Leitlinienprogramm OnkologiePsychoonkologie

11. Patient*innenzentrierte Kommunikation – Psychoonkologie

Version 2.1 · August 2023 · AWMF 032-051OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

11.1 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2023

Patient*innenzentrierte Kommunikation bezeichnet ein kommunikatives Verhalten, das den*die Patient*in in seiner*ihrer aktuellen körperlichen, emotionalen und sozialen Situation wahrnimmt, seine*ihre persönlichen Werte, Bedürfnisse und Präferenzen berücksichtigt und seine*ihre Selbstkompetenz, Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit fördert.

Konsens
Starker Konsens (100%)
Änderungshinweis11.5 Patientenzentrierte Kommunikation bezeichnet ein kommunikatives Verhalten, das den Patienten in seiner aktuellen körperlichen und emotionalen Verfassung wahrnimmt, seine persönlichen Werte, Bedürfnisse und Präferenzen berücksichtigt und seine Selbstkompetenz, Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit fördert.
11.2 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Kommunikation mit Krebspatient*innen und ihren Angehörigen soll durch alle in der Onkologie tätigen Berufsgruppen patient*innenzentriert erfolgen, das heißt sich an den individuellen Anliegen, Bedürfnissen, Werten und Präferenzen der Patient*innen und Angehörigen hinsichtlich Information, Aufklärung und Beteiligung an Entscheidungen orientieren.

Konsens
Starker Konsens (100%)
Änderungshinweis11.6 Kommunikation mit Krebspatienten und ihren Angehörigen soll durch alle in der Onkologie tätigen Berufsgruppen patientenzentriert erfolgen. Sie soll sich an deren individuellen Anliegen, Bedürfnissen und Präferenzen hinsichtlich Information, Aufklärung und Beteiligung an Entscheidungen orientieren. Diese sollen wiederholt im Krankheitsverlauf, insbesondere in kritischen Krankheitsphasen (Diagnose, Rezidiv/Progredienz), erfragt werden.
11.3 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Die kommunikativen Präferenzen von Krebspatient*innen und ihren Angehörigen sollen wiederholt im Krankheitsverlauf, insbesondere in kritischen Krankheitsphasen (Diagnose, Progress/Rezidiv), erfragt werden.

Konsens
Konsens (88%)
ÄnderungshinweisDie original Empfehlung (11.6) ist in zweigeteilt (neu 11.2 + 11.3)

11.1 Grundprinzipien und Einsatz patient*innenzentrierter Kommunikation

11.4 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Eine patient*innenzentrierte Kommunikation soll sich an den nachfolgenden Grundprinzipien orientieren:

  • Herstellen einer angemessenen, ungestörten Gesprächsatmosphäre
  • Ausreichend Zeit
  • Aufbau einer tragfähigen, förderlichen Beziehung zu dem*der Patient*in und den Angehörigen
  • Gesprächsführung auf der Basis des aktiven Zuhörens
  • Exploration des subjektiven Informationsstands des*der Patient*in
  • Direktes und einfühlsames Ansprechen emotional belastender Themen
  • Vermittlung von bedeutsamen Informationen in einer verständlichen, möglichst einfachen Sprache
  • Ehrliche Vermittlung von Risiko und Prognose, die Raum für realistische Hoffnung lässt
  • Einsatz von Strategien, um das patient*innenseitige Verständnis und das Behalten von Informationen sicherzustellen
  • Ermutigung, Fragen zu stellen
  • Ermutigung, Gefühle auszudrücken
  • Ausdruck emotionaler Unterstützung
  • Rückversichern, ob der*die Patient*in die relevanten Informationen in der intendierten Weise verstanden hat
  • Einbeziehen von Angehörigen oder Bezugspersonen in Abhängigkeit vom Wunsch des*der Patient*in
  • Anbieten weiterführender psychologischer und sozialer Angebote
Konsens
Konsens (94%)
ÄnderungshinweisEine patientenzentrierte Kommunikation sollte sich an den nachfolgenden Grundprinzipien orientieren: Gewährleistung einer atmosphärisch angemessenen und ungestörten Umgebung ohne Unterbrechungen Aufbau einer tragfähigen Beziehung zum Patienten Gesprächsführung auf der Basis des Aktiven Zuhörens direktes und einfühlsames Ansprechen schwieriger Themen Vermittlung von bedeutsamen Informationen in einer patientennahen Sprache unter Vermeidung von medizinischem Fachvokabular, ggf. Erklärung von Fachbegriffen. Sie soll aufrichtig sein und gleichzeitig Raum für realistische Hoffnung lassen Verwendung von Strategien, um das Verständnis zu verbessern (Wiederholung, Zusammenfassung wichtiger Informationen, Nutzung von Grafiken u.ä.) Ermutigung, Fragen zu stellen wie auch Gefühle auszudrücken Einbeziehung von Angehörigen oder Bezugspersonen in Abhängigkeit vom Wunsch des Patienten Anbieten weiterführender Hilfen
11.5 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2023

Um eine patient*innenzentrierte Kommunikation zu fördern, können im Rahmen eines Aufklärungsgesprächs empirisch bewährte Hilfsmittel, wie z.B. Fragenlisten, Informationsbroschüren, Faktenboxen oder Entscheidungshilfen eingesetzt werden.

Konsens
Konsens (94%)
11.6 · Konsensbasiertes Statement · neu 2023

Im Rahmen der Digitalisierung des Gesundheitssystems findet die Kommunikation zwischen Behandelnden und Patient*in zunehmend über digitale Medien statt. Die Interaktion über digitale Medien weist einige Besonderheiten auf. Hierzu gehört z.B. die Tendenz zu kurzen prägnanten Satzfragmenten und der häufige Gebrauch von Abkürzungen. Diese Besonderheiten können die Qualität der patient*innenzentrierten Kommunikation einschränken. Patient*innenzentrierte Kommunikation über digitale Medien erfordert somit eine reflektierte Haltung und ein reflektiertes Vorgehen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
11.7 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2023

Das Übermitteln schlechter Nachrichten ("bad news") soll nicht am Telefon oder über digitale Medien erfolgen, sondern in einem persönlichen Kontakt.

