Leitlinienprogramm OnkologiePrävention Zervixkarzinom

9. Biomarker – Prävention Zervixkarzinom

Version 1.1 · März 2020 · AWMF 015/027OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

T. Löning , H. Ikenberg , K. Neis , M. Steiner , N. Wentzensen , D. Schmidt 

(Potentielle Interessenskonflikte der Autoren dieses Kapitels siehe Kapitel Interessenkonflikte)

9.1 Einführung

Zytologische Untersuchungen der Cervix uteri waren und sind in den meisten Ländern der westlichen Welt immer noch die Basis einer sekundären Prävention des Gebärmutterhalskrebses. Seit mehr als einem Jahrzehnt häufen sich Hinweise für einen Ersatz des sogenannten Krebsabstriches als ersten Screening-Test durch Testverfahren, denen der Nachweis von Hochrisiko-HPV und/oder der Nachweis einer viralen Aktivität dieser Pathogene zugrunde liegt. Inzwischen konnte in randomisierten Studien gezeigt werden, dass im Vergleich zum traditionellen Screening-Verfahren (durch zytologischen Abstrich) ein Screening mit einem Hochrisiko-HPV DNA Testverfahren zu einer niedrigeren Inzidenz von Zervixkarzinomen führen kann [228], [244]. Wünschenswert wäre allerdings eine höhere Spezifität dieser molekularen Testverfahren, um im Falle der HPV-Positivität die Gruppe von Frauen mit persistierenden und eventuell transformierenden HPV-Infektionen von der weit größeren Gruppe der Frauen zu unterscheiden, bei denen die Virusinfektion folgenlos bleibt, d.h. eliminiert wird, und um die weitere Überwachung auf die Gruppe mit persistierenden/transformierenden Infektionen beschränken zu können [270], [271], [272].

HPV Testverfahren wurden initial im Rahmen einer sogenannten Triage, d.h. eines klinischen Algorithmus, bei Frauen mit grenzwertigen zytologischen Befunden (ASC-US) geprüft und akzeptiert, bevor diese Testverfahren auch mit Erfolg im Kontext eines primären Screenings getestet werden konnten [270], [273]. Vor diesem Hintergrund besteht begründete Hoffnung, dass auch einige der nachstehend zu besprechenden Biomarker, die gegenwärtig im Rahmen der o.g. Triage geprüft werden, in Zukunft als Alternativen zum Pap-Abstrich basierten primären Screening in Betracht kommen.

9.2 Literaturrecherche

Geprüft wurde v.a. die Frage nach dem Effekt hinsichtlich des Endpunktes/der Häufigkeit einer Erkrankung (i.e. kumulative Inzidenz einer CIN3 oder eines invasiven Zervixkarzinoms). Bei Fehlen longitudinaler Daten wurden Indikatoren der diagnostischen Treffsicherheit geprüft. Kolposkopische Überweisungsraten und falsch positive Befundanteile wurden gesondert betrachtet und wenn möglich gemittelt. Systematische Literaturrecherchen in drei elektronischen Datenbanken (Medline, Embase, Cochrane Library) unter Nutzung verschiedener Suchbegriffe und deren logische Verknüpfungen wurden durchgeführt (siehe Leitlinienreport). Zusätzlich wurden Literaturangaben von relevanten Übersichtsartikeln nachgeprüft. Dabei wurden keine Referenzen aufgrund von Sprache oder Publikationsdatum ausgeschlossen. Einschluss- und Ausschluss-Parameter wurden vor Evaluation der Publikationsliste festgelegt. Es wurden nur Studien eingeschlossen, in denen ein Biomarker-Testverfahren (E6/E7 mRNA, MCM2 & TOP2A, p16 ELISA, p16/Ki67 Dual Stain, Methylierungsmarker, hTERC, etc.) an Zervixproben von Screening-Kohorten eingesetzt wurde. Zusätzlich war Voraussetzung, dass die Bestätigung einer Erkrankung durch sog. Goldstandard-Testverfahren (Kolposkopie/Histologie) vorgenommen wurde (mindestens bei allen Frauen mit einem positiven Testergebnis). Es wurden Studien mit und ohne Vergleichstest zugelassen. Im Falle verschiedener Publikationen derselben Studien wurden die Daten der umfangreichsten Auswertung übernommen. Ausgeschlossen wurden Studien mit weniger als 1000 teilnehmenden Frauen, ebenso Studien, in denen das Studiendesign nicht klar aus dem Manuskript hervorging.

