12. Nachsorge und Rehabilitation – Follikuläres Lymphom
Leitung: Michael Unterhalt
Ko-Leitung: Ulrich Dührsen
Christian Görg, Ernst Rummeny, Michael Sandherr,
Lars-Hendrik Nipken, Klaus Herfarth, Valentin Goede, Walter Baumann
12.1 Langzeitüberwachung und Rezidivfrüherkennung
12.1.1 Routinemäßige Kontrolluntersuchungen
12.1.1.1 Zeitliches Intervall
Bei asymptomatischen Patienten sollten in den ersten beiden Jahren nach Therapieende Kontrolluntersuchungen alle drei Monate und ab dem dritten Jahr alle sechs Monate durchgeführt werden.
- Konsens
- Starker Konsens
Hintergrund
Die erste Zeit nach Erreichen einer Remission ist durch die Erholung von den Nebenwirkungen der Behandlung und die Wiedereingliederung in das soziale Umfeld gekennzeichnet. Um diese Vorgänge zu überwachen und ärztlich zu unterstützen, erscheinen Nachsorgeuntersuchungen in dreimonatigen Abständen sinnvoll [51]. Um prognostisch ungünstige Frührezidive [220] zu erkennen, sollen diese Intervalle in den ersten beiden Jahren nach Therapieende beibehalten werden. Bei zufriedenstellender Erholung von der Behandlung und fehlenden Hinweisen auf einen Krankheitsrückfall können die Nachsorgeintervalle anschließend auf 6 Monate verlängert werden [51].
12.1.1.2 Diagnostik
Bei jeder Kontrolluntersuchung sollten eine ausführliche Anamnese (neu aufgetretene Beschwerden, z.B. B-Symptome, vom Patienten bemerkte körperliche Veränderungen, z. B. Lymphknotenschwellungen), eine körperliche Untersuchung (Palpation der peripheren Lymphknotenstationen und des Abdomens) und eine Bestimmung des Blutbilds und der Lactatdehydrogenase-Aktivität im Serum erfolgen.
- Konsens
- Starker Konsens
Für die Überprüfung des Remissionsstatus nach Erreichen einer kompletten oder partiellen Remission stellt die Bildgebung mit CT und ggf. PET/CT die Basis dar, die bei Vorliegen von Symptomen oder bestehenden Residualmanifestationen um geeignete zusätzliche Untersuchungen erweitert werden kann.
Siehe auch Kapitel 4, Empfehlung 4.26.
- Konsens
- Konsens
In der Nachsorge asymptomatischer Patienten sollte außerhalb klinischer Studien mit zunehmender Dauer des progressionsfreien Intervalls auf eine routinemäßige Bildgebung mit CT oder PET/CT verzichtet werden.
- Konsens
- Konsens
In der Verlaufskontrolle können eine Röntgenuntersuchung des Thorax und eine Ultraschalluntersuchung des Abdomens durchgeführt werden, insbesondere wenn das follikuläre Lymphom vor der Behandlung intrathorakal bzw. intraabdominell oder retroperitoneal lokalisiert war.
- Konsens
- Konsens
Hintergrund
Der Wert verschiedener Untersuchungsverfahren für die Entdeckung eines Krankheitsrückfalls wurde für das follikuläre Lymphom in drei retrospektiven Studien untersucht, die in ihren Schlussfolgerungen weitgehend übereinstimmen. Eine Untersuchung von Oh et al. [357] umfasste 257 Patienten mit follikulärem Lymphom im Stadium I-III, die unter einer Radio-, Chemo- oder Chemoradiotherapie eine komplette Remission erreichten. Bei 78 Patienten wurde im weiteren Verlauf ein Rezidiv festgestellt, am häufigsten durch die Anamnese und die körperliche Untersuchung (71%), seltener durch das Blutbild (1%), andere Laboratoriumsuntersuchungen (6%) oder eine Röntgenuntersuchung des Thorax (8%). Troung et al. [358] berichteten über 79 Patienten mit indolenten Lymphomen, davon 57 follikulären Lymphomen, die nach einer kompletten Remission rezidivierten. Bei 55 Patienten (70%) waren die Anamnese oder die körperliche Untersuchung entscheidend für die Erkennung des Rückfalls. Eine Untersuchung von Lin et al. [359] war auf das follikuläre Lymphom Grad 3 beschränkt. Zusätzlich gingen diffuse großzellige B Zell-Lymphome in die Untersuchung ein. Bei 113 von 341 Remissionspatienten kam es zu einem Krankheitsrückfall. Dieser wurde bei 60% der Patienten durch die Anamnese, bei 13% durch die körperliche Untersuchung und bei 4% durch abnorme Laboratoriumsbefunde entdeckt. Die Daten belegen die überragende Bedeutung der Anamnese und der körperlichen Untersuchung für die Rezidiverkennung. In einigen Fällen können auch Laboratoriumsbefunde einen Hinweis auf einen Rückfall geben. Neben Blutbildveränderungen, die auf einer Knochenmarkinfiltration oder leukämischen Ausschwemmung beruhen, ist auch die Serumaktivität der Laktatdehydrogenase von Bedeutung, die bei ausgeprägter Erhöhung an eine Transformation denken lassen muss.
