Leitlinienprogramm OnkologieKlinische Ernährung in der Onkologie

8. Spezielle Situationen – Klinische Ernährung in der Onkologie

Version 1.0 · Januar 2026 · AWMF 073 - 006OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

8.1 Ernährung bei anhaltender Neutropenie und / oder schwerer Immunsuppression

Unter dem Begriff Immunsuppression wird die Unterdrückung bestimmter Komponenten des Immunsystems verstanden. Die daraus resultierende Immundefizienz ist entweder aus medizinischen Gründen notwendig (z.B. zur Vermeidung einer Abstoßungsreaktion nach einer allogenen Stammzelltransplantation) oder eine Nebenwirkung der medizinischen Behandlung (z.B. nach einer Hochdosischemotherapie zur Vorbereitung einer Stammzelltransplantation). Angeborene oder erworbene Immundefizienzen sind Risikofaktoren für potenziell lebensbedrohliche Infektionen, die durch eine Vielzahl von Erregern, einschließlich opportunistisch pathogenen Mikroorganismen, verursacht werden können [320][321][322].

In dieser Leitlinie beziehen wir uns auf immunsupprimierte Patienten mit prolongierten Neutropeniephasen (laborchemisch definiert als neutrophile Granulozyten unter 500/μL für >10 Tage) sowie auf Patienten mit Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) oder anderen vergleichbaren Situationen eines relevant geschwächten Immunsystems entsprechend den Kriterien des Robert Koch-Instituts (RKI) für eine schwere bis sehr schwere Immunsuppression (siehe Tabelle zur RKI-Einteilung der Risikogruppen). Bei den vom RKI definierten Risikogruppen der Immunsuppression, an denen sich auch diese Leitlinie orientiert, handelt es sich um ein zum Teil einfach gestaltetes und potentiell dynamisches Konzept, das in erster Linie zur Anpassung der erforderlichen Hygienemaßahmen von der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) eingeführt wurde, und es soll nicht mit klinischen Risikoscores oder Erkrankungsstadien verwechselt werden.

Tabelle 8: RKI-Einteilung der Immunsuppression in drei Risikogruppen

Risikogruppe 1

(mittelschwere Immunsuppression/-defizienz)

Risikogruppe 2

(schwere Immunsuppression/-defizienz)

Risikogruppe 3

(sehr schwere Immunsuppression/-defizienz)

  •          Granulozytopenie <0,5 × 109/L; (<500/μL) vorraussichtlich bis zu 10 Tage (analog Leukopenie <1 × 109/L; <1000/μL), autologe Stammzelltransplantation bis drei Monate nach Tag 0 (Tag der Stammzellrückgabe)
  •          Mangel an CD4-positiven T-Helfer Zellen <200/μL
  •          Autologe Stammzelltransplantation bis drei Monate nach intensiver Therapiephase

Patienten, die mehr als ein Merkmal der unter Risikogruppe 1 aufgeführten Immunsuppression/-defizienz aufweisen, werden der Risikogruppe 2 zugeordnet.

 

  •          Granulozytopenie <0,5 × 109/L; (<500/μL) über mehr als 10 Tage (analog Leukopenie <1 × 109/L; <1000/μL)
  •          Schwere aplastische Anämie oder Makrophagen-Aktivierungssyndrom während einer intensiven immunsuppressiven Therapie
  •          Allogene Knochenmark- oder Stammzelltransplantation bis 6 Monate nach Abschluss der intensiven Therapiephase (wichtig: Ausmaß der GvHD und der anhaltenden iatrogenen Immunsuppression)
  •          Akute stationäre Behandlungsphase bei autologer Stammzelltransplantation oder nach Transplantation solider Organe (bis zur Entlassung)
  •          Allogene KMT/PBSCT in intensiver Therapiephase (bis zum Engraftment = Regeneration der Granulopoese)
  •          Schwere GvHD Grad III oder IV unter intensiver Immunsuppression

Die Entscheidung über die Zuordnung zu Gruppe 3 bei Patienten nach allogener Stammzelltransplantation wird letztlich in Zusammenschau aller Befunde von den behandelnden Hämato-Onkologen getroffen.

 

Quelle: Tabelle 1 in  [323]

KMT, Knochenmarktransplantation; GvHD, Graft-versus-Host Erkrankung; PBSCT, Transplantation peripherer Blutstammzellen (Engl.: peripheral blood stem cell transplantion)

8.1.1 Beratungen zur Ernährung und Lebensmittelhygiene

8.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2025
Alle immunsupprimierten Patienten (mit prolongierten Neutropeniephasen*, mit Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) oder anderen vergleichbaren Situationen eines relevant geschwächten Immunsystems) sollen gezielte und strukturierte Beratungen zur Ernährung und Lebensmittelhygiene durch qualifizierte Ernährungsfachkräfte erhalten.

* Prolongierte Neutropeniephase: >10 Tage Neutrophile <500/µL
Konsens
Starker Konsens

Die Empfehlung zu strukturierten Beratungen zur Ernährung und Lebensmittelhygiene beruht auf der Expertenmeinung der Leitliniengruppe und orientiert sich an den Informationen und Empfehlungen der KRINKO des Robert Koch-Instituts (Tabelle 5 in [323]).  Um die Übertragung von pathogenen Bakterien, Viren und Pilzen zu vermeiden, ist eine sorgfältige Hände-, Küchen- und Lebensmittelhygiene erforderlich. Deshalb sollten immunsupprimierte Patienten auf ihre persönliche Situation angepasste Beratungen zu diesen Themenbereichen erhalten.

Die Häufigkeit der Beratungen wird vom Fachpersonal anhand der Bedürfnisse des Patienten und des individuellen Mangelernährungs- und Infektionsrisikos wiederholt re-evaluiert.

Die Beratungen beinhalten folgende Punkte:

Tabelle 9: Regeln der Basishygiene und Hinweise für Nahrungsmittel

Regeln der Basishygiene

  •          Mindesthaltbarkeitsdatum beachten: Lebensmittel sollten möglichst deutlich vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verbraucht werden.
  •          Beim Einkauf auf unbeschädigte Verpackungen achten (insbesondere bei tierischen Produkten inkl. Milchprodukte).
  •          Lagerung der Nahrungsmittel im Kühlschrank bei ausreichender Kühlung (4–8 °C).
  •          Händewaschen mit Seife vor dem Essen, sowie vor und nach der Zubereitung von Lebensmitteln (insbesondere nach dem Kontakt mit Fleisch, Eiern oder Fisch).
  •          Verarbeitung und Zubereitung von rohen und ungewaschenen Lebensmitteln getrennt von verzehrfertigen Lebensmitteln (unterschiedliche Schneidebretter, Schälchen und Messer verwenden).
  •          Arbeitsflächen und Küchengeräte, die mit rohen tierischen Produkten in Kontakt waren, sofort nach Gebrauch mit heißem Wasser und Spülmittel reinigen. Küchengeräte und gebrauchtes Geschirr bevorzugt in der Spülmaschine (mind. 65 °C) reinigen.
  •          Essensreste (auch angebrochene Fruchtsäfte) nur kurzzeitig ausreichend gekühlt (Kühlschrank 4-8°C) aufbewahren oder einfrieren und vor dem Verzehr ausreichend (> 75°C) erhitzen.
  •          Keinen Spülschwamm benutzen. Küchentextilien täglich wechseln und bei mind. 60 °C und Waschmittel mit Bleichmittelzusatz (wirkt desinfizierend) waschen.
  •          Zum Schutz vor Schimmel Müll- und Komposteimer regelmäßig (am besten täglich) leeren.

Hinweise für Nahrungsmittel

Frisches Obst und Gemüse

Frisches Obst und Gemüse vor dem Verzehr ausreichend waschen (mind. 30 Sekunden unter fließendem Wasser) und nur in einwandfreiem Zustand verzehren.

Rohes Fleisch, Geflügel und Fisch

Rohes Fleisch, Geflügel und roher Fisch innerhalb von zwei Tagen zubereiten und durchgaren. Dabei sollte das Innere mindestens zwei Minuten lang auf > 70 °C erhitzt werden (Fleisch im Kern weiß oder braun, austretender Fleischsaft klar).

Fleisch und Wurstprodukte

Rohe Fleischerzeugnisse (wie frisches Mett), Rohwürste (wie Salami, Mett- und Teewürste) und rohe Pökelfleischerzeugnisse (wie Rohschinken, Räucherspeck) meiden oder vor dem Verzehr erhitzen.

