Leitlinienprogramm OnkologieHarnblasenkarzinom

3. Epidemiologie, Risikofaktoren, Prävention und Früherkennung – Harnblasenkarzinom

Version 3.1 · Juli 2026 · AWMF 032-038OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

3.1 Epidemiologie

3.1.1 Häufigkeit des Harnblasenkarzinoms in Deutschland

3.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Epidemiologische Berichterstattungen zum Harnblasenkarzinom sollen alle Tumorstadien der jeweils gültigen TNM-Klassifikation umfassen, insbesondere auch die nicht-muskelinvasiven Blasenkarzinome mit pTa und das Carcinoma in situ der Harnblase.

Konsens
Starker Konsens
Übersicht über die wichtigsten epidemiologischen Maßzahlen für Deutschland, ICD-10 C67, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Übersicht über die wichtigsten epidemiologischen Maßzahlen für Deutschland, ICD-10 C67, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Alterspezifische Erkrankungsraten nach Geschlecht, ICD-10 C67, Deutschland 2011-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Alterspezifische Erkrankungsraten nach Geschlecht, ICD-10 C67, Deutschland 2011-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Altersstandardisierte Erkrankungs- und Sterberaten, nach Geschlecht, ICD-10 C67, Deutschland 1999-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Altersstandardisierte Erkrankungs- und Sterberaten, nach Geschlecht, ICD-10 C67, Deutschland 1999-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Absolute Anzahl der Neuerkrankungs. und Sterbefälle, nach Geschlecht, ICD-10 C67, Deutschland 1999-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Absolute Anzahl der Neuerkrankungs. und Sterbefälle, nach Geschlecht, ICD-10 C67, Deutschland 1999-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015

Daten des Robert Koch Instituts zeigen die alters- und geschlechtsabhängigen Inzidenzraten des Harnblasenkarzinoms (ca./100.000/Jahr) (Abb. 1) sowie die zeitlichen Verläufe über die letzten 10 Jahre (Abb. 2 und 3) und die Tumorstadienverteilung (Abb. 4). Zu beachten ist, dass für die Statistik der Neuerkrankungen nur die C67-Diagnosen berücksichtigt werden, pTa-Tumoren und das Carcinoma in situ mit dem ICD-Code D09 jedoch keine Berücksichtigung finden. Neuerkrankungsrate und Prävalenz verdoppeln sich nahezu unter Hinzuziehung des ICD-Codes D09 und D41.1 (Neubildungen unsicheren Verhaltens) (Tab. 1). Da das pTa high-grade Karzinom und insbesondere das Carcinoma in situ beim nicht muskelinvasiven Harnblasenkarzinom die Varianten mit sehr hohem Progressions- und Rezidivrisiko darstellen, ist es wünschenswert, dass diese bei Krebsstatistiken in Zukunft inkludiert werden, um die epidemiologische Bedeutung der Erkrankung adäquat abzubilden. Insgesamt machen die nicht invasiven Tumoren (pTa und CiS) etwa 70% der primär diagnostizierten Urothelkarzinome aus; sie sollten also auch in die Berichterstattung zur Tumorstadienverteilung bei Erstdiagnose aufgenommen werden. Nach Kenntnis der Autoren ist dies erfreulicherweise so auch für die nächste Berichterstattung „Krebs in Deutschland“ in Vorbereitung. Somit ist das Harnblasenkarzinom in Deutschland weiterhin nur der 4. häufigste Tumor bei Männern und der 14. häufigste bei Frauen. 

Des Weiteren ist anzumerken, dass Urothelkarzinome der Harnblase vor dem 20. Lebensjahr generell extrem selten sind. Bei den wenigen Malignomen der Harnblase im Kindes- und Jugendalter handelt es sich in der Regel um mesenchymale Tumoren, meist Rhabdomyosarkome.

3.1.2 Tumorstadienverteilung des urothelialen Harnblasenkarzinoms zum Zeitpunkt der Diagnosestellung

In der Abbildung wird die Verteilung der T-Kategorien des Harnblasenkarzinoms nach dem Geschlecht dargestellt. Weitere Informationen sind unter Kapitel Häufigkeit des Harnblasenkarzinoms in Deutschland beschrieben.

Quelle: Krebs in Deutschland [8]

Verteilung der T-Kategorien bei Erstdiagnose nach Geschlecht (oben inkl. fehlender Angaben und DCO-Fällen, unten nur gültige Werte) ICD-10 C67, Deutschland 2011-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015
Verteilung der T-Kategorien bei Erstdiagnose nach Geschlecht (oben inkl. fehlender Angaben und DCO-Fällen, unten nur gültige Werte) ICD-10 C67, Deutschland 2011-2012, Quelle: Krebs in Deutschland 2015

3.2 Risikofaktoren

3.2.1 Validierte Risikofaktoren für die Entstehung eines Urothelkarzinoms

Das Harnblasenkarzinom gehört zu den Tumoren, die eine regional unterschiedliche Inzidenz aufweisen. 

Inzidenz für das Harnblasenkarzinom (c67), altersstandardisiert nach der europäischen Bevölkerung, in 27 EU-Ländern, Schätzungen für 2008
Inzidenz für das Harnblasenkarzinom (c67), altersstandardisiert nach der europäischen Bevölkerung, in 27 EU-Ländern, Schätzungen für 2008
Inzidenz für das Harnblasenkarzinom (C67), altersstandardisiert nach der Weltbevölkerung, in der Weltbevölkerung, in der Welt sowie in 18 Regionen, Schätzungen für 2008
Inzidenz für das Harnblasenkarzinom (C67), altersstandardisiert nach der Weltbevölkerung, in der Weltbevölkerung, in der Welt sowie in 18 Regionen, Schätzungen für 2008

3.2.1.1 Stratifizierung nach Alter und Geschlecht

3.2 · Konsensbasiertes Statement 2016

Die Harnblasenkarzinominzidenz ist ab dem 25. Lebensjahr bei Männern höher als bei Frauen. Sie nimmt mit zunehmendem Lebensalter bei Männern und Frauen kontinuierlich zu. Der altersabhängige Anstieg ist bei Männern stärker als bei Frauen.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund

Das Harnblasenkarzinom nimmt in Deutschland mit zunehmendem Lebensalter zu, ohne dass ein Abflachen des Anstiegs (leveling off) erreicht wird. Bei Männern und Frauen, die jünger als 25 Jahre sind, ist die altersspezifische Erkrankungsrate noch gleich. So beträgt sie im Zeitraum 2007-2008 bei den 15-24 jährigen Männern und Frauen jeweils 0,1 Erkrankungen pro 100.000 Personen. Es gibt Hinweise, dass sich Harnblasentumoren bei jungen Patienten von denen bei älteren Patienten molekularbiologisch und prognostisch unterscheiden. Junge Patienten haben eine bessere Prognose  [9] [10]. Danach steigt die Erkrankungsrate bei Männern und Frauen kontinuierlich an, wobei der Anstieg bei den Männern stärker ist. 

3.2.1.2 Stratifizierung nach genetischer Prädisposition

3.3 · Konsensbasiertes Statement 2016

Zur genetischen Prädisposition für die Entwicklung eines Harnblasenkarzinoms lässt die Datenlage außerhalb spezieller genetischer Syndrome  (z. B. Lynch-Syndrom) keine generelle Aussage zu.

Konsens
Starker Konsens
3.4 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Es soll kein Screening auf das Vorliegen spezieller genetischer Syndrome erfolgen.

Konsens
Konsens

Hintergrund

In genomweiten Assoziationsstudien erwiesen sich bislang nur 14 Polymorphismen eines einzelnen Nukleotids (Single nucleotide Polymorphisms, SNPs) und 1 Deletion eines Gens als signifikant hinsichtlich der Auslösung eines Harnblasenkarzinoms (siehe folgende Tabelle). Von den bislang untersuchten genetischen Risikofaktoren waren dies ein Tagging SNP für die N-Acetyltransferase 2 (NAT2) und die Deletion des Gens der Glutathion-S-Transferase M1 (GSTM1). Ein NAT2 Tagging SNP ist ein Repräsentant für den NAT2-Status. Die Bestimmung dieses SNPs erlaubt eine solide Aussage hinsichtlich des NAT2-Acetyliererstatus zumindest bei Mitteleuropäern, ohne Bestimmung der 7 SNPS im NAT2 Gen. Von den bislang in den genomweiten Assoziationsstudien identifizierten Loci konnten bislang nur zwei Loci (PSCA und UGT1A) funktionell charakterisiert werden [11]. Diese Ergebnisse der Grundlagenforschung sind auf der Ebene von Patientenkollektiven nachweisbar, haben jedoch im ärztlichen Alltag keine klinische Relevanz. Bislang ergeben sich aus den molekularbiologischen Erkenntnissen auch keine Konsequenzen für die Prävention.

Seit längerem ist bekannt, dass das erbliche nicht polypöse kolorektale Karzinom (HNPCC; hereditary nonpolyposis colorectal cancer) mit einem erhöhten Karzinomrisiko im oberen Harntrakt assoziiert ist [12]. In einer von Skeldon et al. publizierten Arbeit konnte gezeigt werden, dass auch das Risiko für Tumoren der Harnblase erhöht ist [13]. Betroffene Patienten weisen die Mutation „MSH2“ im Mismatch Repair Gen (MMR-Gen) auf. Andere untersuchte Mutationen im Mismatch Repair Gen zeigten keinen Zusammenhang mit einem erhöhten Harnblasenkarzinomrisiko.