Unsere Erkenntnisse zum Verlauf follikulärer Lymphome stammen zum großen Teil aus Behandlungsstudien, in denen das Auftreten oder Ausbleiben einer Progression oder eines Rezidivs durch systematisch durchgeführte bildgebende Untersuchungen, insbesondere CT, dokumentiert wird. Auch der Nutzen neuer Medikamente wird meist durch bildgebende Verfahren definiert. Im Nachsorgeteil von Behandlungsstudien sind daher bildgebende Untersuchungen unverzichtbare Protokollkomponenten zur Dokumentation des Erreichens des Studienziels.
Prospektive Untersuchungen zu den Auswirkungen der Nachsorgestrategie auf das Gesamtüberleben, die Morbidität und die Lebensqualität der Patienten liegen für das follikuläre Lymphom nicht vor.
Außerhalb prospektiver Studien tragen routinemäßig angeordnete CT oder PET/CT offenbar seltener zur Entdeckung eines klinisch relevanten Rezidivs bei als die Anamnese und die körperliche Untersuchung. In den oben genannten Untersuchungen von Oh et al., Truong et al. und Lin et al. [357][358][359] stellte die CT oder PET/CT bei 14%, 30% bzw. 23% das für die Rezidiverkennung entscheidende Verfahren dar. Die Überlebenszeiten von Patienten, deren Rezidive aufgrund der Krankengeschichte oder körperlichen Untersuchung bzw. mittels CT oder PET/CT entdeckt wurden, unterschieden sich nicht [358][359]. Eine verschiedene Lymphom-Entitäten umfassende Metaanalyse von 11 retrospektiven Studien bestätigt die Vermutung, dass routinemäßige Nachsorge-CT oder -PET/CT die Behandlungsergebnisse nicht verbessern [360].
Da routinemäßig angeordnete CT oder PET/CT nur selten für die Detektion eines Lymphomrezidivs entscheidend sind und die frühzeitige Rezidiverkennung nach gegenwärtiger Datenlage keinen Überlebensvorteil bedeutet [357][358][359][360], sollten mit einer Strahlenbelastung einhergehende Routineuntersuchungen nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Analyse durchgeführt werden. Die effektive Strahlendosis eines Kontrastmittel-CT zeigte in einer im Jahre 2009 in den Vereinigten Staaten von Amerika durchgeführten Studie in Abhängigkeit von Gerätetyp, Untersuchungsdauer und Körperbau starke Schwankungen (Median [Minimum - Maximum] für ein CT des Kopfes: 2 mSv [0,3 - 6]; Hals: 4 mSv [0,7 - 9]; Thorax: 8 mSv [2 - 19]; Abdomen und Becken: 16 mSv [4 - 45]) [361]. Eine PET entsprach in einer im Jahre 2005 in Deutschland durchgeführten Studie einer effektiven Dosis von 5,7 - 7,0 mSv [362]. Ein gleichzeitig durchgeführtes Low-Dose-CT erhöhte die Dosis um 1,3 4,5 mSv, ein diagnostisches Kontrastmittel-CT um 14,1 - 18,6 mSv [362]. Epidemiologische Studien zur Häufigkeit von Malignomen nach diagnostischer Strahlenexposition liegen nicht vor. Schätzungen zufolge liegt die durchschnittliche Rate CT-bedingter Neoplasien bei 1 : 1000 pro 10 mSv, wobei etwa die Hälfte der Erkrankungen letal verläuft [363]. Das Risiko für die CT-bedingte Auslösung eines Malignoms ist bei jungen Menschen höher als bei alten. Frauen sind gefährdeter als Männer.
