Leitlinienprogramm OnkologiePankreaskarzinom

2. Einführung – Pankreaskarzinom

Version 3.1 · September 2024 · AWMF 032-010OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

2.1 Geltungsbereich und Zweck

2.1.1 Zielsetzung und Fragestellung

 

Zielsetzung des Updates der Leitlinie „Exokrines Pankreaskarzinom“ ist die Sicherstellung einer evidenzbasierten, flächendeckenden, optimalen Versorgung von Patient*innen mit exokrinem Pankreaskarzinom. Das Update der Leitlinie soll letztlich dazu beitragen, dass das Überleben von Patient*innen mit resektablem, grenzwertig resektablem und nicht resektablem/metastasiertem Pankreaskarzinom bei guter Lebensqualität verlängert wird.

Die Schlüsselfragen der Aktualisierung 2012/2013, 2020/2021 und 2021-2024 sind in der folgenden Tabelle aufgeführt. Diese wurden jeweils zu Beginn der Aktualisierungen von den Leitliniengruppen priorisiert.

 

 Schlüsselfragen der Leitlinie

Schlüsselfragen

 

Risikofaktoren / Screening / Risikogruppen

 

Welche Screening Untersuchungen/Programme sollen bei Individuen mit einem erhöhten Risiko für ein (a) sporadisches und b) familiäres/hereditäres Pankreaskarzinom angeboten werden? 2021/2022

Welche endogenen und exogenen Risikokonditionen sind in der Normalbevölkerung mit einem erhöhten Risiko für ein sporadisches Pankreaskarzinom verbunden?

Inhaltlich erfolgte eine Einschränkung auf die folgenden Themenbereiche:

  • Erkrankungen
  • Lifestyle (Rauchen, Alkohol, körperliche Aktivität)
  • Ernährung

2021/2022

Welche Laboruntersuchungen sind zur Prävention/Frühdiagnose des Pankreaskarzinoms in einer asymptomatischen Normalbevölkerung geeignet?

2020/2021

Welche genetischen Untersuchungen erlauben die Erkennung von Individuen mit einem erhöhten hereditären Pankreaskarzinomrisiko?

2020/2021

Sollen diese genetischen Untersuchungen bei Individuen mit positiver Familienanamnese für Bauchspeicheldrüsenkrebs durchgeführt werden?

2020/2021

Welche Bildgebenden Verfahren erlauben in der asymptomatischen Bevölkerung eine Prävention oder Frühdiagnose des Bauchspeicheldrüsenkrebs?

2020/2021

Diagnostik

 

Hat die PET-CT Vorteile zur Beurteilung der präoperativen Ausbreitung eines Pankreaskarzinoms?

2020/2021

Sollte beim resektablen Pankreaskarzinom routinemäßig ein präoperatives MRT der Leber mit Kontrastmittel durchgeführt werden, um eine hepatische Metastasierung auszuschließen?

2020/2021

Nutzen einer präoperativen Staging-Laparoskopie?

2012/2013

Welche diagnostischen Verfahren sollten zur weiteren Abklärung von z.B.: sonographisch festgestellten zystischen Raumforderungen durchgeführt werden?

2020/2021

Chirurgische Therapie (kurative Intention)

 

Welche Indikationen gibt es für eine diagnostische Laparoskopie?

  • hoher Tumormarkerwert (CA 19-9 > 500 U/ml) bei in der Bildgebung nicht feststellbaren Metastasen (Peritoneum, Leber)
  • zum genauen Staging vor neoadjuvanter/palliativer Therapie
  • zur Diagnosesicherung bei vorangegangener frustraner Tumorsicherung durch interventionelle Biopsie (Endosonographie, Sono- und CT-gesteuerter Biopsie)

2021/2022

Ausdehnung der Lymphknotendissektion bei der pyloruserhaltenden oder klassischen Duodeno-Hemipankreatektomie (Whipple-Operation).

2021/2022

Gibt es Evidenz für einen Vorteil von Mindestfallzahlen bei der Chirurgie des Pankreaskarzinoms?

2020/2021

Nutzen einer Galleableitung mittels ERCP und Stent bei präoperativ bestehender Cholestase?

2012/2013

Was sind Kriterien der Irresektabilität des Tumors? Definition der Borderline-Resektabilität?

2012/2013

Welches sind Kriterien der Resektabilität von Seiten des/der Patienten/Patientin?

