8. Behandlungsempfehlungen in der Primärtherapie des Oro- und Hypopharynxkarzinoms unter Berücksichtigung Effektivität, Funktionalität und Lebensqualität – Oro- und Hypopharynxkarzinom
Das folgende Kapitel setzt sich mit der aktuellen Evidenz der verschiedenen Ansätze der Primärtherapie des Oro- und Hypopharynxkarzinoms auseinander. Die Generierung der bestmöglichen aktuellen Evidenz zu den Therapieempfehlungen wurde in den Mittelpunkt der de-novo Recherchearbeit gestellt. Hierbei wurde der Fokus neben Gesamtüberleben, progressionsfreiem Überleben und Therapieansprechen gleichermaßen auf die Funktionalität und Lebensqualität gerichtet. Das Kap. 8 orientiert sich also maßgeblich an den im Rahmen der Leitlinienarbeit erstellten Evidenztabellen, die im Anhang einzusehen sind. Neben den wenigen randomisierten prospektiven Studien wurden auch die zahlreichen größeren, nicht-randomisierten retrospektiven Studien/Fallserien und die Registerstudien in die Tabellen aufgenommen. Es hat sich gezeigt, dass insbesondere für die chirurgische Primärtherapie des Oro- und Hypopharynxkarzinoms (im Gegensatz zu definitiver Radiochemotherapie oder zur Erst- und Zweitlinientherapie im Rezidiv- bzw. Metastasierungsstadium) prospektive kontrollierte Studien mit definiertem Standard- und Prüfarm aufgrund der großen Stadien-, Lokalisations-, bzw. chirurgisch technischen Heterogenität mit größeren Fallzahlen nur schwer umsetzbar sind. Randomisierte Studien zum primär chirurgischen Vorgehen im Vergleich zur definitiven Radio- oder Radiochemotherapie bei Oropharynxkarzinomen wurden ausschließlich für Patienten mit lokal begrenzten Erkrankungen in Frühstadien (cT1-2 cN0-1) mit sehr kleinen Fallzahlen durchgeführt [232], [233] und haben dementsprechend nur eine geringe Aussagekraft.
Beim Hypopharynxkarzinom liegt nur eine randomisierte Studie mittlerer Größe (n=194) aus den 1990er-Jahren vor, in welcher bei lokal fortgeschrittener Erkrankung eine Laryngektomie gefolgt von adjuvanter Strahlentherapie mit einer Induktionschemotherapie gefolgt von einer Strahlentherapie bei Ansprechen auf die Chemotherapie oder einer Laryngektomie gefolgt von adjuvanter Strahlentherapie bei nicht Ansprechen auf die Chemotherapie verglichen wurde [234]. Insofern müssen gerade für diese Entität Registerstudien mit sehr großen Fallzahlen (beispielsweise Yoshida et al.2020: 4473 Patienten aus National Cancer Data Base, NCDB [235]) und retrospektive Fallserien berücksichtigt werden.
Die Behandlung des Oro- und Hypopharynxkarzinoms soll interdisziplinär nach Abstimmung jedes individuellen Falls innerhalb von Tumorboards unter Beteiligung der Fachdisziplinen Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Radioonkologie, Onkologie, Pathologie und Radiologie durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
Der Patient soll ausführlich und mehrfach über seine Erkrankung, Behandlungsmöglichkeiten und Folgestörungen informiert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Patienten mit einem Oro- und Hypopharynxkarzinoms sollten zur Feststellung des Zahnstatus vor Behandlungsbeginn durch einen erfahrenen Zahnarzt untersucht werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Therapiepausen über die geplanten Wochenendpausen hinaus sollten während der Strahlentherapie vermieden werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Ungeplante Therapiepausen sollten nach Möglichkeit durch 2x tägliche Bestrahlungen an 1-2 Wochentagen bei unveränderter Einzeldosis kompensiert werden.
Dabei soll zwischen 2 Fraktionen ein Abstand von mindestens 6 Stunden eingehalten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Therapieempfehlungen für das Oro- und Hypopharynxkarzinom werden auf Basis der 8. Edition der TNM-Klassifikation (Kap. 6.4, Tab. 2-5) zusammengestellt. Aufgrund der Unterscheidung von p16-positiv und -negativ beim Oropharynxkarzinom verbergen sich mitunter hinter den gleichen Stadien unterschiedliche T- und N-Kategorien, die in den jeweiligen Überschriften formuliert werden.
Die generellen Therapiestrategien beim Oropharynxkarzinom unterscheiden sich in Abhängigkeit des p16-Status trotz der wesentlich besseren Prognose bei HPV/p16-positiven Tumoren nicht. Allerdings zeigen Registerstudien (beispielsweise [236]), dass bei HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinomen die Ergebnisse von Radiochemotherapien noch bei relativ hoher Tumorlast bis hin zu cT3-Tumoren (Stad. I,II, nicht Stad. III) mit beidseitigem Lymphknotenbefall (N2) dem primär chirurgischen Vorgehen (+/- Radio- oder Radiochemotherapie) in Bezug auf alle wichtigen onkologischen und funktionellen Endpunkten gleichwertige sind, was bei HPV/p16-negativen Tumoren nur bei kleinerer Tumorlast (cT1-2 cN0) gut dokumentiert ist (siehe Evidenztabellen PICO-2). Die Unterschiede in der TNM-Klassifikation führen dazu, dass sowohl cT3cN2 (p16+) als auch cT2cN0 (p16-) dem Stadium II entspricht und sich die Therapieempfehlungen zwischen HPV/p16+ und HPV/p16- nicht unterscheiden. Die unterschiedliche Klassifikation der HPV/p16-positiven Tumoren kann also zu Verwirrung führen, was im folgenden Beispiel noch einmal verdeutlichen wird: Ein 1,5 cm großes p16-positives Tonsillenkarzinom mit 3 ipsilateralen 2-4 cm großen Halslymphknotenmetastasen würde nach der 8. Edition der TNM-Klassifikation als cT1 cN1 cM0 und damit Stadium I klassifiziert werden. Die identische Tumorausdehnung wird im Falle von p16-Negativität als cT1 cN2b cM0, Stadium IVa klassifiziert. Da p16 das Tumorstadium von IVa auf I reduziert, würde aber dennoch in beiden Fällen nach aktueller Evidenzlage die Maximaltherapie, also entweder eine primär operative Therapie mit adjuvanter Radiochemotherapie mit Cisplatin oder eine primäre Radiochemotherapie mit Cisplatin empfohlen werden. Die durch p16-Positivität "downgestagten" Oropharynxkarzinome laufen also Gefahr, rein klassifikatorisch unterschätzt zu werden (Ausführliche Erklärungen in Kap. 6).
Die Empfehlungen zur Primärtherapie des Hypopharynxkarzinoms werden separat ausgewiesen.
8.1 Oropharynx-Karzinome der UICC Stadien I und II (p16-positiv: T1-T3N2; p16-neg.: T1-T2N0)
P16 kategorisiert nach TNM-Stadien unterschiedlich in der T- und N-Verteilung. Innerhalb Stadium II werden bei p16-Positivität auch T3-Tumore klassifiziert, bei p16-Negativität lediglich T2-Tumore. pN2 ist im Falle der p16-Positivität bei T2-Tumoren noch Stadium II zuzurechnen, andernfalls bereits Stadium IV. Bei p16-Negativität ist für Stadium II pN0 gefordert. Der ECS (+) fließt lediglich in die TNM-Betrachtung bei p16-Negativität ein, hat jedoch p16-unabhängig große Bedeutung für die Therapieentscheidung.
Es gibt Hinweise, dass die Ergebnisse einer primär chirurgischen Therapie (+/- adjuvanter Radio-/ Radiochemotherapie) und einer primären Radio-/Radiochemotherapie sich bei Patienten mit HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinomen in den Stadien I-II (UICC 8. Ausgabe) nicht signifikant in Bezug auf das Gesamtüberleben, das rückfallfreie Überleben, die lokoregionäre Rückfallfallrate und das fernmetastasenfreie Überleben unterscheiden.
Evidenztabellen (4)
PICO 3 - Transorale roboterassistierte Chirurgie [TORS] mit Neck-dissection vs Radio(-Chemo)therapie (Endpunkte: Overall survival und Progression-free survival) [GRADE-Bewertung]; PICO 3 - Transorale roboterassistierte Chirurgie [TORS] mit Neck-dissection vs Radio(-chemo)therapie [Studiencharakteristika]; PICO 2 - De-Eskalation der Standardtherapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]; PICO 3- Chirurgie +/- adjuvante Therapie vs Radio(chemo-)therapie bei Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]Patienten mit HPV/p16 positiven Oropharynxkarzinomen in den Stadien I-II (UICC 8. Ausgabe) sollten entweder eine primär chirurgische Therapie (+/- adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie) oder eine primäre Radio- bzw. Radiochemotherapie erhalten.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊝⊝
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
- Literatur
- [233] [237] [232] [238] [239] [240] [236]
Evidenztabellen (3)
PICO 3 - Transorale roboterassistierte Chirurgie [TORS] mit Neck-dissection vs Radio(-Chemo)therapie (Endpunkte: Overall survival und Progression-free survival) [GRADE-Bewertung]; PICO 3 - Transorale roboterassistierte Chirurgie [TORS] mit Neck-dissection vs Radio(-chemo)therapie [Studiencharakteristika]; PICO 3- Chirurgie +/- adjuvante Therapie vs Radio(chemo-)therapie bei Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]Patienten mit HPV/p16 negativen Oropharynxkarzinomen in den Stadien I,II (cT1N0, cT2N0; UICC 8. Ausgabe) sollten entweder eine primär chirurgische Therapie (+/- adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie) oder eine primäre Radio- bzw. Radiochemotherapie erhalten.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊝⊝
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
- Literatur
- [236]
8.1.1 Operative Therapie
Im Falle eines primär chirurgischen Vorgehens sollte ein transorales Verfahren der Primärtumorresektion (transorale Lasermikrochirurgie, TLM; transorale Roboterchirurgie, TORS) bei T1 und T2-Tumoren des Oropharynx, HPV/p16 positiv und negativ, einem Verfahren mit transzervikalem Zugang vorgezogen werden.
Im Falle einer gewählten transoralen Operationstechnik (TLM, TORS) bei lateral gelegenem Tumor mit erhöhtem Nachblutungsrisiko, die mit einer Neck dissektion kombiniert wird, sollte in Erwägung gezogen werden, die zuführenden arteriellen Gefäße der Tumorseite transzervikal zu klippen/unterbinden, um das intra- und postoperative Blutungsrisiko zu senken.
- Konsens
- Starker Konsens (94%)
Die Indikation zur primären operativen Therapie des Oropharynxkarzinoms wird weltweit heterogen betrachtet. Traditionell besteht im deutschsprachigen Raum eine Bevorzugung des primär chirurgischen Vorgehens bei gegebener sinnvoller R0-Resektabilität (siehe auch Kap. 6.6 chirurgischer Sicherheitsabstand). Im internationalen Spiegel werden primär operative Therapien bezüglich Effektivität, Funktionalität und Spättoxizität als mit primärer Radio- bzw. Radiochemotherapie vergleichbar angesehen. Insbesondere bei sehr frühen Stadien (cT1N0, p16-unabhängig) steht die Chirurgie mit alleiniger Bestrahlung auf gleicher Empfehlungsstufe, obgleich große prospektive randomisierte Studien zu dieser Fragestellung ausstehen.
Manche Autoren ziehen aus prinzipiellen Überlegungen monomodale Therapien (also alleinige Chirurgie oder alleinige Bestrahlung) einem multimodalen Vorgehen vor. Gemeint ist, dass wenn nach Chirurgie eine adjuvante Bestrahlung als notwendig erachtet wird, eine alleinige Bestrahlung vorgezogen werden sollte (1 vs. 2 Modalitäten), um eine Kumulation der verschiedenen modalitätsabhängigen Toxizitäten/Komorbiditäten zu reduzieren. Ähnlich wird argumentiert, dass im Falle einer notwendigen postoperativen Risikokonstellation mit notwendiger adjuvanter Radiochemotherapie nicht besser einer primären Radiochemotherapie der Vorzug gegeben werden sollte (2 vs. 3 Modalitäten). Cheraghlou et al. [246] führten eine Registerstudie mit 4443 Patienten mit HPV-positivem Oropharynxkarzinom aller Tumorstadien auf Basis der National Cancer Data Base, klassifiziert nach der aktuellen 8th TNM-Edition, durch (Evidentabelle PICO-2, registerbasierte Studien). Bei Patienten im Stadium I der Erkrankung war die Behandlung mit definitiver alleiniger Strahlentherapie im Vergleich zu einer Radiochemotherapie (Hazard Ratio [HR], 1,798; P = 0,029) oder einer Operation mit adjuvanter Strahlentherapie (HR 2,563; P = 0,002) oder Operation mit adjuvanter Radiochemotherapie (HR, 2,427; p = 0,001) mit einem signifikant verringerten Überleben verbunden. Keinen signifikanten Unterschied gab es nach einer primären Radiochemotherapie im Vergleich zu einer Operation mit adjuvanter Strahlentherapie. Bei Patienten im Stadium II der Erkrankung wurde im Vergleich zur Behandlung mit Radiochemotherapie bei Patienten, die mit einer einzigen Modalität (entweder Operation [HR, 2,539; P = 0,009] oder Strahlentherapie [HR, 2,200; P = 0,030]) behandelt wurden, ein signifikant schlechteres Überleben festgestellt. Die primäre Radiochemotherapie und die Operation gefolgt von adjuvanter Radiochemotherapie waren gleichwertig. Bei Patienten im Stadium III der Erkrankung war die Triple-Modality-Therapie (Chirurgie + adj. Radiochemotherapie) im Vergleich zur Behandlung mit alleiniger definitiver Radiochemotherapie mit einem signifikant verbesserten Überleben (HR 0,518; P = 0,024) verbunden. Ähnliche Ergebnisse zugunsten des trimodalen Vorgehens wurden auch für das fortgeschrittene p16-negative Oropharynxkarzinom beobachtet (retrospektive Kohorte mit 131 Patienten; [247]). Die bisherigen Daten zeigen also, dass die Betrachtung „Mono- schlägt Multimodal“ zumindest für das Oropharynxkarzinom nicht einfach übertragbar ist.
Generell ist in den letzten 20 Jahren ein Trend zur transoralen Resektion (gegenüber klassischen offenen Zugängen) + Neck-Dissection + adjuvanter Radio- (Chemo-) Therapie zu beobachten. Techniken der transoralen Chirurgie (TOS), einschließlich der transoralen Lasermikrochirurgie (TLM) und der transoralen Roboterchirurgie (TORS) wurden in retrospektiven Vergleichen mit konventioneller Chirurgie oder primärer Radiochemotherapie als schonende, minimal invasive Verfahren mit guten spätfunktionellen Ergebnissen propagiert ([248]; [249]; [250]; [251]; [252]; [253]; [254]; [255]).
Um die aktuelle beste Evidenz in der vergleichenden Betrachtung transoraler (TORS, TLM, TOS) versus offener Operationsverfahren herauszuarbeiten, wurde die PICO-Frage-4 gestellt (Evidenztabelle PICO-4: Primäre transorale chirurgische Therapieverfahren vs. offene klassische Chirurgie). Hierbei wurden lediglich retrospektive, überwiegend nicht randomiserte Vergleichsstudien und systematische Reviews/Metaanalysen für verschiedene Kopf-Hals-Lokalisationen (Larynx, Oro- und Hypopharynx) unterschiedlicher Tumorgrößen (überwiegend T1-2) mit niedriger, bzw. sehr niedriger Evidenz gefunden. Die Endpunkte waren unterschiedlich (Mortalität [242][244][245], 2-Jahres DFS [242], 3-Jahres DFS [256][244], Rezidive [256][244][245], Tracheostomie postoperativ [244], Schluckfunktion 1 Woche und 1 Jahr [245], intraoperativer Blutverlust [245][242][242][257], Komplikationen[258], Dauer Krankenhausaufenthalt[242][242][244], PEG nach 1 Monat und 1 Jahr [257]). Aus den Metaanalysen geht hervor, dass TORS im Vergleich zur offenen Chirurgie ein besseres krankheitsfreies Überleben (DFS) und ein verringertes Risiko für eine freie Lappenrekonstruktion haben könnte. TORS war im Vergleich zur offenen Chirurgie mit weniger tumorpositiven Resektionsrändern (R1), einer geringeren Zahl an Rezidiven, weniger intraoperativer Tracheotomien, einem kürzeren stationären Aufenthalt und einer kürzeren Dauer der postoperativen nasalen Sonden-Ernährung verbunden [241][241][259]. Die TORS erscheint im Vergleich zu den invasiveren Techniken der konventionellen Chirurgie als weniger zeitaufwändig und mit weniger Zugangsmorbidität behaftet zu sein ([254]; [260]).
Die bisher einzigen prospektiven randomisierten Studien, die TOS (transorale Techniken, wie TORS, TLM etc.) direkt mit einer Radiochemotherapie verglichen haben, sind die ORATOR 1 (Phase II; T1–2 N0-2-Tumoren; 34 Patienten pro Arm, 88 % p16-positiv) und ORATOR 2 Studien (ORATOR 1; Nicholas AC et al. [237]; [232]; ORATOR 2, Palma DA et al. [233]) (ORATOR: Oropharynx Radiotherapy versus Transoral Robotic Surgery, Evidenztabelle PICO-3). Der primäre Endpunkt der ORATOR 1-Studie adressierte die Lebensqualität bezogen auf die Schluckfunktion (MD Anderson Dysphagia Inventory; MDADI-Score) nach einem Jahr, wobei ein klinisch bedeutsamer Unterschied bei einer Differenz von mehr als 10 Punkten definiert wurde. In der ORATOR 2 Phase-2-Studie wurden TOS + Neck dissection + reduzierter adjuvanter Bestrahlungsdosis (Deeskalationsarm) mit einer definitiven Radiochemotherapie bei T1-2 N0-2 Oropharynxkarzinome (100% p16-positiv) mit dem Endpunkt „Overall survival“ verglichen. Es erfolgten eine 1:1-Randomisierung und eine Stratifikation nach dem Raucherstatus (< 10 Pack Years, ≥ 10 Pack Years). Patienten im Strahlentherapiearm wurden mit einer reduzierten Strahlendosis von 60 Gy bestrahlt, angelehnt an das Studienprotokoll der Phase-II-Studie NRG-HN002 [261]ORATOR 2 musste wegen inakzeptabler hoher Grad-V-Toxizitäten in der TOS-Gruppe vorzeitig abgebrochen werden [233].
Die mediane Nachbeobachtungszeit der ORATOR-1-Studie in der jüngsten Publikation aus 2022 [232] betrug 45 Monate. Im kombinierten MDAI-Score (Dysphagie) war das funktionelle Ergebnis nach Radiotherapie im Vergleich zur TORS + ND insbesondere im 1. Jahr nach der Therapie signifikant besser. Mit längerer Nachbeobachtungszeit (maximal 5 Jahre) nahm der Unterschied deutlich ab, war formal aber in 3 von 5 Teilbeurteilungen sowie im Gesamt-Score statistisch noch signifikant zugunsten der Radiotherapie. Klinisch sind die Unterschiede allerdings als weniger bedeutsam einzustufen, so dass angesichts der kleinen Fallzahl eine Überlegenheit der Strahlentherapie nicht als gesichert eingestuft werden kann. Die Ergebnisse zeigen, dass die primäre transorale Chirurgie oder das primäre nicht-chirurgische Vorgehen bei den Stadium-I-II Oropharynxkarzinomen relevante Therapieoptionen darstellen.
Die Studie wird aus chirurgischer Sicht kritisch betrachtet: Insbesondere die OP-Technik wird ursächlich für die hohe Komplikationsrate der ORATOR-Studien verantwortlich gemacht. Zech et al. haben hierzu aus deutscher HNO-ärztlicher Perspektive mit langjährigem Hintergrund zur transoralen Lasermikrochirurgie (TLM) eine wertvolle Interpretation geliefert, die im Folgenden näher zitiert werden soll [262]: Die hohe Komplikationsrate der ORATOR2-Studie (sowie auch der vorherigen Studie ORATOR) [263][237] [233] könnte die Folge des ungewöhnlichen operativ-technischen Vorgehens der Chirurgen aus Kanada und Australien sein, vergleicht man das operative Vorgehen mit anderen Studien. Insbesondere der im Studienprotokoll geforderte Sicherheitsabstand von mindestens 10 mm entspricht nicht dem klinischen Standard und wurde bereits in mehreren Kommentaren zur Studie kritisiert [264] [265] [266]. Experimente an Körperspenderpräparaten zeigten, dass bei radikalen Tonsillektomien häufig ein Sicherheitsabstand von über 2 mm aufgrund der begrenzten Dicke des oberen Schlundschnürers (Musculus constrictor pharyngis superior), der das Tonsillenbett von der Karotisscheide trennt [267], nicht möglich ist. MRT-Ausmessungen des Muskels bestätigen eine mittlere Dicke von 2,4 mm (Standardabweichung = 0,8 mm) [268]. In der aktuell rekrutierenden „Best-of“-Studie EORTC-1420 (NCT02984410) wird dies berücksichtigt, und als tiefer Absetzungsrand tonsillär nicht der Sicherheitsabstand, sondern die Integrität des M. constrictor pharyngis superior als Qualitätsmerkmal einer onkologisch sauberen radikalen En-bloc-Tonsillektomie bei Oropharynxkarzinomen im niedrigen Stadium definiert [269]. In der „Best-of“-Studie EORTC-1420 (NCT02984410) und der E3311- Studie gilt ferner ein Sicherheitsabstand von mindestens 3 mm als R0-Resektion. Dies begründen die Autoren mit äquivalenter lokaler Kontrolle nach Resektion bei einem Sicherheitsabstand von 3 mm im Vergleich zu 5 mm bei dieser Lokalisation [270]. In den aktuellen NCCN (National Comprehensive Cancer Network) -Richtlinien [136] werden mitunter sogar oropharyngeale Sicherheitsabstände von 1,5–2 mm (unabhängig vom HPV- Status) als akzeptabel angesehen, obgleich generell nach NCCN und in der vorliegenden Leitlinie die 5 mm als aktueller internationaler Konsens (siehe Kap.6) und damit Empfehlung gegeben werden. In der klinischen Praxis entscheiden sich manche HNO-ärztliche Chirurgen in den USA nach Resektion kleiner HPV-assoziierter Oropharynxkarzinome und knappem Resektionsrand bereits genauso häufig für ein abwartendes Verhalten [271] [272] wie für eine Adjuvanz/Nachresektion, wie es primär in den NCCN-Leitlinien empfohlen ist. Prospektive Daten zu dieser Art der Deeskalation fehlen allerdings bisher, sodass diese Diskussion hier lediglich dargestellt wird, aber (noch) nicht in eine abweichende Empfehlung in der vorliegenden Leitlinie münden kann.
Ein in dem Studienprotokoll der ORATOR2-Studie geforderter Sicherheitsabstand von über 1 cm, geforderte Nachresektion bei knappen Resektionsrändern und die zusätzlichen zirkumferenziellen Randschnitte stellen daher ein im Vergleich zur gängigen klinischen Praxis außergewöhnlich radikales operatives Vorgehen und in keiner Weise ein gängiges (konsentiertes) Therapiekonzept dar. Dieser Eindruck wird durch die hohe Rate an Tracheotomien im Operationsarm noch verstärkt (65 %). In der retrospektiven Analyse transoraler Resektionen am Universitätsklinikum Köln bei T1-T4-HPV-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen war beispielsweise nur in 12 % der Fälle eine Tracheotomie notwendig [273]. Die Kombination der vermeintlich Carotis-nahen Exzisionen und ein Verbot der Anwendung regionaler und freien Lappenplastiken zur Defektdeckung in den ORATOR-Studien scheint also eine sehr plausible Erklärung für die beiden OP-bedingten Todesfälle (fulminante Blutung und zervikale Osteomyelitis) zu sein [274]. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie mit der Arbeitsgemeinschaft für Onkologie warnen daher davor, die Ergebnisse der ORATOR2-Studie unkritisch auf die klinische Praxis zu übertragen (Zech et al. LRO2023).
Die ungewöhnlich hohe Rate (post-)operativer Komplikationen der transoralen Chirurgie in beiden ORATOR-Studien wird durch die Ergebnisse der aktuell noch rekrutierenden großen Phase-III-Studien „PATHOS“ und EORTC-1420 überprüft (NCT02215265, NCT02984410), an denen sich auch viele deutsche Zentren auf dringende Empfehlung der IAG-KHT beteiligen. Im Vergleich zu den ORATOR-Studien wurden operative Qualitätsstandards und Maßnahmen zur Qualitätskontrolle im Studienprotokoll dieser Studien implementiert [275]. Angesichts der geplanten Anzahl von über 1000 Patienten sind hier verlässlichere Daten zur Morbidität und Mortalität der transoralen Chirurgie zu erwarten.
Die Bestrebungen der ORATOR-Autoren, operative Risiken und insbesondere die Blutungswahrscheinlichkeit durch die Empfehlung zur Ligatur der A. carotis externa bzw. ihrer Äste bei lateral gelegenen Tumorn zu minimieren, sind anzuerkennen, da sie die Nachblutungsraten reduzieren können, werden aber generell nicht gefordert (allerdings in dieser Leitlinie empfohlen, soweit im Rahmen der Neck dissection ein guter Zugang zu den relevanten Gefäßen besteht). Laccourreye et al. konnten bei 514 transoral operierten Patienten mit lateral gelegenen Oropharynxtumoren 3,6 % Nachblutungen ausweisen, von denen 1,5% nach Entlassung aus der Klinik im häuslichen Umfeld auftraten. Die Blutungen traten überwiegend in der ersten Woche, aber auch bis zur dritten und nicht mehr nach der vierten Woche auf. Eine prophylaktische Unterbindung der Carotis externa bzw. ihrer Äste im Rahmen des Primäreingriffes wurde nicht durchgeführt und schlussfolgernd von den Autoren auch nicht empfohlen [276]. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen Salassa und Hinni [277] nach einer umfangreichen retrospektiven Untersuchung von 701 Patienten nach transoraler Tumorchirurgie in den Jahren 1996 – 2006, die insgesamt zu 1,4 % postoperative Nachblutungen zwischen dem 0. und 17. Tag zeigten. Drei Patienten (0,4 %) dieses Kollektivs hatten katastrophale lebensbedrohliche Blutungen, wobei zwei dieser Patienten verstarben. Als Hauptblutungsursache wurden in vier Fällen die Lingualarterie, die obere Kehlkopfarterie in zwei Fällen, sowie die A. fazialis in zwei Fällen identifiziert. Empfohlen wird von den Autoren zur Prävention potenzieller Blutungen nach transoraler Tumorchirurgie, dass zuerst im Falle des Blutungsauftretens transoral mittels Elektrokaustik oder vaskulären Clips bei Arteriendurchmesser über 2 mm vorgegangen werden sollte. Eine prophylaktische Unterbindung der Tonsillenzuströme aus der A. Carotis externa bzw. der A. carotis externa selbst wird auch hier nicht empfohlen. Eine deutsche Arbeit aus dem Jahre 2004 von Esriti und Mann aus der HNO-Universitätsklinik Mainz untersuchte die Blutungen im Rahmen von laserchirurgischer transoraler Tumorentfernung im HNO-Bereich [278]. In dem Kollektiv von 223 Patienten wurden insgesamt 97 Oropharynxkarzinome behandelt. Bei insgesamt 6 % dieser Patienten wurden Nachblutungen beobachtet, wobei bei Oropharynxkarzinomen 10 % verzeichnet wurden. Bei insgesamt fünf Patienten traten schwere Nachblutungen auf, von denen zwei die Ligatur der Arteria carotis externa und eine die Ligatur der Arteria lingualis erforderlich machten. Auch von den Mainzer Kollegen wurde nicht die prophylaktische Unterbindung des A. caroitis externa-Stromgebietes gefordert. Von Pollei et al. wurde eine umfangreiche Analyse von insgesamt 906 Patienten, die in den Jahren 1994-2012 transoral wegen eines Oropharynxkarzinoms operiert wurden, durchgeführt [279]. Hier wurde eine postoperative Nachblutungsrate von 5,4 % beschrieben. 76,3 % dieser Nachblutungen erforderten eine operative Revision. Ernsthafte Blutungsepisoden waren selten und traten bei 1,1 % der Patienten auf. Eine prophylaktische Unterbindung des A. carotis externa-Stromgebietes wurde bei 15,6 % der Patienten durchgeführt. Dies wurde insbesondere bei höheren Tumorstadien als notwendig erachtet. Die Nachblutungsrate korrelierte mit zunehmendem Tumorstadium. Die Autoren stellten fest, dass die prophylaktische Unterbindung der A. carotis externa-Zuflüsse keinerlei Vorteil gegenüber den nicht prophylaktisch unterbundenen Patienten bei nicht unterschiedlicher Nachblutungsrate zeigte. Auch in der Gruppe der prophylaktisch unterbundenen Patienten kam es in einem Fall zu einer lebensbedrohlichen Nachblutung. Die Autoren schlussfolgern, dass aufgrund der hohen Nachblutungsgefahr insbesondere bei fortgeschrittenen Tumorstadien mit intraoperativ freiliegenden Gefäßen im Falle einer gleichzeitig durchgeführten Neck dissection eine Unterbindung des Carotis externa-Stromgebietes erfolgen könnte. Aktuell wird die prophylaktische Unterbindung der zuführenden Gefäße vor transoraler Resektion zwar nicht als absolutes "Muss" betrachtet, ist aber gängige Praxis an vielen Kliniken, um das intra- und postoperative Blutungsrisiko zu reduzieren.