Zu den genannten Zahlen ist jedoch einschränkend festzuhalten, dass es sich hierbei um Berechnungen handelt, die auf den Beobachtungen nach dem Atombombeneinsatz in Hiroshima und Nagasaki basieren. Es besteht daher erhebliche Unsicherheit über das tatsächliche Risiko [364]. Weiterhin ist auch zu beachten, dass die Zeiträume bis zur Entwicklung eines Malignoms nach Strahlenexposition mehrere Jahrzehnte betragen können und moderne Anlagen in Deutschland mit sehr niedrigen Dosen betrieben werden können.
Eine Röntgenuntersuchung des Thorax scheint insbesondere bei ausgedehnten Primär-Manifestationen im Brustkorb geeignet, um die Stabilität einer Remission zu dokumentieren. Aufgrund der mit der Methode einhergehenden Strahlenbelastung (effektive Dosis 0,065 mSv) [361] sollte die Indikation streng gestellt werden. Daten zum Wert der Ultraschalluntersuchung des Abdomens liegen nicht vor. Aufgrund der fehlenden Strahlenbelastung und der eingeschränkten Beurteilbarkeit des Bauchraums durch die körperliche Untersuchung kann aber davon ausgegangen werden, dass die Ultraschalluntersuchung geeignet ist, Krankheitsrückfälle in Abdomen und Retroperitoneum ohne Patientengefährdung zu erkennen.
12.2 Rezidivverdacht
Bei Hinweisen (klinisch, laborchemisch, bildgebend) auf ein Rezidiv sollte eine Biopsie mit dem Ziel einer histologischen Sicherung erfolgen. Sofern zur Lokalisation eines klinisch vermuteten Rezidivs bildgebende Verfahren erforderlich sind, sollten diese so gewählt werden, dass bei möglichst geringer Patientenbelastung rasch eine Biopsie erfolgen kann.
- Konsens
- Starker Konsens
Hintergrund
In der Nachsorge neu entdeckte Raumforderungen sind vieldeutig. Neben einem Rezidiv des follikulären Lymphoms können eine Transformation in ein hochmalignes Lymphom, eine Zweitneoplasie oder anderweitige Erkrankungen, z. B. eine Sarkoidose, Tuberkulose oder HIV-Infektion, vorliegen. Daher sollten neue Läsionen vor der Einleitung therapeutischer Maßnahmen histologisch geklärt werden.
Bei klinischen Hinweisen auf ein Rezidiv ohne Nachweis von Raumforderungen in der körperlichen Untersuchung (z. B. thorakale, abdominelle oder lumbale Schmerzen, Ikterus, B-Symptome, erhöhte Laktatdehydrogenase-Aktivität) müssen bildgebende Verfahren zur Lokalisation des vermuteten Rezidivs eingesetzt werden. Diese sollten so gewählt werden, dass bei möglichst geringer Patientenbelastung rasch eine Biopsie erfolgen kann. Die Wahl des bildgebenden Verfahrens hängt von den Befunden und der vermuteten Rezidivlokalisation ab. Ein Standardvorgehen kann nicht definiert werden.
12.2.1 Verdacht auf eine Transformation in ein aggressives Lymphom
Bei klinischen Hinweisen auf eine Transformation und Unsicherheiten bezüglich der Lokalisation der Transformation kann beim follikulären Lymphom zur Festlegung des Biopsieortes eine PET/CT durchgeführt werden
CAVE: Eine PET/CT ist nicht Gegenstand des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (Kostenübernahme nicht gesichert)
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- Starker Konsens
Hintergrund
Aggressive Lymphome weisen meist einen höheren SUV auf als indolente Lymphome [59][60]. Daher eignet sich der SUV beim follikulären Lymphom zur Erkennung einer Transformation. In einer 23 Patienten umfassenden prospektiven [56] und einer 2 Patienten umfassenden retrospektiven Studie [57] betrug der mediane SUV bei Vorliegen einer Transformation 13.6 bzw. 13.9, bei Fehlen einer Transformation dagegen 8.6 bzw. 7.7. Der beste Grenzwert lag bei einem SUV von 14 [56]. Bei klinischem Verdacht auf eine Transformation und Unsicherheit hinsichtlich ihrer Lokalisation kann die PET/CT Hinweise auf einen für eine Biopsie geeigneten Ort geben.