  • Alter des/der Patienten/Patientin
  • ECOG/Performance Status
  • Komorbidität (Cardiopulmonal, Leberzirrhose + port. Hypertension, Nierenfunktion)
  • Weitere Faktoren?

2020/2021

Welches sind biologische Kriterien der Resektabilität von Seiten des/der Patienten/Patientin?

  • Regionale Lymphknotenmetastasen (Biopsie/CT/PET-CT)
  • Tumormarker CA19-9

2020/2021

Welches sind Kriterien der Resektabilität bzw. grenzwertiger Resektabilität bzw. eines lokal fortgeschrittenen Stadiums von Seiten des Tumors?

  • Extrapankreatische Tumormanifestation
  • Infiltration des Truncus coeliacus
  • Infiltration der Art. mes. sup.
  • Infiltration der Pfortader
  • Infiltration der V. mes. sup.

2020/2021

Soll trotz Nachweis von Fernmetastasen (Organmetastasen, Peritonealkarzinose, als Fernmetastasen geltende Lymphknotenmetastasen) der Primärtumor reseziert werden?

2020/2021

Soll eine Resektion von Metastasen eines Pankreaskarzinoms durchgeführt werden? Falls ja – unter welchen Voraussetzungen?

2020/2021

Welche minimale Resektionsgrenze vom makroskopischen Tumorrand kann empfohlen werden?

2012/2013

Nutzen der pyloruserhaltenden Operation bei Karzinomen des Pankreaskopfes?

2012/2013

Welches Vorgehen kann bei Adhärenz des Tumors mit umgebenden Organen empfohlen werden?

2012/2013

Nutzen einer Lymphadenektomie bei der Resektion des Pankreaskarzinoms?

2012/2013

Gibt es eine Indikation für eine Tuschemarkierung der Resektionsränder bzw. wie soll das Resektionspräparat aufgearbeitet werden?

2012/2013

Sollen erst intraoperativ nachweisbare, resektable Fernmetastasen reseziert werden?

2012/2013

Sollen erst intraoperativ nachweisbare, resektable Fernmetastasen reseziert werden?

2020/2021

Nutzen der laparoskopischen Operationstechnik im Rahmen der Pankreaskarzinomchirurgie?

2012/2013

Gibt es eine Indikation für die laparoskopische/robotische Operationstechnik im Rahmen der Pankreaskarzinomchirurgie?

2020/2021

Nutzen der intraoperativen Schnellschnittanfertigung im Rahmen der Pankreaskarzinomchirurgie?

2012/2013

Kriterien der Einstufung als R0 Resektion?

2012/2013

Notwendige Angaben durch den Pathologen?

2012/2013

Adjuvante und neoadjuvante nichtchirurgische Therapie

 

Nutzen einer adjuvanten Chemotherapie nach R0 Resektion, ggf. Einschränkungen bzgl. Alter, Komorbidität, ECOG-Status und Vorgaben bzgl. Dauer?

2012/2013

Nutzen einer additiven Chemotherapie nach R1 Resektion?

2012/2013

Sollte beim kurativ resezierten Pankreaskarzinom eine adjuvante Chemotherapie durchgeführt werden?

2020/2021

Welche Patient*innen profitieren von adjuvanter Chemotherapie nach Resektion (R0, R1, R2(?), T in situ, T1 N0 (?)?

2020/2021

Gibt es Evidenz für verschiedene Therapien (Gem mono, 5FU, Gem & Capecitabine, Gem & nab-Paclitaxel, mFolfirinox)?

2020/2021

Wie sollte die Dauer der Therapie sein (6 Monate bzw. komplettes Schema)?

2020/2021

Nutzen einer adjuvanten Radiochemotherapie oder Radiotherapie nach R0 Resektion? Nutzen einer additiven Radiochemotherapie nach R1 Resektion?

2012/2013

Nutzen einer Radiochemotherapie nach einer adjuvanten Chemotherapie?

2012/2013

Nutzen einer adjuvanten Chemo-, Radiochemo- oder Radiotherapie nach Resektion von Fernmetastasen?

2012/2013

Innerhalb welcher Zeitfenster sollte eine adjuvante Therapie erfolgen?

2012/2013

Wann sollte der Start der Therapie erfolgen (<6-8 Wochen postoperativ, < 12 Wochen postoperativ)?

2020/2021

Nutzen einer neoadjuvanten Radiochemotherapie oder neoadjuvanten Chemotherapie beim Pankreaskarzinom?