Die nicht-transorale konventionelle Chirurgie mit klassischen Zugängen von außen wird aktuell bei den Stadium-I-II-Tumoren zunehmend seltener eingesetzt. Insbesondere transmandibuläre Zugänge werden aufgrund der höheren Zugangsmorbidität im Kontext des alternativen Zugangsspektrums (transzervikal lateral, suprahyoidal) nur noch sehr selten für die Resektion eines Oropharynxkarzinoms notwendig. Bezüglich der einzelnen Operationstechniken des Primärtumors wird aufgrund der hohen Komplexität aus Resektions- und Rekonstruktionstechniken auf die bestehenden Operationslehren verwiesen [280] [281] [282] [283].
Die Frage nach „chirurgischer Therapie – Deeskalation“ bei HPV-assoziierten Oropharynxkarzinomen ist aktuell unbeantwortet.
8.1.2 Strahlentherapie
Eine Deeskalation der Gesamtdosis der Strahlentherapie sollte bei primärer und adjuvanter Radio- oder Radiochemotherapie beim HPV/p16 positiven Oropharynxkarzinomen innerhalb von klinischen Studien erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊕⊝
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
- Literatur
- [284] [285]
Evidenztabellen (3)
PICO 2.1 - De-Eskalation der Standardtherapie (Bestrahlung + Cisplatin vs. Bestrahlung + Cetuximab) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [GRADE-Bewertung]; PICO 2.3 - De-Eskalation der Standardtherapie (Induktionsschemotherapie mit dosisreduzierter Bestrahlung vs Induktionsschemotherapie mit Standarddosis-Bestrahlung) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [GRADE-Bewertung]; PICO 2 - De-Eskalation der Standardtherapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]Die Strahlentherapie hat sich in den letzten 20 Jahre technisch bedeutsam weiterentwickelt. Die intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT) steht in Deutschland flächendeckend zur Verfügung. Für die IMRT werden in den meisten Instituten Rotationsverfahren (Volumetric Arc Therapy: VMAT) eingesetzt, die es noch besser als eine IMRT mit festen Einstrahlwinkeln ermöglichen, den hochdosiert bestrahlten Bereich auf das eigentliche Zielvolumen zu begrenzen. Der Nutzen dieser neuen Technologie für den Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren wurde in einer randomisierten Studie [286] und Fallserien gut dokumentiert [287][288] [289]. Die IMRT vermindert im Vergleich zu älteren 3D-konformalen Strahlentherapie die akuten (Mucositis, Xerostomie) als auch die späten Nebenwirkungen (Fibrose, Xerostomie, Schluckfunktion). Die Dosiswirkungsbeziehungen für die Strahlentherapie und deren Volumenabhängigkeiten in Bezug auf das langfristige funktionelle Ergebnis, insbesondere die Schluckfunktion, sind inzwischen gut verstanden [290] [291] [292], so dass eine weitere Optimierung der Strahlentherapie im Sinne einer auf die Schluckfunktion optimierte Strahlentherapie (Swallowing Sparing IMRT) sich immer mehr durchsetzt, nachdem auch in einer randomisierten Studie der Nutzen im Vergleich zur einer Standard-IMRT nachgewiesen werden konnte [293]. Zur Umsetzung dieser Technik ist es wichtig, die Konturierungen der Risikoorgane [294] [295] und der Zielvolumina [296] [297] [298] nach den aktuellen internationalen Standards durchzuführen. Die empfohlenen Dosen in den Zielvolumina sollten zur besseren Schonung der Risikoorgane nicht unterschritten werden. Die IMRT-Techniken sind sowohl bei der primären Radio- oder Radiochemotherapie als auch bei der adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie als Standard anzusehen. Eine qualitativ hochwertige Schnittbildgebung (CT oder MRT) vor Beginn der Primärtherapie ist Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige Bestrahlungsplanung.
Unterbrechungen der Strahlentherapie bei primärer oder adjuvanter Bestrahlung über die geplanten Pausen an den Wochenenden hinaus, führen zu einer verminderten Wirksamkeit der Strahlentherapie durch Repopulierung noch verbliebener Tumorstammzellen und sind daher zu vermeiden [299] [300] [300]. Ist es dennoch zu Unterbrechungen der Strahlentherapie gekommen, ist es möglich durch 2x tägliche Bestrahlungen in einem Abstand von >6h bei unveränderter Einzeldosis verlorenen Zeit wieder aufzuholen. Dieses Vorgehen führt im Gegensatz zu einer Anhebung der Gesamtdosis nicht zu einer höheren Wahrscheinlichkeit von späten Nebenwirkungen. Auch im Intervall nach einer chirurgischen Resektion bis zum Beginn der Radio- oder Radiochemotherapie kommt es zur Repopulierung von Tumorstammzellen. Wenn das Intervall zwischen der Tumorresektion und dem Beginn der Strahlentherapie 6 Wochen überschreitet, kommt es nach einer Metaanalyse der verfügbaren Daten [301] zu einem deutlichen Anstieg der Rückfallraten (Odds ratio: 2,89; 95% VB 1,60 – 5,21). Es ist also durch geeignete organisatorische Maßnahmen zu gewährleisten, dass dieses Intervall möglichst nicht überschritten wird.
8.1.3 Primäre Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Die primär nicht-operative Therapie von Patienten mit HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen im Stadium T1 cN0 (UICC 8. Ausgabe) sollte als alleinige Strahlentherapie erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊝⊝⊝
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [235]
Die primär nicht-operative Therapie bei Patienten mit Oropharynxkarzinomen im Stadien I cN1 (>1 LK <=3 cm) bei HPV/p16+ bzw. Stadium II (UICC 8. Ausgabe) sollte als Radiochemotherapie erfolgen.
Beim HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinom soll im Falle einer primären Radiochemotherapie die simultane Chemotherapie Cisplatin-basiert sein.
Bei Patienten, die z. B aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion nicht Cisplatin erhalten können, können als simultane Systemtherapie Carboplatin + 5-FU, Mitomycin C + 5-FU, ein Taxan oder Cetuximab (HPV/p16+) eingesetzt werden.
Bei Patienten mit HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinomen, die keine Kontraindikation gegen eine Cisplatin-basierte Chemotherapie haben, soll Cetuximab wegen erwiesener Unterlegenheit in Bezug auf das Überleben nicht eingesetzt werden.
Bei einer primären Radio- oder Radiochemotherapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen im den Stadien I-III (UICC 8. Ausgabe) sollte die Strahlentherapie mit 5x2 Gy pro Woche bis zu Zielvolumendosis von 70 Gy im Bereich der befallenen Lymphknoten und des Primärtumors bzw. ein anderes etabliertes Schema mit biologischer äquivalenter Gesamtdosis erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei einer primärem Radio- oder Radiochemotherapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen sollte die Bestrahlung nicht befallener Lymphknotenlevel mit 45-54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 1,8 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationalen Konsensus richten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die primäre Radio- oder Radiochemotherapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des nicht befallenen Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Primäre Radio- oder Radiochemotherapie beim HPV/p16 + Oropharynxkarzinome
Nach primärer Radiochemotherapie bei Patienten mit HPV/p16+ Oropharynxkarzinome werden in randomisierten Studien [303] [302] [304] [235] [236] und den großen Registerdatenbasen 5 Jahresüberlebensraten um die 90% im Studium I, um die 80% im Stadium II und um die 70% im Stadium III (8. UICC Klassifikation) beobachtet. Die ganz überwiegende Anzahl der Patienten haben dabei eine konventionell fraktionierte oder leicht akzelerierte Strahlentherapie mit 70-72 Gy innerhalb von 6-7 Wochen in Kombination mit einer Cisplatin-haltigen simultanen Chemotherapie erhalten.
Die guten Ergebnisse, insbesondere in den Stadien I-II, haben die Frage aufkommen lassen, ob eine Deeskalation der Therapie ohne Einbußen beim Überleben möglich ist, um die Toxizität der Therapie zu senken. Dabei wurden verschiedenste Strategien getestet: In 3 größeren randomisierten Studien [303] [302] [304] wurde getestet, ob eine wöchentliche Gabe von Cetuximab ebenso effektiv ist wie 3 Applikationen von 100 mg/m² Cisplatin (2 Studien) oder 6-7 wöchentliche Applikationen von 40 mg/m² Cisplatin zur Strahlentherapie. Die Studien zeigten eine signifikante und klinisch relevante Unterlegenheit von Cetuximab im Überleben und der lokoregionären Rückfallrate. Außerdem war die Therapie mit Cetuximab insgesamt nicht weniger toxisch als die Cisplatingabe. Damit bleibt die simultane Gabe von Cisplatin zur Strahlentherapie auch bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen die Standardtherapie.
Yom et al. [261]verglichen in einer randomisierten Phase II Studie bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen im Studium I-II (8. UICC Klassifikation) eine alleinige leicht akzelerierte intensitätsmodulierte Strahlentherapie (60 Gy in 5 Wochen) mit einer konventionell fraktionieren intensitätsmodulierte Strahlentherapie (60 Gy in 6 Wochen) in Kombination mit wöchentlich 40 mg/m² Cisplatin. Dabei zeigte sich in Arm mit der alleinigen Strahlentherapie eine signifikant erhöhte lokoregionäre Rückfallrate. In allen anderen onkologischen Endpunkten inklusive der Toxizität zeigten sich keine Unterschiede. In den Registerdaten [235] [236] zeigte sich, dass bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen in den Stadien I-II auch das Überleben signifikant schlechter ist, wenn die simultane Chemotherapie während der Strahlentherapie nicht appliziert wurde. Nur bei Patienten ohne Lymphknotenbefall war in den Stadien I-II die alleinige Radiotherapie ebenso effektiv wie die Radiochemotherapie [240] [235]. Hier eröffnet sich ein gewisser Spielraum für die Einsparung der simultanen Chemotherapie in den Stadien I cN0, obwohl Daten von randomisierten Studien noch ausstehen.
In zwei kleinen Phase II Studien wurde bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen in den Stadien II und III zunächst eine Induktionschemotherapie appliziert. Bei gutem Ansprechen auf die Chemotherapie wurden die Gesamtdosen der nachfolgenden Radio- oder Radiochemotherapien um 16-25 Gy reduziert. Das PFS bei den mit reduzierter Dosis bestrahlten Patienten lag in beiden Studien nach 3 Jahre noch oberhalb von 80%. Aufgrund der kleinen Fallzahlen von n=20 [284] bzw. n = 62 [307] lassen sich daraus aber keine Therapieempfehlungen ableiten.
Zusammenfassend bleiben damit bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen Deeskalationen der Gesamtdosis der Strahlentherapie oder der simultanen Therapie mit Cisplatin in den Stadien I-III Studienfragestellungen. Entsprechen der 3 größeren randomisierten Studien (zusammen 1321 Patienten), die ausschließlich HPV/p16+ Patienten mit Oropharynxkarzinomen in den Stadien I-III (8. UICC- Klassifikation) eingeschlossen haben, ist die konventionell fraktionierte Strahlentherapie mit 5x2 Gy pro Woche bis zu einer Gesamtdosis von 70 Gy in IMRT-Technik in Kombination mit 3 x 100 mg/m² Cisplatin oder 40 mg/m² wöchentliches Cisplatin parallel zur Strahlentherapie das am besten untersuchte Therapiekonzept. In anderen Studien wurden auch leicht akzelerierte Fraktionierungen der Strahlentherapie mit 70-72 Gy innerhalb von 6 Wochen mit ebenfalls guten Ergebnissen [8] benutzt. Der Nutzen einer akzelerierten Strahlentherapie ist bei HPV/p16+ Patienten mit Oropharynxkarzinomen jedoch ungesichert.
Für Patienten mit Oropharynxkarzinomen, die z.B. aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion nicht für Cisplatin geeignet sind, gibt es Ergebnisse aus einer Reihe von randomisierten Studien, die Carboplatin in Kombination mit 5-FU [308] [309][310] [311] [312] [309] [308], Mitomycin C in Kombination mit 5-FU [313], [314] oder wöchentliches Docetaxel [315] simultan zur Strahlentherapie im Vergleich zu alleiniger Strahlentherapie getestet haben. Bei einem Teil dieser Studien wurden einige Patienten auch mit Tumoren der Mundhöhle, des Larynx und Hypopharynx eingeschlossen. Für beide simultan zur Strahlentherapie applizierten Kombinationschemotherapien konnte ein signifikanter Vorteil in Bezug auf das Überleben und die lokoregionäre Tumorkontrolle gezeigt werden. Für eine Monochemotherapie mit Carboplatin [316] [317] [310] [318] liegen nur Studien mit <=80 Patienten im Radiochemotherapiearm vor und für eine Monotherapie mit Mitomycin C [319] [320] [321] parallel zur Strahlentherapie ergaben sich keine signifikanten Vorteile. Der HPV/p16 Status der Oropharynxkarzinome wurde in keiner dieser Studien bestimmt, sodass unbekannt ist, ob der gezeigte Nutzen auch vom HPV/p16-Status der Tumoren abhängt. Wöchentliche Applikationen von Carboplatin und Paclitaxel, simultan zur Strahlentherapie, wurden in einer Reihe von nicht randomisierten Phase-II-Studien und einigen retrospektiven Kohortenstudien untersucht [322], [323], [324], [325], [326], [327], [328]. Oropharynxkarzinome stellten jeweils die Hauptgruppe der behandelten Plattenepithelkarzinome des Kopf-Hals-Bereichs dar, wobei keine Unterscheidung nach HPV/p16-Status gemacht wurde. Die nicht randomisierten retrospektiven Studien weisen auf eine ähnliche Wirksamkeit von Carboplatin + Paclitaxel im Vergleich zu einer wöchentlichen Therapie mit 40mg/m² Cisplatin parallel zur Strahlentherapie hin. Für die alleinige Gabe von Paclitaxel gibt es dagegen nur sehr wenige Daten [329]. Cetuximab in Kombination mit alleiniger Strahlentherapie wurde in einer randomisierten Studie [330] mit der alleinigen Strahlentherapie bei Plattenepithelkarzinomen des Oropharynx (63%), Larynx und Hypopharynx getestet. Dabei konnte ein signifikanter Vorteil im Gesamtüberleben und bei der lokoregionären Rückfallrate gezeigt werden. Der p16 Status wurde bei 182 Oropharynxkarzinomen (66%) nachträglich bestimmt. Dabei zeigte sich, dass der Nutzen von Cetuximab weitgehend auf die p16 positiven Tumoren beschränkt war [306].
Primäre Radio- oder Radiochemotherapie beim HPV/p16- Oropharynxkarzinome
Ergebnisse von randomisierten Studien zum Effekt einer zusätzlich zur Strahlentherapie applizierten Chemotherapie für Patienten mit ausschließlich HPV/p16- Oropharynxkarzinomen liegen bisher nicht vor, da aufgrund vieler Studien die simultane Radiochemotherapie bereits als Standardtherapie eingesetzt wurde, bevor die unterschiedliche Biologie von HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen bekannt war. Einer Auswertung dieser Studien bei Oropharynxkarzinomen ist daher nicht erfolgt. Die Radiotherapie wurde in insgesamt 107 randomisierten Studien (19.805 Patienten) mit der Kombination von Radiotherapie und Chemotherapie verglichen. Das letzte Update der MACH-NC Metaanalyse [331] aus dem Jahr 2021 zeigt, dass nur die simultane Radiochemotherapie zu einer Verbesserung des Gesamtüberlebens und des PFS führt, wohingegen weder eine Induktionschemotherapie noch eine adjuvante Chemotherapie zu einem diesbezüglichen Nutzen führen. In 58 randomisierten Studien wurde bei 14.401 Patienten die Radiotherapie mit einer simultanen Radiochemotherapie verglichen. Die überwiegende Mehrheit dieser Patienten hatten cispaltinhaltige simultane Chemotherapie bekommen. Dabei zeigte sich ein absoluter Überlebensvorteil von 6,5% (95% CL 4,6-8,4%) nach 5 Jahren und von 3,6% (95% CL 1,8-5,4%) nach 10 Jahren. 34,7% dieser Patienten hatte Oropharynxkarzinome. Der Nutzer der zusätzlich zur Strahlentherapie applizierten simultanen Chemotherapie war bei Oropharynxkarzinomen gleich groß (HR 0,82) wie bei Plattenepithelkarzinomen des Larynx (HR 0,81), Hypopharynx (HR 0,88) und der Mundhöhle (HR 0,82) ([331]. Daher geht man davon aus, dass der Nutzen der simultanen Chemotherapie bei HPV/p16- und HPV16+ in gleicher Weise vorhanden ist. Die verfügbaren Registerdaten bestätigen diese Einschätzung [332]. Diese gilt insbesondere für die HPV/p16- Oropharynxkarzinome in den Stadien III-IVb, wohingegen der Nutzen der zusätzlichen simultanen Chemotherapie in den Stadien I-II nicht gut dokumentiert ist [332]. Zu beachten ist, dass nur 9,1% der Patienten in der MACH-NH Metaanalyse älter als 70 Jahre alt waren, nur 5,4 einen ECOG >=2 hatten und nur 5,4% in den Stadien I-II (UICC 7. Ausgabe) therapiert wurden. Während in der MACH-NH Metaanalyse Patienten die über 70 jährigen Patienten keinen Vorteil von der simultanen Chemotherapie hatten, sind in den Registerdatenbanken der der NCDB- und der SEER auch bei den über 70-jährigen Patientin Überlebensvorteile dokumentiert [333] [334]. Diese Patientengruppe bei fehlenden Kontraindikationen für eine simultane Chemotherapie auszuschließen, erscheint daher nicht gerechtfertigt.
Für Patienten, die eine Kontraindikation für Cisplatin haben, konnte in randomisierten Studien auch ein Überlebensvorteil für die simultane Applikation von Carboplatin und 5-FU [308] [309] [310] [311] [312] [309] [308] oder Mitomycin und 5- FU [313] [314] oder wöchentlich Docetaxel [315]simultan zur Strahlentherapie im Vergleich zu alleiniger Strahlentherapie nachgewiesen werden. Für eine Monotherapie mit Carboplatin [316] [317] oder Mitomycin C [319] [320] [310] [318] liegen nur Studien mit <=80 Patienten im Radiochemotherapiearm vor und für eine Monotherapie mit Mitomycin C [319] [320] [321] parallel zur Strahlentherapie ergaben sich keine signifikanten Vorteile. Wöchentliche Applikationen von Carboplatin und Paclitaxel, simultan zur Strahlentherapie, wurden in einer Reihe von nicht randomisierten Phase II Studien und einigen retrospektiven Kohortenstudien untersucht [322], [323], [324], [325], [326], [327], [328]. Oropharynxkarzinome stellten jeweils die Hauptgruppe der behandelten Plattenepithelkarzinome des Kopf-Hals-Bereichs dar, wobei keine Unterscheidung nach HPV/p16-Status gemacht wurde. Die nicht randomisierten, retrospektiven Vergleichsstudien weisen auf eine ähnliche Wirksamkeit von Carboplatin + Paclitaxel im Vergleich zu einer wöchentlichen Therapie mit 40mg/m² Cisplatin parallel zur Strahlentherapie hin. Für die alleinige Gabe von Paclitaxel gibt es dagegen nur sehr wenige Daten [329]. Ein Nutzen von Cetuximab in Kombination mit Strahlentherapie bei HPV/p16- Oropharynxkarzinomen lässt sich aus den verfügbaren Daten nicht ableiten [330] [306] [335].
Die Strahlentherapie sollte wie bei den HPV/p16 negativen Oropharynxkarzinomen in IMRT-Technik mit möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des Schluckwegs und der Mundhöhle erfolgen, ohne die Dosis in den Zielvolumina zu reduzieren. Die Standardfraktionierung bei einer simultanen Chemotherapie ist die konventionelle Fraktionierung mit 5x2 Gy pro Woche bis zu eine Zielvolumendosis von 70 Gy. Eine akzelerierte Strahlentherapie mit der Verkürzung der Gesamtbehandlungszeit auf 6 Wochen oder weniger hat in Kombination mit simultaner Chemotherapie nach den Ergebnissen von 2 randomisierten Studien kein Nutzen gebracht [336] [309]. Hyperfraktionierte Strahlentherapien mit 2 Fraktionen pro Tag 5x pro Woche mit Einzeldosen von 1,2-1,25 Gy bis zu Gesamtdosen von 74,4- 80,4 in Kombination mit simultaner Chemotherapie wurden in mehreren randomisierten Studien [337] [338] [339] mit alleinigen hyperfraktionierten Strahlentherapien verglichen. Die zusätzliche Chemotherapie verbesserte auch in Kombination mit der hyperfraktionierten Strahlentherapie das Überleben und die lokoregionäre Tumorkontrolle. In den randomisierten Studien zur alleinigen Strahlentherapie, die verschiedene Fraktionierungen der Strahlentherapie miteinander verglichen haben, erwies sich nur die hyperfraktionierte Strahlentherapie, wie in den o.g. Studien beschrieben, bezüglich des Gesamtüberlebens als signifikant überlegen, wohingegen akzelerierte Bestrahlungsschemata nur eine Verbesserung der lokoregionären Tumorkontrolle, aber keinen Überlebensvorteil bewirkten [340]. Bisher wurden hyperfraktionierte Strahlentherapien in Kombination mit simultaner Chemotherapie nicht mit konventionell fraktionierten Strahlentherapien mit simultaner Chemotherapie vergleichen. Damit bleibt unklar, ob eine hyperfraktionierte Strahlentherapie mit simultaner Chemotherapie möglicherweise noch effektiver ist als eine konventionell fraktionierte Strahlentherapie in Kombination mit simultaner Chemotherapie, wie von einer Netzwerkmetaanalyse vorhergesagt [341]. Im Falle einer alleinigen Strahlentherapie bei Kontraindikationen zu einer simultanen Chemotherapie ist eine hyperfraktionierte Strahlentherapie eine gute Option, wobei allerdings nicht gesichert ist, ob Patienten mit schlechtem Allgemeinzustand oder sehr alte Patienten, die sich nicht für eine simultane Chemotherapie eignen, von einer hyperfraktionierte Strahlentherapie einen Vorteil haben. Bei allen aufgeführten Studien zur Fraktionierung der Strahlentherapie ist zu beachten, dass nur ungefähr ein Drittel der Patienten Oropharynxkarzinome hatte und der HPV/p16-Status unbekannt war. Allerdings ergab sich in den Studien kein Hinweis auf unterschiedliche Effekte der Fraktionierungen zwischen Plattenepithelkarzinomen der Oro-, Hypopharynx, Larynx und der Mundhöhle.
8.1.4 Adjuvante Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Die postoperative Strahlentherapie sollte möglichst früh nach Abschluss der Wundheilung innerhalb eines Zeitraums von 6 Wochen nach der Operation begonnen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei primär chirurgisch behandelten Patienten mit HPV/p16 positiven Oropharynxkarzinomen im Stadien I, II (UICC 8. Ausgabe) sollte eine adjuvante Radio-/Radiochemotherapie erfolgen, wenn die
- Resektion R1 oder <5mm im Gesunden erfolgt ist oder
- solitärem Lymphknoten >3cm oder
- mehr als ein tumorbefallener Lymphknoten oder
- >= 1 Lymphknoten mit ECS histologisch nachgewiesen wurde.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei primär chirurgisch behandelten Patienten mit HPV/p16-negativen Oropharynxkarzinomen im Stadien pT1, pT2 N0 (UICC 8. Ausgabe) sollte eine adjuvante Radio-/Radiochemotherapie erfolgen, wenn die Resektion R1, <5mm im Gesunden erfolgt ist.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Beim pT1-pT2 pN0 (M0) HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinom sollte auf eine adjuvante Radiotherapie verzichtet werden, wenn die Resektion >5 mm im Gesunden erfolgt ist
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Beim pT1-pT2 (M0) HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinom mit nur einem befallenen Lymphknoten <3cm (ohne ECS) kann auf eine adjuvante Radiotherapie verzichtet werden, wenn alle folgenden Kriterien erfüllt sind:
- G1-G2 (HPV/p16 neg.)
- L0
- V0
- Pn0
- R0 >5 mm
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine adjuvante Bestrahlung der Region mit befallenen Lymphknotenlevel ohne Kapseldurchbruch bei HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen sollte mit 54- 60 Gy in Einzeldosen von 1,8 Gy – 2,0 Gy erfolgen
und
die adjuvante Bestrahlung befallener Lymphknotenlevel mit Kapseldurchbruch sollte mit 66 Gy in Einzeldosen von 2,0 - 2,2 Gy erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine adjuvante Bestrahlung nicht befallener Lymphknotenlevel bei HPV/p16 positiven Oropharynxkarzinomen sollte mit 45- 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 1,8 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationalen Konsensus richten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Sofern eine adjuvante Radiochemotherapie bei einem HPV/p16 positiven oder negativen Oropharynxkarzinom indiziert ist, sollte eine Cisplatin-basierte Chemotherapie simultan zur Radiotherapie appliziert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten, die z. B aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion Cisplatin nicht erhalten können, können als simultane Systemtherapie Mitomycin C + 5-FU, Carboplatin + 5-FU oder Docetaxel eingesetzt werden.
Postoperative Radiotherapie
Der Effekt einer postoperativen Radiotherapie im Vergleich zu keiner adjuvanten Strahlentherapie wurde in randomisierten Studien nicht untersucht. Allerdings zeigten die Ergebnisse von Kohortenstudien und prospektiven Registerdaten bei Patienten mit mehr als einem tumorbefallenen Lymphknotenbefall, extrakapsulären Tumorwachstum an den Lymphknoten (ECE) oder mit nur knapp im Gesunden resezierten Tumoren (<5mm) eine sehr klare Überlegenheit der adjuvanten Strahlentherapie, so dass auf die Durchführung randomisierter Studien verzichtet wurde ([342], [343], [344], [345]). In diesen Untersuchungen waren Plattenepithelkarzinome vom Larynx, Oro- und Hypopharynx und der Mundhöhle enthalten. Der HPV/p16 Status war in keinem der untersuchten Kollektive bekannt. Die untersuchten Kollektive wurden überwiegend in den westlichen Ländern zwischen 1970 und 1998 therapiert bzw. im asiatischen Raum im Zeitraum von 1990-2008. Nach den vorliegenden Daten zur geringen Häufigkeit von HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen in diesen Ländern im Untersuchungszeitraum, kann davon ausgegangen werden, dass die Oropharynxkarzinome in diesen Studien ganz überwiegend HPV/p16- waren [346], so dass diese Daten im Wesentlichen für HPV/p16- Oropharynxkarzinome gelten. Soliman et al. 2022 [347] werteten die Daten von 15.036 Patienten mit HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen, die zwischen 2010 und 2017 in der National Cancer Database (USA) dokumentiert wurden und nach einer primär chirurgischen Therapie ganz überwiegend in den Stadien I und II eine adjuvante Strahlentherapie oder keine adjuvante Strahlentherapie erhalten hatten. Patienten, die eine adjuvante Radiochemotherapie erhalten hatten, wurden dabei ausgeschlossen. Die adjuvante Strahlentherapie führte in der „Propensity Score Matched“ Analyse zu einem signifikanten Überlebensvorteil von absolut ca. 8% nach 5 Jahren im Gesamtkollektiv und bei 10% für Patienten mit Risikofaktoren (R1-Resektion, ECE, LVI, Blutgefäßinvasion). Das Gesamtüberleben mit postoperativer Strahlentherapie lag mit 90% bzw. 87% nach 5 Jahren im Gesamtkollektiv bzw. bei Patienten mit Risikofaktoren deutlich über den berichteten Werten in den alten Daten für Patienten mit Oropharynxkarzinomen mit unbekannten HPV/p16 Status ([342], [343], [344], [345]). Die verfügbaren Daten sprechen dafür, dass bei Oropharynxkarzinomen eine adjuvante Strahlentherapie unabhängig vom HPV/p16 Status die lokoregionäre Rückfallrate senkt und das Überleben verbessert, sofern mehr als ein regionärer Lymphknoten befallen ist oder der Primärtumor nur knapp im Gesunden (<5mm) reseziert wurde. Für Patienten mit pT3/pT4 Tumoren, Lymphknotenbefall mit ECE oder R1 Resektion sind für HPV/p16+ Oropharynxkarzinome keine belastbaren Daten zu Therapieergebnissen ohne adjuvant Strahlentherapie vorhanden, da international Konsens besteht, dass diese Patienten, genauso wie die mit bei HPV/p16- Tumoren, eine adjuvante Strahlentherapie benötigen [348].
