Leitlinienprogramm OnkologiePrävention Zervixkarzinom

17. Komplementäre, Alternative und Integrative Medizin – Prävention Zervixkarzinom

Version 1.1 · März 2020 · AWMF 015/027OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

K. Münstedt 

(Potentielle Interessenskonflikte der Autoren dieses Kapitels siehe Kapitel Interessenkonflikte)

Unter den Begriffen alternative, komplementäre oder integrative Medizin werden unterschiedliche Medizinrichtungen miteinander vermischt, die außerhalb der konventionellen Medizin stehen und sich hinsichtlich der Akzeptanz der konventionellen Medizin (sog. Schulmedizin) unterscheiden. Ein großes Problem dabei ist, dass alle drei Begriffe nicht eindeutig definiert sind. Am weitesten verbreitet ist das Konzept, dass die komplementäre Medizin die konventionelle Medizin akzeptiert, diese jedoch im Bereich der Prävention um natürliche und besser verträgliche Methoden erweitern will, während die Alternativmedizin die konventionelle Medizin ablehnt und eigene Konzepte bezüglich der Ätiologie, Pathogenese und Therapie von Tumorerkrankungen entwickelt hat. Der Begriff integrative Medizin ist am schlechtesten definiert. Er impliziert, dass Methoden aus dem Bereich der komplementären und alternativen Medizin mit der konventionellen Medizin sinnvoll kombiniert werden können.

Bedeutung alternativer, komplementärer oder integrativer Medizin für die Leitlinie Zervixdysplasie

Im Rahmen dieser Leitlinie geht es um die Früherkennung von Zervixdysplasien sowie deren Behandlung. Auch aus dem Bereich der alternativen, komplementären und  integrativen Medizin kommen besondere Angebote zur Früherkennung (alternative Krebsdiagnostik), primärer Prävention und Behandlung vorhandener Dysplasien.

Prävalenz alternativer, komplementärer oder integrativer Medizin

Bei Tumorpatienten liegt die Prävalenz alternativer und komplementärer Medizin bei 40% [558]. Vergleichbare systematische Review für den Bereich der alternativen Diagnostik, alternativer, komplementärer oder integrativer Prävention von Tumorerkrankungen sowie der Behandlung von Vorstufen der Tumorerkrankungen liegen zur Prävention vom Zervixkarzinom nicht vor. Studien bei Männern mit einem hohen Prostatakarzinomrisiko ergaben, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen Methoden aus diesem Bereich anwenden [559], [560]. Studien zur Prävalenz der Methoden der alternativen und komplementären Medizin liegen nicht vor. Ob und inwieweit diese Daten auf die Prävention des Zervixkarzinom übertragbar sind, bleibt fraglich.

17.1 Alternativmedizinische Diagnostik

Im alternativmedizinischen Kontext werden unterschiedliche Ursachen der Entstehung des Zervixkarzinoms angenommen. Eine systematische Analyse dieses Bereichs gibt es nicht. Nach Durchsicht verschiedener Internetseiten werden nachfolgend aufgelistete Faktoren als für die Entstehung des Zervixkarzinoms, bzw. der Zervixdysplasie verantwortlich betrachtet. Interessant ist, dass zwei der von der konventionellen Medizin als bedeutsam identifizierte Faktoren (Rauchen, Pille) anderen Faktoren gleichgestellt werden, für die es keine Evidenz gibt und dass die Bedeutung des HP-Viruses negiert wird. Im Gegenteil, Impfungen (auch gegen HPV) werden meist als schädlich angesehen. Als wichtige Einflussgrößen für die Entstehung der Zervixdysplasie, bzw. des Zervixkarzinoms gelten:

  1. Ernährungsfehler – zu viel tierisches Eiweiß, tierische Fette, industrielle Zuckerprodukte oder genetisch manipulierte, minderwertige und toxisch belastete Nahrungsmittel 
  2. Genussmittel (Kaffee, Alkohol, Zigaretten, Drogen)
  3. Medikamente (Antibiotika, Cortison, Schmerzmittel und Hormonpräparate) und Impfungen
  4. Umweltbelastungen
  5. Nicht-ausgeheilte, chronisch-latente Organstörungen (Darmpilze, Leber- und Nierenschwäche)
  6. Körperfremde und irritierende Substanzen, z. B. wurzelbehandelte Zähne, Zahnfüllungen aus Amalgam, Piercings, Implantate sowie Verhütungsspiralen
  7. Chronische Übersäuerung, anhaltender Stress, Schlafmangel, Übergewicht oder Unterernährung, Bewegungs- und Vitaminmangel, sowie Störungen oder Verlust des inneren Rhythmus. 