Konsens
Starker Konsens (100%)
11.8 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2023

In begründeten besonderen Situationen oder bei ausdrücklichem Wunsch des*der Patient*in können telemedizinische Medien für die Übermittlung schlechter Nachrichten genutzt werden.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Die Umsetzung patient*innenzentrierter Kommunikation stellt eine zentrale Aufgabe aller in der Onkologie tätigen Berufsgruppen dar. Angesichts der beschriebenen Funktionen patient*innenzentrierter Kommunikation liegt es nahe, dass diese in allen Phasen der Patient*innenversorgung, von der Diagnostik bis zur Nachsorge, relevant ist. Als grundlegende Kernkompetenzen einer patient*innenzentrierten Kommunikation sind anzusehen [1037] [1038] [1039]:

  • Vor dem Gespräch: Sichten der verfügbaren medizinischen Informationen; Erstellen von Zielen für das Gespräch; Antizipation der Bedürfnisse und Reaktionen des Patienten und der Angehörigen
  • Exploration des Kenntnisstands des*der Patient*in; gemeinschaftliche Themensetzung; Stärkung von Vertrauen und Zutrauen in die Behandelndenkompetenzen; Herstellen eines partnerschaftlichen Vorgehens
  • Vermittlung aktueller Informationen, orientiert an den patient*innenseitigen Anliegen und den Präferenzen für Informationen
  • Verständnis des*der Patient*in überprüfen; Dokumentation wichtiger Themen, die erörtert wurden
  • Möglichkeiten für Rückfragen eröffnen; wichtige Informationen wiederholen und zusammenfassen
  • Empathisches Eingehen auf verbale und nonverbale emotionale Äußerungen des*der Patient*in; Ausdruck von Respekt und Anteilnahme; Vermittlung von Hoffnung; Gebrauch allgemein verständlicher Sprache

Als klinisch besonders relevante Situationen stellen Gilligan et al. [1040] heraus: Besprechung der Behandlungsziele und der Prognose; Besprechung der Behandlungsoptionen inklusive der Teilnahme an klinischen Studien; Besprechung der Versorgung am Lebensende; Einbezug von Familienangehörigen in die Versorgung; Umgang mit Hindernissen in der Kommunikation (z.B. fremdsprachige Patient*innen, Einsatz von Dolmetscher*innen, Patient*innen mit einer niedrigen Gesundheitskompetenz); Besprechung der Kosten der Behandlung sowie die bedürfnisgerechte Versorgung unterversorgter, marginalisierter Gruppen (Minoritäten).
Aktuelle Entwicklungen der personalisierten Onkologie/Präzisionsonkologie bedingen ebenfalls klinisch relevante Situationen mit einer hohen kommunikativen Herausforderung. Patient*innen, die einer molekularen Diagnostik zustimmen und ggf. eine neuartige Immuntherapie erhalten, haben ein hohes Informationsbedürfnis, oft ein begrenztes Verständnis für das Ziel der Diagnostik, unrealistische Erwartungen an die Therapie und ein Gefühl der Unsicherheit [1041] [1042] [1043][1044] [1045]. Das Herstellen einer informierten Zustimmung, partizipative Entscheidungsfindung, Berücksichtigung der Patient*innenautonomie, und die Vermittlung einer mit Unsicherheit behafteten Prognose stellen charakteristische Aufgaben der Ärzt*innenkommunikation in dieser Situation dar. Zudem gilt es, die Reaktionen der Patient*innen angesichts des Ergebnisses der Diagnostik und der resultierenden Optionen im Gespräch aufzugreifen [1046][1047]. Nach Kaphingst et al. [1048] bestehen hier noch deutliche Forschungslücken zu den Effekten der Kommunikation zwischen Behandelnden und Patient*in.
Es liegen verschiedene Handlungsempfehlungen zum strukturierten Vorgehen (heuristische Modelle) vor, die Behandelnden dabei helfen, das Patient*innengespräch zu strukturieren und kommunikative Herausforderungen zu meistern. Sie basieren auf empirischen Ergebnissen, klinischer Erfahrung und Expert*innenkonsens. Das bekannteste Modell ist SPIKES, das für die Übermittlung schlechter Nachrichten ("bad news") entwickelt wurde [1049]. Weitere Beispiele solcher heuristischer Modelle sind REMAP für das Gespräch über Behandlungsziele [1050], das 3-Stufen-Modell für das Ansprechen emotionaler Belastung von Patient*innen [1051] oder AEGIS, das bei der Übermittlung der Prognose genutzt werden kann [1052]. Neben solchen heuristischen Modellen liefern zahlreiche Arbeiten konkrete Formulierungsvorschläge für Äußerungen von Behandelnden in Bezug auf konkrete kommunikative Herausforderungen[1040] [1039] [1046] [1049] [1050] [1053] [1052] [1054] [1055].

Angesichts der fortschreitenden Globalisierung sowie kontinuierlicher Migrationsbewegungen werden Behandelnde zunehmend mit Patient*innen in Kontakt kommen, die sprachliche Barrieren oder eine niedrige Gesundheitskompetenz aufweisen. Insbesondere in solchen Situationen ist es erforderlich, eine einfache, klare Sprache zu nutzen, die frei von schwer verständlichen Fachbegriffen ist [1056].
Im Gespräch zwischen Behandelnden und Patient*in können verschiedene Hilfsmittel eingesetzt werden, um die patient*innenzentrierte Kommunikation zu unterstützen. Nutzen Patient*innen im Gespräch eine Stichwort- oder Fragenliste, stellen sie typischerweise mehr Fragen und behalten mehr Informationen aus der Konsultation als wenn keine Liste eingesetzt wird. Der Einsatz einer Stichwortliste hat aber keinen Einfluss auf die psychische Verfassung oder die Zufriedenheit der Patient*innen [1057] [1058] [1059] [1060]. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich, wenn Patient*innen eine Audio-Aufnahme von dem Gespräch mit dem*der Behandelnden erhalten [1059]. Positive Effekte hinsichtlich Wissensstand und Zufriedenheit von Patient*innen zeigen sich zudem für Patient*innenbroschüren, die im Rahmen des Behandelnden-Patient*in-Gesprächs ausgehändigt werden. Ferner gibt es Hinweise, dass das Aushändigen von Informationsbroschüren einen positiven Effekt auf die Therapieadhärenz haben kann [1061].