Postoperative Radiochemotherapie
Der Stellenwert einer zusätzliche simultan zur Strahlentherapie verabreichten cisplatinhaltigen Chemotherapie wurde in 3 größeren randomisierten Studien untersucht, wobei neben Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Oro- und Hypopharynx, Larynx und der Mundhöhle eingeschlossen wurden [349], [350], [351]. Der HPV/p16 Status wurde in diesen Studien nicht bestimmt. Es kann aber auch in diesen Kollektiven aus den o.g. Gründen davon ausgegangen werden, dass die überwiegende Anzahl der Oropharynxkarzinome in diesen Studie HPV/p16- waren. Die Ergebnisse der Studien zeigten übereinstimmend, dass Patienten mit Nachweis einer ECE an den befallenen Lymphknoten oder einer R1 Resektion (in diesen Studien definiert mit Resektion <5mm im Gesunden) einen Überlebensvorteil von einer adjuvanten Radiochemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen adjuvanten Radiotherapie hatten. In einer Analyse basierend auf dem NCDB-Register [352] wurde die Ergebnisse eine adjuvanten Radiochemotherapie mit denen eine adjuvanten alleinigen Radiotherapie bei 1127 Patienten mit HPV/p16+ und 424 Patienten mit HPV/p16- Oropharynxkarzinomen, die intermediäre Risikofaktoren für ein Rezidiv aufwiesen, (mindestens einer der folgenden Faktoren: pT3-T4, ≥2 tumorbefallene Lymphknoten, befallene Lymphknoten in Level IV oder V, Lymphgefäßinvasion) ausgewertet. In den „Propensity Score Matched“ Kohorten der HPV/p16+ und HPV/p16- Tumoren konnte für die zusätzliche platinhaltige Chemotherapie kein Nutzen in Bezug auf das Überleben gezeigt werden. Andere Endpunkte wurden nicht untersucht. Damit ist beim Vorliegen dieser intermediären Risikofaktoren eine alleinige adjuvante Radiotherapie zu bevorzugen.
Obwohl der Lymphknotenbefall mit ECE bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen nicht in der N-Klassifikation und in der Stadieneinteilung berücksichtigt wird, zeigen die Ergebnisse aus verschiedenen Registerstudien, dass der Nachweis von ECE an den Lymphknoten bei Oropharynxkarzinomen unabhängig vom HV/p16 Status mit einer signifikant erhöhten Rezidivrate und einem schlechteren Überleben verbunden ist ([353], [354], [355], [356]). Wenn bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen eine adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie appliziert wurde, ist die Rückfallrate beim Vorhandensein von ECE aber nur noch minimal erhöht und nur noch größeren Kollektiven nachweisbar. Die verfügbaren Daten aus den Registerstudien zeigen dabei übereinstimmend keinen Nutzen einer adjuvanten Radiochemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen adjuvanten Radiotherapie [353], [354], [355]. Ergebnisse von randomisierten Studien liegen dazu nicht vor. Daten zum Rückfallmuster nach adjuvanter Radio- oder Radiochemotherapie bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen weisen darauf hin, dass die schlechtere Prognose bei Patienten mit ECE an den Lymphknoten fast ausschließlich durch eine höhere Fernmetastasierungsrate bedingt ist [357]. Scheinbar reicht die Intensität der simultan zur Radiotherapie applizierten patinhaltigen Chemotherapie nicht aus, um die Fernmetastasierung zu reduzieren. Die vorhandenen Registerdaten weisen also darauf hin, dass auch bei Lymphknotenbefall mit Nachweis von ECE bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen eine alleinige adjuvante Strahlentherapie ausreichen könnte und möglicherweise auf die zusätzliche Chemotherapie verzichtet werden kann.
Im Gegensatz dazu zeigen die verfügbaren Registerdaten einen klaren Vorteil für eine simultan zur adjuvanten Strahlentherapie applizierte platinhaltige Chemotherapie beiHPV/p16- Oropharynxkarzinomen bei Nachweis einer ECE an den Lymphknoten ([353], [354], [355]).
Weniger gut dokumentiert ist der Einfluss von positiven (<1 mm) oder knappen Resektionsrändern (<5 mm) auf die Rückfallrate und das Überleben bei Oropharynxkarzinomen in Abhängigkeit vom HPV/p16 Status. In den dazu verfügbaren Daten aus Registerstudien zeigt sich bei HPV/p16- Oropharynxkarzinomen ein größerer negativer Einfluss auf die Rückfallrate und das Überleben als bei HPV/p16+ Tumoren [356]. Unabhängig vom HPV/p16 Status unterscheiden sich die Rückfallraten im Falle von positiven (<1mm) im Vergleich zu knappen (<5 mm) Resektionsrändern nicht signifikant, auch wenn ein Trend zugunsten der größeren Resektionsränder zu erkennen ist [358], [271]. Erst bei tumorfreien Resektionsrändern von >=5 mm werden die Unterschiede größer und zum Teil statistisch signifikant, sofern größere Kollektive untersucht wurden [358], [344]. Unabhängig davon, ob keine adjuvante Therapie erfolgt ist oder eine adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie, sind die Therapieergebnisse bei den HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen in Bezug auf die Rückfallrate und das Überleben signifikant besser ([358], [356]). In einem großen Kollektiv der NCDB [359]war bei Patienten mit HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen mit nachgewiesenen positiven Resektionsrand ebenso wie beim Nachweis von ECE an den befallenen Lymphknoten oder wenn beide Risikofaktoren vorlagen, das Überleben nicht unterschiedlich, ob die Patienten eine adjuvante alleine Radiotherapie oder eine Radiochemotherapie erhalten hatten. Ergebnisse von randomisierten Studien liegen nicht vor. Zusammenfassend ist damit der Nutzen einer adjuvanten Radiochemotherapie gegenüber einer alleinigen adjuvanten Strahlentherapie bei positiven oder knappen Resektionsrand bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen im Gegensatz zu HPV/p16- Oropharynxkarzinomen nicht gesichert anzusehen. Allerdings waren in den zuvor beschriebenen Kollektiven Patienten mit HPV/p16+ Oropharynxkarzinome mit lokal fortgeschrittener Erkrankung (pT3-4 oder pN2-3), die zusätzlich noch ECE an den befallenen Lymphknoten oder nur knapp im Gesunden reseziert wurden, deutlich unterrepräsentiert, so dass in diesen Fällen ein relevanter Nutzen einer adjuvanten Radiochemotherapie keinesfalls ausgeschlossen werden kann. Wird die Indikation für eine postoperative Radiochemotherapie gestellt, ist zu beachten, dass nur für Cisplatin oder Cisplatin + 5-FU Ergebnisse von randomisierten Studien vorliegen, die eine signifikante Reduktion der Rückfallrate bzw. eine Verbesserung des Überlebens gezeigt haben ([349], [350], [351]. In einer randomisierten japanischen Studie (n=261) wurden 3x 100 mg/m² Cisplatin im Abstand von 3 Wochen mit wöchentlich 40 mg/m² Cisplatin simultan zur postoperativen Strahlentherapie verglichen [360]. Dabei konnte die Nicht-Unterlegenheit der wöchentlichen Gabe von Cisplatin gezeigt werden. Der Anteil von Patienten mit Oropharynxkarzinomen (11%) war allerdings klein.
Für Patienten, die z.B. wegen eine eingeschränkte Nierenfunktion kein Cisplatin erhalten können, gibt es für die postoperative Radiochemotherapie nur wenige Daten. Für Mitomycin C liegen Daten von zwei keinen randomisierten Studien vor, die nur einen Trend in Richtung eines Überlebensvorteil gezeigt haben [321][361]. Die wöchentliche Gabe von Docetaxel simultan zur Strahlentherapie wurde in einer randomisierten Studie mit der alleinigen Strahlentherapie verglichen [315]. In einer kleinen Subgruppe dieser Studie erfolgte die Therapie auch in der postoperativen Situation. Dabei zeigte sich ein Trend zu einem verbesserten Überleben für die kombinierte Therapie. Für Carboplatin + 5-FU und Carboplatin + Paclitaxel, liegen keine Ergebnisse randomisierter Studien in der postoperativen Situation vor. Es erscheint allerdings plausible, im Analogschluss aus der Wirksamkeit dieser Kombinationen bei der primären Radiochemotherapie (siehe 8.3.1), diese Kombinationen auch in der postoperativen Situation einzusetzen. Für den Einsatz von Cetuximab in der postoperativen Situation gibt es keine Daten, die einen Nutzen nahelegen.
Für Patienten mit mittleren Rückfallrisiko (Kein ECE und Resektion >=5 mm im Gesunden) wurden bei der ganz überwiegenden Anzahl der Patienten in den klinischen Studien und den Registerdaten 60 Gy (5x 2 Gy pro Woche) in der Region des ehemaligen Primärtumors und der befallenen Lymphknoten unabhängig von HPV/p16 Status appliziert. In den angrenzenden nicht befallenen Lymphkotenregionen wurden elektiv 45-50 Gy mit 5x 1,8-2,0 Gy pro Woche verabreicht. Für die Auswahl der elektiv zu bestrahlenden Lymphknotenlevel gibt es einen internationale Konsensus, der als Standardvorgabe gewertet werden kann [298]. Bei HPV/p16+ Oropharynxkarzinomen wurden in kleineren Phase II Studien auch niedrigere Dosen von 50 Gy in konventioneller Fraktionierung [285] oder nur 30 Gy mit 2x1,5 Gy pro Tag untersucht [362], sofern eine R0 Resektion und kein ECE an den Lymphknoten vorlag. In der erstgenannt Phase II Studie [362] wurden 208 Patienten zwischen 60 Gy und 50 Gy randomisiert. Das PFS nach 3 Jahren lag bei 50 Gy ebenso wie bei 60 Gy bei 90%. Auch in der einarmigen Studie mit nur 30 Gy lag das PPF auch bei knapp 90%. Die Fallzahlen in den genannten Studien ist aber noch als zu klein anzusehen, um eine Dosisreduktion generell empfehlen zu können. Bei Patienten mit hohem Rückfallrisiko (ECE oder Resektion <5 mm im Gesunden bzw. R1) wurden in der Studie von Moore et al. 2020 [362] 36 Gy mit 2x täglich 1,8 Gy in Kombination mit Docetaxel bei 22 Patienten appliziert, ohne dass eine auffällig erhöhte Rückfallrate berichtet wurde. In der Studie von Ferris et al. [285] wurden dagegen bei hohen Rückfallrisiko 66 Gy in konventioneller Fraktionierung in Kombination mit simultanen Cisplatin gegeben. Eine Deeskalation der Strahlendosis unter die empfohlene Dosis von 66 Gy (5x2 Gy pro Woche) bleibt unabhängig vom HPV/p16 Status der empfohlene Standard in der Hochrisikosituation. Für die elektive adjuvante Bestrahlung benachbarter, nicht befallenen Lymphknotenstationen werden auch in der Hochrisikosituation 45-50 Gy (5x1,8-2,0 Gy pro Woche) angeraten. IMRT-Techniken sind auch bei der postoperativen Strahlentherapie als Standard einzustufen.
8.1.5 Neoadjuvante und adjuvante medikamentöse Tumortherapie
Für die Primärtherapie des Oropharynxkarzinoms werden generell weder Induktionskonzepte, noch adjuvante, rein medikamentöse Therapiekonzepte empfohlen. In großen Metanalysen konnten keine Vorteile durch Addition dieser Konzepte generiert werden. Zukünftig ist abhängig von der Entwicklung der viel versprechenden Studienlage vorstellbar, dass durch den Einsatz von Checkpointinhibitoren neoadjuvante und adjuvante Konzepte Einzug in die klinische Praxis der Primärtherapie halten werden [363][364][365].
Eine neoadjuvante oder adjuvante systemische Therapie sollte bei primärer operativer Therapie, bzw. definitiver Radio- oder Radiochemotherapie beim HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen nur innerhalb von klinischen Studien erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
8.2 Oropharynx-Karzinome in den UICC Stadien III p16-positiv:T1N3 - T4; Stadium III und IV-A, -B p16-neg.: T3-TxN3, M0)
Es gibt Hinweise, dass Patienten mit HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinomen im Stadien III (UICC 8. Ausgabe) nach einer primär chirurgischen Therapie, gefolgt von einer adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie, im Vergleich zu einer primären Radiochemotherapie ein besseres Gesamtüberleben und rückfallfreies Überleben aufweisen.
Evidenztabellen (2)
PICO 2 - De-Eskalation der Standardtherapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]; PICO 3- Chirurgie +/- adjuvante Therapie vs Radio(chemo-)therapie bei Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]Patienten mit HPV/p16-positiven im Stadien III oder -negativen Stadium III-IVb Oropharynxkarzinomen (UICC 8. Ausgabe) sollten mit einer primär chirurgischen Therapie gefolgt von einer adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie therapiert werden, sofern ein gutes funktionelles Ergebnis und eine R0 Resektion wahrscheinlich erreichbar sind.
Ansonsten sollen diese Patienten eine primäre Radiochemotherapie erhalten.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊝⊝
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
- Literatur
- [246] [367]
Evidenztabellen (2)
PICO 2 - De-Eskalation der Standardtherapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]; PICO 3- Chirurgie +/- adjuvante Therapie vs Radio(chemo-)therapie bei Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]Bei Patienten mit HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen, die nicht mit einer Operation behandelt werden, soll, besonders in der Altersgruppe bis 70 Jahren, eine primäre Radiochemotherapie einer alleinigen Strahlentherapie vorgezogen werden.
8.2.1 Operative Therapie
Die operative Therapie wurde ausführlicher in Kapitel 8.1.1 dargestellt. Mit besonderem Fokus auf die fortgeschrittenen Oropharynxkarzinome (p16- pos. Stadium III, p16-neg. Stadium III und IVa) fehlen gänzlich randomisierte Studien, die eine primär operative Therapie mit einer Radiochemotherapie direkt vergleichen. Insofern helfen für die Einordnung Registerstudien, wenngleich von einem geringeren Evidenzgrad ausgegangen werden muss. Cheraghlou et al. ([236]; Evidenztabelle PICO 2, registerbasierte Studien) führten eine Registerstudie mit 4443 Patienten mit HPV-positivem Oropharynxkarzinom aller Tumorstadien auf Basis der National Cancer Data Base (NCDB, Daten aus 2009-2013), klassifiziert nach der aktuellen 8th TNM-Edition, durch. Einschränkend muss angemerkt werde, dass in dieser Studie keine Daten zum Raucherstatus und zur Anwendung gekommene jeweiligen chirurgischen Verfahren berücksichtigt wurden, aber der stadienabhängige Modalitäsvergleich mit am besten herausgearbeitet wurde. Bei Patienten im Stadium III (n=450) der Erkrankung war die "Triple-Modality"-Therapie (Chirurgie + adj. Radiochemotherapie) im Vergleich zur Behandlung mit alleiniger definitiver Radiochemotherapie mit einem signifikant verbesserten Überleben (HR 0,52; P = 0,024) verbunden. Das 3-Jahres-Gesamtüberleben der Stadium III-Patienten nach Radiochemotherapie betrug 71,9% und nach Chirurgie + adjuvanter Radiochemotherapie 84,9%. Ähnliche Ergebnisse zugunsten des trimodalen Vorgehens wurden auch für das fortgeschrittene p16-negative Oropharynxkarzinom beobachtet (retrospektive Kohorte mit 131 Patienten; [247]).
Amini et al führten ebenfalls aus der NCDB (2009 – 2011) eine Registerstudie mit 3952 Patienten (2454 p16-pos.) und etwas weniger aussagekräftigeren Fokus durch ([370]). Der T3-T4-Anteil wurde mit 20,8% und als Referenzgruppe wurde die alleinige chirurgische Therapie (selten relevant) angegeben. Sämtliche bi- und trimodalen Ansätze waren besser als die alleinige Chirurgie, die lediglich mit alleiniger Strahlentherapie vergleichbar war. Schlussgefolgert wurde, dass bimodale Therapien vorteilhaft bei HPV-positivem Oropharynxkarzinom erschienen. Bei HPV-negativen Patienten war eine postoperative Chemotherapie mit Bestrahlung mit einer Verbesserung des Gesamtüberlebens verbunden, während bei HPV-positiven Patienten kein signifikanter Vorteil beobachtet werden konnte ([370]; Fazit PICO 3-Auswerung). Kamran et al., 2018 ([366] Evidenztabelle PICO-3) kommen in einer Registerstudie (NCDB 2004-2013; 22.676 Patienten; Subset 6872 mit HPV-Status; 73,3% HPVpos.; 31,7% T3-T4) einer Propensity-gemachten Kohorten für HPVpos. Patienten zu dem Schluss, dass Patienten, die primär chirugisch behandelt werde, ein besseres 3-Jahres-Überleben, besonders in der Subgruppe der (HPV)-negative Patienten (p=0,06), als nach primärer Radiochemotherapie haben. Bei HPVpos. Status war dieser Unterschied nicht signifikant (p=0,38). Zu einem änlichen Schluss kamen weitere, in der PICO-3 Tabelle dargestellte Registerstudien ([371], [239], [372], [240]).
Zusammengefasst sprechen sich die Mehrzahl der Autoren auf Basis der Registerstudien bei Stadium III und IVa, p16neg. Oropharynxkarzinomen für die primäre Chirurgie, gefolgt von adjuvanter Radio-, bzw. Radiochemotherapie als Therapie der ersten Wahl aus. Für die p16pos. Patienten ergeben die Registerstudien kein einheitliches Bild, obgleich die größte Registerstudie an 450 HPVpositiven Stad.III-Patienten [236] eine signifikante Überlegenheit der primären Chirurgie + adjuvanter Radiochemotherapie ausweist. Da alle Registerstudien nicht nach Rauchstatus adjustiert haben, sollte die aktuelle Datenlage mit der gebotenen Zurückhaltung bewertet werden. In der Gesamtbetrachtung ist das primär chirurgische Vorgehen aktuell in der angesprochenen Patientengruppe zu favorisieren, soweit eine R0-Resektion möglich und ein sinnvolles funktionelles Ergebnis zu erwarten ist. Die Hinweise zu den jeweiligen chirurgischen Techniken wurden bereits in Kap. 8.1.1 gegeben.
8.2.2 Strahlentherapie
Bezüglich des Begleittextes zur Strahlentherapie im Allgemeinen verweisen wir auf die Ausführungen in Kap. 8.1.2.
Eine Deeskalation der Gesamtdosis der Strahlentherapie sollte bei primärer und adjuvanter Radio- oder Radiochemotherapie beim HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinomen innerhalb von klinischen Studien erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊝⊝
- Konsens
- Starker Konsens (95%)
- Literatur
- [373] [284]
Evidenztabellen (2)
PICO 2.3 - De-Eskalation der Standardtherapie (Induktionsschemotherapie mit dosisreduzierter Bestrahlung vs Induktionsschemotherapie mit Standarddosis-Bestrahlung) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika]; PICO 2.3 - De-Eskalation der Standardtherapie (Induktionsschemotherapie mit dosisreduzierter Bestrahlung vs Induktionsschemotherapie mit Standarddosis-Bestrahlung) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [GRADE-Bewertung]8.2.3 Primäre Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Bezüglich der Ausführungen zur primären Radio-, bzw. Radiochemotherapie verweisen wir auf den Begleittext Kap.8.1.3.
Die primär konservative Therapie bei Patienten mit HPV/p16-positiven Stadium III und -negativen Stadium III-IVb Oropharynxkarzinomen (UICC 8. Ausgabe), soll als Radiochemotherapie erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊝⊝
In der Subgruppe HPV/p16 negativ
⊕⊕⊝⊝In der Subgruppe HPV/p16 positiv
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [235] [236] [332]
Evidenztabellen (2)
PICO 2 - De-Eskalation der Standardtherapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]; PICO 3- Chirurgie +/- adjuvante Therapie vs Radio(chemo-)therapie bei Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]Bei Patienten mit HPV/p16-positivem Stadium III und -negativem Stadien III-IVb Oropharynxkarzinomen (UICC 8. Ausgabe) sind die lokoregionäre Tumorkontrolle und das Gesamtüberleben nach primärer Radiochemotherapie statistisch signifikant besser als nach alleiniger Radiotherapie.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 1a
In der Subgruppe p16 negativ (S3 Leitlinienadaptierung - Larynxkarzinom, Version 1.1 2019 (7.9))
⊕⊝⊝⊝In der Subgruppe HPV/p16 positiv
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [2] [236] [368] [369] [374] [375]
Beim HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinom soll im Falle einer primären Radiochemotherapie die simultane Chemotherapie Cisplatin-basiert sein.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊕⊕⊕
In der Subgruppe HPV/p16 positiv
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [304] [303] [302]
Evidenztabellen (2)
PICO 2.1 - De-Eskalation der Standardtherapie (Bestrahlung + Cisplatin vs. Bestrahlung + Cetuximab) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika]; PICO 2.1 - De-Eskalation der Standardtherapie (Bestrahlung + Cisplatin vs. Bestrahlung + Cetuximab) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [GRADE-Bewertung]Bei Patienten, die z. B aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion nicht Cisplatin erhalten können, können als simultane Systemtherapie Carboplatin + 5-FU, Mitomycin C + 5-FU, ein Taxan oder Cetuximab (HPV/p16+) eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen, die keine Kontraindikation gegen eine Cisplatin-basierte Chemotherapie haben, soll Cetuximab wegen erwiesener Unterlegenheit in Bezug auf das Überleben nicht eingesetzt werden.
Bei einer primärem Radio- oder Radiochemotherapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen in den Stadien I-III (UICC 8. Ausgabe) sollte die Strahlentherapie mit 5x2 Gy pro Woche bis zu einer Zielvolumendosis von 70 Gy im Bereich der befallenen Lymphknoten und des Primärtumors erfolgen oder ein anderes etabliertes Schema mit biologischer äquivalenter Gesamtdosis zur Anwendung kommen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei einer primärem Radio- oder Radiochemotherapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen sollte die Bestrahlung nicht-befallener Lymphknotenlevel mit 45- 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 2 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationale Konsensus richten [298].
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [298]
In den elektiv zu bestrahlenden Lymphknotenlevel sollte bei HPV/p16-negativen Oropharynxkarzinomen die Dosis je nach Risiko zwischen 50 Gy und 60 Gy mit Einzeldosen von 1,5-bis 2,0 Gy erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die primäre Radio- oder Radiochemotherapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen in den Stadien III (HPV/p16 positiv) bzw. III-IVb (HPV/p16 negativ) soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des nicht befallenen Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
8.2.4 Adjuvante Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Bezüglich der adjuvanten Therapie verweisen wir auf den Begleittext Kap. 8.1.4.
Die postoperative Strahlentherapie sollte möglichst früh nach Abschluss der Wundheilung innerhalb eines Zeitraums von 6 Wochen nach der Operation begonnen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei primär chirurgisch behandelten Patienten mit HPV/p16-positiven Stadien III und -negativen Stadien III-IVb Oropharynxkarzinomen (UICC 8. Ausgabe) soll eine adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie erfolgen.
Eine adjuvante Radiochemotherapie nach primär chirurgischer Therapie von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen im Stadium III, bzw. III-IVb sollte erfolgen, wenn die Resektion <5mm im Gesunden erfolgt ist oder ein extrakapsuläres Tumorwachstum an einem oder mehreren Lymphknoten histologisch nachgewiesen wurde.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 1b
S3 Leitlinienadaptierung - Larynxkarzinom, Version 1.1 2019 (7.39)
⊕⊕⊝⊝In Subgruppe HPV/p16 positiv
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [355] [354] [353] [349] [376] [350] [2] [351]
Eine adjuvante Bestrahlung nicht befallener Lymphknotenlevel bei HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen sollte mit 45- 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 1,8 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationale Konsensus richten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die adjuvante Bestrahlung von HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Sofern eine adjuvante Radiochemotherapie bei einem HPV/p16-positiven oder -negativen Oropharynxkarzinom indiziert ist, sollte eine Cisplatin-basierte Chemotherapie simultan zur Radiotherapie appliziert werden.
Bei Patienten, die z. B aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion Cisplatin nicht erhalten können, können als simultane Systemtherapie Mitomycin C + 5-FU, Carboplatin + 5-FU oder Docetaxel eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
8.2.5 Neoadjuvante und adjuvante medikamentöse Tumortherapie
Eine neoadjuvante Chemotherapie vor geplanter definitiver Radio-oder Radiochemotherapie soll bei HPV/p16-negativen Oropharynxkarzinomen nicht durchgeführt werden.
Eine neoadjuvante oder adjuvante systemische Therapie sollte bei primärer operativer Therapie, bzw. definitiver Radio- oder Radiochemotherapie beim HPV/p16-positiven und -negativen Oropharynxkarzinomen nur innerhalb von klinischen Studien erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Für die Primärtherapie des Oropharynxkarzinoms werden generell weder Induktionskonzepte noch adjuvante, rein medikamentöse Therapiekonzepte empfohlen. In großen Metanalysen konnten keine Vorteile durch Addition dieser Konzepte generiert werden. Zukünftig ist abhängig von der Entwicklung der viel versprechenden Studienlage vorstellbar, dass durch den Einsatz von Checkpointinhibitoren neoadjuvante und adjuvante Konzepte Einzug in die klinische Praxis der Primärtherapie halten werden [363][364][365].
8.3 Oropharynx-Karzinome mit Fernmetastasen: UICC Stadien IV p16-positiv:M1; Stadium IV-C p16-neg.
Bei einem bereits bei der Erstdiagnose fernmetastasierten Tumorleiden muss man eine strenge Abwägung der begrenzt kurativen Therapiemöglichkeiten und der sehr eingeschränkten Prognose im interdisziplinären Tumorboard diskutieren. Die Behandlungsangebote werden unter dem Oberbegriff der palliativmedizinischen Behandlung subsummiert (siehe auch Kap. 9). Da die Prinzipien in diesen Tumorstandien für Plattenepithelkarzinome der Mundhöhle, des Oro- (p16-pos. und -neg.), Hypopharynx und des Larynx gleichermaßen gelten, wird zur weiterführenden Behandlungsempfehlung auf die S3-Leitlinie Mundhöhlenkarzinom, Version 3.0, Kap. 8.9. verwiesen, in der das Thema mitsamt Empfehlungen ausführlich beschrieben und konsentiert wurde [1]
8.4 Hypopharynx-Karzinome in den UICC Stadien I und II
Allgemeine Vorbemerkungen
Bei der Therapie des Hypopharynxkarzinoms sind wichtige chirurgisch-anatomische Besonderheiten neben der rein deskriptiven Anatomie (Kap. 3) zu berücksichtigen. Diese betreffen die nachbarschaftlichen Beziehungen zum Larynx, Ösophaguseingang, der zervikalen Gefäßscheide und der prävertebralen Faszie. Da die Hypopharynxschleimhaut gut vaskularisiert bzw. von einem dichten Lymphgefäßnetz durchdrungen ist und keine natürliche Barriere zum Ösophagus besteht, können sich Karzinome ungeachtet der Tumorbiologie erheblich schneller ausbreiten als beispielsweise in der Glottis, die durch das Larynxknorpelskelet natürlich eingekesselt ist. Zusätzlich geht man davon aus, dass Hypopharynx und Ösophagus phylogenetische Gemeinsamkeiten aufweisen und sich daher auch Ähnlichkeiten in der onkologischen Betrachtung ergeben. Dies hängt mit dem gemeinsamen embryonalen Vorläufer, dem Vorderdarm zusammen [380]. In diesem Zusammenhang soll eine weitere wichtige Beobachtung zur Feldkanzerisierung von Hypopharynxkarzinomen beschrieben werden, die nach sehr guten Überlebensraten (60%; außerhalb dieser Studie <10%) von T4b Hypopharynxkarzinomen mit Infiltration des oberen Ösophagus nach radikaler Laryngohypopharyngoösophagektomie [381], also der Resektion des Hypopharynx mit gesamtem Ösophagus mit konsekutivem Magenhochzug als Ösophagusersatz und adjuvanter Strahlentherapie mit 60 Gy in konverntioneller Fraktionierung, gemacht wurden. In einer umfangreichen molekularen Charakterisierung (SELDI-TOF Proteomics) wurde eine Gruppe von Patienten mit Hypopharynxkarzinomen mit einer Gruppe von Nicht-Krebspatienten vergleichen. In beiden Gruppen wurden mehrere Proben in Hypopharynx und Ösophagus untersucht. In der Analyse konnte eine Gruppe von 45 aberrant exprimierten Proteinen gefunden werden, die nur bei den Krebspatienten nachweisbar waren. In einem Teil der Krebs-Patienten konnten auch in der vermeintlich gesunden Ösophagusschleimhaut entlang der Speiseröhre vergleichbare Expressionsmuster dieser Signatur gefunden werden. Die 5-Jahresüberlebensraten dieser Patienten zeigte, dass die Signatur sich als prädiktiv für eine vorhandene Feldkanzerisierung im Ösophagus erwies. Alle Patienten mit Hypopharynxkarzinom und der benannten Signatur im Ösophagus waren verstorben und 80% der Patienten ohne diese Signatur im Ösophagus haben überlebt [382]; [6].
