11. Forschungsfragen – Chronische lymphatische Leukämie (CLL)
Leitung: Barbara Eichhorst, Ana-Mihaela Zorger
Autor*innen: Ulrike Holtkamp, Sibylle Mellinghoff, Christof Schneider, Nadine Kutsch
Im Rahmen der Aktualisierung dieser Leitlinie wurden Fragen zur optimierten Versorgung von Patienten*innen mit einer chronischen lymphatischen Leukämie herausgestellt, die besonderen Forschungsbedarf aufweisen. Nachfolgend werden die jeweiligen Hintergründe dargestellt und die Forschungsfragen – soweit jeweils möglich – gemäß PICO(S)-Schema (Population, Intervention, Comparison, Outcome, ggf. Studiendesign oder Herangehensweise) dargestellt.
Wir haben folgende Forschungsfelder identifiziert:
11.1 Infektionsprävention
Sibylle Mellinghoff
Hintergrund: Patient*innen mit chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) haben aufgrund der CLL-bedingten Immunsuppression ein erhöhtes Risiko für Infektionen und können eine verminderte Antikörperantwort auf Impfungen zeigen. Daher ist die Untersuchung der T-Zell-Antwort nach Impfung besonders wichtig. T-Zellen spielen eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Krankheitserregern und könnten möglicherweise einen stärkeren Schutz bieten, insbesondere bei Patient*innen mit CLL, bei denen die Bildung von Antikörpern möglicherweise beeinträchtigt ist. Die Betrachtung der T-Zell-Antwort könnte ein wichtiger Indikator für die Wirksamkeit von Impfungen bei CLL-Patient*innen sein und sollte gerade bei der Erforschung der Impfstoffimmunität einen höheren Stellenwert in Impfstudien bekommen als bisher. Implikationen für die Impfstoffforschung und die Frage nach optimalen Auffrischimpfungen sind bislang offen.
Forschungsfrage: Welche Rolle spielt die zelluläre Immunität bei der Impfung von CLL-Patient*innen? Wie sollten sich die besten Booster-Schemata gestalten (Bsp. Pneumokokken/RSV) und ist das Boostern innerhalb einer Saison sinnvoll (Bsp. COVID/Influenza)?
Population: Patient*innen mit CLL
Intervention: Booster-Impfung innerhalb einer Saison (Influenza, RSV)
Comparison: Gesunde Proband*innen (Alters- und Geschlechts-gematched), CLL PatientInnen ohne saisonalen Booster
Outcome: Immunologische Parameter (Antikörper-Titer, spezifische T-Zellen)
Studiendesign: Prospektiv beobachtend
11.2 Therapiesequenz
Christof Schneider
Hintergrund: Die Bestimmung der optimalen Therapiesequenz ist von entscheidender Bedeutung, stellt jedoch eine Herausforderung dar, da nur wenige Daten vorliegen, die eine rationale Sequenzierung ermöglichen. Das Management von refraktären Fällen und die Optimierung der Therapiesequenz sind zentrale Herausforderungen bei der CLL-Behandlung. Die richtige Abfolge der Therapien für die Behandlung der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) erfordert eine strategische Herangehensweise, um die Wirksamkeit zu maximieren und die Resistenzen zu minimieren. Die richtige Sequenzierung von Therapien ist entscheidend und Behandlungsentscheidungen müssen basierend auf molekulargenetischen und zytogenetischen Faktoren sowie dem Alter und den Komorbiditäten getroffen werden. Es gibt jedoch nur begrenzte Daten, die eine rationale Abfolge oder Kombination dieser Therapien unterstützen.
Forschungsfrage: In welcher Sequenz sollten zielgerichtete Substanzen in Abhängigkeit von den molekulargenetischen und zytogenetischen Faktoren in der Therapie der CLL eingesetzt werden?