Tabelle 7: Genomweite Assoziationsstudien zum Harnblasenkarzinom

SNP  Chromosom Berichtete OR und 95% Kl Benachbartes Gen Literatur
rs9642880 8q24.21 1,22 (1,15-1,29) c-myc Kiemeney 2008 [14]
rs710521 3q28 1,19 (1,12-1,27) TP63  Kiemeney 2008 [14]
rs401681 5p15.33 1,12 (1,06-1,18) TERT-CLPTM1L Rafnar 2009 [15]
rs2736098 5p15.33 1,16 (1,08-1,23) Benachbarter SNP von  rs401681 Rafnar 2009 [15]
rs2294008 8q24.3 1,15 (1,10-1,20) PSCA Wu 2009 [16]
rs2978974 8q24.3 1,11(1,06-1,17) PSCA Fu 2012 [17]
rs798766 4p16.3 1,24  (1,17-1,32) FGFR3, TACC3 Kiemeney 2010 [18]
rs11892031 2q37.1 1,19 (1,12-1,27) UGT1A Rothman 2010 [19]
rs17863783 2q37.1 1,82 (1,45-2,27) UGT1A Tang 2012 [20]
rs1495741 8p22 1,15 (1,10-1,20) Tagging SNP für NAT2 Status Rothman 2010 [19]
rs8102137 19q12 1,13 (1,09-1,17) CCNE1 Rothman 2010 [19]
rs1014971 22q13.1 1,14 (1,10-1,8) CBX6, APOBECA Rothman 2010 [19]
rs1058396  18q12.3 1,14 (1,09-1,19) SLC14A1 Rafnar 2011 [21]
rs17674580 18q12.3 1,17 (1,11-1,22) SLC14A1 Rafnar 2011 [21]
GSTM deletion 1p13.3 1,47 (1,38-1,57)* GSTM1 Z. B.: Golka 2009;
Rothman 2010 [19][22]

Legende: OR: Allelische Odds Ratios von Entdeckungsgruppe und Bestätigungsgruppen kombiniert, 95% Konfidenzintervall.

*Berichtet in: Rothman et al. 2010 [19], Studiengruppen von: Golka, K., et al. 2009[22], 

Quellen: nach Golka et al. 2011, aktualisiert: Golka, K., et al., 2011 [23].

 

3.2.1.3 Stratifizierung nach unterschiedlichen Karzinogenen

3.5 · Konsensbasiertes Statement 2016

Bestimmte aromatische Amine können Harnblasenkarzinome auslösen.

Konsens
Starker Konsens
3.6 · Konsensbasiertes Statement 2016

Cyclophosphamid, Chlornaphazin, Phenazetin und Aristolochiasäure erhöhen das Risiko für die Entstehung eines Harnblasenkarzinoms.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 3.5

Aromatische Amine, die bei der Entstehung eines Harnblasenkarzinoms von Interesse sind, weisen im Allgemeinen einen aromatischen 6er-Ring (Benzolring) auf, an dem sich eine Aminogruppe befindet. Daneben gibt es weitere aromatische 6er-Ringe („Hückelsche Regel“). 

Dies spielt zum Beispiel eine Rolle bei der Frage, ob das Pestizid Simazin (6-Chlor-N,N'-diethyl-1,3,5-triazin-2,4-diamin) zu den aromatischen Aminen gehört. Simazin enthält einen aromatischen Ring mit 3 Stickstoffatomen und 3 Kohlenstoffatomen. An zwei der drei Kohlenstoffatome befindet sich jeweils eine sekundäre Aminogruppe.

Klassifikation der aromatischen Amine:

Aromatische Amine können Harnblasentumoren beim Menschen auslösen. Die einzelnen Vertreter dieser Stoffgruppe unterscheiden sich in ihrem krebsauslösenden Potential ganz erheblich. Die ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat die aromatischen Amine hinsichtlich der krebsauslösenden Wirkung in verschiedene Kategorien eingestuft [24]. Die sogenannte Maximale Arbeitsplatzkonzentration- (MAK-) und Biologische Arbeitsstofftoleranzwerte- (BAT-)Werte-Liste, ist seit 2013 über die Homepage der Deutschen Forschungsgemeinschaft kostenfrei herunterladbar [25]. Sie enthält sowohl die Einstufungen als auch die Begründungen für die Einstufungen. Die entsprechenden Links für die einzelnen Stoffe sind im Literaturverzeichnis enthalten. Die aktuelle Einstufung der aromatischen Amine hinsichtlich ihrer krebsauslösenden Wirkung durch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) in die von ihr definierten Kategorien ist in der nachfolgenden Tabelle dargestellt (CAS (Chemical Abstracts Service) Nummer in Klammern):

Tabelle 8: Klassifikation der aromatischen Amine

Kategorie  Beschreibung Verbindungen
1  Stoffe, die beim Menschen Krebs erzeugen und bei denen davon auszugehen ist, dass sie einen Beitrag zum Krebsrisiko leisten. Epidemiologische Untersuchungen geben hinreichende Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen einer Exposition beim Menschen und dem Auftreten von Krebs. Andernfalls können epidemiologische Daten durch Informationen zum Wirkungsmechanismus beim Menschen gestützt werden. 

4-Aminodiphenyl [92-67-1]

Benzidin [92-87-5] und seine Salze

4-Chlor-o-toluidin [95-69-2]

2-Naphthylamin [91-59-8]

o-Toluidin [95-53-4]

2 Stoffe, die als krebserzeugend für den Menschen anzusehen sind, weil durch hinreichende Ergebnisse aus Langzeit-Tierversuchen oder Hinweise aus Tierversuchen und epidemiologischen Untersuchungen davon auszugehen ist, dass sie einen Beitrag zum Krebsrisiko leisten. Andernfalls können Daten aus Tierversuchen durch Informationen zum Wirkungsmechanismus und aus In-vitro- und Kurzzeit-Tierversuchen gestützt werden.

o-Aminoazotoluol [97-56-3]

6-Amino-2-ethoxynaphthalin [293733-21-8]

2-Amino-4-nitrotoluol [99-55-8]

Auramin [492-80-8] und Auraminhydrochlorid [2465-27-2]

p-Chloranilin [106-47-8]

2,4-Diaminoanisol [615-05-4]

4,4'-Diaminodiphenylmethan [101-77-9]

1,5-Diaminonaphthalin [2243-62-1]

3,3'-Dichlorbenzidin [91-94-1]

3,3'-Dimethoxybenzidin (o-Dianisidin) [119-90-4]

3,3'-Dimethylbenzidin (o-Tolidin) [119-93-7]

3,3'-Dimethyl-4,4'-diaminodiphenylmethan [838-88-0]

p-Kresidin [120-71-8]

2-Methoxyanilin (o-Anisidin) [90-04-0]

4,4'-Methylen-bis(2-chloranilin) [101-14-4]

4,4'-Methylen-bis(N,N-dimethylanilin) [101-61-1]

Michlers Keton [90-94-8]

4,4'-Oxydianilin [101-80-4]

4,4'-Thiodianilin [139-65-1]

2,4-Toluylendiamin [95-80-7]

2,4,5-Trimethylanilin [137-17-7]

2,4-Xylidin [95-68-1] und 2,6-Xylidin [87-62-7]

3 Stoffe, die wegen erwiesener oder möglicher krebserzeugender Wirkung Anlass zur Besorgnis geben, aber aufgrund unzureichender Informationen nicht endgültig beurteilt werden können. Die Einstufung ist vorläufig.  
3a Stoffe, die bei Tier oder Mensch Krebs erzeugen oder als krebserzeugend für den Menschen anzusehen sind, bei denen die Voraussetzungen erfüllt wären, sie der Kategorie 4 oder 5 zuzuordnen. Für die Stoffe liegen jedoch keine hinreichenden Informationen vor, um einen MAK- oder BAT-Wert abzuleiten. 4-Nitroanilin [100-01-6]
3b Aus in-vitro- oder aus Tierversuchen liegen Anhaltspunkte für eine krebs-erzeugende Wirkung vor, die jedoch zur Einordnung in eine andere Kategorie nicht ausreichen. Zur endgültigen Entscheidung sind weitere Untersuchungen erforderlich. Sofern der Stoff oder seine Metaboliten keine geno-toxischen Wirkungen aufweisen, kann ein MAK- oder BAT-Wert festgelegt werden.

4-Aminodiphenylamin [101-54-2]

2,5-Dimethoxy-4-chloranilin [6358-64-1]

N,N-Dimethylanilin [121-69-7]

4-Methoxyanilin [104-94-9]

2-Nitro-p-phenylendiamin [5307-14-2]

o-Phenylendiamin [95-54-5]

m-Phenylendiamin [108-45-2]

p-Phenylendiamin [106-50-3]

N-Phenyl-2-naphthylamin [135-88-6]

p-Toluidin [106-49-0]

4 Stoffe, die bei Tier oder Mensch Krebs erzeugen oder als krebserzeugend für den Menschen anzusehen sind und für die ein MAK-Wert abgeleitet werden kann. Im Vordergrund steht ein nicht-genotoxischer Wirkungsmechanismus, und genotoxische Effekte spielen bei Einhaltung des MAK- und BAT-Wertes keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Unter diesen Bedingungen ist kein Beitrag zum Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten. Die Einstufung wird insbesondere durch Befunde zum Wirkungsmechanismus gestützt, die beispielsweise darauf hinweisen, dass eine Steigerung der Zellproliferation, Hemmung der Apoptose oder Störung der Differenzierung im Vordergrund stehen. Einstufung und MAK- und BAT-Wert berücksichtigen die vielfältigen Mechanismen, die zur Kanzerogenese beitragen können, sowie ihre charakteristischen Dosis-Zeit-Wirkungsbeziehungen. Anilin [62-53-3]
5 Stoffe, die bei Tier oder Mensch Krebs erzeugen oder als krebserzeugend für den Menschen anzusehen sind und für die ein MAK-Wert abgeleitet werden kann. Im Vordergrund steht ein genotoxischer Wirkungsmechanismus, für den aber bei Einhaltung des MAK- und BAT-Wertes nur ein sehr geringer Beitrag zum Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten ist. Die Einstufung und der MAK- und BAT-Wertwerden gestützt durch Informationen zum Wirkungs-mechanismus, zur Dosisabhängigkeit und durch toxikokinetische Daten. Keine aromatischen Amine in diese Kategorie eingestuft

 

Aromatische Amine, die nicht in den beiden Kategorien 1 oder 2 aufgeführt sind, spielen nach derzeitigem Kenntnisstand keine Rolle bei der Auslösung eines beruflich bedingten Harnblasentumors. Sie werden aber der Vollständigkeit halber aufgeführt.

Aromatische Amine und Azofarbstoffe

Hinsichtlich der Auslösung eines Harnblasenkarzinoms beim Menschen im Sinne einer Berufskrankheit BK 1301 sind vor allem aromatische Amine der Kategorie 1 und, mit Einschränkungen, der Kategorie 2 von Interesse.

