiterhin nur unzureichende Kenntnisse über das Gefährdungspotenzial von Solarien und dessen gesetzlicher Regelungen zu erkennen (vor allem bei jungen Frauen). Für Deutschland liegen hierzu keine Kenntnisse vor.

Hajdarevic et al. [425] führten einen Ländervergleich des Bewusstseins über Risikofaktoren des Malignen Melanoms durch. Dazu wurden 8.355 Erwachsene über 50 Jahre in Dänemark, Norwegen, Schweden und Nord Irland telefonisch befragt. Die geringste Risikowahrnehmung besteht bei Sonnenbränden im Kindesalter (vor allem in Norwegen, nur 63%). Eine vergleichsweise hohe Risikowahrnehmung wurde hier bei der Solariennutzung und bei veränderten Muttermalen ermittelt (91% und 97%, Norwegen, Schweden und Nordirland geringer als Dänemark).

Boynton & Oxlad [426] untersuchten Wissen und Risikowahrnehmung hinsichtlich Solariennutzung und Melanomen bei jungen Frauen. Dazu wurden 27 junge Frauen (7 nutzen Solarien, 20 nicht) im Alter von 18 bis 26 Jahren in 6 Fokusgruppen/Gruppeninterviews in Australien interviewt. Im Allgemeinen ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Sonnenschutz gegeben, jedoch besteht ein Informationsdefizit bezüglich des Malignen Melanoms. Ein Informationsbedarf ist hier hinsichtlich der Prävalenz, Symptomatik, Früherkennung und der Risikofaktoren zu erkennen. Weiterhin ist bei den Teilnehmerinnen nur grobes Wissen über die gesetzliche Regulation von Solarien vorhanden. Ebenfalls mit Hilfe von qualitativen Methoden analysierten Gordon et al. [427] die Solariennutzung und dessen Problemwahrnehmung mit 22 Müttern und ihren 15 bis 17-jährigen Töchtern in den USA. Insgesamt ist die Problemwahrnehmung der Solariennutzung gegenüber anderen Formen des Risikoverhaltens (z.B. Rauchen) eher gering.

  • Bei Jugendlichen/ jungen Erwachsenen und Männern sind ein geringeres Wissen über Sonnenschutz und Hautkrebsprävention sowie eine geringere Risikowahrnehmung zu erkennen als bei Frauen und älteren Personen.

In der bereits oben erwähnten Studie von Eichhorn et al. [423] zeigen sich bei den analysierten Themenbereichen zum Kenntnisstand über UV-Risiken und Sonnenschutzverhalten in Bayern Geschlechtsunterschiede. Frauen zeigen insgesamt ein signifikant besseres Wissen und Sonnenschutzverhalten als Männer und Jugendliche.

Auch in einer internationalen Übersichtsarbeit (nicht systematisch) kommen Keeney et al. [428] zu dem Schluss, dass Frauen insgesamt ein höheres Wissen und Problembewusstsein als Männer bezüglich der Hautkrebsrisiken aufweisen. Butler et al. [429] bestätigen diese Ergebnisse für Großbritannien und Hajdarevic et al. [425] können die Geschlechtsunterschiede in einem Ländervergleich nachweisen, denn bei Männern wurde in allen Ländern eine geringere Risikowahrnehmung als bei Frauen ermittelt

Im Rahmen der Interventionsstudie von Kyle et al. [430] wurde die Risikowahrnehmung für verschiedene Krebsformen bei 478 Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren ermittelt. Die Jugendlichen wurden an vier verschiedenen Schulen in Großbritannien schriftlich dazu befragt. Insgesamt besteht ein geringes Bewusstsein bezüglich der Risikofaktoren für die Krebsentstehung. So nannten lediglich 52% der Teilnehmer Sonnenexposition als Risikofaktor. Ein geschlechtsspezifischer Unterschied war bei den Jugendlichen nicht zu erkennen.

  • Bei Eltern von Kindergartenkindern sind ein insgesamt gutes Wissen über Risikofaktoren von Hautkrebs, Sonnenschutz und sowie eine positive Einstellung zu Sonnenschutzmaßnahmen zu erkennen. Wissenslücken bestehen jedoch bezüglich des Risikos von dauerhafter intensiver Sonnenexposition sowie der vermeintlichen Schutzfunktion von Wolken.

Gefeller, Uter & Pfahlberg [431] führten drei Querschnittsbefragungen über eine Zeitspanne von 19 Jahren durch. Befragt wurden insgesamt 8.184 Eltern von 3 bis 6-jährigen Kindergartenkindern zu ihrem Wissen und ihren Vorstellungen über Hautkrebsrisiken. Im Allgemeinen ist zu erkennen, dass das Wissen der Eltern zunehmend spezifischer und korrekter hinsichtlich der Unterscheidung erwiesener und nicht-zutreffender Risikofaktoren für Hautkrebs wurde. So hat sich das Wissen um helle Haut/ blondes Haar sowie Sonnenbrand in der Kindheit als Risikofaktor um je 20% verbessert. Die Kenntnis, dass viele Muttermale als Risikofaktor gelten, ist um 19% gestiegen. Darüber hinaus verbesserte sich ebenfalls die Einstellung zum Sonnenschutzverhalten signifikant beim Vergleich der ersten und letzten Erhebungswelle. Sonnenschutz der Kinder wird von Eltern insgesamt als sehr relevant und erforderlich eingeschätzt. Dies betrifft vor allem den Sonnenschutz am Strand, in der Mittagssonne und bei Outdoor-Aktivitäten, während Sonnenschutz in der Abendsonne und an wolkigen Tagen als weniger relevant eingeschätzt wird. Wissenslücken, die im Zeitverlauf gewachsen sind, bestehen darin, dass eine dauerhafte und intensive Sonnenexposition als Risikofaktor für Hautkrebs unterschätzt wird und dass Wolken keinen hinreichenden Schutz vor UV-Strahlung in den Mittagsstunden liefern.

Die Übersichtsarbeit von Keeney et al. [428] zeigt, dass Eltern hinsichtlich des nötigen Sonnenschutzes ihrer Kinder gut informiert und sensibilisiert sind, was hauptsächlich auf Kampagnen und Aufklärungsprogramme zurückgeführt wird.

  • Eltern sehen sowohl Vorteile als auch Nachteile im Sonnenschutzverhalten für Kinder, wobei die Nachteile zum Teil überwiegen.

Eine australische Studie von Hamilton et al. [432] untersuchte das Wissen und die Einstellung von Eltern über Sonnenschutz bei Kindern. Es wurden 21 Elternteile (14 Mütter und sieben Väter) von zwei- bis fünf-jährigen Kindern in fünf Fokusgruppen befragt. Festgestellt wurde, dass Wissen über generelle Sonnenschutzempfehlungen für Kinder bei den Eltern im Groben vorhanden war. Die Eltern sehen verschiedene Vorteile von Sonnenschutzverhalten für sich und das Kind: Reduktion von Sonnenbrand und des Krebsrisikos, höheres Wohlbefinden für Kinder (kühler, mehr Zeit draußen verbringen können), frühzeitige Entwicklung gesunder Verhaltensroutinen, eigene Entlastung von Schuldgefühlen. Als Nachteile werden jedoch auch gesehen: Schutzmaßnahmen unbequem oder unangenehm für das Kind, eigene Unannehmlichkeiten (z.B. zeitlich aufwändig, Reaktanz der Kinder überwinden, teuer, Verschmutzung der Kleidung), gesundheitlich (Sonnenschutz limitiert Aufnahme von Vitamin D). Insgesamt überwiegen bei den wahrgenommenen Barrieren häufig jene, die aus der Interaktion mit dem Kind resultieren.

5.3.2 Zusammenhang von Wissen, Vorstellungen und Einstellungen mit dem Sonnenschutzverhalten

  • Über den Zusammenhang des Wissens über Risiken von UV-Strahlung und Hautkrebsprävention kommen Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen. Insgesamt ist höheres Wissen mit stärker ausgeprägtem Schutzverhalten in Teilen der Bevölkerung assoziiert. Wissen ist jedoch kein verlässlicher Prädiktor für höheres Schutzverhalten und geringeres Risikoverhalten. Vor allem bei hoher Nutzenwahrnehmung des Sonnenbadens und einer positiven Einstellung zu gebräunter Haut wird Risikoverhalten trotz besseren Wissens praktiziert.

Das systematische Review von Day et al. [433] ermittelt den Zusammenhang des Wissenstands der Bevölkerung über Hautkrebs mit Sonnenschutz- und –expositionsverhalten. Dazu wurden 34 internationale Studien durch die systematische Literaturrecherche eingeschlossen. Insgesamt weisen die Studien darauf hin, dass Sonnenschutzverhalten mit höherem Wissen über Hautkrebs assoziiert ist (22 von 33 Artikeln). Für andere Formen des Sonnenexpositionsverhaltens sind die Befunde nicht konsistent: Sechs Studien untersuchten die Rolle des Wissens für das Sonnenexpositionsverhalten, wobei je einmal ein positiver und ein negativer Zusammenhang neben vier nicht signifikanten Ergebnissen gefunden wurde. Außerdem liegen zehn Studien vor, von denen drei einen positiven Zusammenhang, eine einen negativen Zusammenhang und sechs keinen Zusammenhang zwischen Wissen und dem Bräunungsverhalten der Bevölkerung identifizieren konnten.

Butler et al. [429] ermittelten das Sonnenschutz- und -expositionsverhalten von 1000 Hausarztpatienten. Die 16-39-Jährigen, bei denen ein geringeres Wissen über Hautkrebsprävention identifiziert wurde, berichten dabei über eine höhere Sonnenexposition, eine höhere Sonnenbrandwahrscheinlichkeit und ein geringeres Sonnenschutzverhalten im Vergleich zu den anderen Altersgruppen. Auch das Betroffensein von Hautkrebs (eigene oder im familiären Umfeld) ist nicht mit einem höherem Sonnenschutzverhalten oder einer niedrigeren Sonnenbrandwahrscheinlichkeit assoziiert. Nur Frauen zeigen in Teilen ein ausgeprägteres Sonnenschutzverhalten als Männer. In den meisten Fällen, in denen Sonnencreme nicht aufgetragen wird, liegt dies jedoch nicht an mangelndem Wissen oder dem Preis der Sonnencreme, sondern es wird einfach vergessen.

Die Übersichtsarbeit von Keeney et al. [428] stellte ein insgesamt hohes Wissen der Bevölkerung über UV-Strahlung als Risikofaktor von Hautkrebs fest, wobei dieses bei Frauen höher ausfällt als bei Männern. Das Wissen wird jedoch häufig nicht in entsprechendes Verhalten umgesetzt. Frauen zeigen zwar ihrem erhöhten Wissen gemäß ein besseres Schutzverhalten als Männer, jedoch ist hier ebenfalls ein höheres Risikoverhalten festzustellen (bewusstes Sonnenbaden und Solarien).

Börner et al. [422] ermittelten in ihrer Querschnittsstudie einen hohen Wissensstand der deutschen Bevölkerung über UV-Risiken und Folgen. Jedoch befindet sich die Einschätzung der persönlichen Gefährdung durch UV-Exposition sowie die Präsenz von UV-Risiken im Alltag lediglich im mittleren Bereich. Die Nutzenwahrnehmung der UV-Exposition ist stark ausgeprägt: Gebräunte Haut ist attraktiv und Sonne fühlt sich gut an.

  • Es gibt widersprüchliche Studienergebnisse hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Wissen von Eltern über UV-Strahlung und dem Sonnenschutzverhalten bei ihren Kindern. Zum Teil wirken die von den Eltern wahrgenommenen Nachteile des Sonnenschutzes dem potenziell positiven Einfluss des Wissens auf das Verhalten entgegen. Insgesamt ist jedoch ein intensiveres Sonnenschutzverhalten bei Eltern mit hohem Wissen erkennbar.

Die bereits oben aufgeführte Studie von Hamilton et al. [432] stellte fest, dass Wissen über Sonnenschutzempfehlungen für Kinder bei Eltern im Groben vorhanden ist, jedoch nicht adäquat umgesetzt wird. Beim Sonnenschutz wird entgegen der Empfehlungen nach Jahreszeit unterschieden und sich auf den Sommer fokussiert. Weiterhin scheinen die wahrgenommenen Nachteile der Durchführung von Sonnenschutzmaßnahmen zum Teil zu überwiegen, vor allem was die Interaktion mit dem Kind betrifft.

Die bereits erwähnte Übersichtsarbeit von Keeney et al. [428] bietet einen Forschungsüberblick hinsichtlich des Wissens über Risikofaktoren und das Schutzverhalten von Hautkrebs. Dabei zeigte sich bei Eltern ein hohes Wissen bezüglich des Sonnenschutzes bei Kindern. Dieses geht damit einher, dass Eltern bei ihren Kindern ein intensiveres Sonnenschutzverhalten praktizieren als bei sich selbst. Für das bei den Kindern praktizierte höhere Sonnenschutzverhalten der Eltern werden vor allem Kampagnen und Aufklärungsprogramme verantwortlich gemacht.

5.3.3 Quellen der Informations- und Wissensbeschaffung

  • Medien stellen die zentrale Informationsquelle zu Hautkrebs, UV-Strahlung und Sonnenschutz für Erwachsene dar.

