15. Schwangerschaft – Prävention Zervixkarzinom
C. Dannecker , A. Schneider , C. Grimm
(Potentielle Interessenskonflikte der Autoren dieses Kapitels siehe Kapitel Interessenkonflikte)
15.1 Einführung
Die Inzidenz einer CIN in der Schwangerschaft wird in der Literatur mit 0,6 – 10 /1000, die für das invasive Karzinom 10 – 1000/ 100.000 Schwangerschaften angegeben [490], [491]. Eine systematische Literatursuche zeigt, dass für den Themenkomplex Zervixdysplasien und Schwangerschaft keine prospektiven und randomisierten Studien existieren, so dass die folgenden Ausführungen, Empfehlungen und Statements im Wesentlichen auf retrospektive Studien basieren.
15.2 Abklärungskolposkopie in der Schwangerschaft
Es besteht Konsens, dass die Indikationen für eine Kolposkopie mit Biopsie während einer Schwangerschaft dieselben sind wie die außerhalb einer Schwangerschaft. Aufgrund physiologischer Veränderungen der Portio uteri in der Schwangerschaft [492], kann die kolposkopische Beurteilung erschwert sein und soll deshalb durch Experten, idealerweise in einer durch die DKG/AG-CPC zertifizierten Dysplasie-Sprechstunde oder Dysplasie-Einheit durchgeführt werden. Manche Autoren finden einen Trend zur Überbewertung des kolposkopischen Befunds in der Schwangerschaft hin zu höhergradigen Veränderungen [493]. Bei erfahrenen Untersuchern dagegen korreliert der kolposkopische Befund gut mit den zytologischen und histologischen Ergebnissen [494]. Eine kolposkopisch zielgerichtete Biopsie soll erfolgen, um ein (mikro-)invasives Karzinom weitestgehend auszuschließen. Eine endozervikale Kürettage ist in der Schwangerschaft kontraindiziert (EK; [363]. Zeigt die Abklärung den Verdacht auf eine geringgradige Dysplasie (zytologisch, kolposkopisch, ggf. histologisch), dann sind weitere kolposkopische oder zytologische Untersuchungen in der Schwangerschaft nicht indiziert, da eine spontane Regression in bis zu 86% der Fälle sehr wahrscheinlich ist und eine Progression zu einem Karzinom während der Schwangerschaft nahezu ausgeschlossen ist [494], [495]. Eine erneute Evaluation soll 6 – 8 Wochen nach der Entbindung erfolgen (EK; [363]). Das Vorliegen einer geringgradigen Dysplasie hat keinen Einfluss auf die Entscheidungsfindung hinsichtlich des Geburtsmodus.
Die Indikationen einer Kolposkopie (und ggf. Biopsie) im Rahmen einer Schwangerschaft sind dieselben wie die außerhalb einer Schwangerschaft.
Eine Abklärung auffälliger Gebärmutterhalskrebsscreening-Befunde sollte während einer Schwangerschaft in einer DKG/AG-CPC-zertifizierten Dysplasie-Sprechstunde stattfinden.
Eine endozervikale Kürettage soll während einer Schwangerschaft nicht durchgeführt werden.
Ein tiefer endozervikaler Abstrich sollte während einer Schwangerschaft nicht durchgeführt werden.
Schließt die Abklärung (zytologisch, kolposkopisch, ggf. histologisch) das Vorliegen einer hochgradigen Dysplasie und eines Karzinoms aus, sind weitere kolposkopische und/oder zytologische Untersuchungen in der Schwangerschaft nicht erforderlich.
15.3 Vorgehen bei CIN 2/3 oder ACIS in der Schwangerschaft
Das Risiko einer Progression einer CIN2/3 zu einem invasivem Karzinom während der Schwangerschaft ist sehr niedrig (0 – 0,4%), wogegen die Chance für eine spontane Regression bei 48 – 70% liegt [496], [497], [498], [499]. Aus diesem Grund – und aufgrund der möglichen Komplikationen einer operativen Therapie (siehe unten) – soll während einer Schwangerschaft keine operative Therapie einer CIN2/3 erfolgen, wenn das Vorliegen eines invasiven Karzinoms mit hoher Sicherheit (Zytologie, Kolposkopie, Biopsie) ausgeschlossen werden kann. Ist dies nicht der Fall oder besteht der Verdacht auf eine Invasion, soll eine Exzision des Befundes erfolgen. International werden Kontrolluntersuchungen in 12-wöchigen Abständen als akzeptables Vorgehen angesehen, wobei eine erneute Biopsie nur im Fall des zytologischen oder kolposkopischen Verdachts auf eine Progression des Befundes indiziert ist [363], [500]. Es besteht Einigkeit darin, dass eine Therapie bei Persistenz einer CIN3 frühestens 6 – 8 Wochen nach der Entbindung erfolgen soll. Das Vorgehen im Fall eines Karzinoms richtet sich nach den Empfehlungen der S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Patientin mit Zervixkarzinom“ (AWMF-Registernummer 032/033OL).
