Leitlinienprogramm OnkologiePsychoonkologie

7. Diagnostik – Psychoonkologie

Version 2.1 · August 2023 · AWMF 032-051OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

7.1 Aufgaben und Besonderheiten

Die Psychoonkologie basiert auf einem biopsychosozialen Modell von Krankheit und Gesundheit. Dies bedeutet, dass biologische, psychische und soziale Faktoren die Entstehung von Krankheiten bedingen und dass Krankheiten sich wiederum auf biologische, psychische und soziale Faktoren auswirken können [459].

In diesem Zusammenhang stellt die Überlappung von körperlichen Symptomen psychischer Störungen mit krankheits- oder therapiebedingten Symptomen eine Besonderheit der Diagnostik psychischer Störungen bei Krebspatient*innen dar, sodass eine sorgfältige Differenzialdiagnostik erforderlich ist.

Primäre Aufgabenstellungen der Diagnostik bei Krebspatient*innen umfassen die Identifikation von psychosozialen Belastungen, psychischen Störungen und weiteren Problemlagen mit dem Ziel der Beschreibung vorliegender Probleme und Störungen sowie der Veränderung der Symptomatik; die Klassifikation vorliegender Probleme und Störungen zu diagnostischen Kategorien eines Klassifikationssystems (ICD-10); die Bereitstellung diagnostischer Informationen zur Indikationsstellung für psychoonkologische Interventionen und zur Evaluation psychoonkologischer Interventionen.

Bei der Diagnostik einer klinisch relevanten komorbiden Störung ist die Abgrenzung gegenüber somatischen Beschwerden oder einer angemessenen psychischen Reaktion auf die Krebserkrankung sowie die zutreffende Berücksichtigung von biologisch-organischen Folgen der Krebserkrankung bzw. Behandlung notwendigerweise zu berücksichtigen [243],[390],[460],[461].

Die Diagnostik bei spezifischen Problemen wie unipolare Depression, Posttraumatische Belastungsstörung und Traumafolgen ist in den entsprechenden Leitlinien ausführlich erläutert (Tabelle 9).

7.1.1 Zielsetzung psychoonkologischer Diagnostik

7.1 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2023

Die Erfassung der psychosozialen Belastung und des individuellen psychoonkologischen Unterstützungs- und Behandlungsbedarfes sollte so früh wie möglich und dann wiederholt im Krankheitsverlauf erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (96%)

Primäre Zielsetzung der psychoonkologischen Diagnostik ist das frühzeitige Erkennen psychischer, familiärer und sozialer Belastungen, psychischer und psychosomatischer Symptome und der Krankheitsverarbeitung, insbesondere in Hinblick auf die Folgen der Krebserkrankung und der Behandlungsmaßnahmen. Die psychoonkologische Diagnostik stellt neben der Art der Belastung auch deren Schweregrad, den Zeitpunkt des Auftretens sowie den Verlauf der Belastung fest. Sie zielt auch auf die Erfassung individueller und sozialer Ressourcen und der Lebensqualität wie auch auf die Erfassung der subjektiven Behandlungsbedürftigkeit und die Behandlungsmotivation.

Eine Diagnostik psychischer Störungen und die Erhebung des psychopathologischen Befundes sind grundsätzlich sinnvoll, sollten sich neben den international anerkannten Kriterien der ICD/DSM Klassifikation aber immer am Krankheitsstadium, der Prognose und dem körperlichen Gesundheitszustand des*der Krebspatient*in und an den vorhandenen lokalen Versorgungs- und Behandlungsmöglichkeiten orientieren.

Die psychoonkologische Diagnostik stellt die Grundlage für die Empfehlung psychoonkologischer Unterstützungsmaßnahmen dar. Sie erfolgt in einem abgestuften Prozess beginnend mit dem Belastungsscreening und einer vertiefenden Abklärung je nach Ergebnis des Screenings (siehe Kapitel 7.4). Die psychoonkologische Diagnostik sollte so früh wie möglich im Krankheitsverlauf durchgeführt werden, da vorhandene Belastungen früh erkannt und einer Verschlimmerung der Symptomatik vorgebeugt werden kann.

7.2 Screening

7.2 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Alle Krebspatient*innen sollen ein Screening auf psychosoziale Belastungen erhalten.