Butler et al. [429] ermittelten die von 1000 Hausarztpatienten in Bezug auf Hautkrebs relevantesten Informationsquellen. 70% der Befragten gaben Medien als wichtigste Informationsquelle an und nur 7% den Arzt. Bei von Hautkrebs Betroffenen wird der Arzt von 15% der Befragten als wichtigste Informationsquelle genannt.

In der bereits erwähnten bayrischen Studie führten Eichhorn et al. [423] Telefoninterviews zum Thema UV-Strahlung und Sonnenschutz durch und fragten dabei auch die Informationsquellen der Teilnehmer ab. Dabei nannten 80% der Befragten Medien als zentrale Informationsquelle, dahinter nannten 49% den Arzt/ Apotheker, Bekannte/ Familie (47%), Beruf/ Schule (32%), Fachliteratur (25%), Kampagnen (9-10%).

Eine Studie in Nordirland [405] ermittelte die zentralen Informationsquellen zu Sonnenschutz von Personen ab 16 Jahren. Der Fernseher stellt dabei mit 79% die am häufigsten genannte Informationsquelle dar, gefolgt von Zeitschriften (52%), Zeitungen (49%), Ärzten (35%), Familie und Freunde (31%). Frauen zeigen insgesamt ein höheres Informationsverhalten als Männer.

  • Die Informationsqualität von YouTube-Videos ist häufig gering. In Teilen wird irreführend oder falsch informiert, z.B. über Vitamin D und Sonnenschutzmaßnahmen.

Ruppert et al. [434] untersuchten YouTube-Videos als Informationsquelle für Sonnenschutzverhalten und Hautkrebs. Dazu wurden 281 internationale Videos in sechs Sprachen bewertet. Insgesamt werden englischsprachige Videos deutlich häufiger genutzt und haben eine höhere Resonanz in der Bewertung als anderssprachige. Länderübergreifend wurden Videos zu Vitamin D am häufigsten angeschaut, gefolgt von Videos über Sonnencreme, Solarien, Hautkrebsprävention und Sonnenschutz. In lediglich 57% der Videos werden negative Folgen der UV-Strahlung thematisiert. Videos zu Sonnenbänken und Sonnencreme beinhalteten in 17 bzw. 36% der Fälle falsche oder irreführende Informationen (z.B. Solarien für Vitamin D). In den Videos zum Sonnenschutz (n=183) wird Sonnencreme am häufigsten erwähnt (77%). Von den Videos zu Hautkrebsprävention (n=57) wird in 51% die Früherkennungsuntersuchung durch einen Arzt und in 42% die Selbstuntersuchung der Haut empfohlen, 37% erwähnen Symptome und 39% verweisen auf steigende Hautkrebsraten, 37% weisen auf Sonnenbrand als Risikofaktor hin. Fast alle (94%) der Videos über Vitamin D empfehlen (i.d.R. solare) UV-Strahlung zur Eigensynthese von Vitamin D, nur 57% weisen darauf hin, dass diese begrenzt sein sollte. Verweise auf Risikogruppen (Kinder, Menschen mit heller Haut, Hautkrebs in der Familie) fanden sich in einem Drittel der Videos, vergleichsweise häufiger in Deutschen und Spanischen. 77% der Videos richten sich an Erwachsene; 26% (auch) an Heranwachesende, 9% an Kinder als Zielgruppe. Medizinische Experten waren in 37% der Videos zu sehen, am häufigsten in deutschen (64%). Wissensvermittlung schien in 72% der Videos im Vordergrund zu stehen, in 32% eher Aufmerksamkeitssteigerung

Forschungsbedarf

Die Studienlage zu den Informationsquellen der Bevölkerung ist insgesamt eher schwach, Erkenntnisse basieren fast ausschließlich auf Querschnittstudien und können damit nicht als empirisch abgesichert gelten. Es besteht Bedarf nach theoretischer Fundierung und höherer methodischer Qualität, denn es werden sehr unterschiedliche Indikatoren zur Messung ähnlicher Konstrukte verwendet, was die Etablierung von Standards und Skalen nötig macht. Erkenntnisse basieren primär auf wenig komplexen Analysen (deskriptiv, bivariat), die wenig Tiefenschärfe erzeugen. Es fehlt an systematischen Reviews und speziell für Deutschland an einer umfassenden Datengrundlage, da die Übertragbarkeit aus Ländern mit gänzlich anderen Rahmenbedingungen (UV-Intensität; Hauttypen in der Bevölkerung) als begrenzt angenommen werden kann.

5.4 Maßnahmen der primären Prävention für die Bevölkerung

Überarbeitung: Das Kapitel wurde in Zusammenarbeit der AG Primäre Prävention und der AG Informationsgrundlage Bevölkerung erstellt. Unter jeder Empfehlung ist die verantwortliche AG vermerkt.

5.21 · Konsensbasiertes Statement · neu 2020

Maßnahmen der primären Prävention von Hautkrebs setzen weit vor der Entstehung einer Erkrankung an und zielen darauf ab, Risikofaktoren für das Auftreten von Hautkrebs zu reduzieren. Daher werden zur Bewertung von primärpräventiven Maßnahmen folgende Risikofaktoren und –indikatoren als intermediäre Endpunkte als relevant betrachtet:

  • Sonnenschutz- und Bräunungsverhalten, die Benutzung von Solarien etc.
  • Wissen, Einstellungen zu Hautkrebs, Sonnenschutz und Exposition
  • Anzahl an Naevi
  • Anzahl an Sonnenbränden

Die meisten Studien in der Primärprävention konnten nur diese intermediären Endpunkte beeinflussen. Wegen des langen zeitlichen Vorlaufes bis zur Entstehung von Hautkrebs und multipler weiterer Einflussfaktoren (Confounder) ist es extrem schwierig, wenn nicht unmöglich, den Effekt präventiver Interventionen zur Senkung der Hautkrebs-Häufigkeit zu beurteilen.

Wenn in der Folge evidenzbasierte Empfehlungen gegeben werden, bezieht sich die entsprechende Evidenz ausschließlich auf die o.a. intermediären Endpunkte, nicht auf das Hautkrebs-Risiko selbst. Weil die geschilderten Risikomarker das Hautkrebs-Risiko erhöhen, geht die Leitlinie-Gruppe von einem Nutzen aus.

AG Primäre Prävention

Ein weiterer häufig betrachteter Endpunkt von Maßnahmen der primären Prävention ist die Intention einer Verhaltensänderung, der besonders bei Interventionen, die an psychosozialen Parametern ansetzen, zum Einsatz kommt. Allerdings ist diese Messgröße sehr ungenau, da durch eine Veränderung der Verhaltensintention nicht unbedingt auch eine Verhaltensänderung vorhergesagt werden kann (Intention-behavior-gap).

Im Rahmen der Leitlinie wird sich auf die folgenden drei Ansatzpunkte fokussiert:

  • Veränderung des Wissens
  • Veränderung von Verhalten (Verhaltensprävention)
  • Veränderung von Verhältnissen (Verhältnisprävention).

5.4.1 Wissensbezogene Maßnahmen

Erfolgreiche Wissensvermittlung über die Wirkung von UV-Strahlung und über ein adäquates UV-Schutzverhalten ist eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Komponente der verhaltensbezogenen Primärprävention.

Im Hinblick auf Wissensvermittlung zum Thema Wirkungen von UV-Strahlung und UV-Schutzmaßnahmen liegt Evidenz dafür vor, dass eine signifikante Verbesserung des Wissensstandes mit unterschiedlichen Methoden und bei verschiedenen Zielgruppen erfolgreich möglich ist. Zumindest einige Studien belegen auch eine gewisse Nachhaltigkeit der Verbesserung des Wissensstandes.

5.22 · Evidenzbasiertes Statement · modifiziert 2020

Edukative Maßnahmen zu UV-Strahlung und Schutzmaßnahmen in Kindergärten oder Schulen können Wissen zu UV-Schutz verbessern.

AG Primäre Prävention

Evidenzlevel
1+

bis


2+
Literatur
[435] [387] [436] [437] [438] [439]

Bränström et al. [436] zeigten in einer randomisierten kontrollierten Studie, dass bei erwachsenen zufallsrekrutierten Teilnehmern aus dem schwedischen Bevölkerungsregister mit Hilfe von Broschüren zum Sonnenschutz ein signifikanter Anstieg des Wissens und eine Abnahme der positiven Einstellung zum Sonnenbaden und Bräunen insbesondere bei jüngeren Frauen erreicht werden konnte [436]. Ein Follow-Up bezüglich der Nachhaltigkeit der Intervention wurde nicht durchgeführt.

Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Studie von Buller et al. [435] zeigten bei Schulkindern im Alter von fünf bis 13 Jahren einen signifikanten Wissenszuwachs durch computerbasierte Instruktionen zum Sonnenschutz, der in Verbindung mit einer einstündigen Präsentation durch die LehrerInnen noch verstärkt wurde [435]. Auswirkungen auf das Sonnenschutzverhalten waren allerdings fraglich und nur bei jüngeren Kindern und nur in der Kombinationsgruppe (computerbasierte Instruktionen mit zusätzlicher Präsentation durch LehrerInnen) signifikant.

Gritz et al. [437] stellten in einer randomisierten kontrollierten Studie im Rahmen der Kampagne „Sun Protection is Fun!“ fest, dass mit Hilfe von Trainingseinheiten, einem Video, einem Newsletter und einem Curriculum der Kenntnisstand zum Sonnenschutz bei Vorschul-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch noch zwei Jahre nach Ende der Intervention signifikant verbessert war [437]. Diese Verbesserung des Kenntnisstandes war verbunden mit einer Verbesserung des Sonnenschutzverhaltens (Nutzung von Sonnencreme, textiler Sonnenschutz, Aufsuchen von Schatten).

Loescher et al. [387] zeigten in einer randomisiert kontrollierten Studie, dass bereits bei vier bis fünf-jährigen Vorschulkindern mit Hilfe eines der Altersgruppe angepassten Curriculums Wissen und Verständnis über Sonnenschutz gegenüber einer Kontrollgruppe verbessert werden können. Die Studie zeigt allerdings auch, dass Kinder dieser Altersgruppe allein und ohne die Hilfe Erwachsener nicht in der Lage sind, dieses theoretische Wissen in praktisches Verhalten umzusetzen [387].

Eine ebenfalls schulbasierte Kampagne, in der Jugendliche als Wissensvermittler für jüngere MitschülerInnen eingesetzt wurden und Vorträge zum Thema UV-Schutz hielten, zeigte einen signifikanten Wissenszuwachs noch sechs Monate nach Ende der Intervention (kontrollierte Vorher-Nachher-Studie, untersuchter Endpunkt Wissensvermittlung) [439].

Bastuji-Garin et al. [438] zeigten in einer Interventionsstudie eine signifikante Verbesserung des Wissens bei neun-jährigen Kindern noch drei Monate nach einer vier-wöchigen schulbasierten Kampagne unter Verwendung von Unterrichtsmaterialien, welche mit Hilfe von Dermatologen und Gesundheitsexperten erstellt wurden [438]. Diese Wissensverbesserung war verbunden mit verbessertem Sonnenschutzverhalten (Nutzung von textilem Sonnenschutz und Sonnencreme sowie Vermeidung von Aufenthalten im Freien während der sonnenintensivsten Tageszeit) nach der Intervention verglichen mit dem Verhalten vor der Intervention.

5.23 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

UV-Risikokommunikation sollte alltagsrelevante Aspekte, die subjektive Nutzenwahrnehmung der UV-Exposition und das Schönheitsideal gebräunter Haut adressieren. Einen wichtigen Ansatzpunkt der Kommunikation sollten gesellschaftliche Idealvorstellungen und Verhaltensroutinen hinsichtlich gebräunter Haut und Sonnenbaden bilden.

AG Informationsgrundlage Bevölkerung

Börner et al. [422] zeigten durch ihre Querschnittsstudie zu Wissen, Vorstellungen und Einstellungen von Erwachsenen im Hinblick auf die UV-Risikowahrnehmung, dass ein hoher Wissensstand der deutschen Bevölkerung über UV-Risiken und Folgen nicht automatisch zu einem gesteigerten Schutzverhalten führt. Die Nutzenwahrnehmung, d.h. dass beispielsweise gebräunte Haut attraktiv ist und Sonne sich gut anfühlt, wird gegenüber der Einschätzung des persönlichen Risikos abgewogen. Sie beeinflusst das Verhalten unabhängig vom Wissensstand.

Boyton & Oxlad [426] befragten jungen Frauen in Fokusgruppen bezüglich ihrer Empfehlungen für Kampagnen, die eine Verhaltensänderung erzielen wollen. Diese berichteten, dass zusätzliches Wissen nur bedingt zu ihrer Verhaltensänderung beitragen würde und dass ein Wandel im gesellschaftlichen Schönheitsideal notwendig sei.

5.24 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Das mediale Informationsangebot zur Hautkrebsprävention soll qualitativ und quantitativ ausgebaut werden, da Medien die wichtigste Informationsquelle für Erwachsene darstellen.