Nüsse

Nur erhitzte, vakuumverpackte, geschälte Nüsse verzehren. Innerhalb von 24 Stunden aufbrauchen.

Müsli

Nur autoklavierte Einzelportionen verzehren.

Milchprodukte (inkl. Käse)

Milch und Milchprodukte aus pasteurisierter Milch können verzehrt werden.

Unerhitzte Rohmilch (ab Hof-Verkauf) und Vorzugsmilch meiden.

Käse mit Oberflächenschmiere (gelbliche oder rötlich-orange Oberfläche, z.B. Tilsiter, Munster, Limburger, Harzer, Mainzer) ebenfalls meiden.

Eier und Eiprodukte

Eier und eierhaltige Speisen ausreichend erhitzen und durchgaren.

8.1.2 Neutropenie-Diät / Keimarme Ernährung

Aufgrund des Infektionsrisikos bei stark immungeschwächten Patienten, entwickelte sich in Transplantationszentren die Vorstellung, die sogenannte Neutropenie-Diät (Synonyme: Keimarme Kost; keimarme Ernährung; low-bacterial diet) zur Vermeidung infektiöser Komplikationen zu empfehlen. Das Robert Koch-Institut definiert die Neutropenie-Diät als „explizite Vermeidung jeglicher Nahrungsmittel, die über eine potentielle Kontamination mit und Übertragung von fakultativ pathogenen oder opportunistischen Mikroorganismen Infektionen bei immunsupprimierten Patienten auslösen können“ [323].

Eine Umfrage zwischen 2018 und 2020 in deutschen (n=23), österreichischen (n=2) und schweizer (n=3) Transplantationszentren zur aktuellen Praxis der Ernährung nach allogener Stammzelltransplantation zeigte, dass die Mehrheit der Zentren (86%) eine keimarme Ernährung während der Neutropenie-Phase anboten [324]. In der Praxis bestehen allerdings keine einheitlichen Begriffe und Definitionen, so dass die individuellen lokalen Umsetzungen dieser Ernährungsformen variieren können. Diese seinerzeit entwickelten und zentrumsspezifischen Standards und Empfehlungen basierten weitestgehend auf theoretischen Konzepten [322] und nicht auf randomisiert kontrollierten Studien (RCTs).

Bereits 2017 wurde in der ESPEN-Leitlinie der Einsatz der streng keimarmen Kost kritisiert [67]. Ergänzend gab es 2022 die gemeinsame Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (AG PRiO) der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), dem Arbeitskreis Ernährung, Stoffwechsel, Bewegung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO), des Verbandes der Diätassistenten (VDD) und des Berufsverbandes Oecotrophologie (VDOE), die insbesondere die drohende Mangelernährung unter solch einer Kostform in den Fokus stellte [325].

8.2 · Evidenzbasiertes Statement 2025

Eine “Neutropenie-Diät” konnte in 4 RCTs keine Reduktion klinisch relevanter Infektionsraten zeigen.

Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[326] [327] [328] [329]
Evidenztabellen (1)E_Keimarme Ernährung
8.3 · Evidenzbasierte Empfehlung 2025

Eine “Neutropenie-Diät” soll bei immunsupprimierten Patienten (mit prolongierten Neutropeniephasen*, mit Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) oder anderen vergleichbaren Situationen eines relevant geschwächten Immunsystems) aufgrund der zu erwartenden Einschränkungen in der Lebensqualität und einer möglichen Verschlechterung des Ernährungszustandes, nicht empfohlen werden.

* Prolongierte Neutropeniephase: >10 Tage Neutrophile <500/µL

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[326] [327] [328] [329]
Evidenztabellen (1)E_Keimarme Ernährung

Das Statement und die Empfehlung basieren auf vier RCTs zur Wirksamkeit einer Neutropenie-Diät zur Reduktion von Infektionen, die in der systematischen Recherche identifiziert wurden [329][328][327], sowie auf der Expertenmeinung der Leitliniengruppe. In der Recherche wurden ebenfalls sieben systematische Reviews identifiziert, die alle dieselben RCTs und zusätzlich Kinderstudien und z.T. retrospektive Studien einschlossen. Da in dieser Leitlinie nur Studien an Erwachsenen betrachtet wurden, wurde die Evidenzanalyse direkt auf RCT-Ebene durchgeführt (s. Leitlinienreport für weitere Informationen).

Stella et al. (2023) verglichen die Wirkung einer keimarmen Ernährung (n=111) mit einer nicht-restriktiven Ernährung (n=111) bei Patienten nach einer Stammzelltransplantation oder während einer Hochdosis-Induktionschemotherapie [329]. Bei der keimarmen Ernährung waren nur gekochte oder gegarte (Fleisch, Fisch, Gemüse) Lebensmittel und geschältes Obst mit dicker Schale sowie gefriergetrocknete Eier, erlaubt. Bei der nicht-restriktiven Ernährung waren neben den gegarten Lebensmitteln (Fisch, Fleisch und Eier) zusätzlich auch frisches Obst und frisches Gemüse erlaubt. Hinsichtlich der Anzahl der Infektionen, zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen (65% bei keimarmer Ernährung vs. 61% bei nicht-restriktiver Ernährung; p=0,7). Die nicht-restriktive Ernährung war mit einer signifikant höheren Zufriedenheit verbunden, da mehr Patienten berichteten, dass die jeweilige Kostform ihre Ernährung nicht negativ beeinflusst hatte (16% bei keimarmer Ernährung vs. 35% bei nicht-restriktiver Ernährung, p=0,003). Weitere untersuchte Endpunkte zeigten keine signifikanten Unterschiede.

Radhakrishnan et al. (2022) verglichen die Wirkung einer keimarmen Ernährung (n=35) mit einer normalen Ernährung (n=34) bei Patienten mit akuter Leukämie während einer Hochdosis-Induktionschemotherapie [328]. Bei der keimarmen Ernährung waren rohes Obst, rohes Gemüse und rohe Säfte verboten, bei der normalen Ernährung waren diese erlaubt. Hinsichtlich der Anzahl schwerer Infektionen zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen (41% bei keimarmer Ernährung vs. 37% bei normaler Ernährung; p=0,73). Weitere untersuchten Endpunkte zeigten ebenfalls keine signifikanten Unterschiede.

Lassiter et al. (2015) verglichen die Wirkung einer keimarmen Ernährung (n=25) mit einer normalen Ernährung (n=21) bei Patienten mit einer Leukämie, einem Lymphom oder Myelom und geplanter Stammzelltransplantation [327]. Bei der keimarmen Ernährung waren nur gekochte Lebensmittel und Obst mit dicker Schale erlaubt. Bei der normalen Ernährung gab es keine Einschränkungen. Hinsichtlich der Infektionen zeigte sich kein Unterschied in der Anzahl positiver Blutkulturen (28% bei keimarmer Ernährung vs. 30% bei normaler Ernährung; p=0,99. Es ist zu beachten, dass die Stichprobe klein ist, sodass die Aussage mit Vorsicht zu interpretieren ist).

Gardner et al. (2008) verglichen die Wirkung einer keimarmen Ernährung (n=78) mit einer normalen Ernährung (n=75) bei Patienten mit einer akuten myeloischen Leukämie (AML) bzw. bei Hochrisiko-Patienten mit einem Myelodysplastischen Syndrom (MDS) [326]. Bei der keimarmen Ernährung waren nur gekochte Lebensmittel erlaubt. Bei der normalen Ernährung waren frisches und rohes Obst und Gemüse erlaubt. Hinsichtlich der Anzahl schwerer Infektionen zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen (29% bei keimarmer Ernährung vs. 35% bei normaler Ernährung; p=0,6). Unter keimarmer Ernährung zeigten sich signifikant weniger Blutstrominfektionen (9% bei keimarmer Ernährung vs. 23% bei normaler Ernährung; p=0,03), wobei die Autoren berichten, dass ein wesentlicher Teil dieses Unterschieds auf die Isolierung von Organismen zurückzuführen ist, die nicht im Darm vorkommen, und dass das Vorhandensein solcher Organismen durch das Kochen von Obst und Gemüse voraussichtlich nicht beeinflusst werden würde. Weitere untersuchten Endpunkte zeigten keine signifikanten Unterschiede.

