Leitlinienprogramm OnkologieHarnblasenkarzinom

7. Therapie des muskelinvasiven Blasenkarzinoms – Harnblasenkarzinom

Version 3.1 · Juli 2026 · AWMF 032-038OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

7.1 Prognosefaktoren des muskelinvasiven Blasenkarzinoms

7.1.1 Einflussfaktoren der perioperativen Morbidität und Mortalität

7.1 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Zur Einschätzung des Risikos für das Auftreten von peri- und postoperativen Komplikationen sollte nicht nur das chronologische, sondern auch das biologische Alter unter Berücksichtigung bestehender Komorbiditäten herangezogen werden.

Evidenzlevel
2+
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[551] [552] [553] [520] [554]
7.2 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Perioperative Komplikationen der radikalen Zystektomie mit Harnableitung sollten standardisiert klassifiziert werden. Für die postoperativen Komplikationen eignet sich die Clavien-Klassifikation.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
2+
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[555] [556] [557] [558] [554] [559]
7.3 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Die Anzahl jährlich durchgeführter radikaler Zystektomien in einer Klinik sowie die Erfahrung des multiprofessionellen Teams korreliert mit einer geringeren Morbidität und Mortalität.

Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[560] [561] [562] [551] [557] [563]

Hintergrund

Die radikale Zystektomie ist mit einer hohen Frühkomplikationsrate von bis zu 58 % behaftet [520], [553], [564], [565]. Der Terminus „perioperativ“ umfasst die präoperative, intraoperative und postoperative Phase. Es existiert keine einheitliche Definition des Begriffes „perioperativ“ in Bezug auf einen Zeitraum nach der Operation. „Frühkomplikationen“ bezieht sich hier auf die ersten drei postoperativen Monate. Die am häufigsten auftretenden Frühkomplikationen sind ein postoperativer Ileus, Wundinfektionen, Harnwegsinfektionen sowie kardiopulmonale und thrombembolische Ereignisse [559], [566]. Spätkomplikationen der radikalen Zystektomie jenseits dieses Zeitraumes stehen hauptsächlich in Zusammenhang mit der Form der Harnableitung [460]. Die postoperative Mortalitätsrate nach radikaler Zystektomie bzw. Beckenexenteration beträgt nach 30 Tagen 0,4% und nach 60 bzw. 90 Tagen 2-2,6% [553], [567]. 

Es wurden durch die systematische Recherche 22 relevante Studien identifiziert, deren Endpunkte die Morbidität und Mortalität der radikalen Zystektomie darstellten [520], [554], [552], [553], [559], [555], [556], [558], [564], [565], [566], [460], [567], [568], [569], [570], [571], [572], [573], [574], [575], [576]. Von diesen Studien konnten wiederum 11 identifiziert werden, die die Evidenz darlegen, dass die Morbiditäts- und Mortalitätsrate der radikalen Zystektomie im Wesentlichen durch das Patientenalter, vorbestehende Komorbiditäten und durch die Form der Harnableitung beeinflusst werden. [551], [553], [555], [563], [567], [568], [572], [573], [575], [577], [578]. Es handelt sich dabei um 6 rein retrospektive Studien, eine gemischt retro- und prospektive Studie, 2 prospektive Studien sowie 2 systematische Übersichtsartikel bzw. Meta-Analysen [551], [553], [555], [563], [567], [568], [572], [573], [575], [577], [578]. 

Die postoperative Mortalitätsrate wird maßgeblich vom Alter zum Zeitpunkt der radikalen Zystektomie und den vorhandenen Komorbiditäten beeinflusst. Beide Faktoren konnten an 12.274 operierten Patienten in einer multivariaten Analyse als unabhängige Prädiktoren identifiziert werden [568]. 

Die postoperative Komplikationsrate wird durch unterschiedliche individuelle Risikofaktoren bzw. Komorbiditäten beeinflusst. Zu diesen zählen unter anderem kardiovaskuläre Vorerkrankungen, eine Niereninfuffizienz, Autoimmunerkrankungen und abdominale Voroperationen, lokal fortgeschrittene Tumorstadien sowie eine Adipositas [565], [579]. Ob eine vorherige Radiotherapie des Beckens das Komplikationsrisiko relevant erhöht, wird kontrovers diskutiert [576], [579]. In einer multivariaten Regressionsanalyse zur Identifikation von Risikofaktoren für schwere Komplikationen wurden das Vorhandensein kardiovaskulärer Erkrankungen [Odds ratio (95% CI) 1,83 (1,24–2,70); p=0,002] sowie die Wahl der Harnableitung [z.B. Ileum-Conduit vs. Neoblase; Odds ratio (95% CI) 1,63 (1,06–2,58); p=0,031] als relevante Prädiktoren identifiziert [567]. Andere Studien bestätigen den Einfluss der Form der Harnableitung auf die Spätkomplikationsrate (> 90 Tage postoperativ) [460]. Zu den häufigsten Langzeitkomplikationen zählen Probleme mit der entero-enteralen sowie uretero-enteralen Anastomose mit nachfolgender Obstruktion durch narbige Strikturen. Weitere Komplikationen können durch Schleimbildung, Infektionen und Hernien verursacht werden [571]. Zuverlässige Prädiktoren für das Auftreten von Langzeitkomplikationen nach der Harnableitung wurden bisher nicht identifiziert.

Kontrovers ist ein möglicher Einfluss der Operationstechnik auf die Morbiditäts- und Mortalitätsrate. Nach Durchführung der radikalen Zystektomie in minimal-invasiver Operationstechnik (konventionell laparoskopische oder roboter-assistierte radikale Zystektomie) wurden trotz längerer Operationszeit häufig geringere Frühkomplikationsraten berichtet [555], [556], [569], [573]. Während nach einem laparoskopischen Eingriff die Komplikationsraten ähnlich hoch wie nach offener Operation liegen [558],[573], zeigte die Interims-Analyse einer prospektiv randomisierten Studie zum Vergleich der offenen mit der roboter-assistierten laparoskopischen Technik, dass durch die minimal-invasive Zystektomie ein geringerer Blutverlust [400 ml (IQR 300–762,5) vs. 800 ml (IQR 400–1,100)] sowie eine kürzere postoperative Aufenthaltsdauer (65% vs. 90% postoperativer Aufenthalt länger als 5 Tage) erreicht werden kann (siehe Kapitel 7.2) [558], [573], [575]. In der Mehrheit sind die Komplikationen nach roboter-assistierter radikaler Zystektomie nicht schwerwiegend. Jedoch betragen die Mortalitätsraten auch mit diesem Operationsverfahren nach 30 Tagen 1,3 % und nach 90 Tagen 4,2 % [573]. 

Hintergrund zu 7.1

Die Ergebnisse von fünf Studien wurden zur Erstellung dieses Statements herangezogen [520], [554], [551], [552], [553]. Es handelt sich um 3 retrospektive Studien und 2 Übersichtsartikel bzw. Metaanalysen [520], [554], [551], [552], [553]. 

Die Mortalitätsrate der radikalen Zystektomie wird neben den vorhandenen Komorbiditäten vom Patientenalter beeinflusst. In einer multivariablen Analyse an 220 Patienten, die zum Zeitpunkt der radikalen Zystektomie mindestens 75 Jahre alt waren, zeigte sich eine erhöhte Mortalitätsrate von 12,7% innerhalb von 90 Tagen nach der Operation [552]. Jedoch kann ein hohes chronologisches Alter als alleiniger Parameter nicht als Kontraindikation für die Durchführung einer radikalen Zystektomie angesehen werden. 

Eine retrospektive Analyse von 1054 Patienten ergab nach Einteilung in vier verschiedene Altersgruppen (<60, 60-69, 70-79 und ≥80 Jahre), dass bei älteren Patienten zwar die Frühkomplikationsrate höher (in den jeweiligen 4 Gruppen 24%, 25%, 37% und 30%; p=0,002), die Spätkomplikationsrate bei Älteren jedoch signifikant niedriger als bei Jüngeren war (36%, 30%, 22% und 14%; p<0,001). Die Mortalitätsraten in den jeweiligen Gruppen unterschieden sich nicht signifikant (1%, 3%, 4% und 0%; p=0,14) [570]. Das chronologische Alter eignet sich demzufolge nicht als Prädiktor für eine erhöhte Morbidität oder Mortalität. Wichtiger erscheint es, vorhandene Komorbiditäten als Risikofaktoren bei der Bestimmung eines „biologischen Alters“ zu berücksichtigen. 

An einer größeren retrospektiven Kohorte konnte hingegen gezeigt werden, dass die postoperative Mortalitätsrate sowohl vom Alter zum Zeitpunkt der radikalen Zystektomie als auch von den vorhandenen Komorbiditäten abhängt (siehe Hintergrundtext zu Statement 7.1) [568]. Eine weitere retrospektive Studie an 605 zystektomierten Patienten zeigte, dass Patienten, die zum Zeitpunkt der Operation mindestens 80 Jahre alt waren, im Vergleich zu jüngeren Patienten kein reduziertes rezidivfreies-, krankheitsspezifisches- und Gesamtüberleben hatten [572].

Durch die Berücksichtigung von individuellen Komorbiditäten in Klassifikationssystemen kann das Operations- und Komplikationsrisiko inklusive des Mortalitätsrisikos der radikalen Zystektomie besser eingeschätzt werden [552], [568]. Zu den gängigen Klassifikationssystemen zählen der ASA (American Society of Anesthesiologists)-Score [580], der alterskorrigierte Charlson-Index (Charlson Comorbidity Index; CCI; http://touchcalc.com/calculators/cci_js), der Adult Comorbidity Evaluation-27 (ACE27)-Index und der Eastern Cooperative Oncology Group performance status (ECOG; http://ecog-acrin.org/resources/ecog-performance-status) [574], [581]. Der CCI berücksichtigt die Summe aller relevanten vorbestehenden Erkrankungen hinsichtlich der Einschränkung der Lebenserwartung. Es werden in diesem Score insgesamt 19 Krankheitsbilder erfasst und unterschiedlich gewichtet. Bei Patienten mit einem Urothelkarzinom der Harnblase nach radikaler Zystektomie hatte der ASA-Score als unabhängiger Prognosefaktor in einem head-to-head-Vergleich der oben angeführten Scores die höchste prädiktive Genauigkeit zur Vorhersage der postoperativen Mortalität [574]. 

Hintergrund zu 7.2

Es konnten 6 Studien identifiziert werden, anhand deren Ergebnisse eine Empfehlung abgeleitet wurde [554], [559], [555], [556], [557], [558]. Es handelt sich um 2 retrospektive Studien, 2 systematische Übersichtsarbeiten und um 2 prospektive Kohortenstudien [554], [559], [555], [556], [557], [558] Komplikationen, die während der radikalen Zystektomie und innerhalb von 90 Tagen danach auftreten, können sowohl nach dem betroffenen Organsystem sowie nach dem entsprechenden Schweregrad eingeteilt werden. Die mit dem operativen Eingriff assoziierten Komplikationen können nach der modifizierten Clavien-Klassifikation eingeteilt werden [554] (s. folgende Tabelle). Es handelt sich um eine standardisierte Erfassung von postoperativen Komplikationen. Sie geht über eine subjektiv beeinflusste Einteilung in „leichte“ und „schwerwiegende“ Komplikationen hinaus. Die Klassifikation erfasst alle relevanten Komplikationen und wurde bei Patienten nach radikaler Zystektomie in geringen Modifikationen angewendet [558], [564]. Hautmann et al. berichteten anhand der Clavien-Klassifikation standardisiert die Komplikationsrate von 1000 Patienten, die offen zystektomiert wurden und eine Neoblase erhielten [564]. 22% der Patienten zeigten demnach schwerwiegende Komplikationen (Grade 3-5). Khan und Mitarbeiter wendeten das System bei 50 prospektiv untersuchten Patienten, die einer roboter-assistierten laparoskopischen radikalen Zystektomie unterzogen wurden, an [558]. Es traten maximal Komplikationen des Schweregrades 3 auf und 10% der Patienten waren davon betroffen. Die Anwendung der Clavien-Klassifikation bietet 2 Vorteile: Einerseits ist sie im klinischen Alltag einfach praktikabel und andererseits erlaubt sie eine standardisierte Vergleichbarkeit bei der Anwendung in klinischen Studien. 

Tabelle 36: Clavien-Klassifikation postoperativer Komplikationen

GRAD Erläuterung
Grad I Abweichung vom normalen postoperativen Verlauf; keine Intervention (medikamentös, radiologisch, chirurgisch) notwendig
Grad II Leichte Komplikation; medikamentöse Intervention, Bluttransfusion oder parenterale Ernährung notwendig

Grad III

 

 

IIIa

IIIb

Komplikationen, die einer chirurgischen, endoskopischen oder
radiologischen Intervention bedürfen


ohne Vollnarkose

mit Vollnarkose

Grad IV

IVa

IVb

Lebensbedrohliche Komplikation; intensivmedizinische Therapie notwendig

Versagen eines Organs

Versagen mehrerer Organe

Grad V Komplikation, die zum Tode führt.
Adaptiert nach Dindo et al. [582]

 

Hintergrund zu 7.3

Es wurden zur Erstellung des Statements 5 retrospektive Studien  und eine systematische Übersichtsarbeit, die insgesamt 10 Beobachtungsstudien einschloss, identifiziert [551], [557], [563], [560], [561], [562]. Dementsprechend niedrig ist das Evidenzlevel dieser Aussage, da prospektive vergleichende Studien fehlen. Demnach beeinflussen die Anzahl jährlich durchgeführter radikaler Zystektomien in einer Klinik, die Erfahrung des Operateurs und patientenindividuelle Faktoren die Rate sowie die Art und Schwere der perioperativen Komplikationen [551], [557], [563], [560], [561], [562]. Sowohl die perioperative Morbiditäts- als auch die Mortalitätsraten der radikalen Zystektomie sind geringer, wenn sie von erfahrenen Operateuren bzw. in Kliniken mit hoher Fallzahl durchgeführt wird. In einer Analyse von 6.308 radikalen Zystektomien, die in England in einem Zeitraum von 5 Jahren durchgeführt wurden, konnte gezeigt werden, dass eine signifikante inverse Assoziation zwischen der Fallzahl eines Operateurs und der Mortalitätsrate besteht [563]. Die Gesamtmortalitätsrate betrug 5,53%. Es war eine Mindestanzahl von 8 radikalen Zystektomien pro Operateur und Jahr notwendig, um die Mortalitätsrate bestmöglich zu senken [583]. Eine weitere Erhöhung der Fallzahl könnte dem statistischen Modell zufolge keine weitere Senkung der Mortalität erreichen. 

Aufgrund der konsistenten Daten der einbezogenen retrospektiven Studien sollte die radikale Zystektomie nur unter der Leitung eines erfahrenen Operateurs erfolgen. Bei der Beurteilung des Effektes einer vermeintlich höheren Erfahrung in einer Klinik sollten mögliche Interaktionen zwischen der Fallzahl, den im Klinikvergleich unterschiedlichen Patientenkollektiven (z.B. bezüglich der vorliegenden Komorbiditäten) und operateurspezifische Faktoren berücksichtigt werden. Da eine Mindestanzahl von jährlich durchgeführten radikalen Zystektomien bisher nur in einer retrospektiven Studie definiert werden konnte und diese Ergebnisse bisher nicht validiert wurden, kann hinsichtlich der erforderlichen Mindestanzahl an Eingriffen pro Operateur und Jahr keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen werden [563]. 

7.1.2 Prognosefaktoren nach radikaler Zystektomie

7.4 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Für die Einschätzung der Prognose nach radikaler Zystektomie soll die TNM-Klassifikation in der jeweils aktuellen Fassung verwendet werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[583] [584] [585] [586] [587] [588] [589] [590] [591] [592] [593] [594] [595] [502] [520] [527] [574]
7.5 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Die beiden wichtigsten Prognosefaktoren für das rezidivfreie- und das krankheitsspezifische Überleben nach radikaler Zystektomie sind die pathologische Tumorkategorie (pT) und der pathologische Lymphknotenstatus (pN). 
Der Resektionsstatus ist zusätzlich ein wichtiger Prognosefaktor.

Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[520] [527] [557] [561] [566] [567] [576] [592] [594] [596]

Hintergrund

Die radikale Zystektomie in Verbindung mit einer bilateralen pelvinen Lymphadenektomie ist die Standardtherapie mit kurativer Intention für das lokal begrenzte muskelinvasive Harnblasenkarzinom und für selektierte Patienten mit einem nicht-muskelinvasiven Tumor. Trotz verbesserter Operationstechniken liegt die 5-Jahres krankheitsspezifische Überlebensrate bezogen auf alle pathologischen Tumorstadien bei maximal 66% [527]. Die krankheitsspezifische Überlebensrate beträgt nach alleiniger radikaler Zystektomie bei lokal fortgeschrittenen Tumorstadien mit Lymphknotenmetastasen 16,7% und bei nicht-muskelinvasiven Tumoren 90,5% [597].

Studien, die zur Identifizierung von Prognosefaktoren nach der radikalen Zystektomie durchgeführt wurden, sind nahezu alle retrospektiv. Es fand sich lediglich eine relevante prospektive Studie zur Validierung eines molekularen Markerpanels für die verbesserte Prognoseeinschätzung bezüglich des rezidivfreien und krankheitsspezifischen Überlebens [584]. Nach der Indikationsstellung sollte die radikale Zystektomie baldmöglichst, in der Regel innerhalb von 12 Wochen, durchgeführt werden, da eine Verzögerung jenseits dieses Zeitraumes als negativer Prognosefaktor identifiziert wurde [585][586]. Es wurden in retrospektiven Studien zahlreiche weitere negative Prognosefaktoren identifiziert, die mit einem Rezidiv, dem krankheitsspezifischen Überleben sowie mit dem Gesamtüberleben nach radikaler Zystektomie korrelieren. Dazu zählen allgemeine klinische Parameter (z.B. das weibliche Geschlecht, ein höheres Alter, Adipositas, ein reduzierter Allgemeinzustand und das Vorhandensein von Komorbiditäten, verschiedene Laborparameter (z.B. CRP-Wert im Serum), histopathologische Parameter (z.B. pT-, pN-Kategorie, R-Status und das Vorhandensein einer lymphovaskulären Invasion (LVI) und molekulare Marker (z.B. Zellzyklusregulatoren und Apoptosemarker [520][527][574][578][583][597][584][587][588][589][590][591][592][593][594][595][598][599]. 

Mit dem Ziel, die Prognosegenauigkeit der TNM-Klassifikation zu verbessern, wurden Nomogramme als Vorhersageinstrumente entwickelt [600][601][602]. Diese berücksichtigen gleichzeitig mehrere potenzielle Prognosefaktoren. Dadurch wird eine genauere Korrelation der onkologischen Ausgangssituation mit dem rezidivfreien und krankheitsspezifischen Überleben möglich. Nomogramme wurden von verschiedenen Arbeitsgruppen entwickelt und validiert [600][601]. Die Vorhersagegenauigkeit bezüglich einer Rezidivbildung im Vergleich zur alleinigen TNM-Klassifikation kann signifikant gesteigert werden und erreicht Werte von 75-78% [600][601]. Gleichermaßen kann die Vorhersagegenauigkeit einer krankheitsspezifischen Mortalität auf 79% gesteigert werden und übersteigt deutlich das Prognosevermögen einzelner klinischer Parameter. Obwohl sie momentan die genauesten Vorhersageinstrumente darstellen, sind Nomogramme bisher nicht in der klinischen Routine etabliert, weil prospektive Studien fehlen, die zeigen, dass deren Einsatz patientenrelevante Endpunkte signifikant verbessert. Nomogramme sind jedoch von hohem wissenschaftlichen Interesse bei der Planung klinischer Studien zur Bildung homogener Patientengruppen. Die Nomogramme von Karakiewicz et al., Bochner et al. und Shariat et al. können für diese Zwecke herangezogen werden [600][601][602]. 

Zu prognostischen Markern in anderen Indikationsstellungen siehe Kapitel 4.2

Hintergrund zu 7.4

Das TNM-Klassifikationssystem basiert auf dem histopathologischen Befund der radikalen Zystektomie und wird universell verwendet und ist zur Einschätzung der Prognose geeignet [502][520][527][574][578][583][597][584][585][586][587][588][589][590][591][592][593][594][595].

Exemplarisch stratifizierten drei retrospektive Studien an repräsentativen, großen Patientenkollektiven Patienten anhand der TNM-Klassifikation [520][527][597]. Es zeigte sich konsistent, dass Patienten mit niedrigeren pT-Stadien und einem pN0-Status ein signifikant längeres rezidivfreies und krankheitsspezifisches Überleben zeigten als Patienten mit hohen T-Stadien und/oder Lymphknotenmetastasen. Patienten, die zum Zeitpunkt der radikalen Zystektomie eine Fernmetastasierung aufweisen, sind prognostisch am ungünstigsten einzuschätzen. 

Es existiert neben der TNM-Klassifikation keine weitere validierte Form der Risikoeinteilung. Bei 51 % der Patienten wird eine Diskrepanz zwischen dem präoperativen klinisch-pathologischen Tumorstadium auf Grundlage des histopathologischen Befundes der transurethralen Resektion (TUR) und dem pathologischen Tumorstadium des Zystektomiepräparates beobachtet [502]. Von diesen Patienten zeigen 40% ein zuvor nicht diagnostiziertes organüberschreitendes Tumorstadium im Zystektomiepräparat (upstaging). Das Vorhandensein einer LVI im TUR-Präparat erhöht das Risiko für das Auftreten eines upstagings. Dieses ist wiederum signifikant mit einem reduzierten krankheitsspezifischen Überleben assoziiert [502]. 

Hintergrund zu 7.5

Das pathologische Tumorstadium (pT) ist ein unabhängiger Prognosefaktor für das rezidivfreie- und das krankheitsspezifische Überleben nach radikaler Zystektomie [520][527][597]. Eine retrospektive Studie untersuchte die krankheitsspezifische 10-Jahres-Überlebensrate von Patienten, die weder neoadjuvant noch adjuvant behandelt wurden. Sie beträgt im Stadium pT0/pTa/pTis/pT1 und pN0 90,5 %, bei pT2a/b und pN0 66,8 %, bei pT3a/b und pN0 59,7 %, bei pT4a/b und pN0 36,6 % sowie bei pN+ unabhängig von der pT-Kategorie 16,7 % [597]. Ähnliche Ergebnisse bezüglich der hohen prognostischen Relevanz der pT-Kategorie zeigt eine weitere retrospektive Auswertung von 1054 Patienten nach radikaler Zystektomie [520]. Sofern das Harnblasenkarzinom organbegrenzt ist (Stadium pTa-T2b und pN0), beträgt das rezidivfreie 10-Jahres-Überleben 77 % und das Gesamtüberleben 54 %. Wenn hingegen ein organüberschreitendes Tumorwachstum vorliegt (Stadium pT3a-4a und pN0), beträgt das rezidivfreie 10-Jahres-Überleben 55 % und das Gesamtüberleben 27 % [520]. Innerhalb der gleichen pT-Kategorie kann eine weitere Subklassifikation zur genaueren Prognoseeinschätzung durchgeführt werden (z.B. pT3a vs. pT3b mit signifikant schlechterer Prognose bei Patienten mit dem Stadium pT3b) [603]. Insbesondere für Patienten ohne Lymphknotenmetastasen scheint die Unterteilung der Tumorstadien pT2 und pT3 in die jeweiligen Kategorien pT2a/b und pT3a/b weitere prognostische Informationen zu bieten [604][605]. 

Das Vorhandensein einer lymphogenen Metastasierung zum Zeitpunkt der radikalen Zystektomie ist ebenfalls ein wichtiger negativer Prognosefaktor [520][527][597]. Analog zu den höheren Tumorstadien sinkt die Überlebensrate von Patienten mit Lymphknotenmetastasen auf unter 25 % nach 10 Jahren [520][597]. Patienten, die keine Lymphknotenmetastasen, jedoch eine mikroskopische lymphovaskuläre Invasion (LVI) durch Tumorzellen aufweisen, haben eine signifikant schlechtere Prognose als diejenigen ohne LVI im histopathologischen Präparat des Tumors [557][561][576].

Inwiefern die Technik der pelvinen Lymphadenektomie einen Einfluss auf die Prognose nach radikaler Zystektomie hat, ist bisher aufgrund fehlender Daten aus prospektiven randomisierten Studien nicht eindeutig definiert. Die Ergebnisse aus retrospektiven und nicht kontrollierten prospektiven Studien sprechen dafür, dass eine extendierte im Vergleich zu einer Standard-Lymphadenektomie zu einem verlängerten rezidivfreien Überleben führt [606]. Dies könnte gleichermaßen aus Surrogatparametern, wie z.B. der Lymphknotendichte (lymph node density; LND) abgeleitet werden [596]. 

