Leitlinienprogramm OnkologieMagenkarzinom

13. Weitere palliative Situationen und deren Therapie – Magenkarzinom

Version 3.1 · Oktober 2025 · AWMF 032-009OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

13.1 Palliative Therapieoptionen

13.1 · Konsensbasiertes Statement · geprüft 2025

Die Wahl des palliativen Therapieverfahrens einer symptomatischen Tumorstenose des Magens hängt von der Tumorlokalisation, –ausdehnung und Schwere der Symptomatik und der Vortherapie ab.

Konsens
Starker Konsens (100%)
13.2 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2025

Bei symptomatischer lokalisierter Magenausgangsstenose kommen in Abhängigkeit von der Prognose, Symptomatik und Vorbehandlung eine chirurgische oder endoskopische Gastroenterostomie, eine Stentanlage, eine jejunale Ernährungsfistel, eine palliative Bestrahlung, eine PEG-Ablaufsonde oder eine medikamentöse Tumortherapie in Betracht. Eine palliative Magen(teil)resektion sollte nur in Ausnahmefällen durchgeführt werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1a
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[835] [836] [837] [838] [839] [840] [841] [842] [843]
ÄnderungshinweisIm Magen kommen optional in erster Linie eine Stentimplantation oder Anlage einer Gastroenterostomie, ferner eine jejunale Ernährungsfistel oder eine palliative Bestrahlung in Betracht. Eine palliative Magen(teil)resektion sollte nur in Ausnahmefällen durchgeführt werden, da es keine hinreichende Evidenz für einen Vorteil dieser Operation gibt.
13.3 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2025

Bei symptomatischen Tumorstenosen im Bereich des gastroösophagealen Übergangs sollen in Abhängigkeit von der Prognose und Symptomatik und Vorbehandlung selbstexpandierende Metallstents (SEMS), eine hoch dosierte intraluminale Brachytherapie und/oder eine perkutane Radiotherapie und/oder eine medikamentöse Tumortherapie angeboten werden.

Konsens
Konsens (95%)
ÄnderungshinweisBei symptomatischen Tumorstenosen im Bereich des ösophagogastralen Übergangs sollen in Abhängigkeit von der Prognose selbstexpandierende Metallstents (SEMS), eine hochdosierte intraluminale Brachytherapie oder eine perkutane Radiotherapie angeboten werden.

Hintergrund

Vor Einleitung weiterer palliativer Therapieoptionen steht die sorgfältige Evaluation im Arzt-Patienten Gespräch, ob die folgenden Massnahmen entsprechend dem Patientenwunsch sind, ob ggf. erneut eine antitumorale Therapie sinnvoll ist und ob unterstützend oder alternativ eine palliativmedizinische Betreuung/Mitbetreuung unter Einbeziehen der Angehörigen und spezialisierte Palliativversorgung (ambulant SAPV Teams, stationär Palliativstationen oder Palliativmedizinische Dienste oder Hospize) einzuleiten ist (siehe hierzu auch die S3-Leitlinie zur Palliativmedizin).

Symptomatische Stenosen des Magens kommen in den meisten Lokalisationen erst bei lokal weit fortgeschrittener Erkrankung und daher oft bei Patienten mit reduziertem Allgemeinzustand vor. Eine rasche Linderung ist daher vorrangiges Behandlungsziel und kann durch interventionelle Maßnahmen am schnellsten erzielt werden. Während endoskopische Verfahren und Gastroenterostomie hinsichtlich ihrer Effektivität gut dokumentiert sind, sind nur wenige Angaben zur Wirksamkeit der Radiotherapie in dieser Indikation zu finden.

Im direkten Vergleich von palliativer Resektion und Gastroenterostomie zeigte sich in einer insgesamt 285 Patienten umfassenden Studie [836] zwar eine signifikant, um 3 Monate längere mittlere Überlebenszeit der resezierten Patienten bei jedoch höherer Morbidität und längerem Krankenhausaufenthalt. Zudem ging die Lebensqualität nicht mit in die Analyse ein.

