9. Atemnot – Palliativmedizin
AG-Leiter: Wiebke Nehls, Steffen Simon, David Heigener
9.1 Einleitung
Atemnot ist ein häufiges und belastendes Symptom bei Patient:innen mit einer Krebserkrankung. Die weit verbreitete und international anerkannte Definition von Atemnot durch die American Thoracic Society beschreibt Atemnot als „eine subjektive Erfahrung einer unangenehmen Atmung, die in ihrer Ausprägung schwanken kann. Die Erfahrung wird von einem komplexen Zusammenspiel physischer, psychischer, sozialer und umweltbedingter Faktoren beeinflusst und kann sekundäre physiologische und verhaltensbezogene Reaktionen auslösen“ [581], [582]. Im internationalen Kontext wird Atemnot als „refractory breathlessness“ (dt.: refraktäre Atemnot) beschrieben, wenn die Atemnot trotz optimaler Therapie der Grunderkrankung oder der vermuteten Ursache weiterbesteht, sodass eine symptomatische Therapie indiziert ist (z. B. weiter bestehende Atemnot bei einem Patient:innen mit Lungenkarzinom trotz optimaler Chemo- und Strahlentherapie) [583]. Die Empfehlungen in diesem Kapitel beziehen sich nur auf die symptomatische Therapie der Atemnot.
In der Terminologie werden verschiedene Begriffe für „Atemnot“ synonym verwendet: Luftnot, erschwertes Atmen, Kurzatmigkeit u.a. (im englischen: dyspn(o)ea, breathlessness, difficult breathing, shortness of breath).
Atemnot kann in zwei Hauptkategorien unterteilt werden: kontinuierliche Atemnot und Atemnotattacken [584]. Patient:innen mit einer kontinuierlichen Atemnot beklagen eine ununterbrochene Belastung durch Atemnot, die allerdings in ihrer Intensität typischerweise stark schwankt [585]. Atemnotattacken werden auf der Basis eines internationalen Konsensus wie folgt definiert: „Atemnotattacken sind eine Form von Atemnot und durch eine starke Zunahme der Atemnotintensität oder des unangenehmen Gefühls durch Atemnot gekennzeichnet, die nach Empfinden des Patient:innen außerhalb normaler Schwankungen von Atemnot liegen. Atemnotattacken sind zeitlich begrenzt (Sekunden bis Stunden), treten intermittierend und unabhängig vom Vorliegen kontinuierlicher Atemnot auf. Atemnotattacken können vorhersehbar oder unvorhersehbar sein, abhängig davon, ob Auslöser benannt werden können. Es gibt eine Vielzahl von bekannten Auslösern, die sich gegenseitig beeinflussen können (z. B. körperliche Belastung, Emotionen, Begleiterkrankungen oder Umgebungsfaktoren). Eine Atemnotattacke kann von einem oder mehreren Auslösern verursacht werden“ [586], [587].
In der allgemeinen Bevölkerung wird Atemnot mit einer Prävalenz von ungefähr 10% angegeben [588].Atemnot ist ein häufiges Symptom bei Patient:innen mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Eine Registererhebung bei 5.014 Krebspatient:innen in stationären Palliativ- und Hospizeinrichtungen in Deutschland in den Jahren 2006–2008 ergab eine Atemnot-Prävalenz von 53,4 % [589]. Die höchste Prävalenz zeigten Patient:innen mit Lungenkarzinom (74,3 %). Diese Ergebnisse werden durch Daten aus anderen Ländern bestätigt ([590][591][592]. Krebspatient:innen mit einer pulmonalen, pleuralen oder mediastinalen Beteiligung leiden häufiger und stärker unter Atemnot ([48][590]). In der Endphase einer Krebserkrankung kann die Häufigkeit und Schwere von Atemnot zunehmen ([593][591][594]).
Im Vergleich zu anderen Symptomen verursacht Atemnot den höchsten Grad an Belastung [595]. Patient:innen beschreiben häufig starke Einschränkungen in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit, was u. a. auch zu sozialer Isolation führt [596]. Atemnot ist eng mit Angst bzw. Panik verknüpft ([585] [597]; [598] [599]). Hierbei scheint es eine Wechselwirkung zwischen Angst/Panik und Atemnot zu geben, wobei Atemnot Angst verursacht und Angst/Panik in der Folge die Atemnot verschlimmert ([600]. Patient:innen beschreiben dies als circulus vitiosus, der häufig zu akuten Notfällen, Krankenhauseinweisungen und Hilfebedarf führt ([600][601]).
Auch für Angehörige stellt Atemnot eine starke Belastung dar: Beispielsweise kann die ständige Angst vor und Unsicherheit im Umgang mit Atemnotattacken zu emotionalem Stress und Schlafstörungen führen [602].
Die folgenden Empfehlungen beinhalten neben Aussagen zur Erfassung der Atemnot vor allem nicht-medikamentöse und medikamentöse Therapieverfahren zur symptomatischen Linderung der Atemnot. Verfahren, die ursächlich und tumororientiert vorgehen, werden hier nicht behandelt (z. B. Strahlentherapie, Operation etc.; siehe auch Abschnitt Erfassung).
9.2 Erfassung
Atemnot soll durch die subjektive Beurteilung d. Patient:in wiederholt erfasst werden, z. B. im Rahmen einer mehrere Symptome einschließenden Erfassung.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
8.1.Atemnot soll durch die subjektive Beurteilung des Patienten erfasst werden, z. B. im Rahmen einer mehrere Symptome einschließenden Erfassung. 8.3 Die wiederholte Beurteilung der Atemnot vor, während und nach einer symptomatischen Therapie soll Bestandteil der Erfassung sein.Hintergrund
Atemnot ist definiert als „eine subjektive Erfahrung einer unangenehmen Atmung“ [581]. Atemnot kann nur durch die subjektive Beurteilung des Patient:innen adäquat erfasst werden. Objektive Messverfahren (z. B. Blutgasanalyse, Lungenfunktionstest) oder Parameter (z. B. erhöhte Atemfrequenz) korrelieren insbesondere in fortgeschrittenen Krankheitsstadien nur unzureichend mit dem subjektiven Erleben und sind daher nicht geeignet für die Erfassung von Atemnot [603]. In besonderen Situationen bei deutlich kognitiver oder körperlicher Einschränkung, z. B. bei verwirrten Patient:innen oder in der Sterbephase, soll auf eine Fremdeinschätzung durch das betreuende Personal oder Angehörige zurückgegriffen werden (z. B. Ausdruck von Unwohlsein oder Unruhe oder Anwendung der Respiratory Distress Observation Scale, RDOS) [604],[605],[606].
Atemnot wird überwiegend im Rahmen einer mehrere Symptome einschließenden Erfassung erhoben, z. B. gemeinsam mit der Frage nach Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Angst, Unruhe etc. Wichtig ist es, die Erfassung regelmäßig zu wiederholen, um eine eingeleitete Therapie zu evaluieren und ggf. anzupassen ([607]).
Die Atemnotintensität kann mittels eines kategorialen (keine – leichte – moderate – schwere) oder numerischen (0–10) Erfassungsinstruments bestimmt werden. Da Atemnot ein mehrdimensionales und multifaktorielles Symptom ist, das durch physische (und funktionale), emotionale, kognitive, spirituelle und soziale Dimensionen des Menschen moduliert wird, bedarf es wenn möglich einer ausführlicheren Erfassung, um mögliche Angst und damit auch Atemnot verstärkende weitere Belastungen identifizieren zu können ([608]). Um diese Dimensionen angemessen zu erfassen, werden drei Bereiche für die Erfassung beschrieben (siehe Dimensionen und Outcomes von Atemnot und ihre Erfassungsinstrumente), wobei die ersten beiden Bereiche in der Ausprägung (z.B. mittels NRS gemessen) ähnlich und parallel verlaufen.
