6. Endoskopie: Durchführung und Polypenmanagement – Kolorektales Karzinom
6.1 Stellenwert der Endoskopie in der Diagnostik von Polypen und kolorektalen Karzinomen
Die komplette Koloskopie besitzt die höchste Sensitivität und Spezifität für das Auffinden eines KRK und von kolorektalen Polypen.
- Evidenzlevel
- 1b
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [96]
Änderungshinweis
Die komplette Koloskopie stellt das Standardverfahren zur Detektion kolorektaler Polypen und Karzinome dar. Sie besitzt die höchste Sensitivität und Spezifität für das Auffinden eines KRK und von kolorektalen Polypen. Die Effektivität der Koloskopie hängt entscheidend von der Qualität der Untersuchung ab. Diese ist technik- und untersucherabhängig.Bei inkompletter Koloskopie aufgrund eines stenosierenden Tumors soll postoperativ eine komplette Koloskopie erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [328]
Änderungshinweis
Bei inkompletter Koloskopie aufgrund eines stenosierenden Tumors kann präoperativ zusätzlich eine CT- oder MR-Kolonographie erfolgen. Postoperativ soll eine komplette Koloskopie erfolgen.Bei inkompletter Koloskopie infolge anderer Ursachen (z. B. Adhäsionen) kann eine CT-Kolonographie angeboten werden.
- Konsens
- Starker Konsens (98%)
- Literatur
- [328]
Änderungshinweis
Bei inkompletter Koloskopie infolge anderer Ursachen (z. B. Adhäsionen) sollte eine CT- oder MR-Kolonographie erfolgen.Hintergrund
Die Koloskopie ist das zuverlässigste Verfahren zur Detektion kolorektaler Karzinome und Polypen, wenn sie mit hoher Qualität durchgeführt wird. Wichtige Qualitätsmerkmale beinhalten dabei die Spiegelung bis zum Coecum, die optimale Darmvorbereitung sowie die sorgfältige Inspektion der Darmschleimhaut beim Rückzug. Dementsprechend muss die Rückzugszeit ausreichend lang sein. Im Idealfall liegt die Rückzugszeit bei 6 – 9 Minuten als Qualitätsmerkmal für die Koloskopie (S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0). Der wichtigste Surrogatparameter für den Outcome der (Vorsorge)Koloskopie ist die sog. Adenomdetektionsrate (ADR) [329], [330].
Es gibt viele Empfehlungen und Leitlinien zu prozedurenspezifischen Qualitätsparametern der Koloskopie. Dieses sind häufig länderspezifisch oder nicht evidenzbasiert. Folgende Tabelle gibt die Qualitätsparameter entsprechend der deutschen S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0 und zum Vergleich die aktuellen Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Gastrointestinale Endoskopie (ESGE) wieder [331].
Tabelle 12: Prozedurenspezifische Qualitätsparameter der Koloskopie (aktuelle Leitlinienempfehlungen)
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|
DGVS (neu)* |
ESGE |
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Vollständigkeit/Zoekumintubationsrate |
> 95 % |
> 90 % |
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Rückzugszeit |
> 6 – 9 min |
> 6 min |
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Adenomdetektionsrate (ADR) |
> 30 % |
> 25 % |
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Sauberkeit Kolon |
> 90 % gut |
> 90 % gut |
|
Polypektomie |
Anwendung einer adäquaten Resektionstechnik |
Anwendung einer adäquaten Resektionstechnik |
|
Intervallläsionen |
Nein |
Ja |
|
F-up-Adhärenz |
Nein |
Nein |
*S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0
Die Adenomdetektionsrate (ADR) ist der Hauptoutcome-Parameter der (Vorsorge)Koloskopie und zeigt eine nahezu lineare negative Korrelation der ADR mit den Intervallkarzinomen und dem Tod durch kolorektales Karzinome auf [332], [333]. Wie hoch die Adenomdetektionsrate, die nur für die Vorsorge-Koloskopie evaluiert ist, sein soll, wird unter-schiedlich gesehen. In der aktuellen deutschen S2k-Leitlinie wird eine ADR von mindestens 30 % gefordert (S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0).
Der wichtigste prä-prozedurale Faktor ist die ausreichende Sauberkeit des Kolons, die sowohl einen Einfluss auf die ADR als auch die Zoekumintuationsrate hat. Sie sollte daher immer mit dokumentiert werden [334], [335], [336].
Ebenso sollte das Erreichen des Zökums mittels Fotodokumentation bestätigt werden. Können die zökalen Strukturen nicht sicher identifiziert werden, sollte eine Intubation des terminalen Ileums zur Dokumentation erfolgen [337], [338].
Die Rückzugszeit wird ebenfalls häufig als Qualitätsparameter genannt; diesbezüglich konnte in vielen, aber nicht in allen Studien demonstriert werden, dass die Polypendetektionsrate mit der Rückzugszeit nach Erreichen des Coecums korreliert, wobei der Grenzwert bei 6 min lag [339], [340], [341], [342]. Andere Studien konnten zeigen, dass eine Rückzugszeit von mehr als 10 Minuten keinen Einfluss auf die ADR hat [343], sodass in der S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0 eine Zeit zwischen 6 und 9 Minuten gefordert wird.
Bei pathologischen Befunden im Rahmen der Koloskopie ist eine Zuordnung nach endoskopisch-anatomischen Strukturen und nach Diaphanoskopie ungenügend (abgesehen von Zökum und Rektum). Bei OP-würdigem Befund oder zur späteren Wiederauffindung von Resektionsstellen (z. B. nach Resektion von Frühkarzinomen) sollte eine Markierung mittels submukosaler Tuscheinjektion erfolgen (in Läsionsnähe unter Angabe, ob proximal oder distal der Läsion markiert wurde).
Allerdings hat die Koloskopie Limitationen. Es besteht ein Risiko, Karzinome und (relevante) Adenome zu übersehen. Sogenannte Intervallkarzinome (Karzinome, die vor Ablauf des empfohlenen Kontrollintervalls nach einer Koloskopie auftreten) sind großteils auf übersehene Läsionen zurückzuführen. Weitere Faktoren sind die inkomplette Polypektomie (und fehlende Vorstellung des Patienten zur zeitnahen koloskopischen Kontrolle) sowie schnell wachsende sogenannte De novo-Tumore [344], [345], [346].
In Studien zur Polypennachsorge traten in einer kanadischen Studie in einem Zeitraum von 3 Jahren bis zu 1 % sog. „missed cancers“ bzw. Intervallkarzinome nach Koloskopie auf, vor allem rechtsseitig [345]; diese Seitendifferenz wurde auch in einer deutschen Studie bestätigt, allerdings in erheblich geringerem Ausmaß [347]. In den beiden bereits zitierten großen Studien aus Polen und USA lag innerhalb von 52 bzw. 35 – 39 Monaten die Rate von Intervallkarzinomen nach Koloskopie bei 0,09 % [330] bzw. 0,22 % [329], also ganz erheblich niedriger. In der aktuellen S2k-Leitlinie zu Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0 ist die aktuelle Literatur zur ADR und Intervallkarzinomen ausführlich dargestellt.
Alternativen zur Koloskopie mit allerdings geringerer Sensitivität und Spezifität sind die Sigmoidoskopie und nicht-endoskopische Verfahren (z. B. immunologische Tests auf okkultes Blut im Stuhl (iFOBT); auf eine ausführliche Erläuterung wird auf den Hintergrundtext zu Empfehlung [4.2] verwiesen). Auch der Stellenwert radiologischer Verfahren (CT- und MR-Kolonographie) und die Bedeutung der Kolonkapsel-Endoskopie werden hier diskutiert.
Bei Patienten mit stenosierenden Tumoren oder inkompletter Koloskopie aus anderen Gründen konnten in Fallserien mittels CT- [348], [349], [328], [350] oder MR-Kolonographie [351], [352] proximale Tumoren oder Polypen nachgewiesen werden, sodass gemeinsame Leitlinien von ESGE und ESGAR von 2020 hier den Einsatz der CT-Kolonographie empfehlen [353]. Allerdings gibt es inzwischen Evidenz für die Kolon-Kapselendoskopie bei inkompletter Koloskopie (naturgemäß nicht bei Stenosen), die in einer 2015 veröffentlichten kleineren randomisierten Studie (n=100) hier doppelt so viele Adenome ≥ 6 mm wie die CT-Kolonographie fand (24,5 % vs. 12,2 %) [108]. Die Kolonkapsel wurde als primäre Methode in mehreren methodisch teilweise limitierten Studien evaluiert und zeigte hier größenabhängig eine ähnliche Detektionsrate wie die CT-Kolonographie; die Zahl der Karzinome reichte nicht für eine valide Analyse aus [354]. Als Vorsorge-Methode erreichte die Kapsel-Koloskopie ebenfalls gute Werte für Adenome ≥ 6 mm (Sens. 81 %, Spez. 93 %), eines von vier Karzinomen wurde aber übersehen und es wurden 21 % der initial eingeschlossenen Patienten von der finalen Analyse ausgeschlossen [355]. Aufgrund dieser Limitationen ist die Kolonkapsel derzeit nicht als primäre Screening-Methode zu empfehlen.
Insgesamt lässt sich aber sagen, dass wenn eine Koloskopie nach Behebung einer Stenose oder operativen Lösung von Verwachsungen durchführbar ist, diese einem radiologischen Verfahren vorgezogen werden sollte.
6.2 Polypektomiedurchführung
6.2.1 Endoskopische Resektion
Kolorektale Polypen sollen vor Resektion nach ihrem makroskopisch-endoskopischen Aspekt beurteilt und anhand von Klassifikationsystemen (Morphologie, Gefäßarchitektur, Oberflächenmuster, Größe und Lage) eingeordnet und beschrieben werden.