Konsens
Starker Konsens (96%)
ÄnderungshinweisAlle Patient*innen sollen ein Screening auf psychosoziale Belastungen erhalten. Ein psychoonkologisches Screening sollte frühestmöglich in angemessenen Abständen, wenn klinisch indiziert oder bei Veränderung des Erkrankungsstatus eines*einer Patient*in (z. B. Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung) wiederholt im Krankheitsverlauf durchgeführt werden.
7.3 · Konsensbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Ein psychoonkologisches Screening sollte frühestmöglich in angemessenen Abständen, wenn klinisch indiziert oder bei Veränderung des Erkrankungsstatus eines*einer Patient*in (z. B. Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung) wiederholt im Krankheitsverlauf durchgeführt werden.

Konsens
Starker Konsens (96%)
ÄnderungshinweisAlle Patienten sollen ein Screening auf psychosoziale Belastungen erhalten. Ein psychoonkologisches Screening sollte frühestmöglich in angemessenen Abständen, wenn klinisch indiziert oder bei Veränderung des Erkrankungsstatus eines Patienten (z. B. Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung) wiederholt im Krankheitsverlauf durchgeführt werden.

Ein Screeninginstrument (z. B. Screeningfragebogen) ist definiert als ein Verfahren zur Identifizierung eines bestimmten Merkmals (z. B. psychische Belastung) in einer großen Gruppe von Personen. Ein Screening für psychosoziale Belastungen und psychische Störungen weist mit einer spezifischen Wahrscheinlichkeit auf das Fehlen bzw. das Vorliegen einer Belastung hin, die durch ein klinisches Interview weiter abgeklärt werden sollte. Als Verfahren können entweder Selbstbeschreibungsfragebogen oder klinische Screeningfragen eingesetzt werden.  

Die meisten Screeninginstrumente für psychosoziale Belastungen und psychische Störungen sind Selbstbeschreibungsfragebögen, die in einer verständlichen Sprache psychische Symptome erfassen. Die Auswertung eines solchen Fragebogens erfolgt über einen bestimmten Grenz- oder Schwellenwert (Cut-off-Wert), der definiert, ob die Summe der gegebenen positiven Antworten das Vorliegen einer psychischen Störung bzw. psychosozialen Belastung wahrscheinlich macht oder nicht.

Bei jedem Screening können Personen falsch zugeordnet werden. Im Kontext der Psychoonkologie bedeutet dies, dass Personen fälschlicherweise als psychosozial stark belastet identifiziert werden, obwohl sie bei weiterer Abklärung keine behandlungsbedürftige Problematik aufweisen (falsch Positive), und Personen stark belastet sind, aber durch das Screening nicht erfasst werden (falsch Negative). Sensitivität meint den Anteil der belasteten Personen, die durch das Screening korrekt identifiziert werden. Eine hohe Sensitivität bedeutet, dass nur wenige psychisch Belastete vom Screeninginstrument übersehen werden (d.h. wenige falsch Negative). Spezifität meint den Anteil der geringfügig oder gar nicht belasteten Personen, die durch das Screening korrekt als geringfügig oder gar nicht belastet identifiziert werden. Eine hohe Spezifität bedeutet, dass nur wenige Gesunde vom Screeninginstrument fälschlich als krank klassifiziert werden (d.h. wenige falsch Positive). Die Güte eines Screeninginstruments wird durch die Balance von Sensitivität und Spezifität bestimmt. Ein Screening ist umso genauer, je höher der Prozentsatz von Personen ist, die durch das Screeninginstrument richtig zugeordnet werden.

Für die psychoonkologische Diagnostik liegt eine Reihe von Fragebögen vor, die als Screeningverfahren niederschwellig Patient*innen mit spezifischen Störungen oder Problemlagen identifizieren. Konkrete Empfehlungen zu geeigneten Fragebögen werden in Kapitel 7.3.1 gegeben.

Ein psychoonkologisches Fragebogenscreening kann in allen Versorgungssettings, d.h. in der stationären wie ambulanten Versorgung eingesetzt werden. Ein psychoonkologisches Fragebogenscreening kann neben der psychosozialen Anamnese in die ärztliche oder pflegerische Anamnese einfließen [462], [463], [464], [465].