AG Informationsgrundlage Bevölkerung

Butler et al. [429] ermittelten die von 1.000 HausarztpatientInnen in Bezug auf Hautkrebs relevantesten Informationsquellen. Für 70% der Befragten stellen Medien die wichtigste Informationsquelle dar, während nur 7% den Arzt als solche angeben.

5.25 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Die digitale Medienkompetenz als Teil der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung sollte gefördert werden, um gezielter Informationen zu Hautkrebs und Hautkrebsprävention zu finden, zu verstehen und in ihrer Qualität beurteilen zu können.

AG Informationsgrundlage Bevölkerung

Medien, vor allem das Internet, sind wichtige Informationsquellen über Hautkrebsrisiken und Schutzverhalten, aber die Inhaltsqualität ist teils gering (siehe z.B. [434]). Bevölkerungsteile, die das Internet als erste Informationsquelle nutzen, stellen in Studien zum Gesundheitsinformationsverhalten einen hohen Anteil dar. Der angemessene Umgang mit und die Bewertung von Informationen sind dabei jedoch für weitere Bevölkeru.ngsteile schwierig. Den Aussagen der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge bedarf die Medienkompetenz einer Förderung durch pädagogisch gestaltete Lerngelegenheiten, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Hierbei sollte das verfolgte Ziel sein, dem Individuum einen sachgerechten, selbstbestimmten, kreativen und sozial verantwortlichen Umgang in Medienzusammenhängen nahe zu legen. In der Folge kann das Individuum mit der gewonnenen Medienkompetenz kulturelle sowie politische Teilhabe ausüben [440].

5.26 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Erziehungsberechtigte mit Kindern im Kindergartenalter sowie Erzieher, Lehrer und Leiter von Kindertagesstätten sollen über die UV-Strahlung als Risikofaktor für Hautkrebs und über die unzureichende Schutzfunktion von Wolken vor UV-Strahlung aufgeklärt werden.

AG Informationsgrundlage Bevölkerung

Gefeller, Uter & Pfahlberg [431] führten drei Querschnittsbefragungen über eine Zeitspanne von 19 Jahren durch. Dabei wurden Eltern von Kindergartenkindern zu ihrem Wissen und Vorstellungen von Hautkrebsrisiken befragt. Wissenslücken waren lediglich hinsichtlich einer dauerhaften und intensiven Sonnenexposition als Risikofaktor für Hautkrebs sowie einer überschätzten Schutzfunktion der Wolken vor UV-Strahlung in den Mittagsstunden zu erkennen. In einer Untersuchung von Buller et al. [441] zeigte sich darüber hinaus, dass ErzieherInnen, LehrerInnen und LeiterInnen von Kindertagesstätten ebenfalls eine bedeutsame Rolle in der Wissensvermittlung zukommt und deren Wissenstand verbesserungswürdig ist.

Hamilton et al. [432] zeigten durch Befunde von Fokusgruppen, dass ein Abwägen von Vorteilen und Nachteilen zum Sonnenschutz bei Kindern bei den Eltern stattfindet. Dabei scheinen die Nachteile, die vor allem die Interaktion mit dem Kind betreffen (Sonnenschutzmaßnahmen sind unbequem und unangenehm), zum Teil zu überwiegen.

5.4.2 Verhaltenspräventive Maßnahmen

5.4.2.1 Konzeptionelle und kommunikationsbezogene Gestaltung von Maßnahmen

Konzeptionelle Gestaltung

5.27 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Interventionen, die auf eine nachhaltige Beeinflussung des Verhaltens abzielen, sollen aus mehreren Komponenten bestehen, intensiv und auf Wiederholung angelegt sein.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1++

bis


2+
Literatur
[442] [443] [437] [444] [445] [446]

Buller und Borland [442] untersuchten 24 Sonnenschutzprogramme für Kinder unter 14 Jahren. Kurzzeit-Interventionen wie einzelne Unterrichtsstunden oder Besuche von Informationstagen („sun safety health fair“) waren zwar geeignet, das Wissen über Sonnenschutz zu verbessern, hatten jedoch geringen Einfluss auf Einstellung und Verhalten. Wirkungsvoller waren intensivere mehrtägige bis mehrwöchige Interventionen, in denen Vortragsreihen, Informationsmaterialien, Arbeitshefte u. a. kombiniert wurden [442].

Dietrich et al. [443] berichteten über ein zweijähriges Multikomponenten-Programm „SunSafe“, in dem in mehreren Kommunen Schulen, Kindergärten, Arztpraxen und Freizeiteinrichtungen einbezogen waren. Das Sonnenschutzverhalten von Kindern konnte erfolgreich gefördert werden. Dieser Effekt wurde durch eine zweite, weniger intensive Auffrischungskampagne verstärkt [443].

Im Hinblick auf Verhaltensbeeinflussung vergleichsweise erfolgreiche Programme wie „Kidskin“ [446] oder „SunSafe“ [443] sowie die auf Erzieherinnen und Erzieher in Vorschulen abgestellte zwei-jährige Intervention „Sun Protection Is Fun“ [437] sind längerfristig angelegt. Sie kombinieren unterschiedliche Komponenten, z. B. altersspezifische Lehrpläne, Trainingseinheiten für Lehrer und Bademeister am Strand, Informations- und Schulungsmaterial, Poster, computergestützte Unterrichtsmodule u. a. und binden Eltern und sonstige Aufsichtspersonen ein [444].

Weinstock et al. belegen moderate aber nachhaltig positive Wirkungen einer zweijährigen Multikomponenten-Intervention mit Informationsmaterial, Sonnencreme, persönlichem Test der Sonnenempfindlichkeit und einem schriftlichen und mündlichen Feedback bei Strandbesuchern. Das berichtete Sonnenschutzverhalten verbesserte sich in der Interventionsgruppe im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, wobei der Effekt in der Altersgruppe der 16-24-Jährigen am stärksten ausgeprägt war [445].

Die einmalige Versorgung von Eltern kleiner Kinder mit Informationsmaterial reicht offenbar nicht aus, um das Sonnenschutzverhalten signifikant zu beeinflussen, auch nicht, wenn dies mit Bereitstellung kostenloser Sonnencreme verbunden ist [447]. Eine auf den Schwimmunterricht von Grundschulkindern beschränkte Intervention - bestehend aus drei bis fünf-minütigen Lektionen vor dem Schwimmunterricht in Kombination mit Informationsmaterial zur häuslichen Nutzung war ebenfalls nicht geeignet, Sonnenschutzverhalten und Bräunung zu beeinflussen [448].

Daher muss das besondere Augenmerk auf Strategien gelegt werden, die eine möglichst nachhaltige Verhaltensänderung bewirken. Aus den vorliegenden Studien lässt sich „die“ erfolgreiche Interventionsstrategie nicht ableiten. Dazu sind die Ansätze und Methoden zu vielfältig. Der Anteil einzelner Komponenten am Gesamterfolg von Multi-Komponenten-Kampagnen lässt sich nicht bestimmen. Auch fehlt es häufig an Evidenz zur Nachhaltigkeit beobachteter Effekte sowie zur Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse. Dennoch lassen sich einige grundsätzliche Empfehlungen herausarbeiten.

5.28 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2020

Interventionen zu Verhaltensänderungen sollten sowohl auf Verhaltenstheorien basieren als auch die vorliegende Evidenz berücksichtigen.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1+

bis


2++
Literatur
[442] [449] [450] [451] [452]

Die Studien liefern Hinweise darauf, dass eine theoretische Fundierung der Programmkonzepte wichtig und sinnvoll ist. Laut Garside et al. [449], die ein systematisches Review qualitativer Studien durchführten, liefern vor allem die Elemente des Health-Belief-Modells einen kohärenten und vielen Interventionen zugrundeliegenden theoretischen Rahmen, aus dem die Barrieren der Informationsaufnahme über das Schutzverhalten zur Prävention von Hautkrebs abgeleitet werden können. Zudem liefert das Modell Ansatzpunkte für die Gestaltung der Botschaften. Zum Beispiel sind fehlendes Wissen, geringe Risikowahrnehmung oder die Wahrnehmung von Sonnenbräunung als gesund und attraktiv wichtige Barrieren des Sonnenschutzverhaltens, die in Kampagnen addressiert werden können [449]. Auch Glanz et al. [450] bezogen zur Messung der Wirksamkeit des personalisierten Feedbacks die Konstrukte wie Risikowahrnehmung, Kosten- und Nutzen-Abwägungen der Verhaltensänderung, handlungsrelevantes Wissen und Kompetenzen sowie soziale Normen als mediatisierende Variablen ein, die aus dem Health-Belief-Model und der sozialkognitiven Theorie abgeleitet wurden [450].

Kenntnisse über die Risiken von UV-Strahlung und Wissen darüber, wie man sich schützen kann, sind eine notwendige Voraussetzung für angemessenes Sonnenschutzverhalten, jedoch nicht ausreichend für eine konsequente Umsetzung in praktisches Handeln [442]; [449]; [387].

In einer webbasierten Intervention stellen White et al. [452] eine einmalige web- und theoriebasierte Intervention, die auf Änderungen psychosozialer Variablen sowie Informationen zum richtigen UV-Schutzverhalten enthält, vor, die sich vorteilhaft gegenüber einer Kontrollgruppe zeigt, in der lediglich Informationen zum UV-Schutz vermittelt wurden.
 
Kommunikationskanäle

5.29 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2020

Maßnahmen zur Vermittlung der primären Prävention von Hautkrebs sollten multimedial und interaktiv gestaltet sein und mehrere Kommunikationskanäle integrieren.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1++

bis


3
Literatur
[453] [454] [450] [455] [456] [457] [458] [459]

Es gibt Hinweise in der Literatur, dass die mehrfache sowie multimediale Ansprache von Erwachsenen zu besseren Effekten führt. So wurde in mehreren Studien belegt, dass die mehrfache Vermittlung eine Erhöhung des Sonnenschutzwissens, der Selbstwirksamkeit beim Sonnenschutzgebrauch und der Sonnenvermeidung nach sich zieht. Diese Effekte waren signifikant unterschiedlich zu den Ergebnissen der jeweiligen Kontrollgruppe. [450]; [455]; [460]. Zudem scheint die multimediale Kommunikation (z. B. Videos) rein textbasierter Kommunikation in ihrer Effektivität überlegen zu sein [461]. Das Aufstellen eines Multimedia-Informationsstandes mit einem Touchscreen an zentralen Anlaufstellen (Stadtapotheke, Bibliothek, Gesundheitszentrum) erzielte allerdings keine Verbesserungen in Wissen, Einstellung und Verhalten [456]. Es gibt jedoch keine Evidenz für die generelle Überlegenheit von Bildern gegenüber Texten in der Kommunikation [462]. Boer et al. [457] zeigten, dass bei der Aufklärung über Hautkrebs durch Slogans und über Anzeigen sowohl zusätzliche Textbausteine als auch zusätzliche Bilder das Wissen über Sonnenschutzmaßnahmen erhöhten.

Bereits für einzelne Kommunikationsmittel wie (Werbe-)Anzeigen gilt, dass durch einen kombinierten Einsatz von Bildern und Textbausteinen bei jungen Erwachsenen im Vergleich zu solchen Anzeigen, in denen zusätzlich zu einem Slogan und Logo nur Bilder oder nur Textelemente verwendet werden, positive Interaktionseffekte nachgewiesen werden können. Hierdurch kann das Wissen über die Folgen einer übermäßigen Sonnenexposition erhöht und die Wahrnehmung der Vorteile eines Sonnenschutzverhaltens verbessert werden. Gleichzeitig werden solche Anzeigen mit Text-Bild-Kombinationen als attraktiver wahrgenommen und die Reflexion über die Anzeige wird intensiviert [457]. Bei der Bewertung dieser Befunde sollten jedoch angesichts der Laborsituation und der den Probanden zur Bewertung vorgelegten Vielzahl an Anzeigen die eingeschränkte externe Validität des Experiments sowie angesichts der ausgeprägten Wahrnehmung der Vorteile des Schutzverhaltens auch in der Kontrollgruppe Anzeichen für einen Sättigungs-Effekt („Ceiling-Effect“) bedacht werden.

Auch im Hinblick auf Bildungs- und Schulungsprogramme deuten die hier berücksichtigten Studien darauf hin, dass im Vergleich zur Informationsdarbietung nur über einen Sinneskanal ohne Möglichkeit zur Selektion und Rückkopplung durch den Rezipienten die kommunikative Ansprache über mehrere Sinneskanäle (Text, Grafik/Foto, bewegtes Bild/Animation) sowie zusätzlich die Mensch-Computer-Interaktion in der Schulungssituation die Wahrscheinlichkeit einer tiefergehenden Auseinandersetzung bzw. höheren Verarbeitungstiefe der Informationen und damit die Vermittlungsleistung steigern. Zudem sollten mediale und interpersonale Formen der Ansprache kombiniert werden, da dies die Kommunikationsleistung erhöht.