12.3 Früherkennung von Sekundärneoplasien
Patienten, die an einem follikulären Lymphom erkrankt sind oder waren, soll zu den im Rahmen der Krebsfrüherkennung empfohlenen Untersuchungen geraten werden.
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- Starker Konsens
Hintergrund
Aktuell liegen keine einheitlichen Daten bezüglich des Risikos, an einem Zweitmalignom zu erkranken, bei Patienten mit einem follikulären Lymphom vor. In einer auf dem US amerikanischen Surveillance, Epidemiology, and End Results (SEER) Register (Jahre 1992-2006) basierten Auswertung zeigte sich gegenüber der Allgemeinbevölkerung keine insgesamt erhöhte Rate an Zweitmalignomen bei allerdings erhöhten Raten einzelner Tumoren [365].
In einer anderen Arbeit aus den SEER Registern (Jahre 1992-2011) zeigte sich sowohl eine generell erhöhte Rate an Zweitmalignomen bei Patienten mit einem follikulären Lymphom als auch eine erhöhte Rate gegenüber der Normalbevölkerung von einzelnen Tumoren [366].
In einer kanadischen Auswertung zeigte sich nur bei aufgrund des follikulären Lymphoms behandelten Patienten eine erhöhte Rate an Zweitmalignomen, wobei keine detaillierte Information über die vorangegangenen Therapien vorlag [367].
In der Auswertung von Giri et al. wurden 15517 Patienten im Median 71 Monate nachbeobachtet [366]. Es wurde bei 1540 Patienten (9.9%) über Zweitmalignome berichtet, die später als 6 Monate nach der Erstdiagnose auftraten. Dies entsprach in Bezug auf die erwartete Inzidenz einem erhöhten standardisierten Inzidenzverhältnis (standardized incidence ratio) [SIR] von 1,08 und einer kumulativen Inzidenz von 11% nach 10 Jahren.
Absolut gesehen waren maligne Tumoren der Lunge (18%), der Prostata (15%), des Kolo-Rektums (10%), der weiblichen Brust (9%), der Harnblase (6%), maligne Melanome (5%), maligne Tumoren der Nieren und des Nierenbeckens (4%) und maligne Tumoren der Mundhöhle und des Pharynx (3%) die häufigsten Sekundärneoplasien.
In Bezug auf die Normalbevölkerung war die Rate an maligen Tumoren der Mundhöhle und des Pharynx (SIR 1,43), malignen Tumoren der Nieren und des Nierenbeckens (SIR 1,43), malignen Melanomen (SIR 1,38) und malignen Tumoren der Lunge (SIR 1,35) erhöht.
Die Assoziation zwischen Non- Hodgkin-Lymphomen und malignen Melanomen ist schon seit den 1970er Jahren bekannt [368][369][370].
In einer aktuellen retrospektiven Auswertung von 17 US-amerikanischen Krebsregistern von Kaukasiern zwischen 20 und 83 Jahren wurden 26212 Patienten mit der Erstdiagnose eines follikulären Lymphoms (in den Jahren 2000-2013) ausgewertet, wobei 119 Fälle eines Malignen Melanoms auftraten, was einer SIR von 1,32 entsprach [371].
Neben malignen Melanomen treten auch andere Hauttumoren gehäuft bei Patienten mit follikulärem Lymphom auf. In der Arbeit von Giri et al. war die absolute Anzahl zwar gering (18 der 1.540 beobachteten Tumoren), aber in Bezug auf die erwartete Inzidenz hoch (SIR 2,88) [366].
Daher soll Patienten zu den im Rahmen der Krebsfrüherkennung empfohlenen Untersuchungen geraten werden.
Auch hämatologische Zweitneoplasien treten gehäuft bei Patienten mit einem follikulären Lymphom auf.
In der Auswertung von Giri et al. wurden 53 Fälle einer akuten myeloischen Leukämie berichtet, das entsprach 3% aller Zweitmalignome und einer SIR von 4,88.