Ein positiver Resektionsstatus der Schnittränder (R1/2 vs. R0) ist prognostisch ungünstig und mit einer höheren Rezidivrate und krankheitsspezifischen Mortalität assoziiert [587]. 

Molekulare Marker als Prognosefaktoren 

Durch zunehmende Informationen über die molekularen Charakteristika des Urothelkarzinoms der Harnblase wurden zahlreiche molekulare Marker als unabhängige Prognosefaktoren identifiziert [583]. Dazu zählen Zellzyklusregulatoren (z.B. p53, p21, p27 und Cyclin E), Proliferations- (z.B: Ki-67) und Apoptosemarker (z.B. Survivin) sowie unterschiedliche Wachstumsfaktoren (z.B. VEGF-Familie). Molekulare Marker können die Vorhersagegenauigkeit für eine Rezidivbildung und die krankheitsspezifische Mortalität nach radikaler Zystektomie im Vergleich zur Anwendung klinischer Parameter und der TNM-Klassifikation potenziell verbessern [584][607]. Aufgrund einer unzureichenden Validierung konnten diese Marker bisher nicht in die klinische Routine implementiert werden. Im Jahr 2013 wurde die erste prospektive Validierungsstudie eines prognostischen Biomarker-Panels (Kombination der Marker Cyclin E, CDKN1A, p27, Tp53 und MKI67) publiziert [584]. Neben dem Vorhandensein einer lymphovaskulären Invasion konnte in der multivariablen Analyse die Anzahl der alterierten Markerexpressionen (≤2 vs. >2) als unabhängiger Prognosefaktor für die Rezidivbildung und die krankheitsspezifische Mortalität identifiziert werden. Die Vorhersagegenauigkeit für die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer dieser Endpunkte nach radikaler Zystektomie konnte durch die Einbeziehung des Markerpanelstatus von 80% auf 83% gesteigert werden [584]. Dennoch wird die klinische Praxis bisher nicht durch die Erhebung des molekularen Markerstatus verändert. Dies liegt darin begründet, dass die Erhebung des molekularen Markerstatus nur unzureichend standardisiert ist und bisher nicht multizentrisch validiert werden konnte. 

7.2 Radikale Zystektomie bei Harnblasenkarzinompatienten

7.6 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei der radikalen Zystektomie sollen in der Regel die gesamte Blase und unmittelbare Nachbarorgane, beim Mann Prostata und Samenblasen, bei der Frau Uterus, Adnexe und Anteile der vorderen Vaginalwand, entfernt werden.

Konsens
Konsens
7.7 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei Patienten mit muskelinvasivem Harnblasenkarzinom (≥pT2) soll eine radikale Zystektomie angeboten werden.
Zu der Form der Harnableitung siehe Kapitel 8.

Konsens
Konsens
7.8 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei der Frau kann in Abhängigkeit von der Tumorlokalisation und Ausdehnung auf die Entfernung der vorderen Vaginalwand verzichtet werden, bzw. in Abhängigkeit vom Menopausenstatus auf die Entfernung der Adnexe.

Konsens
Starker Konsens
7.9 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Patienten mit muskelinvasiven Harnblasenkarzinom (≥pT2) kann eine laparoskopische (konventionell oder roboterassistiert) radikale Zystektomie angeboten werden.

Konsens
Starker Konsens
7.10 · Konsensbasiertes Statement 2016

Die Schonung autonomer sympathischer und parasympathischer Nervenfasern kann zum Erhalt der Sexualität und der Sphinkterfunktion beitragen.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.6 bis 7.7

Die offene radikale Zystektomie mit bilateraler pelviner Lymphadenektomie gilt als Standardtherapie mit kurativem Ansatz beim muskelinvasiven Harnblasenkarzinom ohne klinischen Hinweis auf eine lymphogene oder hämatogene Metastasierung [520], [527][597][602]. Beim Mann werden üblicherweise nebst Harnblase die Prostata, Samenblasen, proximale Samenleiter und die distalen Harnleiter entfernt [608]. Bzgl. der Indikation zur Urethrektomie verweist dieser Text auf Kapitel 7.6. Bei der Frau werden üblicherweise nebst Harnblase, der Uterus, die Ovarien, das ventrale Scheidendrittel und die distalen Harnleiter entfernt [608]. 

Studienergebnisse von prospektiven, randomisierten Studien, die die offene Zystektomie mit einem konservativen Vorgehen verglichen hätten fehlen und sind aufgrund der ethischen Fragwürdigkeit eines solchen Ansatzes nicht zu erwarten. Somit basieren sämtliche onkologische Langzeitergebnisse auf Quellen von Fallserien und Kohortenauswertungen. Das rezidivfreie 5- und 10-Jahres-Überleben wird bei organbeschränktem Tumorbefall mit 62-68% und 50-66% berichtet [525][518][520][597]. Das Überleben korreliert hierbei mit dem pathologischen Stadium nach Zystektomie. Hautmann et al. berichten in einer großen Serie mit 1100 Patienten ohne Lymphknotenbefall und ohne (neo-)adjuvante Chemotherapie von einem krankheitsspezifische 10-Jahresüberleben von 90,5% (pT0, pTa, pT1), 66,8% (pT2), 59,7% (pT3) und 36,6% (pT4) [597]. Lymphknotenpositive Patienten (pTX, N+) weisen in selbiger Serie eine sehr schlechte krankheitsspezifische 10-Jahres Überlebensrate von ca. 16,7% auf [525]. Demgegenüber liegt die Sterberate zwei Jahre nach Diagnosestellung ohne Therapie (keine Zystektomie, keine Radiatio, keine Chemotherapie) bei ca. 85% [609]. Die größte Serie auf Basis der SEER-Datenbank weist eine krankheitsspezifische 10-Jahres Überlebensrate von Patienten nach radikaler Zystektomie mit pelviner Lymphadenektomie von ≥80% (pTa, PT1, PTis), 71,5% (pT2), 43,7% (pT3) und 35,1% (pT4) auf [610]. 

Die Komplikationen nach Zystektomie und Harnableitung betreffen im wesentlichen folgende Organsysteme bzw. Kategorien: Blutungen, kardiale, gastrointestinale bzw. urogentiale Ereignisse, Infektionen, neurologische und pulmonale Probleme, chirurgische Komplikationen, thrombembolische Ereignisse sowie Wundheilungsstörungen. Tabelle 18 zeigt die Komplikationen entsprechend der Clavien-Einteilung aufgeteilt nach offener, laparaskopischer und robotischer Operationstechnik aus prospektiven Studien [611][612][613]. 

Tabelle 37: Komplikationsraten der raikalen zystektomie und Harnableitung nach operativer Methode entsprechend der Clavien-Graduierung

Komplikationen Offen Robotisch Laparoskopisch
Grade 2-5 20-65% 30-63% 10,5-40%
Grade 3-5 10-21% 20-21% 5,3-18%

 

Hintergrund zu 7.8

Die Literaturrecherche zu diesem Thema ergab 8 retrospektive, 6 prospektive Fallserien und einen deskriptiven Artikel bzgl. Indikation, Technik und Ergebnisse. Ergebnisse aus prospektiven, randomisierten Studien fehlen [216][614][615][616][617][618][619][620][621][622][623][624][625][626][627].

In Abhängigkeit von individuellen Faktoren wie Tumorlokalisation und Menopausenstatus kann bei der Frau auf die Entfernung der vorderen Vaginalwand und/oder der Adnexe verzichtet werden. Potentielle Vorteile sind der Erhalt der Eierstockfunktion, Verbesserung der Neoblasenfunktion sowie eine Verringerung der sexuellen Dysfunktion [614][615][616][617][618][619][620][621]. Die Relevanz des Nutzens ist nach der aktuellen Studienlage jedoch unklar und muss gegenüber dem Risiko eines klinischen Understagings und einer verschlechterten Tumorkontrolle abgewogen werden [216][622][623][624][626][627][628]. Mögliche Auswahlkriterien zum Erhalt der reproduktiven Organe sind ein unifokaler, nicht Blasenwand überschreitender Tumorbefund (≤cT2b), welcher entfernt vom Blasenhals, Trigonum bzw. Blasenboden liegt [622][623][628]. 

Hintergrund zu 7.9

a. Laparoskopische radikale Zystektomie

Zusammenfassung der Evidenzlage

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche bezüglich der Unterschiede in der onkologischen Qualität zwischen der laparoskopischen (LRC) und der offenen radikalen Zystektomie (ORC) konnten zwei systematische Reviews als relevante Arbeiten identifiziert werden [569][629]. 

In die Arbeit von Chade et al. wurden sowohl Arbeiten zur LRC (n=6) als auch zur roboter-assistierten radikalen Zystektomie (RARC) (n=5) mit Arbeiten zur ORC (n=7) verglichen [629]. Die eingeschlossenen Arbeiten zur LRC wurden zwischen 2004 und 2008 publiziert und, die Patientenzahlen lagen zwischen 10 und 85. Die eingeschlossenen Arbeiten zur ORC wurden zwischen 2001 und 2007 (n=290-2289 Patienten), die Arbeiten zur RARC zwischen 2008 und 2009 (n=20-58) publiziert. Komparative Untersuchungen zum Vergleich der einzelnen Techniken wurden in diesem systematischen Review nicht eingeschlossen.

Dagegen wurden in den systematischen Review von Aboumarzouk et al. ausschließlich komparative Studien (n=8, Zeitraum 2004–2010, alle Arbeiten retrospektiv), die die LRC mit der ORC vergleichen eingeschlossen [569]. Zusätzlich wurden die Daten der einzelnen komparativen Studien zusammengefasst und eine Meta-Analyse zum Vergleich zwischen LRC und ORC hinsichtlich demographischer und perioperativer Parameter durchgeführt. 

Weiterhin wurde im Rahmen der systematische Literaturreche eine prospektiv randomisierte Studie (RCT) identifiziert, in der 35 LRC-Patienten mit 35 ORC-Patienten verglichen wurden [630]. Weiterhin fanden sich 3 komparative Studien zum Vergleich der LRC mit der ORC: eine matched-pair Analyse (jeweils 54 Patienten in der LRC bzw. ORC-Gruppe) sowie zwei retrospektive Kohortenvergleiche (LRC: 51 und 75 Patienten, ORC: 63 und 80 Patienten) [631][632][633][634]. 

Zusätzlich zu den bereits aufgeführten Untersuchungen wurde ein weiterer systematischer Review mit Metaanalyse herangezogen, der nach Abschluss der systematischen Recherche publiziert wurde [569]. Die Autoren haben ebenso wie in der Arbeit von Aboumarzouk nur komparative Untersuchungen eingeschlossen. Insgesamt untersuchten die Autoren dieses Reviews 16 Studien aus dem Zeitraum von 2001-2011. Die Patientenzahlen der einzelnen untersuchten Arbeiten lagen dabei zwischen 8 und 108 Patienten in der jeweiligen LRC-Gruppe und 8 und 63 Patienten in den ORC-Gruppen. 

Lymphknotenzahl und Resektionsränder 

In den systematischen Reviews sowie der Metaanalyse konnten die Autoren keine Unterschiede hinsichtlich der Zahl der entnommenen Lymphknoten bei der LRC bzw. der ORC finden [569][629][635]. Auch in den komparativen Untersuchungen fand sich kein Unterschied hinsichtlich der Zahl der entfernten Lymphknoten zwischen LRC und ORC [630][631][632][634][636]. Im RCT bzw. in drei der retrospektiven Untersuchungen wurde die mittlere/mediane Zahl der entfernten Lymphnoten mit 10-18 (LRC) bzw. 11-16 Lymphknoten (ORC) angegeben [630][631][634][636]. Allerdings scheint die maximale Anzahl der im Rahmen einer ORC entnommenen Lymphknoten in der Regel höher als bei einer LRC zu sein. So konnten Chade et al. in ihrer systematischen Literaturrecherche zeigen, dass die Zahl der maximal entnommen Lymphknoten bei den ORC-Serien mit 43 Lymphknoten verglichen mit der 18 Lymphknoten bei der LRC deutlich höher liegt. 

Ein Unterschied in Bezug auf die Rate an positiven Absetzungsrändern konnten weder in der Meta-Analyse von Aboumarzouk et al. noch im systematischen Review von Chade et. al. nachgewiesen werden [569][629]. In letzterer Arbeit wird die Inzidenz für einen positiven Schnittrand bei der LRC mit 0-5%, bei der ORC mit 4-5% angegeben. Dies entspricht auch den Beobachtungen aus dem RCT sowie den retrospektiven Vergleichsstudien [630][631][632][634][636]. Bei diesen wird die Inzidenz positiver Schnittränder bei der LRC mit 0-11%, bei der ORC mit 3-13% angegeben [630][631][634]. 

Lediglich in der Metaanalyse von Tang et al. zeigte sich hinsichtlich der Rate an positiven Schnitträndern ein Vorteil der LRC gegenüber der ORC [635]. Kritisch an dieser Meta-Analyse ist jedoch anzumerken, dass keine randomisierten sondern lediglich 4 prospektive und 3 retrospektive Kohortenvergleiche als Datengrundlage dienten. In vier der sieben Untersuchungen lagen die Patientenzahlen der einzelnen Kohorten deutlich unter 50 Patienten. Hinsichtlich des klinischen Tumorstadiums waren die zur Meta-Analyse herangezogenen Studien nach Angaben von Tang et al. nicht vergleichbar, die Daten wurden nicht auf dem Niveau individueller Patientendaten analysiert. Daher ist bei dieser Meta-Analyse ein Selektions-Bias nicht auszuschließen.

Lymphadenektomiefelder

Wie unter Kapitel 7.5 erläutert, scheint die Prognose eines Patienten mit einem muskelinvasiven Harnblasenkarzinom abhängig von der Ausdehnung der Lymphadenektomie zu sein. Hinsichtlich der Fragestellung nach der Ausdehnung der entfernten Lymphknotentemplates im Vergleich von LRC und ORC finden sich nur wenige Daten in der Literatur. Die Autoren der komparativen Untersuchungen beschreiben alle, dass die Lymphknotenfelder einer Lymphadenektomie im Rahmen der LRC denen der ORC entsprechen [630][631][632][634][636]. Hingegen konnten Chade et al. in ihrem systematischen Review zeigen, dass in allen eingeschlossenen ORC Serien eine Lymphadenektomie bis zur distalen A. iliaca communis durchgeführt wurde, dies aber nur bei zwei Dritteln der LRC Serien der Fall war [629]. Eine Lymphadenektomie bis zur proximalen A. iliaca communis erfolgte bei der Hälfte der ORC-Serien und keiner der LRC Serien. 

Ob sich die im Rahmen einer LRC durchgeführte Lymphadenektomie hinsichtlich Prognose des Patienten letztlich von der einer ORC unterscheidet, ist nach gegenwärtiger Lage jedoch unklar.

Progressionsfreies und Gesamtüberleben

Hinsichtlich onkologischer Langzeitparameter betrug das mediane Follow-up der Patienten in den Untersuchungen, die Chade et al. in ihren systematischen Review einschließen konnten zwischen 18 und 38 Monaten in der LRC-Gruppe verglichen mit 34 bis 122 Monaten in der ORC Gruppe [629]. Bezüglich der Rate an Lokalrezidiven fanden die Autoren in zwei von sechs Untersuchungen zur LRC Angaben (3,5% und 5,9%). Vier der sieben ORC-Serien gaben die Rate an Lokalrezidiven mit 3,1% bis 10,7% an. Hinsichtlich des progressionsfreien Überlebens und des Gesamtüberlebens kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die aktuellen Daten der LRC-Serien zwar ermutigend (>80% nach 2-3 Jahren in vier der sechs eingeschlossenen Studien), aufgrund der Kürze des Follow-ups sowie des hohen Risikos eines Bias jedoch nicht valide genug für eine abschließende Bewertung dieser Frage sind.

Aboumarzouk et al. konnten in ihrer Metaanalyse mehrere Publikationen identifizieren, in denen sich Angaben zur Rate an Lokalrezidiven, progressionsfreiem Überleben und Gesamtüberleben fanden [569]. Allerdings wurde von den Autoren lediglich die Rate an Lokalrezidiven in ihre Metaanalyse eingeschlossen und weiter ausgewertet bzw. diskutiert. Hier konnten die Autoren keine Unterschiede in der Lokalrezidivrate zwischen LRC und ORC finden. Unterschiede zwischen der Rate an Lokalrezidiven und dem tumorspezifischen Überleben konnten Tang et al. in ihrer Metaanalyse ebenfalls nicht feststellen [635]. Ein mediane Follow-up-Zeit über alle in die Metaanalyse eingeschlossenen Studien geben die Autoren nicht an, für die ORC-Kohorten der einzelnen Studien lag das Follow-up zwischen 19 und 24, für die LRC-Kohorten zwischen 19 und 40 Monaten.

Angaben zur Rate der Lokalrezidive finden sich in der randomisiert-kontrollierten Studie von Lin et al. nicht [630]. Das rezidivfreie Überleben und das Gesamtüberleben waren in dieser Untersuchung zwischen LRC (78,5% und 73,8%) und ORC (70,9% und 67, 4%) bei einem medianen Follow-up von 26 (LRC) und 32 Monaten (ORC) nicht unterschiedlich.

Auch in den retrospektiven komparativen Studien fand sich kein Unterschied zwischen LRC und ORC hinsichtlich der Rate an Lokalrezidiven, dem rezidivfreien Überleben und dem Gesamtüberleben [631][634].

Perioperative Morbidität und Mortalität

In den Meta-Analysen von Aboumarzouk et al. und Tang et al. konnte hinsichtlich der perioperativen Morbidität und Mortalität kein Unterschied festgestellt werden [569][635]. Lediglich hinsichtlich der „minor complications“ (wobei in beiden Arbeiten dieser Parameter nicht näher definiert wird) scheint ein niedrigeres Risiko im Rahmen einer LRC zu bestehen.

Im RCT von Lin et al. fanden sich keine Unterschiede in Bezug auf die perioperative Morbidität und Mortalität [630]. Dies entspricht im Wesentlichen auch den Ergebnissen der retrospektiven Untersuchungen von Aboumarzouk et al. und Albisinni et al [569][634]. 

Die Mortalitätsrate liegt in modernen Serien zur radikalen Zystektomie und Harnableitung bei 1,7 - 2% [611][613].

Die Lebensqualität nach Zystektomie wird neben der Form der Harnableitung unter anderem vom Patientenalter und Komorbidität bestimmt. In zwei aktuellen Studien ist die orthotope Harnableitung mit einer geringfügig signifikant besseren Lebensqualität im Vergleich zum Ileum-Conduit vergesellschaftet [637][638].

Lernkurve

Eine laparoskopische Zystektomie ist kein Standardeingriff und sollte von einem erfahrenen Operateur durchgeführt werden. Auch wenn es für die laparoskopische Zystektomie in der aktuellen Literatur kaum Daten gibt, ist in Analogie zu anderen laparoskopischen urologischen Operationen zu erwarten. dass eine suffiziente laparoskopische Zystektomie eine gewisse Lernkurve erfordert [639]. Eine Mindestzahl, die einen „erfahrenen Operateur“ definiert, ist in der aktuellen Literatur nicht beschrieben. Zu dieser Thematik konnte nur eine retrospektive Fallserie identifiziert werden, in der die ersten 30 mit den folgenden 30 Eingriffen eines Operateurs verglichen wurden. Dabei zeigten sich abgesehen von einer verkürzten Operationszeit in der zweiten Patientengruppe (303 ±28 min vs. 285 ±23 min, p=0,002) keine weiteren Unterschiede hinsichtlich sämtlicher sonstiger untersuchter Parameter [640]. 

b. Roboter-assistierte radikale Zystektomie

Zusammenfassung der Evidenzlage

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche bezüglich der Unterschiede in der onkologischen Qualität zwischen der roboterassistierten (RARC) und der offenen radikalen Zystektomie (ORC) konnten zwei systematische Reviews einschließlich Metaanalysen als relevante Arbeiten identifiziert werden [555][641]. In beiden Arbeiten wurden ausschließlich komparative Untersuchungen eingeschlossen. Bei Tang et al. waren dies eine randomisiert-kontrollierte Studie sowie 7 prospektive und 6 retrospektive Kohortenvergleiche (RARC: n=11-83 Patienten, ORC: 14-104 Patienten, Publikationszeitraum 2006-2012), bei Li et al. eine randomisiert-kontrollierte Studie sowie 8 prospektive und 4 retrospektive Kohortenvergleiche (RARC: n=11-83 Patienten, ORC: 14-120 Patienten, Publikationszeitraum 2006-2012). 

Weiterhin wurde im Rahmen der systematische Literaturreche eine prospektiv randomisierte Studie (RCT) identifiziert, in der 20 RARC-Patienten mit 20 ORC-Patienten verglichen wurden [575]. Eine weitere prospektiv randomisierte Studie mit gleicher Fallzahl ist bereits in den beiden Reviews eingeschlossen, eine dritte prospektiv-randomisierte Studie mit deutlich höherer Fallzahl ist bislang lediglich als Korrespondenzartikel veröffentlicht und berichtet bislang nicht über onkologische Ergebnisse (ClinicalTrials.gov number, NCT01076387) [642][643]. 

Weiterhin fanden sich 4 komparative Studien zum Vergleich der RARC mit der ORC: ein nach unterschiedlichen Einflussfaktoren gewichteter Paarvergleich (Propensity Score Matching) einer RARC-Kohorte mit einer ORC-Kohorte und drei retrospektive Kohortenvergleiche [644][645][646][647].

Zusätzlich zu den aufgeführten Arbeiten wurden zur Darstellung von Überlebensraten nach RARC vier retrospektive Fallserien hinzugezogen [573][648][649][650]. Die Arbeiten wurden initial im Rahmen der systematischen Literaturrecherche identifiziert, erfüllen jedoch nicht das Einschlusskriterium eines Vergleichs zwischen RARC und ORC. 

Lymphknotenzahl und Resektionsränder

In beiden Metaanalysen zeigte sich für die RARC eine signifikant höhere Zahl an entnommenen Lymphknoten verglichen mit der ORC [555][641]. Allerdings wenden die Autoren beider Arbeiten ein, dass dies durchaus auf einem Selektionsbias beruhen kann. Insbesondere Li et al. diskutieren ihre Ergebnisse dahingehend kritisch, dass es keinen Unterschied zwischen der ORC und der RARC-Gruppe in der von ihnen eingeschlossenen randomisiert-kontrollierten Studie gibt und ausführliche Daten zum jeweiligen Umfang der Lymphadenektomie fehlen. Hinsichtlich der Rate an positiven Absetzungsrändern finden sich in beiden Metaanalysen keine Unterschiede zwischen RARC und ORC.

In der randomisiert-kontrollierten Studie von Parekh et al. finden sich keine Unterschiede in der medianen Zahl der entnommenen Lymphknoten (RARC: n=11 LKs; ORC: n=23, p=0,135) und der Rate an positiven Absetzungsrändern (RARC: 5% LKs; ORC: 5%, p=0,135) [575]. In drei der retrospektiven komparativen Untersuchungen konnten ebenfalls keine Unterschiede hinsichtlich der Zahl der entfernten Lymphknoten (RARC: 18-21 Lymphknoten, ORC:16-21 Lymphknoten) festgestellt werden [644][645][646]. In der vierten Arbeit lag die Zahl der entfernten Lymphknoten mit 7 in der RARC- verglichen mit 18 in der ORC-Gruppe deutlich niedriger [647]. 

Lymphadenektomiefelder

Zur Frage nach der Vergleichbarkeit der Lymphadenektomiefelder einer RARC und einer ORC findet sich in den Metaanalysen keine vergleichende Untersuchung, da in keiner der eingeschlossenen Studien Unterschiede zwischen der Ausdehnung der Lymphadenektomiefelder beschrieben worden sind [555][641]. Auch im RCT von Parekh et al. sowie den übrigen retrospektiven Untersuchungen werden die Lymphadenektomiefelder von ORC und RARC als identisch beschrieben [575][644][645][646]. Allerdings wird in keiner der Arbeiten eine Lymphadenektomie oberhalb der mittleren A. iliaca communis beschrieben, so dass die Lymphadenektomie im Rahmen einer ORC potentiell extendierter durchgeführt werden kann.