Eine besondere kommunikative Herausforderung stellt die Vermittlung von Risiken dar. Das Verständnis von Risiken wird beeinflusst durch die Gesundheitskompetenz (health literacy) und die Numeralität (numerale Kompetenz) [1062]; [1063]. Ferner hat die Art und Weise, wie Risiken präsentiert werden, einen Einfluss auf das Verständnis von Risiken und auf nachfolgende Entscheidungen (framing effect) [1062] [1064] [1065] sowie auf die emotionale Reaktion des Adressaten [1066]. Die Kommunikation von Risiken sollte nicht in Textform, sondern numerisch erfolgen [1067] [1065] und mit graphischen Mitteln wie Tabellen und Balkendiagrammen unterstützt werden [1063] [1065] [1064][1068] [1069] [1070], was das Verständnis verbessert – auch von Behandelnden, denen das Verständnis schwer fällt [1071]. Wahrscheinlichkeiten sollten als natürliche Häufigkeiten ausgedrückt werden [1069] [1070], wozu sich Faktenboxen als tabellarische Hilfsmittel eignen [1067] [1072]. Die Einschätzung zukünftiger Risiken unterliegt aber auch subjektiven Konzepten von Risiken und Wahrscheinlichkeiten sowie affektiven Einflüssen [354][1073] [1066], was bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen ist [1074] und einen individualisierten Ansatz der Risikokommunikation und Entscheidungsfindung erfordert.
In Bezug auf den Effekt von Entscheidungshilfen für Patient*innen mit verschiedensten Erkrankungen erbrachte ein Cochrane-Review, dass Entscheidungshilfen für Screening, Behandlung oder Prävention den Wissensstand und die Korrektheit der Risikoeinschätzung steigern, Entscheidungskonflikte reduzieren, die Bewusstheit über die eigenen Wertvorstellungen erhöhen, zu einer höheren Kongruenz zwischen persönlichen Werten und der getroffenen Entscheidung sowie zu einer höheren Patient*innenzufriedenheit führen [1075]. Eine Subgruppenanalye für Patient*innen mit Krebserkrankungen erbrachte nahezu identische Ergebnisse [1076]. Dies bestätigt die Ergebnisse einer früheren Meta-Analyse, die positive Effekte hinsichtlich Wissensstand und Entscheidungskonflikt zeigte [1107]. Hinsichtlich spezieller Diagnosegruppen erbrachte eine Übersichtsarbeit bei Brustkrebspatient*innen einen positiven Effekt von Entscheidungshilfen für Screening oder Behandlung auf reduzierten Entscheidungskonflikt, aber keinen Effekt bei Wissensstand und Zufriedenheit [1078]. Übersichtsarbeiten, die Entscheidungshilfen ausschließlich für Behandlungsentscheidungen (nicht Screening) untersuchten, fanden positive Effekt für Entscheidungskonflikt, Wissensstand, Informiertheit, wahrgenommene Beteiligung an der Entscheidung und Zufriedenheit [1079]; [1080]; [1081]. Vergleichbar zeigten sich positive Effekte von Entscheidungshilfen bei der Frage nach einer genetischen Testung für Patient*innen mit Brustkrebs. Hier konnte ein positiver Effekt bezüglich Wissensstand und Zufriedenheit festgestellt werden [1082]. Übersichtsarbeiten zu Entscheidungshilfen für Therapieentscheidungen bei Patient*innen mit Prostatakarzinom [1083]; [1084]; [1085], kolorektalem Karzinom und Lungenkarzinom [1086] kommen insgesamt zu widersprüchlichen Ergebnissen bezüglich Kenntnisstand, Entscheidungskonflikt, Zufriedenheit und Behandlungsentscheidung. Der Einfluss von Entscheidungshilfen auf die psychische Befindlichkeit von Patient*innen ist als eher gering einzuschätzen [1107] [1080] [1087] [1082]. Dabei ist insgesamt zu bedenken, dass eine deutliche Heterogenität in der Qualität der eingesetzten Entscheidungshilfen besteht [1083] [1084] [1088] [1089] [1090] [1091][1092].
Durch die zunehmende Digitalisierung im Gesundheitswesen findet Kommunikation zwischen Behandelnden und Patient*innen vermehrt über digitale Medien statt. Der digitale Austausch von Nachrichten über geschützte Patient*innenportale findet bei Behandelnden und Patient*innen Anklang. Diese Form der Kommunikation wird als bequem angesehen, und Patient*innen sehen hierin eine Möglichkeit, Informationen zu erbitten, kurzfristig Änderungen im Gesundheitszustand zu kommunizieren und somit rasch Unterstützung zu erhalten [1093] [1094]. In der digitalen Kommunikation über ein Patient*innenportal äußern Behandelnde sich in erster Linie sachlich, oft fehlt es den Nachrichten an affektiven, unterstützenden und partizipativen kommunikativen Inhalten [1095] [1096]. Patient*innen wünschen sich jedoch auch bei digitalen Kanälen eine patient*innenzentrierte Kommunikation. Bleibt diese aus, wird dies von Patient*innen registriert und negativ bewertet, was sich auf die wahrgenommene Qualität der Versorgung auswirken kann [1093].
Eine besonders herausfordernde Situation stellt die Übermittlung "schlechter Nachrichten" (breaking bad news) dar. Handlungsprotokolle für diese Situation (z.B. SPIKES) sehen vor, dass die Übermittlung in einem persönlichen Kontakt in einem ruhigen, ungestörten Setting erfolgt. In einer Studie gaben 85 % der befragten Patient*innen an, dass ihnen dies wichtig sei [1097]. Krebspatient*innen bevorzugen es, schlechte Nachrichten persönlich übermittelt zu bekommen und nicht am Telefon [1098]. Eine Befragung bei US-amerikanischen Brustkrebspatient*innen erbrachte allerdings, dass nahezu 60 % ihre Diagnose in einem Telefongespräch erfahren haben. Einige Patient*innen hatten dabei explizit den Wunsch geäußert, über Telefon kontaktiert zu werden. Die Ergebnisse zeigten ferner, dass die Mitteilung über das Telefon zunehmend zur Regel geworden ist und der Anteil der Patient*innen mit einer Diagnosemitteilung über das Telefon über die Jahre zugenommen hat [1099]. Detaillierte Ergebnisse zu den psychosozialen Effekten der Übermittlung schlechter Nachrichten über das Telefon liegen kaum vor. In einer randomisiert-kontrollierten Studie untersuchten Bodtger et al. [1100] die psychosozialen Auswirkungen einer Diagnosemitteilung über das Telefon versus der Übermittlung in einem persönlichen Gespräch. Die Ergebnisse erbrachten keinen Unterschied in der psychosozialen Anpassung zwischen den beiden Gruppen nach Übermittlung der Diagnose. Allerdings fand das Telefonat am Ende eines längeren diagnostischen Abklärungsprozesses statt, es wurde darauf geachtet, dass nach Möglichkeit dass nach Möglichkeit Ärzt*innen, die den Patient*innen bereits bekannt waren, den Telefonanruf tätigten. Die Gesprächsführung am Telefon folgte den Grundsätzen des SPIKES-Protokolls.
Außergewöhnliche Situationen können dazu führen, dass auch die Übermittlung schlechter Nachrichten für einen gewissen Zeitraum prinzipiell über Telefon oder in einem Videogespräch erfolgen kann. Die Covid-19 Pandemie ist so eine Situation, in der Kontaktbeschränkungen zur Folge hatten, dass auch Aufklärungsgespräche nicht in allen Fällen in einem persönlichen Kontakt stattfanden [1101]; [1102]. In einer australischen Studie gaben 85 % der befragten Ärzt*innen an, während der Pandemie Patient*innengespräche über das Telefon oder per Video geführt zu haben; 22 % äußerten, dass Telekommunikation angemessen sei, um schlechte Nachrichten zu übermitteln. Mögliche problematische Aspekte bei der Übermittlung schlechter Nachrichten über Video sind u.a. die Instabilität der Verbindung und Bedienschwierigkeiten, Unklarheit darüber in welcher konkreten sozialen Situation sich der*die Patient*in befindet, eingeschränkte Beurteilbarkeit nonverbaler Signale sowie die eingeschränkte Möglichkeit, eine angenehme Atmosphäre zu erzeugen und emotionale Unterstützung zu zeigen [1101]. Einige dieser problematischen Aspekte lassen sich abmildern, z.B. indem Patient*innen zuvor darüber aufgeklärt werden, was ein angemessenes Setting für dieses Gespräch darstellt und Angehörige in die Videokonferenz mit einbezogen werden. Behandelnde sollten u.a. ein passendes Setting wählen mit einem einfachen Hintergrund, bewusst mit der Kamera interagieren, emotionale Aspekte explizit benennen, da nonverbale Signale schwerer zu beurteilen sind, langsamer sprechen als in einem persönlichen Kontakt und bei Verbindungsproblemen nicht über Inhalte spekulieren sondern darum bitten, dass das Gesagte nochmals wiederholt wird [1103]. Erste Arbeiten berichten über Trainingskurse zur Übermittlung schlechter Nachrichten über digitale Kanäle [1104] [1105] [1106]. In der Studie von Rivet et al. [1105] äußerte sich über die Hälfte der Teilnehmer*innen positiv hinsichtlich der zukünftigen Übermittlung schlechter Nachrichten über telemedizinische Kanäle. Hinsichtlich der psychosozialen Effekte der Übermittlung schlechter Nachrichten über telemedizinische Kanäle besteht ein großer Forschungsbedarf.

