Leitlinienprogramm OnkologieLarynxkarzinom

5. Früherkennung – Larynxkarzinom

Version 1.1 · November 2019 · AWMF 017/076OL
Leitlinienprogramm Onkologie · Deutsche Krebsgesellschaft · Deutsche Krebshilfe · AWMF

5.1 · Konsensbasierte Empfehlung 2019

Beim Kehlkopfkrebs ist es nicht sinnvoll, die gesamte Bevölkerung einem Screening zu unterziehen.

Konsens
Starker Konsens (100%)
5.2 · Konsensbasierte Empfehlung 2019

Ein Screening auf ein Larynxkarzinom bei einer Risikopopulation (Raucher, regelmäßig größere Mengen Alkohol) kann nicht empfohlen werden, da der Nachweis der Wirksamkeit, also einer Senkung von Inzidenz invasiver Karzinome und Mortalität gegenwärtig fehlt.

Konsens
Starker Konsens (100%)

Die typischen Symptome eines Kehlkopfkarzinoms, die meist banalen Entzündungen ähneln werden oft nicht mit dem Vorliegen einer malignen Erkrankung in Zusammenhang gebracht. Zusätzlich besteht bei Ärzten und Patienten aufgrund der Seltenheit des Kehlkopfkarzinoms nur ein geringes Wissen über Ätiologie und frühe Symptome. Dadurch kommt es nicht selten zu einer Verzögerung in der Diagnostik.

Das Larynxkarzinom ist jedoch prinzipiell eine für eine Früherkennungsuntersuchung geeignete Erkrankung, da sich zumindest ein Teil der Karzinome aus klinisch als Leuko-/Erythroplakie erkennbaren Vorläuferläsionen entwickelt. Über die Zeitdauer der Progression zum Karzinom ist wenig bekannt. Die Vor- und Frühstadien des Larynxkarzinoms können minimalinvasiv mit sehr gutem Erfolg chirurgisch behandelt werden [81]. Auch die Heilungschancen können dadurch verbessert werden. Daten zum Nutzen einer Früherkennungsuntersuchung liegen jedoch nicht vor. Durch laryngoskopische Untersuchung können frühe Karzinome oder Dysplasien/intraepitheliale Neoplasien auch bei diesbezüglich symptomlosen Patienten entdeckt werden. Das Früherkennungsprogramm der gesetzlichen Krankenversicherungen beinhaltet eine Untersuchung auf Kehlkopfkrebs derzeit nicht.

Beim Kehlkopfkrebs ist es nicht sinnvoll, die gesamte Bevölkerung einem Screening zu unterziehen. Risikogruppen sind definierbar: Männer und Frauen, die regelmäßig stark rauchen (mehr als 20 Zigaretten/Tag seit mehr als 20 Jahren) und regelmäßig größere Mengen Alkohol (12 Gramm Reinalkohol entsprechend 1/8 l Wein bei Frauen und 24 Gramm Reinalkohol entsprechen ¼ l Wein oder ½ l Bier bei Männern) konsumieren, haben ein erhöhtes Risiko an Larynxkrebs zu erkranken. Dabei gilt, dass das Krebsrisiko beim Vorliegen beider Risikofaktoren überadditiv ist. In epidemiologischen Studien konnte gezeigt werden, dass in der Risikogruppe der Raucher die Prävalenz an klinisch erkennbaren Vorläuferläsionen etwa 3-5 % und an Karzinomen 0,1-0,2 % betrug [82]. Ähnliche Prävalenzen wurden auch von anderen berichtet [83]. Löhler et al.  [84] fanden bei 1,8 % von 608 asymptomatischen Untersuchten mit entsprechender Risikokonstellation ein Plattenepithelkarzinom des Larynxes.

Im Gegensatz zur Mundschleimhaut, die einer direkten Inspektion zugänglich ist, muss zur Früherkennung des Larynxkarzinoms eine Laryngoskopie (starre 90° oder flexible Endoskopie) durchgeführt werden. Vorläuferläsionverdächtige Schleim-hautveränderungen müssen biopsiert werden. Berührungsfreie diagnostische Methoden wie die Elektronische Chromoendoskopie (narrow band imaging), die Autofluoreszenzendoskopie, die Hochgeschwindigkeits-Glottographie [85][86] oder das hyperspektrale Imaging [87] werden bisher noch nicht in der klinischen Routine eingesetzt. Erste Arbeiten lassen jedoch erkennen, dass mit diesen Methoden möglicherweise in Zukunft frühe Karzinome und Vorläuferläsionen im Larynx zu erfassen und von benignen Proliferationen abzugrenzen sind, so dass sie eventuell zukünftig auch für das Screening eingesetzt werden könnten [88].