Progressionsfreies und Gesamtüberleben

Das onkologische Ergebnis bezüglich der Rate an Lokalrezidiven sowie dem progressionsfreien Überleben und dem Gesamtüberleben wird in den beiden Meta-Analysen nicht zwischen ORC und RARC verglichen. Ebenso finden sich zu dieser Fragestellung weder im RCT von Parekh et al. noch in den komparativen Studien von Kader et al. und Knox et al. diesbezügliche Daten [555][575][641][644][646].

In der Untersuchung von Ahdoot et al. war das Gesamtüberleben im Paarvergleich zwischen 51 RARC-und 51 ORC-Patienten nicht unterschiedlich, allerdings war der mediane Nachbeobachtungszeitraum in der RARC-Gruppe deutlich kürzer [647]. Zu dem gleichen Ergebnis kommen Niegisch et al. in ihrem retrospektiven Kohortenvergleich [645]. Auch hier fand sich kein Unterschied im Gesamtüberleben sowie im progressionsfreien Überleben. Auch hier ist allerdings der kurze mediane Nachsorgezeitraum der RARC-Kohorte von nur 9,1 Monaten zu berücksichtigen.

Nach den aktuellen Ergebnissen von drei großen deskriptiven, nicht komparativen Fallserien (n=121-175 Patienten, medianer Nachbeobachtungszeitraum 24-66 Monate) liegt das 5-Jahres-Gesamtüberleben sowie das 5-Jahres-progressionsfreie Überleben nach RARC bei 48-72% bzw. 63-71% [648][649][650].

Perioperative Komplikationen

In beiden Meta-Analysen zeigte sich eine Reduktion der Gesamtkomplikationsrate zugunsten der RARC [555][641]. Aufgeteilt nach Minor- und Major-Komplikationen entsprechend der Klassifikation von Clavien et al. zeigt sich dieser Unterschied bei Tang et al. nur hinsichtlich der Minor-Komplikationen, bei Li et al. nur hinsichtlich der Major-Komplikationen (Clavien-Grad ≥3) [582]. Während Tang et al. diese Ergebnisse nicht weiter kommentieren, betonen Li et al. jedoch ausdrücklich, dass die Gesamtrate an Komplikationen im Rahmen einer RARC mit 50,5% und die Mortalitätsrate mit 1,6% durchaus mit den Ergebnissen großer, nicht-komparativer Fallserien zur ORC vergleichbar sind. 

In der randomisiert-kontrollierten Studie von Parekh et al. sowie einer retrospektiven komparativen Arbeit zeigte sich kein Unterschied zwischen RARC und ORC hinsichtlich der perioperativen Komplikationsrate, in zwei weiteren retrospektiven Untersuchungen lag die Morbiditätsrate für die RARC niedriger [575][644][645][646]. Die perioperative Komplikationsrate war in allen Untersuchungen nicht unterschiedlich.

In der bislang größten multizentrischen Analyse (n=939) zur perioperativen Morbidität und Mortalität der RARC zeigte sich, dass insgesamt 41% der Patienten innerhalb der ersten 30 postoperativen Tage eine Komplikation erleben, die 90-Tage-Rate betrug 48% [573]. Bei 19% der Patienten handelte es sich um eine Major-Komplikation (Clavien-Grad ≥3). Die 30-Tage-Mortalität betrug 1,3%, die 90-Tage-Mortalität 4,2 %. 

Lernkurve

Eine roboter-assistierte Zystektomie ist kein Standardeingriff. Eine Lernkurve von etwa 20-30 Eingriffen wird von verschiedenen Autoren beschrieben [651][652][653]. Sie sollte daher nur von einem Operateur, der diese Erfahrung mit sich bringt, durchgeführt oder angeleitet werden. Eine Mindestzahl, die einen „erfahrenen Operateur“ definiert, ist in der aktuellen Literatur nicht beschrieben.

Hintergrund zu 7.10

Die autonome sympathische Innervation des Urogenitaltraktes entstammt aus den Rückenmarkssegmenten Th10–L2. Die Fasern ziehen lateral und ventral der Aorta zum Plexus hypogastricus superior, welcher ventral der Aortenbifurcation liegt. Aus dem Plexus hypogastricus superior ziehen die Nn. hypogastrici dexter und sinister medial entlang der Ureteren. Sie bilden jeweils einen rechten und linken Plexus hypogastricus inferior. Diese werden zur jeweiligen Seite mit parasympathischen Nervenfasern aus den Rückenmarkssegmenten S2-4 über die Nn. pelvici splanchnici gespeist. Gemeinsam bilden sie den Plexus pelvicus, der somit einem neuronalen Netzwerk aus sympathischen und parasympathischen Nervenfasern entspricht und lateral von Rektum, Blase, Samenblasen, Prostata und Vagina lokalisiert ist. Das Wissen über die nervale Versorgung der Beckenregion und des Ureters ist essentiell zur Durchführung einer nervschonenden Zystoprostatektomie. Eine Schonung der Nn. hypogastrici dexter und sinister kann erreicht werden, indem die Lymphadenektomie streng lateral der Ureteren durchgeführt wird. Bei ausgedehnteren Lymphadenektomien sollte dem Operateur die Verletzungsgefahr nervaler Strukturen im Bereich der Bifurkation der Aa. Iliacae communes sowie im Bereich der Aortenbifurkation bewusst sein. Die Prostata versorgenden Nervenäste liegen im laterodorsalen Anteil, wohingegen die Nn.cavernosi weiter kaudal im sog. „neurovaskulären Bündel“ zwischen M. levator ani, Prostata und Rektum liegen. Der Erhalt der Nn. cavernosi im Bereich der Prostata, Samenblasen und im Bereich des apikalen Absetzungsrandes der Harnröhre ist von hoher Bedeutung beim männlichen Nerverhalt [654][655]. 

Publikationen weisen darauf hin, dass ein Nerverhalt bei der radikalen Zystektomie keine Kompromittierung des onkologischen Ergebnisses nach sich ziehen muss. So korreliert die Lokalrezidivrate mit der Tumorlast (≤pT2, pN0 vs. >pT2, pN0 vs. pTx, pN+) [656][657][658][659]. Mit ca. 5–13% ist sie vergleichbar mit Serien ohne Nervschonung [520][660]. Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass keine Studien zum direkten Vergleich vorliegen. Die Ergebnisse basieren auf Fallserien mit unterschiedlichen Kohortengrößen, Patientencharakteristika und Risikofaktoren. 

In einer Fallserie mit konsekutivem Patienteneinschluss konnten die Kontinenzraten bei orthotopem Blasenersatz in männlichen Patienten durch uni- bzw. bilaterale Nervschonung um das 1,4-fache verbessert werden [661]. Allerdings sind multiple Faktoren unabhängig vom Nerverhalt zum Wiedererlangen der Kontinenz entscheidend. So spielt das Alter des Patienten eine signifikante Rolle. Sowohl der Erhalt des Sphinktermechanismus als auch die Sensibilität der proximalen Harnröhre tragen zu besseren Kontinenzraten bei [661]. Die Bedeutung des Nerverhalts bei Frauen mit orthotopen Blasenersatz ist umstritten. In einer kleinen Serie (n = 15) von Mills und Studer konnten Tages- und Nachtkontinenzraten von 100% bzw. 89% nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 19 Monaten registriert werden [662]. Demgegenüber stehen Berichte mit Tageskontinenzraten von 87–95% und Nachtkontinenzraten von ca. 85% bei Patientinnen, die ohne Nerverhalt zystektomiert wurden [663][664]. Stenzl et al. berichtete in einer retrospektiven Analyse von 102 Patientinnen über eine Katheterisierungsrate von 72% ohne Nerverhalt im Gegensatz zu 9% mit Nerverhalt [665]. Es muss angemerkt werden, dass es sich um ein sehr heterogenes Kollektiv handelte, da sowohl Patientinnen mit Harnblasenkarzinom als auch mit diversen gynäkologischen Krankheitsbildern eingeschlossen wurden. 

Potenzraten von 33 % bis 100 % werden nach Nerverhalt bei männlichen Patienten berichtet [657]. Ein Vergleich der Ergebnisse mit Studien ohne Nerverhalt ist unter Berücksichtigung der aktuellen Studienlage nicht zulässig, da die Selektionskriterien der Patienten teilweise deutlich divergieren. Patienten <65 Jahre scheinen im Besonderen von einem Nerverhalt zu profitieren [657]. Zur weiblichen Sexualität nach nervschonender radikaler Zystektomie liegen nur wenigen Daten vor, sodass kein abschließende Bewertung vorgenommen werden kann.

7.3 Partielle Zystektomie bei Harnblasenkarzinompatienten

7.11 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Eine partielle Zystektomie soll aufgrund nicht nachgewiesener Gleichwertigkeit nicht als Standardtherapie empfohlen werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2+
Konsens
Konsens
Literatur
[666] [667]
7.12 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Nach partieller Zystektomie soll eine lebenslange Tumorkontrolle der Harnblase erfolgen.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2-
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[668] [669] [670]
7.13 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Das lokal begrenzte Urachuskarzinom der Harnblase sollte mittels partieller Zystektomie unter en bloc Resektion des Ligamentum umbilicale medianum und pelviner Lymphadenektomie behandelt werden.

Konsens
Konsens

Hintergrund zu 7.11

Vor dem Hintergrund der bestehenden Literatur, die sich sämtlich auf retrospektive Daten bezieht, wurden verschiedene Kriterien zur Patientenselektion bezüglich einer partiellen Zystektomie identifiziert. 

In der größten Serie, die eine matched-pair Analyse auf der Basis der SEER Daten unter Einschluss von 7243 Patienten (n = 5670 Zystektomie; n= 1573 partielle Zystektomie) vornahm, wurde folgende Kriterien hinsichtlich einer vergleichbaren Tumorkontrolle der partiellen zur radikalen Zystektomie identifiziert: solitärer Blasentumor, der mit einem Sicherheitsabstand von 1-2 cm exzidiert werden kann und Ausschluss eines Carcinoma in situ. Sofern eine Anpassung der Daten nach Alter, ethnischer Zugehörigkeit, pathologischem Tumorstadium, Lymphknotenbefall, Tumordifferenzierung und Operationsjahr durchgeführt wurde, zeigte sich keine Kompromittierung im 5-Jahres Überleben der partiell zystektomierten (Gesamtüberleben 57,2%, krankheitsspezifisches Überleben 76,4%) gegenüber den radikal zystektomierten Patienten (Gesamtüberleben 50,2 %, krankheitsspezifisches Überleben 65,8 %) [671]. Die Publikation erlaubt jedoch keine Rückschlüsse auf die operative Technik oder deren Standardisierung. Des Weiteren trifft sie keine Aussagen zur erwarteten Lebensqualität und Funktionalität der Harnblase. Bei ausschließlich retrospektiven Datenanalysen ist eine substantielle Aussage zu Morbidität und perioperativer Mortalität nicht möglich.

Holzbeierlein et al. identifizierten in einer retrospektiven Datenanalyse an 58 Patienten und einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von ca. 33 Monaten ein begleitendes Carcinoma in situ (im TUR-Präparat oder im Präparat der partiellen Zystektomie) neben dem Vorhandensein von tumorbefallenen Lymphknotenmetastasen als unabhängige Prädiktoren für ein erhöhtes Risiko fortgeschrittene Tumorrezidive nach partieller Zystektomie zu erleiden (pT2-4 und/oder Metastasen) [667]. Das 5-Jahres Gesamtüberleben betrug 69%. Sieben (12%) Patienten zeigten im Rahmen der Nachsorge ein nicht muskel-invasives Tumorrezidiv, wohingegen 15 (25%) Patienten fortgeschrittene Tumorrezidive aufwiesen. 

In einer kleineren, retrospektiven Fallserie (n=37) von Kassouf et al. konnte eine erhöhte pathologisches T-Kategorie (keine weitere Spezifizierung) im histologischen Präparat der partiellen Zystektomie als unabhängiger Parameter für ein erhöhtes Rezidivrisiko fortgeschrittener Tumoren (≥pT2, fortgeschrittenes Lokalrezidiv, Fernmetastasen) nachgewiesen werden. Interessanterweise korrelierte der Parameter nicht mit dem krankheitsspezifischen und Gesamtüberleben [670]. 

In einer weiteren kleinen Fallserie partiell zystektomierter Patienten (n=25) konnte die Tumorgröße zum Zeitpunkt der transurethralen Resektion (2.1±0.9 cm vs. 4.7±2.9 cm, p=0.03) in einer univariaten Analyse als unabhängiger Prädiktor für eine Rezidiventwicklung identifiziert werden [669]. 

Mehrere kleine Fallserien berichten über die technische Möglichkeit der laparoskopischen und roboterassistierten partiellen Zystektomie, vornehmlich bei der chirurgischen Behandlung des Urachuskarzinoms [672][673][674][675][676]. Eine laparoskopische/roboterassistierte partielle Zystektomie ist kein Standardeingriff und sollte von einem erfahrenen Operateur durchgeführt werden. Auch wenn es für die laparoskopische/roboterassistierte partielle Zystektomie in der aktuellen Literatur kaum Daten gibt, ist in Analogie zu anderen laparoskopischen/roboter-assistierte urologischen Operationen zu erwarten, dass eine suffiziente laparoskopische/roboterassistierte partielle Zystektomie eine gewisse Lernkurve erfordert [675][676].

Zusammenfassend ist anzumerken, dass keine prospektiven, randomisierten Studien existieren und Selektionskriterien lediglich aus retrospektiven Serien erhoben wurden. Vor dem Hintergrund der zugrundeliegenden Studien sollten Patienten, die für eine partielle Zystektomie in Frage kommen, kein Carcinoma in situ aufweisen. Eine solitäre Tumorformation ohne wandüberschreitenden Tumor und klinisch unauffälligen Lymphknoten scheinen günstige Prädiktoren zu sein. 

Hintergrund zu 7.12

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche wurden drei Studien identifiziert, die Ergebnisse bezüglich intravesikaler Rezidive nach partieller Zystektomie aufweisen [670][668][669]. Allerdings unterscheiden sich alle drei Studien hinsichtlich Studiengröße und –design. Während Knoedler et al. eine retrospektive matched-pair Analyse von 86 partiell gegenüber 167 radikal zystektomierten Patienten präsentierten und ihre Patienten nach Alter, Geschlecht, pathologischer T-Kategorie und neoadjuvanter Chemotherapie stratifizierten, beziehen sich die Aussagen von Smaldone et al. auf 25 konsekutiv partiell zystektomierte Patienten, die präoperativ eine fokale Radiotherapie (25 Gy) sowie eine Instillation mit Thiopeta erhielten und postoperativ mit 6 Zyklen BCG instilliert wurden [668][669]. Aussagen zur Nachsorge von Kassouf et al. beziehen sich auf retrospektive Daten von 37 Patienten, die zwischen 1982 und 2003 partiell zystektomiert wurden und in 35% eine adjuvante Therapie in Form einer systemischen Chemotherapie, Radiatio und/oder BCG-Instillationstherapie erhielten [670]. 

In der Serie von Knoedler et al. traten in einem Nachbeobachtungszeitraum von ca. 6 Jahren in 33/86 (38%) Patienten intravesikale Rezidive auf. Hierbei konnte bei 16/33 (48%) Patienten ein muskel-infiltrierender Tumor nachgewiesen werden [668]. 16/86 (19%) Patienten wurden im Rahmen der Nachbeobachtung salvage-zystektomiert. In der Hälfte dieser Patienten wurde ein wandüberschreitendes Harnblasenkarzinom (≥pT3) gefunden. Kein Patient hatte zum Zeitpunkt der radikalen Salvage-Zystektomie positive Lymphknotenmetastasen. Insgesamt trat ein Lokalrezidiv außerhalb der Blase nach partieller Zystektomie in dieser Serie nur in 4 Patienten (5%) auf. Nach matched-pair Analyse konnte keine Unterlegenheit der partiellen Zystektomie gegenüber der radikalen Zystektomie insbesondere hinsichtlich Tumorkontrolle und Metastasenfreiheit nach 10 Jahren (partielle Zystektomie 61% vs. radikale Zystektomie 66%) nachgewiesen werden. Das krankheitsspezifischer und Gesamtüberleben unterschied sich in beiden Gruppen ebenso nicht signifikant (partielle Zystektomie vs. radikale Zystektomie: krankheitsspezifisches Überleben: 58% vs. 63% (p =0.67), Gesamtüberleben: 36% vs. 36% (p=0.39). 

In der Serie von Smaldone et al. traten intravesikale Rezidive nicht muskel-invasiver Tumoren in 2 Patienten (8%) auf [669]. Vier Patienten (16%) wiesen Rezidive lokal fortgeschrittener Tumoren auf. Einer dieser Patienten entwickelte einen muskel-invasiven Tumor erst nach 51 Monaten. Fernmetastasen wurden in lediglich 1 Patienten (4%) nachgewiesen. Der durchschnittliche Nachsorgezeitraum betrug ca. 45 Monate. Zum Ende der Datenerfassung waren 4 der 5 Patienten mit fortgeschrittenem Tumorleiden verstorben. In der multivariaten Analyse war die Tumorgröße zum Zeitpunkt der transurethralen Resektion der maßgebliche Faktor für eine Rezidiventwicklung (2.1±0.9 cm vs. 4.7±2.9 cm, p=0.03). 

In der Serie von Kassouf et al. wiesen 9/37 (24%) Patienten ein nicht muskel-invasives Rezidiv nach partieller Zystektomie in einem Nachsorgezeitraum von über 72 Monaten auf [670]. Weitere 9/37 (24%) Patienten entwickelten ein fortgeschrittenes Tumorleiden. Drei Patienten verstarben an muskel-invasiven Spätrezidiven (41, 44 und 138 Monate nach partieller Zystektomie). 

Alle drei Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine partielle Zystektomie Patienten mit hoher Compliance verlangt. Die Daten weisen zudem auf signifikante Spätrezidive hin. Somit erscheint eine lebenslange Nachsorge unerlässlich. Vor dem Hintergrund der bestehenden Daten sollte eine postoperative Tumorkontrolle Urethrozystoskopien, Urinzytologien und bildmorphologische Stagings umfassen. Eine Aussage hinsichtlich der zeitlichen Intervalle ist auf Basis der Datenlage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich und bedarf einer individuellen Patientenführung.

Hintergrund zu 7.13

Mehrere Fallserien weisen vergleichbare Überlebensdaten bei der partiellen Zystektomie unter en bloc Resektion des Ligamentum umbilicale medianum und des Bauchnabels beim lokal begrenzten Urachuskarzinom zur radikalen Zystektomie auf [677][678][679]. Direkte prospektive Vergleichstudien liegen dazu nicht vor. Aufgrund der Datenlage werden lokal begrenzte Urachuskarzinome wie folgt definiert: scharfe Demarkationslinie zwischen Tumor und Oberflächenepithel, singulärer Tumorbefund innerhalb der Harnblase bzw. entlang des Ligamentum umbilicale medianum, Fehlen von Lymphknoten- und Fernmetastasen. Herr et al. berichteten über eine krankheitsfreie 5-Jahresüberlebensrate von bis zu 93% bei Patienten, deren Tumoren auf die Blase und/oder Urachus zum Zeitpunkt des chirurgischen Vorgehens beschränkt waren [679]. Demgegenüber weisen Patienten mit einer peritonealen Infiltration, positiven Absetzungsrändern und/oder Lymphknotenbefall schlechte Langzeitdaten auf. Die Lokalrezidivrate basierend auf retrospektive Datenanalysen wird bei diesen Patienten mit 15–18 % angegeben [679][680]. Eine Salvage-Zystektomie kann in bis zu 50% bei diesen Patienten ein Langzeitüberleben sichern [677]. Keinen Überlebensvorteil haben neo- und adjuvante Chemotherapien gezeigt [677]. Die Bedeutung der Lymphadenektomie ist derzeit nicht geklärt [677]. Die Machbarkeit der laparoskopischen und Roboter-assistierten partiellen Zystektomie mit en bloc Resektion des Ligamentum umbilicale medianum und des Bauchnabels beim Urachuskarzinom wurde beschrieben [672][673][674][681][682]. 

Divertikeltumore

Aufgrund der Datenlage mit kleinen Fallserien ist nicht hinreichend geklärt, wann eine partielle Zystektomie bei Divertikeltumoren zu empfehlen ist. Deshalb kann die Leitliniengruppe keine Empfehlung aussprechen.

Drei größere, retrospektive Kohortenstudien mit 36 bis 48 Patienten, die an einem Divertikelkarzinom der Harnblase erkrankt waren, beschreiben Langzeitergebnisse [207][683][684]. Aufgrund verschiedener Therapiemodalitäten (TURB, partielle Zystektomie, Divertikelabtragung, radikale Zystektomie) lassen sich keine Rückschlüsse auf die optimale Therapie bei papillären Tumoren (pTa) ziehen. Frühinvasive (pT1) und invasive (≥pT2) Harnblasentumoren sollten einer radikaleren Therapieoption zugeführt werden.

7.4 Perioperatives Management im Sinne der Fast-track Chirurgie bei Zystektomiepatienten

7.14 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Auf die präoperative orthograde Darmreinigung kann ohne Kompromittierung der perioperativen Morbidität verzichtet werden, sofern Dünndarm für die Harnableitung Verwendung finden soll.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
1+
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[685] [686] [687]
7.15 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Magensonden sollten frühzeitig (innerhalb von 24 Stunden) entfernt werden.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
1-
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[688] [689] [690]
7.16 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Patienten sollen frühzeitig (innerhalb von 24 Stunden postoperativ) mobilisiert und zu Alltagsaktivitäten motiviert werden. 

Konsens
Starker Konsens
7.17 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Auf die routinemäßige postoperative parenterale Ernährung soll verzichtet werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1+
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[691] [692]
7.18 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Kaugummi kauen verkürzt die Zeit bis zum Wiedereinsetzen der Darmtätigkeit.

Evidenzlevel
2+
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[693] [694]

Hintergrund zu 7.14

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche wurden 3 prospektive, randomisierte, kontrollierte Studien und 4 retrospektive Datenanalysen bzgl. der Auswirkung der präoperativen orthograden Darmreinigung vor Zystektomie mit Harnableitung identifiziert [687][685], [686][695][696][697][698]. Gemeinsam ist diesen Studien, dass die direkte Auswirkung der orthograden Darmreinigung bzgl. peri- und postoperativer Komplikationen untersucht wurde. Hierdurch unterscheiden sich diese Studien von weiteren in denen die orthograde Darmreinigung Bestandteil eines multimodalen Therapieansatzes im Rahmen des prä,- peri und postoperativen Managements bei der Zystektomie war [577][699][700][701][702][703][704][705]. Letztere Studien lassen die Bedeutung der orthograde Darmvorbereitung als alleinige Maßnahme auf die jeweiligen Studienziele nicht abschließend bewerten. Allerdings war in keiner der angeführten Studien der Verzicht auf die orthograde Darmvorbereitung negativ bewertet worden [577][699][700][701][702][703][704][705]. 

Die drei prospektiven Studien (Tabibi et al: n=86 (47 vs. 39), Xu et al.: n=62 (30 vs. 32), Aslan et al.: n=112 (56 vs. 56)) unterschieden sich nur marginal in der Art der Darmvorbereitung, die jeweils über 3 Tage präoperativ durchgeführt wurde [687][685][686][695][696][697][698]. Neben Laxantien wurden Erythromycin und Metronidazol verabreicht. In der Studie von Aslan et al. erhielt die Kontrollgruppe ein Klistier am Abend vor der Operation, wohingegen in den beiden weiteren Studien der jeweiligen Kontrollgruppe keine spezifische Maßnahme zugeführt wurden. Als Harnableitung wurde jeweils das Ileum-Conduit gewählt. In allen drei Studien wurde kein signifikanter Unterschied der perioperativen Morbidität hinsichtlich Wundinfektionen, paralytischem Ileus und Anastomoseninsuffizienz und Mortalität festgestellt. Zudem zeigte sich kein Vorteil in der präoperativen Verabreichung von Antibiotika. 

Lediglich eine retrospektive Studie, in der 64 Patienten mit einer 4-tägigen Darmvorbereitung gegenüber 22 Patienten ohne Darmvorbereitung untersucht wurden, ergab sich eine höhere Wunddehiszenzrate, eine Verlängerung der postoperativen Zeit bis zum Einsetzen der Darmtätigkeit und einen verlängerten Krankenhausaufenthalt zu Ungunsten der orthograden Darmvorbereitung [698]. Demgegenüber konnte in den weiteren retrospektiven Studien kein Unterschied hinsichtlich Gesamtmorbidität, Infektionsrate, Wundheilungsstörungen und Einsetzen der Darmtätigkeit nach Operation nachgewiesen werden. Zudem ergaben sich keine Unterschiede zwischen der Harnableitung mit Ileum-Conduit oder orthotopem Blasenersatz [695][697][696]. 