Tabelle 9: Dimensionen und Outcomes von Atemnot und ihre Erfassungsinstrumente
(adaptiert von [598])
| Dimensionen | Outcomes | Erfassung |
| Sensorisches Erleben der Atemnot | Intensität/Schweregrad/Stärke der Atemnot | Einzelfragen, numerisch oder kategorial (z.B. NRS 0-10, VAS, mod. Borg Skala) |
| Emotionale Belastung durch die Atemnot | Unangenehmes Gefühl durch Atemnot | Einzelfragen (z.B. NRS) oder Mehrfachfragen (z.B. HADS für Angst/Depression) |
| Beeinträchtigung durch die Atemnot | Beeinträchtigung bzgl. Arbeit, Funktion, Lebensqualität, soziale Kontakte u.a. | Eindimensional (z.B. MRC-Skala für Funktion/Belastungstoleranz) oder multidimensionale (z.B. CRQ, EORTC-QLQ-C15-Pal für Lebensqualität) |
|
NRS = Numerical Rating Scale; VAS = Visual Analog Scale; mod = modifiziert; MRC = Medical Research Council; CRQ = Chronic Respiratory Disease Questionnaire |
||
Es liegt eine Vielzahl von validierten, ein- und multidimensionalen Instrumenten zur Erfassung der verschiedenen Dimensionen der Atemnot vor [609], [610]. Hilfreiche Fragen für die Auswahl eines geeigneten Instrumentes sind [611]: Was ist das Ziel der Erfassung (z. B. Evaluation der Therapiewirksamkeit oder Bestimmung der Beeinträchtigungen)? Welche Dimensionen (siehe Tabelle 3) sollen erfasst werden? Welche Patientengruppe (z. B. Patienten mit Lungenkarzinom, COPD) soll untersucht werden? Wie aufwändig darf die Erfassung sein (Länge des Instrumentes, Zeitbedarf)? Weitere Parameter zur Erfassung der Atemnot sind die Belastungstoleranz, die Art der Atemnot (kontinuierlich und/oder Atemnotattacken), die verstärkenden und lindernden Faktoren und die Auslöser der Atemnot sowie Begleitsymptome (z. B. Schmerz, Angst) [612]. Bei der Erfassung der Atemnotintensität ist es wichtig, den Zeitraum (z. B. aktuelle Atemnot oder durchschnittliche Atemnot über die letzten 24 Stunden) und die Situation (z. B. Atemnot in Ruhe oder bei Belastung) genau zu bestimmen, auf die sich die Erfassung beziehen soll. Bei der Erfassung der Atemnotattacken ist es wichtig, die Art (vorhersehbare oder unvorhersehbare Episoden), die Häufigkeit des Auftretens (z. B. pro Tag) und die Dauer (z. B. in Minuten) der Atemnotattacken zu erfragen. Wichtig ist es, die Erfassung regelmäßig zu wiederholen, um eine eingeleitete Therapie zu evaluieren und ggf. anzupassen [613].
Die Sicherstellung einer optimalen Therapie der Grunderkrankung und der Ausschluss behandelbarer Ursachen sollen einer symptomatischen Therapie vorausgehen bzw. parallel erfolgen. Die Feststellung einer optimalen Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung und die diagnostische Abklärung potentiell behandelbarer Ursachen erfolgt in enger Kooperation mit der jeweiligen Fachkompetenz (z. B. Onkologie, Pneumologie, Strahlentherapie). Bei allen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen stehen die Angemessenheit für die Situation d. Patient:in und der Patientenwille im Vordergrund. So kann z. B. eine Pleurapunktion bei Vorliegen eines malignen Pleuraergusses eine effektive und ursächliche Therapie der Atemnot sein. Sie kann aber auch z. B. bei einem Patienten in einem weit fortgeschrittenen Krankheitsstadium am Lebensende wegen zu hoher Belastung oder Ablehnung durch den Patienten nicht durchgeführt werden, wobei dann eine rein symptomatische Therapie eingeleitet wird.
Bei Patienten mit einer Krebserkrankung sind folgende potentiell reversible Ursachen häufig für die Atemnot verantwortlich (siehe Tabelle 4). Eine Checkliste mit potentiell behandelbaren Ursachen kann hilfreich sein [614]. So kann z. B. bei einer Atemnot infolge einer tumorbedingten Obstruktion der Atemwege eine Strahlentherapie indiziert sein mit dem Ziel, eine Tumorreduktion zu erreichen. Dies kann auch eine Linderung der Atemnot bewirken [615], [616], [617], [618], [619], [620]. Eine ursächliche und symptomatische Therapie können nacheinander oder parallel erfolgen.
Tabelle 10: Beispiele möglicher Ursachen von Atemnot und deren ursächliche Therapieoptionen
| Ursache von Atemnot | Ursächliche Therapie |
| Anämie | Transfusion |
| Atemwegsobstruktion, COPD als Begleiterkrankung | Antiobstruktive Therapie, Kortikosteroide |
| Hämoptysen | Antifibrinolytika, bronchoskopische oder operative Intervention (Stent, Laser, Argon-Beamer), Strahlentherapie |
| Infektionen, z.B. Pneumonie | Antibiotika, Antimykotika |
| Obere Einflussstauung | Antikoagulantien, Cava-Stent, Kortikosteroide, Strahlentherapie |
| Obstruktion der Atemwege durch Tumor | Bronchoskopische oder operative Intervention (Stent, Laser, Argon-Beamer), Strahlentherapie |
| Perikarderguss | Perikardpunktion, Perikardiodese |
| Pleuraerguss | Pleurapunktion, Pleuradrainage, Pleurodese |
| Pulmonale Stauung | Diuretika, andere adäquate, medikamentöse Therapien |
9.3 Nicht-medikamentöse Therapie
Bei Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung und Atemnot sollen primär nicht-medikamentöse Verfahren eingesetzt werden - parallel zur und nach Optimierung der zugrundeliegenden Erkrankung und Komorbiditäten, sowie der Behandlung behandelbarer Ursachen.
- Konsens
- Starker Konsens
Änderungshinweis
Bei Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung und Atemnot sollen nichtmedikamentöse Allgemeinmaßnahmen zur Linderung von Atemnot angewendet werden, z. B. Aufklärung über das Symptom Atemnot, Beruhigung/Entspannung, Atemübungen oder Kühlung des Gesichts.Ein auf das Gesicht gerichteter kühler Luftzug (z. B. hervorgerufen durch einen Handventilator) sollte zur symptomatischen Linderung von Atemnot bei Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung und Atemnot eingesetzt werden.
Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und Atemnot sollen zu Atemübungen (u.a. Lippenbremse, Zwerchfellatmung, Atemkontrolle zur Frequenzsenkung) zur symptomatischen Linderung von Atemnot angeleitet werden.
Ein Rollator und andere Gehhilfen sollten zur Unterstützung der Mobilität und zur Linderung von Atemnot bei Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung und Atemnot eingesetzt werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1-
- Konsens
- Konsens
- Literatur
- [621]
Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und Atemnot sollen zu kognitiv-behaviourale Strategien (z.B. Panikkontrolle, Beruhigung/Entspannung, Ablenkung) zur Linderung von Atemnot angeleitet werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Hintergrund
Allgemeinmaßnahmen und nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen bei der Behandlung der Atemnot entweder alleine oder in Kombination mit Medikamenten eine große Rolle, da Medikamente alleine oft nicht den gewünschten Effekt zeigen. Atemnot hat eine ausgeprägte affektive Komponente, bei der Emotionen, Persönlichkeit, Gedächtnis und Erwartungen die Wahrnehmung von Atemnot beeinflussen [626]. Da Atemnot (und insbesondere Atemnotattacken) bei vielen Patient:innen Angst und Panik auslösen kann, sollten dem Patient:innen zudem entsprechende Maßnahmen zur Reduktion von Angst als Teil der nicht-medikamentösen Maßnahmen angeboten werden (siehe Kapitel Angst) [627]. Jede Technik, die der Patient:innen für sich selbst zu einem gewünschten Zeitpunkt verwenden kann, fördert das Selbstvertrauen und die Eigeninitiative, sowie Sicherheit [628]. Hierdurch wird das Risiko für Depressionen vermindert und die Lebensqualität der Patient:innen erhöht [629], [630].
Ein mulitmodalen Ansatzes in der klinischen Beurteilung und Beratung der Patient:innen ist daher von großer Bedeutung. Hierzu wurde z.B. in Cambridge (Sarah Booth und Anne Spathis) das Breathing-Thinking-Functioning-Clinical-Modell entwickelt, das die verschiedenen körperlichen, emotionalen sowie funktionellen Reaktionen des Patient:innen auf Atemnot betrachtet – und hieraus wertvolle Informationen und wirksame Interventionen für Patient:innen und Behandler ableitet (u.a. siehe unten: Atem-Erholungsmethode) [631][632].