2012/2013

Nutzen einer Chemo-, Strahlen- oder Radiochemotherapie oder einer Kombinationstherapie beim lokal fortgeschrittenen, inoperablen Pankreaskarzinom zum Downsizing des Tumors mit dem Ziel, eine sekundäre Resektabilität zu erreichen (Intention: Potentiell kurativ)?

2012/2013

Gibt es Indikationen zur neoadjuvanten Strahlentherapie, Strahlenchemotherapie oder Chemotherapie beim Pankreaskarzinom?

2020/2021

Wann sollte neoadjuvant behandelt werden?

  • resektabel
  • borderline-resektabel (IAP Definition, anatomisch arteriell vs. venös BR, biologisch / conditional BR)
  • lokal fortgeschritten

2020/2021

Sollte eine neoadjuvante Systemtherapie allein oder kombiniert mit einer Lokaltherapie (Bestrahlung) durchgeführt werden?

2020/2021

Welche Evidenz gibt es für die folgenden Systemtherapien

  • Gemcitabin
  • Folfirinox
  • Gem & nab-Paclitaxel

2020/2021

Sollten Patient*innen nach neoadjuvanter Therapie und mindestens Stable Disease in der Bildgebung chirurgisch exploriert werden?

2020/2021

Wie ist die Qualität der Bildgebung nach neoadjuvanter Therapie?

2020/2021

Nutzen einer intraoperativen Strahlentherapie beim Pankreaskarzinom?

2012/2013

Nutzen neuer Therapieverfahren wie z. B. SIRT, Hyperthermie oder Protonentherapie in der adjuvanten, neoadjuvanten oder palliativen Therapie des Pankreaskarzinoms?

2012/2013

Palliative Therapie

 

Nutzen einer palliativen Chemotherapie beim lokal fortgeschrittenen irresektablen bzw. metastasierten Pankreaskarzinom (First-, Second-, Third-Line), ggf. geeignete Vorgehensweise?

2012/2013

Welche systemische palliative Behandlung ist Standard in der First-Line-Therapie?

  • Gemcitabin (Konventionell (1000 mg/m² über 30 Min) oder Fixed dose rate Infusion)
  • Gemcitabin plus nab-Paclitaxel
  • FOLFIRINOX
  • NALIRIFOX
  • Andere Therapien

2020-2024

Gibt es Kriterien, die die Auswahl einer bestimmten (systemischen palliativen) Therapie nahelegen?

2020/2021

Gibt es Patient*innen, die besonders von einer Kombinationschemotherapie in der Erstlinie profitieren?

2020/2021

Sollte eine weitere systemische palliative Behandlung nach Versagen der Erstlinientherapie durchgeführt werden?

  • OFF
  • mFOLFOX
  • mFOLFIRINOX
  • 5-FU/nal-Iri
  • Andere Therapien

2020/2021

Gibt es Evidenz, die eine bestimmte Sequenz in der Zweitlinientherapie nahelegt?
a) Zweitlinientherapie nach Gem
b) Zweitlinientherapie nach Gem/NabPaclitaxel
c) Zweitlinientherapie nach FOLFIRINOX

2020/2021

Welche Verlaufsparameter sind zur Evaluation der klinischen Effektivität der Chemotherapie geeignet?

2020/2021

Nutzen von molekularen Markern zur Therapiesteuerung?

2012/2013

Nutzen einer Strahlentherapie oder Chemotherapie bei nicht operablem/ resektablem Pankreaskarzinom (lokal fortgeschritten, nicht metastasiert)?

2012/2013

Gibt es Indikationen für eine palliative Strahlentherapie beim Pankreaskarzinom?

2020/2021

Wenn es Indikationen für eine palliative Strahlentherapie beim Pankreaskarzinom gibt, nach welchem(n) Schema(ta) sollte diese appliziert werden?

2020/2021

Wenn eine Strahlentherapie in der Palliativtherapie durchgeführt wird, soll diese mit einer Chemotherapie kombiniert werden?

2012/2013

Wenn eine Strahlentherapie in der Palliativtherapie durchgeführt wird, soll diese mit einer Chemotherapie kombiniert werden?

2020/2021

Nutzen einer Kombinationsstrategie (z. B. Chemotherapie, gefolgt von Strahlenchemotherapie) bei lokal fortgeschrittenem, inoperablem oder nicht resektablem Tumor (Intention: Palliativ)?