Trotz der Tatsache, dass sich die Empfehlung 7.14 auf 3 prospektive randomisierte Studien stützt, wurde eine „KANN“ Empfehlung ausgesprochen. Grund ist, dass die oben aufgeführten Studien jeweils eine orthograde Darmreinigung über 3 Tage hinweg im Interventionsarm vorgenommen haben. Dies spiegelt nach den Erfahrungen der Autoren nicht die aktuell übliche Praxis der Darmvorbereitung im Sinne eines „moderaten/milden Abführens“ am präoperativen Tag wider.

Zu Empfehlung 7.15

Der Effekt einer frühzeitigen Entfernung von Magensonden auf das Verhalten der Darmtätigkeit nach radikaler Zystektomie wurde in 4 Studien untersucht [690][688][689][706]. Die Studie mit der größten Patientenzahl (n=430) ist retrospektiv [689]. Inman et al. verglichen 221 Patienten, die perioperativ eine Magensonde erhielten mit 199 Patienten ohne Magensonde nach Zystektomie. Ca. 50% der Patienten erhielten in beiden Gruppen ein Ileum-Conduit und ca. 40% jeweils einen orthotopen Blasenersatz. Die Patientengruppe ohne Magensonde zeigte kein erhöhtes Risiko eine Magensonde im weiteren stationären Verlauf zu erhalten. Zudem war die Zeit bis zum Wiedereinsetzen der Darmtätigkeit in dieser Kohorte signifikant kürzer (p<0.01). Ferner war die gesamte Krankenaufenthaltsdauer mit 14,4 gegenüber 19,1 Tagen verkürzt. Donat et al. (n=81, 27 vs. 54) verglichen konsekutiv zystektomierte Patienten, deren Magensonde frühzeitig (78% innerhalb der ersten 24 Stunden) gegenüber einer Vergleichskohorte, deren Magensonden in jeweils 50% an den postoperativen Tagen 2 und 3 entfernt wurden [688]. Zudem erhielt die Gruppe mit geplanter frühzeitiger Magensondenentfernung Metoclopramid. Diese Patientenkohorte zeigte eine signifikant kürzere Zeit bis zum Wiedereinsetzen der Darmtätigkeit. Zudem konnte ein signifikant früherer Kostaufbau mit festen Speisen nachgewiesen werden (6,7, vs. 7,9 Tage). Eine weitere Studie, welche 101 konsekutiv behandelte Patienten verglich, kam zu dem Ergebnis, dass eine Magensondenentfernung innerhalb der ersten 24 Stunden nach Operation nicht mit einer erhöhten postoperativen Morbidität assoziiert war [706]. Einschränkend muss angemerkt werden, dass in lediglich 20 der 101 zystektomierten Patienten eine frühzeitige Entfernung der Magensonde vorgenommen wurde. Die einzige randomisierte Studie zu dieser Thematik wurde von Adamakis et at. publiziert [690]. In dieser verglich man 22 Patienten, deren Magensonden nach Zystektomie und Ileum-Conduit oder orthotopen Blasenersatz innerhalb der ersten 12 Stunden entfernt wurden mit 21 Patienten, deren Magensonden mit Abgang der ersten Winde entfernt wurden. Es ergaben sich keine Unterschiede hinsichtlich des Auftretens eines paralytischen Ileus bzw. mit der Zeit bis zum Einsetzen der Darmmotorik. Die Autoren stellten fest, dass der Einsatz der Magensonde keinen Vorteil brächte, die Patientenzufriedenheit basierend auf einer dafür ausgerichteten Befragung jedoch reduzierte. 

In weiteren Studien mit komplexen prä- und postoperativen Maßnahmen zur Verringerung der Morbidität, ist die frühzeitige Entfernung der Magensonde ein integraler Bestandteil [577][700][701][703][704][705][702][707][708][694]. Der spezifische Einfluss einer frühzeitigen Magensondenentfernung kann aufgrund der Komplexität der Maßnahmen nicht abschließend bewertet werden. Eine Cochrane Metaanalyse unter Einschluss von 33 RCTs, welche Patienten mit größeren abdominellen Eingriffen berücksichtigte, ergab eine erhöhte postoperative Komplikationsrate für das Beibehalten von Magensonden im postoperativen Management [709].

Hintergrund zu 7.16

Die Auswirkung einer frühzeitigen (innerhalb von 24 Stunden postoperativ) Mobilisation nach radikaler Zystektomie auf die peri- und postoperative Morbidität wurde bislang in keiner Studie gezielt untersucht. Jedoch gehört die frühzeitige Mobilisation zum festen Bestandteil in den meisten Studien, welche Protokolle zur schnelleren postoperativen Regeneration erstellt haben [577][699][700][703][710]. Aufgrund dessen ist der prononcierte Effekt der frühzeitigen Mobilisation auf die Rekonvaleszenz nicht abschließend bewertbar. Unbestritten ist die Tatsache, dass eine verlängerte Bettruhe die Gefahr von thromboembolischen Ereignissen und das Risiko pulmonaler Komplikationen erhöht [709]. 

Hintergrund zu 7.17

Der Verzicht auf eine parenterale Ernährung und der Beginn eines frühzeitigen oralen Kostaufbaus nach radikaler Zystektomie (<24 Stunden) ist Bestandteil der ERAS® Leitlinie (Enhanced Recovery After Surgery), welche Empfehlungen zum perioperativen Management herausgibt [692]. Roth et al. untersuchten erstmals gezielt den Effekt der parenteralen Ernährung (TPE) (Nutriflex spezial 70/240 (B. Braun, Melsungen, Deutschland)) gegenüber enteraler Ernährung in einer prospektiven und randomisierten Studie an 157 aufgrund eines Harnblasenkarzinoms zystektomierten Patienten [691]. Es konnte keinen Vorteil der TPE gezeigt werden. Die TPE war in dieser Studie mit einer erhöhten Infektionsrate, mutmaßlich durch den einliegenden zentralvenösen Katheter, und höheren Gesamtkosten assoziiert. Weder die Zeit bis zum Wiedereinsetzen der Darmtätigkeit als auch die Gesamtdauer des Krankenhausaufenthaltes waren unterschiedlich. Eine weitere, retrospektive Studie ergab ebenfalls keinen Vorteil für die TPE [711]. Die erhöhte Inzidenz von Bakteriämien in der TPE-Kohorte wurde bestätigt. 

In zahlreichen Studien mit Protokollen zur schnelleren Rekonvaleszenz nach Zystektomie gehören der Verzicht einer TPE und der frühzeitige Beginn eines oralen Kostaufbaus zum festen Bestandteil, wobei der genaue Beginn in den Studien jeweils unterschiedlich definiert wurde. [577][699][700][701][704][705][702][708][694][710][712]. Die Daten deuten darauf hin, dass der Verzicht auf die TPE auch in diesen Studien keinen nachteiligen Effekt nach sich zieht und ggf. Kosten spart. Präoperativ unzureichend ernährte Patienten könnten allerdings von einer TPE hinsichtlich Morbidität und Mortalität profitieren [713].

Hintergrund zu 7.18

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche wurden zwei Studien identifiziert, welche die Wirkung des Kaugummikauens nach radikaler Zystektomie auf die Darmmotilität beschrieben haben [693][694]. Kouba et al. verglichen konsekutiv zystektomierte Patienten ohne postoperatives Kaugummi kauen (n=51) gegenüber Patienten (n=51), welche in einem Folgezeitraum ebenfalls zystektomiert wurden, jedoch ab dem 1. postoperativen Tag Kaugummis erhielten. Sowohl der Zeitraum von der Operation bis zum Abgang von Winden (2,4 vs. 2,9 Tage) als auch bis zum Einsetzen der Darmtätigkeit (3,2 vs. 3,9 Tage) waren bei Patienten, die Kaugummi bekamen signifikant verkürzt (p<0.001). Die Daten aus der Studie von Pruthi et al. beziehen sich auf den Datensatz von Kouba et al. und fördern diesbezüglich keine neuen Erkenntnisse [694][714]. 

Per Handsuche wurde eine prospektive Studie identifiziert, welche randomisiert die Patienten in vier Kategorien eingeteilt hat: offene radikale Zystektomie (ORC) mit (n=15) und ohne (n=17) postoperatives Kaugummi kauen sowie roboterassistierte radikale Zystektomie (RARC) mit (n=15) und ohne (n=13) postoperative Kaugummi kauen [693]. Sowohl in der ORC- als auch in der RARC-Kohorte war das Kaugummi kauen, welches am 1. postoperativen Tag begonnen wurde, mit einer verkürzen Zeit bis zum Auftreten von Winden (ORC: 64 vs. 80 Stunden, RARC: 49 vs. 60 Stunden) bzw. zum Einsetzen der Darmmotilität (ORC: 84 vs. 104 Stunden, RARC 69 vs. 85 Stunden) verbunden.

7.5 Einfluss der Lymphadenektomie im Rahmen der radikalen Zystektomie auf das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben

7.19 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Eine pelvine Lymphadenektomie im Rahmen einer radikalen Zystektomie kann das progressionsfreie, das tumorspezifische und das Gesamtüberleben verbessern.

Evidenzlevel
2-
Konsens
Konsens
Literatur
[715] [716] [717] [718] [719] [720] [721] [722]
7.20 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Durch eine extendierte pelvine Lymphadenektomie werden - verglichen mit einer limitierten pelvinen Lymphadenektomie - signifikant mehr Lymphknoten entfernt sowie eine signifikant höhere Zahl an Lymphknotenmetastasen gefunden.

Evidenzlevel
2-
Konsens
Konsens
Literatur
[604] [723] [724] [725] [726]
7.21 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Eine extendierte pelvine Lymphadenektomie kann - verglichen mit einer limitierten pelvinen Lymphadenektomie - das tumorfreie Überleben vermutlich verbessern. Daten aus prospektiven randomisierten Studien stehen aus. Das Ausmaß der extendierten LA ist bislang noch nicht definiert.

Evidenzlevel
2-
Konsens
Konsens
Literatur
[604] [716] [726] [727] [728] [729] [730] [722] [731]
7.22 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Bei einem invasiven Harnblasenkarzinom soll im Rahmen der radikalen Zystektomie zeitgleich eine beidseitige pelvine Lymphadenektomie erfolgen.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2-
Konsens
Konsens
Literatur
[718] [604] [715] [716] [717] [719] [732] [733] [734] [722]
7.23 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Eine suffiziente beidseitige pelvine Lymphadenektomie umfasst die Entnahme und Beurteilung von mind. 10-16 Lymphknoten.

Evidenzlevel
3
Konsens
Konsens
Literatur
[604] [716] [727] [728] [735] [736] [722] [737]

Hintergrund

Zusammenfassung der Evidenzlage

Im Rahmen der systematische Literaturrecherche bezüglich der Bedeutung einer Lymphadenektomie im Rahmen der radikalen Zystektomie für das progressionsfreie und das Gesamtüberleben konnten ein systematisches Review und ein systematisches Review einschließlich Metaanalyse als relevante Arbeit identifiziert werden [604][726]. In der Arbeit von Tilki et al. wurden 63, überwiegend retrospektive Arbeiten aus dem Zeitraum 1998 bis 2012 eingeschlossen [604]. Diese Arbeiten werden daher nicht gesondert in diesem Kapitel betrachtet. Im systematischen Review einschließlich Metaanalyse von Bi et al. wurden ausschließlich Studien eingeschlossen, die eine extendierte mit einer limitierten pelvinen Lymphadenektomie vergleichen (5 retrospektive und 1 nicht-randomisierte prospektive Studie, Zeitraum 1998-2012) [726]. Die Patientenzahlen für die extendierten Kohorten lagen zwischen 101 und 349 Patienten, für die limitierten Kohorten zwischen 68 und 584 Patienten. Diese Arbeiten werden daher nicht gesondert in diesem Kapitel betrachtet.

Weiterhin konnte die systematische Literaturrecherche 5 nicht-systematische Übersichtsarbeiten mit Aufarbeitung der Literatur von 1973 bis 2013 sowie 22 retrospektive Originalarbeiten aus dem Zeitraum seit 2003 als relevante Arbeiten identifizieren [610][715][716][722][717][718][719][720][724][735][738][739][740][741][742][743][744][745][746][747][748][749][750][751][752][753]. Bei der Mehrzahl der retrospektiven Arbeiten wurden unizentrische Patientendaten untersucht. Multizentrische Daten (n=268–4188) wurden in 6 Studien und Registerdaten in 5 Studien (n=1923-16953 Patienten) untersucht [610][715][716][717][718][719][720][745][746][747][754]. 

Wie bereits von Tilki in dem systematischen Review bzw. in der Metaanalyse von Bi aufgezeigt, finden sich einige Einschränkungen bei der Bewertung der relevanten Literatur. Die zumeist retrospektiven Untersuchungen bieten keine einheitliche Definition der Lymphadenektomiefelder. Die untersuchten Kohorten unterscheiden sich hinsichtlich wesentlicher Parameter wie etwa der Verteilung der Tumorstadien oder dem Patientenalter. Weiterhin sind die statistischen Untersuchungsmethoden deutlich divergierend [604].

Zur Beantwortung der Frage nach Nutzen und Schaden der Lymphadenektomie wurde zusätzlich ein erst kürzlich erschienenes, qualitativ hochwertiges systematisches Review herangezogen [755]. Dieses wurde nicht durch die systematische Literaturrecherche identifiziert, da es erst nach Abschluss dieser publiziert worden ist. Es wurden hierin zwischen 1985 und 2013 23 Arbeiten eingeschlossen (davon 22 retrospektive Arbeiten und eine prospektive nicht-randomisierte Arbeit), mit insgesamt 19793 Patienten. Der Einschluss dieses systematischen Reviews zur Beantwortung führt nicht zu einer Änderung der Evidenzlage.

Aktuell existiert noch keine prospektiv randomisierte Studie zur Fragestellung und daher liegt kein Evidenzlevel 1 vor.

In Kürze sind jedoch die Ergebnisse zweier randomisierte Multicenter-Studien, nämlich einer amerikanischen (SWOG1011), sowie einer deutsche Studie (AUO LEA-Studie) zu erwarten. Diese untersuchen den Einfluss der verschiedenen Lymphadenektomie-Felder (Templates) auf das onkologische Ergebnis (progressionsfreies Überleben und Gesamtüberleben). In der deutschen LEA-Studie wurden 520 Patienten zwischen einer eingeschränkten (oburatorische und externe iliacale Lymphknoten) und einer ausgedehnten Lymphadenektomie (alle Lymphknoten zwischen Beckenboden und Abgang der Arteria mesenterica inferior) randomisiert. Die Rekrutierung der Studie wurde 2010 abgeschlossen, erste Ergebnisse werden 2016 erwartet. 

Die Frage nach einer erhöhten Morbidität durch eine ausgedehnte Lymphadenektomie war keine eigenständige Fragestellung, so dass hier keine gesonderte Literaturrecherche erfolgte. Im Rahmen des systematischen Reviews von Bruins wurden auch die OP-Zeit sowie die Morbidität bei unterschiedlichem Ausmaß der Lymphadenektomie analysiert, welches im Hintergrundtext erläutert wird. Dabei fand sich in 2 von 4 Arbeiten eine signifikant verlängerte OP-Zeit durch eine ausgedehntere Lymphadenektomie [755].

Hintergrundinformation zu 7.19

Bei 25% der Patienten, die aufgrund eines Blasenkarzinoms zystektomiert werden, können histologisch Lymphknotenmetastasen nachgewiesen werden. In großen Zystektomieserien konnte retrospektiv, anhand von multivariaten Analysen, neben dem Tumorstadium der Lymphknotenstatus als ein wesentlicher Prognoseparameter identifiziert werden [604][716][722]. Allerdings wird die Indikation zur Lymphadenektomie uneinheitlich gestellt. Zusätzlich ist die Ausdehnung der Lymphadenektomie sowie die Zahl der entfernten Lymphknoten sehr unterschiedlich. 

Bruins identifizierte 7 Studien mit insgesamt 13833 Patienten, welche das Outcome nach radikaler Zystektomie mit und ohne Lymphadenektomie vergleichen: In all diesen retrospektiven Arbeiten zeigte sich ein besseres Outcome, wenn eine LA durchgeführt wurde [755]. Hierbei wurde in 5 Arbeiten das Gesamtüberleben und in 3 Arbeiten das tumorfreie Überleben analysiert. Eine Arbeit, welche lediglich als Abstract einer Kongresspräsentation vorhanden ist, gab keine Zahlen an, sondern konstatierte lediglich eine Verbesserung des Gesamtüberlebens der pT1-Tumoren, wenn auch eine Lymphadenektomie erfolgte. Nur 2 Arbeiten enthielten auch eine multivariate Analyse.

Zusätzlich konnten 8 weitere Einzelarbeiten identifiziert werden, welche einen Prognosevorteil für Patienten zeigten, die im Rahmen der Zystektomie auch eine Lymphadenektomie erhalten hatten [715][716][722][717][718][719][720]. Hierbei wurde in 5 Fällen das Gesamtüberleben, in drei Fällen das tumorspezifische Überleben und in zwei Fällen das rezidivfreie Überleben als Endpunkt betrachtet. Vier Arbeiten analysierten zwei Endpunkte. Die multivariate Analyse ergab in all diesen Arbeiten die Durchführung der Lymphadenektomie per se als einen unabhängigen Prognosefaktor.

Hintergrund zu 7.20

Die Definition von „extended“ und „limited“ bzw. „Standard“ Lymphadenektomie ist in der Literatur nicht einheitlich. Dies gilt sowohl für die auszuräumende Region (Template) im Rahmen der Lymphadenektomie als auch für die geforderte Zahl der zu entfernenden Lymphknoten.

Hurle sieht nach Durchsicht der Literatur die Grenzen der limitierten LA in der Fossa obturatoria, die der Standard-LA in der Entnahme der LK entlang der A. und V. iliaca externa, in der Fossa obturatoria und entlang der A. iliaca interna [753]. Eine ausgedehnte LA beinhaltet auch die Entfernung der LK entlang der A. iliaca communis bis hin zur Aortenbifurkation und die Entfernung der präsakralen LK.

Hurle arbeitet in seinem systematischen Review auch die Zahl der entfernten LK entsprechend der Ausdehnung der Lymphadenektomie auf. In den 9 größten Serien mit Standard-LA wurden im Mittel 13 Lymphknoten (Range 9-18) entfernt. In den 9 größten Serien mit ausgedehnter Lymphadenektomie waren es im Mittel 31,5 (Range 15-50). Die Schwankungsbreite ist in beiden Serien sehr ausgeprägt. Es liegt keine einheitliche Definition bezüglich der erforderlichen Ausdehnung der LA vor [753].

Beim Vergleich zweier großer Fallserien (Cleveland und Bern) wurden in der Serie mit ausgedehnter Lymphadenektomie im Mittel 22 und in der Serie mit limitierter LA im Mittel 12 LK entfernt. Dies führte auch zu einem signifikanten Unterschied in der Detektion LK-positiver Patienten (26% vs. 13%) [723]. 

Die von Karl und von Kondo aufgearbeitete Literatur bestätigt dieses Ergebnis weitgehend [724][756]. Aber nicht alle Autoren fanden durch eine gesteigerte Zahl an entfernten LK auch eine höhere Rate an LK-Metastasen [756]. Gründe dafür könnten - wie in der Arbeit von Abol-Enein - darin liegen, dass eine bereits ausgedehnte LA (bis zur Aortenbifurkation) mit einer „superextended“ LA (bis zur A. mesenterica inf.) verglichen wurde, was keine weitere Verbesserung des Stagings ergibt [757].

Hintergrund zu 7.21

In der Arbeit von Bruins et al. konnten 14 Studien identifiziert werden, welche eine ausgedehnte LA (extended oder super-extended LA) mit einer limitierten oder Standard Lymphadenektomie verglichen [755]. 

In fast allen Arbeiten (außer 2) wurde hierbei bezüglich des onkologischen Ergebnisses mindestens 1 Endpunkt analysiert (5x OS, 5x RFS , 5xCSS). Zwei Studien analysierten lediglich die OP-Zeit und die Morbidität der unterschiedlichen Ausdehnungen der Lymphadenektomie.

In 6 von 12 Studien konnte ein Prognosevorteil für die jeweils ausgedehntere LA gezeigt werden. Lediglich in 4 Studien zeigte sich kein Unterschied im Überleben zwischen Patienten mit limitierter/Standard-LE und ausgedehnter LA im Rahmen der Zystektomie. In 2 weiteren Studien gab es keinen Unterschied zwischen extended und super-extended LA. Die inkludierten Studien sind sehr heterogen und bis auf eine Studie von Abol-Enein et al. alles vergleichende retrospektive Serien, so dass in der Arbeit von Bruins keine Metaanalyse möglich ist [755][757]. 

Im Rahmen des systematischen Reviews von Bruins et al. wurden auch die OP-Zeit sowie die Morbidität bei unterschiedlichem Ausmaß der Lymphadenektomie analysiert. In 2 von 4 Arbeiten fand sich eine signifikant verlängerte OP-Zeit durch eine ausgedehntere Lymphadenektomie. Bezüglich der Morbidität (Lymphozelen, perioperative Mortalität) konnte kein signifikanter Unterschied gefunden werden [755]. In der Arbeit von Brossner war die Operationszeit für die Zystektomie mit pelviner Lymphadenektomie durch eine ausgedehnte Lymphadenektomie signifikant um bis zu 60 Minuten verlängert ohne dass hierdurch die 30-Tage-Morbidität oder -Mortalität erhöht wird. Andere Autoren konnten dies nicht betätigen. Bezüglicher der Mobidität (Lymphozelen, perioperative Mortalität) konnte kein signifikanter Unterschied gefunden werden. Die Lymphozelenrate wurde mit 0 bis 1,6 % angegeben [758][759]. Die 30-Tage Komplikationsrate war nicht signifikant unterschiedlich [758].

Bi et al. konnte in einem systematischen Review mit Metaanalyse retrospektiver Kohortenstudien zeigen, dass eine ausgedehnte Lymphadenektomie (LA bis zur Aortenbifurkation) ein längeres, rezidivfreies Überleben ermöglicht [726]. Dies betraf sowohl die histologisch LK-negativen wie auch die LK-positiven Patienten mit einem invasiven Blasenkarzinom (>pT2) nach Zystektomie.

In der einzigen prospektiven Studie zur Fragestellung, einer nicht randomisierten, single-center Studie in Ägypten von Abol-Enein et al. mit 400 Patienten wird die Prognose von Patienten mit einer Standard-Lymphadenektomie (LA in der Fossa obturatoria, entlang der A. iliaca interna und externa) verglichen mit Patienten, welche eine „extended“ Lymphadenektomie (LA zusätzlich paraaortal bis zur A. mesenterica inf) erhielten [757]. Die Ausdehnung der LA zeigte sich in der multivariaten Analyse als ein unabhängiger Prognosefaktor bzgl. der tumorfreien Überlebens, und zwar sowohl in der Gesamtstudiengruppe wie auch in der Subgruppe der LK-positiven Patienten, nicht jedoch in der Subgruppe der LK-negativen Patienten. Lymphknotenmetastasen außerhalb des kleinen Beckens kamen jedoch nie isoliert, sondern nur in Kombination mit pelvinen LK-Metastasen vor. Die Autoren definieren daher das kleine Becken mit seinen LK (in der Fossa obturatoria, entlang der A. iliaca externa und interna) als „Sentinel-Region“. Dies entspricht der Region, die von einigen Autoren als Standard-Lymphadenektomie Gebiet von anderen als „Extended“-Lymphadenektomie Gebiet definiert wird [736][757].

Simone verglich in seiner Arbeit 2 große Instituts-Datenbanken mit insgesamt 933 Patienten, um den Unterschied zwischen einer limitierten und einer ausgedehnten Lymphadenektomie zu erarbeiten [728]. Die Zahl der im Mittel entfernten LK war dabei signifikant unterschiedlich (median 18 vs. 29 LK). Dies beeinflusste auch das tumorfreie Überleben signifikant sowie das tumorspezifische Überleben. Das 5-Jahres tumorfreie Überleben betrug 42,6% in der Gruppe, die eine limitierte Lymphadenektomie erhalten hatte, verglichen mit 63,1% in der Gruppe mit ausgedehnter LA. 