Die wiederholte multimediale Gesundheitsschulung mit Animationen, Fotos und kurzen Informationen in klinischen Einrichtungen führt bei Risikopersonen zu besseren Kenntnissen über Melanome und verbessertem Sonnenschutzverhalten [459]. Für Jugendliche konnte nachgewiesen werden, dass eine zweimalige interaktive PC-Schulung in klinischen Einrichtungen in Kombination mit vier Telefoninterviews mit Gesundheitsberatern in einem Zeitverlauf von 24 Monaten einen positiven Einfluss auf das Schutzverhalten hat, wobei die Entscheidungsbalance als Mediatorvariable wirkt [453]. Auch in anderen gesundheitsbezogenen Settings wie einer Apotheke wurden bereits multimediale interaktive Schulungs- bzw. Interventionsprogramme mit moderaten Ergebnissen realisiert [456].

Mehrfache Kommunikation erzielt bei der Veränderung von Risikoverhalten bessere Effekte als das einmalige Überreichen einer Standardbroschüre [450]; [455].

Multimediale interaktive Schulungsmaterialien ließen sich auch settingbezogen in der Primärprävention bei Kindern der dritten und vierten Klasse effektiv einsetzen. Hornung et al. [454] konnten zeigen, dass die Informationsvermittlung durch eine CD-ROM gegenüber lehrergeführten didaktischen Interventionen mit Broschüren einen positiven Effekt auf Wissens- und Einstellungsebene entfalten kann [454]. Hinweise auf die Überlegenheit multimedialer Formen der Darbietung (Video) gegenüber konventionellen Wegen über Broschüren finden sich auch bei Idriss et al. und Janda et al. [461]; [463].

Die positive Wirkung solcher Präventionsprogramme kann auf Grundlage der vorhandenen Studien jedoch nur für komplexe Schulungsprogramme angenommen werden, die verschiedene textliche, visuelle und audiovisuelle Elemente integrieren. In vielen Studien [453]; [459]; [456]; [458] wurden die Programme nicht gegen die Wirkung anderer Programmprofile (andere Vermittlungskanäle oder andere Formen oder Kombinationen der Informationsdarbietung und -aufbereitung) getestet, sodass auf dieser Grundlage – trotz des teilweise hohen Levels of Evidence der Studien – keine Aussagen darüber möglich sind, welche Maßnahmen bzw. welche Bestandteile eines Schulungsprogramms genau eine Wirkung entfalten und welche nicht zu einer Verbesserung des Wissens, der Einstellungs- und Verhaltensparameter beitragen. Bei Studien, in denen zwar unterschiedliche Formen und Wege der Informationsdarbietung miteinander verglichen werden, z. B. [454]; [461]; [463]; [456], könnten wiederum andere Verzerrungsfaktoren gewirkt haben, die sich auch in dem geringeren Level of Evidence niederschlagen. Zudem liefern auch diese Studien nur Hinweise auf die Wirkung eines komplexen und mehrteiligen Maßnahmenbündels, sodass keine Aussage über den potenziellen präventiven Einfluss einzelner Bestandteile möglich ist.

Gestaltung von Botschaften

Aus verschiedenen Studien zu Präventionskampagnen zum Sonnenschutzverhalten lassen sich Hinweise zu Auswahl effektiver Botschaftsstrategien ableiten. Die Wirkung der unterschiedlichen Gestaltung von Botschaften auf eine Verhaltensänderung ist nicht eindeutig belegt. Aus diesem Grund wird von einer Empfehlung abgesehen.

Gallagher et al. 2012 haben Botschaften in Bezug auf das Framing, d.h. die unterschiedlichen Formulierungen einer Botschaft bei gleichem Inhalt untersucht. Sie konnten in einer Meta-Analyse zu den Effekten von Gewinn- und Verlust-Framing zeigen, dass Gain-framed Botschaften effektiver sind, um präventives Verhalten insbesondere bezüglich Hautkrebs zu fördern. Dagegen waren in der Studie von Mays et al. 2016 Botschaften mit Verlustframes bei Solarien-Nutzerinnen im Alter zwischen 18 und 30 erfolgreicher darin, die Bräunungsintentionen zu senken oder sie ganz aufzugeben. Daher sind die Aussagen zum Framing zu widersprüchlich, um eine allgemeine Aussage abzuleiten.

Dillard und Hissler (2015) konnten zeigen, dass die Art der Botschaft (statistisch/narrativ) und die Art der Informationsverarbeitung (erfahrungsbasiert oder rational) die Risikowahrnehmung und Sorge beeinflussen. Die Risikowahrnehmung und Sorge der Teilnehmerinnen war höher, wenn sie die narrative Botschaft erfahrungsbasiert verarbeiteten. Es konnte kein Einfluss auf die Verhaltensintentionen nachgewiesen werden. Auch die Ergebnisse von Janssen et al. 2013 zeigen, dass bei narrativen Formaten bei Sonnenstudionutzern zu einer höheren Risikowahrnehmung führten. In einer weiteren Studie von Lemal et al. 2010 war die Wahrscheinlichkeit bei Personen, die die Botschaft mit Narrativ gelesen hatten, dass sie gesundheitsfördernde Aktionen durchführten 2-4mal so hoch, wie bei Personen der Kontrollgruppe.

Myrick et al. (2015) untersuchten in einem Experiment mit Personen aus den Vereinigten Staaten zwischen 18 und 69 Jahren, inwieweit verschiedene emotionale YouTube-Videos mit Präventionsappellen die Bereitschaft zur Verhaltensänderung beeinflussen. Sie konnten zeigen, dass Videos mit gemischten Gefühlen (Furcht und Humor) am besten geeignet sind, um Mitgefühl zu erzeugen, was wiederum die Bereitschaft zur Weiterleitung der Informationen und zur Verhaltensänderung erhöht.

Bei Ruppert, 2017 und Strekalova, 2017 handelt es sich jeweils um Analysen der Inhalte von YouTube Videos bzw. Facebookposts. Hieraus lässt sich ableiten, dass die Qualität entsprechender Videos mangelhaft ist, da sie falsche oder irreführende Informationen zu Solarien oder Sonnencreme enthalten. Die Analyse der Facebook-Posts zeigte, dass Bilder und Links die am meisten geteilten Inhalte waren. Posts mit Risiko-Bezug wurden häufiger geteilt, kommentiert und geliked als solche ohne Risiko-Bezug.
 
Personalisierte und maßgeschneiderte Botschaften

5.30 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Personalisierte Botschaften haben einen größeren Einfluss auf das Sonnenschutzverhalten als allgemein formulierte Botschaften.

AG Primäre Prävention

Evidenzlevel
1+

bis


1-
Literatur
[464] [465] [466] [467] [468]

In der systematischen Übersichtsarbeit von Finch et al. [468] zeigten sich zahlreiche vielversprechende Effekte kurzer personalisierter Botschaften, die per SMS, Email oder über eine APP vermittelt wurden. Allerdings wurde in den betrachteten Studien der Einfluss auf das Sonnenschutzverhalten meist nur mit Hilfe subjektiver Variablen gemessen. Die Autoren bemängeln, dass zu selten objektive Faktoren wie etwa das Vorkommen eines Sonnenbrandes untersucht wurden.

Glanz et al. [465]; [466] zeigten in ihren Studien einen Effekt personalisierter Informationen (Ansprache Familien mit Kindern mit moderatem oder erhöhtem Hautkrebsrisiko) auf einige Sonnenschutzverhaltensweisen wie etwa das Tragen von Kleidung, Hüten, Sonnenbrille, die Nutzung von Sonnencreme und Aufenthalt im Schatten.

Eine webbasierte interaktive und individuell zugeschnittene Intervention konnte in der Studie von Heckman et al. [467] signifikant selbstberichtetes Sonnenschutzverhalten gegenüber den Kontrollgruppen verbessern.

Crane et al. [464] untersuchten den Effekt eines personalisierten Newsletters, der Eltern über drei Jahre hinweg zugeschickt wurde und Informationen zum Sonnenschutz enthielt. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe konnten Sonnenschutzverhaltensweisen geringfügig gesteigert werden. Die Autoren kommen zu dem Fazit, dass die Intervention allein nicht ausreicht, um das Hautkrebsrisiko zu senken, jedoch als eine Komponente in einer Multikomponenten-Intervention vielversprechend ist.

5.31 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Bildungs- und Schulungsprogramme zur primären Prävention von Hautkrebs sollten die Zielpersonen einzeln ansprechen („individual-level-interventions“) und dabei individualisierte Informationen und Feedbackelemente beinhalten.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1++

bis


2++
Literatur
[453] [449] [469] [450] [459]

Auf persönliche Eigenschaften, Verhaltensmuster, Bedürfnisse und Überzeugungen zugeschnittene Gesundheitsinformationen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit als persönlich relevant wahrgenommen und haben dadurch einen stärker motivierenden Charakter als solche, die allgemeine Informationen und Hinweise beinhalten. Dieses sogenannte Tailoring sollte z. B. in Form von personalisiertem Feedback zum Risikostatus, darauf abgestimmten Verhaltensempfehlungen und in Form von Erinnerungshilfen erfolgen.

Für Präventions- und Interventionsprogramme, die – über den persönlichen Kontakt zu einem Gesundheitsexperten oder auch in Form von Direktmedien – einzelne Individuen adressieren, liegt eine stärkere Evidenz ihrer Wirkung auf die Wahrnehmung eines Krebsrisikos vor, als es bei Interventionen der Fall ist, die auf kollektiver Ebene ansetzen, also nicht einzelne Individuen gezielt ansprechen [469]. Der systematische Studienüberblick liefert überdies Hinweise darauf, dass eine individualisierte Ansprache bzw. auf den individuellen Risikostatus zugeschnittene Informationen („Tailoring“) wirksamer sind als allgemeine Informationen.

Evidenz für die Wirksamkeit des „Tailorings“ liefern auch Glanz et al. [450]. Die Autoren konnten für Erwachsene mit mittlerem bis hohem Hautkrebsrisiko einen positiven Effekt bei individuellen Schutzmaßnahmen/ -selbstkontrollen sowie eine Veränderung des Mittelwerts des Sonnenschutzverhaltens im Rahmen eines dreimaligen, postalisch zugestellen Informationspaketes im Zwei-Wochen-Abstand im Vergleich zu einer nicht-personalisierten Intervention in Form von allgemeinem Schulungsmaterial zur Hautkrebsprävention und Selbstuntersuchung sowie einer Broschüre über Sonnenschutzmaßnahmen und Verhaltenstipps nachweisen. Dabei wurde die Personalisierung des Feedbacks anhand des individuellen Risikostatus und der persönlichen Risikofaktoren sowie auf Grundlage des praktizierten Sonnenschutzverhaltens, der Verhaltensänderungsbereitschaft und der wahrgenommenen Hindernisse einer Verhaltensänderung vorgenommen. Als mediatisierende Variablen wurden die Konstrukte „Risikowahrnehmung“, „Kosten- und Nutzen-Abwägungen der Verhaltensänderung“, „handlungsrelevantes Wissen und Kompetenzen“ sowie „soziale Normen“ einbezogen [450].

Auch Adams et al. [453] konnten für Jugendliche positive Einflüsse auf das Sonnenschutzverhalten mithilfe eines interaktiven PC-Schulungsprogramms mit personalisiertem Feedback und Telefoninterviews mit Gesundheitsberatern nachweisen. Hier wurde im Anschluss an die Interviews postalisch personalisiertes Feedback mit Tipps zu unterschiedlichen Arten des Sonnenschutzverhaltens und eine Flasche Sonnenschutzmittel verschickt [453].

Auch Glazebrook et al. [459] arbeiteten im Rahmen ihrer interaktiven PC-Schulung für Risikopersonen mit einem individualisierten Feedback zum Risikostatus, das als Furchtappell auf die Erhöhung der wahrgenommenen Bedrohung abzielte und im Hinblick auf die Ausübung des Schutzverhaltens gleichzeitig Informationen zur Senkung der Barrieren und zur Verstärkung des wahrgenommenen Nutzens lieferte. Es trug vor allem bei Personen mit höherem Risikostatus zu einem Wissenszuwachs bei [459]. Auch hier wurde jedoch das Programm nicht gegen eine nicht-personalisierte Schulung getestet, sodass die Hinweise auf die Evidenz individualisierter Informationen und Feedbackelemente trotz eines hohen Levels of Evidence der Studien in dieser Hinsicht begrenzt bleibt.

Einbezug von Peers und Multiplikatoren

5.32 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Die Informierung kann über Eltern, Lehrer, Erzieher, Peers und andere Multiplikatoren erfolgen.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Peers
Eine Einbindung der Peer-Kommunikation in Maßnahmen der Informierung über primäre und sekundäre Hautkrebsprävention ist deshalb vielversprechend, da Untersuchungen zeigen, dass die Peer-Kommunikation einen moderierenden Effekt auf den Zusammenhang zwischen deskriptiven Normen (was die Mehrheit tun bzw. als angemessen betrachten würde) und Verhalten hat. Dies lässt sich am Beispiel des Alkoholkonsums unter Studierenden verdeutlichen. Der Alkoholkonsum wird durch mehr als nur deskriptive Normen beeinflusst. Die Kommunikation zwischen den Peers hat hier ebenfalls einen entscheidenden Einfluss [470]. Deshalb ist die Peer-Kommunikation geeignet, Verhaltensänderungen zu unterstützen.