Eine weitere Entwicklung in der multimodalen Therapie der Atemnot ist die Einrichtung eines sog. Atemnotservice bzw. einer Atemnotambulanz, die alle drei Komponenten (Allgemeinmaßnahmen, nicht-medikamentöse und medikamentöse Therapien) kombiniert und individuell mit dem Patient:innen anpasst. Erste Evaluierungen durch klinische Studien liegen vor bzw. werden aktuell durchgeführt und bringen neue Erkenntnisse [633], [634], [635], [636]. Ob dies ein effektiver und lohnender Aufwand mit klinischem Nutzen ist und welche Komponenten und Angebote wirksam sind, muss sich in den kommenden Jahren noch zeigen.
Zu den Allgemeinmaßnahmen zur Linderung von Atemnot bzw. Atemnotattacken zählen Edukation, Information, Anleitung zu ökonomischer Mobilität, Anpassung des Tagesrhythmus an die schwankende Atemnotintensität, Kühlung des Gesichts durch offenes Fenster, Handfächer oder Ventilator sowie die Einbindung von Angehörigen insbesondere mit dem Ziel, bei starker Atemnot Hektik und Panik zu reduzieren und beruhigend auf den Patient:innen einzuwirken [630]. Es ist wichtig, Notfallmaßnahmen für Atemnotattacken bereit zu halten, die auch in Form von Übungen/Ritualen eingeübt werden können (z. B. zu Beginn der Atemnotattacke auf einem Stuhl vor einem Tisch sitzen, die Unterarme auf die Tischoberfläche legen, den Kopf auf die Unterarme legen und versuchen, langsam zu atmen) [629], [634], [637] .
Im Rahmen eines Cochrane-Reviews zu nicht-medikamentösen Interventionen konnten diverse nicht-medikamentöse Verfahren zur symptomatischen Behandlung der Atemnot mit unterschiedlichen Evidenzlevels beschrieben werden [607]. Nach den Kriterien „klinische Relevanz und Umsetzbarkeit“ und „Evidenzlevel“ wurde eine Auswahl an nicht-medikamentösen Interventionen getroffen, die empfohlen werden können und im Folgenden beschrieben sind.
Handventilator
Ein Handventilator ist einfach in der Anwendung und kann kostengünstig erworben werden. Alternativ können auch ein Stand- oder Tischventilator eingesetzt werden. Trotz mäßig guter Evidenzgrundlage hat sich der Ventilator in der Praxis sehr bewährt [638].
Es konnten zwei Studien identifiziert werden, die einen Handventilator testeten. In einer Studie konnte kein Effekt gezeigt werden ([639]). Bei Wong et al. konnte eine signifikante Reduktion der Atemnot gezeigt werden [640]. Im RCT von Galbraith et al., das die Einschlusskriterien des Cochrane-Reviews nicht erfüllte, war Atemnot nach der Verwendung eines Handventilators gerichtet auf das Gesicht signifikant geringer im Vergleich zur Kontrollgruppe [641].
Gehhilfen
Ein Rollator, Gehstock oder andere Gehhilfen fördern die Mobilität des Patient:innen und können dadurch den Kreislauf Atemnot – Bewegungseinschränkung – Immobilität – Atemnot durchbrechen[637] Außerdem haben die Patient:innen bei verlängerter Gehstrecke weniger Atemnot, vermutlich durch eine Unterstützung der Atemhilfsmuskulatur aufgrund einer Stabilisierung des Schultergürtels. Durch eine Zunahme der körperlichen Aktivität wird zudem die Eigeninitiative gefördert und dadurch die Lebensqualität gesteigert.
Im Cochrane-Review [607]) zeigten vier randomisierte kontrollierte Studien mit COPD Patient:innen (n = 97) ([642][643][644][637]) eine signifikante Abnahme der Atemnot unter Verwendung von Gehhilfen (Rollator oder Gehstock) bei längeren Strecken, zwei weitere randomisierte kontrollierte Studien mit COPD-Patient:innen (n = 41) konnten dies nicht bestätigen ([645][642]. Die überwiegende Zahl der Studien wurde mit COPD-Patient:innen durchgeführt. Die Leitliniengruppe geht von einer Übertragbarkeit auf Krebspatient:innen aus.
Kognitiv-behaviourale Verfahren/Entspannungsübungen
Entspannungsübungen greifen an der emotionalen Komponente der Reaktion auf die Wahrnehmung von Atemnot an, z. B. Angst oder Panik. Durch eine Prävention bzw. Linderung dieser emotionalen Reaktion kann häufig eine Atemnotlinderung erreicht werden. Hier gibt es verschiedene Übungskonzepte, z. B. die Atem-Erholungsmethode (Recovery Breathing Method) [634].
In einem Cochrane Review konnten 10 Studien zu kognitiv-emotionalen Interventionen identifiziert werden, die überwiegend bei COPD-Patient:innen durchgeführt wurden. Insgesamt konnte entweder nur ein Trend oder kein Effekt für Psychotherapie, Musik oder eine Schreibtherapie gezeigt werden ([607]).
In einem systematischen Review konnte keine signifikante Verbesserung[LP4] von Atemnot, Lebensqualität und körperlicher Leistungsfähigkeit durch meditative Bewegung, wie Yoga, Tai Chi und Qi Gong bei Krebspatienten gezeigt werden [646]. Daten zur Auswirkung anderer Meditationsformen auf chronische Atemnot bei Krebspatient:innen liegen bisher nicht vor.
Atemtechniken und -übungen
Bei Atemnot werden primär Techniken zur Verlängerung der Ausatmung (z.B. Lippenbremse) und diaphragmaler Atmung (Bauchatmung) empfohlen. Bei der Lippenbremse wird durch die Nase eingeatmet und kontrolliert durch die aufeinandergelegten Lippen ausgeatmet. Der durch den lockeren Schluss der Lippen erzeugte Widerstand erhöht den Druck in den Atemwegen und kann ein Überblähen der Lunge verhindern. Zudem wird die Expirationszeit verlängert und die Atemfrequenz reduziert. Bei der Bauchatmung fokussiert der Patient:innen sich in der Einatmung auf die Bewegung der Bauchdecke nach außen. Über die so verbesserte Aktivierung des Zwerchfells wird die Effizienz des Atmens und die Belüftung basaler Lungenabschnitte verbessert. Die Techniken sind gut kombinierbar. Ein zentrales Ziel der Atemtechniken ist v.a. bei Tachypnoe eine schrittweise Reduktion der Atemfrequenz, womit ein effektiverer Gasaustausch erreicht wird und Atemnot gelindert werden kann.
In einem Cochrane Review [607] linderten Studien mit respiratorischem Muskeltraining im Vergleich zu einer inaktiven Kontrollgruppe Atemnot gemessen mit ein- oder mehrdimensionalen Skalen signifikant besser (SMD ‑0,38; 95% CI -0,64 bis ‑0,12), nicht aber bei einer aktiven Kontrollgruppe. Für Atemtraining konnten bei aktiven und inaktiven Kontrollgruppen keine signifikanten Unterschiede gezeigt werden.
In der Aktualisierung der systematischen Recherche aus dem Jahr 2025 wurde zunächst nach Systematic Reviews zu Atemtechniken aus Krebsekrankungen gesucht. Ein Systematic Review von [624] konnte identifiziert werden. Daraufhin wurde ein Update dieses Reviews durchgeführt und eine weitere RCT-Studie von [625] konnte eingeschlossen werden.
[624] führten eine Meta-Analyse von 15 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 870 Lungenkarzinompatient:innen durch und zeigten, dass Atemübungen die Atemnot signifikant lindern (SMD = –1.11; p = 0.001). Die Autoren empfehlen Atemübungen als rehabilitative Standardmaßnahme bei Atemnot bei Lungenkarzinom, [625] untersuchten in einem RCT mit 63 Patient:innen (32 Patient:innen mit Lungenkarzinom) den Effekt einer 20-minütigen achtsamen Atemübung (vierstufiges achtsames Atemtraining über 20 Minuten, bestehend aus (1) Wahrnehmen von Ein- und Ausatem, (2) Verfolgen des gesamten Atemzyklus, (3) Ganzkörperwahrnehmung beim Atmen und (4) progressive Muskelentspannung mit Atemmantra ("Einatmen beruhigt meinen Körper. Ausatmen, ich lächle") versus Standardversorgung. Bereits nach fünf Minuten berichteten 65,6 % der Interventionsgruppe versus 12,9 % der Kontrollgruppe über eine Besserung der Atemnot (P < 0.001), nach 20 Minuten 68,8 % versus 29,0 % (P = 0.002), was eine rasche und klinisch relevante Reduktion der Atemnot zeigt. In einem aktuellen systematischen Review wurden verschiedenen Atemtechniken und Übungsmethoden bei Patient:innen mit COPD und Asthma untersucht. Die beste Evidenz zur Verbesserung der Atemnot (mMRC-Scale) lag für die Lippenbremse, Bauchatmung und Yoga-Atemtechniken vor. Atemtechniken verbesserten zudem die Lebensqualität der Patient:innen.