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Hintergrund
Die Paris-Klassifikation beurteilt die Polypenmorphologie, die Kudo-, NICE- und J-NET- Klassifikation die Polypendifferentialdiagnose anhand von Gefäß- und Oberflächenmuster. Die Klassifikation der laterally spreading tumors (LST) beschreibt Paris 0-II-Läsionen anhand ihres Oberflächenreliefs (granuläre versus nicht-granuläre Oberfläche entsprechend LST-G versus LST-NG) und zusätzlich anhand ihrer Wachstumsform (flacher Subtyp, gemischter Subtyp mit flachen und knotigen Anteilen „mixed type“, eingesenkter Subtyp).
Eine standardisierte Beschreibung kolorektaler Polypen im Rahmen von Klassifikationssystemen dient vor allem der Einschätzung der Dignität und bei Frühmalignomen der Tiefeninfiltration der Läsion. Dies ist der entscheidende Parameter hinsichtlich einer kurativen Resektionsoption und insbesondere der geeigneten anzuwendenden Resektionstechnik (EMR, ESD, eFTR, OP).
Seitens der Polypenmorphologie – beschrieben mit der Paris- und der LST-Klassifikation – scheinen vor allem LST-NG und eingesunkene Läsionen deutlich häufiger eine maligne Transformation (submukosale Invasion) aufzuweisen. In einer großen prospektiven EMR-Studie konnte demonstriert werden, dass eine Lokalisation im Rektosigmoid, eine Paris-Klassifikation 0-Is oder 0-IIa+Is sowie der NG-Typ ein besonders hohes Risiko für eine tiefe submukosale Infiltration aufweisen [356]. Dagegen zeigten proximale Läsionen der Paris Klassifikation 0-Is oder 0-IIa vom granulären Typ ein niedriges Risiko. Eine aktuelle, retrospektive Analyse von 693 Patienten mit LSTs ergab insbesondere für die Lokalisation im Rektum, eine Größe von über 4 cm und den LST-G vom mixed type eine erhöhte Rate submukosainvasiver Karzinome von bis zu 22 % [357].
Eine ältere große australische Polypenstudie (n=479) ermittelte als univariate Risikofaktoren für ein Submukosa-invasives Karzinom eine Paris Klassifikation 0–IIa+c, eine nongranuläre Morphologie und ein Kudo pit pattern Type V [358]. Bei Betrachtung der Einzelkriterien lag eine maligne Histologie mit Submukosainvasion bei den 22 Paris Typ 0-IIc oder 0-IIa+c Läsionen in 31,8 %, von den 98 nicht-granulären Wuchsformen in 15,3 %, und von den 25 Kudo Typ V Läsionen bei 56 % vor; der prädiktive Wert dieser Kriterien ist also begrenzt.
Eine niederländische Metanalyse aus 2018 zum endoskopischen Subtyp der LSTs im Hinblick auf das Risiko eines submukosainvasiven Karzinoms (SMIC) schloss 48 Studien ein [359]. 8,5 % der LSTs wiesen ein SMIC auf. Das SMIC-Risiko unterschied sich zwischen den LST-Subtypen: Das höchste Risiko hatten nicht-granuläre pseudoeingesunkene LSTs mit 31,6 % (95 % KI 19,8 % – 43,4 %), das zweithöchste Risiko granuläre LSTs mit größeren Knoten mit 10,5 % (95 % KI 5,9 % - 15,1 %), gefolgt von 4,9 % bei nicht-granulären flachen LSTs (95 % KI 2,1 % – 7,8 %) und 0,5 % bei granulären homogenen LSTs ohne Knoten (95 % KI 0,1 % - 1,0 %). Ein SMIC trat häufiger bei distal als bei proximal gelegenen LSTs auf (OR 2,50, 95 % KI 1,24 - 5,02). Der Anteil der SMIC stieg mit der Größe der Läsion (10 – 19 mm, 4,6 %; 20 – 29 mm, 9,2 %; ≥ 30 mm, 16,5 %).
Kudo-, NICE- und J-NET Klassifikation klassifizieren kolorektale Polypen nach Gefäß- und Oberflächenmuster. Dabei erfordert die Kudo-Klassifikation, die 5 Stadien unterscheidet, eine Chromoendoskopie in Kombination mit Magnifikationsendoskopie und ist daher im Alltag eher unpraktikabel. Hier zeigte eine japanische Studie eine hohe Treffsicherheit in der Erkennung von tiefe invasiven Submukosakarzinomen in einer Kombination von pit pattern und Gefäßmuster (Sensitivität 94.9 %, Spezifität 76.0 %) [360]. In der initialen Publikation von Kudo gab es neben einer hohen Treffsicherheit (81,5 %) des pit pattern in der Unterscheidung zwischen Adenomen und hyperplastischen Polypen nur 22 invasive Karzinome, von denen jedoch nur 50 % (11/22) einen Typ V aufwiesen [361].
Die NICE-Klassifikation verwendet die virtuelle Chromoendoskopie und unterteilt 3 Typen (Hyperplastischer Polyp, Adenom, SMIC). In einer japanischen Studie an ausgewählten Standbildern auf die Treffsicherheit einer submukosalen Invasion getestet, schnitt die Klassifikation mit jeweils 92 % Sensitivität und negativem prädiktivem Wert sehr gut ab [360]. Eine westliche Bildbeurteilung ausgewählter japanischer Bilder erreichte ähnlich gute Werte [362].
Die JNET-Klassifikation [363] unter Verwendung von Magnifikationsendoskopie und virtueller Chromoendoskopie mit NBI vereinfacht die Polypencharakterisierung in 4 Typen basierend auf der Gefäßarchitektur und dem Oberflächenmuster. Entscheidend ist hier der Unterschied zwischen Typ 2A (Adenom) und Typ 2B (schwere Dysplasie oder SMIC mit maximal oberflächlicher SM-Invasion). Eine Metanalyse aus 2020 von 31 Studien resultierte in einer AUC für die JNET-Klassifikation je Kategorie: Typ 1 0.97 (95% KI: 0.95-0.98), Typ 2A 0.84 (95% KI: 0.81-0.87), Typ 2B 0.72 (95% KI: 0.68-0.76), Typ 3: 0.90 (95% KI: 0.87-0.93) [364]. Die JNET-Klassifikation ist damit vergleichbar den pit pattern-basierten Klassifikationssystemen bei jedoch deutlich einfacherer Anwendung. Dennoch ist auch hier die oberflächliche Submukosainfiltration (JNET 2 B) mit der geringsten diagnostischen Treffsicherheit behaftet. In einer kürzlich publizierten Kooperationsstudie japanischer und europäischer Fachgesellschaften ergaben sich für europäische Endoskopiker eine Sensitivität, Spezifität und Accuracy von 73.3 %, 94.7 % und 93.0 % für JNET 1, 53.0 %, 64.9 % und 62.1 % für JNET 2A, 43.9 %, 67.7 % und 55.1 % für JNET 2B sowie 38.1 %, 93. % und 85.1 % für JNET 3 [365].
Trotz einer verbleibenden Unschärfe in der Einschätzung einer Submukosainfiltration anhand von Paris-Klassifikation und Vaskularisations- und Oberflächenmuster erlaubt die genaue Klassifikation eine Risikoeinschätzung. Dies hat Relevanz für die Auswahl des optimalen Abtragungsverfahrens und soll daher vor der Resektion erfolgen (Verweis auf die S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0, Statement 4.21).
Um eine R0 Resektion zu erzielen, sollen Polypen > 3 mm vollständig durch Schlingenektomie entfernt werden.
Polypen ≤ 3 mm können durch Zangenektomie entfernt werden.
Bei endoskopisch-makroskopischem Verdacht auf ein frühes kolorektales Karzinom sollte eine en bloc Abtragung angestrebt werden.
- Konsens
- Starker Konsens (96,7%)
Änderungshinweis
Um eine repräsentative histologische Aussage zu erhalten und zur definitiven Therapie, sollen Polypen > 5 mm vollständig durch Schlingenektomie entfernt werden. Grundsätzlich sollen diagnostische Koloskopien nur dann durchgeführt werden, wenn in gleicher Sitzung die Möglichkeit zur Schlingenektomie besteht.Hintergrund
Zur endoskopischen Entfernung kolorektaler Polypen stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung:
- Zangenektomie (ZE)
- Resektion mittels Kaltschlinge (Kaltschlingenpolypektomie KSP)
- Resektion mittels Diathermieschlinge (Heißschlingenpolypektomie HSP)
- Endoskopische Mukosaresektion (klassisch nach vorheriger Unterspritzung EMR oder modifiziert z.B. als Unterwasser-EMR ohne Unterspritzung U-EMR)
- Endoskopische Submukosadissektion (ESD)
- Endoskopische Vollwandresektion (eFTR)
Ziele der Resektion sind eine vollständige Entfernung mit minimalem Komplikations- und Rezidivrisiko. Bei der Wahl des Resektionsverfahrens sollten vor allem die Polypengröße und ein mögliches Risiko einer Submukosainvasion berücksichtigt werden. Bei möglicher Submukosainvasion (Frühkarzinom) sollte eine en bloc-Abtragung erfolgen, um die histopathologische Beurteilung zu erleichtern, eine R0-Resektion zu dokumentieren und Rezidive zu verhindern.
Eine aktuelle Studie, der TINIPOLYP Trial, zeigte für Polypen ≤ 3 mm keinen Unterschied in der Vollständigkeit der Resektion im Vergleich von Zangenektomie und Kaltschlingenresektion; eine komplette Resektion erfolgte bei beiden Verfahren in 98,3 % [366].