 

Fazit

Alle vier RCTs zeigen, dass die Zahl der klinisch relevanten Infektionen unter einer Neutropenie-Diät nicht gesenkt werden konnte. Die untersuchten Endpunkte Ernährungsstatus, leichte Infektionen, Fieber unklarer Ursache oder Todesfälle, zeigten ebenfalls keine Unterschiede. In den RCTs variierten die genauen Definitionen der Neutropenie-Diäten und der vergleichenden nicht-restriktiven Ernährung im Detail. Gemeinsam war allen, dass rohes/frisches Gemüse bei der nicht-restriktiven Ernährung erlaubt und bei der Neutropenie-Diät verboten waren. Rohes/frisches Obst war bei allen Patienten der nicht-restriktiven Ernährung erlaubt und bei der Neutropenie-Diät verboten, außer in zwei Studien, die zumindest Obst mit dicker Schale erlaubten [329][327]. Wissen über korrekte Lebensmittelhygiene wurde bei allen Patienten vorausgesetzt (explizit erwähnt in drei von vier Studien) [329][328][327].

 

Lebensqualität und Risiko einer Mangelernährung

Die Ernährung ist ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität der Patienten. Insbesondere der Verzicht auf Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse kann als einschränkend in einer bereits belastenden Situation erlebt werden. Nur eine Studie berichtete über Ergebnisse zur Lebensqualität, die eine signifikant höhere Zufriedenheit bei der nicht-restriktiven Ernährung zeigten, da sich weniger Patienten durch diese Ernährungsform negativ eingeschränkt fühlten [329]. Eine Pilotstudie aus dem Jahr 2006 zeigte, dass 30% der Patienten die verordnete keimarme Ernährung nicht einhielten („Non-Compliance“) [330], was ebenfalls darauf hinweist, dass diese Diätform als einschränkend empfunden wird und die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigt.

Patienten während oder nach einer Stammzelltransplantation haben aufgrund ihrer Erkrankung und der Nebenwirkungen ihrer Therapie (z.B. Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Mukositis, verminderter Appetit, Geschmacksveränderungen) ein erhöhtes Risiko für eine Mangelernährung. So zeigten Patienten in Studien bei beiden Ernährungsformen (keimarm und nicht-restriktiv) Gewichtsverluste [329] oder einen erhöhten PG-SGA-Wert (= erhöhtes Risiko für eine Mangelernährung) [327]. In dieser Situation kann eine eingeschränkte Auswahl an Lebensmitteln sowie die wenig geschmackvolle und appetitanregende Zubereitung, wie sie eine strenge keimarme Kost erfordert, die gesamte Nahrungsaufnahme negativ beeinflussen und die Lebensqualität der Patienten erheblich beeinträchtigen. Die uneinheitlichen Definitionen und Praktiken der keimarmen Ernährung in den transplantierenden Zentren können zudem zu Verunsicherung und Belastungen bei Patienten und Pflegepersonal führen, wenn sie in verschiedenen Bereichen behandelt werden. Zudem kann die Verordnung einer streng keimarmen Kost auch nach dem Krankenhausaufenthalt zu einer Verunsicherung der Patienten bei der Lebensmittelzubereitung zu Hause führen. All diese Faktoren, die das Risiko für eine Mangelernährung erhöhen, können wiederum einen negativen Einfluss auf die Überlebensprognose der Patienten haben [331].

Die Empfehlung der Leitliniengruppe entspricht der Empfehlung der KRINKO-Kommission des Robert Koch-Instituts, die sich ausdrücklich gegen eine strenge Neutropenie-Diät ausspricht, „da deren Nutzen unbewiesen ist und durch eine solche Diät die Lebensqualität der Patienten signifikant beeinträchtigt wird“ [323].

8.2 Ernährungstherapie in der Palliativsituation

Generell verweisen wir für alle palliativmedizinischen Aspekte auf die Erweiterte S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung des Leitlinienprogramms Onkologie.

In diesem Kapitel finden sich weitere Empfehlungen mit Fokus auf ernährungstherapeutische Aspekte in der Palliativsituation. In allen palliativen Lebensphasen ist die Ernährungstherapie ein wichtiger supportiver Bestandteil. Die Sterbephase muss aus Sicht der Ernährungstherapie gesondert betrachtet werden, da in dieser Phase Ernährungsinterventionen ausschließlich auf die Linderung von Symptomen und auf wohltuende Maßnahmen ausgerichtet sind (s. Abbildung 1).

8.2.1 Begriffsdefinitionen

Bei der kurativen Therapie bösartiger hämatologischer und onkologischer Erkrankungen steht das Ziel im Vordergrund, die Erkrankung vollständig zu eliminieren und den Patienten zu heilen. Im Gegensatz dazu wird im palliativen Kontext anerkannt, dass eine Heilung nicht mehr erreichbar ist. Der Begriff „palliativ“ umfasst daher ein breites Spektrum an Situationen, die sich erheblich in der prognostizierten Lebenszeit unterscheiden können. In Bezug auf hämatologische und onkologische Erkrankungen wird der Begriff „palliativ“ auch im Sinne einer „palliativen Tumortherapie“ verwendet. In diesem Kapitel grenzen wir drei Phasen ab: 1. während einer palliativen Tumortherapie, 2. nach Ende der palliativen Tumortherapie und 3. die Sterbephase (s. Abbildung 1).

Palliative Tumortherapie

Palliative (Tumor-)Therapien (Glossar) sind gegen die Grunderkrankung gerichtete, medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen bei Patienten mit einer nicht-heilbaren Erkrankung mit dem primären Ziel der Lebensverlängerung und/oder Symptomkontrolle (z. B. Radiotherapie, operative Verfahren, medikamentöse Tumortherapien). Sie beziehen sich auf die Tumorbiologie und sind somit tumorspezifisch. Palliative Tumortherapie oder palliative Therapie ist somit kein Synonym für Palliativmedizin oder Palliativversorgung. Die Durchführung palliativer Tumortherapien ist kein Ausschlusskriterium für eine gleichzeitig indizierte Palliativversorgung, sondern ergänzt diese [332].

Patienten unter einer palliativen (Tumor-)Therapie profitieren von einer strukturierten Ernährungstherapie bei entsprechender Indikation und werden wie alle Patienten nach den Empfehlungen der vorherigen Kapitel dieser Leitlinie behandelt. Zudem sollten diese Patienten grundsätzlich eine vielfältige, individuelle Supportivtherapie erhalten, in die ernährungstherapeutische Maßnahmen integriert sind.

 

Palliativversorgung nach Ende der Tumortherapie

Palliativmedizin/Palliativversorgung verfolgt das Ziel, die Lebensqualität von Patienten mit nicht-heilbaren, lebensbedrohenden (Krebs-)Erkrankungen und ihren Angehörigen (Glossar) zu verbessern oder zu erhalten. Palliativmedizin wird demnach nicht auf den medizinischen und/oder ärztlichen Beitrag reduziert, sondern umfassend im Sinne der multiprofessionellen Palliativversorgung verstanden [332]. Nach Ende der tumorspezifischen Therapie sind die Therapieziele auf eine bestmögliche Symptomlinderung und Lebensqualität ausgerichtet. Alle Maßnahmen, die nicht diesen Therapiezielen dienlich sind, sollten in einer solch fortgeschrittenen Erkrankungssituation beendet werden. Der Schwerpunkt dieses Kapitels liegt auf der ernährungstherapeutischen Situation nach Beendigung der Tumortherapie.

 

Sterbephase

Entsprechend der S3-Leitlinie Palliativmedizin beschreibt die Sterbephase die letzten drei bis sieben Tage des Lebens [332]. Für Empfehlungen zur unmittelbaren Sterbephase verweisen wir auf die S3-Leitlinie Palliativmedizin, Kapitel 19 Sterbephase.

Ziele der Ernährungstherapie und Ernährungsbetreuung in der palliativen Situation
Ziele der Ernährungstherapie und Ernährungsbetreuung in der palliativen Situation

8.2.2 Enterale und parenterale Ernährung in der Palliativsituation

Jede Form der medizinischen Behandlung (und damit auch die „künstliche“, therapeutische Zufuhr von Nahrung und Flüssigkeit über enterale oder parenterale Zugangswege) bedürfen einer ärztlichen Indikationsstellung als auch – bei gegebener Indikation – der Zustimmung des Patienten oder seines Bevollmächtigten. In die Indikationsstellung fließen normative Kriterien ein wie das Therapieziel, das mit einer Maßnahme verfolgt wird, das Verhältnis aus erhofftem Nutzen zu potenziellem Schaden, u.v.m. Die Bewertung dieser Kriterien verschiebt sich mit fortschreitendem, inkurablem Erkrankungsverlauf.

