Leitlinienprogramm OnkologieNierenzellkarzinom

3. Epidemiologie, Risikofaktoren und Prävention – Nierenzellkarzinom

Version 5.0 · September 2024 · AWMF 043-017OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

3.1 Epidemiologie

3.1.1 Hintergrund

Das Robert-Koch-Institut (RKI) erhebt und publiziert regelmäßig Daten zur Epidemiologie von Krebserkrankungen. Unter dem ICD-10-Code C64 erfasst das RKI alle bösartigen Erkrankungen der Niere mit Ausnahme der urothelialen Karzinome des Nierenbeckens. Über 90 % dieser Karzinome sind Nierenzellkarzinome. Die aktuelle Statistik zu wichtigen epidemiologischen Maßzahlen des Nierenzellkarzinoms sind unter der Internetseite des RKI (https://www.krebsdaten.de) abrufbar. Aktuell liegen die meisten Daten bis zum Jahr 2018 vor. Die Publikation beinhaltet Daten zur altersstandardisierten Inzidenz, zur Prävalenz und zur Mortalität von Nierenkrebserkrankungen. Außerdem werden Daten zur Stadienverteilung, zur Stadien-spezifischen Überlebensraten und zu zeitlichen Trends veröffentlicht.

Zu erblich bedingten Nierentumoren siehe Kapitel 11.

3.2 Modifizierbare Risikofaktoren von Nierenzelltumoren

3.1 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2022

Rauchen, Übergewicht und erhöhter Blutdruck erhöhen das Risiko, an einem Nierenzellkarzinom zu erkranken.

Evidenzlevel
2++
Konsens
Starker Konsens
Literatur
[2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11]
3.2 · Evidenzbasiertes Statement · geprüft 2022

Die adäquate Einstellung des Blutdrucks kann das Erkrankungsrisiko für Nieren­zellkarzinome senken.

Evidenzlevel
2+
Konsens
Konsens
Literatur
[12] [13] [14] [15] [16] [17] [18] [19]

3.2.1 Rauchen

Rauchen ist ein gesicherter Risikofaktor für das Nierenzellkarzinom. Entsprechend einer Meta-Analyse [11], die 19 Fall-Kontroll- (8.032 Fälle und 13.800 Kontrollen) und fünf Kohortenstudien (n=1.457.754 einschließlich 1.326 Fälle) einschloss, haben Raucher oder Ex-Raucher verglichen mit Individuen, die nie geraucht haben, ein er­höhtes Risiko, ein Nierenzellkarzinom zu entwickeln. Die geschätzte Risikoerhöhung wird bei Männern mit 54 % und bei Frauen mit 22 % angegeben, allerdings ist eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung mit höheren Risiken bei starken Rauchern nachweisbar. Eine weitere Meta-Analyse betätigt ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für ein Nierenzellkarzinom bei Rauchern (gepooltes RR 1.31 (1.22–1.40). Demnach ist die Risikoerhöhung für Ex-Raucher geringer ausgeprägt als für aktuelle Raucher (RR 1,16 versus 1,36) [20].

Die Risikoerhöhung durch Passivrauchen ist noch nicht ausreichend gesichert [9], [10], [3].
Die bisherige Evidenz für ein reduziertes Risiko für männliche Ex-Raucher, die mindestens 10 Jahre nicht mehr rauchen, gegenüber Rauchern ist auf wenige Studien begrenzt [11], [9], [6].

3.2.2 Übergewicht/Adipositas

Übergewicht im Sinne eines erhöhten BMI ist mit einem erhöhten Risiko für Nieren­zelltumoren verbunden. Entsprechend einer Meta-Analyse [8] prospektiver Kohorten­studien (n=5.473.638; 6.073 Fälle bei Männern; 4.614 Fälle bei Frauen) beträgt die Risikoerhöhung pro Erhöhung des BMI um 5 kg/m² ca. 24 % bei Männern und 34 % bei Frauen. Es gibt unsichere Hinweise, dass unabhängig vom BMI die abdominelle Adipositas ein Risikofaktor sein könnte [2], [4], [5], [7]. Eine Meta-Analyse zeigt eine inverse Assoziation zwischen körperliche Aktivität und RCC-Risiko (Relatives Risiko [RR] 0.88, 95% CI 0.79–0.97) [21].