Für Polypen von 3 – 5 mm weist die Ektomie mit der Kaltschlinge in den allermeisten Studien eine signifikant höhere Rate an histologisch kompletten Resektionen bei gleicher Prozedurzeit auf. In einer randomisiert-kontrollierten Studie von Park et al. wurde die R0 Resektionsrate nach Zangenektomie und Kaltschlingen-Ektomie für Polypen bis zu einer Größe von 5 mm verglichen. In der Zangenektomie-Gruppe wurde die Komplettheit der Resektion mit NBI beurteilt. Die R0 Resektionsrate für Polypen bis zu 5 mm war für Zangenektomie und Kaltschlingenektomie vergleichbar (90,5 % vs. 93,0 %). In der Subgruppe von Polypen mit einer Größe von 3 – 5 mm war die R0 Rate in der Zangenektomie Gruppe allerdings signifikant geringer (86.8 % vs.93.4 %) [367]. Weitere retrospektive Studien und RCTs zeigen ähnliche Ergebnisse (Verweis auf die S2k Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0, für erweiterte Darstellung siehe dort Empfehlung 4.23).
Für Polypen bis 10 mm zeigen die Daten der letzten Jahre eine hohe Effektivität und Sicherheit für die Kaltschlingenabtragung im Vergleich zur Schlingenabtragung mit Diathermie („heiße Schlingenabtragung“). Bisher liegen 2 multizentrische prospektiv randomisierte Studien [368], [369] und mehrere Meta-Analysen [370], [371], [372] zu dieser Fragestellung vor, die keinen Unterschied in der inkompletten Resektionsrate, der en bloc Resektionsrate und der Komplikationsrate (insbesondere Nachblutungen) zeigen.
Für Polypen von 11 – 20 mm wird als Alternative zur klassischen diathermischen Abtragung ebenfalls zunehmend die Kaltschlingenresektion eingesetzt. Insbesondere serratierte Läsionen scheinen sich für die Kaltschlingenabtragung sehr gut zu eignen, da sie sehr flach wachsen und die Mukosa auch ohne Diathermiestrom sehr einfach mechanisch durchtrennt werden kann. Mehre Studien zeigten hier eine sehr geringe Komplikationsrate insbesondere hinsichtlich der verzögerten Nachblutung. Eine kürzlich publizierte Meta-Analyse (11 Studien, 1137 sessil-serratierte Polypen ≥ 10mm) fand eine signifikant reduzierte Rate an Sekundärblutungen (0 % versus 2,2 %) [371].
Beobachtungsstudien zur Kaltschlingenresektion von Kolonadenomen über 10 mm zeigten widersprüchliche Ergebnisse mit zum Teil niedriger Rekurrenzrate (1,7 % nach med. 9,7 Monaten) [373], zum anderen aber bei zunehmender Größe eine vermehrte Konversion zur heißen Schlinge (10 – 20 mm: 44 %) und eine erhöhte Rate inkompletter Resektionen (21 % ≥ 10 mm) [374].
Bei Läsionen mit einem Durchmesser von > 2 cm ist in der Regel eine fraktionierte Abtragung in mehreren Teilen („piecemeal EMR, pEMR“) notwendig. Bei der piecemeal Resektion ist zu beachten, dass die Komplettheit der Resektion (R-Status) histologisch nicht sicher beurteilt werden kann, so dass hier zunächst nur eine makroskopische Einschätzung erfolgen kann. Es wurde in mehreren Studien gezeigt, dass die piecemeal Resektion im Vergleich zur en bloc Resektion mit einer signifikant erhöhten Rezidiv-Rate einhergeht. Die australische ACE [375] schloss 1134 Patienten mit sessilen oder flachen Läsionen von ≥ 2 cm ein. Die Rezidivrate für die pEMR mit Diathermie nach 4 und 16 Monaten war 16 % und 4 %. Die Rezidive waren klein und konnten in 93,1 % erfolgreich endoskopisch behandelt werden. Einschränkend muss gesagt werden, dass diese Ergebnisse aus Experten-Zentren stammen und das engmaschige Follow-up unter Studienbedingungen möglicherweise nicht immer die Versorgungs-Realität widerspiegelt. Studienbedingungen möglicherweise nicht immer die Versorgungs-Realität widerspiegelt. Durch eine thermische Ablation (TA) des Resektionsrandes nach pEMR (z. B. Koagulation mit der Spitze der Resektionsschlinge) konnte eine signifikante Verringerung der Rezidivrate gezeigt werden. In einer australischen multizentrischen, randomisiert-kontrollierten Studie führte die TA nach pEMR zu einer Reduktion der Rezidivrate von 22,9 % auf 4,7 % [376].
Ob für Adenome über 2 cm eine piecemeal-Resektion mit Kaltschlingen sinnvoll ist, ist eher fraglich. Hierzu liegt eine aktuelle randomisierte prospektive Vergleichsstudie zu KSP versus Resektion mit Diathermieschlinge bei Adenomen > 20 mm vor. Die Rezidivrate (bzw. Rate residueller Adenomanteile) lag nach piecemeal-Resektion mit der Kaltschlinge signifikant höher als mit der Diathermieschlinge (23,7 % vs. 13,8 %) [377]. Eine weitere Studie bestätigte diese Beobachtung für flache Polypen > 15 mm [378].
Als Modifikation der klassischen EMR nach vorheriger Unterspritzung kann eine Unterwasser-EMR ohne vorherige Unterspritzung erfolgen. Eine randomisierte Studie konnte eine höhere en bloc Resektionsrate und eine signifikant geringere Rezidivrate für Läsionen > 30 mm bis ≤ 40 mm zeigen [379]. Eine aktuelle Meta-Analyse (Polypen ≥10mm; 881 Polypen mittels UEMR versus 846 Polypen mittels konventioneller EMR reseziert) zeigte signifikante Vorteile für die UEMR hinsichtlich en bloc-Resektion, R0-Resektion, Resektionszeit und Rezidivrate [380].
Bei V.a. das Vorliegen eines frühen kolorektalen Karzinoms (submukosainvasives Karzinom SMIC) ist es für ein optimales lokales Staging und zur Senkung der Rezidivrate sinnvoll, eine en bloc Resektion anzustreben. Hier kommt für Läsionen bis 2 cm eine Schlingenresektion nach Unterspritzung (wenn hiermit eine R0-Resektion möglich) oder eine endoskopische Vollwandresektion (eFTR) in Frage, für Läsionen über 2 cm praktisch ausschließlich die ESD oder eine chirurgische Resektion. Die ESD ist technisch komplex und erkauft sich den möglichen Vorteil einer en-bloc-Abtragung und niedriger primärer Rezidivrate mit einer höheren Komplikationsrate und längerer Eingriffszeit. 4 Metaanalysen bestätigen die signifikant höhere en bloc und R0 Rate sowie geringere Rezidivrate der ESD im Vergleich zur EMR. Bezüglich der Komplikationen ist hauptsächlich ein höheres Perforationsrisiko bei der ESD zu berücksichtigen mit Risikofaktor Lokalisation im rechten Kolon [381], [382], [383], [384].
In den meisten Serien sind Adenome und Karzinome gemeinsam analysiert; Studien, die explizit Frühkarzinome (SMIC) adressieren und vergleichen, liegen nicht vor. Innerhalb der analysierten Fallserien fällt im ESD-Arm zum Teil eine höhere Rate an Frühkarzinomen mit lymphovaskulärer Invasion [381] oder submukosaler Infiltration [383] auf, was für einen Bias bei der Verfahrenswahl hin zu einer en bloc Resektion bei suspekter Morphologie spricht. Eine Effektivitätsanalyse [385] hat diesen Punkt anhand eines prospektiven Studienkollektivs von kolorektalen Läsionen über 20 mm als Wahrscheinlichkeitsanalyse durchgerechnet. Hier wurde die Großflächen EMR verglichen mit selektiver ESD bei v.a. SMIC vs. einer generellen ESD aller Läsionen. Neben der eingeschränkten Sensitivität der endoskopischen Läsionsbeurteilung für SMIC (Sensitivität 34,9 %, Spezifität 98,4 %) war die selektive ESD effektiver als die generelle EMR mit einer Vermeidung von 19 chirurgischen Resektionen/1000 Prozeduren. Die generelle ESD zeigte sich nur für rektale Läsionen kosteneffektiv [385].
Auch wenn keine direkt vergleichenden Studien zur besten endoskopischen Resektionstechnik kolorektaler Frühkarzinome vorliegen, erscheint eine en bloc Resektion bei malignomsuspekter Morphologie sinnvoll und logisch.
Registerdaten zur Effektivität der eFTR colorektaler Frühkarzinome liegen bereits vor. In einer deutschen Registerstudie (156 Läsionen) zeigte sich für die Nachresektion nach inkompletter Resektion eines SMIC eine R0-Resektionsrate von 87,5 %, wobei 84,1 % der Resektionen eine low-risk-Histologie zeigten. Bei therapienaiven Läsionen mit makroskopischem oder histologisch bestätigtem Karzinomverdacht betrug die R0-Resektionsrate 60,9% mit einer allerdings niedrigen rate an low-risk-Histologie (16,3 %). Eine Differenzierung zwischen low-risk und high-risk-Histologie war in 99,3 % möglich. Eine Submukosainvasion von > 1000 µm war hier als high-risk-Kriterium definiert [386]. Eine niederländische Studie zeigte R0-Resektionsraten von 82,0 % für primäre Resektionen (n=132) und 88,0 % für Nachresektionen nach inkompletter Vortherapie (n=198). Die kurative Resektionsraten betrugen 23,7 % und 79,2 %, wenn eine Submukosainvasion von >1000µm als high-risk-Kriterium gewertet wurde. Wenn eine alleinige tiefe Submukosainvasion nicht als high-risk-Faktor gewertet wurde, betrug die kurative Resektionsrate für die Primärresektion 60,8 % [387].