8.4 · Konsensbasierte Empfehlung 2025

Wenn bei unheilbarer, fortgeschrittener und fortschreitender Tumorerkrankung als Therapieziel bestmögliche Lebensqualität und Begleitung formuliert wird, soll eine bis dahin bestehende Indikation zur enteralen oder parenteralen Ernährungstherapie daraufhin geprüft werden, ob sie mit diesem Therapieziel in Einklang zu bringen ist.

Konsens
Starker Konsens

Diese Empfehlung basiert auf der Empfehlung 19.33 der Erweiterten S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung (Langversion 2.2, 2020) und wurde dahingegen geändert, dass der Fokus in dieser Empfehlung auf die enterale und parenterale Ernährungstherapie bzw. auf dessen Begrenzung gesetzt wurde.

Letztlich gelten für enterale oder parenterale Ernährungskonzepte und für deren Beendigung dieselben Prinzipien wie für andere therapeutische Maßnahmen in der Palliativsituation: Mit Verschiebung der Therapieziele hin zu bestmöglicher Symptomlinderung und Begleitung sollten alle Maßnahmen, die diesen Therapiezielen nicht dienen, beendet werden. Für die Ernährungstherapie kann dieser Zeitpunkt analog zu dem Zeitpunkt sein, wenn kausale (tumortherapeutische) Therapieoptionen mit dem Ziel der Lebenszeitverlängerung nicht mehr möglich oder sinnvoll sind.

8.5 · Konsensbasierte Empfehlung 2025

Eine supplementierende enterale oder parenterale Ernährung bei unter- und mangelernährten Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen soll wiederholt und kritisch auf Nutzen und Schaden reevaluiert werden, insbesondere wenn die geschätzte Lebenszeit < 1 Jahr beträgt.

Konsens
Starker Konsens

Die Empfehlung basiert auf der Expertenmeinung der Leitliniengruppe.

Mit fortschreitender Krebserkrankung verschieben sich die Ziele der therapeutischen Maßnahmen hin zu einer bestmöglichen Linderung von physischen Symptomen und psychosozialen Belastungen sowie dem bestmöglichen Erhalt an Lebensqualität. Eine differenzierte Ernährungstherapie kann dabei situativ zu einem Gewinn an Lebensqualität beitragen. In palliativen Erkrankungsphasen ist eine prinzipiell indizierte enterale Sondenernährung oder eine parenterale Ernährung dann gerechtfertigt, wenn durch diese Ernährungsform eine für die Betroffenen akzeptable Leistungsfähigkeit erreicht werden kann und wenn die Belastungen durch die für die Ernährung erforderlichen Maßnahmen für die Betroffenen ebenfalls akzeptabel sind. Dabei ist zu beachten, dass bei abnehmender Leistungsfähigkeit der Organe die möglichen Vorteile einer künstlichen Ernährung abnehmen und gegen Ende des Lebens zunehmend metabolische Belastungen durch die künstliche Ernährung auftreten können. Diese Balance aus Vor- und Nachteilen der künstlichen Ernährung muss regelmäßig gemeinsam mit den Patienten und den Betreuenden evaluiert und die Entscheidung für eine Therapiefortführung überprüft und jeweils neu getroffen werden. Für den Einsatz einer medizinisch indizierten Ernährungsintervention ist der Wunsch der erkrankten Person maßgebend.

Fest definierte Zeitpunkte, in denen die Fortsetzung einer vormaligen Ernährungstherapie nicht mehr indiziert wäre oder gar mehr Schaden als Nutzen bietet, existieren nicht. Randomisierte Studien mit eindeutig adversem Outcome wie die von Bouleuc et al. (2020) [333] beziehen sich allein auf supplementierende parenterale Ernährung bei Patienten, die noch essen können und eine geschätzte Lebenserwartung von weniger als einem Jahr haben. Nicht selten, jedoch keineswegs zwangsläufig, korreliert die Entscheidung, eine lebensverlängernde Tumortherapie zu beenden, mit der Entscheidung, auf weitere lebensverlängernde ernährungstherapeutische Interventionen zu verzichten. Die Intervalle der Reevaluation sollten mit dem Fortschreiten der Erkrankung verkürzt werden.

Auch nach Beendigung der therapeutischen Ernährung sollten einem prä-terminalen oder sterbenden Patienten weiterhin regelmäßig individuelle Genusserfahrungen (z.B. über das Sehen, Riechen, Schmecken im Rahmen von Mundsorge) angeboten und nach Patientenwunsch ermöglicht werden.

Für die Empfehlung zur Absetzung einer Ernährungstherapie in der Sterbephase verweisen wir auf die S3-Leitlinie Palliativmedizin: „Nach sorgfältiger Abwägung im Einzelfall (z.B. Stillen von Hunger und Durst) sollten künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden nicht fortgeführt bzw. begonnen werden“ (Empfehlung 19.38, Langversion 2.2., September 2020, Kapitel 19 Sterbephase).

8.2.3 Kommunikation mit Patienten und Angehörigen

8.6 · Konsensbasierte Empfehlung 2025

Zur Vermeidung von psychischen und physischen Belastungen und Konflikten aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen von Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung und deren Angehörigen, sollen Entscheidungen zum Themengebiet Ernährung durch das zuständige Fachpersonal rechtzeitig, proaktiv und in ausreichender Tiefe mit den Beteiligten kommuniziert werden.

Konsens
Starker Konsens

Die Empfehlung dieses Kapitels basiert auf der Expertenmeinung der Leitliniengruppe.

Entscheidungen des Patienten oder der Therapeuten im Kontext Ernährung bzw. Essen und Trinken können Konflikte mit Angehörigen (Glossar) auslösen. Dies betrifft insbesondere Entscheidungen zur Beendigung einer enteralen oder parenteralen Ernährungstherapie und Entscheidungen des Patienten, nicht mehr essen zu wollen. Zudem sind die Vorstellungen von Angehörigen oft durch Ängste geprägt: „Wir möchten doch niemanden verhungern lassen“. Um Konflikte zu vermeiden, sollte frühzeitig, proaktiv und empathisch versucht werden, mit den Angehörigen über die Notwendigkeiten und Sinnhaftigkeit der Ernährung ins Gespräch zu kommen.

Eine Voraussetzung für eine gelingende, ehrliche und empathische Kommunikation ist das Erkunden der Bedürfnisse, Ansichten und Wertvorstellungen der Patienten und ihrer Angehörigen in Bezug auf Essen und Trinken. Aufgrund der hohen emotionalen Belastungen von Schwerstkranken und ihren Angehörigen ist die emotionale Entlastung ein wichtiges Gesprächsziel. Durch eine einfühlsame Gesprächsatmosphäre können Ängste und andere Emotionen der Angehörigen zur Sprache kommen. Unterstützend sollten weitere Angebote, z.B. die Einbeziehung von Psychologen, Trauerbegleitern, Seelsorgern, u.a. vorgestellt werden.

Kommunikation in der Sterbephase

In der sterbenahen Situation hat Ernährung oft keinen positiven Effekt mehr, sondern kann stattdessen zu Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl oder Aspiration (mit daraus folgender Pneumonie) führen. Dies erfordert eine einfühlsame Erklärung für alle Beteiligten – für die Patienten, die Zugehörigen und auch das multiprofessionelle Team [334]. Mit dem Begriff „felt shift“ bezeichnen Gendlin und Wiltschko die körperlich spürbare Erleichterung bei Patienten, wenn ihnen in dieser Situation die Möglichkeit gegeben wird, sich ausschließlich auf Genusserlebnisse einzulassen, statt Mahlzeiten „vorgesetzt zu bekommen“ [335]. Angehörigen sollten Alternativen aufgezeigt werden, wie sie dem Patienten, unabhängig von Essen und Trinken, Zuwendung zeigen können (z.B. Berührung, Einreibungen, gemeinsames Atmen, Kompressen, Düfte, Vorlesen, Singen).