3.2.3 Bluthochdruck und Einnahme antihypertensiver Medikamente

Bluthochdruck ist ein Risikofaktor für Nierenzellkarzinome. Allerdings lässt sich der Einfluss des Bluthochdrucks nur schwer von dem der Einnahme von blutdrucksenken­den Medikamenten abgrenzen. Mehrere prospektive Kohortenstudien konnten einen Zusammenhang zwischen einem erhöhten gemessenen Blutdruck und einem erhöhten Nierentumorrisiko nachweisen [13], [16], [17], [15], [12], [14] und teilweise beobachten, dass in der Tat der erhöhte Blutdruck und nicht die Einnahme von Antihypertensiva oder Diuretika mit einer Erhöhung des Nierentumorrisikos einhergeht [17], [15], [18], [19], [22]. Eine adäquate Blutdruckkontrolle kann mit einer Erniedrigung des Risikos für Nierenzellkarzinome einhergehen [15], [17].

3.2.4 Ernährung

Die Zusammenhänge zwischen Ernährungsfaktoren und dem Risiko, an einem Nieren­zelltumor zu erkranken, sind widersprüchlich. Dies gilt auch für den Obst- und Gemüsekonsum als möglichen protektiven Faktor [23], [24], [25]. Die derzeit zur Verfügung stehende Evidenz lässt keine Rückschlüsse auf einen möglichen Einfluss spezifischer Nahrungsmittel oder Nährstoffe auf die Entwicklung eines Nierenzelltumors zu.

3.2.5 Sehr hohe berufliche Exposition gegen Trichlorethen (Syno-nyme: Trichlorethylen, TRI)

3.3 · Konsensbasiertes Statement · neu 2022

Eine sehr hohe berufliche Exposition gegen Trichlorethen (Synonyme: Trichlorethylen, TRI) ist ein Risikofaktor für das Nierenzellkarzinom.

Das Auftreten eines Nierenzellkarzinoms nach sehr hoher Exposition gegen Trichlorethen (Synonyme: Trichlorethylen, TRI) kann bei Erfüllung der versicherungsrechtlichen Voraussetzungen als Berufskrankheit anerkannt werden.

Konsens
Starker Konsens

Eine sehr hohe berufliche Exposition gegen Trichlorethen (Synonyme: Trichlorethylen, TRI) ist ein gesicherter Risikofaktor für das Nierenzellkarzinom. Dementsprechend kann diese Tumorentität als Berufskrankheit BK Nr. 1302 „Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe“ anerkannt und entschädigt werden [26]. Im Zeitraum 2002-2021 wurden in Deutschland 121 Fälle als Berufskrankheit anerkannt, davon 46 Fälle bis 2016 [27].

Die krebsauslösende Wirkung beim Menschen wurde zuerst bei sehr hoch exponierten Arbeitern einer Kartonagenfabrik beobachtet [28]. Dabei ist von Bedeutung, dass der für die Nephrokanzerogenität verantwortliche Toxifizierungsweg von Trichlorethen bei Ratte und Mensch bei sehr hohen Konzentrationen, d.h. wenn die Sättigung der Trichlorethylen-verstoffwechselnden Enzyme des oxidativen Stoffwechselweges überschritten ist, auch einen reduktiven Stoffwechselweg beinhaltet, der zur Bildung von gentoxischen Metaboliten, 1,2-Dichlorvinyl-N-Acetylcystein, führt [29][30] [31]. Trichlorethen kann bei sehr hoch exponierten Personen im von Hippel-Lindau–Gen (VHL-Gen) des Tumorgewebes zu Mutationen führen, die bei anderen Nierenzelltumoren nicht beobachtet wurden [32].

Im Jahre 2018 wurde vom Ärztlichen Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales eine Wissenschaftliche Stellungnahme zur Berufskrankheit Nr. 1302 „Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe“ - Nierenkrebs durch Trichlorethen veröffentlicht [26].