Auch war die absolute Anzahl sekundärer Hodgkin-Lymphome zwar gering (21 der 1540 beobachteten Tumoren), aber in Bezug auf die erwartete Inzidenz hoch (SIR 5,85) [366].
Die Rate von sekundären Myelodysplastischen Syndromen und akuten myeloischen Leukämien nach spezifischen Therapie-Regimen bezieht sich auf einzelne publizierte Berichte, da hierzu keine Registerdaten vorliegen.
Bei einem medianen Follow-Up von 8.9 Jahren wurde für das Therapie-Regime Rituximab-Bendamustin (149 Patienten mit indolentem Lymphom, davon 96 Patienten mit follikulärem Lymphom) bei 8 Patienten das Auftreten eines Myelodysplastischen Syndroms / einer akuten myeloischen Leukämie berichtet. Das entsprach einer kumulativen Inzidenzrate von 6.2% am Ende des maximalen Follow–Up–Zeitraums [372].
In der der Auswertung der FOLLO5 Studie traten bei insgesamt 502 Patienten bei einem medianen Follow-Up von 7 Jahren insgesamt 9 Fälle einer Akuten Myeloischen Leukämie / eines Myelodysplastischen Syndroms auf.
Die Verteilung für die verschiedenen Therapie Arme war wie folgt: 1 Fall im Rituximab plus Cyclophosphamid, Vincristine und Prednison (n = 165) Arm, 3 Fälle im Rituximab plus Cyclophosphamid, Doxorubicin, Vincristin und Prednison (n = 166) Arm und 5 Fälle im Rituximab plus Fludarabin und Mitoxantron (n = 171) Arm [206].
Bei einem medianen Follow-up von 12 Jahren nach dem Regime Fludarabin, Mitoxantron und Cyclophosphamid (n = 120) wurde bei 3 Patienten das Auftreten von eines Myelodysplastischen Syndroms / einer akuten myeloischne Leukämie berichtet. Das entsprach einem Gesamtrisiko von 3% nach 5 Jahren [373].
In einem Cochrane Review, in dem die Hoch-Dosis-Therapie mit autologer Stammzell-Transplantation mit konventionell dosierter Chemotherapie oder Immuochemotherapie bei erwachsenen Patienten mit einem follikulären Lymphom verglichen wurde, konnte kein statistisch signifikanter Unterschied hinsichtlich des Auftretens von sekundären akuten myeloischen Leukämien und Myelodysplastischen Syndromen festgestellt werden [229].
12.4 Spätfolgen und Organtoxizität
Patienten, die eine Therapie zur Behandlung des follikulären Lymphoms (insbesondere Anthrazykline) erhalten haben, sollten in den Nachsorgeuntersuchungen hinsichtlich Organtoxizitäten evaluiert werden.
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- Starker Konsens
Krankheitsfolgen und Folgeerkrankungen einschließlich psychosomatischer und psychosozialer Belastungen (z.B. Fatigue, Angststörungen) sollen regelmäßig überwacht werden. Neben der Beratung sind ggf. ergänzende Hilfeangebote zu vermitteln.
- Konsens
- Starker Konsens
Hintergrund
Aktuell liegen keine spezifischen Studien zur Früherkennung für Spätfolgen und Organtoxizitäten beim follikulären Lymphom vor.
Belegt sind allerdings die therapieassoziierten spezifischen Toxizitäten bestimmter Therapie-Regime, wobei zur Anthrazyklin-induzierten Kardiotoxizität die meisten Daten vorliegen [374][375][376].
Anthrazyklin-induzierte Kardiotoxizität wurde in den meisten Studien als ein Abfall der Echokardiographisch gemessenen Linksventrikulären Ejektionsfraktion beschrieben, wobei betroffene Patienten anfänglich häufig asymptomatisch sind und klinische Manifestationen erst Jahre später auftreten.
In einer aktueller Untersuchung mit Überlebenden einer Lymphom-Erkrankung (155 Patienten, >5 Jahre nach Erstdiagnose, Non-Hodgkin- und Hodgkin-Lymphom ohne weitere Unterteilung, Therapie mit Anthrazyklinen), zeigte sich nach einem medianen Follow-Up von 9,4 Jahren eine signifikant erhöhte Gesamtprävalenz von echokardiographisch gemessener Dysfunktion bei Überlebenden einer Non-Hodgkin Lymphom Erkrankung verglichen mit Kontrollen (20,6% gegenüber 3,9%; P <0,01) [377].