In einer systematischen Übersichtsarbeit [837] und einer Meta-Analyse [838] zeigten sich für Stent und Gastrostomie keine wesentlichen Unterschiede bei den Raten größerer Komplikationen und Mortalität. Die Erfolgsraten wurden nicht einheitlich angeben. In der Meta-Analyse wurden bessere Erfolgsraten für das Stentverfahren beschrieben, in der systematischen Übersichtsarbeit die Ergebnisse als gleichwertig beurteilt. Geringere Morbidität und raschere Nahrungsaufnahme sprechen für das Stentverfahren. Der Effekt der operativen Therapie war jedoch hinsichtlich der Dauer der Symptomfreiheit überlegen [835].

Die Mehrzahl der Patienten mit Karzinomen im Bereich des gastroösophagealen Übergangs haben zum Zeitpunkt der Diagnose bereits fortgeschrittene Tumoren und somit symptomatische Tumorstenosen. Bei vielen Patienten kann diese Symptomatik sehr rasch durch eine effektive Chemotherapie verbessert werden. Andere Patienten brauchen aufgrund der Dysphagie lokale palliative Maßnahmen. Der Einsatz selbstexpandierender Metallstents (SEMS) zur schnellen Linderung der Dysphagie hat sich in den letzten Jahren als Standardtherapie etabliert [839]. Die meisten Studien zu diesem Thema haben die Verbesserung der Dysphagie als primären Endpunkt. Ein Cochrane Library Review bewertet die verschiedenen Modalitäten hinsichtlich ihrer Effektivität [840]. Die Arbeit stellt ein Update einer bereits 2009 publizierten Version dar. In diese Studie konnten 3.684 Patienten aus 53 Studien inkludiert werden. Die SEMS-Insertion ist das schnellste und sicherste Verfahren. Thermale oder chemische Verfahren liefern vergleichbare Effekte bei der Dysphagie-Palliation, haben aber eine höhere Re-Interventions- und Nebenwirkungsrate. Anti-Reflux-Stents zeigen hinsichtlich der Verbesserung der Dysphagie ähnliche Ergebnisse wie konventionelle SEMS. Allerdings reduzieren diese den gastroösophagealen Reflux und sich daraus ergebende Komplikationen. Neue doppellagige Nitinolstents haben im Vergleich zu einfachen Nitinolstents eine geringere Komplikationsrate sowie längere Überlebenszeiten.

Neuere Verfahren wie die endoskopische Gastrojejunostomie (EUS-GE) sind in Folge der geringeren Invasivität des Eingriffs bei vergleichbarer Effektivität bei Verfügbarkeit eine alternative Option: [844]

Die verschieden Stent-Arten - ungecovert (USEMS) / gecovert (CSEMS) / teilgecovert PCSEMS) - unterscheiden sich hinsichtlich der Raten an Dislokation und Überwucherung und kommen daher je nach Lage der Stenose differentiell zum Einsatz. [845]

Eine perkutane Radiotherapie kommt als Therapieoption von Stenosen mit einer Ansprechrate von 60-80% vor allem dann in Betracht, wenn andere Verfahren nicht erfolgversprechend oder verfügbar sind. [846], [847]

Die intraluminale Brachytherapie stellt eine geeignete Alternative dar und scheint einen Überlebensvorteil mit besserer Lebensqualität zu liefern. Signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Brachytherapie-Regimen scheinen nicht zu bestehen [841], [842]. Die Ergebnisse insbesondere hinsichtlich Re-Interventionen können durch additive Kombination mit Argon-Plasma-Koagulation oder externe Radiotherapie noch verbessert werden. Die Insertion von rigiden Plastiktuben, endoskopische Dilatation alleine oder in Kombination mit anderen Modalitäten sowie Chemotherapie alleine kann aufgrund der hohen Inzidenz von Spätkomplikationen und wiederauftretender Dysphagie nicht empfohlen werden.

Darüber hinaus bietet sich die Möglichkeit der Anlage einer jejunalen Ernährungsfistel, bei technischer Durchführbarkeit einer PEG. Auf Grund der damit verbundenen Morbidität und Hospitalisierung und den Auswirkungen auf die Lebensqualität rät die Leitliniengruppe von einer palliativen Ösophagus-Resektion ab.