Klinische Screeningfragen sind z. B. „Wie belastet haben Sie sich in der vergangenen Woche gefühlt?“, „Wie stark fühlten Sie sich in den letzten beiden Wochen durch Nervosität, Ängstlichkeit oder Anspannung beeinträchtigt?“ oder „Wie stark fühlten Sie sich in den letzten beiden Wochen durch Niedergeschlagenheit und/oder Depressivität beeinträchtigt?“.

Ein Screening nach psychosozialen Belastungen kann in Abhängigkeit von den lokalen Gegebenheiten von jedem Mitglied des Behandlungsteams, das mit der Versorgung von Krebspatient*innen betraut ist, nach entsprechender Einarbeitung durchgeführt werden. Die in der Behandlung von Krebspatient*innen involvierten Berufsgruppen sollten in der Lage sein, Art und Ausmaß psychosozialer Belastungen zu erkennen und bei Bedarf eine gezielte diagnostische Abklärung durch eine*n Fachärztin/Facharzt bzw. Psychotherapeut*in in die Wege zu leiten. Dies betrifft auch die Einschätzung der Suizidalität oder anderer Formen der Selbst- sowie Fremdgefährdung durch den*die Patient*in.

Der klinisch diagnostische Prozess beinhaltet die Erfassung der Beschwerden und Symptomen, Befund und klassifikatorische Diagnostik, Eigenschaftsdiagnostik, die Analyse der Lebensbedingungen (u.a. die Rolle von Bezugspersonen) sowie die Planung und Erläuterung der Interventionsangebote, Patient*inneninformation und ggf. Klärung der Veränderungsmotivation [466].

 

Nach Expert*innenkonsens kann ein möglichst frühzeitig eingesetztes Screening eine Chronifizierung psychischer Belastung verhindern und hat deshalb einen hohen Stellenwert im diagnostischen Prozess. Empirische Belege stehen bislang noch aus und sollen durch entsprechende Studien untermauert werden. Bereits im Rahmen des ersten Kontaktes mit einer ambulanten oder stationären Versorgungseinrichtung sollte es deswegen durchgeführt werden. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass das Screening keine Belastung für den*die Patient*in darstellen sollte. In seltenen Fällen lehnen Patient*innen ein angebotenes Screening ab, aufgrund der Befürchtung, stigmatisiert zu werden.

Ein Screening nach psychosozialen Belastungen und die Abklärung der Unterstützungsbedürfnisse sollen auf freiwilliger Basis erfolgen. Mit dem*der Patient*in sollten anhand der Kriterien partizipativer Entscheidungsfindung darauf aufbauende Informations- und Unterstützungsmöglichkeiten besprochen werden.

7.3 Diagnostische Verfahren

7.3.1 Geeignete Screeningverfahren für die Erfassung des psychoonkologischen Interventionsbedarfs

7.4 · Evidenzbasierte Empfehlung · modifiziert 2023

Zur Erfassung der psychosozialen Belastung sollen validierte und standardisierte Screeninginstrumente eingesetzt werden.

Als Screeninginstrumente sollen das Distress-Thermometer (DT), die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS), der Fragebogen zur Belastung von Krebspatienten (FBK), das Depressionsmodul des Patient Health Questionnaire (PHQ-9) oder die Generalizied Anxiety Disorder Scale-7 (GAD-7) eingesetzt werden.

Empfehlungsgrad
A: Starke Empfehlung für oder gegen ein Maßnahme - verwendete Ausdrucksweise = soll/soll nicht
Evidenzlevel
1b
Konsens
Konsens (87%)
Literatur
[467] [468] [469] [470] [471] [472] [473] [474] [475] [476] [477] [478] [479] [480] [336] [481] [482] [339] [483] [484] [485] [486]
ÄnderungshinweisEK: Zur Erfassung der psychosozialen Belastung sollen validierte und standardisierte Screeninginstrumente eingesetzt werden. Als Screeninginstrumente werden z. B. das Distress-Thermometer oder die HADS-D empfohlen. Zusätzlich soll der individuelle psychosoziale Unterstützungswunsch erfragt werden.
7.5 · Konsensbasierte Empfehlung · neu 2023

Zusätzlich zum Belastungsscreening soll der subjektive psychosoziale Unterstützungsbedarf erfragt werden.

Konsens
Konsens (92%)
7.6 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2023

Bei positivem Screening und/oder subjektivem Unterstützungsbedarf soll ein diagnostisches Gespräch zur Abklärung psychosozialer Belastungen, psychischer Komorbidität sowie dem Unterstützungs- und Behandlungsbedarf angeboten werden.