An Arbeitsplätzen ist aber im Allgemeinen nicht die Exposition gegen aromatische Amine, sondern die Exposition gegen Azofarbstoffe von Bedeutung. Aus den Azofarbstoffen können im menschlichen Körper durch Stoffwechselvorgänge aromatische Amine freigesetzt werden. 

Schematische Darstellung der Spaltung eines Azofarbstoffes am Beispiel des Benzidin-basierten Azofarbstoffs
Schematische Darstellung der Spaltung eines Azofarbstoffes am Beispiel des Benzidin-basierten Azofarbstoffs

Dabei sind nur Farbstoffe von Interesse, die wasserlöslich ("bioverfügbar") sind. Aus nicht wasserlöslichen Azofarbstoffen, die auch Pigment genannt werden, konnte eine Freisetzung des seinerzeit zur Synthese des Farbstoffmoleküls als Kupplungskomponente verwendeten aromatischen Amins nicht gezeigt werden [26].

Es sei angemerkt, dass o-Toluidin erst 2006 der Kategorie 1 zugeordnet wurde, da zuvor die Datenlage hinsichtlich der krebsauslösenden Wirkung von o-Toluidin nicht eindeutig war. Hintergrund war, dass an den untersuchten Arbeitsplätzen auch eine Exposition gegen andere Harnblasenkarzinogene bestanden hatte. [27]. 

Hinsichtlich beruflich bedingter Harnblasenkarzinome kann konstatiert werden, dass aktuell Berufe mit der Exposition gegen Azofarbstoffe auf der Basis krebserzeugender aromatische Amine und Berufe mit der Exposition gegen Arbeitsstoffe, die krebserzeugende aromatische Amine in zumeist geringen Konzentrationen enthalten, z. B. als Antioxidantien oder als Bestandteil von Kokereirohgasen, von Bedeutung sind. Die Exposition gegen krebserzeugende aromatische Amine als reine Stoffe ist hingegen aktuell kaum noch von Bedeutung. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Expositionen sich von Land zu Land für den gleichen Beruf erheblich unterscheiden können - und damit sich auch die Studien in ihrem Ergebnis erheblich unterscheiden können. Hinzu kommt, dass die Expositionen gegen krebserzeugende Arbeitsstoffe im Laufe der Jahrzehnte deutlich abgenommen haben  [28][29]. Dies kann aber nicht unbedingt auf alle Länder übertragen werden. So wurde die 1972 in Japan verbotene Benzidinproduktion in Südkorea aus wirtschaftlichen Gründen zu Beginn der 1990er Jahre hochgefahren und erst im Jahre 2000 beendet [30]. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die Latenzzeiten für beruflich bedingte Harnblasentumoren sehr lang sind. So betrug der Mittelwert für die Latenzzeit bei den im Zeitraum 1978-2010 durch die gewerblichen Berufsgenossenschaften anerkannten Fällen 37,9 Jahre (Standardabweichung 14,1 Jahre, siehe auch Tabelle zu den anerkannten Fällen einer Berufskrankheit).

Hintergrund zu 3.6

Harnblasenkarzinome können durch den Arzneistoff Cyclophosphamid (Endoxan®) ausgelöst werden. Fairchild et al. beobachteten eine 9fach erhöhte Harnblasenkarzinominzidenz bei 1.982 Tumorpatienten mit und ohne Cyclophosphamidtherapie [31].

Ähnliche Erkentnisse ergab eine Studie von Travis et al. an 6.171 Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen. In dieser Studie zeigte sich eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Eine Cyclophosphamid-Gesamtdosis von weniger als 20 g war mit einem 2,4fachen Risiko, mehr als 50 g waren mit einem relativen Risiko von 14,5 verbunden [32].

Neuere größere Studien zu dieser Nebenwirkung von Cyclophosphamid liegen nicht vor.

Phenazetin wurde in der Bundesrepublik Deutschland 1986 die Zulassung durch das Bundesgesundheitsamt entzogen. In der früheren DDR wurde Phenacetin im Rahmen der Wiedervereinigung im Jahre 1990 vom Markt genommen (Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, persönliche Mitteilung; Wikipedia). In mehreren Studien wurde ein vermehrtes Auftreten von Urothelkarzinomen im oberen Harnstrakt und, wenn auch deutlich weniger häufig, in der Harnblase beobachtet [33][34].

Aristolochiasäure wurde in Deutschland im Jahre 1987 verboten. Dieser Stoff war in verschiedenen Stärkungsmitteln, wie z. B. Frauengold, enthalten. Diese Substanz kann nach der Einnahme von Aristolochiahaltiger (chinesischer) Kräutermedizin zu einer progressiven interstitiellen Fibrose in der Niere führen. In der Literatur wird aber auch ein vermehrtes Auftreten von Urotheltumoren vor allem im oberen Harntrakt, vereinzelt jedoch auch in der Harnblase beschrieben [35][36]. Die belgische Arbeitsgruppe um Nortier, welche die nephrotoxische Wirkung dieses Stoffes als erste beschrieb, berichtet, dass von 38 Frauen, die wegen einer Aristolochiasäure-bedingten terminalen Niereninsuffizienz ein Nierentransplantat erhalten hatten, 15 Frauen zwischen dem 68. und 169. Monat nach Beendigung der Aristolochiaeinnahme ein Urothelkarzinom der Harnblase entwickelten [37].

3.2.1.4 Stratifizierung nach Rauchen von Zigaretten

3.7 · Konsensbasiertes Statement 2016

Das Rauchen von Zigaretten ist ein Risikofaktor für die Entstehung eines Harnblasenkarzinoms.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund

Das Rauchen von Zigaretten ist ein validierter Risikofaktor für das Harnblasenkarzinom. Dies zeigen übereinstimmend sowohl große retrospektive und prospektive Studien als auch zahlreiche Meta-Analysen und Übersichtsarbeiten. Von wegweisender Bedeutung ist die Einstufung durch die Gruppe International Agency for Research on Cancer (IARC) [38]. IARC bewertet den Einfluss des Rauchens wie folgt: Das Rauchen von Tabak ist eine wesentliche Ursache für das Urothelkarzinom der Harnblase, des Harnleiters und des Nierenbeckens. Das Risiko steigt mit der Dauer des Rauchens und der Anzahl der gerauchten Zigaretten. Wie beim Lungenkrebs vermeidet das Beenden des Rauchens den weiteren Anstieg des Risikos. Ein aktueller Bericht von IARC ergab, dass alle neuen Studien die Existenz einer Dosis-Wirkungsbeziehung mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten und der Dauer sowie eine Abnahme des relativen Risikos mit der Zeit seit dem Beenden des Rauchens, im Vergleich zu Nichtrauchern, zeigten [39].

Die Angaben zu dem Einfluss der Zeitdauer und der Menge der gerauchten Zigaretten schwankt von Studie zu Studie. Beispielhaft seien an dieser Stelle die Zahlen aufgeführt, die Brennan et al. in je einer gepoolten Studie für Männer und Frauen publiziert haben [40][41].

Tabelle 9: Dauer des Rauchens und Menge der gerauchten Zigaretten bei Männern und Harnblasenkarzinom

 

Dauer (Jahre) 

1-9 Zigaretten am Tag 

RR (95% Kl)

10-19 Zigaretten am Tag 

RR (95% Kl) 

20-29 Zigaretten am Tag 

RR (95% Kl) 

≥ 30 Zigaretten am Tag 

RR (95% Kl) 
1–9  1,3 (0,8–1,9) 1,4 (0,7–2,5) 0,9 (0,3–3,2) 0,4 (0,1–3,5)
10–19 2,0 (1,4–2,8) 2,1 (1,5–2,9) 1,5 (0,8–3,0)

2,2 (1,2–3,9)

20–29 2,0 (1,4–2,7) 2,8 (2,1–3,6) 3,6 (2,5–5,3)  4,2 (2,8–6,4)
30–39 2,2 (1,7–2,9) 4,3 (3,5–5,2) 5,8 (4,3–7,8)  4,3 (3,1–6,0)
≥ 40 3,2 (2,6–4,1) 5,1 (4,3–6,1) 5,7 (4,4–7,4)  5,2 (3,9–6,9)

RR: Relatives Risiko, 95%  Konfidenzintervall.

Quelle: IARC 2004, nach: Brennan, P., et al., [40]

 

 

Tabelle 10: Dauer des Rauchens bei Frauen und Harnblasenkarzinom

Dauer (Jahre)  RR (95% Kl)*
1-9  1,0
10-19 1,2 (0,6–2,3)
20-29 1,3 (0,7–2,5)
30-39 1,9 (1,1–3,5)
≥ 40 2,0 (1,1–3,5)

*Adjustiert nach Alter, Zentrum, und Anzahl der Zigaretten/Tag.
RR: Relatives Risiko, 95%  Konfidenzintervall.
Quelle: IARC 2004, nach: Brennan, P., et al., [41]

 

3.2.1.5 Stratifizierung nach entzündlichen Erkrankungen der Harnblase

3.8 · Konsensbasiertes Statement 2016

Chronische Entzündungen der Harnblase können die Entstehung eines Harnblasenkarzinoms begünstigen. 