11.1.1 Kommunikative Präferenzen von Krebspatient*innen

Patient*innenzentrierte Kommunikation soll sich an den Bedürfnissen und Werten der Patient*innen orientieren. Hierzu ist es relevant, die Kommunikationspräferenzen der Patient*innen zu kennen. Als wichtige Dimensionen der Kommunikationspräferenzen können Patient*innenbeteiligung und Patient*innenorientierung, effektive und offene Kommunikation, emotional unterstützende Kommunikation [1108]sowie umfassende Aufklärung, Eindeutigkeit/Direktheit im Gespräch und Erfassung des subjektiven Informationsbedarfs angesehen werden [1109][1110].

Konkrete, als besonders wichtig eingeschätzte kommunikative Verhaltensweisen sind "in einem gemeinsamen Gespräch die therapeutischen Maßnahmen festlegen", "mitteilen, wie es mit der Behandlung der Erkrankung weitergeht", "im Gespräch Ruhe ausstrahlen" [1108] sowie "die volle Aufmerksamkeit widmen", "genug Zeit für das Gespräch einplanen", "ausführlich alle Behandlungsmöglichkeiten erläutern", und zwar in einem "persönlichen Kontakt" [1109][1111].

Ähnliche Präferenzen finden sich in Bezug auf die Mitteilung schlechter Nachrichten. Patient*innen wünschen sich, dass die Information klar und ehrlich kommuniziert wird, dass über alle Behandlungsmöglichkeiten informiert wird und Klarheit über den Fortgang des Leidens besteht, dass der*die Behandelnde ruhig spricht, emotionale Unterstützung bietet und Hoffnung weckt sowie dem*der Patient*in ermöglicht, Fragen zu stellen und Gefühle auszudrücken [1112], [1113]. Allerdings besteht hier durchaus eine Spannweite in Bezug auf den Wunsch nach Vollständigkeit und Detailliertheit der Aufklärung über die Symptomatik und die Prognose, so dass es notwendig ist, die individuellen Patient*innenpräferenzen zu eruieren [1112], [1114]. Werden Kommunikationspräferenzen nicht berücksichtigt, geht dies mit einer höheren psychischen Beeinträchtigung einher [1110].

Im Verlauf der letzten 30 Jahre ist zu beobachten, dass zunehmend mehr Patient*innen eine aktive Beteiligung an medizinischen Entscheidungen wünschen [1115], wobei die Präferenz für eine passive Rolle, die den Behandelnden die Entscheidungshoheit überlässt, durchaus weiterhin vorkommt [1116], [1117]. Eine Studie aus Deutschland zeigte, dass etwa je ein Drittel der Krebspatient*innen eine partizipative, eine Patient*innen geleitete oder eine Behandelnde geleitete Entscheidungsfindung bevorzugte [1118]. Zwischen 20 und 70 % der Patient*innen berichten eine Diskordanz zwischen gewünschter und erlebter Beteiligung an medizinischen Entscheidungen, d.h. sie werden weniger aktiv einbezogen als sie es sich wünschen [1119], [1120], [1121].