13.2 Therapie der Tumorblutung in palliativer Situation

13.4 · Konsensbasiertes Statement · geprüft 2025

Die Wahl des Therapieverfahrens zur Behandlung einer tumorbedingten Blutung hängt von der Blutungslokalisation und -stärke ab.

Siehe Supplement, Evidenzbericht AG 5_Wirksamkeit und Sicherheit HIPEC und Hämostase mittels Hemospray, Tabelle 12

Konsens
Starker Konsens (100%)
13.5 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Bei endoskopisch nicht stillbaren, bedrohlichen Tumorblutungen in der palliativen Situation sollte eine angiographische Embolisation angeboten werden. Führen konservative Verfahren nicht zur Blutstillung, kann eine palliative Resektion erwogen werden.

Bei chronischer Sickerblutung sollte eine palliative Radiotherapie angeboten werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund
Ist bei Tumorblutungen im Magen endoskopisch keine Blutstillung möglich, so sollte eine palliative Radiotherapie, ggf. angiographische Embolisation oder als ultima Ratio eine palliative Resektion erwogen werden. Prospektive Studien bezüglich nicht-endoskopischer lokaler palliativer Verfahren existieren nicht. Retrospektive Fallserien finden sich vor allem für die Radiotherapie. In diesen Arbeiten werden Ansprechraten der palliativen Bestrahlung von 50 – 70 % angegeben [377],[848], [849], [850], [846].

Dabei handelte es sich zumeist um kleinere Patientenkollektive. Den Arbeiten war oftmals nicht zu entnehmen, ob die Indikationen zu alternativen Therapieverfahren wegen ungenügendem Ansprechen bzw. ausbleibendem Erfolg der endoskopischen Verfahren gestellt wurden. In einer monozentrischen Analyse von Kondoh et al. [850] erhielten in einem 5-Jahreszeitraum 17/353 Patienten mit fortgeschrittenem Magenkarzinom eine Bestrahlung mit 10x3 Gy wegen Blutungen. In 73 % trat eine Blutstillung ein, erste Effekte schon nach der zweiten Bestrahlung.

In dem systematischen Review von Tey et al. [846] wurden die Daten aus 7 Publikationen aktuelleren Datums zur palliativen Bestrahlung zusammengefasst. Die Ansprechrate bezüglich Blutstillung betrug 74 % in einer Gesamtpopulation von 254 Patienten. Ansprechraten für Schmerz und Obstruktion lagen bei 67 und 68 %. Eine klare Dosisabhängigkeit fand sich nicht bezüglich eines Cutoffs bei 39 Gy BED, sodass z.B. eine Behandlung mit 10 x 3 Gy gut abgesichert scheint. Die Nebenwirkungen bei gleichzeitiger Chemotherapie waren erhöht. Weitere retrospektive Auswertungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen hinsichtlich der Effektivität einer hämostyptischen Radiotherapie, die Effektivität der Radiotherapie scheint dabei äquivalent zu den Ansprechraten bei Tumorblutung anderer Entitäten zu sein [851], [852], [853].

13.3 Therapie bei limitierter Metastasierung

13.6 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2025

Patienten mit limitierten Metastasen (sogenannte Oligometastasierung) sollte die Überweisung in eine Einrichtung mit hoher Fallzahl angeboten werden.

Konsens
Konsens (100%)
ÄnderungshinweisPatienten mit synchron limitierten Metastasen sollte die Überweisung in eine Klinik mit hoher Fallzahl angeboten werden.
13.7 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2025

Bei einer limitierten Metastasierung (sogenannte Oligometastasierung) kann in ausgewählten Fällen, mit Konsens im Tumorboard nach erfolgter medikamentöser Tumortherapie mit Remission, eine Resektion des Primärtumors mit Resektion oder Ablation der Metastasen erfolgen, sofern alle Tumormanifestationen komplett entfernt werden können.

Konsens
Konsens (78%)
ÄnderungshinweisEine Resektion von Primärtumor und Metastasen sollte außerhalb von Studien nicht erfolgen.
13.8 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Im Einzelfall können erst intraoperativ entdeckte limitierte Metastasen, wenn R0 resektabel, reseziert werden. 