Plattenepithelkarzinome des Hypopharynx verhalten sich also ähnlich aggressiv wie die des Ösophagus. Es gibt eine enge phylogenetische Verbindung zwischen Hypopharynx und Ösophagus, die sich von Oropharynx und Larynx streng abzugrenzen scheint. Insbesondere die oben beschriebenen Beobachtungen zur Feldkanzerisierung beim Hypopharynxkarzinom unterstreichen die wichtige Bedeutung der Ösophagoskopie im Rahmen der diagnostischen Panendoskopie (siehe auch Kap. 7) und sensibilisieren für eine therapeutische Betrachtung des Hypopharynxkarzinoms als eigene Entität. Darüber hinaus kommt es beim Hypopharynxkarzinom sehr früh zu lokoregionären Metastasen und die Stadienverteilung bei Erstdiagnose tendiert gegenüber anderen Kopf-Hals-Entitäten zu mehrheitlich fortgeschrittenen Stadien (>80% Stadien III,IV bei Erstdiagnose [383]). Die vergleichsweise schlechte Prognose nimmt mit zunehmendem Patientenalter weiter ab [384]. In einer jüngeren Registerstudie (SEER 1780 Patienten) konnte als prognostisch ungünstig dargestellt werden: ältere Patienten mit höherer T-Kategorie, fortgeschrittener N-Kategorie, Hypopharynx-Hinterwand-Befall, multiple Fernmetastasierung und keine sinnvoll mögliche chirurgischen Therapien mit Ziel R0-Resektion (Inoperabilität) des Primärtumors [383].
Bemerkenswert ist auch der Hinweis auf eine Subgruppe von 21% bei Patienten mit HPV/p16-positiven Hypopharynxkarzinomen in einer Registerstudie (NCDB, 2004 - 2016; 9314 Patienten), die gegenüber den nicht-HPV-assoziierten Patienten ein signifikant besseres Therapie-unabhängiges Gesamtüberleben aufwiesen (HR zu sterben war 0,60, p=<0,0001) [385] Der HPV/p16-Status findet bisher in der Therapie von Hypopharynxkarzinomen in Ermangelung weiterführender Daten keine Berücksichtigung.
Nach William Wei werden drei Wachstumstypen des Hypopharynxkarzinoms beschrieben:
- „clear margins“ (ca. 70% der Fälle
- „submucosal spread“ (ca. 30% der Fälle)
- “submucosal spread and skip lesions” (submuköse Ausbreitung und Abtropfmetastasen unterhalb des Tumors im oberen Ösophagus, eher selten).
Daher werden von manchen Autoren für das Hypopharynxkarzinom andere Resektionsrand-Sicherheitsabstände gefordert, die die obligaten 5 mm der anderen Kopf-Hals-Lokalisationen weit übersteigen. Wei fordert beispielsweise für ein Hypopharynxkarzinom 2 cm tumorfreie Resektionsränder nach oben, 3 cm nach unten und 2 cm nach lateral (Übersicht [5]). International konnte sich diese Betrachtung jedoch nicht durchsetzen, sodass auch für das Hypopharynxkarzinom als "saubere" Resektionsränder die 5mm Sicherheitsabstand von der Tumorfont angesehen werden (Kap. 6.6).
Als primäre Therapien für lokalregionär begrenzte Hypopharynxkarzinome sind die primär chirurgische Therapie +/- adjuvanter Radio- oder Radiochemotherapie und die primäre Radio- oder Radiochemotherapie etabliert. Direkte randomisierte Vergleiche zu beiden prinzipiellen Therapieverfahren wurden nie durchgeführt. Die verfügbaren Registerdaten zeigen unabhängig vom Therapieverfahren in allen lokoregionär begrenzen Tumorstadien eine schlechtere Prognose als bei Oropharynxkarzinomen. Für T1N0 -T2N0 Plattenepithelkarzinome des Hypopharynx zeigen sich zwischen einer primär operativen und einer primär nicht operativen Therapie keine relevanten Unterschiede in Bezug auf das Gesamtüberleben und der lokoregionären Rückfallrate [12] [385].
8.4.1 Operative Therapie
Es gibt keine Hinweise, dass transorale Therapieverfahren (TLM, TORS) gegenüber offenen transzervikalen Operationsverfahren beim T1 und T2 Hypopharynxkarzinom bezüglich Tumorrezidivrate und Überleben unterlegen sind.
Evidenztabellen (3)
PICO 4 - Primäre transorale chirurgische Therapieverfahren vs. offene/externe klassische Chirurgie (Alle Endpunkte) [GRADE Bewertung]; PICO 4 - Primäre transorale chirurgische Therapieverfahren vs. offene/externe klassische Chirurgie (Alle Endpunkte) [Studiencharakteristika]; PICO 1: Hypopharynxtumore - Überleben (aggregierte Evidenz, RCT + registerbasierte Studien)Hypopharynxkarzinome in den Stadien cT1-cT2 cN0 cM0 sollen entweder mit einer primären Resektion +/- einer adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie oder mit einer primären Radio- oder Radiochemotherapie behandelt werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- ⊕⊝⊝⊝
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [385]
Wegen des bei Diagnosestellung häufig bereits fortgeschrittenen Tumorstadiums kommt – im Gegensatz zum Larynxkarzinom – bei Karzinomen des Hypopharynx nur vergleichsweise selten eine organerhaltende Chirurgie in Betracht ([386]; [387]). Patienten mit Hypopharynxkarzinomen befinden sich darüber hinaus häufig klinisch in einem ungünstigen Allgemeinzustand aufgrund umfangreicher Komorbiditäten [388]. Häufig bestehen ein langjähriger, schwerer Nikotin- und Alkoholabusus, eine chronische Bronchitis, COPD, Fehlernährung, Leberfunktionsstörung und eine konsekutive Beeinträchtigung der Blutgerinnung. Die Prognose eines Hypopharynxkarzinoms über alle Stadien hinweg ist europaweit von allen Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs am ungünstigsten (5-Jahresüberleben < 20%, [389]). Eine sorgfältige präoperative Risikoabschätzung ist daher vor therapeutischen Überlegungen, insbesondere primär chirurgischen Maßnahmen, erforderlich und eine postoperative Intensivüberwachung daher oft einzuplanen.
Fortschritte in der offenen Kehlkopfchirurgie und der TLM haben mittlerweile bei einem Teil der Patienten mit Hypopharynxkarzinomen onkologisch sichere R0-Tumorresektionen bei akzeptablen Funktionseinschränkungen ermöglicht. Es zählt zu den Grundprinzipien der onkologischen Chirurgie, dass eine vollständige, histologisch überprüfbare R0-Resektion (>5mm) gewährleistet werden muss. Wenn dies im Rahmen eines beabsichtigten operativen Eingriffs (etwa einer TLM oder TORS) nicht zuverlässig möglich ist, müssen primär alternative Therapieoptionen (offene erweiterte Teilresektionen und Rekonstruktion, Laryngektomie oder nicht-chirurgische Therapieoptionen) gewählt werden. Ob eine vollständige Tumorresektion möglich sein wird, lässt sich bei Hypopharynxkarzinomen nur durch die Zusammenschau des endoskopischen Befundes (im Rahmen der diagnostischen Panendoskopie durch einen erfahrenen Tumorchirurgen) und einer aussagefähigen Bildgebung (in der Regel MRT, CT) und präoperativen Schluckdiagnostik durch FEES beurteilen (siehe auch Kap. 7). Prinzipiell haben neben der TLM ([390], [391], [392], [393], [387], [394], [395], [396], [397], [398]) auch die TORS ([242]; [241]) weltweit Einzug in die Therapie des Hypopharynxkarzinoms gehalten.
Für eine TLM besonders geeignet sind Patienten mit kleineren Tumoren der medialen Wand des Sinus piriformis und der Postcricoidregion, die auf der knorpeligen Unterlage noch verschieblich sind, sowie kleinere und oberflächlich wachsende Tumoren der lateralen Wand des Sinus piriformis und der Hypopharynxhinterwand. Bei Tumoren im Bereich des Apex des Sinus piriformis und des Oesophagusmundes sind organerhaltende Operationen in der Regel nicht durchführbar. Bei 228 konsekutiven Patienten mit Hypopharynxkarzinomen, die an einer TLM-Klinik mit erfahrenen Operateuren behandelt wurden, konnte eine operative Behandlung nur bei 136 Patienten (60% aller Patienten) erfolgen. Von diesen 136 Patienten mussten 90 mittels einer totalen Laryngektomie operiert werden. Unter den 46 organerhaltend operierten Patienten wurden jeweils 23 mit einer offenen partiellen Pharyngektomie und 23 auf transoralem Weg laserchirurgisch operiert. Somit konnten also 34% aller operierten Patienten und 20% aller 228 Patienten der gesamten Serie organerhaltend operiert werden, davon die Hälfte, also lediglich 10 % aller Patienten, durch einen transoralen laserchirurgischen Zugang [387]. Auch wenn diese Daten bereits älter sind, hat sich nach Ansicht der Autoren bis heute an der operationstechnischen Betrachtung der TLM beim Hypopharynxkarzinom nichts geändert.
Insgesamt ist also davon auszugehen, dass nur etwa 20 % aller Patienten mit Hypopharynxkarzinom kehlkopferhaltend operiert werden können. Von diesen wiederum ist etwa die Hälfte laserchirurgisch und die andere Hälfte mittels offener partieller Pharyngektomie operabel.
Bei Heranreichen des Tumors an die Resektionsränder ist eine Nachresektion anzustreben, um ein R0-Ergebnis zu erlangen, wie bereits in Kap 6.6. ausgeführt, hat eine Nachresektion insbesondere bei der TLM des Larynx-/Hypopharynxkarzinoms keinen negativ prognostischen Einfluss [134].
Zur hohen Validität der TLM gibt es umfangreiche Mitteilungen aus der Literatur. Die Indikationen zur organerhaltenden TLM im Hypopharynx reichen von T1- bis zu T4a-Tumoren mit guten Ergebnissen: Steiner et al. publizierten lokale Kontrollraten über fünf Jahre von 84% pT1; 70% pT2; 75% pT3; 57% pT4a; rezidivfreies 5-Jahres-Überleben 73% für die Stadien I und II, 59% für das Stadium III, 47% für das Stadium IVa [397]. Eckel et al. zeigten in großen Kollektiven nach 5 Jahren ein (unkorrigiertes) Überleben von 59,3% und eine lokale Kontrollrate von 73,3%, wobei nach dieser Zeit 76,5% aller Patienten einen funktionierenden Larynx zeigten [387]. Rudert et al. zeigten ein unkorrigiertes Überleben von 48% und ein krankheitsspezifisches Überleben von 58% (71% in Stadien I und II) [399]. Bei sorgfältig ausgesuchten Patienten mit frühen Hypopharynxkarzinomen führt die transorale Laserchirurgie (in Verbindung mit einer ein- oder beidseitigen) Neck Dissection und ggf. einer postoperativen Radiotherapie zu sehr guten onkologischen und funktionellen Resultaten.
Im Rahmen der PICO 4-Analyse (Evidenztabelle PICO 4) sind wir auf die bislang weltweit einzige vergleichende Studie zu TORS versus offene Chirurgie aufmerksam geworden, in der ausschließlich Hypopharynxkarzinome behandelt wurden [242]. Bei n=56 Patienten verteilten sich die Tumorstadien wie folgt: T1-T2 80%, T3 16%, T4 14% (Männeranteil 98%, mittleres Alter 64,7 Jahre). Die Evidenz ist sehr niedrig, da es sich um eine retrospektive Studie ohne Matching und vermehrt T1-Tumore in der Interventionsgruppe (TORS) und damit Imbalanz zwischen Intervention Kontrollgruppe handelt. Das 2-Jahres-DSF zeigte keinen Unterschied in beiden Gruppe (Relatives Risiko: 1.08; CI 95% 0.83 - 1.41), bei geringerem intraoperativen Blutverlust und kürzerem Krankenhausaufenthalt in der TORS-Gruppe.
Die transorale Resektion (vorzugsweise TLM) von Hypopharynxkarzinomen zunächst einmal “zu versuchen”, um dann gegebenenfalls den Eingriff unvollständig abzubrechen oder unter Zurücklassung von Tumorresten zu beenden, sollte vermieden werden und daher immer die Legitimation für eine Umstellung der Operation zur Laryngektomie besprochen und eingeholt werden. Es empfiehlt sich daher, bei jedem einzelnen Patienten im Rahmen des interdisziplinären Tumorboards das therapeutische Verfahren vorab im Detail zu planen und festzulegen, wobei natürlich die individuelle Situation und die speziellen Wünsche der betroffenen Patienten zu berücksichtigen sind. Eine nachgezogene Radiatio kann nicht als angemessene Vervollständigung einer unvollständigen Tumorresektion gelten.
Bezüglich der funktionellen Beeinträchtigung ist vorab insbesondere das Ausmaß der postoperativ zu erwartenden Schluckbeeinträchtigung abzuschätzen. Dabei sind insbesondere die Fragen zu klären, ob
- angesichts des geplanten Resektionsausmaßes mit einer vorübergehenden oder länger andauernden Aspiration gerechnet werden muss,
- die klinische Gesamtsituation des Patienten erwarten lässt, dass eine vorübergehende Aspiration toleriert werden kann, und
- gegebenenfalls ein temporäres Tracheostoma oder eine PEG-Versorgung erforderlich sein werden.
Mit schwerwiegenderen stimmlichen Beeinträchtigungen ist bei der transoralen Resektion von Hypopharynxkarzinomen dagegen in der Regel nicht zu rechnen, und auch schwerwiegende Atemwegsobstruktionen sind bei atraumatischer Operationstechnik und perioperativer Abschirmung mit Antibiotika und Steroiden in der Regel nicht zu erwarten.
Manche ungünstig gelegene T2-Hypopharynxkarzinome bleiben den klassischen transzervikalen, also offenen Techniken vorbehalten. Hierzu verweisen wir auf Kap. 8.5.1.
8.4.2 Strahlentherapie
Die Prinzipien der Radio- und Radiochemotherapie beim Hypopharynxkarzinom bezüglich der technischen Durchführung, der Konturierung von Zielvolumina und Risikoorganen unterscheiden sich nicht von denen des HPV/p16-negativen Oropharynxkarzimoms (siehe 8.1.2).
8.4.3 Primäre Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Bei einer primär nicht operativen Therapie sollten Patienten mit Hypopharynxkarzinomen im den Stadien I-II (UICC 8. Ausgabe) eine alleinige Strahlentherapie erhalten.
Bei größeren T2 Tumoren kann eine Radiochemotherapie angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Wenn im Stadium II bei Hypopharynxkarzinomen eine Radiochemotherapie indiziert wird, sollte eine Cisplatin-basierte Chemotherapie simultan zur Radiotherapie appliziert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten, die z. B. aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion Cisplatin nicht erhalten können, können als simultane Systemtherapie Mitomycin C + 5-FU, Carboplatin + 5-FU oder ein Taxan eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei einer primärem Radio- oder Radiochemotherapie von Hypopharynxkarzinomen im den Stadien I-II (UICC 8. Ausgabe) sollte die Strahlentherapie mit 5 x 2 Gy pro Woche bis zu einer Zielvolumendosis von 70 Gy im Bereich der befallenen Lymphknoten und des Primärtumors erfolgen oder ein anderes etabliertes Schema mit biologisch äquivalenter Gesamtdosis zur Anwendung kommen.
Die Bestrahlung nicht befallener Lymphknotenlevel sollte mit 45 - 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 1,8 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationalen Konsensus richten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die primäre Radio- oder Radiochemotherapie von Hypopharynxkarzinomen in den Stadien I+II soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, der nicht befallenen Anteile des Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Registerdaten aus den USA [385], Kanada [400] und den Niederlanden [12] zeigen überstimmend, dass sich die Therapieergebnisse in Bezug auf das Gesamt- und progressionsfreie Überleben bei Plattenepithelkarzinomen des Hypopharynx in den Stadien T1-2 N0 nicht signifikant in Abhängigkeit davon, ob eine primär operative Therapie, eine primäre Radiotherapie oder eine primäre Radiochemotherapie durchgeführt wurde, unterscheiden. Dementsprechend werden in den aktuellen Empfehlungen der ESMO- und der NCCN-Leitlinie auch alle genannten Therapiemöglichkeiten ohne Präferenz aufgeführt [401]. Insbesondere bei größeren T2-Tumoren (z.B. postcricoidal), bei denen chirurgisch eine primäre Laryngektomie notwendig wäre, ist ein Organerhalt mittels einer primären Radiochemotherapie oder einer Induktionchemotherapie mit nachfolgender Radiotherapie im Falle eines guten Ansprechens auf die Induktionstherapie oder Laryngektomie bei schlechtem Ansprechen, wie unter 8.5.2. ausführlicher dargestellt, interdisziplinär zu diskutieren.
Für die Dosierung und Fraktionierung der Strahlentherapie gelten die gleichen Grundsätze wie bei den HPV/p16-positiven Oropharynxkarzinomen (siehe 8.1.3), d.h. die Strahlentherapie erfolgte in den meisten Studien zur Radio- oder Radiochemotherapie mit 5 x 2 Gy pro Woche bis zu Zielvolumendosen von 70 Gy im Bereich des Primärtumors und der befallenen Lymphknoten. Leicht akzelerierte und auch hyperfraktionierte Bestrahlungsschemata mit biologisch äquivalenter Dosis ergeben ungefähr gleichwertige Ergebnisse (ausführlich in 8.1.3 beschrieben).
Ein Vorteil in Bezug auf das rückfallfreie Überleben oder Gesamtüberleben durch eine simultanen Radiochemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen Radiochemotherapie ist bei Plattenepithelkarzinomen des Pharynx, Larynx und der Mundhöhle in den Stadien I+II nicht gesichert. In dem Patientengut der MACH-NC Metaanalyse befanden sich nur 5,5% der Patienten in den Stadien T1N0 und T2N0 und nur 15,5% der Patienten hatten Hypopharynxkarzinome [331]. In einer früheren Auswertung der MACH-NC Metaanalyse wurden die Stadien I-II über alle Tumorlokalisation getrennt ausgewertet. Dabei zeigte sich für diese frühen Stadien kein Vorteil einer zusätzlichen Chemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen Strahlentherapie [368]. Bei lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen ist dagegen ein Überlebensvorteil durch die zusätzlich zur Strahlentherapie simultan applizierte Chemotherapie gut dokumentiert [368][331]. Ob Patienten mit größeren T2N0 Hypopharynxkarzinomen von einer Radiochemotherapie profitieren, kann keinesfalls ausgeschlossen werden. Falls eine Radiochemotherapie nach interdisziplinärer Diskussion für diese Fälle indiziert wird, gelten bezüglich der Auswahl der Chemotherapie die gleichen Kriterien wie bei den lokal fortgeschrittenen Hypopharyxkarzinomen (siehe 8.5.3).
8.4.4 Adjuvante Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Bei primär chirurgisch behandelten Patienten mit Hypopharynxkarzinomen im Stadien I+II (UICC 8. Ausgabe) sollte eine adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie erfolgen, wenn die Resektion R1 oder <5mm im Gesunden erfolgt ist. Auch kann bei G3, L1, V1 oder Pn1 eine adjuvante Radiotherapie angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Wenn eine adjuvante Bestrahlung bei Hypopharynxkarzinomen in den Stadien I+II indiziert ist, sollte die Strahlentherapie mit 60 - 66 Gy (1,8 - 2,2 Gy Einzeldosis) im Bereich der knappen Resektionsränder und mit 45 - 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 1,8 Gy Im Bereich nicht befallener Lymphknotenlevel erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die postoperative Strahlen-, bzw. Strahlenchemotherapie von Hypopharynxkarzinomen in den Stadien I-II sollte möglichst früh nach Abschluss der Wundheilung innerhalb eines Zeitraums von 6 Wochen nach der Operation begonnen werden
und
soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Ergebnisse von randomisierten Studien zum Stellenwert eine Radio- oder Radiochemotherapie im Vergleich zu keiner adjuvanten Therapie stehen für Plattenepithelkarzinome des Hypopharynx ebenso wenig zur Verfügung wie bei Oropharynx- und Larynxkarzinomen oder Tumoren der Mundhöhle. Das gilt sowohl für die Stadien T1-2N0 als auf für lokal fortgeschrittene Tumoren. Die Ergebnisse von systematischen Übersichtsarbeiten und Registerstudien [342], [343], [344] weisen jedoch auf eine Verbesserung des rückfallfreien und des Gesamtüberlebens hin, sofern Risikofaktoren vorliegen, wobei die Subgruppen der Hypopharynxkarzinome in den Stadien T1-2N0 sehr klein waren. Als Risikofaktoren wurde in den Registerstudien der knappe Resektionsrand (<5 mm, N+ und ECE) identifiziert, wohingegen andere Faktoren, wie G3, L1, V1 nicht untersucht wurden. Bei T1-2N0 Karzinomen, die <=5 mm im Gesunden reseziert wurden, ist nach den verfügbaren Daten wahrscheinlich ein Nutzen durch eine postoperative Radio- oder Radiochemotherapie gegeben. Für Patienten mit anderen Risikofaktoren (G3, L1, V1) kann ein Nutzen weder ausgeschlossen noch bestätigt werden.
Bei lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Pharynx, Larynx und der Mundhöhle konnte in mehreren randomisierten Studien eine Verbesserung des rückfallfreien Überlebens [349], [350], [351]) und in der Metaanalyse [402] auch des Gesamtüberlebens für Patienten gesichert werden, bei denen die Resektion <=5mm im Gesunden erfolgte. Allerdings wurden in diesen Studien keine Patientin mit T1-T2 N0 Tumoren behandelt, so dass der Nutzen einer zusätzlichen simultanen Chemotherapie zur postoperativen Strahlentherapie unbekannt ist.
8.4.5 Neoadjuvante und adjuvante medikamentöse Tumortherapie
Neoadjuvante Therapiekonzepte kommen bei T1N0 und T2N0 Hypopharynxkarzinomen nicht zur Anwendung. Eine Ausnahme stellen die "großen" T2-Karzinome dar, die nicht mehr sinnvoll kehlkopferhaltend reseziert werden können und daher in Alternative zu einer primären Laryngopharyngektomie mit einem Larynx-Organerhaltprotokoll behandelt werden können (Kap. 8.5.3).
8.5 Hypopharynx-Karzinome in den UICC Stadien III und IV
Die Therapieergebnisse bei Plattenepithelkarzinomen des Hypopharynx unterscheiden sich in den Stadien cT3 cN0-cN3 cM0 nach einer primären Resektion +/- einer adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie im Vergleich zu einer primären Radio- oder Radiochemotherapie in Bezug auf das Überleben in den verfügbaren Registerdaten nicht signifikant.
Hypopharynxkarzinome in den Stadien cT3 cN0-cN3 cN0 sollen entweder mit einer primären Resektion +/- einer adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie oder mit einer primären Radio- oder Radiochemotherapie behandelt werden.
Ist chirurgisch eine Laryngektomie erforderlich, kann neben den vorgenannten Therapieverfahren auch eine neoadjuvante Chemotherapie mit nachfolgender Radio- oder Radiochemotherapie bei gutem Therapieansprechen auf die neoadjuvante Therapie (mindestens partielle Rückbildung) oder nachfolgender Resektion bei schlechtem Ansprechen auf die neoadjuvante Therapie erfolgen.
Bei Patienten mit cT4a cN0-cN3 cM0 Hypopharynxkarzinomen gibt es Hinweise aus Krebsregisterdatenbanken für ein besseres Gesamtüberleben nach einem primär chirurgischen Vorgehen.
Bei Patienten mit Hypopharynxkarzinomen des Stadiums cT4a cN0-cN3, bei denen chirurgisch eine R0-Resektion möglich erscheint, sollte eine primär chirurgische Therapie erfolgen.
Alternativ kann unter Inkaufnahme einer höheren lokalen Rückfallrate auch eine Radiochemotherapie oder eine neoadjuvante Chemotherapie durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Ist im Stadium cT4a cN0-cN3 cM0 eine R0-Resektion eines Hypopharynxkarzinoms wahrscheinlich nicht erreichbar, soll eine primäre Radiochemotherapie erfolgen.
Als primäre Therapien für lokalregionär begrenzte Hypopharynxkarzinome sind die primär chirurgische Therapie +/- adjuvanter Radio-oder Radiochemotherapie und die primäre Radio- oder Radiochemotherapie etabliert. Direkte randomisierte Vergleiche zu beiden prinzipiellen Therapieverfahren wurden nie durchgeführt. Die verfügbaren Registerdaten zeigen, unabhängig vom Therapieverfahren, in allen lokoregionär begrenzten Tumorstadien eine schlechtere Prognose als bei Oropharynxkarzinomen. Für T1N0 -T2N0 Plattenepithelkarzinome des Hypopharynx zeigen sich zwischen einer primär operativen und einer primär nicht operativen Therapie keine relevanten Unterschiede in Bezug auf das Gesamtüberleben und der lokoregionären Rückfallrate [12] [385]. Bei T4 (N0/N+) Tumoren zeigt sich in den Registerdaten dagegen ein signifikanter Überlebensvorteil für eine primäre chirurgische Therapie, gefolgt von einer adjuvanten Radio- oder Radiochemotherapie, im Vergleich zu einer primären Radiochemotherapie. Bei Hypopharynxkarzinomen im Stadium T4a wird daher in den intenationalen Leitlinien (EHNS-ESMO-ESTRO ) wie auch in dieser Leitlinie eine primär chirurgische Therapie, gefolgt von adjuvanter Radio-, bzw. Radiochemotherapie der Vorzug gegeben [401].
Als wesentliches Kriterium für die höhere Effektivität primär chirurgischer Therapieverfahren wurde neben der fortgeschrittenen Tumorausdehnung die Knorpelinfiltration der Cartilago cricoidea und thyroidea identifiziert. Auf die komplexe Anatomie und die besondere Kompetenz in der Interpretation der Bildgebung des Hypopharynxkarzinoms wurde hingewiesen [406][407] [408]. Alternativ kommen als zweite Wahl in dieser Situation die nicht-chirurgischen Modalitäten für den Larynx-Organerhalt und der nachgeschalteten Option der Salvagechirurgie in Betracht, insbesondere, wenn eine primäre Laryngketomie abgelehnt wird [409]. Primär ablativ-chirurgische (Laryngopharyngektomie) und nicht-chirurgische Therapieverfahren werden analog zum Larynx lediglich für das T3N0-3 Hypopharynxkarzinom (also ohne Knorpelinfiltration) als gleichwertige Optionen angesehen. Bei T4b-Situationen beschränken sich die therapeutischen Möglichkeiten in der Regel auf nicht-chirurgische Therapieverfahren. Insgesamt ist bei der Wahl der geeigneten Therapie bei Hypopharynxkarzinom-Patienten die schlechte Prognose bei fortgeschrittenen Stadien, das hohe Maß an bestehenden Komorbiditäten und die meist späte Erstdiagnose in bereits fortgeschrittenen Stadien zu berücksichtigen.
8.5.1 Operative Therapie
Eine Tracheotomie, die vor einer Laryngektomie durchgeführt wird, wirkt sich negativ auf die Prognose aus, weil häufiger Stomarezidive auftreten können.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Vor einer geplanten totalen Laryngopharyngektomie sollte auf eine Tracheotomie verzichtet werden. Im Falle einer Dyspnoe kann im Rahmen der Erstdiagnostik ein transorales Tumordebulking zur Vermeidung einer Tracheotomie durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Manche T3 Hypopharynxkarzinome sind prinzipiell auch über transorale Verfahren, vorzugsweise durch TLM sicher zu resezieren. Hierzu verweisen wir auf Kap. 8.4.1. Die überwiegende Merheit der Stadium III und IV Hypopharynxkarzinome wird im Falle eines chirurgischen Vorgehens offenen transzervikalen Techniken vorbehalten sein:
Transzervikale Kehlkopf- und Hypopharynxteilresektion
Diese Resektionen stellen Ausnahmesituationen mit strenger Indikation dar, weil sie für die betroffenen Patienten eine langwierige Rehabilitationsphase von Monaten bis Jahren nach sich ziehen können. Dabei wird bei einseitig transglottisch wachsenden Kehlkopftumoren eine Hemilaryngektomie mit einer Teilresektion des Hypopharynx (mediale und/oder laterale Sinus piriformis-Wand) kombiniert. Das Kehlkopfskelett kann, je nach Ausmaß der Resektion mit einem Rippenknorpeltransplantat aufgebaut und der Hypopharynx mit einem Unterarmtransplantat rekonstruiert werden. Der Aufbau eines weiten Sinus piriformis mit einem dünnen Unterarmtransplantat erhält dem rekonstruierten Kehlkopf die Flexibilität und ermöglicht so eine Elevation während des Schluckaktes. Diese nach vorn oben gerichtete Bewegung des Larynx mit gleichzeitiger Öffnung des Ösophaguseingangs ist die Voraussetzung für eine aspirationsfreie Nahrungsaufnahme [[5]; [410]; [411]; [412]; [413]; [281]; S3-Larynx Kap. 7.5 [2]]. Auch der Laryngotracheallappen (LTF) als lokaler Gewebetransfer, sollte hier Erwähnung finden [414]. Durch die Verwendung eines laryngotrachealen Zugangs zur Hypopharynxtumorexzision kann der kontralaterale LTF zur Rekonstruktion des Hypopharynxdefekts verwendet werden. Das kontralateral unbeteiligte laryngotracheale Gewebe bleibt zwar erhalten, dies scheint jedoch die Tumorrezidivrate nicht zu erhöhen. Hiermit kann auch die Verwendung komplizierter regionaler oder freier Lappen reduziert werden. 75% der Hypopharynxdefekte könnten nach Chu et al. aus Teipei mit diesem Lappen ohne andere Lappen rekonstruiert werden. Postoperative Komplikationen sind selten, wobei nur 2% der Patienten eine pharyngoösophageale Stenose und 5% eine pharyngokutane Fistel aufweisen [415].