11.2 Definition von patient*innenzentrierter Kommunikation

Eine patient*innenzentrierte Medizin, die sich an den Bedürfnissen, Werten und Präferenzen der Patient*innen orientiert, gilt heutzutage als Merkmal einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung. Das Integrative Modell der Patient*innenzentrierung von Scholl et al. [1122] definiert drei Bereiche mit jeweils mehreren Dimensionen, um patient*innenzentrierte Versorgung zu beschreiben. Die drei Bereiche sind: Grundprinzipien, z.B. grundlegende Eigenschaften der Behandelnden; Handlungen und Maßnahmen, wie z.B. Patient*innenbeteiligung an der Versorgung; sowie förderliche Faktoren, wie z.B. die Kommunikation zwischen Behandelnden und Patient*in. Aus Sicht von Expert*innen aus dem Gesundheitssystem gehört die Kommunikation zwischen Behandelnden und Patient*in zu den fünf wichtigsten Merkmalen der Patient*innenzentrierung, neben den weiteren Merkmalen Patient*in als Individuum, Patient*innenbeteiligung an Versorgungsprozessen, Patient*inneninformation und Empowerment [1123].
Patient*innenzentrierte Kommunikation bezeichnet ein kommunikatives Verhalten, das die körperliche, emotionale und soziale Situation des*der Patient*in, seine*ihre persönlichen Werte, Bedürfnisse und Präferenzen berücksichtigt und seine*ihre Selbstkompetenz und Handlungsfähigkeit fördert [1124], [1125]. Auf die besonderen Erfordernisse von Menschen mit Krebserkrankungen abgestimmt, definieren Epstein und Street [1124] Ziele und Aufgaben patient*innenzentrierter Kommunikation anhand von sechs ineinandergreifenden Funktionen:

  • Fördern einer hilfreichen, "heilsamen" Beziehung zwischen Behandelnden und Patient*in
  • Austausch von Informationen
  • Eingehen auf Emotionen
  • Umgehen mit Ungewissheit
  • Treffen von Entscheidungen
  • Fördern von Selbstmanagement

Die aufgeführten Funktionen, die sich an konkreten kommunikativen Zielen und Notwendigkeiten für Krebspatient*innen orientieren, implizieren eine kommunikative Grundkompetenz bzw. Haltung, die nicht auf umschriebene Regeln oder Gesprächstechniken, so genannte‚ „skills“, beschränkt ist [1124], [1126].

 

11.3 Wirksamkeit von patient*innenzentrierter Kommunikation

11.9 · Konsensbasiertes Statement · neu 2023

Patient*innenzentrierte Kommunikation hat einen positiven Effekt auf die Behaltensleistung und Informiertheit von Patient*innen. Sie ist mit einer höheren Patient*innenzufriedenheit und einer besseren Therapieadhärenz assoziiert. Zudem besteht ein Zusammenhang zwischen einer guten patient*innenzentrierten Kommunikation und besserem psychischen Befinden, höherer Selbstwirksamkeit, geringerem Entscheidungskonflikt und einer besseren Lebensqualität von Patient*innen.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Die Wirksamkeit patient*innenzentrierter Kommunikation lässt sich nach Epstein und Street [1124] mittels proximaler, intermediärer und distaler Outcomes beschreiben. Mögliche proximale Outcomes sind u.a. ein angemessenes Verständnis des*der Patient*in in Bezug auf die erhaltenen Informationen oder das Herstellen von Vertrauen und Respekt. Zu den intermediären Outcomes zählen u.a. Patient*innenzufriedenheit und Adhärenz des*der Patient*in. Als distale Outcomes gelten z.B. verbesserte Lebensqualität, reduzierte Gesundheitskosten oder verbessertes Überleben. Die verschiedenen Outcomes unterscheiden sich hinsichtlich der verfügbaren und gesicherten Evidenz. Patient*innenzentrierte Kommunikation kann direkt auf gesundheitsbezogene Outcomes einwirken, naheliegender sind jedoch indirekte Effekt, die über Variablen wie z.B. Therapieadhärenz vermittelt werden [1127].

Übersichtsarbeiten, die Störung und Setting übergreifend verschiedene Outcomebereiche untersuchten, kommen zu dem Ergebnis, dass die Umsetzung patient*innenzentrierter Kommunikation mit einer höheren Patient*innenzufriedenheit, einem besseren Behalten und Erinnern von Informationen und mit positiven Effekten auf psychische Beschwerden und physiologische Maße zusammenhängt [1128][1129] [1130] [1131] [1132] [1133]. In vergleichbarer Weise kommen Übersichtsarbeiten aus der Onkologie zu dem Ergebnis, dass Empathie und offene, ehrliche und Hoffnung vermittelnde Kommunikation mit höherer Patient*innenzufriedenheit und einem besseren psychischen Befinden einhergehen[1134]. Aktuellere Evidenz zu ausgewählten Outcomes und zu zwei spezifischen kommunikativen Aufgaben (Partizipative Entscheidungsfindung, Prognosemitteilung) wird nachfolgend dargelegt.

11.3.1 Behaltensleistung von Informationen

Studien mit Krebspatient*innen und beobachtetem ärztlichen Verhalten [1135] [1136] sowie experimentelle, vignettenbasierte Studien mit Gesunden ("analoge Patient*innen") [1137] [1138] [1139] [1140] legen nahe, dass emotionsbezogene Kommunikation des*der Behandelnden mit einer besseren Behaltensleistung auf Seiten der (analogen) Patient*innen assoziiert ist. Diese umfasste Aufbau von Vertrauen, empathische Kommunikation, Einhalten von Pausen und Validierung emotionaler Äußerungen. Für eine Gesprächsführung, die primär auf eine Strukturierung der Information abzielt, zeigen experimentelle Studien mit analogen Patient*innen widersprüchliche Ergebnisse [1141][1142].

11.3.2 Patient*innenzufriedenheit

Studien zu beobachtetem Verhalten im Gespräch zwischen Ärzt*innen und Patient*innen zeigen, dass ein höheres Maß an emotionsbezogenem kommunikativem Verhalten (z.B. Zuspruch, Empathie, Ausdruck von Sorge, Optimismus, Ausdruck von Hoffnung) ebenso wie ein höheres Maß an instrumentellem Verhalten (z.B. Exploration, Beratung) mit der Patient*innenzufriedenheit nach der Konsultation zusammenhängen [1125] [1143]. Emotionsbezogenes Verhalten weist einen stärkeren Zusammenhang mit der Patient*innenzufriedenheit auf als instrumentelles Verhalten [1125]. Ebenso geben Patient*innen, die die Kommunikation der Behandelnden als stärker patient*innenzentriert einschätzen, eine höhere Patient*innenzufriedenheit an [1144] [1132] [1145] [1146]. Patient*innen, die die kommunikativen Fertigkeiten der Behandelnden als exzellent einschätzen, nehmen ihre Versorgung subjektiv als sehr gut war [1147].