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund

Chirurgie beim limitiert metastasierten Magenkarzinom wird immer noch sehr kontrovers diskutiert. Aktuell liegen drei randomisierte Studien und eine prospektive Studie sowie mehrere Meta-Analysen vor, die allerdings keine randomisierten Studien enthalten [606], [608], [609], [854], [855], [856].

Problematisch sind geringe Fallzahlen, sehr heterogene Patientenkollektive, zum Teil ohne exakte Definition der Metastasierungsmuster, Vermischung von syn- und metachron aufgetretener Metastasierung und unterschiedliche Therapiekonzepte (siehe Tabelle 10 des Leitlinienreports). Die Ergebnisse der vorzeitig abgeschlossenen RENAISSANCE/FLOT5-Studie, die eine palliative Chemotherapie mit einer Chemotherapie gefolgt von einer Resektion bei limitiert metastasierten Patienten vergleicht, bleiben abzuwarten [609].

Die Ergebnisse der Renaissance-Studie der AIO wurden erstmals auf dem ESMO 2024 vorgestellt, sind jedoch aktuell noch nicht voll publiziert (Al-Batran et al., ESMO 2024). 274 Patienten mit einem oligometastasierten Adenokarzinom des Magens oder ösophagogastralen Übergangs (definiert als retroperitoneale Lymphknotenmetastasen +/- Befall maximal eines weiteren Organs) erhielten 4 Zyklen FLOT. 174 Patienten, die darauf mindestens eine stabile Erkrankung erreichten, wurden randomisiert zwischen Fortsetzung der Therapie mit FLOT versus Operation und postoperative Fortsetzung der Therapie mit FLOT bis maximal 12 Zyklen. Im Gesamtüberleben zeigte sich kein Vorteil für eine Operation (p=0,86). In Subgruppenanalysen schienen Patienten mit ausschließlich retroperitonealen Lymphknoten (n=37) möglicherweise einen Vorteil durch eine OP zu haben, wohingegen Patienten mit Peritonealkarzinose (n=41) eher einen Nachteil durch eine OP zu haben schienen.

Die Ergebnisse der Renaissance Studie legen nahe, dass die Indikation für eine Operation bei Oligometastasierung sehr kritisch zu stellen ist und nur in sehr ausgewählten Fällen mit guter Tumorbiologie (Remission nach Chemotherapie) und der Sicherstellung einer kompletten Resektion aller Tumormanifestationen überhaupt in Erwägung gezogen werden darf.

In der ESMO-Leitlinie zum Magenkarzinom von 2022 wird keine generelle Empfehlung für eine multimodale Therapie mit Resektion des Primärtumors und der Metastasen gegeben. Als individualisierter Ansatz kann aber in ausgewählten Fällen mit oligometastasierter Erkrankung und gutem Ansprechen auf die (primäre) medikamentöse Therapie eine Resektion erwogen werden.

Die aus Deutschland vorliegende Studie von Al-Batran et al. [801], in der Patienten prospektiv in Gruppen unterschiedlichen Ausmaßes von Metastasierung eingeteilt wurden, zeigte, dass die Gruppe mit nur limitierter Metastasierung, welche eine Chemotherapie und Operation erhielt, länger lebte als die ausgedehnt metastasierte Patientengruppe, bei der eine Operation nicht erwogen werden konnte. Dieses Ergebnis war Grund für die in der Renaissance–Studie zu überprüfende Hypothese, dass eine selektierte Subgruppe mit limitierter metastasierter Erkrankung nach Chemotherapie von einer Resektion des Primärtumors und der Metastasen profitiert.