Konsens
Konsens (90%)
7.7 · Konsensbasierte Empfehlung · geprüft 2023

Eine weiterführende diagnostische Abklärung sollte entsprechend der im Gespräch festgestellten individuellen Probleme im psychischen/sozialen/somatischen Bereich erfolgen.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Im Rahmen der psychoonkologischen Diagnostik sollen ausschließlich diagnostische Verfahren eingesetzt werden, die die psychometrischen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität und Validität) erfüllen. Praktikabilität auch bei schwer krebskranken Patient*innen sowie Ökonomie stellen weitere wichtige Voraussetzungen dar. Für Screeningverfahren sollten neben den genannten Gütekriterien empirisch ermittelte Grenz- oder Schwellenwerte (Cut-off-Werte) vorliegen, die gleichzeitig eine zufriedenstellende Sensitivität und Spezifität gewährleisten.

Gütekriterien

Folgende Kriterien wurden für die Auswahl eines Screeninginstrumentes definiert:

Es erfasst psychosoziale Belastung. Dabei wird in Anlehnung an die Definition des NCCN psychosoziale Belastung (Distress) definiert als „ein breites Spektrum von unangenehmen emotionalen Erfahrungen psychischer, sozialer oder spiritueller Art, die von normalen Gefühlen der Verletzlichkeit, Traurigkeit und Angst bis hin zu stark einschränkenden Problemen wie Depressivität, Angststörungen, Panik, sozialer Isolation und spirituellen Krisen reichen kann.“

Die psychosozialen Belastungen werden krebsübergreifend erfasst, d.h. das Instrument kann bei erwachsenen Patient*innen aller Tumorentitäten angewendet werden.

Die psychometrischen Gütekriterien Praktikabilität, Objektivität, Reliabilität und Validität, die in Validierungsstudien an Krebspatient*innen in Deutschland nachgewiesen wurden, sind erfüllt.

Es liegen empirisch ermittelte Grenzwerte (Cut-off-Werte) zur Identifikation von Patient*innen mit auffälliger psychischer Belastung vor, die eine zufriedenstellende Sensitivität und Spezifität gewährleisten [465].

Auf der Basis dieser Auswahlkriterien wurden die psychometrischen Kennwerte für folgende Screeningverfahren geprüft:

Auf der Grundlage einer systematischen Literaturrecherche (siehe Leitlinienreport) wurden die psychometrischen Gütekriterien und Evidenzlevel für die Screeningfragebögen bestimmt. Im Rahmen der Aktualisierung dieser Leitlinie wurden die sich auf deutsche Patient*innen beziehenden Publikationen (n=22) einer systematischen Analyse unterzogen. Die Ergebnisse dieser Analyse sind die Grundlage der Empfehlung 7.4. Die dazu gehörige  Evidenztabelle befindet sich im Leitlinienreport.

Tabelle 5: Psychometrische Kriterien der Screeninginstrumente

Instrument

Reliabilität

Validität

Sensitivität/Spezifität

Cut-off-Wert(e)

Wird von dem*der Patient*in ausgefüllt

Cut-off-Wert muss berechnet werden 

Evidenzlevel**

 

DE*

INT†

DE

INT

DE

INT

 

 

 

DE

INT

HADS-D

+

+

+

+

+

+

Ja
0-7: unauffällig
8-10: grenzwertig
11-21: auffällig

Ja

Ja

1b

1b

HSI

+

-

+

-

+

-

Ja
(wird durch Diskriminanzfunktion
bestimmt)

Ja

Ja

2b

-

DT

+

+

+

+

+

+

Ja
0-4: unauffällig
5-10: auffällig

Ja

Nein

1b

1b

FBK

+

-

+

-

+

-

Ja
mindestens 2 x 5 oder
mindestens 1 x 5 plus
mindestens 4 x 4 oder
mindestens 5 x 4 oder
mindestens 1 x 5 plus
mindestens 3 x 4 plus Item 22 ≥ 1