2012/2013

Nutzen einer primär simultanen Radiochemotherapie ohne Chance auf sekundäre Resektabilität?

2012/2013

Haben zielgerichtete Therapien (Targeted Therapy Ansätze) einen Stellenwert in der palliativen Therapie des Pankreaskarzinoms?

2020-2024

Haben Immuntherapeutika wie Checkpointinhibitoren einen Stellenwert in der palliativen Therapie des Pankreaskarzinoms?

2020/2021

Bei welcher Patientengruppe und in welcher Therapiesituation gibt es eine Indikation zur Therapie mit Immuntherapeutika?

2020/2021

Soll der MSI Status bei Patient*innen mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom regelhaft untersucht werden?

2020/2021

Mit welchem Verfahren soll der MSI Status bestimmt werden?

2020/2021

Welche Therapeutika sollten bei Vorliegen von hoher Mikrosatelliteninstabilität (MSI) im Tumor eingesetzt werden?

2020/2021

Haben Substanzen, die in DNA-Reparaturmechanismen eingreifen - wie PARP-Inhibitoren - einen Stellenwert in der palliativen Therapie des Pankreaskarzinoms?

2020/2021

Bei welcher Patientengruppe und in welcher Therapiesituation gibt es eine Indikation zum Einsatz von Substanzen, die in den DNA-Reparaturmechanismus eingreifen?

2020/2021

Soll der BRCA1/2 -Mutationsstatus bei Patient*innen mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom regelhaft untersucht werden?

2020/2021

Mit welchem Verfahren soll der BRCA1/2-Mutationsstatus bestimmt werden?

2020/2021

Welche Therapeutika sollten bei Vorliegen einer BRCA1/2 Mutation eingesetzt werden?

2020/2021

 

Für das Kapitel 9 „Palliativversorgung, Supportive Therapie und Nachsorge“ gab es keine spezifischen Schlüsselfragen. Schwerpunkte waren Antikoagulation, Nachsorge Reha und Ernährung.

2.1.2 Adressaten

Die Anwenderzielgruppe sind Ärzt*innen aller Versorgungsbereiche (insbesondere Fachärzt*innen), die Patient*innen mit chronischen Pankreaserkrankungen, Verdacht auf Pankreaskarzinom sowie diagnostiziertem Pankreaskarzinom ambulant und/oder stationär behandeln. Hierzu gehören unter anderem Ärzt*innen aus den Bereichen Innere Medizin mit Gastroenterologie und Onkologie sowie Radiologie, Allgemein- und Viszeralchirurgie, Palliativmedizin, Pathologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie. Sie dient zur Information für Allgemeinärzt*innen und onkologisch tätige Pflegekräfte.

Die Leitlinie gilt für Patient*innen mit exokrinem Pankreaskarzinom unabhängig von Alter und Geschlecht, Schweregrad der Erkrankung oder Komorbidität. Sie gilt ferner für Menschen mit erhöhtem Risiko, an einem Pankreaskarzinom zu erkranken, soweit dies mit den aktuell zur Verfügung stehenden Methoden erfassbar ist.

Die Leitlinie betrifft den ambulanten und stationären Versorgungssektor, einschließlich der Nachsorge und Rehabilitation.

Sie soll entsprechend der Definition von Leitlinien zur Unterstützung der gemeinsamen Entscheidungsfindung von Arzt oder Ärztin und Patient*in bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen dienen. Sie entbindet allerdings den Arzt/die Ärztin nicht von seiner/ihrer Verpflichtung, individuell und unter Würdigung der Gesamtsituation des/r Patient*in die adäquate Vorgehensweise zu prüfen. Das Abweichen von der Leitlinie sollte im konkreten Fall begründet werden.

Aufgabe vor Ort ist es, jeweils die Behandlungsqualität in der kurativen und palliativen Versorgung kontinuierlich zu sichern. Indem die Leitlinie darlegt, welche Entwicklungen erforderlich sind und welche neuen, auch kostenintensiven Substanzen in der adjuvanten und palliativen Situation eingesetzt werden sollen, richtet sie sich auch an indirekt Betroffene, wie z. B. die Kostenträger und den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.

2.1.3 Gültigkeitsdauer und Aktualität

S3-Leitlinien sollen kontinuierlich aktualisiert werden. Die Gültigkeit der Leitlinie beläuft sich auf maximal 3 Jahre (März 2027).