Anhaltspunkte für die Kommunikation mit Angehörigen bieten auch die Handlungsempfehlungen der DGP-Sektion Pflege „Ernährung und Flüssigkeit in der letzten Lebensphase von Erwachsenen“ [336]. Nach diesen sollen Angehörige:

  • darüber aufgeklärt werden, dass ein Organismus im Sterbeprozess weniger Nahrung und Flüssigkeit benötigt. Dadurch wird die Angst vor einem möglichen „Verhungern“ und „Verdursten“ gemindert.
  • Gespräche angeboten werden, in denen sie über ihre Ängste und Zwänge sprechen können.
  • darauf hingewiesen werden, dass es wenige feste Regeln gibt und dass einzig das Wohlbefinden des Sterbenden im Vordergrund steht.
  • über mögliche zusätzliche Probleme (u.a. Übelkeit, Erbrechen) aufgeklärt werden, die eine Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr auslösen können.
  • in die Pflege - soweit es ihnen möglich ist und es dem Wunsch des Patienten entspricht – einbezogen werden, um weiterhin ihrer Liebe und Zuneigung dem Patienten gegenüber Ausdruck verleihen zu können: Mundpflege, Haare kämmen, Eincremen, etwas Vorlesen, Hand- oder Fußmassagen.

Für weitere Empfehlungen zur Kommunikation mit Angehörigen in der Palliativversorgung im Allgemeinen verweisen wir auf die S3-Leitlinie Palliativmedizin (Empfehlungen 6.10. – 6.12, Kapitel 6.5 Kommunikation mit Angehörigen, Langversion 2.2., September 2020).

8.2.4 Qualifizierte Ernährungsfachkräfte

8.7 · Konsensbasierte Empfehlung 2025

Bei allen Fragen zur Ernährung sollen qualifizierte Ernährungsfachkräfte einbezogen werden, insbesondere bei ernährungsabhängigen Symptomen und Dysfunktionen des Gastrointestinaltraktes.
Durch gezielte individuelle Unterstützung sollen Symptome gelindert und das Wohlbefinden bis zum Lebensende verbessert werden, wozu auch wohltuende Geruchs- und Geschmackserlebnisse zählen.

Konsens
Starker Konsens

Die Empfehlung dieses Kapitels basiert auf der Expertenmeinung der Leitliniengruppe.

In allen Phasen der Palliativversorgung sollen bei Ernährungsstörungen qualifizierte Ernährungsfachkräfte (Glossar) (Diätassistenten, Oecotrophologen und Ernährungswissenschaftler mit entsprechender Zusatzqualifikation) und/oder Ärzte mit der Zusatzweiterbildung Ernährungsmedizin in die Behandlung mit eingebunden werden und über Möglichkeiten des ernährungstherapeutischen Angebotes informieren. Sie ermitteln, welche ernährungsabhängigen Symptome vorliegen und initiieren das Symptommanagement. Unter Wahrung der Autonomie der Betroffenen und ihrer sozio-kulturellen Prägung wird die Unterstützung für Patienten und Angehörige an Zielen, Stärken, Belastungen und Ressourcen der Patienten und ihrer Angehörigen angepasst und regelmäßig überprüft. Von der optimierten Nährstoffzufuhr bis hin zur Gestaltung spezieller Geschmackserlebnisse ist die Ernährungsfachkraft von der Diagnose bis zum Lebensende im multiprofessionellen Team tätig.

Die Bedeutung von bedarfsgerechter Ernährung für den Stoffwechsel und den Ernährungszustand nimmt in den letzten Lebenswochen rasch ab und spielt in den letzten Lebenstagen keine relevante Rolle mehr. Dafür rücken die Lebensqualität und die Bedeutung individuell gestalteter Geschmackserlebnisse in den Vordergrund. Anstelle von Essen und Trinken können andere Formen von Genuss für Lebensqualität durch Entspannung und Wohlgefühle sorgen. Hierfür sollten Aspekte der Essbiografie berücksichtigt und Angehörige eingebunden werden (Handreichung der DGP-Sektion Ernährung zur Essbiographie). Ressourcenorientierte ernährungsunterstützende Maßnahmen am Lebensende zielen darauf ab, Quellen für Gefühle von Glück, Entspannung und sozialer Verbundenheit aus der Vergangenheit nutzbar zu machen. Dazu tragen kleine verträgliche Lieblingsspeisen, Schäume aus Lieblingsgetränken sowie Düfte und Aromen bei. Eine gute Möglichkeit hierfür sind feinporige Schäume, die mit Hilfe einer Durchlüfterpumpe und einem Stabilisator (Emulgator: Sojalecithin) aus jeder beliebigen Flüssigkeit hergestellt werden können und intensive Geruchs- und Geschmackserlebnisse mit angenehmer Befeuchtung des gesamten Mundraumes ohne Schlucken ermöglichen. Eine weitere Maßnahme ist die individuelle Mundsorge als eine nach den Wünschen des Patienten erweiterte und ergänzte Mundpflege mit kleinsten Mengen von Lieblingsspeisen und -getränken in passender Konsistenz und Textur. Bei Berücksichtigung von Lieblingsaromen können über die Minimierung von Mundtrockenheit hinaus über das autonome Nervensystem Gefühle von sozialer Verbundenheit und Entspannung ausgelöst werden. 

8.2.5 Maligne intestinale Obstruktion: Stellenwert der Ablauf-PEG

Laut S3-Leitlinie Palliativmedizin wird unter einer malignen gastrointestinalen Obstruktion (MIO) „das Vorliegen eines klinischen und bildgebenden gastrointestinalen Verschlusses aufgrund eines inkurablen intraabdominalen Tumors oder einer intraperitonealen Metastasierung verstanden. Die Obstruktion kann komplett oder inkomplett sein. (…) Die MIO und ihre klinischen Folgen gehört bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen zu den am meisten belastenden Situationen. (…) Patienten mit einer MIO leiden häufig unter Übelkeit und Erbrechen, Schmerzen und Obstipation.“ (S3-Leitlinie Palliativmedizin, Langversion 2.2, September 2020, Kapitel 14 Maligne intestinale Obstruktion, S. 285–286). Der zwangsläufige Verzicht auf Essen und Trinken, d.h. auf Geschmackserlebnisse, bedeutet einen großen Verlust an Lebensqualität.

8.8 · Konsensbasiertes Statement 2025
Zur Anlage einer Ablauf-PEG bei nicht-heilbaren Krebserkrankungen und MIO (maligne intestinale Obstruktion) wird auf die S3LL Palliativmedizin (Empfehlung 14.36, V2.2., 2020) verwiesen.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Genussmomente durch die orale Aufnahme von Flüssigkeit und passierten Speisen nach Wunsch des Patienten zu schaffen.
Konsens
Starker Konsens

Die Empfehlung dieses Kapitels basiert auf der Empfehlung 14.36. der S3-Leitlinie Palliativmedizin: „Bei Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und MIO, bei denen eine nasogastrale Sonde Linderung von Übelkeit und Erbrechen verschafft, sollte die Anlage einer Ablauf-PEG geprüft werden“ (Kapitel 14.5.2. Nasogastrale Ablaufsonde und Ablauf-PEG).

Eine nasogastrale Sonde kann durch die Entleerung von Magen- und Dünndarmsekret die Symptome Übelkeit, Erbrechen und abdominelle Schmerzen lindern. Allerdings wird sie oft nicht gut toleriert, vor allem bei längerem Einsatz (> 2-3 Tage). Besonders Patienten mit hoher MIO im Magen oder Duodenum sowie unstillbarem Erbrechen profitieren von einer Ablauf-PEG, die es ermöglicht, Flüssigkeit und gegebenenfalls auch kleine Nahrungsmengen zuzuführen [332]. Dabei gilt es den Patienten Genussmomente zu verschaffen, wie es durch die orale Aufnahme von Flüssigkeiten und passierten Speisen möglich ist. In dieser Situation ist eine ergänzende parenterale Ernährung mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr individuell nach Prognose und Patientenwunsch zu prüfen (s. S3-Leitlinie Palliativmedizin, Langversion 2.2, September 2020, Kapitel 14.3.3 Empfehlungen 14.18. bis 14.23.).