Bei einem von fünf Langzeit–Überlebenden konnte eine asymptomatische kardiale Dysfunktion diagnostiziert werden. Dies entsprach einer 7-fach erhöhten Wahrscheinlichkeit verglichen mit einer Alters- und Geschlechts-adaptierten Vergleichsgruppe. Interessanterweise ergab sich zwischen der Gruppe der mit Hochdosis und ASZT behandelten Patienten im Vergleich zu der Gruppe ohne ASZT-Behandlung kein signifikanter Unterschied im Auftreten einer kardialen Dysfunktion [377].
Eine dänische Register Studie konnte aktuell zeigen, dass Überlebende einer Non- Hodgkin-Lymphom-Erkrankung (2508 Patienten, medianes Follow-Up 2,5 Jahre) ein um 42% erhöhtes Risiko für die Diagnose Herzinsuffizienz (diagnostiziert während einer ambulanten/stationären Krankenhaus-Vorstellung oder als Todesursache) gegenüber einer alters- und geschlechtsadaptierten Vergleichsgruppe hatten. Weiterhin waren kardiale Risikofaktoren mit einem erhöhten Risiko für eine später auftretende Herzinsuffizienz assoziiert (1 v 0 Risiko Faktoren: HR, 2.61; 95% CI, 1.75 bis 3.89; 2 v 0 HR, 4.39; 95% CI, 2.44 bis 7.92)[378].
Daher sollten Patienten, die eine Therapie zur Behandlung des follikulären Lymphoms (insbesondere Anthrazykline) erhalten haben, in den Nachsorgeuntersuchungen hinsichtlich Organtoxizitäten evaluiert werden.
Ein relevanter Anteil von Patienten mit indolenten Lymphomen ist auch Jahre nach der Erstdiagnose von moderaten bis schweren Symptombelastungen und einer schlechten Lebensqualität betroffen [379]. Daher sollten psychosomatischer und psychosozialer Belastungen (z.B. Fatigue, Angststörungen) risiko- und bedürfnisorientiert überwacht werden.
12.5 Rehabilitation
12.5.1 Medizinisch-onkologische Rehabilitation
Alle Patienten mit follikulärem Lymphom sollen über die Möglichkeiten der Inanspruchnahme von onkologischen Rehabilitationsleistungen informiert und beraten werden.
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- Starker Konsens
Hintergrundtext
Die Lymphomerkrankung und -therapie können zu Folgestörungen im somatischen als auch psychosozialen Bereich (z.B. Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit hinsichtlich Kraft und Ausdauer, substanz- oder strahlentherapiespezifische Folgestörungen, innere Unruhe, Ängste, Depression, Fatigue-Syndrom, Schlafstörungen, Erwerbsunfähigkeit) führen. Diese stellen Funktionseinbußen im Sinne von Teilhabestörungen am Alltagsleben sowie ggf. im Beruf dar. Medizinische Rehabilitationsleistungen dienen der Beseitigung, der Verringerung oder der Vermeidung einer Verschlechterung dieser Funktionsstörungen.
Ein gesetzlicher Anspruch auf eine medizinische Rehabilitation leitet sich aus §10 SGB I (Teilhabe behinderter Menschen) und §4 SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen) ab.
Die Leistungen werden durch den zuständigen Rehabilitationsträger nach dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGB) und den für den jeweiligen Rehabilitationsträger geltenden Leistungsregelungen erbracht. Rehabilitationsträger für onkologische Rehabilitationsleistungen sind vor allem die Deutsche Rentenversicherung (Sachleistung gemäß §15 SGB VI für Versicherte im erwerbsfähigem Alter und gemäß §31 Abs. 1 Nr. 3 SGB VI für Versicherte im Rentenalter oder nicht anderweitig anspruchsberechtigte Angehörige von Versicherten) und die gesetzlichen Krankenversicherungen (gemäß §40 SGB V). Auch die gesetzliche Unfallversicherung (bei anerkannter Berufskrankheit) und die Sozialhilfeträger können Rehabilitationsträger sein. Die Rehabilitation kann unter Berücksichtigung der persönlichen Umstände in stationärer oder ganztägiger ambulanter Form, gegebenenfalls auch als Mischform, erbracht werden (§19 SGB IX). Die Dauer beträgt in der Regel 3 Wochen, kann aber im Einzelfall auch verkürzt oder verlängert werden.