Modifizierte Resektionstechniken (Hybrid-ESD und Unterwasser-EMR) erhöhen bis zu einer bestimmten Läsionsgröße ebenfalls die Rate der en bloc Resektion. In einer aktuellen Metanalyse zeigte die Hybrid ESD im Vergleich zur konventionellen ESD ebenfalls vergleichbar niedrige Rekurrenzraten, auch wenn die en bloc rate niedriger ausfiel [388]. Hier schlossen die Studien im Direktvergleich unterschiedliche Läsionsgrößen ein. Auch die Unterwasser EMR gewährleistet in einer retrospektiv vergleichenden Analyse zur ESD bis zu einer Läsionsgröße von 30 mm eine enbloc Rate von 61 % (ESD 99 %) bei schnellerer Resektion und Rekurrenzrate von 4 % (ESD 0 %) [389].
Bei rektalen Läsionen über 2 cm ist ein höheres Risiko für ein SMIC gegeben [357], [359]. Daher sollte hier, insbesondere in Sphinkternähe auch im Hinblick auf die therapeutischen Konsequenzen eines möglichen Lokalrezidivs, eine en bloc Resektion angestrebt werden. In einer großen deutschen Studie mit 302 großen Rektumpolypen (medianer Durchmesser 40 mm) betrug der Anteil submukosainvasiver Karzinome 17,2 % [390].
Eine australische Fallserie einer in der EMR sehr erfahrenen Arbeitsgruppe [391] analysierte 100 Läsionen im innerhalb von 2 cm an der Anokutanlinie, die mittels fraktionierter EMR entfernt wurden. Bei einer medianen Größe von 40 mm zeigte sich im ersten Follow up Rezidive bei 15,3 %, die bis auf einen Fall endoskopisch therapierbar waren. Eine Studie zur ESD bei distalen Rektumadenomen (unmittelbarer Kontakt zum Plattenepithel) zeigte eine geringere Rezidivrate von 4,5 % [392]. Eine neuere retrospektive bizentrische Vergleichsstudie zur ESD vs. EMR bei Läsionen an der Anokutanlinie resultierte in einer signifikant geringeren Rezidivrate für die ESD 1,5 % vs. EMR 25,8 % [393]. Patienten in der EMR Gruppe mit Rezidiv benötigten weitere 3 Eingriffe im Durchschnitt. Da es sich um ein gemischtes Kollektiv mit benignen und malignen Läsionen handelte, ist die kurative Resektionsrate im gesamten nicht signifikant unterschiedlich, in der Subgruppe der low-risk-Karzinome aber deutlich vorteilhafter in der ESD Gruppe (100 % vs. 14 %) [393].
Eine Metaanalyse, die ESD und TEM bei rektalen Läsionen verglich, zeigte eine kürzere Resektionszeit und einen kürzeren Krankenhausaufenthalt für die flexible ESD bei gleichem Outcome der Prozeduren [394].
Auch wenn vergleichende Daten noch fehlen, sollte bei größeren Rektumpolypen die ESD zur Anwendung kommen. Bei kleineren Läsionen unter 2 cm mit ausreichendem Abstand zum Sphinkter kann eine klassische EMR erfolgen.
Für eine detailliertere Darstellung der endoskopisch/morphologischen Klassifikationssysteme und der verschiedenen Resektionsverfahren wird auf die S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie v2.0 verwiesen (Kapitel 6: Empfehlung 4.21 – 4.27).
Dass eine primäre chirurgische Resektion gutartiger größerer Adenome nicht unproblematisch ist, zeigt eine große Datenbankanalyse aus den USA zur Krankenhauswiederaufnahme aufgrund von Komplikationen nach elektiver Operation gutartiger Kolonadenome. Die Autoren fordern schlussfolgernd eine bessere Ausbildung und Expertise der gastroenterologischen Endoskopiker in diagnostischer Beurteilung und endoskopischen Resektionstechniken [395]. Eine weitere nordamerikanische Auswertung thematisiert ebenfalls die zu häufige Vorstellung von endoskopisch abtragbaren gutartigen Darmadenomen in der Chirurgie [396]. Die meisten „nicht abtragbaren“ Polypen können in Zentren doch erfolgreich abgetragen werden, schlussendlich müssen hier nur knapp 10% der zugewiesenen Patienten operiert werden [397]. Eine entsprechende Vorstellung in einem endoskopischen Schwerpunkt ist deswegen zu empfehlen.
Ob die primäre endoskopische Abtragung eines im Resektat dann nachweisbaren high-risk-Karzinoms mit Notwendigkeit zur anschließenden Operation ein Nachteil für den Patienten ist, wurde in einer Metaanalyse von 15 Studien im Vergleich zur primären chirurgischen Resektion untersucht. Hier resultierten zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede hinsichtlich der Rezidivrate und dem Überleben nach 5 Jahren [398]. Daher erscheint eine primäre endoskopische Entfernung von vermuteten T1 Karzinomen vertretbar (mit dann nachfolgender onkologischer Operation für Läsionen mit tatsächlich histologisch bestätigter high-risk-Konstellation und gleichzeitiger Vermeidung unnötiger Operationen für low-risk-Läsionen und gutartige Adenome).
6.3 Histologische Untersuchung
Alle Polypen sollen histologisch entsprechend der aktuell gültigen WHO-Klassifikation mit Angabe der Vollständigkeit der Abtragung und des Dysplasiegrades untersucht werden.
Änderungshinweis
Die histologische Untersuchung jedes Polypen ist obligat. Die histologische Befundung der Polypen soll entsprechend der WHO-Kriterien mit einer Aussage zur Vollständigkeit der Abtragung erfolgen. Konventionelle Adenome werden klassifiziert nach histologischem Wachstumstyp (tubulär, tubulovillös und villös) und dem Grad der intraepithelialen Neoplasie (niedrig- und hochgradige intraepitheliale Neoplasie); serratierte Läsionen werden unterteilt in hyperplastische Polypen, sessile serratierte Adenome, mixed Polypen (mit Angabe des IEN-Grades) und traditionelle serratierte Adenome (mit Angabe des IEN–Grades).Hintergrund
Entsprechend der aktuellen WHO-Klassifikation von 2019 werden konventionelle Adenome nach ihrem Wachstumstyp (tubulär, villös, tubulovillös) und dem Grad der intraepithelialen Neoplasie (IEN)/Dysplasie (low und high grade) klassifiziert.
Serratierte Polypen werden unterteilt in hyperplastische Polypen, serratierte Läsionen (nach früherer WHO-Klassifikation sessile serratierte Adenome), serratierte Dysplasien (mit Angabe des IEN-Grades, früher sessile serratierte Adenome mit zytologischer Dysplasie) und traditionelle serratierte Adenome (mit Angabe des IEN-Grades).
Konventionelle Adenome
Unter den konventionellen Adenomen werden die schon seit langem bekannten tubulären, villösen und tubulovillösen Adenome zusammengefasst [402]. Für die Diagnose eines tubulovillösen Adenoms ist ein Anteil der tubulären oder villösen Komponente von mindestens 25 % der Fläche notwendig. Der auf zytologischen und architekturellen Kriterien beruhende Dysplasie-Grad soll angegeben werden. Zusätzlich eine Aussage zur kompletten Entfernung. Letztere Angabe kann nicht nur bei einem in einem Stück entfernten Polypen angegeben werden, sie ist auch bei fragmentierter Einsendung dann möglich, wenn sich ein eindeutiger Polypenstiel histologisch darstellt.
Das intramukosale Karzinom der Kolon- bzw. Rektumschleimhaut lässt sich histologisch von einem high-grade Adenom unterscheiden, diese Unterscheidung ist allerdings klinisch nicht relevant, da ein intramukosales Karzinom des Dickdarms als nicht metastasierungsfähig eingestuft wird. Beide Tumoren werden dementsprechend als high-grade intraepitheliale Neoplasie (HGIEN) eingestuft.
Serratierte Polypen
Aufgrund klinischer, pathologischer und molekulargenetischer Befunde ist seit Beginn dieses Jahrhunderts evident, dass neben der „klassischen Adenom-Karzinom-Sequenz“ ein weiterer Pfad der Karzinomentwicklung besteht, der sog. „serratierte Karzinogeneseweg“. Als Vorläuferläsion wurde seinerzeit das vom hyperplastischen Polypen abgrenzbare sessile serratierte Adenom (SSA) identifiziert, eine Neoplasie, die in der aktuell gültigen WHO-Klassifikation [402] als sessile serratierte Läsion (SSL) bezeichnet wird. Eine wissenschaftlich basierte Begründung für die Umbenennung wird nicht genannt. Dem Terminus der Läsion fehlt die Einstufung als Neoplasie, entsprechend ist für die SSL keine ICD-Codierung vorgesehen und damit formal auch keine vorgezogene endoskopische Kontrolle. Ob dies bewusst so ist, erschließt sich aus der WHO-Klassifikation nicht. Eine Schlüsselmutation für die alternative serratierte Route liegt im B-raf-Gen mit Störung der Apoptose, gefolgt von Seneszenz mit Promotor (CpG)-Methylierungen und konsekutiven Genausfällen (z. B. hMLH1, MGMT, p16) und der Entwicklung einer meist hochgradigen Mikrosatelliteninstabilität (MSI-H) [403]. Die Prognose der BRAF-mutierten MSI-H Karzinome ist gut. Alternativ zur durch eine Mikrosatelliteninstabilität bedingten Transformation einer serratierten Dysplasie kann die Transformation aber auch durch einen anderen Mechanismus, wie einer p53 Mutation hervorgerufen werden und führt dann zu einem BRAF-mutierten, mikrosatelliten stabilen (MSS) Karzinom mit schlechter Prognose. Die sessile serratierte Läsion ist damit gleichzeitig Vorläufer von Karzinomen mit guter und schlechter Prognose [404], [405].