Bei jeder Früherkennungsuntersuchung muss das Risiko der Überdiagnose und der Überbehandlung berücksichtigt werden. Daher müssen die Befunde kritisch bewertet werden, um unnötige Therapien zu vermeiden.

Um die Entstehung von Kehlkopfkrebs zu verhindern, ist das Implementieren von Maßnahmen der primären Prävention wie der Verzicht auf Tabak- und erhöhten Alkoholkonsum wünschenswert. Auch bei langjährigen Rauchern kann das Aufgeben des Rauchens das Krebsrisiko verringern. Im Vordergrund sollte eine verbesserte Aufklärung der Bevölkerung stehen, um die immer noch häufige Verzögerung der Diagnosestellung zu verhindern [89]. Dabei müssen die typischen Symptome des Kehlkopfkrebses wie Heiserkeit und Dysphagie vor allem den Risikopersonen bekannt gemacht werden. Besteht eine Heiserkeit länger als 4 Wochen ist eine Laryngoskopie zwingend notwendig, insbesondere bei Risikopersonen.

Ein Screening auf das Larynxkarzinom kann gegenwärtig selbst bei Hochrisikogruppen nicht empfohlen werden, da der Nachweis der Wirksamkeit, also einer Senkung von Inzidenz und Mortalität gegenwärtig fehlt.

Literaturhinweise

[81] Thurnher, D., Erovic, B. M., Frommlet, F., Brannath, W., Ehrenberger, K., Jansen, B., et.al. Challenging a dogma--surgery yields superior long-term results for T1a squamous cell carcinoma of the glottic larynx compared to radiotherapy, Eur J Surg Oncol, 2008. 34(6): p. 692-8.

[82] Steiner, W., Krebsvorsorge und -früherkennung in den oberen Luft- und Speisewegen. Ergebnisse und Folgerungen aus drei Feldstudien, MD GBK, 1988. 53: p. 25-31.

[83] Shuman, A. G., Entezami, P., Chernin, A. S., Wallace, N. E., Taylor, J. M., Hogikyan, N. D., Demographics and efficacy of head and neck cancer screening, Otolaryngol Head Neck Surg, 2010. 143(3): p. 353-60.

[84] Lohler, J., Gerstner, A. O., Bootz, F., Walther, L. E., Incidence and localization of abnormal mucosa findings in patients consulting ENT outpatient clinics and data analysis of a cancer registry, Eur Arch Otorhinolaryngol, 2014. 271(5): p. 1289-97.

[85] Arens, C., Vorwerk, U., Just, T., Betz, C. S., Kraft, M., Fortschritte der endoskopischen Diagnostik von Dysplasien und Karzinomen des Larynx. [Advances in endoscopic diagnosis of dysplasia and carcinoma of the larynx], HNO, 2012. 60(1): p. 44-52.

[86] Unger, J., Lohscheller, J., Reiter, M., Eder, K., Betz, C. S., Schuster, M., A noninvasive procedure for early-stage discrimination of malignant and precancerous vocal fold lesions based on laryngeal dynamics analysis, Cancer Res, 2015. 75(1): p. 31-9.

[87] Regeling, B., Thies, B., Gerstner, A. O., Westermann, S., Muller, N. A., Bendix, J., et.al. Hyperspectral Imaging Using Flexible Endoscopy for Laryngeal Cancer Detection, Sensors (Basel), 2016. 16(8):

[88] Kraft, M., Arens, C., Betz, C., Fostiropoulos, K., Fluoreszenzbildgebung in der Laryngologie: Physikalische Grundlagen, klinische Anwendung und Studienergebnisse. [Fluorescence imaging in laryngology: Physical principles, clinical applications and study results], HNO, 2016. 64(1): p. 4-12.

[89] Gogarty, D. S., Shuman, A., O'Sullivan, E. M., Sheahan, P., Kinsella, J., Timon, C., et.al. Conceiving a national head and neck cancer screening programme, J Laryngol Otol, 2016. 130(1): p. 8-14.