Informationen zur Praxis: Grundsätzlich sind alle süßen und herzhaften Speisen geeignet, die sich fein passieren lassen (z.B. Gemüsecremesuppen).  Zur Entfernung von Fruchtkernen und Fasern sollten die Speisen nach dem Pürieren durch ein feines Haarsieb gestrichen werden. Auch Gerichte wie eine Lasagne sind möglich, wenn die Soße passiert und die Nudeln sehr weich gekocht sind. Ausreichende und wiederholte Flüssigkeitsgabe sowie eine regelmäßige Mundpflege sind notwendig.

Alle Speisen und Getränke plus 1,5-2 L Magensaft laufen über die Sonde ab. Die Sonde sollte einen Durchmesser von 20 CH (Charrière) haben und kann bei Verstopfung mit Wasser oder Cola gespült werden.

Evidenztabellen

E_Keimarme Ernährung

Tabelle 1: Übersicht der identifizierten SRs/MAs, Overviews und RCTs

SRs/RCTs

Sonbol (2015)
n=4

Van Dalen (2016)
n=3

Ball (2019)
n=5

Sonbol (2019)
n=6

Ramamoorthy (2020)
n=11

Ma (2022)
n=6

Matteucci (2023)
n=12

Sonbol (2015)

 

✓

van Dalen (2016)

 

✓

Ball (2019)

 

✓

✓

Sonbol (2019)

 

✓

Ramamoorthy (2020)

 

Ma (2022)

 

✓

Matteucci (2023)

 

van Tiel (2007)

✓

✓

✓

✓

✓

✓

Gardner (2008)

✓

✓

✓

✓

✓

✓

Lassiter (2015)

✓

✓

✓

✓

Radhakrishnan (2022)

Stella (2023)

 

 

 

 

 

 

 

zusätzlich:

1 Retrospektive
1 Kinderstudie

1 Kinderstudie

2 Kinderstudien

1 Retrospektive
2 Kinderstudien

1 Retrospektive
3 Kinderstudien
1 Deskriptive

1 Retrospektive
2 Kinderstudien

9 Fall-Kontroll-/ Querschnitts-Studien/
Literaturarbeiten

SR/MA

RCTs

 

Level of Evidence (Oxford 2011) / Characteristics

Patients

Study Arms (Intervention, Control)

Outcomes

Results

Funding / Conflict of interest

Methodological

comments

Stella et al. (2023): Nonrestrictive diet does not increase infections during post-HSCT neutropenia: data from a multicenter randomized trial

Aim: We conducted a multicenter, randomized, noninferiority trial, enrolling all consecutive adult patients undergoing high-dose induction chemotherapy or HSCT with the objective to compare nonrestrictive diet (NRD) vs PD.

Authors‘ conclusion: In conclusion, NRD is not inferior to a traditional PD during neutropenia after HSCT, and our results demonstrated that implementing a restrictive diet unnecessary burdens patients’ quality of life.

LoE: 2

 

RCT

  • Multicenter: 3 centers in Italy
  • Block Randomization: stratification for transplantation type (auto-HSCT vs allo-HSCT)
  • Duration of intervention: from start of chemotherapy, during period of severe neutropenia

 

222 adult patients

 

Patients received  auto-HSCT (79%), allo-HSCT (18%) or  high-dose induction chemotherapy (3%)

 

Median age: 57

Age range: 22 - 72

Diet from start of chemo and during period of severe neutropenia (ANC < 550/µl)

 

Protective diet (PD)

(n = 111):

  • cooked: fish, meat and vegetables

  • thick peel fruit washed and peeled

  • milk and cheese pasteurized

  • freeze-dried eggs

  • no yoghurt, honey, cold cuts and sausages

 

non-restrictive diet (ND) (n = 111):

  • cooked fish, meat and eggs

  • fresh fruit and vegetables allowed (manipulated according to safe food handling procedures)

  • pasteurized milk, honey, yoghurt and cheese (without mold)

 

All patients:

  • bread is allowed

  • only industrial prepared desserts

  • prophylaxis was recorded and interaction with diet regiment was analyzed

Primary Endpoint:

  • incidence of infection of grade ≥ 2 and/or death during period of neutropenia

Secondary Endpoints:

  • incidence of gastrointestinal tract infections (GI) and incidence of FUO

  • nutritional status (variation in body weight, albumin variation

  • use of parenteral/enteral nutrition)

  • duration of hospital stay,

  • QoL (not defined as endpoint at study start)

  • estimated overall survival at 30 days from the onset of neutropenia

  • acute GVHD (in allo-HSCT patients)

 

PD vs. NRD:

  • Infection grade ≥ 2: 65% vs. 61% (p = 0.7); RR=1,0; 95% [KI], 0,9–1,3.

  • Death (at 30 days): 1 death in NRD arm secondary to multiorgan failure in the context of cytokine release syndrome

  • GI-infections: 14% vs. 14% (p>0.99)

  • Mucositis: 67% vs.71% (p=0.6).

  • Sepsis: 9% vs 13% (p=0.4).

  • FUO: 43% vs. 33% (p=0.1)

  • Body weight loss (1 month): 4.6% vs. 3.4% (p = 0.03), but no differences between the arms from admittance to discharge (p = 0.3)

  • Body mass index variations from admittance to discharge (mean, −0.9 in the PD arm vs −0.8 in the NRD arm; p=0.7)

  • Enteral vs. parenteral: n = 3 vs. n = 55

  • Use of parenteral nutrition: 23% vs. 26% (p=0.8)

  • Hospital stay [d]: 21 vs. 22 (p=0.6)

  • QoL (diary): 16% vs 35% reported that “diet prescription did not negatively affect my alimentation” (RR = 0.5; 95% CI, 0.3–0.8; P = .003)

  • aGVHD (any grade): 35% vs. 29% (p = 0.4)

 

Funding:

„This study was supported, in part, by AIL Milano and Provincia

OdV.“

 

CoI:

„The authors declare no competing financial interests“

Pro:

  • Multicenter study

  • Balanced baseline characteristics

  • large number of participants

  • Power analysis

 

Contra:

  • No details on randomization process

  • Open label study

  • No Intention-to-treat analysis (different as reported): 230 patients randomized but 222 patients analyzed

  • Inconsistent reporting: figure 1 and text are contradictory

  • No detailed description of assessment methods

  • No results for overall survival reported

  • QoL was not defined as endpoint at study start (selective outcome reporting)

  • Multiple testing and no adjustment for that

 

Note:

  • Study was registered (in local language, only protocol synopsis possible to check)

 

Rob 2.0: high risk

HSCT, hematopoietic stem cell transplantation; ANC, absolute neutrophil count; FUO, fever of unknown origin

Stella et al. (2023): In dieser Studie (RCT) wurde die Wirkung einer keimarmen Ernährung im Vergleich zu einer nicht-einschränkenden Ernährung bei Patienten nach einer autologen (eigene Stammzellen wurden transplantiert) bzw. allogenen Stammzelltransplantation (fremde Stammzellen wurden transplantiert) oder während einer Hochdosis-Induktionschemotherapie untersucht. Dabei wurden 222 Patienten zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt (keimarme Ernährung vs. nicht-einschränkende Ernährung). Bei der keimarmen Ernährung waren nur gekochte oder gegarte Lebensmittel (Fleisch, Fisch und Gemüse) sowie geschältes Obst mit dicker Schale erlaubt. Joghurt, Honig, Aufschnitt und Würste waren nicht erlaubt. Bei der nicht-einschränkenden Ernährung waren rohes Obst und Gemüse, gegarter Fisch, gegartes Fleisch, gekochte Eier und pasteurisierter Honig und pasteurisierter Joghurt, erlaubt. In beiden Gruppen waren Brot & pasteurisierte Milch erlaubt.
Es wurde das Auftreten von Infektionen und Infektionen des Magen-Darm-Trakts, das Nutzen von künstlicher Ernährung, das allgemeine Überleben, der Ernährungsstatus, Lebensqualität und das Auftreten einer akuten Spender-gegen-Empfänger-Reaktion (Graft-versus-Host-Reaktion, bei Patienten nach einer allogenen Stammzelltransplantation‎) untersucht.
Die nicht-restriktive Ernährung (NRD) war mit einer bedeutsam höheren Zufriedenheit verbunden, da mehr Patienten berichteten, dass die jeweilige Kostform ihre Ernährung nicht negativ beeinflusst hatte. Nach einem Monat verloren die Patienten mit nicht-einschränkender Ernährung bedeutsam weniger Körpergewicht (-2,7 kg), als die Patienten mit keimarmer Ernährung (-3,7 kg) (p=0,04). Es gab allerdings keinen Unterschied, wenn der Zeitraum von der Aufnahme bis zur Entlassung betrachtet wurde (-3,6 kg in PD-Arm vs. -3,2 kg in NRD-Arm; p=0,3). Hinsichtlich aller weiteren genannten Punkte zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Autoren schlussfolgern, dass eine keimarme Ernährung einer nicht-einschränkenden Ernährung nicht überlegen ist und die Lebensqualität von Patienten unnötig einschränkt.
Die Studie zeichnet sich durch eine große Stichprobe und eine gute Vergleichbarkeit der Gruppen aus. Es lassen sich jedoch auch einige Kritikpunkte nennen. Beispielsweise wurden keine Ergebnisse zum Überleben angegeben, obwohl dieser Endpunkt untersucht wurde. Des Weiteren waren die Ergebnisse im Text widersprüchlich zur Darstellung in einer Abbildung und es wurden keine Angaben zur Durchführung der Randomisierung gemacht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Studie ein hohes Verzerrungsrisiko aufweist.