Man hat vor 2017 angenommen, dass der serratierte Weg der kolorektalen Karzinomentstehung schneller als die traditionelle Adenom-Karzinom-Sequenz verläuft. Diese Annahme gilt allerdings nur für SSLs mit Dysplasie und nicht für SSLs ohne Dysplasie, Studien von Bettington et al. haben gezeigt, dass SSLs ohne Dysplasie über einen Zeitraum von durchschnittlich 15 Jahren stationär bleiben [406]. Gemäß ICD-0 soll bei den SSL mit Dysplasie eine Unterscheidung zwischen einer low- und einer high-grade Dysplasie durchgeführt werden, nach dem Fließtext der neuen WHO wird diese Unterscheidung aber nicht empfohlen.
Unter dem Begriff der serratierten Polypen bzw. Läsion werden in der neuen WHO-Klassifikation neben der sessilen serratierten Läsion mit oder ohne Dysplasie noch der hyperplastische Polyp und das traditionell serratierte Adenom aufgeführt. Bei den typischerweise kleinen, vorzugsweise in Rektum und Sigma lokalisierten hyperplastischen Polypen handelt es sich im biologischen Sinne um Neoplasien, klinisch gehen diese jedoch nicht in Karzinome über und können daher als biologisch harmlos eingestuft werden. Hyperplastische Polypen lassen sich histologisch aufgrund ihrer anderen Architektur von sessilen serratierten Läsionen abgrenzen.
Das tradionelle serratierte Adenom (TSA) ist eine ähnlich den konventionellen Adenomen polypoid wachsende Neoplasie, die anders als die SSLs konventionelle zytologische Atypien aufweist, wie sie auch in klassischen tubulären und villösen Adenomen gefunden werden. Die Adenome werden daher seit jeher als gutartige, potenziell jedoch maligne transformierende Vorläufer eingestuft. Dazu passt auch das genetische Profil. Wie auch bei den konventionellen Adenomen finden sich hier Mutationen im KRAS.
Zahlreiche Studien konnten nachweisen, dass serratierte "Polypen" mit syn- und metachronen fortgeschrittenen kolorektalen Neoplasien assoziiert sind im Sinne von Indikatorläsionen. In einer Metaanalyse [407] werden neun Studien mit 34.480 Patienten zusammengefasst. Serratierte Polypen wurden in 15,6 % der Patienten nachgewiesen. Bei Nachweis eines serratierten Polypen hatte der Patient ein 2,05-fach erhöhtes Risiko für eine fortgeschrittene Neoplasie. Der Nachweis proximal lokalisierter serratierter Polypen war mit einer 2,77-fachen Risikoerhöhung assoziiert. Handelte es sich um große serratierte Polypen (> 1 cm), stieg das Risiko auf das 4-fache. Damit erscheinen serratierte Läsionen als Indikatorläsion, die ein erhöhtes Risiko für fortgeschrittene kolorektale Neoplasien anzeigen. Besonders Patienten mit großen serratierten Adenomen im proximalen Hemikolon sind gefährdet, fort-geschrittene kolorektale Neoplasien zu entwickeln.
Für die Nachsorgeempfehlungen nach Polypektomie kommt der Histologie der abgetragenen Läsionen eine entscheidende Bedeutung zu. Entsprechend ist die histologische Untersuchung aller abgetragenen Läsionen obligat.
Bei Karzinomnachweis im endoskopischen Resektat soll der histologische Befund folgende Merkmale enthalten:
- das Ausmaß der Tiefeninfiltration (pT-Kategorie), bei sessilen Polypen die sm-Invasionsmessung in µm,
- den histologischen Differenzierungsgrad (Grading),
- das Vorhandensein oder Fehlen von Lymphgefäßinvasion (L-Klassifikation),
- und die Beurteilung der Resektionsränder (R-Klassifikation) im Hinblick auf die lokale Entfernung im Gesunden (zur Tiefe und zur Seite).
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 3
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [408]
In Hinblick auf weitere therapeutische Konsequenzen bei histologisch komplett entfernten pT1-Karzinomen soll eine zusammenfassende Klassifikation in "low-risk" (G1, G2 und keine Lymphgefäßeinbrüche (L0)) oder "high-risk" (alle anderen Kriterien mit Ausnahme G1, G2 und keine Lymphgefäßeinbrüche (L0)) erfolgen.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 3a
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
- Literatur
- [409]
Eine alleinige tiefe Submukosainvasion (ohne weitere Risikofaktoren, d. h. G1/2, L0, R0, kein Budding) ist mit einem geringen Risiko für Lymphknotenmetastasen assoziiert.
Siehe Supplement v3.0_Evidenzbericht und Appendix, Evidenztabelle "Schlüsselfrage Nr. 3"
Hintergrund
Die Notwendigkeit einer Angabe über den Abstand der Entfernung im Gesunden bei pT1-Karzinomen ist strittig. Unnütz ist die Messung nicht, wenn der Abstand gut beurteilt werden kann. Nach zwei Studien, in denen bei high-risk Karzinome mit einer endoskopischen R0 Entfernung ≥ 1 mm aus unterschiedlichen Gründen keine onkologische Resektion durchgeführt wurde, fand sich für diese Gruppe ein vergleichbarer Verlauf wie in der Gruppe onkologisch resezierter Patienten [416], [417].
Nodal positive T1 Karzinome
Der Anteil nodal positiver Fälle unter den kolorektalen T1 Karzinomen ist in Studien mit großen Fallzahlen reproduzierbar bei 10 – 12 % [418], [419].
Lymphknotenmetastasen (LK+) treten häufiger bei Risikofaktoren auf. Diese sind überwiegend an primär chirurgisch resezierten T1 Karzinomen ohne vorherige endoskopische Abtragung bestimmt worden und werden auf endoskopisch resezierte T1 Karzinome übertragen.
High-risk Kriterien:
Die Zahl der high-risk Kriterien ist in nationalen Leitlinien sehr unterschiedlich. Während es in Japan gemäß JSCCR sechs sind (G3/4, LVI: Lymph- und/oder BlutgefäßiInvasion (L1 und/oder V1), R1, Tumorbudding, Submukosa-Infiltration > 1.000 µm) gelten in der Bundesrepublik Deutschland nur zwei obligate (G3/4, L1) und ein fakultatives Kriterium (Budding Grad >1). Diese unterschiedliche Handhabung führt dazu, dass in Japan wesentlich mehr high-risk T1 Karzinome als in Deutschland diagnostiziert werden und damit auch entsprechend mehr sekundäre chirurgisch-onkologische Resektionen erfolgen (> 60 % der endoskopisch abgetragenen T1 Karzinome).
Die Zahl der Nodal-positiven T1 Karzinome nach sekundärer onkologischer Resektion von endoskopisch high-risk Karzinomen liegt in größeren Studien aus Japan bei 6 – 12 % [420], [412]. Da in Japan aufgrund des high-risk Kriteriums einer R1 Situation auch Karzinome mit ansonsten low-risk-Kriterien zur Empfehlung einer chirurgischen Resektion führen, würde man annehmen, dass die Rate an Nodal-positiven Karzinomen bei strengeren Kriterien in Deutschland höher liegt. Aufgrund des Fehlens entsprechender Daten ist dies aber nicht belegt.
Risikofaktor G3/4
Die Festlegung des Tumordifferenzierungsgrades erfolgt nach den Regeln der WHO. Diese besagen, dass der Tumordifferenzierungsgrad den am schlechtesten differenzierten Tumoranteilen entspricht. Durch die Einführung einer dichotomen Einteilung in low-grade (G1/G2) und high-grade (G3/4) hat sich die bekannte Interobservervariabilität [421] hinsichtlich des Gradings verbessert, ist aber nicht eliminiert.
Risikofaktor Lymphgefäßinvasion
Da der Anteil der G3/4 Karzinome unter den T1 Karzinomen gering ist, kommt der Lymphgefäßinvasion in Deutschland die größte Bedeutung als Risikofaktor für eine Lymphknotenmetastasierung zu. Um eine Über- und Unterinterpretation zu vermeiden, sollte ein L1 Situation dann festgelegt werden, wenn sich die Tumorzellen in endotheliasierten Spalten ohne Nachweise roter Blutkörperchen befinden. Eine Immunhistologie zur Unterscheidung von Lymph- versus Blutgefäßendothel kann im Zweifel helfen, ist aber in der Regel nicht notwendig. Auch bei der Einstufung von L1/L0 besteht zwischen Pathologien eine Interobservervariabilität unter Experten und noch mehr in der Flächenversorgung, Letztere verursacht laut einer holländischen Studie eine Therapie-entscheidende Variabilität in der Interpretation von 30 % [422].
Risikofaktor Tumor-Grading und -budding
Beim Grading eines Karzinoms soll gemäß WHO die Invasionsfront nicht berücksichtigt werden. Allerdings ist aus der täglichen Praxis bekannt, dass gerade die Invasionsfront eine Eigenschaft aufweist, die als Tumor-Budding bezeichnet wird. Es handelt sich um einzelne Tumorzellen oder auch Tumorzellaggregate an der Invasions-front, die zumeist schlecht differenziert sind und stammzellähnliche Eigenschaften aufweisen. Das Tumor-Budding ist definiert als histologischer Nachweis von Tumorzell-Clustern (fünf oder weniger Zellen) entdifferenzierter oder isolierter Tumorzellen an der Invasionsfront. Dabei soll die Invasionsfront mit 200-facher Vergrößerung mikroskopiert werden und die Grade 1 mit 0 – 4; 2 mit 5 – 9 und 3 mit > 9 Buddings oder Tumorzell-Cluster bestimmt werden. Ein Tumor-Budding Grad 2 oder 3, d.h. > 4 Buddings oder Cluster an der Invasionsfront waren in mehreren Studien ein zusätzlicher Parameter für ein erhöhtes Risiko von Lymphknotenmetastasen [419], [411], [412]. Die Daten sind allerdings schwer im Zusammenhang zu interpretieren, da in einer der Studien nur der Budding-Grad 3 als Risikofaktor gilt und in der multivariaten Analyse grenzwertig signifikant ist [412], während in einer anderen Studie Budding Grad 2 und 3 als Risikofaktor gruppiert werden, und hier die Assoziation mit Lymphknotenmetastasen nur für Karzinome mit einer Infiltrationstiefe von > 1000 µm gilt [419]. Auch beim Anteil der Karzinome mit Budding Grad 3 gibt es Unterschiede (8 % vs. 18 %), die auf eine Interobservervariabilität hinweisen.