Bei erfüllten versicherungsrechtlichen Voraussetzungen besteht ein Anspruch auf eine medizinische Rehabilitation, wenn eine Rehabilitationsbedürftigkeit und Rehabilitationsfähigkeit vorliegen, sowie eine positive Rehabilitationsprognose gegeben werden kann.
Der Rehabilitationsbedarf im somatischen und psychosozialen Bereich ergibt sich insbesondere aus der Feststellung der Krankheits- und Therapiefolgestörungen unter Berücksichtigung des bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnisses bzw. in Orientierung an den Prinzipien der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit; International Classification of Functioning, Disability and Health WHO 2001).
Die ICF ist die Grundlage sowohl für die Initiierung (Antrag/Befundbericht) als auch für die Planung der individuellen Rehabilitationsziele und -inhalte sowie deren Abschlussbeurteilung.
Der Rehabilitationsantrag des Patienten erfolgt direkt nach Abschluss bzw. bei absehbarem Ende der Primär- oder Rezidivtherapie über den Sozialdienst und Arzt der zuletzt behandelnden Klinik, Ambulanz oder Praxis beim zuständigen Kostenträger. Die Rehabilitationsleistung erfolgt dann zeitnah zum Abschluss der Therapie. Auch außerhalb der AHB-Fristen können onkologische Rehabilitationsleistungen einschließlich Wiederholungsleistungen durchgeführt werden. Hierfür bieten sich therapiefreie Zeiten an. Erhaltungstherapien wie z.B. Antikörpertherapien oder orale Dauermedikationen bei stabilem chronischem Erkrankungsverlauf stellen hierfür keine Kontraindikation dar.
Die Rehabilitationsfähigkeit ergibt sich aus einer positiven Motivation des Patienten und der körperlichen und psychischen Fähigkeit, die angebotenen Therapieinhalte der Rehabilitation zielorientiert zu nutzen.
Eine positive Rehabilitationsprognose (Verbesserung der Therapiefolgestörungen, Teilhabefähigkeit, Selbstversorgung, Erwerbsfähigkeit etc.) ist bei Patienten mit follikulärem Lymphom in der Regel gegeben. Rehabilitationsträgerabhängig können sich die spezifischen Ziele jedoch unterscheiden, und in Grenzfällen gilt „Reha vor Rente“ bzw. „Reha vor Pflege“.
Das Ziel der onkologischen Rehabilitation ist es, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen sowie das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden wiederherzustellen und die Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Basierend auf ICF und bio-psycho-sozialem Model erfolgt hierzu eine Diagnostik der Folgestörungen der Lymphomerkrankung und -therapie. Mit dem Patienten werden individuelle Rehabilitationsziele je nach Notwendigkeit aus somatischen, funktionsbezogenen, sozialen, edukativen und psychoonkologischen Bereichen besprochen und in einem multidisziplinären Therapieplan umgesetzt.
Hierbei können erforderlich sein:
- Interdisziplinäre Behandlung von spezifischen Folgestörungen
- Sport- und physiotherapeutisches Trainingsprogramm zur Steigerung von Kraft und Kondition sowie zur Überwindung oder Kompensation spezifischer Folgestörungen
- Physikalische Therapie, Hilfsmittelversorgung
- Ergotherapie
- Psychoonkologische Therapie in Einzel- und Gruppenangeboten, Entspannungsverfahren, Kreativtherapien
- Soziale Beratung zur beruflichen, häuslichen, familiären oder sozialen Situation
- Informationsvermittlung zur Erkrankung und zu gesunder Lebensführung
- Motivation und Schulung zu gesunder Lebensführung sowie zum eigenverantwortlichen Umgang mit Erkrankung und Gesundheit
Da nach einer malignen Erkrankung bzw. bei einer chronischen malignen Erkrankung ein erhöhtes Risiko für Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzwechsel, Reduzierung der Stundenzahl und geringerer Entlohnung besteht [380], liegt ein besonderes Augenmerk bei Patienten im erwerbsfähigen Alter auf Erkrankungs- und Therapiefolgestörungen, die die berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Dabei ist insbesondere zu prüfen, ob weitere Leistungen zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation bzw. zur Teilhabe am Arbeitsleben (z.B. arbeitsplatzbezogene Maßnahmen, Qualifikation) erforderlich sind.