Level of Evidence (Oxford 2011) / Characteristics

Patients

Study Arms (Intervention, Control)

Outcomes

Results

Funding / Conflict of interest

Methodological

comments

Radhakrishnan et al. (2022): Neutropenic versus regular diet for acute leukaemia induction chemotherapy: randomized controlled tria

Aim: We,therefore, conducted a randomised controlled trial to ascertain the efficacy of the neutropenic diet in an LMIC setting

Authors‘ conclusion: A neutropenic diet did not prevent infections, reduce mortality or change stool microbial flora in patients with acute leukaemia.

LoE: 2

 

RCT

  • Single centre: India

  • Block Randomization: Stratification for age (adult vs. paediatric) and leukaemia type (AML- vs. ALL).

  • Randomization by generating random number tables through a customised computer programme

  • Open label study: allocation was not blinded

  • Duration of intervention: until completion of induction and discharge or day 40

200 patients

 

Receiving induction chemotherapy for AML or ALL

 

Age median: 13

Age range: 1-60

 

Children (<18; n=131) & adults (n=69) included.

 

*Only the results for adults are reported here (see Radhakrishnan's supplement)

Neutropenic diet (ND) (N = 35): no raw fruit, no raw juices, no raw vegetables

 

Regular diet (RD)

(N = 34): patients were encouraged to consume a min. of 1 serving of raw fruit or vegetable per day

 

All patients:

  • Uncooked fish, uncooked meat, uncooked eggs and raw nuts were not allowed

  • Pasteurized dairy products (milk, yoghurt) were allowed

  • Antifungal prophylaxis

  • Counselled about balanced diet, food safety & hygiene

Primary Endpoint:

  • major infections

 

Secondary Endpoints:

  • stool microbial flora

  • induction mortality rates (due to sepsis, progressive disease)

RD vs. ND *only adults:

  • Major infections: n=14 (41%) vs. n=13 (37%) (p=0.73)

  • Positive stool culture (day 15): 14/30 (47%) vs. 9/32 (28%) (p = 0.13)

  • Induction Mortality: n=6 (18%) vs. n=4 11% (p = 0.46)

Funding: Cankids, India (non-government

organisation)

 

CoI: Non declared.

Pro:

  • Large sample size

  • Balanced baseline characteristics

  • Randomization: Concealed allocation

  • Power analysis

  • Reporting of protocol changes

  • Intention-to-treat analysis (all randomized patients were analyzed)

 

Contra:

  • Open label study

  • Inconsistent reporting: figure 1 and text are contradictory

 

Note:

  • Study was registered with the Clinical Trial Registry India (not possible to retrieve)

 

Rob 2.0: some concerns

 

AML, acute myeloid leukaemia; ALL; acute lymphoblastic leukaemia

Radhakrishnan et al. (2022): In dieser Studie (RCT) wurde die Wirkung einer keimarmen Ernährung im Vergleich zu einer Ernährung mit rohem Obst und Gemüse bei Patienten mit einer akuten Leukämie während einer Hochdosis-Induktionschemotherapie untersucht. Dabei wurden 69 erwachsene Patienten zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt (keimarme Ernährung vs. Ernährung mit rohem Obst und Gemüse). Bei der keimarmen Ernährung waren rohes Obst, Gemüse und Säfte nicht erlaubt. Bei der normalen Ernährung wurden die Patienten aufgefordert min. eine Portion rohes Obst oder Gemüse pro Tag zu verzehren. In beiden Gruppen waren pasteurisierte Milchprodukte erlaubt und roher Fisch, rohes Fleisch, rohe Eier und nicht erhitzte Nüsse verboten.
Untersucht wurden das Auftreten schwerer Infektionen, Darmbakterien im Stuhl, sowie das Versterben während der Induktionstherapie. Hinsichtlich aller untersuchten Punkte zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Autoren schlussfolgern, dass eine keimarme Ernährung weder Infektionen vorbeugt noch die Sterblichkeit reduziert oder die Keimzusammensetzung im Stuhl verändert.
Die Studie zeichnet sich durch eine gute Vergleichbarkeit der Gruppen aus. Es lassen sich jedoch auch einige Kritikpunkte nennen. Einige Ergebnisse im Text waren widersprüchlich zur Darstellung in einer Abbildung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Studie ein mittleres Verzerrungsrisiko aufweist.

Level of Evidence (Oxford 2011) / Characteristics

Patients

Study Arms (Intervention, Control)

Outcomes

Results

Funding / Conflict of interest

Methodological

comments

Lassiter et al. (2015): A Pilot Study Comparing the Neutropenic Diet to a Non-Neutropenic Diet in the Allogeneic Hematopoietic Stem Cell Transplantation Population

Aim: This study aimed to determine whether the incidence of infection differs and to analyze the nutritional status in patients undergoing myeloablative allogeneic HSCT with a neutropenic diet as compared to those with a diet without restrictions.

Authors‘ conclusion: No significant difference was found between infection rates or nutritional status. The neutropenic diet did not offer a protective effect against infection in patients undergoing myeloablative allogeneic HSCT. No differences were found in nutritional status between the two groups.

LoE: 2

 

RCT

  • Randomized

  • prospective pilot study

  • Single centre (Duke University Hospital)

  • Duration of intervention: until end of neutropenia or until discharge during period of severe neutropenia

 

46 patients with various types of leukaemia, lymphoma or myeloma and scheduled to receive a myeloablative allogeneic transplantation

 

Mean age: 45 years

Age range: 23 - 62

Neutropenic diet

(n= 25):

only cooked food and thick-skinned fruits

 

unrestricted diet (n=21):

no restrictions

 

All patients:

  • were instructed to follow safe food handling (according to FDA)

  • Protected environment (air-filtered room)

  • Antibiotic prophylaxis

  • Incidence of infection (positive blood culture)

  • nutritional status (PG-SGA tool)

Neutropenic diet vs. unrestricted diet:

  • positive blood culture: 7/25 (28%) vs. 6/20 (30%) (p = 0.99)

  • PG-SGA-Scores: According to study authors, there does not appear to be a significant difference (only graph).

No financial relationships relevant to the content of this article have been disclosed by the authors.

Pro:

  • Balanced baseline characteristics

  • Randomization process with low bias risk

 

Contra:

  • Small sample size

  • Missing data (blood culture analysis, n = 1): no reason stated (per protocol analysis)

  • No study protocol

  • Presentation of PG-SGA-Scores as graph only

  • Single centre study

  • Inconsistent reporting: figure 1 and text are contradictory

  • Due to insufficient reporting, not all information can be verified

 

Rob 2.0: some concerns

PG-SGA, Patient-Generated Subjective Global Assessment

Lassiter et al. (2015): In dieser Studie (RCT) wurde die Wirkung einer keimarmen Ernährung im Vergleich zu einer normalen Ernährung bei Patienten mit einer Leukämie, einer Lymphomerkrankung oder einem Myelom und einer geplanten Stammzelltransplantation untersucht. Dabei wurden 46 Patienten zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt (keimarme Ernährung 25 Patienten vs. normale Ernährung 21 Patienten). Bei der keimarmen Ernährung waren nur gekochte Lebensmittel und Obst mit dicker Schale erlaubt. Bei der normalen Ernährung gab es keine Einschränkungen. Alle Patienten wurden auf die Regeln zum sicheren Umgang mit Lebensmitteln hingewiesen. Die Teilnehmer beider Gruppen waren in Zimmern mit einer Luftfilteranlage untergebracht (geschützte Umgebung) und erhielten zusätzlich ein übliches prophylaktisches Antibiotikum.
Untersucht wurde das Auftreten von Infektionen und der Ernährungszustand der Patienten.
Die Autoren schlussfolgern, dass eine keimarme Ernährung die Patienten nicht vor Infektionen schützt oder den Ernährungszustand beeinflusst.
Die Studie zeichnet sich durch eine gute Vergleichbarkeit der Gruppen aus. Es lassen sich jedoch auch einige Kritikpunkte nennen. Die Stichprobe der Studie war klein und die Ergebnisse zum Ernährungsstatus der Patienten sind nur in einer Abbildung dargestellt, in der keine exakten Werte abgelesen werden können. Des Weiteren waren die Angaben im Text widersprüchlich zu einer Abbildung und es liegt kein Studienprotokoll zur Studie vor. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Studie ein mittleres Verzerrungsrisiko aufweist.

