2. Einführung – Klinische Ernährung in der Onkologie
2.1 Geltungsbereich und Zweck
2.1.1 Zielsetzung und Fragestellung
Der Ernährungszustand hat einen wesentlichen Einfluss auf den Erkrankungsverlauf, die Therapie und damit auch auf den Therapieerfolg aller Menschen mit einer onkologischen Erkrankung. Eine Mangelernährung vermindert nicht nur die Lebensqualität, sondern verringert auch die Therapieverträglichkeit und führt zu häufigeren Behandlungskomplikationen. Dadurch werden Therapieerfolg und Überleben eingeschränkt.
Ziel dieser Leitlinie ist die umfassende Verbesserung der Versorgung von Patienten mit einer onkologischen Erkrankung im gesamten Erkrankungsverlauf und über die Sektorengrenzen hinaus. Zudem soll durch die konsentierte Vorgehensweise die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit gefördert werden.
Die strukturierte Darstellung aktueller Evidenz zu ernährungsbezogenen Themen in der onkologischen Behandlung soll allen beteiligten Berufsgruppen – Ärzten, qualifizierten Ernährungsfachkräften, Pflegepersonal etc. – das notwendige Wissen vermitteln, um einer Unterversorgung der Patienten entgegenzuwirken. Die Empfehlungen sollen eine Grundlage für ein abgestimmtes Verhalten zwischen allen einbezogenen Berufsgruppen liefern und damit die Abläufe in der ernährungstherapeutischen Versorgung verbessern.
Durch die Entwicklung von Qualitätsindikatoren und deren Einbindung in Zertifizierungsprozesse sollen die Bedarfe der Betroffenen und ihrer Angehörigen nach Information und individueller Begleitung berücksichtigt werden. Dadurch soll der Fehl- und Mangelernährung sowie ihren fatalen Folgen für Prognose und Lebensqualität entgegengewirkt werden. Dies kann wiederum Mortalität und Morbidität verringern.
2.1.2 Adressaten
Die Leitlinie richtet sich an im ambulanten und stationären Bereich tätige Berufsgruppen, die Patienten mit einer onkologischen Erkrankung in allen Stadien behandeln, sowie an die Patienten selbst und deren Angehörige.
Zu den beteiligten Fachgruppen zählen insbesondere Onkologen, Ernährungsmediziner, Diätassistenten, Oecotrophologen, Ernährungswissenschaftler, Palliativmediziner, Pflegewissenschaftler sowie die jeweiligen Facharztgruppen der Tumorentitäten und weitere an der Ernährungsbetreuung beteiligte Heil- und Pflegeberufe.
Die Leitlinie soll zudem Informationen für Hausärzte, weitere an der Ernährungsbetreuung beteiligte Heil- und Pflegeberufe und weitere an der multiprofessionellen supportiven Behandlung beteiligte Berufsgruppen bereitstellen, wie zum Beispiel Physiotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeiter.
Weitere Adressaten sind Selbsthilfeorganisationen, Patientenvereinigungen sowie Entscheidungsträger im gesundheitspolitischen Bereich, wie zum Beispiel der medizinische Dienst der Krankenkassen.
2.1.3 Gültigkeitsdauer und Aktualität
Der Stand dieser S3-Leitlinie ist 31/01/2026. Sie ist bis zur nächsten Aktualisierung gültig. Die Gültigkeitsdauer dieser Leitlinie beträgt maximal 5 Jahre (31/01/2026 bis 30/01/2031). Bei dringendem Änderungsbedarf können punktuelle Aktualisierungen erfolgen. Kommentare und Hinweise für den Aktualisierungsprozess sind ausdrücklich erwünscht und können an das Leitliniensekretariat adressiert werden: ernaehrung@leitlinienprogramm-onkologie.de.
2.2 Grundlagen der Methodik
Die methodische Vorgehensweise bei der Erstellung der Leitlinie gemäß AWMF-Regelwerk ist im Leitlinienreport dargelegt. Dieser ist im Internet auf den Seiten des Leitlinienprogramms Onkologie (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/klinische-ernaehrung-in-der-onkologie) und den Seiten der AWMF frei verfügbar.
2.2.1 Schema der Evidenzgraduierung
In dieser S3-Leitlinie wurde zur Klassifikation der Evidenz das Schema des Oxford Centre for Evidence-Based Medicine in der Version von 2011 ("The Oxford 2011 Levels of Evidence") verwendet.