Pharyngolaryngektomie
Die Pharyngolaryngektomie ist als Primärtherapie immer noch wichtiger Bestandteil der therapeutischen Optionen bei Karzinomen in fortgeschrittenen Stadien. Prinzipiell wird bei noch ausreichend Restgewebe des Hypopahrynx der Direktverschluss des Pharynx angestrebt. Auch wird zur Stimmrehabilitation in primärer Technik der Einsatz einer Stimmprothese empfohlen (ausführliche Darstellung in S3-LL Larynxkarzinom [2]). Die ideale Methode zur Hypopharynxrekonstruktion sollte möglichst folgende Eigenschaften aufweisen: einzeitiges Vorgehen, hohe Erfolgsrate des Gewebetransfers, geringe Entnahmemorbidität, geringe Fistel- und Stenoseraten, Wiederherstellung der Sprech- und Schluckfähigkeit, erreichbar erfolgreiche Rekonstruktion in einem stark bestrahlten Bereich und Verträglichkeit der postoperativen Strahlentherapie (Übersicht [415]).
Die komplette, also zirkuläre Hypopharynxresektion macht grundsätzlich die Rekonstruktion des Speiseweges erforderlich. Dafür wird als Methode der ersten Wahl das Unterarmtransplantat eingesetzt. Wichtig ist, das Transplantat ausreichend breit zu planen, um ein möglichst weites "Rohr" modellieren zu können. Zur Vorbeugung postoperativer Stenosen sollte die untere Anastomose mit dem Ösophaguseingang durch Dreiecksaustausch aufgelöst werden [411].
Eine weitere Variante der Stenoseprophylaxe bei gleichzeitiger Bildung eines sehr weiten Neohypopharynx wurde von Bootz et al. beschrieben [416]. Dabei wird das Unterarmtransplantat mit den Längsrändern U-förmig auf die prävertebrale Faszie genäht. Dadurch wird die Schrumpfung und Stenosierung auf ein Minimum reduziert. Alternativ kann die Rekonstruktion auch mit gestielten Lappen durchgeführt werden. Dieser bietet sich bei schlechter Gefäßlage nach umfangreicher Resektion und im Rahmen von Salvageresektionen nach erfolgter primärer Radiochemotherapie an. Die Stimmrehabilitation erfolgt mit Stimmprothesen, die unterhalb der kaudalen Anastomose in die Ösophagusvorderwand platziert werden.
Alternativ wird der Jejunumtransfer als Ersatz nach zirkulärer Laryngopharyngektomie empfohlen. Aufgrund der segmentalen Blutversorgung des Jejunums können auf Basis einer einzigen Gefäßarkade bis zu 20 cm Jejunum entnommen werden. Der Transfer des Gefäßgekröses mit dem Jejunum ist ein weiterer Vorteil dieses Lappens, da er die Ausfüllung aller Toträume und die Abdeckung aller wichtigen Gefäßstrukturen ermöglicht. Bei Patienten mit eingeschränkter Ösophagusdehnung ("kleine" T4b) haben freie Jejunallappen eine Gesamterfolgsrate von 90 – 100%. Darüber hinaus sind die Fistel- und Strikturraten akzeptabel gering [417][418]. Klinische Erfahrungen mit dem Jejunallappen haben eine hohe Rate an erfolgreicher Wiederherstellung der Schluckfunktion mit früherer Rehabilitation und Wiederherstellung des Schluckens im Vergleich zu anderen rekonstruktiven Methoden gezeigt. Einige Patienten können jedoch aufgrund einer unkoordinierten Peristaltik während des Schluckens unter intermittierender Dysphagie leiden. Auch die Stimmrehabilitation ist ein großes Problem bei diesem viszeralen Transfer [419]. Eine tracheoösophageale Punktion mit Stimmprotheseneinlage führt im Durchschnitt zu einer weniger zufriedenstellenden Stimme als mit Hautlappen erzielt wird. Übermäßige Schleimproduktion neigt dazu, die Prothese zu verstopfen und führt zu einer typisch feuchten Stimme, der es an Volumen mangelt [419]. Der freie Jejunallappen erfordert auch eine Laparotomie, um das Transplantat zu entnehmen. Die Notwendigkeit einer intraabdominellen Operation setzt den Patienten einer zusätzlichen abdominellen Morbidität und sogar Mortalität aus [420][419][420]. Adhäsionen, Darmblutungen, Darmverschluss und Anastomosen- oder abdominale Wunddehiszenz gehören zu den möglichen Komplikationen, die in Summe in den letzten Jahren eine Zurückhaltung gegenüber dem Jejunumtransfer erzeugt haben.
Eine nur noch sehr selten zur Anwendung kommende Alternative der Stimmrehabilitation ist der Aufbau eines Sprechsiphons mit gleichzeitiger Rekonstruktion des Speiseweges aus überlangen Jejunumsegmenten und wurde ebenfalls von Remmert et al. beschrieben [[421], [422]]. Das Verfahren eignet sich wegen des notwendigen Baucheingriffs vorrangig für jüngere Patienten und hat den Vorteil einer sehr kurzen Rehabilitationszeit von wenigen Wochen zur Wiedererlangung der Schluck- und Stimmfunktion ([2] Kap. 7.5).
Prätherapeutische Tracheotomie
Bei der Erstdiagnose eines Hypopharynxkarzinoms mit relevanter Larynxbeteiligung kann bereits eine erhebliche Dyspnoe bestehen, die nicht selten eine prätherapeutische Tracheotomie erforderlich macht (Analogie Kap. 7.1 [2]. Patienten mit ausgedehnten Larynxkarzinomen werden oft zur Notfallbehandlung in die Klinik eingewiesen. Als Notfallmaßnahme wird nicht selten eine primäre Tracheotomie durchgeführt. Aus retrospektiven Betrachtungen ist bekannt, dass sich die Tracheotomie, die vor einer Laryngektomie oder einer Teillaryngektomie notwendig wird, negativ auf die Prognose auswirken kann [423][424][425][426]. Insbesondere werden in solchen Fällen häufiger Rezidive im Tracheostomabereich beschrieben, die sowohl durch Operation als auch durch Bestrahlung schwierig zu behandeln sind. Tritt ein Rezidiv im Bereich des Tracheostomas auf, verschlechtert sich die Prognose bezüglich des Überlebens wesentlich [427][427][428]. Wird eine Laryngektomie als primäre Therapieoption in Erwägung gezogen, sollte bei einer Dyspnoe der Eingriff zeitnah durchgeführt werden, um eine prätherapeutische Tracheotomie zu verhindern, oder der Patient sollte bis zur Laryngektomie intubiert bleiben (Ausnahmefälle). Ferner kann versucht werden, die Tracheotomie z.B. durch endoskopisches Tumordebulking bei der ersten Untersuchung in Narkose zu vermeiden. Wird die Entscheidung zur primären Strahlentherapie gestellt, ist die prätherapeutische Tracheotomie unumgänglich, wobei zur Verhinderung eines Rezidivs im Tracheostomabereich dieser ins Strahlenfeld einbezogen werden sollte [429].
Pharyngolaryngektomie + Ösophagusresektion + Magenhochzug
Die eingangs erwähnte sehr radikale und umfangreiche Operation bei T4b Hypopharynxkarzinomen mit Ösophagusinfiltration ist nur in sehr wenigen Fällen möglich und sinnvoll. Die operationsbedingte Mortalität ist in dieser Patientengruppe aufgrund der hohen Komorbiditäten besonders hoch. Die Literatur berichtet über eine Mortalität zwischen 5% und 25% zusammen mit einer Gesamtinzidenz von Komplikationen zwischen 26% und 55% [430][430][431][431][432] [433]. Insofern sollte daher der Magenhochzug Ausnahmesituationen vorbehalten bleiben (Alternative: Coloninterponat). Auf jeden Fall ist ein in der Ösophaguschirurgie hoch versiertes chirurgisches Partnerteam von essentieller Bedeutung für den Operationserfolg [381].
8.5.2 Strahlentherapie
Die prinzipiellen Betrachtungen der aktuellen wissenschaftlichen Einordnung des Hypopharynxkarzinoms wurde bereits dargelegt (Kap. 8.1.2). Für die Dosierung und Fraktionierung der Strahlentherapie bei lokal fortgeschrittenen Hypopharynxkarzinomen gelten die gleichen Grundsätze wie bei den HPV/p16-negativen Oropharynxkarzinomen (siehe 8.1.3), d.h. die Strahlentherapie erfolgte in den meisten Studien zur Radio- oder Radiochemtherapie mit 5 x 2 Gy pro Woche bis zu Zielvolumendosen von 70 Gy im Bereich des Primärtumors und der befallenen Lymphknoten. Leicht akzelerierte und auch hyperfraktionierte Bestrahlungsschemata mit biologisch äquivalenter Dosis ergeben ungefähr gleichwertige Ergebnisse (ausführlich in 8.1.3 beschrieben).
8.5.3 Primäre Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Die primär nicht operative Therapie bei Patienten mit Stadium III-IVb Hypopharynxkarzinom (UICC 8. Ausgabe) soll als Radiochemotherapie erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten mit Stadium III-IVb Hypopharynxkarzinomen (UICC 8. Ausgabe) sind die lokoregionäre Tumorkontrolle und das Gesamtüberleben nach primärer Radiochemotherapie statistisch signifikant besser als nach alleiniger Radiotherapie.
Beim Hypopharynxkarzinom im Stadium III-IVb soll im Falle einer primären Radiochemotherapie die simultane Chemotherapie Cisplatin-basiert sein.
Bei Patienten, die z. B aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion nicht Cisplatin erhalten können, können als simultane Systemtherapie Carboplatin + 5-FU, Mitomycin C + 5-FU oder ein Taxan eingesetzt werden.
- Konsens
- Konsens (86%)
Bei einer primärem Radio- oder Radiochemotherapie von Hypopharynxkarzinomen im den Stadien III-IVb (UICC 8. Ausgabe) sollte die Strahlentherapie mit 5x2 Gy pro Woche bis zu Zielvolumendosis von 70 Gy im Bereich der befallenen Lymphknoten und des Primärtumors bzw. ein anderes etabliertes Schema mit biologisch äquivalenter Gesamdosis erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei einer primärem Radio- oder Radiochemotherapie von Hypopharynxkarzinomen sollte die Bestrahlung nicht befallener Lymphknotenlevel mit 45 - 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 2 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationale Konsensus richten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die primäre Radio- oder Radiochemotherapie von Hypopharynxkarzinomen in den Stadien III bis IVb soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des nicht befallenen Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Primäre Radiochemotherapie
Bei lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Pharynx, Larynx und der Mundhöhle zeigte sich in der MACH-NC Metaanalyse [331], basierend auf 34 randomisierten Studien mit 6788 Patienten, für die simultane Radiochemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen Radiotherapie ein absoluter Überlebensvorteil von 6,5% nach 5 Jahren (p<0,001). Bei 4650 Patientin war die Tumorlokalisation bekannt. 756 Patienten dieser Gruppe hatten lokal fortgeschrittene Hypopharynxkarzinomen in den Stadien III-IVb (M0). In dieser Subgruppe war der Nutzen der simultanen Radiochemotherapie in Bezug auf das Überleben gegenüber einer alleinigen Radiotherapie etwas geringer (Hazard Ration 0,88, 95% Konfidenzintervall 0,75-1,04) als bei Oropharynxkarinomen (Hazard Ratio 0,81, 95% Konfidenzintervall 0,71-0,95) und statistisch formal nicht signifikant. Allerdings zeigt sich in unabhängigen Auswertungen von Registerdaten [385] [400] [12] ein signifikanter Überlebensvorteil von 10-15% zugunsten der simultanen Radiochemotherapie bei den lokal fortgeschrittenen Hypopharynxkarzinomen. Der Vorteil war bei Patienten unter 60 Jahre am höchsten und bei über 70-jährigen kaum noch nachweisbar. Für eine Induktionschemotherapie oder eine adjuvante Chemotherapie ergab sich der dagegen in der MACH-NC Metaanalyse [331] kein Vorteil. Die Induktionschemotherapie kann davon unbenommen aber eingesetzt werden, sofern chirurgisch eine primäre Laryngektomie notwendig wäre, um einen Larynx-Organerhalt in Abhängigkeit vom Ansprechen auf die Induktionschemotherapie zu erreichen, wie unter 8.5.2. ausführlicher dargestellt.
Der Überlebensvorteil für eine simultane Radiochemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen Radiotherapie ist am besten gesichert für die simultane Applikation von Cisplatin-haltigen Chemotherapien zur Strahlentherapie [331]. Dabei bestehen die meisten Erfahrungen für 3x100 mg/m² Cisplatin und wöchentlichem Cisplatin (40 mg/m²) sowie für Cisplatin in Kombination mit 5-FU.
Für Patienten, bei denen Cisplatin z.B. wegen einer schlechten Nierenfunktion nicht infrage kommt, konnte in randomisierten Studien, in denen auch Patienten mit Hypopharynxkarzinomen behandelt wurden, ein Überlebensvorteil für die simultane Applikation von Carboplatin in Kombination mit 5-FU [308] [309] [311] [312], Mitomycin C in Kombination mit 5-FU [313] [314] oder wöchentlichem Docetaxel [315] simultan zur Strahlentherapie im Vergleich zu alleiniger Strahlentherapie nachgewiesen werden. Für eine Monochemotherapie mit Carboplatin [316] [317] [310] [318] liegen nur Studien mit <=80 Patienten im Radiochemotherapiearm vor und für eine Monotherapie mit Mitomycin C [319] [320] [321] parallel zur Strahlentherapie ergaben sich keine signifikanten Vorteile. Wöchentliche Applikationen von Carboplatin und Paclitaxel simultan zur Strahlentherapie wurden in einer Reihe von nicht-randomisierten Phase II Studien und einigen retrospektiven Kohortenstudien untersucht [322], [323], [324], [325], [326], [327], [328]. Hypopharynxkarzinome stellten jeweils nur einen kleineren Anteil der behandelten Plattenepithelkarzinome des Kopf-Hals-Bereichs dar. Die nicht randomisierten, retrospektiven Vergleiche weisen auf eine ähnliche Wirksamkeit von Carboplatin + Paclitaxel im Vergleich zu einer wöchentlichen Therapie mit 40mg/m² Cisplatin parallel zur Strahlentherapie hin. Für die alleinige Gabe von Paclitaxel gibt es dagegen nur sehr wenige Daten [329]. Ein Nutzen von Cetuximab in Kombination mit Strahlentherapie bei Hypopharynxkarzinomen lässt sich aus den verfügbaren Daten nicht ableiten [330][306][335].
Bei der simultanen Radiochemotherapie mit Cisplatin und anderen Chemotherapien wird im Vergleich zur alleinigen Radiotherapie nicht nur die meist gut beherrschbare Hämatotoxizität, sondern auch die Ausprägung der akuten Mucositis mit den damit verbundenen Schluckbeschwerden erhöht. Andere typische akute Nebenwirkungen der Strahlentherapie, wie die Hautreaktin, die Xerostomie und der Geschmacksverlust werden durch die simultane Chemotherapie weniger stark erhöht, allerdings summieren sich die Einzeleffekte, so dass eine Radiochemotherapie insgesamt deutlich anstrengender für die Patienten ist [434]. Eine Erhöhung der Rate an Spätfolgen der Strahlentherapie durch eine zusätzliche Chemotherapie ist weniger gut dokumentiert und in einzelnen Studien meist als nicht signifikant oder grenzwertig signifikant beschrieben worden [338] [435] [436] [437]. Aufgrund der unterschiedlichen Weise der Dokumentation der Spätfolgen kann eine valide Metaanalyse dieser Daten nicht sinnvoll durchgeführt werden. Dennoch bestehen wenig Zweifel, dass auch die späten Nebenwirkungen durch die zusätzliche Chemotherapie erhöht sind [434]. Die Arbeitsgruppe um J.A Langendijk [438] konnte in prospektiven, systematischen Analysen [439] unter Berücksichtigung der individuellen Dosisverteilung [440] der Strahlentherapie nachweisen, dass die Rate von langfristigen Schluckstörungen nach einer kombinierten Radiochemotherapie signifikant höher als nach einer alleinigen Radiotherapie ist [441] [442]. Dieselbe Arbeitsgruppe konnte aber auch nachweisen, dass diese negativen Effekte sich zumindest teilweise wieder durch die Anwendung moderner Strahlentherapietechniken, wie der „swallowing sparing IMRT“, wieder reduzieren lassen [290]. Für die Subgruppe der Hypopharynxkarzinome sind die zuvor beschriebenen Effekte allerdings schlecht dokumentiert, obwohl Schluckstörungen aufgrund der Lokalisation der Tumoren besonders häufig zu erwarten sind.
Ist chirurgisch eine Laryngopharyngektomie erforderlich, kann neben den vorgenannten Therapieverfahren auch eine neoadjuvante Chemotherapie mit nachfolgender Radio- oder Radiochemotherapie bei gutem Therapieansprechen auf die neoadjuvante Therapie (mindestens partielle Rückbildung) oder nachfolgender Resektion bei schlechtem Ansprechen auf die neoadjuvante Therapie erfolgen.
Alle Patienten in den Stadien, bei denen eine Laryngektomie erforderlich wäre, sollen im interdisziplinären Tumorboard einvernehmlich diskutiert und eine gemeinsame Therapieempfehlung von Hals-Nasen-Ohren-Arzt als auch vom Radioonkologen gefunden werden. Diese Therapieempfehlung und die Alternativen sollten dem Patienten von beiden Disziplinen vermittelt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Larynx-Organerhalt
Die Thematik der Larynxorganerhaltungsprogramme wurde in den 90ger Jahren durch erste große randomisierte Studien in USA und Europa mit Einführung von definitiven nicht-operativen Protokollen anstelle einer Laryngektomie, die im Falle eines Versagens eine Salvage-Laryngektomie nach sich gezogen haben, angestoßen. Zur Historie und die maßgeblich für das fortgeschrittene Larynxkarzinom etablierten Therapieoptionen verweisen wir auf die S3-Leitlinie Larynxkarzinom [2].
Für den Organerhalt des fortgeschrittenen Hypopharynxkarzinoms als Alternative zur Pharyngolaryngektomie gibt es nur wenige randomisierte Studien (Phase III: EORTC 1996 [234]; EORTC 2009 [443]), (Phase II: TREMPLIN [444]; DELOS II: [445]). Die erste große randomisierte Studie und einzige, die direkt ein nicht-chirurgisches mit dem chirurgischen Therapieverfahren verglich, wurde von der EORTC initiiert und rekrutierte 202 Patienten mit unvorbehandelten, operablen Hypopharynx- (78%) und Larynxkarzinomen (22%) [234]. Die Patienten wurden in einen experimentellen Studienarm mit bis zu drei Zyklen Induktionschemotherapie mit Cisplatin/5-FU und nachfolgender standardfraktionierter Strahlentherapie bis zu einer Gesamtdosis von 70 Gy und in einen Standardarm mit partieller Pharyngolaryngektomie und postoperativer Strahlentherapie randomisiert. Patienten im experimentellen Arm, die eine partielle Remission nach dem ersten Zyklus Induktionschemotherapie entwickelten, erhielten einen zweiten und dritten Zyklus. Patienten, die zu einem beliebigen Zeitpunkt der Induktionschemotherapie eine komplette Remission entwickelten, wurden der Strahlentherapie zugeführt. Patienten, die weniger als eine partielle Remission nach dem ersten Zyklus und weniger als eine komplette Remission nach dem dritten Zyklus entwickelten, wurden der Pharyngolaryngektomie ohne vorheriger Strahlentherapie zugeführt. Eine komplette Remission nach Induktionschemotherapie entwickelten 54% der Patienten im Bereich des Primärtumors und 43% im Bereich des Primärtumors und der lokoregionären Lymphabflusswege. Nach fünf Jahren bestand kein signifikanter Unterschied im Überleben zwischen beiden Studienarmen (30% versus 35% im chirurgischen Arm). Die 3- und 5-Jahres-Überlebensraten mit funktionellem Larynx betrugen 42% und 35%. Bei den Patienten, die nach der Induktionschemotherapie eine komplette Remission erreichten und nachfolgend nur eine Strahlentherapie erhalten hatten, war ein funktioneller Larynx nach 5 Jahre noch bei 58% der Patienten vorhanden. Zu beachten ist, dass nur 6% der eingeschlossenen Patienten einen T4 Tumor hatten (T3: 75%, T2: 19%), so dass aus dieser Studie keine valide Aussage getroffen werden kann, ob das Induktionskonzept auch Patienten mit T4 Tumoren ohne Überlebensnachteil im Vergleich zu einer primär operativen Therapie +/- Radio- oder Radiochemotherapie angeboten werden kann.
Das Risiko einer Fernmetastasierung war in dem Induktionschemotherapiearm signifikant geringer (25 % versus 36 %). In der zweiten genannten EORTC-Studie wurden ein alternierendes mit einem sequentiellen Chemotherapieprotokoll mit Standardarm des zuvor beschriebenen Protokolls verglichen. Bei 450 Patienten zeigte sich kein Unterschied der beiden Arme [443]. Eine Studie zum Direktvergleich primäre simultaner Radiochemotherapie und primäre Laryngektomie wurde bislang nicht durchgeführt.
Wird ein funktioneller Larynxerhalt mittels Induktionschemotherapie angestrebt, hat sich ein Taxan-haltiges Chemotherapieprotokoll als vorteilhaft erwiesen (Taxan, Platin, 5FU: TPF) [446], [447]. Bei hohen Ansprechraten und guter Selektionsmöglichkeit sind meist nur noch wenige Salvage-Operationen nötig. Durch die zusätzliche Appikation von Docetaxel bei der Induktionstherapie konnte in einer randomisierten Studie auch die Larynxerhaltrate 3 Jahre nach Therapie von 57,5% auf 70,3% (p=0,03) gesteigert werden [446].
Dieser Effekt wurde auch in der DeLOS-II-Studie bestätigt, allerdings ohne additiven Wert von Cetuximab zur Induktion für Organerhalt und Gesamtüberleben. Bei 30% der Patienten nach fehlendem Ansprechen auf die Kurzinduktion (1 Zyklus TPF/TP und anschließende endoskopische Responseeinschätzung) wurde eine frühe Laryngektomie vor Bestrahlung durchgeführt, die zu vergleichsweise geringen Toxizitäten/Komplikationen bei sehr gutem 2-Jahresüberleben führte [445]. In der DeLOS-II Studie wurden von 170 Patienten 50% Hypopharynxkarzinome mit 69% Stadium IV-Tumoren eingebracht. Das 2 Jahresüberleben betrug 70% bei 49% Kehlkopferhalt ("laryngectomy free survival").
Weiterhin modifizieren sich die Induktionstherapien in Richtung weniger toxischer Substanzen, 5-FU wird teilweise ersetzt. Aus der randomisierte Phase II TREMPLIN-Studie ergaben sich Hinweise, dass man mit Cetuximab simultan zur nachfolgenden Strahlentherapie gleich gute Ergebnisse erreichen kann wie mit simultaner Gabe von Cisplatin bei anderem Toxizitätsprofil (stärkere kutane Toxizität, weniger Hämato- und Nephrotoxizität), welches für einen Teil der Patienten von Vorteil sein kann [444].
Die Kritiker von Organerhaltungsprogrammen führen die hohe funktionseinschränkende Spättoxizität, die höhere nicht-tumorbedingte Sterblichkeit und die vergleichsweise hohen Komplikationsraten im Falle der Notwendigkeit einer Salvage-Chirurgie an. Die Protagonisten führen dagegen die bei adäquater Patientenselektion hohe Rate des Organerhalts, die Möglichkeit der Salvage-Chirurgie als kurative Option und den fehlenden Überlebensnachteil an. Die sorgfältige individuelle Beratung des Patienten ist daher in dieser Situation von besonderer Bedeutung. In der S3-Leitlinie Kehlkopfkrebs wurde die Möglichkeit des primär nicht-operativen Larynxorganerhalt als Alternative zur Laryngektomie aufgenommen und sollte als realistische Therapieoption den Patienten in der Beratung nicht vorenthalten werden. Für das Hypopharynxkarzinom wird diese Empfehlung analog zum Larynxkarzinom übernommen.
8.5.4 Adjuvante Strahlentherapie +/- Kombination mit medikamentöser Tumortherapie
Eine postoperative Radio- oder Radiochemotherapie soll bei Hypopharynxkarzinomen
- bei pT3-Karzinomen und pT4-Karzinomen
- pN2-pN3
- bei Karzinomen mit knappen oder positiven Resektionsrändern (R0 < 5mm; R1), perineuraler Invasion, Gefäßinvasion (Lymphgefäßinvasion und/oder Veneninvasion)
- bei einem befallenen Lymphknoten mit extrakapsulären Tumorwachstum erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Eine postoperative Radiochemotherapie soll
- bei R1 oder Resektionsrand <5mm im Bereich der Mukosa in den nicht vom Knorpel umgebenen Tumoranteilen oder
- bei extrakapsulärem Tumorwachstum an den Lymphknoten erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Sofern die Indikation zu einer adjuvanten Radiochemotherapie gestellt wurde, soll die Chemotherapie mit einem simultanen cisplatinhaltigen Schema erfolgen.
Bei Patienten, die z. B aufgrund einer eingeschränkten Nierenfunktion Cisplatin nicht erhalten können, können als simultane Systemtherapie Mitomycin C + 5-FU, Carboplatin + 5-FU oder Docetaxel eingesetzt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Hypopharynxkarzinomen im Stadium III-IVb sollte eine adjuvante Bestrahlung befallener Lymphknoten mit Kapseldurchbruch (ECS) mit 60-66 Gy mit Einzeldosen von 2,0 - 2,2 Gy, befallener Lymphknotellevel ohne Kapseldurchbruch mit 54 - 60 Gy mit Einzeldosen von 1,8 Gy – 2,0 Gy, und nicht befallener Lymphknotenlevel mit 45 - 54 Gy mit Einzeldosen von 1,5Gy – 1,8 Gy erfolgen.
Die zu bestrahlenden elektiven Lymphknotenlevel sollten sich nach dem aktuellen internationale Konsensus richten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die adjuvante Radio- oder Radiochemotherapie von Hypopharynxkarzinomen im Stadium III-IVb soll in IMRT-Technik unter möglichst guter Schonung der Speicheldrüsen, des nicht befallenen Schluckweges und der Mundhöhle erfolgen, ohne die empfohlenen Dosen in den Zielvolumen zu unterschreiten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die postoperative Strahlen-, bzw. Strahlenchemotherapie sollte möglichst früh nach Abschluss der Wundheilung innerhalb eines Zeitraums von 6 Wochen nach der Operation begonnen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Stimm- und Schluckfunktion sollte prätherapeutisch bei larynxerhaltender Therapie untersucht und dokumentiert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Postoperative Radiotherapie
Die Indikation und Durchführung der adjuvanten Radio- und Radiochemotherapie unterscheiden sich im Prinzip nicht von denen des HPV/p16-negativen Oropharynxkarzinoms (siehe 8.1.4).
Der Effekt einer postoperativen Radiotherapie im Vergleich zu keiner adjuvanten Strahlentherapie wurde in randomisierten Studien nicht untersucht. Ergebnisse von Kohortenstudien und prospektive Registerdaten weisen darauf hin, dass bei Patienten mit mehr als einem tumorbefallenen Lymphknotenbefall, bei extrakapsulären Tumorwachstum an den Lymphknoten (ECE) oder mit nur knapp im Gesunden resezierten Tumoren (<5mm) eine sehr klare Überlegenheit der adjuvanten Strahlentherapie beseht [342], [343], [344], [345]. In diesen Untersuchungen waren Plattenepithelkarzinome vom Larynx, Oro- und Hypopharynx und der Mundhöhle enthalten. Der Anteil von Hypopharynxkarzinomen lag dabei zwischen 12% und 43%. Die verfügbaren Daten sprechen dafür, dass bei Hypopharynxkarzinomen eine adjuvante Strahlentherapie die lokoregionäre Rückfallrate senkt und das Überleben verbessert, sofern mehr als ein regionärer Lymphknoten befallen ist oder der Primärtumor nur knapp im Gesunden (<5mm) reseziert wurde. Für Patienten mit pT3/pT4 Tumoren, Lymphknotenbefall mit ECE oder R1-Resektion sind für Hypopharynxkarzinome keine belastbaren Daten zu Therapieergebnissen ohne adjuvant Strahlentherapie vorhanden, da international Konsens besteht, dass diese Patienteneine adjuvante Strahlentherapie benötigen [348].