Das Tumorbudding ist zweifellos ein prognostischer Marker. Er ist stark mit G3/4 und L1 assoziiert [423]). Das alleinige Vorliegen eines Tumorbuddings Grad 2/3 bei sonst fehlenden Risikofaktoren mag das Risiko einer Lymphknotenmetastase erhöhen, die Datenlage hier ist aber wesentlich unklarer als bei G3/4 und L1.
Da die Analysen zum Tumorbudding vorwiegend aus Japan stammen und die Angabe des Tumorbuddings bisher in Deutschland kein Standard ist, wurde der Empfehlungsgrad zur Berücksichtigung des Tumorbuddings in der Risikobewertung von T1-Karzinomen in der 2017 überarbeiteten S3-Leitlinie abgeschwächt auf ein „kann“. Da sich an der Situation in der Bundesrepublik bislang nicht viel geändert hat, bleibt es bei der Kann-Empfehlung.
Risikofaktor Ausmaß der Submukosainvasion
Eine Einteilung in drei Drittel der Submukosa (SM1, SM2, SM3) ist nur möglich, wenn die Submukosa im Resektat komplett erfasst ist, was alleinig bei nachweisbarem Anteil der L. muscularis propria garantiert ist. Nach endoskopischer Resektion ist dies regelhaft nur nach EFTR möglich; für die überwiegende Mehrzahl der endoskopischen Resektate (EMR, ESD) ist eine Unterteilung in SM1-3 nicht möglich und das Ausmaß einer Submukosainvasion muss quantitativ in µm ausgemessen werden.
Eine tiefe Submukosainvasion (gemessen mit > 1000 µm am endoskopischen Resektat) gilt in asiatischen Leitlinien weiterhin als einer der high-risk-Faktoren für Lymphknotenmetastasen. Bereits 2013 berichtete eine japanische Arbeitsgruppe allerdings über ein geringes Risiko für Lymphknotenmetastasen von 2,2 % für pT1-Rektumkarzinome, wenn eine tiefe Submukosainfiltation der einzige histologische Risikofaktor war [413]. Eine weitere Studie zeigte für Rektum- und Kolonkarzinome eine Lymphknotenmetastasenrate von 3,8 % bei alleiniger tiefer Submukosainvasion, während die Rate bei Vorliegen weiterer Risikofaktoren (G3, Budding, lymphovaskuläre Invasion) 21,6 % betrug [414].
Eine kürzlich publizierte Meta-Analyse (50 asiatische und 17 westliche Studien) ermittelte ein Risiko für Lymphknotenmetastasen von 2,6 % für pT1-Karzinome, wenn eine tiefe Submukosainvasion (> 1000 µm) der einzige histologische Risikofaktor war [415]. In einer weiteren Meta-Analyse (12 retrospektive Studien mit 831 endoskopisch und 2130 chirurgisch therapierten Patienten) zeigten eine lymphovaskuläre Invasion und ein geringer Differenzierungsgrad einen negativen Einfluss auf das Gesamtüberleben. Für das Ausmaß der Submukosainvasion galt dies auch in dieser Publikation nicht [409]. Einschränkend ist zu sagen, dass die aktuellen Meta-Analysen nahezu ausschließlich retrospektive Studien beinhalten; prospektive Daten hierzu sind weiterhin wünschenswert.
Eine Checkliste zur standardisierten histopathologischen Befundung kolorektaler Polypen sollte verwendet werden [424].
6.4 Vorgehen bei pT1-Karzinomen
Ergibt die histologische Untersuchung eines endoskopisch R0-entfernten Polypen ein pT1-Karzinom, soll eine onkologische Nachresektion nicht durchgeführt werden, wenn es sich um eine low-risk-Situation bei histologisch karzinomfreier Polypenbasis (R0) handelt. In der high-risk Situation ist die radikale chirurgische Behandlung erforderlich, auch wenn die Läsion komplett entfernt wurde.
Bei inkompletter Abtragung eines low-risk-pT1-Karzinoms soll eine komplette endoskopische oder lokale chirurgische Entfernung erfolgen. Wenn eine R0-Situation nicht erreichbar ist oder Zweifel am Vorliegen einer pT1-Situation bestehen, soll die onkologisch-chirurgische Resektion erfolgen.
Hintergrund
Als gesicherte high-risk-Faktoren für Lymphknotenmetastasen gelten ein geringer Differenzierungsgrad und eine lymphovaskuläre Invasion am endoskopischen Resektat. Eine additive chirurgische Resektion mit Lymphknotendissektion ist hier aus onkologischen Gesichtspunkten indiziert. Für ein alleiniges Budding ist die Datenlage weniger eindeutig; für eine alleinige tiefe Submukosainvasion hat sich die Datenlage in den letzten Jahren deutlich verbessert und zeigt ein geringes Risiko für Lymphknotenmetastasen (siehe Hintergrundtext Empfehlung [6.8] – Empfehlung [6.10]).
Eine große aktuelle japanische Studie analysierte den Langzeitverlauf von 4719 Patienten mit kolorektalem pT1-Karzinom (1259 endoskopisch reseziert, 1508 primär endoskopisch und sekundär chirurgisch reseziert, 1952 primär chirurgisch reseziert). Lymphknotenmetastasen waren in 10,3 % der chirurgischen Resektate nachweisbar, wenn high-risk-Faktoren (nach japanischer Leitlinie; s.o.) vorhanden waren; bei low-risk-Karzinomen betrug die Rate 1,8 %. Nach alleiniger endoskopischer Resektion betrug die Rezidivrate 0,1 % in der low-risk-Gruppe versus 3,4 % in der high-risk-Gruppe. Die alleinig endoskopisch therapierten Patienten mit high-risk-Kriterien (n=506) wiesen in 84,6 % eine Submukosainvasion >1000 µm auf; andere high-risk-Faktoren waren deutlich seltener (lymphovaskuläre Invasion 20,6 %, Budding Grad 2/3 12,8 %, Grading G3 1 %). Eine alleinige endoskopische Resektion in der low-risk-Gruppe führte zu einem krankheitsfreien 5-Jahre-Überleben von 99,2 % [429].
Das therapeutische Vorgehen bei kolorektalen T1-Karzinomen ist in untenstehender Abbildung zusammengefasst. Aktuell spielt der MSI/dMMR-Status im Management von T1-Karzinomen aufgrund einer fehlenden belastbaren Datenbasis (noch) keine Rolle.
6.5 Polypenmanagement (Nachsorge)
Die folgenden Empfehlungen zum Nachsorgeintervall nach Polypenentfernung gelten für die Normalbevölkerung ohne bekannt erhöhtes KRK-Risiko; für Risikogruppen (z. B. Polyposis-Syndrome, HNPCC, chronisch entzündliche Darmerkrankungen) gelten gesonderte Empfehlungen (siehe Kapitel 5 dieser Leitlinie und die DGVS Leitlinien zu Colitis ulcerosa und Morbus Crohn). Voraussetzung für die empfohlenen Kontrollintervalle ist eine Indexkoloskopie, die o.g. Qualitätsparameter erfüllt (siehe Statement [6.1]).
Konventionelle Adenome
Der Zeitpunkt der Kontrollkoloskopie nach kompletter Abtragung konventioneller Adenome soll von Anzahl, Größe und Histologie der entfernten Adenome abhängig gemacht werden.
Hintergrund
Als fortgeschrittene oder high-risk-Adenome (HRA), die ein erhöhtes KRK-Risiko abbilden, werden derzeit Adenome ≥ 10 mm, Adenome mit villöser Histologie und Adenome mit schwerer Dysplasie (HGIEN) klassifiziert. Adenome ohne diese Risikofaktoren werden als low-risk-Adenome (LRA) bezeichnet; LRA repräsentieren die Mehrzahl der im Rahmen von Vorsorgekoloskopien diagnostizierten Polypen.
Bei Patienten mit 1 oder 2 low-risk-Adenomen sollte eine Kontrollkoloskopie nach 7 – 10 Jahren empfohlen werden.
Änderungshinweis
Bei Patienten mit 1 oder 2 Adenomen < 1 cm ohne höhergradige intraepitheliale Neoplasie sollte eine Kontrollkoloskopie nach 5 – 10 Jahren erfolgen.Bei Patienten mit 3 – 4 low-risk-Adenomen sollte eine Kontrollkoloskopie nach 3 – 5 Jahren empfohlen werden.
- Konsens
- Starker Konsens (98,4%)
- Literatur
- [434]
Änderungshinweis
Bei Patienten mit 3 – 4 Adenomen oder einem Adenom ≥1 cm oder einem Adenom mit überwiegend villöser Histologie oder HGIEN sollte die erste Kontrollkoloskopie nach 3 Jahren erfolgen.Bei Patienten mit ≥ 5 low-risk-Adenomen sollte das Kontrollintervall < 3 Jahre betragen.
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 5
- Konsens
- Starker Konsens (100%)
Bei Patienten mit high-risk-Adenomen (≥ 10 mm, villöse Histologie, hochgradige intraepitheliale Neoplasie) und histologisch bestätigter vollständiger Abtragung sollte eine Kontrollkoloskopie nach 3 Jahren empfohlen werden.