Während einer Schwangerschaft soll bei einer CIN2/3 oder einem ACIS keine operative Therapie erfolgen, wenn das Vorliegen eines invasiven Karzinoms mit hoher Sicherheit ausgeschlossen wurde.
Während einer Schwangerschaft sollen bei einer CIN2/3 oder einem ACIS kolposkopische Kontrollen erfolgen. Das Intervall sollte drei Monate betragen.
Falls sich durch Differentialkolposkopie ggfs. mit Biopsie und zytologischen Abstrich bei V.a. CIN 3 oder ACIS in der Schwangerschaft ein invasives Karzinom nicht ausschließen lässt, besteht die Indikation zur histologischen Abklärung durch Entfernung eines adäquat großen Gewebestückes. Idealerweise erfolgt dies zwischen 16. und 20. Schwangerschaftswoche. Die Operateure müssen auf eine stärkere Blutung vorbereitet sein und adäquat reagieren. Eine elektrische Schlingenexzision kombiniert mit bipolarer Koagulation zur Blutstillung ist hierzu ein bewährtes Verfahren. Eine anschließende Cerclage ist nicht notwendig, außer der Gebärmutterhals war schon vor dem Eingriff signifikant verkürzt.
Bei ACIS in der Schwangerschaft kann der Ausschluss einer Invasion schwierig sein und deshalb ist die Indikation zur kompletten Exzision großzügig zu stellen.
Nur wenn in der Schwangerschaft ein invasives Karzinom durch Zytologie, Kolposkopie und Biopsie nicht mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden kann, besteht die Indikation zur histologischen Abklärung durch ein Exzisionsverfahren.
- Literatur
- [363]
15.4 Geburtsmodus bei CIN 2/3
Es gibt nur wenige Studien, welche den Einfluss des Geburtsmodus (Sectio versus vaginale Entbindung) auf die weitere Entwicklung (Progression/Regression) einer CIN untersucht haben. Die wenigen Daten sind zudem inkonsistent. Während Ahdoot et al. eine spontane Regression in 60% der Fälle einer zytologischen HSIL nur nach vaginaler Entbindung fand (0% nach Sectio), fanden Yost et al. eine spontane Regression einer CIN3 in 70% aller Fälle unabhängig vom Geburtsmodus [496], [499]. Insgesamt besteht in der Leitliniengruppe Einigkeit darin, dass der Geburtsmodus mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Einfluss auf die natürliche Entwicklung einer CIN hat. Das Vorliegen einer CIN2/3 soll deshalb keinen Einfluss auf die Entscheidung bezüglich des Geburtsmodus haben.
Das Vorliegen einer CIN2/3 soll keinen Einfluss auf die Entscheidungsfindung hinsichtlich des Geburtsmodus haben.
15.5 Geburtshilfliche Komplikationen nach CIN Therapie
Es existieren mehrere systematisch Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, welche der Frage nachgingen, welche geburtshilflichen Komplikationen mit einer CIN-Behandlung assoziiert sind. Die drei umfangreichsten und aktuellsten dienen als Grundlage der vorliegenden Arbeit [486], [501], [502]. Während Kyrgiou et al. vier verschiedene Methoden (Messerkonisation, LEEP, Laserkonisation, Laserablation) und Arbyn et al. zusätzlich die Kryotherapie und die (obsolete) Elektrokauterisation („radical Diathermy“) in ihre Analysen einbezogen, fokussierten Jin et. al. ausschließlich auf die Therapie mittels LEEP. Insgesamt konnten keine prospektive randomisierte Studien identifiziert werden, so dass sich die Analysen auf retrospektive (und wenige prospektive) Kohortenstudien beziehen. Insofern kann die Datenlage nur als relativ schwach bezeichnet werden, obschon die verschiedenen Analysen belegen, dass insbesondere die Exzisionstherapien mit erhöhten geburtshilflichen Risiken assoziiert sind.