Die Alternativmedizin hat eigene Methoden zur Erkennung und Früherkennung von Krankheiten entwickelt. Nachfolgend findet sich eine Zusammenstellung einiger dieser Krebsdiagnoseverfahren.

 

Gängige alternativmedizinische Krebsdiagnoseverfahren

Labordiagnostische Methoden 

Spektralanalyse des Vollblutes nach Rilling, Carcinochrom-Reaktion (CCR) nach Gutschmid von Blut und Urin, kapillar-dynamischer Bluttest (Blutsteigbildtest) nach Kälin, Scheller Test, Bolen-Test (Trockenbluttest), Dunkelfeldmikroskopie nach Enderlein, Carzinom-Protozoen nach Weber, Pilze im Mikrokolortest nach Heitan, Polyoma microbico nach Martini, Spirochäten und periphere Erythromitose nach Haefeli, Vitalblutbild nach v. Brehmer, Kristallisationstest nach Pfeiffer, Biochemischer Mehrfachtest, HACA Krebstest, Abwehr-Proteinase-Reaktion nach Abderhalden, Summationsdiagnostik und Karzinogramm nach Windstosser, Kanzerometrie nach Vernes, Korpuskuläre Krebsreaktion nach Villquez

Serumtests 

Cadmiumsulfatreaktion, Kupferchloridreaktion, Großsche Reaktion mit Quecksilberchlorid, Serum-in-aqua-Test, Takata-Ara-Reaktion, Thymoltrübungstest, Weltmannsches Koagulationsband, Witting-Test, Test nach Doesch 

Magische Methoden 

Pendeldiagnose, Wünschelrutendiagnose 

Bioelektrische Methoden 

Elektroakupunktur nach Voll, Biotonometrie nach Rilling, Kirlian-Photographie, Thermoregulationsdiagnostik, Anthroposkopie, Bio-Elektronische Terrain-Analyse nach Vincent, Bio-Ionostat nach Kapf-Lautenschläger 

Diagnose aus morphologischen Strukturen

Zunge-, Ohr-, Nagel- und Handdiagnostik, Fussreflexzonendiagnostik, Kinesiologie, Vorfelddiagnostik nach Mayr, Antlizdiagnostik (Sonnenschau), Öltest zur Herdfindung, Irisdiagnostik/Iridologie

 

Die Methoden werden z. T. als den schulmedizinischen Verfahren überlegen dargestellt, da die alternativmedizinischen Verfahren bereits die individuelle Disposition für die Entwicklung einer Krankheit erfassen sollen, so dass es möglich sein soll, durch alternativmedizinische Behandlungen bereits die Entwicklung von Vorstufen der Erkrankung oder die Krankheit selbst zu verhindern.

Im Hinblick auf das Zervixkarzinom oder dessen Vorstufen gibt es kaum Studien, die die mögliche Bedeutung von alternativmedizinischen Diagnoseverfahren für die Früherkennung des Zervixkarzinoms untersucht haben. Lediglich in einer Studie zur Irismikroskopie (Iridologie) und zur Dunkelfeldmikroskopie nach Enderlein wurden Patientinnen mit Zervixkarzinom untersucht. Grundlage der Iridologie ist, das das Auge der Spiegel des Körpers sein soll, jedes Organ an der Vorderfläche der Iris repräsentiert wird und Veränderungen in bestimmten Bereichen auf Krankheiten hindeuten sollen. Für die Krebsdiagnose sollen Teer- oder Melaninpigmenten sowie Substanzzeichen wichtig sein. Dazu wird die Iris mit einem Irismikroskop abgesucht und analysiert. Im Gesamtergebnis als auch in der Subgruppe der Zervixkarzinompatientinnen haben beide Diagnoseverfahren enttäuscht. Insgesamt wurden nur 3 von 70 Tumorlokalisationen richtig identifiziert [561]. Entsprechend dieser Studie kann die Iridologie nicht zur Früherkennung des Zervixkarzinoms empfohlen werden. Aufgrund des Fehlens aussagekräftiger Studien zu anderen alternativmedizinischen Diagnoseverfahren zum Zervixkarzinom oder dessen Vorstufen können auch diese nicht empfohlen werden, solange keine Validierung vorliegt. Welche Konsequenzen sich aus möglichen alternativmedizinischen Krebsdiagnosen, die meist alternativmedizinische Ansätze zur Prävention nach sich ziehen, ist bislang nicht erforscht worden. Es ist anzunehmen, dass auch diese zu einer Verängstigung der Patientin führen und finanzielle Belastungen mit sich bringen, da auch aus diesen alternativmedizinischen Diagnosen alternativmedizinische Konsequenzen gezogen werden. Bekannt geworden sind Fälle bei anderen Entitäten, bei denen Patienten im Rahmen einer Therapie sämtliche Zähne gezogen wurden.  