Im dritten Aktualisierungsverfahren 2021-2024 wurden folgende Themenkomplexe bearbeitet:

  • Risikofaktoren, Risikogruppen, Screening (Kapitel 4)
  • Chirurgische Therapie (Kapitel 6)
  • Palliative Therapie des Pankreaskarzinom (Kapitel 8)
  • Palliativversorgung, Supportive Therapie und Nachsorge (Kapitel 9)

Die übrigen Themenkomplexe werden in den kommenden Aktualisierungen überarbeitet. Eine jährliche Aktualisierung der Leitlinie wird dabei angestrebt.

Kommentare und Hinweise für den Aktualisierungsprozess aus der Praxis sind ausdrücklich erwünscht und können an das Leitliniensekretariat der DGVS Geschäftsstelle adressiert werden:

Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Olivaer Platz 7, 10707 Berlin

E-Mail: pankreaskarzinom@leitlinienprogramm-onkologie.de

 

Aktualität der Empfehlungen

Die Erstellung der ersten Version der interdisziplinären S3-Leitlinie zum exokrinen Pankreaskarzinom erfolgte in 2006. Die 1. Aktualisierung erfolgte 2012/2013 und die 2. Aktualisierung 2020/2021.  2021-2024 erfolgte dann die 3. Aktualisierung.

Hierbei wurden einzelne Empfehlungen der aktualisierten Themenbereiche aus der Vorgängerversion übernommen. Im Leitlinienreport befindet sich eine Übersicht der Änderungen der Leitlinienempfehlungen im Rahmen der 2. Aktualisierung 2020/2021 und der 3. Aktualisierung 2021-2024.

In den Kopfzeilen der Empfehlungen und Statements wurde vermerkt, wann diese erstellt bzw. aktualisiert wurden und ob sie im Vergleich zur vorherigen Version modifiziert oder neu erstellt wurden.

2.2 Grundlagen der Methodik

 

2.2.1 Schema der Evidenzgraduierung

Schema der Evidenzgraduierung nach Oxford

In der Aktualisierung 2020/2021 und 2021-2024 wurden zur Klassifikation der eingeschlossenen Studien die Levels of Evidence des Oxford Centre for Evidence Based Medicine von 2011 verwendet (siehe Tabelle 5). Studien mit relevanten methodischen Mängeln wurden um einen Rang abgewertet. Für alle Empfehlungen vor 2020 wurden die Evidenzlevel beibehalten. Es erfolgte eine Kennzeichnung des jeweils genutzten Systems, z.B. 2011.

Zur Klassifikation des Verzerrungsrisikos der identifizierten Studien wurde für die 2013 aktualisierten Kapitel 6, 7 und 8 das in Tabelle 6 aufgeführte System des Oxford Centre for Evidence based Medicine von 2009 verwendet. Die Klassifikation von Studien im System des Oxford Centre for Evidence-based Medicine sieht eine Abwertung des Evidenzlevel (Level of Evidence) bei methodischen Mängeln der Studie vor (z. B. Drop out >20 %, weite Konfidenzintervalle, unzureichende Randomisierungsverfahren). Bei den Bewertungen in dieser Leitlinie wurden Studien bei relevanten methodischen Mängeln nicht im Rang abgewertet, sondern durch ein Minus-Zeichen gekennzeichnet (z. B. 1a-).

Bei der Erstellung der übrigen Kapitel in 2006 wurde eine ältere, modifizierte Version des Systems aus Oxford verwendet (siehe Tabelle weiter unten)

Tabelle 5: Schema der Evidenzgraduierung bei der Aktualisierung 2020/2021 und 2021-2024 (Oxford Centre for Evidence-Based Medicine 2011 Levels of Evidence)

Question

Step 1
(Level 1*)

Step 2
(Level 2*)

Step 3
(Level 3*)

Step 4
(Level 4*)

Step 5
(Level 5)

How common is the problem?

Local and current random sample surveys (or censuses)

Systematic review of surveys that allow matching to local circumstances**

Local non-random sample**

Case-series**

n/a

Is the diagnostic or monitoring test accurate?

(Diagnosis)

Systematic review of cross sectional studies with consistently applied reference standard and blinding

Individual cross sectional studies with consistently applied reference standard and blinding

Non-consecutive studies, or studies without consistently applied reference standards**

Case-control studies or poor or non-independent reference standard**

Mechanism-based reasoning

What will happen if we do not add a therapy?