9.3 Eingeschlossene und geprüfte Studien – „Studiencharakter“

Insgesamt waren nur 10 Studien [229], [274], [275], [276], [277], [278], [279], [280], [281], [282] kompatibel mit den o.g. PICOS und damit relevant für die Metaanalyse, darunter befanden sich ganz überwiegend E6/E7-mRNA Studien (n = 6) für 5 [275], [279] oder mehr [229], [275], [277], [278], [279], [280] HPV-Typen, danach folgten Nachweisverfahren für das p16INK4a-Protein (1 anti p16 ELISA-Assay [274] und 1 immunzytochemisches (p16-/Ki67-) Doppelmarkierung-Verfahren = “Dual Stain“ [281], sowie ein immunzytochemisches Verfahren zum Nachweis der TOP2A- & MCM2 Proteine [276] (ProExC, Becton, Dickinson and Company, Franklin Lakes, NJ, USA) und ein immunchromatographischer Nachweis der E6 Proteine von HPV 16/18/45 [282] (OncoE6, Arbor Vita Corporation, Fremont, CA, USA). In allen Studien wurden Untersuchungsergebnisse der Hochrisiko HPV-DNA Analytik (als Vergleichs-Test) dokumentiert und mit Ausnahme von zwei Studien wurden auch Zytologie-Ergebnisse angegeben [278], [282]. In drei Studien erfolgte eine Bestätigung durch sogenannte Goldstandard-Testverfahren (Kolposkopie/ Histologie) bei allen teilnehmenden Frauen [275], [276], [278]. In fast allen anderen Studien erfolgte dies immerhin bei Frauen mit mindestens einem positiven Screeningtest [229], [280], [281], manchmal auch zusammen mit einer vergleichenden Prüfung einer Subgruppe von Teilnehmerinnen, die in allen Testverfahren negative Resultate aufwiesen [274], [277], [282]. In einer Studie wurde die Bestätigung nur bei Teilnehmerinnen mit einem abnormalen/atypischen zytologischen Test durchgeführt [279], d.h. die Entscheidung zu einer Bestätigung durch das Goldstandard-Testverfahren basierte nur auf der zytologischen Diagnose (s.u.). Details zu den genannten Studien sind im Leitlinienreport bzw. in den dort aufgeführten Tabellen nachzulesen.

9.4 Qualitätsprüfung der eingeschlossenen Studien

Die Qualität der eingeschlossenen Studien wurde nach dem QUADAS-2-Prüfverfahren evaluiert [283]. Auch diese Details sind im Leitlinienreport beigefügt. Alle Studien zeigten mit Ausnahme der Prüffragen „Erklärungen für Verlust von Studienteilnehmerinnen“ und „Berichte über nicht zu interpretierende Resultate“ (jeweils nicht/kaum dokumentiert) gute Resultate. Die Verblindung der Testergebnisse und der Ergebnisse der Goldstandard-Testverfahren (Kolposkopie/Histologie) wurden allerdings in einigen Fällen nicht durchgeführt oder nicht ausreichend dokumentiert. Auch wurde in der Studie von Balasubramanian und Koautoren [274] der Grenzwert für Positivität des p16-Tests erst nach Analyse der Proben festgelegt. Die retrospektive Studie von Cuzick und Koautoren [279] erwies sich aufgrund einer nur partiellen Bestätigung durch die genannten Goldstandard-Testverfahren (i.e. Studie wurde nur zytologisch abgesichert) als eingeschränkt verwertbar (s.o.).

9.5 Ist ein primäres Screening mit einem Biomarker der HPV-DNA Analytik überlegen?

9.1 · Evidenzbasiertes Statement 2017

Die Biomarker (mRNA 5 HPV-Typen, p16 ELISA, ProExC, p16/Ki-67 Dual Stain, E6-Protein) zeigen in Querschnittsstudien im Vergleich zu den Hochrisiko-HPV DNA Testverfahren keine Vorteile.