Tabelle 4:
Schema der Evidenzgraduierung nach Oxford 2011
| Bezeichnung | Erläuterung |
|---|---|
| 1 | Category - Does this intervention help? (Treatment Benefits): Systematic review of randomized trials or n-of-1 trials |
| 2 | Category - Does this intervention help? (Treatment Benefits): Randomized trial or observational study with dramatic effect |
| 3 | Category - Does this intervention help? (Treatment Benefits): Non-randomized controlled cohort/follow-up study (a systematic review is generally better than an individual study) |
| 4 | Category - Does this intervention help? (Treatment Benefits): Case-series, case-control studies, or historically controlled studies (a systematic review is generally better than an individual study) |
| 5 | Category - Does this intervention help? (Treatment Benefits): Mechanism-based reasoning |
2.2.2 Schema der Empfehlungsgraduierung
In der Leitlinie wurde zu allen Empfehlungen die Stärke der Empfehlung ausgewiesen. Dabei wurden drei Empfehlungsgrade unterschieden, die sich auch in der Formulierung der Empfehlungen jeweils widerspiegelten (siehe folgende Tabelle zu den Empfehlungsgraden). Weitere Informationen zu den Entscheidungskriterien für die Festlegung der Empfehlungsgrade sind im Leitlinienreport dieser Leitlinie dargelegt.
Für jede Empfehlung wurde die prozentuale Zustimmung stimmberechtigter Mandatsträger dokumentiert, woraus sich die Konsensstärke ergab (siehe folgende Tabelle zur Konsensstärke).
Tabelle 5:
Empfehlungsgrade
| Bezeichnung | Erläuterung |
|---|---|
| A | Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht |
| B | Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht |
| 0 | offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann |
Tabelle 6:
Konsensstärke
| Bezeichnung | Erläuterung |
|---|---|
| Starker Konsens | > 95% Zustimmung der Stimmberechtigten |
| Konsens | > 75-95% Zustimmung der Stimmberechtigten |
| Mehrheitliche Zustimmung | > 50-75% Zustimmung der Stimmberechtigten |
| Keine mehrheitliche Zustimmung | < 50% Zustimmung der Stimmberechtigten |
2.2.3 Statements
Als Statements werden Darlegungen oder Erläuterungen von spezifischen Sachverhalten oder Fragestellungen ohne unmittelbare Handlungsaufforderung bezeichnet. Sie werden entsprechend der Vorgehensweise bei den Empfehlungen im Rahmen eines formalen Konsensusverfahrens verabschiedet und können entweder auf Studienergebnissen (evidenzbasiert) oder auf Expertenmeinungen (konsensbasiert) beruhen.
2.2.4 Expertenkonsens
Statements/Empfehlungen, für die eine Bearbeitung auf der Grundlage von Expertenkonsens der Leitliniengruppe beschlossen wurde, sind als Expertenkonsens (EK) ausgewiesen. Für diese Empfehlungen wurde keine systematische Literaturrecherche durchgeführt oder es wurde in der systematischen Literaturrecherche keine belastbare Evidenz gefunden. Die in den Hintergrundtexten gegebenenfalls aufgeführten Studien wurden von den beteiligten Fachexperten ausgewählt. Für die Graduierung des Expertenkonsens wurden keine Symbole beziehungsweise Buchstaben verwendet. Die Stärke der Empfehlung ergibt sich allein aus der verwendeten Formulierung (soll/sollte/kann) entsprechend der Tabelle zu den Empfehlungsgraden.
2.2.5 Unabhängigkeit und Darlegung möglicher Interessenkonflikte
Die Deutsche Krebshilfe stellte über das Leitlinienprogramm Onkologie (OL) die finanziellen Mittel zur Verfügung. Diese Mittel wurden eingesetzt für Personalkosten, Büromaterial, Literaturbeschaffung und die Konsensuskonferenzen (Moderatorenhonorare). Die Erarbeitung der Leitlinie erfolgte in redaktioneller Unabhängigkeit von der finanzierenden Organisation.
Die von den Fachgesellschaften und Berufsverbänden mandatierten Experten erhielten keine finanziellen Anreize für ihre Teilnahme.
Wir möchten an dieser Stelle allen Mitgliedern der Leitliniengruppe für ihre ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeit an dieser Leitlinie danken.
Der Umgang mit Interessenkonflikten orientierte sich am AWMF-Regelwerk. Weitere Informationen zur Sammlung, Bewertung und den Konsequenzen von Interessenkonflikten sowie die abgegebenen Interessenerklärungen aller Beteiligten finden sich im Leitlinienreport zu dieser Leitlinie (https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/klinische-ernaehrung-in-der-onkologie).