Hintergrund
Konventionelle Adenome
Nach Entfernung fortgeschrittener neoplastischer Kolonpolypen ist das KRK-Risiko erhöht und kann durch Surveillance-Koloskopien gesenkt werden. Eine Studie zeigte nach koloskopischer Adenomentfernung (3 – 4 Adenome < 10 mm oder 1 – 2 Adenome ≥ 10 mm) eine signifikante Reduktion der KRK-Inzidenz nach 10 Jahren, wenn Surveillance-Koloskopien durchgeführt wurden (HR 0,57, 95 % KI 0,40–0,80 nach einer Surveillance-Koloskopie bzw. 0,51, 95 % KI 0,31–0,84 nach zwei Surveillance-Koloskopien) [430]. Demgegenüber konnte nach Abtragung von 1 – 2 kleinen Adenomen (< 10 mm) keine erhöhte KRK-Inzidenz nachgewiesen werden.
Bereits 2012 hatten Cottet et al. berichtet, dass das KRK-Risiko nach Entfernung von low-risk-Adenomen (< 10 mm, keine villöse Komponente, keine HGIEN) im Verlauf von 7,7 Jahren nicht erhöht war, während nach Entfernung von high-risk-Adenomen ein deutlich erhöhtes KRK-Risiko bestand. Wenn nach Entfernung von high-risk-Adenomen Surveillance-Koloskopien durchgeführt wurden, war das Risiko deutlich geringer erhöht als bei Patienten ohne Kontrollkoloskopie (SIR 1,10, 95% KI 0,62-1,82 versus SIR 4,26, 95% KI 2,89-6,04) [431]. Große Studien bestätigten die Daten in den letzten Jahren. Lee et al konnten 10 Jahre nach 64422 Vorsorgekoloskopien kein erhöhtes KRK-Risiko nach Entfernung von 1 – 2 low-risk-Adenomen (< 10 mm, keine villöse Komponente, keine HGIEN) gegenüber der Gruppe ohne Adenome nachweisen [432]. Bis zu welcher Anzahl von low-risk-Adenomen dies gilt, wird aktuell uneinheitlich bewertet (≤ 2 oder ≤ 4) [438], [439]. Eine aktuelle Meta-Analyse zeigte allerdings nach Entfernung von 3 – 4 low-risk-Adenomen eine erhöhte Rate an metachronen fortgeschrittenen Neoplasien im Vergleich zu 1 – 2 entfernten low-risk-Adenomen (relative risk 1.264, 95% KI 1.053–1.518) [434].
Als fortgeschrittene oder high-risk-Adenome (HRA), die ein erhöhtes KRK-Risiko abbilden, werden deshalb derzeit Adenome ≥ 10 mm, Adenome mit villöser Histologie und Adenome mit schwerer Dysplasie (HGIEN) klassifiziert, Adenome ohne diese Risikofaktoren werden als low-risk-Adenome (LRA) bezeichnet.
Aktuell bestätigt eine große Studie eine Adenomgröße ≥ 10 mm (HR 4.00; 95 % KI, 2.46-6.50) und HGIEN (HR 6.61; 95 % KI, 3.31-13.2) als Risikofaktoren einer KRK-Entwicklung [440]. Die Datenlage zur villösen Histologie als Risikofaktor ist weniger einheitlich. Zuletzt war in einer britischen Studie allerdings eine villöse Histologie als Risikofaktor für metachrone fortgeschrittene Neoplasien bestätigt worden (OR 1,49; 95% KI 1,05-2,10) [441].
Eine polnische Studie mit 236089 Vorsorgekoloskopien bestätigte ein besonders erhöhtes KRK-Risiko nach Entfernung von Adenomen ≥ 20 mm oder Adenomen mit HGIEN (HR 9.25; 95% KI 6.39-13.39) [433].
Die Empfehlung zur Durchführung von Surveillance-Koloskopien und deren Zeitpunkt hängt deshalb von Zahl, Größe und Histologie der bei der ersten Koloskopie entfernten Läsionen ab. Prospektive Studien, die verschiedene Nachsorgeintervalle randomisiert vergleichen, liegen bisher nicht vor. Aufgrund der aktuellen Datenlage wird bei einer low-risk-Situation (1-2 LRA) ein Intervall von 7 bis 10 Jahren empfohlen, während bei high-risk-Situation (≥ 3 LRA oder ≥ 1 HRA) verkürzte Intervalle empfohlen werden.
Die Kontrollempfehlungen werden aktuell von einer großen retrospektiven Studie mit 11214 Patienten bestätigt, die das Auftreten metachroner Neoplasien oder eines KRK in Abhängigkeit von verschiedenen Zeitintervallen zwischen Index- und Kontrollkoloskopie analysiert (< 18 Monate, 2, 3, 4, 5, 6 Jahre). In der low-risk-Gruppe blieb das Risiko für fortgeschrittene Neoplasien bzw ein KRK auch bei langem Intervall niedrig (< 10 % bzw. < 2 %). Demgegenüber stieg die KRK-Rate in der high-risk-Gruppe bei einem Intervall von mehr als 3 Jahren deutlich an [436].
Eine Meta-Analyse mit 811.181 eingeschlossenen Patienten zeigte eine KRK-Inzidenz von 0.63 % (95% KI 0.30-0.97) nach 3 Jahren in der high-risk-Situation, von 0.37 % (95% KI 0.13-0.61) und 0.67 % (95% KI 0.36-0.99) nach 5 und 10 Jahren in der low-risk-Situation sowie von 0.32 % (95% KI 0.20-0.45) und 0.50 % (95% KI 0.30-0.69) nach 10 bzw. mehr als 10 Jahren in der adenomfreien Gruppe. Die Autoren sahen durch die Daten die Empfehlung zum 3-Jahres-Intervall in der high-risk-Situation und zu einem 5 – 10-Jahres-Intervall in der low-risk-Situation bestätigt [435].
Serratierte Polypen
Der Zeitpunkt der Kontrollkoloskopie nach kompletter Abtragung serratierter Polypen soll von Anzahl, Größe und Histologie der entfernten Läsionen abhängig gemacht werden (5 – 10 Jahre bei 1-2 SSL < 10 mm ohne Dysplasie, 3 Jahre bei ≥ 3 SSL, bei SSL ≥ 10 mm, nach Entfernung von TSAs, nach Entfernung größerer hyperplastischer Polypen ≥ 10 mm sowie bei Dysplasienachweis).
Änderungshinweis
Nach kompletter Abtragung eines traditionellen serratierten Adenoms oder eines sessilen serratierten Adenoms sollte die Nachsorge analog zu klassischen Adenomen erfolgen.Hintergrund
Wie bei konventionellen Adenomen liegen prospektive Studien zur Nachsorge auch nach Entfernung serratierter Läsionen nicht vor. Eine große Studie mit 122889 Patienten zeigte nach einem medianen Follow-up von 10 Jahren ein erhöhtes KRK-Risiko nach Entfernung von serratierten Polypen ≥ 10 mm (HR 3,35; 95% KI 1,37-8,15), während das Risiko nach Entfernung kleiner Läsionen nicht erhöht war (HR 1,25; 95% KI 0,76-2,08). In dieser Studie waren hyperplastische Polypen, SSL und TSA nicht unterschieden worden; auch die Zahl der Läsionen und der Dysplasiegrad war nicht berücksichtigt [442].
Eine aktuelle Studie analysierte differenzierter die Rate metachroner fortgeschrittener serratierter Neoplasien nach Entfernung verschiedener Gruppen serratierter Läsionen (hyperplastische Polypen, SSL, TSA). Nach 5 Jahren betrug die Rate 26 % für SSL ≥10 mm (95% KI 18 % – 32 %), 21 % für 3 – 4 SSLs < 10 mm (95% KI 0 % – 42 %), 18 % für TSA (95% KI 0 % – 38 %), 27 % für SSL mit low-grade-Dysplasie (95% KI 3,6% – 45 %) und 17 % für hyperplastische Polypen ≥ 10 mm (95% KI 3.5% – 29%). Die Autoren empfehlen ein 3-Jahres-Kontrollintervall für die beschriebenen Subgruppen [443].
Nach Entfernung von 1 – 2 kleinen serratierten Läsionen (ohne Dysplasie) ist eine Koloskopie nach 5 – 10 Jahren ausreichend, während nach Entfernung von ≥ 3 SSL < 10 mm, nach Entfernung von SSL ≥ 10 mm, nach Entfernung von TSAs, nach Entfernung größerer hyperplastischer Polypen sowie bei Dysplasienachweis ein Intervall von 3 Jahren empfohlen wird. Nach Entfernung kleiner hyperplastischer Polypen (< 10 mm) wird eine Kontrollkoloskopie nicht empfohlen.
Das gleichzeitige Vorliegen fortgeschrittener Adenome und serratierter Läsionen erhöht das Risiko metachroner fortgeschrittener Neoplasien im Vergleich zum jeweils alleinigen Vorliegen. Anderson et al. berichteten über eine hohe Rate an metachronen fortgeschrittenen Neoplasien nach gleichzeitiger Entfernung von high-risk-Adenomen und serratierten Läsionen (OR 5.61; 95 % CI, 1.72 – 18.28) [444]. Weitere Daten sind erforderlich, um das optimale Nachsorgeintervall für diese Patientengruppe zu definieren.
Bzgl. des serratierten Polyposis-Syndroms wird auf den entsprechenden Hintergrundtext im Kapitel Polyposis-Syndrome verwiesen.
Frühkarzinome (pT1 low-risk)
Eine endoskopische Kontrolle der Abtragungsstelle soll nach kompletter Entfernung (R0) von low-risk-pT1-Karzinomen nach 6 Monaten erfolgen.
Eine komplette Koloskopie soll nach 3 Jahren empfohlen werden.
- Empfehlungsgrad
- A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens (98,3%)
Hintergrund
Prospektive Untersuchungen zum Nachsorgeintervall nach endoskopischer Resektion von low-risk-Karzinomen liegen nicht vor. Eine endoskopische Kontrolle der Resektionsstelle zum Ausschluss eines Lokalrezidivs erscheint jedoch naheliegend. Sollte nach Entfernung von high-risk-Karzinomen keine chirurgische Resektion erfolgen, sollte angesichts des Risikos für Lymphknoten- und Fernmetastasen (bei gegebener therapeutischer Konsequenz) zusätzlich zur Endoskopie eine erweiterte Nachsorge individuell diskutiert werden (z. B. EUS u/o MRT für rektale Karzinome bzw. CT für Kolonkarzinome).