Sozialisationsagenten

Die Sozialisation, als eine der wichtigsten Prozesse der Internalisierung, bietet ebenfalls die Möglichkeit zur Informierung. Innerhalb des Sozialisationsprozesses nehmen bspw. Eltern, Erzieher, Lehrer etc. die Rolle von Sozialisationsagenten ein [471]. Durch Schulung, Informierung von Sozialisationsagenten können diese als gut informierte Multiplikatoren fungieren.

Daneben gilt auch die Kommunikation und das Vorbildverhalten der Eltern als wichtiger Einflussfaktor für das Sonnenschutzverhalten der Jugendlichen [472].

Andere Multiplikatoren

Ärzte und andere medizinische Akteure wie Apotheker gelten als wichtige Multiplikatoren für die primäre Prävention von Hautkrebs. Auf das ärztliche Setting wird daher in Abschnitt 5.4.2.3 genauer eingegangen.

Verwendung neuer Medien

5.33 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Interventionen zur Hautkrebsprävention können als Kommunikationsstrategie auch neue Medien (Webseiten, Social Media, SMS, Apps) verwenden.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Zahlreiche Interventionen verwenden als Kommunikationsstrategien neue Medien. Finch et al. [468] beziehen sich in ihrem systematischen Review auf fünf Interventionen (untersucht in Form von RCTs) , die mit Hilfe von regelmäßigen Kurznachrichten (SMS) auf das Mobiltelefon das Sonnenschutzverhalten positiv verändern. Allerdings erhielt in den meisten Fällen die Kontrollgruppe keine Intervention, so dass Aussagen über den Effekt der kommunikativen Strategie nicht möglich sind.

Die Effekte von Interventionen, die als Kommunikationsmedium Webseiten verwenden und hier mit Hilfe von modular aufgebauten und teilweise individuell zugeschnittenen Themenblöcken u.a. das Sonnenschutzverhalten fördern [467] oder die Benutzung von Solarien verringern wollen [473], zeigten positive Effekte auf das Verhalten. Aber auch hier lassen sich keine Aussagen über die tatsächliche Wirkung des webbasierten Vorgehens im Vergleich zu anderen Ansätzen treffen.

Falzone [474] leiten aus ihrem Review zu psychosozialen Einflussfaktoren auf das Bräunungsverhalten in Solarien unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen wichtige Faktoren für die Gestaltung von Social Media Kampagnen ab. So benennen sie neben individuellen Faktoren (wie internalisierte Bräunungsnormen, Körperzufriedenheit und Komorbiditäten mit anderen psychischen Krankheiten wie Essstörungen) auch die Familie (e.g., die Kommunikation mit den Eltern und deren Vorbild), die Peers (wie deren Körperideal und Sonnenstudionutzung); sowie Faktoren auf der gesellschaftlichen Ebene (wie die Gesetzgebung, Werbung und dort vermittelte Schönheitsideale). Durch Social Media können nach ihrer Einschätzung in dieser Altersgruppe größere Reichweiten mit geringerem finanziellem Aufwand erzielt werden, die Normen und Ideale über Schönheit und Aussehen beeinflussen können. Zudem erhoffen sie sich davon eine höhere Unterstützung für staatliche Maßnahmen zum Verbot der Sonnenstudionutzung durch Jugendliche.

Hinsichtlich der Ansprache von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt es Hinweise in der Literatur, welche Medien geeignet sind, diese Zielgruppe zu erreichen. So fanden Adams et al. heraus, dass Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren, die an einer Schulung per Computer teilnahmen, sich risikoärmer bezüglich ihrer Sonnenexposition verhalten als Personen aus der Kontrollgruppe [453]. Dieser Effekt ist vermutlich auf eine Änderung der Entscheidungsbalance (Subtraktion der Vorteile von Sonnenexposition von denen des Sonnenschutzes) durch die Intervention zurückzuführen.

Hornung et al. berichten über eine Intervention, welche an Schüler der dritten und vierten Klasse gerichtet war. Inhalt der Intervention war das Wissen über die Gefahren der UV-Strahlung, Einstellung gegenüber Sonnenbräune und Verhaltenspraktiken zum Schutz vor UV-Strahlung. Dabei wurden verschiedene Kommunikationskanäle verwendet. Zum einen wurden einer Gruppe die Inhalte per CD-ROM vermittelt (IG 1), anderen lehrergeführt didaktisch (IG 2) und eine dritte Gruppe erhielt keine Intervention (KG). In beiden Gruppen erhielten die Lehrer allgemeine Informationen und Informationen zur Durchführung der jeweiligen Maßnahme. Die Ergebnisse zeigen, dass in der IG 1 das Wissen am meisten gesteigert, die Einstellung am meisten verbessert und mögliches Verhalten häufiger gezeigt werden im Vergleich zur IG 2 und zur KG. Nach sieben Monaten schwächen sich die Effekte innerhalb der IG 1 ab und lassen sich nicht mehr von IG 2 statistisch signifikant unterscheiden, jedoch gibt es signifikante Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen und der KG im Wissen über die Gefahren von UV-Strahlung. Bei der Einstellung unterscheiden sich nur noch IG 1 und KG signifikant voneinander, während beim Verhalten keinerlei Unterschiede mehr zwischen den Gruppen existieren [454].

Idriss et al. [461] geben Hinweise darauf, dass bei internetaffinen jungen Erwachsenen (18 bis 39 Jahre) webbasierte Kommunikationsmittel (Online-Videos) rein text-basierten Medien (Printmedien) bei der Vermittlung von Wissen über das maligne Melanom in ihrer Effektivität überlegen sind (p<0,05). Die Effektivität wurde geschlussfolgert auf Basis der Veränderungen der Melanom-Kenntnisse der Teilnehmer zum Zeitpunkt der Baseline verglichen mit einem Monat nach Erhalt der edukativen Intervention (Fragebogenerhebung).

Ansprache über das äußere Erscheinungsbild

5.34 · Konsensbasiertes Statement · neu 2020

Interventionen zur Prävention von Hautkrebs, die auch das äußere Erscheinungsbild adressieren, sind eine Strategie, um das Sonnenschutzverhalten zu verändern.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Da das äußere Erscheinungsbild ein wesentliches Motiv für die Sonnenbräunung/gebräunte Haut ist, vor allem bei Frauen [475], können entsprechende Botschaften/Appelle dieses Motiv adressieren und mögliche Attraktivitätsverluste durch gesundheitsschädliches Verhalten aufzeigen. So werden in Präventionskampagnen Konsequenzen wie Hautalterung und Flecken im Gesicht (durch übermäßige Hautbräunung) eingesetzt (Dodd / Forshaw 2010).

Insbesondere für Untersuchungen an Frauen zeigten diese Appelle eine hohe Wirksamkeit zur Vorbeugung von Hautkrebs. Appelle, die mit Attraktivitätsverlusten argumentieren, zeigten positive (d. h. gesellschaftlich erwünschte) Effekte auf Risikowahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Einstellungen, Verhaltensintentionen und Verhalten. Das verdeutlichen neben den vielen Einzelstudien (Übersicht siehe [476]), die insbesondere von Mahler und Kollegen durchgeführt wurden, auch zwei Forschungsüberblicke zu aussehensbasierten Interventionen beim Sonnenschutz [477]. Die Studien zu Attraktivitätsappellen wurden allerdings oft ausschließlich (oder zumindest mehrheitlich) mit Frauen durchgeführt (Williams et al. 2013). Williams (2013) randomisierten insgesamt 70 Studentinnen der Staffordshire Universität in UK zu einer von zwei Interventionsgruppen. Bei der ersten Interventionsgruppe wurde das Gesichtsalterungsprogramm „Age Progression Software“ (APRIL) angewendet. Anschließend wurden je ein Bild mit UV-Schutzmaßnahmen und ein Bild ohne nebeneinander gelegt und die Frauen wurden zu ihren Gedanken diesbezüglich befragt. Die zweite Interventionsgruppe erhielt Informationsbroschüren vom National Health Service und Cancer Research UK und wurde anschließend ebenfalls befragt. Die jeweilige Interventionsgruppe gilt als jeweilige Kontrolle für die andere. Endpunkte stellten Einstellungen zu Vorteilen und Risiken der Sonnenexposition, zukünftige Sonnenschutzintention sowie wahrgenommene Sonnenschadenanfälligkeit dar.

5.35 · Evidenzbasiertes Statement · neu 2020

Der Einsatz von personalisierten digitalen Methoden zur Darstellung von möglichen UV-strahlungsbedingten Attraktivitätsverlusten kann bei bestimmten Zielgruppen positive Effekte auf das Sonnenschutz- und Expositionsverhalten haben.

AG Primäre Prävention

Evidenzlevel
1++

bis


1-
Literatur
[478] [473] [479] [480] [481] [482] [477]

Eine personalisierte Variante zur Darstellung der möglichen Attraktivitätsverluste sind Interventionen wie UV-Fotografie oder „facial morphing“ (z.B. „Alterungssoftware“).

Hier wird allerdings die meist unzureichende Abklärung der gesundheitlichen Relevanz der Visualisierungen, die als Mittel zum Zweck der Verhaltensbeeinflussung eingesetzt werden, kritisch gesehen. Deshalb wird, obwohl sich aus Untersuchungen positive Hinweise auf zumindest kurzzeitige Verhaltensänderungen ergeben, auf eine Empfehlung im Rahmen dieser Leitlinie verzichtet.

Eine auf das Aussehen gestützte webbasierte Intervention von Hillhouse et al. [473] konnte bei weiblichen Jugendlichen die Intention zur Solariennutzung reduzieren. Dabei kommt der Veränderung psychosozialer Variablen (Einstellungen, Vorstellungen, Erwartungen und Normen) eine besondere Bedeutung zu.

In der randomisiert kontrollierten Studie von Blashill et al. [481] reduzierte die Benutzung einer Hautalterungssoftware die Häufigkeit von Bräunung draußen und im Solarium bei jungen Erwachsenen im Vergleich zum Einsatz von Informationsbroschüren allein oder Broschüren in Kombination mit Achtsamkeitsübungen. Dieser Effekt verminderte sich im Laufe der Zeit. Auch Williams et al. [477] berichten von Vorteilen einer Intervention mit computergestützter Gesichtsalterungssimulation bei jungen Frauen in Bezug auf die positive Beeinflussung von Intentionen und Einstellungen zur UV-Exposition im Vergleich zur alleinigen Nutzung von Informationsbroschüren.

Ein UV-Foto, mit dem der Kontrast zwischen UV-geschädigter und gesunder Haut visualisiert werden sollte, kam in der Studie von Heckman et al. [480] zum Einsatz und zeigte sich signifikant effektiver in Bezug auf die positive Verhaltensänderung zum Sonnenschutz als standardisierte Informationsbroschüren zur Hautkrebsprävention. Die Teilnehmer waren zu 82% weiblich.

Hollands et al. [482] sehen nur geringe Evidenz dafür, dass der Einsatz von Bildern, die individuelle „UV-Schäden“ oder Zeichen der Hautalterung visualisieren, zur Verhaltensänderung beiträgt [482]. Andere Untersuchungen sprechen dafür, dass z. B. durch UV-Fotografien gestützte Hinweise auf negative Folgen übermäßiger UV-Strahlung auf das Aussehen zumindest in einigen Zielgruppen das Sonnenschutzverhalten positiv beeinflussen können [483], [484]; [485]; [486].

Selbstuntersuchungen

Es liegen keine systematischen Untersuchungen zur Frage vor, ob und inwieweit Risikoeinschätzung oder Sonnenschutzverhalten durch regelmäßige Selbstuntersuchungen der Haut beeinflusst werden. Hierin wird ein Defizit gesehen. Robinson et al. (2007) weisen darauf hin, dass in der von ihnen durchgeführten randomisierten kontrollierten Studie in einer Hochrisikogruppe in einer Interventionsgruppe die Besorgnis über UV-induzierte Hautschäden abnahm. In dieser Interventionsgruppe wurde die Selbstuntersuchung gemeinsam mit einem Partner durchgeführt (Definition der Hochrisikogruppe: Melanompatienten, Personen mit Melanomerkrankten innerhalb der Familie oder Personen mit > 50 Nävi bzw. > 2 atypischen Nävi). Als Erklärung schlagen die Autoren vor, dass möglicherweise das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Kontrolle der Haut gestiegen war [487]. Ob und in welcher Weise das Sonnenschutzverhalten der Probanden durch die Intervention tatsächlich beeinflusst wurde, wurde nicht untersucht.

Forschungsbedarf

Bei der Evaluierung von Screenings und/oder Studien zur Selbstuntersuchung der Haut sollten die Auswirkungen auf Risikowahrnehmung und Sonnenschutzverhalten mit erhoben werden.

5.4.2.2 Zielgruppen und Settings

5.36 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Maßnahmen der primären Prävention von Hautkrebs sollten zielgruppenorientiert und unter Berücksichtigung der zielgruppenspezifischen Bedarfe konzipiert werden.

AG Primäre Prävention

5.37 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Maßnahmen der primären Prävention von Hautkrebs sollten in der Lebenswelt d.h. settingbezogen ansetzen, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie ihren Alltag gestalten.

