Leitlinienprogramm OnkologieMagenkarzinom

17. Komplementäre Therapie – Magenkarzinom

Version 3.1 · Oktober 2025 · AWMF 032-009OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

17.1 Allgemeine Hinweise zu komplementären und alternativen Verfahren

Komplementäre Verfahren werden parallel zur konventionellen Therapie angewendet und unterscheiden sich von alternativen Verfahren dadurch, dass sie den Wert der konventionellen Verfahren nicht in Frage stellen, sondern sich als Ergänzung verstehen.

17.1 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Patienten sollen nach ihrer Nutzung von komplementären und alternativen Therapien befragt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)
Literatur
[1102]
17.2 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2025

Patienten, die komplementäre Verfahren einsetzen, sollen auch auf mögliche Risiken und Interaktionen hingewiesen werden.

Konsens
Starker Konsens (97,7%)
Literatur
[1102]

Hintergrund

Bezüglich der komplementären Therapie wird auf die entsprechende S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen“ [1102] verwiesen. In der S3-Leitlinie von Juli 2021 wurden 155 Empfehlungen und Statements für die komplementäre Therapie von onkologischen PatientInnen erarbeitet und konsentiert.

Es gibt keine allseits anerkannten Definitionen der komplementären und der alternativen Medizin. Auch die S3-Leitlinie Komplementärmedizin [1102] bleibt eine Definition schuldig. Meist werden solche Verfahren von der sogenannten Schulmedizin abgegrenzt, ohne dass diese Grenzziehung einheitlich erfolgt [1103]. „Alternative Medizin“ stellt sich dabei als Ersatz für oder zumindest unabhängig von schulmedizinischen Verfahren dar und ihre Vertreter können dazu verleiten, erwiesen wirksame Therapien zu unterlassen; dies sind wichtige Argumente, die aus schulmedizinischer Sicht entschieden gegen solche alternativen Therapievorstellungen sprechen. Die komplementäre Therapie steht dagegen auf dem Boden der Regeln der wissenschaftlichen Medizin. Sie geht davon aus, dass Wirksamkeitsnachweise erbringbar sind und sie wird in Abstimmung mit der Schulmedizin ergänzend als integrative Therapie angewendet [1104].

Komplementärmedizin gehört zu den von Patienten sehr häufig genutzten Methoden in der Onkologie – die Prävalenz liegt zwischen 14 und 64% [1105], [1106]. Untersuchungen über die Nutzerrate bei Patienten mit Magenkarzinom liegen nicht vor, ebenso keine Auswertung, welche Methoden von den Patienten am häufigsten genutzt werden.

Zu den komplementären und alternativen Verfahren gehören diagnostische Methoden und eine Vielzahl von Therapieverfahren.

Zum Teil werden Methoden eingesetzt, die begrifflich wissenschaftlich wirken, die aber nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen (Beispiel sind „Nachweis zirkulierender Tumorzellen“, „Allergiediagnostik“, “Immunstatus“). Wenn aus unzureichend validierten Verfahren Therapieempfehlungen abgeleitet werden, so stellt dies eine Gefährdung rationaler Entscheidungen dar.

Therapeutisch wird ein großes Spektrum unterschiedlicher an Methoden angeboten: Einzelsubstanzen oder Kombinationen teils hochdosierter Nährstoffe in Form von Nahrungsergänzungsmittel, andere oral einnehmbare Substanzen, die nicht zu den Nährstoffen gehören, tierische und bakterielle Produkte, teils enteral, teils parenteral zu applizieren, Phytotherapie, immunologische Therapien, historisch gewachsene medizinische Systeme/Denkentwürfe wie Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Ernährungstherapie, technikgestützte Verfahren, Mind-body-Therapien etc. [1107].

„Alternative Verfahren“ finden sich oft auf dem Boden von ätiologischen Konzepten, die den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen. Zum Teil beruhen die Methoden auf der traditionellen Erfahrungsheilkunde, z.T. nutzen sie Adaptationen moderner Forschungszweige oder eigene Interpretationen von Kanzerogenese und immunologischen Zusammenhängen, die für onkologisch nicht spezialisierte Ärzte manchmal nicht leicht als unseriös zu erkennen sind. Erschwerend ist die kaum überschaubare Vielfalt von Ansätzen, die sich zum Teil rasch ändern oder durch neu auftauchende Verfahren ersetzt werden.

Gelegentlich werden für „alternative Verfahren“ Heilsversprechen bei weit fortgeschrittener Tumorsituation formuliert; wurden entsprechende Wirksamkeitsnachweise nicht mit den Methoden der wissenschaftlichen Medizin erbracht, so sind diese Verfahren als inadäquat abzulehnen. Bedenklich ist zudem, dass für zahlreiche Anbieter ökonomische Aspekte im Vordergrund stehen.

Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin [1102] hat zu einer Vielzahl von komplementären und alternativen Methoden die verfügbare Evidenz gesammelt und bewertet. Während von einer Mehrzahl der Verfahren abgeraten [1102] oder gewarnt [Ernst, E. et al. 2018] wird, finden einzelne Techniken, wie u.a. Entspannungsübungen, Massage, Musiktherapie oder Akupunktur Zustimmung in der S3-Leitlinie [1102], aber auch bei kritischen Experten [Ernst, E. et al. 2018], bei onkologischen Fachgesellschaften [Cherny, N., Catane, R., Chasen, M., Grigorescu, A.-C., Hassan, A. A., Kloke, M., Olver, I., Özyilkan, Ö., Pohl, G., Ripamonti, C., Rubach, M., Rukhadze, T., Schrijvers, D., Stevens, A.-M., Strasser, S., Wagnerova, M. et al. 2011] sowie bei international anerkannten Kliniken, wie z.B. der Mayo Clinic [Mayo Clinic et al. 2022].

Die ärztliche Beratung zum Thema „Komplementärmedizin“ sollte zunächst das Patienteninteresse an diesem Thema erfragen [1108]. Hilfreich kann es sein, dabei auch die für Patienten relevanten (Laien-ätiologischen) Modelle der Tumorentstehung abzuklären [1109]. Das Ziel der weiteren Beratung ist neben einer fachlich fundierten Aufklärung über die Möglichkeiten aber auch Risiken der komplementären Therapie die Arzt-Patientenbeziehung zu stärken und zu einer gegenseitigen Offenheit zu führen [1110], [1111].

Literaturhinweise

[1102] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF), Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen, Langversion 2.01 Konsultationsfassung, AWMF-Registernummer: 032-055OL, 2023., https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/

[1103] Dobos, G. J., Voiss, P., Schwidde, I., Choi, K. E., Paul, A., Kirschbaum, B., et.al. Integrative oncology for breast cancer patients: introduction of an expert-based model, BMC Cancer, 2012. 12: p. 539., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23170989

[1104] Cheng, A. L., Kang, Y. K., Lin, D. Y., Park, J. W., Kudo, M., Qin, S., et.al. Sunitinib versus sorafenib in advanced hepatocellular cancer: results of a randomized phase III trial, J Clin Oncol, 2013. 31(32): p. 4067-75., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24081937/

[1105] Horneber, M., Bueschel, G., Dennert, G., Less, D., Ritter, E., Zwahlen, M., How many cancer patients use complementary and alternative medicine: a systematic review and metaanalysis, Integr Cancer Ther, 2012. 11(3): p. 187-203., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22019489

[1106] Cheng, J. L., Bruno, M. J., Bergman, J. J., Rauws, E. A., Tytgat, G. N., Huibregtse, K., Endoscopic palliation of patients with biliary obstruction caused by nonresectable hilar cholangiocarcinoma: efficacy of self-expandable metallic Wallstents, Gastrointest Endosc, 2002. 56(1): p. 33-9., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12085032/

[1107] Ernst, Anke, Klein, Stefanie, Komplementäre und alternative Methoden bei Krebs einordnen und bewerten, Dtsch med Wochenschr, 2017. 142(12): p. 873-881., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28637072

[1108] Hubner, J., Muenstedt, K., Muecke, R., Micke, O., Stoll, C., Kleeberg, U. R., et.al. Counseling cancer patients on complementary and alternative medicine. Background, theory, and implementation of nationwide counseling facilities, Strahlenther Onkol, 2013. 189(8): p. 613-7., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23824107

[1109] Huebner, J., Rose, C., Geissler, J., Gleiter, C. H., Prott, F. J., Muenstedt, K., et.al. Integrating cancer patients' perspectives into treatment decisions and treatment evaluation using patient-reported outcomes--a concept paper, Eur J Cancer Care (Engl), 2014. 23(2): p. 173-9., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23889081

[1110] Frenkel, M., Cohen, L., Effective communication about the use of complementary and integrative medicine in cancer care, J Altern Complement Med, 2014. 20(1): p. 12-8., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23863085

[1111] Roter, D. L., Yost, K. J., O'Byrne, T., Branda, M., Leppin, A., Kimball, B., et.al. Communication predictors and consequences of Complementary and Alternative Medicine (CAM) discussions in oncology visits, Patient Educ Couns, 2016. 99(9): p. 1519-25., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27296081