Anhand der ausschließlich retrospektiven Datenlage scheint das Rezidivrisiko nach endoskopischer Resektion von pT1-Karzinomen gering. Eine Meta-Analyse mit 5167 endoskopisch therapierten Patienten ermittelte eine Gesamtrezidivrate (lokal endoluminal, lokal extraluminal oder als Fernmetastasen) von 3,3 %. Die Rezidive waren zu jeweils 50 % lokal oder als Metastasen aufgetreten. Bei low-risk-Karzinomen betrug die Gesamtrezidvrate 0,7 % (10/1499) (versus 7 % bei high-risk-Karzinomen) [445].
Vorgehen nach Piecemeal-Resektion/histologisch inkompletter Resektion
Bei makroskopisch vollständiger, histologisch aber nicht bestätigter Abtragung von Adenomen von 4 – 20 mm sollte eine Kontrolle nach 12 Monaten empfohlen werden.
Siehe Supplement v3.0_Evidenzbericht und Appendix, Evidenztabelle „Schlüsselfrage 4“
- Empfehlungsgrad
- B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
- Evidenzlevel
- 4
- Konsens
- Starker Konsens (98,2%)
- Literatur
- [446] [447] [373]
Änderungshinweis
Bei histologisch nicht bestätigter vollständiger Abtragung von Adenomen > 5 mm sollte auch bei makroskopisch kompletter Abtragung eine Kontrolle nach 6 Monaten erfolgen.Nach Abtragung großer Adenome (> 20 mm) in Piecemeal-Technik soll eine endoskopische Kontrolle der Abtragungsstelle nach 6 Monaten empfohlen werden.
Hintergrund
Die Entfernung kolorektaler Adenome soll makroskopisch vollständig erfolgen und idealerweise pathologisch als komplette Resektion bestätigt werden. Bei Piecemeal-Resektionen ist die histopathologische Bestätigung einer kompletten Resektion unmöglich und das Rezidivrisiko erhöht. Eine aktuelle Studie führt 11 % der Intervallkarzinome nach erfolgter Vorsorgekoloskopie auf inkomplett resezierte Polypen zurück [453].
Das Rezidivrisiko nach Piecemeal-Resektion großer Polypen (Durchmesser >20mm) wird in der Literatur mit bis zu 20 % angegeben [454], [455]. Vermutlich kann das Rezidivrisiko durch zusätzliche Koagulation des Resektionsrandes deutlich reduziert werden [456], [457]. Für eine eventuelle Lockerung der bisherigen Kontrollempfehlungen sind allerdings weitere Studien erforderlich. Aktuell wird weiterhin eine Kontrolle der Abtragungsstelle nach 6 Monaten und eine zweite Kontrolle 12 Monate nach der ersten Kontrolle empfohlen [454], [439].
Auch nach Entfernung von nicht-gestielten Polypen ≤ 20 mm kann eine komplette Resektion trotz makroskopisch vollständiger Resektion histopathologisch oft nicht bestätigt werden. In einer Meta-Analyse wurden inkomplette Resektionen (Adenomnachweis in der Biopsie aus dem Resektionsrand) von 15,9 % für Läsionen ≤ 10 mm und von 20,8 % für Läsionen von 10 – 20 mm berichtet. Für Polypen <5mm betrug die Rate 9,9 % nach Zangenbiopsie und 4.4 % nach Schlingenresektion [458]. Die klinische Relevanz ist hier allerdings nicht eindeutig; das Rezidivrisiko scheint deutlich geringer als nach Piecemeal-Resektion großer Polypen. Arimoto et al berichten über eine histologische komplette Resektion von 79,8 % nach Schlingenresektion von Läsionen ≤ 5 mm und von 79.5 % bei Läsionen von 6 – 9 mm; dennoch trat im Follow-up nach 3 Jahren kein Rezidiv auf [447]. Eine aktuelle prospektive Multicenter-Studie zur Kaltschlingenresektion von nicht-gestielten Polypen (Adenome und SSL; 10 – 19 mm) zeigte trotz überwiegender Piecemeal-Resektion (72 %) eine Rezidivrate von nur 1,7 % (Nachsorgeintervall Median 9.7 Monate) [373]. In einer weiteren Studie, die überwiegend Polypen von 10 – 20 mm einschloss, waren 45,3 % der SSL-Resektionen und 38 % der Adenomresektionen histologisch nicht sicher komplett; dennoch betrug die Rezidivrate 3,8 % für SSL und 7,9 % für Adenome (Nachsorgeintervall Median 13 Monate) [446]. Eine erste Kontrolle nach 12 Monaten scheint deshalb nach makroskopisch vollständiger, histologisch aber unsicherer kompletter Resektion von Polypen von 5 – 20 mm ausreichend; bei makroskopischer Unsicherheit und/oder schwerer Dysplasie sollte die bisherige Empfehlung (6 Monate) beibehalten werden.
Nach Zangenabtragung von Polypen ≤ 3 mm ist die histopathologische Beurteilung der Vollständigkeit schwierig bis unmöglich. Da die klinische Relevanz kleiner Adenome unklar ist, gilt die endoskopische Beurteilung der vollständigen Abtragung als entscheidend; eine Kontrolle der Abtragungsstelle ist entbehrlich.
Vorgehen nach erster Kontrollkoloskopie
Hintergrund
Die Empfehlung zur zweiten Kontrollkoloskopie hängt von den Befunden der Indexkoloskopie und der ersten Kontrollkoloskopie ab. In einer großen Studie wird die Rate fortgeschrittener Adenome bei der zweiten Kontrollkoloskopie mit 10,6 % angegeben, wenn bei den beiden ersten Koloskopien eine low-risk-Situation vorlag, mit 16,4 %, wenn initial eine low-risk-Situation und im Verlauf eine high-risk-Situation vorlag und mit 38,2 %, wenn bei beiden Vorkoloskopien eine high-risk- Situation vorlag [460].
Eine aktuelle japanische Studie bestätigt eine hohe Rate an fortgeschrittenen Adenomen von 34,5 % bei der zweiten Kontrollkoloskopie, wenn bei beiden Vorkoloskopien fortgeschrittene Adenome entfernt worden waren [459].
Das Kontrollintervall für die zweite Kontrollkoloskopie kann anhand der Befundlage der ersten Kontrollkoloskopie weitgehend analog zum Vorgehen nach der Indexkoloskopie ausgesprochen werden (siehe Empfehlung [6.18], [6.20], [6.21], [6.23]). Als Ausnahme hiervon ist die Situation zu betrachten, wenn initial fortgeschrittene Adenome entfernt wurden und dann nach 3 Jahren eine low-risk-Situation vorliegt (maximal 1 – 2 low-risk-Adenome). Bei dieser Konstellation liegt die Rate metachroner Adenome bei der zweiten Verlaufskoloskopie deutlich höher als bei Patienten, bei denen in beiden ersten Koloskopien eine low-risk-Situation vorlag [460]. Ein verkürztes Intervall von 5 Jahren scheint hier gut begründet.
Für serratierte Polypen liegen keine gesonderten Daten zur zweiten Kontrollkoloskopie vor. Hier gilt aktuell die Empfehlung analog zum Vorgehen nach der Indexkoloskopie (siehe Empfehlung [6.21])
Tabelle 13: Nachsorgeintervalle nach Polypektomie
|
Ausgangssituation |
Empfohlenes Intervall zur Kontrollkoloskopie |
|
Konventionelle Adenome |
|
|
1 oder 2 Adenome (< 1 cm) ohne villöse Komponente oder hochgradige intraepitheliale Neoplasie |
7 – 10 Jahre |
|
3 oder 4 Adenome (< 1 cm) ohne villöse Komponente oder hochgradige intraepitheliale Neoplasie |
3 – 5 Jahre |
|
≥ 1 Adenom ≥ 1 cm oder villöse Komponente oder hochgradige intraepitheliale Neoplasie |
3 Jahre |
|
≥ 5 Adenome |
< 3 Jahre |
|
Serratierte Polypen |
|
|
1-2 SSL < 10 mm und ohne Dysplasie |
5 – 10 Jahre |
|
≥ 3 SSL, SSL ≥ 10 mm, SSL mit Dysplasie, TSA, hyperplastische Polypen ≥ 10 mm |
3 Jahre |
|
Hyperplastische Polypen < 10 mm |
Keine Nachsorge |
|
Inkomplette Resektion/Piecemeal-Resektion |
|
|
makroskopisch vollständige, histologisch aber nicht sicher bestätigte Abtragung von Polypen 4 – 20 mm |
12 Monate |
|
Piecemeal-Resektion großer Polypen (> 20 mm) |
Kontrolle der Abtragungsstelle nach 6 Monaten und 18 Monaten |
6.6 Medikamentöse Sekundärprävention bei Adenomen
Hintergrund
Eine kürzlich publizierte Meta-Analyse konnte für Acetylsalicylsäure, Celecoxib und Metformin keinen Effekt zur Sekundärprophylaxe (Entstehung metachroner Neoplasien) nach Polypenentfernung zeigen. Einzig effektiv war eine Kombination aus Difluoromethylornithin (DFMO) und Sulindac [39]. Für Vitamin D konnte in einer Meta-Analyse kein Benefit nachgewiesen werden [28]. Eine randomisierte Studie zeigte ein vermehrtes Auftreten serratierter Läsionen nach Gabe von Calcium oder der Kombination Calcium/Vitamin D [461]. Eine allgemeine Empfehlung zur medikamentösen Sekundärprophylaxe kann aufgrund der aktuellen Datenlage weiterhin nicht ausgesprochen werden.
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