11.3.3 Patient*innenadhärenz

Patient*innenzentrierte Kommunikation geht mit einer höheren Adhärenz von Patient*innen einher [1148] [1149]. Laut einer Meta-Analyse erreichen Behandelnde mit guten kommunikativen Fertigkeiten eine 19 % höhere Adhärenz bei Patient*innen im Vergleich zu Behandelnden, deren kommunikative Fertigkeiten als niedrig eingestuft wurden [1149]. Im Bereich der Onkologie liegen Ergebnisse vor, wonach eine patient*innenzentrierte Kommunikation mit höherer Adhärenz bei adjuvanter endokriner Therapie bei Brustkrebs einhergeht [1150].

11.3.4 Psychische Befindlichkeit, psychologische Merkmale und Lebensqualität

Aufmerksames, empathisches, zugewandtes kommunikatives Verhalten von Behandelnden – sowohl objektiv beobachtet als auch von dem*der Patient*in subjektiv wahrgenommen – geht mit einer Abnahme von Distress und Hoffnungslosigkeit nach dem Gespräch zwischen Ärzt*innen und Patient*innen einher [1143]; [1146]. Ebenso zeigte eine experimentelle Studie, dass ein starkes patient*innenzentriertes Verhalten bei der Diagnosemitteilung mit weniger Angst auf Seiten von Patient*innen assoziiert ist [1151]. Ferner zeigen sich Zusammenhänge zwischen der von Patient*innen wahrgenommenen hohen Qualität der patient*innenzentrierten Kommunikation und besserer psychischer und körperlicher Verfassung [1152], höherer Selbstwirksamkeit [1124]; [1043];[1058][1153] niedrigerem Entscheidungskonflikt [1146] und höherer Lebensqualität [1154];[1155].

11.3.5 Effekte partizipativer Entscheidungsfindung

Autor*innen systematischer Reviews zur partizipativen Entscheidungsfindung aus dem gesamten Bereich der Medizin schlussfolgern, dass es deutliche Hinweise für einen positiven Effekt vor allem in Bezug auf affektiv-kognitive Outcomes gibt. Partizipative Entscheidungsfindung ist also primär mit Patient*innenzufriedenheit, Verständnis und Vertrauen in die*den Behandelnde*n assoziiert[1156] [1157] [1158]. Dieser Zusammenhang zeigt sich in erster Linie, wenn die Qualität der partizipativen Entscheidungsfindung aus der Sicht des*der Patient*in erfasst wird. Der Zusammenhang ist empirisch weniger gesichert, wenn Beobachtende die Qualität der partizipativen Entscheidungsfindung einschätzten, und es bestand kein Zusammenhang in Studien, in denen die beteiligten Behandelnden die Qualität der partizipativen Entscheidungsfindung beurteilten [1158]. Positive Effekte auf verhaltensbezogene, z.B. Adhärenz, und gesundheitsbezogene Outcomes, z.B. Symptomreduktion und Lebensqualität, sind weniger konsistent zu beobachten [1156] [1157]; [1158]. Im Bereich der Onkologie zeigen systematische Reviews schwache Hinweise auf einen positiven Effekt partizipativer Entscheidungsfindung auf Angst, Depressivität, Lebensqualität und Inanspruchnahme des Gesundheitswesens [1159] [1160]. Partizipative Entscheidungsfindung zu Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungsoptionen bei Patient*innen mit Prostatakrebs ist mit einem höheren Wissensstand und dem Gefühl der Informiertheit assoziiert, jedoch liegt keine Evidenz für einen Effekt auf Therapieadhärenz oder den Gesundheitsstatus vor [1161] [1162]. Ein systematisches Review bei Patient*innen mit Gliom lässt keine gesicherte Schlussfolgerung zum Effekt partizipativer Entscheidungsfindung zu [1163].
Unabhängig vom Effekt partizipativer Entscheidungsfindung zeigen Studien, dass die Mehrzahl der Patient*innen an Entscheidungen beteiligt sein möchte. Werden Entscheidungen durch die*den Behandelnde*n stark dominiert, geben Patient*innen, unabhängig von ihrem präferierten Maß an Beteiligung, seltener an, dass sie eine exzellente Versorgung erhalten [1164].

11.3.6 Effekte der Prognosemitteilung

Patient*innen mit einer Krebserkrankung wünschen sich eine offene und ehrliche Kommunikation über ihre Krankheitssituation. Dies umfasst auch die Frage nach der Prognose. Entsprechende Informationen sind nötig, damit Patient*innen eine informierte, abgewogene Behandlungsentscheidung treffen können. Behandelnde zögern jedoch häufig, eine prognostische Aussage zu treffen. Dies hängt mit der Schwierigkeit zusammen, angesichts einer komplexen medizinischen Situation eine konkrete, korrekte Vorhersage zu treffen, hat aber auch mit der Befürchtung zu tun, der Beziehung zwischen behandelnder Person und Patient*in und der psychischen Verfassung des*der Patient*in zu schaden [1165]. Die Ergebnisse eines systematischen Reviews zeigen allerdings, dass die Aufklärung über die Prognose mit einem besseren Verständnis der Patient*innen in Bezug auf ihre Prognose und einer korrekteren subjektiven Einschätzung der Überlebenszeit einherging. Die Mitteilung der Prognose führt zu physiologischem Stresserleben. Eine negative Auswirkung der Aufklärung über die Prognose auf die psychische Befindlichkeit zeigt sich eher nicht, im Gegenteil sind Ergebnisse zu positiven Effekt überzeugender. Auch ergeben sich keine Belege für eine negative Auswirkung der Prognosemitteilung auf die Beziehung zwischen der behandelnden Person und dem*der Patient*in. Ferner liegen Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Prognosemitteilung und der Diskussion von Behandlungspräferenzen in der terminalen Krankheitsphase vor [1165]. Hinsichtlich der konkreten Form der Prognosemitteilung schlussfolgern die Autor*innen aus den vorliegenden Ergebnissen, dass die Kombination aus einer eindeutigen und affektiven Kommunikation, bei der mehrere Szenarien der Überlebensdauer erläutert werden (siehe Mori et al., 2019) [1166], sowie ein kollaboratives Verhalten, das die Behandelnden als Fachexpert*innen erkennen lässt, besonders günstig ist. Dies fördert die Behaltensleistung, die psychische Befindlichkeit der Patient*innen und die Beziehung zwischen Behandelnden und Patient*innen [1165]. Die Mitteilung der Prognose stellt für Patient*innen typischerweise eine belastende Situation dar. Stress hat u.a. Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung und das Verhalten. Patient*innen, die in der Situation ein hohes Maß an psychischer Beeinträchtigung zeigen, zeigen eine schlechtere Behaltensleistung für übermittelte Informationen und sie beteiligen sich weniger an dem Behandelnden-Patient*innen-Gespräch [1167]. Daher ist es sinnvoll, bei der Mitteilung der Prognose empathisch vorzugehen und am Ende des Gesprächs zu überprüfen, ob die Patient*innen die wichtigsten Fakten korrekt verstanden und behalten hat. Bei psychisch stark belasteten Patient*innen ist es ratsam, zunächst die emotionale Situation zu adressieren und für die Prognosemitteilung einen weiteren Termin zu vereinbaren [1167] [1168].