Aus den aktuell vorliegenden pro- und retrospektiven Studien lassen sich Voraussetzungen definieren, unter denen Patienten mit synchron limitiert metastasiertem Magenkarzinom von einer Resektion des Primärtumors und der Metastasen zu profitieren scheinen. Begünstigende Faktoren sind insbesondere die R0-Resektion, guter Allgemeinzustand, singuläre Metastasen, fehlende Peritonealkarzinose bzw. keine weiteren Tumormanifestationen und das Ansprechen auf eine systemische Chemotherapie. Auch die Resektion solitärer metachroner Lebermetastasen [857] sowie solitärer metachroner Ovarialmetastasen (Krukenberg-Tumoren) scheint für bestimmte Patienten und Patientinnen unter ähnlichen Voraussetzungen erwägenswert. Relevante Voraussetzung für die Entscheidung zur Resektion sollte die Möglichkeit der R0-Resektion von Primärtumor und Metastasen in der synchronen Situation bzw. der Metastasen in der metachronen Situation ebenso wie eine vorausgegangene Chemotherapie sein. Der Vorteil einer Kombinationsbehandlung von palliativer Gastrektomie und Chemotherapie im Vergleich zu alleiniger Gastrektomie wird durch eine Meta-Analyse belegt [608].

Die Beurteilung der R0-Resektabilität und der onkologischen Sinnhaftigkeit der Resektion eines synchron metastasierten Magenkarzinoms sollte an einer Klinik erfolgen mit Erfahrung sowohl in der Magenkarzinomchirurgie als auch in Metastasenchirurgie mit interdisziplinärer Entscheidungsfindung und Möglichkeit zum Studieneinschluss. Analog der aktuellen S3-Leitlinie beim Ösophaguskarzinom kann eine erst intraoperativ entdeckte limitierte Metastasierung, wenn R0 resektabel, auch beim Magenkarzinom mit reseziert werden [2].

Definition des limitierten metastatischen Status gemäß der Flot3-Studie mit Modifikation
Nur retroperitoneale Lymphknotenmetastasen (RPLM) (z. B. para-aortale, infra-aortocavale, para-pankreatische oder mesenteriale Lymphknoten);
  • Hinweis: In Duodenum eindringender Magenkrebs und retro-pankreatische Lymphknoten werden nicht als M1 angesehen.
  • Als Oligo-Metastasierung gilt, wenn nach dem folgenden Schema maximal ein Organ einbezogen ist, mit oder ohne RPLM:
  • Lokalisierte potentiell operable Peritonealkarzinose: Stadium P1 nach der Klassifikation der "Japanischen Magenkrebsforschungsgesellschaft", d.h. Klinisch sichtbare Karzinose des Peritoneums oder Pleura (Cave: >P1 Peritonealkarzinose) sind nicht erlaubt!
  • Leber: maximal 5 potentiell resezierbare metastatische Läsionen
  • Lunge: einseitige Beteiligung, potentiell resezierbar (meist < 5 Herde)
  • Uni- oder bilaterale Krukenberg-Tumoren (Ovariale Metastasen), jedoch nur in Abwesenheit von makroskopisch sichtbarer Peritonealkarzinose
  • Uni- oder bilaterale Nebennierenmetastasen oder
  • extra-abdominale Lymphknotenmetastasen wie supra-klavikuläre oder zervikale Lymphknotenbeteiligung (Virchow-Knoten) oder
  • Klar lokalisierte Knochenbeteiligung (definiert als innerhalb eines Bestrahlungsfeldes)
Quelle: [609]

 

13.4 Chemotherapie-refraktärer maligner Aszites

13.9 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2025

Diuretika sollten zu der Therapie des symptomatischen Aszites bei einem Serum:Aszites Albumingradienten < 1,1 nicht eingesetzt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
13.10 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Die Therapie des symptomatischen, Chemotherapie-refraktären Aszites soll mittels Parazentese erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
13.11 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Bei repetitiven hochvolumigen Aszitesdrainagen in kurzem Intervall kann die Implantation eines getunnelten Verweilkatheters erwogen werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
13.12 · Evidenzbasierte Empfehlung · geprüft 2025

HIPEC soll beim Chemotherapie-refraktären Aszites – aufgrund der relevanten Morbidität und Letalität – bei fraglichem Nutzen in der Palliativsituation nicht durchgeführt werden.