9.4 Medikamentöse Therapie
9.4.1 Opioide
Bei Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und Atemnot, die durch nicht-medikamentöse Verfahren keine ausreichende Linderung erfahren, sollten orale oder parenterale Opioide* zur symptomatischen Linderung von Atemnot eingesetzt werden.
* Off-Label-Use
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 2
Literatur ergänzt mit Downgrading aufgrund Inkonsistenz der Evidenz
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [647] [648] [649] [650] [651] [652] [653] [654] [655] [656] [657] [658] [659] [660] [661] [662] [663] [664] [665] [666] [667] [668]
Änderungshinweis
Bei Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und Atemnot sollen orale oder parenterale Opioide* zur symptomatischen Linderung von Atemnot eingesetzt werden.Bei einer Niereninsuffizienz und Zunahme der Nebenwirkungen sollte die Dosis bzw. die Wahl des Opioids anhand der klinischen Situation und dem Schweregrad der Niereninsuffizienz angepasst werden.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [669]
Der Einsatz von Opioiden zur symptomatischen Linderung von Atemnot ist in Deutschland für die meisten Opioide eine Off-Label-Anwendung1.
Das von Jennings et al. 2001 publizierte Cochrane Review wurde 2016 von Barnes et al. aktualisiert ([675][659]). Es wurden 26 RTCs mit 526 Probanden eingeschlossen. Die Meta-Analyse mit Fixed-Effect-Modell zeigte eine durchschnittliche Veränderung (standardised mean difference, SMD) des Baseline Atemnot Scores mit einer Effektstärke von -0,09 [95% CI -0,36 bis 0,19] in der Opioidgruppe (7 Studien, 107 Probanden) im Vergleich zu Placebo. Die Atemnot Scores nach der Opioidgabe (post-treatment score) waren mit einer Effektstärke von -0,28 Punkten [95% CI -0,50 bis -0,05] besser in der Opioidgruppe (11 Studien, 159 Probanden) verglichen mit Placebo [659].
Ekström et al. haben die Studien aus dem Review von Barnes und Jennings mit einem eigenen Review verglichen und deutliche Unterschiede in den Ergebnissen gefunden basierend auf unterschiedlichen statistischen Methoden in der Meta-Analyse ([675][659][660][676]). Die Re-Analyse der Meta-Analyse von Barnes mit einem Random-Effects-Modell und der besonderen Berücksichtigung von Crossover-Studien ergab eine SMD von -0,37 [95% CI -0,47 bis -0,18], die eine klinisch bedeutsame Differenz von 0,8 Punkten auf einer NRS reflektiert ([660]).
Im Rahmen der Aktualisierung der Leitlinie 2025 wurden 4 Systematic Reviews identifiziert. In einem Systematic Review von Luo et al. (2021) [666] wurden elf randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit insgesamt 290 Teilnehmenden eingeschlossen. Die in diesem Review durchgeführte Metaanalyse zu Auswirkungen auf die Atemnot-Intensität zeigte einen kleinen positiven Effekt von Opioiden mit SMD -0.82, [95% CI -1.54 bis -0.10] und anhand der Borg-Skala (3 Studien) mit WMD-0.95 [95% CI −1.83 bis -0.06]. Für die Gabe von Morphin wurde eine geringe positive Wirkung auf die Atemnot festgestellt mit SMD -0.78 [95% CI -1.45 bis -0.10]. Die geringe Heterogenität (I² = 0%) deutet auf eine hohe Übereinstimmung zwischen den Studien hin. Die Qualität der Evidenz wurde jedoch insgesamt als niedrig eingestuft.
Eine Metaanalyse von Chow et al. (2021) von 5 RCTs [667] zeigte eine signifikante Wirksamkeit von Morphinsulfat mit SMD 1.210 [95% CI 0.415 bis 2.005]. Die Unterschiede im Studiendesign und in den durchgeführten Vergleichen beeinträchtigen allerdings die Zuverlässigkeit der Ergebnisse.
Für andere Verabreichungsformen (intranasal, transmucosal) liegen bisher nur Beobachtungsstudien, Pilot-RCTs oder klinische Erfahrungen ohne ausreichende Aussagekraft zur Wirksamkeit vor ([678][659][679][680][681][89][663][664][682]). Die Pilot-RCTs zu den transmukosalen Fentanylen zur Linderung von Atemnotattacken zeigen einen nicht-signifikanten, positiven Effekt, allerdings mit hohem Placeboeffekt-Anteil ([662][89][663][664]). Für eine Empfehlung reichen die aktuellen Studien allerdings nicht aus und es sind größere Studien mit ausreichender statistischer Power notwendig.
Basierend auf klinischen Erfahrungen geht die Leitliniengruppe von einer Wirksamkeit auch der bisher nicht getesteten Opioide und Applikationsformen (außer vernebelt bzw. inhalativ) aus. Dies gilt nicht für schwache Opioide (Stufe II) wie Tramadol und Tilidin.
Die klinische Erfahrung und Studienevidenz weisen darauf hin, dass die mittlere, effektive Dosis zur Linderung von Atemnot in der Regel niedriger liegt als zur Linderung von Schmerz ([683]). Die Opioid-Therapie zur Linderung von Atemnot sollte deshalb mit einer niedrigen Dosis (siehe Tabelle 3) begonnen werden mit anschließender Titration bis zur wirksamen Linderung der Atemnot. Die Mehrheit der Patient:innen erfährt eine Symptomlinderung bei einer Tagesdosis von 10–30 mg Morphin p. o. [683]. Wenn Patient:innen bereits Opioide, z. B. zur Schmerztherapie erhalten, muss ggf. die bestehende Opioid-Dosis erhöht werden, um eine zusätzliche Linderung der Atemnot zu erreichen. In einer Studie zeigte sich eine ähnliche lindernde Wirkung bei der Erhöhung der vorbestehenden Opioid-Dosis von 25 % oder 50 %, sodass eine Erhöhung um 25 % empfohlen wird [684]
Die Anwendung von Opioiden für die Indikation Atemnot sollte kritisch gegenüber opioidinduzierten Nebenwirkungen und deren Auswirkung auf die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen abgewogen werden. Es gelten die gleichen Prophylaxen von Nebenwirkungen wie bei der Indikation Schmerz (eine dauerhafte Obstipations-Prophylaxe und ggf. Antiemese für die Initialphase, siehe Abschnitt Prophylaxe und Behandlung von Nebenwirkungen im Kapitel Tumorschmerz und Opioidbedingte Obstipation im Kapitel Obstipation). Die Anwendung von Opioiden bei Atemnot ist off-label.
1 Ein Morphinsulfat-Präparat (Dolair®, 5mg/ml Injektionslösung) besitzt seit 2025 eine Zulassung für die symptomatische Therapie der Atemnot – allerdings nur als Injektionslösung und nur in der Dosis 5mg/ml mit einer Tageshöchstdosis von 15mg/24h.