Eine Anerkennung als Berufskrankheit wird vom Ärztlichen Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ unter den folgenden Voraussetzungen empfohlen:

  1. Der Beschäftigte war einer mindestens dreijährigen Einwirkung mit Trichlorethen ausgesetzt, die zu pränarkotischen Symptomen in Form von Rausch- oder Trunkenheitsgefühl, Benommenheit, Schwindel oder Kopfschmerzen geführt hat.
  2. Die Latenzzeit zwischen der erstmaligen Trichlorethenexposition und dem Auftreten des Nierenzellkarzinoms beträgt mindestens zehn Jahre.
  3. Bei dem Beschäftigten wurde ein primäres Nierenzellkarzinom diagnostiziert.

Trichlorethen wurde in der Vergangenheit u.a. in folgenden Bereichen eingesetzt [26]: Lösungsmittel für die Entfettung von Metallen, intermediäre Chemikalie für die Herstellung von Polyvinylchlorid, intermediäre Chemikalie für die Herstellung von chlorierten und fluorierten Kohlenwasserstoffen, Einsatz in der Textilindustrie, u.a. beim Färben von Textilien, Lösungsmittel in Farben, Lacken, Pestiziden etc, Lösungsmittel in der Trockenreinigung von Textilien (bis Mitte der 1950er Jahre).

Literaturhinweise

[2] Adams, K. F., Leitzmann, M. F., Albanes, D., Kipnis, V., Moore, S. C., Schatzkin, A., et.al. Body size and renal cell cancer incidence in a large US cohort study, Am J Epidemiol, 2008. 168(3): p. 268-77., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18544571

[3] Kreiger, N., Marrett, L. D., Dodds, L., Hilditch, S., Darlington, G. A., Risk factors for renal cell carcinoma: results of a population-based case-control study, Cancer Causes Control, 1993. 4(2): p. 101-10., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8481488

[4] Luo, J., Margolis, K. L., Adami, H. O., Lopez, A. M., Lessin, L., Ye, W., et.al. Body size, weight cycling, and risk of renal cell carcinoma among postmenopausal women: the Women's Health Initiative (United States), Am J Epidemiol, 2007. 166(7): p. 752-9., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17615089

[5] Nicodemus, K. K., Sweeney, C., Folsom, A. R., Evaluation of dietary, medical and lifestyle risk factors for incident kidney cancer in postmenopausal women, Int J Cancer, 2004. 108(1): p. 115-21., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14618625

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[7] Pischon, T., Lahmann, P. H., Boeing, H., Tjonneland, A., Halkjaer, J., Overvad, K., et.al. Body size and risk of renal cell carcinoma in the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC), Int J Cancer, 2006. 118(3): p. 728-38., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16094628

[8] Renehan, A. G., Tyson, M., Egger, M., Heller, R. F., Zwahlen, M., Body-mass index and incidence of cancer: a systematic review and meta-analysis of prospective observational studies, Lancet, 2008. 371(9612): p. 569-78., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18280327

[9] Theis, R. P., Dolwick Grieb, S. M., Burr, D., Siddiqui, T., Asal, N. R., Smoking, environmental tobacco smoke, and risk of renal cell cancer: a population-based case-control study, BMC Cancer, 2008. 8: p. 387., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19108730

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[12] Choi, M. Y., Jee, S. H., Sull, J. W., Nam, C. M., The effect of hypertension on the risk for kidney cancer in Korean men, Kidney Int, 2005. 67(2): p. 647-52., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15673312

[13] Chow, W. H., Gridley, G., Fraumeni, J. F., Jr., Jarvholm, B., Obesity, hypertension, and the risk of kidney cancer in men, N Engl J Med, 2000. 343(18): p. 1305-11., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11058675

[14] Coughlin, S. S., Neaton, J. D., Randall, B., Sengupta, A., Predictors of mortality from kidney cancer in 332,547 men screened for the Multiple Risk Factor Intervention Trial, Cancer, 1997. 79(11): p. 2171-7., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9179064

[15] Shapiro, J. A., Williams, M. A., Weiss, N. S., Stergachis, A., LaCroix, A. Z., Barlow, W. E., Hypertension, antihypertensive medication use, and risk of renal cell carcinoma, Am J Epidemiol, 1999. 149(6): p. 521-30., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10084241