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund

In einer Studie  an 2.982 Harnblasenkarzinompatienten und 5782 Bevölkerungskontrollen konnten Kantor et al. zeigen, dass Männer mit 1-2 Harnwegsinfekten in der Anamnese ein relatives Risiko von 1,5 (95 % KI 1,3-1,8) und Männer mit 3 und mehr bekannten Harnwegsinfektionen ein relatives Risiko von 2,0 (95 % KI 1,6-2,6) aufweisen, an einem Harnblasenkarzinom zu erkranken [42]. Die Ergebnisse für Frauen weisen in die gleiche Richtung. Blasensteine waren ebenfalls mit einem erhöhten Risiko verbunden (RR 1,8; 95 % KI 1,1-2,8), nicht jedoch Nierensteine. Dabei war das Risiko für Plattenepithelkarzinome gegenüber Urothelkarzinomen stärker erhöht. Während Kunze et al. bei 131 erkrankten Harnblasenkarzinompatienten ebenfalls ein erhöhtes Risiko nach chronischen Harnwegsinfekten beobachteten (OR 1,5; 95 % KI 1,1-7,2), fanden Kjaer et al. kein erhöhtes Risiko [44][43] . In einer Studie an über 60.000 Patienten in Schweden konnte ein erhöhtes Risiko sowohl für Tumoren des Nierenbeckens und der Harnleiter als auch für die Harnblase gezeigt werden, wobei das Risiko für Frauen (Nierenbecken/Harnleiter: Standardisierte Inzidenzratio SIR 29,3; 95 % KI 20,5-40,6; Harnblase: SIR 4,2; 95 % KI 3,2-5,4) mehr als doppelt so hoch wie das für Männer war [48]. Eine im Rahmen der WHO International Consultation Bladder Cancer from Pathogenesis to Prevention Stockholm, 2008 publizierten Übersichtsarbeit zeigte, dass 5 von 6 Studien eine Assoziation zwischen  Harnblasenkarzinomrisiko und Harnwegsinfektionen beschrieben. Allerdings liegen hier keine prospektiven Studien vor [47]. 

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass nach mehrjähriger Harnableitung mittels Dauerkatheter für Querschnittsgelähmte ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko besteht [46]. Es wird in der Arbeit jedoch nicht zwischen suprapubischen und Harnröhrenkathetern unterschieden.

Eine Besonderheit bei den Entzündungen stellt die Bilharziose dar. Hier wird beim Befall der Harnblase ein erheblich erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko beobachtet. Plattenepithelkarzinome der Harnblase treten bei an Bilharziose erkrankten Patienten mit 59-81 % deutlich häufiger auf als bei nicht an Bilharziose erkrankten Patienten [45]. Allerdings wurde kürzlich eine Verschiebung des Spektrums mit einem Rückgang der Plattenepithelkarzinome und einer Zunahme der Urothelkarzinome beschrieben [45].

3.2.1.6 Stratifizierung nach Ernährung

Die Trinkmenge und der Kaffeekonsum sind die beiden am häufigsten im Zusammenhang mit der Harnblasenkarzinomentstehung diskutierten Ernährungsfaktoren. Brinkman und Zeegers (2008) untersuchten u. a. einen Zusammenhang zwischen der gesamten Flüssigkeitsaufnahme und der Entstehung des Harnblasenkarzinoms in einer im Rahmen der „WHO International Consultation Bladder Cancer from Pathogenesis to Prevention“ (Stockholm, 2008) publizierten Arbeit. 10 der 20 untersuchten Studien zeigten eine Assoziation [49]. 6 davon berichteten eine positive Assoziation und 4 eine negative Assoziation. Insgesamt wiesen mehr Studien darauf hin, dass eine höhere Flüssigkeitsaufnahme bei Männern mit einem erhöhten Harnblasenkarzinomrisiko und bei Frauen mit einem erniedrigten Risiko assoziiert war. Eine Einstufung der Gesamtflüssigkeitsaufnahme als Risikofaktor ist somit nicht möglich.

In einer von Zhou et al. publizierten Meta-Analyse zeigte sich bei den untersuchten 23 Fall-Kontroll-Studien (7.690 Fälle und 13.507 Kontrollen) nach Raucher-Adjustierung ein dosisabhängiges relatives Risiko (RR 1,07 (95 % KI 1,02–1,13) für 1 Tasse Kaffee/Tag, RR 1,15 (95% KI 1,05–1,26) für 2 Tassen Kaffee/Tag RR 1,22 (95% KI 1,08–1,38) für 3 Tassen Kaffee/Tag, und RR 1,29 (95% KI 1,12–1,48) für 4 Tassen Kaffee/Tag. Bei den 5 untersuchten Kohortenstudien (700 Fälle, 229.099 Teilnehmer) fand sich hingegen kein erhöhtes Raucher-adjustiertes Risiko RR 1,09 (95% KI, 0,89–1,34) 1 Tasse Kaffee/Tag, 1,13 (95% KI, 0,82–1,55) für 2 Tassen Kaffee/Tag, 1,09 (95% KI, 0,77–1,56) für 3 Tassen Kaffee/Tag, and 1,01 (95% KI, 0,69–1,48) für 4 Tassen Kaffee/Tag. Somit ist Kaffeekonsum kein gesicherter Risikofaktor [50]. 

Wie bei einer Reihe anderer Tumoren wird auch für das Harnblasenkarzinom in der Literatur ein Zusammenhang mit der Gesamtfettaufnahme beschrieben. Die von Brinkman und Zeegers (2008) zitierte Übersichtsarbeit von Steinmaus et al. (2000) bietet einen guten Überblick [51]. Basierend auf 38 in die Analyse einbezogene Arbeiten kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass eine fettreiche Ernährung (diets high in fat intake) (RR 1,37, 95% KI 1,16-1,62) und eine an Obst arme Ernährung (RR 1,40, 95% KI 1,08-1,83) ein erhöhtes Risiko darstellen, aber nicht eine an Retinol arme Ernährung (RR = 1,01, 95 % KI: 0,83-1,23) oder ein hoher Fleischkonsum (RR = 1,08, 95 % KI: 0,82-1,42). Die anderen von Brinkman und Zeegers (2008) hinsichtlich eines erhöhten Krebsrisikos evaluierten Ernährungsfaktoren (westlicher Ernährungsstil, Fleisch, rotes Fleisch, Rindfleisch, Leber, Schweinefleisch, verarbeitetes Fleisch (processed meat), gegrilltes Fleisch, Dosenfleisch, gesalzenes Fleisch, weißes Fleisch/Geflügel, Molkereiprodukte, gesättigte Fette, Cholesterin, Gesamtkohlenhydrate, Gesamteiweiß, Nitrite/Nitrate, eingelegtes Gemüse ("pickled"), Salz, Gewürze, Süßstoffe zeigen keine oder eine nur geringe Risikoerhöhung oder wurden in nur wenigen Studien untersucht. Insgesamt ergeben sich aus der Arbeit von Brinkman und Zeegers Hinweise auf einen Zusammenhang für fettreiche und obstarme Ernährung, aber keine Hinweise auf andere untersuchte Ernährungsformen.

3.2.1.7 Stratifizierung nach Strahlentherapie anderer Organe

3.9 · Konsensbasiertes Statement 2016

Eine Strahlentherapie im kleinen Becken kann mit einer Latenzzeit von mehreren Jahren zur Entwicklung eines Harnblasenkarzinoms führen. 

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund

Vor allem in früheren Jahrzehnten konnten durch die Strahlentherapie von Gebärmuttertumoren iatrogen bedingte Harnblasenkarzinome ausgelöst werden. In einer Studie unter Leitung der International Agency for Research on Cancer (IARC) wurden 182.040 Frauen nachuntersucht, die wegen eines Zervixkarzinoms behandelt worden waren [52]. Dabei wiesen die mit Strahlentherapie behandelten Patientinnen mehr Harnblasenkarzinome auf als diejenigen Patientinnen ohne Strahlentherapie. 

Im Jahre 2007 wurde von Chaturvedi et al. eine Arbeit publiziert, in der Zweittumoren bei Zervixkarzinompatientinnen untersucht wurden, die die Tumortherapie mehr als ein Jahr überlebt hatten [53]. In die auf 13 Bevölkerungskrebsregistern beruhende Studie gingen 104.764 Frauen ein. 536 Patientinnen erlitten ein Harnblasenkarzinom nach externer und/oder intracavitärer Strahlentherapie (SIR 3,51; 95 % KI 3,22-3,89), aber nur 109 Patientinnen ohne Strahlentherapie (OR 1,93; 95 % KI 1,53-2,34). Dabei ist von besonderem Interesse, dass sich das Risiko, an einem strahlentherapeutisch bedingten Harnblasenkarzinom zu erkranken, kontinuierlich erhöht. Nach einer Latenzzeit von 1-9 Jahren betrug die SIR 2,70 (127 Patientinnen), nach 20-29 Jahren Latenzzeit 4,13 (152 Patientinnen), und nach einer Latenzzeit von 40 Jahren und mehr 5,83 (26 Patientinnen). Alle diese Ergebnisse sind auf dem Signifikanzniveau p<0,05 signifikant.

Fazit: Man muss bei alten Patientinnen, die vor Jahrzehnten mit einer aus heutiger Sicht veralteten Technik kurativ bestrahlt wurden, an ein Harnblasenkarzinom als Spätfolge denken. 

Auf die Auswirkungen einer Strahlentherapie im Zuge der Therapie des Prostatakarzinoms verweisen wir auf die S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom. 

3.2.2 Anerkennung von Risikofaktoren durch die Unfallversicherungsträger

3.2.2.1 Berufe mit besonderer Exposition

3.10 · Konsensbasiertes Statement 2016

Es gibt beruflich bedingte Expositionen, für die ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko gesichert ist.

Konsens
Starker Konsens
3.11 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei Patienten mit Harnblasenkarzinom soll eine Berufsanamnese erhoben werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund

In den letzten Jahren wurden jeweils über 100 Harnblasenkarzinome als  Berufskrankheit anerkannt und die Patienten entsprechend entschädigt. 

Im Rahmen der WHO International Consultation Bladder Cancer from Pathogenesis to Prevention wurde eine umfassende Meta-Analyse von Reulen et al. publiziert, die Berufe mit einem erhöhten "summary relative risk" (SRR) von 1,2 und höher auflistet [54]. 

Wegen der Besonderheiten der Exposition und der Bedeutung für die Praxis in Deutschland werden der Beruf des Malers und Lackierers (SRR 1,17) sowie  Tätigkeiten bei sehr hohen Expositionen gegenüber Verbrennungsprodukten (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) zusätzlich aufgeführt. Reulen et al. hatten in ihrer Metaanalyse bei sehr hohen Expositionen gegenüber Verbrennungsprodukten nur Hochofenarbeiter und Schmelzer („furnace operators“) berücksichtigt. Die Expositionen gegen Verbrennungsprodukte werden in einer ebenfalls sehr umfassenden Übersichtsarbeit von Bosetti et al. umfassend abgehandelt [55].