(Prognosis)

Systematic review of inception cohort studies

Inception cohort studies

Cohort study or control arm of randomized trial*

Case-series or case-control studies, or poor quality prognostic cohort study**

n/a

Does the intervention help?

(Treatment Benefits)

Systematic review of randomized trials or n-of-1 trials

Randomized trial or observational study with dramatic effect

Non-randomized controlled cohort/follow-up study**

Case-series, case-control studies, or historically controlled studies**

Mechanism-based reasoning

What are the COMMON harms?

(Treatment Harms)

Systematic review of randomized trials, systematic review of nested case-control studies, n-of-1 trial with the patient you are raising the question about, or observational study with dramatic effect

Individual randomized trial or (exceptionally) observational study with dramatic effect

Non-randomized controlled cohort/follow-up study (post-marketing surveillance) provided there are sufficient numbers to rule out a common harm. (For long term harms the duration of follow-up must be sufficient.)**

Case-series, case-control studies, or historically controlled studies**

Mechanism-based reasoning

What are the RARE harms?

(Treatment Harms)

Systematic review of randomized trials or n-of-1 trial

Randomized trial or (exceptionally) observational study with dramatic effect

Non-randomized controlled cohort/follow-up study (post-marketing surveillance) provided there are sufficient numbers to rule out a common harm. (For long term harms the duration of follow-up must be sufficient.)**

Case-series, case-control studies, or historically controlled studies**

Mechanism-based reasoning

Is this (early detection) test worthwhile?

(Screening)

Systematic review of randomized trials

Randomized trial

Non-randomized controlled cohort/follow-up study**

Case-series, case-control studies, or historically controlled studies**

Mechanism-based reasoning

* Level may be graded down on the basis of study quality, imprecision, indirectness (study PICO does not match questions PICO), because of inconsistency between studies, or because the absolute effect size is very small; Level may be graded up if there is a large or very large effect size.

** As always, a systematic review is generally better than an individual study.

  

Tabelle 6: Schema der Evidenzgraduierung bei der Aktualisierung 2012/2013 (Oxford-Schema) 

Level

Therapy / Prevention, Aetiology / Harm

Prognosis

Diagnosis

Differential diagnosis / symptom prevalence study

Economic and decision analyses

1a

SR (with homogeneity) of RCTs

SR (with homogeneity) of inception cohort studies; CDR validated in different populations

SR (with homogeneity) of Level 1 diagnostic studies; CDR" with 1b studies from different clinical centres

SR (with homogeneity) of prospective cohort studies

SR (with homogeneity) of Level 1 economic studies

1b

Individual RCT
(with narrow
Confidence
Interval)

Individual
inception
cohort study
with > 80 %
follow-up;
CDR
validated in a
single
population

Validating
cohort study
with good
reference
standards; or
CDR tested
within one
clinical
centre

Prospective
cohort study
with good
follow-up

Analysis based on
clinically sensible costs
or alternatives;
systematic review(s) of
the evidence; and
including multi-way
sensitivity analyses

1c

All or none

All or none
case-series

Absolute
SpPins and
SnNouts

All or none
case-series

Absolute better-value or
worse-value analyses

2a

SR (with
homogeneity)
of cohort
studies

SR (with
homogeneity)
of either
retrospective cohort
studies or
untreated
control
groups in
RCTs

SR (with
homogeneity)
of Level >2
diagnostic studies

SR (with
homogeneity)
of 2b and
better studies

SR (with homogeneity) of Level >2 economic
Studies

2b

Individual
cohort study
(including low
quality RCT;
e.g., <80 %
follow-up)

Retrospective
cohort study
or follow-up
of untreated
control
patients in an
RCT;
Derivation of
CDR or
validated on
split-sample
only

Exploratory
cohort study
with good
reference
standards;
CDR after
derivation, or
validated
only on splitsample
or
databases

Retrospective
cohort study,
or poor
follow-up

Analysis based on
clinically sensible costs
or alternatives; limited
review(s) of the evidence,
or single studies; and
including multi-way
sensitivity analyses

2c

"Outcomes"
Research;
Ecological
studies

"Outcomes"
Research

 

Ecological
studies

Audit or outcomes
Research

3a

SR (with
homogeneity)
of casecontrol
studies

 

SR (with
homogeneity)
of 3b and
better
studies

SR (with
homogeneity)
of 3b and
better
studies

SR (with homogeneity*)
of 3b and better studies

3b

Individual
case-control
Study

 

Non-consecutive
study; or
without
consistently
applied
reference
standards

Non-consecutive
cohort study,
or very
limited
population

Analysis based on
limited alternatives or
costs, poor quality
estimates of data, but
including sensitivity
analyses incorporating
clinically sensible
variations.