Tabelle 11: Dosierungsempfehlungen für Morphin
| Opioid | Startdosis bei opioidnaiven Patienten | Startdosis bei vorbestehender Opioid-Therapie |
| Morphin* |
2,5-5 mg alle 4 Std. p. o. 1-2,5 mg alle 4 Std. s. c. |
Erhöhung um 25 % der vorbestehenden Opioid-Dosen |
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* Off-Label-Use |
||
Bei einer bestehenden Niereninsuffizienz und einer Therapie mit Opioiden ist erhöhte Wachsamkeit gefordert (siehe Tabelle 9) [685]. Eine bestehende Niereninsuffizienz darf aber nicht zu einer verzögerten Anwendung von Opioiden zur Linderung von Atemnot führen [686]. Opioide, die nierenpflichtige, aktive Metabolite bilden (v. a. Morphin, Oxycodon, Dihydrocodein, mit Einschränkung auch Hydromorphon) können bei einer Niereninsuffizienz kumulieren und somit zu einer Überdosierung mit vermehrtem Auftreten von Nebenwirkungen (z. B. Übelkeit, Schwindel, Benommenheit, Halluzinationen) führen. Die Ergebnisse von Studien, die den Zusammenhang von kumulierenden aktiven Metaboliten mit vermehrten Nebenwirkungen überprüfen, sind allerdings widersprüchlich [686]. Grundsätzlich sollte bei einer bestehenden (v. a. schweren) Niereninsuffizienz nach dem klinischen Bild (vermehrtes Auftreten von Nebenwirkungen?) ggf. die Dosis reduziert, das Dosisintervall verlängert oder auf ein anderes Opioid gewechselt werden, welches keine/weniger nierenpflichtige, aktive Metabolite bildet (siehe Tabelle Opioide mit und ohne Bildung nierenpflichtiger, aktiver Metabolite und Dialysierbarkeit (Hämodialyse) Opioide mit und ohne Bildung nierenpflichtiger, aktiver Metabolite und Dialysierbarkeit (Hämodialyse)). Die Empfehlung zum Umgang mit Opioiden bei niereninsuffizienten Patient:innen stützt sich u. a. auf die EAPC/Caraceni-2012-Leitlinie zur Schmerztherapie bei Krebspatienten [686], [687] (siehe Abschnitt Verwendung von Opioiden bei Patienten mit Nierenversagen im Kapitel Tumorschmerz). Es ist wichtig zu betonen, dass die Studienlage zur Frage der Verwendung von Opioiden bei Niereninsuffizienz (unabhängig des adressierten Symptoms, also Schmerz oder Atemnot) sehr limitiert ist und die Empfehlungen primär auf pharmakokinetischer Ratio sowie auf klinischer Erfahrung beruhen [686], [685], [687], [688]. Obwohl Hydromorphon bei Niereninsuffizienz in Deutschland oft empfohlen wird, ist darauf hinzuweisen, dass die Studienlage diesbezüglich sehr begrenzt ist und primär auf pharmakodynamischen Überlegungen basiert.
Tabelle 12: Umgang mit Opioiden in Abhängigkeit des Schweregrads der Niereninsuffizienz bei neu aufgetretener oder zunehmender Atemnot
(adaptiert von: [686] und [685])
|
Grad der Niereninsuffizienz |
Umgang mit Opioiden |
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Milde bis moderate Niereninsuffizienz (GFR 30 - 89 ml/min) |
|
|
Schwere Niereninsuffizienz bis Nierenversagen (GFR < 30 ml/min) |
|
|
GFR = Glomeruläre Filtrationsrate |
|
Tabelle 13: Opioide mit und ohne Bildung nierenpflichtiger, aktiver Metabolite und Dialysierbarkeit (Hämodialyse)
(adaptiert von: [686], [685] und [688])
|
Opioide |
Aktive, nierenpflichtige Metabolite |
Wird durch Dialyse entfernt* |
Sicher und effektiv bei dialysepflichtigen Patienten** |
|
Morphin |
Ja |
Ja |
Vermeiden, wenn möglich |
|
Hydromorphon |
(Ja) |
Ja |
Ja, mit Vorsicht |
|
Oxycodon |
Ja |
(Ja) |
Unklar (limitierte Evidenz) |
|
Fentanyl |
Nein |
Nein |
Ja, mit Vorsicht |
|
Buprenorphin |
(Ja) |
Nein |
Ja, mit Vorsicht |
|
*Ob ein Opioid dialysegängig ist oder nicht, ist ein sehr viel komplexeres Geschehen als es die Ja-Nein-Einteilung ausdrückt und muss u. a. zusätzlich berücksichtigen, ob auch Metabolite entfernt werden. Die Einteilung Ja/Nein an dieser Stelle wird verwendet, um zu beschreiben, ob potentiell ein signifikanter Umfang des Medikamentes oder seiner Metabolite durch die Dialyse entfernt wird. **Bei dialysepflichtigen und niereninsuffizienten Patienten sollten alle Opioide mit erhöhter Vorsicht und zusätzlicher Evaluation und Beobachtung angewendet werden und ggf. eine Dosisadaption (Menge, Frequenz) erfolgen. Die hier genannte Einteilung, ob ein Opioid bei dialysepflichtigen Patienten angewendet werden kann, ist eine Verallgemeinerung und kann von Patient zu Patient variieren. Die Einteilung basiert überwiegend auf Fallberichten und klinischer Erfahrung. |
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Aus Angst vor einer Atemdepression gibt es nach wie vor Vorbehalte in der Verwendung von Opioiden. Verschiedene Systematische Reviews fanden keinen Hinweis auf eine Atemdepression bei niedrigen Opioid-Dosierungen ([677], [676], [689], [670]). Vier Studien aus dem Review von Takagi et al. ([665]) untersuchten unerwünschte Ereignisse ohne einen signifikanten Unterschied zur Kontrollgruppe nachzuweisen. Dennoch sollte immer und insbesondere bei älteren Patient:innen auf Nebenwirkungen geachtet werden ([690].
9.4.2 Benzodiazepine
Benzodiazepine* können zur Linderung von Atemnot eingesetzt werden, wenn die Behandlung mit Opioiden nicht wirksam ist und Atemnot-assoziierte Angst/Panik im Vordergrund steht.
* Off-Label-Use
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 1+
(Neue Recherche 2025 ergab keine Ergebnisse)
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [691] [692]
Änderungshinweis
Benzodiazepine* können zur Linderung von Atemnot eingesetzt werden, wenn die Behandlung mit Opioiden nicht wirksam ist.* Off-Label-Use
- Empfehlungsgrad
- 0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
- Evidenzlevel
- 1-
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [693] [656]
Änderungshinweis
Benzodiazepine* können in Kombination mit Opioiden* zur Linderung von Atemnot eingesetzt werden, insbesondere bei Patienten in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium oder in der Sterbephase. *Off-Label-UseHintergrund
Benzodiazepine haben einen angstlösenden Effekt und werden häufig als kurzzeitige Therapie bei Angstzuständen und Panikattacken eingesetzt [694].In der Palliativmedizin werden Benzodiazepine bei Patient:innen mit Atemnot und einer atemnotassoziierten Angst- oder Panikreaktion eingesetzt. Es liegt jedoch keine Studienevidenz für die wirksame Linderung der Atemnotintensität durch Benzodiazepine vor [695].
Benzodiazepine gehören zur Gruppe der sedierenden Medikamente und werden mit nachgewiesenem Nutzen bei Angststörungen eingesetzt ([696]). Bzgl. der Frage nach Wirksamkeit von Benzodiazepinen zur Linderung von Atemnot bei Erwachsenen mit einer fortgeschrittenen Erkrankung (COPD n = 66, Krebs n = 148) liegt ein Cochrane-Review (Update 2016) mit insgesamt 214 Teilnehmern, dem acht randomisierte, kontrollierte Studien zugrunde liegen, untersuchte die Effektivität von Benzodiazepinen zur Linderung der Atemnotintensität bei Erwachsenen mit einer fortgeschrittenen Erkrankung (COPD n = 66, Krebs n = 148) [695]. Nur eine Studie zeigte einen signifikanten, positiven Effekt für Midazolam im Vergleich zu Morphin [697]. Allerdings steht dieses Ergebnis in Widerspruch zu einer zweiten Studie der gleichen Forschungsgruppe, bei der Midazolam gegenüber Morphin oder einer Kombination von Midazolam und Morphin unterlegen war [698]. Alle anderen identifizierten Studien konnten keinen Unterschied zwischen Benzodiazepinen und Placebo finden. Zwei weitere Studien, die im benannten Update von 2016 des Cochrane-Reviews noch nicht voll publiziert und damit nicht eingeschlossen werden konnten, untersuchen die Wirksamkeit von intranasalem Midazolam zur Linderung von Atemnot. Eine der beiden Studien (inzwischen im Volltext publiziert) untersuchte 75 Patient:innen mit einer nichtheilbaren Krebs-, Lungen- oder Herzerkrankung, konnte keinen Unterschied zwischen intranasalem Midazolam und Placebo beschreiben [692]. Die zweite Studie ist nur als Konferenzabstrakt publiziert, in dem eine Verbesserung der Symptomkontrolle und Lebensqualität bei 30 Patient:innen mit schwerer Lungenerkrankung genannt wird – eine angemessene Beurteilung der Studie ist aber somit nicht möglich [699]. Eine kleine Pilotstudie mit 11 COPD-Patienten konnte in einer nicht-kontrollierten Kohortenstudie nach dem Einsatz von 0,5 mg Clonazepam plus 10 mg Morphin eine Linderung von Atemnot beschreiben [700]. Eine Bewertung der Effektivität ist allerdings mit diesem Studiendesign nicht möglich.