Siehe Supplement, Evidenzbericht AG 5_Wirksamkeit und Sicherheit HIPEC und Hämostase mittels Hemospray, Tabelle 6

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[858]

Hintergrund

Die Peritonealkarzinose mit regelmäßig punktionswürdigem Aszites entwickelt sich bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Krebserkrankung und kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen [858]. Im Gegensatz zum Ovarialkarzinom gibt es für Chemotherapie-refraktäre Magenkarzinome mit Peritonealkarzinose und regelmäßig punktionswürdigem Aszites keine evidenzbasierte Standardtherapie, auch wenn eine intraperitoneale Chemotherapie (z. B. mit Cisplatin) in Einzelfällen eine Tumorstabilisierung und eine Besserung der Lebensqualität erreichen konnte [858].

Der Serum:Aszites Albumin Gradient (SAAG) ist der Bestimmung des Gesamteiweißgehalts im Aszites bezüglich der Differenzierung der Genese eines malignen Aszites überlegen [859]. Ein SAAG von >1,1 zeigt eine portalvenöse Hypertonie als Ursache des Aszites an, z.B. durch eine massive Lebermetastasierung, während ein SAAG von <1,1 einen Aszites aufgrund einer Peritonealkarzinose anzeigt [860]. In einer kleinen Studie an insgesamt 16 Patienten mit beiden Formen des malignen Aszites [861] profitierten ausschließlich Patienten mit einem Aszites aufgrund portaler Hypertension bei massiver Lebermetastasierung von einer diuretischen Therapie mit einer Abnahme der Aszitesmenge von 0,23l/Tag, während Patienten mit einer Peritonealkarzinose keine messbare Reduktion der Aszitesmenge unter der diuretischen Therapie zeigten (0,03l/Tag, p<0,05). 30 % der Patienten mit Peritonealkarzinose entwickelten unter der diuretischen Therapie relevante Nebenwirkungen in Form von Nierenfunktionsstörung oder symptomatischer Hypotonie, verglichen mit keinem Patienten mit portalvenöser Ursache des malignen Aszites.

Für Patienten mit der Notwendigkeit einer regelmäßigen hochvolumigen Aszitespunktion besteht die Möglichkeit der Implantation von getunnelten Katheterverweilsystemen. Die Implantation eines solchen Verweilsystems geht mit einer 100%igen technischen Erfolgsrate und einer Komplikationsrate vom 0,43 Komplikationen pro Patientenjahr einher [862].  Randomisierte Studien gegenüber der Fortführung der repetitiven Aszitesdrainage liegen nicht vor. In Vergleichen vor und nach der Implantation verbessert die Implantation eines getunnelten Verweilkatheters mit der Möglichkeit zur ambulanten Selbstdrainage signifikant die Beschwerdesymptomatik und die Hospitalisationsrate und verbessert die Lebensqualität [863], [864], [865].

Eine Therapieempfehlung für Chemotherapie-refraktäre Magenkarzinome mit Peritonealkarzinose und regelmäßig punktionswürdigem Aszites mittels HIPEC ist obsolet. Für die Palliativsituation liegen keine Studienergebnisse vor.

13.5 Limitierte Peritonealkarzinose

13.13 · Evidenzbasierte Empfehlung · neu 2025

Patienten mit limitierter Peritonealkarzinose, die der Definition der Oligometastasierung entsprechen (PCI kleiner 7), können nach Remission nach Chemotherapie und Konsens im Tumorboard mittels Zytoreduktion in einem Zentrum operiert werden.

Siehe Supplement, Evidenzbericht AG 5_Wirksamkeit und Sicherheit HIPEC und Hämostase mittels Hemospray, Tabelle 6

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
2
Konsens
Konsens (95%)

Hintergrund

In der individuellen Fallabwägung können selektierte Patienten mit einem guten Allgemeinzustand von einer interdisziplinär abgestimmten, multimodalen Therapie profitieren, wenn es sich um folgende Voraussetzungen handelt: synchrone peritoneale Metastasen, prätherapeutischer Laparoskopie isolierter peritonealer Befall mit einem Peritoneal Cancer Index < 7, perioperativer Chemotherapie und hoher Wahrscheinlichkeit einer kompletten makroskopischen Zyotreduktion.