4

Case-series
(and poor
quality
 cohort
and case control
studies)

Case-series (and poor
quality
prognostic
cohort
studies)

Case-control study, poor
or non-independent
reference
standard

Case-series or
superseded
reference
standards

Analysis with no sensitivity analysis

5

Expert
opinion
without
explicit
critical
appraisal, or
based on
physiology,
bench
research or
"first
principles"

Expert
opinion
without
explicit
critical
appraisal, or
based on
physiology,
bench
research or
"first
principles"

Expert
opinion
without
explicit
critical
appraisal, or
based on
physiology,
bench
research or
"first
principles"

Expert
opinion
without
explicit
critical
appraisal, or
based on
physiology,
bench
research or
"first
principles"

Expert opinion without
explicit critical appraisal,
or based on economic
theory or "first
principles"

 

Tabelle 7: Schema der Evidenzgraduierung bei der Erstellung der Leitlinie 2006

Level of Evidence (LoE)

Definition

1

Systematischer Review (SR) mit Homogenität (keine Heterogenität bzgl. der Ergebnisse der einzelnen Studien) von randomisierten kontrollierten Studien (RCT)

2a

 

2b

Systematischer Review mit Homogenität von Kohortenstudien

 

Individuelle Kohortenstudien plus RCTs geringer Qualität (z. B. Follow Up < 80 %):

3

Systematische Übersichten mit Homogenität von Fall-Kontroll-Studien sowie Individuelle Fall-Kontroll-Studien.

4

Fallserien und Kohortenstudien sowie Fall-Kontroll-Studien niedriger Qualität (d.h. Kohorte: Keine klar definierte Vergleichsgruppe, keine Outcome/ Expositionsmessung in experimenteller und Kontrollgruppe, kein ausreichender Follow-Up; Fall-Kontroll-S.: Keine klar definierte Vergleichsgruppe)

5

Expertenmeinung oder inkonsistente bzw. nicht schlüssige Studien jedes Evidenzgrades

 

2.2.2 Schema der Empfehlungsgraduierung

In der Leitlinie werden zu allen evidenzbasierten Statements (siehe Kapitel 2.2.3) und Empfehlungen das Evidenzlevel der zugrunde liegenden Studien (nach Oxford-Schema, siehe Kapitel 2.2.1) sowie bei Empfehlungen zusätzlich die Stärke der Empfehlung (Empfehlungsgrad) ausgewiesen.

Hinsichtlich der Stärke der Empfehlung wurden in der Version von 2006 die zu diesem Zeitpunkt vom Oxford Centre for Evidence based Medicine vorgeschlagenen vier Empfehlungsgrade (A-D, siehe Tabelle 8) verwendet. Diese spiegeln in zusammengefasster Form die zugrundeliegenden Studientypen bzw. Evidenzgraduierungen wieder.

Tabelle 8: Schema der Empfehlungsgraduierung für die Empfehlungen aus 2006

Empfehlungsgrad

Bedeutung

A

Konsistent Studien mit Evidenzgrad 1 vorhanden

B

Konsistent Studien mit Evidenzgrad 2 oder 3 bzw. Extrapolationen von Studien mit Evidenzgrad 1

C

Studien mit Evidenzgrad 4 oder Extrapolationen von Studien mit Evidenzgrad 2 oder 3

D

Expertenmeinung oder inkonsistente bzw. nicht schlüssige Studien jedes Evidenzgrades

 

Für die Aktualisierungen wurden demgegenüber die im OL-Programm üblichen drei Empfehlungsgrade unterschieden (siehe Tabelle 9), die sich auch in der Formulierung der Empfehlungen jeweils widerspiegeln. Bei der Empfehlungsgraduierung wurden in allen Versionen der Leitlinien neben dem Design und der Qualität der zugrundeliegenden Studien folgende Aspekte berücksichtigt:

  • Konsistenz der Studienergebnisse
  • Klinische Relevanz der Endpunkte und Effektstärken
  • Nutzen-Risiko-Verhältnis (Abwägung erwünschter und unerwünschter Effekte)
  • Ethische, rechtliche und ökonomische Erwägungen
  • Patientenpräferenzen
  • Anwendbarkeit auf die Patientenzielgruppe und das Deutsche Gesundheitssystem, Umsetzbarkeit im Alltag/in verschiedenen Versorgungsbereichen.