Für Patienten mit mittlerem Rückfallrisiko (Kein ECE und Resektion >=5 mm im Gesunden) wurden bei der ganz überwiegenden Anzahl der Patienten in den klinischen Studien und den Registerdaten 60 Gy (5x 2 Gy pro Woche) in der Region des ehemaligen Primärtumors und der befallenen Lymphknoten unabhängig appliziert. In den angrenzenden, nicht befallenen Lymphkotenregionen wurden elektiv 45 - 50 Gy mit 5 x (1,8 - 2,0) Gy pro Woche verabreicht. Für die Auswahl der elektiv zu bestrahlenden Lymphknotenlevel gibt es einen internationale Konsensus, der als Standardvorgabe gewertet werden kann [298]. IMRT-Techniken sind auch bei der postoperativen Strahlentherapie als Standard einzustufen.
Postoperative Radiochemotherapie
Der Stellenwert einer zusätzliche simultan zur Strahlentherapie verabreichten cisplatinhaltigen Chemotherapie wurde in 3 größeren randomisierten Studien bei lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Oro- und Hypopharynx, Larynx und der Mundhöhle untersucht [349], [350], [351]). Die Rate von Hypopharynxkarzinomen lag in diesen Studien zwischen 10% - 20%. Subgruppenanalysen nach Tumorlokalisation sind aus diesen Studien nicht verfügbar. In den Registerstudien zum Hypopharynxkarzinom wurde der Effekt einer postoperativen Radiochemotherapie mit dem Effekt einer alleinigen postoperativen Radiotherapie nicht miteinander verglichen. Dennoch erscheint es plausibel, anzunehmen, dass die Ergebnisse der 3 randomisierten Studien auch für Hypopharynxkarzinome gelten, auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Effektgrößen leicht von denen der anderen Tumorlokalisationen abweichen könnten. Die Ergebnisse der Studien zeigten übereinstimmend, dass Patienten mit Nachweis einer ECE an den befallenen Lymphknoten oder einer R1-Resektion (in diesen Studien definiert mit Resektion <5mm im Gesunden) einen Überlebensvorteil nach einer adjuvanten Radiochemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen adjuvanten Radiotherapie haben, so dass bei diesen Patienten eine postoperative Radiochemotherapie als Standard angesehen wird.
Wenn eine postoperative Radiochemotherapie indiziert ist, ist zu beachten, dass nur für Cisplatin oder Cisplatin + 5-FU Ergebnisse von randomisierten Studien vorliegen, die eine signifikante Reduktion der Rückfallrate bzw. eine Verbesserung des Überlebens gezeigt haben [349] [350], [351]. In einer randomisierten japanischen Studie (n=261) wurden 3 x 100 mg/m² Cisplatin im Abstand von 3 Wochen mit wöchentlich 40 mg/m² Cisplatin simultan zur postoperativen Strahlentherapie verglichen [360]. Dabei konnte die Nicht-Unterlegenheit der wöchentlichen Gabe von Cisplatin gezeigt werden. Der Anteil von Patienten mit Hypopharynxkarzinomen lag in dieser Studie bei 34%.
Für Patienten, die z.B. wegen einer eingeschränkten Nierenfunktion keine Cisplatin erhalten können, gibt es für die postoperative Radiochemotherapie nur wenige Daten. Für Mitomycin C liegen Daten von zwei kleinen randomisierten Studien vor, die nur einen Trend in Richtung eines Überlebensvorteils gezeigt haben [321], [361]. Die wöchentliche Gabe von Docetaxel simultan zur Strahlentherapie wurde in einer randomisierten Studie mit der alleinigen Strahlentherapie verglichen [315]. In einer kleinen Subgruppe dieser Studie erfolgte die Therapie auch in der postoperativen Situation. Dabei zeigte sich ein Trend zu einem verbesserten Überleben für die kombinierte Therapie. Für Carboplatin + 5-FU und Carboplatin + Paclitaxel liegen keine Ergebnisse randomisierter Studien in der postoperativen Situation vor. Es erscheint allerdings plausible, im Analogschluss aus der Wirksamkeit dieser Kombinationen bei der primären Radiochemotherapie (siehe 8.5.3), diese Kombinationen auch in der postoperativen Situation einzusetzen. Für den Einsatz von Cetuximab in der postoperativen Situation gibt es keine Daten, die einen Nutzen nahelegen.
Bei der postoperativen Radiochemotherapie wurden in den beschriebenen Studien in den Regionen mit dem höchsten Rückfallrisiko (Lymphknoten mit ECE und Arealen der knappen Resektion) mit 5 x 2 Gy pro Woche bis 66 Gy bestrahlt. Die angrenzenden Regionen und elektiv zu bestrahlenden Lymphknotenstationen erhielten zwischen 54 bis 60 Gy ebenfalls in konventioneller Fraktionierung [349] [350]. Die Häufigkeit von Grad III/IV Spätnebenwirkungen war dabei in der US Studie [349] nach Radiochemotherapie zwischen 1 - 6% als nach alleiniger Radiotherapie in verschiedenen Kategorien erhöht, wobei allerdings keine statistische Signifikanz erreicht wurde. Zur Reduktion der Nebenwirkungen wird heute die postoperative Radio- oder Radiochemotherapie routinemäßig mit IMRT-Techniken durchgeführt.
8.5.5 Neoadjuvante und adjuvante medikamentöse Tumortherapie
Die Induktionschemotherapie vor Radiotherapie hat einen festen Stellenwert in der organerhaltenden Therapie des nur durch Laryngopharyngektomie kurativ behandelbaren Hypopharynxkarzinoms. Die erste große randomisierte Studie und einzige, die direkt das nicht-chirurgische mit dem chirurgischen Therapieverfahren verglich, wurde von der EORTC initiiert und rekrutierte 202 Patienten mit unvorbehandeltem, operablen Hypopharynx- (78 %) und des Larynxkarzinomen (22 %) [234]. Wir sprechen also beim fortgeschritten Hypopharynxkarzinom von Level IA Evidenz für ein Induktionsprotokoll. Dagegen hat die für das Larynxkarzinom empfohlene primäre Radiochemotherapie zum Larynxorganerhalt [375] in Analogie auch für das Hypopharynxkarzinom Bedeutung (RTOG 91-11 rekrutierte ausschließlich Larynxkarzinome), aber aufgrund einer fehlenden direkt vergleichenden Studie lediglich Level IVA Evidenz [401] (nähere Ausführungen Kap.8.5.3 und [2])
8.5.6 Hypopharynxkarzinom Stadium IVC
Bei einem breits bei der Erstdiagnose fernmetastsierten Tumorleiden muss man eine strenge Abwägung der begrenzt kurativen Therapiemöglichkeiten und der sehr eingeschränkten Prognose im interdisziplinären Tumorboard diskutieren. Die Behandlungsangebote werden unter dem Oberbegriff der palliativmedizinischen Behandlung subsummiert. Da die Prinzipien in diesen Tumorstandien für Plattenepithelkarzinome der Mundhöhle, des Oro- (p16-pos. und -neg.), Hypopharynx und des Larynx gleichermaßen gelten, wird zur weitereführenden Empfehlung auf die S3-Leitlinie Mundhöhlenkarzinom, Version 3.0, Kap. 8.9. verwiesen, in der das Thema mitsamt Empfehlungen ausführlich beschrieben und konsentiert wurde [1]
8.6 Neck-dissection
Sowohl eine elektive als auch therapeutische Neck dissection soll funktionelle Aspekte berücksichtigen und Strukturen wie z.B. den N. accessories, den M. sternocleidomastoideus und die V. jugularis interna neben anderen nicht lymphatischen Strukturen erhalten.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Der Erhalt des N. accessorius bei der Neck-dissection führt zu einer Verbesserung der Lebensqualität.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Neck dissection ist fester Bestandteil der primär operativen Therapie des Oro- und Hypopharynxkarzinoms. Die Sentinel-Node Biopsie wird als Alternative zur elektiven Neck dissection in der N0-Situation bei Oro- und Hypopharynxkarzinomen nicht empfohlen (siehe auch Kap. 7.6.). Die Neck dissection orientiert sich an der Klassifikation nach Robbins unter Berücksichtigung der Halslevel ([449]; siehe auch Kap.6.5., Abb.4).
- Radikale (comprehensive) Neck dissection (RND): Resektion Level I-V incl. Resektion der Vena jugularis interna (VJI) des Musculus sternocleidomastoideus (M.SCCM) und des Nervus accessorius
- Modifiziert radikale Neck dissection (mRND) Resektion der Level I-V; Erhalt einer oder mehrerer nicht-lymphatischer Strukturen der RND (mRND Typ 1-3)
- Selektive Neck dissection (SND) Erhalt von einem oder mehreren LK-levels der RND; Erhalt der VJI, M.SCM und N.accessorius (neu: SND I-III; obsolet: supraomohyoidal ND)
- Extended Neck dissection
Veraltete Begriffe, wie „funktionelle“, oder „supraomohyoidale“ Neck dissection sollten nicht mehr verwandt werden.
Eine adäquate Dissektion sollte nach aktuellem ASCO-Konsens mindestens 18 Lymphknoten umfassen ([450]). Im Grundsatz wird zwischen einer elektiven Neck dissection und einer kurativen (definitiven) Neck dissection unterschieden. Die elektive Neck dissection wird bei einer cN0-Situation in Erwägung gezogen. Die Indikation zu einer elektive Neck dissection sollte auf dem Risiko einer okkulten Metastasierung im entsprechenden Hals-Level basieren. Die kurative Neck dissection kommt in der N+-Situation zur Anwendung. Nach Robbins wird die radikale (comprehensive) von der selektiven Neck dissection unterschieden, wobei die einzelnen dissezierten Hals-Level bei letzterer angegeben werden sollen. Die Art der Neck dissection (radikal oder selektiv) wird gemäß des präoperativen klinischen Stagings (bei Oropharynx unabhängig von p16 und damit einhergehender unterschiedlicher N-Klassifikation) definiert und nach Empfehlung der NCCN Guidelines (NCCN Guideline Version 2.2022) auf folgende Formel gebracht:
- cN0: Selective neck dissection
- Oropharynx Level II–IV
- Hypopharynx Level II–IV und Level VI, wenn notwendig
- cN1–cN2a–c: Selektive oder (modifiziert) radikale neck dissection
- cN3: (modifiziert) Radikale neck dissection (soweit sinnvoll R0-resektabel)
Bei Patienten mit lateralisiertem Oro,- bzw. Hypopharynxkarzinom, die sich gleichzeitig oder vor einer transoralen endoskopischen Kopf-Hals-Operation einer Neck dissection unterziehen, sollte eine Ligatur von gefährdeten, versorgenden Blutgefäßen durchgeführt werden, um die Schwere und Inzidenz postoperativer Blutungen zu reduzieren ([451], [452]).
8.6.1 Elektive Neck dissection
Bei Patienten mit eindeutig lateral der Mittellinie gelegenem T1-Oropharynxkarzinom der Tonsille und der Rachenseitenwand und cN0-Status soll unabhängig vom p16-Status im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens eine elektive ipsilaterale selektive Neck dissection (Level IIa, III und IV) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten im cT2 cN0 Oropharynxkarzinom sollte bei streng lateraler Lokalisation unabhängig vom p16-Status im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens mindestens eine einseitige elektive selektive Neck dissection (Level IIa, III, IV) erfolgen.
Bei Patienten mit mittelliniennahen Tumoren und mittellinienunabhängig, allen Weichgaumen- und Zungengrundkarzinomen sollte bereits im Stadium T1 unabhängig vom p16-Status im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens eine beidseitige elektive selektive Neck dissection (Level IIa, III, IV) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (94%)
Bei Patienten mit eindeutig lateral der Mittellinie gelegenem cT1 cN0-Hypopharynxkarzinom und cN0-Status sollte im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens mindestens eine elektive ipsilaterale selektive Neck dissection (Level IIa, III und IV) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei cN0-Hypopharynxkarzinomen mit mittelliniennaher Tumorlokalisation oder Hinweisen auf eine tiefe Tumorinfiltration oder ab der Kategorie T2 soll im Falle eines primär chirurgischen Konzepts eine beidseitige elektive selektive Neck dissection (Level IIa, III, IV) durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten mit lateralisiertem Oro-, Hypopharynxkarzinom, die sich gleichzeitig oder vor einer transoralen endoskopischen Kopf-Hals-Operation einer Neck dissection unterziehen, kann eine Ligatur/Klippung von gefährdenden versorgenden Blutgefäßen in Erwägung gezogen werden, um die Schwere und Inzidenz postoperativer Blutungen zu reduzieren.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Die Indikationsstellung zur elektiven Neck dissection bei Patienten mit Oro- und Hypopharynxkarzinomen in den Tumorstadien T1 und T2 bei klinisch negativem Lymphknotenstatus hängt maßgeblich von der erwarteten okkulten zervikalen Metastasierungsrate ab. Zur Bestimmung des klinischen N-Status kommen aktuell standardmäßig die Halslymphknotensonographie, Computertomographie und/oder die Magnetresonanztomographie zum Einsatz. Die Detektionsgenauigkeit kann durch erweiterte Verfahren wie die Positronen-Emissions-Tomographie (umfangreiche Darstellung Bildgebung in Kap. 7.3.) und/oder eine Sentinel-Lymphknotenbiopsie erhöht werden [453], [454]. Untersuchungen zur Sentinel Lymphknotenbiopsie weisen darauf hin, dass diese im Hinblick auf das Patientenüberleben bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren in frühen Stadien bei klinisch negativem Halslymphknotenstatus der elektiven Neck dissection gleichwertig sein könnte ([225], [455]; siehe auch Kap.7.6.). Aktuell stellt die elektive Neck dissection den Goldstandard für die Bestimmung des nodalen Status dar.
Derzeit gilt die Durchführung einer elektiven Neck dissection bei einer erwarteten okkulten Metastasierungswahrscheinlichkeit von 15% bis 20% als indiziert ([456], [457], [458], [459], [460], [461], [462]). Bei einer geringeren erwarteten okkulten Metastasierungsrate kann auch ein watchful waiting erfolgen; sollte dennoch eine Neck dissection durchgeführt werden, müssen der mögliche Patienten-Benefit und die erwartete Morbidität sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Relevante Komplikationen, welche in Betracht gezogen werden müssen, sind neben Blutungsereignissen vor allem sensorische oder motorische Nervenschädigungen (allen voran des N. accessorius), chronische Lymphödeme, Chylusfisteln und Wundheilungsstörungen ([463], [464], [465], [451], [452], [466], [467], [223], [468], [469]).
T1/2 cN0 Oropharynxkarzinom
Für Oropharynxkarzinome in den Frühstadien T1 und T2N0M0 reichen die in der Literatur beschriebenen Raten einer okkulten Lymphknotenmetastasierung von ca. 12 - 39% [458], [467], [470], [471], [472], [473], [474], [475], [476], [477], [478], [479], [480], [481]. Bemerkenswert ist dabei der Unterschied zwischen Patienten mit Tumorgröße T1 im Vergleich zu T2: Für T1-Tumore liegt das Risiko für okkulte Lymphknotenmetastasen bei unter 15%, während ab T2 Raten von circa 30% beschrieben werden. Letzteres entspricht den okkulten Metastasierungsraten bei Patienten mit Primärtumoren in den fortgeschrittenen Tumorgrößen T3 und T4. Bei eindeutig lateral der Mittellinie lokalisierten Primärtumoren ist zudem ein Unterschied hinsichtlich der Seitenverteilung der Metastasen festzustellen. Während ipsilateral stadienübergreifend bei Patienten mit T1 und T2 Oropharynxkarzinomen in 17 - 33% okkulte Metastasen festgestellt werden, liegt die Rate für kontralaterale okkulte Metastasen bei 0 - 29% [460], [471], [477], [482], [483], [484], [450], [485], [486], [487], [488], [489], [490], [491], [492].
Bei Tumoren der Kategorie T1 werden in 0 - 20% der Fälle okkulte kontralaterale Metastasen festgestellt, bei T2-Tumoren in 5 – 35% der Fälle ([460], [472], [485], [492], [493]). Hierbei sind auch anatomische Unterschiede innerhalb des Oropharynx zu beachten: Bei Befall des Weichgaumens und des Zungengrundes liegen die Raten einer kontralateralen okkulten Metastasierung aufgrund der kreuzenden Lymphabflusswege höher als bei Tumoren im Bereich der Tonsille [450], [485], [494], [495], [496], [497], [498], [499]. Bereits im Stadium T1 werden bei Weichgaumenkarzinomen okkulte bilaterale Metastasierungsraten von ca. 14% beschrieben, bei Zungengrundkarzinomen von bis zu 20%. Ab Stadium T2 liegen die Raten bei Weichgaumenkarzinomen bei ca. 32%, bei Zungengrundkarzinomen bei ca. 35% [460], [450], [496], [498].
Deutliche Unterschiede bestehen auch hinsichtlich des Befalls der Lymphknotenlevel: Bei cN0-Status manifestieren sich okkulte Lymphknotenmetastasen vorwiegend in den ipsilateralen Leveln II und III. Die Verteilung nach Lymphknotenregionen stellt sich ipsilateral wie folgt dar: Level Ib: 0 - 9%, Level IIa: 26 - 75%, Level IIb: 5 - 14,9%, Level III: 0% - 41 %, Level IV: 0 % - 9%, Level V: 0 - 12% [458], [481], [485], [492], [500], [501], [502], [503]. Ein höheres T-Stadium, ein extrakapsuläres Wachstum, ein klinisch ipsilateraler Lymphknotenbefall, eine Lymphangiosis carcinomatosa oder ein Oropharynxkarzinom der Tonsille erhöhen die Wahrscheinlichkeit für den Befall des ipsilateralen Levels IIb [458].
Insgesamt metastasieren HPV-assoziierte Oropharynxkarzinome in den Tumorstadien T1 und T2 häufiger lymphogen als nicht HPV-assoziierte Tumoren [504], [43]. Hinsichtlich des Einflusses der HPV-Assoziation auf das Vorliegen okkulter Metastasen liegen derzeit keine eindeutigen Daten vor: So beschreiben Shoustare und Kato et al. eine höhere Wahrscheinlichkeit von okkulten kontralateralen Metastasen im Vergleich zu nicht HPV-assoziierten Tumoren; im Gegensatz dazu beschreiben Shah, Amsbbaugh und Tritter et al. geringere Metastasierungsraten [481], [497], [498], [500], [505].
Derzeit liegen zur behandelten Fragestellung keine randomisert kontrollierten Phase III-Studien vor. Unter Berücksichtigung der o.g. Studienergebnisse ist eine elektive ipsilaterale selektive Neck dissection bei Patienten mit eindeutig lateral der Mittellinie gelegenen Oropharynxkarzinomen der Tonsille und der Rachenseitenwand immer, also bereits bei der Tumorgröße T1 indiziert. Bei Patienten im Stadium T2 sollte eine beidseitige elektive selektive Neck dissection erfolgen. Bei Patienten mit mittelliniennahen Tumoren, Weichgaumen- und Zungengrundkarzinomen wird bereits im Stadium T1 eine beidseitige selektive Neck dissection empfohlen. Dies gilt sowohl für Patienten mit HPV-positiven als auch mit HPV-negativen Oropharynxkarzinomen. Sowohl ipsilateral als auch kontralateral kann eine elektive selektive Neck dissection auf die Level II, III und IV beschränkt werden [450], [494], [506].
T1/2 cN0 Hypopharynxkarzinome
Hypopharynxkarzinome weisen unabhängig von der Ausdehnung des Primärtumors im Stadium cN0 eine hohe okkulte ipsilaterale Metastasierungsrate von 24 - 41% auf [468], [470], [507]. Bei Erstdiagnose ist bei den betroffenen Patienten jedoch selten ein cN0-Stadium festzustellen, in der Regel sind Halslymphknotenmetastasen bereits klinisch manifest. Bei Primärtumorgröße T1 liegt die okkulte kontralaterale Metastasierungsrate bei 8% [508]. Die Lokalisation des Primärtumors beeinflusst dabei die kontralaterale Metastasierungsrate deutlich: Bei T1 Tumoren der anterioren Wand des Sinus piriformis, der lateralen Hypopharynxwand oder Hypopharynxhinterwand liegt die Rate bei ca. 5% [508], [509], während bei einer Infiltration der medialen Wand des Sinus piriformis bereits in ca. 13% der T1-Fälle okkulte kontralaterale Metastasen vorliegen. Ein Tumorbefall der Postkrikoidregion, der medialen Wand des Sinus piriformis, ein mittelliniennahes Tumorwachstum im Bereich der Rachenhinterwand oder eine Tumorinfiltration von über 1mm Tiefe erhöhen das Risiko einer kontralateralen Lymphknotenmetastasierung [508], [510], [511], [512], [513].
Bei Primärtumoren im Stadium T2 liegt die Rate einer okkulten kontralateralen Metastasierung bei bis zu 21% [514], [515]. Dies entspricht bereits der Rate für die fortgeschrittenen Tumorstadien T3 und T4 [508]. Die Verteilung okkulter Lymphknotenmetastasen nach Metastasierungslevel ist wie folgt: Level Ib: 3,8 %, Level IIa: 53,8 %, Level IIb: 7,7 %, Level III: 50%, Level IV: 19,2%, Level V: 7,7% [516].
Derzeit liegen zur behandelten Fragestellung keine Phase III-Studien vor. Unter Berücksichtigung der o.g. Studienergebnisse kann bei Patienten mit streng einseitiger Tumorlokalisation im Bereich der Hypopharynxseitenwand oder -hinterwand im Stadium T1 eine ipsilaterale elektive Neck dissection auf der tumorbefallenen Seite erfolgen. Bei mittelliniennaher Tumorlokalisation oder Hinweisen auf eine tiefe Tumorinfiltration oder ab der Kategorie T2 wird eine beidseitige elektive Neck dissection empfohlen. Sowohl ipsilateral als auch kontralateral sollte eine selektive Neck dissection der Level II, III und IV erfolgen. Neck dissektionen des Halslevel-VI werden im Hypopharynx nach Bedarf durchgeführt, um den Primärtumor und alle klinisch suspekten Halsknoten zu resezieren. Die elektive Dissektion hängt von der Ausdehnung und Lokalisation des Primärtumors ab.
8.6.2 Kurative Neck dissection
Bei nodalpositivem Oro-, und Hypopharynxkarzinom sollte im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens stadienunabhängig eine mindesten ipsilaterale kurative Neck dissection durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Der Umfang einer kurativen Neck dissection im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens bei nodalposiven Oro-, bzw. Hypopharynxkarzinomen soll von dem Ausmaß des Lymphknotenbefalls abhängig gemacht werden. Das Mindestausmaß beinhaltet die selektive Neck dissection der Level IIa, III, IV und kann bis zur radikalen Neck dissection gesteigert werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Aufbauend auf dem grundsätzlichen lokoregionären Metastasierungsverhalten von Oro- und Hypopharynxkarzinomen in Kap. 8.6.1 und den aktuellen ASCO-Empfehlungen [450] ist in der N+-Situation die kurative Neck dissection als wesentlicher Bestandteil der definitiven Chirurgie indiziert. Bei einseitig nodalpositivem lateral gelegenen Oro- und Hypopharynxkarzinom sollte im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens stadienunabhängig mindestens eine ipsilaterale kurative Neck dissection durchgeführt werden. Sollte die Tumorlokalisation nahe der Mittellinie sein oder diese gar überschreiten, sollte auch bei einseitiger cN+-Situation eine bilaterale Neck dissection durchgeführt werden. Der Umfang einer kuratven Neck dissection im Rahmen eines primär chirurgischen Vorgehens bei nodalposiven Oro-, bzw. Hypopharynxkarzinomen soll von dem Ausmaß des Lymphknotenbefalls der jeweiligen Halsseite abhängig gemacht werden. Das Mindestausmaß beinhaltet die selektive Neck dissection der Level IIa, III, IV und kann bis zur radikalen Neck dissection gesteigert werden [450].
Bei Patienten mit lateralisiertem Oro-, Hypopharynxkarzinom, die sich gleichzeitig oder vor einer transoralen endoskopischen Kopf-Hals-Operation einer Neck dissection unterziehen, sollte eine Ligatur von gefährdeten, versorgenden Blutgefäßen durchgeführt werden, um die Schwere und Inzidenz postoperativer Blutungen zu reduzieren. Patienten mit cN+-Krankheit, die entweder eine eindeutige extranodale Ausdehnung in das umgebende Weichgewebe oder eine Beteiligung der Halsschlagader oder des Hirnnervs aufweisen, sollte ein nicht-chirurgischer Ansatz angeboten werden. Patienten mit durch Biopsie nachgewiesenen Fernmetastasen sollten sich keiner routinemäßigen chirurgischen Resektion metastasierter zervikaler Lymphknoten unterziehen [450].
Bei einem fortgeschrittenem Hypopharynxkarzinom, das primär operativ behandelt wird, kann eine Level-VI-Dissektion (einschließlich prätrachealer Lymphknoten, Delphischer Lymphknoten und unilateraler oder bilateraler paratrachealer Lymphknoten) und eine Hemithyreoidektomie bis hin zur totalen Thyreoidektomie indiziert werden.
8.6.3 Salvage Neck dissection
Der Begriff “Salvage-Chirurgie” wird international wie folgt eingeordnet:“ Salvage surgery is no longer limited to patients who failed radiotherapy or radiochemotherapy, but also includes patients who previously underwent surgical treatment for tumors located from the base of the skull to the lower neck areas (including thyroid cancer)”[517]. Dies bedeutet, dass auch nach alleiniger chirurgischer Therapie des Erstkarzinoms im Oro- oder Hypopharynx bei neu aufgetretenem Rezidiv/Zweittumor bzw. lokoregionären Metastasen im ehemaligen Resektionsgebiet die erneute Chirurgie als Salvage-Chirurgie bezeichnet wird. Die Salvage-Neck dissection wird näher in Kap. 9.1.1. im Rahmen der ausführlicheren Betrachtungen zur Salvage-Chirurgie ausgeführt.
Eine besondere Situation stellt die geplante Neck dissection nach definitiver Radiochemotherapie bei nodalpositiven Oropharynx- und Hypopharynxkarzinomen dar. Hier sollte eine Salvage-Neck dissection nur dann im unmittelbaren Nachgang der Primärtherapie erwogen werden, wenn die FDG-PET-CT sich als positiv erweist. Hintergrund und Empfehlungen wurden in Kap. 7.3. detailliert ausgeführt (siehe Empfehlungen 7.14 - 7.16, [202] [450]).
8.7 Spezielle Aspekte zur pflegefachlichen Versorgung von Oro- und Hypopharynxkarzinom-Patienten
Während sich bei Patienten mit einem Oro-, bzw. Hypopharynxkarzinom ein komplexes medizinisches Bild zeigt, lassen sich auch vielseitige pflegerische Handlungsbedarfe ableiten. Im gesamten Pflegeprozess, der den Pflegenden (Wird in diesen Ausführungen von Pflegenden gesprochen, sind damit stets beruflich oder hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen im Sinne des Pflegeberufegesetzes (PflBG) gemeint) vorbehalten ist (§ 4 PflBG), treffen Tätigkeiten aufeinander, die sich an den Bedarfen der Betroffenen orientieren und für sie vorbeugend, erhaltend, fördernd, heilend, wiederherstellend oder lindernd sein können (§§ 5, 37 PflBG).
Neben diesem breiten Aufgabenspektrum entlang des gesamten Behandlungs- und Versorgungsprozesses ergibt sich unter dem Begriff der Gesundheitskompetenz (Health Literacy) für Pflegende auch der Bedarf, Betroffene in deren Suche, Verstehen, Bewertung und Anwendung von Gesundheitsinformationen [518] zu begleiten und zur Selbstständigkeit zu verhelfen.
Darauf basierend widmen sich nachfolgende Ausführungen weniger den grundlegenden pflegerischen Tätigkeiten (Wundversorgung, Körperpflege, Mobilisation etc.), sondern vielmehr den speziellen pflegerischen Aufgaben bei Vorliegen eines Oro- bzw. Hypopharynxkarzinoms. Insgesamt konnten vier zentrale Bereiche in der Literatur identifiziert werden.
Information und Beratung
Allen voran steht das Thema Information und Beratung (siehe auch Kapitel 5). In mehreren Untersuchungen konnte ein breites Wissensdefizit zum Oro- und Hypopharynxkarzinom unter verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestimmt werden. Sowohl gesunde Probanden als auch Betroffene (unabhängig von Form und Ausprägung) hatten kaum oder kein Wissen über Ätiologie, Prävention und Behandlung eines Mundhöhlen- oder oropharyngealen Tumors [519]; [520]; [521]; [522]; [523]; [524]; [525]; [526]; [527]
Da diese Unwissenheit auch als Primärgrund für eine verzögerte Diagnosestellung angeführt wird [528], ergibt sich an dieser Stelle ein bedeutender Handlungsbereich für Pflegende, denn das Informieren und Beraten gehört zu den originären Pflegehandlungen und ist zentraler Bestandteil einer auf Gesundheitskompetenz ausgerichteten Patienten-Edukation. Das Wissen über Krebserkrankungen im allgemeinen sowie über die eigene Erkrankung im speziellen kann u.a. durch individuelle Anpassung und den Einsatz von digitalen Medien deutlich verbessert werden [529] [525]. Durch die Informationsvermittlung und das Wissen um die Erkrankung können auch emotionale Probleme, Ängste und Depressionen im Rahmen des Krankenhausaufenthaltes bei der Primärtherapie gesenkt werden [530].