May et al. analysierte die Daten von 1291 LK-negativen Patienten, bei denen im Mittel (Median) 12 Lymphknoten entfernt wurden [694]. Er fand, dass die Entfernung von 16 oder mehr LK mit einer deutlichen Verbesserung der Prognose verbunden ist. So zeigte sich eine signifikante Verbesserung des 5-Jahres tumorspezifischen Überlebens von 72% auf 83%, wenn <16 bzw. >=16 LK entfernt wurden.

Herr et al. untersuchte retrospektiv die Patientendaten (n=268) aus einer prospektiven Multicenterstudie zur Wertigkeit der neoadjuvanten Chemotherapie beim muskelinvasiven Blasenkarzinom (SWOG 8710) [722]. Hier zeigte sich, dass die Lymphadenektomie per se sowie die Zahl der entfernten LK (10 LK) unabhängige Prognoseparameter für das tumorfreie Überleben sowie für ein lokales Tumorrezidiv darstellen. Dies zeigte sich sowohl in pN0 wie auch in pN+ Patienten. Gray et al. veröffentlichte 2014 die größte Registeranalyse (national cancer database) bezüglich des Langzeitüberlebens nach Zystektomie, eine retrospektiv Analyse von 16953 Patientendaten [716]. Die multivariate Analyse bestätigte auch hier die Zahl der entfernten LK (10 LK) als unabhängigen Prognosefaktor. Die minimale Zahl von 10 entfernten LK als signifikanter Prognosefaktor findet sich auch in der Arbeit von Wright mit 1260 Patienten [737].

 

Hintergrund zu 7.22

Die Rationale für eine beidseitige Lymphadenektomie findet sich in drei monozentrischen Studien: Mills et al. fand bei einseitigem Blasentumor in 41% LK-Metastasen auf der Gegenseite [732]. Leissner et al. beschreibt einen meist beidseitigen LK-Befall auch bei unilateralem Blasentumor [733]. Im Mansoura Hospital befanden sich in 39-40% der lymphknoten-positiven Patienten diese beidseits im kleinen Becken [734]. 

Eine pelvine Lymphadenektomie soll daher als beidseitige Lymphadenektomie durchgeführt werden und das gesamte kleine Becken bis zur Aortenbifurkation umfassen.

Was unter einer ausgedehnten Lymphadenektomie zu verstehen ist wird in der Literatur unterschiedlich beschrieben. Hurle et al. kommt nach Durchsicht der Literatur zu der Ansicht, dass eine ausgedehnte LA die LK zwischen dem N. genitofemoralis und der A.iliaca externa, die LK entlang der A. und V. iliaca externa, sowie entlang der A. iliaca interna sowie entlang der A. iliaca communis bis hin zur Aortenbifurkation und die Entfernung der präsakralen LK beinhaltet [753]. Dies entspricht auch der aktuell akzeptierten Definition einer ausgedehnten LA, die Standard sein sollte.

Eine „superextended“ LA würde zusätzlich eine Lymphadenektomie paraaortal bis zur A. mesenterica inf. bedeuten, welche bei fehlendem Nachweis von LK-Metastasen im kleinen Becken keine zusätzliche Verbesserung der Prognose mit sich bringt. Zum selben Ergebnis kommt auch Kitamura in seinem systematischen Review [736]. Laut Hurle und Bruins konnte keine erhöhte perioperative Komplikationsrate oder Lymphozelenrate im Rahmen einer ausgedehnteren Lymphadenektomie gefunden werden [753], [755].

Hintergrund zu 7.23

Die Zahl der entfernten Lymphknoten wird in der Literatur als indirektes Maß für die Ausdehnung der Lymphadenektomie angesehen und stellt einen wesentlichen prognostischen Faktor dar [604]. In der Literatur herrscht Uneinigkeit darüber, wie viele Lymphknoten mindestens entfernt werden müssen um ein gutes Überleben nach Zystektomie beim invasiven Blasenkarzinom zu erreichen.

Es existieren hierzu viele monozentrische Studien, aber auch systematische Reviews und eine Metaanalyse [604][724][726][760][761]. Klar scheint, dass die Anzahl der gefundenen Lymphknotenmetastasen mit der Anzahl der entnommenen Lymphknoten steigt. Die minimale Zahl der für ein exaktes Staging erforderlichen Lymphknoten schwankt dabei zwischen 4 und 23. Karl empfiehlt am Ende seiner Literaturaufarbeitung die Entfernung von mehr als 20 LK für ein exaktes Staging [665].

Es existieren allerdings auch starke interindividuelle Unterschiede bezüglich der Zahl der Lymphknoten im kleinen Becken. So können im selben Resektionsgebiet zwischen 8 und 56 LK gefunden werden. Weiterhin scheint die Zahl der histopathologisch beschriebenen LK auch davon abhängig zu sein, ob die LK dem Pathologen als Gesamtpaket oder in mehreren Portionen vorgelegt werden [604][762][763].

Leissner et al. konnte eine signifikante Verbesserung der Prognose zeigen, wenn 16 oder mehr LK im Rahmen der Zystektomie und pelvinen Lymphadenektomie entfernt wurden [764]. Dieser Schwellenwert konnte auch durch die Ergebnisse von May unterstützt werden. Herr beschrieb 2002 einen Schwellenwert von 9 LK [727], 702]. Später konnte er zeigen, dass mit mehr als 14 entfernten LK die beste Prognose erreicht werden konnte (5-Jahres Überleben 79% verglichen mit 33% bei 0-5 entfernten LK) [765].

Gray et al. veröffentlichte 2014 Daten von 16953 Patienten (national cancer database) und definierte eine Zahl von >=10 entfernten LK als einen unabhängigen Prognosefaktor für das Langzeitüberleben nach radikaler Zystektomie [716].

Eindeutig erscheint somit, dass die Zahl der entfernten Lymphknoten auch die Prognose beeinflusst. Dies scheint sowohl für die histologisch LK-positiven Patienten wie auch für die histologisch LK-negativen Patienten zu gelten. Karl arbeitete dies in einem systematischen Review auf [724]. So fand Dhar et al. beim Vergleich zweier großer Fallserien (Cleveland und Bern) einen signifikanten Unterschied im rezidivfreien Überleben der LK-positiven Patienten mit erweiterter Lymphadenektomie [723]. Nach 5-Jahren waren in der Serie mit limitierter LA noch 7% rezidivfrei verglichen mit 35% in der Serie mit „extended“ LA. Auch bei den Patienten mit histologisch negativen Lymphknoten fand sich zwischen den beiden Serien über alle Tumorstadien ein signifikanter Unterschied im rezidivfreien 5-Jahresüberleben. Analoges konnte von Leissner et al. und Wright et al. gezeigt werden [764][766]. 

Da die Prognose der LK-positiven Patienten von der Zahl der befallenen LK abhängt, scheint die LK-Dichte, definiert als die Zahl der befallenen LK zu der Zahl der entfernten LK, ein indirekter Prognoseparameter zu sein. Als Schwellenwert wurde hier in mehreren retrospektiven Fallstudien eine LK-Dichte von 20% definiert. Bei einem Befall von mehr als 20% findet sich ein signifikant schlechteres onkologisches Ergebnis (tumor-spezifisches Überleben) bei pN+ Patienten [596][604][750][765][767][768].

7.6 Indikation zur Urethrektomie

7.6.1 Urethrektomie bei Frauen

7.24 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Tumorbefall des Blasenhalses ist ein unabhängiger Risikofaktor für das gleichzeitige Vorliegen eines Tumorbefalls der Urethra.

Evidenzlevel
3
Konsens
Konsens
Literatur
[622] [769] [770] [771]
7.25 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Tumorbefall der Vaginalvorderwand ist ein unabhängiger Risikofaktor für das gleichzeitige Vorliegen eines Tumorbefalls der Urethra.

Evidenzlevel
3
Konsens
Konsens
Literatur
[622] [769] [772]
7.26 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Bei der Frau kann bei fehlender Infiltration der Vaginalvorderwand und des Blasenhalses ein orthotoper Blasenersatz angeboten werden.

Empfehlungsgrad
0: offene Empfehlung (Option) bzgl. einer Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = kann
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[622] [769] [772]
7.27 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Die intraoperative Schnellschnittuntersuchung des Harnröhrenabsetzungsrandes  der Frau bietet mit einer Sensitivität von 97-100% eine hohe Sicherheit, da eine sehr hohe Korrelation zur endgültigen Histologie besteht.

Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[216] [615] [769] [773] [774]
7.28 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Ist bei der Frau ein orthotoper Blasenersatz geplant, so soll intraoperativ ein Schnellschnitt des Urethraabsetzungsrandes durchgeführt werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[216] [615] [769] [773] [774]
7.29 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Bei Tumornachweis im urethralen Absetzungsrand im Rahmen der intraoperativen Schnellschnittdiagnostik soll eine Urethrektomie erfolgen.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[615] [769]
7.30 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Bei entsprechender Selektion der Frauen zur Anlage eines orthotopen Blasenersatzes ist das isolierte Harnröhren-Rezidiv mit <2% selten.

Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[615] [775] [776]
7.31 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Der orthotope Blasenersatz bei der Frau hat keinen negativen Einfluß auf das onkologische Ergebnis.

Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[615] [775] [776]

Hintergrund

Zusammenfassung der Evidenzlage

Im Rahmen der systematische Literaturrecherche bezüglich der Bedeutung und Notwendigkeit der Urethrektomie im Rahmen der Zystektomie beim Harnblasenkarzinom der Frau konnten ein systematisches Review von 2007 als relevante Arbeit identifiziert werden, welches Literatur von 1956 bis 2006 berücksichtigt [769]. Dabei handelt es sich bei den meisten Arbeiten um retrospektive, unizentrische Studien. Lediglich bei der pathologischen Studie von Stein et al. sowie bei der Follow-up Studie von Ali-el-Dein et al. handelt es sich um prospektive Arbeiten [622], [773], [777]. Insgesamt ist die Evidenzlage dürftig. Aktuell existiert keine prospektiv randomisierte Studie zur Fragestellung. Es liegt daher kein Evidenzlevel 1 vor.

Nach Abschluss der systematischen Literaturrecherche wurde eine aktuelle Multicenter-Studie mit 297 Patientinnen als relevante Studie identifiziert und zusätzlich berücksichtigt [775]. Die evidenzbasierten Empfehlungen änderten sich dadurch nicht.

Die Inzidenz eines Tumorbefalls der Harnröhre konnte in der Übersichtsarbeit von Stein et al. anhand einer Metaanalyse von 7 Arbeiten mit insgesamt 378 Patienten mit 6-46% (im Mittel 12%) ermittelt werden. Signifikante Risikofaktoren waren gleichzeitiger Tumorbefall des Blasenhalses oder der Vaginalvorderwand. Die Inzidenz für ein Karzinom im Bereich des Blasenhalses lag bei 22 %, wobei nur bei ca. 50 % dieser Patienten auch ein Urethrabefall vorlag [769]. 

Ein Tumorbefall des Blasenhalses/Trigonums ist somit zwar ein Risikofaktor für eine Harnröhrenbeteiligung, stellt aber keine absolute Kontraindikation für den Erhalt der Urethra dar. 

Hintergrund zu 7.24

Stein et al. fand in einer prospektiven pathologischen Studie mit 71 Zystektomiepräparaten von Frauen lediglich in 5 Fällen (7%) einen Tumorbefall der Harnröhre, wobei in allen Fällen gleichzeitig auch einen Tumorbefall des Blasenhalses vorlag [773]. 47 Frauen, für die ein orthotoper Blasenersatz geplant war, erhielten intraoperativ eine Schnellschnittuntersuchung des Harnröhrenabsetzungsrandes, welcher zweimal positiv war. Dieses Ergebnis konnte auch in der endgültigen Histologie so bestätigt werden. Es fand sich somit eine 100%ige Korrelation zwischen dem Schnellschnitt-Ergebnis und der endgültigen Histologie der proximalen Urethra. 

In einer anatomischen, retrospektiven Arbeit an 47 Zystektomiepräparaten bei Frauen konnte in 3 Präparaten (7%) eine Harnröhrenbeteiligung nachgewiesen werden, wobei in allen Fällen auch Tumor im Blasenhals/Trigonumbereich nachgewiesen werden konnte [771]. Eine signifikante Korrelation zwischen Tumorbefall des Blasenhalses und der Urethra bestätigte eine weitere pathologische Arbeit an 67 Präparaten [622]. Stein et al. fand in 9 von 67 Präparaten (13%) einen Tumorbefall der Urethra, wobei auch hier in allen Fällen gleichzeitig ein Tumorbefall des Blasenhals vorlag. Bei allen 50 Frauen mit tumorfreiem Blasenhals fand sich auch kein Tumor in der Urethra. Es entwickelte sich auch nach einem Follow-up von 34 Monaten kein Harnröhrenrezidiv. Insgesamt fand sich in 17 Präparaten (25%) ein Tumorbefall des Blasenhalses, wobei nur in 52% (9 von 17) dieser Patienten gleichzeitig auch ein Harnröhrenbefall vorlag [622].

Stenzl et al. konnte in einer großen retrospektiven Studie (n=356) in 2% Urethrabefall nachweisen [770]. Hierbei war der einzige signifikante Risikofaktor das Vorliegen eines Karzinoms im Blasenhalsbereich. Umgekehrt konnte nur bei ca. 50% aller Patientinnen mit Karzinom im Blasenhals auch ein Urethrabefall nachgewiesen werden. Bei allen Frauen ohne Tumornachweis im Blasenhalsbereich war auch immer die Urethra tumorfrei. 

In der Literatur finden sich 2 Arbeiten, welche keine komplette Übereinstimmung zwischen der Histologie der Urethra und der des Blasenhalses zeigen konnten [776], [778], [779]. In der retrospektiven pathologischen Arbeit von Chen et al. mit 115 Patienten, die über einen Zeitraum von 10 Jahren eine Zystektomie erhalten hatten, zeigten 9 Patienten (8%) eine Harnröhrenbeteiligung [778]. Von den 21 Patienten mit Tumorbefall des Blasenhalses zeigten 7 (33%) auch einen Tumorbefall der Urethra. Bei 2 der 9 Patienten mit Tumornachweis in der Urethra fand sich kein Tumor im Blasenhalsbereich. Dieses Ergebnis sollte allerdings insofern relativiert werden, als bei einer dieser Frauen der Blasenhals gar nicht histologisch untersucht wurde. Auch in der retrospektiv analysierten Serie von Jentzmik zeigten 2 von 121 Frauen im intraoperativen Schnellschnitt der proximalen Urethra Tumornachweis ohne dass ein Tumorbefall des Blasenhalses vorlag [776]. In der Nachresektion und in der endgültigen Histologie konnte kein weiteres Karzinom mehr nachgewiesen werden, und keine dieser beiden Frauen entwickelte ein Harnröhrenrezidiv. Das Schnellschnitt-Ergebnis stimmte in allen Fällen mit der endgültigen Histologie überein.

Hintergrund zu 7.25

In der Arbeit von Stein et al. hatten alle Frauen mit Infiltration der Vaginalvorderwand durch das Urothelkarzinom (pT4) auch einen Tumorbefall des Blasenhalses, und von diesen dann wiederum 50% eine Beteiligung der Urethra [622]. Infiltration der Vaginalvorderwand und Infiltration des Blasenhalses sind somit direkt miteinander korreliert und beides unabhängige Risikofaktoren für einen Tumorbefall der Urethra.

Hintergrund zu 7.26 und 7.28

In einer prospektiven Studie mit 145 Patientinnen und einem Follow-up von 17 Monaten sowie in einer retrospektiven Arbeit mit 180 Pat. und einem mittleren Follow-up von 57 Monaten konnte gezeigt werden, dass bei entsprechender Selektion (Blasenhals und Vaginalvorderwand tumorfrei sowie intraoperativer Schnellschnitt (SS) vom Harnröhren-Absetzungsrand negativ) in nur 1,2-1,4% ein isoliertes Lokalrezidiv im Bereich der verbliebenen Urethra auftritt [622], [624], [777]. In der Übersichtsarbeit von Stein et al. konnte anhand einer Metaanalyse von 6 Arbeiten mit insgesamt 463 Patienten und einem Follow-up zwischen 17 und 45 Monaten das isolierte Auftreten eines Urethrarezidivs in 0 bis 4,3% ermittelt werden [769]. In allen Arbeiten galt eine Tumorinfiltration des Blasenhalses als Ausschlusskriterium für einen orthotopen Blasenersatz.

Hintergrund zu 7.27

Wie bereits weiter oben bei der Beschreibung der vorliegenden Studien aufgeführt stimmt der Karzinomnachweis im Harnröhrenabsetzungsbereich der Frau im Rahmen der intraoperativen Schnellschnittuntersuchung fast immer mit dem endgültigen histologischen Ergebnis überein. Die Sensitivität liegt somit bei 97-100% und die Spezifität bei 100% [216], [615], [773], [775], [776]. 

In einer großen Serie von Stein et al. mit 120 Frauen mit Ileumneoblase war in 118 Fällen ein intraoperativer Schnellschnitt des Harnröhrenabsetzungsrandes erfolgt [615]. In 1,7% (2 von 118) war dabei das Ergebnis falsch negativ gewesen. Die Sensitivität des Schnellschnitts betrug somit 98%. Bei den 2 Frauen, die einen intraoperativen Schnellschnitt abgelehnt hatten, wurde jeweils in der endgültigen Histologie Tumor im Bereich der proximalen Urethra nachgewiesen. Von allen 4 Frauen mit Nachweis von Tumor im Absetzungsbereich der Urethra in der endgültigen Histologie entwickelte jedoch keine ein Harnröhrenrezidiv. 

Hintergrund zu 7.29

Entsprechend den Selektionskriterien für einen orthotopen Blasenersatz bei der Frau wurde in der Literatur der intraoperative Nachweis von Karzinom im Harnröhrenabsetzungsrand als Ausschlusskriterium für einen orthotopen Blasenersatz gewertet. Die Urethra wurde entfernt und eine andere Art der Harnableitung gewählt. 

Fand sich in der endgültigen Histologie ein Tumornachweis im Absetzungsrand der Urethra, so zeigte sich dies zwar als Risikofaktor für ein Harnöhren-Rezidiv, aber nur wenige dieser Frauen entwickelten tatsächlich ein solches. In der Studie von Stein ergab die endgültige Histologie in 4 von 120 Frauen einen positiven Absetzungsrand der Urethra [615]. Keine dieser Frauen entwickelte ein Harnröhren-Rezidiv. 

In der Studie von Gakis et al. ergab die endgültige Histologie in 7 der 297 Patientinnen (2,4%) einen Tumornachweis im Absetzungsrand der Urethra, obwohl der Schnellschnitt negativ gewesen war. Nur eine dieser Frauen entwickelte im Verlauf tatsächlich ein Harnröhrenrezidiv [775].

Hintergrund zu 7.30

Die multizentrische Studie von Gakis et al. analysierte das onkologische Ergebnis von 297 Frauen nach Zystektomie und Anlage einer Ileumneoblase [775]. Ausschlusskriterien für einen orthotopen Blasenersatz waren in allen 4 Zentren ein klinisches Stadium T4b, Blasenhalsinfiltration, Lymphknoten-Bulks (cN3), diffuses Carcinoma in situ, multifokale Tumoren sowie ein positiver intraoperativer Schnellschnitt des Harnröhrenabsetzungsrandes. Das mediane Follow-up betrug 64 Monate.

In 7 der 297 Patientinnen (2,4%) ergab die endgültige Histologie einen Tumornachweis im Absetzungsrand der Urethra, obwohl der Schnellschnitt negativ gewesen war. Das entspricht einer Sensitivität des Schnellschnitts von 97,6%. Nur eine dieser Frauen entwickelte im Verlauf tatsächlich ein Harnröhrenrezidiv. Insgesamt entwickelten 7 Patientinnen (2,4%) ein Harnröhrenrezidiv, wobei nur bei 2 Frauen (0,6%) dies als alleiniges Tumorrezidiv auftrat. Eine hatte zusätzlich ein Lokalrezidiv im kleinen Becken und vier weitere hatten Fernmetastasen [775]. Keine der 27 Frauen, bei denen primär eine Tumorinfiltration des Trigonums vorgelegen hatte, entwickelte ein Harnröhrenrezidiv. Dieses Ergebnis widerspricht älteren Arbeiten, die eine Infiltration des Trigonums als Risikofaktor gesehen hatten, wobei hier keine getrennte Analyse für Tumor im Blasenhalsbereich und Tumor im Trigonum durchgeführt wurde [771]. 

Auch in 2 älteren Arbeiten, einer prospektiven Studie mit 145 Patientinnen sowie in einer retrospektiven Arbeit mit 180 Frauen, wurde ein isoliertes Lokalrezidiv im Bereich der verbliebenen Urethra nur in 1,2 -1,4 % der Fälle beschrieben [624], [777].

Hintergrund zu 7.31

Stein et al. konnte in einer retrospektiven Analyse von 120 Frauen mit Ileumneoblase mit einem mittleren Follow-up von 8,6 Jahren exzellente onkologische Ergebnisse präsentieren [615]. Der Erhalt der Urethra beeinflusste nicht das onkologische Ergebnis. Das 5- und 10-Jahres tumorfreie Überleben lag bei 62% und 55%, vergleichbar mit dem der Frauen mit Ileumconduit. Nur eine Frau (0,8%) entwickelte ein Harnröhrenrezidiv und zwei Frauen (1,7%) ein Lokalrezidiv. Ähnliche Ergebnisse zeigte die retrospektive Analyse von 121 Frauen mit Ileumneoblase aus Ulm [776]. Das 5- und 10-Jahres Gesamtüberleben lag bei 72% und 55,8%. 4 Frauen entwickelten ein Lokalrezidiv im kleinen Becken und nur eine (0,8%) ein Harnröhrenrezidiv. Auch eine aktuelle retrospektive multizentrische Studie konnte die exzellenten onkologischen Ergebnisse bestätigen [774]. Das 10- und 15-Jahres tumorfreie Überleben lag in dieser Serie bei 66% und 66%, vergleichbar mit den in der Literatur beschriebenen Ergebnissen mit anderen Harnableitungen.

7.6.2 Urethrektomie bei Männern

7.32 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Multifokalität des Tumors, Art der Harnableitung und Beteiligung der prostatischen Harnröhre sind Risikofaktoren für ein Harnröhrenrezidiv, wobei die Stromainvasion der Prostata den größten Risikofaktor darstellt.

Evidenzlevel
3
Konsens
Konsens
Literatur
[780] [781] [782] [783] [784] [785]
7.33 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Das Risiko eines Harnröhrenrezidivs ist in der defunktionalisierten Harnröhre bei kutaner Harnableitung höher als bei orthotopem Blasenersatz.

Evidenzlevel
3
Konsens
Konsens
Literatur
[786] [787] [783] [784] [788]
7.34 · Evidenzbasiertes Statement 2016

Carcinoma in situ in der Harnblase ist keine Indikation zur Urethrektomie.

Evidenzlevel
2+
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[781] [782] [789] [790] [791]
7.35 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Im Rahmen der radikalen Zystektomie des Mannes soll ein Schnellschnitt des urethralen Absetzungsrandes durchgeführt werden.

Konsens
Konsens
7.36 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Auf eine Urethrektomie im Rahmen der Zystektomie kann verzichtet werden, wenn die Urethra im Absetzungsbereich nicht direkt vom Tumor befallen ist.

Konsens
Konsens

Hintergrund

Zusammenfassung der Evidenzlage

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche bezüglich der Bedeutung und Notwendigkeit der simultanen Urethrektomie im Rahmen der Zystektomie beim Harnblasenkarzinom konnten ein systematisches Review von 2005 als relevante Arbeit identifiziert werden, welche Literatur von 1956 bis 2010 berücksichtigt [782], [791]. Dabei handelt es sich bei den meisten Arbeiten um retrospektive unizentrische Studien. Insgesamt ist die Evidenzlage dürftig und aktuell existiert keine prospektiv randomisierte Studie zur Fragestellung. Es liegt daher kein Evidenzlevel 1 vor.

Hintergrund zu 7.32  

In einer Metaanalyse von Clark et al. aus dem Jahr 2005 konnte das Risiko für ein Harnröhrenrezidiv über alle Patientengruppen und Tumorstadien mit 8-10% ermittelt werden [782]. Eingeschlossen wurden hierbei eine gepoolte Serie von vor 1994 mit einer Inzidenz von 10,1%, eine Metaanalyse mit weiteren 5 Arbeiten mit einer Inzidenz von 8,1% sowie eine große unizentrische Serie mit 436 Patienten, in der die Inzidenz für ein Harnröhrenrezidiv bei 7,9% lag [783], [792], [793]. Als Hauptrisikofaktor über alle eingeschlossenen Studien wurde der Nachweis von Tumor in der prostatischen Harnröhre identifiziert, wobei das Risiko mit der Infiltrationstiefe steigt [785], [780], [783], [781], [782], [787]. Das höchste Risiko findet sich bei Nachweis des Urothelkarzinoms im Stroma der Prostata. Hier entwickeln 18-67 % der Patienten ein Harnröhrenrezidiv [785], [780], [783], [787].