Ja

Ja

1b

-

PO-Bado

+

-

+

-

+

-

Ja
mindestens 1 x 4 oder
mindestens 2 x 3 oder

2 Zusatzitems oder mindestens 1 x 3 plus 1 Zusatzitem

Nein

Ja

2b

-

PHQ

+

+

+

+

+

+

Ja
0-4: unauffällig
5-9: leichte Ausprägung
10-14: moderate Ausprägung
15-27: schwere Ausprägung

Ja

Ja

1b

1b

GAD-7

+

+

+

+

+

+

Ja
0-4: unauffällig
5-9: leichte Ausprägung
10-14: moderate Ausprägung
15-21: schwere Ausprägung

Ja

Ja

1b

1b

HADS-D: Hospital Anxiety and Depression Scale, HSI: Hornheider Screening-Instrument, DT: Distress-Thermometer, FBK: Fragebogen zur Belastung von Krebspatienten (FBK-23 und FBK-10), PO-Bado: Psychoonkologische Basisdokumentation (PO-Bado, PO-Bado KF und PO-Bado Brustkrebs), PHQ: Gesundheitsfragebogen für Patienten – Depressionsmodul (PHQ-4 und PHQ-9), GAD-7: Gesundheitsfragebogen für Patienten – Modul Generalisierte Angststörung, * Studien, die in Deutschland durchgeführt wurden, ** Bestimmung des Evidenzlevels nach Centre for Evidence Based Medicine (CEBM) (Oxford), † Internationale Studien, ‡ Interviewerversion vorhanden, + nachgewiesen, - nicht nachgewiesen   

 

Die beste Evidenz bei Krebspatient*innen liegt national und international für die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D), das Distress-Thermometer (DT), das Depressionsmodul des Gesundheitsfragebogens für Patienten (PHQ-9) sowie für das Modul Generalisierte Angststörung (GAD-7) vor. Im deutschen Sprachraum ist weiterhin der Fragebogen zur Belastung von Krebspatienten (FBK-23 und FBK-10) gut validiert.

Von den anderen Screeninginstrumenten verfügen weiterhin die PO-Bado als (PO-Bado, PO-Bado KF und PO-Bado Brustkrebs) Fremdeinschätzungsverfahren über eine gute Evidenz bei Krebspatient*innen hinsichtlich der psychometrischen Gütekriterien. Das Hornheider Screening-Instrument (HSI) hat gute psychometrische Kennwerte, wurde allerdings nur bei Patient*innen mit Hautkrebs validiert.

Wurde im Gespräch mit dem*der Patient*in bereits eine psychosoziale Belastung festgestellt, ist kein zusätzliches Screening erforderlich, sondern es erfolgt umgehend eine klinische Diagnostik (bzw. die Empfehlung und ggf. die Überweisung an die zuständigen psychosozialen Berufsgruppen).

 

Psychoonkologische Diagnostik

Eine umfassende psychoonkologische Diagnostik kann mehrere Zugänge (Selbst- und Fremdbeurteilung) und wichtige Bezugspartner*innen (Familienmitglieder, Mitglieder des Gesundheitsteams) umfassen. Klinische Interviews sind Bestandteil einer umfassenden psychosozialen Diagnostik und die valide Methode zur Erfassung einer psychischen Störung. Gebräuchliche klinische Interviews sind das Strukturierte Klinische Interview für DSM-5 und das Composite International Diagnostic Interview basierend auf der ICD-10 bzw. ICD-11. Die meisten Screeninginstrumente sind nicht frei erhältlich, sondern müssen kostenpflichtig über die herausgebenden Verlage bezogen werden. Im Netz erhältlich sind der PHQ-9 und der GAD-7. Das Distress-Thermometer kann dem Artikel zur deutschen Version des NCCN Distress-Thermometers von Mehnert und Mitarbeiter*innen entnommen werden [477]. Eine übersichtliche Zusammenstellung der Screeningverfahren findet man in der Broschüre zu Screeningverfahren in der Psychoonkologie, herausgegeben von der Deutschen Krebsgesellschaft [575].