Tabelle 11: Wirtschaftszweige der durch die gewerblichen Berufsgenossenschaften im Zeitraum 1978-2010 anerkannten Fälle einer Berufskrankheit BK 1301

Wirtschaftszweig  Anzahl der Fälle
Chemie 999
Bau 321
Gesundheitsdienst 183
Feinmechanik, Elektronik, ab 2008: auch Textil 102
Metall 96
Bergbau 71
Handel und Verwaltung 59
Textil und Leder (ab 2008: nur Leder) 31
Holz 29
Verkehr 20
Gas, Fernwärme und Wasser 18
Übrige 16
Gesamt 1935

Quelle: DGUV 2012 [56]

 

Maler und Lackierer ("painters")

Reulen et al. fanden bei ihrer Meta-Analyse bezüglich des Berufes "Maler und Lackierer", bei der 49 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,17 (1,10-1,23) [54]. IARC konstatierte, dass 11 Kohorten- und Fall-Kontrollstudien eine konsistente, obgleich moderate Übersterblichkeit ("Excess risk of mortality", 21 %) für Maler zeigten [57][58]. Die meisten evaluierten Studien wiesen ein Odds Ratio  größer 1 auf. In einer Meta-Analyse von Studien, die hinreichend für Störfaktoren adjustiert waren, zeigte sich eine statistisch signifikante Erhöhung des Risikos für die Sterblichkeit von 28 %. Bei einer Auswertung der zuvor genannten Studien und der populationsbasierten Studien nur unter Einbeziehung von Raucher-adjustierten Schätzungen zeigte sich eine statistisch signifikante Erhöhung des Risikos von 26 bzw. 27 %. 

Bei dem Beruf des Malers und Lackierers ist zu beachten, dass die beruflichen Tätigkeiten und auch das verwendete Material - und damit die Expositionen gegen harnblasenkarzinogene Stoffe - von Land zu Land und auch von Maler zu Maler ganz erheblich schwanken können. Insgesamt sind die in Deutschland durchgeführten Studienergebnisse aussagekräftiger im Vergleich zu anderen Ländern. Die fünf bislang in Deutschland durchgeführten Studien zeigten alle ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko für Maler (OR  1,56;  95%  KI 0,51–4,78); (OR 1,25; 95% KI 0,59–2,67); (OR 2,76; 95% KI 1,21–6,28); („mittellange“ Tätigkeit OR 1,3, 95% KI 0,6-2,6, „lange“ Tätigkeit OR 0,7, 95% KI 0,3-1,6, „sehr lange“ Tätigkeit OR 1,6, 95% KI 0,5-4,7), (OR 1,98, 95%  KI 0,64–6,11)) [59][60][61][62][63].

Friseure ("hairdressers")

Reulen et al. fanden bei ihrer Meta-Analyse bezüglich des Berufes "Friseur", bei der 29 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,23 (1,11-1,37) [54]. Die meisten der von IARC herangezogenen 20 Fall-Kontroll-Studien inklusive drei größerer Studien, zeigten bei männlichen Friseuren ein zwischen 1,3 und 1,7 erhöhtes Risiko [64]. Eine gepoolte Analyse von 11 Studien aus 5 europäischen Ländern ergab keine signifikanten Risikoerhöhungen bei Friseuren oder Friseurinnen. Nach Angaben der IARC scheinen die Risiken für Frauen geringer als für Männer zu sein. In Hinblick auf das mäßig erhöhte Risiko in den Studien, speziell bei männlichen Friseuren, und dem Fehlen von soliden Daten bezüglich Dauer und Zeitraum der Exposition kommt IARC zu dem Schluss, dass es eine limitierte Evidenz ("limited evidence") für ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko bei Friseuren gibt. Studien aus Deutschland mit einer belastbaren Anzahl von Fällen und Kontrollen liegen bislang nicht vor.

Beschäftigte in der Gummiindustrie ("rubber workers")

Ein erhöhtes Risiko in der Gummiindustrie wurde erstmals in Großbritannien beschrieben [65]. Durch das Verbot des als Antioxidans eingesetzten 2-Naphthylamin (Synonym: β-Naphthylamin) konnte dort das Risiko deutlich reduziert werden. Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Gummiarbeiter", bei der 26 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,29 (95% KI 1,08-1,53) [54].

IARC kommt in einer Evaluierung des Risikos in der Gummiindustrie zu der Einschätzung, dass die berufliche Expositionen in der Gummi-produzierenden Industrie Harnblasenkarzinome verursacht. IARC stuft die berufliche Exposition in der Gummi-produzierenden Industrie in Gruppe 1 (krebsauslösend beim Menschen) ein. Das Risiko ist jedoch an verschiedenen Arbeitsplätzen unterschiedlich [66].

Für Deutschland sind die beiden großen in der deutschen Gummiindustrie durchgeführten Kohortenstudien von maßgebender Bedeutung, in denen über 11 000 Arbeiter nachverfolgt wurden [67][68]. In beiden Arbeiten konnte eine erhöhte Mortalität für verschiedene Bereiche der Gummiindustrie gezeigt werden. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass eine Mortalitätsstudie bei Harnblasentumoren naturgemäß ein deutlich geringeres Risiko zeigt als eine Studie, welche die Inzidenz untersucht hat. So fanden sich in einer Studie in der US-amerikanischen Gummiindustrie 50 Fälle von Harnblasenkarzinom, aber nur 4 Todesfälle [69]. Zudem muss erwähnt werden, dass Vlaanderen et al. ausführen, dass die Gummiindustrie zwar erhebliche Anstrengungen unternommen hat die Höhe der Exposition zu reduzieren und gesicherte Karzinogene aus dem Produktionsprozess zu entfernen, ein klarer Abwärtstrend bei den Standard mortality ratios (SMR) in den weniger lange zurückliegenden Jahren der Anstellung (more recent years of hire) bei den vordringlich interessierenden Krebserkrankungen jedoch nicht beobachtet wurde [70]. So wurden die höchsten Raten einiger Krebserkrankungen von vordringlichem Interesse in dem am kürzesten zurückliegenden Anstellungszeitraum, d.h. 1970-1981, beobachtet. Möglicherweise, so Vlaanderen et al., wurden die großen Verbesserungen in der Arbeitshygiene erst nach 1980 eingeführt. Für die Harnblase lauten die entsprechend nach Zeiträumen der Anstellung gestaffelten SMRs wie folgt: vor 1950 SMR 1,54 ((95% KI 1,31-1,81), 1950-1959 SMR 1,05 (95% KI 0,9-1,23), 1960-1969 SMR 1,40 (95% KI 0,77-2,36), 1970-1981 SMR 1,17 (95% KI 0,03-6,5).

Bergleute ("miners")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Bergmann", bei der 24 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,31 (95% KI 1,09-1,57) [54]. In einer deutschen Studie fand sich ein erhöhtes Risiko für Steinkohlenbergleute (OR 2,5 95% KI 1,64–3,93) [55].

Busfahrer ("bus drivers")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Busfahrer", bei der 29 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,29 (95% KI 1,08-1,53) [54]. Verwandte Berufe wie Fahrzeugführer (32 Studien, SRR 1,11 (95% KI 1,06-1,17), Auto-, Taxi und Lieferwagenfahrer (9 Studien, SRR 1,20 (95% KI 1,03-1,39) und LKW-Fahrer (15 Studien, SRR 1,18 (95% KI 1,06-1,33) zeigen Ergebnisse, die in die gleiche Richtung weisen. In einer deutschen Studie fand sich ein erhöhtes Risiko für LKW-Fahrer (OR 1,78, 95% KI 1,12-2,83), in einer anderen ein erhöhtes Risiko für Fahrer von Kraftfahrzeugen, die ihre Tätigkeit „lange“ (OR 1,7, 95% KI 1,2-2,4) oder „sehr lange“ (OR 1,5, 95% KI 0,9-2,6) ausgeübt hatten [59][61].

Kraftfahrzeugmechaniker ("motor mechanics")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Kraftfahrzeugmechaniker", bei der 21 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,27 (95% KI 1,10-1,46) [54]. Zu diesem Beruf finden sich keine aussagekräftigen Ergebnisse in deutschen Studien.

Lederarbeiter ("leather workers")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Lederarbeiter", bei der 21 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,27 (95% KI 1,07-1,49) [54].

Schmiede ("blacksmiths")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Schmied", bei der 10 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,27 (95% KI 1,02-1,58) [54].

Maschineneinrichter ("machine setters")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Maschineneinrichter", bei der 17 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,24 (95% KI 1,09-1,42) [54].

Mechaniker ("mechanics")

Reulen et al. fanden bei ihrer Metaanalyse bezüglich des Berufes "Mechaniker", bei der 30 Studien einbezogen wurden, ein SRR 1,21 (95% KI 1,12-1,31) [54].

Hohe berufliche Expositionen gegen Verbrennungsprodukte

Hohe berufliche Expositionen gegen Verbrennungsprodukte wurden von Reulen et al. in ihrer Metaanalyse nur hinsichtlich des Berufes "Hochofenarbeiter, Schmelzer" ("furnace operators") ausgewertet [54]. In der diesbezüglich durchgeführten Metaanalyse, bei der 12 Studien einbezogen wurden, ergab sich ein SRR 1,17 (95% KI 0,96-1,42) [54]. Jedoch wurde von Bosetti et al. eine quantitative Übersichtsarbeit zum Thema polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Krebs des Atem- und des Harntraktes publiziert [71][72]. Die Autoren berichten auf der Grundlage der Auswertung von 15 Artikeln bezüglich 9 Kohorten von Arbeitern in der Aluminiumproduktion. Die Daten der 3 norwegischen Studien, d.h. über 11.000 Männer, die mindestens 3 Jahre in diesem Bereich tätig waren und deren Krebsinzidenz von 1953 - 1996 nachverfolgt wurde, ergaben 130 beobachtete Harnblasenkarzinomfälle bei 101,7 erwartenden (SIR 1,3 (95% KI 1,1-1,5). IARC stuft berufliche Expositionen bei der Aluminiumproduktion in Gruppe 1 (Krebsauslösend beim Menschen) ein und konstatiert, dass die berufliche Exposition bei der Aluminiumherstellung Harnblasentumoren auszulösen vermag [73].