Zur Beurteilung des Nutzens einer HIPEC liegen 2 systematische Übersichtsarbeiten [866], [867] mit insgesamt 3235 Patienten und 3 randomisierte kontrollierte Studien [854], [868], [869] vor. Beide systematische Übersichtsarbeiten zeigen, auf Grundlagen von insgesamt 20 Studien, dass HIPEC vor allem in der Kombination mit adjuvanter systemischer Chemotherapie einen Vorteil bezüglich Gesamtüberleben, rezidivfreiem Überleben und Rezidivwahrscheinlichkeit bietet, ohne die Komplikationswahrscheinlichkeit signifikant zu erhöhen. Die 3 randomisierte kontrollierten Studien mit westlichen Patienten bestätigen diese Ergebnisse.

Allerdings erlaubt die Datenlage, da ein Großteil der Studien aus dem asiatischen Raum stammt, die Einschlusskriterien sehr heterogen sind, Vergleichskollektive zum Teil nicht mehr dem Standard entsprechen, keinen höheren Empfehlungsgrad, da alle Studien in ihrem Evidenzgrad abgewertet werden mussten.

Bei der systematischen Übersicht von Filis et al 2023 untersuchten von den 13 Magenkarzinomstudien 10 den prophylaktischen Nutzen einer HIPEC nach einer radikalen Resektion des Magenkarzinoms und 3 randomisiert kontrollierte Studien den therapeutischen Nutzen bei vorhandener Peritonealkarzinose. Die 10 Studien, die den prophylaktischen Einsatz einer HIPEC untersuchten, enthalten wiederum Studien, die die HIPEC in Kombination mit einer adjuvanten systemischen Chemotherapie im Vergleich zu einer alleinigen adjuvanten Chemotherapie und Studien die eine HIPEC mit einer alleinigen chirurgischen Resektion vergleichen. Auch Patell et al untersucht den therapeutischen und prophylaktischen Einsatz der HIPEC mit oder ohne Peritonealkarzinose im Vergleich zu jeglichen anderen Therapieformen.

Gesamtüberleben

Für den prophylaktischen Nutzen einer HIPEC mit adjuvanter Chemotherapie konnte FIlis et al keinen Vorteil im Vergleich zu adjuvanter Chemotherapie ohne HIPEC für das Gesamtüberleben zeigen (RR 1.11, 95% KI 0.71- 1.76; p= 0.642). Ein signifikanter Vorteil der HIPEC als prophylaktische Maßnahme zeigt sich nur zu alleiniger chirurgischer Resektion ohne jegliche Form der adjuvanten Therapie für das Gesamtüberleben (RR 0.72, 95% KI 0.61-0.85; p< 0.001, I2=0%), eine Therapiestrategie die heute nicht mehr den Leitlinien entspricht.
Für den therapeutischen Nutzen einer HIPEC mit adjuvanter Chemotherapie konnte Filis et al, einen nicht signifikanten Trend für einen Überlebensvorteil im ersten Jahr zeigen (RR 0,80, 95% KI 0,62-1,02; p= 0,07, I2=0%), für das Zweijahres und Dreijahresüberleben konnten signifikante Werte erreicht werden (2-JÜL RR 0,86, 95% KI 0,75-0,99; p= 0,036, I2= 0%; §JÜL RR 0,85, 95% KI 0,77- 0,93; p< 0,001, I2= 0%), allerdings können aufgrund der Gesamtgröße keine sicheren Schlussfolgerungen gezogen werden. Die Übersicht von Patel et al. zeigt für Patienten mit Magenkarzinom mit oder ohne Peritonealkarzinose durch HIPEC keine signifikante Verbesserung des Einjahres-Gesamtüberlebens, allerdings ein signifikant höheres Dreijahresüberleben sowie Fünfjahres Überleben gegenüber der Standardtherapie.

Daten zum Gesamtüberleben werden in den Primärstudien mit westlichen Patienten nur von Rudloff et al. und Rau et al. angegeben. Bei Rudloff zeigt sich zwar ein signifikant höheres medianes Gesamtüberleben (11,3 Monate versus 4,3 Monate), allerdings lässt sich aufgrund der geringen Probandenzahl keine Signifikanz ableiten. Bei Rau et al. war das mediane Gesamtüberleben beider Gruppen identisch 14,9 Monate. Beide Gruppen hatten zytoreduktive Chirurgie, adjuvante Chemotherapie und die Interventionsgruppe zusätzlich eine HIPEC.