Evidenzlevel
⊕⊕⊝⊝
Literatur
[229] [274] [275] [276] [277] [278] [279] [280] [281] [282]
9.2 · Evidenzbasierte Empfehlung 2017

Für die derzeit in größeren Studien getesteten Biomarker liegen bisher keine Daten aus longitudinalen Studien von mehr als 3 Jahren vor, so dass diese Biomarker im primären Screening nicht eingesetzt werden sollen.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
⊕⊕⊝⊝
Literatur
[229] [274] [275] [276] [277] [278] [279] [280] [281] [282]

Die absolute Sensitivität und Spezifität der genannten Studien in Bezug auf die Detektion von CIN 2+ oder CIN 3+ ist im Leitlinienreport aufgeführt. Dabei konnten entsprechend der Zahl der Studien nur die Werte für mRNA Nachweise gemittelt werden. Deren Sensitivität und Spezifität im Vergleich zu den Hochrisiko DNA Testverfahren unterschied sich je nach Zahl der getesteten HPV-Typen, wobei  der Grad der Sensitivität mit der Zahl der getesteten Typen zunimmt (5 Typen/PreTect HPV- Proofer im Vergleich zu >5 HPV-Typen/APTIMA). Letzterer Test wird bei den klinisch validierten Screening-Testverfahren in Tabelle "Liste von HPV-Testverfahren" aufgelistet.  Nicht überraschend ist, dass die Spezifität der mRNA Testverfahren das der Hochrisiko DNA Teste übertrifft, da erstere zusätzlich zur Viruspersistenz auch die Expression der viralen Onkogene messen. Höhere Expression von E6/E7 der karzinogenen HPV-Typen signalisiert ein erhöhtes transformierendes Potential. HPV RNA Testverfahren für 14 Typen führen bei vergleichbarer Sensitivität zu weniger falsch positiven Ergebnissen im Vergleich zum HPV DNA Nachweis (siehe v.a. APTIMA). Der HPV 16/18/45-E6 Proteintest wies CIN2 oder CIN3 nur jeweils in etwa der Hälfte der Fälle nach, war aber nach der Spezifität den Hochrisiko-DNA Testverfahren deutlich überlegen.

Wenn die verschiedenen Testverfahren bisher nicht direkt in Screening-Populationen verglichen wurden, müssen die beschriebenen Unterschiede in Sensitivität und Spezifität zwischen den Testverfahren vorsichtig interpretiert werden. Unter den nicht-HPV basierten Testverfahren schnitt p16/Ki-67 Dual Stain (siehe PALMS-Studie) in Bezug auf die Sensitivität mit 86% und 89% für den Nachweis von CIN2+ und respektive CIN3+  besser ab als die mRNA Testverfahren für 5 Typen bei vergleichbarer Spezifität (95% für CIN2+). Die Sensitivität von ProExC für den Nachweis von CIN 3+  entsprach der von p16/Ki-67 Dual Stain bei allerdings schlechterer Spezifität (91% versus 95%). Schlusslicht bei gemeinsamer Betrachtung von Sensitivität (sehr niedrig) und Spezifität (mäßig) war der p16 ELISA. Generell waren die nicht HPV basierten Verfahren den Hochrisiko-HPV DNA Testverfahren in ihrer Sensitivität unterlegen, allerdings in der Spezifität jedoch den HPV DNA Tests überlegen (speziell p16/Ki-67 Dual Stain) und gleichwertig mit HPV RNA Tests für 9-14 Typen.

9.6 Ist ein primäres Screening mit einem Biomarker der konventionellen Zytologie überlegen?

9.3 · Evidenzbasiertes Statement 2017

Sensitivität: Die Biomarker (mRNA 5 HPV-Typen, p16 ELISA, ProExC, p16/Ki-67, E6-Protein) übertreffen in Querschnittsstudien die konventionelle Zytologie hinsichtlich der Sensitivität.

Spezifität: Hinsichtlich der Spezifität ist p16/Ki-67 Dual Stain der konventionellen Zytologie überlegen.