Daher kann in entsprechend begründeten Fällen der Evidenzgrad vom Empfehlungsgrad abweichen (siehe hierzu ausführlich das Regelwerk der AWMF [1])

Die OL-Methodik sieht die Vergabe von Empfehlungsgraden durch die Leitlinien-Autor*innen im Rahmen eines formalen Konsensusverfahrens vor. Dementsprechend wurde ein durch die AWMF moderierter, mehrteiliger nominaler Gruppenprozess durchgeführt (siehe Leitlinienreport). Am Ende dieses Gruppenprozesses wurden die Empfehlungen von den stimmberechtigten Mandatsträger*innen (siehe Kapitel 1.9) formal abgestimmt. Die Ergebnisse der jeweiligen Abstimmungen sind entsprechend den Kategorien in Tabelle 10 den Empfehlungen zugeordnet.

 Tabelle 9: Schema der Empfehlungsgraduierung für die Empfehlungen aus 2013-2024

Empfehlungsgrad

Beschreibung

Ausdrucksweise

A

Starke Empfehlung

soll

B

Empfehlung

sollte

0

Empfehlung offen

kann

 

Tabelle 10: Konsensusstärke

Konsensstärke

Prozentuale Zustimmung

Starker Konsens

> 95 % der Stimmberechtigten

Konsens

> 75 – 95 % der Stimmberechtigten

Mehrheitliche Zustimmung

> 50 – 75 % der Stimmberechtigten

Keine mehrheitliche Zustimmung

< 50 % der Stimmberechtigten

 

2.2.3 Statements

Als Statements werden Darlegungen oder Erläuterungen von spezifischen Sachverhalten oder Fragestellungen ohne unmittelbare Handlungsaufforderung bezeichnet. Sie werden entsprechend der Vorgehensweise bei den Empfehlungen im Rahmen eines formalen Konsensusverfahrens verabschiedet und können entweder auf Studienergebnissen oder auf Expertenmeinungen beruhen.

2.2.4 Expertenkonsens

Statements/Empfehlungen, für die eine Bearbeitung auf der Grundlage von Expertenkonsens der Leitliniengruppe beschlossen wurde, sind als Expertenkonsens ausgewiesen.

Für diese Empfehlungen wurde keine systematische Literaturrecherche durchgeführt (die in den Hintergrundtexten ggf. angeführten Studien wurden von den beteiligten Fachexperten ausgewählt).

Bei Empfehlungen, die auf einem Expertenkonsens basieren, werden keine Symbole bzw. Buchstaben verwendet, um die Empfehlungsstärke und die Qualität der Evidenz darzustellen. Die Stärke der Empfehlung ergibt sich hier allein aus der verwendeten Formulierung (soll/sollte/kann) entsprechend der Abstufung in Tabelle 9.

2.2.5 Unabhängigkeit und Darlegung möglicher Interessenkonflikte

Finanzierung der Leitlinie und Darlegung möglicher Interessenkonflikte

Die Deutsche Krebshilfe stellte über das Leitlinienprogramm Onkologie die finanziellen Mittel für die Aktualisierung zur Verfügung. Diese Mittel wurden eingesetzt für Personalkosten, Büromaterial, Literaturbeschaffungen, Erstellung von Evidenzberichten und die Konsensuskonferenz (Technik, Moderatoren, Honorare), wobei die Autor*innen der Leitlinie ausschließlich ehrenamtlich tätig waren.

Die 3. Aktualisierung erfolgte in redaktioneller Unabhängigkeit von der finanzierenden Organisation.

Alle Autor*innen der 3. Aktualisierung legten während des Leitlinienprozesses mindestens eine schriftliche Erklärung zu eventuell bestehenden Interessenkonflikten vor. Eine Übersicht der offengelegten Interessenkonflikte sowie weiterführende Angaben zum Umgang mit Interessenkonflikten befinden sich im Leitlinienreport zur Leitlinie.

Für ihre ausschließlich ehrenamtliche Arbeit, ohne die die S3-Leitlinie nicht zu realisieren gewesen wäre, gebührt daher allen Beteiligten herzlicher Dank.

Literaturhinweise

[1] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften - Ständige Kommission, Leitlinien, AWMF-Regelwerk "Leitlinien", 2. Auflage, 2020., https://www.awmf.org/regelwerk/