AG Primäre Prävention

Wie bereits ausführlich in Abschnitt 5.2 beschrieben, unterscheiden sich das Sonnenschutz- und Expositionsverhalten sowie das Wissen über Hautkrebs und Risikofaktoren in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Identifizierte Unterscheidungskriterien und Zielgruppen sind das Geschlecht [403], Alter (z.B. Kinder und Jugendliche [410], Hautkrebsbetroffene und Angehörige [407] und Empfänger von Organspenden [415]. Dem Public-Health-Action-Cycle folgend sind in der Konzipierung von Maßnahmen eine genaue Problemerfassung inkl. der zielgruppenspezifischen Bedarfe und Bedürfnisse für die erfolgreiche Umsetzung notwendig [488].

Zudem eignen sich zur Erreichung dieser unterschiedlichen Zielgruppen unterschiedliche Zugangswege. Der Settingansatz wurde in der Ottawa-Charta der WHO [489] erstmals aufgeführt und gilt als eine Kernstrategie der Gesundheitsförderung und beschreibt die Notwendigkeit, Menschen in ihrer direkten Lebenswelt zu erreichen und diese zu verändern (siehe Verhältnisprävention), um eine gesundheitliche Verbesserung zu bewirken.

Im Folgenden werden einige ausgewählte Zielgruppen fokussiert und Kenntnisse über bestehende Zugangswege und Besonderheiten aufgeführt. (Anmerkung: Berufsspezifische Aspekte und insbesondere die Zielgruppe der Beschäftigten im Freien wird in Kapitel 7 dezidiert aufgeführt).
 
Kinder und Jugendliche

5.38 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Eltern von Säuglingen und Kleinkindern sollen über einen angemessenen Sonnenschutz für ihre Kinder informiert werden. Hierzu sollen auch die regelmäßigen Früherkennungsuntersuchungen genutzt werden.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1++
Literatur
[490]

Crane et al. (2006) informierten Eltern von Säuglingen und Kleinkindern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen in den ersten drei Lebensjahren regelmäßig und umfassend über einen altersangemessenen Sonnenschutz. Im Lauf der drei Jahre nahm das Wissen in der Interventionsgruppe deutlich zu, und auch das Sonnenschutzverhalten verbesserte sich [490].

5.39 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Um das Sonnenschutzverhalten zu verbessern, sollten Interventionen zum UV-Schutz an Schulen und Vorschulen oder Kindertagesstätten durchgeführt werden.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1+

bis


2+
Literatur
[491] [437] [492] [493]

Der größte Teil der vorliegenden Interventionen richtete sich entweder direkt oder indirekt über Eltern, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher oder sonstige Betreuungspersonen an die Zielgruppe Kinder. Dies ist aus mehreren Gründen sinnvoll. Zum einen stellen Kindheit und Jugend eine für das spätere Hautkrebsrisiko wesentliche Lebensphase dar, zum anderen belegen mehrere Studien das Potential für zumindest kurz- und mittelfristige positive Beeinflussung des Sonnenschutzverhaltens bei 9-jährigen Grundschulkindern [438], 5- bis 6-jährigen Grundschulkindern („Kidskin“, [492]; [493]) und Vorschulkindern [437]. In Interventionsgruppen nahm im Vergleich zu Kontrollgruppen die Nutzung textilen Sonnenschutzes [438]; [437]; [492]; [493], die Verwendung von Sonnencreme [437], die Vermeidung von Aufenthalten im Freien während der sonnenintensivsten Tageszeit [438] bzw. das Aufsuchen von Schatten [437]; [492]; [493] zu. Darüber hinaus könnte über den Pfad „Schutz der Kinder“ auch das Verhalten der sie betreuenden Erwachsenen beeinflusst werden [437].

Bereits bei 4- bis 5-jährigen Kindern konnte mit Hilfe einer altersgerechten Intervention unter Verwendung von z. B. Spielen, Liedern und Bilderbüchern das Wissen über Sonnenschutz im Vergleich mit einer Kontrollgruppe verbessert werden. Der Effekt war in den Interventionsgruppen einer randomisiert kontrollierten Studie (Stichprobe von 12 Klassen mit Vorschulkindern im Alter von 4 – 5 Jahren) auch 7 Wochen nach Ende der Intervention noch signifikant. Zur Umsetzung des Wissens in praktisches Handeln ist in dieser Altersgruppe allerdings die Hilfe Erwachsener nötig. Aus diesem Grund heben die Autoren die Notwendigkeit hervor, die Eltern in die Intervention mit einzubeziehen [387].

Nur wenige Studien untersuchten Auswirkungen auf Endpunkte wie Bräunung der Haut oder Zahl der Nävi. Dass geeignete schulbasierte Kampagnen das Potential haben, auch diese Endpunkte zumindest in moderatem Umfang zu beeinflussen, zeigte die über 5 Jahre an 5- bis 6-jährigen Grundschulkindern durchgeführte Interventionsstudie „Kidskin“. Nach 2 Jahren wurde reduzierte Sonnenexposition und weniger Bräunung in den Interventionsgruppen im Vergleich zur Kontrollgruppe beschrieben. Nach 5 Jahren wurde eine geringfügig (allerdings statistisch nicht signifikant) geringere Zahl von Nävi in den Interventionsgruppen im Vergleich zur Kontrollgruppe beobachtet [491]; [493].

Demgegenüber zeigte das an italienischen Grundschulen durchgeführte Interventionsprogramm SoleSi SoleNo-GISED [494] ein Jahr nach der Intervention keinen Einfluss auf den Endpunkt „Zahl der Sonnenbrände“ oder die Zahl der Nävi. Als mögliche Erklärungen für das negative Ergebnis diskutieren die Autoren das bereits vor der Intervention hohe Sonnenschutzniveau in der Studienpopulation, das eher allgemein gehaltene Informationsmaterial und das im Hinblick auf die Zahl der Nävi zu kurze Follow-Up von nur einem Jahr.

Auf nachteilige Wirkungen von Interventionen an Schulen zur Verbesserung eines angemessenen Sonnenschutzverhaltens ergeben sich aus den vorliegenden Studien keine Hinweise. Insbesondere zeigte sich kein Unterschied zwischen Kindern aus Sonnenschutz-Interventionsgruppen und Kontrollgruppen im Hinblick auf den Body-Mass-Index oder auf selbst berichtete Aktivität im Freien [361].
 
Benutzer von Solarien

5.40 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Maßnahmen der primären Prävention von Hautkrebs sollen gezielt die Zielgruppe der Solarienbenutzer adressieren, diese über die Risiken der Benutzung aufklären und eine Verhaltensänderung anstreben. Die Interventionen sollen dabei die Heterogenität der Zielgruppe (z.B. Migrationshintergrund, Bildungsgrad) berücksichtigen und auf diese in ihrer Ansprache eingehen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf minderjährige Solarienbenutzer gelegt werden.

AG Primäre Prävention

Wie in Abschnitt 5.1.1.5 ausführlich dargestellt, korreliert die Benutzung von Solarien direkt mit der Entstehung von Hautkrebs und soll daher vermieden werden. Wie die Daten der NCAM-Studie zeigen (siehe Abschnitt 5.2.2) ist die Benutzung altersspezifisch, wobei besonders zu betonen ist, dass Jugendlichen trotz des §4 des NiSG immer noch Sonnenstudios verwenden. Auch konnte eine vermehrte Nutzung von Personen mit Migrationshintergrund und mittlerem Bildungsniveau verzeichnet werden.

Empfänger von Organspenden und Hautkrebsbetroffene

5.41 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Das Wissen über ein erhöhtes Hautkrebsrisiko und die Umsetzung schützender Verhaltensweisen bei Organtransplantierten und Hautkrebsbetroffenen sollte weiter verbessert werden.

AG Primäre Prävention

Sowohl organtransplantierte (immunsupprimierte) als auch von Hautkrebs betroffene Personen stellen eine besondere Risikogruppe dar (vgl. Abschnitt 5.1.2.2). Das Wissen über und das Ausführen von protektiven Verhaltensweisen sind aber unzureichend und bedürfen weitere Förderung (vgl. 5.2.1.3 und 5.2.1.4).

5.4.2.3 Primärprävention und ärztliche Beratungsmomente

5.42 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Das ärztliche Gespräch (z. B. auch im Rahmen des Hautkrebs-Screenings) soll anlassbezogen für Hinweise auf primärpräventive Maßnahmen genutzt werden.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1+

bis


2+
Literatur
[389] [483] [495] [496]

Insbesondere bei Jugendlichen und Erwachsenen zeigt sich die Bedeutung der persönlichen Ansprache, z. B. im Rahmen eines Arzt-Patienten-Gesprächs, für eine wirksame Beeinflussung des Verhaltens. Aus mehreren Studien liegt Evidenz dafür vor, dass individualisierte Interventionen (individuelle Risikobewertung, persönliches Arzt-Patienten-Gespräch), die Chancen für eine Beeinflussung des Verhaltens erhöhen. Eine ärztliche Beratung mit individuell zugeschnittenen Feedback-Berichten zeigte bei 11- bis 15-Jährigen auch 24 Monate nach der Intervention signifikante Unterschiede bezüglich des Sonnenschutzverhaltens zwischen Interventionsgruppe und Kontrollgruppe [389]. Falk und Magnusson [496] zeigten, dass eine persönliche Beratung zum Sonnenschutzverhalten während einer ärztlichen Konsultation, verbunden mit einer Untersuchung vorhandener Nävi, bei Erwachsenen auch drei Jahre nach der Intervention noch zu einem verbesserten Sonnenschutzverhalten führte – allerdings signifikant verbessert nur im Hinblick auf die Nutzung von Sonnencreme. Eine briefliche Information allein hatte keinen Effekt. Eine auf die Zielgruppe Solariennutzer zugeschnittene, auf das Aussehen fokussierte Interventionsstrategie zeigte Wirkungen auf Einstellung und Verhalten (Zahl der Solarienbesuche) bei jungen Solariennutzerinnen [483], [484].

Rat et al. [495] untersuchten eine dichotome Risikobewertung in der Arztpraxis und konnten zeigen, dass die Sonnenexposition durch das gezielte Beraten von Risikopatienten reduziert werden konnte.

5.43 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Im Arzt-Gespräch zu Hautkrebsprävention sollen folgende Empfehlungen gegeben werden:
Inhalt

  • Aufklärung über die Gefährdung durch übermäßige UV-Strahlung
  • Motivation zur Verhaltensänderung
  • Starke Sonnenstrahlungsexpositionen vermeiden
    • Bei mittlerer und hoher UV-Exposition (UVI 3-7) in der Mittagszeit Schatten suchen
    • Bei sehr hoher UV-Exposition (UV-Index 8 und höher) Aufenthalt im Freien während der Mittagszeit möglichst vermeiden. Wenn dies nicht möglich ist, unbedingt Schatten suchen.
    • Ggf. Aktivitäten im Freien in die Morgen- und Abendstunden verlegen,
    • Auf jeden Fall einen Sonnenbrand vermeiden.
  • Schützende Kleidung tragen
  • Sonnenschutzmittel benutzen, ohne die Expositionszeit zu verlängern
    • Individuelle Hautempfindlichkeit beachten
    • Über die verschiedenen Hauttypen informieren
  • Beratung über individuelle Schutzmaßnahmen in Abhängigkeit vom Hauttyp des Patienten
  • Auf mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten in der Sonne achten
  • Besonders Säuglinge und Kinder schützen
  • Sonnenstudios meiden (Hinweis auf NiSG)
  • Sonnenbrille tragen

AG Primäre Prävention

Forschungsbedarf

Es besteht Forschungsbedarf darüber, inwieweit es sinnvoll ist, andere Berufsgruppen in primärpräventive und sekundärpräventive Maßnahmen miteinzubeziehen. In einer randomisierten Studie mit 54 Apothekern konnte gezeigt werden, dass eine Schulung von Apothekenpersonal die Beratungsaktivitäten zur primären Prävention von Hautkrebs erhöht [497]. Jedoch ist weitere Forschung notwendig, um die Effektivität und Nachhaltigkeit solcher Aktivitäten nachzuweisen und Empfehlungen daraus abzuleiten.

5.4.3 UV-Index

Der UV-Index (UVI) wurde von der WHO in Zusammenarbeit mit ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection), World Meteorological Organisation, UNEP (United Nations Environment Programme) und anderen Kollaborationspartnern als international einheitliches Maß für die erythemwirksame (=sonnenbrandwirksame) Bestrahlungsstärke und als Indikator für das hautschädigende Potential der auf die Erdoberfläche auftreffenden solaren UV-Strahlung entwickelt. Je höher der UVI ist, desto schneller kann bei ungeschützter Haut ein Sonnenbrand auftreten. Ab einem UVI von 3 werden Schutzmaßnahmen empfohlen (in der Mittagszeit Schatten suchen, textiler Sonnenschutz, Nutzung von Sonnenschutzmitteln).