11.4 Verbesserung kommunikativer Kompetenzen

11.10 · Konsensbasiertes Statement · neu 2023

Um einen hohen Standard in patient*innenzentrierter Kommunikation zu erreichen, ist eine kontinuierliche Verbesserung der kommunikativen Fertigkeiten aller in der Onkologie tätigen Berufsgruppen anzustreben.

Konsens
Starker Konsens (100%)
11.11 · Konsensbasiertes Statement · modifiziert 2023

Ein Training kommunikativer Fertigkeiten, das wesentliche Qualitätsmerkmale erfüllt, verbessert das patient*innenzentrierte kommunikative Verhalten von in der Onkologie Tätigen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
ÄnderungshinweisQualifizierte Fortbildung (‚Kommunikationstraining’, ‚Communication Skills Training’) verbessert nachweislich das objektive kommunikative Verhalten von Ärzten und Pflegenden.
11.12 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Ärzt*innen und andere in der Onkologie tätigen Berufsgruppen sollten an einem qualitätsgesicherten Training kommunikativer Fertigkeiten zur Verbesserung ihrer kommunikativen Kompetenz teilnehmen.

Konsens
Starker Konsens (97%)
ÄnderungshinweisÄrztinnen/Ärzte und andere in der Onkologie tätigen Berufsgruppen sollen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zur Verbesserung ihrer kommunikativen Kompetenz durchlaufen.

Angesichts des Stellenwerts der patient*innenzentrierten Kommunikation im Rahmen einer patient*innenzentrierten Versorgung gibt es weltweit Bemühungen, kommunikative Fertigkeiten zu trainieren, um einen hohen Standard an patient*innenzentrierter Kommunikation zu erreichen. Das Einüben kommunikativer Fertigkeiten ist heutzutage ein gesicherter Standard im Medizinstudium [1169] [1170]. Ferner gibt es international Bemühungen, Kommunikationstrainings in Institutionen oder in bestimmten Bereichen des medizinischen Versorgungssytems als Routine zu etablieren [1171]. In der Schweiz ist es für Ärzt*innen in der Weiterbildung zum*zur Onkolog*in verpflichtend, an einem Kommunikationstraining teilzunehmen [1172].
Es liegen Konsensusempfehlungen vor, die formale und inhaltliche Qualitätsstandards definieren [1040]; [1172] [1173]. Zu den Standards gehört u.a., dass kommunikative Fertigkeiten praktisch in einem Rollenspiel eingeübt werden und dass die Teilnehmer*innen eine Rückmeldung zu ihrem kommunikativen Verhalten erhalten. Zunehmend betont wird, dass es nicht um das rein technische Einüben von Fertigkeiten gehen soll. Ergänzend soll das Einüben kommunikativer Fertigkeiten auch genutzt werden, um die Selbstreflexion zu fördern, die Achtsamkeit für situative Merkmale der Behandelnden-Patient*in-Kommunikation zu schulen und individuelle Trainingsziele zu erreichen [1040] [867][1174][1172].
Behandelnde, die an einem Kommunikationstraining teilgenommen haben, äußern typischerweise eine hohe Zufriedenheit mit dem Training [1175] [1176] [1175] fanden keine wesentlichen Unterschiede in der Zufriedenheit mit dem Kommunikationstraining zwischen Behandelnden, die auf einer freiwilligen Basis an dem Training teilnahmen und Behandelnden, für die die Teilnahme im Rahmen ihrer Weiterbildung verpflichtend war.
Die Umsetzung definierter Qualitätsstandards von Kommunikationstrainings und die institutionelle Implementierung stoßen auf zahlreiche, primär strukturelle und ressourcenbezogene Hindernisse. Dementsprechend gibt es eine große Varianz in den formalen und inhaltlichen Merkmalen von Kommunikationstrainings [1171] [1177]. Viele beschriebene Kommunikationstrainings für Behandelnde weichen in zahlreichen Merkmalen von Qualitätsstandards ab, die im Jahr 2008 in einem Konsensusmeeting definiert wurden [1177]. Diese hohe Varianz erschwert es, eine starke empirische Evidenz für die Wirksamkeit von Kommunikationstrainings zu generieren. Nichtsdestotrotz liegen zahlreiche Studien mit positiven Ergebnissen zur Wirksamkeit von Kommunikationstrainings vor.