Bei der Aktualisierung der Leitlinie (2026) konnten nach systematischer Recherche keine neuen randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) identifiziert werden.
Die fehlende Studienevidenz für Benzodiazepine bei Atemnot wird u. a. damit erklärt, dass in den Studien die Atemnotintensität als primäres Outcome gemessen wurde. Eine Hypothese lautet, dass Benzodiazepine die Fähigkeit des Umgangs mit Atemnot verbessern (sogenannte coping capacity), bzw. die emotionale Empfindung der Atemnot als unangenehmes Gefühl reduzieren. Dies muss jedoch in klinischen Studien evaluiert werden. Unklar bleibt, ob es sich bei atemassoziierter Angst- und Panikreaktion um die gleiche biopsychologische Entität wie Panikattacken gemäß der Definition nach ICD-10 (F41.) handelt. Auch die Frage, ob der klinisch assoziierte Nutzen von Benzodiazepinen bei Patient:innen mit Atemnot in der Reduzierung der Angst liegt (oder z.B. indirekte Effekte überwiegen) ist nicht hinreichend beantwortet [701].
Wie bei allen medikamentösen Therapieansätzen bei Atemnot soll der potentielle Nutzen einer Therapie mit Benzodiazepinen bei Atemnot kritisch gegenüber den Nebenwirkungen abgewogen werden. Im o.g. Cochrane Review (Update 2016) waren die häufigsten Nebenwirkungen von Benzodiazepinen Benommenheit und Somnolenz, die im Vergleich zu Placebo signifikant häufiger auftraten, im Vergleich jedoch zu Morphin seltener ([695]). Verschiedene Experten betonen zudem das Risiko von Delir, Schläfrigkeit („drowsiness“) und Sturzneigung ([701]). Im palliativmedizinischen Kontext bei onkologischen Patient:innen mit stark eingeschränkter Prognose, insbesondere in der Sterbephase, unterliegt das potentielle Abhängigkeitsrisiko oft gegenüber den unmittelbaren positiven Effekte.
Eine Kombinationstherapie von Benzodiazepinen mit Opioiden hat ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen und sollte deshalb nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden in kritischer Abwägung von Nutzen und potentiellem Schaden. Aus diesem Grund wird diese Kombination auch nur mit einer „kann“ Empfehlung bei Patienten in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium oder in der Sterbephase mit sehr schwerer und belastender Atemnot empfohlen ([700][698]).
Bei atemnotassoziierter Angst- und Panikreaktion ist für die Therapie mit Benzodiazepinen eine niedrige Startdosis zu wählen und ggf. die Dosis nach Wirksamkeit anzupassen (siehe Tabelle Dosierungsempfehlungen für Lorazepam und Midazolam), sowie eine möglichst kurze Behandlungsdauer bzw. nur als Bedarfsmedikation.
Trotz der fehlenden externen Evidenz, aber aufgrund guter klinischer Erfahrungen wird die Therapie mit Benzodiazepinen als Zweit- bzw. Drittlinientherapie von der Leitliniengruppe empfohlen (offene „Kann“-Empfehlung), wenn die Behandlungen mit Opioiden oder nicht-medikamentösen Verfahren nicht ausreichend wirksam sind und eine zusätzliche atemnotassoziierte Angst/Panik im Vordergrund steht.
Tabelle 14: Dosierungsempfehlungen für Lorazepam und Midazolam
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Benzodiazepin |
Dosierung |
|
Lorazepam* |
0,5-1,0 mg alle 6-8 Std. p. o. / s. l.* |
|
Midazolam* |
2,5-5 mg / 4 h s. c., 10-30 mg/24 Std. s. c.* |
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* Off-Label-Use |
|
9.4.3 Weitere Medikamente
Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung sollten nicht mit Phenothiazinen* zur Linderung von Atemnot behandelt werden.
*Off-Label-Use
Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung sollten nicht mit Antidepressiva* oder Buspiron* zur Linderung von Atemnot behandelt werden.
* Off-Label-Use
Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung sollen nicht mit Steroiden* zur Linderung von Atemnot behandelt werden, außer in spezifischen Erkrankungssituationen wie z.B. mit einer Lymphangiosis carcinomatosa oder pulmonaler Obstruktion mit individuellem Nutzen.
* Off-Label-Use
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1+
- Konsens
- Starker Konsens
- Literatur
- [714] [715] [716] [717] [718] [719] [720] [721] [722] [723] [724] [725] [726] [727] [728] [729] [730] [731] [89]
Änderungshinweis
Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung können mit Steroiden* zur Linderung von Atemnot behandelt werden.Hintergrund
Phenothiazine gehören zur Gruppe der Antipsychotika und wirken unspezifisch und mit einem breiten Spektrum als Antagonisten an Rezeptoren für verschiedene Neurotransmitter (z. B. D2-, alpha 1-, 5HT2A-, H1-, M1-Rezeptoren). Sie haben eine antipsychotische und sedierende Wirkung, zudem haben sie auch antiemetische Effekte. Das niederpotente Promethazin wird häufig gegen Angst- und Erregungszustände verwendet.
Die Anwendung von Phenothiazinen zur Linderung der Atemnot beruht auf der engen Beziehung zu Angst und Agitiertheit. Eine geringe Dosis (z. B. Levomepromazin 2–5 mg/24 Std.) wird häufig als Startdosis verwendet, v. a. bei zusätzlicher Angstkomponente. Allerdings konnte eine Wirksamkeit in Studien bisher nicht nachgewiesen werden. Fünf RCTs mit insgesamt 47 Patienten und gesunden Probanden untersuchten die Wirksamkeit von Promethazin bzw. Chlorpromazin (in Deutschland nicht im Handel) versus Placebo oder Wirkstoffe anderer medikamentöser Gruppen [732], [733], [734], [735].
Die Aussagekraft der Ergebnisse im Hinblick auf die Behandlung von Atemnot bei Krebspatienten ist durch die mäßige Qualität und das Alter der Studien (alle vor 1990 veröffentlicht), durch die niedrige Patientenzahl sowie durch die Studienpopulationen (gesunde Probanden und COPD-Patienten) begrenzt.
Bezüglich Promethazin wurden die Outcomes Atemnotintensität und Belastungs-toleranz untersucht: Nur eine Studie konnte bei Patienten mit einer schweren COPD einen kleinen, aber signifikanten Effekt von Promethazin auf die Linderung von Atemnotintensität sowie eine Besserung der Belastungstoleranz zeigen [735]. Zeitgleiche oder spätere Studien mit gesunden Probanden und eine Studie [733] mit stabilen COPD-Patienten konnten diese Ergebnisse nicht bestätigen und keine Besserung der Atemnotintensität oder ggf. der Belastungstoleranz zeigen [733], [735]. Outcome Nebenwirkungen: Schläfrigkeit wurde als häufigste Nebenwirkung beobachtet [733], [735].
Bezüglich Chlorpromazin (in Deutschland nicht im Handel) konnte nur in einer Studie bei sechs gesunden Probanden eine Reduktion der Atemnotintensität unter Belastung nachgewiesen werden [732].
Bei ähnlicher Studienlage, aber aufgrund eines leicht erhöhten Nebenwirkungsrisikos und vor allem deutlich geringerer klinischer Erfahrung im Vergleich zu Benzodiazepinen hat die Leitliniengruppe eine Nicht-Empfehlung für den Einsatz von Phenothiazinen zur Linderung von Atemnot ausgesprochen, auch wenn es vereinzelte positive klinische Berichte gibt.
Antidepressiva, Buspiron
Psychische Belastungen wie Depressionen und Ängste finden sich häufig bei Patient:innen mit einer Krebserkrankung ([736][737]). Eine Reihe von Studien konnte zeigen, dass Depressionen und Ängste mit einer deutlich erhöhten Wahrnehmung von Atemnot in Ruhe wie auch bei körperlicher Belastung einhergehen und somit die Lebensqualität erheblich reduzieren können ([673]). Daher erscheint die Gabe von Antidepressiva oder dem Anxiolytikum Buspiron zunächst als aussichtsreiche Intervention zur Linderung von Atemnot.