5.44 · Konsensbasiertes Statement · neu 2020

Das Wissen über und die Bedeutsamkeit des UV-Index für das Sonnenschutzverhalten der Bevölkerung ist derzeit gering und abhängig von Alter und sozioökonomischem Status.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Börner, Schütz & Wiedemann [422] führten eine für die Gesamtbevölkerung Deutschlands ab 14 Jahren repräsentative Querschnittsbefragung zum Verständnis des UV-Index und dessen Bedeutung für das Sonnenschutzverhalten durch. Die Datenerhebung erfolgte über standardisierte Telefoninterviews von 1501 Personen. Insgesamt ist der Kenntnisstand zum UV-Index sehr gering, nur 27% der Teilnehmer haben bereits vom UVI gehört. Davon können ihn 61% richtig interpretieren, was bedeutet, dass hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands nur 18% den UVI kennen und verstehen (Wissen bei Männern und höher Gebildeten besser). Weiterhin ermittelten Börner, Schütz & Wiedemann [422], dass nur 6% der Befragten im letzten Jahr aktiv nach Informationen über UV-Strahlung gesucht haben und 25% mit Informationsmaterialien in Kontakt gekommen sind. 41% der Befragten geben an, ihren eigenen Hauttyp zu kennen, was die Voraussetzung für den UV-Index als effektives Tool zur Förderung des Sonnenschutzverhaltens ist. Somit können zusammen lediglich 9% der Befragten das durch den UVI empfohlene Sonnenschutzverhalten korrekt praktizieren (9% können UVI korrekt interpretieren und kennen eigenen Hauttyp. Zudem stellen sie eine geringe Verhaltensrelevanz des UV-Index fest. Kenntnisse des UVI und seiner Bedeutung sind kaum mit tatsächlichem kombiniertem Sonnenschutzverhalten (Sonnencreme, Sonnenbrille, Bekleidung, Schatten aufsuchen, Mittagssonne vermeiden) korreliert. Nur die Intention, verhaltensbezogene Empfehlungen des UVI umzusetzen, ist ein mittelstarker Prädiktor. Lediglich 10-17% der Teilnehmer richten ihr Sonnen(schutz-)verhalten hieran aus, wobei es deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Alters- und Bildungsgruppen gibt: 18-29-Jährige und höher Gebildete berichten über den geringsten Einfluss des UVI auf das Sonnenschutzverhalten.

5.45 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Der UV-Index sollte als Teil von Sonnenschutzempfehlungen stärker kommuniziert, in den Medien verankert und als Hilfsmittel im Rahmen von UV-Schutz-Kampagnen genutzt werden. Dabei muss auf eine verständliche Erklärung des UVI geachtet werden, damit er im Sinne des UV-Schutzes richtig verstanden und genutzt wird.

AG Primäre Prävention

In dem 2015 in Melbourne durchgeführten Internationalen Workshop „The Global Solar UV Index“ wurde berichtet, dass in Kanada ca. 20% der Bürgerinnen und Bürger regelmäßig den UV-Index abfragen, bevor sie für längere Zeit in die Sonne gehen und dass über 60% zusätzliche UV-Schutz-Maßnahmen ergreifen, wenn der UV-Index hoch ist. Andererseits wurde deutlich, dass das Wissen über den UV-Index in vielen Ländern nach wie vor gering ist. So zeigten Boerner et al., dass in Deutschland nur knapp 30% der Befragten jemals vom UV-Index gehört hatten [422]. Auf dem Workshop wurde gefolgert, dass der UV-Index in eine breitere Kommunikationsstrategie eingebettet sein muss, um einen Beitrag zur Verhaltensänderung leisten zu können (Gies et al. 1015, Review of the global solar UV-Index 2015 Workshop report, Health Phys. 114(1): 84-90, Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt der systematische Review von Heckman et al (2019). Dort wird deutlich, dass der UVI in Ländern wie Australien, USA und Neuseeland sehr viel bekannter ist als in Europa. Aus einigen Studien ergeben sich Hinweise auf positive Wirkungen. So hatte der UVI in einer in USA und Kanada durchgeführten Studie einen signifikanten positiven Einfluss auf die Nutzung von Schatten. Allerdings zeigt der Review auch erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern. Es wird zudem deutlich, dass die Bedeutung des UVI – auch bei Personen, die angeben, ihn zu kennen - häufig nicht ausreichend verstanden wird und im Übrigen nicht zwingend eine Verbindung zwischen UV-Index und Sonnenschutzverhalten hergestellt wird (Heckman et al. 2019, Preventive Medicine 123, 71-83).

Es wird daher die Notwendigkeit gesehen, den UV-Index als Teil von Sonnenschutzempfehlungen stärker zu verankern, wobei auch die Möglichkeiten der neuen Medien (Internet, mobile Kommunikationsmittel) genutzt werden sollten. Allerdings müssen dabei auch die Grenzen des UV-Index deutlich kommuniziert werden. Der UV-Index ist für eine horizontale Fläche definiert. Die Einstrahlung der schräg stehenden Sonne auf geneigte Hautflächen wie Nase, Stirn oder Schultern, kann höher sein als auf der horizontalen Erdoberfläche. Der UVI kann - z. B. in Umgebungen mit starker UV-Reflexion wie Schnee oder Wasser – die tatsächliche erythemwirksame Bestrahlungsstärke unterschätzen und er kann nicht die individuellen Empfindlichkeiten einer Person berücksichtigen.

Der UV-Index wird im Rahmen von Wettervorhersagen, insbesondere auch im Internet, veröffentlicht. Nähere Erläuterungen zum UV-Index und den internationalen Schutzempfehlungen zu den jeweiligen UVI-Werten finden sich z. B. auf den Internet-Seiten des BfS (https://www.bfs.de/DE/home/home_node.html).

Als Teil von z. B. Informationskampagnen und Interventionen zum Sonnenschutz oder in Informationsmaterialien kann der UVI für die Einschätzung der Höhe der erythemwirksamen UV-Bestrahlungsstärke durch die Sonne genutzt werden. Er kann zudem bei der Einschätzung notwendiger Sonnenschutzmaßnahmen helfen und Orientierung bieten. Mehrere Länder, beispielsweise Australien, stellen mittlerweile den UVI nicht nur – wie ursprünglich vorgesehen- als Tageshöchstwert, sondern zusätzlich im Tagesverlauf dar, um das Verständnis über Veränderungen der sonnenbrandwirksamen UV-Strahlung über den Tag und über das Jahr hinweg zu erhöhen. Auch das BfS stellt solche Tagesverläufe für die Messstellen des UV-Messnetzes zur Verfügung (https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/uv-index/aktuelle-tagesverlaeufe/aktuell_node.html).

Im Rahmen weiterer Forschung sollte untersucht werden, wie die Wirksamkeit des UV-Index als Informationsmittel sowohl im Sinne der Verhaltens- als auch der Verhältnisprävention weiter verbessert werden kann. Entsprechende Maßnahmen sollten evaluiert werden.

5.4.4 Verhältnispräventive Maßnahmen

Die Notwendigkeit verhältnispräventiver Maßnahmen wird in vielen Studien postuliert, zumal sich die Wirksamkeit allein auf die Verhaltensänderung zielender Interventionen häufig als unbefriedigend erwies (z. B. [498]; [448]). Aus dem Bereich der Prävention von Tabakkonsum ist bekannt, dass verhältnispräventive Maßnahmen deutlich effizienter – das heißt kostengünstiger, nachhaltiger und wirksamer – als verhaltenspräventive Maßnahmen sind [499].

5.46 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Verhältnispräventive Maßnahmen der Hautkrebsprävention sollen sich an dem Grundsatzpapier „Vorbeugung gesundheitlicher Schäden durch die Sonne – Verhältnisprävention in der Stadt und auf dem Land“ (2017) des UV-Schutz-Bündnisses orientieren.

AG Primäre Prävention

Im April 2017 hat das UV-Schutz-Bündnis, welches ein Zusammenschluss fachübergreifender namhafter Gesellschaften, Organisationen und Behörden aus Strahlenschutz, Medizin, Wissenschaft und Arbeitsschutz darstellt, das Grundsatzpapier „Vorbeugung gesundheitlicher Schäden durch die Sonne – Verhältnisprävention in der Stadt und auf dem Land“ veröffentlicht. In diesem werden Maßnahmen auf folgenden Ebenen postuliert:

  • Bund/Länder-Ebene – politische und programmatische Verankerung
    • Politische und programmatische Verankerung
    • Sicherung der Finanzierung
  • • Kommunalebene – Planung und praktische Umsetzung
    • Eruieren von Schnittstellen und Andockpunkten für Verhältnispräventionsmaßnahmen
    • Verhältnispräventionsmaßnahmen bei Planung von Bauten
    • Visualisierung der UV-Bestrahlungsstärke als UV-Index
  • • Forschung und Entwicklung
    • Visualisierung der UV- Hitzebelastung im mikroskaligen Raum
    • Visualisierung der UV-Bestrahlungsstärke als UV-Index
    • Entwicklung einer Datenbank konkreter Maßnahmen und Empfehlungen
  • • Ausbildung
    • Erstellen eines Grundlagenkatalogs für Lehr- und Ausbildungspläne
    • Ausarbeitung von Curricula
  • • Medien

Vermerk: Auf Berufsspezifika wird sich in dem Kapitel 7 bezogen)

5.4.4.1 Verhältnisprävention bezogen auf die Benutzung von Solarien

In Deutschland stellen das seit Juli 2009 geltende NiSG sowie die seit Januar 2012 geltende UVSV wichtige Maßnahmen des Schutzes vor künstlicher UV-Strahlung und damit der Primärprävention dar.

Gemäß § 4 NiSG ist es nicht erlaubt, Minderjährigen die Benutzung von Solarien zu gestattet. Verstöße werden als Ordnungswidrigkeit geahndet. Durch das Verbot soll das Verhalten Minderjähriger im Hinblick auf die Nutzung künstlicher UV-Strahlung zu kosmetischen Zwecken per Gesetz beeinflusst werden. Es liegen jedoch keine Untersuchungen darüber vor, ob und inwieweit Einstellung oder Verhalten der Bevölkerung im Zusammenhang mit UV-Schutz durch diese verhältnispräventive Maßnahme verändert werden.

Die UVSV regelt unter anderem Anforderungen an den Betrieb von UV-Bestrahlungsgeräten. Alle Geräte (Altgeräte seit dem 1. August 2012) müssen eine maximale sonnenbrandwirksame UV-Gesamtbestrahlungsstärke von 0,3 W/m2 Haut für UV-A- und UV-B-Strahlung einhalten. Seit dem 1. November 2012 muss qualifiziertes Fachpersonal zur Verfügung stehen, um die Informationspflichten gemäß UVSV – u. a. bezüglich der Wirkungen von UV-Strahlung und den mit der Solariennutzung verbundenen Risiken - erfüllen zu können. Es liegt keine Untersuchung darüber vor, ob und inwieweit Risikoeinschätzung und Verhalten der Bevölkerung durch diese verhältnispräventiven Maßnahmen beeinflusst werden.

5.47 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Zur Einhaltung des NiSG und der UVSV, insbesondere hinsichtlich des Verbots der Nutzung von Solarien durch Minderjährige sowie der Anwesenheit von Fachpersonal in Solarienbetrieben, sollen Kontrollen und der Vollzug des Gesetzes bzw. der Verordnung verbessert werden.

AG Primäre Prävention

Wie in Abschnitt 5.2.2 aufgeführt wurde, zeigen die Daten des NCAM eindrücklich, dass es unter den Solariennutzern noch immer Kinder und Jugendliche gibt und die Anzahl sogar steigt [418]. Der §4 des NiSG und die UVSV können damit als bisher nicht ausreichend umgesetzt bezeichnet werden.

5.4.4.2 Verhältnisprävention für Kinder und Jugendliche

5.48 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2020

In Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen sollen ausreichend Schattenplätze eingerichtet werden.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1++
Literatur
[500]

Mehrere Studien thematisieren die Notwendigkeit der Einrichtung von Schattenplätzen in Kindertagesstätten, Kindergärten, Schulen oder auf Sportplätzen [501]; [437]; [444]; [502]. Evidenz für die grundsätzliche Akzeptanz angebotener Schattenplätze in der ansonsten schwer zu erreichenden Zielgruppe der Jugendlichen liefert die randomisierte und kontrollierte Untersuchung von Dobbinson et al. 2009, durchgeführt an 51 australischen Sekundarschulen [500]. Auch wenn unklar ist, inwieweit die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind, sprechen die Ergebnisse dieser Studie dafür, dass bereitgestellte Schattenplätze das Potential besitzen, die UV-Exposition der Schülerinnen und Schüler während der Schulzeit zu verringern. Das Angebot von Schattenplätzen wird als essenzieller Baustein der Verhältnisprävention betrachtet. Die von der Weltgesundheitsorganisation und anderen nationalen und internationalen Organisationen ausgesprochene Empfehlung, ab einem UV-Index von 3 während der Mittagsstunden Schatten aufzusuchen (z. B. [503]) läuft ins Leere, wenn keine Schattenplätze zur Verfügung stehen. Dies gilt insbesondere für Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen, in deren Obhut Kinder und Jugendliche in der Regel die Stunden des Tages verbringen, welche mit der stärksten UV-Intensität verbundenen sind.

5.49 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2020

Technische und organisatorische Maßnahmen zur Vermeidung einer übermäßigen UV-Exposition, besonders während der Mittagsstunden (z. B. Bereitstellung von Schattenplätzen, Stundenplangestaltung, Berücksichtigung des UV-Schutzes bei der Terminierung von Sportveranstaltungen), sollen wesentlicher Teil der Primärprävention sein.