In einer großen retrospektiven Serie von Boorjian et al. mit 1506 männlichen Patienten nach Zystektomie entwickelten 5,6% der Patienten ein urethrales Rezidiv nach einem medianen Follow-up von 13,3 Monaten. In einer multivariaten Analyse konnten hierfür insgesamt 3 unabhängige Risikofaktoren identifiziert werden: Infiltration der Prostata, multifokaler Blasentumor sowie die Art der Harnableitung [784]. Patienten mit einer kutanen Harnableitung entwickelten mit 6,4% (80/1243) deutlich häufiger ein Harnröhrenrezidiv als solche mit einem orthotopen Blasenersatz (2,1%, 5/242).

In einer Arbeit von Huguet et al. mit 729 Männern nach Zystektomie fand sich eine Rezidivrate in der Urethra von 4,6%. Als unabhängige Risikofaktoren konnten ein vorausgegangenes oder gleichzeitig vorhandenes oberflächliches Urothelkarzinom sowie eine Beteiligung der Prostataregion identifiziert werden [794]. Bei einem orthotopen Blasenersatz erlitten 2,2% der Patienten ein Harnröhrenrezidiv, bei einer kutanen Harnableitung 5,5% [794].

In einer koreanischen Arbeit mit 294 Patienten entwickelten 13 (4,4%) ein Harnröhrenrezidiv. Als unabhängige Risikofaktoren konnten ein positiver Urethraabsetzungsrand sowie Tumor in der prostatischen Harnröhre oder im Prostatastroma identifiziert werden [219]. Umgekehrt entwickelten allerdings von den Patienten mit einem Urothelkarzinom in der Prostataregion lediglich 17% tatsächlich ein urethrales Rezidiv.

Hintergrund zu 7.33

In einer Metaanalyse konnte bezüglich des Harnröhrenrezidivs in Abhängigkeit von der Art der Harnableitung eine retrospektive Arbeit von 1996 identifiziert werden, in der in 7,8% ein Urethrarezidiv auftrat [783]. Hierbei zeigten Patienten mit kutaner Harnableitung eine deutlich höhere Rezidivrate als solche mit orthotopen Blasenersatz (2,9% versus 11,1%). Der Unterschied in der Rezidivrate war noch deutlicher, wenn der Tumor in der prostatischen Harnröhre vorlag (5% Harnröhrenrezidive bei orthotopem Blasenersatz versus 24% bei kutaner Harnableitung). Diese Ergebnisse konnten auch in einer großen retrospektiven Serie von Boorjian et al. mit 1506 männlichen Patienten nach Zystektomie bestätigt werden [784]. In 5,6% der Fälle trat ein Harnröhrenrezidiv auf, wobei das Rezidiv bei orthotopem Blasenersatz signifikant niedriger lag als bei kutaner Harnableitung mit defunktionalisierter und belassener Urethra (2,1% versus 6,4%). 

Ähnliches fand sich auch in der Serie von Stein et al. mit 768 Patienten [787]. Er fand insgesamt eine Harnröhren-Rezidivrate von 6%, wobei die Inzidenz beim orthotopen Blasenersatz bei 4% lag, verglichen mit 8% beim Ileumconduit Der wichtigste Risikofaktor hierbei war die Infiltration der prostatischen Harnröhre.

Hintergrund zu 7.34

Ein Carcinoma in situ (CIS) in der Harnblase erhöht das Risiko für ein Urothelkarzinom auch in der prostatischen Harnröhre [782], [789], [790]. So fand sich in einer multizentrischen Studie mit 713 Patienten nach Zystektomie in 330 (46%) ein begleitendes CIS. Bei Patienten mit einer Tumorinfiltration der prostatischen Urethra wurde dabei signifikant häufiger ein begleitendes Carcinoma in situ (CIS) nachgewiesen als wenn die prostatische Urethra tumorfrei war (61% versus 40%). 37% der gesamten Patientengruppe entwickelten im Verlauf ein Tumorrezidiv. Lag ein organbegrenzter Blasentumor vor, so zeigte sich ein begleitendes Carcinoma in situ als ein unabhängiger Risikofaktor für ein Tumorrezidiv im allgemeinen, wobei dies nicht getrennt für das urethrale Rezidiv ausgewertet wurde [789]. In einer Serie von Nixon mit 192 Männern nach Zystektomie bei Urothelkarzinom hatten 30 (15,6%) eine Beteiligung der prostatischen Urethra. In einer multivariablen Regressionsanalyse war hierbei das Risiko für eine Beteiligung der prostatischen Urethra 12-15mal höher, wenn Carcinoma in situ oder multilokuläre Tumoren vorlagen [790]. 

Der Nachweis von CIS in der Harnblase erhöht zwar das Risiko für ein Urothelkarzinom in der prostatischen Urethra, bedingt dadurch jedoch nicht automatisch, dass eine prophylaktische Urethrektomie durchgeführt werden sollte. Wird in der prostatischen Harnröhre kein Tumor nachgewiesen, so kann die Urethra belassen werden [781], [794].

Hintergrund zu 7.35 und 7.36

Prostataresektionsbiopsien, entnommen bei 5 und 7 Uhr vom Blasenhals bis zum Colliculus seminalis, besitzen in Bezug auf einen Tumorbefall der Urethra einen sehr hohen negativen Vorhersagewert mit 96-100%. Daher ist bei fehlendem Nachweis von Tumor in der Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre im Rahmen der TURB eine Urethrektomie nicht erforderlich, da die Urethra mit fast 100%iger Sicherheit tumorfrei sein wird. Ist die Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre positiv, so ist grundsätzlich eine Urethrektomie gerechtfertigt. Bei Patienten, die einen orthotopen Blasenersatz wünschen, sollte eine intraoperative Schnellschnittuntersuchung des Harnröhrenabsetzungsrandes zur endgültigen Entscheidung bezüglich der Urethrektomie herangezogen werden.

In einer retrospektiven Analyse von 101 Männern mit einem Urothelkarzinom der Harnblase (T1G3) hatten 25 (25%) Tumornachweis in der prostatischen Harnröhre und erhielten im Rahmen der Zystektomie zeitgleich eine Urethrektomie [795]. In 18 dieser Zystektomiepräparate (82%) war auch in der endgültigen Histologie Tumor in der prostatischen Harnröhre oder im Prostatastroma nachweisbar. Umgekehrt fand sich bei 3 Patienten, die primär eine negative Resektionsbiopsie der Prostata, hatten, im endgültigen Präparat Tumor in der prostatischen Harnröhre bzw. in der Prostata. Die Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre hatte somit eine Sensitivität von 86% und eine Spezifität von 91%. Der positive Vorhersagewert war 72% und der negative Vorhersagewert 96% [795]. Eine Schnellschnittuntersuchung des Harnröhrenabsetzungsrandes wurde in dieser Serie nicht durchgeführt. Die urethrale Rezidivrate war im Gesamtkollektiv mit 1,9% (2 von 101 Patienten) sehr niedrig.

In einer Serie von Lebret erhielten alle Patienten (n=118) im Rahmen der TURB parakollikuläre Biopsien der prostatischen Harnröhre bei 5 und 7 Uhr [796]. 9 dieser Männer hatten positive Biopsien, aber intraoperativ einen negativen Schnellschnitt des Harnröhrenabsetzungsrandes und erhielten daher keine Urethrektomie. Keiner dieser Patienten entwickelte im Verlauf von 10 Jahren ein Rezidiv. Weiterhin war bei keinem der Patienten mit negativem Harnröhrenabsetzungsrand im Schnellschnitt zuvor in der parakollikulären Resektionsbiopsie Tumor nachgewiesen worden.

In der retrospektiven Arbeit von Kassouf et al. hatte sich bei 22 von 177 Männern mit Ileumneoblase primär ein Urothelkarzinom in der Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre gefunden, aber nur bei einem war der urethrale Absetzungsrand im Schnellschnitt dann positiv [218]. Der negative Vorhersagewert der Resektionsbiopsie betrug somit 99,4%, derjenige der intraoperativen Schnellschnittuntersuchung 100%. Bei keinem Patienten mit negativem urethralem Absetzungsrand im Schnellschnitt zeigte die endgültige Histologie divergente Befunde.  

Donat et al. berichtete in seiner Serie von 246 Patienten mit präoperativer Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre über einen sehr niedrigen positiven Vorhersagewert der Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre in Bezug auf eine Tumorinvasion der Prostata (positiver Vorhersagewert 45%, negativer Vorhersagewert 82%). Insgesamt fand sich in 99 der 246 Patienten (40%) ein Tumornachweis im Bereich der prostatischen Urethra/Prostata, wobei dies in 80 Patienten bereits aufgrund der Resektionsbiopsie bekannt war und in 19 Patienten erst in der endgültigen Histologie diagnostiziert wurde. Nur 11 dieser 99 Patienten (11%) entwickelten ein urethrales Rezidiv. Die Vorhersagekraft der Resektionsbiopsie der prostatischen Harnröhre bezüglich eines urethralen Rezidivs wird daher von den Autoren als gering eingestuft [217]. Allerdings entwickelten Patienten mit positiver Resektionsbiopsie der prostatischen Urethra mit 13,8% (11/80) 4-mal häufiger ein urethrales Rezidiv verglichen mit 3% (4/166) bei negativer Resektionsbiopsie. Die Tumorinfiltration der prostatischen Harnröhre, präoperativ durch die Resektionsbiopsie diagnostiziert, zeigte sich als der beste Vorhersageparameter bezüglich der Entwicklung eines Harnröhrenrezidivs [217].

Die Bedeutung der transurethralen Biopsie der prostatischen Harnröhre nicht nur in Bezug auf eine Tumorinvasion der Prostataregion sondern auch in Bezug auf die Vorhersage eines positiven Absetzungsrandes der Harnröhre und des damit verbundenen urethralen Rezidivrisikos wird unterschiedlich bewertet [217], [218], [781].

Kassouf et al. fand einen negativen Vorhersagewert von 99,4% für einen tumorfreien Harnröhren-Absetzungsrand, vergleichbar mit der intraoperativen Schnellschnittuntersuchung (100% negativer Vorhersagewert) [218]. 

Eine endgültige Bewertung der Bedeutung der transurethralen Biopsie der prostatischen Harnröhre sowie der Schnellschnittuntersuchung in Bezug auf die Entscheidung zur sofortigen Urethrektomie kann derzeit noch nicht abgegeben werden.

Aus praktikablen Gründen empfehlen jedoch viele Autoren eine Resektionsbiopsie der prostatischen Urethra. Bei negativem Befund und einem negativen Vorhersagewert von nahezu 100% kann ggf. eine intraoperative Schnellschnittuntersuchung entfallen. Vor allem kann bereits vor der Zystektomie die Art der Harnableitung mit dem Patienten definitiv besprochen werden.

Uneinheitliche Aussagen ergeben sich auch aus verschiedenen Arbeiten bzgl. der Bedeutung eines positiven Harnröhrenabsetzungsrandes. Bei Donat et al. entwickelten nur 15,4% der Patienten mit positivem Harnröhrenabsetzungsrand tatsächlich ein Tumorrezidiv in der Urethra [217].

Osman et al. fand für die Schnellschnittuntersuchung des Harnröhrenabsetzungsrandes und die Vorhersage einer Tumorinvasion der prostatischen Urethra/Prostata zwar eine hohe Sensitivität (33,3%) und Spezifität (98,8%), deren Bedeutung in Bezug auf die Verhinderung eines urethralen Rezidivs blieb allerdings unklar [797]. Keiner der 10 Patienten mit falsch negativem Schnellschnitt-Ergebnis entwickelte im Verlauf von 5 Jahren ein Tumorrezidiv in der Urethra. Die Bedeutung der prophylaktischen Urethrektomie in Bezug auf das tumorfreie Überleben kann jedoch aktuell aufgrund der heterogenen Datenlage noch nicht abschließend beurteilt werden [798], [799]. Beim Vergleich „sofortige versus verzögerte Urethrektomie“ konnte für Patienten mit einem hohen Risiko für ein urethrales Rezidiv bezüglich Morbidität und tumorfreiem Überleben kein Vorteil für die sofortige Urethrektomie gezeigt werden bezüglich Morbidität und tumorfreiem Überleben [798]. 

Spiess et al. analysierte hierzu aus einer Zystektomie-Datenbank mit 1595 Patienten 76 Patienten, die auch eine Urethrektomie erhalten hatten. 56 von ihnen waren zeitgleich mit der Zystektomie und 19 verzögert (im Mittel nach 4,7 Monaten) nach Erhalt der endgültigen Histologie urethrektomiert worden. Kriterien für die Urethrektomie waren ein positiver Urethraabsetzungsrand oder ein Tumornachweis in der Prostataregion (Urethra oder Stroma). In beiden Gruppen kam es in 15,8% zu einem Lokalrezidiv im kleinen Becken. Es zeigte sich kein Unterschied im tumorfreien Überleben zwischen den beiden Gruppen. In der Arbeit wurde allerdings keine Aussage gemacht über den Unterschied im tumorfreien Überleben zwischen Patienten die prophylaktisch oder erst beim Auftreten eines Rezidivs eine Urethrektomie erhielten [798], [799]. 

Nelles et al. analysierte 2401 Männer aus der SEER-Datenbank, die zwischen 1991 und 2002 eine Zystektomie erhielten, in Bezug auf die Bedeutung der Urethrektomie bezüglich des Überlebens [799]. Von den 2401 Männer erhielten 195 (8,1%) eine Urethrektomie, 103 zeitgleich oder innerhalb der ersten 6 Wochen nach Zystektomie und 92 Patienten beim Auftreten eines urethralen Rezidivs. In einer multivariaten Analyse waren Alter, Rasse, Anzahl der Komorbiditäten und Tumorstadium unabhängige Prognosefaktoren bezüglich des tumorspezifischen Überlebens. Das tumorspezifische Überleben der Männer, die eine Urethrektomie erhalten hatten, war länger als das der Männer ohne Urethrektomie, erreichte jedoch nicht das Signifikanzniveau (p=0,0632). Kein Unterschied zeigte sich zwischen den Patienten, die eine prophylaktische Urethrektomie erhielten und denen, die erst beim Auftreten eines urethralen Rezidivs urethrektomiert wurden [799].

7.6.3 Urethrales Rezidiv

7.37 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Beim Karzinomrezidiv in der Urethra soll in kurativer Intention eine sekundäre Urethrektomie erfolgen.

Konsens
Starker Konsens
7.38 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei Nachweis von Carcinoma in situ in der Harnröhre sollte eine Urethrektomie durchgeführt werden. Alternativ kann ein Therapieversuch mit BCG erwogen werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.37

In der Literatur gilt die Urethrektomie als die Standardtherapie beim Harnröhrenrezidiv, wobei die beiden größten Serien das onkologische Ergebnis von insgesamt 2560 Patienten nach Zystektomie untersuchten [784], [800].

Die Arbeit von Clark et al. mit 1054 Patienten aus dem Jahr 2004 ist aktuell die größte Serie, in der Diagnostik, Behandlung und onkologisches Ergebnis der Patienten mit Harnröhren-Rezidiv nach Zystektomie untersucht wurden bei einem mittleren Follow-up von 10 Jahren [800]. 47 der 843 männlichen Patienten (5,9%) entwickelten ein Urothelkarzinom in der Harnröhre, wobei dies im Mittel nach 18 Monaten auftrat. Von den 47 Männern mit Harnröhrenrezidiv erhielten bei Diagnosestellung 36 eine komplette Urethrektomie, 5 eine distale Urethrektomie (2 davon später eine komplette Urethrektomie). 5 Patienten mit pTa oder CIS in der Urethra erhielten Instillationen mit 5-FU mit oder ohne endoskopische Tumorresektion. Von diesen Männern blieb einer im Verlauf tumorfrei, die anderen starben an der metastasierten Erkrankung. Von den 47 Patienten mit Harnröhren-Rezidiv blieben nur 10 (21%) tumorfrei. Das Tumorstadium des Harnröhrentumors war dabei der wichtigste Prognosefaktor (oberflächliches vs. invasives Karzinom) [800]. Dies widerspricht älteren Daten von Lin et al., der das primäre Tumorstadium der Zystektomie als Prognose-bestimmend definierte [801].

In einer aktuellen retrospektiven Studie mit 1506 Patienten zeigte sich eine signifikant bessere Prognose, wenn das Harnröhrenrezidiv im Rahmen der Nachsorge und nicht erst bei Symptomatik diagnostiziert wurde [784]. Konnte die Diagnose durch die Routine-Zytologie gestellt werden, so lag das tumorfreie 5-Jahres Überleben bei 80% verglichen mit 41% bei Symptomatik.

Hintergrund zu 7.38

Das Carcinoma in situ der Harnröhre nach orthotopem Blasenersatz scheint erfolgreich mit BCG Instillationen therapierbar zu sein. In einer Serie aus Bern entwickelten 15 von 371 Patienten mit orthotopem Blasenersatz (4%) ein Harnröhrenrezidiv, wobei 5 Patienten bei Diagnose bereits metastasiert waren und ausschließlich chemotherapiert wurden. Die anderen 10 Patienten erhielten eine intraurethrale BCG Therapie. Hierbei zeigten die Patienten mit Carcinoma in situ (CIS) das beste Ansprechen. 5 der 6 Patienten (83%) mit CIS in der Urethra blieben im Verlauf tumorfrei. Bei den übrigen 4 Patienten mit papillärem oder invasivem Urothelkarzinom zeigte sich kein Ansprechen auf BCG [786]. 

Beim Nachweis eines Carcinoma in situ oder positiver Zytologie der Urethra ohne endoskopischen Nachweis eines Karzinoms stellt somit eine intraurethrale BCG-Therapie eine Therapieoption dar, durch die in 83% eine Remission erreicht werden kann [786].

7.7 Einfluss einer Verzögerung der radikalen Zystektomie nach Erstdiagnose auf die Prognose von Patienten mit einem muskelinvasiven Harnblasenkarzinom

7.39 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Bei Patienten mit einem muskelinvasiven Harnblasenkarzinom, die keine neoadjuvante Therapie erhalten, soll eine radikale Zystektomie möglichst innerhalb von 3 Monaten nach Diagnosestellung erfolgen.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
2-
Konsens
Konsens
Literatur
[802]

Hintergrund

Zusammenfassung der Evidenzlage

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche bezüglich der Bedeutung des Zeitintervalls zwischen der Diagnose eines muskelinvasiven Harnblasenkarzinoms und der radikalen Zystektomie auf die Progressionsrate konnte ein systematisches Review als relevante Arbeit identifiziert werden [802]. In diesem wurden 12 nicht-randomisierte Studien (1 prospektive Studie, 11 retrospektive Studien) eingeschlossen, die Arbeiten wurden zwischen 1965 und 2006 publiziert. Die eingeschlossenen Arbeiten sind von ihrer Fragestellung nicht einheitlich (Therapieverzögerung ist unterschiedlich definiert). Die eingeschlossene prospektive Studie trifft keine Aussage zu diesem Thema.

Weiterhin konnte die systematische Literaturreche 6 retrospektive Originalarbeiten aus dem Zeitraum seit 2005 als relevante Arbeiten identifizieren [585], [586], [803], [804], [805], [806]. Bei zwei dieser Arbeiten wurde eine jeweils unizentrische Patientenkohorte (n=214 bzw. n=592) untersucht, in den übrigen Arbeiten wurden Patientendaten (n=441-6880) durch die Abfrage aus Registern (Tumorregister, Kostenträger) akquiriert [585], [586], [803], [804], [805], [806].

Wie auch bereits von Fahmy et al. in ihrem systematischen Review aufgezeigt, finden sich einige Einschränkungen bei der Bewertung der relevanten Literatur. Die zumeist retrospektiven Untersuchungen bieten keine einheitliche Definition des Diagnosezeitpunkts. Die untersuchten Kohorten unterscheiden sich hinsichtlich wesentlicher Parameter wie etwa der Verteilung der Tumorstadien oder dem Patientenalter. Weiterhin sind die statistischen Untersuchungsmethoden deutlich divergierend [802]. 

In allen als relevant identifizierten, seit 2005 publizierten Originalarbeiten wurde das Zeitintervall zwischen der Erstdiagnose und der radikalen Zystektomie in Bezug auf die Progressions- und Überlebensrate nur bei Patienten untersucht, die nach Diagnosestellung nicht mit einer neoadjuvanten Chemotherapie behandelt wurden [585], [586], [803], [804], [805], [806]. Das gleiche gilt für die Arbeiten, die im Rahmen des systematischen Reviews von Fahmy et al. untersucht wurden [802]. 

Hintergrund zu 7.39

Abgesehen von der Untersuchung von Nielsen et al. konnte in allen retrospektiven Arbeiten ein Zusammenhang zwischen einem verlängerten Zeitintervall zwischen Diagnosestellung und radikaler Zystektomie und der Überlebensrate bei Patienten mit einem muskelinvasiven Harnblasenkarzinom nachgewiesen werden [585], [586], [803], [804], [805], [806]. 

Zu demselben Ergebnis kommen auch die Autoren des systematischen Reviews in ihrer Analyse, da in 8 der 13 von ihnen untersuchten Arbeiten ein signifikanter Zusammenhang zwischen Therapieverzögerung und schlechter Prognose nachgewiesen werden konnte. Allerdings bezieht sich die Schlussfolgerung nicht nur auf die Bedeutung einer verzögerten radikalen Zystektomie, sondern auf eine Verzögerung der Therapie allgemein. Darunter fällt beispielsweise auch das Zeitintervall zwischen ersten Beschwerden und erstem Kontakt mit dem behandelnden Arzt. Insbesondere die von Fahmy et al. eingeschlossene prospektive Studie behandelt die Frage nach dem Einfluss des Zeitintervalls zwischen TUR-BT und radikaler Zystektomie nicht. Dieser spezielle Punkt wird nur in 5 der 13 eingeschlossenen Arbeiten betrachtet zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen Therapieverzögerung und Überleben des Patienten [802], [807], [808]. 

Der Einfluss auf das progressionsfreie Überleben wurde in keiner der Arbeiten untersucht. Lediglich Daten zum Einfluss einer Therapieverzögerung auf das Risiko eines organüberschreitenden Tumors (≥ pT3) oder eines lymphonodal metastasierten Befundes finden sich im systematischen Review von Fahmy et al. sowie in den retrospektiven Untersuchungen von Lee et al. und Nielsen et al. [802], [803], [804]. Während die Autoren des systematischen Reviews zu dem Schluss kommen, dass durch eine Verzögerung der Therapie sowohl das Risiko eines organüberschreitenden Tumors als auch einer lymphonodalen Metastasierung steigt, konnte dies in den beiden Originalarbeiten nicht bestätigt werden. 

Auch wenn bis auf eine Ausnahme (Nielsen et al.) in allen Untersuchungen ein Zusammenhang zwischen einem verlängerten Zeitintervall zwischen Diagnosestellung und radikaler Zystektomie und der Überlebensrate bei Patienten mit einem muskelinvasiven Harnblasenkarzinom gezeigt werden konnte, ist der genaue zeitliche Zusammenhang zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht klar. Während sowohl die Autoren des systematischen Reviews als auch dreier Originalarbeiten davon ausgehen, dass hinsichtlich der Überlebensrate eine Zeitintervall von etwa drei Monaten zu rechtfertigen ist zeigte sich in anderen Untersuchungen eine Verschlechterung der Prognose bereits nach einem deutlich kürzeren Intervall [585], [802], [803], [805]. So konnte eine kanadische Arbeitsgruppe bei einer retrospektiven Analyse von 2397 Patienten einen Anstieg des Versterberisikos ab einem Zeitintervall von 40 oder mehr Tagen nach stattgehabter transurethraler Blasentumorresektion feststellen. Ebenso konnte eine australische Arbeitsgruppe in einer retrospektiven Untersuchung von 1081 Patienten ein Zeitintervall von mehr als einem Monat zwischen Diagnosestellung und Zystektomie als unabhängigen Einflussfaktor für ein erhöhtes Sterberisiko identifizieren.