In der internationalen „Better-B Studie“ wurde Mirtazapin mit Placebo bei Menschen mit chronischer Atemnot verglichen. Es wurden 124 Patient:innen mit COPD und 101 Patient:innen mit ILD eingeschlossen, Für den primären Endpunkt „stärkste Atemnot 56 Tage nach Start“ konnte kein signifikanter Unterschied gezeigt werden (MD 0.1; 95% CI 0.4 to 0.6, p=0.69) [738]. In der Machbarkeitsstudie des Better-B Projekts, in welcher ebenfalls Mirtazapin mit Placebo verglichen wurde, waren 4 der 64 eingeschlossenen Patient:innen an Krebs erkrankt. Es zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Linderung der Atemnot [739]. In der RCT von Currow et al. wurde Sertralin mit Placebo verglichen, wobei 33 der 223 randomisierten Patienten an Lungenkarzinom erkrankt waren. Die Atemnotintensität nahm in beiden Studienarmen ab ohne signifikanten Unterschied (p=0.636) [740].
In keiner der drei RCTs fand sich ein signifikanter Unterschied im Auftreten von schweren unerwünschten Arzneimittelwirkungen zwischen den Studienarmen.
In Übereinstimmung mit neueren Übersichtsarbeiten und Empfehlungen kann derzeit aufgrund der vorliegenden Daten weder für Patient:innen mit COPD noch für Patient:innen mit einer Krebserkrankung eine Empfehlung zur Gabe von Antidepressiva oder Buspiron zur Linderung von Atemnot gegeben werden [741][742]. Unberührt davon bleibt die Notwendigkeit, nach dem Vorliegen einer Depression zu screenen und diese ggf. angemessen zu behandeln.
Steroide (Glucocorticoide)
Steroide werden in der klinischen Praxis immer wieder zur symptomatischen Therapie der Atemnot eingesetzt. Für den Einsatz von Steroiden zur symptomatischen Linderung von Atemnot bei Patient:innen mit einer Krebserkrankung liegt eine neue, kontrollierte Studie vor, die die Empfehlung im Vergleich zur vorherigen Leitlinienfassung ändert. Für Patient:innen mit einer COPD liegt eine Vielzahl von RCTs vor, die eine Wirksamkeit zur Linderung von Atemnot bei diesen Patient:innengruppen nicht nachweisen – fraglich ist allerdings die Übertragbarkeit der Daten bei unterschiedlicher Pathophysiologie der Grunderkrankungen.
In einer systematischen Literaturübersicht wurde die Wirksamkeit von systematischen Steroiden zur Linderung von Atemnot bei Patient:innen mit einer Krebserkrankung untersucht ([731]). Es konnten nur zwei RCTs eingeschlossen werden. Das Placebo-kontrollierte Pilot-RCT von Hui et al. prüfte die Gabe von Dexamethason [89]. 41 Patienten mit einer Krebserkrankung und Atemnot wurden randomisiert und 35 (85 %) beendeten die verblindete Phase. Dexamethason führte zu einer signifikanten Reduktion der Atemnotintensität von 1,9 (95% CI 3,3-0,5; p = 0,01) am 4. Tage auf einer numerischen Rating-Skala. Am Tag 7 betrug die Minderung 1,8 (95% CI 3,2-0,3; p = 0,02) Dagegen gab es in der Placebogruppe eine Reduktion von 0,7 (95% CI 2,1-0,6; p=0,38) am 4. Tag und von 1,3 (95% CI 2,4-0,2; p=0,03) am Tag 7. Der Unterschied zwischen den Gruppen war nicht statistisch signifikant. Die Schläfrigkeit wurde unter Dexamethason gebessert. Dexamethason wurde insgesamt gut vertragen – ohne signifikante Toxizität. Die Autor:innen schließen daraus, dass Dexamethason vermutlich eine schnelle Linderung von Atemnot bewirkt und gut vertragen wird. Die zweite Studie bei Patient:innen mit einer Krebserkrankung untersuchte die Gabe von 2x4 mg Dexamethason über 14 Tage gegenüber Placebo mit dem Outcome Fatigue [743]. Als sekundäres Outcome wurde neben Anorexie, Angst und Depression auf Symptombelastung untersucht, inklusive des Unterparameters Atemnot. Hier zeigte sich weder bei dem Gesamtwert der Symptombelastung noch beim Unterparameter Atemnot ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen der Gruppe mit Dexamethason und Placebo. Weitere Studien mit ausreichender statistischer Power sind notwendig [731][89].
Zwei systematische Literaturübersichten und zusätzlich 14 RCTs untersuchen die Wirkung von Steroiden auf die Atemnot, Lebensqualität, Belastungstoleranz und Nebenwirkungen bei COPD-Patient:innen [744][745]. Im Hinblick auf das Outcome Atemnotintensität, das vorwiegend als sekundäres Outcome beschrieben ist, zeigen die meisten Studien keine Wirksamkeit der Steroide gegenüber Placebo. Insbesondere die beiden größten Studien mit 1436 bzw. 1704 eingeschlossenen COPD-Patient:innen konnten keinen signifikanten Vorteil für inhalative Steroide gegenüber Placebo bzgl. der Linderung von Atemnot aufzeigen [746][747]. Eine der zwei systematischen Literaturübersichten (inkl. Metaanalyse) wertete 24 RCTs, die orale Steroide bei stabilen COPD-Patient:innen (15 Studien mit moderater bis schwerer COPD) einsetzten [745]. Auch hier zeigte sich keine Wirksamkeit von oralen/systematischen Steroiden zur Linderung von Atemnot, jedoch ein vermehrtes Auftreten von Nebenwirkungen. Bezüglich der weiteren Outcomes Belastungstoleranz und Lebensqualität sind die Ergebnisse widersprüchlich und ohne Vorteil für den Einsatz von Steroiden[748][744]
Zwei weitere RCTs untersuchen Patient:innen mit Sarkoidose und beide Studien konnten keine Wirksamkeit von Steroiden bei der Linderung von Atemnot feststellen ([749][750]. Eine nicht-kontrollierte Kohortenstudie beschrieb bei Patient:innen mit einer chronischen Herzinsuffizienz eine Verbesserung der Atemnot nach der Gabe von systemischen Steroiden [751]. Die Autoren führen die Wirkung allerdings auf einen pathophysiologisch kausalen Zusammenhang zur Steigerung der auch nachgewiesenen Diurese zurück, sodass diese Ergebnisse auf die Patient:innenpopulation dieser Leitlinie zur symptomatischen Linderung der Atemnot nicht übertragen werden können.
Somit kann auf Grund der aktuellen Evidenz der Einsatz von Steroiden zur ausschließlich symptomatischen Behandlung von Atemnot aktuell nicht mehr empfohlen werden. Bei bestimmten zu Atemnot führenden Befunden kann ihr Einsatz jedoch individuell nützlich sein, beispielsweise bei Vorliegen einer Lymphangiosis carcinomatosa oder einer tumorbedingten Atemwegsobstruktion (z. B. mit 8 mg Dexamethason tägl. morgens für zwei Wochen, anschließend schrittweise Reduktion um 2 mg alle drei Tage bis zur niedrigst möglichen Erhaltungsdosis oder Absetzen). Für diese Indikationen liegen gute klinische Erfahrungen von Experten, jedoch keine ausreichende Studienevidenz vor.
9.5 Sauerstoff und Nicht-Invasive Ventilation (NIV)
Sauerstoff sollte nicht zur Linderung von Atemnot bei nicht-hypoxämischen Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung eingesetzt werden.
Bei Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung und Atemnot kann eine nicht-invasive Ventilation (NIV) zur Linderung einer respiratorischen Insuffizienz - insbesondere bei hyperkapnischem Atemversagen - eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Hintergrund
Sauerstoff wird bei Patient:innen mit Atemnot häufig unreflektiert eingesetzt. Bei Patient:innen mit einer Hypoxämie (pO2 < 55 mmHg) oder bei einer bestimmten Gruppe von Patient:innen mit einer COPD gibt es für den Einsatz von Sauerstoff eine Indikation [755], [756]. Es gibt jedoch keinen Nachweis für die Wirksamkeit von Sauerstoff zur symptomatischen Therapie der Atemnot bei nicht-hypoxämischen Krebspatienten (z.B. [757], [758], [759]). In Einzelfällen kann eine Sauerstofftherapie auch bei nicht-hypoxämischen Krebspatienten erwogen werden. Da eine Sauerstofftherapie teuer, ressourcenaufwändig und mit potentiellen Nebenwirkungen verbunden ist (z. B. Austrocknung der Schleimhäute, Einschränkung in der Beweglichkeit, Explosionsgefahr bei gleichzeitigem Rauchen), sollen zunächst weniger belastende Therapieoptionen (z. B. Stand- oder Handventilatoren) überprüft werden und das Ansprechen d. Patient:in individuell getestet werden.