Population: Patient*innen mit CLL / SLL
Intervention: Therapie mit BTKi gefolgt von CD20-Antikörper/Venetoclax
Comparison: Obinutuzumab/Venetoclax gefolgt von BTKi
Outcome: Vorzugsweise OS, alternativ TTNT
Studiendesign: Prospektive Studie mit Randomisierung für unterschiedliche Therapiesequenzen (primäre Festlegung der Therapiesequenz Primär- und Rezidivtherapie), Stratifizierung anhand molekulargenetischer und zytogenetischer Faktoren.
11.3 Ursachenforschung
Ulrike Holtkamp
Hintergrund: Viele Patient*innen beschäftigen sich mit der Frage, warum sie an einer CLL erkrankt sind. Meist wird keine eindeutige Ursache gefunden. In welchem Umfang Umweltfaktoren dazu beitragen, dass eine CLL entsteht, ist unklar. Bekannt ist, dass ein regelmäßiger beruflicher Kontakt mit Benzol und organischen Lösungsmitteln vermutlich das Risiko erhöht. Es werden verschiedene weitere Einflussfaktoren diskutiert (wie u.a. chronische Infektionen, Autoimmunerkrankungen), aber die Erkrankung kann auch auftreten, ohne dass diese Faktoren vorliegen. Verwandte ersten Grades von CLL-Patient*innen haben ein erhöhtes Risiko, an einer CLL zu erkranken.
Idealerweise könnten sich aus gesicherten Erkenntnissen zu möglichen Ursachen Ansätze für Prävention, insbesondere für Menschen mit familiärer Belastung, ergeben.
Forschungsfragen: Welche Einflussfaktoren führen zur Entstehung einer CLL? Welche Rolle spielt insbesondere eine familiäre Prädisposition?
Studiendesigns/ Herangehensweise: Registerauswertungen, Fragebogenuntersuchungen, genetische Untersuchungen
11.4 Rolle von CAR-T und Stammzelltransplantation
Nadine Kutsch
Hintergrund: Das bessere Ansprechen unter Signalwegsinhibitoren hat auch die Prognose der CLL verbessert. Im Falle von doppelt refraktären Verläufen bzw. Richtertransformationen sollte aber bei jüngeren Patient*innen eine allogene Stammzelltransplantation diskutiert werden. Die CAR T-Zelltherapie hingegen ist aktuell nur im Rahmen von klinischen Studien verfügbar. Wie häufig diese zellulären Therapien mit welchem Outcome durchgeführt werden, sollte z.B. im Rahmen von Registerdaten erhoben werden.
Forschungsfrage: Kuratives Potential von CAR T Zellen in der CLL, Stellenwert der allogenen Stammzelltransplantation und CAR T-Zelltherapien, wie häufig werden Patient*innen mit zellulären Therapien behandelt, Outcome?
Population: CLL- Patient*innen jeden Alters
Intervention: CAR-T, allogene SZT
Comparison: historische Daten von CLL-Patient*innen in der Chemotherapie-Ära
Outcome: Durchführung der allo SZT und CAR T-Zelltherapie, Langzeitansprechen
11.5 Erhebung von Fertilitätsdaten bei Patient*innen mit Kinderwunsch (Registerdaten)- nach zielgerichteter Substanzen, Patient*innen im frühen Stadium
Nadine Kutsch
Hintergrund: Frauen im reproduktiven Alter werden vor Beginn einer Chemotherapie fertilitätsprotektive Maßnahmen empfohlen. Daten zu Schwangerschaften unter Signalwegsinhibitoren sind bisher nicht berichtet worden. Daher sollten diese am besten im Rahmen von Registerdaten systematisch erhoben und ausgewertet werden.
Forschungsfrage: Wie hoch ist die Lebendgeburtenrate nach/ unter Therapie mit Signalweggsinhibitoren, im Vergleich zu CLL Patient*innen, die therapienaiv sind und im Vergleich zur Normalbevölkerung?
Population: Frauen im reproduktiven Alter
Intervention: –
Comparison: Gesunde Normalbevölkerung
Outcome: Lebendgeburtenrate
Studiendesign: Beobachtungsstudien