Leitlinienprogramm OnkologieAnalkarzinom

15. Rehabilitation – Analkarzinom

Version 1.2 · Dezember 2020 · AWMF 081/004OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

Faber, Schmielau, Grohmann, Lugger

15.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2020

Allen Patient*innen mit einem Analkarzinom soll noch vor Abschluss der operativen und / oder strahlentherapeutischen Maßnahmen eine onkologische Rehabilitation als Anschlussrehabilitation (AHB) angeboten werden. Eine Chemotherapie muss zum Beginn der AHB nicht abgeschlossen sein, sondern kann während der Rehabilitation fortgesetzt werden. Eine Ausnahme hierzu stellen Patient*innen mit Analkarzinom dar, welche mittels lokaler Exzision im Gesunden kurativ behandelt wurden, diesen kann eine onkologische Rehabilitation als Anschlussrehabilitation angeboten werden.

Konsens
Starker Konsens

Hintergrund 15.1

Alle Patient*innen sind über die gesetzlichen Möglichkeiten zu Anschlussrehabilitation (AHB), Heilbehandlung und ambulanten Rehabilitationsangeboten eingehend zu informieren und zu beraten. Hierzu sollen die jeweiligen primärbehandelnden Ärzt*innen und Sozialarbeiter*innen zusammenarbeiten. Die onkologische Rehabilitation ist bei Patient*innen mit Analkarzinom nach Abschluss der Primärtherapie der nächste Therapieschritt, um in die alltägliche familiäre, soziale und berufliche Normalität zurückzufinden. 

Globales Gesamtziel der onkologischen Rehabilitation ist die Wiedererlangung eines körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Bei bleibenden Krankheitsfolgeschäden soll durch Begleitung und Betreuung Hilfestellung gegeben werden, unvermeidliche Behinderungen und Beschwerden zu akzeptieren oder zu kompensieren und das Leben wieder zur eigenen Zufriedenheit eigengestalterisch zu führen. Die onkologische Rehabilitation hat das Ziel, eine erheblich gefährdete oder bereits geminderte Erwerbsfähigkeit wesentlich zu bessern oder wiederherzustellen, zumindest aber eine Verschlechterung abzuwenden. Durch die onkologische Rehabilitation soll die Wiedereingliederung in den Alltag und / oder das berufliche Leben ermöglicht oder erleichtert werden.

Die Rehabilitationsfähigkeit ergibt sich aus einer positiven Motivation der Patient*innen und der körperlichen und psychischen Fähigkeit, die angebotenen Reha-Programme zielorientiert zu nutzen. Die Patient*innen sollten ausreichend motiviert sein, die Rehabilitation in Anspruch zu nehmen und zielorientiert zu nutzen und sowohl physisch wie auch psychisch in der Lage sein, an den in Rahmen der Reha-Programme angebotenen physikalischen und edukativen Maßnahmen teilnehmen zu können. Hierfür sollte eine ausreichende Selbständigkeit bestehen und der Barthel-Index bei mindestens 50 liegen. Darüber hinaus müssen die somatischen und psychischen Auswirkungen der Erkrankung und / oder der medizinischen Maßnahmen rehabilitativ beeinflussbar und durch die Rehabilitation beseitigt oder gelindert werden können. Eine drohende Pflegebedürftigkeit oder längere Arbeitsunfähigkeit sollte durch die onkologische Rehabilitation vermieden werden können.

Der Rehabilitationsbedarf im somatischen und psychosozialen Bereich ergibt sich aus der Feststellung der Krankheits- und Behandlungsfolgestörungen in Orientierung an Einteilungsprinzipien der ICF-Klassifikation der WHO (2001). Diese lassen sich in Funktionsstörungen, Fähigkeitsstörungen, Beeinträchtigungen sowie Kontext- und Risikofaktoren detaillierter unterscheiden und auch kodiert erfassen.

Entsprechend erfordert die Beurteilung von Rehabilitationsbedürftigkeit (z. B. im Rahmen des Antragsverfahrens) neben Betrachtung der bio-medizinischen Gesundheitsprobleme die Berücksichtigung bio-psychosozialer Beeinträchtigungen.

15.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2020

In der onkologischen Rehabilitation von Patient*innen mit Analkarzinom sollen die folgenden Inhalte erfüllt werden:

  • Erfassung aller wichtigen Daten zur Erkrankung und Begleiterkrankungen sowie zu den durchgeführten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen,
  • Diagnostik der Funktionsstörungen (nach ICF),
  • Fortführung und Optimierung der medikamentösen Therapie der Grund- und Begleiterkrankungen, ggf. Fortsetzung auch der medikamentösen Tumortherapie,
  • Training von Restfunktionen, Ausbildung von Kompensationsfähigkeiten,
  • Information über die Erkrankung sowie die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen,
  • Hilfe bei der Krankheitsverarbeitung,
  • Beratung und auf Wunsch Kontaktaufnahme zu bestehenden ambulanten Netzwerken (Sozialsprengel, Selbsthilfegruppen, Pflegeinstitutionen, etc.),
  • Verhaltensmodifikation hin zur gesunden Lebensweise,
  • Sozialmedizinische Beurteilung,
  • Beratung in Hinblick auf berufliche Tätigkeit,
  • Planung der Nachsorge.
Konsens
Starker Konsens

Hintergrund 15.2

In der onkologischen Rehabilitation erfolgen in einem multidisziplinären Setting basierend auf ICF und bio-psycho-sozialem Model: 