7.8 Transurethrale Resektion gefolgt von Radiochemotherapie als Alternative zur radikalen Zystekomie bei Patienten mit muskelinvasivem Urothelkarzinom der Harnblase

7.40 · Konsensbasiertes Statement 2016

Die multimodale, primär organerhaltende Therapie (TUR gefolgt von Radiochemotherapie, Salvage-Zystektomie bei invasivem Rest- oder Rezidivtumor) stellt eine Alternative zur radikalen Zystektomie mit kurativer Zielsetzung für Patienten mit muskelinvasivem Urothelkarzinom dar.   

Konsens
Konsens
7.41 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Die multimodale, primär organerhaltende Therapie sollte Patienten mit lokal begrenzten, muskelinvasivem Urothelkarzinom (cT2-4 cN0/NX M0) angeboten werden, die sich nicht für eine radikale Zystektomie eignen oder die eine Alternative zur radikalen Operation anstreben. Besonders geeignete Patienten sind solche mit frühen Tumoren (cT2N0) ohne Hydronephrose oder assoziiertem Carcinoma in situ, bei denen die initial transurethrale Resektion zur möglichst kompletten Tumorentfernung führt.   

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.40 und 7.41

Das Konzept der primär organerhaltenden Therapie des muskelinvasiven Urothelkarzinoms der Harnblase basiert auf vier wesentlichen Behandlungsbausteinen. Voraussetzung für den Erfolg ist ein eingespieltes interdisziplinäres Team, das die jeweiligen Bausteine der multimodalen Behandlung mit hoher Qualität und zeitlich aufeinander abgestimmt einsetzt [809], [810]. Auf die initiale, möglichst komplette transurethrale Tumorresektion (siehe Kapitel 6.1) mit separater Probeentnahme aus Tumorgrund und Tumorrand folgt zwei bis vier Wochen später eine kombinierte Radiochemotherapie, der sich ein Restaging mit transurethraler bioptischer histologischer Überprüfung des Tumoransprechens anschließt. Die Kontrolluntersuchung mittels TUR-Resektion sollte 4-6 Wochen nach Abschluss der Radiochemotherapie erfolgen. Bei invasivem Resttumor (pT≥1) sollte eine sofortige Salvage-Zystektomie erfolgen. Patienten ohne Tumornachweis im Rahmen des Restagings werden engmaschig nachgesorgt. Im Falle eines invasiven Tumorrezidivs (pT≥1) im Bereich der Harnblase stellt die Salvage-Zystektomie eine kurative Therapieoption dar. Diese ist in etwa 25-30 % der Patienten indiziert: Sie ist integraler Bestandteil des Gesamtbehandlungskonzeptes und darf bei operationsfähigen und –willigen Patienten nicht verzögert werden. Bei nicht-muskelinvasiven Rest- oder Rezidivtumoren (pTa, pTis) kann auch eine TUR mit ggf. intravesikaler Therapie erfolgen (siehe Kapitel 6.4 und 6.5) [811], [812].

Zur Frage des Vergleiches zwischen radikaler Zystektomie und primär organerhaltend intendierter transurethraler Resektion gefolgt von Radiotherapie/Radiochemotherapie liegt zur Frage der Wirksamkeit und Sicherheit bei muskelinvasiven Urothelkarzinomen der Harnblase (cT≥2 Nx M0) eine externe Aufarbeitung der Evidenz durch das Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems vor [813]. Folgende Studiendesigns sollten berücksichtigt werden: Randomisierte und nicht-randomisierte kontrollierte Studien (sowie deren systematische Reviews und Meta-Analysen), prospektive kontrollierte Beobachtungsstudien und (auf die Frage von Nebenwirkungen begrenzt) retrospektive kontrollierte Beobachtungsstudien (n>/=100).  

Eine randomisierte kontrollierte Studie zum direkten Vergleich zwischen radikaler Zystektomie und primär organerhaltender multimodaler Therapie des muskelinvasiven Blasenkarzinoms wurde in Großbritannien aufgelegt (SPARE: Selective bladder Preservation against Radical Excision). Diese Studie konnte allerdings nur 45 Patienten rekrutierten und wurde vorzeitig abgebrochen [814]. Auch liegen gegenwärtig keine prospektiv kontrollierten Beobachtungsstudien für den Vergleich der Wirksamkeit beider Therapiekonzepte hinsichtlich Überlebensdaten (Gesamt- und progressionsfreies Überleben, tumorassoziierte Mortalität) sowie funktionelle Endpunkte (Organerhaltungsrate, Toxizität, Lebensqualität) vor. Mehrere retrospektiv vergleichende Studien zur Wirksamkeit wurden publiziert, methodisch sind diese indirekt-retrospektiven Vergleiche zwischen den Therapieformen aber u.a. durch die Diskordanz zwischen klinischer und pathologischer Stadieneinteilung sowie unterschiedlichen Selektionskriterien und einer ungleichen Verteilung von prognostischen Faktoren sehr limitiert und nicht geeignet, kausale Schlüsse über die vergleichende Wirksamkeit der beiden Behandlungsoptionen zu ziehen [529], [532], [533], [534], [716], [815], [816]. 

Mittlerweile liegen allerdings umfangreiche Erfahrungen aus monozentrischen Serien sowie prospektiven klinischen Therapieoptimierungsstudien zu primär organerhaltenden Behandlungskonzepten mit Langzeitergebnissen vor (siehe folgende zwei Tabellen 1 und 2) [529], [532], [533], [534], [817], [818]. Übereinstimmend werden komplette Remissionsraten nach TUR plus Radiochemotherapie zwischen 60 % und 90 % sowie 5-Jahres-Überlebensraten zwischen 40 % und 75 % mit einem Erhalt der Blase bei ca. 80 % der überlebenden Patienten berichtet. Die Überlebensraten liegen somit im indirekten, nicht-randomisierten Vergleich in der gleichen Größenordnung wie nach radikaler Zystektomie [817]. Als günstige Prognosefaktoren erwiesen sich dabei insbesondere ein frühes Tumorstadium (cT2 N0) sowie eine initial möglichst komplette TUR (R0-Resektion im Rahmen der differenzierten TUR). Demgegenüber stellen lokal fortgeschrittene Tumoren (T4), eine Hydronephrose, multifokale Tumoren sowie ein assoziiertes Carcinoma in situ ungünstige Prognosefaktoren dar [817], [818]. Molekulare Prädiktoren für ein gutes Tumoransprechen auf eine kombinierte Radiochemotherapie werden derzeit intensiv untersucht, eignen sich jedoch bislang noch nicht für eine Therapiestratifizierung außerhalb klinischer Studien [819], [820].

Zur Frage des Vergleichs von akuten und chronischen Nebenwirkungen zwischen primärer Zystektomie und primär organerhaltender, multimodaler Therapie liegen ebenfalls keine prospektiven Daten aus randomisierten Studien oder kontrollierten Beobachtungsstudien vor. Eine retrospektive kontrollierte Beobachtungsstudie mit insgesamt 141 Patienten (65 erhielten eine radikale Zystektomie, 76 eine TUR plus externe Strahlentherapie und interstitielle Brachytherapie) zeigte eine statistisch signifikant geringere Rate an akuten (<3 Monate; RR 0,33; 95 % KI 0,19-0,56) und späten (>3 Monate; RR 0,23; 95 % KI 0,11-0,46 ) Nebenwirkungen zugunsten der primär organerhaltende Therapie im Vergleich zur radikalen Zystektomie [821]. Die Qualität dieser Evidenz ist allerdings nach GRADE als niedrig einzustufen [813]. Eine weitere retrospektive Studie verglich die Lebensqualität (QoL) nach radikaler Zystektomie (n=30) mit der nach primär organerhaltender Therapie (Radiotherapie mit oder ohne Chemotherapie, n=29) und zeigte bessere QoL-Resultate für die organerhaltende Therapie, insbesondere hinsichtlich sexueller Aktivität [822].       

Langzeitdaten aus den größten monoinstitutionellen Serien (Universität Erlangen, Massachusetts General Hospital in Boston) sowie den prospektiven multizentrischen RTOG-Studien berichten nach TUR und Radiochemotherapie über chronische Grad 3-4 Toxizitäten in einer Größenordnung von 5-6 % für urogenitale sowie 2-3 % für gastrointestinale Nebenwirkungen [823], [534], [526]. Die Inzidenz für eine Zystektomie aufgrund einer therapieinduzierten Schrumpfblase lag in der Serie aus Erlangen bei unter 1 % [534]. Chronische Nebenwirkungen des Grades 1-2 werden zwischen 10-25 % für urogenitale (Dysurie, Pollakisurie, Nykturie) und zwischen 5-6 % für gastointestinale Toxizitäten (Diarrhoe, Proktitis) beschrieben [817]. Zwei prospektive Untersuchungen auf Grundlage des QoL-C30- bzw. FACT-BL Fragebogens zur Blasenfunktion belegen die überwiegend guten Ergebnisse nach organerhaltender Radiochemotherapie [824], [825], [826].

Tabelle 38: Prospektive Studien der RTOG zur trimodalen, primär organerhaltenden Therapie des muskelinvasiven Blasenkarzinoms.

Studie  n Klinisches Stadium TUR + Radio-/Chemotherapie Komplettes Therapie-ansprechen (%) Gesamt- überleben (5 Jahre, %) Gesamt- Überleben (5 Jahre, %) mit Erhalt der Blase
RTOG 85-12 [827] 42 T2-4a TUR + 40 Gy á 2Gy mit simultan Cisplatin; Re-staging; Boost 24 Gy á 2 Gy für Therapieansprecher  66 52 42
RTOG 88-02 [828] 91 T2-4a TUR + 2 Zyklen MCV + 39.6 Gy á 1.8 Gy mit simultan Cisplatin; Re-staging; Boost 24.8 Gy á 1.8 Gy für Therapieansprecher  75

62

(4 Jahre)

44

(4 Jahre)

RTOG 89-03 [829] 123 T2-4a TUR + 2 Zyklen MCV vs. keine Induktionschemotherapie + 39.6 Gy á 1.8 Gy mit simultan Cisplatin; Re-staging; Boost 24.8 Gy á 1.8 Gy für Therapieansprecher

61

vs.

55

49

vs.

48

36

vs.

40

RTOG 95-06 [830] 34 T2-4a TUR + 24 Gy á 3 Gy bid mit simultan Cislatin/5-FU; Re-staging; Boost 20 Gy á 1.25 Gy bid für Therapieansprecher 67

83

(3 Jahre)

66

(3 Jahre)

RTOG 97-06 [831] 47 T2-4a TUR + 40.8 Gy á 1.8/1.6 Gy bid mit simultan Cisplatin ; Re-staging ; Boost 24 Gy split á 1.5 Gy bid  für Therapieansprecher 74 61

48

(3 Jahre)

RTO[832] 80 T2-4a

TUR + 40.3 Gy á 1.6/1.5 Gy bid mit simultan Pac/Cisplatin; Re-staging; Boost 24 Gy split á 1.5 Gy bid  für Therapieansprecher; 4 Zyklen adjuvant 

Gem/Cis

81 56 47
RTOG 0233 [833] 93 T2-4a

TUR + 40.3 Gy á 1.6/1.5 Gy bid mit simultan Pac/Cisplatin vs. 5-FU/Cisplatin; Re-staging; Boost 24 Gy split á 1.5 Gy bid  für Therapieansprecher; 4 Zyklen adjuvant 

Gem/Pac/Cisplatin

89

vs.

82

71

vs.

75

67

vs.

71

Gepoole Analyse RTOG 8802 bis 0233 [533] 468 T2-4a

TUR + Radiochemotherapie nach 

RTOG 88-02 bis 023

69

57 (5 Jahre)

36 (10 Jahre)

Krankheitsspeifisches Überleben mit Blase 

59 (5 Jahre)

56 (10 Jahre)

Abkürzungen: RTOG = Radiation Therapy Oncology Group; TUR = Transurethrale Resektion; bid = zweimal täglich; MCV = Methotrexate, Cisplatin, Vinblastine; 5-FU = 5-Fluorouracil; Pac = Paclitaxel; Gem = Gemcitabin; vs. = versus; Gy=Gray

Tabelle 39: Weitere monoinstitutionelle Serien (Auswahl) sowie prospektive Studien zur trimodalen, primär organerhaltenden Therapie des muskelinvasiven Blasenkarzinoms

Studie  n Klinisches Stadium TUR+Radio-/ Chemotheapie Komplettes Therapie-ansprechen (%) Gesamt-überleben (5 Jahre,%) Gesamtüberleben (5 Jahre,%) mit Erhalt der Blase
Housset [834]   120  T2-4  TUR + 24 Gy á 3 Gy mit simultan Cisplatin /5-FU + 20 Gy á 2.5 Gy für Therapieansprecher 77  63  n.g. 
Rödel [535] 415 T1-4 TUR + 50.4 - 59.4 Gy á 1.8 Gy als alleinige RT oder mit simultan Carboplatin, Cisplatin, oder Cisplatin/5- 72 50 42
Efstathiou [529] 348 T2-4a TUR + (2 Zyklen MCV)  + Cisplatin-basierte simultane RT bis ca. 40 Gy (verschiedene Fraktionierungsschema); Re-staging; Cisplatin-basierte Konsolidierungs-RT für Therapieansprecher bis ca. 64 Gy. 72 52 60% Krankheitsspezifisches Überleben mit Blase
Danesi [835] 77 T2-4 TUR + 2 Zyklen MCV + 69 Gy á 1Gy tid mit simultan Cisplatin/5-FU 90 58 47
Tunio [836] 230 T2-4 TUR + 55 Gy á 2.75 oder 64 Gy á 2 Gy mit simultan Cisplatin: RT Blase und Lymphabfluss vs. RT nur Blase 93.1 vs. 92.8 52.9 vs. 51 58.9 vs. 57.1
James [837] 360 T2-4 TUR/Biopsie + 55 Gy á 2.75 oder 64 á 2 Gy mit simultan MMC/5-FU vs. ohne simultane Chemotherapie - 48 vs. 35 Lokoregionäres Krankheitsfreies Überleben (2 Jahre) 67 vs. 54
Abkürzungen: RTOG = Radiation Therapy Oncology Group; TUR = Transurethrale Resektion; bid = zweimal täglich; MCV = Methotrexate, Cisplatin, Vinblastine; 5-FU = 5-Fluorouracil; Pac = Paclitaxel; Gem = Gemcitabin; vs. = versus; Gy=Gray

7.9 Durchführung der TUR-B vor geplanter Radiotherapie/Radiochemotherapie

7.42 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Bei Patienten mit muskelinvasivem Blasenkarzinom, die ein organerhaltendes Vorgehen wünschen, soll eine komplette transurethrale Tumorresektion angestrebt werden. Eine Perforation der Blasenwand soll aber vermieden werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[830] [838] [839] [840] [841] [842]
7.43 · Evidenzbasierte Empfehlung 2016

Bei Patienten mit muskelinvasivem Blasenkarzinom, die ein organerhaltendes Vorgehen wünschen, sollte eine separate Probenentnahme vom Resektionsgrund erfolgen.

Empfehlungsgrad
B: Empfehlung für oder gegen eine Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = sollte/sollte nicht
Evidenzlevel
3
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[534] [843]
7.44 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei Patienten mit muskelinvasivem Blasenkarzinom, bei denen ein organerhaltendes Vorgehen angestrebt wird, sollte ein Carcinoma in situ und/oder Multifokalität abgeklärt werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.42 bis 7.44

In den meisten publizierten Originalarbeiten zu dieser Thematik wird eine komplette bzw. maximale TUR-B vor RT/RCT angestrebt [830], [838], [839], [840], [841], [842]. Diese definiert sich hierbei durch postoperativ makroskopisch nicht mehr sichtbare Tumorresiduen. Allerdings wird nur in wenigen Fällen auf die Technik der TUR-B eingegangen und entsprechend klassifiziert. In der prospektiven Fallserie von Dunst et al. wurde erstmals ein standardisiertes Vorgehen beschrieben, bestehend aus einer sichtbar maximalen TUR-B samt Blasenmapping und Tumorgrundbiopsie [843]. Durch den R-Status der Resektionsgrundbiopsie (R0=mikroskopisch kein Tumornachweis, R1=mikroskopischer Tumornachweis, R2=makroskopischer Tumornachweis) konnten die Autoren den onkologischen Verlauf prognostizieren. So lag die 5-Jahres-Überlebensrate bei initialem R0-, R1- und R2-Status bei 81%, 53% und 31%. Diese Ergebnisse konnten durch die prospektive Fallserie von Rödel et al. an einem Kollektiv von 415 Patienten bestätigt werden [534]. In dieser Studie war der R-Status sogar unabhängiger Prädiktor für eine komplette Tumorremission nach TUR-B + RT/RCT (p=0.002) sowie für das Gesamtüberleben (p=0.003). Dem hingegen konnte in einer aktuellen einarmigen prospektiven Studie von Efstathiou et al. nicht gezeigt werden, dass die komplette TUR-B ein unabhängiger Prädikator für das tumorspezifische Überleben bzw. Gesamtüberleben ist [529]. Allerdings lag die Anzahl kompletter Remissionen nach trimodaler Therapie signifikant höher, wenn schon initial eine maximale TUR-B stattgefunden hatte (79% vs. 57%; p<0.001). Einschränkend muss gesagt werden, dass in dieser Arbeit die Frage nach initial kompletter Resektion rein visuell und nicht histologisch beurteilt wurde. Einen interessanten Ansatz bietet ebenfalls die von Maarouf et al. beschriebene TUR-B Technik [844]. Hierbei wird neben der eigentlichen Tumorresektion ein ca. 1cm breiter Rand sichtbar unauffälliges Urothel reseziert sowie separate Tumorgrundbiopsien genommen. Eine erneute TUR-B wird ca. 2-4 Wochen vor geplanter RCT durchgeführt. Mit dieser Technik konnte die Arbeitsgruppe zeigen, dass eine komplette TUR-B mit einer deutlich höheren Rate an kompletter Remission nach RCT einher geht (60.8% vs. 20%). Allerdings liefert die Arbeit keine Informationen darüber, ob dieses Vorgehen auch einen Einfluss auf das Überleben hat. 

In mehreren Arbeiten wird die zusätzliche Durchführung eines Blasenmappings während der maximalen TUR-B erwähnt [534], [835], [843]. Jedoch liegen keine publizierten Daten vor, ob diese zusätzliche Probenentnahme einen Einfluss auf das Ansprechen nach RT/RCT oder das Überleben hat. Ebenfalls liegen keine Daten vor, ob eine photodynamische Diagnostik im Rahmen der TUR-B vor RT/RCT sinnvoll ist. 

Tabelle 40: Evidenztabelle

Autor Studientyp Anzah Patienten Definitin der TUR-B /R-Status Follow Up Ergebnisse
Dunst 1994 [843][534] Prospektive Fallserie 245

Sichtbar komplette TUR-B + Blasenmapping (mind. 6 Biopsien)

R0: Komplette TUR-B. Kein sichtbarer Resttumor, Blasengrundbiopsien ohne mikroskopischen Tumornachweis


R1: Mikroskopisch inkomplette TUR-B. Kein sichtbarer Resttumor, Blasengrundbiopsie mit mikroskopischen Tumornachweis.


R2: Makroskopisch inkomplette TUR-B. Sichtbarer Resttumor nach TUR-B.


Rx: Keine adäquate Information über Resttumor.

Median 5.9 Jahre

5-J ÜL. R0 = 81%

R1 = 53%

R2 = 31%

Rödel 2002 [534] Prospektive Fallserie 415 Analog zu Dunst et al. Median 5 Jahre R0 unabhängiger positiver Prädiktor für komplettes Ansprechen (p=0.002) und Gesamtüberleben (p=0.003)
Efstathiou 2012 [529] Prospektive Serie 348 Unterteilung sichtbar komplette TUR-B: ja vs. nein 7.7 Jahre Komplette Remission: komplette TUR-B ja=79%, nein=57% (p<0.001). Komplette Remission kein unabhängiger Prädiktor für Gesamtüberleben oder tumorspezi-fisches Überleben.
Maarouf 2010 [844] Prospektive Fallserie 33 Tumorresektion plus ca. 1cm breiter Resektionsrand im sichtbar gesunden Gewebe. Zudem separate Tumorgrundbiopsien genommen. 2-4 Woche später Re-TUR-B vor RCT. 1 Jahr Komplette Remission: komplette TUR-B ja=60.8%, nein=20%

Abkürzungen: TUR-B = Transurethrale Resektion der Blase; R-Status = Resektionsstatus; 5-J-ÜL = 5-Jahres-Überleben; RCT = Radiochemotherapie

 

7.10 Etablierte Bestrahlungskonzepte und simultane Chemotherapeutika für die Radiotherapie/Radiochemotherapie beim muskelinvasiven Urothelkarzinom

7.45 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Im Rahmen eines blasenerhaltenden Vorgehens in kurativer Intention soll eine simultane Radiochemotherapie durchgeführt werden.

Konsens
Konsens
7.46 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Die Radiosensibilisierung im Rahmen der simultanen Radiochemotherapie sollte mit einer Cisplatin-basierten Chemotherapie oder mit einer Kombination von 5-Fluorouracil und Mitomycin C erfolgen.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.45 und 7.46

Mehrere Arbeitsgruppen konnten in zwei prospektiven randomisierten, mehreren kleinen prospektiven und großen retrospektiven Analysen belegen, dass eine simultane Radiochemotherapie der alleinigen Bestrahlung überlegen ist [529], [532], [534], [817], [837], [845], [846]. Cisplatin gilt als das effektivste Chemotherapeutikum sowohl in der Behandlung des lokal fortgeschrittenen und metastasierten Urothelkarzinoms als auch als radiosensibilisierende Substanz im Rahmen der multimodalen blasenerhaltenden Therapie [847]. Erstmals konnte 1996 eine klinische Überlegenheit bezüglich der lokalen Kontrolle in einer prospektiven und randomisierten Studie an 99 Patienten nachgewiesen werden. Die Patienten erhielten entweder eine präoperative oder eine definitive Strahlenbehandlung mit oder ohne Cisplatin (3x 100 mg/m2, q2w). Nach einer Nachbeobachtungszeit von 6,5 Jahren fand sich eine signifikant bessere pelvine Kontrolle im Cisplatin-Arm (P=0.036). Fernmetastasierungsrate und Gesamtüberleben waren nicht unterschiedlich [845].

Eine der weltweit größten, allerdings nicht randomisierten und retrospektiv erfassten Langzeit-Untersuchungen zum Blasenerhalt mit 473 Patienten zeigte, dass die überwiegend Cisplatin-basierte Radiochemotherapie im Vergleich zur alleinigen Radiotherapie nicht nur zu einem deutlich verbesserten Blasenerhalt, sondern auch zu einem deutlich höheren medianen Überleben führte (70 vs. 28.5 Monate, P<0.001) [532].

In der britischen prospektiven, randomisierten BC2001-Studie wurde an 360 Patienten untersucht, ob eine radiosensibilisierende Chemotherapie mit Mitomycin C (12 mg/m2, d1) und 5-Fluorouracil (500 mg/m2, d1-5 und d16-20) die Ergebnisse einer blasenerhaltenden Bestrahlung verbessern könnte. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von etwa 70 Monaten führte die Radiosensibilisierung in der Radiochemotherapiegruppe zu einer signifikant verbesserten lokoregionären Kontrolle (HR 0.68, P=0.03). Das 5-Jahres-Gesamtüberleben betrug 48% vs. 35%, der Unterschied war statistisch nicht signifikant (p=0.16) [837]. Obwohl diese Studie bislang noch keine Verbesserung der Gesamtüberlebenszeit zeigte, handelt es sich bei der signifikanten Verbesserung der lokoregionären Kontrolle durch Hinzunahme der simultanen Chemotherapie um einen klinisch bedeutenden Vorteil, da dies die Voraussetzung für einen erfolgreichen Blasenerhalt darstellt.

Höhergradige Grad 3-4 Akuttoxizitäten (beurteilt nach den National Cancer Institute Common Toxicity Criteria, Version 2) fanden sich bei alleiniger Bestrahlung bei 50/182 (27.5%), im Radiochemotherapie-Arm bei 64/178 (36%) Patienten. Der Unterschied war global statistisch nicht signifikant (P=0.07), hinsichtlich gastrointestinaler Akutnebenwirkungen jedoch etwas höher in der Radiochemotherapiegruppe (9.6 vs. 2.7%, P=0.007). Es fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich höhergradiger RTOG Grad 3-4 Spättoxizitäten mit 15.7% (17/108) nach alleiniger Bestrahlung und 8.3% (10/120) nach Radiochemotherapie (P=0.07) bzw. LENT/SOM Spättoxizitäten 51% (51/100) sowie 54% (63/117; P=0.72).