Bei einer Gesamtauswertung hinsichtlich der Mortalität kommen die Autoren zu folgenden Ergebnissen: Aluminiumproduktion SMR 1,26, gepooltes RR 1,29 (95% KI 1,12-1,49), Kohlevergasung SMR 2,38, gepooltes RR 2,39 (1,36–4,21), (Harnblase und andere nicht näher spezifizierte Tumoren des Harntraktes SMR 2,99 gepooltes RR 3,27 (2,06–5,19)), Eisen und Stahlgießereien SMR 1,19 gepooltes RR 1,29 (1,06–1,57), Dachdecker SMR 1,54 gepooltes RR 1,57 (0,96–2,56), Asphaltarbeiter SMR 1,12 gepooltes RR 1,02 (0,85–1,23) Kohleelektrodenhersteller SMR 1,15 gepooltes RR 1,29 (0,85–1,95). Die letzten 3 Ergebnisse sind nicht statistisch signifikant.

Bei der Kohlevergasung ("coal gasification") zeigte eine große deutsche Studie an über 5.000 Beschäftigten ein erhöhtes Risiko für Krebs im Harntrakt [74]. In einer späteren, als Forschungsbericht publizierten Auswertung von 4.500 Männern und 488 Frauen, die über einen Zeitraum von mindestens 10 Jahren bei den Hamburger Gaswerken beschäftigt waren, fanden sich in der Gruppe der 723 Ofenblockarbeiter 12 Fälle; aufgrund der Fallzahl bei nicht exponierten Betriebsangehörigen waren 2,76 Fälle zu erwarten (SMR 4,35). In der Gruppe der 600 Rohrnetzarbeiter fanden sich 6 Fälle bei 1,35 zu erwartenden Fällen (SMR 4,44). Die Ergebnisse sind statistisch signifikant [75].

Hinsichtlich der krebsauslösenden Wirkung von Teer und verwandten Stoffen ist eine Studie, die in Europas größtem Betrieb der Teerchemie in Castrop-Rauxel durchgeführt wurde von Interesse [76] In einer Kohorte von 568 männlichen Arbeitern mit Teer-bedingten Veränderungen der Haut fanden sich 13 Fälle von Harnblasenkrebs und 7 Fälle von Harnblasenpapillomen (gemäß der damaligen Klassifikation).

Sonstige Berufe

Bei der Identifikation von Fällen mit einem begründeten Verdacht auf das Vorliegen einer Berufskrankheit ist das sorgfältige Erheben der Berufsanamnese beginnend mit dem Ende der Schulzeit von entscheidender Bedeutung. In der Dokumentation der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung werden unter "übrige gefährdende Tätigkeiten" insgesamt 125 Tätigkeiten notiert  [56]. Der Anstieg der jährlich anerkannten Fälle einer Berufskrankheit von meist weniger als 20 Fällen in den Jahren vor 1985 auf über 150 Fälle pro Jahr in den letzten Jahren ist nicht durch ein dramatisches Ansteigen der Fälle von beruflich bedingtem Harnblasenkrebs zurückzuführen. Diese Entwicklung ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass eine berufliche Ursache beim Harnblasenkarzinom heutzutage bei weitaus weniger Fällen als in den 1970er Jahren unentdeckt bleibt, da der Erhebung der Berufsanamnese durch die behandelnden Ärzte wesentlich mehr Beachtung geschenkt wird. Dies führte z. B. dazu, dass im Jahr 2012 zeitgleich und unabhängig voneinander, erstmals ein vermehrtes Auftreten von Harnblasenkarzinomen bei Rissprüfern beschrieben wurde [75][76].

3.2.2.2 Berufskrankheit BK 1301

Die Berufskrankheit BK 1301 umfasst Schleimhautveränderungen, Krebs oder andere Neubildungen der Harnwege durch aromatische Amine [77]. Bislang wurden von den Unfallversicherungsträgern nur Harnblasentumoren anerkannt, die durch aromatische Amine ausgelöst wurden. In den Jahren 1978 - 2010 wurden im Bereich der gewerblichen Berufsgenossenschaften 1974 Harnblasentumoren anerkannt, davon 1945 durch aromatische Amine und 29 durch Alkyl-, Aryl-, und Alkylaryloxide bedingt [56]. Der §9, Abs. 2 SGB VBII lautet „... die Unfallversicherungsträger haben eine Krankheit, die nicht in der Rechtsverordnung bezeichnet ist oder bei der die dort bestimmten Voraussetzungen nicht vorliegen, wie eine Berufskrankheit als Versicherungsfall anzuerkennen, sofern im Zeitpunkt der Entscheidung nach neuen Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft die Voraussetzungen für eine Bezeichnung nach Absatz 1 Satz 2 erfüllt sind.“ Aufgrund des §9, Abs. 2 SGB VBII wurden in den Jahren 1997-2004 insgesamt 338 urologische Krebserkrankungen angezeigt. Davon wurde lediglich eine als Berufskrankheit anerkannt (HVBG, 2007) [78]. Einen Überblick über die gefährdenden Tätigkeiten und die pro Jahr anerkannte Anzahl der Fälle geben die nachfolgende Tabelle und Abbildung 9.

Anzahl der pro Jahr durch die gewerblichen Berufsgenossenschaften anerkannte Fälle einer BK 1301
Anzahl der pro Jahr durch die gewerblichen Berufsgenossenschaften anerkannte Fälle einer BK 1301

Tabelle 12: Beschreibung des Kollektivs der durch die gewerblichen Berufsgenossenschaften im Zeitraum 1978-2010 anerkannten Fälle einer Berufskrankheit BK 1301

Kollektive  Anerkannte Fälle 
Anerkannte Krebserkrankungen  1945  

Sterbefälle bis Ende Berichtszeitraum

Anteil der Sterbefälle an den Krebserkrankungen

504

25,9%

 

Zeitliche Strukturen

 

 

Einwirkungsdauer

Latenzzeit

Interimszeit

Alter bei Beginn der Erkrankung

Sterbefälle: Zeitspanne zwischen Beginn der Erkrankung und Tod

Mittelwert (Jahre)

 

20,1

37,9

17,4

67,4

2,8

Standardabweichung

 

13,2

14,1

13,5

9,5

4,2

Art der Krebserkrankung (Diagnose)

Harnorgane

Gesamt

Zahl der Fälle

1945

1945

 

Art der Einwirkung

Aromatische Amine

Gesamt

Zahl der Fälle

1945

1945

 

Geschlecht

Frauen

Männer 

Gesamt

Zahl der Fälle

124

1821

1945

 

 

Quelle: DGUV 2012 [56]

3.2.2.3 Berufskrankheit außerhalb der BK 1301

Die Auslösung von Tumoren, die durch die Umwandlung von Nitroaromaten wie z. B. dem Sprengstoff Dinitrotoluol durch Reduktion im menschlichen Körper zu Aminoaromaten, also aromatischen Aminen, ausgelöst werden, wird gegenwärtig diskutiert. Die metabolische Umwandlung und auch die punktuelle Belegung eines erhöhten Risikos in einer entsprechenden sprengstoffverarbeitenden Fabrik sprechen sehr für ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko [79]. Gemische von Dinitrotoluolen sind in Deutschland als Kanzerogen der Kategorie 2 eingestuft [25].

Das Harnblasenkrebs-auslösende Potential von Arsen ist in Ländern mit entsprechend hohen Arsenbelastungen durch Trinkwasser eindeutig belegt [80]. Arsen ist in Deutschland als ein Kanzerogen der Kategorie 1 eingestuft [25]. In Deutschland wird eine berufliche Ursache durch Arsenbelastung bislang nur bei (älteren) Winzern diskutiert [81]. Dabei ist das Vorliegen arsenbedingter Hautveränderungen wie z. B. einer arsenbedingten Hyperkeratose oder eines arsenbedingter Hauttumors ein wichtiges gutachterliches Argument.

Zudem werden aufgrund einer Konvention Harnblasenkarzinome bei durch Industrieunfälle extrem mit Dibenzodioxinen und Dibenzofuranen belasteten Arbeitern unter der BK-Ziffer 1310 (Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-, Aryl-, und Alkylaryloxide) entschädigt, da in diesen Kollektiven das Tumorrisiko als solches, unabhängig von der Organlokalisation, erhöht ist.

3.3 Prävention

3.3.1 Validierte Maßnahmen zur Primärprävention und Tertiärprävention des Harnblasenkarzinoms

3.12 · Konsensbasiertes Statement 2016

Abgesehen von der Vermeidung einer Exposition gegenüber nachgewiesenen Harnblasen-Karzinogenen gibt es keine validierten Maßnahmen zur Primär- oder Tertiärprävention des Harnblasenkarzinoms. Die Empfehlungen zur Prävention sollten sich daher an den allgemeinen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation orientieren.

Konsens
Konsens

Hintergrund

Primärprävention setzt vor Eintreten der Krankheit ein und zielt darauf ab, eine Erkrankung von vornherein zu verhindern. Die Primärprävention richtet sich an Risikogruppen, Gesunde und Personen ohne Krankheitssymptome.

Tertiärprävention findet nach einer Akutbehandlung oder der Manifestation einer Erkrankung statt. Mit ihr sollen Folgeschäden und Rückfälle verhindert werden.

Obwohl zahlreiche karzinogene Substanzen für die Entstehung von Harnblasenkarzinomen bekannt sind, beschränkt sich die Datengrundlage für diesen Zusammenhang auf epidemiologische Daten, Fall-Kontroll-Studien und Kohortenstudien, bzw. auf einige wenige Metaanalysen dieser Arbeiten. Aus diesen Daten kann auf schwachem Evidenzniveau indirekt die Schlussfolgerung gezogen werden, dass eine Expositionsvermeidung eine geeignete Präventionsstrategie darstellen könnte. Direkt vergleichende, prospektive Studien (exponierte vs. nicht exponierte Kohorte) existieren aus verständlichen Gründen nicht. Die Vergleichskollektive sind immer historischer Natur.

Auch für die „aktive“ Prävention z.B. durch Ernährungs- und Trinkverhalten liegen in der Literatur bis heute keine prospektiven Interventionsstudien vor. Die beste Evidenz geht auch hier fast ausschließlich aus Kohortenstudien oder Fall-Kontrollstudien bzw. deren Metaanalysen hervor. 