17.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2017

Eine alternativmedizinische Diagnostik bei der Erkennung von Zervixdysplasien oder einer Disposition dazu soll nicht eingesetzt werden.

17.2 Alternativmedizinische Therapie

Bei dem anderen Krankheitskonzepts der Alternativmedizin kommen auch andere, meist polypragmatische therapeutische Ansätze zum Einsatz. Dazu gehören isopathische Heilmittel, Komplexhomöopathika, Spagyrik, Phytotherapie, Entgiftung und Ausleitung, wobei auch Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin zur Entgiftung, Stoffwechselanregung und zum energetischen Ausgleich angewendet werden. Auch mögliche seelische Probleme, die zum Krankheitsgeschehen beitragen könnten, sollen durch Gesprächs-, Verhaltens- oder auch künstlerischen Therapien behandelt werden. 

Bei Zervixdysplasie und Präkanzerose sind es im Wesentliche drei immunstimulierende Verfahren, mit denen therapiert wird: Eigenbluttherapie, Verabreichung von Schlangenreintoxinen und anthroposophischen Misteltherapie. Diese Basistherapie wird ergänzt durch homöopathische Organpräparate (Nosoden), Ernährungstherapie und der Vermeidung von Genuss- und Suchtmitteln und Umweltgiften.

Zu den Behandlungskonzepten der alternativen Medizin zur Prävention der Dysplasie und deren Therapie liegen keine Studien oder andere Daten vor. Es findet sich lediglich ein Fallbericht. Hier erhielt eine Patientin bei einem zytologischen Abstrich der Gruppe IV eine unspezifische homöopathische Therapie zusammen mit Vitamin C und einer subkutanen Anwendung von Mistellektinen. Unter der Therapie entwickelte sich ein invasives Karzinom an welchem die Patientin bei fortgesetzter Weigerung eine konventionelle Therapie anzunehmen, verstarb [562].

17.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2017

Die alternativmedizinische Therapie von Dysplasien sollte abgelehnt werden.

17.3 Komplementärmedizinische Therapie

Analog zu den Überlegungen in der konventionellen Medizin gilt auch für die komplementäre Medizin, dass Maßnahmen nur dann als sinnvoll beurteilt werden können, wenn Studien zu der entsprechenden Therapiesituation und Tumorentität vorliegen. Empfehlungen sollten nicht auf der Basis von präklinischen Daten oder Ergebnissen bei anderen Tumorentitäten ausgesprochen werden, da Erfahrungen zum Thema zeigen, dass sich diese nicht übertragen lassen. Ungünstige Konsequenzen sind möglich. Zu folgenden Methoden liegen wissenschaftliche Untersuchungen im Hinblick auf die Therapie einer Zervixdysplasie vor:

  • Lokale Enzymtherapie: Eine lokale Behandlung mit Bromelain in Kombination mit einer Vitamintherapie hat in einem Fall eine Remission erbracht [563].
  • Antioxidantien: In Beobachtungsstudien wurde gezeigt, dass Patientinnen mit hohen Plasmaspiegeln an Antioxidantien seltener unter Zervixdysplasien leiden [564], [565]. Zwei doppel-blinde, plazebo-kontrollierte, randomisierte Studien, die den Effekt von 30 mg ß-Karotin und/oder 500 mg Vitamin C auf Zervixatypien und CIN 1-Läsionen bzw. CIN II und III-Läsionen prüften, ergaben jedoch, dass die genannten Vitamine in der Intervention keinen positiven Einfluss auf die Problematik der Zervixdysplasie haben [566], [567]. Auch eine Studie mit anderen Vitamin A-Derivaten hatte keinen positiven Effekt [568].
  • Vitamin B12: Eine Studie zeigte, dass bei niedrigen Vitamin B12-Spiegeln es häufiger zur Progression zervikaler Läsionen kam [569].
  • Vitamin D: Eine Studie fand, dass bei einer intravaginalen Anwendung von Vitamin D (12.500 IE, 3 x/Woche über 6 Wochen) bei Patientinnen mit CIN 1-Läsion sich die Dysplasie besserte. CIN 2-Läsionen wurden seltener und nur vorübergehend positiv beeinflusst [570]. Eine japanische Studie fand eine inverse Korrelation zwischen der Zufuhr von Kalzium sowie Vitamin D und dem Zervixkarzinomrisiko [571].
  • Folsäure: Untersuchungen haben gezeigt, dass Patientinnen mit Zervixdysplasie geringere Folsäurespiegel aufweisen. Eine doppel-blinde, plazebo-kontrollierte, randomisierte Studie fand einen positiven Effekt auf die Zervixdysplasie bei Frauen unter hormoneller Kontrazeption [572]. Spätere Untersuchungen der gleichen Arbeitsgruppe zeigten jedoch, dass Folsäure möglicherweise protektiv bei der Initiation HPV-assoziierter Läsionen ist, auf bereits bestehende Läsionen keinen positiven Effekt hat [573]. Eine jüngere zeigte jedoch, dass es unter Folsäuresupplementation zu einem Fortschreiten vorhandener Läsionen kam [574].
  • Grüner Tee: Die lokale und orale Anwendung von Extrakten aus grünem Tee (Epigallocatechin-3-gallat) zeigte bei Patientinnen mit unterschiedlich schweren Dysplasien der Zervix eine Remissionsrate von 69% im Mittel, was deutlich günstiger war als die Remissionsrate in der Kontrollgruppe von 10% [575]. Eine aktuelle größer Phase II-Studie, die den Effekt eines hochdosierten grünen Tee-Extraktes untersuchte, fand jedoch keinen positiven Effekt im Vergleich zum Placebo [576].
  • Diät: Die zuvor erwähnte Studie von Hosono et al. [571] fand auch einen negativen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Tofu oder grünem Blattgemüse und der Inzidenz von CIN 3-Erkrankungen.
  • LeukoNorm Cytochemia®: Unter einer Immuntherapie mit LeukoNorm wurden 58,8% der Patientinnen virusfrei im Vergleich zu 35,2% in der unbehandelten Kontrollgruppe [577].
  • 3,3'-Diindolylmethan: Diese Substanz ist ein Stoffwechselprodukt des Indol-3-carbinols, einer Substanz, die in Brokkoli, Rosenkohl, Weißkohl und Grünkohl vorkommt. Eine placebo-kontrollierte Studie fand, dass in sowohl Behandlungs- als auch Kontrollgruppe eine hohe Rate an Remissionen der Dysplasie zu beobachten waren [578].
  • Spurenelemente Selen und Zink: Eine Studie konnte zeigen, dass bei Patientinnen mit Zervixdysplasie niedrigere Spiegel beider Spurenelemente aufweisen [579].
  • Propolis (Bienenkittharz):  Bei einer Studie erfolgte bei bakterieller Entzündung eine lokale Behandlung mit 5-%iger Propolislösung.  Nebenbefundlich normalisierten sich pathologische Zellabstriche [580]. In einer anderen Studie kam es nach intravaginaler Anwendung einer Kombination von Interferon, Aloe vera und Propolis zu einem 100 %igen Verschwinden der HP-Viren, während in der Kontrollgruppe noch bei 90 % der betroffenen Frauen Viren nachweisbar waren [581].

Aus den aktuell vorliegenden Daten geht hervor, dass verschiedene Faktoren durch aus protektiv sein könnten und eine Initialisierung der Zervixdysplasie verhindern können. Kam es aber zu Entwicklung einer Zervixdysplasie, ist eine Supplementation der fehlenden Faktoren nicht ausreichend, um ein Fortschreiten der Dysplasie zu verhindern.

Die allgemeinen bekannten Maßnahmen der Krebsprävention (Vermeidung der Exposition mit krebserregenden Stoffen und Strahlungen, Verzicht auf Tabakkonsum, Vermeidung von Alkohol, Vermeidung übermäßiger ultravioletter Strahlung, gesunde Ernährung, Vermeidung von Übergewicht oder Fettleibigkeit, körperliche Betätigung) erscheinen sinnvoll, um die Initiierung der HPV-Infektion zu verhindern. 

Im Fall einer bereits vorliegenden Dysplasie sind die meisten Interventionen nicht geeignet, die Dysplasie zu bessern. Interventionen mit lokaler Anwendung von Propolis, Vitamin D, Extrakten aus grünem Tee oder die orale Gabe von 3,3'-Diindolylmethan könnten interessante Ansätze sein. Die weitere Erforschung dieser Optionen erscheint sinnvoll. Die aktuelle Studienlage erlaubt es derzeit allerdings nicht, komplementäre Behandlungsempfehlungen zu empfehlen.

17.3 · Konsensbasiertes Statement 2017

Komplementärmedizinische Behandlungsempfehlungen lassen sich aufgrund des Mangels an aussagekräftigen Studien nicht aussprechen. 

17.4 Integrativmedizinische Therapie

Um die Integrative Medizin bewerten zu können, wäre es sinnvoll, eine allgemein verbindliche Definition dieser Medizinrichtung zu haben. Leider gibt es keine entsprechende Definition. Unter den entsprechenden Stichwörtern „cervical dysplasia“ und „integrative“ finden sich keine verwertbaren Einträge.

Literaturhinweise

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