 

Level of Evidence (Oxford 2011) / Characteristics

Patients

Study Arms (Intervention, Control)

Outcomes

Results

Funding / Conflict of interest

Methodological

comments

Gardner et al. (2008): Randomized Comparison of Cooked and Noncooked Diets in Patients Undergoing Remission Induction Therapy for Acute Myeloid Leukemia

Aim: To assess whether the benefits of a neutropenic diet justify its inconvenience, we performed a larger trial that randomly assigned patients with untreated AML or high-risk myelodysplastic syndrome (MDS) who were about to receive chemotherapy in highefficiency particulate air–filtered rooms (protected environment [PE]) to either a diet that contained fruits and vegetables only if cooked […].

Authors‘ conclusion: In patients treated in a PE, a neutropenic diet did not prevent major infection or death.

LoE: 2

 

RCT

  • Single centre (USA)

  • Randomization: early risk of mortality (ERM) score as stratification factor

  • Additional analysis of non-randomized group (53 patients preferred to conform the cooked diet)

  • Duration of intervention: until patients were discharged but max. of 6 weeks

153 newly diagnosed AML (n= 144) patients or high-risk myelodysplastic syndrome (MDS) patients (n = 9) undergoing remission induction Therapy

 

Median age: cooked diet 64, raw diet 63

Age range: 17 – 88

 

Cooked diet (n=78):

no raw fruits and no  raw vegetables

 

raw diet (n = 75):

fresh (ie, raw) fruits and vegetables permitted (washed with cold water for 30 seconds)

patients were encouraged to eat fresh fruit and vegetables at least once daily

 

All patients:

  • Protected environment (air-filtered rooms)

  • Antibacterial & antifungal prophylaxis

Primary Endpoint:

  • Major infection (pneumonia, bacteremia, fungemia) and death

Secondary Endpoint:

  • Survival after three years

  • Minor infections

  • Fever unknown origin (FUO)

Cooked diet vs. raw diet:

  • Major infection: 29% vs. 35% (p = 0.6), 95% [KI], -11% – 21%.

  • Death after 3 years: 46/78 (59%) vs. 41/75 (55%) (p=0.36)

  • Minor infection: 6% vs. 5% (p=0.99)

  • FUO: 51% vs. 36% (p=0.07)

Funding: No information

 

CoI: The author(s) indicated no potential conflicts of interest.

Pro:

  • No lost to follow up or discontinued intervention

  • Large sample size

  • Concealed randomization and stratification

  • No baseline differences

 

Contra:

  • no study protocol

  • single centre study

  • Power analysis was done, but aim of 188 patients was not followed

 

Rob 2.0: some concerns

Gardner et al. (2008): In dieser Studie (RCT) wurde die Wirkung einer keimarmen Ernährung im Vergleich zu einer Ernährung mit rohem Obst und Gemüse bei Patienten mit einer Akuten Myeloischen Leukämie (AML) bzw. bei Hochrisiko-Patienten mit einem Myelodysplastischen Syndrom (MDS) untersucht. Die 153 Patienten befanden sich jeweils in chemotherapeutischer Behandlung und wurden zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt (keimarme Ernährung 78 Patienten vs. rohes Obst und Gemüse 75 Patienten). Zusätzlich wurde das Frühzeitige Sterberisiko (early risk of mortality score (ERM-Wert)) vor der Aufteilung berücksichtigt. Bei der keimarmen Ernährung war der Verzehr von rohem Obst und Gemüse nicht erlaubt. In der Vergleichsgruppe wurden die Patienten angewiesen, täglich mindestens einmal rohes Obst und Gemüse zu essen. Die Teilnehmer beider Gruppen waren in Zimmern mit einer Luftfilteranlage (geschützte Umgebung) untergebracht und erhielten eine übliche Prophylaxe gegen Pilzinfektionen und bakterielle Erkrankungen.
Untersucht wurde das Auftreten von Todesfällen, schweren Infektionen, leichten Infektionen und Fieber mit unklarer Ursache.
Hinsichtlich der genannten Punkte zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass Patienten, die in einer geschützten Umgebung behandelt werden, nicht durch eine keimarme Ernährung vor schweren Infektionen oder dem Versterben geschützt werden.
Die Studie zeichnet sich durch eine große Stichprobe und eine gute Vergleichbarkeit der Gruppen aus. Darüber hinaus haben alle Patienten die Studie abgeschlossen. Als Kritikpunkt lässt sich anmerken, dass kein Studienprotokoll zur Studie vorliegt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Studie ein mittleres Verzerrungsrisiko aufweist

Literaturhinweise

[320] Jolles, S, Giralt, S, Kerre, T, Lazarus, HM, Mustafa, SS, Ria, R, et.al. Agents contributing to secondary immunodeficiency development in patients with multiple myeloma, chronic lymphocytic leukemia and non-Hodgkin lymphoma: A systematic literature review., Front Oncol, 2023. 13 (): p. 1098326., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36824125/

[321] Stosor V, Zembower TR (Hrsg.), Infectious Complications in Cancer Patients, Part of the book series "Cancer Treatment and Research", Vol 161, 2014., https://doi.org/10.1007/978-3-319-04220-6

[322] Tomblyn, M, Chiller, T, Einsele, H, Gress, R, Sepkowitz, K, Storek, J, et.al. Guidelines for preventing infectious complications among hematopoietic cell transplantation recipients: a global perspective., Biol Blood Marrow Transplant, 2009. 15 (10)(10): p. 1143-238., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19747629/

[323] Anforderungen an die Infektionsprävention bei der medizinischen Versorgung von immunsupprimierten Patienten, Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsbl, 2021. 64(2): p. 232-264., https://doi.org/10.1007/s00103-020-03265-x

[324] Toenges, R, Greinix, H, Lawitschka, A, Halter, J, Baumgartner, A, Simon, A, et.al. Current practice in nutrition after allogeneic hematopoietic stem cell transplantation - Results from a survey among hematopoietic stem cell transplant centers., Clin Nutr, 2021. 40 (4)(4): p. 1571-1577., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33744601/

[67] Arends, J, Bachmann, P, Baracos, V, Barthelemy, N, Bertz, H, Bozzetti, F, et.al. ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients., Clin Nutr, 2017. 36 (1)(1): p. 11-48., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27637832/

[325] Schmidt L, Erickson NT, Reudelsterz C, von Grundherr J, Rubin D, Lambeck A, et.al. Neutropenic diet during high-dose therapy: a risk for patients, Ernährungsumschau, 2022. 69(3): p. 24–9., https://www.ernaehrungs-umschau.de/english-articles/19-07-2022-neutropenic-diet-during-high-dose-therapy-a-risk-for-patients/

[326] Gardner, A, Mattiuzzi, G, Faderl, S, Borthakur, G, Garcia-Manero, G, Pierce, S, et.al. Randomized comparison of cooked and noncooked diets in patients undergoing remission induction therapy for acute myeloid leukemia., J Clin Oncol, 2008. 26 (35)(35): p. 5684-8., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18955453/

[327] Lassiter, M, Schneider, SM, A pilot study comparing the neutropenic diet to a non-neutropenic diet in the allogeneic hematopoietic stem cell transplantation population., Clin J Oncol Nurs, 2015. 19 (3)(3): p. 273-8., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26000578/

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