Insgesamt sind die vorliegenden Daten so heterogen und widersprüchlich und letztlich von so schwacher Evidenz, dass sich eine präzise Empfehlung zur Prävention nicht aussprechen lässt. Die wichtigsten Arbeiten sind im folgenden Text zusammengefasst. Weitere Informationen zu chemischen Karzinogenen, insbesondere zum Rauchen als Risikofaktor und Karzinogenen im Zusammenhang mit beruflicher Exposition, finden sich im Hintergrundtext zu Punkt 3.2.1.4.

3.3.1.1 Prävention durch Vermeidung von Exposition gegenüber nachgewiesenen oder vermuteten Karzinogenen

N-Nitroso-Verbindungen

In 3 ausgewählten Fall-Kontroll-Studien konnte ein Zusammenhang zwischen dem Harnblasenkarzinom-Risiko und der Ernährung mit prozessierten (mit Pökelsalz behandelten) Fleischwaren gezeigt werden [82]. Zwei Studien untersuchten den Zusammenhang mit der Exposition gegenüber Acrylamidverbindungen und Nitrat im Trinkwasser und konnten keine Assoziation mit dem Harnblasenkarzinom-Risiko darstellen [83][84].

Arsen

Insgesamt 2 Arbeiten liefern widersprüchliche Ergebnisse: Während in einer libyschen Arbeit Arsen als Risikofaktor besonders bei Rauchern beschrieben wird, konnten Michaud et al. in einer nachträglichen Analyse einer randomisierten Studie kein erhöhtes Risiko durch Arsen im Trinkwasser feststellen [85][86]. In einem systematischen Review von 2014 wurde die Datenlage zu Arsen im Trinkwasser als Risikofaktor für das Harnblasen- und Nierenzellkarzinom aufgearbeitet. Letztlich wurden 8 ökologisch-epidemiologische Studien, 4 Fall-Kontroll-Studien sowie 3 Kohortenstudien für eine Metaanalyse herangezogen. Die Ergebnisse legen eine Assoziation von anorganischem Arsen im Trinkwasser und Harnblasenkarzinom-Inzidenz und –Mortalität nahe. Problematisch ist, dass fast alle Studien aus Regionen mit extrem hoher Arsenbelastung des Trinkwassers stammen. Die Übertragbarkeit auf Belastungen im niedrigen Konzentrationsbereich ist unklar. Weiterhin ist die Qualität und statistische Methodik der Auswertung relevanter Einflussgrößen (insbesondere des Rauchens) in den ausgewerteten Studien sehr heterogen [87].

Kaffee-, Tee- und Softdrinkkonsum (als Noxe)

Auch hier ist die Datenlage widersprüchlich. Es existieren Fall-Kontroll-Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem exzessiven Konsum bestimmter Getränke nahelegen. Hingegen konnten andere Arbeiten diese Assoziation nicht bestätigen [50][88][89][90][91].

Konsum von rotem und prozessiertem Fleisch

Bei insgesamt schlechter Studienqualität besteht hier eine gewisse Konsistenz bezüglich eines erhöhten Blasenkarzinomrisikos [92][93][94]. Für eine Empfehlung zu einer Ernährungsmodifikation ist die Evidenzlage unzureichend.

3.3.1.2 Aktive Prävention durch Diätmodifikationen oder Nahrungsergänzungsmittel (Antioxidantien, Selen, Vitaminpräparate)

Prävention durch Konsum vegetabiler Lebensmittel und aktive Ernährungsumstellung:

Auch wenn hier prospektive Kohortenstudien und Fallkontrollstudien mit verhältnismäßig großen Patientenzahlen vorliegen, könnten die Ergebnisse nicht widersprüchlicher sein. Während manche Arbeiten eine Risikoreduktion durch gesteigerten Gemüse-, Obst- oder Olivenölkonsum attestieren, sehen andere Autoren keinen Zusammenhang [95][96][97][98][99][100][101][102]. Eine wichtige Information liefert die Arbeit von Talaska et al., die zeigt, dass diätetische Umstellungen nicht den schadhaften Effekt des Rauchens kompensieren können [99]. 

Prävention durch Supplementierung von Antioxidantien (incl. Grünem Tee) und anderen Nahrungsergänzungsmitteln.

Die Datenlage aus den verfügbaren Fall-Kontroll- und Kohortenstudien lässt keine Empfehlung zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln (Micronutrients) zu. Böhm et al konnten in einem systematischen Cochrane Review für verschiedene Tumorentitäten keinen positiven Effekt von grünem Tee nachweisen, auch nicht für das Harnblasenkarzinom. Im Literaturverzeichnis sind die wichtigsten Arbeiten zu diesem Themenkomplex zusammengestellt [103][104][105][106][107][108][109][110][111][112][113][114][115][116][117]. Eine skandinavische Studie vergleicht die langjährige Gabe (5-8 Jahre) von alpha-Tocopherol und ß-Carotin vs. Placebo an einer sehr großen Kohorte. In dieser Studie konnte kein Effekt auf die Inzidenz und Mortalität verschiedener Tumorentitäten des Harntrakts, darunter auch des Harnblasenkarzinoms nachgewiesen werden [117].

3.4 Früherkennung und Screening

3.4.1 Früherkennung und Screening des Harnblasenkarzinoms anhand diagnostischer Marker

3.13 · Konsensbasiertes Statement 2016

Es kann kein diagnostischer Marker zum Screening auf das Vorliegen eines Harnblasenkarzinoms oder zur systematischen Früherkennung des Harnblasenkarzinoms in der Gesamtbevölkerung oder in Risikopopulationen empfohlen werden.

Konsens
Starker Konsens
3.14 · Konsensbasiertes Statement 2016

Bei Hochrisikokollektiven (Raucher, berufsbedingte Risikogruppen) kann durch Urinuntersuchungen auf Mikrohämaturie ein Harnblasenkarzinom früher erkannt werden, als bei bereits symptomatischen Patienten.

Konsens
Konsens
3.15 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Die Anwendung kommerziell verfügbarer Blut- und Urintests zur Früherkennung und zum Screening für das Vorliegen eines Harnblasenkarzinoms außerhalb von Studien soll nicht erfolgen.

Konsens
Starker Konsens
3.16 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Eine wiederholt gesicherte asymptomatische Mikrohämaturie sollte eine urologische Evaluation nach sich ziehen. 

Konsens
Konsens

Zum Hintergrund siehe die folgenden Unterkapitel.

3.4.1.1 Mikrohämaturie

Es liegen keine prospektiv, randomisierten Studien vor, die in einer definierten, asymptomatischen Population screening vs. non-screening Maßnahmen hinsichtlich wichtiger Endpunkte verglichen haben. Diese Endpunkte müßten für die Beurteilung eines Screening-Programmes sowohl das progressionsfreie Überleben als auch das Gesamtüberleben beinhalten. Zudem sollten in diesen Untersuchungen auch ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigt werden. 

Die AUA-Leitlinie 2012 zu Diagnose, Evaluation und Nachsorge der asymptomatischen Mikrohämaturie bei Erwachsenen konnte insgesamt 17 Studien zum Thema Screening auf asymptomatische Mikrohämaturie identifizieren. Bei diesen konnte im Mittel eine Blasenkarzinom-Detektionsrate von 2,6% erzielt werden, allerdings mit einer Schwankungsbreite von 0-25,8% je nach Wiederholungsrate des Tests und dem Vorhandensein von Risikofaktoren [120]. Die Heterogenität der getesteten Patientenpopulationen lässt keine einheitliche Empfehlung zu. Problematisch ist auch, dass sich praktisch alle Studien mit nennenswerter Fallzahl lediglich mit der Detektionsrate, und nicht mit dem Effekt eines Screening-Programms auf onkologische Endpunkte befassen. Die AUA-Leitlinie empfiehlt jedoch, dass bei Patienten mit wiederholt auftretender, asymptomatischer Mikrohämaturie ohne benigne Ursache eine urologische Diagnostik durchgeführt wird.

In einer großen, prospektiven Kohortenstudie mit mittlerweile mehr als 10 Jahren Nachsorge wurden 1989-1992 mehr als 1.500 asymptomatische Patienten über 50 Jahre in ein Screening-Protokoll (Urin-Stix) auf Mikrohämaturie eingebracht und mit über 500 Blasenkarzinom-Patienten eines lokalen Tumorregisters verglichen [118]. Es konnte gezeigt werden, dass bei gescreenten Patienten weniger oft invasive oder fortgeschrittene Stadien diagnostiziert wurden, was sich nach 14 jähriger Nachsorgezeit letztlich auch in eine geringere, krankheitsspezifische Mortalität umsetzte. Einschränkend ist zu erwähnen, dass etwa 20% der gescreenten Patienten eine Mikrohämaturie aufwiesen und weiter abgeklärt wurden, jedoch die Detektionsrate eines Harnblasenkarzinoms bei nur etwa 1% der gescreenten Population lag. Es konnte jedoch nachgewiesen werden, dass es wahrscheinlich möglich ist, durch Screening das Harnblasenkarzinom in früheren und besser behandelbaren Stadien zu diagnostizieren, als bei symptomatischen Patienten. 

Britton et al. beschrieben bereits 1992 eine populationsbasierte Screening-Kohorte von 2356 Patienten. Während bei 20% eine Mikrohämaturie im Urinstreifen-Test gefunden wurde, konnte letztlich nur bei weniger als 1% ein Blasentumor nachgewiesen werden [121]. Die Zahlen dieser Studie illustrieren nur als ein Beispiel  die schlechte Spezifität der asymptomatischen Mikrohämaturie. Trotz vermutlich guter Sensitivität der asymptomatischen Mikrohämaturie ist die Detektionsrate in der Gesamtbevölkerung zu gering, um ein Screening auf asymptomatische Mikrohämaturie im unselektierten Patientengut zu rechtfertigen.

Kohortenstudien kleiner Fallzahl, sprechen dafür, dass insbesondere bei Hochrisikopatienten (z.B. starke Raucher) durch Screening mit verschiedenen, urinbasierten Biomarkern (Mikrohämaturie, BTA, Urovysion-FISH, Immunozyt, Zytokeratine) ein höherer Anteil an Blasenkarzinomen detektiert werden kann [119]. Dies führte zur Initiierung verschiedener, prospektiver, kontrollierter Studien, deren Ergebnisse jedoch nach Kenntnis der Autoren noch nicht vorliegen.