AG Primäre Prävention

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1-

bis


2+
Literatur
[501] [437] [444] [502]

Quéreux et al. [502] zeigten, dass Unterrichtung von 8- bis 11-jährigen Schülern zwar deren Wissen über Sonnenwirkungen und –schutz verbessern konnte, dass dies jedoch nicht zu einem veränderten Sonnenschutzverhalten führte. Sie empfehlen daher, dass Sonnenschutz-Erziehung mit entsprechenden verhältnispräventiven Maßnahmen der Schulen (Bereitstellung von Schatten besonders in den Mittagspausen, Vermeidung von Aktivitäten im Freien 11:00 und 15:00 Uhr) verbunden sein sollte [502]. Ähnlich empfehlen auch Hart und Demarco [444], Buller et al. [501] und Gritz et al. [437] Stundenpläne so zu gestalten, dass Aktivitäten im Freien in der Mittagszeit vermieden werden [501]; [437]; [444]. Buller et al. [501] und Gritz er al. [437] ergänzen zu verhaltenspräventiven Interventionen strukturelle und organisatorische Maßnahmen wie die Bereitstellung von Schattenflächen [501]; [437].

5.4.5 Nebenwirkungen von Primärpräventionsmaßnahmen

Die für diese Leitlinie zur Verfügung stehende Literatur kann die Frage, welche Nebenwirkungen bevölkerungsbezogene umfassende UV-Präventionsmaßnahmen (Verhältnisprävention) haben, nicht beantworten. Bezüglich potenzieller Nebenwirkungen von Sonnenschutz-Empfehlungen wird auf die Ausführungen in Kapitel 5.1.3 verwiesen.

5.4.6 Evaluation von Maßnahmen der primären Hautkrebsprävention

5.50 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Interventionsprojekte und -programme im Rahmen der primären Hautkrebsprävention sollten formativ und summativ evaluiert werden.
Die verwendeten Evaluationsparameter sollten aus einem theoretisch bewährten Modell abgeleitet werden.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Um kommunikative Interventionen im Rahmen der primären Hautkrebsprävention zielgerichtet zu entwickeln und zu planen, ist eine Datensammlung noch vor der eigentlichen Implementierung der Intervention erforderlich (formative Evaluation). Dabei werden zwei Ziele verfolgt: Sammlung von Informationen zur evidenz- und theoriebasierten Konzeptualisierung und Umsetzung der Intervention (Preproduction Research) sowie eine Vorab-Prüfung der fertig gestellten Interventionsmaßnahme und deren Instrumente und Materialien (Product-Testing). Messungen und Monitoring des gesamten Prozesses sind ebenfalls von Vorteil, um externe und interne Störgrößen im Zeitverlauf berücksichtigen zu können (Prozessevaluation). Zur Prozessevaluation gehört neben der Erhebung von inhaltlichen Aspekten auch die Einbeziehung von Größen, die die Qualität der Interventionsorganisation (Controlling) beschreiben (bspw. organisatorische Abläufe). Die summative Evaluation ermöglicht es, die festgelegten Interventionsziele einer kommunikativen Intervention zu prüfen und die Effekte, die Effektivität und die Effizienz der Maßnahme zu erfassen. Dabei ist der gesamte Zeitraum während und nach der Intervention zu beachten. Die summative Evaluation stellt Informationen bereit, die notwendig sind, um mögliche Veränderungen, die durch die Intervention hervorgerufen werden, zu identifizieren und ggf. zu quantifizieren. Dazu ist es mindestens notwendig, die relevanten Größen jeweils vor (kann bereits innerhalb der formativen Evaluation (Preproduction Research) erfolgen) und nach der Intervention zu erheben. Weiter ist es wichtig, innerhalb der Evaluation nicht nur Größen zu untersuchen, die direkt mit der Kommunikation in Zusammenhang stehen, sondern dazu die betreffenden Gesundheitsindikatoren und deren Veränderung im Zeitverlauf mit einzubeziehen [504]; [505]; [506]; [507]; [508]; [509].

Die innerhalb einer Evaluation verwendeten Evaluationsparameter sollten aus einem theoretisch bewährten Modell abgeleitet werden. Nach dem Transtheoretischen Modell werden unterschiedliche Stufen der Informationsverarbeitung durchlaufen bevor eine Intervention verhaltensrelevant wird. Auch Kontinuumsmodelle, wie das Health Belief Model und die Theory of Planned Behavior, modellieren den durch eine Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme initiierten Prozess der Veränderung des Gesundheitsverhaltens differenziert. Auf welcher Stufe der Verhaltensänderung sich die Zielperson bzw. der Proband jeweils befindet bzw. welche Konstellationen individueller Prädispositionen bei den Mitgliedern einer Zielgruppe vorliegen, beeinflusst auch ihre Empfänglichkeit für unterschiedliche Informations- und Kommunikationsangebote, die Teil einer Intervention sind, sowie deren Bewertung und die hieraus resultierenden Vermittlungspotenziale. Welche Endgrößen auf Einstellungs- und Verhaltensebene gemessen und evaluiert werden, sollte daher aus dem theoretischen Modell abgeleitet sein, auf dessen Grundlage die Maßnahme konzipiert wurde [510]; [511]; [512]; [507].

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht bei der Prüfung von Evaluationsstrategien hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit und bei der Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur Qualitätsprüfung von Evaluationsmaßnahmen. Außerdem sollte die Erklärungsleistung und Prognosekraft unterschiedlicher theoretischer Modelle für unterschiedliche Zielstellungen und Maßnahmen zu identifizieren und die Modellparameter auf die sekundäre Prävention von Hautkrebs spezifizieren werden.

5.51 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2020

Evaluationen von Interventionen im Rahmen der primären Hautkrebsprävention sollen mit empirisch bewährten, spezifisch auf die jeweiligen Endpunkte ausgerichteten Messverfahren arbeiten.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Die Evaluation sollte zu mehreren Messzeitpunkten erfolgen und kurz- sowie langfristige Effekte messen. Es sollte mit validierten und standardisierten Skalen zur Messung der unterschiedlichen Endpunkte gearbeitet werden. Sofern diese nicht verfügbar sind, sollten Evaluationsbefunde durch den Vergleich der durch unterschiedliche Erhebungs- und Analyseverfahren generierten Befunde empirisch abgesichert werden.

Austoker et al. [469] kommen in ihrer systematischen Übersichtsarbeit von Präventionsmaßnahmen zur Steigerung der Aufmerksamkeit für Krebserkrankungen, die auch Studien zur Hautkrebsprävention einschließt, zu dem Schluss, dass eine höhere methodische Qualität und Vergleichbarkeit der Studiendesigns erforderlich ist: „Future research evaluating individual-level interventions to promote cancer awareness should attempt to use study designs that generate high-quality evidence, measure outcomes over a longer term (months/years) and attempt to measure behavioural and stage outcomes, as well as knowledge and attitudes. We also highlight the need for standardised and validated measures of cancer awareness […]” (S.38 in [469]).

Hieraus resultieren die in der Empfehlung formulierten Konsequenzen für die zu evaluierenden Parameter und die Art ihrer Messung. Dies betrifft auch die Wahl der Erhebungsinstrumente, die für die Messung von einstellungs- und verhaltensbezogenen Outcome-Variablen genutzt werden.

Bedeutsam ist es auch, geeignete Endpunkte zur Beurteilung der Interventionseffekte zu wählen. Um die Aussagekraft zu erhöhen, sollten neben subjektiven Maßen auch objektive Parameter Berücksichtigung finden. Darüber hinaus sollten solche Evaluationsparameter gewählt werden, die einen nachgewiesenen Zusammenhang zu klinischen Endpunkten (d.h. Risikofaktoren und –indikatoren von Hautkrebs) aufweisen. Vgl. hierzu auch Empfehlung 5.52.

Um mögliche Wirkungen einer Intervention nicht dadurch zu unterschätzen, dass die gewählte Evaluationsmethode möglicherweise bestimmte Effekte durch die Art der Erhebung nicht erfasst, sollten unterschiedliche Methoden zur Messung der abhängigen Variablen herangezogen werden, die komplementär zueinander sind und in ihrer Kombination ein umfassenderes Bild ermöglichen [450].

Forschungsbedarf besteht in der Methodenforschung zur Optimierung von Studiendesigns hinsichtlich der Evaluation von Präventions- bzw. Interventionsmaßnahmen und der hierbei verwendeten Messverfahren. Ziel ist es, einen Kriterienkatalog zur Evaluation von Präventions- bzw. Interventionsmaßnahmen zu erarbeiten, um so empirisch besser abgesicherte und vergleichbare Evaluationsbefunde zu generieren, indem z. B. standardisierte und validierte Skalen erarbeitet werden.

5.52 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2020

Zur Evaluation der Wirksamkeit von Interventionen zur primären Prävention von Hautkrebs sollten hautkrebspräventionsspezifische Einstellungs- und Verhaltensparameter sowie Indikatoren zur Kontakthäufigkeit/-intensität, zur Bewertung der Kommunikationsmittel und ihrer Vermittlungsqualität und -leistung herangezogen werden.

AG Informationsgrundlage der Bevölkerung

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1++

bis


1+
Literatur
[450] [459]

Voraussetzung für die Entfaltung einer einstellungs- und verhaltensrelevanten präventiven Wirkung der Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme ist, wie häufig und intensiv die einzelnen Kommunikationsangebote und Botschaften wahrgenommen werden, ob sie Aufmerksamkeit generieren, wie sie auf inhaltlicher und gestalterischer Ebene bewertet werden und ob sie verstanden, behalten und subjektiv als nützlich wahrgenommen werden. Um den unmittelbaren Kommunikationserfolg zu messen, der einer längerfristigen Wirkung auf Einstellungs- und Verhaltensebene vorausgeht, sind daher auch Evaluationsparameter erforderlich, die unmittelbar an der Wahrnehmung der Kampagnenbotschaft oder Schulungsmaßnahme ansetzen und die Dispositionen der Probanden differenziert auf der jeweiligen Stufe der Verhaltensänderung messen. Wirkungsvolle Interventionen müssten demzufolge auch auf die der Verhaltensänderung vorgelagerten Outcome-Variablen einen positiven Einfluss entfalten, wenn die Verhaltensänderung auf die Intervention zurückgeführt werden können soll. Auch liefert erst ein rezipientenseitiges Feedback zum eigentlichen Informations- oder Schulungsmaterial konkrete Hinweise darauf, wie Informations- und Schulungsangebote insgesamt bzw. wie einzelne Elemente sowie die inhaltliche und gestalterische Aufbereitung der Informationen in multimedialen Interventionen von verschiedenen Zielgruppen angenommen werden und welche Optimierungspotenziale hieraus resultieren.

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf besteht darin, die Bedeutung der unmittelbar kommunikationsbezogenen Parameter (z. B. Reichweite und Aufmerksamkeitslenkung der Kommunikationsmittel, Verständlichkeit und Bewertung des Informationsangebotes oder Maßnahme) für die Wirkung der Präventions- bzw. Interventionsmaßnahme auf Einstellungs- und Verhaltensebene systematisch zu evaluieren. Dabei gilt es auch, die unterschiedlichen Varianten der Entscheidungsbalance empirisch zu modellieren und im Hinblick auf ihre mediatisierende Wirkung auf sonnenschützendes Verhalten zu überprüfen, um hieraus Rückschlüsse auf geeignete Formen der Ansprache in Präventionskampagnen zu ziehen.

Studien, in denen mediale Botschaften eingesetzt und mit einstellungs- und verhaltensbezogenen Outcomes in Verbindung gebracht werden, müssten die notwendigen Voraussetzungen für einen Rückschluss der Wirkung auf die Kampagne erfüllen und dürften nur dann als Beleg für Veränderungen auf Einstellungs- und Verhaltensebene interpretiert werden, wenn empirisch abgesichert ist, dass diese Veränderung aus dem Kontakt der Zielgruppen mit dem Kampagneninhalt (Reichweite) und der Verarbeitung dieser Botschaften resultiert. Bisherige Studien liefern dafür bislang noch keine hinreichenden Belege. So zeigen bspw. Del Mar et al. keinen hinreichenden Nachweis dafür, dass die erhöhte Zahl von Exzisionen durch Ärzte während zweier TV-Kampagnen kausal eindeutig auf diese zurückgeführt werden kann, sodass die Annahmen zum Wirkungszusammenhang trotz eines statistischen Zusammenhangs zwischen Kampagnenzeitraum und Anzahl der Exzisionen eher spekulativer Art bleibt [513]. Auch bei Oivanen et al. können die Besuche zur Hautuntersuchung nicht kausal auf den Kontakt mit Kampagnenbotschaften zurückgeführt werden [514].

Bei der Evaluation solcher Maßnahmen sollten daher Detailinformationen zu den disseminierten Botschaften und Werbemitteln sowie eine Messung der Kontaktwahrscheinlichkeit mit der Kampagne und ihrer Reichweite bis hin zur Wahrnehmung und Bewertung derselben in der Zielpopulation gemessen bzw. sichergestellt werden, bevor von einem Beleg für die Wirksamkeit einer Kampagne ausgegangen werden kann.

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