Zwei Cochrane-Reviews verglichen die Gabe von Sauerstoff versus Raumluft für die Linderung von Atemnot bei insgesamt 846 Patienten, davon 702 mit leicht- oder nicht-hypoxämischer COPD und 97 mit einer Krebserkrankung [758], [760]. Eine weitere, spätere systematische Literaturübersicht von der gleichen Gruppe konnte noch eine weitere Studie mit Krebspatienten einschließen (fünf anstatt vier Studien, 148 anstatt 97 Patienten) [759]. Nicht-hypoxämische bzw. leicht-hypoxämische COPD-Patienten (PaO2 ≥ 60 mmHg bzw. 55–59 mmHg), die nicht die Kriterien für eine Sauerstoff-Langzeittherapie erfüllen, können von einer Sauerstoffgabe zur symptomatischen Linderung von Atemnot profitieren [760]. Bei nicht-hypoxämischen Patienten mit einer Krebserkrankung zeigte sich jedoch kein signifikanter Unterschied der Atemnotintensität zwischen Sauerstoff im Vergleich zu Raumluft [758], [759].
In einem Update des Cochrane Reviews von Uronis konnten 14 zusätzliche Studien mit 493 Teilnehmer:innen eingeschlossen werden. Insgesamt wurden 1195 Teilnehmende untersucht, von denen 901 Teilnehmende (33 Studien) in die Meta-Analyse eingeschlossen werden konnten. Sauerstoff reduzierte Atemnot während körperlicher Aktivität im Vergleich zu Raumluft (32 Studien; 865 Teilnehmende; SMD -0,34; 95% CI -0,48 bis -0,21; I2 = 37%; Evidenz niedriger Qualität). Sauerstoff reduzierte Atemnot während Tests mit körperlicher Aktivität (25 Studien; 442 Teilnehmende; SMD -0,34; 95% CI -0,46 bis -0,22; I2 = 29%; Evidenz moderater Qualität), wohingegen die Evidenz für einen Effekt auf Atemnot im Alltagsleben begrenzt ist (zwei Studien, 274 Teilnehmende; SMD -0,13; 95% CI -0,37 bis 0,11; I2 = 0%; Evidenz niedriger Qualität [761]) .
Dies wurde auch in einem hochqualitativen, „full-powered“ RCT mit 239 Patient:innen mit unterschiedlichen Grunderkrankungen (16 % mit einer Krebserkrankung) bestätigt, die die Wirksamkeit von Sauerstoff und Raumluft über den gleichen Applikationsweg miteinander verglichen [757]. Hierbei stellte sich heraus, dass beide Interventionen im gleichen Ausmaß Atemnot lindern. Da zwischen Sauerstoff und Raumluft kein Unterschied in der Wirksamkeit festgestellt werden konnte, vermuten die Autor:innen, dass primär die Luftbewegung im Bereich der Nase verantwortlich ist für die Wirkung und empfehlen den Einsatz von weniger belastenden Therapieoptionen (z. B. Stand- oder Handventilatoren) [757].
Nicht-invasive Ventilation (NIV) und Weitere
Nicht-invasive Ventilation (NIV) ist ein Verfahren der atemunterstützenden Therapie, das auch in der palliativen Versorgung bei Patient:innen mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom Anwendung findet. NIV erleichtert die Atmung durch Druckunterstützung beim Einatmen und stabilisiert durch PEEP die Alveolen beim Ausatmen, wodurch die Atemarbeit sinkt, die Lungenbelüftung verbessert wird und der Abtransport von CO₂ erleichtert wird.
Ein möglicher Nutzen der NIV hinsichtlich der Reduktion von Atemnot liegt in der Anwendung beim hyperkapnischem Atemversagen. Eine randomisierte Machbarkeitsstudie von Nava et al. (2013) zeigte eine signifikante Reduktion der Atemnot unter NIV im Vergleich zur Standardbehandlung sowie eine größere Zufriedenheit bei Patient:innen und Angehörigen [762]. Auch in der Studie von Hui et al. (2013) zeigte NIV eine klinisch relevante Wirkung auf die Atemnotintensität bei Patient:innen mit fortgeschrittenem Krebsleiden [763]. In der S2k-Leitlinie Nichtinvasive Beatmung als Therapie der akuten respiratorischen Insuffizienz sowie der S3 Leitlinie Nichtinvasive Beatmung als Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz wird ebenfalls die Bedeutung von NIV als Möglichkeit zur Linderung von Atemnot in palliativen Therapiesituationen beschrieben ([764]; [765]).
Dem potenziellen Nutzen stehen jedoch auch Limitationen gegenüber. NIV kann die Kommunikation erheblich beeinträchtigen und so die Interaktion zwischen Patient:innen und Angehörigen oder dem Behandlungsteam erschweren. Gerade in der letzten Lebensphase, in der persönliche Gespräche, nonverbale Kommunikation und Nähe besonders bedeutsam sind, kann dies zu erheblicher Belastung führen. Zudem wird NIV von Patient:innen und Angehörigen ohne ausreichende Aufklärung mitunter als lebensverlängernde Maßnahme missverstanden. In Situationen, in denen die Linderung von Symptomen nicht mehr erreicht wird, besteht das Risiko, dass NIV den Sterbeprozess verlängert und so den Leidensdruck erhöht. Auch psychische Belastungen wie Klaustrophobie, Geräuschbelastung oder Angst können auftreten und die Gesamtsituation verschlechtern. Diese Aspekte sind insbesondere im interdisziplinären Team zu reflektieren und mit Patient:innen sowie Angehörigen klar zu besprechen.
Insgesamt gilt: NIV kann in der Palliativversorgung von Patient:innen mit nicht-heilbarer Krebserkrankung zur Linderung von Atemnot (z. B. hyperkapnische respiratorische Insuffizienz) eingesetzt werden. Voraussetzung ist eine individuelle Abwägung der Ziele, ein offener Dialog mit allen Beteiligten und die klare Vermeidung des Einsatzes in der Sterbephase, wenn eine Kommunikationsfähigkeit nicht mehr gegeben ist.
High-Flow-Oxygen-Therapie (HFOT)
Die High-Flow-Oxygen-Therapie (HFOT) ist eine Form der atemunterstützenden Behandlung, bei der befeuchteter und erwärmter Sauerstoff mit hoher Flussrate (meist 30–60 l/min) über eine spezielle Nasenkanüle verabreicht wird. Der kontinuierliche Fluss erzeugt einen leichten positiven Atemwegsdruck, reduziert den anatomischen Totraum und kann somit sowohl die Oxygenierung als auch die CO₂-Elimination verbessern. In der Palliativmedizin wird HFOT als Option zur Linderung therapieresistenter Atemnot diskutiert.
In einer randomisierten Phase-II-Studie von Hui et al. (2013) wurde HFOT mit nicht-invasiver Ventilation (BiPAP) bei Patient:innen mit fortgeschrittener Krebserkrankung und persistierender Atemnot verglichen [763]. Beide Verfahren reduzierten die Atemnot signifikant, wobei HFOT tendenziell besser toleriert wurde. Die Autor:innen betonen, dass HFOT insbesondere dann von Vorteil sein kann, wenn Maskenbeatmung nicht erwünscht oder nicht vertragen wird.
Der Einsatz von HFOT erfordert jedoch eine differenzierte Indikationsstellung und erfahrene Zentren. Die verfügbaren Geräte sind kostenintensiv, erfordern technische Betreuung und sind im häuslichen Umfeld nur sehr eingeschränkt verfügbar. Zudem ist die Evidenzlage zur HFOT im palliativen Kontext noch sehr begrenzt, auch wenn erste Studien auf einen Nutzen in ausgewählten Situationen hinweisen. HFOT sollte deshalb individuell, symptomorientiert und unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Eine klare Zielklärung im Sinne palliativer Therapieziele ist auch hier unerlässlich.
Aus diesen Gründen wird die HFOT hier nur informativ beschrieben ohne eine Empfehlung.
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