3.4.1.2 Urinzytologie

Die Urinzytologie verfügt über eine hohe Spezifität in der Diagnostik des Harnblasenkarzinoms (90-100%), und bei schlecht differenzierten Tumoren auch über eine akzeptable Sensitivität. Problematisch ist die schlechte Sensitivität bei gut und mittelgradig differenzierten Blasentumoren. Turco et al. kamen in einer Studie mit fast 3000 eingeschlossenen Patienten auf eine Sensitivität von 20% (Differenzierungsgrad G1) bis 50% (Differnzierungsgrad G3) [122]. Allerdings bleibt in dieser Studie unklar, ob es sich tatsächlich um asymptomatische Patienten handelte, die in die Studie eingeschlossen wurden.

Die sich daraus ergebende unzureichende Vorhersagegenauigkeit, insbesondere bei  hochdifferenzierten Tumoren, die einen Großteil der Befunde bei Erstdiagnose ausmachen, und der Mangel an prospektiven, kontrollierten Studien, die die Urinzytologie im Rahmen eines Screening-Protokolls als Trigger für eine weitere Evaluation verwendet haben, lassen eine Beurteilung der Urinzytologie für das Screening eines asymptomatischen Patientenkollektivs nicht zu. Aus den genannten Gründen wird ein Screening-Programm für die Gesamtbevölkerung oder auch für bestimmte Risikogruppen mittels Urinzytologie sowohl in der aktuellen EAU-Leitlinie, die ICUD-EAU consultation on bladder cancer 2012 und die USPSTF-Stellungnahme „Screening of adults for bladder cancer“ 2010 nicht befürwortet [123][124][125].

3.4.1.3 Zytokeratine

Es existieren zahlreiche Studien, die die Wertigkeit eines Zytokeratinnachweises (CK20, CYFRA 21-1) im Urin auf Protein- oder mRNA-Ebene untersuchten. Die Zytokeratinexpression ist bei Patienten mit nachgewiesenem Urothelkarzinom der Harnblase im Vergleich zu gesunden Kontrollen signifikant erhöht [126][127]. Die Sensitivität ist anderen molekularen Markern jedoch häufig unterlegen, die Spezifität meist schlechter als die der Urinzytologie [128][129][130].

Daten, die den Zytokeratinnachweis im Urin in prospektiv kontrollierten Studien vor dem Hintergrund des Screenings eines asymptomatischen Patientenkollektivs oder der systematischen Früherkennung in der Gesamtbevölkerung oder bei Risikogruppen untersuchen, sind den Autoren dieser Leitlinie nicht bekannt. Die bisher publizierten Daten, die die Sensitivität und Spezifität beurteilen, wurden an symptomatischen Patienten, oder Patienten mit bekanntem Harnblasenkarzinom erhoben.

Weder die aktuellen Leitlinien der European Association of Urology, noch die Empfehlungen der United States Preventive Services Task Force messen der Zytokeratinexpression eine Bedeutung für Screening und Früherkennung des Harnblasenkarzinoms bei [123] [125].

3.4.1.4 Nukleäres Matrix Protein 22 (NMP22)

Das Proteinlevel von NMP22 im Urin ist bei Vorliegen eines Harnblasenkarzinoms deutlich erhöht, wird jedoch auch durch bestehende inflammatorische Erkrankungen oder Hämaturie beeinflusst [131]. Die Wertigkeit des molekularen Markers NMP22 für das Screening und die frühe Diagnostik eines Urothelkarzinoms der Harnblase ist gut dokumentiert und liegt bei einer Sensitivität von 54-100% sowie einer Spezifität von 28-90%. Der Test ist von der amerikanischen Zulassungsbehörde (FDA) für das Screening und Diagnose des Urothelkarzinoms zugelassen [132][133][134][135][136]. In einer Screening-Studie in den Niederlanden wurden Männer zwischen 50 und 75 Jahren über das Einwohnermeldeamt eingeladen.  An den 1747 Teilnehmern wurde bei Vorliegen einer Hämaturie (Dipstick) ein sequentielles Protokoll durchgeführt, zu dem mehrere molekulare Tests mit NMP22, FGFR3, DNA-Methylierung und Mikrosatellitenanalyse gehörten. Bei einem positiven Testbefund wurde eine Zystoskopie durchgeführt. Mit diesem Screening-Programm wurden 4 von 5 Patienten mit einem Blasenkarzinom detektiert. Die Sensitivität von NMP22 lag bei 25% und die Spezifität bei 96,6. Generell kam die Studie zu dem Schluss, das mit diesem Protokoll zwar weniger Zystoskopien durchgeführt werden mussten, auf Grund der geringen Anzahl neu diagnostizierter Blasenkarzinome der finanzielle Aufwand jedoch nicht gerechtfertigt ist [137]. Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kam auch eine Studie an Probanden, die zwar keine Symptome aufwiesen, jedoch zu einer Hochrisikogruppe gehörten (Raucher, beruflich Risikofaktoren ausgesetzt) [136]. In der deutschen UroScreen Studie mit 1609 Arbeitern der Chemieindustrie, die einer Exposition von karzinogenen aromatischen Aminen ausgesetzt waren, wurde der NMP22 Test (Sensitivität 97%, Spezifität 29%) nur als ein möglicher zusätzlicher Test zu der Urinzytologie empfohlen. In Kombination mit dem UroVysion-Test wurde gegenüber der Zytologie zwar eine höhere Sensitivität erreicht (Sensitivität: 66,7% vs. 44,4%, Spezifität: 94,5% vs. 98,5%), jedoch kommen die Autoren zu der Schlussfolgerung, dass die erhöhte Sensitivität gemessen an den wenigen zusätzlich detektierten Karzinompatienten die hohen Kosten und auch die falsch positiven Ergebnisse des NMP22 Tests nicht rechtfertigen [134][133] . Eine weitere Studie verglich die Kombination von NMP22 mit der Zytologie, FISH-Diagnostik und der Immunzytologie (uCyt) in einer Kohorte von 808 Patienten mit einem Verdacht auf ein Blasenkarzinom [138]. Dabei konnte gezeigt werden, das vor allem die Kombination aller Tests eine Verbesserung der Sensitivität und Spezifität gegenüber einer alleinigen Urinzytologie aufweist (75/65 vs 91/24). In anderen Studien war die Kombination von NMP22 mit anderen molekularen Tests oder einer Zytologie mit einer erhöhten Sensitivität zu Lasten einer geringeren Spezifität verbunden [134][139][140]. Als Fazit kann festgehalten werden, das auf Grund der geringen Spezifität oder den hohen Kosten pro zusätzlich detektiertem Fall die Anwendung des NMP22 Tests in der Literatur auch in Kombination mit weiteren molekularen Testverfahren nicht für das Screening und die Früherkennung empfohlen werden kann. 

3.4.1.5 Floureszenz-in-situ Hybridisierung (FISH)

Der FISH Test (UroVysion) detektiert das Vorliegen von Aneuploidien der Chromosomen 3, 7 und 17 sowie Veränderungen an Chromosom 9p21 [131][141]. Der Test ist von der Federal Drug and Food Administration (FDA) für Patienten zugelassen, bei denen der Verdacht auf Vorliegen eines Blasenkarzinoms besteht. Die Sensitivität liegt bei 75% und die Spezifität bei 65-96%. Generell sollten bei diesem Test eine Mindestzahl von 25 suspekten Zellen aus dem Urin gewonnen werden, um diesen Test durchzuführen [134][142][143]. In Screening-Studien wird eine ähnliche Detektionsrate wie mit der Zytologie erreicht, bei allerdings deutlich höheren Kosten [134][142][143]. Es konnte jedoch gezeigt werden, das der Urovysion Test bei einer nicht eindeutigen Zytologie eine zusätzliche Sicherheit hinsichtlich des Vorliegens eines Blasenkarzinoms liefern könnte [144]. Gegen die Anwendung dieses Tests für das Screening spricht die geringe Anzahl an detektierten Blasenkarzinomen in den durchgeführten Studien [134][145].

3.4.1.6 Blasentumor Assoziiertes Antigen (BTA)

Das Blasentumor Assoziierte Antigen ist in Urothelkarzinomen häufig erhöht und kann mit zwei etablierten Testverfahren im Urin nachgewiesen werden (BTA stat und BTA TRAK). Diese Tests sind von der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) für die Nachsorge in Kombination mit einer Zystoskopie zugelassen [131][146][147].[131]. Der BTA Nachweis wird jedoch stark durch das Auftreten einer Hämaturie, aber auch durch Inflammationen oder Infektionen beeinflusst, wodurch ein Einsatz für die Früherkennung oder ein Screening nicht sinnvoll ist [131][148].

3.4.1.7 Immunocyt /uCyt+

Der ImmunoCyt/uCyt+ Test wurde entwickelt, um die Ergebnisse einer Zytologie mittels eines biochemischen Nachweises von Muzin-Glykoproteinen und dem Karzinoembryonalen Antigen (CEA) zu verbessern [131]. Von der FDA wurde der Test für die Nachsorge von Blasenkarzinomen in Verbindung mit einer Zytologie und Zystoskopie freigegeben. In Kombination mit der Zytologie liegt die Sensitivität bei 81-89%, die Spezifität bei 61-78% [131]. Vor allem bei der Detektion von niedrig-gradigen Tumoren und dem Carcinoma in situ (CIS) verbessert der Test die Aussage der Zytologie [131]. Ein wesentlicher Vorteil des Tests ist eine geringere Abhängigkeit von der Hämaturie oder inflammatorischen Einflüssen im Vergleich zu anderen molekularen Tests. Nachteile des Tests sind die untersucherabhängige Bewertung durch einen Zytopathologen, die Asservation und Lebenszeit der verwendeten Zellproben sowie die Notwendigkeit, mindestens 500 Zellen pro Probe zu erhalten. Für das Screening und die frühe Diagnostik ist die Datenlage nicht gut genug belegt, um eine Empfehlung auszusprechen [149][150]. 

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