Im ärztlichen Entlassbericht der Rehabilitationsklinik wird für Patienten, die sich im erwerbsfähigen Alter befinden, eine sozialmedizinische Leistungsbeurteilung erstellt, die sich neben der Beurteilung des bisherigen Tätigkeitsprofiles auch auf die Leistungsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bezieht und die qualitative und quantitative Belastbarkeit beschreibt.
Die onkologische Rehabilitation sollte als Bestandteil des Gesamttherapiekonzeptes von Patienten mit follikulärem Lymphom angesehen werden, um Patienten mit follikulärem Lymphom nach Abschluss der Primär- oder Rezidivtherapie zu unterstützen ihren Weg ins alltägliche, familiäre, soziale und berufliche Leben zurückzufinden.
12.5.1.1 Ältere Patienten mit einem follikulären Lymphom und gleichzeitig diagnostizierten geriatrischen Syndromen
Bei älteren Patienten mit einem follikulären Lymphom und gleichzeitig diagnostizierten geriatrischen Syndromen sollte mit dem Ziel einer Verbesserung von Gesamtprognose, Therapiedurchführbarkeit und -verträglichkeit eine geriatrische Intervention erwogen werden (z.B. im Rahmen einer geriatrischen Frührehabilitation oder Rehabilitation).
- Konsens
- Starker Konsens
Hintergrund
In Deutschland sind knapp 40% der Patienten mit follikulärem Lymphom bereits zum Diagnosezeitpunkt 70 Jahre alt oder älter [268] und können während des indolenten Krankheitsverlaufs und der oft langjährigen Lymphomtherapie vielfach ein noch höheres Lebensalter erreichen. Solche Patienten bilden eine heterogene Gruppe hinsichtlich zusätzlicher altersassoziierter Gesundheitsprobleme wie Multimorbidität, Polypharmazie und geriatrischer Syndrome. Geriatrische Syndrome (z.B. Delir, Demenz, Depression, Inappetenz, Sarkopenie, Frailty, Stürze, Immobilität) können dabei unabhängig von der Lymphomerkrankung bestehen oder durch die Lymphomerkrankung und -therapie induziert bzw. aggraviert werden.
Mittels geriatrischen Assessments vor, während oder nach der Lymphomtherapie detektierte geriatrische Syndrome sind unter Umständen einer geriatrischen Intervention im Rahmen geriatrischer Rehabilitationskonzepte therapeutisch zugänglich. Als Versorgungsinstrumente sind dazu in Deutschland vor allem die geriatrische Frührehabilitation in Akutkliniken und die geriatrische Rehabilitation in Rehabilitationskliniken verfügbar.
Es ist unklar, inwieweit sich bei alten Patienten mit follikulärem Lymphom und gleichzeitig geriatrischen Syndromen durch eine geriatrische Frührehabilitation oder Rehabilitation tatsächlich klinische Endpunkte wie Gesamtüberleben, Therapiedurchführbarkeit oder -verträglichkeit günstig beeinflussen lassen. Solide Untersuchungsdaten liegen hierzu weder entitätsspezifisch für das follikuläre Lymphom noch generell z.B. für ältere Patienten mit lymphatischen oder hämatologischen Neoplasien bzw. Malignomen allgemein vor. Dennoch empfehlen onkologische Fachgesellschaften [63][64] (inzwischen häufiger, bei alten Patienten mit Malignom nach einem, im Rahmen der Diagnostik durchzuführenden geriatrischen Assessment den potentiellen Nutzen einer geriatrischen Intervention zu prüfen und diese ggf. zu veranlassen (z.B. im Rahmen einer geriatrischen Frührehabilitation oder Rehabilitation). Außerhalb des hämatologisch-onkologischen Kontextes liegen insbesondere positive Daten aus Cochrane-Metaanalysen von randomisierten Studien vor, aus denen sich insbesondere für die geriatrische Frührehabilitation ein Nutzen ableiten lässt [381].
Literaturhinweise
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