Psychosoziale Begleitung
An dieser Stelle ist ein weiterer, zentraler Aspekt pflegerischen Handelns anzuführen: die psychosoziale Begleitung. Patienten mit Kopf- und Halstumoren berichten von erhöhten Angstzuständen und zeigen vermehrt depressive Tendenzen oder Depressionen und auch deren Lebensqualität ist (deutlich) niedriger. Auch hat die Diagnose Depression einen Einfluss auf das Überleben einer Tumorerkrankung im Kopf- oder Halsbereich [531]; [532]; [533]. Des Weiteren können durch das Karzinom indirekt veränderte Gesichtszüge die individuelle Psyche belasten [533]; [534]. Demnach bedarf es einer gezielten Pflegeprozessplanung, die neben der Auswahl von Maßnahmen, deren Durchführung und der Evaluation auch Assessments miteinbezieht, die durch die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Lebensqualität eine psychosoziale Begleitung zielführend gestalten können [535]; [536]; [537].
Auch die soziale Einbindung der Patienten ist von großer Bedeutung, um eine stabile psychische Situation zu sichern [533]. Denn deren Rollenerleben kann sich durch die Erkrankung verändern [538] und deren Lebensqualität korreliert signifikant mit Problemen bei ihren Sozialkontakten [539]. Ebenso kann die Rückkehr in ein aktives Beschäftigungsverhältnis die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig verbessern [540], weshalb die kontrollierte und systematische Entlassung der Betroffenen und die weitere Versorgungsplanung einen zentralen Stellenwert einnimmt [541].
Zur psychosozialen Begleitung zählt auch der Aspekt Sexualität. Die sexuelle Aktivität und Zufriedenheit der Betroffenen kann durch körperliche Veränderungen, spezifische oder unspezifische Angst oder psychische Belastungen eingeschränkt sein [542]; [543] [544]. Auch diese sexuellen Bedürfnisse müssen im Sinne einer umfassenden pflegerischen Versorgung mitgedacht werden.
Ernährungssituation
Die Lebensqualität der Betroffenen verschlechtert sich ebenfalls, wenn eine Mangelernährung vorliegt [545]; [539]. Dies führt zu einem dritten, zentralen Handlungsfeld für Pflegende: die Ernährungssituation.
Patienen mit einem Oro-, oder Hypopharynxkarzinom haben durch eine beeinträchtigte Kau- und Schluckfunktion ein hohes Risiko für eine Mangelernährung [546]; [544]. Besteht eine ebensolche, verlieren die Betroffenen an Gewicht, sie verkraften die operative, Chemo- oder Radiotherapie deutlich schlechter und ihre therapiebedingte Morbidität und Mortalität steigt [547]; [548]; [549]. Je fortgeschrittener das Karzinom ist, desto größer sind auch die Kau- und Schluckdefizite, wodurch es in vielen Fällen zu einer Magensonden- oder PEG-Anlage kommt [550]
Demnach sind das frühzeitige Erkennen der Ernährungsbedürfnisse (durch Screenings und regelmäßige Assessments; Blumenberg et al., 2017) sowie die kontinuierliche Begleitung und Unterstützung in der Ernährung elementar für die Betroffenen [547]; [546]; [548]; [551]; [538]; [552]. Diese Unterstützung muss auch über die stationäre Behandlung hinaus im ambulanten Sektor gewährleistet werden, was erneut die Bedeutung eines zielgerichteten Entlassungsmanagements betont [541].
Neben der aktiven Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme gehört auch das regelmäßige Training zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Kau- und Schluckfunktion (z.B. durch Sprechübungen, Singen, Zungenbewegungen, Pharynx-Stimulation) zu den zentralen Aufgaben der Pflegenden [553]; [544]. Und auch die Applikation von Ernährung via nasogastraler Sonde oder PEG kommt an unterschiedlichen Stellen zum Einsatz [554] (Hinweis auf ausführliche Betrachtung der Ernährungsfragen in Kap. 10.4).
Abhängigkeit von Suchtmitteln
Als Ursache für ein Oro- und Hypopharyynxkarzinom wird an vielen Stellen der regelmäßige Konsum von Alkohol oder Zigaretten angeführt (nähere Ausführungen in Kap. 4) [555] [556]; [557]). Dem damit häufig verbundenen Suchtverhalten müssen Pflegende fachlich fundiert und zielgerichtet begegnen [558]. Dazu gehört zum einen die Unterstützung bei der kontrollierten Einnahme und Zuführung des jeweiligen Suchtmittels, im weiteren die Begleitung bei der (schrittweisen) Reduktion und zum anderen auch ein individuell angepasster und abgesprochener, vollständiger Entzug [555] [559]. Die Reduktion oder Entwöhnung beider Suchtmittel führt bei bestehender Erkrankung zu besseren Therapieergebnissen, besserer Wundheilung, geringerer Mortalität und besserem Ernährungsstatus [560]; [561]. An dieser Stelle ergibt sich wiederum eine Verbindung zum initial genannten Informations- und Beratungsbedarf, denn die Reduktion oder Entwöhnung von Alkohol und/oder Zigaretten kann als präventive Maßnahme das Erkrankungsrisiko bereits deutlich senken [561].
Tabelle 9: Spezielles Pflegehandeln bei OPC-Patient*innen
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Bereich |
Intervention |
Ziel |
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Information |
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Prävention, Wissensdefizite ausgleichen, schnellere Diagnosestellung, Reduktion psychischer Belastungen |
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Psychosoziale Begleitung |
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Überwachung der Bedürfnisse, Selbstbewusstsein und -wahrnehmung sicherstellen, Compliance fördern, Lebensqualität steigern, psychische Belastungen thematisieren und senken |
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Ernährung |
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Erhalten oder Wiederherstellung der Kau- und Schluckfunktion, Mangelernährung verhindern, adäquaten Ernährungsstatus (wieder)erlangen, Mortalität senken, |
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Abhängigkeit von Suchtmitteln |
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Verbesserte Therapieergebnisse, verbesserte Wundheilung, verbesserter Mundstatus, verbesserter Ernährungsstatus |
Evidenztabellen
PICO 3 - Transorale roboterassistierte Chirurgie [TORS] mit Neck-dissection vs Radio(-Chemo)therapie (Endpunkte: Overall survival und Progression-free survival) [GRADE-Bewertung]
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Referenz |
Zeitrahmen |
Endpunkt Studie/ Patientenanzahl
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Effektschätzer
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Vertrauen in den Effektschätzer Qualität der Evidenz (GRADE) |
Zusammenfassung |
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Chirurgie+ND |
Bestrahlung |
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Nichols, 2022 (34995124) Phase II - RCT (ORATOR) |
3 Jahre |
Overall Survival
Basierend auf Daten von 68 Patienten aus1 Studie
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88% (CI 95%: 72%-95%) |
87% (CI 95%: 69%-95%) |
Niedriga,d |
Es gibt keine Evidenz für einen Unterschied bei Overall Survival zwischen den Gruppen. |
|
Overall Survival (nur p16+ Patienten)
Basierend auf Daten von 60 Patienten aus 1 Studie
|
93% (CI 95%: 76% - 98%) |
96% CI 95%: 77% - 100%) |
Niedriga,d
|
|||
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Progression-free Survival
Basierend auf Daten von 68 Patienten aus 1 Studie |
85% (CI 95%: 68%-94%) |
87% (CI 95%: 70%-95%) |
Niedriga,d
|
Es gibt keine Evidenz für einen Unterschied bei Progression-free Survival zwischen den Gruppen. |
||
|
Progression-free Survival (nur p16+ Patienten)
Basierend auf Daten von 60 Patienten aus 1 Studie |
90% (CI 95%: 72%-97%)
|
96% (CI 95%: 77%-100%)
|
Niedriga,d
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Begründungen der Grade-Bewertung (Ab-/Aufwertungen):
a: Effektschätzer basiert nur auf einer Studie (-1);
b: hohes Risiko für Bias (-1);
c: die Studienpopulation besteht aus weniger als 50% der Zielpopulation (-1);
d: es ist möglich, dass kein Effekt gefunden worden ist, da die Studie nicht für dieses Outcome gepowert wurde oder die geplante Fallzahl nicht erreicht hat (-1);
e: die obere und untere Grenzen der Konfidenzintervall sind kleiner als 0,5 oder größer als 2,0 (+1);
f: keine Angabe zur Effektgröße oder stat. Signifikanz (p-Wert, Konfidenzintervall) (-1);
PICO 3 - Transorale roboterassistierte Chirurgie [TORS] mit Neck-dissection vs Radio(-chemo)therapie [Studiencharakteristika]
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Referenz/ Studientyp |
Interventionen |
Untersuchte Population |
Methodische Bemerkungen |
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Nichols, 2019 (Orator 1) (31416685), Phase II RCT |
A) Radiotherapie, 70 Gy in 35 Fraktionen über 7 Wochen mit/ohne Chemotherapie, falls N1-2) |
Stadium T1-T2,N0-2, M0, (7th Edition TNM); ECOG 0-2 |
Die Studie war nicht verblindet und wurde für den Hauptendpunkt Lebensqualität: (genauer: Schluckbeschwerden gemessen mit MDADI) gepowert. |
|
Nichols, 2022 (Orator 1) (34995124), |
A) Radiotherapie, 70 Gy in 35 Fraktionen über 7 Wochen mit/ohne Chemotherapie, falls N1-2) |
Stadium T1-T2,N0-2, M0, (7th Edition); ECOG 0-2 |
Die Studie war nicht verblindet und wurde für den Hauptendpunkt Lebensqualität (genauer: Schluckbeschwerden gemessen mit MDADI) gepowert. Auswertung nach 3 Jahren (Median: 45 Monate) |
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Palma, 2022 (Orator 2) (35482348), |
A) Radiotherapie +/- Chemotherapie |
Stadium T1-T2,N0-2, M0, (8th Edition AJCC; ECOG 0-2 |
Die Studie hat die geplante Fallzahl von 140 Teilnehmern nicht erreicht. Open-label Studie. Primärer Endpunkt: Gesamtüberleben. |
(2)Biasrisiko "einige Bedenken / Some concerns"- Die Studie wurde hinsichtlich des Biasrisikos in Bezug auf das Ergebnis in mindestens einer von acht Domänen als „mit einigen Bedenken“ behaftet eingeschätzt, das Biasrisiko wurde jedoch in keiner Domäne als „hoch“ eingeschätzt. (lt. Cochrane Bias Tool 2.0)
PICO 2 - De-Eskalation der Standardtherapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]
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Referenz/ Studientyp |
untersuchte Interventionen |
Untersuchte Population |
Ergebnisse / GRADE Bewertung+ |
Methodische Bemerkungen |
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Cheraglou et al., 2018 (29243245) |
1. Radiochemotherapie (CRT) |
4443 Patienten, HPV+ Oropharynx-Plattenepithelkarzinome (OPSCC) in 3 Stadien [AJCC 8 ed.): |
Stadium I Patienten - HR, adjustiert (95% KI) |
- multivariates Cox-Modell |
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Tam et al., 2020 (32616096) |
1. RT (+/- CT) 66-80Gy oder mehr (n=2049, 94.3%) |
2173 Patienten, HPV+ Oropharynxkarzinome |
Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert) |
- keine Daten zu Raucherstatus |
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Gabani et al., 2019 (31005228) |
1. RT (+/- CT) 66Gy oder mehr (n=655, 86.3%) |
759 Patienten, Oropharynxkarzinome nur HPV+ |
Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert) |
- keine Daten zu Raucherstatus |
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White et al., 2019 (31120601) |
1. RT (+/- CT) 66Gy oder mehr (n=~188, ~16%) |
1168 Patienten mit Oropharynxkarzinomen (OPSCC): |
Gesamtüberleben (3 Jahre, gematched) |
- keine Daten zu Raucherstatus |
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Yoshida et al., 2020 (31536144) |
1. Radiochemotherapie (CRT) |
4473 Patienten, HPV+Oropharynx-Plattenepithelkarzinome (OPSCC) [AJCC 8. ed] Stadium I Edition (bzw. T1-2N0-2bM0) (n=3883; 87% Männer) |
Stadium I Patienten - HR adjustiert (95% KI) |
- multivariates Cox-Modell |
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Soliman et al., 2022 (36139676) |
1. Chirurgie (S) (n=3232; 21,5%) |
15036 Patienten, HPV+ Oropharynxkarzinome |
Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert): |
- multivariates Cox-Modell, Propensity-Matching, |
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Goel et al., 2018 (31107584) |
1. Chirurgie +adjuvante Radiochemotherapie (S+aCRT) |
2164 Patienten (83,4% Männer), Oropharynx-Plattenepithelkarzinome (OPSCC) mit intermediären Risikofaktoren**, HPV+ (72,7%), |
Gesamtüberleben (3 Jahre, nicht adjustiert) |
- multivariates Cox-Modell |
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An et al., 2017 (34331477) |
1. Chirurgie + adjuvante Radiochemotherapie (S+ aCRT) (n=498) |
1043 Oropharynx-Plattenepithelkarzinome (OPSCC) HPV+, davon 43,5% mit extrakapsulärer Ausbreitung (ECE). Männer 83,8%,pT1-T2=89,2%,pT3-T4=8,1% |
Gesamtüberleben (3 Jahre) mit vs. ohne ECE |
- keine Daten zu Raucherstatus, Performance-Status, Ausbreitung des ECE |
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Day et al., 2020 (34331477) |
1. Chirurgie (S) (n=442; 17%) |
2663 Patienten, HPV+ Oropharynxkarzinome, Männer: 87%; (AJCC 8 ed.), Stadium I=49%, Stadium II=42%; Stadium III=7%, Stadium IV=3% |
Gesamtüberleben (4 Jahre, unadjustiert): |
- multivariates Cox-Modell, Propensity-Matching, |
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Ajmani et al., 2017 (29103745) |
1. Chirurgie+ adjuvante Radiochemotherapie (S+ aCRT) |
6984 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren (HNSCC): |
HNSCC-Patienten mit extrakapsulärer Ausbreitung (ECE) - HR adjustiert (95KI%) Oropharyntumore HPV- mit ECE - HR adjustiert (95KI%) Oropharyntumore HPV- mit PM - HR adjustiert (95KI%)
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- multivariates Cox-Modell |
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Fenlon et al., 2021(34931386) |
1. Chirurgie + aRT (n=4897, 34,8%) |
Gesamkohorte: 14.071 Patienten, p16+ Oropharynxkarzinome |
Gesamtüberleben (adjustierte HR; medianer Follow-Up: 46 Monate): |
- multivariates Cox-Mod - |
* Zu den analysierten Adverse Features gehörten der makroskopische oder mikroskopische Resttumor (positive chirurgische Ränder), extrakapsuläre Ausbreitung (ECE), Tumorzellen in den Lymphknoten Level 4/5 oder in den retropharyngealen Lymphknoten und das mikroskopische Vorhandensein von Tumorzellen in den Lymphbahnen oder Blutgefäßen (lymphovaskuläre Invasion)
** pT3-T4-Erkrankung, ≥2 positive Lymphknoten, Tumorzellen in den LK 4/5 und/oder lymphatische Invasion
Begründungen der Grade-Bewertung:
alle hier dargestellten Endpunkte erhalten eine "sehr niedrige" GRADE-Bewertung, da registerbasierte Studien:
- per se ein "hohes Biasrisiko" aufweisen;
- nicht hypothesenprüfend, sondern explorativ sind;
- die Ergebnisse beziehen sich jeweils auf Einzelstudien,
- hier nicht gepoolt werden konnten, da sie teilweise auf überlappende Bevölkerungen basieren.
PICO 3- Chirurgie +/- adjuvante Therapie vs Radio(chemo-)therapie bei Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika und Ergebnisse - Registerbasierte Studien]
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Referenz/ Studientyp |
untersuchte Interventionen |
Untersuchte Population |
Ergebnisse |
Methodische Bemerkungen |
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Kao et al., 2008 (18164833) Studie mit Registerdaten (1988-2001), Surveillence, Epidemiology, and End Results -SEER |
1. Chirurgie allein (S) |
5297 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren (HNSSC): n=1940 (37%) Oropharynxkarzinome, n=647 (12%) Hypopharynxkarzinome Männeranteil 73,6%; N1=42,2%, N2a=25,2%, N2b=17,0%, N2c=6,8%, N3=4,8% [AJCC 2 ed.] |
Gesamtüberleben (3 Jahre stratifiziert, unadjustiert) Oropharyxkarzinom S S+RT p=0,003 Hypopharynxkarzinom S S+RT p<0,001 Gesamtüberleben (5 Jahre stratifiziert, unadjustiert) Hypopharynxkarzinom S S+RT p<0.001 Fazit: Adjuvante Strahlentherapie ist im Vergleich zur alleinigen chirurgischen Behandlung mit einem besseren Gesamtüberleben assoziert. |
- hohes Biasrisiko: Missklassifikation, Selektion, Confounding - Einige Patienten könnten neben der Bestrahlung auch eine Chemotherapie erhalten haben |
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Amini et al., 2016 (27086480) |
1. Chirurgie allein (S) (Referenzgruppe) |
3.952 Patienten mit Oropharynx-Plattenepithelkarzinome (OPSCC) davon n=2454 HPV+ (62%) , unter den HPV+: Männeranteil 86,2% T1=37,1%, T2=42,1%, T3=13,1%, T4=7,7% [AJCC 7. ed.], 88,6% AJCC Stadium III-IVA/IVB HPV-negativ: n=1498 (38%), 79,8% AJCC Stadium III-IVA/IVB |
Gesamtüberleben (2 Jahre, unadjustiert): stratifiziert nach AJCC-Stadium (HPV+ vs HPV-): Stadium I : 95,6% vs. 88,4% Gesamtüberleben (HPV+, Stadium III + IV): - adjustierte HR (95% KI): S allein (Ref.) Gesamtüberleben (HPV-, Stadium III + IV): - adjustierte HR (95% KI): S allein (Ref.) |
multivariates Cox-Modell |
|
Baliga et al., 2018 (30409323) |
1. Bestrahlung (RT) +/- adj. Behandlung |
17.150 Patienten mit OPSCC davon behandelt mit: - RT: n= 14.470 (84,3%) davon HPV+: n=6226 (36,3%) propensity gematchte Subkohorte: n=1584 (n=792 TORS, n=792 RT), davon HPV+: 76,9%, Männeranteil 84,4%, T1=40,0%, T2=60,0% |
medianer Follow-Up der Gesamtkohorte: 31,4 Monate Gesamtüberleben in der Propensity-gematchten Kohorte (n=1584): RT vs TORS (5 Jahre, unadjustiert): 81% vs 84% (p=0,10), Patienten mit TORS erhielten weniger häufig adjuvante Chemotherapie im Vergleich zu Patienten mit Bestrahlung (OR=0,09; 95%KI [0,08-0,12]) |
Überlebenszeitanalyse eine propensity gemachten Subkohorte |
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Kamran et al., 2018 (28988426) |
1. Chirurgie +/- adjuvante Bestrahlung +/- adjuvante Chemotherapie ) |
22.676 Patienten mit OPSCC, behandelt mit: (1) S+ aRT /+/- CT: n= 8.555 (37,7%) Subkohorte n=6872 mit HPV-Status: (1) S+ aRT /+/- CT: n= 2960 (43,1%) davon 73,3% HPV+; Männeranteil 84,4%; T1=28,1%, T2=40,1%, T3=19,4%, T4=12,3% Propensity gematchte Subkohorte n=4848 (mit HPV-Status): |
medianer Follow-Up der Gesamtkohorte: 40,7 Monate Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert), Gesamtkohorte: S+/- aRT+/- CT vs. CRT: 85,4% vs 72,6% (p<0,0001) Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert), Subkohorte mit HPV-Status: S+/- aRT+/- CT vs. CRT: 89,6% vs 79,5% (p<0,0001) multivariates Cox-Modell, adjustiert HPV+ Patienten (n=5037) - HR adjustiert (95KI%) HPV-negative Patienten (n=1835) - HR adjustiert (95KI%) Subkohorte gematched mittels Propensity Score (n=4848):
|
Überlebenszeitanalyse, multivariates Cox-Modell, Propensity gemachte Kohorten für HPV+, keine Adjustierung für Rauchen, |
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Kelly et al., 2018 (29598952) |
1. Vorab-Chirurgie (S) |
3063 Patienten mit HPV-positiven OPSCC, behandelt mit: (1) S: n= 1.487 (48,5%) Stadien: cT1 N2a-2b or cT2 N1-2b; Männeranteil 86,7%; T1=38,9%; T2=61,1% Propensity gematchte Subkohorte n=4848 (alle HPV+): |
medianer Follow-Up: 32 Monate Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert), Gesamtkohorte:
|
Überlebenszeitanalyse, multivariates Cox-Modell, Propensity gemachte Kohorten für HPV+, -keine Adjustierung für Rauchen, - hohes Biasrisiko: Missklassifikation, Selektion, Confounding, -retrospektives Design |
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Ko et al., 2017 (28737019) |
1. Chirurgie +/- adjuvante Therapie |
4867 Patienten mit N3-Kopf-Hals-Tumoren (HNSSC), davon n=3275 (67,3%) Oropharynxkarzinome HPV-Status: HPV+: 515 (10,6%) |
medianer Follow-Up der Gesamtkohorte: 27 Monate Gesamtüberleben (3 Jahre, nach Gewichtung 'inverse probabilit weighting'): HR, adjustiert (95KI%): nur OPSCC, HPV+ und HPV-: Fazit: Patienten mit OPSCC (N3), die primär chirurgisch behandelt werden haben ein besseres Überleben ggü. jenen, die mit Radiochemotherapie behandelt werden, besonders die Subgruppe der (HPV)-negativen Patienten. |
-Überlebenszeitanalyse, multivariates Cox-Modell, -Überleben nach statistischer Gewichtung, -keine Adjustierung für Rauchen, -retrospektives Design -HPV-Status nur für eine kleine Subgruppe bekannt, - hohes Biasrisiko: Missklassifikation, Selektion, Confounding |
|
Mahmoud et al., 2018 (29244238) |
1. Transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) +/- adjuvante Behandlung (S) |
1873 Patienten mit OPSCC davon 73% HPV+, medianes Alter 56 Jahre, Männer 84%, T1=22%, T2=46%, T3=22%, T4=10%; behandelt mit: (1) TORS : n= 559 (30 %)
|
medianer Follow-Up: 29 Monate 3-Jahresüberleben, unadjustiert: (1) TORS vs RT /CRT: 93% vs.83% , p<0,001
Fazit: OPSCC/HPV-negative-Patienten, die mit TORS behandelt wurden, hatte ein besseres Überleben als jene mit primärer Bestrahlung. Bei OPSCC/HPV-Positiven gab keine keine Hinweis auf besseres Überleben. |
-Überlebenszeitanalyse, multivariates Cox-Modell, Propensity gemachte Kohorten für HPV+, -keine Adjustierung für Rauchen, -retrospektives Design - hohes Biasrisiko: Missklassifikation, Selektion, Confounding |
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Patel et al., 2021 (33290171) |
1. Bestrahlung, alleine (RT) |
4270 Tonsillenkarzinome (T1-2N0M0), davon auf HPV getestet: n=2759 (58,5%), davon |
medianer Follow-Up: 45 Monate Hazard Ratio, multivariates Modell HPV-: unbekanner HPV-Status: Fazit: Bei HPV-positivem Tonsillenkrebs im Frühstadium führt eine chirurgische oder eine Strahlenbehandlung zu einer ähnlichen Überlebensrate. Bei HPV-negativem Tonsillenkrebs waren chirurgische Behandlungen mit einem längeren Überleben verbunden. |
Überlebenszeitanalyse, multivariates Cox-Modell, Propensity gemachte Kohorten für HPV+, -keine Adjustierung für Rauchen, -retrospektives Design - hohes Biasrisiko: Missklassifikation, Selektion, Confounding |
|
Shama et al., 2022 (34546828) |
1. Chirurgie, allein (S) |
2638 Patienten mit OPSCC, alle HPV-negativ, davon Männer 75,3%, [AJCC 7. ed], Stadien T1-2 N0-1=29,4%, Stadien T3-4 N0-1=12,4% |
Gesamtüberleben (5 Jahre):- Stadien T1-2 N0-1 (n=774) - HR, adjustiert (95% KI) Stadien T3-4 N0-1 (n=327) - HR, adjustiert (95% KI) Stadien T1-2 N2-3 (n=807) - HR, adjustiert (95% KI) Stadien T3-4 N2-3 (n=727) - HR, adjustiert (95% KI) Fazit: Eine primär chirurgische Behandlung (mit adjuvanter Radio-(chemo)therapie) kann in vielen Fällen das Überleben von Patienten mit HPV-negativen Oropharynxtumoren verbessern. |
'-Überlebenszeitanalyse, |
alle hier dargestellten Endpunkte erhalten eine "sehr niedrige" GRADE-Bewertung, da registerbasierte Studien:
- per se ein "hohes Biasrisiko" aufweisen;
- nicht hypothesenprüfend, sondern explorativ sind;
- die Ergebnisse beziehen sich jeweils auf Einzelstudien,
- hier nicht gepoolt werden konnten, da sie teilweise auf überlappende Bevölkerungen basieren.