Evidenzlevel
⊕⊕⊝⊝
Literatur
[229] [275] [276] [277] [279] [280] [281]
9.4 · Evidenzbasierte Empfehlung 2017

Die Biomarker (mRNA 5 HPV-Typen, p16 ELISA, ProExC, p16/Ki-67, E6-Protein) sollen nicht für ein primäres Screening verwendet werden, bevor die Eignung dieser Verfahren nicht in longitudinalen Studien über einen Zeitraum von mindestens 5 Jahren geprüft wurde.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
⊕⊕⊝⊝
Literatur
[229] [275] [276] [277] [279] [280] [281]

Unter der Voraussetzung von ASC-US als cut-off ergab der Vergleich von mRNA-Verfahren für mehr als 5 HPV-Typen mit der Dünnschichtzytologie (LBC) eine nicht signifikant erhöhte Sensitivität und gleichartige Spezifität für den Nachweis von CIN 2+. Für den Nachweis von CIN 3+ zeigte der mRNA-Test eine signifikant erhöhte Sensitivität bei gleichartiger Spezifität. Im entsprechenden Vergleich mit der LBC erwies sich der mRNA-Test für 5 HPV-Typen als ähnlich sensitiv und spezifisch für CIN 2+, jedoch weniger sensitiv für CIN 3+.

Generell waren unter den nicht HPV-basierten Verfahren p16/Ki-67 Dual Stain und ProExC wesentlich sensitiver als der zytologische Krebsabstrich. In Bezug zur Spezifität war der p16/Ki67 Dual Stain der Zytologie gleichwertig, der ProEx dagegen unterlegen.

Wird zytologisch als cut-off LSIL eingesetzt, zeigten mRNA Assays für >5 Typen eine höhere Sensitivität für CIN2+ und CIN3+, die Spezifität war aber signifikant niedriger. Die Sensitivität der mRNA Assays für 5 Typen war dagegen mit der der Zytologie vergleichbar, die Spezifität dieser Verfahren war jedoch signifikant niedriger. Für p16/Ki-67 Dual Stain und ProExC ergeben sich Befunde wie für ASC-US als cut-off beschrieben.

9.7 Zusammenfassung

Derzeitig gibt es für alle untersuchten Biomarker nicht ausreichend longitudinale Daten, so dass ihre Verwendung im primären Screening momentan nicht empfohlen werden kann. Während eine definitive Beurteilung derzeit nicht möglich ist, erlauben die Querschnittsdaten einige vorläufige Schlüsse zu ziehen: Vor dem Hintergrund der im Vergleich zu Hochrisiko-HPV DNA Testverfahren zumeist geringeren Sensitivität der meisten o.g. Methoden kommt deren Einsatz zwar eventuell für eine Triage, nicht jedoch für ein primäres Screening bei gleichen Screeningintervallen wie für Hochrisiko-HPV DNA Testverfahren in Betracht.  Der Aptima weist eine Gleichwertigkeit in Bezug zu den HPV-DNA basierten Testverfahren auf und wird daher unter den klinisch validierten Screening-Testverfahren in Tabelle "Liste von HPV-Testverfahren" aufgelistet.

Das Testverfahren p16/Ki-67 Dual Stain zeigte als einziger Test eine der Zytologie vergleichbare Spezifität und war auch signifikant sensitiver, allerdings nicht so sensitiv wie der Nachweis auf Hochrisiko-HPV DNA.  Interessanterweise wurde in dieser Studie eine vergleichbare Sensitivität und Spezifität bei Frauen unter und über 30 Jahren beschrieben, so dass das Verfahren eventuell für jüngere Frauen angewendet werden könnte, bei denen der primäre Hochrisiko-HPV DNA Test wegen geringer Spezifität nicht empfohlen wird.

Derzeit gibt es keine ausreichende Evidenz, die den Einsatz von den oben genannten Biomarkern im primären Screening begründet.

Literaturhinweise

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[244] Arbyn, M., Ronco, G., Anttila, A., M. Meijer, C. J., Poljak, M., Ogilvie, G., et.al. Evidence regarding human papillomavirus testing in secondary prevention of cervical cancer, Vaccine, 2012. 30(SUPPL.5): p. F88-F99., http://www.scopus.com/inward/record.url?eid=2-s2.0-84876558188&partnerID=40&md5=b517bce9742bec2af29528bd8cc31376

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