  • Diagnostik der Folgestörungen von Krebserkrankung und –therapie
  • Erstellung eines individuellen Rehabilitationsplanes
  • Multidisziplinäre Behandlung der spezifischen Folgestörungen
  • Sport- und Physiotherapeutisches Trainingsprogramm zur Steigerung von Kraft und Kondition sowie zur Überwindung oder Kompensation spezifischer Folgestörungen, Linderung der Fatigue [264]
  • Physikalische Therapie, Hilfsmittelversorgung einschließlich Stomaversorgung und –betreuung sowie Stimulationstherapien
  • Sensomotorisches Training zur Reduktion polyneuropathischer Beschwerden [265]
  • Ergotherapie
  • Psychoonkologisches Angebot mit Einzel- und Gruppenangeboten, Entspannungsverfahren, Kreativtherapien
  • Soziale Beratung zur beruflichen, häuslichen, familiären oder sozialen Situation einschließlich einer Rechtsberatung nach geltender Sozialgesetzgebung / Arbeitsrecht
  • Sexualmedizinische Beratung und Beratung über Sexualprobleme im Zusammenhang mit der Erkrankung
  • Informationsvermittlung zur Erkrankung und zu gesunder Lebensführung einschließlich einer ernährungsmedizinischen Unterweisung
  • Motivation und Schulung zu gesunder Lebensführung sowie zum eigenverantwortlichen Umgang mit Erkrankung und Gesundheit
  • Information über komplementärmedizinische Verfahren

Folgestörungen von Analkanal- und Analrandkarzinomen sowie der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen können eine Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit mit sich bringen. Insbesondere eine Radiochemotherapie kann die Ausbildung einer Fatigue fördern. Neben Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie, zu der es einzelne Interventionsstudien gibt, hat sich Sport bzw. körperliche Aktivität in Meta-Analysen als effektive Maßnahme zur Reduktion der Fatigue bei soliden Tumoren erwiesen [264]. Wird ein Trainingsprogramm bereits parallel zur Chemotherapie durchgeführt, kann diese die Ausbildung einer Fatigue lindern. Chemotherapeutika wie Cisplatin, welche in der Behandlung des Analkarzinoms Anwendung finden, können eine sensorische, periphere Polyneuropathie auslösen. Neben Missempfindungen können Beeinträchtigungen der Tiefensensibilität auftreten, die zu Gleichgewichtsstörungen und damit zu Gangstörungen führen können. Für neurotoxische Chemotherapeutika konnte ein positiver Effekt eines präventiven sensomotorischen Trainings zeitgleich mit einer Chemotherapie gezeigt werden [265]. Auch nach Abschluss einer Chemotherapie verbessert sich durch derartige Interventionen, die z. B. während einer Rehabilitation wahrgenommen werden können, die Lebensqualität der Patient*innen.

Nach einer Krebserkrankung besteht ein erhöhtes Risiko für Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzwechsel, Reduzierung der Stundenzahl und geringere Entlohnung. Eine wichtige Aufgabe der onkologischen Rehabilitation ist es zu helfen, diese Nachteile und Risiken auszugleichen:

  • Reicht die Leistungsfähigkeit mittelfristig für die Anforderungen am Arbeitsplatz aus?
  • Kann die Tätigkeit weiterhin im bisherigen zeitlichen Umfang ausgeübt werden?
  • Wird eine leidensgerechte Ausstattung des Arbeitsplatzes benötigt?
  • Ist ein innerbetrieblicher Arbeitsplatzwechsel erforderlich?
  • Werden Leistungen zur Teilhabe benötigt (z.B. berufliche Weiterbildungsmaßnahmen)?
  • Ist die Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben aufgehoben?

Die onkologische Rehabilitation ist geeignet, Patient*innen auf ihrem Weg zurück ins Erwerbsleben kompetent zu unterstützen. Dabei wird sie dem Auftrag aus dem Grundgesetz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG) und dem Sozialgesetzbuch IX „Recht auf Teilhabe“ (Art. 1 SGB IX) gerecht.

Im ärztlichen Entlassbericht der Rehabilitationsklinik wird für die Patient*innen, die sich im erwerbsfähigen Alter befinden, eine sozialmedizinische Leistungsbeurteilung erstellt, die sich neben der Beurteilung des bisherigen Tätigkeitsprofiles auch auf die Leistungsfähigkeit für den allgemeinen Arbeitsmarkt bezieht.

Zum Ende der Rehabilitation sollen die Nachsorge (ärztlich, pflegerisch, psychologisch, sozialmedizinisch) und Maßnahmen der medizinischen und beruflichen Rehabilitation geregelt sein.

 

 

[11][8][9][12][13][1][266][267][3][4][6][7][2][5] [10]

Literaturhinweise

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[7] Meerpohl, J. J., Langer, G., Perleth, M., Gartlehner, G., Kaminski-Hartenthaler, A., Schunemann, H., [GRADE guidelines: 3. Rating the quality of evidence (confidence in the estimates of effect)], Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes, 2012. 106(6): p. 449-56., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22857733

[2] Guyatt, G. H., Oxman, A. D., Vist, G., Kunz, R., Brozek, J., Alonso-Coello, P., et.al. GRADE guidelines: 4. Rating the quality of evidence--study limitations (risk of bias), J Clin Epidemiol, 2011. 64(4): p. 407-15., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21247734

[5] Guyatt, G. H., Oxman, A. D., Kunz, R., Woodcock, J., Brozek, J., Helfand, M., et.al. GRADE guidelines: 8. Rating the quality of evidence--indirectness, J Clin Epidemiol, 2011. 64(12): p. 1303-10., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21802903

[10] AWMF - Association of Scientific Medical Societies, Das AWMF-Regelwerk Leitlinien, 2012., https://www.awmf.org/regelwerk/