PICO 4 - Primäre transorale chirurgische Therapieverfahren vs. offene/externe klassische Chirurgie (Alle Endpunkte) [GRADE Bewertung]
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Referenz |
Endpunkt Zeitrahmen |
Ergebnisse und Messwerte |
Absolute Effektschätzer |
Vertrauen in den Effektschätzer Qualität der Evidenz (GRADE) |
Zusammenfassung |
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Open Surgery |
TORS |
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Park, 2013 (23448352)
Hammoudi, (24816480)
Slama, 2016 (26996243) |
Mortalität
|
Relatives Risiko: 0.79 (CI 95% 0.29 - 2.15) Basierend auf Daten von 184 Patienten und 3 Studien
|
89 pro 1000 |
70 pro 1000 |
Niedrig
|
Es gibt keine Evidenz für einen Überlebensunterschied zwischen den beiden Gruppen. |
|
Differenz: 19 weniger pro 1000 (CI 95% 63 weniger - 102 mehr) |
||||||
|
Park 2013 (23448352) |
Disease-free survival 2 Jahre |
Relatives Risiko: 1.08 (CI 95% 0.83 - 1.41) Basierend auf Daten von 56 Patienten und 1 Studien
|
769 pro 1000 |
831 pro 1000 |
Sehr niedriga
|
Es gibt keine Evidenz für einen Überlebensunterschied zwischen den Gruppen. Das Ergebnis ist basiert auf 1 retrospektiven Studie, die sich ausschließlich auf Patienten mit Hypopharynxkarzinomen bezieht. |
|
Differenz: 62 mehr pro 1000 (CI 95% 131 weniger - 315 mehr) |
||||||
|
Park, 2019 mit gepoolten Ergebnissen aus: Ford, 2014 (25049265) Hammoudi, 2015 (24816480) |
Disease-free survival 3 Jahre |
Relatives Risiko: 1.17 (CI 95% 1.02 - 1.35) Basierend auf Daten von 182 Patienten und 2 Studien
|
758 pro 1000 |
887 pro 1000 |
Niedrig
|
Es gibt schwache Evidenz für einen Unterschied zwischen den Gruppen. |
|
Differenz: 129 mehr pro 1000 (CI 95% 15 mehr - 265 mehr) |
||||||
|
Ford, 2014 (25049265)
Hammoudi, 2015 (24816480)
Slama, 2016 (26996243)
|
Rezidive
|
Relatives Risiko: 0.63 (CI 95% 0.21 - 1.84) Basierend auf Daten von 231 Patienten und 3 Studien
|
195 pro 1000 |
123 pro 1000 |
Sehr niedrigg
|
Es gibt keine Evidenz für einen Unterschied bezüglich Rezidive zwischen den beiden Gruppen. |
|
Differenz: 72 weniger pro 1000 (CI 95% 154 weniger - 164 mehr) |
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Hammoudi, 2015 (24816480) |
Tracheostomie post-operativ |
Relatives Risiko: 0.2 (CI 95% 0.08 - 0.5) Basierend auf Daten von 52 Patienten und 1 Studien
|
769 pro 1000 |
154 pro 1000 |
Sehr niedriga
|
Es gibt Hinweis für einen Unterschied bezüglich post-operativen Tracheostomien zwischen den beiden Gruppen. |
|
Differenz: 615 weniger pro 1000 (CI 95% 707 weniger - 384 weniger) |
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Slama, 2016 (26996243) |
Schluckfunktion (MDADI) 1 Woche post-OP |
Gemessen mit: MDADI Skala: - Höher ist besser Basierend auf Daten von 49 Patienten und 1 Studien
|
44.9 Mittelwert |
60.0 Mittelwert |
Sehr niedriga,c |
Es gibt Hinweise, dass die Gruppe der TORS Patienten 1 Woche postoperativ eine bessere Schluckfuktion haben als Patienten mit offener Chirurgie. |
|
Differenz: MD 15.1 Größer keine Angabe zum Konfidenzintervall, jedoch einen Hinweis, dass es einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen gibt. |
||||||
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Schluckfunktion (MDADI) 6 Monate |
Gemessen mit: MDADI Skala: - Höher ist besser Basierend auf Daten von 49 Patienten und 1 Studien
|
94.2 Mittelwert |
93.6 Mittelwert |
Sehr niedriga,c
|
Es gibt keinen Hinweis auf einen Unterschied zwischen den beiden Gruppen bezüglich Schluckfunktion 6 Monate nach der OP. |
|
|
Differenz: MD 0.6 Größer keine Angabe zum Konfidenzintervall. Es gibt keine Hinweise für einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. |
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Slama, 2016 (26996243) |
Intraoperativer Blutverlust
|
Basierend auf Daten von 49 Patienten und 1 Studien
|
Mittlerer Blutverlust in der Gruppe mit offener Operation: 405 ml (Bereich: 275-520) Mittlerer Blutverlust in der Gruppe mit TORS: 29 mL (Bereich: 14-45) Keine Angabe zum Konfidenzintervall. Es gibt Hinweise für einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen p<0,05 |
Sehr niedriga,c
|
Es gibt Evidenz, dass der intraoperative Blutverlust in der Gruppe mit TORS kleiner ist als bei offener Chirurgie. |
|
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Park, 2013 (23448352) |
Intraoperativer Blutverlust
|
Basierend auf Daten von 56 Patienten und 1 Studien
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Mittlerer Blutverlust in der Gruppe mit offener Operation: 527,6 ml vs. 302,2ml in der Gruppe mit TORS*: 302,2 mL. Keine Angabe zum Konfidenzintervall. Es gibt Hinweise für einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen p=0,006. |
Sehr niedriga
|
Es gibt Evidenz, dass der intraoperative Blutverlust kleiner ist in der Gruppe mit TORS als bei offener Chirurgie. In dieser Studie waren nur Patienten mit Hypopharynxtumoren eingeschlossen. |
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Biron, 2017 (28292318) |
Blutverlust, der eine Transfusion erfordert
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Basierend auf Daten von 47 Patienten und 1 Studien
|
Offene Chirurgie (Mandibulotomie): 5 von 29 Patienten (17%) bekamen eine Transfusion vs. TORS: 3 von 18 Patienten (17%) bekamen eine Transfusion. |
Sehr niedriga,f
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Es gibt keinen Hinweis auf einen Unterschied in der Anzahl der Bluttransfusionen zwischen den beiden Gruppen. |
|
|
Richmon, 2013 (23945993) |
Komplikationen
|
Basierend auf Daten von 9601 Patienten und 1 Studien
|
Non-TORS Patienten: 10% hatten eine chirurgische Komplikation TORS Patienten: 14% hatten eine chirurgische Komplikation p=0,98 |
Niedriga
|
Es gibt keinen Hinweis auf einen Unterschied zwischen dem Anteil an Komplikationen in den beiden Gruppen. |
|
|
Park, 2013 (23448352) |
Dauer des Krankenhausaufenthalts
|
Basierend auf Daten von 56 Patienten und 1 Studien
|
TORS-Patienten hatten einen Aufenthalt von 26,1 Tage vs. 43,3 Tage bei Patienten mit offener Chirurgie p=0,045
|
Niedriga
|
Es gibt Hinweise auf einen Unterschied in der Dauer des Krankenhausaufenthalts zwischen den beiden Gruppen. In dieser Studie waren nur Patienten mit Hypopharynxtumoren eingeschlossen. |
|
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Hammoudi, 2015 (24816480) |
Dauer des Krankenhausaufenthalts
|
Basierend auf Daten von 52 Patienten und 1 Studien
|
TORS-Patienten hatten einen Aufenthalt von 11 +/- 6 (SD) Tage vs. 19 +/- 10 (SD) bei Patienten mit offener Chirurgie p=0,001 |
Niedriga |
Es gibt Hinweise auf einen Unterschied in der Dauer des Krankenhausaufenthalts zwischen den beiden Gruppen. |
|
|
Biron, 2017 (28292318) |
PEG 1 Monat; 1 Jahr |
Basierend auf Daten von 29 Patienten und 1 Studien
|
PEG bis 1 Monat post-Entlassung Mandibulotomie: 14%; TORS: 17%; p=0.7 PEG nach 1 Jahr Mandibulotomie: 14%; TORS: 6%; p=0.5 |
Sehr niedriga,d
|
Für beide Zeitpunkte gibt es keinen Hinweis auf einen Unterschied bezüglich PEG zwischen den beiden Gruppen. |
|
*Blutverlust wegen Neck Dissection eingeschlossen
** Die eingschlossenen Komplikationen waren: Schock; Blutungen, Hämatome oder Serome; Versehentliche Perforation oder Riss eines Blutgefäßes, eines Nervs oder eines Organs; Dehiszenz der Wunde; Fremdkörper; Postoperative Infektion; Postoperative Fistel; Nicht heilende Operationswunde; Andere nicht spezifizierte Verfahrenskomplikationen
a: Effektschätzer basiert nur auf einer Studie (-1);
b: hohes Risiko für Bias (-1);
c: die Studienpopulation besteht aus weniger als 50% der Zielpopulation (-1);
d: es ist möglich, dass kein Effekt gefunden worden ist, da die Studie nicht für dieses Outcome gepowert wurde oder die geplante Fallzahl nicht erreicht hat (-1);
e: die obere und untere Grenzen der Konfidenzintervall sind kleiner als 0,5 oder größer als 2,0 (+1);
f: keine Angabe zur Effektgröße oder stat. Signifikanz (p-Wert, Konfidenzintervall) (-1);
g: widersprüchliche Effektschätzer der Einzelstudien (-1)
PICO 4 - Primäre transorale chirurgische Therapieverfahren vs. offene/externe klassische Chirurgie (Alle Endpunkte) [Studiencharakteristika]
|
Referenz/ Studientyp |
Interventionen |
Untersuchte Population |
Methodische Bemerkungen |
|
Park et al., 2020 (31627931) Systematisches Review & Meta Analyse |
(1) Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) vs. offene Chirurgie (OS) |
insgesamt 9 kontrollierte Beobachtungsstudien mit insgesamt N=594 Patienten |
3 prospektive Studien, 6 retrospektive Studien, |
|
Liu et al., 2019 (31522917) |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) |
13 Beobachtungstudien |
13 Beobachtungsstudien (Kohorten-& Querschnittsstudien), keine randomisierte Studien, alle eingeschlossen Studien haben ein hohes Biasrisiko, nur wenige Studien nutzen Adjustierung oder Matching für Kontrolle von Confounding. Es handelt sich um heterogene Patientenkollektive mit eingeschränkter externer Validität (Übertragbarkeit) |
|
Slama et al., 2016 (26996243) |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) |
n=49 Patienten (TORS n=22, offen n=27) |
retrospektives Kohortenstudie mit gleichzeitiger Kontrollgruppe, gemischtes Patientenkollektiv mit Hauptanteil an Larynxtumore, keine Adjustierung, kein Matching, keine Tabelle mit Patientencharakteristika zu Baseline Risk of Bias-Bewertung mittels Newcastle-Ottawa-Skala (übernommen aus Liu, 2019): |
|
Hammoudi et al., 2015 (24816480) |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) |
n=52 Patienten (TORS n=26, offen n=26) |
retrospektive Degin, gematche Kontrollgruppe (Tumorlokalisation, Alter, Geschlecht, Tumorstadium,Neck dissection, Operateur), Kurzes Follow-Up, geringe Fallzahl Risk of Bias-Bewertung mittels Newcastle-Ottawa-Skala (übernommen aus Liu, 2019): |
|
Ford et al., 2014 (25049265) |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) |
n=130 Patienten (TORS n=65, offen n=65) |
retrospektive Kohortenstudie, gematche Kontrollgruppe (Tumorstadium[TNM] und adjuvanter Therapie), unbekannte Länge des Follow-up Risk of Bias-Bewertung mittels Newcastle-Ottawa-Skala (übernommen aus Liu, 2019): |
|
Park at al., 2013 (23448352) Retrospektive Studie (Korea), |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) |
n=56 Patienten (TORS n=30, offen n=26) |
retrospektive Studie, nur Hypopharynx, Risk of Bias-Bewertung mittels Newcastle-Ottawa-Skala (übernommen aus Liu, 2019): |
|
Biron et al , 2017 (28292318) Prospektive Studie (USA), |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie+ (TORS + Lappenrekonstruktion)
|
n=47 (TORS n=18, offen n=29) |
prospektive Studie, ausschließlich Oropharynx, Kontrollen gematcht nach Tumorstadium (T+N) Stadium), HPV-Status-p16, Raucherstatus Risk of Bias-Bewertung mittels Newcastle-Ottawa-Skala (übernommen aus Liu, 2019): |
|
Richmon et al., 2013 (23945993) Registerbasierte Studie (USA), |
Primäre transorale roboterassistierte Chirurgie (TORS) |
N=9061 (TORS n=116, Offen n=9485) |
Querschnittstudie, multivariate Analysen (begrenzte Adjustierung, z.B. keine Adjustierung für: Tumorstadium, HPV-Status, Raucherstatus). [KEINE Risk of Bias BEWERTUNG] |
PICO 2.1 - De-Eskalation der Standardtherapie (Bestrahlung + Cisplatin vs. Bestrahlung + Cetuximab) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [GRADE-Bewertung]
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Referenz |
Endpunkt Zeitrahmen |
Relativer Effekt (CI95%) |
Absolute Effektschätzer |
Vertrauen in den Effektschätzer |
Zusammenfassung |
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RT+Cisplatin (Standardtherapie) |
RT+Cetuximab |
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Mortalität 2 Jahre |
Hazard ratio: 5.0 (CI 95% 1.7 - 14.7) Basierend auf Daten von 334 Patienten aus
|
25 Sterbefälle pro 1000 |
119 Sterbefälle pro 1000 |
Moderata |
Die Cetuximab-Gruppe hatte nach 2 Jahren einen größeren Anteil an Todesfällen; das Konfidenzintervall ist breit, aber es gibt Evidenz dafür, dass unter Cisplatin die Mortalität niedriger ist als unter Cetuximab. |
||
|
Differenz: 94 mehr pro 1000 (CI 95% 17 mehr - 286 mehr) |
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Mortalität 3 Jahre |
Hazard ratio: 2.3 (CI 95% 0.4 - 12.7) Basierend auf Daten von 182 Patienten aus
|
20 Sterbefälle pro 1000 |
45 Sterbefälle pro 1000 |
Niedriga,d |
Die Cetuximab-Gruppe hatte nach 3 Jahren einen größeren Anteil an Todesfällen, aber das Konfidenzintervall für die Hazard Ratio ist breit und der p-Wert nicht signifikant. |
||
|
Differenz: 25 mehr pro 1000 (CI 95% 12 weniger - 206 mehr) |
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|
Mortalität 5 Jahre |
Hazard ratio: 1.45 (CI 95% 1.0 - 1.94) Basierend auf Daten von 805 Patienten aus
|
154 Sterbefälle pro 1000 |
215 Sterbefälle pro 1000 |
Moderata |
Die Cetuximab-Gruppe hatte nach 5 Jahren einen größeren Anteil an Todesfällen; das Konfidenzintervall ist relativ eng, aber das Intervall schließt knapp die 1 ein. Es gibt schwache Evidenz dafür, dass unter Cisplatin die 5-Jahresmortalität niedriger ist als unter Cetuximab. |
||
|
Differenz: 61 mehr pro 1000 (CI 95% 0 weniger - 123 mehr) |
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|
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|
Progression 5 Jahre |
Hazard ratio: 1.72 (CI 95% 1.29 - 2.29) Basierend auf Daten von 805 Patienten aus
|
216 Progressionen pro 1000 |
342 Progressionen pro 1000 |
Moderata
|
Die Cetuximab-Gruppe hatte einen größeren Anteil an Patienten, bei denen eine Progression nach 5 Jahren auftrat. Es gibt Evidenz dafür, dass dieser Unterschied nicht durch Zufall bedingt ist. |
||
|
Differenz: 126 mehr pro 1000 (CI 95% 53 mehr - 211 mehr) |
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|
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Locoregional Failure 2 Jahre |
Basierend auf Daten von 334 Patienten aus |
6% von Cisplatin Patienten und 18% Cetuximab Patienten hatten eine lokoregionales Versagen (p=0.0026). |
Moderata |
Die Cetuximab-Gruppe hatte wenige lokoregionales Versagen nach 2 Jahren der Diagnose. Es gibt Evidenz dafür, dass dieser Unterschied nicht durch Zufall bedingt ist. |
|||
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Locoregional Failure 3 Jahre |
Hazard ratio: 3.4 (CI 95% 0.7 - 16.6) Basierend auf Daten von 182 Patienten aus 1 Studie |
20 Personen mit lokalem Versagen (Failures) pro 1000 |
66 Personen mit lokalem Versagen (Failures) pro 1000 |
Niedriga,d |
Die Cetuximab-Gruppe hatte einen kleineren Anteil an Patienten, die nach 5 Jahren ein lokales Versagen hatten. Es gibt Evidenz dafür, dass dieser Unterschied nicht durch Zufall bedingt ist. |
||
|
Differenz: 46 mehr pro 1000 (CI 95% 33 mehr - 179 mehr) |
|||||||
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Locoregional Failure 5 Jahre |
Hazard ratio: 2.05 (CI 95% 1.35 - 3.1) Basierend auf Daten von 805 Patienten aus 1 Studie |
100 Personen mit lokalem Versagen (Failures) pro 1000 |
194 Personen mit lokalem Versagen (Failures) pro 1000 |
Moderata
|
Die Cetuximab-Gruppe hatte einen kleineren Anteil an Patienten, die nach 5 Jahren ein lokales Versagen hatten. Es gibt Evidenz dafür, dass dieser Unterschied nicht durch Zufall bedingt ist. |
||
|
Differenz: 94 mehr pro 1000 (CI 95% 33 mehr - 179 mehr) |
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|
|
|||||||
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Schluckfunktion (MD Anderson) 2 Jahre |
Basierend auf Daten von 334 Patienten aus
|
Nach 2 Jahren Follow-up wurde kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Armen festgestellt (Mittelwertdifferenz von 6,9 zugunsten von Cisplatin; p = 0,13). |
Niedriga,d |
Es gibt keine Evidenz für einen klinisch relevanten Unterschied bei der Schluckfunktion zwischen den Gruppen, gemessen anhand des MD Anderson Dysphagia Inventory Score. |
|||
|
Schluckfunktion (EORTC QLQ-H&N35) 1 Jahr |
Basierend auf Daten von 805 Patienten aus 1 Studie
|
Kein klinisch relevanter Unterschied zwischen den Armen bezüglich die Veranderung zwischen Baseline und 1 Jahr (Cisplatin: 2.5, Cetuximab: 7.6; p=0.04). |
Niedriga,+ |
Es gibt keine Evidenz für einen klinischen relevanten Unterschied bei der Schluckfunktion zwischen den Gruppen, gemessen anhand des EORTC QLQ-H&N35. |
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Begründungen der Grade-Bewertung (Ab-/Aufwertungen):
a: Effektschätzer basiert nur auf einer Studie (-1);
b: hohes Risiko für Bias (-1);
c: die Studienpopulation besteht aus weniger als 50% der Zielpopulation (-1);
d: es ist möglich, dass kein Effekt gefunden worden ist, da die Studie nicht für dieses Outcome gepowert wurde oder die geplante Fallzahl nicht erreicht hat (-1);
e: die obere und untere Grenzen der Konfidenzintervall sind kleiner als 0,5 oder größer als 2,0 (+1);
+ Ein Punkt wurde abgezogen, da nicht alle Patienten den Fragebogen ausgefüllt haben.
PICO 2.3 - De-Eskalation der Standardtherapie (Induktionsschemotherapie mit dosisreduzierter Bestrahlung vs Induktionsschemotherapie mit Standarddosis-Bestrahlung) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [GRADE-Bewertung]
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Referenz |
Endpunkt Zeitrahmen |
Ergebnisse und Messwerte |
Absolute Effektschätzer |
Vertrauen in den Effektschätzer Qualität der Evidenz (GRADE) |
Zusammenfassung |
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Induktionschemo & nachfolgender Standarddosis RT |
Induktionschemo & nachfolgender reduzierter RT |
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(Quarterback Trial) |
Mortalität 3 Jahre |
Hazard ratio: 1.26 (CI 95% 0.11 - 13.87) Basierend auf Daten von 20 Patienten und 1 Studie
|
125 Todesfälle pro 1000 |
155 Todesfälle pro 1000 |
Sehr niedriga,d,+
|
Es gab keine Evidenz für einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den beiden Studienarmen aber die Patientenrekrutierung wurde frühzeitig abgebrochen und die Studie hat wenige Patienten eingeschlossen. |
|
Differenz: 30 mehr pro 1000 (CI 95% 110 weniger - 718 mehr) |
||||||
|
Progression 3 Jahre |
Hazard ratio: 1.46 (CI 95% 0.13 - 16.12) Basierend auf Daten von 20 Patienten und 1 Studie
|
125 Progressionen pro 1000 |
177 Progressionen pro 1000 |
Niedriga,+
|
Es gab keine Evidenz für einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den beiden Studienarmen. Die Studie wurde frühzeitig abgebrochen und die Studie hatte bis zu diesem Zeitpunkt wenig Teilnehmer eingeschlossen. |
|
|
Differenz: 52 mehr pro 1000 (CI 95% 108 weniger - 759 mehr) |
||||||
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(Quarterback Trial) |
Schluckfunktion (MD Anderson)
|
Basierend auf Daten von 20 Patienten und 1 Studie
|
Nach 12 Monaten war der Score der Gruppe der Standardtherapie um 17,1 Punkte niedriger als zu Beginn der Studie. Die Gruppe mit reduzierter Radiotherapie hatte einen um 5,4 Punkte erhöhten Score ggü. dem Beginn der Studie. Die Differenz war stat. nicht signifikant. |
Sehr niedriga,d,+
|
Es gab keine Evidenz für einen stat. signifikanten Unterschied zwischen den beiden Studienarmen. Die Studie wurde frühzeitig abgebrochen und die Studie hatte bis zu diesem Zeitpunkt wenig Teilnehmer eingeschlossen. |
|
Begründungen der Grade-Bewertung (Ab-/Aufwertungen):
a: Effektschätzer basiert nur auf einer Studie (-1);
b: hohes Risiko für Bias (-1);
c: die Studienpopulation besteht aus weniger als 50% der Zielpopulation (-1);
d: es ist möglich, dass kein Effekt gefunden worden ist, da die Studie nicht für dieses Outcome gepowert wurde oder die geplante Fallzahl nicht erreicht hat (-1);
e: die obere und untere Grenzen der Konfidenzintervall sind kleiner als 0,5 oder größer als 2,0 (+1);
+ Ein Punkt wurde abgezogen, da die Patientenrekrutierung frühzeitig abgebrochen wurde.
PICO 2.3 - De-Eskalation der Standardtherapie (Induktionsschemotherapie mit dosisreduzierter Bestrahlung vs Induktionsschemotherapie mit Standarddosis-Bestrahlung) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika]
|
Referenz/ Studientyp |
Interventionen |
Untersuchte Population |
Methodische Bemerkungen |
|
[373] (Quarterback Trial) |
Alle Patienten haben Induktions-chemotherapie (Docetaxel, Cisplatin, Fluorouracil) erhalten. Die "Responders" wurde für die Radiotherapie in 2 Gruppen randomisiert: |
UICC Stadium 3 oder 4 ohne Fernmetastasen (7th Edition) |
Die Patientenrekrutierung wurde frühzeitig abgebrochen und die Studie hat letztendlich nur wenige Patienten eingeschlossen. primärer Endpunkt Progressionsfreies Überleben 'Risk of Bias'-Bewertung: einige Bedenken(2) |
|
Takahasi et al., 2022 ( 35463348) (Quarterback Trial) |
identisch zu |
identisch zu |
'Risk of Bias'-Bewertung: identisch zu |
(2) Biasrisiko "einige Bedenken / engl. some concerns"- Die Studie wurde hinsichtlich des Biasrisikos in Bezug auf das Ergebnis in mindestens einer von acht Domänen als „mit einigen Bedenken“ behaftet eingeschätzt, das Biasrisiko wurde jedoch in keiner Domäne als „hoch“ eingeschätzt. (lt. Cochrane Bias Tool 2.0)
PICO 2.1 - De-Eskalation der Standardtherapie (Bestrahlung + Cisplatin vs. Bestrahlung + Cetuximab) bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen [Studiencharakteristika]
|
Referenz/ Studientyp |
Interventionen |
Untersuchte Population |
Methodische Bemerkungen |
|
[303] |
A) IMRT, 70 Gy in 35 Fraktionen über 7 Wochen mit wöchentlichem Cisplatin (40mg/m2 x 7) TEST2 |
Stadium III (exclusiv T1-2N1) oder IV (exclusiv T4 und/oder N3 und/oder N2b-c wenn Rauchanamnese > 10 Packjahren und/oder Fernmetastasen) 7th Edition |
Die Studie wurde für Symtpomschwere (MD-Anderson) gepowert. Open-label Studie. |
|
[302] |
A) IMRT, 70 Gy in 35 Fraktionen mit drei Dosen Cisplatin (100mg/m2 am Tag 1, 22 und 43 der IMRT) |
T3N0-T4N0 und T1N1-T4N3 mit niedrigem Risiko nach Ang-Klassifikation (7th Edition) |
Die Studie wurde für schwere Nebenwirkungen (CTCAE Grad 3-5) gepowert. Open-label Studie. |
|
[304] |
A) IMRT, 70 Gy in 35 Fraktionen über 6 Wochen mit zwei Dosen Cisplatin (100mg/m2 am Tag 1 und 22 der IMRT) |
T1-T2, N2a-N3 und T3-T4, No-N3 M0 (7th Edition) |
Studie wurde für Gesamtüberleben gepowert. Die Studienteilnehmer wurden nach vor der Randomisierung nach Krankheitsstadium stratifiziert. Open-label Studie. |
PICO 1: Hypopharynxtumore - Überleben (aggregierte Evidenz, RCT + registerbasierte Studien)
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Referenz/ Studientyp |
untersuchte Interventionen |
Untersuchte Population |
Ergebnisse |
Methodische Bemerkungen |
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aggregierte Evidenz |
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Blanchard et al. (2013) |
1. Induktionschemotherapie: nur Cisplatin + 5-Fluorouracil [PF] |
Gesamt: alle Kopf-Hals-Entitäten |
Gesamtüberleben (5 Jahre, unadjustiert, 95%KI) |
AMSTAR 2- Bewertung : |
|
|
Oropharnyx (n=461 aus N=1459 aus 4 RCTs, ohne RCTn°5: TTCC, 2002) |
Gesamtüberleben Hazard Ratio, adjustiert (95% KI) |
||||
|
Hypopharynx (n=385 aus N=1459 aus 4 RCTs, ohne RCTn°5: TTCC, 2002) |
Gesamtüberleben Hazard Ratio, adjustiert (95% KI) |
||||
|
Lacas et al. (2017) |
1. Bestrahlungstherapie mit konventioneller Fraktionierung (RT-cF |
Gesamtgruppe 11423 Patienten aus 33 Studien |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
AMSTAR 2- Bewertung : |
|
|
Oropharynx (4023 Patienten aus 25 Vergleichen) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
||||
|
Hypopharynx (1117 Patienten aus 25 Vergleichen) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
||||
|
1. Bestrahlungstherapie mit konventioneller Fraktionierung + konkomitante-Chemotherapie |
Gesamtgruppe 986 Patienten aus 5 Studien |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
|||
|
Dauzier et al. (2019) |
1. lokoregionale chirurgische Therapie, allein (LRT) |
Gesamtgruppe 5000 Patienten aus 24 Studien, |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
AMSTAR 2- Bewertung : |
|
|
Gesamtüberleben- Hazard Ratio, adjustiert |
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|
616 Patienten mit Hypopharynxtumoren (315 in Gruppe 1 und 301 in Gruppe 2) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
||||
|
722 Patienten mit Oropharynxtumoren (345 in Gruppe 1 und 377 in Gruppe 2) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
||||
|
Lacas et al. (2021) |
1. lokoregionale Therapie + Induktionschemotherapie (LRT+/-CT) |
402 Patienten mit Hypopharynxtumoren (188 in Gruppe 1 und 214 in Gruppe 2) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
AMSTAR 2- Bewertung : |
|
|
844 Patienten mit Oropharynxtumoren (428 in Gruppe 1 und 416 in Gruppe 2) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
||||
|
1. lokoregionale Therapie + konkomitante-Chemotherapie |
722 Patienten mit Hypopharynxtumoren (361 in Gruppe 1 und 361 in Gruppe 2) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
|||
|
1840 Patienten mit Oropharynxtumoren (712 in Gruppe 1 und 877 in Gruppe 2) |
Gesamtüberleben - Hazard Ratio, adjustiert (95%KI) |
||||
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Randomisierte kontrollierte Studien |
|||||
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Pointreau et al. (2009), |
1. Induktionschemotherapie: nur Cisplatin + 5-Fluorouracil [PF] |
N=213, Hypopharynx 54%, Larynx 46%, Männer 93%, T2= 18%, T3=67%, T4=15% |
Organerhalt nach 3 Jahren |
Risk of Bias: |
|
|
Lefebvre et al. 2012 |
1. Chirurgie +/- Radiotherapie (S+/-RT) (n=94, 48%) |
194 randomisierte Patienten, Hypopharynxkarzinome, Männer 96%, (AJCC 1987) Stadium II=6%, Stadium III=57%, Stadium IV=37% |
Gesamtüberleben (5 Jahre, unadjustiert, 95%KI) Hazard Ratio (95%KI), keine Angabe zur Adjustierung |
Risk of Bias'-Bewertung: |
|
|
Hall et al. 2016 |
1. Chemotherapie + Radiotherapie (CT+RT) (n=14,1%) |
1333 Patienten, Hypopharynxkarzinome, Männer 82%, Keine Angaben zu Krankheitsstadium |
Gesamtüberleben |
"Moderate" Biasrisiko: multivariates Cox-Modell |
|
|
Petersen et al. 2018 |
1. totale Laryngektomie (TL) +/- Radiotherapie (TL +/- RT) (n=567, 19%) |
2999 Patienten, Hypopharynxkarzinome, Männer 79%, Stadium I=5%, Stadium II=10%, Stadium III=17%, Stadium IV=68%, (AJCC ed. unbekannt) |
Gesamtüberleben (5 Jahre, unadjustiert) |
"Moderate" Biasrisiko: |
|
|
Kim und Lee, 2018 |
1. Chirurgie (S +/- (C)RT) (n=209, 24%) |
857 Patienten mit Hypopharynxtumoren (T2-T4aM0), [AJCC ed. 7] |
Gesamtüberleben (3 Jahre, unadjustiert), alle Stadien: |
"Moderate" Biasrisiko: |
|
|
Burbure et al., 2021 |
1. Chirurgie (S) (n=2383; 26%) |
9314 Patienten, Hypopharynxkarzinome Stadium I-IVB (AJCC ed. nach Diagnosejahr) |
Gesamtüberleben (5 Jahre, unadjustiert) GRADE-Bewertung für alle statistisch signifikanten HR-Ergebnisse: sehr niedriga |
"Moderate" Biasrisiko: |
|
|
Hochfelder et al., 2021 |
1. Chirurgie+ aRT / aCRT (S+ aRT/aCRT) (S+ aRT n=298; S+CRT n=408) |
6055 Patienten, Hypopharynxkarzinome Stadium III-IV, M0 (AJCC ed. 6 oder 7 je nach Diagnosejahr) |
|
"Moderate" Biasrisiko: |
|
|
Fan et al, 2022 |
1. ohne Chirurgie (no-S) (n=1236, 79%) |
1568 Patienten mit Hypopharynxtumoren (III-IV), III=22%, IV=78%, [AJCC ed. 7] |
Gesamtüberleben (5 Jahre, unadjustiert) |
"Moderate" Biasrisiko: |
|
|
Yang et al., 2022 |
1. Radiotherapie (RT) (n=65, 12%) |
531 Patienten, Hypopharynxkarzinome, HPV-negativ (73%), HPV+ (27%), Männeranteil 83%, Stadien III=24%; IVA=63%, IVB=13% [AJCC ed.7], |
Gesamtüberleben RT Ref. HPV positiv RT Ref. |
"Moderate" Biasrisiko: |
|
Begründungen der Grade-Bewertung (Ab-/Aufwertungen):
a: Effektschätzer basiert nur auf einer Studie (-1);
b: hohes Risiko für Bias (-1);
c: die Studienpopulation besteht aus weniger als 50% der Zielpopulation (-1);
d: es ist möglich, dass kein Effekt gefunden worden ist, da die Studie nicht für dieses Outcome gepowert wurde oder die geplante Fallzahl nicht erreicht hat (-1);
e: die obere und untere Grenzen der Konfidenzintervall sind kleiner als 0,5 oder größer als 2,0 (+1);
f: keine Angabe zur Effektgröße oder stat. Signifikanz (p-Wert, Konfidenzintervall) (-1);
+ Kein Punktabzug für "kritisch niedrige" AMSTAR-2-Bewertung, da es sich um eine umfassende Meta-Analyse auf Basis von Individualdaten handelt
* Es wurde kein Punkt abgezogen wegen fehlenden Effekts für ein Outcome, da es sich um eine umfassende Meta-Analyse auf Basis von Individualdaten handelt
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