11.4.1 Wirksamkeit von Kommunikationstrainings

Ergebnisse eines systematischen Reviews und eines Cochrane-Reviews, jeweils ergänzt um meta-analytische Auswertungen, zeigen, dass Behandelnde, die ein Kommunikationstraining absolviert haben, im Gespräch mit realen Patient*innen oder standardisierten Patient*innen mehr patient*innenzentriertes kommunikatives Verhalten einsetzen als Behandelnde, die nicht an solch einem Training teilgenommen haben. Dabei handelt es sich um kleine bis mittlere Effekte [1178]; [1179]. Konkret fanden Moore et al. [1179] eine positive Wirkung eines Kommunikationstrainings auf drei von sieben betrachteten Verhaltensweisen. Demnach führte ein Kommunikationstraining dazu, dass Behandelnde eher empathisches Verhalten zeigten und seltener "einfach nur" Fakten vermittelten, ohne dabei die emotionale Reaktion der Patient*innen zu beachten oder Unterstützung anzubieten. Ferner nutzten Behandelnde nach einem Training häufiger offene Fragen als Behandelnde, die nicht an einem Training teilgenommen hatte. Die Analysen erbrachten zudem Hinweise, dass diese positiven Effekte mittelfristig (d.h. einige Monate nach Abschluss des Trainings) Bestand hatten [1179]. Nach Moore et al. [1179] zeigten die Analysen keinen Vorteil eines Kommunikationstrainings bezüglich der Verhaltensweisen Zusammenfassen, Bedenken erfragen, passende Informationen vermitteln und Aushandeln/Absprachen treffen (negotiating). In der Analyse von Barth und Lannen [1180]zeigte sich zudem ein Ergebnismuster, das zwar durchgängig statistisch nicht signifikant, jedoch konsistent zu beobachten war. Demnach erbrachten Kommunikationstrainings, die weniger als 24 Stunden dauerten, kleinere Effekte als Trainings, die mehr als 24 Stunden dauerten. Berücksichtigt man die Qualität der Studien, so ist die Evidenz insgesamt von geringer bis mittlerer Qualität [1181]; [1179].

Beide Studien fanden keine überzeugende Evidenz für einen Effekt von Kommunikationstrainings auf patient*innenseitigen Outcomes [1178]; [1179]. Allerdings berichten Haskard Zolnierek und DiMatteo [1149], dass Ärzt*innen, die an einem Kommunikationstraining teilgenommen hatten, eine Therapieadhärenz ihrer Patient*innen erreichten, die um 12 % höher lag als die von Ärzt*innen, die nicht an einem solchen Training teilgenommen hatten.

Weitere systematische Übersichtsarbeiten kommen zu dem Ergebnis, dass Kommunikationstrainings zu einer Verbesserung der kommunikativen Fertigkeiten von Behandelnden führen, dass aber unklar ist, welcher zeitliche Umfang, welches Format und welche Inhalte hierbei am besten sind [1182]. Selman et al. [1183] fanden, dass Kommunikationstrainings dazu führen, dass Behandelnde mehr Empathie ausdrücken und über Emotionen sprechen. Hierbei handelte es sich um einen mittleren Effekt, der allerdings nur für Interaktionen mit standardisierten Patient*innen galt, nicht für Gespräche von Trainingsteilnehmenden mit realen Patient*innen. Auch diese Arbeit fand keinen Effekt von Kommunikationstrainings auf patient*innenbezogene Outcomes [1183].

Ferner legen systematische Übersichtsarbeiten nahe, dass Kommunikationstrainings zu einer Steigerung in der selbsteingeschätzten Qualität kommunikativer Fertigkeiten und zu einer höheren Selbstwirksamkeit führen. Die Autor*innen bemerken allerdings auch, dass die Qualität der Evidenz als niedrig einzustufen ist [1184] [1185] [1186].

Weiterhin liegen systematische Reviews zu den Effekten von Kommunikationstrainings mit nicht-ärztlichen Behandelnden vor. Konsistent mit anderen Arbeiten fanden Kerr et al. [1187] einen positiven Effekt von Kommunikationstrainings auf das kommunikative Verhalten von Pflegekräften; die Qualität der Evidenz schätzten die Autor*innen als moderat ein. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Kommunikationstrainings mit Team-Mitgliedern der Radioonkologie (u.a. Ärzt*innen, Pflegefachpersonen, Medizinphysiker*innen, medizinisch-technische Radiologieassistent*innen) zeigte positive Effekte hinsichtlich einiger kommunikativer Fertigkeiten, vor allem empathischer Kommunikation und dem Einsatz von Emotionswörtern, aber auch inkonsistente Ergebnisse bezüglich anderer kommunikativer Verhaltensweisen, z.B. Einsatz offener Fragen. Hinsichtlich patient*innenseitiger Outcomes zeigten sich auch hier inkonsistente Ergebnisse [1188].

Aktuelle RCTs stützen die wesentlichen Schlussfolgerungen der erwähnten systematischen Übersichtarbeiten. Bylund et al. [1176] berichten eine Zunahme der Breite genutzter patient*innenzentrierter Gesprächstechniken bei Teilnehmer*innen an einem Kommunikationstraining. Ferner zeigten sich positive Effekte für die konkreten Gesprächstechniken Themenstrukturierung, Verständnis überprüfen und Organisation der Informationsvermittlung. Dieser Zugewinn an kommunikativen Fertigkeiten erfolgte vor allem in der Gruppe der Behandelnden, die initial niedrige Werte in ihrem kommunikativen Verhalten aufwiesen. Zudem wurden diese positiven Effekte nur in Gesprächen mit standardisierten Patient*innen deutlich. Der Transfer des Zugewinns an Kompetenzen in das klinische Setting konnte nicht nachgewiesen werden, bei Gesprächen mit realen Patient*innen bestand kein Unterschied in der patient*innenzentrierten Kommunikation zwischen trainierten und nicht-trainierten Behandelnden. Im Unterschied dazu fanden Epstein et al. [1189], dass ein Kommunikationstraining mit Ärzt*innen (kombiniert mit einer Intervention für Patient*innen mit fortgeschrittener Krebserkrankung) zu einem höheren Maß an patient*innenzentrierter Kommunikation mit realen Patient*innen führte. Es ergaben sich aber keine Effekte auf sekundäre Outcomes wie Qualität der Behandelnden-Patient*in-Beziehung, Lebensqualität oder Übereinstimmung in der Einschätzung der Prognose. Einen positiven Effekt eines Trainings berichten auch Henselmans et al. [1190]. Hier zeigte sich, dass Onkolog*innen, die an einem Fertigkeitentraining teilgenommen hatten, in ihren Gesprächen mit Patient*innen mit fortgeschrittener Krebserkrankung in höherem Maße partizipative Entscheidungsfindung umsetzten als Onkolog*innen, die nicht an dem Training teilgenommen hatten.

Angesichts der vorliegenden Ergebnisse erscheinen insbesondere Forschungsbemühungen angezeigt, die untersuchen, wie ein Transfer der Erfolge eines Kommunikationstrainings in die klinische Praxis gelingen kann und welchen Umfang ein Kommunikationstraining mindestens haben sollte, um klinisch hinreichend bedeutsame Effekte zu erzielen.

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