Zusammenfassend ist die simultane Radiochemotherapie mit Cisplatin oder 5-FU/MMC der alleinigen Bestrahlung überlegen und sollte als Standardvorgehen im Rahmen der multimodalen blasenerhaltenden Therapie angesehen werden. Zukünftige Optionen zur weiteren Verbesserung könnte die Optimierung der simultanen Chemotherapie mit anderen Substanzen, wie z. B. Taxane oder Gemcitabin der additive Gebrauch der regionalen Tiefenhyperthermie oder auch die Einbindung Hypoxie-modifizierender Medikamente in Verbindung mit einer Strahlentherapie sein [833], [848], [849], [850], [851], [852]. Eine alleinige Radiotherapie bei Patienten mit muskelinvasivem Urothelkarzinom soll nur durchgeführt werden, wenn eine simultane Radiochemotherapie nicht durchgeführt werden kann.

In Kombination mit einer simultanen radiosensibilisierenden, zumeist Cisplatin-basierten, Chemotherapie wird in Europa üblicherweise eine konventionell fraktionierte Bestrahlung, d.h. fünf Fraktionen pro Woche mit einer Fraktionsdosis von jeweils 1.8-2.0 Gy, durchgeführt [532], [534], [837]. Bislang konnte nicht belegt werden, dass eine akzelerierte Bestrahlung mit zwei Fraktionen pro Tag einer konventionell fraktionierten Vorgehensweise bei einer gesteigerten akuten gastrointestinalen Toxizität bezüglich der lokalen Kontrolle sowie dem krankheitsfreien und Gesamtüberleben überlegen wäre [529], [853]. 

Trotz erster prospektiver Untersuchungen ist die Bedeutung der elektiven Bestrahlung der pelvinen Lymphabflussgebiete nicht geklärt. Allerdings wird aufgrund der lymphogenen Metastasierungsneigung in höheren Tumorstadien in vielen Institutionen eine Bestrahlung der pelvinen Lymphabflusswege favorisiert [836]. Die Gesamtdosis sollte in elektiv bestrahlten Regionen (z.B. in der Schnittbilddiagnostik unauffällige pelvine Lymphabflußgebiete) 50 Gy nicht wesentlich überschreiten und kann in Regionen mit nachgewiesenem Residualtumor bis zu 60-66 Gy im Sinne einer Boostbestrahlung kleinvolumig aufgesättigt werden [817], [847].

Die Bestrahlung im Rahmen der multimodalen Therapie kann als kontinuierliche Serie (‚continuous course‘) oder als Induktionsbestrahlung bis 40 Gy mit anschließender Konsolidierungsbestrahlung bis etwa 65 Gy (‚split course‘) im Falle einer kompletten Remission in der obligaten Kontroll-TUR-B durchgeführt werden [532], [534], [837]. Bei Non-Respondern nach Induktionsbestrahlung bis 40 Gy (‚split course‘) erfolgt eine frühe Salvagezystektomie [529]. Bislang hat keine prospektive Studie einen Vorteil für die eine oder andere Vorgehensweise belegen können [817]. Aus allgemeinen strahlenbiologischen Erwägungen wird jedoch empfohlen, die Gesamtbehandlungszeit der Radiochemotherapie oder Radiotherapie nicht geplant zu unterbrechen und die Bestrahlungsserie in 6-7 Wochen durchzuführen, um unerwünschte Repopulierungseffekte an den Tumorzellen zu minimieren [854], [855].

Die kleinvolumige Dosisaufsättigung (Boostbestrahlung) kann mit externer Bestrahlung und interstitieller Brachytherapie durchgeführt werden. Insbesondere in den Niederlanden und in einigen frankophonen europäischen Staaten ist ein Brachytherapie-Boost etabliert, allerdings in der Regel in Verbindung mit einer alleinigen Bestrahlung ohne radiosensibilisierende Chemotherapie [540].

7.11 Durchführung des Re-Stagings nach Radiotherapie/Radiochemotherapie

7.47 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Die Beurteilung des Ansprechens sollte frühestens 6 und spätestens 12 Wochen nach Beendigung der RCT stattfinden.

Konsens
Starker Konsens
7.48 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Im Rahmen der Beurteilung des Ansprechens soll eine erneute Zystoskopie mit Probenentnahme aus dem ehemaligen Resektionsgrund erfolgen.

Konsens
Starker Konsens
7.49 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Eine Urinzytologie kann zusätzlich im Rahmen der Beurteilung des Ansprechens durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.47 bis 7.49

Evidenzbasierte Empfehlungen bezüglich des Re-Stagings nach RT/RCT werden durch die Vielzahl an verschiedenen Therapieprotokollen erschwert. Verallgemeinert können zwei verschiedene Therapiekonzepte unterschieden werden. Erstens die Durchführung der kompletten Therapie (Radiatio plus Chemotherapie) mit anschließendem Re-Staging und zweitens die Aufteilung in eine Induktionstherapie (Radiatio plus Chemotherapie) gefolgt von einem Re-Staging mit anschließender Konsolidierungstherapie (Radiatio -/+ Chemotherapie). Zur Vereinfachung beziehen sich die oben genannten Empfehlungen auf das Re-Staging nach kompletter Therapie bzw. auf das erste Follow-up bzw. Re-Staging nach Abschluss von Induktions- und Konsolidierungstherapie. 

Vergleichende Studien zur Bestimmung des optimalen Zeitpunktes für das Re-Staging existieren nicht. Nach Durchsicht der vorhandenen Literatur wird ein Zeitraum von 6-12 Wochen nach Abschluss der RT/RCT für das Re-Staging empfohlen [529], [534], [812], [832], [833], [835], [843], [844], [856], [857], [858], [859], [860]. Dies erscheint sinnvoll, um bei RT/RCT-Versagern die Durchführung einer potentiell kurativen Zystektomie nicht zu verzögern. Zentraler Bestandteil des Re-Stagings und allgemein akzeptierte Empfehlung ist die Durchführung einer Zystoskopie mit Probenentnahme aus dem ehemaligen Resektionsgrund [529], [534], [812], [832], [833], [835], [843], [844], [856], [857], [858], [859], [860]  Die Biopsie wird als notwendig erachtet, da bei unauffälliger Schleimhaut des Tumorbetts ein Tumorresiduum in der Tiefe nicht sicher ausgeschlossen werden kann. 

Keine klare Aussage kann bezüglich der Notwendigkeit einer Urinzytologie im Rahmen des Re-Stagings getroffen werden. Obwohl mehrheitlich in Studien empfohlen, wird in keiner Arbeit auf die Beeinflussung von Therapie und onkologischem Verlauf bei positiver Urinzytologie eingegangen [529], [534], [812], [832], [833], [835], [843], [844], [857], [858]. 

Daten, die eine routinemäßige Bildgebung mittels CT oder MRT rechtfertigen, konnten nicht identifiziert werden. Zwar wurde in verschiedenen Protokollen die Durchführung einer Bildgebung im Rahmen des Re-Stagings aufgeführt, allerdings wird auch hier nicht die Auswirkung auf Therapie und onkologischen Verlauf angegeben [833], [835], [844]. 

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass für alle Empfehlungen die Evidenzlage schwach ist und sie somit auf Expertenmeinung beruhen. 

7.12 Indikation zur Salvage-Zystektomie beim high-risk T1 Urothelkarzinom oder muskelinvasivem Urothelkarzinom nach erfolgter Radiotherapie/Radiochemotherapie

7.50 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Patienten mit muskelinvasivem Urothelkarzinom, die histologisch keine komplette Remission des invasiven Karzinoms nach RCT aufweisen, soll eine Salvage-Zystektomie empfohlen werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.50

Bezüglich der Indikation zur Salvage-Zystektomie nach erfolgter RT/RCT für das high-risk T1 Urothelkarzinom bzw. muskelinvasive Blasenkarzinom müssen drei verschiedene Szenarien unterschieden werden: 

  1. Eine komplette Response nach RT/RCT wird nicht erreicht (Residualtumor).
  2. Nach initial kompletter Response kommt es im weiteren Verlauf zu einem Rezidiv.
  3. Die RT/RCT ist mit einer schwerwiegenden Komplikation (Fisteln, Blutungen, Organfunktionsverlust, starke Schmerzen) verbunden.

Im Folgenden wird die vorhandene Literatur zu allen drei Szenarien diskutiert. Vorab muss jedoch einschränkend erwähnt werden, dass es sich hierbei um Fallserien kleiner bis mittlerer Größe handelt. Prospektiv randomisierte Studien existieren hierzu nicht. 

Zu 1: Primäres Ziel der organerhaltenden Therapie mittels RT/RCT nach maximaler TUR-B ist das Erreichen eines kompletten Tumoransprechens. Diese wird in den meisten Publikationen durch den histologischen Ausschluss eines Residualtumors definiert. Wird ein komplettes Tumoransprechen erzielt, so sind wie z.B. in der prospektiven Fallserie von Weiss et al. tumorspezifische 5- und 10-Jahres Überlebensraten bei initialem high risk T1 Urothelkarzinom von 89 % und 79 % möglich [543]. Für das muskelinvasive Urothelkarzinom werden nach Erreichen einer kompletten Response 5- und 10-Jahres Überlebensraten von 72 % und 68 % berichtet [529]. Wenn kein komplettes Ansprechen erreicht wird, was durchschnittlich in 27 % der Fall ist, wird entsprechend dem Goldstandard in der Therapie des muskelinvasiven Urothelkarzinoms die Salvage-Zystektomie empfohlen [817]. Während durch eine primäre Zystektomie tumorspezifische Langzeitüberlebensraten von bis zu 66.8% nach 10 Jahren erreicht werden können, sind diese nach Salvage-Zystektomie bei RT/RCT-Versagern deutlich geringer [597]. In der Arbeit von Rödel et al. lag die tumorspezifische 5- und 10-Jahres Überlebensrate für diese Subgruppe (n=41) bei 21 % und 18 % [534]. In der Fallserie von Eswara et al. war das tumorfreie 10-Jahres Überleben nach Salvage-Zystektomie aufgrund von RT/RCT-Versagen signifikant (p=0.05) schlechter als nach Salvage-Zystektomie aufgrund eines Rezidivs (38 % vs. 61%) [861]. Als Erklärung hierfür wird die per se ungünstige Tumorbiologie der RT/RCT-Versager angegeben. Patienten, die keine komplette Response erreichen, weisen in ca. 80 % der Fälle ein invasives und in ca. 20 % der Fälle ein nicht-muskelinvasives Tumorresiduum auf [534]. Es stellt sich zumindest für die 20 % der Patienten mit nicht-muskelinvasivem Tumorresiduum die Frage, ob hier nicht auch ein organerhaltendes Vorgehen gerechtfertigt ist. Die Datenlage für dieses Vorgehen ist allerdings schwach. In der Fallserie von Rödel et al. lag die tumorspezifische 5- und 10-Jahres Überlebensrate für Patienten mit nicht-muskelinvasiven Tumorresiduen bei 40 % und 28 % [534]. In einer weiteren Studie der gleichen Arbeitsgruppe, die sich auf initiale high-risk T1 Urothelkarzinome beschränkt, wird über 11 Patienten berichtet, die aufgrund eines Residualtumors (< T1) eine TUR-B -/+ intravesikale Therapie erhalten hatten [543]. In nur 4 von 11 Patienten konnte eine langfristige lokale Tumorkontrolle erreicht werden. Zusammenfassend sollte also Patienten, die kein komplettes Ansprechen nach RT/RCT erreichen, die Zystektomie nahegelegt werden. 

Zu 2: Tumorrezidive nach initial komplettem Ansprechen weisen in etwa 50 % der Fälle ein nicht-muskelinvasives Wachstum auf [529], [862]. In den meisten Arbeiten wird bei Auftreten eines invasiven Tumorrezidivs nach initial organerhaltendem Vorgehen eine Salvage-Zystektomie propagiert [862]. Dem hingegen sind die Therapieempfehlungen bei nicht-muskelinvasivem Rezidiv uneinheitlich. So wurde in der retrospektiven Fallserie von Eswara et al. die Indikation zur Salvage-Zystektomie schon ab einem T1-Rezidiv gestellt [861]. Andere Gruppen hingegen bevorzugten ein organerhaltendes Vorgehen (TUR-B -/+ Instillationstherapie) bei nicht-muskelinvasivem Rezidiv [534], [811], [812]. Prospektiv randomisierte Studien hierzu existieren leider nicht. Generell kann gesagt werden, dass die Salvage-Zystektomie bei Rezidiv mit deutlich besseren Überlebensraten vergesellschaftet ist als die Salvage-Zystektomie bei RT/RCT-Versagen. In der Arbeit von Rödel et al. lag das tumorspezifische Überleben 5 Jahre nach Salvage-Zystektomie aufgrund eines Rezidivs bei 50% und nach Salvage Zystektomie aufgrund RT/RCT-Versagen bei 21% (p=0.01) [534]. Ein ähnliches Bild zeigt sich wie schon zuvor beschrieben in der Arbeit von Eswara bzgl. der rezidivfreien 10-Jahres Überlebensrate [861]. Bei nicht-muskelinvasivem Tumorrezidiv stellte auch das organerhaltende Vorgehen eine Option dar. In der Studie von Weiss et al. wurde bei 64 Patienten mit oberflächlichem Tumorrezidiv (< T1) nach initialer RT/RCT ein organerhaltendes Vorgehen mittels TUR-B -/+ Instillationstherapie angewandt [811]. In 48% der Fälle konnte im weiteren Verlauf kein lokales Rezidiv nachgewiesen werden, 33% zeigten ein nicht-muskelinvasives Rezidiv und 19% ein invasives Rezidiv. Das tumorspezifische 5- und 10-Jahres Überleben bei nicht-muskelinvasivem Tumorrezidiv mit Blasenerhalt lag bei 82% und 50% [811]. In der Studie von Zietman et al. wurde bei 28 von 32 Patienten mit nicht-muskelinvasiven Tumorrezidiv eine organerhaltende Therapie durchgeführt [812]. 64% der Patienten waren im weiteren Verlauf tumorfrei, 25% zeigten ein nicht-muskelinvasives und 11% ein invasives Rezidiv. Das tumorspezifische 5- Jahre Überleben lag bei 74%. 

Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass Patienten mit invasivem Tumorrezidiv nach maximaler TUR-B plus RT/RCT einer Salvage-Zystektomie zugeführt werden sollen. Bei nicht-muskelinvasiven Rezidiven kann sowohl ein organerhaltendes Vorgehen mittels TUR-B -/+ Instillationstherapie als auch eine Salvage-Zystektomie in Erwägung gezogen werden. Die Datenlage reicht nicht aus um eine der beiden Therapieoptionen für das oberflächliche Rezidiv zu präferieren. 

Zu 3: Neben den oben genannten onkologischen Gründen können auch schwerwiegende Komplikationen als Folge der organerhaltenden Therapie (Fisteln, Blutungen, Organfunktionsverlust, starke Schmerzen) eine Salvage-Zystektomie notwendig machen. Hierbei handelt es sich jedoch immer um individuelle Fallentscheidungen, die erst dann zum Tragen kommen, wenn konservative oder minimal-invasive Verfahren zur Behebung der Komplikation versagt haben. Eine spezifische Studie hierfür existiert nicht. Allerdings muss gesagt werden, dass das Auftreten solch schwerer Komplikationen nach RT/RCT selten ist. In der Serie von Cooke et al. wurden 38 von 159 Patienten nach initial organerhaltender Therapie einer Salvage-Zystektomie zugeführt [863]. Von den zu evaluierenden Patienten lag nur bei einem eine schwerwiegende Komplikation in Form von Blasendysfunktion vor. In einer weiteren großen Serie von 348 Patienten mit primär organerhaltendem Vorgehen mussten 102 Patienten zystektomiert werden [861]. Keine dieser Zystektomien erfolgte aufgrund einer schwerwiegenden Komplikation. 

Tabelle 41: Evidenztabelle Salvage-Zystektomie bei RT/RCT-Versagen

Autor Studientyp Anzahl Pati- enten Therapie bei RT/RCT- Versagen Ergebnisse
Rödel 2002 [534] Fallserie 110

Salvage-Zystektomie n=41


TUR-B n=29

Keine Therapie n=40

Salvage-Zystektomie bei RT/RCT-Versagen:

Tumorspezifisches 5-J und 10-J ÜL. 21 % und 18 %


TUR-B plus Instillationstherapie bei nicht-invasiven Tumorresiduen:


Tumorspezifisches 5-J und 10-J ÜL. 40 % und 28 %

Weiss 2006 [543] Fallserie 141

Salvage-Zystektomie n=4


TUR-B + Instillation n=11


Keine Therapie n=1

Keine detailierte Angabe zu Überlebenszahlen bei Nichtansprechen

Für komplettes Tumoransprechen:


Tumorspezifisches 5-J und 10-J ÜL. 89 % und 79 %

Abkürzungen: TUR-B = Transurethrale Resektion der Blase; 5-J-und-10-J-ÜL = 5- und 10-Jahres-Überleben; RT/RCT = Radiotherapie/Radiochemotherapie

 

Tabelle 42: Evidenztabelle Salvage-Zystektomie bei Rezidiv nach RT/RCT

Autor  Studientyp Anzahl Rezidiv nach RT/ RCT invasiv vs. nicht invasiv Folgetherapie Ergebnisse
Rödel 2002 [534]  Fallserie  102 

nicht-invasiv: n=41 (40 %) invasiv: n=51 (50 %)

Becken: n=10 (10 %) 

Salvage Zystektomie n=42  

Salvage- Zystektomie bei invas. Rezidiv:

Tumorspezifische 5-J und 10-J-ÜL 50% und 45% 

Eswara 2012 [861] Fallserie  41 keine Angaben Salvage-Zystektomie 

Salvage-Zystektomie bei Rezidiv:

Tumorfreies Überleben nach 10 Jahren 61 %

Zietman 2001 [812] Fallserie  48 nicht-invasiv: n=32 (67 %) invasiv: n=16 (33 %)

Nicht-invasives Rezidiv: Salvage-Zystektomie n=3 (9.5 %)

TUR-B -/+ Instillationstherapie n=28 (87.5 %)

Keine Therapie n=1 (2.5 %)

Organerhaltendes Vorgehen:

Kein Rezidiv: 64 %

nicht-invasives Rezidiv: 25 %

Invasives Rezidiv: 11 %

Tumorspezifisches 5-Jahres Überleben 74 %.

 

Weiss 2008 [811] Fallserie  134 nicht-invasiv: n=68 (51 %) invasiv: n=66 (49 %)

Nicht-invasives Rezidiv: Salvage-Zystektomie n=4 (6 %)

TUR-B -/+ Instillationstherapie n=64

Organerhaltendes Vorgehen: 

Kein Rezidiv: 48 %

nicht-invasives Rezidiv: 33 %

Invasives Rezidiv: 19 %

5- und 10-Jahres tumorspezifisches Überleben bei nicht-invasivem Tumorrezidiv mit Organerhalt: 82 % und 50 %

Abkürzungen: TUR-B = Transurethrale Resektion der Blase; 5-J-und-10-J-ÜL = 5- und 10-Jahres-Überleben; RT/RCT = Radiotherapie/Radiochemotherapie

 

7.13 Palliative Zystektomie

7.51 · Konsensbasierte Empfehlung 2016

Bei mangelnder Symptomkontrolle (Blutungen, Fäkalurie, Harnaufstau, Schmerzen) durch weniger invasive Maßnahmen kann eine Zystektomie in palliativer Indikation (palliative Zystektomie) auch bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem (pT4b) und/oder metastasiertem (M1) Stadium durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund zu 7.51

In einer palliativen Therapiesituation bei weit fortgeschrittenen und/oder metastasierten Harnblasenkarzinomen können lokale Komplikationen wie Blutungen, Schmerzen, Fäkalurie sowie Bildung von einer vesiko-intestinalen Fistel die Lebensqualität und den Allgemeinzustand der Patienten massiv einschränken. Ist eine Symptomkontrolle durch weniger invasive Maßnahmen wie eine Optimierung der analgetischen Medikation, eine endoskopische Koagulation bei Blutungen oder eine palliative Radiatio zur lokalen Tumorkontrolle nicht möglich oder soll dem Auftreten solcher Beschwerden bereits im Vorfeld entgegengewirkt werden (z.B. drohende Darminfiltration durch den Primärtumor), kann den Patienten eine palliative Zystektomie angeboten werden. Allerdings ist die Datengrundlage für den Einfluss einer palliativen Zystektomie auf die Lebensqualität sowie die onkologische Ergebnisse schlecht. Diesbezügliche prospektive Studien existieren bislang nicht, so dass sich die oben getroffene Empfehlung im Sinne eines Expertenkonsens nur auf einzelne retrospektive Fallserien, Übertragung der Ergebnisse aus Zystektomieserien mit kurativer Intention und die klinische Erfahrung der Autoren stützen kann.

Eine gute lokale Tumor- und damit auch Symptomkontrolle durch eine Zystektomie kann in der Regel auch bei fortgeschrittenen Blasenkarzinomen gewährleistet werden. So liegt etwa die Rate an Lokalrezidiven bei Patienten mit einem pT3- und oder pT4-Tumor in größeren Zystektomieserien zwischen 11 und 16% [525], [518]. 

Allerdings sollte insbesondere das Risiko perioperativer Komplikationen bei den oftmals in ihrem Allgemeinzustand eingeschränkten Patienten, die für eine palliative Zystektomie in Frage kommen, beachtet werden. In einer retrospektiven Untersuchung bei 20 konsekutiv behandelten Patienten, die aufgrund lokaler Komplikationen bei einem T4-Harnblasenkarzinom radikal zystektomiert wurden, zeigten sich bei drei Patienten größere operationsbedingte Komplikationen (akutes Nierenversagen, Lungenembolie, enterokutane Fistelung), bei weiteren 6 Patienten traten geringfügige Komplikationen (Wundheilungsstörungen) auf. Innerhalb des Follow-up von 13 Monaten verstarben alle Patienten mit einem T4b und/oder lymphonodal metastasierten Blasenkarzinom [864]. In einer weiteren Serie waren operationsbedingte Komplikationen deutlich häufiger, 4/7 Patienten verstarben an operativ bedingten Komplikationen innerhalb der ersten 3 Monate [865]. 

Der Einfluss der therapeutischen Intervention auf die Lebensqualität in der palliativen Therapiesituation ist wesentlich für den Patienten bei der Entscheidung für oder gegen die therapeutische Intervention. Nach Kenntnis des Autors liegen allerdings gerade für diese wichtige Frage bei der palliativen Zystektomie keine Untersuchungen vor. Bisherige Untersuchungen bei Patienten, die eine Zystektomie in kurativer Intention erhalten haben, zeigen jedoch, dass zumindest nach 3 und 6 Monaten postoperativ nicht mit wesentlichen Einschränkungen der Lebensqualität zu rechnen ist. 

Patientinnen und Patienten sind ihren individuellen Erfordernissen entsprechend ausführlich über die Therapieoptionen aufzuklären und in die Entscheidung miteinzubeziehen. Zu berücksichtigen sind dabei die Sicherstellung einer adäquaten Schmerztherapie, eine bedarfsgerechte psychoonkologische und psychosoziale Versorgung sowie auch die Wünsche nach Information über ergänzende Maßnahmen und Hilfen (z.B. Krebsberatungsstellen, Selbsthilfegruppen) [866].

Im Rahmen der Aufklärung sollte insbesondere auch auf die Problematik der Harnableitung eingegangen werden. In der Regel sollten im Rahmen einer palliativen Zystektomie Formen der inkontinenten Harnableitung zum Einsatz kommen. Neben einem Ileumconduit (IC) kommen dabei insbesondere Ureterokutaneostomien (UCN) in Frage [867]. Im Gegensatz zu kontinenten Harnableitungen kann die Operationszeit bei IC und UCN deutlich verkürzt und ein intestinales Trauma minimiert werden. Ebenso ist die Rate an postoperativen Komplikationen bei diesen Formen der Harnableitung in der Regel niedriger.

Im Rahmen einer palliativen Zystektomie bei ausgedehnten Harnblasenkarzinomen kann sich intraoperativ durchaus auch eine Infiltration des Darms manifestieren, der die Anlage einer Kolostomie erfordert. Daher sollten alle Patienten im Vorfeld bereits über eine mögliche Erweiterung des Eingriffs informiert werden. Im Sinne eines multidisziplinären Konzeptes sollte darüber hinaus eine frühzeitige Einbindung der Stomatherapie sowie der Viszeral- bzw. Allgemeinchirurgie erfolgen.

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