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[20] Cumberbatch, MG, Rota, M, Catto, JW, La Vecchia, C, The Role of Tobacco Smoke in Bladder and Kidney Carcinogenesis: A Comparison of Exposures and Meta-analysis of Incidence and Mortality Risks., Eur Urol, 2016. 70 (3)(3): p. 458-66., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26149669/

[21] Behrens, G, Leitzmann, MF, The association between physical activity and renal cancer: systematic review and meta-analysis., Br J Cancer, 2013. 108 (4)(4): p. 798-811., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23412105/

[22] Hidayat, K, Du, X, Zou, SY, Shi, BM, Blood pressure and kidney cancer risk: meta-analysis of prospective studies., J Hypertens, 2017. 35 (7)(7): p. 1333-1344., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28157813/

[23] Lee, J. E., Mannisto, S., Spiegelman, D., Hunter, D. J., Bernstein, L., van den Brandt, P. A., et.al. Intakes of fruit, vegetables, and carotenoids and renal cell cancer risk: a pooled analysis of 13 prospective studies, Cancer Epidemiol Biomarkers Prev, 2009. 18(6): p. 1730-9., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19505906

[24] Weikert, S., Boeing, H., Pischon, T., Olsen, A., Tjonneland, A., Overvad, K., et.al. Fruits and vegetables and renal cell carcinoma: findings from the European prospective investigation into cancer and nutrition (EPIC), Int J Cancer, 2006. 118(12): p. 3133-9., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16425278

[25] George, S. M., Park, Y., Leitzmann, M. F., Freedman, N. D., Dowling, E. C., Reedy, J., et.al. Fruit and vegetable intake and risk of cancer: a prospective cohort study, Am J Clin Nutr, 2009. 89(1): p. 347-53., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19056579

[26] BMAS, Wissenschaftliche Stellungnahme zur Berufskrankheit Nr. 1302 „Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe“ – Nierenkrebs durch Trichlorethen. Bek. d. BMAS vom 1. Februar 2018a – IVa 4 -45222 – 1302; GMBl 12/13: 220-2, 2018., https://www.baua.de/DE/Angebote/Rechtstexte-und-Technische-Regeln/Berufskrankheiten/pdf/Stellungnahme-1302-1.pdf?__blob=publicationFile&v=2018

[27] Jungmann, O. P., Schöps, W., Golka, K., Rohde, D., Beruflich bedingte urologische Tumoren, Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, 2019. 5:, https://www.springermedizin.de/gesundheitsschaeden-und-berufskrankheiten/recht-fuer-aerzte/beruflich-bedingte-urologische-tumoren/17098732

[28] Henschler, D, Vamvakas, S, Lammert, M, Dekant, W, Kraus, B, Thomas, B, et.al. Increased incidence of renal cell tumors in a cohort of cardboard workers exposed to trichloroethene., Arch Toxicol, 1995. 69 (5)(5): p. 291-9., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7654132/

[29] Bernauer, U, Birner, G, Dekant, W, Henschler, D, Biotransformation of trichloroethene: dose-dependent excretion of 2,2,2-trichloro-metabolites and mercapturic acids in rats and humans after inhalation., Arch Toxicol, 1996. 70 (6)(6): p. 338-46., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8975632/

[30] Brüning, T, Bolt, HM, Renal toxicity and carcinogenicity of trichloroethylene: key results, mechanisms, and controversies., Crit Rev Toxicol, 2000. 30 (3)(3): p. 253-85., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10852497/

[31] Trichlorethen [MAK Value Documentation in German language, 1996], The MAK‐Collection for Occupational Health and Safety, 2012. p. 1-43., https://doi.org/10.1002/3527600418.mb7901d0022

[32] Brauch, H, Weirich, G, Hornauer, MA, Störkel, S, Wöhl, T, Brüning, T, Trichloroethylene exposure and specific somatic mutations in patients with renal cell carcinoma., J Natl Cancer Inst, 1999. 91 (10)(10): p. 854-61., https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10340905/