Rezidivraten

Nur die Übersichtsarbeit von Patell et al. untersucht die Rezidivraten. Die Rezidivrate für Peritonealkarzinose war signifikant geringer bei HIPEC Patienten (OR 0,22, 95% KI: 0,11-0,47.

Progression freies Überleben

Beim prophylaktischen Nutzen einer HIPEC mit adjuvanter Chemotherapie konnte Filis et al. keinen Vorteil im Vergleich zu alleiniger adjuvanter Chemotherapie für das progressionsfreie Überleben zeigen, allerdings zeigt die HIPEC wieder einen signifikanten Vorteil im Vergleich zu alleiniger Resektion ohne adjuvante Therapie (RR 0.57, 95% KI 0.38-0.86; p= 0.008). Auch Patel et al. konnte keinen Unterschied im rezidivfreien Überleben zeigen.

In den Einzelstudien zeigte sich ein signifikant verbessertes Dreijahres Progression freies Überleben von 28 Monaten versus 13 Monaten (P = 0,0024). Bei Rau war das Progressions-freie Überleben in der Interventionsgruppe mit 7,1 Monaten signifikant höher als in der Kontrollgruppe mit 3,5 Monaten (P = 0,0472). Beide Studien sind aufgrund von unterschiedlichen Patientencharakteristika schwer vergleichbar.

Komplikationswahrscheinlichkeit und Spektrum

Bei Patel et al. zeigte sich keine signifikante Erhöhung der Rate an Knochenmarkssuppression, Anastomoseninsuffizienzen, postoperativer Passagestörung, Leberfunktionsstörung, Nierenfunktionsstörung und Dreijahresmortalität durch eine HIPEC. Auch die beiden Einzelstudien [868], [869] ließen keinen signifikanten Zusammenhang von postoperativen Komplikationen und HIPEC erkennen. Schwere HIPEC Nebenwirkungen wurden in keiner der beiden Studien berichtet.

Zusammenfassend scheint es so zu sein, dass in selektierten Patientenkollektiven mit gutem Allgemeinzustand die HIPEC einen Vorteil bezüglich des rezidivfreien Überlebens und Dreijahresüberleben ohne signifikanten Anstieg von Komplikationen bewirkt. Dennoch bedarf es weiterer qualitativ hochwertiger randomisierte Studien, die die aktuellen Therapiestandards als Kontrollarm enthalten, um eine sinnvolle Patientenselektion und standardisiertes Vorgehen zu etablieren.

13.14 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Patienten mit limitierter Peritonealkarzinose sollte die Überweisung an eine Klinik mit hoher Fallzahl angeboten werden.

Konsens
Starker Konsens (95,2%)
13.15 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Eine PIPAC zur Therapie der Peritonealkarzinose soll nicht außerhalb von Studien durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Hintergrund

PIPAC (pressurized intraperitoneal aerosol chemotherapy) ist eine Applikationsweise intraperitonealer Chemotherapie, die bislang am besten ihre Machbarkeit bei Frauen mit Ovarialkarzinomen gezeigt hat [870]. 24 konsekutive Patienten mit Peritonealkarzinose bei Magenkarzinom erhielten 60 PIPAC-Applikationen und wurden retrospektiv beschrieben [871]. Größere Daten zur Therapie beim Magenkarzinom, die Rückschlüsse auf den Nutzen der PIPAC bei Peritonealkarzinose des Magenkarzinoms bieten könnten, gibt es nicht, sodass eine PIPAC-Therapie außerhalb von Studien nicht durchgeführt werden soll.

Literaturhinweise

[835] Zheng, B., Wang, X., Ma, B., Tian, J., Jiang, L., Yang, K., Endoscopic stenting versus gastrojejunostomy for palliation of malignant gastric outlet obstruction, Dig Endosc, 2012. 24(2): p. 71-8., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22348830

[836] Hartgrink, H. H., Putter, H., Klein Kranenbarg, E., Bonenkamp, J. J., van de Velde, C. J., Dutch Gastric Cancer, Group, Value of palliative resection in gastric cancer, Br J Surg, 2002. 89(11): p. 1438-43., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12390389

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