Im Rahmen der Diagnostik sind die potenziellen Wechselwirkungen zwischen somatisch oder behandlungsbedingten Symptomen und dem Auftreten psychosozialer Belastungen und psychischer Störungen hervorzuheben. So stellt die Handhabung und Interpretation der somatischen Symptome häufig ein schwieriges Problem in der Diagnostik psychischer Störungen bei körperlich schwer kranken Patient*innen dar. Die diagnostische Abklärung körperlicher, krebs- und behandlungsbedingter Faktoren für die Mitverursachung und Aufrechterhaltung psychosozialer Belastungen und psychischer Störungen nimmt deshalb einen hohen Stellenwert ein. Bei Krebspatient*innen können individuelle Belastungen als Reaktion auf die Diagnose und Behandlung der Krebserkrankung (z. B. Ungewissheit über den Verlauf der Erkrankung, familiäre Konflikte), aufgrund behandlungsbedingter Faktoren (z. B. durch eine unzureichende Schmerzbehandlung) sowie aufgrund von spezifischen Medikamenten, die die Auftretenshäufigkeit psychischer Belastungen erhöhen (z. B. Corticosteroide oder bestimmte Zytostatika) sowie aufgrund von Entzugserscheinungen (z. B. Opiat-, Benzodiazepin-Entzug) auftreten. Darüber hinaus können psychosoziale Belastungen und psychische Störungen bereits vor der Krebsdiagnose bestehen und sich ggf. im Behandlungsverlauf verschlimmern [576].

Die Erfassung von Krankheitsfolgen sollte sich an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO [577] orientieren und besonders auf Einschränkungen der Aktivität im Alltag und gesellschaftlichen Teilhabe (Partizipation) fokussieren. Für spezifische Fragestellungen zum Beispiel im Bereich der kognitiven Einschränkungen und der Psychomotorik können neuropsychologische Testverfahren (z. B. TAP) empfohlen werden [462],[464],[578], [579], [580].

7.4 Ablauf des diagnostischen Prozesses

Die psychoonkologische Diagnostik stellt die wesentliche Grundlage für die Empfehlungen psychoonkologischer Unterstützungsmaßnahmen dar. Sie sollte so früh wie möglich im Krankheitsverlauf durchgeführt werden, da vorhandene Belastungen früh erkannt und einer Verschlimmerung der Symptomatik vorgebeugt werden kann. Sie sollte in einem stufenweisen Prozess anhand eines psychoonkologischen Screenings erfolgen, der alle Patient*innen berücksichtigt und sich zudem an einem Versorgungsalgorithmus (siehe Abbildung 2) orientieren. Die mit einem Screeninginstrument (Fragebogen oder klinische Erfassung über Screeningfragen) erfassten Patient*innen, die einen auffälligen Wert erreichen (Screening Cut-off Wert: auffällig), sollten einer vertiefenden Diagnostik, Information, Beratung und Begleitung zugeführt werden. In einem Erstgespräch, in der Regel im Rahmen eines anamnestischen Gespräches, sollte die Behandlungsbedürftigkeit und Behandlungsbereitschaft weiter abgeklärt werden, ggf. unter Hinzuziehung unterschiedlicher diagnostischer Verfahren. Patient*innen mit einer hohen psychosozialen Belastung sollte der Zugang zu psychosozialen Unterstützungsangeboten ermöglicht werden. Die Inanspruchnahme dieser Angebote sollte evaluiert werden. 

Die mit einem Screeninginstrument erfassten Patient*innen, die einen unauffälligen Wert aufweisen (Screening Cut-off Wert: unauffällig), sollten über psychosoziale Unterstützungsangebote informiert werden (siehe Abbildung 2). Da ein Screeninginstrument keine hundertprozentige Identifikation ermöglicht, sollen entsprechend dem Versorgungsalgorithmus sowohl falsch positive als auch falsch negative Fälle identifiziert werden können. Im Falle von falsch positiven Fällen erfolgt die weitere Versorgung im Rahmen von Information und Beratung. Falsch negative Fälle sollten im Rahmen der persönlichen Beratung und Information identifiziert werden und dann für die weitere Planung der Behandlung diagnostisch weiter abgeklärt werden.

Neben dieser psychoonkologischen Eingangsdiagnostik sollte eine Diagnostik im Verlauf implementiert werden (bei Ende der Behandlung oder Änderungen des klinischen Status der Erkrankung, wie beispielsweise Rezidiv oder Progress). Bei einem Wechsel des Versorgungsbereichs (stationäre, ambulante und rehabilitative Behandlung) sollte der psychoonkologische Befund aktualisiert werden. Eine Diagnostik am Ende einer psychoonkologischen Intervention liefert Hinweise auf den Erfolg der Maßnahme [581], [578], [465].

Literaturhinweise

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