Da die drei Analysen keine einheitlichen Zielkriterien verwendet haben, werden die Ergebnisse im für jede Studie gesondert dargestellt:
Arbyn et al. [501]: Ein statistisch signifikanter Anstieg der perinatalen Mortalität wurde nur für die Messerkonisation belegt (RR 2,87; 95% CI 1,42 – 5,81). Zudem war die Messerkonisation mit einem erhöhten Risiko für eine Frühgeburt unter 32-34 SSW (2,78; 1,72 – 4,51) und unter 28- 30 SSW (5,33; 1,63 – 17,40) und einem Geburtsgewicht unter 2000 g (2,86; 1,37 – 5,97) assoziiert. Eine Laserkonisation hatte ein erhöhtes Risiko für ein Geburtsgewicht unter 2000g und unter 1500 g zur Folge. LLETZ/LEEP und ablative Therapieoptionen (Kryotherapie, Laser) waren nicht mit geburtshilflichen Risiken assoziiert, die (obsolete) Elektrokauterisation („diathermy“) dagegen schon.
Kyrgiou et al. [486]: Eine Messerkonisation war signifikant mit Frühgeburtlichkeit (< 37 SSW; 14% versus 5%; RR 2,59; 95% CI 1,80 – 3,72), einem Geburtsgewicht < 2500 g (2,53; 1,19 – 5,36, 12% vs. 7%) und einer erhöhten Sectiorate (3,17; 1,07 – 9,40; 9% vs. 3%) assoziiert. Die LLETZ war mit einer erhöhten Frühgeburtsrate (1,70; 1,24 – 2,35; 11% vs. 7%), einem Geburtsgewicht < 2500 g (1,82; 1,09 – 3,06, 8% vs. 4%) und einem erhöhten Risiko für einen vorzeitigen Blasensprung (2,69; 1,62 – 4,46, 5% vs. 2%) assoziiert. Keine statistisch signifikanten Risiken fanden sich nach Laserkonisation, obschon die Frühgeburtsrate marginal signifikant erhöht war (1,71; 0,93 – 3,14). Für die Laserablation fanden sich kein geburtshilfliches Risiken.
Jin et al. [502]: Eine LEEP war mit einem erhöhten Risiko für eine Entbindung < 32 SSW (1,98; 1,31 – 2,98) und unter 28 SSW (2,33, 1,84 – 2,94), für einen vorzeitigen Blasensprung (1,88; 1,54 – 2,29) und einem Geburtsgewicht unter 2500g (2.48; 1,75 – 3,51) assoziiert. Eine verkürzte Zervixlänge unter 3 cm fand sich nach LEEP im Vergleich zur Kontrollgruppe häufiger (4,88; 1,56 – 15,25). Kein statistisch signifikanter Zusammenhang fand sich für die perinatale Mortalität, die Sectiorate, das Risiko für einen intrauterinen Fruchttod, für die Rate an Geburtseinleitung und für die neonatale Mortalität oder Morbidität (Einweisung auf die neonatale Intensivstation).
Insgesamt sind demnach vor allem die Exzisionstechniken mit geburtshilflichen Risiken assoziiert. Dabei hat die Messerkonisation das höchste Risiko, gefolgt von der LEEP und der Laserkonisation [486], [501], [503]. Die Ursachen für das erhöhte Risiko sind letztlich nicht geklärt [504]. Diskutiert werden anatomische Veränderungen und Vernarbungen der Zervix, sowie immunologische Faktoren und Veränderungen der zervikovaginalen Flora [504]. Es spricht aber vieles dafür, dass auch das Ausmaß der Resektion positiv mit dem geburtshilflichen Risiko assoziiert ist; so scheint vor allem ein Konustiefe von mehr als 10 – 12 mm ein unabhängiger Risikofaktor für eine Erhöhung der Frühgeburtsrate zu sein [486], [488], [505], [506].
Exzisionsverfahren in der Schwangerschaft sind mit erheblichen geburtshilflichen Risiken wie Frühgeburt assoziiert. Vorangegangene Exzisionsverfahren sind auch für nachfolgende Schwangerschaften mit diesen Risiken assoziiert.
Da die Messerkonisation mit dem höchsten geburtshilflichen Risiko assoziiert ist, soll sie bei Frauen mit noch nicht abgeschlossener Familienplanung nicht durchgeführt werden.
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